Indiens Waffenstillstandsplan | Vitaly Portnikov. 07.10.2026.

Indien hat einen eigenen Plan für einen Waffenstillstand zwischen der Ukraine und der Russischen Föderation vorgeschlagen, den unter anderem der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar bei seinem jüngsten Besuch in der ukrainischen Hauptstadt vorgestellt hat.

Der indische Plan sieht einen umfassenden Waffenstillstand vor. Er spricht von der Notwendigkeit, die Angriffe auf die Energieinfrastruktur einzustellen, Bedingungen für die Sicherung von Getreidekorridoren zu schaffen und außerdem die Fortsetzung der kommerziellen Schifffahrt im Schwarzmeerraum zu ermöglichen.

Wir wissen nicht, ob der indische Ministerpräsident Narendra Modi die Einzelheiten dieses Plans bei seinem jüngsten Treffen mit dem russischen Präsidenten Putin besprochen hat. Doch es ist offensichtlich, dass die Vorstellung eines solchen Plans durch den indischen Außenminister Teil der indischen Erklärungen über die Notwendigkeit einer politischen Lösung der Fragen ist, die mit der Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges zusammenhängen. Nur ist nicht besonders klar, wozu Moskau einen solchen Waffenstillstand brauchen sollte.

Was die ukrainische Position betrifft, ist im Grunde alles verständlich. Ja, infolge eines solchen Waffenstillstands würden wir die Möglichkeit verlieren, weitere Angriffe auf die Erdölverarbeitungsinfrastruktur der Russischen Föderation durchzuführen, und Moskau bekäme die Möglichkeit, Geld für die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges in der Zukunft anzusammeln.

Gleichzeitig würde die Ukraine jedoch die Möglichkeit erhalten, ihre Energiekapazitäten vor dem schwierigen Winter 2026/2027 wiederherzustellen. Die Ukraine bekäme die Möglichkeit, ihr Getreide zu verkaufen und damit einen weiteren Niedergang ihrer Landwirtschaft zu verhindern. Und natürlich würde auch die Wirtschaft selbst einen Aufschwung durch die Fortsetzung der kommerziellen Schifffahrt über die ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer erfahren.

Aber was würde die Russische Föderation bekommen? Ja, auf den ersten Blick müsste Russland daran interessiert sein, dass seine Erdölverarbeitungsindustrie weiter funktioniert und dass es in Ruhe all jene Anlagen reparieren kann, die durch die Anstrengungen der ukrainischen Armee bereits zerstört worden sind. Doch im Kreml könnte man darauf hoffen, dass die ukrainischen Drohnen die russische Erdölverarbeitungsindustrie ohnehin nicht vollständig zerstören können und dass sie sich letztlich auch ohne irgendeinen Waffenstillstand erholen wird.

Getreide ist ein wichtiger Bestandteil der russischen Interessen. Doch in Moskau könnte man der Ansicht sein, dass eine globale Krise im Globalen Süden, die zum Hungertod von Millionen Menschen führen könnte, die Destabilisierung fördern, eine Migrationskrise auslösen und ernsthafte Probleme in den Ländern Europas schaffen würde, das Russland feindlich gegenübersteht.

Die kommerzielle Schifffahrt. Ja, daran hat Moskau ein erhebliches Interesse. Aber vielleicht lohnt es sich, darauf zu verzichten, wenn es um die Vernichtung der Ukraine und den Kampf gegen europäische Interessen geht?

Wenn wir uns vorstellen, dass die Russische Föderation die Möglichkeit verliert, Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur durchzuführen, ukrainisches Getreide zu blockieren und die kommerzielle Schifffahrt zu behindern, was bleibt Putin dann noch? Die Kämpfe an der Front. Doch an der Front ist der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, wie wir bereits mehrfach gesagt haben, in eine Sackgasse geraten.

Und die russische Armee kann die Aufgaben nicht erfüllen, die Putin ihr bereits 2022 gestellt hat, wenn es um die vollständige Kontrolle zumindest über das gesamte ukrainische Gebiet Donezk geht. Von den Gebieten Saporischschja und Cherson ganz zu schweigen, ebenso von den anderen Regionen der Ukraine, die Putin in den kommenden Jahren besetzen möchte.

Somit können wir eindeutig sagen, dass der russische Präsident und seine Streitkräfte derzeit nicht in erster Linie auf die Kämpfe an der Front setzen, sondern auf die Demoralisierung des ukrainischen Hinterlandes, auf die Zerstörung der ukrainischen Infrastruktur, darauf, ukrainische Städte unbewohnbar zu machen, und auf die gezielte Auslösung einer großen Migrationskrise in Europa. 

Dies soll sowohl durch die Zerstörung ukrainischer Städte geschehen als auch dadurch, dass im Globalen Süden eine tatsächliche Hungersnot herbeigeführt wird, die alternative Migrationsströme aus jenen Ländern auslösen würde, die von dieser Katastrophe betroffen wären. Eine Katastrophe, die der Kreml bereits vorbereitet, indem Russland selbst kein Getreide verkauft und zugleich den Verkauf ukrainischen Getreides blockiert.

All diese Fragen könnten für den Präsidenten der Russischen Föderation wesentlich wichtiger sein als irgendein Waffenstillstand mit der Ukraine. Doch es stellt sich die Frage, inwieweit er bereit ist, dies dem indischen Ministerpräsidenten offen zu erklären. Schließlich gehört dieser zu den Staats- und Regierungschefs von Ländern, denen erhebliche Verluste drohen, wenn die Energie- und Getreidekrise anhält; zu den Staats- und Regierungschefs von Ländern, die russisches Öl gerne legal und nicht über Schmuggelwege kaufen würden, weil sie neue amerikanische Sanktionen fürchten; zu den Staats- und Regierungschefs von Ländern, die gerade durch den Kauf russischen Öls weiterhin als Energiesponsoren der Russischen Föderation auftreten und hoffen, dass Putin zumindest ein gewisses Verständnis für ihre eigenen Interessen aufbringt.

Ja, man kann sich vorstellen, dass Putin den Vorschlägen Narendra Modis keine große Aufmerksamkeit schenken wird. Aber nur dann, wenn der indische Ministerpräsident allein handelt und hinter ihm nicht auch Konsultationen zwischen Neu-Delhi und Washington oder zwischen Neu-Delhi und Peking stehen. Denn auch die Volksrepublik China könnte an dem, woran Putin interessiert ist, nämlich daran, bereits in den kommenden Jahren die Voraussetzungen für eine große Hungersnot in der Welt zu schaffen, kein Interesse haben.

Diese Hungersnot könnte Chinas wirtschaftliche Möglichkeiten in jenen Ländern erheblich untergraben, die Peking derzeit als Schwerpunkte seines eigenen Engagements betrachtet. Denn die Bevölkerung dieser Länder wird dann keine Zeit für chinesische Projekte haben. Sie wird mit dem eigenen Überleben beschäftigt sein, mit Aufständen, Revolutionen und dem Sturz jener Regierungen, mit denen Xi Jinping bereits bestimmte Vereinbarungen getroffen hat.

In seinem Wunsch, alles um sich herum zu zerstören, nur um ukrainisches Territorium zu erobern, könnte Putin also keineswegs nur beim indischen Ministerpräsidenten auf Unverständnis stoßen.

In jedem Fall muss man verstehen, warum Narendra Modi tatsächlich mit einer derart umfassenden Friedensinitiative auftritt. Weil er wirklich daran interessiert ist, dass der russisch-ukrainische Krieg schließlich endet? Oder weil er mit solchen Vorschlägen die Fortsetzung des Kaufs russischen Öls und eine mögliche Ausweitung dieser Käufe vor dem Hintergrund der anhaltenden Krise um die Straße von Hormus rechtfertigen möchte?

Die zweite Möglichkeit ist angesichts des Pragmatismus des indischen Ministerpräsidenten ebenfalls durchaus realistisch und verständlich, wenn man sich die gesamte Politik Neu-Delhis in den vergangenen Jahren vor Augen führt. Die Frage des Energiegleichgewichts und der Beziehungen zur Russischen Föderation gerade im Zusammenhang mit Öl könnte aus Sicht des eigenen politischen Projekts der indischen Regierung weiterhin eines ihrer wichtigsten und nachvollziehbarsten Interessen sein und mit der eigentlichen Logik des russisch-ukrainischen Krieges überhaupt nichts zu tun haben.

Doch die Tatsache, dass man selbst in Ländern wie Indien die Notwendigkeit eines Waffenstillstands als ersten Schritt zur Beendigung des Krieges zwischen Russland und der Ukraine erkennt, untergräbt Putins politische Logik. Denn Putin ist davon überzeugt, dass überhaupt kein Waffenstillstand nötig sei und dass ein solcher, um ihn selbst zu zitieren, sogar absurd sei, solange es nicht gelungen ist, sich zu russischen Bedingungen – natürlich zu den Bedingungen einer Kapitulation – auf die vollständige Einstellung der Kampfhandlungen und die Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen den verfeindeten Staaten zu einigen.


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Titel des Originals: Індійський план перемирʼя | Віталій Портников. 07.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.10.2026.
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Angriff am Putins Geburtstag | Vitaly Portnikov. 07.10.2026.

Ein massiver russischer Angriff auf die Ukraine, insbesondere auf Kyiv und das Kyiver Gebiet. Elf Tote, Verletzte. Zunächst möchte ich den Angehörigen und Nahestehenden der Getöteten sowie allen, die bei diesem Angriff zu Schaden gekommen sind, mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Man könnte sagen, es sei ein weiterer Angriff gewesen, doch in Wirklichkeit war es kein gewöhnlicher Angriff, sondern einer, den Putins Handlanger sorgfältig für den Geburtstag ihres Anführers geplant hatten.

