Zelensky setzt Lukaschenko unter Druck | Vitaly Portnikov. 21.06.2026.

Volodymyr Zelensky hat Aljaksandr Lukaschenko erneut aufgefordert, die Relaisstationen an der belarussisch-ukrainischen Grenze zu entfernen. Bereits zuvor hatte der ukrainische Präsident betont, dass bloße Entschuldigungen und Versicherungen, von belarussischem Territorium werde kein neuer Angriff auf die Ukraine ausgehen, für Kyiv nicht ausreichen. Denn das Territorium Belarus’ wird auch jetzt noch von der russischen Armee zur Unterstützung von Putins Aggression gegen die Ukraine genutzt.

Natürlich hätte Lukaschenko noch vor einigen Monaten diesen Drohungen des ukrainischen Präsidenten keine besondere Beachtung schenken können. Doch inzwischen hat sich die Lage im Krieg tatsächlich verändert. Die Ukraine führt Schläge gegen das Territorium der Russischen Föderation aus, und zugleich demonstriert Moskau seine Unfähigkeit, wichtige strategische Objekte vor Angriffen ukrainischer Drohnen zu schützen. Die besetzte Krim befindet sich faktisch in Isolation von der Russischen Föderation. Auf der Halbinsel entwickelt sich rasch eine echte logistische und humanitäre Katastrophe. Und dies ist zugleich eine Katastrophe für die Streitkräfte der Russischen Föderation, die auf der annektierten Halbinsel stationiert sind.

Kann ein Schlag gegen das Territorium Belarus’ erfolgen? Lukaschenko weist zu Recht darauf hin, dass Russland kaum in der Lage wäre, das Land vor möglichen ukrainischen Angriffen zu schützen. Die belarussische Wirtschaft könnte buchstäblich innerhalb weniger Tage zusammenbrechen. Und das bedeutet, dass auch die für Lukaschenko wichtigste Anlage, die Raffinerie von Masyr, untergehen würde, die zugleich von kritischer Bedeutung für die russische Armee ist.

Aus rein logischer Sicht wäre es für Zelensky daher sogar vorteilhafter, wenn Lukaschenko die Erklärungen seines ukrainischen Amtskollegen ignorieren und die Relaisstationen an der belarussisch-ukrainischen Grenze belassen würde. In diesem Fall hätte die ukrainische Armee allen Grund, strategische Objekte der belarussischen Wirtschaft auszuschalten, die für die Bedürfnisse der russischen Streitkräfte genutzt werden.

Die Raffinerie ist eines dieser Objekte. Zudem handelt es sich faktisch um die einzige Raffinerie, die Putin noch zur Verfügung steht und die nicht systematischen Angriffen ukrainischer Drohnen ausgesetzt ist.

Es bleibt nur die Frage, ob Lukaschenko selbst seinen russischen Sponsor und Freund davon überzeugen kann, dass es tatsächlich viel wichtiger ist, die belarussische Wirtschaft und insbesondere die belarussische Ölverarbeitung zu erhalten – in einer Situation, in der Russland bald überhaupt keine funktionierende Ölverarbeitung mehr haben könnte. Vielleicht wäre es dann besser, die Relaisstationen zu opfern, aber Masyr zu retten. Das wäre ein logischer Ansatz.

Man kann sagen, dass Lukaschenko einen solchen Ansatz vertritt. Wenn der belarussische Machthaber die gesamte Bedrohung für sein Regime nicht erkennen würde, hätte er sich nicht bei Volodymyr Zelensky entschuldigt und versichert, dass Belarus nicht beabsichtige, an den nächsten Phasen des russischen Krieges gegen die Ukraine teilzunehmen.

Doch Putin handelt keineswegs immer logisch. Für den russischen Präsidenten könnte eine Ausweitung des Krieges auf das Territorium Belarus’ aus politischer Sicht sogar vorteilhaft sein. Putin könnte meinen, dass er in diesem Fall einen Freibrief hätte, bereits gegen die Verbündeten der Ukraine vorzugehen. Wenn die Ukraine Angriffe auf das Territorium eines russischen Verbündeten ausführt, hätte Russland die Möglichkeit, Schläge gegen das Territorium eines ukrainischen Verbündeten zu führen und damit den Krieg auf die Gebiete der an Russland und die Ukraine angrenzenden Mitgliedstaaten der Europäischen Union und der NATO auszuweiten – vor allem auf Polen und die baltischen Staaten.

Dies wäre wichtig, um militärische Objekte anzugreifen, die von diesen Ländern zur Unterstützung der ukrainischen Armee genutzt werden. Es ist kein großes Geheimnis, dass der Flughafen Rzeszów ein begehrtes Ziel für die russischen Streitkräfte ist. Allerdings könnte die Präsenz amerikanischer Kräfte an diesem Standort Putin von einem solchen Angriff abhalten.

Es gibt jedoch auch Objekte, an denen keine US-Militärangehörigen stationiert sind und die in einem solchen Fall tatsächlich von der russischen Luftwaffe bombardiert werden könnten. Dafür braucht es jedoch einen belarussischen Präzedenzfall. Und so werden Putin und Lukaschenko nun eine recht einfache Frage für sich beantworten müssen: Was ist wichtiger – die wirtschaftlichen Ressourcen der Republik Belarus für die Bedürfnisse der russischen Streitkräfte zu erhalten oder die Situation um einen Angriff auf die Relaisstationen an der belarussisch-ukrainischen Grenze sowie auf andere strategische Objekte der Republik Belarus zu nutzen, um den Krieg letztlich auf das Territorium der NATO-Mitgliedstaaten auszuweiten?

In Moskau könnte man der Ansicht sein, dass es ohne eine solche Ausweitung, ohne die Einschüchterung Europas und ohne die Überzeugung der europäischen Gesellschaften, dass die Unterstützung der Ukraine nur zu einem großen Krieg auf dem europäischen Kontinent führen könne, nicht möglich sein wird, die Ukraine zu besiegen und das Territorium des Nachbarstaates in die Russische Föderation einzugliedern – ein Ziel, von dem Putin noch immer träumt.

Somit setzt Zelensky Lukaschenko einerseits unter Druck, damit dieser die Relaisstationen entfernt, die für Angriffe auf ukrainisches Territorium genutzt werden. Andererseits versucht der verängstigte Lukaschenko, zumindest die Illusion des Friedens für sein eigenes Land zu bewahren und die eigene Wirtschaft zu retten, da ihm bewusst ist, dass sein Regime einen Zusammenbruch dieser Wirtschaft möglicherweise nicht überstehen würde und ihm dann auch kein Putin mehr helfen könnte.

Es gibt jedoch auch ein Putin-Motiv, das mit einer völlig anderen Logik verbunden sein könnte, die weder Volodymyr Zelensky noch Aljaksandr Lukaschenko berücksichtigen. Es ist die Logik eines großen Krieges mit dem Westen, von dem Putin und seine Gefolgsleute möglicherweise träumen – nicht einmal aus der Perspektive einer Eroberung Europas, sondern aus der Perspektive einer Lähmung der militärischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten Europas zur weiteren Unterstützung der Ukraine.

Putin könnte darauf hoffen, dass seine Anhänger in Europa einfach demonstrieren werden, dass die weitere Unterstützung der Ukraine ein ernstes Problem für die Europäer selbst darstellt.

Und genau entlang einer solchen Entwicklungslinie werden sich die Ereignisse in den kommenden Wochen und Monaten entfalten. Wenn wir davon ausgehen, dass weder die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges noch seine Ausweitung verhindert werden können, dann erscheint ein solches Szenario bereits in naher Zukunft durchaus wahrscheinlich.


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Titel des Originals: Зеленський кошмарить Лукашенка | Віталій Портников. 21.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 21.06.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Zelensky setzt Nawrocki unter Druck | Vitaly Portnikov. 22.06.2026.

Der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, hat seinem polnischen Amtskollegen Karol Nawrocki vorgeworfen, er versuche, die Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine zu sabotieren, die in Danzig stattfinden wird, und stelle zugleich den Wahlerfolg gegenüber den politischen Gegnern der Partei des amtierenden Ministerpräsidenten Donald Tusk in den Mittelpunkt seines Handelns.

Damit bestätigte Zelensky genau das, worauf ich seit Beginn dieses Skandals hingewiesen habe. Es geht nicht um Fragen der historischen Erinnerung, sondern um den Wahlkampf in der polnischen Gesellschaft.

Polen bleibt praktisch seit der Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein in zwei Hälften gespaltenes Land. Und der erbitterte Kampf zwischen zwei politischen Lagern, die in der Geschichte Polens nahezu nie zu einem gegenseitigen Verständnis gefunden haben, bleibt eines der wichtigsten Merkmale der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Nachbarlandes.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie man aus dieser unerwarteten tiefen politischen Krise herauskommen kann, die in den Beziehungen zwischen zwei füreinander wichtigen Ländern entstanden ist. Denn ungeachtet aller Kontroversen um die historische Erinnerung geht der Krieg der Ukraine gegen Russland weiter. Und wie wir sehen, brennt in Moskau niemand darauf, diesen Krieg in absehbarer Zukunft zu beenden.

Polen bleibt einer der wichtigsten Verbündeten der Ukraine für ihr Überleben in diesem langjährigen, endlos scheinenden Krieg. Und die Ukraine bleibt für Polen ein wichtiger Schutzschild für die eigene Sicherheit.

Denn wir verstehen, dass das Verschwinden des ukrainischen Staates von der politischen Landkarte der Welt nicht nur zu einer gewaltigen Migrationskrise führen würde, die die Entwicklungsperspektiven Polens unter sich begraben könnte, sondern auch die Existenz der polnischen Staatlichkeit selbst infrage stellen würde – in einer Situation, in der die überwiegende Mehrheit der europäischen Länder von Politikern geführt würde, die auf eine Verständigung mit Moskau setzen.

Wahrheit ist jedoch, dass es in Polen bereits eigene solche Politiker gibt. Gerade Vertreter des ultrarechten populistischen Lagers verbergen nicht, dass sie nicht Russland, das mehrmals einen Schlussstrich unter die polnische Staatlichkeit gezogen und die Existenz des polnischen Volkes infrage gestellt hat, als Hauptfeind Polens betrachten, sondern die Ukraine, die dem polnischen Staat heute zumindest die Möglichkeit gibt, sich auf eine Konfrontation mit dem aggressiven russischen Imperium vorzubereiten.

Damit bleibt die Frage der Verständigung die wichtigste Aufgabe für die Zukunft, selbst vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Spaltung. Zugleich können wir sehen, dass wir eine ukrainisch-polnische Verständigung noch lange nicht erleben werden, wenn wir den Weg der historischen Erinnerung weitergehen.

Ungeachtet dessen, dass die polnische Gesellschaft unterschiedlich auf die Entscheidung von Präsident Karol Nawrocki reagiert, seinem ukrainischen Amtskollegen einen polnischen Orden abzuerkennen, besteht im politischen Lager Polens – sei es das Lager von Nawrocki und Kaczyński oder das von Tusk – vollständiger Konsens darüber, dass die Benennung einer Militäreinheit nach der Ukrainischen Aufständischen Armee ein Fehler Volodymyr Zelenskys war. Es gibt jedoch keinen Konsens darüber, wie auf solche Handlungen reagiert werden sollte.

Praktisch niemand möchte anerkennen, dass Zelensky bei dieser Entscheidung überhaupt nicht darüber nachgedacht hat, welche Folgen sie für die ukrainisch-polnischen Beziehungen haben könnte, und dass er seine Entscheidung überhaupt nicht mit dem Dialog mit Warschau in Verbindung brachte.

Die überwiegende Mehrheit der Polen unterstützt Präsident Nawrocki in seiner Haltung gerade in der Frage der Benennung einer Militäreinheit nach der Ukrainischen Aufständischen Armee. Gleichzeitig besteht in der ukrainischen Gesellschaft Konsens darüber, dass die Ukraine selbst entscheiden muss, wie die historische Erinnerung des ukrainischen Volkes aussehen soll, und darüber, dass die Ukrainische Aufständische Armee eine nationale Befreiungskraft dieses Volkes war.

Die Ukrainer sind bereit, die Armee, die in einer wichtigen Phase ihres Bestehens sowohl gegen die Nationalsozialisten als auch gegen die Bolschewiki kämpfte, mit der polnischen Armia Krajowa zu vergleichen. Für Polen zeugt dies vor allem von einem mangelnden Verständnis der Sichtweise Warschaus auf die historische Erinnerung. Denn die Armia Krajowa ist aus polnischer Sicht die offizielle Armee eines zwar zerstörten, aber aufgrund der erhalten gebliebenen Exilinstitutionen weiter bestehenden polnischen Staatswesens. Die Ukrainische Aufständische Armee hingegen ist eine paramilitärische Formation, der man sowohl Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten als auch Separatismus vorwerfen kann.

Daher kann eine Verständigung über die historische Erinnerung als solche zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk vielleicht erst dann erfolgen, wenn die Vertreter der Nachkriegsgenerationen, ihre Kinder und möglicherweise sogar ihre Enkel endgültig von der Bühne des Lebens abgetreten sind. Hier sollte man keine Verständigung erwarten und auch nicht danach suchen. Kein Dialog zwischen Historikern wird sie wiederherstellen. Das muss man einfach verstehen. Nur die Zeit heilt solche Wunden – und sehr viel Zeit.

Was also tun?

Vielleicht sollte man weniger über historische Erinnerung nachdenken als darüber, wie beide Länder in einer Welt überleben können, die für die sogenannten mittleren Staaten immer ungemütlicher wird, während Länder wie die Vereinigten Staaten von Amerika und die Russische Föderation nach einem Dialog über ihre eigene Sicht der Welt und ihre Rolle darin als Hegemonialmächte suchen.

