Madjar. Madjar, Kommandeur der SBS der Ukraine, Gründer der Einheit „Vögel Madjars“. Als Einheit, als Familie, haben wir den ganzen militärischen Weg vom ersten Tag an zurückgelegt: von einem Schützenzug der Territorialverteidigung bis zur größten, stärksten Brigade unbemannter Systeme der Welt. Jetzt ist es eine Truppengruppierung unbemannter Systeme, die ich führe. Zu ihr gehören zwölf Kampfeinheiten. Die Zahl des Personalbestands werde ich, entschuldigen Sie, nicht nennen. Aber wir wachsen und formen die Drohnenlinie. Die Drohnenlinie ist ein Phänomen, das dazu bestimmt ist, den gesamten Frontstreifen zu schließen, mit allen möglichen und von uns angewandten Arten der Einwirkung auf die Front.
Frage. Wie haben Sie begonnen, mit militärischen Drohnen zu arbeiten?
Madjar. Als wir in den Süden kamen, dorthin, wo sich die Cherson-Kampagne entwickelte, hatte der Gegner Cherson eingenommen und rückte in Richtung Mykolajiw vor. Und wir fanden uns als Infanteristen in den Schützengräben wieder. Irgendetwas traf uns, wir erlitten Verluste, konnten aber nicht zurückschlagen. Denn es war kein Bild wie im Film, wenn eine Menge mit Maschinengewehren auf eine andere Menge mit Maschinengewehren zuläuft. So war es nicht, wie im Film. Wir standen auf bestimmten Positionen, auf offenem Gelände, denn in der Region Cherson gibt es nicht viel Grün. Gegenüber arbeitete von Zeit zu Zeit irgendwelche Technik, und diese Technik fügte uns Verluste zu.
Bei uns entstand organisch der Wunsch zu verstehen, was auf uns einschlägt. Denn wenn sich ein Panzer oder Artillerie der Stellung nähert, hört man, dass sie sich bewegt. In diesem Fall hörten wir nichts. Es fanden einfach Beschießungen statt, und dann wurde alles still. Damals kam zum ersten Mal die Idee einer Drohne auf, um sie steigen zu lassen und nachzusehen, was auf der anderen Seite ist. Denn die Entfernung zwischen uns betrug 1.200 bis 2.500 Meter.
Ich hatte im zivilen Leben einmal zum ersten Mal eine Drohne für meine Kinder gekauft, als ich auf einer Auslandsreise in Singapur war. Und die Kinder spielten damit. Und damals hat sich bei mir einfach irgendwie eingeprägt, dass ein Kind nun endlich mit irgendeinem Mittel fliegen kann, auf ein paar Hundert Meter aufsteigen und sehen kann, was es vom Boden aus nicht sieht. Das ist einfach eine Assoziation, die in dem Moment entstand, als du nicht verstehst, was gegen dich Krieg führt, du nur ein Gewehr in den Händen hast, höchstens ein Maschinengewehr, und du keine Chance hast, weil man mit einem Gewehr keinen Panzer stoppt. Und mit einer Granate stoppt man ihn auch nicht beim ersten Mal.
Und diese Idee entwickelte sich zunächst ausschließlich aus der Sicht der Selbsterhaltung und des Selbstschutzes und der Aufklärung. Als wir einfach eine Aufklärungsdrohne hatten, das alles geschah in einem sehr kurzen Zeitraum, wir lernten schnell, gab die Aufklärungsdrohne keine Möglichkeit, den Gegner unmittelbar zu vernichten. Und dann begannen wir, bestimmte Gefechtsköpfe an die Drohne zu schrauben. Am Anfang Granaten, dann Munition eigener Herstellung, selbstgemachte. Sie mit der Drohne über den Gegner zu bringen, mit der Drohne zu finden, wo der Gegner ist, und sie auf ihn abzuwerfen.
Das war am 5. Juni 2022… Okay, ich werde nicht sagen, zu welchem Anlass. Der Geburtstag eines mir teuren Menschen. Und ich erinnere mich, dass ich ihm mit einem Video gratulierte, wie wir abgeworfen hatten… Wir hatten schon gelernt, der Sturm-Infanterie etwas auf den Kopf abzuwerfen, Granaten abzuwerfen und sie zu töten. Und damals, am 5. Juni, zeigte ich ihm einen sehr dynamischen Fall. Es war sogar eher ein Zufall, weil es gelang, den Gegner aus 300 Metern Höhe am Kopf zu treffen. Das ist keine Arbeitshöhe, das war für uns ein neues Niveau, dass man aus solcher Höhe treffen kann. Danach haben es nur wenige wiederholt, weil die Arbeitshöhe eine ganz andere ist. Wir arbeiten mit Drohnen gegen den Gegner vom null bis etwa anderthalb Hundert Metern.
