Tschornobyl. Vitaly Portnikov. 26.04.2026.

https://zbruc.eu/node/124166?fbclid=IwZnRzaARaoeRleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEelj8DOXS5tEyQuPsmy1A838ZmmlrYt0aHl1R_XpFnv251vBgdsbBnZ5IIuuY_aem__IXvG18h9EpSDjixwjCuaA

Im April 1986 kehrte ich aus Kasachstan über Moskau in die Ukraine zurück, das damals ein Knotenpunkt für die Unionsrepubliken war. Ich plante, einige Tage in der sowjetischen Hauptstadt zu bleiben, um später zum Studium nach Dnipro zu kommen. Doch eine unerklärliche Kraft – vielleicht war es Intuition, vielleicht spürte ich bereits das Herannahen einer Krankheit – zwang mich, unmittelbar nach der Ankunft am Flughafen Wnukowo ein Ticket nach Kyiv zu nehmen.

Nach Kyiv.

So fand ich mich völlig unerwartet in einer Stadt wieder, die Tschornobyl erleben würde. Manche würden vielleicht meinen, dass ich Pech hatte, denn ich hätte weit entfernt vom Unglück sein können und nicht in meiner Heimatstadt im Moment der größten Strahlengefahr. Und tatsächlich, als ich später nach Dnipro kam, sahen mich meine Kommilitonen wie einen lebenden Toten an – so groß war damals die allgemeine Angst vor „Strahlung“. Aber sowohl damals als auch heute bin ich der Meinung, dass es ein echtes berufliches Glück war: Wenn man diesen Beruf schon gewählt hat, muss man sein Land in den wichtigsten Momenten seiner Geschichte sehen – im Leid wie in der Freude. Und aus dieser Sicht ist es dieselbe Herausforderung, Zeuge des 25. April 1986 zu sein, wie Zeuge des 24. August 1991 oder des 24. Februar 2022. Es ist erstaunlich, dass ich jedes Mal wie zufällig im Epizentrum der Ereignisse war. Für den 18. August 1991, genau in der Nacht des Putsches, hatte ich ein Zugticket von Moskau nach Kyiv gekauft, und für Februar 2022 hatte ich bereits eine lange ersehnte Reise auf den Sinai geplant – die ich natürlich verschob, weil ich verstand, dass epochale Ereignisse bevorstanden und es ein Verbrechen gegenüber mir selbst und gegenüber meinem Land gewesen wäre, den ersten Akt der Tragödie zu verpassen.

Also sah ich jenes Kyiv im April und Mai – nicht so detailliert, wie ich es mir gewünscht hätte, denn ich brachte aus Kasachstan „Röteln“ mit und lag lange im Bett, aber auch das war eine wertvolle Erfahrung, denn die Ärzte hielten mich für eines der ersten Opfer einer ihnen unbekannten Strahlenkrankheit, und solange sich die tatsächliche Diagnose nicht zeigte, sagten sie meinen Eltern, dass man sich von mir verabschieden könne. Dennoch sah ich die verlassene Stadt ohne Kinder, beobachtete, wie die Menschen allmählich die Gefahr begriffen und von den munteren Meldungen des sowjetischen Fernsehens – übrigens des Gorbatschow-Fernsehens – zum Abhören westlicher Radiosender übergingen.

Und damals formulierte ich für mich endgültig eine einfache Formel: Wenn ich wirklich im echten Journalismus arbeiten sollte, dann in einem wie bei Radio Svoboda und nicht in einem so verlogenen und hilflosen wie im eigenen Land. So wurde meine Vorstellung von Würde in dem Beruf, den ich bereits vorsichtig, um mich nicht zu beschmutzen, auszuüben begann, auch durch das geprägt, was ich in jenen Tagen sah.

Und ich sah, dass man uns im Stich gelassen hatte. Dass die Moskauer Regierung die Ukrainer wie Eingeborene behandelte, denen man die Wahrheit über das Geschehene nicht sagen dürfe, deren Leben und Gesundheit man dem Schutz des eigenen Gesichts und der „Vermeidung von Panik“ opfern konnte. Und ich wandte mich immer wieder dem jüdischen Schicksal während des Zweiten Weltkriegs zu, als meine Mitbürger von ihren angeblich eigenen, in Wirklichkeit aber so fremden Regierungen im Stich gelassen wurden. Dieser Vergleich verdichtete sich in meiner Vorstellung immer wieder zu einer einfachen Einsicht: Nein, ohne einen eigenen Staat kann das ukrainische Volk nicht überleben. Es wird keine Chancen geben.

Zeitzeugen könnten mir vorwerfen, ich manipuliere die Geschichte zugunsten moderner Narrative. Schließlich gab es damals auch das Erdbeben in Armenien, und Moskau unternahm alle Anstrengungen zur Hilfe, und der damalige Vorsitzende des Ministerrats der UdSSR, Nikolai Ryschkow – später wurde er zu einem der führenden Parteikonservativen und beendete seine politische Karriere mit leidenschaftlicher Unterstützung der putinschen Aggression gegen die Ukraine – wurde damals als Nationalheld Armeniens wahrgenommen. Doch auch hier gibt es einen sehr wichtigen     entscheidenden Punkt. Denn die Führung der Armenischen SSR verhielt sich in der Zeit der Tragödie wie eine nationale Führung – und das, obwohl der erste Sekretär des Zentralkomitees der republikanischen Kommunistischen Partei, Suren Harutjunjan, erst ein halbes Jahr vor dem Erdbeben an die Macht gekommen war, nach der langen Ära seines Vorgängers Karen Demirtschjan, und weder im eigenen Land noch in Moskau über großes Ansehen verfügte. Unser damaliger Führer Volodymyr Schtscherbyzkyj hingegen war einer der einflussreichsten Parteifunktionäre auf Unionsebene, Mitglied des Politbüros und Anwärter auf eine führende Rolle im Kreml.

Aber er verhielt sich wie ein Gauleiter. Gerade in den Tagen von Tschornobyl – auch wenn es unter den Funktionären anständige Menschen gab, die versuchten, die Folgen der Tragödie entgegen den Moskauer Anweisungen zu mildern – wurde offensichtlich, dass dies eine fremde Macht war. Dass es die Macht des Kremls für die Ukrainer war, selbst wenn sie aus Menschen bestand, die von unserem Boden stammten. Das war keine große Entdeckung, denn die Sowjetukraine war vom ersten Tag ihrer Proklamation an in Wirklichkeit einfach eine große „DNR“. Doch in den Tagen von Tschornobyl wurde dies selbst für jene offensichtlich, die es hartnäckig nicht sehen wollten.

Doch mein wichtigster Eindruck jener Tage formte sich erst mit den Jahren und war mit dem verbunden, was ich vor der Katastrophe sah. Denn als ich nach Kyiv flog, eröffnete sich vor meinen Augen aus dem Flugzeugfenster eine Landschaft von unglaublicher Schönheit – noch unglaublicher, weil ich sie sah, nachdem in der Ferne die kasachischen Steppen zurückgeblieben waren. Hier blühte alles, alles war grün und weiß, alles pulsierte vor Leben, alles schien dich zu schützen und zum Leben zu ermutigen – in der Jugend werden solche Empfindungen natürlich noch intensiver wahrgenommen.

Und erst mit der Zeit wurde mir bewusst, dass ich damals vor meinen Augen die Frühlingslandschaft von Tschornobyl gesehen hatte.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Чорнобиль. Віталій Портников. 26.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 26.04.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Kommentar verfassen