Und alle Hoffnungen Polens darauf, dass die Vereinigten Staaten es vor Russland schützen könnten, könnten an der unerbittlichen Realität zerschellen – so wie vor unseren Augen derzeit die Hoffnungen des jüdischen Staates zerschellen.

Vielleicht wäre dies ein wirksames Heilmittel, wenn man in Warschau und auch in Kyiv die Unvermeidlichkeit der Existenz beider Staaten in einer Konfrontation mit Partnern begreifen würde, die auf die Stärkung ihrer eigenen Rolle hoffen. Vielleicht würde es helfen, wenn man sowohl in Warschau als auch in Kyiv verstehen würde, dass nur die Vereinigung der sogenannten mittleren Staaten ihnen und ihren Völkern überhaupt eine Existenzgarantie für die nahe Zukunft geben kann. 

Dann könnte man die Fragen der historischen Erinnerung tatsächlich den Historikern überlassen und den Politikern die Aufgabe, das Überleben ihrer Völker in der Zukunft zu sichern – im Bewusstsein, dass dieses Überleben keineswegs garantiert ist und heute niemand auch nur eine Hrywnja oder einen Złoty darauf setzen würde, dass sowohl die Ukraine als auch Polen in zehn oder fünfzehn Jahren noch unbedingt auf der politischen Landkarte der Welt existieren werden.

Ganz und gar nicht.

Und wenn wir tatsächlich von der Notwendigkeit des Überlebens ausgehen, dann würden die Handlungen von Politikern wie Karol Nawrocki, von Vertretern des rechtspopulistischen Lagers in Polen oder auch von jenen in der Ukraine, die heute von der Notwendigkeit sprechen, die Beziehungen zum engsten Verbündeten abzubrechen, dessen Zusammenarbeit für die ukrainische Handlungsfähigkeit in den kommenden Monaten und Jahren des schweren russisch-ukrainischen Krieges entscheidend ist, völlig anders aussehen – eines Krieges um die bloße Existenz der ukrainischen Staatlichkeit und Nation.

Gerade die Frage der Sicherheit und dieses Überlebens muss daher im Mittelpunkt der Beziehungen stehen, die wir zu unseren Nachbarstaaten aufbauen.

Die Türen der Ukraine stehen derzeit nur nach Westen offen. Nach Osten werden sie für viele Jahrzehnte des Bestehens des ukrainischen Staates und des ukrainischen Volkes verschlossen bleiben.

Von diesem Paradigma muss man ebenfalls ausgehen, wenn wir über die Zukunft der ukrainisch-polnischen Beziehungen und über die Suche der Ukraine nach Wegen zum eigenen Überleben sprechen.


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Titel des Originals: Зеленський кошмарить Навроцького|Виталий Портников. 22.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 22.06.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Latynina wird zu Solowjow | Vitaly Portnikov. 21.06.2026.

Die als „ausländische Agentin“ eingestufte politische Emigrantin Julija Latynina hat bei der Bedienung der offiziellen russischen Propaganda und der Verbreitung ihrer Narrative an ein Publikum, das nicht das „Glück“ hat, täglich die Nachrichtensendung Wremja und die Shows von Wladimir Solowjow zu sehen, neue rote Linien überschritten.

Latynina hat beschlossen, ihre Kollegen, die sich wie sie außerhalb Russlands befinden, darüber zu belehren, dass man die von der Russischen Föderation besetzten Gebiete der Ukraine nicht als besetzt bezeichnen dürfe. Offenbar habe es auf der Krim ein ehrliches Referendum gegeben, dessen Ergebnisse jeder respektieren und berücksichtigen müsse, der eine Abstimmung unter den Läufen von Maschinengewehren und auf einem Gebiet unter Kontrolle einer fremden Armee als freien Bürgerwillen betrachtet.

Noch vor Kurzem wäre Latynina gar nicht auf die Idee gekommen, etwas Derartiges zu behaupten. Wahrscheinlich haben jedoch die Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf die russische Hauptstadt ihr Bild der Realität verändert. Allerdings weist auch dieses Weltbild gewisse Lücken auf, denn diese Angriffe sieht Latynina schlicht nicht und meint, in Moskau sei bislang überhaupt nichts eingeschlagen. Diese Einschätzung bestätigt übrigens vollständig meine eigene Vorstellung davon, was Moskauer, die innerhalb des Gartenrings leben, eigentlich als Moskau betrachten.

Natürlich muss die Tochter eines sowjetischen Schriftstellers und einer bekannten Publizistin der Literaturnaja Gaseta nicht wissen, wo irgendein Kapotnja liegt, und sie wird sich wohl kaum Gedanken über Birjuljowo, Medwedkowo oder andere Randbezirke der russischen Hauptstadt machen. Jasenewo dürfte sie allenfalls als Standort des Hauptquartiers des russischen Auslandsgeheimdienstes interessieren. Nun ja, das liegt eben näher.

Aus dieser Perspektive kann man sagen, dass das Weltbild der russischen Exilpublizistin ebenso durchsichtig und verständlich ist wie jedes andere Weltbild eines Menschen, der bereit ist, dem Imperium zu dienen, selbst dann, wenn dieses Imperium eine solche Begeisterung gar nicht mehr verdauen kann.

Man fragt mich oft, warum ich mich seinerzeit überhaupt auf Gespräche mit Julija Latynina eingelassen habe, während ich mit vielen anderen Propagandisten – sowohl aus der russischen Opposition als auch aus der Ukraine selbst – gar nicht sprechen will. Die Antwort ist einfach: Zum Zeitpunkt dieser Diskussion war mir das ganze Ausmaß der imperialen Narrative, mit denen diese Publizistin operiert, völlig bewusst. Gleichzeitig sah ich jedoch, dass ihre Aussagen bei einem großen Teil des ukrainischen Publikums und überhaupt bei frei denkenden Menschen auf der Suche nach alternativen Informationen lebhaftes Interesse, ja sogar Begeisterung hervorriefen.

Und nach unserer Diskussion beschloss Julija Latynina offenbar, dass es keinen Grund mehr gebe, sich zu zieren. Seitdem wurde sie zu einer geradezu inspirierten Verherrlicherin der Verbrechen des Russischen Imperiums – was sie im Grunde auch schon immer in ihren Büchern und Artikeln gewesen war. Nur: Wer hat diese Bücher und Artikel denn gelesen? Das war schließlich nicht YouTube.

Wenn man genauer darüber nachdenkt, befinden wir uns gleichzeitig in mehreren Kreisen der Hölle.

Der erste Kreis besteht aus einem Teil jener Menschen, die Russland verlassen haben und dort zu „ausländischen Agenten“ und Volksfeinden erklärt wurden. Sie werden ständig in Kreml-nahen Telegram-Kanälen beschimpft und in den Fernsehsendungen Solowjows und anderer Unholde erwähnt. Doch in ihren Texten und Videoauftritten wiederholen sie nahezu dieselben imperialen russischen Narrative – von Latynina bis zu irgendeinem weniger bekannten, aber nicht weniger schädlichen Metrochin.

Dann folgt der Kreis jener Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind – angeblich, weil es hier keine Demokratie und keine Meinungsfreiheit gebe und man für Kritik an Volodymyr Zelensky sofort ins Gefängnis komme. Wahrscheinlich sende ich diesen Blog gerade direkt aus einer Gefängniszelle. Von Scharij bis Aristowytsch reicht dieser weite Kreis politischer Avanturisten, denen sowohl jene zuhören, die nach alternativen Informationen auf Russisch suchen, als auch Teile des ukrainischen Publikums.

Der nächste Kreis sind die Pseudojournalisten, die sich innerhalb der Ukraine zu Bloggern umqualifiziert haben und ebenfalls große Mengen russischsprachiger Inhalte produzieren. Das sind Menschen, die auf Fernsehsendern gearbeitet haben, die Viktor Medwedtschuk gehörten. Menschen, die solch odiose Oligarchen wie Ihor Kolomojskyj auf dem Sender 1+1 oder Dmytro Firtasch bei Inter bedienten und bis praktisch 2022 offen antiukrainische Positionen vertraten und die Errungenschaften der ukrainischen Revolution der Würde nach 2014 zerstörten.

Nach Beginn des großen Krieges wurden diejenigen von ihnen, die nicht nach Russland flohen, plötzlich zu professionellen Patrioten. Sie führen Gespräche mit ukrainischen Beamten – vom Präsidenten bis zu den Ministern –, tun so, als hätten sie vor 2022 überhaupt nicht existiert. Oder als seien sie schon vor 2022 die Retter des Vaterlandes gewesen, die uns die Wahrheit gesagt hätten. Wie soll ein gewöhnlicher Mensch in einer solchen Situation nicht den Überblick verlieren?

Es gibt noch eine weitere Gruppe: Menschen, die in den Vereinigten Staaten oder anderen westlichen Ländern leben und uns zwei Jahre lang erzählt haben, Donald Trump werde den von Russland gegen die Ukraine geführten Krieg innerhalb einer Woche beenden. Sie empörten sich darüber, dass irgendjemand es wagen könnte, an ihrer Kompetenz und Ehrlichkeit zu zweifeln.

Heute verfluchen dieselben Leute – ebenso wie manche ihrer Kollegen, die aus Israel auf Russisch senden – Donald Trump in den schärfsten Worten. Sie behaupten, er sei ein schwacher Führer, der dem Einfluss Teherans und Moskaus unterliege. Und sie erinnern nicht einmal daran, was sie noch vor wenigen Monaten über ihn gesagt haben.

Im englischsprachigen Raum ist es üblich, sich für sein Verhalten zu entschuldigen. Dasselbe hat etwa Tucker Carlson getan, einer der wichtigsten Propagandisten Trumps im Wahljahr 2024. Diese Leute entschuldigen sich nicht. Mehr noch: Sie beleidigen weiterhin jene, die ihrem Publikum schon damals von ihrer Dummheit, Inkompetenz und Unehrlichkeit erzählt haben, als sie selbst noch von der Richtigkeit ihrer Ansichten überzeugt waren.

Den Zuschauer, der sich durch das Dickicht kämpfen muss, in dem ihm mal Latynina, mal Aristowytsch, mal Scharij, mal ukrainische Pseudopatrioten oder amerikanische Rentner auflauern, die von ihren analytischen Fähigkeiten überzeugt sind, kann man nur bedauern.

Wie gelangt man aus diesem Dickicht auf freies Feld und versteht, was wirklich geschieht?

Eine sehr gute Frage.

Vielleicht muss man einfach auf sein eigenes Gewissen hören und dessen Fehlen bei jenen bemerken, die bereit sind zu täuschen – im Austausch gegen die trügerische Aussicht auf persönlichen Erfolg und die Hoffnung, dass ihre propagandistischen Bemühungen dort bemerkt werden, wo man dieser ganzen Gesellschaft von Betrügern aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Möglichkeiten offensichtlich keinerlei Aufmerksamkeit schenken wird.


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Titel des Originals: Латынина превращается в Соловьева |Виталий Портников. 21.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 21.06.2026.
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Angriff auf die Krim: Die Halbinsel ohne Treibstoff. Vitaly Portnikov. 21.06.2026.

Der Leiter der Besatzungsverwaltung der Krim, Sergej Aksjonow, hat die vollständige Einstellung des Treibstoffverkaufs auf dem von Russland annektierten Gebiet der Halbinsel bekannt gegeben.

Treibstoff wird nun weder in Warteschlangen noch über die von den örtlichen Verwaltungen zuvor eingeführten Sondergutscheine erhältlich sein. Er wird ausschließlich staatlichen Diensten zugeteilt.

Zu dieser Entscheidung sah sich die Marionettenregierung der Krim nach ukrainischen Angriffen gezwungen – sowohl auf Ziele auf dem besetzten Gebiet der Halbinsel selbst als auch auf Objekte in unmittelbarer Nähe der Kertsch-Brücke, insbesondere auf ein Treibstofflager nahe dieser von den Russen errichteten Anlage. Diese war geschaffen worden, um die Logistik ihrer Besatzungstruppen auf der Halbinsel zu verbessern, die vor allem dazu dienen, die russische Armee zu unterstützen, die ihre aggressiven Handlungen auf dem Festland der Ukraine fortsetzt.

Somit können wir von einer tatsächlichen logistischen Katastrophe auf dem Gebiet der Krim sprechen. Es gibt keinen Treibstoff, es gibt keinen Strom. Die Stromversorgung wird auf der Krim derzeit nur unter großen Schwierigkeiten wiederhergestellt. Und trotz aller optimistischen Berichte der Vertreter der örtlichen Besatzungsverwaltung und der russischen Propagandisten wird offensichtlich, dass die Krim immer stärker in eine vollständige Isolation vom Besatzerstaat gerät. Die Kertsch-Brücke, praktisch die einzige relativ sichere Route für die Versorgung mit Treibstoff und anderen Gütern, bleibt zugleich ein riskanter Verkehrsweg, weil die Explosion eines einzigen Tanklasters auf der Brücke zu ihrer  endgültigen Beschädigung und Außerdienststellung führen könnte.

Dann würde sowohl die Eisenbahnverbindung zwischen Russland und der besetzten Krim als auch die Möglichkeit der Anreise auf die Halbinsel selbst mit Privatfahrzeugen enden. Die Krim befindet sich in einer echten Falle. Und in diesem Zusammenhang lohnt es sich, an eine ganze Reihe russischer Niederlagen im Zusammenhang mit der besetzten Halbinsel zu erinnern.