Munition abzuwerfen ist auch nicht perspektivreich, weil die Drohne anfliegt, die Granate abwirft, getroffen oder nicht getroffen, und zurückkehren muss. Und im Juni kamen FPV-Drohnen in unser Leben. Eine FPV-Drohne ist eine Einwegdrohne, sie hat schlechtere Kameraeigenschaften, aber sie ist ein Einweggerät, in eine Richtung. Sie ist billiger als eine Aufklärungsdrohne, und sie kann mehr Munition von größerem Gewicht tragen. Und in diesem Moment begann der Wendepunkt.
Frage. Wie schätzen Sie Ihre Rolle im jetzigen Krieg ein?
Madjar. Unser wertvollstes Gut sind lebende Menschen, Soldaten. Die Mobilisierung im fünften Kriegsjahr in der Ukraine ist, gelinde gesagt, schwierig. Diejenigen, die kämpfen wollten, kämpfen bereits alle. Diejenigen, die emigrieren wollten, sind bereits alle emigriert. Diejenigen, die sich vor der Armee verstecken, die nicht meinen, dass sie bereit seien, oder nicht meinen, dass sie ihr Land verteidigen müssen, auf sie zählen wir nicht. Das ist nicht das Kontingent, das nützlich sein wird. Denn unsere Rekrutierung läuft ununterbrochen. Aber die Rekrutierung verläuft längst nicht in dem Tempo, das wir bräuchten.
Entsprechend ist die Mathematik sehr einfach. Wenn man berücksichtigt, dass das wichtigste Ziel des Gegners das Personal ist, nicht ein Panzer, nicht ein Geschütz, nicht irgendeine andere Art, sondern das Personal. Kein Personal – kein Sturm. Das ist die wichtigste Priorität. Unter Berücksichtigung dieses Umstands ist die wichtigste Priorität bei der Eindämmung der Anstrengungen des Gegners die unmittelbare Einwirkung auf die zahlenmäßige Zusammensetzung seiner Truppen. Ich übersetze es ins Ukrainische: auf das Töten der gegnerischen Soldaten.
Entsprechend ist es nicht äquivalent und sehr gefährlich, das Personal mit den eigenen Ressourcen an Personal zu töten, weil Verluste nicht so schnell ausgeglichen werden können. Die Körper des Gegners, tote Körper von Militärangehörigen, gegen Metall und Plastik zu tauschen, das 300 bis 500 Dollar kostet, ist der beste Wechselkurs der Welt. Der Tausch einer Drohne für 300 Dollar gegen das Leben eines Sturm-Soldaten des Gegners. Und nachdem wir das nicht unbegrenzte menschliche Potenzial Russlands verstanden haben – und davon zeugt der Umfang der Mobilisierung –, rekrutiert Russland für den Krieg im Jahr etwas mehr als 400.000 Soldaten. Das sind 33.000 bis 35.000 Soldaten, die monatlich für die spezielle Militäroperation mobilisiert werden müssen. Seit Dezember 2025 haben wir zum ersten Mal das Gleichgewicht hergestellt: wie viele vom Gegner mobilisiert wurden und wie viel Personal des Gegners dank Drohnen vernichtet wurde, was im funktionierenden situativen operatives System „Delta“ bestätigt ist.
In der Ukraine funktioniert ein solches militärisches System, in dem jede Wirkung dokumentiert und bestätigt wird – ob ein konkreter gegnerischer Soldat getötet oder verwundet wurde. Verwundet ohne Möglichkeit der Evakuierung oder leicht verwundet und später evakuiert. Im Dezember 2025 wurde dieses Gleichgewicht erreicht, und Stand April 2026 ist das erstmals ein entscheidender Wendepunkt. Vier Monate in Folge gelingt es, dieses Gleichgewicht negativ zu halten. Das heißt, wir, die Verteidigungskräfte der Ukraine, töten mit Drohnen nachweislich mehr, als die russische Armee mobilisiert.
Frage. Wie ist es Ihnen gelungen, in den vergangenen Monaten so viele russische Soldaten zu töten?
Madjar. Das ist eigentlich nicht schwierig. Wenn man den Mobilisierungsplan versteht, und das ist kein Geheimnis: Der Gegner kennt unsere Mobilisierungspläne, wir kennen ihre Mobilisierungspläne. Es gibt noch eine Toleranz von 20 Prozent – das sind Verluste des Gegners, die wir nicht bestätigen können. Ich werde das jetzt entschlüsseln. Das sind Verluste des Gegners infolge von Kontaktkämpfen. Das sind Verluste des Gegners, wenn Artillerie arbeitet und man nicht jedes Ziel aufklären kann, dort, wo die Artillerie gearbeitet hat. Dort gibt es Verluste, aber wir können sie nicht bestätigen. Das ist die Arbeit weitreichender Drohnen, das ist die Arbeit von Mehrfachraketenwerfersystemen, das ist schließlich auch die Arbeit von Drohnen, die auf Objekte gerichtet ist, bei denen eine Bestätigung des Verlustes des Personals unmöglich ist.
