Gestohlenes Getreide im Hafen von Haifa – wie in der Jerusalemer Straßenbahn. Vitaly Portnikov. 28.04.2026.

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Als Antwort auf die Warnung des ukrainischen Außenministers Andrii Sybiha über die mögliche Ankunft eines weiteren Schiffes im Hafen von Haifa, das gestohlenes ukrainisches Getreide transportiert, riet ihm sein israelischer Kollege Gideon Sa’ar, Beweise vorzulegen, anstatt in den sozialen Medien Anschuldigungen zu erheben.

Auf den ersten Blick spiegelt diese Antwort die Haltung eines erfahrenen Politikers wider, der seinem weniger erfahrenen Kollegen erklärt, wie man in einer heiklen Situation handelt.

Wäre da nicht der Präzedenzfall eines vorherigen Schiffes, das gestohlenes Getreide transportierte und bereits in Haifa     eingelaufen war. Dieses Schiff lief nicht nur in israelische Gewässer ein, sondern konnte den Hafen auch ohne Konsequenzen wieder verlassen. Der Außenminister Israels hatte schlicht „keine Zeit“, auf die von seinem ukrainischen Kollegen vorgelegten Beweise zu reagieren. Nach Angaben hochrangiger diplomatischer Quellen in Kyiv gelangten die von der Ukraine gesammelten Dokumente nicht einmal auf den Tisch des israelischen Generalstaatsanwalts, sondern blieben in den Archiven des Außenministeriums liegen. Nun beabsichtigt die Ukraine, die Beweise direkt bei der Staatsanwaltschaft Israels einzureichen. Daher ist es möglich, dass Gideon Sa’ar sie überhaupt nicht zu sehen bekommt.

Wenn der Außenminister Israels auf den Ruf „Haltet den Dieb!“ aus einem Land, das er als Freund bezeichnet, zunächst mit der Forderung nach Beweisen reagiert, erinnert das an eine Szene in der Jerusalemer Straßenbahn. Jemand neben Ihnen ruft, dass ihm die Brieftasche gestohlen wurde, und statt Hilfe anzubieten oder die Polizei zu rufen, raten Sie dem Opfer, zunächst zu beweisen, dass die Brieftasche – und ihr Inhalt – tatsächlich ihm gehört haben. Eine solche Reaktion ist nur dann plausibel, wenn Sie sowohl das Opfer als auch den Dieb kennen. Oder zumindest, wenn Sie den Dieb kennen – und Angst vor ihm haben.

Ich habe keinen Grund, Gideon Sa’ar der Voreingenommenheit gegenüber der Ukraine zu beschuldigen. Ich war bei seinem Treffen mit Vertretern der jüdischen Gemeinde der Ukraine in Kyiv anwesend und habe gehört, wie er seine Unterstützung für die Ukraine im Kampf gegen die russische Aggression zum Ausdruck brachte. Er hat diese Aggression auch wiederholt öffentlich verurteilt, unter anderem in seinen Reden im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.

Doch wenn es um konkrete Interessen geht – wie etwa den Verkauf von Gestohlenem –, überwiegen oft andere Erwägungen. Korruption? Angst vor Russland? Angst vor China, dessen Unternehmen den neuen Hafenterminal in Haifa betreiben?

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass eine solche Vorsicht – der Versuch, „dem Bären nicht auf die Pfoten zu treten“ – zu nichts führt. Der Kreml behandelt Israel nicht als ein Land, dessen Interessen respektiert werden müssten. Er unterstützt weiterhin Israels Gegner. Und diese Gegner sind dieselben für Israel wie für die Ukraine. Hinter Iran stehen Russland und China. Iran unterstützt Russland im Krieg gegen die Ukraine, während Russland Iran hilft, die Konfrontation mit den Vereinigten Staaten und Israel durchzustehen. Am selben Tag, an dem Sybiha sich an Sa’ar wandte, war Vladimir Putin in Sankt Petersburg und umarmte den iranischen Außenminister Abbas Araghchi.

