Latynina wird zu Solowjow | Vitaly Portnikov. 21.06.2026.

Die als „ausländische Agentin“ eingestufte politische Emigrantin Julija Latynina hat bei der Bedienung der offiziellen russischen Propaganda und der Verbreitung ihrer Narrative an ein Publikum, das nicht das „Glück“ hat, täglich die Nachrichtensendung Wremja und die Shows von Wladimir Solowjow zu sehen, neue rote Linien überschritten.

Latynina hat beschlossen, ihre Kollegen, die sich wie sie außerhalb Russlands befinden, darüber zu belehren, dass man die von der Russischen Föderation besetzten Gebiete der Ukraine nicht als besetzt bezeichnen dürfe. Offenbar habe es auf der Krim ein ehrliches Referendum gegeben, dessen Ergebnisse jeder respektieren und berücksichtigen müsse, der eine Abstimmung unter den Läufen von Maschinengewehren und auf einem Gebiet unter Kontrolle einer fremden Armee als freien Bürgerwillen betrachtet.

Noch vor Kurzem wäre Latynina gar nicht auf die Idee gekommen, etwas Derartiges zu behaupten. Wahrscheinlich haben jedoch die Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf die russische Hauptstadt ihr Bild der Realität verändert. Allerdings weist auch dieses Weltbild gewisse Lücken auf, denn diese Angriffe sieht Latynina schlicht nicht und meint, in Moskau sei bislang überhaupt nichts eingeschlagen. Diese Einschätzung bestätigt übrigens vollständig meine eigene Vorstellung davon, was Moskauer, die innerhalb des Gartenrings leben, eigentlich als Moskau betrachten.

Natürlich muss die Tochter eines sowjetischen Schriftstellers und einer bekannten Publizistin der Literaturnaja Gaseta nicht wissen, wo irgendein Kapotnja liegt, und sie wird sich wohl kaum Gedanken über Birjuljowo, Medwedkowo oder andere Randbezirke der russischen Hauptstadt machen. Jasenewo dürfte sie allenfalls als Standort des Hauptquartiers des russischen Auslandsgeheimdienstes interessieren. Nun ja, das liegt eben näher.

Aus dieser Perspektive kann man sagen, dass das Weltbild der russischen Exilpublizistin ebenso durchsichtig und verständlich ist wie jedes andere Weltbild eines Menschen, der bereit ist, dem Imperium zu dienen, selbst dann, wenn dieses Imperium eine solche Begeisterung gar nicht mehr verdauen kann.

Man fragt mich oft, warum ich mich seinerzeit überhaupt auf Gespräche mit Julija Latynina eingelassen habe, während ich mit vielen anderen Propagandisten – sowohl aus der russischen Opposition als auch aus der Ukraine selbst – gar nicht sprechen will. Die Antwort ist einfach: Zum Zeitpunkt dieser Diskussion war mir das ganze Ausmaß der imperialen Narrative, mit denen diese Publizistin operiert, völlig bewusst. Gleichzeitig sah ich jedoch, dass ihre Aussagen bei einem großen Teil des ukrainischen Publikums und überhaupt bei frei denkenden Menschen auf der Suche nach alternativen Informationen lebhaftes Interesse, ja sogar Begeisterung hervorriefen.

Und nach unserer Diskussion beschloss Julija Latynina offenbar, dass es keinen Grund mehr gebe, sich zu zieren. Seitdem wurde sie zu einer geradezu inspirierten Verherrlicherin der Verbrechen des Russischen Imperiums – was sie im Grunde auch schon immer in ihren Büchern und Artikeln gewesen war. Nur: Wer hat diese Bücher und Artikel denn gelesen? Das war schließlich nicht YouTube.

Wenn man genauer darüber nachdenkt, befinden wir uns gleichzeitig in mehreren Kreisen der Hölle.

Der erste Kreis besteht aus einem Teil jener Menschen, die Russland verlassen haben und dort zu „ausländischen Agenten“ und Volksfeinden erklärt wurden. Sie werden ständig in Kreml-nahen Telegram-Kanälen beschimpft und in den Fernsehsendungen Solowjows und anderer Unholde erwähnt. Doch in ihren Texten und Videoauftritten wiederholen sie nahezu dieselben imperialen russischen Narrative – von Latynina bis zu irgendeinem weniger bekannten, aber nicht weniger schädlichen Metrochin.

Dann folgt der Kreis jener Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind – angeblich, weil es hier keine Demokratie und keine Meinungsfreiheit gebe und man für Kritik an Volodymyr Zelensky sofort ins Gefängnis komme. Wahrscheinlich sende ich diesen Blog gerade direkt aus einer Gefängniszelle. Von Scharij bis Aristowytsch reicht dieser weite Kreis politischer Avanturisten, denen sowohl jene zuhören, die nach alternativen Informationen auf Russisch suchen, als auch Teile des ukrainischen Publikums.