Vier Sturmsoldaten springen zum Beispiel in ein kleines Gebäude in einem Ort, den sie angreifen. Wir sehen sie, eine Aufklärungsdrohne schwebt unmittelbar über dem Gebäude in dem Ort, den sie stürmen. Wir sehen sie. Sie beobachtet sie ständig, damit sie nicht entkommen. In diesem Moment beginnen Kampfdrohnen zu arbeiten. Sie führen mehrere Schläge aus, so viele wie nötig, vielleicht auch ein Dutzend, das Gebäude wird vollständig zerstört. Aber die Körper bleiben unter den Trümmern. Wir können nicht beweisen, dass diese Soldaten des Gegners zum Beispiel nicht in den Keller gekrochen sind und am Leben bleiben. Und wir können das im Delta-System nicht als zugefügte Verluste zeigen. Solche unbestätigten Verluste machen etwa 20 Prozent aus.
Die Zahlen, die ich Ihnen nenne, sind genaue Zahlen aus der Verifikation von Delta, mit Videobestätigung, Ergebnisse ausschließlich von Drohneneinheiten. Nicht nur der Kräfte unbemannter Systeme, sondern sämtlicher Drohnen der ukrainischen Armee.
Unter der großen Zahl verschiedener Ziele gilt bei uns in der Gruppierung eine Priorität erster Ordnung. Das ist die Vernichtung gegnerischer Piloten, die den ukrainischen Verteidigungskräften große Verluste zufügen, die Logistik stören, Angriffe unterbinden, Stellungen bekämpfen und so weiter. Und die zweite Priorität ist das Personal. Für das Personal ist ein Plan festgelegt. 30 Prozent aller Ziele, die von den Kräften unbemannter Systeme getroffen werden, müssen sich auf Personal beziehen.
Frage. Worin liegt die Bedeutung von Deep Strikes, von Drohnenschlägen in die Tiefe des russischen Territoriums?
Madjar. Die Zahl der Begräbnisse auf dem Territorium Russlands führt zu gewissen sozialen Verschiebungen, denn selbst unter jener Zensur, die es in Russland mit Einschränkungen sozialer Netzwerke und dem Fehlen alternativer Meinungen gibt, stellen die Menschen einander offensichtlich eine Frage: „Wozu brauchen wir diese Spezialoperation? Fehlt uns die Region Dnipropetrowsk? Oder fehlt uns persönlich etwas, demjenigen, dessen Mann für Geld in den Krieg gegangen ist? Fehlt ihm ein Grundstück in der Region Cherson?“ Nein. Hier werden ganz andere Aufgaben erfüllt. Und das beginnt, die Gesellschaft aufzuwühlen und eine gewisse Unruhe zu erzeugen. Wir verstärken sie durch entsprechende Angriffe in die Tiefe, die wir täglich steigern.
Und inzwischen sind selbst 1.500 bis 2.000 Kilometer tief im russischen Territorium kein ruhiges Hinterland mehr. Der freiheitsliebende ukrainische Vogel fliegt ein, wann er will und wohin er will. Ein Teil der Drohnen wird abgeschossen – die Luftabwehr arbeitet, das ist klar. Doch ein anderer Teil trifft wichtige Ziele und fügt dem militärisch-industriellen Komplex, der kritischen Infrastruktur sowie militärischen Produktions- und anderen Objekten erheblichen Schaden zu. Denn die Russen haben keine Bestätigung, dass wir Stadtviertel bombardieren, in denen Zivilbevölkerung lebt, im Unterschied zu Kyiv, Dnipro, Charkiw, Lwiw. Und es gibt keine Stadt in der Ukraine, in die keine Shahed-Drohnen fliegen; die ballistischen Raketen des Gegners zielen schlicht auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung. Hier gibt es genug Beweise für zehn Verfahren vor dem Haager Tribunal. Doch die Schwächung der Wirtschaft und der Druck auf den ‚blutigen Dollar‘ durch Einschränkungen bei Förderung, Ölexport und Produktion schaffen, gelinde gesagt, keine gute Stimmung in Russland – und könnten den inneren Unmut bis hin zu zerstörerischen Entwicklungen steigern.
