Trump hat Putin verwirrt | Vitaly Portnikov. 10.07.2026.

Offenbar ist man im Kreml von den jüngsten Äußerungen des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, zum russisch-ukrainischen Krieg überrascht, zugleich aber nicht bereit, einen ernsthaften Konflikt mit dem Hausherrn des Oval Office zu riskieren.

Trump hatte bekanntlich nach seinem Gespräch mit Volodymyr Zelensky angekündigt, den russischen Präsidenten anzurufen. Doch Putin wartete vergeblich auf diesen Anruf. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow betonte jedoch, Trump sei offenbar sehr beschäftigt gewesen und habe deshalb keine Zeit für seinen Chef gefunden. Im Kreml sei man aber jederzeit zu einem Dialog mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten bereit.

Eine weitere Erklärung, die im Kreml auf offensichtliches Unverständnis stieß, war die Tatsache, dass der amerikanische Präsident gemeinsam mit anderen Vertretern seiner Administration die ukrainischen Angriffe auf russische Ölraffinerien und Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes faktisch unterstützte. Peskow weigerte sich jedoch, diese Haltung des amerikanischen Präsidenten als Eskalation zu bezeichnen. Er betonte, es handle sich lediglich um einen Irrtum des Präsidenten der Vereinigten Staaten – ebenso wie dessen Auffassung, militärischer Druck auf die Russische Föderation werde zu einer Lösung des Konflikts um die Ukraine beitragen.

Eine weitere Äußerung des amerikanischen Präsidenten, die in Moskau für Verärgerung sorgt, betrifft Trumps Aussage, er habe mit Zelensky über eine mögliche Schließung des ukrainischen Luftraums gesprochen – allerdings offenbar erst nach dem Ende der Kampfhandlungen. „Es hatte niemand darüber gesprochen, den ukrainischen Luftraum bereits vor dem Ende der Kampfhandlungen zu schließen“, betonte Peskow. Er erinnerte daran, dass die Schließung des Luftraums über der Ukraine den Einsatz von Streitkräften der NATO-Mitgliedstaaten voraussetze – und genau dagegen werde die sogenannte militärische Spezialoperation geführt.

Auch das ist, wie ich sagen würde, eine neue Charakterisierung der russischen Handlungen. Bisher dachten wir, die militärische Spezialoperation werde geführt, um der Bevölkerung des Donbas zu helfen oder die Ukrainer von der Herrschaft der sogenannten Nazis zu befreien. Nun stellt sich heraus, dass es in Wirklichkeit darum geht, den Einsatz der Luftstreitkräfte der NATO-Mitgliedstaaten im ukrainischen Luftraum zu verhindern.

Natürlich hat man in Moskau auch bemerkt, dass die Vereinigten Staaten die Ukraine weiterhin mit Waffen beliefern. Die einzige Reaktion des Kremls lautet, dass man dies in Moskau nicht durch die rosarote Brille betrachten werde. Gleichzeitig werde man jedoch den Umstand zur Kenntnis nehmen, dass die Amerikaner bereit seien, der Ukraine Waffen zu liefern und zugleich den Friedensprozess zu fördern. Auch das ist ein weiterer Versuch, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Mit anderen Worten: „Obwohl die Vereinigten Staaten den Ukrainern dabei helfen, russische Soldaten sowie russische Einrichtungen des Ölraffinerie- und militärisch-industriellen Komplexes zu zerstören, werden wir dennoch davon ausgehen, dass Trump Friedensbemühungen unternimmt“, weil man einen offenen Streit mit dem amerikanischen Präsidenten fürchtet.

Peskow versprach außerdem, dass die Pufferzone an der russisch-ukrainischen Grenze umso größer werde, je länger Kyiv Angriffe auf die Russische Föderation ausführe. Dementsprechend werde sich auch die Dauer der sogenannten militärischen Spezialoperation verlängern.

Diese Worte des Pressesprechers des russischen Präsidenten bestätigen im Grunde die heute von der Nachrichtenagentur Reuters verbreitete Information, wonach Präsident Putin entschlossen ist, den Krieg fortzusetzen. Er habe die Vorschläge jener Berater zurückgewiesen, die empfohlen hatten, die Kampfhandlungen entlang der Frontlinie in den Gebieten Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja einzustellen.

Putin hofft weiterhin, dass seine Truppen das gesamte Gebiet der Region Donezk erobern können, und bereitet neue Maßnahmen im Zusammenhang mit einer Mobilisierung in Russland vor. Wir verstehen jedoch sehr gut, dass die Äußerungen Donald Trumps die Stimmung des russischen Präsidenten zumindest teilweise verändern. Denn neben der Möglichkeit, die sogenannte Spezialoperation fortzusetzen, muss Putin nun auch den Faktor berücksichtigen, dass die Vereinigten Staaten bereit sein werden, der Ukraine weiterhin im Kampf gegen die russische Aggression zu helfen – die ukrainischen Möglichkeiten zur Vernichtung russischer Soldaten, die sich weiterhin auf ukrainischem Boden befinden, sowie zur Zerstörung russischer Ölraffinerien, Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes und der russischen Infrastruktur auszubauen – sowohl in den besetzten ukrainischen Gebieten als auch auf dem gesamten Territorium der Russischen Föderation, inzwischen sogar jenseits des Urals in Sibirien, wie es beim inzwischen stillgelegten Ölraffineriewerk in Omsk der Fall war.

Das könnte die Pläne des russischen Präsidenten für einen langen Krieg natürlich verändern – einfach deshalb, weil Putin dann weder über die notwendigen Ressourcen noch über genügend Geld und Menschen verfügen würde, um einen jahrelangen Krieg zur Eroberung des ukrainischen Donbas zu führen.

Deshalb wird man im Kreml nun natürlich alles daransetzen, Trump irgendwie davon zu überzeugen, dass seine während der Gespräche mit dem ukrainischen Präsidenten vertretene Position falsch gewesen sei und dass der amerikanische Präsident nach Wegen suchen sollte, sich mit seinem russischen Kollegen zu verständigen. Dieser ist bekanntlich zu jedem Kompliment gegenüber seinem amerikanischen Amtskollegen bereit – solange er den Krieg gegen unser Land gewissermaßen zu Vorzugsbedingungen fortsetzen kann.

Es könnte jedoch ebenso sein, dass Donald Trump:

  • erstens Putins Komplimente inzwischen leid ist, weil sie von keinerlei konkreten Zugeständnissen des Präsidenten der Russischen Föderation begleitet werden;
  • zweitens erkennt, dass die Ukraine tatsächlich in der Lage ist, das Ölraffinerie- und Ölpotenzial der Russischen Föderation zu zerstören – was den amerikanischen Interessen in einer Zeit entspricht, in der kein intensiver Krieg mit dem Iran stattfindet;
  • drittens begreift, dass die Zerstörung des russischen Militärpotenzials und die Erfolge der Ukraine im Krieg gegen die Russische Föderation nicht nur den Erwartungen der demokratischen, sondern auch der republikanischen Wählerschaft in den Vereinigten Staaten entsprechen. Somit könnten die Demütigung Russlands und Maßnahmen, die zur Niederlage eines der abscheulichsten Staaten der heutigen Welt führen sollen, den Republikanern zumindest helfen, ihre Positionen bei den schwierigen Kongresswahlen im Herbst dieses Jahres zu verbessern – auch wenn die Ukraine-Frage im laufenden amerikanischen Wahlkampf nicht zu den wichtigsten Themen gehört.

Unter diesen Umständen wird es für Putin nicht leicht sein, Trump zu überzeugen. Zumal der amerikanische Präsident ihn nicht einmal anruft.


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Titel des Originals: Трамп спантеличив Путіна | Віталій
Портников. 10.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 10.07.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Konflikt mit dem militärischem Rekrutierungszentrum in Lwiw: Schlussfolgerungen | Vitaly Portnikov. 09.07.2026.

Der Vorfall mit dem Fahrzeug des Rekrutierungszentrums im Lwiwer Stadtteil Sychiw gibt natürlich jedem Anlass zu ernster Sorge, der über die Zukunft des ukrainischen Staates und die Möglichkeit seines Fortbestehens in absehbarer Zeit nachdenkt. Natürlich geht es nicht um Sychiw und nicht um Lwiw. Ein solcher Vorfall kann heute in jeder ukrainischen Stadt geschehen. 

Es wird völlig offensichtlich, dass die Frage der Mobilisierung vor allem im Hinblick auf den Dialog zwischen Staat und Gesellschaft nicht gelöst ist, dass die Staatsführung versucht, sich aus diesem schwierigen Problem herauszuhalten, weil sie sich seiner Unbeliebtheit unter den sogenannten potenziellen Wählern bewusst ist. Mir wird oft vorgeworfen, wenn ich von der tödlichen Gefahr einer ineffektiven Staatsführung spreche.

Doch was ist Ineffektivität in Wirklichkeit? Sie besteht nicht nur aus einer ganzen Reihe falscher oder verspäteter Entscheidungen. Sie besteht vor allem aus dem Versuch, beliebt zu sein – selbst im kritischen Moment nicht darüber nachzudenken, wie ein Problem wirksam gelöst werden kann, sondern darüber, wie sich seine Lösung auf die eigene politische Zukunft auswirkt.

Aus dieser Sicht kann sowohl jemand ineffektiv sein, der gerade erst in die Politik gekommen ist, als auch jemand mit enormer Erfahrung in Staatsführung und Großunternehmen. Das überzeugendste Beispiel einer solchen Ineffektivität ist Donald Trump, der bereits zum zweiten Mal Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika geworden ist.

Ich möchte daran erinnern, wie praktisch innerhalb eines einzigen Tages zu Beginn des großen Krieges alle Leiter der Rekrutierungszentren in sämtlichen Regionen unseres Landes entlassen wurden. Natürlich sprach man damals über Korruptionsprobleme in den TCC mindestens ebenso viel wie heute, wenn nicht sogar mehr. Aber kann man ein System reformieren, wenn man mit einer einzigen Entscheidung alle austauscht, die in diesem System arbeiten? Und kann man erwarten, dass ein solcher vollständiger Austausch zu einer Verbesserung der Effizienz führt? Das ist eine rhetorische Frage. Doch wir erinnern uns daran, dass die ukrainische Gesellschaft diese scheinbar einfache Lösung des Mobilisierungsproblems begeistert begrüßte.