Wir sprechen oft darüber, welche Angriffe Russland an diesem oder jenem ukrainischen Feiertag verüben könnte, doch die Russen haben eine andere Psychologie. Sie verüben ihre Angriffe nicht, um uns auf irgendeine Weise unsere Feiertage zu verderben. Sie verüben Angriffe, um sich selbst zu gratulieren. Der Tod von Menschen, die Trümmer – das ist der beste Glückwunsch für Putin zu seinem eigenen Geburtstag oder zu irgendeinem russischen Feiertag.

Es ist keineswegs ein Zufall, dass Russlands Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 ausgerechnet am 24. Februar begangen nn. So gratulierten sich diese Unmenschen selbst zum Tag der Sowjetarmee. Und es ist keineswegs ein Zufall, dass in der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober 2026 ein weiterer massiver russischer Angriff auf die Ukraine stattfand, mit ballistischen Raketen, die in Wohngebieten nicht einmal explodieren, und mit Todesopfern.

Sie hatten eigens Raketen und Drohnen für Putins Geburtstag angesammelt, denn in Wirklichkeit sind ihre Arsenale gar nicht so riesig, dass sie sich das Vergnügen leisten könnten, jeden Tag Menschen mit ballistischen Raketen zu töten. Und so bereiteten sie sich darauf vor, Wladimir Wladimirowitsch zu gratulieren.

Ich erinnere mich daran, wie wir uns vor vielen Jahren am Vorabend von Putins Geburtstag abends in einem Moskauer Supermarkt mit der bekannten russischen oppositionellen Journalistin Anna Politkowskaja trafen, die scharfe und präzise Artikel gerade über den Krieg schrieb. Damals führte Russland allerdings Krieg in Tschetschenien, und dieser Krieg half den russischen Tschekisten, die ihre Diktatur im Land errichtet hatten, die autoritären Tendenzen zu verstärken und all jenen den Mund zu verbieten, die mit diesem korrupten Banditenregime nicht einverstanden waren.

Und wir sprachen darüber, dass Putins Geburtstag bald bevorstand und es interessant sei, was die russischen Militärs und Geheimdienstleute wohl im Kaukasus veranstalten würden, um dem russischen Präsidenten eine Freude zu machen. Denn wir hatten bereits verstanden, dass er sich gerade dann freut, wenn er von einem Gewalttat, einem Mord, einer Erniedrigung erfährt. Und nur wenige Tage nach diesem Gespräch wurde Anna Politkowskaja in ihrem eigenen Wohnhaus ermordet, buchstäblich nur wenige hundert Meter von diesem Supermarkt entfernt.

Oder ein anderer Feind Putins, der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow: zwar nicht an Putins Geburtstag, aber unter den Fenstern des russischen Präsidenten – wie ein sakrales Opfer, das Putin den Übergang zu einer neuen Phase der Festigung seines totalitären Regimes ermöglichte. Und dann dieser Krieg, ein Krieg, den Putin ebenfalls dazu nutzt, seine Position zu stärken, sein Regime zu festigen und den Totalitarismus auszubauen.

Viele fragen, wann er diesen Krieg beenden soll und was geschehen müsste, damit er überhaupt über eine Einstellung der Kampfhandlungen nachdenkt. Aber warum sollte er das tun, wenn der Krieg ihm nur dabei hilft, sich des Lebens zu erfreuen, wenn er buchstäblich von diesem Krieg lebt, wenn sein nichtiges Leben als Mensch, der zufällig in den Kreml gelangt ist, durch diese massenhaften Tötungen endlich jenen Sinn erhält, den es schon lange nicht mehr hatte?

Wenn einem Menschen zum Geburtstag die Ermordung von Menschen in einer friedlichen Stadt, der Beschuss mit ballistischen Raketen und Trümmer geschenkt werden, dann können Sie sich einfach vorstellen, wie die Psyche dieses Menschen beschaffen ist – und die Psyche all jener Menschen, die in diesen Jahrzehnten der gefestigten Herrschaft der Tschekisten für Führungspositionen in Russland ausgewählt wurden; welche Logik in einer Gesellschaft herrscht, die versucht, all das nicht wahrzunehmen, damit es nur nicht noch schlimmer kommt, während viele es sogar unterstützen, weil sie darin eine Kompensation für ihre eigene Knechtschaft sehen, für ihre eigene Unfähigkeit, zu irgendwelchen positiven Veränderungen beizutragen.

„Ja, wir leben schlecht, aber dafür werden die Ukrainer getötet, weil sie mit Wladimir Wladimirowitsch nicht einverstanden sind – und dann auch noch am Geburtstag unseres einzigen und unveränderlichen Führers.“

Die einzige Möglichkeit, diese Angriffe zu beenden, besteht deshalb darin, Russland zu zwingen, auf das kaltblütige, kalkulierte, selbstgefällige Töten von Ukrainern zu verzichten, indem die Ressourcen des von Putin geführten Terrorregimes vernichtet werden. Genau das versuchen wir zu tun.

Ich hoffe, dass diese Schläge noch wirksamer sein werden, dass die russische Wirtschaft weiter verfällt und der russische Staat geradewegs in den Abgrund wirtschaftlicher, politischer und sozialer Ausweglosigkeit stürzt und dort für lange, düstere Jahrzehnte stecken bleibt.

Und das darf nicht nur eine Aufgabe der Streitkräfte der Ukraine sein. Es muss auch eine Aufgabe unserer Verbündeten sein. Wenn sie nicht wirksam helfen, werden sie einen Schock und eine Erschütterung erleben, die sie dazu zwingen werden, der Ukraine wirksamer zu helfen. Ja, all das wird durch Tragödien, durch Schmerz, durch Zerstörung, durch Blut geschehen, aber die notwendigen Schlüsse werden gezogen werden.

Das ist schließlich die ukrainische Lektion. Wenn du nicht die richtigen Schlüsse ziehst, sobald sich bereits ungünstige Entwicklungen abzeichnen, wenn du weiterhin auf eine Verständigung mit einem Wahnsinnigen hoffst, versetzt dir das Leben einen harten Schlag. Und erst danach beginnst du zu begreifen – zumindest wenn du bei klarem Verstand bist –, wie man in Wirklichkeit handeln muss.

Und dieser massive Angriff am Geburtstag des Präsidenten der Russischen Föderation, dieser Wunsch der russischen Militärs, Putin den Tod eines weiteren Kindes, den Tod eines weiteren Zivilisten, weitere Trümmer in Kyiv zu schenken, muss sowohl uns als auch der gesamten zivilisierten Welt unmissverständlich vor Augen führen, wie die Psychologie der russischen Führung, des russischen Regimes und des russischen Staates beschaffen ist.

Wer das sehen will, wird es sehen. Wer mit geschlossenen Augen leben will, wird es nicht sehen und selbst zum Ziel des nächsten hinterhältigen Schlages werden. So war es in der Geschichte der Menschheit immer, und so wird es auch bleiben. Und das heutige Vorgehen Russlands gegen unser Land bildet keine Ausnahme von dieser traurigen Wahrheit.


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Titel des Originals: Атака на день народження Путіна | Віталій Портников. 07.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.10.2026.
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Honcharenko verlässt die Europäische Solidarität | Vitaly Portnikov. 06.10.2026.

Die Fraktion der Partei Europäische Solidarität in der Werchowna Rada der Ukraine hat sich vorsichtig von Oleksij Hontscharenko verabschiedet, nachdem der Abgeordnete seinen eigenen Friedensplan veröffentlicht hatte, der erstaunlich an die Absichten des amtierenden Präsidenten Volodymyr Zelensky im inzwischen fernen Jahr 2019 erinnert.

Der Abschied vollzog sich unter dem Begleitkonzert empörter Kommentare von Anhängern der politischen Kraft in den sozialen Netzwerken. Einige Abgeordnete der Werchowna Rada von der Europäischen Solidarität empören sich deshalb sogar darüber, warum die Kommentatoren der Situation um Oleksij Hontscharenko besondere Aufmerksamkeit schenken, auf ähnliche Aufrufe eines anderen Abgeordneten, des Vertreters der Partei „Diener des Volkes“ Danylo Hetmanzew, jedoch ganz anders reagieren.

Mir scheint klar zu sein, warum. Denn die Partei „Diener des Volkes“ zog gerade mit dem politischen Programm Volodymyr Zelenskys in die Werchowna Rada der Ukraine ein, dessen Kern die Vorstellung bildete, man könne sich mit dem russischen Präsidenten Putin einigen und den russisch-ukrainischen Krieg auf der Grundlage jener Bedingungen beenden, die die Ukraine der russischen Führung anbieten könnte.

Dass Putin sich mit den Ukrainern auf überhaupt nichts einigen will und von dem Wunsch und dem Verlangen erfüllt ist, den ukrainischen Staat zu vernichten und die überwiegende Mehrheit seiner Bevölkerung zu vertreiben und einzuschüchtern, haben offenbar weder Volodymyr Zelensky im Jahr 2019 noch Oleksij Hontscharenko im Jahr 2026 erkannt.

Die Wähler der Europäischen Solidarität und die Wähler Petro Poroschenkos stimmten 2019 jedoch für einen nüchternen Umgang mit jener Realität, die sich in den russisch-ukrainischen Beziehungen nach dem russischen Angriff auf die Krim und den Donbas herausgebildet hatte. Und natürlich möchten sie, dass die Partei, für die sie gestimmt haben, weiterhin gerade für die Anerkennung dieser Realität eintritt und nicht für gefährliche Illusionen, die letztlich zum Zusammenbruch der ukrainischen Staatlichkeit führen könnten, selbst ohne dass russische Truppen Kyiv einnehmen.