Denn wie auch immer die aktuelle Phase des Krieges endet oder gestoppt wird – wir verstehen doch, dass selbst dann, wenn Verluste Russlands, der Druck der Partner oder andere Faktoren jetzt für eine gewisse Zeit zu einem Stillstand führen, der Krieg nicht wirklich beendet sein wird. Er wird wieder aufflammen, wenn Putin oder sein Nachfolger – falls er verreckt – es wieder schafft, Kräfte aufzubauen, neue propagandistische Narrative zu finden und damit zu begründen, dass sie erneut etwas verteidigen müssen: die russische Sprache oder russische Touristen, die auf ägyptische Pyramiden klettern – was auch immer, sie werden sich schon etwas einfallen lassen. Sie werden ihre Verfassungen entsprechend anpassen und mit neuer Kraft wieder losziehen. Alles ist einfach. Die Zerstörung des militärisch-industriellen Komplexes, der Infrastruktur, militärischer Objekte, der Logistik. Die Zerstörung der Quelle der Kriegsfinanzierung. Sie tauschen die Bodenschätze ihrer Erde gegen Dollar, die sie später mit Shaheds und ballistischen Raketen gegen uns richten.
Frage. Wie erfolgreich sind Ihrer Meinung nach die Angriffe auf die russische Energiebranche?
Madjar. Sehen Sie, die wirtschaftliche Bewertung machen eben Wirtschaftsanalysten, sie berechnen die Zahlen sehr gut, weil es hier bestimmte Besonderheiten bei der Förderung und dem Export dieser Bodenschätze gibt. Ein Ölbohrloch kann man nicht einfach für Donnerstag und Freitag zudrehen. Es ist entweder verschlossen oder fördert. Entsprechend erfordert die Ansammlung dieser Ölprodukte große Lager, einfach gesagt. Das Fehlen dieser Lager oder ihr ständiges Brennen begrenzt diese Möglichkeiten. Und im Ergebnis erlaubt es nicht, bestimmte Mengen zu exportieren.
Nach verschiedenen Einschätzungen war die russische Ölbranche während dieser Phase anhaltender Angriffe in die Tiefe um 20 bis 30 Prozent ihres Potenzials eingeschränkt. Und wenn man das in Millionen Barrel umrechnet, die verkauft werden, ist das sehr erhebliches Geld, das die Finanzierung des Krieges ermöglicht. Und deshalb brannte gestern die Ölraffinerie Tuapse, und sie brennt auch heute noch.
Und heute Nacht – während wir sprechen – haben wir gegen 6 oder 7 Uhr die baltischen Ölexportrouten Russlands getroffen. Ust-Luga, Primorsk und so weiter. Diesen Rhythmus muss man ununterbrochen aufrechterhalten, Denn sie erholen sich – vielleicht nicht schnell, aber doch. Alles, was durch Drohnen zerstört wird, kann wieder aufgebaut, verlegt oder ersetzt werden. Deshalb muss dieser Prozess kontinuierlich fortgesetzt werden. Und dafür muss die Zahl der Schläge in die Tiefe einfach erhöht werden – angesichts der inkonsequenten Politik unserer Partner bei der Waffenlieferung. Man muss objektiv sein: Die USA ändern ständig ihre Haltung. Im letzten Quartal, in nur drei Monaten, haben wir unterschiedliche Positionen gehört – mit wem sie Krieg führen oder wen sie bekämpfen wollen, was sie überhaupt vorhaben. Von einem solchen Partner regelmäßige Lieferungen von Mitteln für Schläge in die Tiefe zu erwarten – entschuldigen Sie, das ist meine subjektive Meinung – ist nicht besonders aussichtsreich.
Bei uns in der Ukraine werden die wirksamsten Mittel für Schläge in die Tiefe hergestellt – sagen wir es so, um jene strategischen Industriellen nicht zu beleidigen, die ihr ganzes Leben lang Panzer, Raketen oder anderes bauen. Sie erinnern sich an die unvorsichtigen Aussagen des Präsidenten von Rheinmetall und die entsprechende Reaktion. Also: die wirksamsten Mittel in diesem Krieg – ohne zu behaupten, es seien die besten der Welt. Die wirksamsten, weil sie ihr Ziel erreichen und genau die Ziele zerstören, auf die sie angesetzt sind. Deshalb sind sie effektiv und schnell an die Bedingungen angepasst, während der Gegner ständig versucht, seine Luftabwehr zu modernisieren und neue Schutzsysteme gegen diese Drohnen zu entwickeln. Und wir verbessern unsere Drohnen kontinuierlich. Wenn man sie methodisch und täglich einsetzt, ist es sehr schwer, dieser lawinenartigen Entwicklung zu widerstehen.
