Angriff auf Noworossijsk | Vitaly Portnikov. 12.08.2026.

Ukrainische Drohnen und Raketen haben Noworossijsk angegriffen, den wichtigsten Marine- und Energiestützpunkt der Russischen Föderation am Schwarzen Meer. Die Angriffe galten dem Hafen von Noworossijsk, der Hafeninfrastruktur sowie der Luftverteidigung, die die Sicherheit von Noworossijsk gewährleisten sollte.

Darüber berichtete der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky. Angriffe auf mehrere Städte auf dem Territorium Russlands bestätigte auch der Gouverneur der Region Krasnodar, Weniamin Kondratjew.

Somit kann man feststellen, dass Noworossijsk, wohin ein erheblicher Teil der Schiffe der Schwarzmeerflotte der Russischen Föderation verlegt wurde, nachdem diese Flotte faktisch die Möglichkeit verloren hatte, sich ungestraft im ukrainischen Sewastopol aufzuhalten, und das weiterhin der wichtigste Stützpunkt für die Lieferung russischen Erdöls auf die Weltmärkte ist, für die Russen nicht mehr als sicherer Hafen gelten kann. Und es bleibt zu hoffen, dass der Hafen von Noworossijsk in den kommenden Monaten gezwungen sein wird, wenn schon nicht seinen Betrieb einzustellen, so doch zumindest erheblich einzuschränken.

Zugleich muss man jedoch bedenken, dass die ukrainischen Verteidigungskräfte im Fall von Noworossijsk nahezu chirurgische Präzisionsarbeit leisten müssen. Das hängt, so paradox es klingen mag, weniger mit den Russen als vielmehr mit den Amerikanern zusammen. Ausgerechnet heute, als wir von einem weiteren Angriff auf Noworossijsk erfuhren, wurde bekannt, dass die Regierung der Vereinigten Staaten die ukrainische Führung dazu gedrängt hat, keine Angriffe auf jene amerikanischen Interessen durchzuführen, die mit dem Transport kasachischen Erdöls über Noworossijsk verbunden sind, also auf die Tanker, die den Interessen des Kaspischen Pipeline-Konsortiums dienen.

Wir erinnern uns an das jüngste Gespräch des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, J. D. Vance, mit dem Präsidenten der Ukraine, Volodymyr Zelensky. Einzelheiten dieses Gesprächs wurden nicht bekannt gegeben; es hieß lediglich, es habe sich um einen weiteren sogenannten guten Dialog des ukrainischen Präsidenten mit einem Vertreter der Regierung des Präsidenten der Vereinigten Staaten nach dem jüngsten Treffen zwischen Volodymyr Zelensky und Donald Trump gehandelt.

Doch nun wird deutlich, dass J. D. Vance mit Volodymyr Zelensky keineswegs darüber gesprochen hat, wie die russische Aggression gegen die Ukraine gestoppt und der Ukraine im Kampf gegen den Aggressor geholfen werden kann. Er sprach darüber, wie amerikanische Geschäftsinteressen mithilfe des Transits über das Territorium der Russischen Föderation gesichert werden können.

Bekanntlich sind einige amerikanische Unternehmen Investoren des Kaspischen Pipeline-Konsortiums. Und als sich herausstellte, dass ihre Interessen infolge ukrainischer Angriffe auf Tanker im Schwarzen Meer gefährdet sein könnten, wandten sich die Führungskräfte dieser Unternehmen, die persönliche Beziehungen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, unterhalten, mit der Bitte an das Weiße Haus, ihre Interessen zu schützen, die für diese Menschen und ihre Lobbyisten in der Regierung natürlich weitaus wichtiger sind als das Leben und die Sicherheit ukrainischer Bürger und die Lage im russisch-ukrainischen Krieg.

Und wie wir sehen, wurde diese Lobbykampagne auf einem derart hohen Niveau betrieben, dass sogar der Vizepräsident der Vereinigten Staaten als Lobbyist für die Interessen dieser amerikanischen Energieunternehmen auftrat, anstatt deren Führungskräften vorzuschlagen, auf Interessen zu verzichten, die auf diese Weise dem Aggressorstaat dabei helfen, sein Erdöl über das Schwarze Meer zu transportieren. Denn wir verstehen sehr gut, dass unter dem Deckmantel der Interessen des Kaspischen Pipeline-Konsortiums weiterhin auch russisches Erdöl geliefert wird und die Russische Föderation zugleich destabilisierende Aktivitäten im Schwarzen Meer betreibt.

Doch die derzeitige amerikanische Regierung denkt, wie wir wissen, in erster Linie in finanziellen Interessen und nicht in den Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten, wovon wir uns seit dem Einzug von Donald Trump und J. D. Vance ins Weiße Haus wiederholt überzeugen konnten. Und wie nun aus Einzelheiten dieses Gesprächs zwischen dem Präsidenten der Ukraine und dem Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten berichtet wird, hat man sich in Kyiv mit den Forderungen der Amerikaner einverstanden erklärt, weil man die Beziehungen zu Washington nicht belasten will und darauf hofft, dass die amerikanische Regierung letztlich doch eine Lizenz für die Produktion von Patriot-Raketen erteilen wird und dass die Ukraine vor der Wintersaison zumindest eine gewisse Anzahl von Flugabwehrraketen erwerben kann, um der russischen Aggression entgegenzutreten.

Obwohl ich, offen gesagt, nicht recht verstehe, worauf solche Hoffnungen angesichts des offensichtlichen Mangels an Luftverteidigungssystemen in den Vereinigten Staaten selbst und der Befürchtungen von Präsident Donald Trump beruhen, dass die Vereinigten Staaten im Falle einer weiteren Runde der Auseinandersetzung mit Iran schlicht schutzlos dastehen könnten – nicht nur gegenüber iranischen Angriffen, sondern auch gegenüber potenziellen Angriffen anderer Gegner in der Welt.

Aber natürlich kann man in einer Situation, in der der amerikanische Präsident auf keinen Fall Krieg mit Iran führen will und zugleich nicht weiß, wie er einen Ausweg aus der geopolitischen Falle finden soll, in die er aufgrund seiner eigenen Kurzsichtigkeit und Inkompetenz geraten ist, darauf hoffen, dass es gelingt, ihn dazu zu bewegen, der Ukraine zumindest eine gewisse Anzahl von Patriot-Raketen zur Verfügung zu stellen.

Zugleich schaffen all diese Hoffnungen und Versprechen eine ganz besondere Atmosphäre rund um den Hafen von Noworossijsk. Einerseits ist offensichtlich, dass der Hafen außer Betrieb gesetzt werden muss. Der russische Handel im Schwarzen Meer muss unterbunden werden. Die Tätigkeit der Schwarzmeerflotte der Russischen Föderation muss unterbunden werden. Noworossijsk muss so zum Stillstand gebracht werden, wie die Russen Odesa zum Stillstand gebracht haben.

Andererseits müssen die Lobbyinteressen amerikanischer Milliardäre berücksichtigt werden, die unbestreitbaren Einfluss auf Präsident Donald Trump haben und deren Interessen dem amerikanischen Präsidenten weitaus näher stehen als das Interesse an einem Sieg der Ukraine im russisch-ukrainischen Krieg und sogar als die Interessen der potenziellen Sicherheit seines eigenen Staates, der sich in einer offensichtlichen Konfrontation mit autoritären Regimen befindet. Nur will Donald Trump dies angesichts seiner offen bekundeten Sympathien für den Präsidenten der Russischen Föderation Putin und den Staatschef der Volksrepublik China Xi Jinping partout nicht wahrhaben. Und deshalb ist jeder ukrainische Angriff auf Noworossijsk, wie ich bereits bei der Erläuterung all dieser Umstände betont habe, echte Präzisionsarbeit.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Russen früher oder später selbst gezwungen sein werden, den Betrieb des Hafens von Noworossijsk einzustellen. Und damit würde auch der Betrieb des Kaspischen Pipeline-Konsortiums zum Erliegen kommen, zumindest auf seiner russischen Route.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Удар по Новоросійську | Віталій Портников. 12.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 12.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Krieg der Städte: eine neue Eskalationsstufe | Vitaly Portnikov. 09.08.2026.

Zunächst möchte ich unser heutiges Gespräch mit meinem aufrichtigen Mitgefühl für die Einwohner von Odesa beginnen, für all jene, die unter dem erneuten massiven Angriff der Russischen Föderation auf die ukrainische Stadt gelitten haben. Unter den in dieser Nacht angegriffenen Orten waren auch andere ukrainische Städte und Regionen. Aber Odesa steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und wenn wir in den vergangenen Wochen über die Angriffe auf Kyiv gesprochen haben und darüber, dass Kyiv im Epizentrum dieser Tragödie steht, die wir infolge der russischen Angriffe beobachten, dann können wir heute auch von Odesa als einem Zentrum russischer Angriffe sprechen, mit dem Ziel, die Infrastruktur dieser Hafenstadt zu zerstören, nachdem Odesa als ukrainischer Seehafen durch russische Angriffe bereits weitgehend blockiert worden ist.

Und gerade deshalb können wir von einer gewissen neuen Phase des seit Jahren andauernden russischukrainischen Krieges sprechen, einer Phase, die man als Krieg der Städte bezeichnen kann, als Krieg zur Zerstörung der Infrastruktur des Gegners mit dem Ziel, ihn – in unserem Fall – zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges zu zwingen, im russischen Fall zur Kapitulation vor dem Kreml. Das ist eine völlig logische und verständliche Phase, die dann eintritt, wenn offensichtlich wird, dass der Krieg der Armeen nicht zum gewünschten Ergebnis führt.

Man kann sich eigentlich nur darüber wundern, dass diese Phase so spät begonnen hat, denn der große russisch-ukrainische Krieg dauert bereits viereinhalb Jahre. Der August ist gerade der Monat, in dem wir von viereinhalb Jahren russisch-ukrainischen Krieges sprechen können, und einen bedeutenden Vormarsch der Truppen beider Seiten beobachten wir seit 2023 nicht mehr.

Ja, es gab einzelne Operationen, die für die jeweilige Armee recht erfolgreich waren. Für die russische Armee war das offensichtlich die Einnahme von Awdijiwka, die Kämpfe in Kostjantyniwka. Für die ukrainische Armee war es die Operation in Sudscha. Aber wirkliche Veränderungen, die das Kommando und vor allem die politische Führung davon überzeugen könnten, dass die Armee das gewünschte Ergebnis erreichen kann, sind seit vielen Jahren nicht mehr zu beobachten. Und der technologische Krieg verändert sich so, dass mit jedem neuen Monat und Jahr dieses endlosen Krieges die Überzeugung nur zunehmen wird, dass die Armee das von der politischen Führung geplante Ergebnis nicht erreichen kann.

Wenn wir nun über Moskau sprechen: Welches politische Ergebnis strebt der Präsident der Russischen Föderation an? Das strategische Ergebnis: die ukrainische Staatlichkeit zu beseitigen, die ukrainischen Regionen als Subjekte an die Russische Föderation anzugliedern, die russische Armee an die Grenzen zu den Mitgliedstaaten der NATO und der Europäischen Union zu führen, auf dem Gebiet der westlichen Regionen der Ukraine russische Atomwaffen zu stationieren, so wie es in Belarus geschehen ist, und eine neue Phase der Beseitigung der Staatlichkeit weiterer ehemaliger Sowjetrepubliken zugunsten Russlands einzuleiten.

Damit wir genau verstehen, welches Modell Putin erreichen will: Es ist das Modell, das 1922 der Generalsekretär des Zentralkomitees der Partei und Volkskommissar für Nationalitätenfragen, Josef Stalin, dem Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare Sowjetrusslands, Wladimir Lenin, vorgeschlagen hatte. Der Eintritt der besetzten Sowjetrepubliken in Russland als Autonomien, mit Putins Korrektur: der Beseitigung der ukrainischen und belarussischen Staatlichkeit als solcher, weil das ukrainische und das belarussische Volk aus Sicht Putins und seines Umfelds sowie der überwiegenden Mehrheit der Russen kein Existenzrecht haben. Das ist das staatliche, militärisch-politische und strategische Modell für die nächsten Jahre.

Das taktische Modell besteht darin, die Ukraine dazu zu zwingen, ihre Truppen aus den Gebieten der Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja abzuziehen, die in der Verfassung der Russischen Föderation bereits als Föderationssubjekte erwähnt werden, und die westlichen Staaten dazu zu bringen, die Grenzen der Russischen Föderation unter Einbeziehung dieser vier Regionen sowie der Autonomen Republik Krim und Sewastopols anzuerkennen.

Kann man solche Aufgaben mit militärischen Mitteln, mit der Armee erreichen? Nein. Die Streitkräfte der Russischen Föderation können diese Entscheidung ihres Obersten Befehlshabers nicht umsetzen. Selbst wenn wir uns vorstellen, dass sie bis zur nächsten Stadt im Donezker Gebiet durchbrechen, Kramatorsk oder Slowjansk in Ruinen verwandeln, würde das noch immer nicht bedeuten, dass alle gesetzten Ziele erreicht sind, denn die Russen müssten diese Gebiete auch noch halten, die Regionen Saporischschja und Cherson besetzen und so weiter.

Es stellt sich die Frage, wie viel Zeit dafür benötigt würde, wenn bereits August ist und nicht einmal von der Einnahme eines Teils des Donezker Gebiets die Rede ist, der einen Vormarsch auf Kramatorsk ermöglichen würde, nicht einmal vom Erreichen von Druschkiwka.

Überhaupt können wir nicht von einer militärischen Offensive sprechen, wie es in den Kriegen bis in die 2020er-Jahre des 21. Jahrhunderts der Fall war. Es ist eine Invasion kleiner Gruppen. Die Killzones werden ständig größer. Und es ist bereits klar, dass sich das in den nächsten Jahren und Jahrzehnten neuer Kriege auf dem europäischen Kontinent und auf anderen Kontinenten der Welt genau so weiterentwickeln wird. Denn ich denke, Sie alle verstehen, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert unaufhörlicher Kriege ist und dass man im 21. Jahrhundert vergeblich auf Frieden hoffen wird.

Dann stellt sich die Frage, wie Putin jene Ziele erreichen will, die er sich gesetzt hat. Mein Kollege Andriy Saichuk hat mich während unserer Sendung im samstäglichen Politclub auf dem Fernsehsender Espreso – ich empfehle Ihnen, sie ebenfalls anzusehen, um die Logik dieser Prozesse zu verstehen – darauf aufmerksam gemacht, dass ungefähr dieselbe Phase nach etwa viereinhalb Jahren im berühmten Krieg zwischen Iran und Irak unter dem ersten Obersten Führer der Islamischen Republik, Ayatollah Khomeini, und dem damaligen irakischen Diktator Saddam Hussein begann.

Die Armeen beider Länder steckten in einem Stellungskrieg fest – übrigens ganz ohne Drohnen und ohne irgendwelche Killzones –, allein mit den Waffen, die den Armeen und ihren Kommandos damals zur Verfügung standen, mit ziemlich traditionellen Waffensystemen. Und dann begann der sogenannte Krieg der Städte, also der Versuch, die Gesellschaft des Gegners zu demoralisieren, um sie dazu zu zwingen, den Bedingungen der anderen Seite zuzustimmen.

Man kann nicht sagen, dass Russland das früher nicht getan hätte. Natürlich hat es das getan. Wir sprechen vor jedem Winter darüber. Der Unterschied besteht darin, dass dies für Russland früher eine Ergänzung zu den militärischen Anstrengungen war, jetzt aber der wichtigste Trumpf ist. Denn man setzt auf die Kriegsmüdigkeit der ukrainischen Bevölkerung. Man setzt auf intensivere Angriffe, die die größten Städte der Ukraine in Orte verwandeln sollen, die zum Leben ungeeignet sind. Man setzt auf die Zerstörung des friedlichen Lebens der Ukrainer mit dem Ziel, sie davon zu überzeugen, dass eine Rückkehr zu diesem normalen friedlichen Leben nur um den Preis einer vollständigen und bedingungslosen Kapitulation vor der Russischen Föderation und ihrem verrohten Präsidenten möglich sei. Darin liegt die zentrale Idee.

Es gibt noch einen wichtigen Unterschied dieses Krieges der Städte: Er wird wechselseitig. Wenn ich nun irgendein russischer oppositioneller Journalist wäre, könnte ich die heutige Sendung nicht mit den Nachrichten aus Odesa beginnen, sondern mit den Nachrichten aus Belgorod, das sich derzeit, gelinde gesagt, in einer schwierigen Lage befindet, nachdem ukrainische Drohnen strategische Objekte dieser Stadt angegriffen haben.

Und die Belgoroder Kanäle veröffentlichen den ganzen Tag über Fotos von zerstörten Wohngebäuden, vom zerstörten Stadtzentrum, berichten über Verkehrssperrungen und über Angebote von Einwohnern Belgorods, Menschen aufzunehmen, die infolge dieser Angriffe ukrainischer Drohnen ihre Wohnungen verloren haben.

Und wir verstehen sehr gut, warum all das geschieht. Wenn dort von Angriffen auf kommerzielle Objekte und Ähnliches gesprochen wird. Wir verstehen doch sehr gut, dass die ukrainischen Streitkräfte Schritte unternehmen, die die Bedrohung für die ukrainischen Grenzstädte verringern sollen, vor allem für Charkiw.

Und da russische Militärobjekte traditionell von Wohngebieten umgeben sind, führen sowohl die Einsätze der Drohnen zur Beseitigung von für ukrainische Städte gefährlichen Objekten als auch die russische Luftabwehr zu für solche großen Angriffe völlig erwartbaren Schäden. Und die Berichte der Einwohner dieses russischen Regionalzentrums erinnern an die Berichte ukrainischer Einwohner bei russischen Angriffen auf unsere Städte und Ortschaften.

Belgorod war allerdings schon während mehrerer Jahre dieses Krieges ein Klassiker der russisch-ukrainischen Konfrontation. Jetzt können wir auch davon sprechen, dass für die Russen ein reales Problem darin besteht, dass praktisch das gesamte Gebiet des europäischen Teils Russlands ukrainischen Drohnenangriffen ausgesetzt sein kann.

Wir wissen nicht, wann ukrainische ballistische Raketen erscheinen werden, ob sie überhaupt tatsächlich erscheinen und ob sie wirksam sein werden. Denn wir sehen, dass die Wirksamkeit ukrainischer Raketenangriffe sowohl hinsichtlich der Zahl der Raketen als auch hinsichtlich der Folgen ihrer Angriffe bislang nicht den russischen Angriffen auf die Ukraine entspricht.

Aber selbst Drohnenangriffe und die offensichtliche Unfähigkeit Russlands, eine vollwertige Luftabwehr gegen diese Angriffe zu organisieren, schaffen bereits Probleme für eine ganze Reihe russischer Wirtschaftszweige und damit für die Zerstörung des normalen Lebens der Russen. Und offensichtlich wird mit der Intensität der russischen Angriffe auch die Intensität der ukrainischen zunehmen.

Wenn ernsthaftere Instrumente zur Zerstörung der russischen Wirtschaft auftauchen, wird auch das zu ernsthaften Problemen in russischen Städten und zur Zerstörung des gewöhnlichen friedlichen Lebens ihrer Einwohner führen. Wir können klar und mit Gewissheit sagen, dass der Krieg für die langen Jahre dieser Konfrontation nun auch auf russisches Territorium gekommen ist und ihren Einwohnern eine ausweglose, perspektivlose Zukunft beschert.

Wenn die Einwohner Russlands diesen Krieg früher wie irgendeinen Film über ein anderes Land betrachten und ihn ignorieren konnten, als würde er sie nichts angehen, dann wird der Krieg mit den ersten ernsthaften Angriffen auf St. Petersburg und auf Marktplätze, auf die Ölverarbeitung und auf Tscheboksary nun zu einem ungebetenen Gast in der Wohnung jedes gewöhnlichen Russen, und seine Folgen werden sich immer stärker bemerkbar machen.

Ich muss Ihnen sagen, dass genau das bedeutet, dass der Krieg in Russland begonnen hat. Man muss verstehen, dass ein Krieg auf fremdem Territorium die Russen niemals betrifft, selbst wenn sie ihn selbst führen. Zur Veranschaulichung erinnere ich immer an das Datum des 22. Juni 1941, von dem selbst unsere Landsleute sich nicht lösen können und das als Beginn des Krieges erscheint, obwohl es in Wirklichkeit überhaupt nicht dieses Datum ist.

Nicht nur der Zweite Weltkrieg dauerte bereits zwei Jahre, bevor der deutsche Reichskanzler Adolf Hitler beschloss, seine Truppen auf das Gebiet der Sowjetunion zu führen. Nein, Krieg fand auch bereits auf dem Gebiet eben dieser Sowjetunion statt. Sowjetische Truppen befanden sich bereits in den westlichen Regionen der Ukraine und in den westlichen Regionen von Belarus. Dort hatten zuvor Kämpfe stattgefunden, wie Sie verstehen. Sie besetzten Lettland, Litauen und Estland. Es gab den Krieg gegen Finnland.

