Abramowitsch traf sich mit Zelensky | Vitaly Portnikov. 07.06.2026.

Der russische Geschäftsmann, der nach Kyiv gekommen war, sich mit dem Präsidenten der Ukraine, Volodymyr Zelensky, und anderen ukrainischen Führungspersönlichkeiten getroffen und Informationen an den russischen Präsidenten Putin übermittelt hatte, stellte sich als Roman Abramowitsch heraus. Darüber berichtete die Zeitung Financial Times. Später bestätigte auch Volodymyr Zelensky selbst diese Information.

Allerdings liegt in dem Namen des Geschäftsmanns keine besondere Sensation. Die Zuschauer meiner Live-Sendung auf diesem Kanal, jener Sendung, die unmittelbar nach der Veröffentlichung der Information über den Besuch eines russischen Geschäftsmanns in der ukrainischen Hauptstadt durch Präsident Putin stattfand, erinnern sich daran, dass ich die Vermutung geäußert hatte, eben Abramowitsch könne dieser Geschäftsmann gewesen sein. Später nannte auch der ukrainische Parlamentsabgeordnete Oleksij Hontscharenko den Namen Abramowitsch.

Machen wir uns nichts vor, selbst ohne besondere Informationen ist es nicht besonders schwer zu verstehen, dass niemand außer Abramowitsch als Vermittler zwischen der russischen und der ukrainischen Führung auftreten kann, ohne die Folgen eines solchen Besuchs fürchten zu müssen. Schließlich war es gerade Abramowitsch, der an den Verhandlungen des Jahres 2022 teilnahm. Man konnte ihn sogar in Istanbul während der Kontakte zwischen der russischen und der ukrainischen Delegation sehen. Er sprach mit dem Präsidenten der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan.

Später tauchte die Information auf, dass gerade die ukrainische Führung vorgeschlagen habe, die Verhängung von Sanktionen gegen Roman Abramowitsch aufzuschieben. Das war vor dem Hintergrund der Informationen, dass dieser Oligarch möglicherweise derjenige sei, der in seinen Fonds Gelder russischer Führungspersonen, darunter Putins selbst, verwalte, durchaus bedeutsam.

Wie bekannt, stimmte Großbritannien den Vorschlägen aus Kyiv damals nicht zu. Die Vereinigten Staaten kamen den ukrainischen Vorschlägen hingegen entgegen. Möglicherweise deshalb, weil auch sie selbst daran interessiert waren, ihre Beziehungen zum Kreml in jener Phase der russisch-ukrainischen Konfrontation nicht zu verschärfen, oder weil sie glaubten, dass die Demonstration eines gewissen Verständnisses für russische Interessen Putins Bereitschaft fördern würde, den Krieg zu beenden. Nun, wir erinnern uns gut daran, dass sich dies als weiterer Fehler sowohl Kyivs als auch Washingtons erwies.

Die Sensation ist also nicht Abramowitsch. Die Sensation ist die Tatsache selbst, dass ein russischer Geschäftsmann – und Abramowitsch ist nicht einfach nur ein Geschäftsmann, sondern einer der aktiven Akteure im Umfeld Putins – in die ukrainische Hauptstadt kommen, mit Präsident Volodymyr Zelensky und dem Fraktionsvorsitzenden der Regierungspartei Diener des Volkes, Davyd Arachamija, sprechen kann, der ebenfalls für seine Kontakte zu Abramowitsch bekannt ist; dass Arachamija die Möglichkeit hatte, kurz mit dem Präsidenten der Russischen Föderation, Putin, selbst zu sprechen, was ebenfalls auf das Interesse des russischen Staatschefs am Verhandlungsprozess hindeuten könnte. Welche Auslegung er dem Besuch eines seiner wichtigen Vertreter später auf dem Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum auch gegeben haben mag.

Aus diesem Kontakt kann man also den Schluss ziehen, dass Moskau und Kyiv – selbst wenn sie die Ergebnisse dieser Mission jetzt öffentlich machen – tatsächlich zu Verhandlungen und zur Suche nach Wegen für ein Treffen zwischen den Präsidenten der Ukraine und der Russischen Föderation neigen.

Natürlich kann man dem zustimmen, aber man darf das Wichtigste nicht vergessen. Die Vorstellungen Zelenskys und Putins über die Gründe und den Inhalt eines solchen Treffens können diametral entgegengesetzt sein. Denn der ukrainische und der russische Präsident leben in völlig unterschiedlichen Welten, deren Realität sich voneinander unterscheidet wie die Realität auf dem Mars und die Realität auf der Venus.

Und ehrlich gesagt gibt es kaum Anlass zu glauben, dass ihr Verständnis der Realität – selbst wenn wir darin übereinstimmen, dass Zelensky sie im Hinblick auf das tatsächlich Geschehende angemessener wahrnimmt – in den kommenden Monaten oder sogar Jahren irgendwie harmonisiert werden könnte. Zumindest sehe ich eine solche Perspektive nicht.