Man sollte daran erinnern, dass Russland stets versucht hat, seine Präsenz auf dem ukrainischen Boden auch nach der Ausrufung der ukrainischen Unabhängigkeit zu sichern. Bereits unter Boris Jelzin, dem ersten Präsidenten der neu gegründeten Russischen Föderation, setzte die russische Führung Kyiv unter Druck, um die Stationierung der Schwarzmeerflotte im ukrainischen Sewastopol festzuschreiben. Mehr noch: Ohne eine Zustimmung der Ukraine verschob Jelzin seinen Besuch in Kyiv sowie die Unterzeichnung des sogenannten Großen Vertrages zwischen Russland und der Ukraine, der den Respekt vor der territorialen Integrität beider Staaten festschreiben sollte.

Später, als deutlich wurde, dass die Laufzeit des früheren Schwarzmeerflotten-Abkommens auslief, begann Russland, die neue ukrainische Führung zu erpressen. Dies endete 2010 damit, dass der damalige Präsident der Ukraine, Viktor Janukowytsch, mit seinem russischen Amtskollegen Dmitri Medwedew einen Knebelvertrag über die Verlängerung der Stationierung der Schwarzmeerflotte unterzeichnete. Dieser machte das russische Militärkontingent auf der Krim faktisch zu einer Besatzungsmacht und zu einem Destabilisierungsfaktor für das gesamte Schwarze Meer.

Im Jahr 2014 folgte dann die Besetzung und Annexion der Krim, um die Halbinsel als Brückenkopf für einen Vormarsch in der Ukraine zu nutzen und zugleich den russischen Druck auf die europäischen NATO-Staaten im Schwarzmeerraum zu verstärken. 

Doch all dies erwies sich als ein großer Mythos. Nach Beginn des russisch-ukrainischen Krieges demonstrierten die ukrainischen Streitkräfte ihre Fähigkeit, die Schwarzmeerflotte mitsamt ihren Basen und Schiffen direkt in Sewastopol zu treffen. Sie erinnerten daran, dass die Krim für Russland niemals ein Ort des Sieges, sondern stets ein Ort der Niederlage und der Schande gewesen ist. Dass schon die geografische Lage der Krim keinerlei natürliche Verbindung zur Russischen Föderation vorsieht.

Mehr noch: Die Krim hat zu diesem aggressiven Staat keinerlei zivilisatorische oder historische Beziehung. Für die Russen besitzt sie lediglich als Schauplatz ihrer ständigen beschämenden Niederlagen Bedeutung. Und genau das erleben die Russen auch jetzt wieder vor ihren erstaunten Augen, weil sie ihre wahre Geschichte weder kennen noch kennen wollen.

Es geschieht also das, was immer geschehen ist. Die Schwarzmeerflotte der Russischen Föderation hat sich von einem Besatzungskontingent auf ukrainischem Boden und in einer ukrainischen Stadt in eine Schar von Flüchtenden verwandelt, die sich nun in Noworossijsk vor ukrainischen Angriffen versteckt. Die Krim selbst wird mit jedem neuen ukrainischen Schlag gegen Ziele auf der Halbinsel und in den angrenzenden Gebieten – sowohl im besetzten Teil der Ukraine als auch auf dem Territorium der Russischen Föderation – immer stärker von dem Staat isoliert, der sie besetzt und annektiert hat.

Es wird offensichtlich, dass das weitere Schicksal der Krim davon abhängt, ob die russische politische Führung die Notwendigkeit erkennt, ihre eigenen Fehler und ihre eigene Verfassung zu korrigieren, die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin durch die Aufnahme ukrainischer Gebiete in ihren Text zu einem bloßen Lappen  gemacht wurde.

Und es ist offensichtlich, dass Russland diese Gebiete zwar vorerst noch mit seinen Streitkräften kontrollieren kann, aber nicht mehr in der Lage ist, ihre Logistik sicherzustellen. Mit dem Verlust der Logistik für Gebiete wie die Krim geht zugleich auch die Logistik der Streitkräfte der Russischen Föderation verloren, die ihren Vormarsch auf ukrainischem Boden fortsetzen sollen.

Es bleibt nur, den Streitkräften der Ukraine weitere erfolgreiche Angriffe zu wünschen – sowohl auf die Krim als auch auf andere Gebiete der Russischen Föderation sowie auf die von ihr besetzten Regionen der Ukraine. Die Zerstörung des Potenzials des Feindes, die Schaffung völlig unmöglicher logistischer Bedingungen für die Bewegungen der russischen Armee sowie die Entstehung realer Energieprobleme, die weder den russischen Militärs noch den Besatzungsverwaltungen erlauben werden, irgendwelche Schritte in den Gebieten zu unternehmen, die sich vorübergehend unter der Kontrolle eines der verbrecherischsten und abscheulichsten Länder der heutigen Welt befinden – man könnte auch sagen: einer Mafia, die lediglich versucht, sich als echter Staat auszugeben.

Und der Blackout, der sowohl auf der Krim als auch im besetzten Sewastopol stattgefunden hat, sowie der Treibstoffmangel, der die Krim nun für lange Zeit zu einem Gebiet machen wird, das für aggressive Handlungen der russischen Armee gegen die Ukraine ungeeignet ist, erinnern daran, dass das, was man zu stehlen versucht hat, zu einem echten Problem für denjenigen wird, der diesen unverhohlenen Diebstahl begangen hat.

Es wäre gut gewesen, diese einfache Wahrheit zu begreifen, bevor sie sich für die russische Führung und die Bürger der Russischen Föderation in ein Problem verwandelt, das sich über lange, schwarze Jahrzehnte russischer Degeneration hinweg nicht mehr durch irgendein angebliches „Aufstehen von den Knien“ lösen lassen wird.


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Titel des Originals: Атака на Крим: півострів без пального |Віталій Портников. 21.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov.
Veröffentlichung / Entstehung: 21.06.2026.
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Der betrunkene Goliath. Vitaly Portnikov. 21.06.2026.

П’яний Голіаф. Віталій Портников. 21.06.2026.

Der schwarze Himmel über den Bränden in Moskau wird nun für immer eine der wichtigsten Illustrationen des russisch-ukrainischen Krieges bleiben. Und diese Brände werden den Russen selbst weit stärker in Erinnerung bleiben als alle anderen Ereignisse der vergangenen zwölf Jahre. Mehr als die pompöse „Angliederung“ der Krim. Mehr als die Invasion vom 24. Februar. Und sogar mehr als die Brände über Sankt Petersburg.

Denn ein ungeschütztes Moskau – selbst wenn sich die schwarze Brandnarbe bislang nur auf das ferne Kapotnja beschränkt, an das sich die meisten Bewohner der russischen Hauptstadt höchstens erinnern, wenn darüber gesprochen wird, „wie die Leute dort eigentlich leben“ – erzeugt für das ganze Land ein beinahe instinktives Gefühl des Mangels an Sicherheit. In Moskau darf es per Definition „so etwas“ nicht geben. Wenn „so etwas“ geschieht, ist das das erste Symptom einer Krankheit des ganzen Landes, die Demonstration dessen, dass man nirgendwo in Russland mehr sicher leben kann.

Putin versteht das sehr gut. Um seinen Einfluss auszubauen und die Macht zu übernehmen, nutzten die Tschekisten den Krieg im Kaukasus – und ihr eigentliches Mandat zur „Wiederherstellung der Ordnung“ erhielten sie gerade vor dem Hintergrund der Explosionen von Wohnhäusern in denselben Moskauer Schlafvierteln, im „kollektiven Kapotnja“. Und nach der Geiselnahme im Theaterzentrum an der Dubrowka konnte Putin im Kaukasus wie auch mit der eigenen Bevölkerung (übrigens vor allem mit der nichtmoskowitischen) praktisch alles tun, was er wollte. Jede Gefahr, jede Eskalation nutzte er stets zur Stärkung des Autoritarismus und für den „sanften Übergang“ zum Totalitarismus. Das wirksamste Instrument dafür war letztlich nicht einmal der Tschetschenienkrieg, sondern gerade der Krieg gegen die Ukraine.

Das Paradoxe an der Situation besteht jedoch darin, dass Putin damals, 1999, als in den gottvergessenen Moskauer Stadtteilen Petschatniki und an der Kaschirskoje Schosse Wohnhäuser in die Luft flogen, sowohl ein Gefühl des Mangels an Sicherheit erzeugen als auch demonstrieren konnte, dass die gewünschte Stabilität zurückkehrt – man müsse sich nur den starken Händen der Schüler des „Eisernen Felix“ anvertrauen. Jetzt öffnet jedoch nicht mehr er selbst diesen Hahn. Was kann er diesen Angriffen entgegensetzen? Kein Schlag gegen Kyiv oder Odesa, keine Einnahme einer weiteren Stadt im Donbas wird den Moskauer Bewohnern – und damit allen Russen, die traditionell auf Moskau blicken – das Gefühl der Sicherheit für den morgigen Tag zurückgeben. Es stellt sich heraus, dass Putin ihnen im Jahr 2000 dieses Sicherheitsgefühl schenkte, das die Tschekisten zuvor selbst zerstört hatten, und es ihnen im Jahr 2026 wieder genommen hat.

Mit seiner Manie, Fallen zu konstruieren, ist Putin nun in eine weitere Falle geraten – diesmal für sich selbst. Er will den russisch-ukrainischen Krieg nicht beenden, weil er den endgültigen Zusammenbruch seines imperialen Projekts fürchten könnte – ganz zu schweigen von der Rückkehr einer fast millionenstarken Söldnerarmee von der Front, gegen deren Gewaltexzessen selbst seine Sicherheitskräfte womöglich nichts entgegensetzen könnten. Zugleich kann er den Krieg nicht lange fortsetzen, weil die weiteren Angriffe auf Moskau – vor allem auf Moskau natürlich – das gesamte Image der russischen Diktatur und ihrer Sicherheitsgarantien gegenüber der Gesellschaft zerstören werden. Es stellt sich heraus, dass Putin in jedem denkbaren Szenario sich selbst auffrisst.

Und damit kehren wir zur ewigen russischen Maßlosigkeit zurück, zur Unfähigkeit, rechtzeitig aufzuhören. Die Stärke einer Großmacht liegt in Wahrheit nicht in der Anwendung von Gewalt, sondern in der Perspektive ihrer Anwendung. Dann bleibt das Gefühl bestehen, dass etwas Unwiderrufliches geschehen könnte, wenn Goliath einmal ausholen würde. Doch selbst wenn Gewalt angewandt wird und das gewünschte Ergebnis nicht schnell erreicht wird, gibt es immer noch die Möglichkeit, den Krieg zu beenden. Dann bleibt die Illusion erhalten, dass in Wirklichkeit noch gar nicht alle Kräfte und Ressourcen eingesetzt wurden, dass dies lediglich eine Blitzoperation gewesen sei und man den wahren Goliath mit all seinen Möglichkeiten erst gesehen hätte, wenn ein echter langer Krieg begonnen hätte. Und selbst wenn man länger weitermacht und nichts erreicht, kann man immer noch eine Pause einlegen, um zumindest nicht das Prestige, dann wenigstens die wirtschaftlichen Perspektiven zu bewahren (genau das hat letztlich Donald Trump gegenüber dem Iran getan).

Putin hat weder das Erste noch das Zweite noch das Dritte getan. Er griff an, er hielt nach dem Scheitern des Blitzkriegs nicht an, er hielt nicht einmal an, als klar wurde, dass der Krieg seine Wirtschaft nach und nach zerstört und auffrisst. Er hat die Angriffe auf Moskau abgewartet – und beruhigt sich trotzdem nicht. Er glaubt übermäßig stark nicht einmal an seine eigenen Entscheidungen, sondern an die Zeit selbst. Er glaubt, dass man eine unterworfene Ukraine und ein „wahres“ Russisches Imperium sehen kann, wenn man nur viele Jahre lang stumpf mit dem Kopf gegen die Wand schlägt.

Das kann man. Aber nur im eigenen Kopf, der nach so vielen wahnsinnigen Schlägen beginnt, seine eigene Musik zu spielen. In der Realität gibt es eine ausgebrannte Raffinerie bei Moskau, Angriffe auf Russland, eine beinahe abgeschnittene Krim und Truppen, die im fünften Kriegsjahr weiterhin im Donbas kämpfen. Und selbst wenn man sich vorstellt, dass ihm die Ressourcen und Möglichkeiten noch lange reichen werden, weiter mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen – etwas anderes als genau diese Schläge wird es einfach nicht mehr geben.


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Autor: Vitaly Portnikov
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Nicht alles auf einen einzigen Mann setzen. Vitaly Portnikov. 20.06.2026.

Don’t Bet Everything on One Man. Vitaly Portnikov. 20.06.2026.

Während praktisch des gesamten US-Präsidentschaftswahlkampfs 2024 und des ersten Jahres der neuen Präsidentschaft Donald Trumps musste ich mich buchstäblich gegen meine amerikanischen und israelischen Bekannten verteidigen, die mich davon zu überzeugen versuchten, dass meine Kritik am neuen amerikanischen Präsidenten ausschließlich mit seinem hartnäckigen Unwillen zusammenhänge, der Ukraine zu helfen, und mit seiner Abkehr vom Ansatz der vorherigen Regierung. Währenddessen sei die Präsidentschaft Trumps für Israel das vorteilhafteste politische Projekt der Geschichte – wie Premierminister Benjamin Netanyahu ohne jede Andeutung erklärte.

Darauf antwortete ich stets, dass ich nur an Partnerschaften glaube, die auf Werten beruhen, nicht auf Vorteilen. Wenn Menschen gemeinsame Werte haben, wenn Staaten gemeinsame Werte haben, dann werden sie auch gemeinsame Ansätze verfolgen. Fehlen diese gemeinsamen Werte jedoch, kann sich der Kurs jederzeit und gegenüber jedem ändern.

