Der Besuch des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky in Aserbaidschan hat, kann man sagen, symbolischen Charakter. Zum ersten Mal seit Beginn des großen Krieges zwischen Russland und der Ukraine besucht der Präsident der Ukraine ein Land, das Mitglied der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten ist.
Wieder sehen wir eine Situation, die eine ernsthafte Schwächung der Position Russlands im postsowjetischen Raum verdeutlicht. Es genügt, sich daran zu erinnern, was vor vier Jahren geschah, als Putin sich auf den Angriff auf unser Land vorbereitete. Genau damals, am 22. Februar 2022, befand sich der Präsident Aserbaidschans Ilham Aliyev zu einem Besuch in Moskau und unterzeichnete mit Putin die sogenannte Moskauer Deklaration über eine strategische Partnerschaft zwischen der Russischen Föderation und Aserbaidschan.
Diese Unterzeichnung fand buchstäblich wenige Stunden nachdem Putin feierlich die sogenannte Unabhängigkeit der Volksrepubliken des Donbas anerkannt hatte statt. Und alle waren sich bereits bewusst, dass er sich auf einen Angriff auf unser Land vorbereitete.
Ilham Aliyev sprach nach seinen Gesprächen mit Putin nicht einmal mit Journalisten. Der russische Präsident trat allein vor die Presse und sprach weniger über die russisch-aserbaidschanischen Beziehungen als über die Situation rund um die Ukraine. Und damals betonte man in Baku, dass das Dokument, das Aliyev und Putin unterzeichnet hatten, mehrere Monate lang vorbereitet worden war, man aber mit einer solchen Koinzidenz der Umstände nicht gerechnet hatte.
Es hätte auch eine andere politische Situation geben können. Beispielsweise hätte der aserbaidschanische Präsident, der das ganze Ausmaß der Aggressivität seines russischen Kollegen sah, es eilig gehabt, das Dokument zu unterzeichnen, weil er befürchtete, dass die russische Aggression nach der Ukraine auf jede andere ehemalige Sowjetrepublik übergreifen könnte. Auch auf Aserbaidschan. Doch seitdem hat Russland gezeigt, dass es buchstäblich vollständig im Krieg gegen die Ukraine gebunden ist und keine Kräfte mehr hat, um die ehemaligen Sowjetrepubliken einzuschüchtern.
Es hat sich eine völlig neue Kräfteverteilung im Südkaukasus herausgebildet. Aliyev erlaubt sich, mit Putin in einem ultimativen Ton zu sprechen und vom russischen Präsidenten eine Entschuldigung für den Abschuss eines aserbaidschanischen Zivilflugzeugs durch ein russisches Luftabwehrsystem zu verlangen. In Aserbaidschan werden russische Spione aus dem sogenannten Rossotrudnichestvo verhaftet, das bekanntlich eines der wichtigen diversiven und propagandistischen Zentren der Russischen Föderation im postsowjetischen Raum ist.
Und Russland ist gezwungen, die Souveränität Aserbaidschans anzuerkennen, nicht nur deshalb, weil zwischen Baku und Ankara beispiellose partnerschaftliche Beziehungen bestehen, sondern auch deshalb, weil Moskau selbst schlicht keine Kräfte für Aktivitäten im Zusammenhang mit den ehemaligen Sowjetrepubliken hat. Alle russischen Anstrengungen sind heute auf die ukrainische Front konzentriert, weil man im Kreml versteht, dass man, wenn man diese Front verliert, auch den Einfluss im postsowjetischen Raum als solchen verliert. Von imperialen Träumen wird man sich verabschieden müssen.
Dass Aliyev nun Zelensky empfängt, den Präsidenten eines Landes, das mit Russland Krieg führt, das russische Ölraffinerien und Ölhäfen angreift, das militärische Objekte Russlands sogar in dessen eigenem Hoheitsgebiet trifft, dass er die territoriale Integrität der Ukraine unterstützt – das ist natürlich eine weitere laute Ohrfeige für Putin.