Ein weiteres ernstes Problem, über das gesprochen werden muss, wenn wir zur Mobilisierung zurückkehren, ist die ständige Beruhigung der Gesellschaft mit dem Gerede darüber, dass der Krieg jeden Moment enden könne und dass der Weg zum Kriegsende über Verhandlungen und diplomatische Schritte führe, die den Krieg beenden würden. Und davon spricht übrigens nicht nur der Präsident der Ukraine. Davon sprechen auch ständig jene Politiker, die versuchen, auf den Problemen der Rekrutierungszentren zu parasitieren. „Man muss diesen Krieg endlich beenden. Ihr seid selbst daran interessiert, ihn fortzusetzen, um an der Macht zu bleiben.“

Das haben wir 2019 gegenüber Petro Poroschenko gehört und hören es 2026 gegenüber Volodymyr Zelensky. Und die überwältigende Mehrheit der ukrainischen Bürger ist nicht einmal bereit zu begreifen, dass es keinen Schlüssel zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges gibt – weder in der Tasche des Präsidenten der Ukraine noch in der Tasche des Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Alles hängt vom Willen des Präsidenten der Russischen Föderation ab, der nicht beabsichtigt, den Krieg zu beenden. Er kann höchstens einer Unterbrechung oder irgendwann vielleicht auch einer Beendigung zustimmen – aber nur dann, wenn ihm Ressourcen, Geld und Menschen ausgehen. Unsere Streitkräfte arbeiten bereits daran, dieses Problem zu lösen. Doch es könnten viele Jahre nötig sein und keineswegs nur Monate, bis Putin ernsthaft über die Möglichkeit einer Unterbrechung des Krieges nachdenkt, um Ressourcen für dessen spätere Fortsetzung wiederherzustellen.

Ja, heute wird Ihnen niemand sagen können, ob der Krieg im hypothetischen Dezember 2026 oder im hypothetischen Dezember 2031 endet. Aber damit dieser Krieg nicht mit dem Verschwinden des ukrainischen Staates von der politischen Landkarte der Welt und Ihrer Vertreibung aus der Ukraine endet – und zwar keineswegs unter den Bedingungen, unter denen Migranten 2019 nach Europa kamen –, muss es jemanden geben, der dieses Land verteidigt.

Und damit kommen wir erneut zu einer ganzen Reihe von Fragen.

Erstens müssen wir begreifen, dass sich Ukrainer stets hinter dem Begriff der Gerechtigkeit verstecken – einer Gerechtigkeiti, die an der Schwelle des eigenen Hauses endet. Das ist keineswegs ein Scherz. In meiner eigenen Korrespondenz gibt es zahlreiche Nachrichten von Menschen, die mir vorwarfen, ich würde nicht laut genug über die Notwendigkeit einer verstärkten Mobilisierung sprechen und nicht sagen, dass an der Front Kämpfer fehlen. Doch ihr Ton änderte sich sofort, sobald die Mobilisierung sie selbst oder auch nur ihre Angehörigen betraf. Sofort erinnerten sie sich an die Rekrutierungszentren und vergaßen augenblicklich, dass an der Front Menschen fehlen.

Das ist übrigens ebenfalls ein Thema, über das gesprochen werden muss. Denn in der Regel kann jeder, der dem Staat vorwirft, die Mobilisierung nicht organisieren zu können, zahlreiche Geschichten erzählen: dass inzwischen Drohnen anstelle von Menschen kämpfen, dass alles bereits automatisiert sei und eigentlich niemand Neues gebraucht werde, dass die Kinder der Abgeordneten kämpfen sollten und nicht einfache Menschen.

Bis heute bekomme ich dafür Kritik, dass ich klar und deutlich gesagt habe: Kämpfen müssen alle. Wenn neben dem hypothetischen Kind eines Abgeordneten kein gewöhnlicher Bürger steht, der eben nicht Abgeordneter geworden ist, weil er sich nicht auf die Wahlliste der Partei Diener des Volkes gesetzt hat, dann wird der Staat besiegt, geplündert und vernichtet werden. Das kann ich gern noch einmal wiederholen.

Ebenso offensichtlich ist, dass Korruption weiterhin der wichtigste Faktor aller Beziehungen in der ukrainischen Gesellschaft bleibt. Und wiederum gilt: Menschen, die gegen Korruption auftreten, sind stets bereit, ihre Mechanismen zu nutzen, sobald es um ihre eigenen Bedürfnisse oder die ihrer Angehörigen, Freunde oder Bekannten geht. Korruption ist nur dann gefährlich, wenn sie einen selbst nicht betrifft. Das ist das Wesen der Beziehungen in der ukrainischen Gesellschaft. Auch darüber muss laut gesprochen werden, damit man nicht zum Werkzeug jenes Zynismus wird, der auf ukrainischem Boden – man kann sagen seit imperialen Zeiten – herrscht.

Die Ukrainer haben sich daran gewöhnt, das Imperium zu täuschen, und begegnen ihrem eigenen Staat mit derselben Geringschätzung. Historisch betrachtet ist das völlig normal, wenn man realistisch sein will. Leider befinden wir uns jedoch nicht einfach in einer historischen Epoche, sondern in einer Phase des Überlebens unseres Staates. Auch diesem Überleben begegnen viele mit Verachtung. Und auch das ist eine Frage des Dialogs zwischen Staat und Gesellschaft.

Wenn wir statt zu sagen, der Krieg werde bald enden, die Wahrheit aussprechen würden – und die Wahrheit lautet, dass der Feind, wenn es der ukrainischen Armee nicht gelingt, ihn im Donezker Gebiet aufzuhalten, in die Regionen Charkiw, Poltawa und Dnipropetrowsk vordringen wird; in den Regionen Charkiw und Dnipropetrowsk ist er, wie Sie wissen, bereits, und er wird weiterziehen –, dann könnte endlich ein wirklich ernsthaftes Gespräch mit der Gesellschaft stattfinden.

Sie sehen doch selbst, wie der Feind heute versucht, Kyiv in Trümmer zu legen. Charkiw verwandelt er schon seit Langem mithilfe wirkungsvollerer Waffen mit größerer Reichweite in Ruinen. Das heißt: Je näher der Feind Ihrer Stadt kommt – selbst wenn es ihm nicht gelingt, sie einzunehmen –, desto schneller werden Sie sich in den Trümmern Ihres eigenen Hauses wiederfinden. Das gilt für Lwiw ebenso wie für jede andere westukrainische Stadt.

Es geht also nicht darum, ob die russische Armee Galizien erobern kann. Die Frage ist vielmehr, ob die Antwort auf die russischen ballistischen Raketen ausreichend sein wird, ob die Entfernung groß genug bleibt, damit diese Raketen die Städte der Westukraine nicht erreichen. Heute gibt es nur einige wenige Raketentypen, mit denen Lwiw oder Ternopil getroffen werden können. Doch wenn russische ballistische Raketen diese Orte erreichen können, wenn die russische Armee weiter vorrückt, dann wird hier – wie wir verstehen – alles in Trümmer gelegt werden, selbst das, was sich heute eine solche Zerstörung überhaupt nicht vorstellen kann. Auch darüber muss gesprochen werden.

Ebenso muss über eine weitere ernste Frage gesprochen werden: über eine wirksame Kontrolle der Streitkräfte selbst. Über eine zivile Kontrolle, die darin bestehen muss, die Abläufe und Prozesse innerhalb der Streitkräfte der Ukraine zu verstehen. Auch das ist eine Frage effizienter Führung. Wenn Sie zufällige Personen zum Instrument dieser Kontrolle machen, deren größter Vorzug darin besteht, die richtigen Botschaften nach oben zu übermitteln, dann erhalten Sie statt einer wirksamen zivilen Kontrolle eine Reihe gravierender Konflikte. Genau solche Konflikte begleiten unser Land praktisch seit dem Zeitpunkt, an dem wir formal ein ziviles Verteidigungsministerium und ein Oberkommando der Streitkräfte erhalten haben.

Würde all dies in Bezug auf Kontrolle und Verantwortung ernsthafter funktionieren, könnte man Fragen zur Rotation der militärischen Einheiten stellen, zu einer effizienteren Organisation der Mobilisierung der Bürger und dazu, wie man ihnen die Angst vor diesem Prozess nehmen kann.

Historische Parallelen lassen sich in einer solchen Situation viele ziehen. Wir erinnern uns stets an den Februar 1917, als das Russische Reich genau in dem Moment zusammenzubrechen begann, als seine Armee militärisch die Oberhand gewann. Natürlich übertragen wir die damaligen Ereignisse in Petrograd auf das Moskau des Jahres 2026. Warum eigentlich auf Moskau? Ganz ähnliche zerstörerische Prozesse fanden auch im Deutschen Kaiserreich statt – nur wenige Monate, nun gut, Jahre nach der Februarrevolution im Russischen Reich und dem Oktoberumsturz.

Die demokratischen Länder dagegen erlebten im Ersten Weltkrieg keine derart zerstörerischen Prozesse. Vielleicht deshalb, weil ein wirklicher Dialog mit der Gesellschaft notwendig ist, damit das eigene Land nicht zu Ruinen wird? Vielleicht muss der Bürger den Preis des Krieges und das Ziel des Feindes verstehen – ein Ziel, über das wir ebenfalls nicht besonders gern sprechen, weil wir uns lieber auf Putins Parolen und den Donbas konzentrieren?

Wir sind völlig überzeugt, dass, wenn wir Putins Ziele selbst nicht vollständig verstehen, auch die Russen sie nicht verstehen. Glauben Sie mir: Die Russen verstehen alles sehr genau. Sie wissen genau, dass Putin ihnen das Imperium zurückgeben will, in dem sie sich – trotz ihres gesellschaftlichen Daseins als Untertanen – als Herren fühlen. Es gibt diejenigen, die diesen Krieg unterstützen. Es gibt diejenigen, die glauben, die Staatsmacht wisse alles besser. Und diejenigen, die überhaupt eine eigene Meinung haben, sind traditionell in der Minderheit.

In der Ukraine ist genau das unser Glück – und zugleich unsere Herausforderung. Jeder hat seine eigene Meinung. Das Problem besteht jedoch darin, dass diese Meinung der Realität widersprechen kann. Und wenn eine Meinung, die der Realität widerspricht, zur Mehrheitsmeinung wird, dann stellt sich die Frage nach dem Fortbestand des Staates selbst.

Damit die Menschen realistischer auf ihre eigene Zukunft und die Zukunft ihres Landes blicken können, muss man ehrlich mit ihnen sprechen, schwierigen und unpopulären Themen nicht ausweichen, unpopuläre Entscheidungen nicht scheuen und auf all jene ernsten Einwände und Fragen, die in der ukrainischen Gesellschaft gestellt werden, offen antworten.

Wenn wir ohnehin keine Möglichkeit haben, bis zum Ende des Krieges Wahlen abzuhalten – und dieser Krieg kann noch viele, viele Jahre dauern –, dann könnte die Staatsführung eines Landes ohne absehbare Wahlperspektive wenigstens jene Instrumente nutzen, die einst die sowjetischen Kommunisten einsetzten, als es bei ihnen weder reale Wahlen gab noch solche zu erwarten waren: das Instrument der Offenheit.