Das Paradoxe daran ist nicht einmal die Frage, inwieweit man Hontscharenkos Austritt aus der Fraktion der Europäischen Solidarität heute als folgerichtig bezeichnen kann. Ganz und gar nicht. Interessant ist vor allem, wie ein Abgeordneter, der seine Karriere in offen prorussischen politischen Vereinigungen begonnen hatte, überhaupt in eine Fraktion nationaldemokratischer Prägung gelangte.

Und die Antwort auf diese Frage findet sich in der politischen Karriere Oleksij Hontscharenkos, der sich wie jeder Regionalpolitiker an den Stimmungen potenzieller Wähler orientierte. In Odesa gab die überwiegende Mehrheit der Einwohner ihre Stimmen mit großer Entschlossenheit den Vertretern antiukrainischer, prorussischer politischer Kräfte.

Bekanntlich verlor Oleksij Hontscharenko auf einer prorussischen politischen Plattform sogar die Wahl gegen den Vorsitzenden der sogenannten Partei Rodina, Ihor Markow, der in seinem Bestreben, die Ukraine Putin zu unterwerfen, wesentlich radikaler erschien als seine Konkurrenten. Und so erhielt er, zumindest dem Anschein nach, ein Mandat für die Werchowna Rada. Dem Anschein nach deshalb, weil es offenbar auch hier nicht ohne Wahlfälschungen zuging.

Doch unabhängig davon, ob es diese Fälschungen gab oder nicht: Das Abgeordnetenmandat aus Odesa wäre in jedem Fall an einen Vertreter staatsfeindlicher prorussischer Kräfte gegangen, die zusammen die überwiegende Mehrheit der Wählerstimmen erhielten.

Der Umschwung kam 2013, als selbst im Süden der Ukraine vielen Menschen klar wurde, dass die prorussischen Kräfte keineswegs vorhatten, eine Zukunft in engen Beziehungen zum sogenannten älteren Bruder aufzubauen, sondern die Hafenstadt schlicht der Russischen Föderation überlassen wollten. Genau danach beginnt Oleksij Hontscharenkos politische Neuinszenierung. Aber wie? 

Er wird einer der Abgeordneten des Blocks Petro Poroschenko. Der neue Präsident der Ukraine baute seinen Block jedoch vor allem als zentristisches Bündnis auf und grenzte sich dabei von der damaligen Avantgarde der nationaldemokratischen Kräfte des Landes ab, der Volksfront unter Führung des damaligen Ministerpräsidenten Arsenij Jazenjuk.

Auf diese Weise konnte der Block Petro Poroschenko sowohl Menschen vereinen, die dem neuen Staatsoberhaupt nahestanden und nationaldemokratische Positionen vertraten, als auch diejenigen, die ihre politischen Ansichten entsprechend der neuen staatsorientierten politischen Konjunktur revidiert hatten. Zu diesen Menschen gehörte natürlich auch Oleksij Hontscharenko. Aber er war keineswegs der Einzige.

Während Poroschenkos Präsidentschaft kam es zu einer weiteren Neuformierung. So erschien der amtierende Präsident bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019, nachdem die Konfrontation zwischen den nationaldemokratischen Kräften die Zustimmungswerte der Volksfront zunichtegemacht hatte und deren Führung die elektorale Verantwortung für die wirtschaftlichen und politischen Reformen im Land übernehmen musste, bereits als der eigentliche Anführer der nationaldemokratischen Kräfte des Landes, weil es keine Alternative gab.

In dieser Situation kandidierte Oleksij Hontscharenko als unabhängiger Kandidat, weil er verstand, dass in Odesa im Jahr 2019, wo die überwiegende Mehrheit der Wähler in Volodymyr Zelensky verliebt war und an die Möglichkeit einer Verständigung mit Putin glaubte, ein Vertreter der Partei Europäische Solidarität wohl kaum auf Sympathie stoßen konnte.

Die unabhängige Kandidatur endete mit dem Sieg des profilierten jungen Politikers. In der Werchowna Rada schloss sich Hontscharenko der Europäischen Solidarität an, auch um an der institutionellen Arbeit des Parlaments teilnehmen zu können. Denn ohne die Zugehörigkeit zu irgendeiner Fraktion hätte er nicht einmal Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarates werden können. Und weil ihn mit den Vertretern der Partei Europäische Solidarität die gemeinsame Arbeit im Block Petro Poroschenko verband.

Nur ist die Europäische Solidarität kein Block. Sie sieht nicht jene Vielfalt an Positionen vor, die die Abgeordneten des Blocks Petro Poroschenko von 2014 bis 2019 vertreten konnten. Die heutige Europäische Solidarität ist eben eine nationaldemokratische Partei. Deshalb war Hontscharenkos Trennung von ihr tatsächlich nur eine Frage der Zeit und nicht das Ergebnis einer politischen Metamorphose.

Denn Hontscharenko war nie ein nationaldemokratischer Politiker. Und aus dieser Sicht ist es vollkommen logisch, dass er heute kein Mitglied der Partei Europäische Solidarität mehr ist.

Aus ideologischer Sicht steht Hontscharenko heute natürlich jenem politischen Projekt am nächsten, das Volodymyr Zelensky 2019 geschaffen hat: den „Dienern des Volkes“. Das Problem besteht jedoch darin, dass auch dieses Projekt während der Kriegsjahre neu formiert wurde und sich unter seinen Vertretern heute sowohl Menschen befinden, die eine aufrichtig patriotische Haltung vertreten, als auch Menschen, die weiterhin in Illusionen über ein Ende des Krieges und Verhandlungen mit Putin leben. Deshalb kann man hier nicht von einer einheitlichen Partei oder einer einheitlichen politischen Kraft sprechen.

Nun, die Frage ist natürlich nicht, wer welcher Partei und welcher politischen Kraft zuzurechnen ist. Die Frage ist, inwieweit all diese Menschen ihre Parolen und Absichten tatsächlich mit der Erwartung von etwas verbinden, das in den schwierigen 2020er- und möglicherweise 2030er-Jahren dieses kriegerischen 21. Jahrhunderts womöglich gar nicht eintreten wird – und mit ihren eigenen Wahlaussichten.

Doch diese Wahlaussichten können nur entstehen, wenn die heiße Phase des endlosen russisch-ukrainischen Krieges endet. Bislang gibt es keine objektiven Voraussetzungen für ein Ende dieser heißen Phase, für den Beginn irgendwelcher Verhandlungen, nicht einmal über eine Waffenruhe an der russisch-ukrainischen Front oder auch nur über einen teilweisen Waffenstillstand im Krieg.

Solche Möglichkeiten werden jedoch weder Oleksij Hontscharenko noch Danylo Hetmanzew schaffen. Sie kann nur der ukrainische Soldat schaffen, indem er russische Ressourcen vernichtet und Russland die Möglichkeit nimmt, den russisch-ukrainischen Krieg fortzusetzen. Zu unserem großen Bedauern – für Sie und mich ebenso wie für Hontscharenko und Hetmanzew, für diejenigen, die sich als Vertreter der Friedenspartei betrachten, und für diejenigen, die als Vertreter der Kriegspartei bezeichnet werden – hat es in diesem Jahrhundert keine anderen Möglichkeiten gegeben, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden, es gibt sie nicht und wird sie leider auch nicht geben.


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Titel des Originals: Гончаренко залишає ЄС | Віталій Портников. 06.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 06.10.2026.
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Hunderte Drohnen greifen Moskau an | Vitaly Portnikov. 06.10.2026.

Praktisch die ganze Nacht über wehrten Moskau und die Hauptstadtregion einen Angriff ukrainischer Drohnen ab. Diesen Angriff konnten selbst die Verantwortlichen in Moskau und im Moskauer Gebiet, Sobjanin und Worobjow, nicht verheimlichen, die vom Anflug Hunderter ukrainischer Drohnen berichteten. Natürlich meldeten sie die tadellose Arbeit der Luftverteidigung der russischen Hauptstadt, doch inzwischen ist bereits ein großer Brand an der Station Wolodarskaja bekannt, einer der größten Erdölverarbeitungsanlagen auf dem Gebiet Moskaus und der Hauptstadtregion, die für die Infrastruktur der russischen Hauptstadt von großer, ja entscheidender Bedeutung ist. Auch die Flughäfen der Hauptstadt stellten ihren Betrieb ein. Dutzende Flugzeuge waren gezwungen, auf Ausweichflughäfen in Russland zu landen.

Man kann also sagen, dass dies tatsächlich ein schwerer, massiver Angriff auf Moskau und das Moskauer Gebiet war. Und je mehr solcher Angriffe es geben wird, je größer die Verluste der Russischen Föderation durch solche Schläge sein werden, je geringer ihre Möglichkeiten sein werden, die Stabilität der Infrastruktur in der Russischen Föderation aufrechtzuerhalten, desto kürzer wird der Weg zum Frieden sein.

Denn im Umgang mit einem Land wie der Russischen Föderation gibt es keine wirklichen Wege, gewaltsame Konflikte auf diplomatischem Wege zu lösen. In Russland setzt man immer auf Gewalt, darauf, den Gegner durch die Zerstörung seiner Ressourcen zur Kapitulation zu zwingen. Russland kennt dabei keine roten Linien. Aus Sicht der russischen Führung und auch des russischen Volkes soll die Zivilbevölkerung das erste Opfer eines solchen Krieges sein.

Das ist die Philosophie der russischen Expansion. Und derzeit begegnen die Einwohner von Kyiv und anderer ukrainischer Städte und Ortschaften dieser Philosophie, könnte man sagen, in ihrer ganzen unverhüllten Kriminalität. Wir verstehen inzwischen sehr genau, dass Russland von Beginn seines Kampfes gegen unseren Staat an nicht auf einen Krieg der Armeen setzte, sondern auf einen Krieg der Städte, auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung und ihre Einschüchterung.

