Die Insel Krim. Vitaly Portnikov. 23.06.2026.

Острів Крим. Віталій Портников. 23.06.2026.

Das Bild der „Insel Krim“ ist natürlich mit der berühmten antisowjetischen Dystopie des russischen Schriftstellers Wassili Aksjonow verbunden. Es wurde während der Besetzung und Annexion der Krim aktiv verwendet, als die ukrainische Halbinsel tatsächlich beinahe zu einer „russischen Insel“ wurde, weil sie die reale Verbindung zum Festland verlor.

Auch ich stellte damals fest, dass die Besetzung der Krim absurd wirkte, denn ohne Verbindung zum Festland hat die Halbinsel in ihrer langen Geschichte niemals existiert. Und wenn sie begann, als Insel zu existieren, bedeutete das stets den Beginn tiefgreifender historischer Veränderungen. So begann der Niedergang des Krim-Khanats, der zu seiner Annexion und Auflösung durch Katharina II. führte, genau in dem Moment, als es den russischen Truppen gelang, die Kontrolle über die Festlandsgebiete des Krimstaates zu erlangen. Eben der fehlende Kontakt zum Festland, das von der bolschewistischen Armee kontrolliert wurde, führte zur endgültigen Niederlage der Weißen Bewegung im russischen Staat. Und nun, im Jahr 2014, befand sich die Halbinsel erneut nicht nur ohne Verbindung zum Festland, sondern auch ohne Wasser, denn die Kontrolle über den Kanal, der die Krim in den letzten Jahrzehnten vor der Besetzung verändert hatte, blieb in den Händen der Ukraine.

Putin zog, wie zu erwarten war, aus dieser Situation der „neuen Insel“ seine eigenen Schlussfolgerungen – nicht den Verzicht auf die Kontrolle über die gestohlene Krim, sondern die Schaffung eines Korridors zur Krim über besetztes ukrainisches Gebiet. Dies wurde zu einem der Hauptziele der Invasion von 2022. Es konnte so erscheinen, als sei das Krim-Problem für Russland gelöst, als sei die Krim nun definitiv keine Insel mehr, da sie durch die besetzten Gebiete der Ukraine und durch die während der Besatzungsjahre gebaute Brücke mit dem Festland verbunden sei.

Der russische Präsident berücksichtigte jedoch nicht, dass der Krieg gegen die Ukraine nicht nur ein Jahr dauern könnte und sich zudem technologisch verändern würde. Und nun erleben wir eine erstaunliche Situation: Die Anstrengungen der ukrainischen Verteidigungskräfte haben die Krim schließlich tatsächlich in eine Insel verwandelt. Der Korridor existiert zwar, steht aber unter Bombenbeschuss und hat faktisch aufgehört, seine Rolle als Verkehrsader zu erfüllen. Die Brücke existiert zwar ebenfalls, aber man fürchtet sich, Tanklastwagen darüber fahren zu lassen, um keine Bedingungen für die Zerstörung der Konstruktion zu schaffen. Die Fähren in der Straße von Kertsch wurden zerstört. Treibstoff gibt es auf der Halbinsel – genauer gesagt auf der Insel – bereits nicht mehr. Die Krim nähert sich einer echten logistischen Katastrophe, und die Russen, die beschlossen hatten, auf dem gestohlenen Land Urlaub zu machen, wollen weg – und können nicht abreisen!

Noch vor einigen Jahren erklärte man im Kreml, dass die Frage der Krim mit der Ukraine nicht zur Diskussion stehe. Noch vor einem Jahr schlug der Präsident der Vereinigten Staaten seinem russischen Amtskollegen vor, den russischen Status der Krim anzuerkennen. Doch nun könnte man im Kreml darüber nachdenken, welchen Sinn besetzte Gebiete überhaupt haben, wenn die Kontrolle über sie nur noch nominell erscheint.

Russland versuchte seit Beginn der 1990er Jahre, seine Präsenz auf der Krim zu bewahren, indem es dafür die Schwarzmeerflotte und prorussische Aktivisten nutzte. Der erste und letzte Präsident der Autonomie, Jurij Meschkow, stellte Regierung und Präsidialverwaltung der Autonomen Republik Krim aus russischen Staatsbürgern zusammen, die die Halbinsel bereits auf die Annexion vorbereiteten. Als die russische Operation scheiterte, begann man einen Sonderstatus für die Schwarzmeerflotte zu fordern und überzeugte schließlich Leonid Kutschma von der Notwendigkeit entsprechender Vereinbarungen. Als das Ende der Stationierung dieses tatsächlichen Besatzungskontingents im ukrainischen Sewastopol näher rückte, nutzte man Viktor Janukowytsch und eine Bande von Kollaborateuren, die sich als ukrainische Regierung ausgaben, um die Frist zu verlängern. Und 2014 annektierte man schließlich die gesamte Krim. Wozu? Um ihr Territorium als Brückenkopf für die Besetzung des ukrainischen Südens und zur Destabilisierung der Lage im Schwarzen Meer zu nutzen.

Im Ergebnis ist die Schwarzmeerflotte – dieses ewige Symbol russischer Schande und Niederlagen – nach Noworossijsk geflohen, auf der Krim gibt es weder Treibstoff noch Strom, und die Russen fliehen bereits jetzt von fremdem Boden, obwohl ihre Truppen sich noch dort befinden. Welchen Sinn hat es heute überhaupt, fremde Gebiete zu besetzen, die man nicht schützen kann? Welchen Sinn hat für Russland die „Insel Krim“?


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Острів Крим. Віталій Портников. 23.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 23.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext: Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach, veröffentlicht auf uebersetzungenzuukraine.data.blog.


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