Doch statt in einer vom Krieg traumatisierten Gesellschaft Offenheit zu fördern, beschäftigen wir uns mit Sanktionen gegen Menschen, die eine andere Auffassung von der Effizienz staatlichen Handelns haben, bezahlen Bots, nützliche Idioten und diese ganze Armee, die die echte Armee im erbitterten Kampf gegen die größte Nuklearmacht der modernen Welt keinesfalls ersetzen kann – und nicht gegen irgendeinen verrückten, unbedeutenden Kleinstaat. Auch daran muss immer wieder erinnert werden – all jene, die vergessen haben, dass wir nicht mehr in der Sowjetunion leben. Gegen uns steht die Sowjetunion.

Und selbst wenn wir uns vorstellen, dass wir all diese Prüfungen überstehen, den Verteidigungsprozess des Landes organisieren können, dass der Staat auf der politischen Landkarte der Welt bestehen bleibt und das ukrainische Volk an seinen angestammten Wohnorten bleibt – die Chancen dafür bestehen, auch wenn sie keineswegs hundertprozentig sind. Sie existieren und hängen auch von der Unterstützung der westlichen Welt ab.

Doch es gibt noch eine weitere wichtige Frage: Wie wird Gerechtigkeit nach dem Krieg aussehen – angesichts all dessen, was wir heute beobachten? Die Menschen, die von der Front zurückkehren werden – und sie werden zurückkehren, wenn der Krieg endet –, werden unterschiedlich sein. Doch eines wird sie verbinden: das Gefühl der Ungerechtigkeit gegenüber jenen, die sie nicht ablösen wollten.

Und ganz gleich, welche Erklärungen es dafür geben wird, warum dies nicht geschehen ist – allein die Möglichkeit gesellschaftlicher Konflikte darüber kann zu Explosionen führen, die nicht weniger gefährlich sind als der russisch-ukrainische Krieg selbst. Natürlich wird Russland diese Prozesse ausnutzen. Russland wird – entgegen allen optimistischen Erwartungen derjenigen, die von seinem baldigen Zusammenbruch erzählen – nicht verschwinden, sondern gierig auf den Moment warten, in dem es wieder über die Ukraine herrschen kann. Umso mehr, wenn sich unsere europäische und euro-atlantische Integration verlangsamt und klar wird, dass wir in absehbarer Zeit kaum Chancen haben werden, Teil der westlichen Welt zu werden.

Sehen Sie nur, wie viele Herausforderungen, wie viele Probleme und wie viele Fragen in einem einzigen beschädigten Fahrzeug des Rekrutierungszentrums stecken. Und es wird noch mehr werden, immer mehr und mehr. Auch das möchte ich sagen, damit sich niemand Illusionen macht. Allein beim Gedanken daran schmerzt einem das Herz.

Deshalb: eine effektive Führung des Landes, die Wiederherstellung einer wirksamen Staatsführung als Voraussetzung für das Überleben von Staat und Nation. Ein klares Programm zur Behebung der Probleme im Zusammenhang mit der Mobilisierung. Ein ehrliches Gespräch mit den Bürgern. Das Bewusstsein, dass viele Menschen, die in der Ukraine leben, sie lediglich als Wohnort betrachten und sich selbst im Sinne ihrer Identität nicht als ihre Bürger verstehen. Auch das ist eine völlig verständliche Folge davon, dass die ukrainischen Gebiete über Jahrhunderte anderen Staaten unterworfen waren. Das lässt sich nicht in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren ändern. Das ist ein Prozess von Jahrhunderten.

Wenn wir all diese Bedrohungen begreifen, unter den Bedingungen fehlender Wahlen eine effektive Staatsführung aufbauen, unter denselben Bedingungen eine echte zivile Kontrolle über die Streitkräfte schaffen, die Priorität militärischer Aufgaben während des andauernden Krieges verstehen und ehrlich mit den Menschen darüber sprechen; wenn wir verstehen, dass die Armee wichtiger ist als soziale Probleme, dass ein Luftschutzbunker wichtiger ist als ein Springbrunnen – dann hängt von dieser Veränderung der Prioritäten nicht nur das Überleben des ukrainischen Staates in diesem langen Krieg ab, sondern auch sein Überleben im Frieden.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Конфлікт з ТЦК у Львові: висновки | Віталій Портников. 09.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 09.07.2026.
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Deutsche Übersetzung von
Viktoriya Limbach
veröffentlicht auf

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Trump–Zelensky: das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 08.06.2026.

Diese unsere Sendung wird dem für die Ukraine wichtigsten Ereignis gewidmet sein – man kann sagen, nicht einmal nur des heutigen Tages, sondern der letzten Wochen, vielleicht sogar Monate: dem Treffen des Präsidenten der Ukraine Volodymyr Zelensky mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump während des Gipfels des Nordatlantischen Bündnisses in Ankara. Und das vor dem Hintergrund, wie Sie wissen, schwerer ballistischer Angriffe der Russischen Föderation auf Kyiv und andere ukrainische Regionen, vor dem Hintergrund der weitreichenden Schläge der Ukraine gegen wichtige Ölraffinerie- und Militärobjekte der Russischen Föderation.

Und man kann sagen, dass wir eine gewisse Eskalation des russisch-ukrainischen Krieges beobachten, eine Eskalation vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts. Und dieser Konflikt wirkt sich ziemlich ernsthaft auf unsere Verteidigungsfähigkeit aus, denn wir haben die letzten Überflüge russischer ballistischer Raketen über der ukrainischen Hauptstadt gesehen, als es praktisch schon nichts mehr gab, womit man sie hätte abschießen können. Deshalb galt diesem Treffen eine solche Aufmerksamkeit.

Ich möchte Sie erneut daran erinnern, dass dies seit langer Zeit das erste koordinierte, geplante Treffen zwischen den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ukraine ist. Das Treffen, das buchstäblich vor einigen Wochen stattfand, das Treffen in Évian beim G7-Gipfel, war ein Treffen am Rande, das, kann man sagen, in aller Eile vom Präsidenten der Französischen Republik Emmanuel Macron organisiert wurde, nachdem der Präsident der Ukraine Volodymyr Zelensky erfahren hatte, dass kein Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten geplant war. Damals fand ein Dreiertreffen zwischen den Präsidenten der Ukraine, der Vereinigten Staaten und Frankreichs statt, später auch ein bilaterales Treffen zwischen der amerikanischen und der ukrainischen Delegation. Aber das war eben ein sogenanntes Treffen am Rande, das sich von jenen Treffen unterschied, die Donald Trump damals mit anderen Staatsoberhäuptern hatte.

Worin unterscheidet sich ein solches Treffen vom anderen? Darin, dass ein geplantes Treffen sorgfältig vorbereitet wird, dass die Teams der Präsidenten im Voraus an der Vorbereitung dieses Treffens beteiligt sind, dass genau jene Fragen besprochen werden, die nicht einfach während der Diskussion zwischen den Präsidenten auftauchen, sondern zuvor von ihren Beratern durchgearbeitet werden, damit die Präsidenten grundsätzlich verstehen, womit sie rechnen können und was sie versprechen können und was sie nicht versprechen können. Aus dieser Sicht kann man das heutige Treffen natürlich, zumindest den Worten nach, als sehr wichtig und als ergebnisreich betrachten.

Nun zu den wichtigsten Punkten, über die man gleich zu Beginn unseres Gesprächs sprechen muss.

Der erste Punkt ist, dass Donald Trump betonte, die Vereinigten Staaten könnten der Ukraine eine Lizenz zur Produktion von Raketen für Patriot-Batterien erteilen. Für uns ist das, wie Sie verstehen, eine dringende Frage, denn bei Raketen für Patriot-Batterien ist nach dem amerikanisch-iranischen Krieg ein offensichtlicher Mangel entstanden, nachdem das amerikanische Militär sie in unglaublicher Menge eingesetzt hatte und mit diesen Raketen nicht nur iranische ballistische Raketen zerstörte, sondern möglicherweise auch andere militärische Technik, mit der die Iraner Militärobjekte der Vereinigten Staaten und der Staaten des Persischen Golfs angriffen, vielleicht sogar Drohnen.

Und ein solcher Umgang mit den extrem teuren Patriot-Raketen hat eine ernste Lücke in ihren Beständen in den Vereinigten Staaten selbst geschaffen. Hinzu kommt, wie Sie verstehen, dass es jetzt eine riesige Warteschlange für diese Raketen unter den Verbündeten der Vereinigten Staaten gibt. Dazu gehören Israel, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und andere Länder des Persischen Golfs, und nicht nur sie. Denn selbst Länder wie Japan, die Patriot-Raketen in Lizenz herstellen, aber in sehr kleiner Stückzahl, können angesichts der Bedrohung durch die Volksrepublik China ebenfalls an einer größeren Menge interessiert sein. Und Taiwan ebenso.

Sie sehen ja, dass derzeit, kann man sagen, Destabilisierung und Eskalation in der ganzen Welt stattfinden. Das ist die Zeit vor dem Dritten Weltkrieg, der vielleicht nicht beginnt, aber das Gefühl ist überall so. Und wenn dieses Gefühl vorhanden ist, dann braucht man Raketenabwehr gegen ballistische Raketen. Umso mehr, als ballistische Raketen heute sowohl von der Russischen Föderation als auch vom Iran und von anderen Ländern, die zu einer militärischen Konfrontation mit der zivilisierten Welt bereit sind, in Mengen produziert werden, die die Möglichkeiten zur Herstellung antiballistischer Raketen deutlich übersteigen.

Deshalb ist es in dieser Situation natürlich notwendig, dass die Ukraine die Möglichkeit hat, ihre eigene Raketenabwehr gegen ballistische Raketen zu produzieren, insbesondere Raketen für Patriot-Systeme. Und natürlich ist es wichtig, dass auch Europa solche Raketen produzieren kann, aber beginnen wir zunächst mit der Ukraine.

Die Frage, ob die Vereinigten Staaten bereit sein würden, der Ukraine solche Möglichkeiten zu geben, lag in der Luft. Darüber sprach der Präsident der Ukraine Volodymyr Zelensky vor dem NATO-Gipfel, insbesondere in seiner gestrigen Rede auf dem Forum für Verteidigungstechnologien. Diejenigen, die meinen Kanal sehen, konnten die Besprechung dieser Rede verfolgen und wissen, dass dies ebenfalls der wichtigste Aspekt der Rede Volodymyr Zelenskys auf diesem Forum war.

Dieses Ergebnis gibt es also. Hoffen wir, dass es konkretisiert wird, aber grundsätzlich reicht eine solche Erklärung des Präsidenten der Vereinigten Staaten aus, damit die amerikanische Bürokratie zu arbeiten beginnt.