Ich ging davon aus, dass die Regierung von Joseph Biden die Ukraine nicht deshalb unterstützte, weil sie an Bodenschätzen oder an einer Stärkung der amerikanischen Rolle in Europa interessiert war, sondern weil sie den Vorrang des Völkerrechts verteidigen wollte, die Unmöglichkeit der Annexion fremder Gebiete und die Unzulässigkeit, dass ein Großstaat einem Nachbarland seine Vorstellungen von dessen Zukunft aufzwingt. Genau das ist die Rolle der Vereinigten Staaten als Führungsmacht der demokratischen Welt: nicht die Kontrolle über fremdes Öl oder fremde Mineralien anzustreben, sondern zur Aufrechterhaltung einer zivilisierten Weltordnung beizutragen. Denn nur in einer solchen zivilisierten Welt können sich die Vereinigten Staaten sicher fühlen.

Ich war der Ansicht, dass auch im Fall Israels genau ein solcher Ansatz gelten sollte. Die Vereinigten Staaten sollten Israel aufgrund seines Existenzrechts unterstützen und es gegen jene verteidigen, die ihm dieses Recht absprechen. Es geht dabei nicht um die Kontrolle über iranisches Öl oder um amerikanischen Einfluss in der Region. Es geht vor allem um Gerechtigkeit, um einen friedlichen Nahen Osten, in dem Menschen nicht Krieg führen, sondern gemeinsam eine zivilisierte Zukunft aufbauen.

Ich möchte außerdem daran erinnern, dass der vorherige Präsident praktisch seine eigenen Chancen und die Chancen seiner Mitstreiter auf eine Wiederwahl opferte, als er sich weigerte, Israel während des Gaza-Krieges scharf zu verurteilen – trotz der zunehmenden Radikalisierung in seiner eigenen Partei und unter seinen eigenen Wählern. Denn wer für Werte eintritt, darf Niederlagen nicht fürchten.

Mir schien, dass dies ein universeller Ansatz sei. Dass politisches Scheitern unvermeidlich wird, wenn man ihn nicht befolgt. Geirrt habe ich mich nicht in diesem Verständnis selbst, sondern darin, dass ich davon ausging, Menschen in Politik, Journalismus und Wirtschaft würden ähnlich denken. Es stellte sich jedoch heraus, dass viele von ihnen im wahrsten Sinne des Wortes ihre moralischen Orientierungspunkte verloren haben – und sogar ihren geschäftlichen Instinkt.

Das erste Alarmsignal ertönte nicht einmal, als Donald Trump den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky im Oval Office zurechtwies. Tatsächlich wurde der Punkt ohne Wiederkehr bereits überschritten, als amerikanische Fallschirmjäger den venezolanischen Diktator Nicolás Maduro festnahmen – und in Washington dennoch niemand auch nur daran dachte, die venezolanische Demokratie wiederherzustellen oder die Macht denjenigen zu übergeben, die die letzten Wahlen in diesem Land gewonnen hatten. Als Trump sich als Partner des venezolanischen autoritären Regimes erwies und von Oppositionsführerin María Machado sogar die Medaille eines Friedensnobelpreisträgers zurückforderte.

Schon damals hätte eigentlich klar sein müssen: Wer bereit ist, mit dem venezolanischen Regime Geschäfte zu machen, kann jederzeit auch mit dem iranischen Regime Geschäfte machen – sofern dieses überlebensfähig bleibt und seinen Willen durchsetzen kann. Wenn das Hauptinteresse darin besteht, die eigene Macht zu demonstrieren und an iranisches Öl zu gelangen, dann lassen sich politische Prioritäten jederzeit neu ordnen.

Die Ukraine hat nach dem Konflikt zwischen Trump und Zelensky und nach dem Rückfahren der intensiven amerikanischen Unterstützung gelernt, ohne diese Unterstützung zu überleben. Das geschah nicht zuletzt dank des komplexen Bündnissystems, das Kyiv nach dem russischen Angriff aufzubauen begann. Die Ukraine hätte sich allerdings auch anders verhalten können. Bereits unter der Regierung Biden hätte sie alle Eier in den amerikanischen Korb legen können – und wäre dann nach Trumps Absage hilflos und orientierungslos dagestanden. Heute bombardieren ukrainische Drohnen russische Städte, während amerikanische Militärs versuchen, von ihren ukrainischen Kollegen den Kampf gegen Drohnen zu lernen. Das ist es, was tatsächlich geschehen ist.

Man könnte mir entgegenhalten, dass die Ukraine europäische Verbündete hat, während Israel auf niemanden zählen könne. Dabei ist die gesamte Geschichte des jüdischen Staates ein lebendiges Beispiel dafür, wie man komplexe Systeme situativer Bündnisse aufbaut und keine Angst davor hat, von einer Vereinbarung zur nächsten überzugehen, wenn sich ein Verbündeter als unzuverlässig erweist. Wie logisch war es also, das gesamte Bündnissystem Israels nicht einmal auf die Beziehungen zu einem einzigen Staat, sondern auf die Beziehungen zu einem einzigen Menschen zu reduzieren – noch dazu zu einem älteren und launischen Menschen? Bereits die Niederlage Donald Trumps bei den vorherigen Präsidentschaftswahlen hätte Benjamin Netanyahu und die israelische Elite von der Gefahr überzeugen müssen, ihren gesamten Einsatz auf Zero zu setzen. Doch Trumps Rückkehr ins Oval Office hat diesen Ansatz, Politik wie ein Glücksspiel im Kasino zu betreiben, wiederbelebt.

Welcher Ausweg bleibt also aus der gegenwärtigen Situation?

Erstens muss man aufhören, in der Illusion zu leben, Donald Trump werde zur Vernunft kommen, Israel wieder lieben, den Iran angreifen und all das tun, was Netanyahu oder Smotrich von ihm erwarten. Ja, die internationale Lage kann sich so entwickeln, dass die Vereinigten Staaten erneut in einen Konflikt mit dem Iran geraten. Doch in jedem solchen Konflikt wird Trump in erster Linie seine eigenen Interessen verfolgen und erst danach die Interessen Israels.

Zweitens muss man zu einem Ansatz zurückkehren, der es Israel erlaubt, eigenständig Maßnahmen für seine Sicherheit zu ergreifen, ohne ständig auf die Vereinigten Staaten zu blicken. Israel ist kein Überseegebiet der Vereinigten Staaten. Die Juden, die möchten, dass ihre Zukunft vom Präsidenten der Vereinigten Staaten bestimmt wird, leben in den Vereinigten Staaten. Die Juden, die in einem Nationalstaat leben wollen, leben in Israel – und dürfen nicht von den Launen des Weißen Hauses oder irgendeiner anderen ausländischen Regierung abhängig sein. Jeder gegenteilige Ansatz setzt faktisch der Idee des Zionismus selbst ein Ende. Israel ist, um es mit den Worten Vladimir Jabotinskys auszudrücken, ein Staat und kein nationales Zentrum, das von Ausländern regiert wird.

Drittens muss die israelische Gesellschaft die Bedeutung einer Partnerschaft auf Grundlage gemeinsamer Werte begreifen – und nicht die einer Zweckehe oder gar einer Liebesheirat, selbst wenn diese Liebesheirat mit der Tochter eines Präsidenten geschlossen wird. Ohne den Ruf eines demokratischen Staates im Nahen Osten – eines Staates, der selbst existieren will und anderen ihr Existenzrecht nicht abspricht – hat Israel schlicht keine Chance, situative Bündnisse neu zu schließen und sich eine sichere Zukunft zu sichern. Und genau das scheint mir die wichtigste Lehre Donald Trumps zu sein.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Don’t Bet Everything on One Man. Vitaly Portnikov.20.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 20.06.2026.
Originalsprache: en
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext: Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach, veröffentlicht auf uebersetzungenzuukraine.data.blog.


Indem Zelensky den Orden des „Weißen Adlers“ zurückgab, erwies er Tusk einen großen Dienst: Der Skandal mit Polen. Vitaly Portnikov. 20.06.2026.

Andrij Smolij. Ich denke, wir sollten mit dem aktuellsten Thema beginnen, das heute einfach eine Fortsetzung bekommen hat. Ich meine natürlich diesen unseren frischen Skandal mit den Polen. Die Initiatoren waren diesmal die Polen selbst. Man kann zumindest sagen, dass dies die Entscheidung von Präsident Nawrocki ist, der Präsident Zelensky den Orden des Weißen Adlers, die höchste Auszeichnung Polens, entzogen hat. Und Präsident Zelensky hat heute demonstriert, dass dieser Orden bereits – übrigens per Nowa Poschta – zurück nach Warschau unterwegs ist. Nun, und er hat auch erstmals öffentlich kommentiert, was er davon hält. Fangen wir damit an. Wie beurteilen Sie erstens die Kommunikation von Präsident Zelensky, wie gut, passend und gelungen war der Ton, und hätte man diesen Orden gerade jetzt eigentlich zurückgeben sollen?

Portnikov. Nun, das ist, würde ich sagen, klassisches politisches Verhalten von Volodymyr Zelensky. Aber andererseits: Was hätte er in dieser Situation tun sollen? Warten, bis der polnische Ministerpräsident Donald Tusk die Entscheidung des Präsidenten unterschreibt oder nicht unterschreibt? Man kann sagen, dass Volodymyr Zelensky mit dieser Handlung Donald Tusk einen großen Dienst erwiesen hat, wie Sie verstehen. Denn wenn Donald Tusk, sagen wir, diese Verfügung des Präsidenten unterschrieben hätte – obwohl es hier viele verschiedene juristische Streitigkeiten darüber gibt, ob der Premierminister sie billigen muss oder nicht, weil im Prinzip die Entscheidung über die Verleihung staatlicher Auszeichnungen persönlich vom Präsidenten Polens getroffen wird. Dafür ist keine Gegenzeichnung des Premierministers des Landes nötig. Einige meinen, dass eine Gegenzeichnung nötig sei; da aber der Premierminister eine Entscheidung des Präsidenten, irgendeine staatliche Auszeichnung aufzuheben, nicht billigen könne, es aber in der polnischen Verfassung keine Ausnahme gebe, müsse er es also tun. Das ist eine ganze juristische Diskussion, auf die es bis zu unserem Gespräch keine Antwort gibt. Aber offensichtlich wollte Karol Nawrocki, als er die Entscheidung traf, Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers zu entziehen, sowohl den Präsidenten der Ukraine als auch den Ministerpräsidenten Polens in eine schwierige Lage bringen.

Ich möchte übrigens sagen: Nennen wir das nicht einen Skandal mit den Polen, wenn man bedenkt, wie viele polnische Politiker, Journalisten, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und gewöhnliche Menschen diese Handlung ihres eigenen Präsidenten verurteilen. Es ist also vor allem ein Skandal mit dem Präsidenten Polens, Karol Nawrocki, und nicht mit den Polen als solchen. Ich möchte Sie daran erinnern, dass die polnische Gesellschaft eine ziemlich konfliktträchtige Gesellschaft ist, was ihre Sicht darauf betrifft, wie man diese oder jene Beziehungen entwickeln sollte, und was ihre Sicht auf die Welt betrifft. Und praktisch die Hälfte der Polen – Sie erinnern sich doch an den geringen Vorsprung, mit dem Karol Nawrocki die Präsidentschaftswahlen gegen Rafał Trzaskowski gewonnen hat – die Hälfte der Polen nimmt ihn nicht als jemanden wahr, der gerade ihren Standpunkt ausdrückt.

Wissen Sie, man sollte sich dennoch daran erinnern: Wenn Zelensky den Orden an Nawrocki zurückgibt, dann ist Zelensky ein Mensch, den bei den Wahlen 73 Prozent der Bürger unterstützt haben. Nawrocki kann sich einer solchen einmütigen Unterstützung der Gesellschaft nicht rühmen. Er ist Vertreter eines der fast gleich großen politischen Lager und verhält sich im Amt des polnischen Präsidenten leider ebenfalls wie der Vertreter eines dieser politischen Lager. Denn ein Präsident aller Polen wäre mit konkreten Handlungen vorsichtiger umgegangen.

Ich sage nicht, dass Nawrocki, wenn dies seinen Überzeugungen entspricht, nicht mit der Entscheidung seines ukrainischen Kollegen hätte nicht einverstanden sein können, einer ukrainischen Militäreinheit den Namen der Ukrainischen Aufstandsarmee zu verleihen. Das ist sein Recht als Staatsoberhaupt und als Politiker, unterschiedliche Bewertungen der Handlungen von Kollegen und der Handlungen konkreter Staaten, freundlicher wie unfreundlicher, zu äußern.

Aber wenn es um die Entscheidung geht, den Orden wegzunehmen, ist das bereits eine völlig neue Situation. Das ist bereits eine vollkommen bewusste Überschreitung der roten Linien in den ukrainisch-polnischen Beziehungen durch den polnischen Präsidenten. Wir haben bereits in unserem vorherigen Gespräch gesagt, dass dieser Orden nicht persönlich der Orden von Volodymyr Zelensky ist. Das ist ein Orden, der faktisch den Respekt des polnischen Volkes gegenüber dem ukrainischen Volk im Kampf gegen die russische Aggression gezeigt hat.

Ich war und bin der Ansicht, dass dieser Orden aus Sicht seines Prestiges keine Ehre für Zelensky als solchen ist und nicht einmal einfach eine Auszeichnung für das ukrainische Volk, sondern auch ein Zeichen des Prestiges des Ordens selbst: dass der Präsident Polens in der Zeit des russisch-ukrainischen Krieges die Möglichkeit hatte, den Präsidenten eines Staates mit diesem Orden auszuzeichnen, der gegen den russischen Imperialismus kämpft. Welch ein Kontrast dazu, dass die russischen Zaren, nachdem sie die Kontrolle über Polen erlangt hatten, sich mit eben diesem Orden selbst auszeichneten.