Für den gewöhnlichen sowjetischen Bürger begann der Krieg jedoch erst dann, als er zu Gast in seiner eigenen Wohnung wurde und seine Lebensperspektiven für viele Jahre und Jahrzehnte zunichtemachte, seinem eigenen Leben, dem Leben seiner Verwandten und Freunde ein Ende setzte. Ein Russe – und im Fall des Zweiten Weltkriegs ein sowjetischer Mensch – bemerkt den Krieg erst dann, wenn er ihm an die Kehle geht und all seinen vermessenen Träumen ein Ende setzt. Solange sein Land Krieg führt und die Träume anderer Menschen zerstört, kümmern ihn diese Menschen nicht, und den Krieg bemerkt er nicht.

Jetzt können wir klar sagen, dass dies ein echter Krieg des russischen und des ukrainischen Volkes ist, ein Krieg des Hasses zwischen zwei Staaten. Denn solange die Ukraine den Russen nicht auf Bombardierungen, Vergewaltigungen, Plünderungen und die Zerstörung der Lebensperspektiven einer ganzen Generation von Ukrainern für lange Jahre, vielleicht Jahrzehnte, antwortete, konnten sich die Russen erlauben, uns nicht zu hassen, sondern uns schlicht nicht wahrzunehmen. Jetzt wird der Hass auf die Ukrainer Teil des politischen und gesellschaftlichen Codes der russischen Nation werden. Damit werden wir aus diesem Krieg hervorgehen.

Ich denke, Sie verstehen selbst sehr gut, dass es nach solchen Dingen wie einem Krieg der Städte sehr schwer ist, zwischen Völkern wieder Verständigung zu finden. Und übrigens liegt der Wert des europäischen Projekts gerade darin, dass die europäischen Völker nach den zerstörten Städten Großbritanniens und den zerstörten Städten Deutschlands die Kraft fanden, ein gemeinsames Projekt der Zusammenarbeit zu schaffen, sowohl im Rahmen der NATO als auch im Rahmen der Europäischen Union, aus der Großbritannien leider dennoch ausgetreten ist. Aber das ist eine unglaubliche zivilisatorische Leistung, wie es sie in der menschlichen Zivilisation zuvor noch nicht gegeben hat.

Wir fragen immer: „Wozu gibt es die Europäische Union? Wahrscheinlich, damit man gut lebt?“ Nein, überhaupt nicht. Man kann auch schlecht leben. Entscheidend ist, dass einem keine Raketen und Bomben auf den Kopf fallen, dass die eigenen Kinder in der Schule sind und nicht im Grab. Darin liegt der Sinn der Europäischen Union. Denn davor führten die europäischen Völker jahrhundertelang Krieg gegeneinander und versuchten, einander ethnisch zu vernichten. Im Zweiten Weltkrieg, in diesem Krieg, in dem Städte auf dem ganzen Kontinent zerstört wurden, in dem alles zu Ruinen wurde, von denen es schien, dass sie nie wieder aufgebaut würden, erreichte dies durch neue Mittel der Vernichtung und Unterwerfung seinen Höhepunkt.

Aber wie Sie verstehen, gibt es zwischen Iran und Irak bis heute keine so große Verständigung, weil es enorme Verdächtigungen und verdeckte, aber reale territoriale und religiöse Anspr üche gibt. Ein Teil des Irak orientiert sich am Iran, ein anderer Teil steht dem Iran tief ablehnend gegenüber. Das ist ungefähr das, was wir mit Russland und der Ukraine vor diesem großen Krieg hatten, als ein Teil unserer Regionen für antiukrainische prorussische Parteien stimmte und damit den Weg zur Beseitigung unseres Staates ebnete, während ein anderer Teil der Regionen durch sein Wahlverhalten die Souveränität und Unabhängigkeit rettete. Zum Glück haben wir das jetzt, zumindest bis zum Ende des Krieges, nicht mehr. Aber dort, wie der iranisch-amerikanische Krieg gezeigt hat, bestehen solche Stimmungen im Irak immer noch. Das müssen wir begreifen, das ist die Atmosphäre des Krieges für die Zukunft.

Was aber muss die Aufgabe der Russischen Föderation für die nächsten Monate, vielleicht sogar für die nächsten Jahre des Krieges sein? Die Bevölkerung aus den großen Städten zu vertreiben, diese großen Städte in eisige Fallen zu verwandeln, das Leben der Ukrainer in diesen Städten unerträglich zu machen.

Wird es der Russischen Föderation gelingen, ein solches Ergebnis zu erzielen? Ich bin da skeptisch. Ja, wir haben enorme Probleme mit Abfangraketen. Diese Frage muss natürlich gelöst werden. Daran habe ich keinerlei Zweifel. Und ich denke, keiner von Ihnen zweifelt daran, dass diese Probleme gelöst werden müssen. Und zwar nicht nur durch die Suche nach Abfangraketen, sondern auch durch Schritte zur Zerstörung russischer Fabriken für ballistische Raketen sowie der Abschussanlagen für russische Raketen.

Ja, es ist für uns sehr schwer, beim Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump und beim Milliardär Elon Musk, der für seine prorussischen Sympathien bekannt ist, Verständnis zu erreichen. Aber wir müssen Möglichkeiten finden, Informationen über die Bewegungen russischer Abschussanlagen zu erhalten. Wir müssen Wege finden, damit die Zahl der ballistischen Raketen, mit denen die Russische Föderation die Ukraine zerstören kann, sinkt.

Doch selbst unter den heutigen Bedingungen reicht die Zahl der ballistischen Raketen, die die Russische Föderation produziert, selbst unter Einbeziehung eines Teils des nordkoreanischen Arsenals, nicht aus, um die Ukraine in eine Wüste zu verwandeln. Ich erinnere daran, dass Russland 2022 deutlich größere Möglichkeiten dafür hatte, es aber selbst damals nicht geschafft hat. Damals hatten wir erstens überhaupt keine Möglichkeiten, russische Angriffe irgendwie abzuwehren. Und natürlich dachte damals niemand auch nur an die Möglichkeit, die Russische Föderation selbst anzugreifen.

Wenn wir außerdem über das nordkoreanische Potenzial sprechen, sage ich Ihnen gleich, dass es hier einen schwarzen Schwan geben könnte. Ich glaube nicht, dass Nordkorea der Russischen Föderation noch lange Raketen liefern wird. Ich denke, dass die Demokratische Volksrepublik Korea unter dem     wahnsinnigen Kim Jong-un die Präsenz ihrer Soldaten auf russischem Territorium mit Batterien und Raketen eher dazu nutzen wird, die Ukraine als Testgelände für den Beginn eines Krieges auf der koreanischen Halbinsel zu verwenden.

Verstehen Sie: Nach dem iranischen Krieg werden die Vereinigten Staaten nicht mehr als ein Land wahrgenommen, das irgendjemanden ernsthaft einschüchtert. Sie haben ihre Unfähigkeit gezeigt, in modernen Kriegen ernsthaft zu kämpfen. Erstens. 

Die amerikanische Armee verfügt, ganz gleich, was Trump erzählt und was sein Kriegsminister Hegseth erzählt, nicht über genügend Munition. Sie ist aufgebraucht. Ein großer Teil der aufgebrauchten Munition stammte aus dem Pazifikraum, aus den dort stationierten amerikanischen Streitkräften. Auch diesen Streitkräften fehlen derzeit Munition und Kapazitäten.

Dadurch öffnet sich für Kim Jong-un ein günstiges Zeitfenster für den Beginn eines Krieges auf der koreanischen Halbinsel und die Eroberung Südkoreas, das er keineswegs zufällig zu einem fremden Staat erklärt hat, indem er die Artikel über die Notwendigkeit der Wiedervereinigung der Halbinsel aus der Verfassung streichen ließ und den berühmten Wiedervereinigungsbogen, den sein Großvater Kim Il-sung als zentrales Symbol der inzwischen bankrotten Staatsideologie Nordkoreas errichten ließ, irgendwo in die Außenbezirke von Pjöngjang verbannte.

Warum ist das wichtig? Weil man, wenn man jemanden nicht zu einem Teil des eigenen Volkes, sondern zu einem fremden Volk erklärt, gegenüber diesem fremden Volk jedes Mittel des Zwangs zur Kapitulation einsetzen kann, bis hin zum Einsatz von Atomwaffen, was ebenfalls ein Element eines Krieges auf der koreanischen Halbinsel sein könnte. Und was übrigens in dieser Situation auch für den Staatschef der Volksrepublik China Xi Jinping und den Präsidenten der Russischen Föderation Putin interessant sein könnte, um zu sehen, wie Präsident Donald Trump tatsächlich auf einen solchen Einsatz von Atomwaffen reagieren würde. Wäre doch interessant, das zu testen, nicht wahr? Nur vielleicht nicht in Europa.

Und hier könnten neue, unerwartete, ich würde sagen, Folgen dieser Eskalation auftreten, die sich nicht einmal mit dem Krieg im Nahen Osten vergleichen ließen, weil dort bereits Hunderte amerikanische Soldaten auf der koreanischen Halbinsel sterben würden, die der nordkoreanischen Invasion schutzlos ausgeliefert wären. Wir wissen noch nicht, wie sich die Volksrepublik China in einer solchen Situation verhalten würde. Wen würde sie retten: Trumps Prestige oder Kim Jong-uns Möglichkeiten?

Aber das ist eine Situation der Zukunft. Kehren wir zu unseren Angelegenheiten zurück. Also: die Ballistik zerstören. Also: darüber nachdenken, wie die Ukraine den Winter überstehen kann, wie die Energieversorgung dezentralisiert werden kann, wie Möglichkeiten zum Erhalt der Infrastruktur gefunden werden können. Nun, mir scheint, schon vor diesen ballistischen Angriffen hätte klar sein müssen, dass sich ein Teil der ukrainischen Marktplätze und Ähnliches, die sich in Reichweite ballistischer Raketen befinden, dort nicht befinden sollten. Auch das ist eine Aufgabe für unsere Wirtschaft für die nächsten Monate, vielleicht sogar für die nächsten Jahre dieses zermürbenden Krieges der Städte, in den wir eintreten.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist ein erwachsenes Gespräch mit der Bevölkerung. Wenn wir den Menschen bei jeder Wendung des Krieges weiterhin erzählen, er werde gleich zu Ende sein, werden wir die Bevölkerung schließlich in Panik treiben, denn all diese Erzählungen verlieren irgendwann ihre Wirkung, so wie eine Narkose aufhört zu wirken. Besonders wenn es um infrastrukturelle Belastungen in großen Städten geht.

Mir wird oft vorgeworfen, dass ich von einem langjährigen Krieg spreche, von den enormen Problemen der Menschen, die viele Jahre in einem Krieg leben werden. Das wird als Panikmache bezeichnet. Aber mir scheint, es ist besser, in einer gleichmäßigen Stimmung zu leben und das Ausmaß der Gefahr zu verstehen, als sich ständig Illusionen auszudenken und dann irgendwann im fünften, sechsten, vierten Jahr – es spielt keine Rolle, jeder hat seine eigene Schwelle des Märchens, seine eigene Schwelle dieser politischen Narkose – plötzlich aufzuwachen und in Panik zu geraten.

Nur eine Bevölkerung, die auf Ausdauer vorbereitet ist und versteht, dass vor ihr Prüfungen, Prüfungen und noch 150.000-mal Prüfungen liegen, ist in der Lage, durchzuhalten, den Staat zu bewahren, die eigene Psyche zu bewahren und letztlich die Ukraine und sich selbst in der Ukraine zu bewahren. Panik ist der wichtigste Verbündete des Präsidenten der Russischen Föderation, der russischen Armee und des russischen Volkes.

Aber auch das russische Volk selbst wird bald in Panik geraten, weil mit ihm über das Ausmaß der Prüfungen überhaupt niemand spricht. Man versucht ihm ständig einzureden, dass es überhaupt keinen Krieg gibt. Wir stellen die Frage: „Wo sind unsere Schutzräume?“ Übrigens: Wo sind unsere Schutzräume? Warum wurde diese viereinhalb Jahre lang über irgendeine Verbesserung der Infrastruktur ukrainischer Städte gesprochen, als würden wir nicht in einem Krieg leben, sondern an irgendeinem friedlichen Ort und müssten uns auf eine Siegesparade vorbereiten und nicht auf acht bis zehn Jahre eines großen Krieges?

Aber die Russen haben nicht einmal das. Sie haben überhaupt keine Schutzräume. Niemand versteht, warum sie überhaupt Schutzräume bauen sollten. Niemand geht in russischen Städten herum und schaut, wo man sich verstecken kann. Alle sitzen dort im Badezimmern. In vielen Städten ertönen nicht einmal Luftalarmsirenen. Die Russen nennen Explosionen weiterhin „Knalle“.

Und das entlarvt übrigens sofort diejenigen in der Ukraine, die russische Medien lesen. Ich sehe den Bericht eines Menschen, der, sagen wir, bei einem der Angriffe auf Odessa betroffen war. Und dieser junge Mensch sagte ebenfalls, er habe am Strand einen „Knall“ gehört. Für mich wurde sofort völlig klar, dass jemand, der am Strand einen „Knall“ hört, in der Regel russische Nachrichten und keine ukrainischen liest und deshalb vielleicht nicht versteht, wie angemessen die Wahrnehmung dessen ist, was im Moment dieses Einschlags tatsächlich geschehen ist.

Das ist also, würde ich sagen, das wichtigste Ergebnis der letzten Wochen. Wir sind in diesen Krieg der Städte eingetreten. Man muss ihm angemessen begegnen, man muss das Ausmaß der Bedrohungen verstehen, aber man muss auch das Ausmaß der russischen Möglichkeiten in einem solchen Krieg verstehen. Und natürlich muss man sich auf den Winter vorbereiten.

Ich werde auf einige Fragen antworten, die bereits während dieser Sendung gestellt wurden.

Frage. Die Ukraine befindet sich derzeit in einer sehr schwierigen Lage bei der Abwehr feindlicher Raketen. Könnte Ihrer Meinung nach das Aufkommen ukrainischer ballistischer Raketen und deren Einsatz gegen Russland ein abschreckender Faktor sein, um die Zahl der Angriffe zu reduzieren?

Portnikov. Nein, das Aufkommen ukrainischer ballistischer Raketen und Angriffe mit ihnen gegen Russland werden kein abschreckender Faktor für russische Angriffe sein. Sie werden lediglich auch russische Städte in Ruinen verwandeln und damit die Logik des Krieges der Städte wiederholen, der irgendwann in einen Waffenstillstand zwischen den Ruinen ukrainischer und russischer Städte übergehen wird. Ich weiß nicht, warum Sie sich überhaupt ausdenken, dass irgendwelche Dinge für die Russen abschreckend wirken könnten oder dass die Russen sich für irgendeinen Angriff rächen würden. Das ist ein sehr merkwürdiges Konzept, das weder durch die Geschichte noch durch die Kriegspraxis bestätigt wird.

Wenn wir Ballistik haben, wird das kein abschreckender Faktor sein. Es kann uns ermöglichen, die Abschussanlagen russischer Raketen anzugreifen. Es kann uns ermöglichen, bestimmte militärisch-industrielle Objekte der Russischen Föderation zu zerstören, darunter auch Objekte, an denen ballistische Raketen produziert werden, sofern diese Objekte in Reichweite ukrainischer ballistischer Raketen liegen. Denn ich erinnere Sie daran, dass das Territorium der Russischen Föderation es hinsichtlich ballistischer Raketen erlaubt, diese sicher in einer Entfernung zu produzieren, die von ukrainischer Ballistik ohnehin nicht erreicht werden wird. Und inwieweit Drohnen und andere solche weitreichenden Mittel eine so große Entfernung überwinden können, ist eine große Frage.

Daher können die russischen Fabriken für ballistische Raketen in allen kommenden Kriegsjahren für ukrainische ballistische Raketen unerreichbar bleiben. Einige andere Objekte im europäischen Teil Russlands hingegen nicht. Abschussanlagen, sofern wir natürlich Informationen über ihre Bewegungen haben, ebenfalls nicht.

Die Russen werden nicht deshalb weniger Raketen auf uns abschießen, weil wir ballistische Raketen auf sie abschießen. Sie werden mehr Raketen auf uns abschießen, wenn sie in der Lage sind, sie zu produzieren. Abschreckende Faktoren existieren in der Natur nicht. Denken Sie sich so etwas nicht aus. Der abschreckende Faktor gegen Ballistik ist Antiballistik, nicht der Einsatz ballistischer Raketen gegen ein anderes Land. Was denken Sie sich da aus?

Frage. Kann eine Verfassungsvereinbarung zwischen Präsident und Parlament über die Befugnisse der Staatsorgane eine Regierung der nationalen Einheit ersetzen? Und könnte es dazu kommen, wenn der Protest zur Voraussetzung dafür wird?

Portnikov. Der Protest sieht bislang nicht so aus, als müsste die Regierung wegen seiner Fortsetzung ernsthaft über eine Neuordnung ihrer Funktionen nachdenken. Erstens.

Zweitens. Ich sehe keinerlei Sinn in einer Verfassungsvereinbarung zwischen Präsident und Parlament. Das ist wieder irgendein Unsinn. Im Parlament verfügt die präsidentennahe Partei Diener des Volkes über die Mehrheit der Sitze. Sie müssen nichts mit dem Präsidenten unterzeichnen. Wenn sie eigenständig handeln wollen, haben sie dafür die Mehrheit der Stimmen.

Sie können jede Regierung entlassen, selbst diese, die sie gerade bestätigt haben, weil sie das Regierungsprogramm bisher noch nicht angenommen haben, falls es eines geben wird. Wenn es ein Regierungsprogramm gibt, wird die Regierung natürlich geschützt sein. Aber wenn sie es nicht annehmen, wie sie auch das Programm der vorherigen Regierung nicht angenommen haben, dann können sie das selbstverständlich tun.

Welchen Sinn haben irgendwelche Vereinbarungen zwischen Präsident und Parlament, wenn die Abgeordneten so abstimmen, wie es ihnen der Führer ihrer eigenen politischen Kraft sagt, der gleichzeitig Präsident der Ukraine ist? Wovon sprechen Sie überhaupt? Das Regierungssystem, das 2019 geschaffen wurde, ist nicht funktionsfähig und wird bis zum Ende des Krieges nicht funktionsfähig sein.

Kann das zu einem ernsthaften Problem, sogar zu einer Niederlage der Ukraine im Krieg führen? Ja, das kann es, obwohl die Wahrscheinlichkeit nicht sehr groß ist, weil die Ukraine in diesem Krieg als Protektorat des Westens kämpft und nicht als eigenständiger politischer und militärischer Organismus. Als eigenständiger politischer und militärischer Organismus wäre die Ukraine längst von der politischen Landkarte der Welt verschwunden und man hätte sie bereits vergessen. Denn wir hatten nie eigene Ressourcen, um einer solchen Supermacht mit Atomwaffen wie Russland entgegenzutreten.

Mit dem Westen aber können wir erfolgreich Widerstand leisten. Ja, möglicherweise mit einem ineffektiven staatlichen Verwaltungssystem. Aber Sie verstehen sehr gut: Wenn diese Menschen, die seit sieben Jahren im Parlament sitzen und seit viereinhalb Jahren einen großen Krieg erleben, nicht einmal einen Schatten eigener politischer Subjektivität gezeigt haben, woher soll sie plötzlich kommen? Und welcher Protest kann einen Menschen dazu zwingen, ein politisches Subjekt zu sein, wenn er keines ist, wenn er niemand ist, wenn er zufällig dort ist und gerade deshalb von diesen Menschen gewählt wurde, vielleicht von jenen, die jetzt protestieren und ihn ins Parlament gewählt haben?

Suchen Sie kein Heilmittel für eine Krankheit, die nicht geheilt werden kann. Es wird nichts geschehen. Und übrigens ist auch eine Regierung der nationalen Einheit eine Frage der politischen Eigenständigkeit des Parlaments. Wenn diese Eigenständigkeit nicht existiert, welchen Sinn hat dann eine Regierung der nationalen Einheit? Wenn es ein Parlament gibt, das Verantwortung übernimmt und eine solche Regierung bildet, dann stützen sich die Mitglieder dieser Regierung auf die Abgeordneten, so wie es 2014–2019 der Fall war, als ein Vertreter der Volksfront Parlamentspräsident war und ein Vertreter des Blocks Petro Poroschenko Premierminister. Entsprechend wurden die Posten in der Regierung und in der Parlamentsführung verteilt.

Die städtischen Verrückten können bis heute nicht begreifen, dass politische Konkurrenz und die Suche nach Kompromissen gerade die Gesundheit eines politischen Systems ausmachen. Wir leben inmitten eines Idiotismus, der die Suche nach Vereinbarungen als Problem für das politische System betrachtet und die Alleinherrschaft als richtig und effektiv. Und natürlich graben Menschen, die so denken, immer ganz sicher ihr eigenes tiefes Grab, in das sie anschließend hineinfallen.

Aber was soll man machen? Wir können Menschen nicht ändern, wenn sie selbstmörderische Entscheidungen treffen. Wir können nur die Selbstmorde feststellen und einen Nachruf schreiben. Das stimmt. Aber wir können sagen, wie es sein könnte.

Kann man diesem Parlament politische Eigenständigkeit geben? Nein. 