Das sind völlig offensichtliche Dinge, an die man denken muss, wenn wir über Wege sprechen, aus diesem Krieg herauszukommen. Und diese Wege sind ziemlich einfach. Sie hängen gerade mit der Notwendigkeit massiver Angriffe auf Moskau, das Moskauer Gebiet, Sankt Petersburg und andere Regionen der Russischen Föderation zusammen, mit der vollständigen Zerstörung der russischen Erdölverarbeitungsinfrastruktur – wobei es nicht um 40 bis 45 Prozent geht, sondern darum, dass es in Russland überhaupt keine Erdölverarbeitung mehr gibt –, mit der Zerstörung russischer Rüstungsbetriebe und mit Angriffen auf die russische Energieinfrastruktur.

Putin kann die Ukrainer nicht mit einem kalten Winter einschüchtern, wenn seinen eigenen Landsleuten dasselbe schwierige Schicksal droht. Wie der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, dem Präsidenten der Ukraine, Volodymyr Zelensky, bereits vor seiner Rückkehr ins Oval Office unmissverständlich sagte: Zum Tango gehören zwei. Gemeint ist damit natürlich nicht nur die beiderseitige Beteiligung an Verhandlungen über ein Ende des Krieges, die, wie wir sehen, für Trump keinerlei wirkliche Ergebnisse bringen, sondern auch die Beteiligung am Kampf gegeneinander.

Wenn ein Land die Infrastruktur eines anderen durch hinterhältige Angriffe zerstören will, wie wir sie alle in den vergangenen Jahren beobachten und die sich mit jedem Tag nur verstärken, während Putin begreift, dass seine Armee keinen Erfolg haben wird, dann kann auch die Infrastruktur des anderen Landes nicht unantastbar sein – schon allein deshalb nicht, weil diese Infrastruktur den Bedürfnissen der verbrecherischen russischen Armee dient, dieser Schakalmeute.

Wenn in der Russischen Föderation die Ausgaben für Verteidigung und nationale Sicherheit um 50 Prozent steigen und sich diese Ausgaben nicht einmal mit den Ausgaben des russischen Staates für Bildung, Kultur und Medizin vergleichen lassen, wenn praktisch der gesamte russische Haushalt inzwischen für die Streitkräfte der Russischen Föderation und den Föderalen Sicherheitsdienst Russlands ausgegeben wird, dann stellt sich die Frage: Für wen arbeitet eigentlich diese gesamte russische Wirtschaft? Nun, zumindest zu 70 bis 80 Prozent.

Darauf erhalten wir eine eindeutige Antwort. Diese gesamte russische Wirtschaft, all diese Erdölverarbeitungsstationen, all diese Erdölraffinerien – alles arbeitet gerade für den Krieg gegen die Ukraine. Alles andere interessiert weder den Präsidenten der Russischen Föderation noch die russische Führung noch die russische Gesellschaft, von der ein großer Teil weiterhin am chauvinistischen Virus leidet und die imperialistischen Ansprüche seiner Staatsmacht unterstützt.

Denn andernfalls wäre es der Staatsmacht nicht gelungen, eine Millionenarmee skrupelloser Söldner aufzustellen und den Krieg bei völliger gesellschaftlicher Gleichgültigkeit fortzusetzen, wobei eher diejenigen die Ausnahme bilden, die sich gegen den Krieg aussprechen und seine Folgen für Russland selbst fürchten. Ganz zu schweigen von Menschen, die überhaupt über das Schicksal der Ukrainer und anderer nichtrussischer Opfer dieses Eroberungskrieges Putins und seiner Bande nachdenken.

Der Schlüssel zur Situation liegt also nicht in Warnungen und nicht in Erzählungen darüber, dass etwas geschehen könnte, wie wir es ständig vom Präsidenten der Ukraine und anderen führenden Vertretern unseres Staates hören, sondern in realen Maßnahmen, die auf die Zerstörung der infrastrukturellen Möglichkeiten der Russischen Föderation gerichtet sind, in realen Angriffen statt in Worten, in der Leistungsfähigkeit des ukrainischen Staates, der in der Lage ist, dem Bestreben der Russischen Föderation, der Existenz des ukrainischen Staates und des ukrainischen Volkes ein Ende zu setzen, wirklichen und nicht bloß PR-wirksamen Widerstand entgegenzusetzen.

Alles andere ist leeres Gerede, das zu nichts anderem führt als zu Angriffen auf die Ukraine. Ebenso das Gerede darüber, dass wir antworten könnten, während wir nicht antworten. Und das dreiste Gerede über irgendwelche diplomatischen Bemühungen und Verhandlungen, die lediglich damit enden, dass die Mitstreiter von Präsident Trump im Büro des russischen Präsidenten Putin und anderer russischer Beamter nach Möglichkeiten suchen, sich selbst zu bereichern, und den Verhandlungsprozess über ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges faktisch dazu nutzen, sich die ohnehin schon infolge der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus gut gefüllten Taschen noch weiter zu füllen.

Und das muss man sich vollkommen klar vor Augen führen. Diesen Krieg können nur der ukrainische Soldat und die ukrainische Drohne gewinnen. Der amerikanische Vermittler und der ukrainische Demagoge werden diesen Krieg nicht gewinnen. Sie können ihn nur schändlich verlieren.


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Titel des Originals: Сотні безпілотників атакують Москву |
Віталій Портников. 06.10.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 06.10.2026.
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Puschkin. Vitaly Portnikov. 04.10.2026.

Пушкін. Виталий Портников. 04.10.2026.

Georges Nivat, einer der bedeutendsten Slawisten des 20. Jahrhunderts, ein Mann, den mit der russischen Literatur nicht nur sein Schicksal und seine Arbeit, sondern auch die Liebe verbindet (Nivat war mit der Tochter von Olga Iwinskaja, der Muse Boris Pasternaks, verlobt, und diese Ehe wurde von Chruschtschow persönlich verhindert), eine Figur in den Gedichten Bulat Okudschawas, Gesprächspartner und Übersetzer Alexander Solschenizyns, hat einen Artikel über Puschkin geschrieben.

Was sollte daran ungewöhnlich sein, wenn ein Spezialist für russische Literatur über Puschkin schreibt? Doch dies ist ein anderer, ein sehr bitterer Artikel. Nivat hat im Werk des großen Dichters, in der russischen Kultur selbst etwas erkannt, das die Kenner dieser Kultur im Westen hartnäckig nicht wahrhaben wollten: Imperialismus, Grausamkeit, Solidarität mit der Staatsmacht, wenn diese andere Menschen tötet. Bemerkenswert ist, dass der berühmte Wissenschaftler Puschkins Werk nun durch das Werk von Artur Dron analysiert – und der imperialistische Pathos von Puschkins Werk dadurch eine unglaubliche Aktualität gewinnt.

Man sollte meinen, dass es dabei nichts Neues zu entdecken gibt. Puschkins Werk war auch ohne Arturs Bücher zugänglich, und Adam Mickiewicz, ein Zeitgenosse Puschkins, erhob gegenüber seinen russischen Kollegen dieselben Vorwürfe, die Dron gegenüber den russischen Klassikern erheben könnte. Warum vollzieht sich dieser Wandel im Verständnis Puschkins also erst jetzt?

Weil es in Wirklichkeit nicht um Puschkin geht, sondern um Russland. Puschkin lebte in einer Zeit, in der er keineswegs der einzige Dichter war, der den Imperialismus verherrlichte – es genügt, Kipling noch einmal zu lesen, um das zu verstehen. Nur hat die Welt, zumindest im Westen, in den vergangenen Jahrhunderten ihre Schlüsse gezogen und sich vom Imperialismus und von der Aggression verabschiedet – Russland jedoch nicht. Deshalb erscheint Kipling als ein historischer Dichter, und es ist interessant, ihn zu lesen, um zu verstehen, wie man in einer noch gar nicht so weit zurückliegenden Vergangenheit auf die Welt blickte. Puschkin hingegen bleibt ein aktueller Dichter, denn seine Zeilen über den „Streit der Slawen untereinander“ könnte man heute in russischen Nachrichtensendungen oder in Putins Reden zitieren. Die Russen haben nichts vergessen und nichts gelernt – und deshalb bleibt Puschkin für sie „unser Ein und Alles“, denn er schrieb zugleich über die Liebe, über den Traum von einer unerreichbaren Freiheit (für die eigenen Leute) und besang das Imperium in all seinen Formen und Erscheinungsweisen. Und ja, Puschkin – das ist Russland selbst, ein Russland, das nicht in der Lage ist, sich zu verändern.

Übrigens sagt die Aktualität Schewtschenkos und anderer ukrainischer Klassiker ebenfalls weniger über uns als über sie aus. In den Jahren seit Schewtschenkos Tod hat sich die Ukraine bis zur Unkenntlichkeit verändert, und wenn wir die Zeilen des Kobsars über seine Zeitgenossen lesen, die  „stumm zur Fron ziehen und ihre Kinder mit sich führen“, wissen wir genau, dass dies nicht von uns handelt, sondern von den Erfahrungen der Vergangenheit. Und unsere Katerynas lieben heute keine Moskali mehr, und wenn doch, gelten sie bei den Eigenen nicht mehr als ihresgleichen. All das ist gerade deshalb Geschichte, weil die Ukrainer auf Schewtschenko gehört haben.