Frage. Warum sind Ihre Angriffe in den vergangenen Monaten effektiver geworden?
Madjar. Vor allem ist es die Schwächung der Luftabwehr des Gegners. Wir arbeiten ununterbrochen auf operativer Ebene in jener Tiefe, in der sich taktische Mittel der Luftabwehr, Flugabwehrraketensysteme, Radarsysteme und alles andere befinden, welche dazu bestimmt sind, unsere Fernangriffs-Drohnen aufzuhalten. Wenn eine große Drohne fliegt, schießen diese taktischen Luftabwehrsysteme – also Systeme kurzer Reichweite – viele Fluggeräte bereits auf dem Weg ab. Wir richten unsere Anstrengungen auf die Vernichtung, auf die Schwächung dieser Luftabwehr.
Allein diese Gruppierung hat im Winter und in den ersten Frühlingsmonaten mehr als 100 Einheiten von Flugabwehrraketensystemen vernichtet. Wenn man berücksichtigt, dass Russland, als es seinen Krieg begann, insgesamt 150 Panzir hatte, ist die Vernichtung von jeweils 100 Einheiten in drei Monaten, gelinde gesagt, ein wesentlicher Schlag zur Schwächung der Luftabwehr des Gegners. Und das war, ist und bleibt eine Priorität. Um durch eine Tür zu gehen, muss man sie öffnen. Um weit hineinzufliegen, muss man einen Kanal freischlagen. Um einen Kanal freizuschlagen, muss man die Luftabwehr vernichten, die unter den Füßen liegt, alle Elemente der Luftabwehr. Auf sie richten wir unsere Schläge in der operativen Tiefe. Aber wiederum gibt es hier keine kategorischen Aussagen: Der Anteil der Vernichtung von Flugabwehrraketensystemen unter dem übrigen Katalog von Zielen überschreitet 20 Prozent nicht. 20 Prozent sind Luftabwehrsysteme; Von je 100 Einsätzen entfallen etwa 20 Prozent auf Flugabwehrraketensysteme und andere Luftabwehrsysteme.
Alles andere sind andere legitime militärische Ziele. Das sind Sammelorte für Personal hinter der Front in der operativen Tiefe, von wo aus Kräfte verlegt und Angriffe verstärkt werden. Das sind Munitionslager, das sind Lager für Kraft- und Schmierstoffe. Ich würde hier dennoch mehr auf dem Schlachtfeld konzentrieren als auf den Fernschlägen, weil gerade auf dem Schlachtfeld, hier auf diesen Bildschirmen, jener Kampf geführt wird, der zum Verlust oder zum Erhalt jedes Quadratkilometers der Ukraine führt. Aus diesem Raum heraus findet das massenhafteste Töten des Gegners in der Geschichte der Menschheit statt. Aus diesem Raum heraus, in dem Sie sich befinden. In zehn Monaten hat unsere Einheit die Marke von 85.000 bestätigten getöteten gegnerischen Soldaten überschritten. Das ist nicht einmal eine kleine Stadt, das ist eine große Wolke von Armeen des Gegners, vernichtet aus diesem Raum heraus mit Plastik und Metallstücken im Wert von 300 Dollar bis zu einigen Tausend Dollar.
Derzeit geht es um die Freigabe von 90 Milliarden Euro an Hilfe für die Ukraine, die Viktor Orbán blockiert hatte, seinen Einfluss in dieser Frage jedoch verloren hat. Alle Partner haben signalisiert, dass dieses Hilfspaket umgesetzt wird. Dieses Volumen reicht meiner Ansicht nach im aktuellen Kriegsrhythmus völlig aus, um dem Gegner deutlich größere Verluste zuzufügen.
Ich nenne Ihnen ein Beispiel einfach vom Schlachtfeld. Ohne tiefgehende Treffer, ohne strategische Objekte. Wir berechnen ja auch die Ausgaben und berechnen die Kosten des Krieges. Die Kräfte unbemannter Systeme führen bis auf den letzten Cent Buch über alle ihre Ausgaben und die Schäden, die sie dem Gegner zufügen. Ich nenne Ihnen diese Zahlen. Heute, wenn wir eine bestimmte Zahl von Drohnen einsetzen, berechnen wir den Wert der Ziele, die wir vernichten oder treffen konnten. Und der Wechselkurs im taktischen Kampf beträgt heute mehr als 100. Ein Dollar, der in Drohnen investiert wird, verwandelt sich in 100 Dollar Schaden des Gegners.