Andrij Smolij. Übrigens hat Präsident Zelensky heute genau darüber gesprochen, dass auch er es so verstanden habe, dass der Orden nicht ihm persönlich verliehen worden sei. Übrigens auch nicht von Herrn Nawrocki verliehen, sondern vom vorherigen Präsidenten. Ich denke ebenfalls, dass dieser Orden nicht Eigentum Nawrockis oder sogar des vorherigen Präsidenten ist.

Portnikov. Dieser Orden ist Eigentum des polnischen Staates. Und wiederum gab es in den polnisch-ukrainischen Beziehungen viele schwierige Momente aus Sicht der historischen Erinnerung. Auch früheren Präsidenten der Ukraine wollte man diesen Orden entziehen. Solche Fragen gab es sowohl in Bezug auf Viktor Juschtschenko als auch in Bezug auf Petro Poroschenko. Und jedes Mal enthielt sich der Präsident Polens solcher scharfen Schritte. Wiederum im Bewusstsein, dass in der Person Juschtschenkos und Poroschenkos nicht eine konkrete Person ausgezeichnet wird, sondern ein konkreter Staat.

Ein Mensch, der an der Spitze dieses Staates steht, kann später Schritte unternehmen, die aus Sicht des Präsidenten Polens den ukrainisch-polnischen Beziehungen nicht entsprechen. Der Präsident Polens kann seine politische Bewertung dieser Schritte äußern. Aber wenn er den Orden     aberkennt, beleidigt er damit den Staat und demonstriert ein Unverständnis grundlegender Werte nicht nur in den ukrainisch-polnischen Beziehungen, sondern in der Politik als solcher.

Es ist nicht verwunderlich, dass einer derjenigen, die die Entscheidung von Präsident Nawrocki leidenschaftlich unterstützten, der ehemalige Präsident der Russischen Föderation, der stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrates der Russischen Föderation Dmitri Medwedew war, der vor Freude sogar beschloss, einen entsprechenden Beitrag auf Polnisch zu veröffentlichen. Ich denke, das ist die angemessenste und genaueste Bewertung der Entscheidung von Karol Nawrocki durch diejenigen, die seine Handlung unterstützen.

Man sollte nicht auf die Bewertungen der polnischen Anhänger von Karol Nawrocki schauen, sondern daran denken, dass diese Handlungen des polnischen Präsidenten faktisch vollständig in das Denkmuster des Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin, seines Stellvertreters im Sicherheitsrat Dmitri Medwedew und der russischen Führung passen. Dieser Schritt liegt also vollständig im Interesse Russlands. Er entspricht der russischen Weltsicht. Er macht Karol Nawrocki zu einem realen Unterstützer des russischen Angriffs auf die Ukraine, was auch immer der Präsident Polens sagen mag, wenn er diesen Orden wegnimmt.

Denn wenn er diesen Orden wegnimmt und sagt: „Und wir bleiben Verbündete der Ukraine“, dann ist das zynische Demagogie eines Menschen, der seine Verantwortung für den polnischen Staat, für das polnische Volk und für die ukrainisch-polnischen Beziehungen nicht spürt. Auch Präsident zu sein, muss man erst lernen.

Andrij Smolij. Nun, einige, wie zum Beispiel Serhij Fursa, haben darüber geschrieben. Mir gefällt der pragmatische Ansatz selbst. Darüber schreiben heute übrigens viele: dass der Ansatz zu den Beziehungen zu Polen pragmatisch sein sollte. Bei uns war bis 2022 Polen im Großen und Ganzen allen irgendwie ziemlich gleichgültig, und plötzlich wurden die Polen für uns zu Brüdern. Eine Zeit lang waren bei uns irgendwelche polnischen Amtspersonen und so weiter superpopulär. Und jetzt ist das Pendel ausgeschlagen, und alles. Und jetzt sind die Polen für viele bei uns schon die zweiten Russen.

Portnikov. Imperialisten, Chauvinisten und dergleichen.

Andrij Smolij. Ja.

Portnikov. Wissen Sie, ich gehörte nie zu den Menschen, denen Polen gleichgültig war. Ich habe immer an der Konzeption festgehalten – und übrigens schon seit meiner Kindheit –, dass es ohne ein unabhängiges Polen keine unabhängige Ukraine geben kann und ohne eine unabhängige Ukraine kein unabhängiges Polen. Deshalb habe ich schon als Jugendlicher aufrichtig mit den Aktionen der unabhängigen Gewerkschaft „Solidarność“ sympathisiert.

Lech Wałęsa, selbst wenn er dieses ukrainische Abzeichen vom Revers seines Jacketts oder Pullovers abgenommen hat, wo auch immer er es trug, war mein Held und wird für immer mein Held bleiben, was auch immer später seine politischen Handlungen gewesen sein mögen. Denn ich trenne, würde ich sagen, den zentralen Moment im Leben eines Menschen von dem, was er dann tat, als er aufhörte, aktiver Politiker zu sein. 

Die Ukrainerin Anna Walentynowicz war meine Heldin. Ich hörte von der Solidarność auf den Wellen von Voice of America, Radio Free Europe/Radio Liberty und anderen ausländischen Radiosendern und wünschte den Polen aufrichtig den Sieg über den Kommunismus und den Sieg über Moskau. Daran erinnere ich mich sehr gut noch aus jener Zeit.

Ich schätzte sehr den Moment, als das polnische Volk bereit war, für seine Freiheit zu kämpfen, selbst in der Zeit der sowjetischen Besatzung der Länder Mitteleuropas. Das war für das ukrainische Volk ein wichtiges Beispiel der Bereitschaft einer ganzen Gesellschaft, gegen Kollaborateure und gegen russische Agenten zu kämpfen.

Übrigens erinnert auch die Tatsache, dass Karol Nawrocki vom ehemaligen Ministerpräsidenten Polens Leszek Miller unterstützt wurde, der nach Waldai fährt und Kontakte zur russischen politischen Führung pflegt, daran, in wessen Interesse der Präsident Polens handelt. Im Interesse von Menschen, die immer wollten, dass Polen in seine Vasallenstellung gegenüber Moskau zurückkehrt. Denn wie Sie verstehen, ist Leszek Miller ein Aktivist des früheren Regimes und keineswegs eine Persönlichkeit der Solidarność. Man sollte immer schauen, wer unterstützt. Wenn Medwedew und Miller unterstützen, bedeutet das: Es ist eine schlechte Entscheidung.

Also war es mir nicht gleichgültig. Und ich finde, die Ukrainer müssen wertschätzen, was die Polen in diesen schweren Kriegsjahren für sie getan haben,     und nicht die Handlungen eines ganzen Volkes und einer ganzen Gesellschaft pauschal verurteilen, nur weil der Präsident des Landes seinen historischen Aufgaben nicht gewachsen war.

Das betrifft alle Völker. Ich sage ständig: Sie können sich nicht einmal vorstellen, wie groß die Unterstützung für die Ukrainer in der amerikanischen Gesellschaft ist. Verstehen Sie? Sie werden nach Amerika reisen – das ist schwieriger als nach Polen, aber Menschen reisen doch. Und Sie werden diese amerikanischen Flaggen neben ukrainischen sehen, Sie werden einfache Menschen sehen, die mit der Ukraine sympathisieren, gewöhnliche Menschen, keine Politiker, keine Blogger mit Millionenpublikum, gewöhnliche Menschen in Supermärkten, an Tankstellen, in Taxis, die der Ukraine aufrichtig den Sieg über Russland und Russland den Zusammenbruch wünschen.

Und zugleich sehen wir, dass Donald Trump sich anders verhält, nicht wahr? Nun also. Aber auch diese Gesellschaft ist halbiert, wie die polnische. Und wir sehen, dass es unter den Republikanern, unter Amerikanern, viele Unterstützer der Ukraine gibt. Und wir sehen, wie viele Unterstützer der Ukraine es unter den polnischen Rechten gibt. Schließlich war die gesamte Hilfe auf staatlicher Ebene, die der Ukraine seit 2022 geleistet wurde, Hilfe, die von einer Regierung koordiniert wurde, die von der Partei Recht und Gerechtigkeit gebildet worden war.

Präsident Andrzej Duda, der Volodymyr Zelensky mit diesem Orden ausgezeichnet hat, kandidierte für dieses Amt als Staatsoberhaupt von dieser Partei. Ministerpräsident Mateusz Morawiecki war der Regierungschef dieser Partei. Man kann also nicht sagen: „Wissen Sie, diese Hälfte ist antiukrainisch, diese Hälfte ist proukrainisch.“ Nein, so funktioniert das nicht.

Andrij Smolij. Duda war bei uns übrigens eine Zeit lang einer der populärsten und sogar der populärste ausländische Politiker. Solche Umfragen gab es bei uns, die das zeigten. Was ich sagen will? Mir scheint, dass es bei uns eine gewisse Asymmetrie gibt. Selbst wenn Stimmen aufkommen, die sagen: Lasst uns versuchen, Parallelen zur Armia Krajowa zu ziehen, dann beginnt gerade diese polnische Ultrarechte oder einfache Rechte zu sagen: „Wie könnt ihr es überhaupt wagen, unsere Armia Krajowa und eure verbrecherische UPA zu vergleichen?“

Ich habe darüber nachgedacht, wissen Sie worüber? Dass in meiner Kindheit einer meiner Lieblingsfilme wahrscheinlich der Film von Andrzej Wajda „Asche und Diamant“ war.

Portnikov. Ja, der handelt von der Armia Krajowa.

Andrij Smolij. Und das ist doch ein Film über einen Kämpfer der Armia Krajowa, wenn man so will, der aus dem Spiel aussteigen und sein Studium abschließen will, weil es ohnehin bereits eine russische, sowjetische Besatzung gibt. Und seine letzte Aufgabe – ich erinnere das so für diejenigen, die ihn nicht gesehen haben – besteht darin, irgendeinen weiteren sowjetischen Funktionär umzubringen, der aus dem Zentrum geschickt wurde. Und danach sagt man ihm: „Du hast Ruhe, du kannst dir gewissermaßen Urlaub nehmen.“ Und dann verliebt er sich in ein Mädchen, und alles ändert sich.

Portnikov. Das ist faktisch ein ukrainischer Plot über die Ukrainische Aufstandsarmee.

Andrij Smolij. Aber allein die Tatsache, dass sie in den 60er-Jahren – das waren, glaube ich, die 60er – einen Film drehen konnten; ich kann mir nicht vorstellen, dass man in der Ukraine, in der Sowjetunion, jemandem erlaubt hätte, so einen Film über irgendeinen, nennen wir ihn auch mit diesem Wort, Kämpfer der UPA zu drehen, der nicht nur sympathisch ist, sondern ein Sexsymbol der Sowjetunion, in das sich alle verlieben. Und er ist ein positiver Held. Selbst wenn am Ende scheinbar diese ganze Parteilinie trotzdem gezogen werden muss, sind das einfach unvergleichbare Dinge.

Und die Polen, so scheint mir, verstehen nicht, unter welchen Bedingungen sich die Ukrainer damals befanden. Wir hatten nicht einmal Zeit, wir hatten keine Chance auf irgendeine Reflexion, und wir hatten keine Chance zu sagen, was wir über die UPA denken und warum sie für uns wichtig ist. Und jetzt sind sie so …

Portnikov. Ich denke, es gibt noch einen Punkt, über den man nachdenken sollte. Die Polen haben ein riesiges Trauma des faktischen Verlustes des Staates, das auch zu einer gewissen historischen Schizophrenie führt. Auf der einen Seite habe der polnische Staat nie aufgehört zu existieren – er habe eine Exilregierung in London und die Armia Krajowa im gesamten international anerkannten Staatsgebiet Polens gehabt, also auch in Wolhynien und Galizien. Andererseits aber sei für die Handlungen der Ukrainischen Aufstandsarmee auf diesen Gebieten, die historische Gebiete Polens und Teil seines international anerkannten Territoriums nicht nur 1939, sondern, sagen wir, auch 1944 waren, der ukrainische Staat verantwortlich, den es damals überhaupt nicht gab und dessen Zugehörigkeit dieser Gebiete Polen nicht anerkannte. Richtig? Schizophrenie.

Noch eine Schizophrenie. Inwieweit kann man ernsthaft davon sprechen, dass der polnische Staat als solcher existierte? Offensichtlich verwandelte er sich im September 1939 in einen Exilorganismus. Und somit kämpften die verschiedenen Völker dieses Staates für ihre nationalen Rechte, ohne überhaupt zu wissen, was später mit ihnen geschehen würde. Das heißt, als sich die Armia Krajowa formierte und gegen die Hitleristen kämpfte, wusste niemand in dieser Armee, ob ein polnischer Staat nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt existieren würde, weil niemand wusste, wer den Zweiten Weltkrieg gewinnen würde. Daran erinnern Sie sich doch?

Andrij Smolij. Ja.

Portnikov. Und zweitens wusste man nicht, was die Sieger mit der polnischen Staatlichkeit machen würden. Stalin, Roosevelt und Churchill einigten sich darauf, dass diese polnische Staatlichkeit bestehen würde. Sie hätten sich aber auch nicht einigen können, sie hätten sich etwas ausdenken können: die Hälfte des Territoriums der Ukrainischen SSR zu geben und auf der Hälfte des Territoriums die deutsche Kontrolle zu erhalten, sie zu einem Teil des neuen Deutschlands, der Deutschen Demokratischen Republik, zu machen. So hätte es leicht kommen können.