Deshalb hätte man erwarten können, dass der Außenminister Israels gemeinsam mit der Ukraine nach Wegen zur Lösung des Problems des gestohlenen Getreides sucht, anstatt seinem Kollegen Vorträge zu halten wie einem nachlässigen Studenten. Jeder andere Ansatz deutet darauf hin, dass die Angst vor Russland – und die Hoffnung auf Verständnis dort, wo es keines gibt – weiterhin ein entscheidender Faktor in der israelischen Diplomatie bleibt.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Stolen grain on the Jerusalem tram. Vitaly Portnikov. 28.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 28.04.2026.
Originalsprache: en
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Zelensky beschuldigt Israel | Vitaly Portnikov. 28.04.2026.

Der Präsident der Ukraine Volodymyr Zelensky droht vor dem Hintergrund der möglichen Ankunft bereits eines zweiten Schiffes mit von Russen gestohlenem ukrainischem Getreide im israelischen Hafen von Haifa mit gemeinsamen ukrainischen und europäischen Sanktionen gegen diejenigen, die an diesem Geschäft beteiligt sind, und ruft die Regierung des Staates Israel dazu auf, keine Schritte zu unternehmen, die die Beziehungen zwischen der Ukraine und Israel verschlechtern würden.

Zelenskys Erklärung erschien kurz nachdem sich die Außenminister der Ukraine und Israels in den sozialen Netzwerken eine Kontroverse geliefert hatten. Der ukrainische Außenminister Andrii Sybiha wandte sich an seinen israelischen Kollegen mit der Forderung, das Einlaufen eines zweiten Schiffes mit gestohlenem ukrainischem Getreide in einen israelischen Hafen zu verhindern. Der Leiter des israelischen Außenministeriums Gideon Sa’ar hingegen betonte, dass die Ukraine bislang keine ausreichenden Beweise vorgelegt habe und sich auch nicht mit der Bitte um rechtliche Unterstützung an Israel gewandt habe. Sa’ar versprach, die Situation zu prüfen, allerdings sind bisher außer diesem Kommentar des Außenministers in den sozialen Netzwerken keine offiziellen Stellungnahmen der israelischen Regierung erschienen.

Unterdessen zeigt eine Untersuchung einer israelischen Publikation, dass die Russische Föderation seit 2023 Maßnahmen ergreift, die auf den Transport von gestohlenem ukrainischem Getreide in den Hafen von Haifa abzielen. Ich erinnere daran, dass derzeit ein neuer Terminal dieses Hafens von der Volksrepublik China betrieben wird, die ebenfalls daran interessiert sein könnte, ihrem strategischen Verbündeten zu helfen.

Das Schiff, das in Haifa einlaufen könnte, wäre das zweite von denen, bei denen zuverlässig bekannt ist, dass sie gestohlenes ukrainisches Getreide transportieren. Seit 2023 konnte jedoch bereits von sieben Schiffen gesprochen werden, die theoretisch Objekte eines solchen russischen Transports sein könnten. Aus dieser Sicht stellt sich natürlich die Frage, warum in Israel keine Instrumente gefunden werden, um russische Handlungen zu verhindern.

In meinem heutigen Blog für die Times of Israel https://uebersetzungenzuukraine.com/2026/04/29/gestohlenes-getreide-im-hafen-von-haifa-wie-in-der-jerusalemer-strassenbahn-vitaly-portnikov-28-04-2026/ betone ich, dass laut diplomatischen Quellen die Ukraine bereits ausreichende Beweise über die Herkunft des Getreides gesammelt hat, als es um das erste Schiff ging, das im Hafen von Haifa erschien, und diese Beweise an das israelische Außenministerium übermittelt hat. Die Dokumente blieben jedoch im Archiv des Ministeriums und wurden nicht gemäß dem erforderlichen Verfahren an die Staatsanwaltschaft Israels weitergeleitet.

Und so konnte das Schiff Haifa wieder verlassen. Der israelische Außenminister Gideon Sa’ar erklärte, dass die Regierung einfach keine Zeit gehabt habe, Maßnahmen im Zusammenhang mit seinem Aufenthalt im israelischen Hafen zu ergreifen.