Kann man einer Regierung unter diesen Bedingungen politische Eigenständigkeit geben? Nein. 

Wer wird den Staat bis zum Ende des Krieges führen, egal wie lange er dauern wird? Der Präsident der Ukraine. 

Was passiert, wenn der Präsident der Ukraine freiwillig zurücktritt? Eine Katastrophe. 

Denn der Vorsitzende der Werchowna Rada, der dann amtierender Präsident wird, wird sich nicht auf Unterstützung des Volkes stützen und kein Mensch sein, der durch eine landesweite Wahl gegangen ist. Er wird ein Unbekannter sein, ganz gleich, wer es ist. Das Parlament wird dennoch keine Eigenständigkeit erlangen, aber es wird nicht einmal eine Figur geben, die es zusammenhält. Es wird ein Parlament situativer Koalitionen sein und schlicht auseinanderfallen. Aus nichts kann man nicht etwas machen.

Man muss sich darüber Rechenschaft ablegen und dieses politische System verstehen. Man darf sich nicht einbilden, man könne es gesund machen. Man muss einfach versuchen, mit diesem politischen System lebend bis zum Ende des Krieges zu kommen. Das ist eine Frage des Überlebens, nicht der Verbesserung. Ich wundere mich, dass das bis heute nicht verstanden wird. Das sind doch so einfache Dinge.

Frage. Wie wahrscheinlich ist es, dass die Ukraine bis Ende 2026 über ballistische Raketen verfügen wird, und wie stark könnte das die Lage im Krieg verändern?

Portnikov. Das weiß niemand. Außerdem geht es, noch einmal, nicht darum, wann Ballistik erscheint, sondern darum, wie viel davon erscheinen wird und wie effektiv die russische Luftabwehr bei der Abwehr dieser Ballistik sein wird. Wenn wir eine große Produktion ballistischer Raketen haben, kann das natürlich das russische militärische Potenzial verringern.

Ich sage Ihnen noch einmal, dass die Verringerung des russischen militärisch-technischen Potenzials der Weg zum Ende des Krieges in den kommenden Jahren ist, in den 2020er-, wie ich immer gesagt habe, oder 2030er-Jahren dieses Jahrhunderts. Ballistik kann diesen Prozess beschleunigen, wie jede moderne Waffe. Aber das bedeutet nicht, dass der Krieg allein wegen des Auftauchens ballistischer Raketen endet. Sie können lediglich die russischen Ressourcen verringern.

Frage. Wie findet Putin die goldene Mitte zwischen seinem Wunsch, möglichst viele Menschen aus der Ukraine zu vertreiben, und der Schaffung ungünstiger Bedingungen für Ukrainer in europäischen Ländern, was derzeit besonders deutlich in Polen zu sehen ist?

Portnikov. Das ist überhaupt keine goldene Mitte. Es ist ein und dasselbe. Putin schafft Bedingungen dafür, dass Menschen aus der Ukraine fliehen, und gleichzeitig Bedingungen dafür, dass Migranten in europäischen Ländern gehasst werden. Diese Menschen kehren ja nicht aus Polen in die Ukraine zurück, größtenteils bleiben sie in Polen. Das stärkt die Position jener Kräfte, die sich mit Russland einigen wollen. Putin braucht gerade ukrainische Migranten unter Bedingungen, unter denen man sie in den Ländern hasst, in denen sie sich befinden.

Man muss also keine goldene Mitte suchen. Man muss Migrationsströme aus der Ukraine organisieren und gleichzeitig die Fremdenfeindlichkeit in den Ländern verstärken, in die die Menschen fliehen werden. Ich glaube, Herr Kapranov sagte, es sei besser, in der Ukraine unter Raketen zu leben als in Polen unter Polen.

Nun, das kann ein Schriftsteller so sehen, aber ein gewöhnlicher Mensch, der sein Kind rettet, kann denken, dass es besser ist, in Polen unter Polen zu leben, die einen nicht mögen, als unter Raketen, die einen begraben. Menschen denken eben anders als Schriftsteller, verstehen Sie? Menschen sind unterschiedlich.

Und was wird das bringen? Es wird in europäischen Ländern zum Triumph prorussischer Kräfte führen, der extremen Rechten und der extremen Linken, in die seit Langem russische Rubel investiert werden und die schlicht dafür sorgen werden, dass die ehemaligen Sowjetrepubliken wieder Teil Russlands werden, indem sie ihnen die Hilfe verweigern, wenn ihre Staatlichkeit zerstört wird, nachdem die Existenz der Ukraine beendet worden ist. Putins einfache Rechnung, genial.

Wir vertreiben sie und quälen sie dort, wunderbar. Wir helfen dabei, entsprechende Bedingungen zu schaffen. Sie sehen doch, dass bereits alle darauf anspringen. Die Partei Recht und Gerechtigkeit in Polen schlägt vor, ukrainische Männer aus Polen abzuschieben. Selbst in der Ukraine könnten viele Menschen dafür applaudieren.

Aber all das schafft eine wunderbare Putin-Atmosphäre, schafft Putins Europa und verwandelt Putin in Peter den Großen. Nur will Putin nicht wie der verrückte Kaiser ein Fenster nach Europa schlagen, sondern die Europäer so einschüchtern, dass sie selbst auf Knien herangekrochen kommen. Marine Le Pen, Braun von irgendeiner Konföderation, Orbán war gerade da. Das ist die völlig verständliche Berechnung. Und einfach Druck.

Frage. Worauf muss sich die Ukraine einstellen, wenn Marine Le Pens Partei in Frankreich und die Alternative für Deutschland in Deutschland gewinnen? Was würde dann die Europäische Union und Europa erwarten?

Portnikov. Die Ukraine muss mit dem Ende der europäischen Hilfe rechnen. Marine Le Pen kann selbst als Präsidentin Frankreichs weiterhin glauben, dass die Ukraine Opfer des Krieges ist, nur eben nicht besonders viel Geld dafür ausgeben. Und die Europäische Union könnte eine Krise mit anschließendem Zusammenbruch und dem Beginn eines unglaublichen Dramas europäischer Kriege erleben, die wir bereits vergessen haben, jener Kriege, die es vor 1945 gab.

Aber stellen Sie sich vor, dass wir nach einem Jahrhundert Zeugen dieses gewaltigen Dramas in Europa werden, wenn die europäischen Völker wieder aufeinander losgehen. Nicht jede Generation bekommt die Gelegenheit, Zeuge eines solchen Dramas zu werden. Wir könnten es erleben, nun, zumindest Menschen, die jünger sind als ich, könnten diese Schlacht unter Einsatz neuer Technologien noch erleben. Und Sie könnten die Ruinen der Städte sehen – ich meine diejenigen, die in Europa leben –, in denen Sie heute leben. Aber bis dahin muss man noch erleben, dass nicht vorher die Städte unseres Heimatlandes zu Ruinen geworden sind. So ist es. Das ist sehr gefährlich.

Und wenn Sie verstehen wollen, welchen Kurs diese Parteien verfolgen werden, der sie jenseits des Ozeans inspiriert: den Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump. Das ist sein politisches Programm: ein Programm der Gleichgültigkeit und der Abkehr von Werten und ein Programm zur Demontage der Europäischen Union.

Frage. Immer häufiger höre ich von Menschen, Russland antworte jetzt mit seinen Angriffen auf unsere. Dieselben Menschen hätten auch nichts gegen ein Abkommen, selbst mit negativen Folgen für uns. Wie stark ist diese Tendenz?

Portnikov. Hören Sie, Sie wissen sehr gut, dass Russland mit seinen Angriffen nicht auf unsere antwortet, denn es hat angefangen, uns zu beschießen und zu zerstören, darunter unsere Lager – Epicentr, erinnern Sie sich, Retroville, erinnern Sie sich –, zu einer Zeit, als wir nicht einmal daran dachten, seine Fabriken und Marktplätze angreifen zu können. Nicht einmal daran dachten. Jetzt geben wir Russland all das zurück, was es seit Jahren tut.

Außerdem beruhigen Sie sich: Diese Menschen werden keinerlei Abkommen bekommen. Es spielt keine Rolle, wogegen sie sind oder wogegen nicht. Wenn es tatsächlich irgendein Abkommen gäbe, wie Sie sagen, mit negativen Folgen für uns, das man unterzeichnen könnte, dann versichere ich Ihnen, dass längst darüber verhandelt würde, nach irgendwelchen Kompromissen und nach irgendetwas anderem gesucht würde.

Putin wird alles für uns beide erledigen. Er wird keinerlei Abkommen wollen, weil er weder uns noch diese Menschen, die ein Abkommen mit ihm wollen, überhaupt als Menschen betrachtet. Er will nur ihrer Existenz ebenso ein Ende setzen wie unserer. Es wird kein Abkommen mit Russland geben. Es wird keine Diplomatie geben, nichts davon wird es geben. Diese Menschen haben mit ihren Ansichten keinerlei Bedeutung. Ihre Bedeutung ist gleich null.

Es wird Krieg geben, es wird Tod geben, es wird Leid geben, es wird Ruinen geben. All das wird es geben. Aber wenn wir richtig handeln und das militärische, wissenschaftlich-technische und wirtschaftliche Potenzial der Russischen Föderation zerstören, wird der Krieg abflauen. Und diese Menschen werden kein Abkommen erleben, aber gemeinsam mit uns das Ende des Krieges. Das ist es, was in den nächsten Jahren möglich ist: ein Abflauen des Krieges ohne Abkommen.

Wie Putin die Ukrainer nie als Menschen anerkannt hat, wird er sie auch danach nicht als Menschen anerkennen. Man muss dafür sorgen, dass er keine Möglichkeiten mehr hat, verstehen Sie, aus der Höhle herauszukommen. Wie Menschen wissen, die jetzt den Film über Odysseus gesehen haben, vielleicht haben manche von ihnen irgendwann sogar das Buch gelesen: Man muss ihm ins Auge stechen, den Speer darin drehen, damit er nichts mehr sieht. Und raus aus der Höhle, weg von Moskau, raus aus der Höhle. Und den Speer so lange in diesem Auge drehen, bis er nie wieder etwas sehen und nichts mehr tun kann.

Dabei wird er natürlich mit den Armen um sich schlagen, wie Sie verstehen, es wird viele Zerstörungen geben. Einen anderen Ausweg gibt es in der Natur nicht. Polyphem schließt mit Ihnen kein Abkommen. Er frisst Sie. Mampf, mampf, mampf. Er frisst, es schmeckt ihm. Wie wollen Sie mit einem Menschenfresser ein Abkommen schließen? Sind Sie verrückt geworden? Mein Gott, was sind das für Menschen?

Nach diesem Krieg wird der postsowjetische Raum endgültig verschwinden.

  • Wenn Russland diesen Krieg gegen die Ukraine verliert und die Ukraine ein souveräner Staat bleibt, wird der postsowjetische Raum endgültig verschwinden. Alle ehemaligen Sowjetrepubliken werden sich auf verschiedene Lager und verschiedene Sicherheitspole verteilen.
  • Wenn Russland diesen Krieg gewinnt und der ukrainischen Staatlichkeit ein Ende setzt, wird der postsowjetische Raum ebenfalls endgültig verschwinden. Dann wird es Russland von Uschhorod bis Aschgabat geben. Und zwar schneller, als Sie denken. Und wenn Sie glauben, dass dort jemand ernsthaft Widerstand leisten wird, Xi Jinping oder Erdoğan, dann wird auch diese Illusion in diesem Fall verschwinden.

Aber ich glaube, dass dieser Fall nicht eintreten wird, dass die Ukraine auf der politischen Landkarte der Welt erhalten bleibt, verwundet, zerstört, erschöpft, aber erhalten, mit dem ukrainischen Volk. Und dank dessen werden auch unsere ehemaligen Nachbarn in dieser idiotischen Sowjetunion, zur Hölle mit ihr, endlich vollständige Freiheit von dem verrückten Russland erhalten.

Bitte schreiben Sie in die Kommentare, wie Sie glauben, dass sich dieser dramatische Krieg der Ruinen entwickeln wird. Helfen Sie den Streitkräften der Ukraine, die in den kommenden Jahren des verzweifelten Kampfes der wichtigste Garant für den Erhalt der ukrainischen Souveränität bleiben werden. Denn hätten die ukrainischen Streitkräfte den Feind im Osten unseres Landes nicht aufgehalten, wäre er längst in unseren Städten und Ortschaften. Dann gäbe es keinen Krieg der Städte mit Raketen, sondern niedergemetzelte Städte, ein großes Butscha in der Größe der Ukraine. Deshalb danken Sie den ukrainischen Soldaten dafür, dass sie die Front halten.


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Titel des Originals: Війна міст: новий етап ескалації | Віталій Портников. 09.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 09.08.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Arestovych hat sich von Latynina getrennt | Vitaly Portnikov. 11.08.2026.

Der umstrittene Oleksiy Arestovych, ehemaliger Berater des Büros des Präsidenten der Ukraine Volodymyr Zelensky, verzichtet künftig auf gemeinsame Sendungen mit der nicht weniger umstrittenen russischen Journalistin und Schriftstellerin Julija Latynina.

Erst jetzt, nach vielen Jahren gemeinsamer Auftritte in Sendungen, hat sich der Blogger davon überzeugt, dass die Tätigkeit der russischen Journalistin alle Merkmale von Propaganda aufweist, und erkannt, dass gemeinsame Sendungen mit ihr dazu beitragen, russische Narrative in jenen Teil der ukrainischen Gesellschaft hineinzutragen, der noch immer auf den Namen Arestovych reagiert.

Meiner Ansicht nach hätte man das schon vor Beginn der Diskussionen Oleksiy Arestovychs mit Julija Latynina erkennen können. Mir reichte ein einziges Gespräch mit der Journalistin, um zu verstehen: Sie hält sich an klar umrissene imperiale Narrative, respektiert nicht nur die ukrainische Staatlichkeit nicht, sondern die ukrainische Zivilisation selbst, und vertritt gegenüber dieser Zivilisation Ansichten, die praktisch vollständig mit den Ansichten des Präsidenten der Russischen Föderation und des überwiegenden Teils der russischen Gesellschaft übereinstimmen.

Somit war die endgültige Reinwaschung von Putins aggressiven Absichten, der Versuch zu überzeugen, die Ukraine sei selbst schuld an der Aggression des benachbarten Terrorstaates gegen ihr Volk, nur eine Frage der Zeit. Und wie wir sehen, kam dieser Zeitpunkt genau dann, als Julija Latynina erkannte, dass das ukrainische Publikum nicht mehr vorhat, auf ihre unsinnigen Anschuldigungen zu hören und ihre Unwissenheit für Bildung und Verständnis historischer und politischer Prozesse zu halten.

Was Russen mit demokratischen Ansichten schon vor vielen Jahren erkannt haben, verstanden die Ukrainer erst in den ersten Jahren des russisch-ukrainischen Krieges und angesichts Latyninas offener Bereitschaft, den propagandistischen Interessen des russischen Regimes zu dienen. 

Darüber sollte man sich jedoch nicht wundern, denn jeder braucht ein Publikum, mit dem er kommunizieren kann. Es ergibt sich, dass die überwiegende Mehrheit russischer oppositioneller Blogger und Journalisten, sofern sie nicht an den für die russische Gesellschaft üblichen chauvinistischen Narrativen festhält, praktisch kein Publikum unter der überwiegenden Mehrheit der Bewohner der Russischen Föderation und auch unter einem großen Teil der russischen Emigration hat, die weiterhin in einem chauvinistischen Traum lebt. 

Und so besteht der größte Teil des Publikums solcher Menschen gerade aus ukrainischen Nutzern sozialer Netzwerke, die bereit sind, jenen zuzuhören, die die Ukraine unterstützen und die ganze Gefahr der russischen Aggression sowie überhaupt des russischen Staates als eines Territoriums erkennen, das die Welt um sich herum destabilisiert.

Wenn aber ein demokratisch gesinnter Publizist oder Blogger beginnt, dieselben chauvinistischen Narrative wie seine eigenen Landsleute zu verbreiten und versucht, die Ukrainer davon zu überzeugen, dass sie selbst an dem Krieg schuld seien, den Russland gegen sie begonnen hat, verliert er damit das ukrainische Publikum, ohne ein russisches zu gewinnen, und bleibt praktisch im luftleeren Raum seiner eigenen Lügen und Voreingenommenheit zurück.

So verlief im Grunde die Entwicklung Julija Latyninas, die ohne Ukrainer zurückblieb, die bereit waren, sich ihre zweifelhafte Analyse der Ereignisse anzuhören, und zugleich keine Russen hinzugewann, die der Ansicht sind, dass Solowjow, Skabejewa, Dmitri Kisseljow und andere widerwärtige Propagandisten des Kreml-Regimes die Kreml-Propaganda viel gewissenhafter und effektiver betreiben können als diejenigen, die sich außerhalb der Grenzen der terroristischen Föderation befinden.

Und wie es bei Menschen ohne moralische Orientierung immer geschieht, begann Latynina noch eifriger in Richtung der klassischen russischen Propaganda mit ihren Lügen und ihrem Menschenhass zu driften. 

Arestovych dagegen will nicht in diese Richtung driften, weil er sehr gut versteht, dass er ein russisches Publikum als solches ohnehin nicht gewinnen wird, dass er für russische Nazis allein aufgrund seiner ukrainischen Herkunft für immer ein Mensch zweiter Klasse bleiben wird, der einfach nicht mit Solowjows und Skabejewas konkurrieren darf. 

Das ukrainische Publikum dagegen kann nur einem Menschen zuhören, der die Dinge beim Namen nennt, die russische Aggression russische Aggression nennt, Putin einen Kriegsverbrecher nennt und nicht versucht, seine eigenen Landsleute von einer Schuld der Ukraine zu überzeugen, die, wie wir verstehen, aus einer Fortsetzung der Zusammenarbeit des umstrittenen Bloggers mit der umstrittenen Journalistin logisch folgen würde.

Und nun versucht Arestovych ein weiteres Manöver, nicht das erste und nicht das letzte in seiner pseudopublizistischen Biografie. Wir erinnern uns an die Zeit, als der Blogger ein erbitterter Gegner des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky war und das Publikum von der Gefährlichkeit der politischen Ansätze jenes Teams überzeugen wollte, das 2019 an die Spitze der ukrainischen Staatsmacht gelangte. 

Wir erinnern uns an die Jahre, als Arestovych Berater des Büros des Präsidenten der Ukraine war und in dieser Eigenschaft die Ukrainer davon überzeugte, dass der jahrelange Krieg, den Präsident Putin gegen sein Land begonnen hatte, innerhalb weniger Wochen enden würde, ohne den langjährigen Charakter dieses Krieges zu erkennen, der sich ziemlich schnell von einem Blitzkrieg in einen Vernichtungskrieg verwandelte.

Viele glaubten, Arestovych habe die Ukrainer auf diese Weise beruhigt. Aber die Ergebnisse dieser Beruhigung sehen wir heute an den Stimmungen der ukrainischen Gesellschaft, nachdem die Hypnose endgültig zu Ende gegangen ist und es keine Alternative zu dieser Hypnose gibt, nämlich kein nüchternes und ernsthaftes Gespräch des Staates mit der Gesellschaft, weil die Gesellschaft zu lange mit Erzählungen darüber gelebt hat, dass der russisch-ukrainische Krieg eine Aussicht auf ein Ende in absehbarer Zeit habe.

Dann änderte sich die Haltung des Bloggers erneut, und er wurde zu einem der erbittertsten Kritiker des Präsidenten der Ukraine, dessen Präsidialbüro er bis vor Kurzem noch beraten hatte, und begann sogar zu erklären, seine Emigration hänge mit der Gefahr zusammen, die ihm bei einem weiteren Aufenthalt in der Ukraine drohe. Und nun sehen wir eine neue, aber nicht die letzte Wendung.

Denn wenn ein Mensch keinen inneren Halt, keine Werte, keine Selbstachtung und keinen Respekt vor dem eigenen Volk hat, kann er wie eine Wetterfahne in jede beliebige Richtung schwanken. Und natürlich werden diese Schwankungen nicht immer mit den Schwankungen einer anderen Wetterfahne übereinstimmen, der umstrittenen Journalistin und Publizistin Julija Latynina.


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Titel des Originals: Арестович розлучився з Латиніною | Віталій Портников. 11.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 11.08.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Polyakova ist im „Konzentrationslager“ gelandet | Vitaly Portnikov. 11.08.2026.

In internationalen Rankings werden die von der Russischen Föderation besetzten ukrainischen Gebiete als einige der unfreiesten und gefährlichsten Territorien der heutigen Welt eingestuft. Wir sehen tatsächlich, was dort geschieht: wie Menschen wegen anderer politischer Ansichten gefoltert und getötet werden, wie die Rechtsprechung nicht funktioniert, wie Folter und andere Formen von Misshandlung und Zwang angewandt werden.