Und was wären die Polen? Nun, die Polen wären eine Minderheit in der Sowjetukraine und im demokratischen Deutschland gewesen. Niemand wusste, wie die Geschichte sich wenden würde. Nach 1939 gab es keinerlei Garantien dafür, dass die polnische Staatlichkeit sicher existieren würde. Gerade deshalb, weil es kein Verständnis dafür gab, wie der Zweite Weltkrieg enden würde.

Heute sagen wir: „Oh, die Alliierten waren zum Sieg verurteilt.“ Vor Stalingrad war niemand zu irgendetwas verurteilt. Entschuldigung. Niemand dachte überhaupt so. Man hoffte, dass irgendetwas erhalten bleiben würde, dass Großbritannien sich behaupten würde, aber was aus der Sowjetunion werden würde, mit welchen Territorien sie operieren würde, wusste absolut kein Beobachter, erst recht kein Politiker, noch weniger ein Exilpolitiker. Und das führte zu Dramen, zu Selbstmorden.

Ich war in einem Museum in Warschau, im jüdischen Museum, und dort gab es eine Ausstellung, die einem polnischen Politiker jüdischer Herkunft gewidmet war, der versuchte, über den Holocaust zu berichten. Seine Familie war in Warschau geblieben. Er war im Moment der Besetzung Polens einfach in London oder anderswo und blieb dort. Schließlich endete seine gesamte politische Karriere mit Selbstmord. Weil er die völlige Gleichgültigkeit gegenüber all seinen Appellen sah, überhaupt nicht glaubte, dass das irgendwie positiv enden könnte, einfach nicht weiter an diesen Prozessen teilnehmen wollte, die ihm völlig ausweglos erschienen. Solche Beispiele gibt es Tausende.

Und hier ist es eben so, dass die Armia Krajowa und die Ukrainische Aufstandsarmee in einem Raum handelten, der keine Antwort auf die Frage gab, was morgen sein würde. Sie lösten Fragen hier und jetzt. Und jede dieser Armeen, dieser Formationen, ging von ihrer Vorstellung einer Zukunft aus, die es auch nicht hätte geben können. Die UPA handelte in Wolhynien in der Annahme, dass Wolhynien nach dem Krieg ukrainisch sein würde, dass es ethnisch ukrainisch sein müsse.

Wolhynien hätte aber auch nicht ukrainisch sein können. Stalin hätte die Entscheidung treffen können, all diese Gebiete Polen zu geben, so wie er, zum Beispiel, Przemyśl gegeben hat. Und die ganze heutige Oblast Wolhynien wäre heute die Woiwodschaft Wolhynien. Und die Ukrainer, die die Ukrainische Aufstandsarmee so beschützte, wären von polnischen Kommunisten einfach irgendwohin in die Oblast Kyiv vertrieben worden.

Oder umgekehrt kämpfte die Armia Krajowa. Ihre Führer waren überzeugt – so wie die Führer der polnischen Emigration noch jahrzehntelang überzeugt waren –, dass dieses gesamte Gebiet wieder Polen sein würde. Wie auch sonst? Hitler würde besiegt werden. Der polnische Staat würde auf seinen international anerkannten Gebieten wiederhergestellt werden, also auch mit Wolhynien, mit Galizien. Wie könnte es anders sein? Und die Sowjetunion würde irgendwie nachgeben, sie könne doch nicht jene Gebiete behalten, die sie in einem Bündnis mit Hitler erhalten hatte. Sie sei doch nun Verbündeter der Vereinigten Staaten und Großbritanniens. Nun, wie wir sehen, erwies sich auch diese Idee als völlig falsch.

Alle Vorstellungen sowohl der Armia Krajowa als auch der Ukrainischen Aufstandsarmee über die Zukunft dieser Gebiete erwiesen sich als falsch, weil im Ergebnis auf diesem Gebiet im Zweiten Weltkrieg die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken siegte. Stalin siegte.

Aber bedeutet das, dass sie nicht für die Rechte ihrer Völker kämpfen sollten? Doch, genau das sollten sie. Wiederum: Wurden während dieses Kampfes Verbrechen begangen? Natürlich wurden sie begangen. Wir wissen sehr gut, dass während solcher tragischen Ereignisse von beiden Seiten Verbrechen begangen werden. Von beiden Seiten, betone ich. Das geschah vor unseren Augen im Kosovo.

Für manche ist diese Geschichte zwischen Ukrainern und Polen eine Geschichte, die man im Kino anschauen kann, aber für mich sind das absolut reale Szenen meines Lebens, die ich im Kosovo beobachtet habe, noch vor dem Moment einer solchen absoluten Eskalation zwischen der albanischen und der serbischen Bevölkerung. 

Ich lebte im Kosovo, mietete eine Wohnung bei einer serbischen Familie, die dort heute offensichtlich nicht mehr lebt und die sehr stolz darauf war, dass ihr Sohn in der Jugoslawischen Volksarmee diente, die faktisch schon damals die Kontrolle über das Kosovo ausübte. Ich schlief in einem Bett, über dem nicht eine Ikone hing, sondern, entschuldigen Sie, ein Porträt von Slobodan Milošević. 

Dann wachte ich auf, sah Milošević in die Augen und ging los, um meine albanischen Freunde zu treffen, die mit mir nicht einmal in Cafés in Straßen gehen konnten, in denen Serben lebten. Und umgekehrt: Wenn ich mich mit irgendeinem serbischen Journalisten traf, brachte er mich bis zu dem Viertel, in dem albanische Häuser, Cafés, Krankenhäuser und so weiter begannen, und blieb stehen.

Dann begann zwischen diesen beiden Gruppen von Menschen, die einander hassten, eine Eskalation. Da die Serben die Armee, die Macht und so weiter in ihren Händen hatten, begannen sie also, die Albaner zu unterdrücken. Die Albaner gründeten die Befreiungsarmee des Kosovo, die berühmte UÇK, die absolut mit der Ukrainischen Aufstandsarmee verglichen werden kann. Und jetzt möchte ich Sie daran erinnern: Die Führer dieser Armee werden in Den Haag vor Gericht gestellt, aber für die albanische Bevölkerung des Kosovo sind sie Helden. Nicht einfach Helden. Hashim Thaçi, der Führer dieser Armee, brachte es bis zum Amt des Präsidenten des Kosovo. Und als ihm in Den Haag Anklagen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgelegt wurden, trat er übrigens als Mensch, der die internationale Justiz respektiert, zurück, versteckte sich nicht und fuhr zum Tribunal. Und dieses Tribunal läuft jetzt.

Nun die Frage. Stellen wir uns vor, Hashim Thaçi wird endgültig wegen dieser Verbrechen verurteilt. Er wird verurteilt, verbüßt diese Strafe, stirbt irgendwann einfach von selbst an Altersschwäche. Was denken Sie, wird es in Pristina eine Hashim-Thaçi-Straße geben? Was meinen Sie?

Andrij Smolij. Es wird sie geben.

Portnikov. Und was denken Sie, wie wird man auf diese Straße in Belgrad reagieren?

Andrij Smolij. Na ja, so mittel.

Portnikov. Genau. Und nun stellen Sie sich vor, dass es zu diesem Zeitpunkt zwischen Belgrad und dem Kosovo bereits eine Normalisierung gibt. Die diplomatische Beziehungen wurden aufgenommen, irgendwie hat sich das alles geregelt, und sie leben dort miteinander. Und plötzlich beschließt das Bürgermeisteramt von Pristina, dass es eine Hashim-Thaçi-Straße geben wird. „Hashim Thaçi ist vor einem Monat gestorben, er ist unser Held, er ist Präsident des Kosovo. Er ist der Führer der Befreiungsarmee des Kosovo.“ Und da sagt der Präsident Serbiens: „Na, entschuldigen Sie, dann ist alles vorbei, wir schließen die Kontroll- und Grenzübergänge. Wir können mit Ihnen einfach nichts mehr zu tun haben.“ Und die albanische Bevölkerung sagt: „Aber das ist doch unser Held, er hat uns doch verteidigt, als ihr uns getötet und von unserem Heimatboden vertrieben habt. Warum zwingt ihr uns eure historische Erinnerung auf? Wer seid ihr überhaupt? Ihr seid selbst Imperialisten und Terroristen. Und bei euch gibt es Straßen, die nach der Jugoslawischen Volksarmee benannt sind. Das ist aber eine Banditenarmee, unter uns gesagt, sie hat Frauen und Kinder getötet und Kosovo-Albaner aus ihren Heimatorten vertrieben. Benennt sie um.“ Hier haben Sie eine wunderbare Szene, die noch stattfinden wird.

Ich könnte Ihnen noch Dutzende Beispiele aus der Geschichte europäischer Völker nennen, in denen genau so etwas geschieht. Mir scheint, ich habe bereits die Geschichte Südtirols erwähnt, das heute zu Italien gehört. Dort steht buchstäblich eine Autostunde entfernt ein Mausoleum für einen Vertreter der italienischen nationalen Befreiungsbewegung, der für die Abtrennung des Trentino von Österreich kämpfte und von den Österreichern getötet wurde. Später beherrschte Italien dieses Gebiet. Für Italien war er kein Separatist, den man töten musste, sondern ein Held. Man errichtete ihm ein Mausoleum und benannte Straßen und Plätze nach ihm. 

Und eine Autostunde entfernt beginnen die deutschsprachigen Städte Südtirols, wo es eine Straße gibt, die nach einem Mann benannt ist, der noch in den 1950er- und 1960er-Jahren, im Kampf für die Unabhängigkeit Südtirols von Italien, Elektrizitätswerke in Italien sprengte. Das ist in Südtirol, das ist Italien. Und diesen Menschen verhaftete man, gab ihm Haftstrafen, dann starb er. Und die dankbaren Bewohner seiner Heimatstadt benannten die zentrale Straße nach ihm.

Das geschieht einfach innerhalb Italiens selbst. Nicht zwischen Polen und der Ukraine, nicht zwischen Kosovo und Serbien. Es geschieht zwischen zwei Städten Italiens, die zu einer Verwaltungseinheit gehören. Sie haben eine völlig andere historische Erinnerung. Die Bewohner eines Teils halten den wichtigsten Helden des anderen für einen Separatisten, der seine Todesstrafe verdient hatte und kein Mausoleum. Die Bewohner des anderen Teils halten denjenigen, nach dem Straßen benannt sind, für einen Terroristen, den man nach seiner Gefängnisstrafe hätte vergessen sollen, statt Straßen und Plätze nach ihm zu benennen. Aber irgendwie haben die Bürger Italiens auf dem Boden dieser völlig widersprüchlichen historischen Erinnerung eine Verständigung gefunden. Warum können wir sie nicht finden?

Andrij Smolij. Wahrscheinlich können wir das. Zumal es in diesem ganzen dramatischen Bild viele andere Züge gibt. Selbst wenn man Polen selbst nimmt, zum Beispiel: Was geschah mit den Sudetendeutschen im Jahr 1945?

Portnikov. Mit den Sudetendeutschen in Tschechien. Ja. Hören Sie, und jetzt stellen Sie sich vor, mir als Juden gäbe man eine Liste ukrainischer und polnischer historischer Personen, nach denen Namen, Straßen und Militäreinheiten benannt sind, und sagte: „Streichen Sie bitte, Herr Vitaly, die Menschen, deren Namen Sie niemals hören möchten.“ Können Sie sich vorstellen, was von dieser Liste übrig bliebe? Dort blieben ausschließlich Straßen wie Rosenstraße, Samtstraße. Vieles wäre dort nicht mehr. Aber ich respektiere das Recht des polnischen und des ukrainischen Volkes auf historische Erinnerung.

Obwohl, wie Sie sehen, das Außenministerium Israels damit nicht so ruhig umgeht wie ich. Und immer, sobald es in Polen und in der Ukraine Versuche gibt, die historische Erinnerung an Menschen zu glorifizieren, die Israel nicht als solche ansieht, die man glorifizieren kann, beginnen sofort scharfe Proteste.

Wie Sie wissen, gibt es zwischen Israel und Polen ständige Konflikte bis hin zur Abberufung von Botschaftern, ja sogar bis zu Demarchen israelischer Botschafter in Polen. Ständige Konflikte, ständige Skandale. Bei uns gibt es solche, würde ich sagen, angespannten Beziehungen nicht, weil wir vorsichtiger auf die israelische Reaktion reagieren. Aber danach geschieht nichts weiter. Keine Aberkennungen von Medaillen oder irgendwelche solchen Demarchen.

Nun, es gibt Erklärungen des Außenministeriums Israels oder der Botschaft Israels. Wir nehmen sie zur Kenntnis. Es gibt sehr kuriose Situationen, wenn die Botschafter Israels und Polens in der Ukraine gemeinsame Erklärungen zur historischen Erinnerung abgeben, während man den israelischen Botschafter in Polen selbst nicht einmal ins Außenministerium lässt und ihn dort als unerwünschte Person betrachtet. Denn dieser Botschafter äußert sich in Polen zur historischen Erinnerung auf eine Weise, die den Polen selbst schon nicht mehr gefällt – denselben Polen, die sich hier mit ihm solidarisieren. Wohlgemerkt: Ich spreche von einem anderen Botschafter.

Andrij Smolij. Das ist übrigens ein sehr gutes Beispiel. Denn warum können wir im Fall Polens nicht genauso handeln, wie wir zum Beispiel ruhig und pragmatisch auf Vorwürfe Israels reagieren können, die auch berechtigt sein mögen?