Der zweite Punkt ist, dass Putin nicht auf großes Mitgefühl Trumps wegen weitreichender Schläge gegen die Russische Föderation hoffen kann. Trump hat unsere Schläge, deren Ziel es ist, die russische Wirtschaft in die Knie zu zwingen und der Russischen Föderation ihr Ölraffineriepotenzial, ihre Militärfabriken sowie ihre Ölhäfen, über die Öl transportiert wird, zu nehmen, positiv aufgenommen. Das heißt, alle möglichen Bedingungen für den Zusammenbruch der russischen Wirtschaft zu schaffen und die Russische Föderation in ein Land zu verwandeln, in dem es nicht einmal mehr möglich sein wird, Krieg zu führen, sondern auch unter den Bedingungen einer schweren Wirtschaftskrise normal zu existieren.

Ich meine, gerade diesen Zusammenbruch der russischen Wirtschaft, des sozialen Bereichs und des militärisch-industriellen Komplexes muss man im Rahmen der Regelung des russisch-ukrainischen Krieges anstreben. Denn ein armes Russland, ein Russland, in dem die Menschen nach Möglichkeiten suchen, zu überleben, ist ein friedliches Russland. Ein reiches Russland ist ein aggressives Russland. Das muss eine klare Formel sein.

Wir sehen: Sobald Russland reich wird, gibt es Geld dafür aus, zu töten, zu zerstören, zu stehlen, zu vergewaltigen. Also muss unser Kurs auf ein armes, hilfloses Russland beibehalten werden. Und der Präsident der Vereinigten Staaten sagt, dass eine solche Eskalation eine wichtige Voraussetzung für das Ende des russisch-ukrainischen Krieges ist. Auch das hat er bereits verstanden.

Diesen Worten des amerikanischen Präsidenten schloss sich übrigens auch der Außenminister der Vereinigten Staaten Marco Rubio an, der ebenfalls sagte, dass weitreichende Schläge der Ukraine gegen Russland zur Beendigung des Krieges beitragen.

Hier muss man ebenfalls verstehen, dass Menschen in solchen Situationen eine echte Möglichkeit bekommen, das zu sagen, was sie wirklich denken. Marco Rubio war, als er Senator war, einer der wirklichen Falken in der amerikanischen Außenpolitik gegenüber der Russischen Föderation und anderen aggressiven terroristischen Organisationen der heutigen Welt. Er war ein Verbündeter des verstorbenen Senators John McCain, der ein aufrichtiger Freund der Ukraine war und ebenfalls Anstrengungen unternahm, um zur Degeneration der russischen Wirtschaft beizutragen.

Nachdem Marco Rubio jedoch begann, in der engsten Umgebung Donald Trumps Karriere zu machen – was in der heutigen Republikanischen Partei Karriere machen bedeutet –, wurde er natürlich in seinen Aussagen gegenüber Moskau viel vorsichtiger, da er die Prioritäten des amerikanischen Präsidenten kannte.

Jetzt, da Trump seine Position vor unseren Augen ändert, kann Rubio sich erlauben, das zu sagen, was er in der Situation des russisch-ukrainischen Krieges für notwendig hält. Und wir sehen, dass er ein aufrichtiger Unterstützer weiterer Schläge gegen Russland ist.

Der dritte Punkt, der ebenfalls ziemlich wichtig ist: Trump besteht weiterhin darauf, dass der russisch-ukrainische Krieg beendet werden muss und dass dafür Anstrengungen unternommen werden müssen. Aber er verlangt von der Ukraine keine demütigenden Zugeständnisse, über die man im Kreml weiter spricht.

Zwar fiel heute der Satz über eine Reise nach Moskau, aber dieser Satz wurde unerwartet zu einem echten Meme. Man muss Volodymyr Zelenskys Schlagfertigkeit anerkennen. Denn auf Donald Trumps Frage, ob er bereit sei, nach Moskau zu reisen, antwortete der ukrainische Präsident sofort, dort sei es gefährlich, weil viele ukrainische Drohnen am Himmel seien, und es sei doch besser irgendwo in Europa.

Man kann sich vorstellen, in welche Raserei diese Worte den Präsidenten der Russischen Föderation Putin und sein engstes Umfeld versetzen werden. Denn der ukrainische Präsident hat den russischen Machthaber buchstäblich verspottet, ungeachtet der Fortsetzung all jener terroristischen Handlungen, zu denen Putin greift, um die Ukrainer einzuschüchtern und sie zur Kapitulation vor Moskau zu zwingen. Jetzt wird das natürlich vor dem Hintergrund dieses Treffens schwieriger werden. Das ist also der dritte wichtige Punkt bei diesem Treffen.

Ebenfalls wichtig ist, dass wir von Donald Trump Komplimente an Volodymyr Zelensky hörten. Worte darüber, dass er seit ihrem Treffen im Oval Office bis heute gute Beziehungen zu Zelensky aufgebaut habe.

Nun, wir alle erinnern uns sehr gut daran, was im Oval Office geschah, als Donald Trump und Volodymyr Zelensky dort zum ersten Mal gemeinsam auftraten. Ich meine, was dort für ein ungeheurer Skandal ausbrach und wie wir uns damals wegen des russisch-ukrainischen Krieges und der amerikanisch-ukrainischen Beziehungen sorgten.

Jetzt verhält sich Trump, wie Sie sehen, völlig ruhig dazu. Mehr noch, er erwähnt die Interessen der Vereinigten Staaten aus der Sicht der Entwicklung der Beziehungen zur Ukraine, erwähnt die seltenen Erden. Wie wir sehen, hat er dieses Abkommen noch nicht vergessen. Er sagt, Zelensky werde ein großartiges Land aufbauen. Und ich verstehe das so, dass es in Trumps Vorstellung praktisch unmöglich ist, ein großartiges Land ohne amerikanische Investitionen aufzubauen.

Das ist also im Prinzip eine Reaktion, die, würde ich sagen, davon zeugt, dass Trump dem ukrainischen Präsidenten und dem ukrainischen Staat mit deutlich mehr Respekt begegnet als noch vor einem Jahr. Hier haben Sie eine deutliche Bestätigung der Tatsache, dass man, um mit dem amerikanischen Präsidenten normale Beziehungen aufzubauen, keineswegs auf jeden seiner Köder eingehen muss. Auch das muss man klar verstehen.

Und noch ein Punkt, über den man in dieser Situation sprechen muss: Trump schloss sogar seine Reise nach Kyiv nicht aus. Ja, er sagte, er wisse nicht, wie sein Secret Service darauf reagieren werde, und dass er sehr gerne hätte, dass alles schnell zu Ende gehe. Und wir verstehen, dass man kaum mit seiner Ankunft in der ukrainischen Hauptstadt während einer ballistischen Bedrohung rechnen sollte.

Gleichzeitig müssen wir aber klar begreifen, dass allein die Tatsache, dass Trump bereits über eine Reise nach Kyiv, in die Ukraine, nicht mehr als über etwas Unerreichbares spricht, ebenfalls von einer Änderung seiner Haltung zum russisch-ukrainischen Krieg und zur Ukraine als solcher zeugt.

Vielleicht erinnern Sie sich, dass er früher nach Moskau reisen wollte. Und diese Reise hat, wie Sie sehen, nicht stattgefunden, und kaum werden wir den amerikanischen Präsidenten in nächster Zeit – noch dazu nach solchen Worten, noch dazu nachdem Trump die Schläge gegen russische Fabriken gutgeheißen hat – im Kreml sehen.

Und noch ein Punkt, über den ich vor dem Hintergrund dieses Treffens der amerikanischen und ukrainischen Präsidenten sprechen möchte. Trump will den Präsidenten der Russischen Föderation anrufen, um ihm von diesem Treffen zu erzählen. Nun werden wir sehen, wie Putin reagieren wird und wie er das Gespräch zwischen Zelensky und Trump sowie die Worte des amerikanischen Präsidenten aufnehmen wird, dass weitreichende Schläge gegen Russland dazu beitragen, den Krieg zu beenden; dass die Amerikaner nun das Ende des Krieges nicht mehr durch Zugeständnisse an die blutige russische Führung und ihre ganze Bande erreichen wollen, sondern durch weitreichende Schläge – und dass sie sogar bereit sind, die Ukraine dabei zu unterstützen, wie Marco Rubio heute erneut erklärte.

Natürlich sollte man nicht meinen, ein einziges Treffen habe stattgefunden und nun sei alles entschieden und erledigt. Aus dem einfachen Grund, dass, wie Sie verstehen, auch der Hintergrund dessen, was in der Welt geschieht, für den russisch-ukrainischen Krieg und für unsere Suche nach Wegen zum Frieden schwierig ist.

Heute sprach der Präsident der Vereinigten Staaten erneut über die Verschlechterung der Beziehungen zum Iran, darüber, dass er schwere Schläge gegen den Iran führen könne, und darüber, dass sie realen Friedensvereinbarungen ausweichen. Und das noch bevor die 60 Tage abgelaufen sind, die für die Suche nach Wegen zu einem Friedensabkommen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran vorgesehen waren.

Und wir verstehen, warum das alles geschieht. Weil Trump einfach beschlossen hat, ernsthaft auf die Bombardierung von Tankern in der Straße von Hormus durch den Iran zu reagieren. Der Iran sagt, sie folgten angeblich einer nicht abgestimmten Route, während Trump daraus den Schluss zieht, dass der Iran einfach versucht, die Menge des Öls, das durch die Meerenge fließt, zu begrenzen und diese Menge zu kontrollieren.

Aber Sie verstehen ja, dass diese ganze Situation erneut zu einer großen Konfrontation führen kann. Und worüber sprechen wir im Grunde? Darüber, dass das Gespräch zwischen Trump und Zelensky vor dem Hintergrund eines erheblichen Rückgangs des Ölpreises stattfindet, auch des russischen Öls, und dieser liegt unter dem Preis, der im russischen Haushalt eingeplant ist. Es kann aber sein, dass am Tag nach einem weiteren Schlag der Vereinigten Staaten gegen den Iran und einem weiteren Schlag Irans gegen die Länder des Persischen Golfs und der Schließung der Straße von Hormus der Ölpreis wieder steigt. Und das würde Russland die Möglichkeit geben, sein Öl teurer zu verkaufen.