Mein Kollege Stanislav Aseyev, der derzeit in den Verteidigungskräften der Ukraine dient, hat über das, was in den besetzten Gebieten geschieht, ein Buch über „Isolazija“ geschrieben, das ehemalige Zentrum für zeitgenössische Kunst, das die russischen Besatzer und Kollaborateure in ein echtes Konzentrationslager nach dem Vorbild der Stalin- und Hitlerzeit verwandelt haben. Und wenn jemand wissen möchte, wo sich ein Konzentrationslager befindet, soll er auf Donezk, Luhansk, Simferopol schauen. Er soll auf die Orte schauen, an denen Menschen getötet und gefoltert werden.

Aber für die Sängerin Olga Polyakova befindet sich das Konzentrationslager hier, in der Ukraine, weil Vertreter des Showbusiness und andere Prominente sich in unserem Land nicht so verhalten können, als gäbe es bis heute keinen Krieg.

Man muss der Wahrheit ins Auge sehen: So war die Stimmung in der Gesellschaft nach 2014, nach der Annexion der Krim und dem Beginn des Krieges im Donbas. Eine enorme Zahl unserer Mitbürger wollte nichts hören, was ihren Komfort einschränken oder ihre Möglichkeiten mindern würde, auf den für sie gewohnten Märkten zu arbeiten. Die Menschen wollten weder ihre Gewohnheiten noch die kulturelle und politische Welt verändern, zu der sie vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine offensichtlich gehörten.

Und wie wir sehen, ist viereinhalb Jahre nach Beginn des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine der Wunsch, wieder in die vertraute komfortable Welt zurückzukehren, nicht mehr so erstaunlich und kann inzwischen auch in den sozialen Netzwerken offen geäußert werden.

Die Wahrheit ist jedoch, dass es diese komfortable Welt nie wieder geben wird. Und dass bestimmte Gewohnheiten und bestimmte Verhaltensmodelle, die in einem Kreis als anständig gelten können, unter Menschen, die den Krieg mit größerem Schmerz erleben, völlig anders aussehen können.

Es ist offensichtlich, dass sich während eines so großen Krieges, angesichts so großer Opfer und so großer Zerstörungen nicht nur Staaten, sondern auch Völker voneinander entfernen. Und das russische und das ukrainische Volk werden sich mit jedem weiteren Tag der Zerstörungen auf dem Territorium der Ukraine und Russlands und mit der Fortsetzung der Verbrechen der russischen Armee auf ukrainischem Boden weiter voneinander entfernen.

Es ist offensichtlich, dass selbst Popfestivals, die nicht in Russland stattfinden und an denen bestimmte Vertreter der russischen Emigration sowie eine gegenüber der Politik neutrale Pop-Szene teilnehmen, für jene, die die gewohnte Welt vermissen, in der Stars der ehemaligen gesamtsowjetischen Unterhaltungskultur präsent sind, als völlig richtige und akzeptable Veranstaltungen erscheinen können, von denen aber völlig anders wahrgenommen werden können, die im Krieg ihren Mann oder ihren Sohn verloren haben.

Es ist völlig offensichtlich, dass selbst die russische Sprache von jenen, die sie seit ihrer Kindheit mit ihren Eltern sprechen, und von jenen, die gehört haben, wie in dieser Sprache Befehle an diejenigen erteilt wurden, die auf ukrainischen Boden kamen, um zu töten, emotional völlig unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Und das sind enorme Probleme einer Gesellschaft im Krieg, die man erkennen und behandeln muss – sowohl in den kommenden Jahren dieses schweren Krieges als auch in den kommenden schwierigen Nachkriegsjahrzehnten.

Aber zu glauben, dass sich ein Mensch in einem Konzentrationslager befindet, nur weil andere eine andere Meinung zu seinem Verhaltensmodell im eigenen beruflichen Umfeld haben können, scheint mir eine enorme Übertreibung zu sein. Jede öffentliche Person muss bereit sein, Kritik an ihrem Verhalten zu akzeptieren, selbst wenn sie glaubt, keine gesellschaftlichen Tabus zu verletzen. So ist die Logik eines großen Krieges. So wird auch die Logik der Suche nach Modellen des gegenseitigen Verständnisses in der traumatisierten ukrainischen Nachkriegsgesellschaft sein.

Aber ein Konzentrationslager. Ein Konzentrationslager ist „Isolazija“. Ein Konzentrationslager ist, wenn man dich foltert und dir nicht bloß rät, russische Popstars nicht zu umarmen. Ein Konzentrationslager ist, wenn man dich für ein Like in sozialen Netzwerken zu 15 Jahre Haft verurteilen kann. Ein Konzentrationslager ist, wenn man dich in einer Strafkolonie tötet, weil du über die Korruption der ersten Person im Staat berichtest. Das ist ein Konzentrationslager.

Und ich verstehe, dass es sehr, sehr schwer ist, sich von jenem Modell des Komforts zu verabschieden, an das sich Vertreter eines großen Teils der ukrainischen Elite und der ukrainischen Gesellschaft – keineswegs nur in der Kunst – in den ersten Jahrzehnten der ukrainischen Unabhängigkeit gewöhnt hatten, als die Ukraine nicht so sehr ein Staat war, sondern vielmehr eine umbenannte Ukrainische SSR. Aber diese Ukraine wird es nie wieder geben, und es wird auch kein Modell des Zusammenlebens der ukrainischen Welt mit der „russischen Welt“ geben.

Und es wird wesentlich ernstere moralische Fragen an diejenigen geben, die in der Ukraine leben und öffentliche Aufmerksamkeit beanspruchen werden. Besonders, und auch das muss man verstehen, in den Nachkriegsjahren, wann immer sie kommen mögen.

Man muss sich klar vor Augen halten: Die Ukraine kämpft in diesem Krieg nicht nur dafür, Ukraine zu bleiben, nicht nur dafür, dass das ukrainische Volk die Chance erhält, auf seinen ethnischen Gebieten zu bestehen, von denen brutale und heimtückische Besatzer es zu vertreiben versuchen, die für sich längst entschieden haben, welches Schicksal jene Gebiete erwartet, die sie besetzt haben und die sie noch besetzen wollen.

Die Ukraine kämpft auch dafür, nicht in ein Konzentrationslager nach russischem Vorbild verwandelt zu werden.


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Titel des Originals: Полякова опинилась у концтаборі | Віталій Портников. 11.08.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 11.08.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Putin fürchtet die Antikriegspartei | Vitaly Portnikov. 10.08.2026.

Die russische Partei Jabloko, die einzige, die sich für ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges ausgesprochen hatte, wurde vom Obersten Gerichtshof der Russischen Föderation nicht zu den Wahlen zur Staatsduma Russlands zugelassen, nachdem die Partei bereits offiziell registriert worden war.

Interessant ist, dass sich unter denen, die dafür eintraten, Jabloko von den Wahlzetteln zu streichen, auch die Zentrale Wahlkommission der Russischen Föderation befand, zu deren Aufgaben es gehört, faire und wettbewerbliche Wahlen in einem Land zu gewährleisten, in dem es solche fairen und wettbewerblichen Wahlen seit drei Jahrzehnten in Folge nicht mehr gegeben hat.

Für uns hat diese Geschichte um den Ausschluss Jablokos eine recht symbolische politische Bedeutung. Es könnte scheinen: Welche Rolle spielt es, welche der politischen Parteien Russlands zu den Wahlen zur Staatsduma zugelassen oder nicht zugelassen wird, wenn ohnehin alle russischen politischen Kräfte gezwungen sind, im Fahrwasser von Putins Politik zu agieren. 

Doch mit Jabloko ergab sich eine ziemlich interessante Geschichte. Von den politischen Kräften, die theoretisch an den Wahlen hätten teilnehmen können, war nur die Partei von Grigori Jawlinski bereit, die Notwendigkeit eines Endes des russisch-ukrainischen Krieges zu betonen, obwohl sie nicht einmal das Putin-Regime selbst der brutalen Aggression gegen das Nachbarland beschuldigte.

Für die russische politische Führung war die Präsenz Jablokos auf dem Wahlzettel ein wichtiger Punkt, um zu demonstrieren, dass es in Russland praktisch keine Gegner von Putins Krieg gibt, dass die gesamte russische Gesellschaft bereit ist, die Fortsetzung der aggressiven Handlungen ihres durchgedrehten Machthabers gegen die Ukraine zu unterstützen, bereit ist, Bombardierungen, Tötungen und die Zerstörung von Städten zu unterstützen.

Doch seit der Entscheidung, die Partei Jabloko zu den Wahlen zuzulassen, haben sich im Leben der russischen Gesellschaft selbst recht wichtige Ereignisse ereignet, Ereignisse, die mit den Anstrengungen der ukrainischen Verteidigungskräfte zusammenhängen. Russische Ölraffinerien und Marktplätze begannen zu brennen. Trümmer von Drohnen und Raketen tauchten in Wohnvierteln russischer Städte auf. Der Krieg kam auf das Territorium Russlands und zeigte Millionen Russen, wie ihr wirkliches Leben aussehen wird, wenn der Präsident der Russischen Föderation nicht auf die Aggression gegen unser Land verzichtet.

Und die Russen nehmen einen Krieg auf ihrem eigenen Territorium ganz anders wahr als einen Krieg, der auf fremdem Territorium stattfindet. Das ist aus allen Jahrhunderten der russischen Nationalgeschichte bekannt. Ein Krieg, der nach Russland kommt, gefällt den Russen nicht und kann für jene Herrscher zur Katastrophe werden, die Angriffskriege beginnen.

Vor diesem Hintergrund nahm die Unterstützung für Jabloko zu. Soziologische Umfragen der letzten Tage zeigten, dass Jabloko zumindest in der Hauptstadtregion auf ernsthafte Unterstützung durch eine enorme Zahl von Wählern hoffen kann, während Putins Banditenpartei Einiges Russland, die der im Gefängnis verstorbene, genauer gesagt in der Strafkolonie getötete Alexej Nawalny nicht umsonst die Partei der Diebe nannte, Jabloko bei der Popularität deutlich unterlegen ist.

Und so wurde offensichtlich, dass eine Stimmabgabe für diese politische Kraft, trotz der mangelnden Bereitschaft ihrer Führer, die Dinge beim Namen zu nennen, zu einem Spiegel des Antikriegsprotests werden kann und dass zumindest die nicht öffentliche Demoskopie dem Präsidenten der Russischen Föderation zeigen würde, wie viele Menschen seinen Krieg gegen die Ukraine ablehnen, wie viele Menschen wünschen würden, dass dieser Krieg beendet wird.

Und dann wurde die nächste autoritäre russische Entscheidung getroffen, Jabloko nicht zur Teilnahme an den Wahlen zuzulassen. Damit Putin nicht sieht, wie viele Menschen mit seinem Wunsch, den Krieg gegen die Ukraine fortzusetzen, nicht einverstanden sind. Genau darin liegt der wahre Grund dafür, dass Jabloko, nachdem die Partei bereits für die Teilnahme an den Wahlen zur Staatsduma zugelassen worden war, wieder von dieser Teilnahme ausgeschlossen wurde.

Und nun werden an den Wahlen zur unteren Kammer des russischen Parlaments nur noch Kriegsparteien teilnehmen, deren Führer, gewöhnliche Marionetten der Kremlverwaltung, miteinander darum konkurrieren werden, Vorschläge zu machen, wie man den Krieg noch verbrecherischer, noch brutaler, noch niederträchtiger machen kann, in der Hoffnung, dass ihre Bemühungen von den Kuratoren dieser politischen Kräfte im Kreml angemessen gewürdigt werden.

Wie wir also sehen, kann selbst eine Partei, die bereit ist, wie wir es im Fall Jablokos wiederholt gesehen haben, nach den Regeln des Kremls zu spielen, die politische Rhetorik des Kremls gegenüber diesem Krieg zu verwenden, den Putin in der Ukraine begonnen hat, den Aggressor nicht Aggressor zu nennen und die Ursachen des Krieges auch in ukrainischen Handlungen zu suchen, selbst eine solche Partei kann nicht an den Wahlen teilnehmen, damit sie nicht zum Symbol einer Antikriegsbewegung in der Russischen Föderation selbst wird.

Wir müssen uns klar darüber im Klaren sein, dass sich Putins Russland vor dem Hintergrund seines schändlichen Krieges gegen unser Land in einen echten orwellschen Staat verwandelt hat, in dem Frieden Krieg ist und die gesamte Existenz der Bürger der Bereitschaft untergeordnet sein muss, Putins aggressive Bestrebungen und die Folgen dieser Bestrebungen für die Russen selbst als gegeben hinzunehmen und sich damit abzufinden, dass der Krieg fortgesetzt wird, auch auf dem Territorium Russlands selbst. Und nun werden bereits alle politischen Parteien, die an den sogenannten Wahlen zur Staatsduma der Russischen Föderation teilnehmen werden, genau diese orwellsche Idee von der Fortsetzung des Krieges vertreten.

Eine wirkliche Wahl haben die Russen, selbst wenn es unter ihnen Menschen gibt, die sich für ein Ende des Angriffskrieges gegen den Nachbarstaat aussprechen möchten, nicht einmal mehr theoretisch. Die einzige Wahl besteht darin, wegen Beiträgen in sozialen Netzwerken, in denen ein Ende des Krieges gefordert wird, ins Gefängnis oder in eine Strafkolonie zu kommen – oder sogar wegen Likes unter Beiträgen jener, die noch immer bereit sind, über die Notwendigkeit eines Endes des russischen Krieges gegen die Ukraine zu sprechen. Das ist die wirkliche politische Realität in dem Land, das gegen uns Krieg führt.


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Titel des Originals: Путін злякався антивоєнної партії | Віталій Портников. 10.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 10.08.2026.
Originalsprache: uk
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Putin setzt auf ballistische Raketen | Vitaly Portnikov. 10.08.2026.

Der stellvertretende Leiter der Hauptverwaltung für Aufklärung des Verteidigungsministeriums der Ukraine, Vadym Skibitsky, betont, dass Russland die Produktion ballistischer Raketen sowie von Raketen des Typs Zirkon oder Oniks hochfährt und die Jahrespläne für die Produktion dieser Raketen bereits bis zum Ende Sommer 2026 erfüllt. Ebenfalls wird im Eiltempo an der Schaffung der Satellitenkonstellation Rasswet gearbeitet, die für die Russen zu einem Analogon von Starlink werden soll.

Solange die Russen die Möglichkeit hatten, das System von Elon Musk zu nutzen, ergriffen sie, soweit man erkennen konnte, keine Maßnahmen, die dazu hätten führen können, dass Russland über ein Satellitensystem verfügt, das Starlink ersetzen könnte. Jetzt geht es jedoch um die Stationierung einer Satellitenkonstellation im Weltraum, die es ermöglichen soll, das gesamte Territorium der Ukraine wie auf der Handfläche zu sehen und auf diese Weise Ziele für Angriffe mit russischen ballistischen Raketen und Raketen anderer Typen besser auszuwählen.

Damit mehr ballistische Raketen produziert werden können, haben die Russen sogar die Produktion von Raketen des Typs Kinschal eingestellt, die mehr Raketentreibstoff und einen größeren technologischen Aufwand erforderten, zugleich aber das Kommando der Streitkräfte der Russischen Föderation wegen ihrer geringeren Präzision im Vergleich zu ballistischen Raketen sowie zu den weiterentwickelten Zirkon-Raketen nicht zufriedenstellten.

Diese Erklärung des Vertreters der Hauptverwaltung für Aufklärung des Verteidigungsministeriums der Ukraine zeigt, dass die Streitkräfte der Russischen Föderation und der russische Präsident im Krieg gegen die Ukraine gerade auf Angriffe gegen die ukrainische Infrastruktur setzen, auf den sogenannten Krieg der Städte, der immer dann beginnt, wenn die Streitkräfte die Aufgaben nicht erfüllen können, die ihnen der Oberste Befehlshaber gestellt hat.

Wir haben bereits mehrfach darüber gesprochen, dass die Russen tatsächlich nicht in der Lage sind, diese Aufgaben zu erfüllen. Denn bereits im Februar 2022, als der sogenannte große Krieg Russlands gegen die Ukraine begann, verlangte Putin von der russischen Armee zumindest, das gesamte Gebiet der Regionen Donezk und Luhansk zu besetzen, deren vorgetäuschte Unabhängigkeit er genau zu diesem Zweck am Vorabend des großen Krieges anerkannt hatte. Inzwischen ist es 2026, und die Russen können nicht einmal die vollständige Kontrolle über das Gebiet der Region Donezk herstellen.

Dabei wurden die Aufgaben für die russische Armee noch anspruchsvoller, nachdem Putin entschieden hatte, nicht nur die ukrainischen Regionen Donezk und Luhansk zu annektieren, sondern auch Cherson und Saporischschja.

Was kann man in einer Situation tun, in der offensichtlich wird, dass die Armee nicht in der Lage ist, diese Aufgaben zu erfüllen? Und selbst wenn sie dazu in der Lage ist, führt dies zu erheblichen finanziellen Kosten und menschlichen Verlusten. Nicht weil Putin sich irgendwie Gedanken über den Wert menschlichen Lebens machen würde, sondern vor allem deshalb, weil er sich nicht sicher ist, ob es genügend Soldaten gibt, um für Nachschub in den Streitkräften der Russischen Föderation zu sorgen. Und wie wir sehen, hat man es nicht eilig, eine Mobilmachung für die russischen Streitkräfte auszurufen – möglicherweise aus Angst vor negativen politischen Auswirkungen.

Und in dieser Situation versuchte Putin natürlich zunächst, mithilfe des amerikanischen Präsidenten Donald Trump diplomatische Instrumente des Drucks auf die Ukraine einzusetzen. Denn wir verstehen, dass sämtliche Verhandlungen zwischen Trump und Putin, angefangen mit der Rückkehr des Republikaners ins Oval Office im Jahr 2025 bis hin zum Treffen in Anchorage, vor allem darauf abzielten, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Ukraine ihre Truppen aus dem Gebiet der Region Donezk abziehen würde – im Austausch gegen vorgetäuschte Friedensverhandlungen, die ohnehin zu keinerlei realen Ergebnissen geführt hätten. Aber zumindest hätte dies dazu geführt, dass die Ukraine ohne Kampf die Kontrolle über ihre Festungsstädte in der Region Donezk aufgegeben hätte.

Als klar wurde, dass dieser Plan Putins gescheitert war und selbst im Weißen Haus betont wurde, dass man diese Bedingungen der russischen Seite nicht für solche halte, die am Verhandlungstisch erörtert werden sollten, und als Russland beschloss, sich aus den Verhandlungen zurückzuziehen, bis die Ukraine die Gebiete der Regionen Donezk und Luhansk vollständig verlassen würde, begann eine neue Phase des Krieges, in der wir uns jetzt befinden. Es ist ein Krieg der Städte. Es ist die Ausweitung der ballistischen Angriffe der Streitkräfte der Russischen Föderation auf Städte, die sich in Reichweite der russischen ballistischen Raketen befinden.

In erster Linie ist das natürlich die ukrainische Hauptstadt, aber wie wir sehen, sind derzeit auch andere Städte der Ukraine ballistischen Angriffen ausgesetzt. Wir sprechen darüber gerade am Tag nach einem großen russischen Raketenangriff auf Odessa, der zu ernsthaften Problemen mit der Infrastruktur der Hafenstadt geführt hat, in der der für die ukrainische Wirtschaft so wichtige Hafen auch ohne diesen Angriff bereits faktisch blockiert ist.

Was kann man tun, um diesen Bemühungen der Streitkräfte der Russischen Föderation entgegenzuwirken, den Krieg gegen die Ukraine in einen Krieg zur Zerstörung der Städte zu verwandeln?

  • Erstens sind es Versuche, die russischen ballistischen Raketen selbst an ihren Abschussorten zu zerstören. Ohne diese Versuche wird es, wie wir verstehen, keine realen Möglichkeiten geben, den russischen Angriffen entgegenzuwirken.
  • Zweitens geht es um Möglichkeiten, die Produktion ballistischer Raketen in der Russischen Föderation zu zerstören. Allerdings könnten wir selbst dann, wenn ukrainische ballistische Raketen verfügbar werden, mit der Tatsache konfrontiert sein, dass die ballistischen Raketen außerhalb der Reichweite der ukrainischen ballistischen Raketen produziert werden.
  • Drittens geht es um die Verlagerung von Objekten, die für die ukrainische Verteidigung und Infrastruktur wichtig sind, in Gebiete außerhalb der Reichweite ballistischer Raketen. Auch dies ist ein sehr wichtiger Punkt, der berücksichtigt werden muss, wenn wir über den Krieg der Städte sprechen.

Dass die Russen die Produktion von Kinschal-Raketen eingestellt haben, zeigt, dass sie selbst die Begrenztheit ihrer Möglichkeiten erkennen. Gleichzeitig weist dies aber auch darauf hin, dass das ukrainische Territorium außerhalb der Reichweite russischer ballistischer Angriffe für die Unterbringung von Infrastrukturobjekten relativ sicher bleibt, weil die ukrainischen Streitkräfte bereits gelernt haben, Drohnen abzuwehren, die, wie wir sehen, wiederholt Orte im Zentrum und im Westen der Ukraine angegriffen haben. An Kinschal-Raketen, mit denen wichtige Objekte in diesen ukrainischen Regionen getroffen werden könnten, wird es Russland – sofern es sich natürlich nicht dazu entschließt, die Produktion ballistischer Raketen zu reduzieren – in den kommenden schwierigen Monaten der russisch-ukrainischen Konfrontation kritisch mangeln.