Die Russen hingegen nicht. Deshalb bleibt Schewtschenko ein lebendiger Prophet, dessen Worte über ein Imperium, in dem vom Moldauer bis zum Finnen (nun gut, vom Karelier bis zum Tuwiner) „in allen Sprachen alles schweigt“, ebenfalls in russischen Nachrichtensendungen ausgestrahlt und in Putins Reden als seine größte Errungenschaft zitiert werden könnten. (Puschkin hatte für all diese Finnen und Kalmücken seine eigenen Empfehlungen – er wollte sie an seinem Denkmal russifiziert sehen, und auch darin stimmte und stimmt er mit dem Volk überein.) Schewtschenkos „Kaukasus“ ist ein eindringliches und hartes Bild nicht des vergangenen, sondern des heutigen Russischen Imperiums, seine Gedichte beschreiben weiterhin den ukrainischen Kampf gegen dieses Imperium. Hätte Russland sich verändert, wäre all das Geschichte. Aber es hat sich nicht verändert. Und es wird sich wohl kaum verändern. Die kommenden Generationen von Russen werden ebenso wie heute Reigentänze um Puschkins Sockel aufführen, denn der Dichter wird ihr Zeitgenosse bleiben.

Übrigens war das nicht immer so. Für das Imperium war Puschkin zu ungezwungen – und erst einige Jahrzehnte nach dem Tod des Dichters verstand es, wie es sich sein Erbe zunutze machen konnte. Auch die Bolschewiki wandten sich zunächst von ihm ab. Die Liebe erschien ihnen zu bürgerlich, die Freiheit war angeblich vom „werktätigen Volk“ erkämpft worden, und der imperiale Mythos entsprach nicht der Idee der Weltrevolution und der Selbstbestimmung der Völker.

Auf den Sockel zurückgebracht wurde Puschkin 1937 von Stalin. Er brachte ihn gerade deshalb zurück, weil er sich endgültig von der Idee der Weltrevolution ab- und der Idee einer imperialen Restauration unter roter Fahne zugewandt hatte – und ihm gefiel der Vorschlag, den hundertsten Jahrestag des Todes des Dichters feierlich zu begehen (was für eine Blasphemie). „Puschkin gehört ganz uns, er ist sowjetisch, denn die Sowjetmacht hat alles geerbt, was das Beste in unserem Volk ist“, schrieb die „Prawda“. Und das war wahr, denn Stalin brauchte genau ein solches Volk – bereit, für das Imperium zu sterben und von der Freiheit lediglich zu träumen. Damals entstanden auch die Stadt Puschkin, neue Straßen, Kulturparks und Sanatorien. Stalin war die Hauptfigur der feierlichen Sitzung zum Gedenken an Puschkin, und Zeilen aus den Gedichten des Dichters empfingen die Häftlinge der Konzentrationslager, sorgfältig über den Eingängen zum Gulag angebracht … Seitdem ist Puschkin also nicht mehr von seinem Sockel heruntergestiegen.

Und wie Sie sehen, trifft ihn selbst daran keine große Schuld. Wir hatten Pech mit unseren Nachbarn, er hatte Pech mit seinem Volk. Wäre dieses Volk zu etwas anderem fähig als zu Expansion und Zerstörung, hätte es seinem Dichter geglaubt, dass der Stern des verlockenden Glücks die Freiheit und nicht die Unterwerfung ist, würde Georges Nivat weiterhin Puschkins Liebeslyrik analysieren, und wir würden ohne Emotionen an seinen Denkmälern vorbeigehen.

Nicht Puschkin hat Puschkin aktuell gemacht. Putin hat Puschkin aktuell gemacht.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Пушкін. Виталий Портников. 04.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 04.10.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Der Glaube an Frieden mit Putin. Vitaly Portnikov. 05.10.2026.

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Das Problem bei allen Diskussionen über ein Ende des Krieges läuft letztlich auf eine Frage des Glaubens hinaus. Ja, genau: des Glaubens. Wir würden schließlich auch nicht mit einem Gläubigen über die bloße Existenz Gottes diskutieren. Diskussionen über alle möglichen anderen Themen sind möglich, aber wenn du der Ansicht bist, dass es Gott als solchen nicht gibt und niemandem Erlösung bevorsteht, hörst du auf, an diesem Gespräch teilzunehmen. Automatisch.

Genauso ist es mit Putin. Wenn jemand glaubt, dass man sich mit dem russischen Präsidenten einigen kann und es nur darum geht, was man ihm anbieten soll – den Donbas, die Gebiete Cherson und Saporischschja, die russische Sprache und Neutralität –, während du davon überzeugt bist, dass er sich überhaupt auf nichts einigen will und schlicht die Vernichtung der Ukraine zum Ziel hat, hörst du für denjenigen, der daran glaubt, dass Frieden durch Verhandlungen erreicht werden kann, auf, ein Gesprächspartner zu sein. Denn man schlägt dir vor, über die Bedingungen von etwas zu diskutieren, das nicht eintreten wird.

Und übrigens hat Putin selbst wiederholt darüber gesprochen und geschrieben. Nur wollen die Gläubigen an Friedensverhandlungen ihn nicht hören. Sie glauben nicht nur uns nicht, sie glauben auch Putin nicht. Sie glauben an ihren Traum, dass man sich einigen könne.

Manche dieser Gläubigen wollen Geld verdienen – im Oval Office kann man davon schließlich nie genug haben. Manche wollen bei den hypothetischen Wahlen mehr Stimmen potenzieller Wähler gewinnen. Manche sind einfach naive Menschen. Aber sie alle bringen uns dem Untergang näher.

Denn ob die Erlösung real ist, lässt sich erst nach dem Tod überprüfen. Der Glaube daran, dass Verhandlungen mit Putin tatsächlich möglich sind, kann uns dagegen allen das Leben kosten.


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Art der Quelle: Social Media
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 05.10.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Putins neuer „Siegesplan“ | Vitaly Portnikov. 05.10.2026.

Die deutsche Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet über einen neuen Plan Putins, der nach Ansicht des russischen Diktators zu seinem Sieg im russisch-ukrainischen Krieg führen soll. Diesen Plan kann allerdings jeder Ukrainer seit einigen Monaten am eigenen Leib spüren. Es ist nicht mehr ein Krieg der Armeen, sondern ein Krieg der Städte.

Die russische Offensive in der Ukraine ist praktisch zum Stillstand gekommen. Russland erleidet schwere Verluste beim Personal. Eine allgemeine Mobilmachung wagt Putin jedoch nicht, um jenen Gesellschaftsvertrag nicht aufzukündigen, der zwischen ihm und der chauvinistisch eingestellten russischen Gesellschaft noch immer besteht.

Bislang konnte der Tschekist an der Spitze des Staates nach folgendem Prinzip Krieg führen: „Ihr hindert uns nicht daran, Krieg zu führen. Wir fordern euch nicht auf, am Krieg teilzunehmen.“ Auf diese Weise wurde eine Millionenarmee aus Söldnern geschaffen. Putin scheut sich bislang davor, diese Bedingungen zu ändern, und unter den neuen technologischen Bedingungen verfügt er schlicht nicht über genügend Truppen, um den größten Teil des ukrainischen Territoriums zu besetzen.

Und so ist der russische Präsident zu dem übergegangen, was die deutsche Zeitung als Krieg der Städte bezeichnet. Angriffe vor allem auf Kyiv und andere ukrainische Städte, Angriffe vor allem auf zivile Objekte, die Einschüchterung der Zivilbevölkerung, der Versuch, die ukrainische Infrastruktur zu zerstören, in der Hoffnung, dass der feindliche Staat vor Russland kapituliert, weil ihm keine andere Wahl bleibt.

Man kann nicht sagen, dass dies ein neuer Plan ist. Angriffe auf die Infrastruktur der Ukraine und der Versuch, die Ukrainer jeden Winter frieren zu lassen, waren in all den Jahren der russisch-ukrainischen Konfrontation ein wichtiger Bestandteil von Putins Taktik. Doch inzwischen haben diese menschenverachtenden und grausamen Pläne des russischen Machthabers eine neue Stufe erreicht. Ein Beispiel dafür ist, dass Russland inzwischen die Möglichkeit hat, Brücken in der ukrainischen Hauptstadt anzugreifen, um das Leben in Kyiv lahmzulegen und zugleich den Transport, vor allem militärischer Güter, über die Brücken der ukrainischen Hauptstadt zu behindern und damit die ukrainischen Verteidigungskräfte daran zu hindern, ihr Land gegen die erbarmungslosen Invasoren zu verteidigen.

Und natürlich werden in dieser Situation auch die propagandistischen Versuche verstärkt, die Ukrainer davon zu überzeugen, dass nur eine Kapitulation zu russischen Bedingungen ihr Überleben in diesem neuen Krieg der Städte sichern könne.

Was soll der Westen in dieser Situation tun? In der deutschen Zeitung wird keineswegs vorgeschlagen, sich mit jenen russischen Handlungen abzufinden, die derzeit das Leid der Ukrainer verursachen. Es wird daran erinnert, dass ein Sieg der Ukraine über einen der widerwärtigsten Staaten der heutigen Welt, das terroristische Russland, für den Westen weitaus billiger wäre als ein Erfolg Russlands in diesem Krieg. Der Westen muss daher neue Anstrengungen unternehmen, um der Ukraine in dieser erbitterten, jahrelangen Auseinandersetzung zu helfen.

Umso mehr, als Putin sich trotz seiner Hoffnung auf einen Wendepunkt in diesem Winter auf einen langen, jahrelangen Krieg vorbereitet. Davon zeugt auch, dass im neuen Haushalt der Russischen Föderation die Verteidigungsausgaben um 46 Prozent erhöht wurden und die Ausgaben für die nationale Sicherheit, also für Putins Sicherheitsapparat, um weitere 12 Prozent gestiegen sind. Das bedeutet einen Anstieg der für den Krieg vorgesehenen Ausgaben im Staatshaushalt der Russischen Föderation um mehr als 50 Prozent.

Und da kann sich die Frage stellen: Soll wirklich nur die Ukraine zum Ziel dieses Krieges werden? Könnten nicht auch die an Russland angrenzenden europäischen Staaten der Europäischen Union und der NATO zu einem neuen Schauplatz russischer Aggression werden?