Nun noch ein weiterer Punkt. Die Vereinigten Staaten haben die Lizenz widerrufen, die Indien und anderen Ländern des globalen Südens erlaubte, russisches Öl zu kaufen. Und Russland bringt jetzt eine riesige Menge seines Öls, eine beispiellos große Menge, mit Tankern aufs Meer, kann dieses Öl aber nicht verkaufen. Wenn sich die Ölsituation in der Welt jedoch erneut verschlechtert, schließe ich keineswegs aus, dass das Finanzministerium der Vereinigten Staaten selbst nach diesem Gespräch mit Zelensky Indien und anderen Ländern des globalen Südens wieder erlauben wird, russisches Öl zu kaufen, um irgendwie das Ölgleichgewicht zu stützen. Und Russland wird beginnen, jenes Öl zu verkaufen, das es aufs Meer gebracht hat – offensichtlich in Erwartung einer neuen Eskalation im Nahen Osten und möglicherweise auch in der Erwartung, dass diese Eskalation dem Iran helfen soll.

Wir erinnern uns doch noch an die Konsultationen Moskau–Teheran auf der Linie: Wie schlagen wir am besten gegen Trumps Interessen zu? Das geschieht im Nonstop-Modus. Und dann erhält Russland, würde ich sagen, weitere neue, ungeplante Dutzende Milliarden Dollar – oder vielleicht auch geplante, vielleicht beteiligt sich Russland aktiv an der Eskalation. Und das wäre wiederum eine andere Situation, denn Putin ohne Geld und Putin mit zusätzlichem Geld sind zwei verschiedene Putins. Sie sprechen unterschiedlich mit Trump. Es braucht nicht einmal Doppelgänger, es braucht den Preis.

Denn, noch einmal, wir kennen die wunderbare Logik der Existenz des russischen Regimes. Wenn die Ölpreise hoch sind, gibt es ein bestimmtes Verhalten; wenn die Ölpreise niedrig sind, ein anderes Verhalten. Je höher der Ölpreis steigt, desto größer sind die Aggressivität und die Bereitschaft, so viele Jahre Krieg zu führen, wie es Putin und seiner Gang gefällt.

Obwohl das jetzt trotzdem nicht alles entscheidet, denn selbst wenn Sie einen hohen Ölpreis haben, aber unter den Bedingungen von Schlägen gegen die Ölraffinerien keine Funktionen staatlicher Verwaltung mehr ausüben können und Sie trotzdem eine Krise haben, dann trägt das offensichtlich nicht dazu bei, die Situation in eine für Sie positive Richtung weiterzuentwickeln. Aber so oder so denke ich, dass man diese Geschichte mit Öl, Ölraffinerien, Iran und den Vereinigten Staaten berücksichtigen muss.

Nun zur Abschlusserklärung in Ankara, die alle gebilligt haben. In dieser Erklärung heißt es ebenfalls, dass Russland eine langfristige Bedrohung für das Euro-Atlantische Bündnis ist. Es wird betont, dass die Verbündeten zur Abwehr der langfristigen Bedrohung durch Russland und des Terrorismus – das wird hier verbunden – ihre Verteidigungsausgaben erhöhen, ihre industrielle Basis stärken und neue militärische Beschaffungen im Wert von mehr als 50 Milliarden Dollar ankündigen.

Die NATO wird modernisiert werden, die europäischen Verbündeten und Kanada werden mehr Verantwortung übernehmen, und das Bündnis wird seine nuklearen, Raketen-, Weltraum-, Cyber- und KI-Fähigkeiten entwickeln.

Die NATO bestätigt ihre Unterstützung für die Ukraine – das ist für uns neben der Erklärung Russlands und des Terrorismus zur Bedrohung der wichtigste Punkt – und verspricht, im Jahr 2026 70 Milliarden Euro für militärische Ausrüstung, Hilfe und Ausbildung bereitzustellen und auch 2027 ungefähr dasselbe Unterstützungsniveau beizubehalten. Ebenfalls, würde ich sagen, eine unangenehme Nachricht für den Kreml: Ihr könnt euren Krieg gegen die Ukraine für 2027 planen.

Wir verstehen, dass die russische politische Führung solche Pläne hat, da sollte man sich ebenfalls keine Illusionen machen. Aber auch die NATO ist bereit, die Ukraine 2027 auf einem, würde ich sagen, ziemlich ernsten Niveau finanzieller Unterstützung zu unterstützen. Das ist also ein wichtiger Punkt, über den man sprechen muss. Und gerade deshalb betonte NATO-Generalsekretär Mark Rutte in seiner Abschlussrede auf dem Gipfel, dass er fest daran glaube, dass man im 21. Jahrhundert kein anderes Land angreifen sollte, wie es die Russen mit der Ukraine getan haben.

Es ist ein Wahnsinn, so etwas zu tun. Das ist ein Szenario des 19. oder 20. Jahrhunderts. Und wir tun so etwas in erwachsenen Demokratien im 21. Jahrhundert nicht mehr. Das ist also ein völlig offensichtlicher Punkt.

Und Rutte betonte: Im 16. und 17. Jahrhundert musste man, wenn man Politiker war, sicherstellen, ob es genug Brot gab. Im 21. Jahrhundert sollte man sicherstellen, ob es genug Benzin gibt. Ein absolut konkreter, würde ich sagen, Hinweis auf den Benzinmangel in Russland und ein Appell an jeden jungen Russen, der die Pressekonferenz des Chefs des wichtigsten Verteidigungsbündnisses der zivilisierten Welt hört: „Wenn Sie erwägen, sich an den Kampfhandlungen zu beteiligen, denken Sie noch einmal nach. Sie könnten einer jener 30.000 bis 35.000 Menschen in diesem Monat, im nächsten Monat sein“ – gemeint sind getötete Menschen –, „weil Ihrem Präsidenten Ihr Leben gleichgültig ist.“

Das sind also die Worte des NATO-Chefs, die grundsätzlich von der allgemeinen Linie des Bündnisses sprechen, verbunden mit dem, was in den Beziehungen des Bündnisses zur Ukraine und in seiner Haltung zum russisch-ukrainischen Krieg geschieht. Und ich halte das, wie Sie verstehen, für ein gutes Ergebnis.

Wenn man noch die Situation berücksichtigt, die sich jetzt in der Ukraine entwickelt: Wir sprechen mit Ihnen vor dem Hintergrund eines Krieges, der nicht einfach irgendwo hinter dem Horizont stattfindet. Er geht weiter. Er geht vor unseren Augen weiter. Gerade jetzt ist eine Schahed-Drohne, die über Kyiv am linken Ufer abstürzte, abgeschossen worden, und sie stürzte auf ein Hochhaus. Es gibt Schäden. Es wird von drei Toten in der ukrainischen Hauptstadt während des heutigen Tagesangriffs berichtet.

Mein aufrichtiges Beileid den Angehörigen der neuen Opfer dieses absolut brutalen, grundlosen russischen Angriffs auf ukrainische Städte, auf Kyiv.

Ich werde auf einen Teil der Fragen antworten, die während dieser Sendung bereits gestellt wurden.

Frage. Sind Trumps Aussagen über die Erteilung einer Lizenz an die Ukraine zur Produktion von Patriot-Systemen beachtenswert? Oder ist das nur eine Botschaft an proukrainische Wähler der Republikanischen Partei vor den Herbstwahlen?

Portnikov. Natürlich sind diese Aussagen des Präsidenten der Vereinigten Staaten beachtenswert. Das ist etwas, was wir von den Vereinigten Staaten seit langen Monaten, wenn nicht Jahren, erreichen wollten: dass man uns die Möglichkeit gibt, eine Lizenz zur Produktion von Patriots zu erhalten. Sie sind wie der biblische Thomas, verstehen Sie, der nicht glaubt, was er vor seinen eigenen Augen sieht. Wenn wir diese Lizenz wollten, unsere Diplomatie daran gearbeitet hat, unsere Führung daran gearbeitet hat, der Präsident der Ukraine ständig darüber gesprochen hat und der Präsident der Vereinigten Staaten schließlich Ja sagt – ist das beachtenswert oder nicht?

Außerdem, entschuldigen Sie, bis zu den Wahlen in den Vereinigten Staaten sind noch einige Monate. Und wenn diese Entscheidung umgesetzt wird – Trump sagt ja überhaupt, er meine, das könne schnell gemacht werden –, dann ist das eine Geschichte. Wenn nach den Worten des Präsidenten der Vereinigten Staaten nichts geschieht, ist das, wie Sie verstehen, ein Grund zu fragen, warum das Versprechen nicht erfüllt wird. Es ist noch schlimmer, ein solches Versprechen zu geben und es nicht zu erfüllen.

Ich erinnere daran, dass wir viele Dinge, um die wir baten und von denen wir glaubten, sie seien schon in unserer Tasche, nicht erhalten haben, aber niemand sagte, dass es so sein werde. Trump sagte: „Ich werde die Frage prüfen. Ich werde die Frage der Lieferung von Tomahawks prüfen. Ich werde die Frage der Lieferung von Patriots prüfen. Ich werde prüfen, ob eine Lizenz gegeben werden soll.“ Und dann stellte sich heraus, dass nach der Prüfung eine negative Antwort beschlossen wurde. Jetzt ist die Antwort positiv. Warum dem Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht für diese positive Antwort danken und erwarten, dass sie umgesetzt wird?

Frage. Glauben Sie, dass die jüngsten Entscheidungen über die Zulassung russischer Fußballmannschaften und Russlands zu den Olympischen Spielen mit Donald Trump und seinem Druck auf FIFA und IOC zusammenhängen?

Portnikov. Nein, ich glaube nicht, dass Donald Trump damit etwas zu tun hat. Das sind völlig offensichtliche, planmäßige Bemühungen Russlands und seiner Lobbyisten in verschiedenen Sportorganisationen und den Machtstrukturen des Sports, die russische Teilnahme am Sport zu normalisieren und den Sport sozusagen von der Politik zu trennen – was für mich absoluter Zynismus ist.

Aber die Russen machen so etwas ja nicht zum ersten Mal. Ich erinnere Sie daran, dass es vor 2022 eine sehr ähnliche Situation mit der Teilnahme Russlands an der Parlamentarischen Versammlung des Europarates gab. Gegen sie wurden Sanktionen verhängt, was ihren Ausschluss aus der Versammlung oder aus dem Europarat als solchem nicht bedeutete, sondern bestimmte Stimmrechte, die Teilnahme an der Bildung regionaler Gremien der Organisation sowie die Ernennung auf führende Positionen einschränkte – also Einschränkungen ihrer Tätigkeit.

Die russischen Abgeordneten konnten jedoch völlig problemlos zu den Sitzungen der Parlamentarischen Versammlung des Europarates reisen und dort ihre ganze unsinnige Propaganda verbreiten.

Die Russen erklärten sofort, dass sie überhaupt nicht teilnehmen würden, solange die Sanktionen gegen sie nicht vollständig aufgehoben würden. Besuche der Vorsitzenden der Parlamentarischen Versammlung des Europarates in Moskau endeten damit, dass die Vorsitzenden der Föderationsversammlung der Russischen Föderation – Matwijenko, Naryschkin und später Wolodin – ihnen unmissverständlich erklärten, dass sie von ihren Prinzipien nicht abrücken würden. Gleichzeitig betrieben sie die Korruption der Beteiligten dieses Prozesses.