Und natürlich muss mit unseren Partnern über die Notwendigkeit der Lieferung antiballistischer Abwehrsysteme gesprochen werden, während die Produktion ballistischer Raketen durch die Russische Föderation selbst von Monat zu Monat zunimmt. Dies muss zu einem wichtigen Instrument für die weiteren ukrainisch-amerikanischen und ukrainisch-europäischen Verhandlungen über Lieferungen zur Abwehr ballistischer Raketen werden.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Путін робить ставку на балістику | Віталій Портников. 10.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 10.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Portnikov: „Die junge Generation muss sich darauf vorbereiten, in Kriegen zu sterben.“ 07.08.2026.

Hans Luik. Wir wollten uns eigentlich schon der Rente nähern, aber man lässt uns nicht. Sie sind ja jünger als ich. Also mussten wir zurückkehren. Wieder Imperialisten, wieder die Islamische Revolution, die Revolutionsgarden. Wird das für immer mit uns bleiben?

Portnikov. Ja, solange Sie leben, ja.

Hans Luik. Nun, dann natürlich auch solange Sie leben, Sie sind sechs Jahre jünger. Und was sagen wir der jungen Generation? Dass Imperialismus immer bleiben wird?

Portnikov. Der jungen Generation muss man einfach sagen, dass sie sich darauf vorbereiten soll, in Kriegen zu sterben. Was soll man da sagen. Und wir beide werden das beschreiben.

Hans Luik. Ja: „Begreif, mein Sohn, dass bald wieder die Imperialisten kommen werden. Der Oreschnik fliegt und signalisiert der ganzen Welt, verkündet allen Völkern: ‚Wir sind für Freundschaft, wir sind für Frieden.‘“ Und gestern habe ich Sie in einem Stream mit Yuri Rashkin gesehen, da waren Sie so: „Ich habe so gelacht.“

Portnikov (Zitat aus einem anderen Video). Und das, was die Iraner sagen, ist genau das, was wir schon gehört haben.

  • Als Trump den Waffenstillstand ankündigte, saßen wir alle hier und gingen davon aus, dass nun der von Trump angekündigte Untergang der Zivilisation eintreten würde. Eine Katastrophe.
  • Und der Iran sagte: „Macht nichts, wir werden die Straße von Hormus trotzdem nicht öffnen. Mehr noch, dann greifen wir die Staaten am Persischen Golf an, ihre Entsalzungsanlagen. Wir greifen ihre Ölfelder an, und dann werdet ihr alle euer blaues Wunder erleben.“ Und alle saßen da und warteten darauf, wohin das führen würde.
  • Dann trat Trump ganz in Weiß auf und sagte, er verkünde einen Waffenstillstand. Alle atmeten auf.
  • Dann hieß es, der Waffenstillstand gelte nicht nur für den Iran, sondern auch für den Libanon.
  • Dann sagten Trump und Netanyahu: „Nein, für die Hisbollah gilt das nicht.“
  • Dann sagte der Iran: „Ach, wenn das nicht gilt, dann wird die Straße von Hormus auch nicht geöffnet.“
  • Dann sagte Trump: „Wenn die Straße von Hormus nicht geöffnet wird, gibt es auch keinen Waffenstillstand.“
  • Der Iran sagte: „Dann werden wir die Straße von Hormus nicht öffnen.“
  • Trump sagte: „Gut, ich habe Israel befohlen, im Libanon nicht zu schießen.“
  • Der Iran sagte: „Gut, wir öffnen die Straße von Hermuss.“
  • Trump sagte: „Aha, dann werde ich sie selbst für eure Schiffe sperren, solange ihr die übrigen Bedingungen nicht akzeptiert.“
  • Der Iran sagte: „Ach so, dann schließen wir die Straße von Hormus.“
  • Trump sagte: „Ach so, dann schicke ich Vance zu Verhandlungen nach Islamabad.“
  • Der Iran sagte: „Ach so, dann schicken wir niemanden zu Verhandlungen, solange ihr die Meerenge nicht öffnet.“
  • An diesem Punkt befinden wir uns. Und Trump sagt: „Ach so, dann richte ich den Untergang an.“ Nun, er sagt nicht mehr „Untergang der Zivilisation“. „Dann bombardiere ich alles in Grund und Boden.“
  • Und was wird der Iran sagen? „Na gut, dann bombardiert eben. Wenn ihr bombardieren wollt, dann bombardiert. Wir haben uns während des Waffenstillstands sehr viel besser vorbereitet.“

Hans Luik. Was ist das für ein Absurdistan? Da ist der Egomane Trump mit Raketenmangel. Er schlägt zu, und Iran, reagierst so? „Wenn du so, dann wir so.“ Das war ein interessanter Ansatz. Können Sie für unser Publikum noch einmal erklären, wie diese Logik funktioniert? Also: Entweder wir schließen Hormus oder nicht, ich schließe es selbst, nein, ich werde bombardieren, und dann ihr so, und wir dann Dubai oder …

Portnikov. Das ist doch das natürliche Verhalten kriegführender Seiten. Ich verstehe nicht, was Sie daran ungewöhnlich finden. Die Vereinigten Staaten waren offenbar einfach nicht auf eine Schließung der Straße von Hormus und auf iranische Angriffe gegen die Staaten am Persischen Golf vorbereitet. Aber es ist eine völlig verständliche Formel, wenn ein schwächerer Staat die verwundbaren Punkte eines stärkeren ausnutzt, um auf diese Weise unter den Bedingungen eines totalen Krieges irgendwie seine Existenz zu sichern. Der Iran tut im Krieg mit den Vereinigten Staaten genau dasselbe wie die Ukraine im Krieg mit Russland.

Hans Luik. Was wird mit ihrer Atomwaffe?

Portnikov. Nun, sie verfügten nicht über die Fähigkeit zur Herstellung von Atomwaffen, aber sie haben weiterhin Material zur Herstellung einer Atomwaffe. Soweit ich weiß, wird das in den Vereinigten Staaten von niemandem bestritten.

Hans Luik. Interessant, ist von dort nicht irgendein Mordechai Vanunu geflohen, der uns genauer erklären könnte, wo in den Bergen diese Zentrifugen stehen?

Portnikov. Bislang sehen wir nichts Derartiges.

Hans Luik. Ein Direktor eines amerikanischen Nachrichtendienstzweigs ist zurückgetreten und sagt, das sei alles eine Provokation, dort gebe es nichts.

Portnikov. Nein, das war nicht der Direktor der CIA. Ich glaube, das sagte die Geheimdienstchefin Tulsi Gabbard, als sie zurücktrat. Sie leitet nicht die CIA. Aber Zweifel daran, dass der Iran angereichertes Uran besitzt, hat meines Wissens niemand geäußert.

Hans Luik. Aber bei den Verhandlungen, die mit Witkoff, mit Kushner gescheitert sind, soll Araghchi, der iranische Minister, oder jemand aus der Delegation gesagt haben: „Wir werden bald elf Atomsprengköpfe haben, und dann werdet ihr noch euer blaues Wunder erleben.“

Portnikov. Wir wissen nicht, wie sehr man irgendwelchen Informationen dieser Art trauen kann, die aus Teheran kommen.

Hans Luik. Genau. Gut. Sie waren während der Perestroika und der Befreiung Lettlands in Lettland, ja? Haben Sie dort gearbeitet?

Portnikov. Nun, ich war während der Perestroika mehrfach in Lettland.

Hans Luik. Haben Sie in deren Zeitschriften geschrieben?

Portnikov. Ja, ich schrieb Texte für die lettische Zeitung „Padomju Jaunatne“, als ihr die Akkreditierung in Moskau entzogen wurde.

Hans Luik. Was meinen Sie: Wie lange muss eine freie lettische Republik bestehen, damit ihre russischsprachige Bevölkerung – von der es in Daugavpils, Riga, Liepāja, Ventspils ja nicht wenige gibt – ihren Imperialismus vergisst?

Portnikov. Wir haben es mit unterschiedlichen ethnischen Gruppen zu tun, die sich nur sehr schwer zu einer gemeinsamen politischen Nation zusammenfügen. Denn einerseits gibt es das Konzept des Nationalstaates, und die Republik Lettland ist ein solcher.

Andererseits leben dort Menschen, ethnische Russen. Sie sind ja keine russischsprachigen Letten, sagen wir, wie es in der Ukraine bei Ukrainern häufig vorkommt. Das sind Menschen, die ethnische Russen sind, sehr häufig selbst aus Russland stammen oder deren Eltern aus Russland stammen. Und sie haben ein anderes ethnisches und nationales Bewusstsein. Sie haben eine andere Muttersprache, andere kulturelle Wurzeln.

In diesem Sinne ist das ein ziemlich schwieriges Problem, das mit der Existenz zweier Gemeinschaften innerhalb einer politischen Nation und mit der Frage verbunden ist, ob diese politische Nation effektiv existieren kann.

Entschuldigen Sie, das ist dasselbe, was in Israel passiert. Es gibt israelische Juden und israelische Araber. Sie wollen doch nicht sagen, dass man aus einem Araber in Israel einen Juden machen kann. Genauso wenig kann man aus einem Russen in Lettland einen Letten machen.

Wenn wir von einer politischen Nation der Einwohner Lettlands sprechen, ja, die kann entstehen. Aber das wird sehr schwer sein, denn die Schaffung einer solchen politischen Nation setzt gerade nicht voraus, dass alle in einem einzigen ethnischen Pol aufgehen. Deshalb wird dieses Problem sowohl in Lettland als auch in Estland immer bestehen.

Hans Luik. Ja, aber Russischsprachigkeit bedeutet nicht zwangsläufig Imperialismus.

Portnikov. Wir sprechen vom russischen Volk, nicht von Russischsprachigen. Diese Menschen sind ethnische Russen. Für sie ist Russisch die Muttersprache und russische Kultur ihre eigene Kultur. Und alles, was mit russischer Kultur verbunden ist, ist ihnen auf die eine oder andere Weise verständlich und zugänglich. Natürlich muss das nicht automatisch mit Imperialismus zusammenhängen. Aber wenn der Imperialismus, wenn Sie so wollen, sowohl der politischen als auch der künstlerischen Kultur zugrunde liegt – wo soll er dann hin?

Hans Luik. Imperialismus, ja, Entschuldigung, das ist ein philologischer Aspekt. Sie sagten Russentum, ja?

Portnikov. Ich erinnere noch einmal daran, dass diese Menschen ethnische Russen sind. Sie haben unterschiedliche politische Ansichten, aber dennoch verbindet sie ihre Zugehörigkeit zu diesem kulturellen Raum, nicht zum lettischen. Sie können Lettisch können, lettische Bücher lesen, aber deshalb werden sie trotzdem keine Letten. Sie werden Einwohner Lettlands, Bürger Lettlands, Letten im staatsbürgerlichen Sinn sein, aber keine ethnischen Letten. Ja, ja. Deshalb wird diese Verschmelzung höchstwahrscheinlich überhaupt nicht stattfinden.

Hans Luik. Überhaupt nicht? Dreißig Jahre, eine neue Generation.

Portnikov. Hören Sie, ich bin jüdischer Herkunft. Ich brauche weder 30 noch 40 noch 100 Jahre. Wir leben seit Jahrtausenden auf dem Gebiet der Ukraine und bleiben trotzdem Juden.

Hans Luik. Ich habe hier in Tallinn den Schriftsteller Michail Schischkin interviewt, und seltsamerweise musste ich ihn irgendwie trösten. Er sagte, das Prestige der russischen Sprache sei inzwischen völlig abgestürzt, stehe sehr niedrig. Ich sagte: „Das stimmt nicht. Zum Beispiel spreche ich doch hier mit Ihnen mein mehr oder weniger brauchbares Russisch.“

Portnikov. Ich glaube, dass Herr Schischkin völlig recht hat, denn jene Wahrnehmung der russischen Kultur und der russischen Zivilisation, die es vor Beginn des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine gab, ist unwiderruflich verschwunden. Aber das besagt nichts weiter, das ist an sich nichts Besonderes.

Hans Luik. Mir tut unsere junge Generation trotzdem leid, insbesondere meine Söhne, die kein Russisch verstehen.

Portnikov. Wissen Sie, offen gesagt tut es mir nicht besonders leid, dass Ihre Kinder kein Russisch verstehen, weil ich mir schon zu Sowjetzeiten immer die Frage gestellt habe, warum sie es überhaupt verstehen sollten. Die Menschen leben in Estland, ihnen sind, sagen wir, der finnische, deutsche oder englische Kulturraum viel näher. Sie künstlich an etwas heranzuführen, das für sie keine zivilisatorische Wahl darstellt – wozu? Sie können russische Schriftsteller auf Estnisch lesen, um Gottes willen. Aber was hat die Sprache damit zu tun?

Hans Luik. Diesen Dialog werde ich mit meinen Kindern führen, mit meinen Töchtern und Söhnen. Gut, und wie werden die Russen, also die Bürger Russlands, später, wenn dieser schreckliche Krieg mit der Ukraine irgendwann endet, daran zurückdenken? „Ewiger Ruhm, wir vergessen nichts, wir können es wiederholen“ – wie wird das aussehen?

Portnikov. Das hängt vom Ergebnis ab. Aber höchstwahrscheinlich wird es, wenn auch nur irgendein Teil ukrainischen Territoriums unter russischer Kontrolle bleibt und ein großer Teil des ukrainischen Territoriums in ein zum Leben ungeeignetes Gebiet verwandelt wird, als Sieg wahrgenommen werden: Man habe einen Teil des Territoriums, auf dem russische Menschen leben, zurückholen können, und einen großen Teil des Territoriums, von dem aus der Westen Russland angegriffen habe, in eine Pufferzone verwandelt. Wenn ihnen das alles gelingt, werden sie es als Sieg betrachten.

Wenn sich dagegen herausstellt, dass sie die Kontrolle über die eroberten Gebiete nicht halten können und die Ukraine beginnt, sich nach dem Krieg zu erholen, dann werden sie es anders deuten: Der Westen habe Russland erobern und vernichten wollen, aber es sei ihm nicht gelungen, und Russland existiere weiterhin in seinen, wie sie sagen werden, natürlichen Grenzen, die es gegen die westliche und nationalsozialistische Invasion verteidigen konnte. Das heißt, sie werden in jedem Fall über diesen Krieg als Sieg sprechen.

Hans Luik. Und dann wird es dort eine Statue für den Helden, den Vertragssoldaten geben, eine Pionierorganisation …

Portnikov. Entschuldigen Sie, es gibt doch Denkmäler für Veteranen des Afghanistan-Krieges. Gibt es solche bei Ihnen in Estland?

Hans Luik. Bei uns nicht mehr.

Portnikov. Bei uns in der Ukraine gibt es sie. Und niemand zweifelt auch nur daran, dass sie existieren sollen. Deshalb, entschuldigen Sie, ist das eine sehr einfache Illustration. Hier haben Sie ein Beispiel für einen Krieg, in dem bis zu einer Million Zivilisten ums Leben kamen und in dem der sowjetische Soldat ein Besatzungssoldat war, selbst wenn nicht aus eigenem Willen, sondern auf Befehl der sowjetischen Regierung. Trotzdem ehren wir das Andenken dieser Soldaten als unsere eigenen und erinnern uns nicht an ihre Opfer. Wenn das also selbst heute in der Ukraine geschieht, während der Krieg mit Russland weitergeht, warum zweifeln Sie dann daran, dass man in Russland der Soldaten gedenken wird, die im Krieg in der Ukraine gefallen sind? Ja, das wird so sein.

Hans Luik. Julija Latynina hat mich einmal in so einen Teufelskreis hineingezogen. Es ging übrigens darum, wie TV Rain aus Riga verdrängt wurde. Wir stritten darüber, und sie sagte: „Manche behaupten, wir, also die Russen, seien ein Volk von Sklaven.“ Sie fragte mich – das war noch die vegetarische Julija Latynina, nicht jene, mit der Sie sich später gestritten haben –: „Wie war es denn bei euch mit dem Afghanistan-Krieg? Das war doch überhaupt kein baltischer Krieg. Ihr wurdet eingezogen. Habt ihr Wehrämter angezündet, seid ihr demonstrieren gegangen, haben sich Soldatenmütter versammelt?“ Ich sagte: „Eigentlich nicht.“ „Was seid ihr denn, ein Volk von Sklaven?“ Was würden Sie darauf antworten?

Portnikov. Ich glaube, das war eine völlig andere Zeit, in der die Sowjetunion eine effektive Repressionsmaschine mit einer eingeschüchterten Bevölkerung war, und Estland war darüber hinaus ein besetztes Gebiet. Deshalb verstehe ich überhaupt nicht, warum wir hier von einem Volk von Sklaven oder Nicht-Sklaven sprechen.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine findet nicht deshalb statt, weil das russische Volk ein Volk von Sklaven ist, sondern weil es die Bedeutung des imperialen Projekts für die Existenz seines Staates und seines Volkes versteht. Das ist objektiv. Ich habe nie gesagt, dass sie diesen Krieg hinnehmen, weil sie ein Volk von Sklaven seien. Das haben vermutlich Sie Frau Latynina gesagt. Ich dagegen glaube, dass der Präsident der Russischen Föderation mit seinem Bestreben, ukrainische Gebiete Russland einzuverleiben, auf eine natürliche Nachfrage der russischen Gesellschaft antwortet, die immer in Kategorien der Expansion gelebt hat.

Deshalb ist das Problem viel schlimmer. Ein Sklave kann frei werden, aber ein Imperialist kann kein Vegetarier werden. Der Präsident Russlands, die russische Armee und das russische Volk handeln gemeinsam mit dem Ziel, die ukrainische Staatlichkeit zu vernichten, ebenso möglicherweise die Staatlichkeit anderer ehemaliger Sowjetrepubliken. Das ist alles so.

Das Problem ist natürlich, dass bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten und bei fehlender Möglichkeit eines militärischen Sieges die Frage des Preises entsteht. Und für einen gewöhnlichen Menschen kann die Frage des Preises größere Probleme verursachen als für den Präsidenten, weil der Präsident die Folgen dieses Preises nicht am eigenen Leib spürt. Aber ein gewöhnlicher Mensch, dessen Verwandter an der Front gefallen ist oder dessen Warenlager explodiert ist und der sein Geschäft verloren hat, für den ist das eine Frage des Preises. Er kann denken: „Vielleicht sollten wir die Eroberung der Ukraine verschieben, damit ich erst einmal normal leben kann. Vielleicht sollen meine Kinder die Ukraine erobern?“ Aber das, was Putin tut, ist ihm nah und verständlich. Das ist keine Frage von Sklaverei.

Hans Luik. Und nehmen wir Belarus. Das ist ihr Land, sie haben dort einen Kartoffelpräsidenten und ein ziemlich hartes Regime. Es gibt dort Foltergefängnisse, sogar einen KGB, einen Staatssicherheitskomitee. Wir haben darüber einfach keine Informationen, und ich bedaure das. Zum Beispiel: Wie lässt sich das Leben im besetzten Mariupol mit dem Leben auf heimischem Boden in Belarus für belarussische Bürger vergleichen?

Portnikov. Hören Sie, Belarus ist ein Staat, in dem nach 2020 endgültig ein Polizeiregime etabliert wurde. Das wissen Sie sehr gut. Darüber muss man gar nicht diskutieren. Tausende Menschen kamen ins Gefängnis. Jetzt tauschen die Amerikaner sie gegen irgendwelche Versprechen, gegen eine teilweise Aufhebung von Sanktionen.

Hans Luik. Und Lukaschenko nimmt gleich neue politische Gefangene.

Portnikov. Deshalb ist klar, dass das Leben in Minsk und das Leben in Mariupol im Großen und Ganzen vergleichbar sind. In Mariupol gibt es eine Form des Besatzungsregimes, in Minsk eine andere.

Hans Luik. Das Internet ist dort frei, man kann im Internet Kanäle auswählen.

Portnikov. Ich glaube, die Frage des Internets hat überhaupt keine besondere Bedeutung. Sie überschätzen die Bedeutung des Zugangs zu Informationen. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass selbst in den 1990er-Jahren, wenn ich in Belarus war und dort die Schrauben immer weiter angezogen wurden, in den Kiosken keine oppositionelle Presse mehr lag und das Internet noch kaum verbreitet war, es aber Internetcafés gab. Man konnte in jedes beliebige Postamt in Belarus gehen und dort völlig problemlos jede oppositionelle Website lesen. Aber Menschen, die das tun wollten, habe ich irgendwie nicht gesehen. Es ist eben keine Frage des Zugangs, sondern der Bedeutung für die Gesellschaft.

Hans Luik. Ich glaube nicht, dass die Leute Ihnen applaudieren würden, wenn Sie sagen, ich überschätze das Interesse am Internetzugang. Die Russen würden Ihnen da nicht zustimmen.