Wie berechnen wir das? Wenn wir einen Unterstand treffen, setzen wir seinen Wert mit null an, weil er von Hand gegraben wurde und keinen materiellen Wert hat. Wenn wir strategische Infrastruktur in der Tiefe treffen, können wir sie nicht berechnen. Nun, es brennt, wie viel das kostet, ist unklar. Wir berechnen auf taktischer Ebene alle Zieltypen, die genau dort an der Linie der Gefechtsberührung am Kampf teilnehmen. Wir haben als Grundlage den Wert eines gegnerischen Soldaten angesetzt. Wir haben diese Angaben von den Russen übernommen. Sie sagen, dass die russische Regierung für einen Militärangehörigen, seine Mobilisierung, seine Ausrüstung, seine Ausbildung und seine Lieferung an den Frontstreifen 56.200 Dollar ausgibt. Daraus besteht diese Zahl: 56.200 Dollar. Wir rechnen nicht ein, was sie für Gefallene zahlen oder wie teuer ihre Verträge sind. Wir legen ausschließlich diese eine, uns zugängliche Zahl zugrunde. Wenn wir ein Pkw vernichten, mit dem sich der Gegner bewegt, rechnen wir ihn mit 1.000 Dollar. Ein fairer Preis. Er kann nicht 20 Dollar kosten, und es hat keinen Sinn, ihn mit 50.000 Dollar zu berechnen. 1.000 Dollar. Nach dieser Kostenberechnung geben allein meine Einheiten auf taktischer Ebene monatlich ungefähr 40 Millionen für Drohnen aus und fügen dem Gegner Schäden von 4 Milliarden Dollar zu. Eins zu hundert. Über zehn Monate gerechnet liegen die Kosten pro ausgeschaltetem russischen Infanteristen bei 882 Dollar. Das ist, wie ich finde, ein sehr gutes Verhältnis von Hilfsgeldern für die Ukraine zu den Verlusten beim Gegner. Die Sorge um die Sicherheit des Personals wird in reale Zahlen umgewandelt.
Über Verlustzahlen spricht niemand gern. Die Kräfte unbemannter Systeme verbergen ihre Verluste nie. Sie sind ja selbst hier gewesen und haben die Gedenktafel gesehen, auf der die Verluste unter unseren Kameraden verzeichnet sind – unwiederbringliche Verluste. Das sind unsere gefallenen Piloten sowie Soldaten anderer Einheiten innerhalb der Kräfte unbemannter Systeme, in der Brigade ‚Vögel Madjars‘. Unsere Verluste im Jahr liegen unter 1 Prozent. Unter 1 Prozent im Jahr. Ist das kein angemessenes Risiko im Verhältnis zu den Verlusten, die dem Gegner beim Teil der lebenden Kraft zugefügt werden, beim Teil der von ihm eingesetzten Technik und Mittel, um seine Offensivhandlungen einzuschränken?
Und zum Schluss: Seit einem halben Jahr sehen Sie, dass der Gegner, obwohl er täglich meldet, er habe irgendwo etwas Neues erobert, keinen taktischen Vorteil hat und keine größeren Erfolge vorweisen kann, die er als Schlagwort propagandistisch nutzen könnte – etwa dass er innerhalb eines Monats die Hälfte irgendeiner Region eingenommen hat. Und er ist gezwungen, sogar auf Ebene des Armeekommandos, den Kreml über seine Erfolge zu täuschen.
Frage. Über die Zukunft des Drohnenkrieges.
Madjar. In dieser Form erlauben die technischen Eigenschaften der meisten Drohnen, die jetzt eingesetzt werden, zu sagen, dass eine mindestens 25 Kilometer breite Zone bereits äußerst gefährlich für den Aufenthalt ist. Das ist das Potenzial des Perimeters der Killzone mit Stand vom 17. April. 25 Kilometer: Sie können nicht sicher sein, wenn Sie sich dort befinden, dass Sie von dort lebend zurückkehren. Denn dorthin fliegt bereits nicht eine einzigartige Drohne, sondern eine durchschnittliche Drohne, die von der Ukraine und vom Gegner in diesem Krieg eingesetzt wird. Im Laufe der Entwicklung, des Aufbaus der Zahl der Drohnen, der Entwicklung von Kommunikationstechnologien, der Entwicklung neuer Drohnenmodelle wird sich diese Killzone offensichtlich ausweiten. Und ich würde hier nicht über das Erreichen einer ganzen Tiefe sprechen, etwa wenn wir eine 50-Kilometer-Killzone erreichen, wird es uns viel leichter fallen. Nein. Das ist eine völlig offensichtliche Perspektive in dem Moment, in dem neue Arten von Mitteln entwickelt werden, alternative Kommunikationsarten entwickelt werden und die Luft mit der Zahl dieser Mittel gesättigt wird. Wenn es nicht eine zufällig fliegende Drohne ist, sondern eine ständige Präsenz und Kontrolle der Luft. Diese Killzone ist bereits Realität. Das Eindringen künstlicher Intelligenz – mit allen gefährlichen Effekten, die das nach sich zieht – verdichtet momentan nur das Feuer und verringert die Überlebenschancen der Menschen in dieser Killzone. Die Zahl des Personalbestands der Kräfte unbemannter Systeme beträgt 2 Prozent der Gesamtzahl der ukrainischen Armee. Diese 2 Prozent erbringen 35 Prozent des gesamten Ergebnisses. Das heißt, jeder dritte vernichtete gegnerische Soldat und jedes dritte feindliche Ziel wird von den Kräften unbemannter Systeme vernichtet. Ein feindliches Ziel wird von den Kräften unbemannter Systeme vernichtet. Es ist völlig folgerichtig, dass wir jetzt an der Erhöhung der Zahl der Besatzungen und des Personalbestands der Kräfte unbemannter Systeme arbeiten, weil hier Mathematik wirkt. Wenn wir 5 Prozent der Armee in den Kräften unbemannter Systeme haben, werden wir 50 Prozent und mehr aller Treffer abdecken. Und das Niveau der Verluste des Personals, das sich wesentlich von den Verlusten der Infanterie oder der Sturmtruppen unterscheidet, zeigt, dass dieser Schritt und diese Bewegung, diese Bewegungsrichtung organisch, rational und richtig ist.