  • Also: finanzielle Hilfe für die Ukraine, auch mithilfe der im Westen eingefrorenen russischen Gelder. Offensichtlich ist die Zeit gekommen, diese roten Linien zu überschreiten und Russland alles zu nehmen, was man ihm nehmen kann, um die Wirtschaft des feindlichen Staates in die Knie zu zwingen und die Russen dazu zu bringen, sich in den Krisen der kommenden, für sie schwarzen Jahrzehnte mit ihren eigenen Problemen auseinanderzusetzen.
  • Zweitens: die Stärkung der ukrainischen Luftverteidigung. Wenn die Ukraine die Kontrolle über ihren eigenen Luftraum verliert, werden die russischen Banditen dort all das tun, was sie am liebsten tun: friedliche Bürger töten und zivile Infrastruktur zerstören.
  • Und natürlich müssen auch Wege für neuen Druck auf die Russische Föderation unter diesen Bedingungen gesucht werden, was ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des Widerstands gegen die russische Taktik ist.

All diese Entscheidungen hätten natürlich bereits gestern und nicht erst morgen getroffen werden müssen. Doch so oder so kann nüchternes Denken zu einem wichtigen Bestandteil des Erfolgs im Widerstand gegen Putins neuen ehrgeizigen Siegesplan werden. Und natürlich muss auch die Ukraine selbst ihren Teil zu diesem Erfolg beitragen. Vor allem durch Angriffe auf Anlagen des russischen Ölraffineriesektors und durch die Zerstörung all dessen, was, wie ich sagen würde, das Herz der russischen Wirtschaft bildet.

Der Energiestaat muss aufhören, ein Energiestaat zu sein, und seine Bürger müssen die übermäßigen Einnahmen aus Öl und Gas für immer verlieren, weil deren Verarbeitung und möglicherweise auch deren Förderung bedeutungslos werden. Nur ein solches Russland kann für die Welt um es herum sicher sein. Ein Raubtier ohne Zähne ist in der Regel Vegetarier.

Und in dieser Situation – auch davon ist in dem Beitrag der Frankfurter Allgemeinen die Rede – muss die Ukraine sich selbst helfen, indem sie gegen die Erscheinungsformen der Korruption kämpft, die bislang nicht überwunden werden konnten. Fügen wir unsererseits hinzu: auch angesichts der faktischen Funktionsunfähigkeit der Machtvertikale, die in unserem Staat infolge der Ergebnisse der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von 2019 entstanden ist – jenes allseits bekannten populistischen Triumphs, der sich bis heute auf die Gesundheit des ukrainischen Staates auswirkt.

  • Wenn all diese Maßnahmen parallel umgesetzt werden.
  • Wenn Russland das Geld genommen wird, wenn dieses Geld der Ukraine gegeben wird.
  • Wenn das ukrainische Luftverteidigungssystem gestärkt wird.
  • Wenn die militärischen Fähigkeiten der Ukraine gestärkt werden.
  • Wenn Angriffe auf die Ölraffinerien und die Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes der Russischen Föderation durchgeführt werden.
  • Wenn bei den Ukrainern die Illusion verschwindet, dass Friedensverhandlungen mit Moskau möglich seien – vor dem Hintergrund der Vorbereitungen auf einen jahrelangen Krieg und der schrittweisen Erhöhung des russischen Haushalts gerade für die Bedürfnisse der Armee und nicht für die Bedürfnisse der Gesellschaft.

Wenn all dies tatsächlich geschieht, werden wir sagen können, dass wir die kommenden schwierigen 2020er-Jahre des 21. Jahrhunderts überstehen werden. Jahre, die nicht nur zum Schauplatz der Fortsetzung des Krieges in der Ukraine werden könnten, sondern auch zum Schauplatz des Beginns eines großen, umfassenden und tragischen Krieges auf dem europäischen Kontinent. Wenn wir natürlich nicht unsere Anstrengungen verstärken, um diesem negativen Szenario der weiteren Entwicklung entgegenzutreten, von dem der Präsident der Russischen Föderation so sehr träumt.


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Titel des Originals: Новий „план перемоги“ Путіна | Віталій Портников. 05.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 05.10.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Russland bedroht die Botschaften in Kyiv | Vitaly Portnikov. 05.10.2026.

Im Kreml hat man begonnen, den Botschaften jener Länder offen zu drohen, die sich weiterhin in der ukrainischen Hauptstadt befinden.

Der Pressesprecher von Präsident Putin, Dmitri Peskow, betonte, dass das Außenministerium der Russischen Föderation und das Verteidigungsministerium des Landes ständig vor der Gefahr in Kyiv warnten, die endgültigen Entscheidungen jedoch von den Regierungen jener Länder getroffen werden müssten, deren Botschaften sich in der ukrainischen Hauptstadt befinden.

Über diese Drohungen sollte man sich meiner Ansicht nach nicht wundern. Denn wir verstehen, dass der Beschuss Kyivs für Russland nicht nur einen militärisch-technischen, sondern vor allem einen psychologischen Zweck hat.

Die russische Armee kann an der Front nicht jene Ergebnisse erzielen, die Präsident Putin bereits 2022 vorgesehen hatte. Und das ist keine Übertreibung, denn aus Sicht des Kremls hätten die russischen Streitkräfte bereits im Frühjahr 2022 die Kontrolle über das gesamte Gebiet der Oblast Donezk erlangen sollen.

Jetzt ist Ende 2026, und es ist offensichtlich, dass es den russischen Truppen nicht gelingen wird, diese Aufgabe ihres Oberbefehlshabers zu erfüllen. An bestimmten Frontabschnitten ziehen sie sich sogar zurück.

Was kann Russland diesem offensichtlichen Scheitern seiner militärischen Pläne entgegensetzen? Nur die Einschüchterung der Ukrainer und Angriffe auf das Hinterland. Das ist, so kann man sagen, der letzte Trumpf des blutrünstigen russischen Präsidenten: die Ukrainer davon zu überzeugen, dass sie vor Russland kapitulieren müssen, selbst in einer Situation, in der die russische Armee nicht die gewünschten Ergebnisse erzielen kann.

Und aus dieser Sicht wäre die Verlegung der Botschaften, so glaubt man in Moskau, ein wichtiger psychologischer Sieg über die Ukrainer.

Wir alle erinnern uns an das Jahr 2022. Damals ging man im Westen davon aus, dass Kyiv im Falle eines Angriffs der Russischen Föderation von den Besatzungstruppen eingenommen und dort ein Marionettenregime der Agenten russischer Geheimdienste Viktor Janukowytsch und Viktor Medwedtschuk errichtet werden würde.

Schon damals wurden die Botschaften entweder nach Lwiw oder sogar nach Polen verlegt. So kamen etwa die Diplomaten der Vereinigten Staaten nur tagsüber nach Lwiw, übernachteten aber in Polen. Nach diesem oder einem ähnlichen Schema arbeiteten auch die Vertreter der diplomatischen Vertretungen anderer westlicher Länder. Von den Leitern der diplomatischen Vertretungen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union und der NATO blieb damals nur der polnische Botschafter in Kyiv.

Damit wurde demonstriert, dass man in den westlichen Hauptstädten die Möglichkeit einer Einnahme der ukrainischen Hauptstadt durch russische Truppen und den Übergang eines erheblichen Teils des ukrainischen Territoriums unter die Kontrolle der Besatzungstruppen und einer illegitimen Marionettenregierung für möglich hielt, deren Zusammensetzung bereits in Putins Büro festgelegt worden war.

Diese Erwartungen erwiesen sich als völlig unbegründet. Und seit diesem Zeitpunkt sind das Ansehen des russischen Staates und der russischen Armee buchstäblich zerstört. Russland begann seinen Einfluss sowohl in der Welt als auch im postsowjetischen Raum zu verlieren.

Einen Teil seines Einflusses konnte Putin erst dank des Sieges des Republikaners Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten und der Rückkehr des Milliardärs ins Weiße Haus wiederherstellen. Gerade dank Trumps Hilfe durchbricht Putin seine diplomatische Isolation. Und bei ihm entsteht die Hoffnung, nun auch seine alten Pläne hinsichtlich der Ukraine wieder aufnehmen zu können.

Doch wie wir verstehen, reichen Trumps Sympathien für seinen russischen Amtskollegen allein nicht aus. Wichtig ist auch, dass die russischen Streitkräfte eine tatsächliche Wirksamkeit zeigen.

Was bleibt also in einer Situation, in der die westlichen Länder ihre Unterstützung für die Ukraine nicht einstellen und die Administration der Vereinigten Staaten keine offenen Vereinbarungen mit dem selbstverliebten russischen Herrscher treffen kann?

Es bleibt, Kyiv und andere ukrainische Städte zu terrorisieren. Es bleibt, Zivilisten zu Opfern zu machen. Es bleibt, so zu handeln, wie die Russen im Laufe der Jahrhunderte der schändlichen Geschichte ihres imperialistischen und menschenverachtenden Staates gehandelt haben.

Damit diese Handlungen jedoch überzeugend wirken, muss man natürlich auch im Westen wieder an die russische Macht glauben und zu jener Angst zurückkehren, die 2022 in den westlichen Hauptstädten herrschte, als Politiker bereits davon ausgingen, dass man sich von der ukrainischen Staatlichkeit verabschieden müsse. Und sie sagten dies den ukrainischen Politikern und Ministern, die sich damals mit ihren westlichen Amtskollegen trafen, beinahe ganz offen.

Die Verlegung der Botschaften wäre gerade für den psychologischen Druck ein gewichtiger Faktor. In der Praxis würde sie allerdings nicht viel verändern.