Portnikov. Wir können das. Polen selbst muss dann, würde ich sagen, etwas lockerlassen. Das polnische Außenministerium hat zu dieser Umbenennung eine Erklärung abgegeben. Ja, Sie haben eine Bewertung geäußert – für mich ein völlig legitimer Schritt, wenn Sie eine solche Konzeption der historischen Erinnerung haben. Ich finde, auch wir müssen, wenn es um unsere historische Erinnerung und andere Länder geht, mit solchen Erklärungen auftreten. Übrigens betrifft das jedes Land, wenn wir Fragen zu bestimmten Personen haben, die wir als solche betrachten, die Verbrechen gegenüber der Ukraine begangen haben.

Andrij Smolij. Wir können mit Piłsudski anfangen und nicht aufhören, zum Beispiel.

Portnikov. Nun, Sie verstehen doch, es geht um ernstere Vorwürfe, nicht um politische Erklärungen, aber dennoch: Das polnische Außenministerium hat eine Erklärung abgegeben. Wir haben sie zur Kenntnis genommen. Man hat sogar den ukrainischen Botschafter in Polen ins polnische Außenministerium einbestellt, ihm eine Note überreicht, danke, und das war’s, weiter geht’s. Aber Nawrocki müsste diesen populistischen Skandal veranstalten.

Alles begann doch nicht mit der Erklärung des polnischen Außenministeriums. Nun, es gab eine Erklärung, wir sahen sie in den Nachrichten, hätten sie nach 15 Minuten vergessen, verstehen Sie? Es begann mit dem Verhalten des polnischen Präsidenten in Bezug auf diesen Orden. Und das ist ebenfalls irgendein Unsinn. Nun hat er dem Präsidenten der Ukraine den Orden des Weißen Adlers aberkannt. Und was? Welche praktischen Folgen?

Andrij Smolij. Wissen Sie, jemand scherzte: Geben wir ihm im Gegenzug zum Beispiel den Orden Bohdan Chmelnyzkyj erster Klasse. Einfach als Antwort. Er hat ihn uns weggenommen, und wir zeichnen ihn im Gegenzug aus. Nun, das wäre ziemlich, wissen Sie, elegant.

Portnikov. Jedenfalls liegt genau darin das Problem. Das Außenministerium Israels tut, nachdem es entsprechende Erklärungen abgegeben hat, nichts weiter. Die haben schließlich auch noch andere Aufgaben, verstehen Sie? Und das gilt genauso für das polnische Außenministerium. Sie erfüllen einfach diplomatische Funktionen. So funktioniert Politik. Etwas gefällt mir nicht, ich informiere darüber, was mir nicht gefallen hat. Dann arbeiten wir weiter.

Andrij Smolij. Nun, sehen Sie, zu Nawrockis Ehren muss man sagen, er sagte ja: „Ich verstehe nicht, warum wir einen Präsidenten wählen. Ich weiß nicht, womit ich mich beschäftigen soll. Ich habe doch keine Befugnisse.“ Hier zeigt sich, dass er zumindest Orden und Medaillen wegnehmen kann, sogar ohne sich mit dem polnischen Ministerrat zu beraten. Und voilà, wir haben einen internationalen Skandal.

Portnikov. Und danach fordert er vom Ministerrat, dass er seine Bewertung seiner Handlungen äußert. Also faktisch hat er eine Beschäftigung für sich gefunden. Nun, wunderbar. Ich freue mich sehr, dass Nawrocki im Amt des polnischen Präsidenten etwas zu tun hat. Aber ich hätte gern, dass er sich im Amt des polnischen Präsidenten mit der Stärkung der ukrainisch-polnischen Beziehungen beschäftigt und nicht mit ihrer Zerstörung, denn das liegt im Interesse sowohl des ukrainischen als auch des polnischen Volkes.

Und ich möchte keinesfalls, dass die Handlungen des polnischen Präsidenten zu einer aggressiven Reaktion eines Teils der ukrainischen Gesellschaft gegenüber Polen und dem polnischen Volk als Ganzem führen. Auch das wäre falsch und ungerechtfertigt.


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Art der Quelle: interview
Titel des Originals: Віддавши орден „Білого Орла“, Зеленський зробив велику послугу Туску: Скандал із Польщею. Віталій Портников. 20.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 20.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Nawrocki hat Zelensky den Orden entzogen | Vitaly Portnikov. 20.06.2026.

Der polnische Präsident Karol Nawrocki hat die Entscheidung getroffen, seinem ukrainischen Amtskollegen Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen.

Bekanntlich hatte Nawrocki zuvor darauf bestanden, dass Zelensky seine Entscheidung rückgängig macht, einer ukrainischen Militäreinheit den Ehrennamen der Helden der Ukrainischen Aufstandsarmee zu verleihen. Und es ist vollkommen offensichtlich, dass Zelensky – wie jeder andere Staatschef eines souveränen Staates – einem solchen Ultimatum nicht zustimmen konnte. Aus dem einfachen Grund, dass Entscheidungen über das historische Gedächtnis des ukrainischen Volkes in Kyiv und nicht in Warschau getroffen werden müssen. Und schon gar nicht unter äußerem Druck.

Die Entscheidung des polnischen Präsidenten wirkt jedoch vor allem wie ein unverantwortlicher populistischer Schritt, der nicht einmal in erster Linie auf eine Verschlechterung der ukrainisch-polnischen Beziehungen abzielt, sondern darauf, diese Beziehungen zu einem Thema der innenpolitischen Auseinandersetzung in Polen zu machen. Nicht zufällig betont Nawrocki, dass nun auch der polnische Ministerpräsident Donald Tusk seine Entscheidung über die Aberkennung des Ordens für den Präsidenten der Ukraine bestätigen müsse.

Man könnte sagen, dass der Streit zwischen den beiden politischen Lagern in Polen – wie schon seit vielen Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten – zu ernsthaften Herausforderungen nicht nur für die Beziehungen zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk, sondern auch für die staatliche Entwicklung Polens selbst führt.

Die Entscheidung des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki, dem Präsidenten der Ukraine Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen, muss klar und eindeutig bewertet werden. Nicht nur als persönlicher Affront gegen das Oberhaupt eines Nachbarstaates, sondern auch als offensichtliche Respektlosigkeit gegenüber dem ukrainischen Volk.

Denn Nawrockis Vorgänger Andrzej Duda zeichnete mit der Verleihung des Ordens des Weißen Adlers an Volodymyr Zelensky in dessen Person das ukrainische Volk aus. So war es übrigens auch bei fast allen Vorgängern Zelenskys im Amt des ukrainischen Staatsoberhauptes: bei Leonid Krawtschuk, Leonid Kutschma, Wiktor Juschtschenko und Petro Poroschenko.

Doch heute hat diese Auszeichnung eine besondere Bedeutung, weil sie einem Volk verliehen wurde, dessen Land gegen einen brutalen Aggressor kämpft. Und dieser Aggressor verfolgte bekanntlich immer imperialistische Pläne nicht nur gegenüber der Ukraine, sondern auch gegenüber Polen. Er war mit diesen Plänen sogar erfolgreich, indem er die Existenz der polnischen Staatlichkeit selbst und die Möglichkeit ihrer unabhängigen Entwicklung auslöschte – so wie es nach dem Zweiten Weltkrieg geschah.

Im Lager der polnischen Rechten herrscht heute die Illusion, dass Warschau im Falle einer Niederlage Kyivs durch neue europäische und euro-atlantische Bündnisse gerettet würde – obwohl deren Belastbarkeit bereits durch den Nahostkonflikt und die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, israelische Interessen hintanzustellen, infrage gestellt wurde. Manche hoffen sogar, besondere Beziehungen zu Moskau aufbauen zu können – Hoffnungen, die ein Teil der polnischen Politik schon immer hegte und die das polnische Volk letztlich immer wieder unter das russische Joch führten.

Betrachtet man die Situation jedoch nicht aus der Perspektive jener, die weiterhin unrealistischen Wunschvorstellungen anhängen, wird deutlich, dass die Zukunft Polens vom Erfolg der Ukraine im Krieg gegen Russland abhängt. Ebenso wird klar, dass der wirksame Widerstand der Ukraine gegen die russische Aggression von der Unterstützung ihrer europäischen Verbündeten und vor allem Polens abhängt.

Wie also soll man aus der Situation herauskommen, die durch die unverantwortlichen Handlungen des polnischen Staatsoberhauptes geschaffen wurde?

  • Erstens muss man anerkennen, dass Warschau das volle Recht hat, seine eigene Bewertung historischer Erinnerung vorzunehmen. 

Niemand in Kyiv kann den Polen vorschreiben, wie sie die Armia Krajowa, die Ukrainische Aufstandsarmee oder irgendeine polnische oder ukrainische historische Persönlichkeit bewerten sollen. Aber ebenso muss man in Warschau akzeptieren, dass die Ukraine exakt dieselben Rechte besitzt. Und wenn jemand mit historischen Interpretationen unzufrieden ist, dann ist das eine Angelegenheit des Dialogs zwischen Wissenschaftlern und nicht von politischen Strafaktionen.

Die Außenministerien beider Staaten können ihre Einschätzungen zu Entscheidungen äußern, die die Verleihung von Auszeichnungen oder die Umbenennung militärischer Einheiten betreffen. Wenn jedoch Entscheidungen über die Aberkennung staatlicher Auszeichnungen getroffen werden, wirken sie weniger wie der Versuch, eine Position zur historischen Erinnerung auszudrücken, sondern vielmehr wie ein bewusster Versuch, die Beziehungen zu jenem Staat zu verschlechtern, gegen dessen Präsidenten sich solche Maßnahmen richten.

Schließlich gab es bisher keine Präzedenzfälle, in denen polnische Staatsoberhäupter den Orden des Weißen Adlers aberkannt hätten. Vorschläge dazu hatte es sowohl gegenüber dem ukrainischen Präsidenten Wiktor Juschtschenko als auch gegenüber Petro Poroschenko gegeben. Doch die Vorgänger Karol Nawrockis im Amt des polnischen Präsidenten erwiesen sich schlicht als verantwortungsbewusste Staatsmänner. Zudem gab es bislang überhaupt keinen Fall, in dem einem Staatsoberhaupt, das den Orden des Weißen Adlers erhalten hatte, diese Auszeichnung wieder entzogen wurde.

Die Liste der Träger dieses Ordens ist gut bekannt. Aber erstens hielt niemand es für notwendig, historische Entscheidungen der Vergangenheit zu revidieren. Und zweitens war man offenbar der Ansicht, dass die Auszeichnung eines Politikers – selbst eines so umstrittenen wie des faschistischen italienischen Regierungschefs Benito Mussolini – in erster Linie dem Respekt gegenüber dem Staat und nicht gegenüber der konkreten Person galt.

Warum hat diese einfache Überlegung im Fall Volodymyr Zelenskys nicht funktioniert?

Nun, vielleicht deshalb, weil der polnische Präsident weiterhin in Wahlkampf- und Nachwahlkategorien denkt und nicht in Kategorien staatlicher Verantwortung.

  • Zweitens muss man sich bewusst machen, dass es sowohl in der ukrainischen als auch in der polnischen Gesellschaft Millionen von Menschen gibt, die sich eine Fortsetzung enger Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen, zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk wünschen.

Die Hilfe, die Polen der Ukraine in den ersten Monaten und Jahren des russisch-ukrainischen Krieges geleistet hat, war ein offensichtlicher Ausdruck eben dieses Volksgeistes und nicht das Ergebnis unverantwortlicher Politiker, die schwierige Kapitel der Geschichte beider Völker für ihren eigenen politischen Erfolg ausnutzen.

Genau dieser gesellschaftliche Dialog muss das Hauptziel der weiteren Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden Nachbarstaaten sein, deren Existenz auf der politischen Landkarte der Welt angesichts der gefährlichen Entwicklungen, die wir in Europa beobachten, keineswegs selbstverständlich ist.

Gerade die Gesellschaften der Ukraine und Polens müssen ihren politischen Vertretern zeigen, dass es notwendig ist, nicht nach Wegen zu suchen, die einen Graben zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk schaffen, sondern nach Wegen der Annäherung.

Und aus dieser Perspektive ist es natürlich sehr wichtig, dass Politiker, die historische Probleme in Instrumente ihrer eigenen politischen Kampagnen verwandeln wollen und deren Aktionen mit jeder Aberkennung eines Ordens oder jeder lautstarken Rede zunehmen, keinen Platz in den ernsthaften Amtsstuben haben sollten, in denen wichtige Entscheidungen getroffen werden.

Das ist natürlich keine Aufgabe eines Tages oder eines Jahres. Doch ein Modell, in dem besonnene Menschen Entscheidungen treffen, die ihre Staaten und Völker vor dem Verschwinden, vor militärischen Prüfungen und Tragödien bewahren sollen, muss das Wesen der Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen in den kommenden stürmischen und möglicherweise kriegerischen Jahrzehnten voller Herausforderungen sein.

Dass man dies in Warschau nicht begreift, ist eine große Tragödie für das polnische Volk.

Dass man dies erst jetzt in Kyiv zu begreifen beginnt, könnte vielleicht das größte Kapital für unseren Beitrag zu den ukrainisch-polnischen Beziehungen in den kommenden schwierigen Zeiten sein.

Jetzt gilt es, mit aller Klarheit die Bereitschaft zu zeigen, die ukrainisch-polnischen Beziehungen weiterzuentwickeln, ohne Bedingungen zu schaffen, unter denen die Ukraine in diesen Beziehungen gedemütigt werden kann, indem man die schwierige Lage unseres Staates infolge des jahrelangen Krieges mit Russland ausnutzt.

Und man sollte auf jene Menschen setzen, die verstehen, dass Demütigung im bilateralen Dialog nicht nur der Ukraine schadet, sondern vor allem Polen selbst.