Portnikov. Die Russen würden, glaube ich, gerade deshalb nicht zustimmen, weil Einschränkungen des Internetzugangs ihnen gewöhnliche Alltagsdienstleistungen nehmen und nicht den Zugang zu politischen Informationen. Einschränkungen des Internets schaffen ganz andere Probleme. Zum Beispiel ein Taxi rufen, Essen nach Hause bestellen – all das, was wir beide tun, ohne überhaupt zu bemerken, dass es Internet ist. Ich versichere Ihnen: Wenn es Russland gelänge, ein kontrolliertes Internet wie in China zu schaffen, mit dem gesamten Spektrum an Dienstleistungen, aber ohne Zugang zu politischen Websites, würden 90 Prozent der russischen Bevölkerung das nicht einmal bemerken.

Hans Luik. Ja, wir alle haben beobachtet, wie ukrainische Raketen oder Drohnen Wildberries-Lager zerstört haben. Interessant ist doch: Funktioniert das Internet noch so weit, dass alle darüber klagen können? „Ich kann mein Geschäft nicht betreiben, meine Waren nicht verkaufen.“

Portnikov. Ja, aber im Großen und Ganzen spricht niemand über die Probleme, die entstanden sind, im Hinblick auf ihre Ursache. Die meisten Menschen, die ihr Geschäft bedauern, erwähnen den Krieg nicht, wie den Elefanten im Raum, wissen Sie? Deshalb noch einmal: Welche Bedeutung hat das Internet? Nun, ein Lager ist abgebrannt, dein Geschäft ist explodiert, aber du sagst nicht zu anderen Leuten: „Vielleicht sollten wir den Krieg beenden?“ Die überwältigende Mehrheit der Menschen umgeht dieses Thema. Und vor allem: Wenn Menschen sagen „den Krieg beenden“, wissen wir nie, was sie meinen: den Krieg stoppen oder ihn intensivieren, um die Ukraine endgültig zu zerschlagen und all diese mit ihr verbundenen Risiken, wie sie sagen würden, zu beseitigen. Man muss also immer nachfragen: Wenn Sie sagen, den Krieg beenden – wie?

Hans Luik. Was glauben Sie, wie denken die Russen? Wie viel Prozent sagen: „Lasst uns die Ukraine endlich erledigen“, und wie viel Prozent sagen: „Alles stoppen“?

Portnikov. Ich denke, die Mehrheit der Menschen wäre bereit, den Krieg in seinem jetzigen Zustand zu beenden. Aber ich glaube, es gibt auch genügend Menschen, die meinen, Putin sei nicht effektiv genug und man müsse härter vorgehen.

Hans Luik. Einer von ihnen ist natürlich Oberst Girkin, der im Gefängnis sitzt.

Portnikov. Nein, Oberst Girkin wirkt durchaus realistisch. Aber ich glaube, irgendwelche einzelnen Personen spielen in diesem Fall überhaupt keine Rolle.

Hans Luik. Sagen Sie bitte noch einmal etwas zu Lettland. Sie haben dort TV Rain hinausgedrängt. Ich habe beobachtet, dass Sie sehr vorsichtig waren, keine Position bezogen haben. Das ist schließlich das lettische Volk, ihre Demokratie. Aber meiner Meinung nach haben nicht alle bemerkt, worin der eigentliche Kern des Konflikts bestand. Es ging doch nicht nur darum, dass TV Rain ein mehr oder weniger demokratischer Sender war. Ich habe ihn früher auch verfolgt und kenne einige dieser Leute. Gut, sie hatten dort irgendeine Sammlung angekündigt, ich weiß nicht, Kleidung für „unsere Jungs, die in der Ukraine kämpfen“. Aber haben Sie gesehen, dass Ekaterina Kotrikadze in einem Interview den Bürgermeister von Riga, einen Letten, gefragt hat: „Warum reißen Sie die Denkmäler für die Befreier ab?“ Und der lettische Bürgermeister musste ihr erklären, dass das nicht ganz solche Befreier waren.

Ekaterina Kotrikadze (Zitat aus einer anderen Sendung). Gleichzeitig stellt dieses Denkmal offensichtlich einen erheblichen Wert für Tausende, Zehntausende Einwohner Ihrer Stadt dar. Und natürlich stellt sich die Frage, warum man vor dem Hintergrund der enormen Unzufriedenheit, sagen wir, der russischsprachigen Einwohner Rigas diese Eskalation provoziert?

Portnikov. Nun, warum wundern Sie sich darüber? Ein großer Teil der Menschen, die im sowjetischen oder russischen Schul- und Hochschulsystem ausgebildet wurden, versteht überhaupt nicht, wie die Welt funktioniert und was die wirklichen historischen Wahrheiten in den Beziehungen Russlands zu seinen Nachbarn sind.

Für mich ist daran nichts überraschend, denn ich habe 2014 mit einer Journalistin von TV Rain, Frau Taratuta, gesprochen. Sie ist übrigens ethnische Ukrainerin. Sie wurde in der Ukraine geboren und begann ihre Karriere in Russland bereits zu einer Zeit, als die Ukraine ein unabhängiger Staat war. Eine solche zivilisatorische Entscheidung fand ich geradezu verblüffend. Aber das ist das Recht jedes Einzelnen. Vielleicht identifizierte sie sich als Russin.

Und in unserem Gespräch 2014 wiederholte sie auf TV Rain sämtliche russischen Narrative. Im Grunde war es ein Interview mit einem Menschen, der Träger russischer, ich würde sagen, zivilisatorischer Narrative war. Und TV Rain selbst ist ein deutliches Beispiel für einen Träger russischer zivilisatorischer Narrative, sagen wir, in demokratisch-imperialer Form.

Deshalb überrascht mich weder Taratuta noch Kotrikadze noch irgendein anderer Vertreter dieser professionellen Gemeinschaft. Denn so ist es. Wenn diese Menschen die russische Zivilisation wählen – Kotrikadze ist Georgierin, Taratuta Ukrainerin –, dann wählen sie eine Zivilisation der Expansion und verzichten damit faktisch auf jene Werte und Ideale, die bei ihren eigenen Völkern existieren. Was sollen sie dann sonst tun?

Hans Luik. Nein, wenn das einfach gewöhnlicher alltäglicher Imperialismus wäre, wäre daran nichts Interessantes. Aber ich glaube, ich vermute – obwohl ich kein Psychopathologe bin –, dass das Unterbewusstsein ist.

Portnikov. Noch einmal: Sie liegen völlig falsch damit, dass das Unterbewusstsein sei, denn Kotrikadze oder Taratuta könnten durchaus eine andere Muttersprache haben. Russisch könnte für sie, sagen wir, eine erlernte Sprache sein oder eine Sprache, die sie seit der Kindheit auf regionaler Ebene kennen.

Hans Luik. Ich sage nicht, dass Russisch die Muttersprache von Frau Kotrikadze ist.

Portnikov. Nein, da stimme ich nicht zu, denn Herzen schrieb ebenfalls auf Russisch. Alles, was Herzen über den polnischen Aufstand sagte, wurde auf Russisch gesagt, nicht auf Polnisch, Englisch oder Französisch. Alles, was Novodvorskaya sagte, wurde auf Russisch gesagt. Deshalb muss man nichts erfinden.

Hans Luik. Ich habe übrigens vor Kurzem zwei seltene Bände mit der originalen diplomatischen Korrespondenz Iwans des Schrecklichen gelesen. Und obwohl das nicht jenes Russisch ist, das man mir hier in der Tallinner Schule beigebracht hat, halte ich es doch für dasselbe. Vor 500 Jahren genau dasselbe. „Ihr habt dort nicht den richtigen Glauben, ihr Livländer, Polen.“

Portnikov. Ganz genau, denn damals standen russische Soldaten tatsächlich vor Tallinn. Man musste irgendwie erklären, warum sie dort standen. Übrigens bot das Konzept der Angliederung der ukrainischen Gebiete Kyivs hervorragende Möglichkeiten, russische Expansion zu erklären. Denn wenn du deine Staatlichkeit nicht mit dem Zeitpunkt beginnen lässt, als in Wladimir und Susdal die ersten Großfürsten auftauchten, sondern mit dem Moment, als ein Staat mit Zentrum in Kyiv entstand, dann haben Sie ja Jahrtausende mit Feldzügen, Erwerbungen und Verlusten zur Verfügung. Auf diese Weise können Sie bis nach Konstantinopel gehen, wohin die Kyiver Fürsten zogen, und sagen, auch das sei Russland.

Hans Luik. Nicht ganz ohne. Ja. Wissen Sie, Iwan der Schreckliche schrieb nur einer einzigen Frau? Alle anderen waren natürlich der eine Orden, der andere Orden, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation.

Portnikov. Sehen Sie, Sie kennen das immerhin auf Deutsch und nicht auf Russisch. Und behaupten trotzdem, die russische Sprache verbinde uns.

Hans Luik. Nein, ich provoziere. Entschuldigen Sie, wir sind beide Journalisten. Wer war diese einzige Frau? Er machte ihr sogar einen Heiratsantrag.

Portnikov. Sie meinen die englische Königin Elisabeth I.?

Hans Luik. Ja. Elisabeth I. Das ist eine interessante Parallele, denn ähnlich wie Wladimir Putin schrieb Iwan der Schreckliche vor 500 Jahren ebenfalls: „Hier sind diese lokalen Europäer, Livländer, Polen, irgendwie nicht richtig. Sie haben keine Moral, keinen Gott. Kommen Sie doch mit Ihrer Flotte her, und dann schauen wir mal, was wir mit ihnen machen. Ich und Sie.“ Und er war sehr beleidigt, weil Elisabeth es irgendwie schaffte, ihn nicht sofort dahin zu schicken, wohin man ihn hätte schicken müssen. Dann ging es um irgendwelche Kaufleute. Und damals gab es, glaube ich, die erste Blockade europäischer Waren. Iwan der Schreckliche schrieb: „Alle Freibriefe und Zollbefreiungen, die ich euch Engländern, euren Kaufleuten gegeben habe, werden annulliert. Das russische Volk brauchte nie irgendwelche englischen Waren. Wir kommen auch so gut zurecht. Nur unsere Militärspezialisten sollen die Livländer mit ihren Kanonen durchlassen.“ Dasselbe. Gut.

Darf ich Sie zur Politik fragen? Demonstrationen, der Wechsel des Oberbefehlshabers, zuvor Minister Fedorov. Wie sieht das aus? Ich beobachte im ukrainischen russischsprachigen Internet, dass sofort Verschwörungstheorien auftauchten: Das sei wegen Drohnenlieferungen, wegen Aufträgen, es gehe um großes Geld, das seien alles Clowns, Schauspieler, das sei keine echte Demonstration. So etwas gab es.

Portnikov. Ich interessiere mich nicht besonders für das russischsprachige Internet und glaube, dass es in der Ukraine ein ukrainischsprachiges Internet gibt und alles andere sozusagen die Nachhut ist. Aber wenn wir ernsthaft sprechen, denke ich, dass es schlicht eine Frage des Zusammenhangs zwischen Macht und Gesellschaft ist. Bei uns funktioniert das so. Unter Kriegsbedingungen, unter Bedingungen, in denen unser Parlament kein eigenständiges Subjekt ist, erweist sich die Gesellschaft faktisch als einziger Mechanismus zur Korrektur staatlicher Entscheidungen. Mehr kann man dazu nicht sagen.

Hans Luik. Und der Staatshaushalt? Alfred Gove sagte, und Ursula von der Leyen sprach beim G7-Treffen davon, dass Geld für Raketen und Drohnen fehlt, dass man trotzdem kaufen müsse, auch aus ukrainischen Fabriken, aber das Geld fehlt. Dieses großartige Feuerwerk, das wir mit großer Freude beobachten, endet bald, und dann werden zig Milliarden fehlen. Ursula von der Leyen bat die nichteuropäischen G7-Mitglieder, Japan, die Vereinigten Staaten, Großbritannien. Und die lehnten ab und sagten: „Das ist eine europäische Angelegenheit. Findet das Geld selbst.“ Und nun entsteht diese Situation, dass die Europäer, also die Europäische Union, inzwischen auch für amerikanische Waffen bezahlen. Und zusätzlich gibt es dieses große Loch im ukrainischen Haushalt. Dieser Winter wird hart.

Portnikov. Wir sprechen jedes Mal über Schwierigkeiten im Winter und jedes Mal überstehen wir den Winter. Schauen wir, wie es diesmal wird. Das ist schließlich nicht der erste und nicht der letzte Winter des Krieges.

Hans Luik. Kommentieren Sie das bitte etwas ausführlicher. Dieser letzte Winter war nicht wie der vorletzte. Das war eine Grausamkeit mit Heizwerken, Kraftwerken.

Portnikov. Wir wissen nicht, wie die Ukraine jetzt auf den kommenden Winter vorbereitet ist, wie sich die Wärmeenergieversorgung verändert hat, wie stark sie dezentralisiert wurde. Wir haben diese Informationen nicht. Deshalb können wir keinerlei Prognosen abgeben.

Hans Luik. Und vermutlich lohnt es sich nicht einmal zu fragen, ob der Kreml, Moskowien, im Herbst wenigstens irgendeinen Waffenstillstand schließen will?

Portnikov. Nein, bei Russland ist keinerlei Wunsch zu erkennen, überhaupt einen Waffenstillstand zu schließen.

Hans Luik. Sie sind ein geborener Optimist, Vitaly.

Portnikov. Ich bin weder Optimist noch Pessimist. Ich stelle einfach Tatsachen fest.

Hans Luik. Und was sagen Sie zu dem viel gelesenen und zitierten Artikel von General Zaluzhny vom 8. Juli im Londoner Telegraph?

Portnikov. Ja, auf die Texte von General Valery Zaluzhny wird bei uns immer geachtet, weil sie konzeptionell sind.

Hans Luik. Aber meiner Meinung nach sagt er, dieses Feuerwerk sehe gut aus – Ölhäfen, Ölraffinerien –, aber das bedeute noch nicht, dass wir gewinnen.

Portnikov. Genau das sage ich auch. Ich sage Ihnen, dass die Verringerung des wirtschaftlichen Potenzials Russlands der richtige Weg zum Ende des Krieges ist. Aber wann dieser Weg zu einem Ergebnis führt, weiß niemand. Es ist Krieg. Sie wollen ständig irgendwelche Prognosen, aber im Krieg gibt es keine Prognosen. Im Krieg gibt es nur eine Bewegung, die zur Erschöpfung der Seiten führen kann. Das ist Erschöpfung. Ein Abnutzungskrieg. Wie viele Jahre oder Monate braucht es, um Russland zu erschöpfen? Weder Sie wissen das noch ich.

Die Ukraine ist schwerer zu erschöpfen, weil sie, wie Sie richtig gesagt haben, vom Europäischen Union getragen wird. Das hängt allein von unseren europäischen Verbündeten, von unseren westlichen Verbündeten insgesamt ab. Diese beiden Dinge wissen wir. Und mit ihnen arbeiten wir in den kommenden Jahren. Eine Prognose kann niemand erstellen. Einen solchen Menschen gibt es nicht.

Hans Luik. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich mich für unser Brüssel, für unsere Europäische Union schäme. Denn während der Finanzkrise nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers sammelte die Europäische Union für ihre eigenen Mitgliedstaaten Kredite und Garantien, subventionierte nationale Banken und so weiter. Was glauben Sie, wie groß war der gesamte Umfang? Man bereitete das vor, verteilte Geld und erklärte Garantien.

Portnikov. Ja, ich erinnere mich an diese Situation, aber es ist immer so. Das eigene Hemd ist einem näher als der Rock. Das ist eine bekannte Tatsache.

Hans Luik. Nein, aber wenn man es quantifiziert: Es waren 4,3 Billionen. Und ich glaube, dass wir, die Europäische Union, der Ukraine bis zu diesem Frühjahr – und das ist weder Militärhilfe noch Waffen – 150 Milliarden gegeben haben, also 30-mal weniger. Damals wurden auf dem europäischen Kontinent aber keine Menschen getötet.

Portnikov. Ja. Aber damals wurde das als Gefahr für die europäische Wirtschaft wahrgenommen. Heute wird das eben nicht so wahrgenommen. Es ist eine Frage der Wahrnehmung.

Hans Luik. Mir ist dieser Maßstab trotzdem peinlich.

Portnikov. Ich verstehe Sie sehr gut. Wir arbeiten eben mit den Realitäten, die wir haben.

Hans Luik. Sprechen wir über Demokratie in der Ukraine. Ich glaube nicht, dass Sie widersprechen werden, dass ein Indikator für Demokratie die effektive Unabhängigkeit des Richters ist, dass das Gericht als Institution unabhängig sein muss. Bei Ihnen wird Roman Chervinsky vor Gericht gestellt, ein Oberst der Spezialoperationen, Poroschenko, Kolomojskyj, ich weiß nicht, Andriy Yermak ist verhaftet, wartet …

Portnikov. Nein, er steht unter Ermittlungen, ist aber nicht verhaftet.

Hans Luik. Nun, die Anklage wird vorbereitet, so verstehe ich es, ja? Und wurde jemand von ihnen verurteilt?

Portnikov. Warum glauben Sie, dass Poroschenko verurteilt werden müsste, wenn die Sanktionen gegen ihn beispielsweise wie ein offensichtlicher politischer Auftrag der derzeitigen Regierung aussehen? Gerade das Verhalten des Obersten Gerichtshofs in dieser Situation zeugt eher von der politischen Abhängigkeit der Justiz als von ihrer Unabhängigkeit.

Hans Luik. Dem ehemaligen Präsidenten Petro Poroschenko erlaubt man also weiterhin nicht, die Ukraine zu verlassen, nicht einmal für Konferenzen?

Portnikov. Nun, das ist eine Frage, die immer punktuell entschieden wird. Aber offensichtlich kann die Frage der Sanktionen gegen den ehemaligen Präsidenten früher oder später zu einem ernsthaften politischen Problem für unsere europäische Integration und für die derzeitige Regierung als solche werden.

Der Fairness halber muss man allerdings sagen, dass wir schon ziemlich lange an einer Reform der Justiz arbeiten, seit dem Maidan 2013–2014. Diese Reform geht weiter. So oder so denke ich, dass schon die Logik der europäischen Integration dazu zwingen wird, sie fortzusetzen. Und außerdem darf man nicht vergessen, dass wir Teil des europäischen Rechtssystems sind. Entscheidungen, die der Oberste Gerichtshof der Ukraine nicht treffen kann, wird früher oder später der Gerichtshof in Straßburg treffen. Und das ist wichtig.

Was die allgemeine Situation betrifft, verstehen Sie ja, dass sich das in einer ehemaligen Sowjetrepublik nicht so einfach machen lässt, wie man es gerne hätte. Und dennoch haben Sie gesehen, dass die Menschen bei uns im vergangenen Jahr gerade deshalb protestierten, weil sie die Unabhängigkeit der Antikorruptionsstrukturen forderten, die übrigens über eine eigene gerichtliche Vertikale verfügen.

Hans Luik. Jetzt habe ich Sie beim Optimismus erwischt. Ich stimme Ihnen sehr zu. Das freut mich.

Portnikov. Es ist einfach ein schwieriger Prozess, der ebenfalls nicht schnell endet, aber gesellschaftliche Unterstützung hat.

Hans Luik. Zu Beginn des Krieges gab es bei Ihnen diese Situation: Der ukrainische Staat wurde in die Zange genommen. Auf der einen Seite waren die Asow-Kämpfer in russischen Foltergefängnissen. Schreckliche Folter, und außerdem wurde noch ihre Baracke bombardiert.

Portnikov. Ja. In der Strafkolonie Oleniwka.

Hans Luik. Auf der anderen Seite fingen Ihre Geheimdienstler Medwedtschuk, der einen Putsch vorbereitet hatte, und er sagte aus und sprach in Videos. Ich habe Ukrainer gefragt, und alle sagten, er habe alles ausgepackt, weil er nicht wusste, ob man ihn wegen Hochverrats hängen würde oder nicht.

Portnikov. Ich glaube nicht, dass irgendjemand dachte, Medwedtschuk könne gehängt werden oder Ähnliches, denn auch hier handelt es sich um ein zivilisiertes Rechtssystem. Wenn man ihn nicht nach Russland ausgetauscht hätte, wäre er genauso vor Gericht gestellt worden wie jeder andere ukrainische Staatsbürger.

Hans Luik. Und wenn man ihn nicht ausgetauscht hätte?

Portnikov. Wenn man ihn nicht ausgetauscht hätte, hätte es einen Prozess gegeben, in dem man die Beteiligung Viktor Medwedtschuks an all den Verbrechen hätte beweisen müssen, die ihm vorgeworfen wurden.

Hans Luik. Angenommen. Mir scheint, ihm wäre nur geblieben, selbst ein Geständnis abzulegen.

Portnikov. Das ist eine sehr große Frage. Wir haben genügend Politiker, die aktiv mit Moskau zusammengearbeitet haben und Abgeordnete der Werchowna Rada sind, zu Sitzungen kommen und abstimmen. Diese Menschen standen mit demselben Medwedtschuk in engen Beziehungen, und ihnen ist nichts passiert.