Nun, was hat die Verlegung der Botschaften aus der ukrainischen Hauptstadt im Jahr 2022 verändert? Wie hat sie den russischen Unmenschen geholfen, Kyiv zu erreichen und die Kontrolle über die ukrainische Hauptstadt zu übernehmen? Wie hat sie ihnen geholfen, all jene Operationen durchzuführen, die bereits im fernen Jahr 2014 in Putins Büro geplant worden waren? Wie hat sie ihnen geholfen, die Kontrolle über das gesamte Gebiet der leidgeprüften Regionen Donezk und Luhansk zu erlangen, die für die russischen Truppen bei ihren Versuchen, ukrainisches Territorium zu besetzen, zu einem regelrechten Erprobungsfeld geworden sind?

In Wirklichkeit hat sich nichts Wesentliches verändert. Verändert hat sich lediglich die psychologische Wahrnehmung der Realität. Und genau diese psychologische Wahrnehmung der Realität wurde zerstört, als die Russen aus der Umgebung von Kyiv und anderen Städten im Norden unseres Landes flohen.

Selbst wenn man sich also vorstellen würde, dass die westlichen diplomatischen Vertretungen heute von Kyiv in andere Städte verlegt würden, würde dies an der Realität des Krieges wenig ändern, an unserer Wahrnehmung dieses Krieges jedoch sehr viel. Und das verstehen wir alle sehr gut.

Deshalb ist es natürlich sehr wichtig, dass man sich in den westlichen Hauptstädten über das Ziel des russischen Präsidenten realistisch im Klaren ist. Sowohl wenn er von der Fortsetzung des Beschusses von Kyiv und anderen ukrainischen Städten spricht, ohne auch nur noch seinen Wunsch zu verbergen, zivile Objekte zu beschießen und friedliche Stadtbewohner zu töten, als auch wenn der Pressesprecher des russischen Präsidenten seinen ehemaligen Kollegen inzwischen ganz unverhohlen droht.

Vielleicht haben Sie vergessen, dass Peskow eigentlich kein professioneller Propagandist, sondern Berufsdiplomat ist und Putin einst gerade in dieser Eigenschaft kennenlernte, als er in der russischen Botschaft in der Türkei arbeitete und dem russischen Präsidenten durch seine Bereitschaft gefiel, jeden, selbst den niederträchtigsten Auftrag auszuführen.

Und nun droht ein ehemaliger Diplomat Diplomaten mit Mord und Tod. Das unterstreicht noch einmal die ganze Amoralität sowohl des Landes, das gegen uns Krieg führt, als auch jener Menschen, die dieses Land regieren und bereit sind, jeder Laune ihres verrohten Diktators nachzugeben, der mit dem Tempo des Vormarsches seiner Armee und damit unzufrieden ist, dass seine geopolitischen Pläne nicht verwirklicht werden.

Doch die Zeit vergeht, und das Imperium in jenem Ausmaß, von dem Putin und andere Tschekisten träumten, lässt sich nicht mehr wiederherstellen. Und die Schuldigen an diesem Scheitern der Pläne des Komitees für Staatssicherheit der Sowjetunion und des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation sind nicht etwa sie selbst, Menschen, die mit blutbefleckten Händen in der Vergangenheit verharren, sondern die Zivilbevölkerung von Kyiv und westliche Diplomaten, die lediglich ihre beruflichen Pflichten in der Hauptstadt eines europäischen Staates erfüllen. Eine bestechende Logik, muss man schon sagen.


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Titel des Originals: Росія погрожує посольствам у Києві | Віталій Портников. 05.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 05.10.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Putin stellt Geld für einen langen Krieg bereit | Vitaly Portnikov. 02.10.2026.

Russlands Präsident Putin bereitet sich auf einen jahrelangen Krieg vor. Und keineswegs unbedingt nur mit der Ukraine. Zu diesem offensichtlichen Schluss kommt die Nachrichtenagentur Bloomberg bei ihrer Analyse des neuen Haushalts der Russischen Föderation.

Die Militärausgaben in diesem Haushalt sind für das kommende Jahr mit 205 Milliarden Dollar veranschlagt, das sind 40 Prozent mehr als 2026. Und natürlich 380 Prozent mehr als die Militärausgaben der Russischen Föderation vor dem großangelegten Angriff dieses Landes auf die Ukraine.

Somit lässt sich mit Sicherheit sagen, dass die russische Wirtschaft auf Kriegswirtschaft umgestellt wurde und ein jahrelanger Krieg für Putin und sein Umfeld zu einer echten Priorität wird.

Man kann sich fragen, warum die Militärausgaben für 2026 in keinem Verhältnis zu den Militärausgaben für 2027 stehen. Diese Frage ist nicht besonders schwer zu beantworten.

Der russische Präsident hatte eine Theorie, wonach Amerika nach den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten und der Rückkehr Donald Trumps ins Oval Office seine Unterstützung für die Ukraine einstellen und die Ukraine gezwungen sein würde, vor der Russischen Föderation zu den von Putin vorgegebenen Bedingungen zu kapitulieren.

Das heißt, aus Sicht des russischen Präsidenten hätte der ukrainische Staat im Jahr 2026 bereits aufgehört haben sollen zu existieren und seine Gebiete hätten als Föderationssubjekte Teil der Russischen Föderation werden sollen.

Doch dieses Kalkül ging nicht auf. Es stellte sich heraus, dass die europäische Unterstützung für die Ukraine fortgesetzt wird und die Ukraine nicht nur weiterhin Widerstand gegen die Russische Föderation leistet, sondern auch mit der systematischen Zerstörung der Wirtschaft eines der widerwärtigsten Staaten der heutigen Welt begonnen hat.

Das gehörte nicht zu Putins Plänen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die europäische Unterstützung für die Ukraine es dem Nachbarstaat ermöglichen würde, mit der Zerstörung der russischen Wirtschaft und damit mit der Zerstörung seines terroristischen Regimes zu beginnen.

Und auch die Amerikaner stellen trotz aller Sympathien von Präsident Donald Trump für Putin ihre Unterstützung für die Ukraine zumindest in den Bereichen nicht ein, die für die Verteidigungskräfte von Bedeutung sind. Dazu gehört insbesondere die Bereitstellung von Geheimdienstinformationen. Donald Trump spricht weiterhin weniger darüber, dass die Ukraine den von Putin gestellten Bedingungen zustimmen müsse, als vielmehr über die Notwendigkeit eines Waffenstillstands an der russisch-ukrainischen Front.

Somit ist man im Kreml zu dem Schluss gelangt, dass nur die Fortsetzung eines jahrelangen Krieges mit seiner möglichen Ausweitung auf die andere Länder des europäischen Kontinents Russland zu jenem Sieg verhelfen wird, den es benötigt, um seine Rolle als führender geopolitischer Akteur zu bewahren und sich im Wettbewerb zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China auf der Seite Pekings zu positionieren.

Doch für einen solchen großen Krieg braucht man natürlich Geld. Und Putin kann keinen Krieg führen, ohne den Militärhaushalt zu erhöhen – und zwar drastisch. Genau diese drastische Erhöhung vollzieht sich jetzt vor unseren Augen.

Somit sind es die Zahlen und nicht die Worte des russischen Präsidenten, die von seinem tatsächlichen Plan zeugen. Putin mag nicht darauf hoffen, den russisch-ukrainischen Krieg schnell zu beenden, doch er möchte unter allen Umständen über die notwendigen Ressourcen für diesen Krieg verfügen.

Es muss betont werden, dass die Haushaltspläne der Russischen Föderation inzwischen nicht nur ein Jahr, sondern gleich drei Jahre umfassen. Sowohl 2028 als auch 2029 ist lediglich ein geringfügiger Rückgang der Verteidigungsausgaben zu beobachten. Somit lässt sich davon ausgehen, dass der Kreml damit rechnet, dass zumindest die gesamten 2020er-Jahre vom Krieg geprägt sein werden.

Warum? Sowohl 2028 als auch 2029 sind als Jahre vorgesehen, in denen der russische Militärhaushalt auf dem höchsten Niveau seiner Geschichte gehalten werden soll. Auch der Grund dafür ist nicht schwer zu verstehen. Ende 2028 werden in den Vereinigten Staaten erneut Präsidentschaftswahlen stattfinden.

Offensichtlich hat Putin gerade diesen Zeitpunkt dafür vorgesehen, zu entscheiden, wie er mit dem endlosen russisch-ukrainischen Krieg weiter verfahren will. Ob er einen Waffenstillstand verkünden und darauf hoffen soll, mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, der dann bereits am Ende seiner politischen Karriere stehen wird, für Russland günstige Bedingungen auszuhandeln, oder ob er im Gegenteil den neuen amerikanischen Präsidenten abwarten soll, dessen Name Ende 2028 bereits bekannt sein wird, um im Gespräch mit diesem Politiker zu klären, wie sich die Kriegssituation weiterentwickeln und zu welchen Zugeständnissen gegenüber Russland die Vereinigten Staaten bereit sein werden, damit dessen Krieg gegen die Ukraine endet.

Das wird natürlich davon abhängen, wie man im Kreml das Potenzial des neuen amerikanischen Präsidenten einschätzen wird. Ob er eher zu Zugeständnissen an Moskau bereit sein wird als sein Vorgänger oder ob man im Gegenteil das Zeitfenster nutzen muss, das in den letzten Monaten von Donald Trumps Amtszeit im Weißen Haus noch bestehen wird, und sich auf diese Weise die Friedensstifterambitionen des amerikanischen Präsidenten zunutze machen kann.