Sie erinnern sich sicher daran, dass einer der Vorsitzenden der Parlamentarischen Versammlung des Europarates – ein spanischer Senator – sogar mit einem russischen Militärflugzeug zusammen mit dem Vorsitzenden der Fraktion der Partei „Einiges Russland“ in der Staatsduma, General Wassiljew, nach Syrien flog. Danach wurde die Entscheidung getroffen, die der damalige Generalsekretär des Europarates, Thorbjørn Jagland – der übrigens in den Epstein-Akten auftauchte, wer hätte das gedacht –, aktiv unterstützte: nämlich die Satzung der Parlamentarischen Versammlung so zu ändern, dass gegen nationale Delegationen keine echten Sanktionen mehr verhängt werden konnten.

Die Russen kehrten nur dafür zurück, um später schließlich ganz aus der Parlamentarischen Versammlung ausgeschlossen zu werden.

Glauben Sie mir: Mit der jetzigen Rückkehr russischer Sportler wird genau dieselbe Geschichte passieren. Sie werden zu den Wettkämpfen zurückkehren, nach einiger Zeit wird es Informationen über Doping, über unfaires Spiel geben, und dann werden sie erneut ausgeschlossen werden – weil sie nicht fair spielen können. Das ist ihr System. Aber sie werden immer versuchen, ihre Ziele durchzusetzen. Ich denke, das ist genau dieselbe Geschichte.

Frage. Sind Trumps neue alte Aussagen über Putin nur Informationsrauschen und zählen nur seine Taten? Oder sollte man auch auf Trumps Worte achten?

Portnikov. Natürlich sollte man das. Wenn wir über Politiker sprechen – und das sage ich Ihnen in praktisch jeder dieser Sendungen –, dann muss man in erster Linie auf ihre Taten achten. Handlungen sind das wichtigste Instrument in der Politik. Aber es gibt Worte, die zu Handlungen anregen.

Nehmen wir Donald Trumps Worte, dass er die weitreichenden Schläge der Ukraine gegen russische Ziele gutheißt und dass eine solche Eskalation dem Frieden helfen soll. Das ermutigt uns, noch entschlossener zu handeln: russische Fabriken, Schiffe, Tanker – alles, was zum Öl-, Raffinerie- und militärisch-industriellen Komplex Russlands gehört – wirksamer zu zerstören. Die russische Wirtschaft muss zerstört werden, Freunde. Sie muss zerstört werden.

Und wir können ja nicht nur an Drohnenangriffe denken, sondern auch daran, amerikanische und überhaupt westliche Waffen für Raketenangriffe auf die Russische Föderation zu beschaffen, um dort alles bis auf das 17. Jahrhundert zurückzusetzen, in dem sie sich zivilisatorisch befinden – wie Mark Rutte das völlig zutreffend formuliert hat. Insofern können solche Worte uns tatsächlich helfen zu handeln.

Und auch für Putin ist das ein Signal. Es soll ihm verdeutlichen, dass die Amerikaner sich nicht seinem Erpressungsversuch beugen werden und dass seine Angriffe auf die Ukraine nicht dazu führen werden, dass Washington die Ukraine auffordert, auf Angriffe gegen Russland zu verzichten.

Frage. Glauben Sie, dass Trump großes Interesse daran hat, die Kampfhandlungen in der Ukraine zu beenden, weil er das für einen Wahlsieg bei den Kongresswahlen braucht? Und welchen Einfluss könnte das Wahlergebnis haben?

Portnikov. Ich glaube grundsätzlich, dass Sie die Bedeutung des russisch-ukrainischen Krieges für die amerikanischen Kongresswahlen überschätzen. Ich denke nicht, dass das Trumps Hauptmotiv ist.

Die Ukraine-Frage ist – anders als der Nahe Osten – keine Frage, die das Wahlverhalten amerikanischer Wähler bestimmt. Sie ist ein Randthema.

Ja, die überwältigende Mehrheit der amerikanischen Wähler – sowohl unter den Demokraten als auch unter den Republikanern – spricht sich, wenn man sie danach fragt, eindeutig für die Unterstützung der Ukraine aus. Dasselbe gilt für viele sogenannte unabhängige Wähler, die mal der einen, mal der anderen Partei zuneigen und letztlich darüber entscheiden, wie der Kongress der Vereinigten Staaten aussehen wird.

Aber der entscheidende Punkt ist: Diese Frage bestimmt ihre Stimmabgabe überhaupt nicht.

Ich wiederhole: Der russisch-ukrainische Krieg ist ein Randthema der amerikanischen Politik. Amerikaner wählen in erster Linie mit ihrem Geldbeutel und nicht nach außenpolitischen Prioritäten. Zu glauben, der russisch-ukrainische Krieg beeinflusse auch nur im Geringsten die amerikanischen Wahlen, ist Ausdruck ukrainischer Selbstüberschätzung – unseres Glaubens, dass sich die Welt um unser Land und unseren Krieg dreht. Das entspricht überhaupt nicht der Realität.

Der Krieg mit dem Iran hingegen beeinflusst die Wahlen tatsächlich – nicht, weil Trump Krieg gegen den Iran führt, sondern weil dadurch die Benzinpreise in den Vereinigten Staaten steigen. Würde der russisch-ukrainische Krieg wirtschaftlich Auswirkungen auf die Vereinigten Staaten haben, dann würden sich die Menschen dafür als Priorität bei ihrer Wahlentscheidung interessieren. Da dieser Krieg wirtschaftlich praktisch keinerlei Auswirkungen auf die USA hat, beeinflusst er auch das Wahlverhalten nicht.

Wenn es Trump gelänge, den Nahostkonflikt auf ein Niveau zu bringen, bei dem sich die Amerikaner im Hinblick auf die Wahlen nicht mehr dafür interessieren, könnte auch er sich dort sehr viel freier bewegen. Die Iraner haben jedoch ein Druckmittel gegen Trump gefunden – die Straße von Hormus, deren Blockade Probleme an den amerikanischen Tankstellen verursacht.

Russland oder die Ukraine verfügen über ein solches Druckmittel gegenüber den Vereinigten Staaten nicht und werden es auch nicht haben. Im Gegenteil: Russland verfügt über ein Instrument, das Ölangebot auszugleichen, wenn die Straße von Hormus geschlossen wird.

Deshalb denke ich, dass für Trump die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges vor allem eine Frage seines eigenen Verständnisses seines Einflusses auf das Weltgeschehen ist. Es ist keine Wahlfrage, sondern eine Frage seines globalen Einflusses.

Hat diese Frage des globalen Einflusses indirekt etwas mit Wahlen zu tun? Natürlich. Trump muss beweisen, dass er ein ernstzunehmender Weltführer ist, auf den man in Moskau und Peking hört. Bisher ist ihm das nicht gelungen, und er wird daran arbeiten. Aber ich glaube kaum, dass dies entscheidenden Einfluss darauf haben wird, wie der Kongress aussehen wird.

Frage. Halten Sie jeden Optimismus, der mit Trumps Worten verbunden ist, für vergeblich? Trump ist doch ein Mensch, der aufgrund seiner psychischen Eigenheiten keine festen Positionen, sondern nur wechselnde Dispositionen hat.

Portnikov. Aber auch Dispositionen sind wichtig, selbst wenn Sie das so sehen. Denn ich wiederhole: Auch innerhalb der Trump-Regierung gibt es eine Diskussion darüber, wie die Regierung auf den russisch-ukrainischen Krieg reagieren soll.

Wenn Trump heute so auftritt, wie er auftritt, dann haben Politiker wie Marco Rubio freie Hand in der Russlandpolitik. Wenn Trump hingegen für gute, herzliche Beziehungen zu Putin eintritt, treten andere Leute in den Vordergrund – etwa Steve Witkoff.

Übrigens sehen Sie selbst, dass man von Witkoff im Moment kaum etwas hört. Witkoff, der der Meinung ist, man könne mit Putin auf der Grundlage gegenseitigen Verständnisses und wirtschaftlicher Vorteile verhandeln, gehört derzeit nicht zu den Favoriten. Das bedeutet nicht, dass das lange so bleiben wird. Aber im Moment ist es so. Und genau diese Dispositionen Trumps muss man nutzen.

Genauso ist es, wenn Trump erklärt, er habe den Waffenstillstand im Iran-Krieg beendet und werde neue Schläge gegen den Iran führen. Dann verlieren Leute wie Vizepräsident J. D. Vance auf der Nahost-Ebene an Einfluss, während beispielsweise die Position des israelischen Premierministers Benjamin Netanyahu gestärkt wird.

So funktioniert das nun einmal. Man muss diese Situationen nutzen und sich nicht ständig fragen, ob Trump gut oder schlecht ist. Es geht nicht darum, wer gut oder schlecht ist. Eine schwarz-weiße Welt existiert überhaupt nicht. Sie existiert nur in der Vorstellung einiger unserer Landsleute. Die Welt ist grau. Man muss ihre Schattierungen erkennen. Eine Welt im Krieg ist immer grau. Es gibt weder Schwarz noch Weiß. Man muss den richtigen Grauton finden.

Frage. Muss die derzeitige Eskalation nicht zwangsläufig zu einer schrittweisen Abkühlung führen? Nach der Logik des Krieges müsste das doch so sein.

Portnikov. Ich stimme Ihnen vollkommen zu, dass es nach der Logik des Krieges so sein könnte. Nur handelt der Präsident der Russischen Föderation, Putin, gegen jede Logik. Deshalb kann die jetzige Eskalation aus Sicht von Putins Verhalten durchaus zu einer noch stärkeren Eskalation führen.

Dem kann man nur begegnen, indem man nicht darauf wartet, dass sich alles nach den Regeln des Krieges entwickelt – Regeln, die Putin längst zerstört hat –, sondern indem man ihm die notwendigen Ressourcen nimmt, um die Eskalation auf eine neue Stufe zu heben.

Ich würde den russisch-ukrainischen Krieg als eine endlose Eskalationsspirale betrachten und nicht als eine Temperatur, die irgendwann wieder sinkt. Wir befinden uns in einer Spirale der Eskalation. Aus dieser Spirale gibt es nur einen Ausweg: die Verringerung der Ressourcen.

Man kann auf einer bestimmten Stufe dieser Eskalationsspirale stehen bleiben, aber nicht einfach „abkühlen“. Denn Russland wird dann schlicht nicht mehr über die Mittel verfügen, um die Spirale weiter nach oben zu treiben. Das ist alles.