Abramowitsch selbst betonte, als er der Financial Times seine Eindrücke vom Treffen mit Zelensky schilderte, dass der ukrainische Präsident seiner Meinung nach gerade auf seine eigene Ausstrahlung setze, darauf, dass ein persönliches Treffen der Staatsführer all die schwierigen Fragen lösen könne, die sich zwischen Russland und der Ukraine angesammelt haben.

Falls diese Einschätzung der Wirklichkeit entspricht – wobei wir nicht vergessen dürfen, dass es für Abramowitsch wichtig ist, den Inhalt seiner Gespräche herunterzuspielen –, wäre auch das keine Sensation. Denn wir wissen, welche Vorstellungen Zelensky zu Beginn seiner Präsidentschaft von seinen eigenen Möglichkeiten hatte. Letztlich führten diese Vorstellungen dazu, dass sein erstes und bislang letztes Treffen mit dem russischen Präsidenten im Wesentlichen mit einem persönlichen Konflikt endete und beim russischen Präsidenten den ernsthaften Wunsch weckte, Zelensky durch jemanden zu ersetzen, der seine Anweisungen und Wünsche erfüllen würde – also durch Medwedtschuk oder Janukowytsch.

Aber der Kern liegt nicht einmal darin, wie sehr Zelensky auf seine persönlichen Möglichkeiten im Umgang mit dem russischen Präsidenten setzt. Abramowitsch selbst sagt, dass ein solcher Ansatz weder bei Putin noch bei Trump funktioniert. Die Frage ist vielmehr, dass Zelensky auch ohne jedes Vertrauen auf seine persönliche Ausstrahlung oder seine eigenen Fähigkeiten glauben kann, dass Putin nun, da die Russische Föderation die Ergebnisse ukrainischer Angriffe auf ihre Infrastruktur sieht, zumindest den festen Wunsch entwickeln könnte, den Krieg entlang der Frontlinie einzufrieren, um dadurch alles zu tun, um jene Ölraffinerie-Infrastruktur oder jene militärischen Betriebe zu bewahren, die noch nicht unter die Schläge ukrainischer Drohnen geraten sind. 

Und so könnte er durch seine Treffen mit Abramowitsch oder anderen russischen Vermittlern, die noch auftreten mögen, Putin zu einem rationaleren Blick auf die Zukunft bewegen.

Putin hingegen kann eine völlig andere Vorstellung vom Sinn eines Treffens haben. Er kann glauben, dass Zelensky schließlich erkannt habe, dass Russland den Krieg nicht beenden werde, bevor die Ukraine endgültig zerstört ist; dass die Intensivierung der Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt und andere große ukrainische Städte Zelensky davon überzeugen müsse, dass selbst dann, wenn die russische Armee auf ukrainischem Boden nicht wesentlich vorankommt, zumindest Raketen- und Drohnenangriffe sowohl die ukrainische Infrastruktur – soweit davon überhaupt noch etwas übrig ist – als auch die Wohnviertel ukrainischer Städte zerstören und damit die Voraussetzungen für eine demografische Katastrophe schaffen werden.

Und so kann Putin einen Vermittler zu Zelensky schicken, um zu verstehen, inwieweit der ukrainische Präsident letztlich zu dem bereit ist, was Putin seit seinem ersten und bislang einzigen Treffen mit seinem ukrainischen Kollegen in Paris erwartet: zur Kapitulation der Ukraine zu Putins Bedingungen.

Natürlich bleiben beide enttäuscht. Zelensky versteht nicht einmal, warum er vor Putin kapitulieren sollte, wenn er sieht, wie Ölraffinerien, Ölhäfen und militärische Betriebe der Russischen Föderation beschossen werden und wie russische Soldaten bei Offensiven auf ukrainischem Boden sterben. Und Putin versteht überhaupt nicht, warum er seine Angriffe einstellen sollte, wenn er sieht, dass Zelensky reden möchte und damit seiner Ansicht nach Schwäche zeigt.

Nun stellt sich die Frage: Was wird als Nächstes geschehen?

Nach diesem Besuch Roman Abramowitschs in der ukrainischen Hauptstadt und nach den entsprechenden Erklärungen Putins auf dem Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum – unabhängig davon, ob es den Brief Zelenskys gegeben hätte oder nicht – wurde die offensichtliche Weigerung des russischen Präsidenten deutlich, irgendwelche Kompromisse mit der Ukraine einzugehen.

Zelensky, der glaubt, dass Angriffe auf die Ölraffinerie- und Militärinfrastruktur Russlands Putin zwingen müssten, den Krieg zu beenden, wird selbstverständlich Anweisungen geben, die Angriffe zu intensivieren. Und Putin, der überzeugt ist, dass Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainische Städte Zelensky zur endgültigen Kapitulation seines Landes zwingen werden, wird Anweisungen zur Ausweitung solcher Angriffe erteilen.

Das ist alles.

Das ist die klassische Sackgasse des russisch-ukrainischen Krieges. Für uns übrigens keine schlechte, denn eine schlechte Sackgasse wäre es, wenn Russland unsere Städte und unsere Infrastruktur zerstören würde, wir aber keine Möglichkeit hätten, darauf zu antworten und lediglich auf Luftverteidigungsmittel warten würden, um uns zu schützen.