Frage. Aber die Russen machen ungefähr dasselbe – sie zielen auf Ihre Kräfte.
Madjar. Um neue Territorien zu erobern, reichen Drohnen allein nicht aus. Der Gegner braucht Infanterie. Er wird mehr bezahlen müssen, er wird irgendwelche Methoden des Zwangs anwenden müssen, um Soldaten zu mobilisieren und sie in die spezielle Militäroperation zu werfen, um Sturmhandlungen auszuführen. Sich mit Drohnen zu verteidigen ist nicht dasselbe, wie mit Drohnen anzugreifen. Wir können das bei vorhandenen Drohnen über einen sehr langen Zeitraum tun. Und diese Drohnen müssen wir nicht aus dem Ausland beziehen, sie müssen nicht ausländisch sein. Das ist größtenteils in der Ukraine entwickelte Technik – nicht nur lokalisiert, sondern hier geschaffen.
Alles, was in diesem Fall als Unterstützung notwendig ist, ist eine finanzielle Ressource. Wir warten nicht darauf, dass NATO-Truppen hier einmarschieren. Zumindest stelle ich mir nicht vor, wie hier in der aktiven Phase des Krieges Truppen Deutschlands, Britanniens oder Norwegens eintreten und neben uns mit einem Gewehr in der Hand oder mit einer Drohnensteuerung gegen den Gegner kämpfen können. Das hätte wahrscheinlich geopolitisch unkontrollierbare Folgen. Davon ist nicht die Rede, entsprechend zählen wir nicht darauf.
Sie haben richtig über die Schwierigkeiten unserer Mobilisierung gesprochen, okay, aber wir haben ein wirksames Instrument, eine wirksame Waffe, die man zur Eindämmung des Gegners einsetzen kann, nicht einmal zur Durchführung offensiver Handlungen, sondern zur Eindämmung. Das Verhindern eines effektiven Vorrückens des Gegners auf unserem Territorium wird ihn automatisch zwingen, die Ziele und den Plan dieser speziellen Militäroperation zu überdenken.
Also, Putin plant, sich in drei Monaten die Reste des Territoriums von 18 Prozent der Region Donezk zu holen. Allein in den verbleibenden Teilen dieses Gebiets gibt es drei, vier, ein Dutzend große Orte. Bedenken Sie, wie lange der Kampf um Myrnohrad oder Pokrowsk dauerte. Welche drei Monate denn? Was raucht er überhaupt? Das ist unrealistisch, verstehen Sie? Wir werden diese ganze Geschichte über lange Jahre hinziehen, und natürlich wird niemand freiwillig einfach so aus Kramatorsk, Slowjansk, Konstantinivka heraus aufstehen und weggehen, weil er sich gewünscht hat, die Region Donezk innerhalb der Grenzen zu besetzen, die sie in ihre Verfassung als historische Gerechtigkeit aus ihrer Sicht eingetragen haben. Das ist absurd.
Frage. Was ist Ihr größtes aktuelles Problem bei der Verteidigung der Ukraine gegen Russland? Bei der Verteidigung der Ukraine gegen Russland.