Und der Kreml-Diktator versteht sehr wohl das ganze Ausmaß seiner Demütigung sowohl durch den Präsidenten Aserbaidschans als auch durch den Präsidenten der Ukraine. Nur kann er vorerst nichts dagegen tun. Rache ist zwar Putins Lieblingsbeschäftigung, aber für jede Rache braucht man reale Kräfte und Möglichkeiten.
Währenddessen vereinbaren Aserbaidschan und die Ukraine eine Zusammenarbeit hinter dem Rücken der Russischen Föderation und, kann man sagen, auch hinter dem Rücken Irans, der nach Beginn des Krieges der Vereinigten Staaten und Israels gegen das Regime der Ayatollahs versucht hat, auch die politische Situation in Aserbaidschan zu destabilisieren.
Doch auch im Fall dieses wichtigen Verbündeten Russlands erlaubt sich Aliyev nun, in der Sprache von Ultimaten zu sprechen und an all jene Probleme zu erinnern, die für das iranische Regime entstehen könnten, wenn es sich ernsthaft mit Baku überwirft.
Aber auch der Schutz des aserbaidschanischen Himmels unter Bedingungen, in denen die Aktualität des Problems von Angriffen durch Drohnenschwärme offensichtlich wird, verstärkt das Interesse Bakus und Kyivs an partnerschaftlichen Beziehungen, was sich zumindest im Treffen des ukrainischen Präsidenten mit jenen ukrainischen Beratern widerspiegelte, die der aserbaidschanischen Armee helfen, selbst einer theoretischen Attacke seitens Irans zu widerstehen.
Und wiederum: warum seitens Irans? Wir verstehen, dass Russland von seinen Ambitionen im postsowjetischen Raum nicht abrücken wird, solange in diesem Land ein chauvinistisches tschekistisches Regime existiert. Und somit kann sich ein Drohnenschwarm aus Iran jederzeit in einen Drohnenschwarm aus Russland verwandeln, der Baku angreift. Eine solche Situation kann in den kommenden turbulenten Jahrzehnten ebenfalls nicht ausgeschlossen werden.
Daher gibt es einen völlig nachvollziehbaren Ausweg aus der Situation, in der ehemalige Sowjetrepubliken in Moskau weiterhin nicht als souveräne Staaten wahrgenommen werden und in Ländern wie Iran oder der Volksrepublik China weiterhin als Partner gerade Russlands gelten. Die Antwort kann gerade in der Bündelung der Kräfte liegen.
Und Zelensky kann darüber hinaus seine Kontakte mit Aliyev für gemeinsame Gespräche mit amerikanischen Regierungsvertretern nutzen, die bekanntlich den Transportkorridor im Südkaukasus als eine der wichtigen perspektivischen Errungenschaften von Donald Trump betrachten. Allerdings bleibt das Schicksal dieses Korridors vor dem Hintergrund des amerikanisch-iranischen Krieges derzeit leider ungewiss.
Doch es gibt sehr viele offene Fragen, die umgesetzt werden könnten, wenn es gelingt, den Widerstand Pekings, Moskaus und Teherans zu überwinden. Und die Treffen in Aserbaidschan zeigen, wie dieser Widerstand durch gemeinsame Anstrengungen überwunden werden kann.
Natürlich ist dies nur einer der ersten Schritte, aber Schritte, die uns erneut daran erinnern, dass der postsowjetische Raum erodiert und dass neben Russland immer weniger Länder verbleiben, die bereit sind, mit seinem chauvinistischen Regime zu kooperieren. Und immer mehr Länder sind bereit, mit der Ukraine zu sprechen, selbst wenn sie wissen, dass dies den Hass und die Rache des Kremls hervorrufen wird.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Зеленський в Азербайджані: головне |
Віталій Портников. 25.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 25.04.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.