Frage. Besteht der Plan Irans darin, Trump langsam in diesem Nahost-Kessel zu garen, bis das zu seinem politischen Scheitern führt? Es sieht so aus, als könne er diesem Kessel nicht entkommen.

Portnikov. Ich glaube ebenfalls, dass der Plan Irans darin besteht, bis zu den Zwischenwahlen zum US-Kongress eine schwierige Lage für die Weltwirtschaft und insbesondere für die Wirtschaft der Vereinigten Staaten zu schaffen, damit die Republikaner aufgrund steigender Benzinpreise an den amerikanischen Tankstellen eine vernichtende Niederlage erleiden.

Trump mag das verstehen, folgt aber emotional dennoch genau jener Entwicklung, die die Iraner für ihn vorgesehen haben. Er wundert sich über ihr Verhalten – er, der sich immer als großer Meister der Verhandlungen betrachtet hat –, und stellt nun fest, dass man mit den Iranern offenbar gar nichts vereinbaren kann, weil sie sich von allen Vereinbarungen zurückziehen, die angeblich bereits erzielt worden waren.

Den Iranern ging es offensichtlich nur um eine echte Feuerpause für eine gewisse Zeit, damit sie die feierliche Beisetzung des getöteten früheren Obersten Führers Ali Khamenei durch seine Familie durchführen, die Stärke des Regimes demonstrieren und anschließend wieder zur nächsten Eskalationsstufe übergehen konnten.

Allerdings könnten die Iraner das Ausmaß der Eskalation falsch einschätzen. Das ist das Problem einer solchen Politik. Dennoch haben Sie ihre Linie völlig richtig erkannt. Ich habe bereits in den ersten Wochen dieses Krieges gesagt, dass sie ihre Aktionen fortsetzen werden, sobald sie sehen, dass diese wirtschaftliche Probleme in den Vereinigten Staaten verursachen.

Denn ihnen geht es nicht nur um Trumps politisches Scheitern. Ihnen geht es um eine Lehre für die Zukunft: Jeder amerikanische Präsident soll wissen, dass eine Konfrontation und Eskalation mit dem Iran zum Zusammenbruch seiner politischen Möglichkeiten führen kann. Wenn selbst ein so mächtiger und – aus Sicht der republikanischen Wählerschaft – charismatischer Politiker wie Donald Trump letztlich scheitert, welches Schicksal erwartet dann alle anderen Präsidenten der Vereinigten Staaten, die eine ähnliche Politik verfolgen?

Das ist die Antwort auf Ihre Frage. So könnten die Amerikaner über Wahlen denken, wenn die Benzinpreise nicht mehr normal sind. Und genauso könnten die Iraner über die Stimmung der amerikanischen Bevölkerung nachdenken. Das könnte durchaus ein reales Motiv sein.

Aber ich wiederhole: All diese Motive können die künftige Politik der Vereinigten Staaten erheblich beeinflussen. Und Trump könnte sich am Ende als wesentlich aggressiver und härter erweisen, als die iranischen Führer glauben, die ihm derzeit Probleme bereiten.

Trump sagte heute: „Jedes Mal, wenn wir den Iran angreifen, steigt der Ölpreis ein wenig. Das ist nichts Schlimmes.“ Das ist bis zu einem gewissen Grad bereits eine Antwort auf die Frage, wie sehr Trump mögliche neue Schläge gegen den Iran und die Folgen weiterer Eskalationsschritte fürchtet.

Diese Worte fielen beim Treffen des Präsidenten der Vereinigten Staaten mit dem Präsidenten Syriens, Ahmed al-Sharaa, das derzeit in Ankara stattfindet. Ich möchte Sie daran erinnern, dass unmittelbar nach diesem Treffen noch Trumps abschließende Pressekonferenz stattfinden wird. Dort werden wir wahrscheinlich noch weitere Erklärungen hören.

Ich denke, dass Trump heute auch über die Ukraine sprechen könnte, wenn Journalisten entsprechende Fragen stellen.

Und insgesamt können wir – trotz der Tatsache, dass Trump während dieses Gipfels in Ankara keine besondere Begeisterung für die euro-atlantische Solidarität zeigte – sagen, dass dieser NATO-Gipfel für die Ukraine erfolgreich verlaufen ist.

Denn es gelang nicht nur, ein protokollarisches Treffen zwischen den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ukraine durchzuführen. Es gelang auch, vom Präsidenten der Vereinigten Staaten eine konkrete Reaktion auf die ukrainischen Bitten im Zusammenhang mit der Bedrohung durch ballistische Raketen zu erhalten.

Ich hoffe sehr, dass wir tatsächlich die Produktion von Patriot-Raketen erleben werden. Das wäre, würde ich sagen, ein sehr gutes Ergebnis dieses Gipfels in Ankara.

Ich hoffe außerdem, dass die Bereitschaft der NATO, uns Mittel für militärische Zwecke in dieser Größenordnung – 70 Milliarden Dollar – bereitzustellen, ebenfalls ein Signal an den Präsidenten Russlands und die russische Militärführung sein wird.

Und die Worte darüber, dass die Vereinigten Staaten Angriffe auf Russland gutheißen, sind überhaupt ein äußerst wichtiger Punkt.

Sie erinnern sich doch: Noch vor einem Jahr, bei jenem Treffen mit Zelensky im Oval Office, von dem Trump heute sprach, sagte er sinngemäß: „Ihr habt überhaupt keine Karten. Ihr dürft Russland nicht verärgern. Ein Land wie eures kann in einer Konfrontation mit einem Land wie Russland nur verlieren. Deshalb müsst ihr Putin und seiner ganzen Clique Zugeständnisse machen.“

Sie erinnern sich sehr gut an diese Rhetorik Trumps. Damals war jedoch bereits offensichtlich, dass sie nichts mit der Realität des russisch-ukrainischen Krieges zu tun hatte – trotz der ganzen Tragik der heutigen Situation. Denn wir verstehen, dass es eine Tragödie ist, wenn Putin schlicht Jagd auf Zivilisten in Kyiv und anderen ukrainischen Städten macht.

Man muss sagen, dass sich der Krieg inzwischen grundlegend verändert hat. Sie sehen selbst, wie über vielen Städten und Fabriken der Russischen Föderation Rauch aufsteigt. Ich denke, das wird sich nur noch verstärken. Russland steuert auf eine schwere Treibstoffkrise zu, die sich – so hoffe ich – in eine umfassende Wirtschaftskrise verwandeln wird, aus der es für diese terroristische Organisation in den kommenden schweren Jahren keinen Ausweg mehr geben wird.

Niemand sagt der Ukraine heute mehr, dass wir keine Karten hätten oder diesen Krieg zwangsläufig verlieren würden. Im Gegenteil: Man fordert uns auf, die Fabriken und Schiffe Russlands weiter anzugreifen, um Russland noch größere Probleme zu bereiten. Und Trump spricht von seinen guten Beziehungen zum ukrainischen Präsidenten und vom Interesse der Vereinigten Staaten an einer Zusammenarbeit mit der Ukraine.


🔗 Originalquelle

<Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Трамп-Зеленський: головне | Віталій Портников. 08.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 08.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Die Logik des Terrors. Vitaly Portnikov. 07.07.2026.

Логіка терору. Віталій Портников. 07.07.2026.

Der jüngste russische Angriff, der sich vor allem gegen die ukrainische Hauptstadt richtete, ließ selbst bei jenen keine Zweifel mehr, die bislang noch vermutet hatten, Russland versuche, militärische oder industrielle Ziele zu treffen und nehme lediglich in Kauf, dass seine Raketen in Wohnvierteln einschlagen, die sich in der Nähe der angegriffenen Objekte befinden. Nein – dieser Angriff richtete sich gezielt gegen Wohnviertel. Es scheint, als hätten die Russen überhaupt keine anderen Ziele gesucht. Sie wollten zerstören und Angst verbreiten. Das ist die reine Logik des Terrors.

Es stellt sich die naheliegende Frage: Was will Putin mit diesem Terror gegen die Zivilbevölkerung erreichen? Glaubt er tatsächlich, durch solche Angriffe das Ausbleiben größerer Erfolge an der Front kompensieren zu können? Wenn man das Verhaltensmuster des russischen Präsidenten kennt, lässt sich das keineswegs ausschließen. Zu Beginn seiner politischen Karriere, im Jahr 1999, griff Putin Wohnhäuser in seiner eigenen Hauptstadt an. Die Explosionen von Wohngebäuden in Moskau und anderen Städten der Russischen Föderation sollten die Bürger davon überzeugen, dass nur dieser kleine, schmächtige Mann ihre Sicherheit garantieren könne – jener Mann, der versprach, Terroristen „selbst auf dem Klo zu erledigen“.

Heute handelt er genau umgekehrt: Er greift Wohnviertel in Kyiv an, damit die Ukrainer begreifen, dass es keine Sicherheit geben wird, solange sie seine Bedingungen nicht akzeptieren und auf ihren Staat sowie ihre Souveränität verzichten.

Ein weiteres Ziel fügt sich in die Logik des demografischen Krieges ein, den Putin praktisch seit den ersten Tagen der großangelegten Invasion gegen die Ukraine führt. Wir haben oft darüber gesprochen, dass Putins eigentliches Ziel ein Blitzkrieg war – die blitzschnelle Besetzung der Ukraine und der Austausch ihrer Regierung durch ein Marionettenregime. In Russland war man sich jedoch völlig darüber im Klaren, dass ein solcher Angriff zwangsläufig eine Flüchtlingswelle nach Europa auslösen würde. 

Damit verfolgte man zugleich zwei Ziele.

  • Das erste bestand darin, die einheimische Bevölkerung loszuwerden, um die ukrainischen Gebiete anschließend bequem mit russischen Staatsbürgern zu besiedeln – genau das geschieht heute in den besetzten Gebieten der Ukraine.
  • Das zweite Ziel war es, in Europa eine massive Migrationskrise auszulösen, die moskaufreundlichen politischen Kräften den Weg an die Macht ebnen sollte.

Putin hatte bereits Erfahrung mit der Organisation einer solchen Krise, als er den syrischen Diktator Baschar al-Assad unterstützte. Damals gewannen rechts- und linksradikale Kräfte, die stets zu einer Verständigung mit dem Kreml aufgerufen hatten, erheblich an Einfluss, und ihre Umfragewerte stiegen rasant an. Ich bin überzeugt: Ohne die syrische Migrationskrise hätte es den Aufstieg der Alternative für Deutschland und anderer rechtsextremer Parteien in Europa in dieser Form nicht gegeben.

Wie bekannt ist, scheiterten diese Pläne Putins. Der Blitzkrieg misslang. Auch die Migrationskrise blieb aus, weil die Ankunft ukrainischer Flüchtlinge in den europäischen Gesellschaften nicht dieselben Folgen hatte wie die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten – auch wenn man der Wahrheit halber sagen muss, dass sich die Stimmung gegenüber Migration in Europa inzwischen allmählich zu verändern beginnt.