Der nächste Kreis sind die Pseudojournalisten, die sich innerhalb der Ukraine zu Bloggern umqualifiziert haben und ebenfalls große Mengen russischsprachiger Inhalte produzieren. Das sind Menschen, die auf Fernsehsendern gearbeitet haben, die Viktor Medwedtschuk gehörten. Menschen, die solch odiose Oligarchen wie Ihor Kolomojskyj auf dem Sender 1+1 oder Dmytro Firtasch bei Inter bedienten und bis praktisch 2022 offen antiukrainische Positionen vertraten und die Errungenschaften der ukrainischen Revolution der Würde nach 2014 zerstörten.

Nach Beginn des großen Krieges wurden diejenigen von ihnen, die nicht nach Russland flohen, plötzlich zu professionellen Patrioten. Sie führen Gespräche mit ukrainischen Beamten – vom Präsidenten bis zu den Ministern –, tun so, als hätten sie vor 2022 überhaupt nicht existiert. Oder als seien sie schon vor 2022 die Retter des Vaterlandes gewesen, die uns die Wahrheit gesagt hätten. Wie soll ein gewöhnlicher Mensch in einer solchen Situation nicht den Überblick verlieren?

Es gibt noch eine weitere Gruppe: Menschen, die in den Vereinigten Staaten oder anderen westlichen Ländern leben und uns zwei Jahre lang erzählt haben, Donald Trump werde den von Russland gegen die Ukraine geführten Krieg innerhalb einer Woche beenden. Sie empörten sich darüber, dass irgendjemand es wagen könnte, an ihrer Kompetenz und Ehrlichkeit zu zweifeln.

Heute verfluchen dieselben Leute – ebenso wie manche ihrer Kollegen, die aus Israel auf Russisch senden – Donald Trump in den schärfsten Worten. Sie behaupten, er sei ein schwacher Führer, der dem Einfluss Teherans und Moskaus unterliege. Und sie erinnern nicht einmal daran, was sie noch vor wenigen Monaten über ihn gesagt haben.

Im englischsprachigen Raum ist es üblich, sich für sein Verhalten zu entschuldigen. Dasselbe hat etwa Tucker Carlson getan, einer der wichtigsten Propagandisten Trumps im Wahljahr 2024. Diese Leute entschuldigen sich nicht. Mehr noch: Sie beleidigen weiterhin jene, die ihrem Publikum schon damals von ihrer Dummheit, Inkompetenz und Unehrlichkeit erzählt haben, als sie selbst noch von der Richtigkeit ihrer Ansichten überzeugt waren.

Den Zuschauer, der sich durch das Dickicht kämpfen muss, in dem ihm mal Latynina, mal Aristowytsch, mal Scharij, mal ukrainische Pseudopatrioten oder amerikanische Rentner auflauern, die von ihren analytischen Fähigkeiten überzeugt sind, kann man nur bedauern.

Wie gelangt man aus diesem Dickicht auf freies Feld und versteht, was wirklich geschieht?

Eine sehr gute Frage.

Vielleicht muss man einfach auf sein eigenes Gewissen hören und dessen Fehlen bei jenen bemerken, die bereit sind zu täuschen – im Austausch gegen die trügerische Aussicht auf persönlichen Erfolg und die Hoffnung, dass ihre propagandistischen Bemühungen dort bemerkt werden, wo man dieser ganzen Gesellschaft von Betrügern aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Möglichkeiten offensichtlich keinerlei Aufmerksamkeit schenken wird.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Латынина превращается в Соловьева |Виталий Портников. 21.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 21.06.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Die falsche Opposition: Wie Nawalnys Umfeld das Putin-Regime normalisiert. Vitaly Portnikov. 06.01.2026.

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Vor dem Hintergrund des Skandals um den Leiter der politischen Projekte des FBK, Leonid Wolkow, möchte ich an meine Position erinnern: Das eigentliche Wesen dieser „politischen Projekte“ besteht in der Normalisierung des in Russland bestehenden Regimes.

Zu dieser Normalisierung hat bereits der Gründer des FBK, Alexei Nawalny, beigetragen, als er an den „Russischen Märschen“ teilnahm – das war genau die Normalisierung des russischen Nazismus, die es Putin in Zukunft ermöglichen sollte, eine „patriotische Gesellschaft“ für die aggressive Unterstützung eines Krieges gegen die Nachbarn zu formen.

Auch das „Smart Voting“ ist eine Form der Normalisierung. Eine Normalisierung der Kommunisten, der Schirinowski-Leute und all dieses übrigen Gesindels als angebliche reale Alternative zum Regime und zu „Einiges Russland“. Dabei ist das alles Unsinn und Lüge.