Doch das gilt nur unter bestimmten Voraussetzungen. Wenn die russische Wirtschaft in den kommenden Jahren der russisch-ukrainischen Konfrontation weiter unaufhaltsam zerfällt und verfällt, kann natürlich auch alles früher enden – insbesondere dank der Anstrengungen der ukrainischen Streitkräfte und der Zerstörung des russischen Wirtschaftspotenzials. Russland könnte schlicht das tatsächliche Geld – und nicht nur das auf dem Papier im Haushalt ausgewiesene – fehlen, um einen jahrelangen Krieg fortzusetzen, der bis in die 2030er-Jahre hineinreicht.

Doch wenn wir darüber sprechen, was enden könnte und was nicht, müssen wir uns zumindest der Pläne des russischen Diktators bewusst sein. Diese Pläne wirken in der Regel nicht realistisch. Erinnern wir uns an den Plan eines Blitzkriegs gegen die Ukraine und daran, dass der ukrainische Staat aus Sicht des Kremls bereits seit 2022 nicht mehr auf der politischen Landkarte der Welt existieren sollte. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2026, und Putin plant, mindestens bis 2029 Krieg zu führen.

Wir müssen uns jedoch darüber im Klaren sein, welche konkreten Absichten des russischen Präsidenten, seiner Armee und seiner vom Chauvinismus vergifteten Gesellschaft wir in der nächsten Phase des Krieges vereiteln müssen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass niemand in Russland beabsichtigt, auf den diplomatischen Prozess zu setzen und die Waffen niederzulegen.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Russland nicht an territorialen Zugeständnissen interessiert ist, sondern an der Vernichtung des ukrainischen Staates selbst, mit der anschließenden Vertreibung seiner Bevölkerung und der Vernichtung eines großen Teils der ukrainischen Bürger. Und wenn wir dies nicht nur aus Putins Worten, sondern aus den Zahlen des Staatshaushalts erkennen, werden wir Russland und seinen menschenverachtenden aggressiven Ambitionen wirksamer Widerstand leisten können – Ambitionen, die sich schon jetzt in Rubel für Militärausgaben verwandeln.


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Titel des Originals: Путін готує гроші для довгої війни | Віталій Портников. 02.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 02.10.2026.
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Die geheime Beisetzung Kaschpirowskis | Vitaly Portnikov. 04.10.2026.

Der vor wenigen Tagen verstorbene selbsternannte Heiler und Hellseher aus der Zeit der Perestroika, Anatoli Kaschpirowski, soll in Sankt Petersburg beigesetzt werden – unter Ausschluss selbst seiner engsten Freunde.

Wann die Abschiedszeremonie stattfinden und wo Kaschpirowski beigesetzt wird, weiß niemand. Ein folgerichtiges Schicksal für einen der berüchtigtsten Hochstapler der Vergangenheit, der Tausende Menschen anzog und dessen pseudowissenschaftliche Hypnosesitzungen im Zentralfernsehen der Sowjetunion ausgestrahlt wurden.

Wenn es überhaupt markante Symbole der Perestroika gab, die deutlich machten, was in den Jahren der kommunistischen Diktatur tatsächlich mit der sowjetischen Gesellschaft geschehen war, dann waren es natürlich Anatoli Kaschpirowski und Allan Tschumak. Allerdings hielten beide einander für Scharlatane.

Kaschpirowski war zweifellos ein künstlerisch begabter Mensch. Doch es ist klar, dass er ohne die Unterstützung der damaligen sowjetischen Führung niemals auf die Fernsehbildschirme gelangt wäre und sein Publikum nicht mit seinen im Grunde auf die Forderung hinauslaufenden Aussagen hypnotisiert hätte, sich der Hypnose zu unterwerfen.

Als die Perestroika zu Ende war, fand Kaschpirowski weiterhin Verständnis bei den neuen Moderatoren führender Fernsehshows im ganzen Land. Dabei ging es nicht nur um Russland, sondern auch um den postsowjetischen Raum. Bekanntlich boten sowohl Andrei Malachow als auch Dmitri Gordon dem schon beinahe in Vergessenheit geratenen Hellseher eine Plattform.

Doch offensichtlich waren nicht sie die Urheber von Anatoli Kaschpirowskis Erfolg während der Perestroika. Es waren jene Kuratoren von der Lubjanka, die sich sowohl um die Karriere des Hellsehers kümmerten als auch ihre künftigen Vertreter in der Politik auf die Bühne brachten, darunter Wladimir Schirinowski. Es war keineswegs Zufall, dass Kaschpirowski Abgeordneter der ersten Staatsduma wurde, und zwar ausgerechnet für Schirinowskis Partei, in deren Fraktion sich zahlreiche zwielichtige Gestalten jener Jahre wiederfanden.

Wer war Schirinowski in Wirklichkeit? Wie eng seine Verbindungen zum KGB der UdSSR waren, ist meines Erachtens durch die gesamte politische Tätigkeit dieses Mannes deutlich geworden, den der Kreml dazu benutzte, die extravagantesten Pläne der russischen Führung an der Gesellschaft zu erproben – Pläne, die inzwischen Wirklichkeit geworden sind.

Und Kaschpirowski? Kaschpirowski war ungefähr vom gleichen Schlag, nur auf einem anderen Gebiet. Politisch gesehen war er geradezu Schirinowskis Hellseher. Denn es ist wohl kein Zufall, dass ein Mann, der in der Ukraine geboren wurde und bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion den größten Teil seines Lebens gerade in diesem Land, in Kyiv, verbracht hatte, in den 20er-Jahren des 21. Jahrhunderts die russische Aggression gegen die Ukraine unterstützte und schließlich in Wladimir Putins Heimatstadt starb – von seinen eigenen Landsleuten praktisch vergessen.

Gerade Kaschpirowskis politische Orientierung, seine Verbindungen zu Schirinowskis LDPR und seine politischen Äußerungen, die keinerlei Zweifel daran ließen, wem seine Sympathien tatsächlich galten, können heute Aufschluss darüber geben, woher jener Mann auf dem sowjetischen Fernsehbildschirm überhaupt kam, der beschlossen hatte, Krankheiten mit dem Klang seiner Stimme heilen zu können.

Es ging nicht nur darum, die Aufmerksamkeit des Publikums irgendwie von den Problemen, die während der Perestroika entstanden waren, auf im Fernsehen übertragene Hypnosesitzungen umzulenken. Man musste Menschen finden, die sich die Gesellschaft unterwerfen und die Aufgaben erfüllen konnten, die sich die sowjetischen Tschekisten schon damals gestellt hatten.

Sowohl Schirinowski als auch Kaschpirowski waren genau solche Menschen, die auf unterschiedliche Weise an die Erfüllung dieses wichtigen Auftrags herangingen. Doch bei Kaschpirowski funktionierte es nicht besonders gut. Praktisch sofort wurde klar, dass er ein Scharlatan war, der nur eine relativ kleine Gruppe von Menschen ohne jegliche Vorstellung von Wissenschaft und Bildung für sich interessieren konnte, und dass aus ihm kein ernst zu nehmender öffentlicher Politiker oder gesellschaftlicher Führer werden würde. Obwohl Kaschpirowski selbst sich natürlich völlig anders einschätzte.

Gerade deshalb wurde er von denen, die ihn ins Zentralfernsehen gebracht hatten, praktisch sofort aus dem Kreis der Symbole der Perestroika entfernt. Der Fernsehführung versuchte man nicht länger zu erklären, wie wichtig Kaschpirowskis Sitzungen für die Beruhigung der sowjetischen Gesellschaft seien. Und in all den folgenden Jahren seiner Tätigkeit konnte der ausgediente Hellseher seine paranormalen Fähigkeiten in keiner Weise mehr unter Beweis stellen.

Zu einem markanten Symbol wurde seine Reise in die besetzte Geburtsklinik von Budjonnowsk, wo Kaschpirowski Schamil Bassajew traf und versuchte, ihn zu hypnotisieren. Bassajew schnaubte nur skeptisch, blickte dem Staatsduma-Abgeordneten aus der Banditenfraktion in die Augen und fragte ihn, warum es denn nicht funktioniere. Im Grunde war dies Kaschpirowskis letzter Auftritt in der russischen Politik. Danach machte er höchstens noch mit seinen letzten Äußerungen zur Unterstützung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine von sich reden.

Doch allein die Tatsache, dass Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen während Kaschpirowskis Fernsehsitzungen den Fernseher einschalteten und glaubten, er könne ihnen bei ihrer Genesung helfen, zeigt bereits, dass der zu Sowjetzeiten verbreitete Mythos vom gebildetsten und lesefreudigsten Land der Welt an diesen Fernsehsitzungen zerbrach; dass die Sowjetunion trotz ihrer gesamten äußeren Fassade in Wirklichkeit ein Land finsterer Unwissenheit und des Glaubens an Wunder geblieben war. Und gerade diese finstere Unwissenheit sollte es den Tschekisten schon bald ermöglichen, die Kontrolle über das Land zu erlangen, während Wladimir Putin rasch alle Ansätze des Wandels beseitigen und Russland zurück in die stalinistische Vergangenheit führen konnte.

Gerade Putin erwies sich als jener Kaschpirowski und Schirinowski in einer Person, der die Aufgaben in die Tat umsetzen konnte, die das Komitee für Staatssicherheit der UdSSR seinen Agenten bereits Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre gestellt hatte.

Vielleicht ist es also durchaus symbolisch, dass Kaschpirowski ausgerechnet in der Heimatstadt jenes Mannes heimlich beigesetzt werden soll, der zum Hypnotiseur für Millionen Russen wurde – für Menschen, die zur leichten Beute dessen wurden, der nicht versuchte, sie mit seiner Stimme zu heilen, ihnen dafür aber ein politisches Programm anbot, das für eine unaufgeklärte Gesellschaft leicht verständlich war.


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Titel des Originals: Тайные похороны Кашпировского | Виталий Портников. 04.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 04.10.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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