Hans Luik. Wenn wir uns aber das Beste vorstellen, was hätte passieren können: Dass die Asow-Leute irgendwie anders freigekommen oder ausgetauscht worden wären und Medwedtschuk bei Ihnen geblieben wäre und öffentlich gestanden hätte: „Ja, ich habe den Putsch vorbereitet. Ich habe heimlich im Auftrag aus Moskau gearbeitet, im Auftrag des Paten meiner Tochter, Wladimir Wladimirowitsch.“ Und all das wäre irgendwie dokumentiert worden. Die Frage ist: Wäre Wladimir Putin danach noch jemand gewesen, dem man die Hand reicht?

Portnikov. Ja, natürlich, nichts hätte sich geändert. Im Westen zweifelt niemand daran, dass Putin die Zerstörung der ukrainischen Staatsmacht vorbereitet hat. Das ist für niemanden ein Geheimnis. Und übrigens hat man das in Moskau auch nie verheimlicht. In Moskau sagte man immer, 2014 habe in der Ukraine ein Staatsstreich stattgefunden und an der Macht befinde sich ein illegales, vom Westen eingesetztes Regime. Mal sprechen sie mit unseren Präsidenten, mal erklären sie sie wieder für illegitim. Deshalb sehe ich überhaupt keinen besonderen Effekt, den Medwedtschuks Aussagen gehabt hätten. Sie hätten überhaupt nichts verändert.

Hans Luik. Nun, es gibt einen Unterschied, wenn es ein Gerichtsverfahren und Beweise gibt.

Portnikov. Mir scheint, dass die Tatsache, dass Russland friedliche ukrainische Städte bombardiert, Raketen auf Kinderkrankenhäuser abfeuert und Regierungsgebäude angreift, ein wesentlich schwerwiegenderer Beweis ist als die Beteiligung irgendeines ukrainischen Politikers an der Vorbereitung eines Staatsstreichs in Kyiv. Ganz zu schweigen davon, dass einer der Beteiligten an solcher Agententätigkeit, Andriy Derkach, ehemaliger Abgeordneter der Werchowna Rada der Ukraine, heute Mitglied des Föderationsrates der Föderalen Versammlung Russlands ist. Wen hat das beeinflusst?

Hans Luik. Ja, sie sind eben Legalisten. Trump sagt auch: Putin sagt nichts. Demokratisch gewählter Präsident, dieser sogenannte Putin oder nicht. Aber über Zelensky sagt er: „Es gab keine Wahlen, die Amtszeit ist abgelaufen.“

Portnikov. Menschen sagen das, was ihnen gerade nützt. Wie Sie sehen, sagt Trump über Venezuela nichts. Noch vor Kurzem galt Nicolás Maduro als illegitimer Präsident und Machtusurpator, während seine Nachfolgerin Delcy Rodríguez, die auf ebenso usurpatorische Weise an die Macht kam, als legitime Führerin Venezuelas betrachtet wird.

Hans Luik. Gut. Warum hören wir eigentlich nichts mehr von Nordkorea? Haben wir es vergessen? Hat der Kreml es vergessen?

Portnikov. Warum? Vielleicht verfolgen Sie es einfach nicht? Vor Kurzem war der Vorsitzende der Volksrepublik China, Xi Jinping, in Pjöngjang. Er führte dort recht ernsthafte Gespräche. Es war sein erster Besuch seit vielen Jahren, ich glaube seit Jahrzehnten. Ich verfolge die nordkoreanische Politik also aufmerksam.

Als Sie früher viel von Nordkorea hörten, verfügte Nordkorea über enorme Waffenbestände in seinen Lagern. Diese Bestände sind aufgebraucht. Und heute kann Russland nur noch das kaufen, was Nordkorea laufend produziert. Und es produziert nicht besonders schnell. Der ganze Effekt der russischen Beziehungen zu Nordkorea bestand darin, dass Moskau angesichts des Mangels an eigener Waffenproduktion eine gewisse Zeit lang auf qualitativ schlechtere, aber in großer Menge vorhandene nordkoreanische Waffen zurückgreifen konnte.

Inzwischen wurde auch in Moskau die Waffenproduktion hochgefahren, und die nordkoreanischen Arsenale sind in dem Umfang erschöpft, der für Russland interessant sein könnte. Deshalb hören Sie davon im Zusammenhang mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine nichts mehr. Aber als die Kursk-Operation stattfand, sahen Sie, dass Russland, das damals nicht über genügend Soldaten für operative Einsätze entlang der gesamten Frontlinie verfügte, nordkoreanische Soldaten auf dem Gebiet der Region Kursk einsetzte. Das war der letzte solche Moment. Ich versichere Ihnen: Wenn ukrainische Truppen erneut auf dem auftauchen, was wir als souveränes Territorium Russlands bezeichnen, könnten auch nordkoreanische Soldaten wieder auftauchen.

Hans Luik. Der Krieg endet. Ist das irgendwann realistisch?

Portnikov. Wenn der Krieg endet, werden wir sehen, in welchem Zustand sich die Ukraine befindet, in welchem Zustand Russland ist und in welchem Zustand der Westen ist. Das ist keine Frage von heute oder morgen.

Hans Luik. Müssen wir ernst nehmen, was sowohl Ilham Aliyev als auch Kanzler Merz festgestellt haben, dass in Baku geheime Verhandlungen stattfanden?

Portnikov. Nicht ernst nehmen. Das ist, glaube ich, bereits das dritte oder vierte solche Treffen in den letzten Monaten. Diese Treffen haben nie zu etwas geführt.

Hans Luik. Das heißt, irgendwelche substanzielleren Verhandlungen, die zu Frieden führen könnten …

Portnikov. Ich glaube überhaupt, dass die Gespräche, die ehemalige deutsche und ehemalige russische Politiker führen, nicht den Krieg betreffen, sondern die Energiewirtschaft. Die Anwesenheit Viktor Subkows, des Vorsitzenden des Aufsichtsrats von Gazprom, bei diesen Gesprächen zeigt im Grunde, dass dort nicht über den Krieg als solchen gesprochen wird, sondern über Perspektiven einer Zusammenarbeit im Energiebereich, falls es irgendwann gelingen sollte, sich über ein Ende des Krieges zu einigen.

Hans Luik. Das heißt, es gibt keine Verhandlungen, die Leute treffen sich nicht, es gibt nicht einmal einen Kanal, meiner Meinung nach, ja?

Portnikov. Selbst wenn es einen Kanal gibt, spielt das keine Rolle. Wenn der Präsident Russlands nicht auf ein Ende des Krieges eingestellt ist, haben Verhandlungen keinen Sinn.

Hans Luik. Was würden Sie Geldgebern aus der Europäischen Union, aus Brüssel, hinsichtlich ihres Einflusses auf die ukrainische Demokratie raten?

Portnikov. Ich glaube, wir verstehen sehr gut: Wenn wir die Ukraine künftig in Europa sehen wollen, selbst wenn erst in 10 oder 15 Jahren, muss diese Ukraine den Kopenhagener Kriterien entsprechen und somit ein demokratisches Land mit Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung sein. All das muss erst noch aufgebaut werden.

Hans Luik. Aber 1946, nach dem Zweiten Weltkrieg, kam in der Sowjetunion eine Hungersnot, weil die Lend-Lease-Konserven ausgingen, die Hilfe endete. Stalin beendete, glaube ich, das Kartensystem, und dann kam die Hungersnot. Damals bat man den Westen um Hilfe. Der Westen hätte doch verlangen können: „Gut, wir helfen euch, aber schafft bitte die Kolchosen ab, dann bekommt ihr Hilfe.“

Portnikov. Das sind wieder politische Märchen. Niemand hätte jemals etwas Derartiges gefordert. Die Sowjetunion war ein Siegerstaat des Zweiten Weltkriegs, kontrollierte die Hälfte Europas. Und wie Sie sehen, gelang es nicht einmal, ihren Einfluss deswegen zu reduzieren. Außerdem sagen Sie über die Hungersnot merkwürdige Dinge. Für die sowjetische Führung war es leichter, zehn Millionen Menschen zu opfern, die verhungern würden, als die Grundlagen des Regimes abzubauen. Warum glauben Sie überhaupt, dass der Tod irgendwelcher Menschen durch Hunger für Stalin einen besonderen Wert dargestellt hätte?

Hans Luik. Nun, man bat trotzdem um Hilfe, man will schließlich essen.

Portnikov. Um Hilfe zu bitten bedeutet nicht, Zugeständnisse zu machen. Und noch einmal: Es baten jene Menschen darum, die selbst keine Probleme mit Lebensmitteln hatten, die ihrerseits Lebensmittel für diejenigen finden wollten, die keine hatten – aber nicht um den Preis von Zugeständnissen, die für ein solches System grundlegend gewesen wären.

Hans Luik. Erinnern Sie sich, als in Riga eine Dame, nämlich die Botschafterin der Vereinigten Staaten, sagte: „Kein Wort mehr davon. Ihr habt diesen state capture, eure Oligarchen, ihr verteilt ihre Organisationen, Parteien, sonst wird es schlimm, dann habt ihr keinen Staat mehr.“ Sie sagte das sehr hart, sehr unkonventionell.

Portnikov. Aber sie verlangte doch keine Zugeständnisse. Sie charakterisierte lediglich die politische Lage in Lettland zu der Zeit, als sie die diplomatische Vertretung leitete. Das entspricht durchaus dem Stil amerikanischer Botschafter. Das tun sie nicht nur in Lettland.

Hans Luik. Und wenn die Europäische Kommission bei der nächsten Unterstützung sagen würde: „Übrigens, mobilisiert eure vier Millionen jungen Männer aus Europa, dann helfen wir weiter“?

Portnikov. Entschuldigen Sie, meiner Meinung nach ist es nicht Sache der Europäischen Kommission, der Ukraine so etwas zu sagen. Sie reden gerade offensichtlichen Unsinn. Diese Menschen genießen den Schutz der jeweiligen europäischen Staaten. Die Ukraine kann Bürger auf dem Territorium anderer Staaten nicht mobilisieren. Und diese Bürger wiederum stehen unter europäischem humanitärem Recht. Ich verstehe überhaupt nicht, wovon Sie sprechen und in welcher Welt Sie leben.

Hans Luik. Ich kritisiere die Situation, ja, ich kritisiere die Situation. Finden Sie das normal?

Portnikov. Ich denke, wir müssen sowohl die Besonderheiten des europäischen humanitären Rechts als auch den Mobilisierungsbedarf der Ukraine berücksichtigen. Schließlich gibt es auch in der Ukraine selbst noch Millionen Menschen, die mobilisiert werden könnten. Wir sprechen ständig über die Notwendigkeit einer Mobilisierungsreform. Diese Menschen sind viel zahlreicher als jene, die sich in Europa befinden.

Hans Luik. Da Sie sowohl die Lage in Europa als auch in Paris und Berlin beobachten, die Alternative für Deutschland, die Partei Le Pens: Wie viel Zeit bleibt Ihrer Meinung nach noch, bis die entschlossene Unterstützung für die Ukraine endet?

Portnikov. Das weiß ich nicht, weil ich die Ergebnisse künftiger europäischer Wahlen nicht kenne.

Hans Luik. Aber sie sind doch populär, sogar die populärsten.

Portnikov. Nun, Popularität bedeutet noch keinen Wahlsieg. Deshalb werden wir die Prozesse beobachten. Sie können unterschiedlich verlaufen.

Hans Luik. Dann danke ich Ihnen, Vitaly. Optimismus haben wir genug. Es wird also alles so bleiben wie bisher. Nichts verändert sich.

Portnikov. Ich habe nicht gesagt, dass alles so bleiben wird wie bisher. Ich habe gesagt, dass ukrainische Angriffe auf russische Ölraffinerien, auf Marktplätze und andere wichtige wirtschaftliche Objekte Bedingungen dafür schaffen, dass der Krieg irgendwann beendet wird. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, wann das geschieht.

Hans Luik. Uh, provoziert, provoziert. Ich hoffe es. Vielen Dank. Ich hoffe, Sie haben unrecht, aber ich fürchte, Sie haben recht.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Портников: «Молодому поколению надо готовиться гибнуть на войнах». 07.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.08.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


M

Das ukrainische Paradox. Vitaly Portnikov. 09.08.2026.

Український парадокс. Віталій Портников. 0908.2026.

Wenn Putin beginnt, über die Ukraine zu sprechen, die angeblich von Lenin erfunden worden sei, oder über die von Stalin „verschenkten“ Gebiete, nehmen wir das als propagandistischen Unsinn wahr – schließlich kennen wir die Geschichte der Ukraine und des ukrainischen Volkes weit besser als er und, was am wichtigsten ist, wir verstehen sie auch.

Doch in Putins Äußerungen steckt eine Botschaft, die nicht nur an uns gerichtet ist. Der russische Präsident versucht verzweifelt zu begreifen, warum ihm mit der Ukraine nichts gelungen ist. Denn scheinbar hätte es überhaupt keine besonderen Probleme geben dürfen. Eine riesige Zahl russischsprachiger Menschen lebte jahrhundertelang innerhalb des Russischen Reiches und der UdSSR und stimmte auch nach der Unabhängigkeit weiterhin für offen prorussische Politiker und deren Kurs. Die Wahl von Volodymyr Zelensky zum Präsidenten, der wenige Jahre zuvor Festkonzerte in Ostankino moderiert und in Filmen mitgewirkt hatte, die sowohl für das russische als auch für das ukrainische Publikum bestimmt waren – man ging definitionsgemäß davon aus, dass es sich um dieselben Zuschauer handelte, „ein Markt“. Aus Putins Sicht konnte sich Zelensky ebenso wie zuvor Kutschma von der Macht verführen lassen oder sich „vor den Nationalisten fürchten“. Aber die Menschen, die ihn gewählt hatten – die „Wählerschaft“ –, waren doch dieselben geblieben! Warum hat es weder 2004 noch 2022 funktioniert?

Auf der Suche nach einer Antwort versucht Putin, die Verantwortung auf die Bolschewiki, auf Lenin und auf die Konstruktion der Sowjetunion selbst abzuwälzen. Aber was hat Lenin für die Ukraine tatsächlich getan?

Erinnern wir uns daran, wie das Bewusstsein der Bewohner der künftigen Ukraine im Jahr 1917 aussah. Die nationale Bewegung auf dem Gebiet des Russischen Reiches war recht schwach; in den ukrainischen Gouvernements stützte sie sich traditionell auf den ländlichen Raum. Die meisten ukrainischen Politiker träumten nicht von einem eigenen Staat, sondern von einer territorialen Autonomie innerhalb eines neuen Russlands.

Das Jahr 1917 veränderte alles, vor allem die Positionen jener Politiker, die über territoriale Autonomie nachgedacht hatten. Der bolschewistische Umsturz schuf die Möglichkeit, einen neuen Staat auszurufen. Doch ein großer Teil der Bevölkerung, der auf dem Gebiet des ausgerufenen ukrainischen Staates lebte, behielt sein imperiales Bewusstsein bei. Dieses teilte sich sowohl in Anhänger als auch in Gegner der bolschewistischen Macht.

Nach ihrem bewaffneten Sieg über die politischen Gegner in Russland versuchten die Bolschewiki, die Gefahr nationaler Bewegungen zu verringern. So entstand die Idee territorialer Autonomien, die im Fall der besetzten neuen Staaten in Form von Sowjetrepubliken verwirklicht wurden, die sich mit dem roten Russland zu einer Union zusammenschließen sollten. Stalin schlug vor, die Republiken als autonome Gebilde in Russland einzugliedern – so wie heute Tatarstan oder Tschuwaschien Teil Russlands sind. Lenin jedoch stimmte unter dem Einfluss unter anderem des Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare der Ukrainischen SSR, Christian Rakowski, der den Status als Regierungschef einer souveränen sowjetischen Ukraine nicht verlieren wollte, einem anderen Konzept zu: Die Republiken gründen gemeinsam einen neuen Staat – die Sowjetunion.

Tatsächlich war dies dasselbe Russland unter einem neuen Namen und unter der Herrschaft einer einzigen Partei. Formal konnten die Bewohner der sowjetischen Ukraine, die sich als Ukrainer empfanden, jedoch glauben, sie lebten in einem ukrainischen Staat – wenn auch unter den Bolschewiki. Für diejenigen aber, die keinerlei ukrainisches Nationalbewusstsein besaßen, änderte sich scheinbar ebenfalls nichts: Sie lebten weiterhin auf dem Gebiet des Imperiums. Und für die Bewohner Russlands selbst änderte sich erst recht nichts – sie nahmen den vereinten Staat weiterhin als Großrussland unter einem anderen Namen wahr.

Nach Lenins Tod und seinem Sieg über die politischen Gegner ging Stalin, der bekanntlich Volkskommissar für Nationalitätenfragen gewesen war, von der Nationalisierung des Lebens in den Unionsrepubliken zur Vereinheitlichung über. Dieses Paradigma wurde durch den Zweiten Weltkrieg etwas verändert, als die Führung die Unterstützung aller Völker des Imperiums brauchte und nicht nur die der Russen. Im Fall der Ukraine führte dies zur Einführung des Bogdan-Chmelnyzkyj-Ordens (der Hetman war nun kein Feudalherr mehr, der sein eigenes Volk verraten hatte, sondern ein Kämpfer für dessen Eigenständigkeit) sowie zur Duldung patriotischer Werke ukrainischer Schriftsteller. Nach dem Krieg wurde diese Linie zugunsten einer neuen Russifizierung wieder aufgegeben. Doch noch vor dem deutschen Angriff beging Stalin den historischen Fehler, an den auch Putin erinnert: die Angliederung der westukrainischen Gebiete, in denen die Ukrainer über eine ausgeprägte nationale und politische Identität verfügten. Diese Menschen fanden sich plötzlich in einem künstlichen Staat mit ukrainischen Attributen, aber ohne ukrainischen Inhalt wieder. Für die meisten von ihnen war die Ukraine ein Staat und keine bloße Verwaltungseinheit – und das verband die neuen Bürger der Sowjetunion mit jenen Ukrainern, die genau diese Vorstellung von ihrem Land vertraten.

Doch was geschah mit den anderen? Mit jenen, für die eine solche Ukraine keinen besonderen Wert besaß?

Diese Menschen lebten mehrere Generationen lang in der Ukrainischen SSR, die für sie ein Teil der Sowjetunion war – aber keineswegs Russland. Schon dadurch unterschieden sie sich von den Bewohnern der benachbarten Russischen SSR, für die alles in der UdSSR Russland war – von Estland bis Turkmenistan. Und die Ukraine erst recht, denn sie war schließlich die „Wiege der drei slawischen Völker“, die Rus, also Russland.

Deshalb sollte man sich nicht wundern, dass die Ukrainer mit einer ausgeprägt administrativ-territorialen Identität am 1. Dezember 1991 genauso abstimmten wie die Ukrainer mit einer national-politischen Identität, als die Sowjetunion verschwand. Und ebenso wenig sollte man sich darüber wundern, dass die Russen – buchstäblich alle, von Gorbatschow und Jelzin bis zum Schlosser in Nischni Tagil – darüber erstaunt waren. Das lag nicht daran, dass sie nichts von ukrainischen Nationalisten wussten. Im Gegenteil – sie wussten, dass es sie irgendwo gab, in Lwiw oder Kyiv. Aber es waren doch eindeutig weniger. Warum also stimmten alle anderen so? Warum haben sie „verraten“? Das verstanden die Russen nicht. Noch interessanter ist jedoch, dass auch die Ukrainer selbst das nicht verstanden. Die Ukrainer mit national-politischer Identität betrachteten das Abstimmungsergebnis als Triumph der nationalen Idee. Die Ukrainer mit administrativ-territorialer Identität hingegen meinten, sie hätten einfach deshalb richtig abgestimmt, weil die Ukraine eben nicht Russland sei. Und nun müsse man einfach weiterleben wie bisher und gute Beziehungen zu Russland aufbauen – wozu sonst habe man schließlich die GUS gegründet?

Die ukrainische Unabhängigkeit wurde also überhaupt erst dadurch möglich, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Motiven sie unterstützten. Für die einen war die Ukraine ein Nationalstaat. Für die anderen ein Land, das jahrzehntelang innerhalb der administrativen Grenzen der Ukrainischen SSR existiert hatte. Sie beantworteten die Frage, was die Ukraine sei, unterschiedlich. Sie gaben dieselbe Antwort auf die Frage, ob sie existieren solle. Und völlig unterschiedlich beantworteten sie die Frage, wie sie aussehen solle.

In den folgenden Jahrzehnten werden all diese Gruppen in ihren eigenen Paradigmen leben, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, einander zu verstehen. Die Russen werden versuchen, den 1. Dezember zu vergessen, den Zusammenbruch der Sowjetunion auf die Vereinbarungen Jelzins, Krawtschuks und Schuschkewitschs in Belarus zu reduzieren und zur Idee eines einheitlichen Staates zurückzukehren, in dem die Ukraine zunächst wieder Teil eines Unionsstaates und später einfach Teil Russlands werden soll. Denn im russischen politischen Denken setzt sich endgültig die chauvinistische Sichtweise durch, nach der selbst die faule Kompromisse der Sowjetunion ein Fehler waren und das Russische Reich der vorrevolutionären Zeit das Ideal darstellt. Die Ukrainer mit national-politischem Denken werden versuchen, einen wirklich ukrainisch geprägten Staat aufzubauen, der Teil Europas wird und zugleich ukrainischsprachig und von ukrainischer Kultur geprägt ist. Beide unserer Maidan-Bewegungen handelten in erster Linie davon. Die Ukrainer mit administrativ-territorialem Denken hingegen werden sich vor allem wünschen, dass man sie in Ruhe lässt. Dass sie in einem komfortablen Staat leben, bei Bedarf in Moskau Geld verdienen, in Italien oder Frankreich Urlaub machen, die Sprache sprechen können, die ihnen gefällt, und in eine Kirche gehen, ohne sich dafür zu interessieren, ob sie russisch oder ukrainisch ist. Und dass sie vor allem von jenen Ukrainern in Ruhe gelassen werden, die sie für Nationalisten halten.