Auch „Die Krim ist kein Butterbrot“ ist Normalisierung, selbst wenn Nawalny vor seinem Tod von diesen Ansichten Abstand genommen hat. Denn schon die Fragestellung selbst setzt eine Diskussion zwischen Aggressor und Opfer über den Status eines besetzten Territoriums voraus und ruft dazu auf, die Position der Kollaborateure zu berücksichtigen.

Sogar die Fokussierung auf den Kampf gegen Korruption ist ebenfalls Normalisierung. Denn das Hauptproblem Russlands ist überhaupt nicht die Korruption, sondern das Fehlen jeder Möglichkeit der Bürger, auf die Macht in irgendeiner Frage Einfluss zu nehmen – ein totalitäres, tyrannisches, aggressives und furchterregendes Regime. Und mich interessiert: Wenn dieses Regime nicht stehlen würde, sondern einfach so seine eigenen Bürger ignorieren, sie ins Gefängnis stecken und Ukrainer töten würde – wäre dann alles in Ordnung?

Möglicherweise hatte Nawalny in den letzten Monaten seines Lebens die Gelegenheit, die ganze Fehlerhaftigkeit seiner Position zu überdenken. Doch seine Mitstreiter sind zu einer solchen Neubewertung offensichtlich nicht bereit. Die Normalisierung geht weiter – nun sogar in der Anwendung des Begriffs „Denazifizierung“ auf jene, die mit Waffen in der Hand gegen das Putin-Regime kämpfen, während Wolkow hektische Aktivität simuliert. Und in der Verachtung gegenüber den Vertretern der ukrainischen Führung als provinziellen Minderbegabten, die man nicht mit der „Elite des großen Russland“ vergleichen könne. Egal ob es die kremltreue Elite ist oder die Elite des FBK – entscheidend ist nur, dass sie sich für etwas Besseres halten als normale Menschen, besonders als jene, die aus Moskau fliehen mussten oder nie zur Macht gehörten.

Und in der Forderung, die russischen Bürger von der Verantwortung für den Krieg frei zu sprechen. Und in der Weigerung, die Berliner Erklärung zu unterzeichnen, um – Gott bewahre – nicht den erfundenen Wählerstamm zu verlieren. Und das ist schon keine private Korrespondenz von Leonid Wolkow mehr, das ist die politische Position von Julia Nawalnaja und des gesamten FBK.

Und ich verstehe überhaupt nicht, warum man diesen Teil der russischen Emigranten als Opposition bezeichnen sollte. In Wirklichkeit ist das ein gewöhnlicher Symbioseverbund aus Tschekisten-Agenten und nützlichen Idioten. Man muss lernen, die Dinge beim Namen zu nennen.


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Art der Quelle: Social Media
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 06.01.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Die Flucht vor der Wahrheit. Vitaly Portnikov. 17.12.2025.

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Schon in den Jahren meiner aktiven journalistischen Arbeit in Russland habe ich mich davon überzeugt, dass Zynismus und die Verdrehung von Begriffen untrennbare Merkmale der russischen politischen Kultur sind.

Deshalb „übersetze“ ich gewohnheitsmäßig das, was öffentlich oder sogar in einem privaten Gespräch gesagt wird, um zu verstehen, was der jeweilige politische Akteur tatsächlich sagen oder tun will – unabhängig von seinen deklarierten Überzeugungen.

Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass die Weigerung eines Teils der russischen Gegner des Putin-Regimes, die Berliner Erklärung zu unterzeichnen, keineswegs damit zu tun hat, dass diese Erklärung von Chodorkowski oder von irgendwem sonst verfasst wurde. Sondern damit, dass Wladimir Kara-Murza, Ilja Jaschin oder eine hypothetische Julija Nawalnaja auf institutioneller Ebene die Aggression ihres Landes gegen die Ukraine nicht verurteilen und sich nicht mit echter – und nicht bloß imitierter – gesellschaftlicher Aktivität befassen wollen.

Denn diese Menschen haben sich eine Realität ausgedacht, in der sie auf dem Wahlweg Anspruch auf Macht in Russland erheben und ihren potenziellen Wähler nicht verärgern dürfen. Das ist die Welt, in der sie leben. Aber das ist nicht die reale Welt, in der Ukrainer durch Raketen und Kugeln sterben.

Und ich verstehe sehr gut, warum Garri Kasparow außer sich geraten ist. Bei einem normalen Menschen können Zynismus und Lüge nur Wut hervorrufen. Und Garri hat immer so reagiert. Vielleicht wird jemand sagen, dass er deshalb ein schlechter Politiker ist.

Aber wenn du beanspruchst, ein Land zu vertreten, in dem es überhaupt keine Politik gibt, musst du kein guter Politiker sein. Du musst ein anständiger Mensch sein und zumindest an deine eigene Ehre denken – denn das ist letztlich das Beispiel für jene, die auf Ehre und Würde verzichtet haben.

Man muss zumindest lernen, nicht zu lügen.


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Art der Quelle: Social Media
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 17.12.2025.
Originalsprache: ru
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