Wenn man diese Situation jedoch aus makropolitischer Perspektive betrachtet und sich daran erinnert, dass Russland heute einer der offensichtlichen Feinde Israels ist und nicht nur ein Land, das weiterhin Krieg gegen die Ukraine führt, wirkt eine solche Kurzsichtigkeit gegenüber der russischen Politik aus Sicht der nationalen Interessen Israels ziemlich seltsam. Denn an dem Tag, an dem der ukrainische Außenminister Andrii Sybiha seinen israelischen Kollegen Gideon Sa’ar ansprach und dieser statt einer angemessenen Reaktion ein Gespräch außerhalb der sozialen Netzwerke vorschlug, traf sich der Präsident der Russischen Föderation Vladimir Putin in Sankt Petersburg mit dem iranischen Außenminister Abbas Araghchi.

Diese Gespräche zielten selbstverständlich auf die Ausarbeitung einer gemeinsamen Strategie zur Destabilisierung der Lage im Nahen Osten und zur weiteren Schwächung der Positionen sowohl der Vereinigten Staaten als auch Israels in der Region ab. Ebenso ist bekannt, dass Russland seit Beginn des Krieges der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran konsequent auf der Seite der Islamischen Republik steht, die Vereinigten Staaten und Israel der Aggression gegen Iran beschuldigt und alles daransetzt, dass die iranische Führung ihren Einfluss auf die Situation bewahrt – was Russland als öl-exportierendem Land zugutekommt, das selbstverständlich an der Fortsetzung der Blockade der Straße von Hormus interessiert ist.

Somit ist Russland keineswegs ein Land, dessen illegale Handlungen Israel ignorieren sollte. Und hier stellt sich natürlich die zentrale Frage, warum die Regierung unter Führung von Benjamin Netanyahu diese Handlungen ignoriert.

Meiner Ansicht nach ist dies eine Trägheit der Angst vor Moskau, die noch aus der Zeit stammt, als die Russische Föderation begann, das syrische Regime von Bashar al-Assad im Kampf gegen Aufständische zu unterstützen und die Kontrolle über den syrischen Luftraum übernahm. Damals entstand das Konzept Russlands als eines neuen Nachbarn Israels, mit dem man die Beziehungen nicht verschlechtern sollte.

Doch heute gibt es in Syrien eine andere Regierung. Und aus dieser Sicht hätte Israel gerade daran interessiert sein können, Beziehungen zur Ukraine aufzubauen, die bessere Kontakte zum neuen Präsidenten Syriens hat als die Führung der Russischen Föderation, die den Diktator Assad aufgenommen hat. Somit ist offensichtlich, dass Russland längst kein Nachbar Israels mehr ist.

Neben dieser Trägheit können auch andere Motive existieren, die es der israelischen Regierung heute nicht erlauben, die ukrainischen Befürchtungen hinsichtlich des Auftauchens von Schiffen mit gestohlenem ukrainischem Getreide in israelischen Häfen zu verstehen. Diese Motive lassen sich vor allem durch die Position der „gleichen Distanz“ erklären, die Premierminister Benjamin Netanyahu gegenüber den Führern der Weltmächte gewählt hat. Dies betrifft, wie wir sehen, nicht nur die Vereinigten Staaten unter Donald Trump, sondern auch die Russische Föderation unter Putin und China unter Xi Jinping.

Doch die neuen Realitäten zeigen, dass weder Russland noch China an gleich distanzierten Beziehungen zu Israel interessiert sind und ganz konkret – sowohl deklarativ als auch praktisch – jene Länder unterstützen, die sich wünschen, dass Israel von der politischen Weltkarte verschwindet. Und aus dieser Sicht wäre es für Israel natürlich weit vorteilhafter, freundschaftliche Beziehungen zur Ukraine zu pflegen und ihr im Kampf gegen die russische Aggression zu helfen, als die Augen vor russischen Verbrechen zu verschließen und davor, dass Moskau einen israelischen Hafen für den Transport von gestohlenem ukrainischem Getreide nutzen kann.

Ob der derzeitige Premierminister Israels diese politischen Wahrheiten zu verstehen vermag, bleibt jedoch eine große Frage. Und das faktische Fehlen einer ernsthaften politischen Antwort auf die Herausforderungen, vor denen sowohl die Ukraine als auch Israel stehen, kann die Beziehungen zwischen Ländern verschlechtern, die sich logischerweise solidarisieren sollten – zumindest deshalb, weil sie gemeinsame Feinde und gemeinsame Bedrohungen haben.


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Titel des Originals: Зеленський звинувачує Ізраїль | Віталій
Портников. 28.04.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 28.04.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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