Madjar. Das Problem ist die Zeit. Ich würde nicht sagen, dass es ein Problem ist. Zeit ist notwendig, um die grundlegende Essenz der einfachen Wortverbindung aus zwei Worten vollständig umzusetzen: Drohnenlinie. Der Aufbau dieser Drohnenlinie aus diesem Frontstreifen muss so schnell wie möglich realisiert werden. Die Drohnenlinie muss zu einem geschlossenen, einheitlichen Streifen entlang der gesamten Front geschlossen werden, der auf allen vier Tiefenebenen wirkt. Sie wirkt, indem sie den Luftraum des Hinterlands schützt, sie wirkt auf taktischer Ebene, das, was Sie hier auf den Bildern sehen. In dieser 20–25 Kilometer breiten Zone, in der alle Angriffe stattfinden, zerschneidet sie auf operativer Ebene die Logistik – Munition, Treibstoff, Knoten- und Kommandopunkte – und führt gezielte Schläge in die Tiefe gegen den militärisch-industriellen Komplex aus.
Das Schließen dieser Drohnenlinie ist unsere große und aktuelle Herausforderung. Für ihr Schließen brauchen wir technische Ausstattung, das sind Drohnen, die haben wir, dafür brauchen wir Ressourcen, und für dieses Jahr gibt es sie auch, wir brauchen Menschen und wir brauchen Zeit für ihre Ausbildung. Wir müssen keine neue Erfahrung erfinden, wir müssen die bestehende weitergeben. Und die Zahlen auf der Tafel hinter Ihnen werden einfach jeden Monat dynamischer werden.
Die Kräfte unbemannter Systeme haben in zehn Monaten seit der Bildung der Gruppierung ihre Effektivität um das 14-Fache verbessert. Um das 14-Fache in zehn Monaten. Das nennt man einen realen, faktischen Indikator. Jeden Monat, jeden Tag töten 2 Prozent der Armee jeden dritten Gegner. Das sind 350 bis 400 Personen täglich. Unabhängig davon, ob es das Osterfest ist, sagen wir, Neujahr, Nacht, Tag, Winter, Sommer, Frühling, unabhängig davon. 350 bis 400 Einheiten des Gegners täglich, was im Monat 10.000 ergibt. 10.000 von insgesamt 30.000 – das ist jede dritte Einheit des Gegners.
Die durch Drohnen ausgeschalteten 30.000 bis 35.000 gegnerischen Soldaten bringen die Bilanz des Gegners ins Negative. Er schafft es nicht, so viel lebende Kraft zu rekrutieren, und künftig wird das nur schwieriger werden. Denn wenn man annimmt, dass die russische Regierung irgendwelche Gewaltmaßnahmen anwenden wird, um in die Armee einzuziehen, nun, dann wird ein Soldat, der gewaltsam eingezogen wird, eine leichte Beute sein. Er wird krepieren, ohne sich der Frontlinie zu nähern. Das wird nicht normgerechtes Material sein. Es ist bei ihnen ohnehin, gelinde gesagt, schon verdünnt mit Kranken, mit Knastinsassen aus Gefängnissen und mit wem auch immer.
Frage. Werden Sie je wieder in Ihr Leben vor dem Krieg zurückkehren?
Madjar. Ich schätze die Situation leider so ein, dass eine Rückkehr zu einem friedlichen Leben in der Form, wie es früher war, unmöglich ist, da ich zu den vorrangigen Zielen der Vernichtung durch Putins Geheimdienste gehöre. Und historisch ist bewiesen, dass ihre Geheimdienste, unabhängig davon, wer bei ihnen an der Macht ist, ein tief verankertes ‚Muskelgedächtnis‘ der Vernichtung haben. Und das wird mich offensichtlich den ganzen Rest meines Lebens begleiten. Aber das beeinflusst in keiner Weise das Niveau der Motivation, der Überzeugung von der Richtigkeit der eigenen Handlungen und der Effektivität, die sich jetzt in Verluste des Gegners umwandelt. Wir werden das tun und offensichtlich unser ganzes zukünftiges Leben einer Tätigkeit widmen, die mit militärischer Expertise verbunden ist. Ausbildung, Entwicklungen, irgendwelche Planungen und so weiter, worum es erst dann gehen wird, wenn die Regeln des gegenwärtigen Krieges festgelegt sind, wenn der Moment seines Stopps festgelegt ist. Ich wiederhole noch einmal: nicht seines Endes, davon ist jetzt überhaupt keine Rede. Ohne Illusionen, ohne rosarote Brille, ohne auch nur Sekunden der Hoffnung darauf. Ein Leben, wie es war, wird es nicht wieder geben.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Роберт „Мадяр“ Бровді: „Ми вбиваємо більше російських солдатів, ніж вони встигають мобілізувати“ BBC News Україна. 28.04.2026.
Kanal: BBC News Ukraine
Veröffentlichung / Entstehung: 28.04.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.