Dies hingegen ist eine Sackgasse, die beide kriegführenden Länder in Trümmer verwandelt und uns dadurch eine Chance zum Überleben gibt, bis die russische politische Führung die Aussichtslosigkeit der Zerstörung der Ukraine als Instrument ihrer Kapitulation erkennt.

Etwas anderes als eine Verstärkung der Angriffe auf beiden Seiten sollte jedoch niemand von diesem Verhandlungsprozess erwarten.

Nun zur nächsten Frage. Kann unter solchen Umständen künftig eine Chance auf echte Verhandlungen zwischen Moskau und Kyiv entstehen? Natürlich. Und hier können Roman Abramowitsch oder jeder andere russische Vermittler tatsächlich eine Rolle spielen.

Diese Chance wird jedoch erst dann entstehen, wenn Russland real keine Möglichkeiten mehr haben wird, nicht nur seine Armee weiter auf ukrainisches Territorium vorrücken zu lassen, sondern auch weitere Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainischen Boden durchzuführen; oder wenn die ukrainischen Angriffe auf Russland so schwerwiegend werden, dass Putin vor die Alternative gestellt wird, entweder die Angriffe auf die Ukraine einzustellen oder Atomwaffen als weiteres Argument einzusetzen, um die Ukraine zur Kapitulation zu zwingen.

Wenn offensichtlich wird, dass der Einsatz von Atomwaffen ein gefährlicherer Ausweg aus der Situation wäre als die Suche nach Möglichkeiten, den Krieg zumindest vorübergehend auszusetzen – schon allein, um Reserven für einen späteren Angriff aufzubauen –, dann könnte eine reale Möglichkeit für Verhandlungen und für die Aussetzung der Kampfhandlungen entstehen, für die Zeit, in der sie tatsächlich eingefroren wären, bis Russland wieder militärisch-technische sowie finanzielle und demografische Möglichkeiten zur Wiederaufnahme des Krieges erhält.

Dabei sage ich sofort: Das Entstehen solcher Möglichkeiten wird keineswegs automatisch bedeuten, dass der Krieg wieder beginnt. Denn das wird dann bereits davon abhängen, wie stark und wie bereit zu neuem Widerstand die Ukraine und Europa zu dem Zeitpunkt sein werden, an dem man in Moskau zur Wiederaufnahme der Kampfhandlungen bereit ist.

All dies liegt allerdings in ferner Zukunft. Denn bevor man darüber nachdenken kann, wann und unter welchen Bedingungen der russisch-ukrainische Krieg wieder aufflammen könnte, muss zunächst der Krieg gestoppt werden, der heute stattfindet.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Абрамович зустрівся з Зеленським | Віталій Портников. 07.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 07.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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1 Kommentar

  1. Avatar von Gamma Hans Gamma Hans sagt:

    Vielen Dank für die Übersetzung und die Veröffentlichung dieses Beitrags von Vitaly Portnikov.

    Ich halte es für wichtig, zwischen den bestätigten Fakten und den daraus gezogenen politischen Schlussfolgerungen zu unterscheiden.

    Die Treffen Roman Abramowitschs mit ukrainischen Vertretern sowie seine frühere Rolle bei Kontakten zwischen Moskau und Kiew sind dokumentiert. Daraus lässt sich durchaus ableiten, dass beide Seiten weiterhin Kommunikationskanäle offenhalten. Dies ist in bewaffneten Konflikten weder ungewöhnlich noch automatisch ein Zeichen von Schwäche oder Kapitulationsbereitschaft.

    Kritisch sehe ich jedoch, dass der Beitrag an mehreren Stellen Vermutungen und Interpretationen als naheliegende Realität darstellt. Insbesondere die Aussagen über die Absichten Putins, Selenskyjs oder Abramowitschs beruhen weitgehend auf Annahmen, die von Außenstehenden kaum mit Sicherheit überprüft werden können. Auch die Behauptung, bestimmte Entscheidungen westlicher Staaten oder der Ukraine hätten sich eindeutig als „Fehler“ erwiesen, bleibt letztlich eine politische Bewertung und keine gesicherte Tatsache.

    Zudem erscheint mir die Darstellung der Verhandlungen als nahezu ausschließlich von militärischem Druck abhängig etwas verkürzt. Historisch wurden selbst schwerste Konflikte häufig durch eine Kombination aus militärischen, wirtschaftlichen, diplomatischen und innenpolitischen Faktoren beeinflusst. Die Zukunft des Krieges wird wahrscheinlich komplexer sein als die Gegenüberstellung von Eskalation oder Kapitulation.

    Dennoch ist Portnikovs Analyse ein interessanter Beitrag zur Debatte, weil sie die tiefen Unterschiede in den Wahrnehmungen und Kriegszielen beider Seiten hervorhebt. Gerade deshalb wäre es hilfreich, klarer zwischen nachweisbaren Informationen und persönlichen Einschätzungen zu unterscheiden.

    Vielen Dank nochmals für die Bereitstellung des Textes und die Möglichkeit zur sachlichen Diskussion.

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