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Titel des Originals: Навроцький відібрав орден у Зеленського |Віталій Портников. 20.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 20.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Solowjow vertreibt die Russen aus Russland | Vitaly Portnikov. 18.06.2026.

Der abscheuliche russische Propagandist Wladimir Solowjow erklärte, dass jene Bürger der Russischen Föderation, denen die Einschläge ukrainischer Drohnen auf die Ölraffinerien des Landes nicht gefallen, die sich über Brände, Benzinmangel und den sinkenden Lebensstandard empören, Russland verlassen könnten. Denn in einer solchen Situation würden sie sich in Verräter, Wlassow-Anhänger verwandeln.

Man könnte mir entgegenhalten, dass ich Solowjow zu Unrecht kritisiere, weil auch ich von der Möglichkeit spreche, dass ukrainische Bürger ihr Land verlassen dürfen. Doch hier gibt es einen grundlegenden Unterschied in den Ansätzen.

Ich habe gesagt, dass ukrainische Bürger das Recht haben, sich vor dem Krieg zu retten, den Russland entfesselt hat – wenn es um Frauen und Kinder geht, deren Häuser von Putins Luftwaffe bombardiert werden. Ich habe gesagt, dass ukrainische Bürger, wenn sie nicht bereit sind, gegen die Korruption im eigenen Land zu kämpfen, im Ausland leicht einen Staat mit geringerem Korruptionsniveau finden können, dabei jedoch auf ihre staatsbürgerliche Zugehörigkeit verzichten.

Solowjow hingegen fordert, dass Bürger, die die Folgen der Aggression ihres eigenen Staates am eigenen Leib spüren, eben diesen Staat verlassen sollen.

Und darin liegt, wie mir scheint, eine erstaunliche propagandistische Absurdität. Zunächst beginnt Russland einen Angriffskrieg gegen einen Nachbarstaat, tötet, verbrennt, vergewaltigt, plündert, versucht die ukrainische Infrastruktur zu zerstören und die Zivilbevölkerung erfrieren zu lassen. Und als die Ukraine beginnt, auf diese Angriffe zu antworten und dadurch Probleme für das Leben in Russland selbst entstehen, verlangt ihr wichtigster staatlich lizenzierter Propagandist nicht die Beendigung des Krieges, sondern die Ausreise all jener, die die Folgen dieser Aggression nicht ertragen wollen.

Die ukrainischen Bürger, die sich nach dem 24. Februar 2022 irgendwo auf unsicherem Gebiet ihres Landes befanden, hatten praktisch keine Wahl. Entweder sie retteten sich vor dem Krieg oder sie versuchten, sich an Beschuss und die Zerstörung der Infrastruktur anzupassen.

Die Russen hingegen haben eine Wahl.

Wenn sie nicht inmitten von Bränden, Benzinknappheit und einer sich verschlechternden Wirtschaftslage leben wollen, dann könnten sie einfach aufhören zu schießen, den Krieg gegen das Nachbarland beenden, auf fremde Gebiete verzichten und das tun, was jeder Staat tut, der die Sinnlosigkeit eines Krieges als Fortsetzung der Politik erkannt hat. Das tun letztlich sogar Aggressoren, wenn sie begreifen, dass sie ihr gewünschtes Ziel nicht erreichen können.

Doch Putins Russland rennt mit der Beharrlichkeit eines Schizophrenen gegen eine verschlossene Tür.

Übrigens versucht genau das der amerikanische Präsident Putin seit einem ganzen Jahr zu erklären: „Du schlägst dir die Stirn wund und erreichst nichts. Nimm lieber das Geld.“

Aber Putin braucht kein Geld. Er will eine irgendwo in einer Petersburger Hinterhofgasse erfundene imperiale Größe demonstrieren. Und ein anderer Stammgast eben dieser halb betrunkenen Hinterhofwelt, Solowjow, fällt ihm dabei eifrig bei.

Und nun stellt sich heraus, dass nicht nur die Ukrainer den russischen Chauvinisten und dieser kriminellen Bande, die unser Land überfallen hat, missfallen.

Jetzt missfallen ihnen auch die Russen. Weil sie sich nicht darüber freuen, was sie in Kapotnja sehen. Was sie in Tscheboksary sehen. Was sie in Sankt Petersburg sehen. Weil sie nicht in einem Land leben wollen, in das Drohnen und Raketen einschlagen. Weil sie nicht an Tankstellen Schlange stehen und um einen zusätzlichen Liter Benzin betteln wollen.

Es gab einst die Legende, Adolf Hitler sei mit dem deutschen Volk unzufrieden gewesen, weil es nicht in der Lage gewesen sei, alle seine Pläne zu verwirklichen. Das war eher ein Mythos der sowjetischen Propaganda als eine reale Tatsache, die von Menschen bestätigt wurde, die in den letzten Wochen seines Lebens an der Seite des nationalsozialistischen Führers standen.

Doch Wladimir Putin scheint die Verkörperung eben dieses propagandistischen Mythos geworden zu sein. So wie dem von sowjetischen Propagandisten erfundenen Hitler die Deutschen nicht gefielen, die sein Vertrauen enttäuscht hatten, so gefallen dem realen, nicht erfundenen Putin die Russen nicht, die sein Vertrauen enttäuschen.

Und Solowjow, der offensichtlich sämtliche propagandistischen Anweisungen aus dem Kreml ausführt, beginnt nun von eben diesen Russen zu verlangen, die Putins Erwartungen nicht erfüllen, dass sie aus ihrem eigenen Staat verschwinden sollen.

Aber warum eigentlich?

Warum sollte man statt der Ausreise nicht Putin, Solowjow, Beloussow und Patruschew zum Ausgang bitten? Die gesamte Bande von Leuten, die diesen Angriffskrieg entfesselt und ihrem eigenen Volk Leid und Probleme eingebrockt haben. Von der Bevölkerung der Ukraine ganz zu schweigen, die zum ersten Opfer dieser Kaskade von Kriegsverbrechen geworden ist.

Warum sollte man keinen anderen Ausweg finden?

Warum sollte man sich nicht endlich von Wladimir Solowjows lästigem Geschwätz auf sämtlichen vom Kreml kontrollierten Medienplattformen der Russischen Föderation befreien?

Natürlich sind das alles rhetorische Fragen.

Aber ich denke, vielen Einwohnern der Russischen Föderation wird bald selbst klar werden: Wenn sie wirklich Frieden wollen und keine Brände, dann brauchen sie Putin nicht. Dann brauchen sie Solowjow nicht. Dann brauchen sie Beloussow nicht. Dann brauchen sie Schoigu nicht. Dann brauchen sie Patruschew nicht. Dann brauchen sie diese gesamte gerontokratisch-propagandistische Gesellschaft inkompetenter Betrüger nicht, die lediglich versucht, ihre Macht zu verlängern, indem sie tötet, plündert, vergewaltigt und schamlos über die Ursachen dessen lügt, was in der Russischen Föderation geschieht.

Und in der Russischen Föderation geschieht seit 26 Jahren vor allem eines: Putin.

Früher oder später musste das in großen Bränden enden.


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Titel des Originals: Соловьев выгоняет русских из России |Виталий Портников. 18.06.2026.
Autor/Kanal: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 18.06.2026.
Originalsprache: ru/ en]
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Der Zweite Weltkrieg wurde für die Zweite Polnische Republik zu einem Stresstest. Maxim Mayorov. Istoravda.com.ua. 17.06.2026. 

Друга світова стала для Другої Речі Посполитої краш-тестом. Максим Майоров. Istoravda.com.ua. 17.06.2026.

In meinem Feed tauchte eine aktuelle Veröffentlichung des polnischen Instituts für Nationales Gedenken (IPN) auf, in der erklärt wird, warum ein Vergleich zwischen der Armia Krajowa (AK) und der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) unzulässig sei.

Demnach sei die AK die offizielle Streitmacht des polnischen Untergrundstaates gewesen, ein Teil der Polnischen Streitkräfte, die innerhalb der Anti-Hitler-Koalition kämpften.

Die UPA hingegen sei eine illegale bewaffnete Formation radikaler Kämpfer der OUN gewesen. Und so weiter und so fort.

Ich wollte dieses Thema eigentlich nicht ansprechen, aber mit der Legitimität und der staatsrechtlichen Kontinuität des polnischen Untergrundstaates und seiner militärischen Formationen ist bei weitem nicht alles so eindeutig, wie es dargestellt wird.

Vor dem Krieg wurde Polen vom politischen Regime der „Sanacja“ regiert – den Nachfolgern von Józef Piłsudski.

Die einflussreichste Persönlichkeit und faktischer Staatsführer war Oberbefehlshaber Edward Rydz-Śmigły. Präsident der Republik war Ignacy Mościcki, Ministerpräsident Felicjan Sławoj-Składkowski – beide enge Verbündete Rydz-Śmigłys.

Nach der Flucht der polnischen Staatsführung ins Ausland im September 1939 wurden die führenden Politiker interniert und waren nicht in der Lage, ihre Aufgaben im Exil wahrzunehmen. Nach der Verfassung konnte der Präsident allein seinen Nachfolger bestimmen. Genau das tat er, indem er Bolesław Wieniawa-Długoszowski aus dem Lager der „Sanacja“ ernannte.

Frankreich führte jedoch rasch eine faktische Übernahme der polnischen Exilregierung durch und zwang Mościcki, seine Entscheidung zugunsten von Władysław Raczkiewicz zu ändern.

Der neue Präsident Raczkiewicz ernannte umgehend den französischen Protegé Władysław Sikorski – einen Gegner der „Sanacja“, der während des unabhängigen polnischen Staates zehn Jahre im Exil in Paris verbracht hatte – zum Regierungschef und Oberbefehlshaber. Die spätere Übertragung weiterer Präsidentenbefugnisse an Sikorski erfolgte bereits offen verfassungswidrig.

So viel also zu Legitimität und Souveränität. Aber das ist nicht einmal der wichtigste Punkt.

Die Zweite Polnische Republik war ein multinationaler Staat, in dem mehr als 30 Prozent der Bevölkerung ethnischen Minderheiten angehörten.

Allein die Ukrainer machten bis zu 14 Prozent der Bevölkerung aus und verfügten über eigene kompakte Siedlungsgebiete. Sie waren nicht freiwillig Teil der polnischen Gesellschaft geworden und besaßen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erst seit weniger als zwanzig Jahren die polnische Staatsbürgerschaft.

Während Minderheiten vor dem Krieg zumindest teilweise im Sejm und in der Verwaltung vertreten waren, gab es in den im Exil gebildeten Regierungs- und Repräsentationsstrukturen Polens praktisch keinen Platz für Nicht-Polen.

Die Frage, wenigstens einen Ukrainer in die Regierung oder den Nationalrat aufzunehmen, wurde mehrfach diskutiert, aber jedes Mal von Nationalisten blockiert.

Noch problematischer war die Situation im bewaffneten Untergrund. Anstatt zu einer gesamtgesellschaftlichen Partisanenarmee zu werden, entwickelte sich die Armia Krajowa zu einem Akteur ethnischer Konflikte mit ehemaligen Mitbürgern – vor allem mit Ukrainern und Litauern.

Das besetzte Polen innerhalb seiner Vorkriegsgrenzen erinnerte an das ebenso zersplitterte Jugoslawien, in dem Serben gegen Kroaten kämpften, Christen gegen Muslime und so weiter.

Selbst die polnischen Juden hielten sich von den Londoner Strukturen weitgehend fern. Sie bevorzugten eigene Selbstverteidigungseinheiten und litten unter polnischem Antisemitismus – sowohl während des Krieges als auch in den ersten Nachkriegsjahren.

Man kann die OUN beliebig kritisieren. Doch warum, so müsste man die Experten des IPN fragen, sollte eine einzige Untergrundorganisation in der Lage gewesen sein, einer ganzen Staatlichkeit ihre Agenda für die zwischenethnischen Beziehungen aufzuzwingen?

Tatsächlich repräsentierten der polnische „Untergrundstaat“ und seine Exilregierung gegenüber der Anti-Hitler-Koalition nicht den früheren Staat und seine gesamte Gesellschaft, sondern vielmehr die staatenlos gewordene polnische ethnische Nation – ähnlich wie bereits während des Ersten Weltkriegs.

In diesem Sinne war die AK kaum besser als die „Armee ohne Staat“ – die UPA. Und mit den heutigen Verteidigungskräften der Ukraine ist die AK überhaupt nicht vergleichbar. In den ukrainischen Streitkräften gibt es weder ethnische Segregation noch ethnische Feindseligkeit, und Kämpfer aller nationalen Gemeinschaften sind dort würdig vertreten – selbst aus den vorübergehend besetzten Gebieten, darunter auch die Krimtataren.

Das Problem Polens vor 80 Jahren waren nicht die „bösen Banderisten“.

Der Zweite Weltkrieg war für die Zweite Polnische Republik ein Stresstest, den sie bereits bei der ersten Kollision nicht bestand. Die schlecht zusammengefügte Staatsbürgernation hörte praktisch sofort auf zu existieren, sobald der polnische Gendarm verschwunden war.

Die Ursachen dieser Fragilität liegen sowohl in der Politik Warschaus zwischen den Weltkriegen als auch in der Art und Weise, wie der polnische Staat nach mehr als einem Jahrhundert fremder Herrschaft auf die historische Bühne zurückkehrte.

Darüber sollten die Kollegen vom IPN nachdenken.


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Titel des Originals: Друга світова стала для Другої Речі Посполитої краш-тестом. Максим Майоров. Istoravda.com.ua. 17.06.2026.

Autor: Maxim Mayorov
Veröffentlichung / Entstehung: [Datum/ Epoche]
Originalsprache: 17.06.2026.
Plattform / Quelle: Zeitung
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