Die Ukrainer mit administrativ-territorialer Identität weigern sich aber zu glauben, dass die Russen sie nicht in Ruhe lassen werden. 

Diese unterschiedlichen Vorstellungen von der Ukraine wurden bei nahezu allen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von Politikern und politischen Strategen ausgenutzt – vor allem von russischen. Bei den Wahlen von 2019 wurde die administrativ-territoriale Identität erneut zur politischen Entscheidung der überwältigenden Mehrheit der Bürger. Vor der Wahl versprach Präsidentschaftskandidat Volodymyr Zelensky, das gerade verabschiedete Sprachgesetz sorgfältig zu überprüfen. Auch der Konflikt mit Russland schien kurz vor seinem Ende zu stehen – schließlich würde man sich ohne „Nationalisten“ an der Macht mit Moskau leicht einigen können. Daran glaubten buchstäblich alle. An den praktisch unvermeidlichen Beginn eines großen Krieges glaubte buchstäblich niemand. Doch der Krieg begann. Und erneut zeigte sich, dass sich im entscheidenden Moment, als es um die Existenz der Ukraine ging, die Ukrainer mit national-politischer Identität mit den Ukrainern mit administrativ-territorialer Identität gegen die Russen zusammenschlossen – genau wie am 1. Dezember 1991. Putin verstand nicht, was schon Gorbatschow nicht hatte verstehen können, als dieser unmittelbar vor dem Referendum in seinem ersten Interview für das ukrainische Fernsehen gegen die Unabhängigkeit agitierte: Dieses Land ist für uns alle wertvoll, ganz gleich, wie wir es wahrnehmen und wer wir sind.

Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass wir sowohl während des Krieges als auch nach ihm in einem Land leben werden, in dem diese beiden Identitäten – die national-politische und die administrativ-territoriale – mit immer verschwommeneren Grenzen weiterhin miteinander konkurrieren werden.

Die Ukrainer mit national-politischer Identität werden sich weiterhin fragen, woher die jungen Menschen kommen, die weiterhin Russisch sprechen, zu Tausenden auf Konzerte von Max Korzh gehen und um Monetotschka weinen. Sie werden sich darüber wundern, dass diese Menschen im Grunde weiterhin russischkulturell geprägt bleiben, auch wenn sie weder von Bulgakow noch von Kirkorow jemals etwas gehört haben.

Die Ukrainer mit administrativ-territorialer Identität werden sich hingegen über etwas anderes wundern: Warum können sich die „Nationalisten“ einfach nicht beruhigen? Schließlich hindert sie niemand daran, Ukrainisch zu sprechen, Wakartschuk oder Boombox zu hören. Warum also, aus ihrer Sicht, allen anderen die ukrainische Sprache aufzwingen?

Man kann nur hoffen, dass die Generationen, die den Krieg gemeinsam erleben werden, diesen kulturellen Unterschieden gelassener begegnen als die Menschen der Vorkriegszeit – weil sie gemeinsame Prüfungen verbinden werden und nicht nur eine gemeinsame kulturelle Welt.

Ich wage jedoch nicht zu sagen, wie die Ukraine nach dem Krieg aussehen wird. Schon deshalb nicht, weil niemand von uns weiß, wann der Krieg enden wird, in welchen Grenzen der ukrainische Staat bestehen wird, wie groß seine Bevölkerung sein wird und aus welchen Regionen die Mehrheit seiner Einwohner stammen wird.

Doch dass wir in einem Staat so unterschiedlicher Identitäten leben, müssen wir als Tatsache akzeptieren. Wir können den Einfluss der national-politischen Identität durch staatliche Bildungs- und Kulturpolitik stärken. Wir müssen jedoch verstehen, dass dies in erster Linie ein Weg ist, die ukrainische nationale Identität aus jener Marginalität herauszuführen, in die sie von den Imperien gedrängt wurde. Zum schnellen Verschwinden der administrativ-territorialen Identität der Ukrainer wird dies nicht führen.

Eine Ukraine, in der die national-politische Identität nicht nur die vorherrschende, sondern die einzige sein wird, ist keine Angelegenheit der nächsten Jahre.

Wir können auch weiterhin darüber streiten, wie unser Staat aussehen soll. Solange jedoch die Mehrheit der Ukrainer dieselbe Antwort auf die Frage gibt, ob er überhaupt existieren soll, hat die Ukraine eine Zukunft.


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Titel des Originals: Український парадокс. Віталій Портников. 09.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 09.08.2026.
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Musk verweigert der Ukraine den Zugang | Vitaly Portnikov. 08.08.2026.

Der amerikanische Milliardär Elon Musk verweigert der Ukraine bislang den Zugang zum Starlink-System für Angriffe auf das souveräne Territorium der Russischen Föderation. Stattdessen betont Musk, dass die Zeit gekommen sei, ein Friedensabkommen mit Russland zu schließen.

Diese Aussagen des exzentrischen Milliardärs mögen vor dem Hintergrund der offensichtlichen Weigerung des russischen Präsidenten Putin, überhaupt über die Möglichkeit eines Friedens zu verhandeln, seltsam erscheinen. Doch die Worte und Handlungen Musks wirken deutlich logischer, wenn wir uns sozusagen die Struktur seines Eigentums vor Augen führen.

Denn ein erheblicher Teil der Einnahmen von Musks Unternehmen hängt von seinen besonderen Beziehungen zum amerikanischen Staat ab. In der heutigen Welt ist Musk eher ein Oligarch als ein Unternehmer. Und er ist gezwungen, die Stimmung an der Spitze der amerikanischen Macht zu berücksichtigen – unabhängig davon, wer diese Macht ausübt und in welchem Verhältnis Elon Musk gerade zum jeweiligen amerikanischen Präsidenten steht. Denn seine Beziehungen zur amerikanischen Führung sind sein Geld. Nicht Millionen, sondern Milliarden an Gewinnen.

Als der amerikanische Staat noch unter Joseph Biden beschloss, die Ukraine auf dem Schlachtfeld mit der Starlink-Technologie zu unterstützen, kam Musk dem Weißen Haus selbstverständlich entgegen. Aus dieser Perspektive lässt sich auch verstehen, warum er der Bitte der ukrainischen Führung nachkam, als Mykhailo Fedorov Verteidigungsminister unseres Landes war, die Russen von Starlink abzuschalten. Denn die Nutzung von Starlink durch die russische Armee war im Grunde genommen illegal und gehörte nicht zu seinen Verpflichtungen gegenüber der Präsidialverwaltung.

Gegen den Einsatz von Starlink auf dem souveränen Territorium Russlands hat sich Musk jedoch immer ausgesprochen – sowohl unter Biden als auch unter Trump. Dabei deckte sich seine Sichtweise in der Regel mit der Position des Weißen Hauses, das eine übermäßige Eskalation des russisch-ukrainischen Krieges aus Angst vor einer nuklearen Bedrohung vermeiden wollte. Zumindest so erklärte Musk die Abschaltung von Starlink für die ukrainische Armee, als es um mögliche Angriffe auf russische Schiffe im Schwarzen Meer ging.

Man kann also sagen, dass Musk in seiner Position, sein System nicht auf russischem Territorium einsetzen zu lassen, konsequent geblieben ist. Hier sehen wir, dass seine Interessen mit seiner unternehmerischen Sichtweise übereinstimmen. Einerseits stellt er der Regierung des Präsidenten der Vereinigten Staaten weiterhin Dienstleistungen zur Verfügung – allerdings nur in dem Umfang, der der Position der amerikanischen Präsidialverwaltung entspricht. Andererseits überschreitet er weder seine eigene Kompetenz noch seine eigene Initiative in einer Weise, die in Moskau und damit auch in Peking Unverständnis hervorrufen könnte. Denn auch zur Führung der Volksrepublik China unterhält Elon Musk besondere Beziehungen, die mit den geschäftlichen Interessen des Milliardärs zusammenhängen.

Wenn Musk sagt, es sei an der Zeit, sich mit der Russischen Föderation zu einigen, könnte er damit nicht nur seine eigene Meinung äußern, sondern auch die Ansichten des Mannes, von dem der Einsatz von Starlink abhängt – des Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump.

Und die Position des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky, der wollte, dass gerade Trump die Möglichkeit des Einsatzes von Starlink auf dem souveränen Territorium Russlands ermöglicht, ist vollkommen logisch. Ohne eine solche Genehmigung Trumps, ohne seine entsprechende Bitte, wird Musk seine Haltung nicht ändern, weil er eine solche Änderung als private Initiative betrachten würde. Unterstützen kann er in einer für ihn so grundsätzlichen Frage nur den Willen des Staates.

Dass Trump Musk zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht empfehlen wird, seine Position zu ändern, ist ebenfalls nachvollziehbar. Denn das Verbot des Einsatzes von Starlink auf dem Territorium der Russischen Föderation ist für den amerikanischen Präsidenten eine legale Form des Drucks auf die Ukraine.

Trump hat bereits erkannt, dass er Kyiv nicht dazu zwingen kann, auf eigenes Territorium zu verzichten und dem russischen Präsidenten Zugeständnisse zu machen. Ohne solche Zugeständnisse aber will der Präsident der Russischen Föderation nicht einmal über das Ende des russisch-ukrainischen Krieges nachdenken – geschweige denn über die Wiederaufnahme des Verhandlungsprozesses.

Somit könnten sowohl der amerikanische Präsident als auch der amerikanische Oligarch die anhaltende Bedrohung durch ballistische Raketen, ohne Möglichkeit, sie wirksam zu beseitigen, als ein reales Druckmittel gegen die Ukraine betrachten – mit dem Ziel, Kyiv zur Anerkennung der Realität der russischen Überlegenheit in diesem Krieg und zur Einsicht in die notwendigen Zugeständnisse zu bewegen, um zumindest den Beginn eines Verhandlungsprozesses mit Moskau zu erreichen.

Einerseits erklärt Donald Trump, die Ukraine unterstützen zu wollen, äußert sich wohlwollend über Präsident Volodymyr Zelensky und spricht mit den Staats- und Regierungschefs der NATO-Mitgliedstaaten über weitere Hilfe für die Ukraine. Andererseits unternimmt er nichts, um die Möglichkeiten zum Einsatz von Starlink auszuweiten oder der Ukraine angesichts der steigenden Produktion ballistischer Raketen in Russland einen Schutz vor ballistischen Raketen bereitzustellen.

Das ist ein legaler Druck, ohne dass es wie Druck aussieht. Für die Ablehnung bleibt Elon Musk verantwortlich, während das Weiße Haus scheinbar nichts mit der Entscheidung des amerikanischen Milliardärs zu tun hat.

Deshalb messen wir in unserer eigenen Mythologie dem persönlichen Faktor viel zu große Bedeutung bei. Da gibt es angeblich die hervorragenden Beziehungen zwischen dem ehemaligen Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov, den Elon Musk schätzt, und deshalb könne Fedorov eine solche Entscheidung von ihm erreichen. Und wenn Fedorov auf den Posten des Verteidigungsministers zurückkehren würde, dann würde ihm das ganz sicher gelingen. Mit Zelensky hingegen wolle Musk sich nicht treffen.

Musk wird sich nicht mit Zelensky treffen, weil Trump ihm davon abrät. Irgendeine persönliche Initiative gegenüber dem ukrainischen Präsidenten wird Musk selbstverständlich nicht ergreifen. Ebenso wenig wird Musk sich mit Fedorov einigen, weil er dafür keine entsprechende Entscheidung der Regierung des Präsidenten der Vereinigten Staaten sieht.

Wenn die amerikanische Regierung kein Interesse daran hat, den Einsatz von Starlink auf dem souveränen Territorium der Russischen Föderation zu erlauben, dann spielt Fedorovs Rolle im Leben Musks buchstäblich überhaupt keine Rolle – gleich null. Sollte Donald Trump jedoch seine Position ändern, dann wird Musk sich mit jeder beliebigen Person über die Möglichkeit des Einsatzes von Starlink auf russischem Territorium verständigen.

Wenn er entscheidet, dass es für ihn von Vorteil ist, sich mit Mykhailo Fedorov zu einigen, um die politischen Chancen des ehemaligen ukrainischen Verteidigungsministers für die Zukunft zu stärken, wird er sich mit ihm einigen. Wenn er entscheidet, dass Fedorov ihn nicht interessiert und er eine entsprechende Anweisung jedem beliebigen Vertreter der derzeitigen ukrainischen Regierung übermitteln kann, dann wird er sie eben diesem Beamten übermitteln.

Das Wesentliche bleibt dabei völlig offensichtlich. Weder Fedorov noch Zelensky und nicht einmal Musk werden solche grundsätzlichen Entscheidungen treffen. Die Initiative liegt hier bei Donald Trump – und der ist bislang nicht bereit, sie zu ergreifen.


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Titel des Originals: Маск відмовляє Україні | Віталій Портников. 08.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 08.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Die Ukraine setzt die Zerstörung russischer Raffinerien fort | Vitaly Portnikov. 08.08.2026.

Die Ölraffinerie Syzran in der Region Samara sowie die Ölraffinerie Ilsky im Krasnodarer Gebiet wurden heute von ukrainischen Drohnen angegriffen.

Damit lässt sich feststellen, dass die Ukraine ihre systematischen Bemühungen zur Zerstörung der russischen Erdölverarbeitungsindustrie fortsetzt. Dies bleibt – ebenso wie die Angriffe auf russische Marktplätze und die Versuche, den militärisch-industriellen Komplex der Russischen Föderation außer Gefecht zu setzen – nahezu der einzige Weg, den russisch-ukrainischen Krieg in den kommenden Jahren zumindest auszusetzen oder sogar zu beenden.

Meiner Ansicht nach ist inzwischen offensichtlich geworden, dass die diplomatischen Bemühungen, die nach der Rückkehr Donald Trumps ins Oval Office erneut aufgenommen wurden, mit einem vorhersehbaren Fiasko geendet haben. Der russische Präsident will den russisch-ukrainischen Krieg erst dann beenden, wenn die ukrainische Staatlichkeit zerstört und der größte Teil der Bevölkerung der Ukraine aus den angestammten Siedlungsgebieten der Ukrainer vertrieben worden ist. Sämtliche diplomatischen Prozesse und Verhandlungen werden von Putin genutzt, um die Kampfhandlungen fortzusetzen und Zeit zu gewinnen – vermutlich bis zum Ende der Amtszeit Donald Trumps im Weißen Haus.

Damit liegt die Frage, wie und wann der russisch-ukrainische Krieg enden soll, genau im Bereich ukrainischer Angriffe auf die russische Wirtschaft – auf Ölraffinerien, auf Marktplätze und vor allem auf Betriebe des militärisch-industriellen Komplexes. Im Grunde geht es also um dieselben weitreichenden Sanktionen, die sich in der Praxis als weitaus wirksamer erweisen als die vom Westen verhängten Sanktionen.

Denn in den Jahren dieses Krieges sind wir noch zu einer weiteren wichtigen Erkenntnis gelangt. Es gibt in der Welt zwei wirtschaftliche Pole, die erbittert um die Führungsrolle konkurrieren. Die Sanktionen der Vereinigten Staaten, Donald Trumps Zölle, die Entscheidungen der Europäer zur Blockierung russischer Vermögenswerte – all diese wichtigen Maßnahmen funktionieren nicht und werden auch künftig nicht funktionieren, weil Russland ein organischer Bestandteil der Wirtschaften der Länder des Globalen Südens ist. Länder, die westliche Vorstellungen von Werten und internationalem Recht überhaupt nicht teilen. Länder, die jedes Handeln Amerikas und Europas als Diktat betrachten. Länder, die nicht nur die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Russischen Föderation fortsetzen wollen, sondern Russland auch nicht fallen lassen möchten, weil ein Zusammenbruch Russlands für diese Staaten einen Sieg des Westens bedeuten würde. Und genau das können diese Staaten – allen voran natürlich die Volksrepublik China, in der weiterhin ein kommunistisches Regime herrscht – nicht zulassen.

So kann der Westen auf russisches Öl und russisches Gas verzichten und russische Vermögenswerte blockieren, während gleichzeitig die Volksrepublik China, Indien und andere Länder des Globalen Südens weiterhin russisches Öl und russisches Gas kaufen und darauf sogar noch stolz sind.

Erst vor Kurzem habe ich eine Äußerung des Energieministers der Republik Türkei gesehen, dessen Nachname – Bayraktar – ich als durchaus bezeichnend bezeichnen würde. Er warf den Europäern vor, auf die Gaslieferungen über Nord Stream verzichtet zu haben, und sprach von der Weisheit der türkischen Politik, die auf dem Ausbau von TurkStream und der Fortsetzung der Öl- und Gaslieferungen aus der Russischen Föderation für die Bedürfnisse der türkischen Wirtschaft beruhe. Und wie wir sehen, kümmert es keinen einzigen Regierungsvertreter in Ankara – angefangen natürlich beim Präsidenten des Landes, Recep Tayyip Erdoğan –, dass türkisches Geld vom Präsidenten der Russischen Föderation für die Fortsetzung des Krieges gegen die Ukraine verwendet wird.

Es stellt sich heraus, dass man gleichzeitig russisches Öl und russisches Gas kaufen, den russischen Staatshaushalt finanzieren und lautstark die territoriale Integrität der Ukraine sowie die Notwendigkeit eines Kriegsendes unterstützen kann – obwohl man genau weiß, dass solche Erklärungen in Moskau niemanden interessieren, während sich buchstäblich jeder dort für das türkische Geld interessiert, das für russisches Öl und Gas gezahlt wird.

Und genau eine solche Politik verfolgen praktisch alle Länder des Globalen Südens. Natürlich lässt sich der türkische Beitrag zu dem finanziellen Polster Russlands, das Putin hilft, den Krieg fortzusetzen, nicht einmal annähernd mit dem chinesischen Beitrag vergleichen.     

Den Zollkrieg gegen die Volksrepublik China hat Donald Trump, so kann man sagen, in Rekordzeit verloren. Deshalb könnte selbst das Lindsey-Graham-Gesetz, das vom amerikanischen Senat verabschiedet wurde und offensichtlich für ein tatsächliches Vorgehen der Vereinigten Staaten gegenüber den Ländern des Globalen Südens von erheblicher Bedeutung ist, keinerlei Rolle bei der Fortsetzung der Käufe russischen Öls spielen, weil der amerikanische Präsident sich möglicherweise nicht dazu entschließen wird, neue Zölle gegen die Volksrepublik China zu verhängen.

Was also tun in dieser Situation wirtschaftlicher Ausweglosigkeit? Den Ausweg finden, den die Ukraine bereits gefunden hat.

Die Zerstörung der Ölraffinerien der Russischen Föderation führt dazu, dass mehr Rohöl für den Binnenmarkt bereitgestellt werden muss – doch es gibt keine Kapazitäten mehr, dieses Öl zu verarbeiten. Soll man es stattdessen über den Seeweg exportieren und hoffen, ausländische Käufer zu finden? Doch deren Zahl wird immer kleiner, weil – mit Ausnahme Chinas – alle anderen vermeiden müssen, amerikanische Sanktionen zu riskieren, die heute vielleicht noch unrealistisch erscheinen, künftig aber durchaus möglich sind. Und wenn sich herausstellt, dass das Öl weder verarbeitet noch verkauft werden kann, bleibt nichts anderes übrig, als die Förderquellen stillzulegen. Genau das ist der Weg zur Degradierung der russischen Erdölindustrie, zur Schließung der Tankstelle. 

Der andere Weg sind Angriffe auf Marktplätze, die Unternehmen in der Russischen Föderation zerstören und die Zahl derjenigen verringern, die tatsächlich auf eine weitere wirtschaftliche Entwicklung und damit auf neue Steuereinnahmen für den russischen Staatshaushalt hoffen können. Auch das schafft Probleme für die Zukunft, denn ein Krieg kostet gewaltige Summen.

Und noch ein weiterer wichtiger Weg – neben diesen beiden – ist tatsächlich der Versuch, Abschussanlagen für ballistische Raketen zu zerstören. Ich würde zudem darüber nachdenken, die Fabriken zu zerstören, in denen diese ballistischen Raketen hergestellt werden.

Genau auf diesen Feldern kann man nach einem Weg suchen, diesen endlosen Krieg auszusetzen und vielleicht in den kommenden Jahren sogar zu beenden. Ohne Angriffe auf Russland wird dieser Krieg noch viele schwierige Jahre andauern.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Україна продовжує знищувати НПЗ |Віталій Портников. 08.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 08.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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