Ein bedeutender Effekt des Angriffs vom Februar 2022 trat jedoch tatsächlich ein: Die Bevölkerung der Ukraine ist erheblich geschrumpft. Millionen Menschen haben das Land verlassen, und mit jedem weiteren Kriegsjahr schwinden die Hoffnungen, dass der Großteil von ihnen jemals zurückkehren wird.

Putin nutzt weiterhin Instrumente, die diesen demografischen Druck verstärken können. Angriffe auf Großstädte führen ebenfalls zu einer möglichen Umsiedlung der Bevölkerung – in kleinere Städte oder ins Ausland. Damit versucht er, dem Nachbarstaat seine wirtschaftliche und demografische Zukunft zu nehmen. Auch das ist die Logik des Terrors.

Deshalb sollte Präsident Volodymyr Zelensky meiner Ansicht nach auf dem bevorstehenden NATO-Gipfel in Ankara mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, und den anderen westlichen Staats- und Regierungschefs genau über diesen Terror sprechen. Nicht nur über den Krieg, sondern über den Terror.

Darüber, dass Putin sich endgültig zum Anführer einer terroristischen Organisation entwickelt hat, die lediglich einen Staat imitiert. Und dass die gewöhnlichen Bürger, die seinen Angriffen zum Opfer fallen, nun vor diesem größten Terroristen des Planeten geschützt werden müssen.

Denn dies ist längst nicht mehr nur ein Krieg zwischen Armeen. Es ist ein klassischer Krieg gegen Frauen und Kinder – genau das, womit sich terroristische Organisationen im Nahen Osten beschäftigen.

Deshalb ist die Stärkung der ukrainischen Luftverteidigung zum Schutz der Zivilbevölkerung so wichtig. Deshalb sind weitere Schläge gegen die russische Wirtschaft so entscheidend – um den Terroristen die finanziellen Mittel zu entziehen, die ihnen die Fortsetzung ihrer Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung ermöglichen.

Dazu gehören nicht nur westliche Sanktionen, die den Verkauf russischen Erdöls und den Kauf russischer Erdölprodukte durch andere Staaten unterbinden sollten. Dazu gehört auch die Lieferung weitreichender Waffen an die Ukraine, mit denen die russische Industrie zerstört und die Terroristen in die Knie gezwungen werden sollen – genau auf jene Knie, von denen sie in ihrer Selbstgefälligkeit so gerne sprechen.

Es zeigt sich, dass Russland nur deshalb von den Knien aufsteht, um zu töten, zu vergewaltigen und zu verstümmeln. Dann soll es eben auf den Knien bleiben und niemanden mehr bedrohen.

Für diejenigen, die in der Ukraine leben, ist Terror nicht bloß ein Bild oder eine Metapher.

Es ist das Gefühl, im Luftschutzkeller zu sitzen und zu wissen, dass Raketen und Drohnen in unmittelbarer Nähe einschlagen.

Oder im Flur der eigenen Wohnung zu sitzen und die Explosionen zu hören.

Oder zu begreifen, dass die eigene Wohnung nicht mehr existiert – und dass auch die eigenen Angehörigen nicht mehr leben, getötet von Putin und seinen bewaffneten Männern in Uniform.

Hilfe für die Ukraine bedeutet deshalb nicht einfach Geld und Waffen.

Sie bedeutet die Möglichkeit zu überleben, wenn dein Tod geplant ist.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Логіка терору. Віталій Портников. 07.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Es gibt viele Ukrainer in Polen, man kann sie leicht bemerken. Im schlimmsten Fall kann das in Pogrome münden – Volodymyr Vyatrovych. Ukrajinska Prawda. 07.07.2026.

Українців у Польщі багато, їх легко помітити. У найгіршому разі це може вилитися в погроми – Володимир В’ятрович. Українська правда. 07.07.2026.

„Den Dschinn des Hasses freizulassen ist leicht, aber ihn wieder zurückzuschieben wird schwer sein“, meint Volodymyr Vyatrovych, einer der bekanntesten Forscher der Befreiungsbewegung und der ukrainisch-polnischen Beziehungen in der Ukraine sowie Leiter des Instituts für Nationales Gedenken in den Jahren 2014–2019.

Am 26. Mai unterzeichnete Volodymyr Zelensky ein Dekret über die Verleihung des Ehrennamens „benannt nach den Helden der UPA“ an das Separate Zentrum für Spezialoperationen „Nord“ innerhalb der SSO. Kaum dürfte gerade diese Entscheidung der Ausgangspunkt der jetzigen Zuspitzung in den Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen gewesen sein. Doch die polnische Politik nahm dieses Dekret als Vorlage wahr, die man unmöglich ungenutzt lassen konnte. In der Kritik an der Ukraine vereinten sich politische Gegner – Präsident Nawrocki und Premier Tusk.

Eine nicht minder scharfe Reaktion löste auch die seit Langem überfällige Entscheidung der Werchowna Rada über die Schaffung eines Nationalen Pantheons aus, die mit fast verfassungsmäßiger Mehrheit angenommen wurde. In Polen wurde sie als weiteres politisches Signal aus Kyiv bewertet.

Die heutige Fixierung des polnischen Informationsraums auf das Thema UPA ruft beunruhigende Assoziationen damit hervor, wie Geschichte seinerzeit zu einem der Instrumente russischen Drucks auf die Ukraine wurde – mit dem Unterschied, dass es sich um einen der wichtigsten Verbündeten während des Krieges handelt.

Am Montagabend, dem 6. Juli, gab das polnische Verteidigungsministerium Daten über den Umfang der Militärhilfe für die Ukraine frei, als Antwort auf Vorwürfe der Rechten über eine geheime Übergabe von Raketen für Patriot, die angeblich die Verteidigungsfähigkeit Warschaus untergraben habe.

Ob es möglich ist, die Schärfe des Moments zu nehmen, worin seine wahre Natur liegt und wozu das führen kann – im Interview mit Volodymyr Vyatrovych.

– Sollte die Ukraine ihr eigenes Pantheon der Helden mit Partnern abstimmen?

– Weder der Krakauer Wawel noch das Pantheon in Rom, noch das in Lissabon, noch anderswo waren Gegenstand internationaler Diskussionen. Das ist ausschließlich eine innere nationale Frage. Ganz vor Kurzem fand in Paris die Umbettung des bekannten französischen Historikers Marc Bloch statt. Dem ging eine innerfranzösische Diskussion voraus, aber keinerlei internationale. Weil es sie auch nicht geben kann.

Das, was wir jetzt erleben, ist ein Wachstumsproblem. Wir waren sehr lange Kinder und später Jugendliche, die auf Ältere hörten. Wir haben uns daran gewöhnt, dass andere unsere Geschichte schrieben und uns Vorgaben machten, wie wir unsere Vergangenheit bewerten sollen. Die Situation ändert sich, wir werden erwachsen. Man sagt, Geschichte werde von den Siegern geschrieben. Jetzt ist der Moment, in dem wir beginnen, unsere eigene Geschichte zu schreiben. Unter anderem deshalb, weil wir in diesem Krieg siegen können.

– Die Werchowna Rada hat das Gesetz über das Nationale Pantheon verabschiedet. Wer wird dort begraben sein?

– Im Gesetz gibt es keine klare Liste, und das löste eine weitere Welle der Hysterie bei polnischen Politikern aus. Es war komisch zu beobachten, dass einige Tage nach Veröffentlichung des Gesetzentwurfs bereits Warnungen aus dem Büro von Präsident Nawrocki erklangen, sie würden aufmerksam auf den Text warten und die Liste prüfen. Zu diesem Zeitpunkt war der vollständige Text bereits auf der Website der Werchowna Rada. Wenn es schwer ist, auf Ukrainisch zu lesen, konnte man zumindest sehen, dass dieser Text keinerlei Liste enthält. Das Gesetz bestimmt nur Kriterien für die Persönlichkeiten, die dort umgebettet werden können.

Es geht um Staatsführer verschiedener Epochen von der Rus bis zur Gegenwart, Armeekommandeure, einschließlich der Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges, also seit 2014, sowie Menschen aus Kultur, Wissenschaft und Kunst.

Es wird eine Koordinierungskommission geschaffen, die auf Grundlage öffentlicher Diskussionen und von Forschungen des Instituts für Nationales Gedenken als zuständigem Organ der Exekutive eine Liste bilden und sie der Werchowna Rada als Gesetz zur Prüfung vorlegen wird. Danach muss sie der Präsident unterzeichnen.

Es geht nicht um Hunderte Menschen, sondern um einige Dutzend der bedeutendsten Persönlichkeiten der Geschichte. Ein Teil von ihnen wird umgebettet, falls es Überreste gibt, besonders im Ausland. Aber zum Beispiel nicht Taras Schewtschenko. Denn seine Grabstätte ist bereits selbst ein Kultort. Dasselbe gilt für Iwan Franko, Mychajlo Hruschewskyj und andere. Ihre Gräber sind gepflegt und an sich Denkmäler.

Stattdessen wird man diejenigen übertragen, die im Ausland begraben sind und deren Gräber bedroht sind.

Ich denke, nicht weniger als die Hälfte des Pantheons werden Kenotaphe bilden, also symbolische Gräber. Denn die Begräbnisorte vieler ukrainischer Persönlichkeiten sind unbekannt.

– Die Kanzlei des polnischen Präsidenten äußerte Enttäuschung über die Verabschiedung des Gesetzes über das Pantheon und nannte dies einen weiteren Eskalationsschritt der Ukraine. Vielleicht ist das wirklich „nicht an der Zeit“?

– Das ist polnische Hysterie und polnische Bewertungen, die nichts mit der objektiven Realität zu tun haben. Ich glaube nicht, dass man darauf überhaupt reagieren muss. Mir scheint, es geht um den Sprecher des Präsidenten. Konkret diese Erklärung ist für mich sehr persönlich. Ich kenne ihn gut – wir waren praktisch Freunde, gingen Bier trinken. Das ist ein Mensch, der seinerzeit Aufständischenlieder sang. Ich glaube, seine Frau ist Ukrainerin. Also war er ein völlig vernünftiger Typ. Hysterie verformt leider vielen Menschen das Gehirn.

Ich bin überzeugt, dass keine ukrainische Reaktion das aufhalten wird, was in Polen geschieht. Die Ukraine hat sehr lange versucht, Zugeständnisse zu machen. Diese Zugeständnisse verwöhnen die polnischen Politiker nur. Wir haben keine Druckinstrumente. Deshalb ist das Einzige, was wir tun können, auf irgendeine Ernüchterung der polnischen Gesellschaft aus dem Rausch zu warten.

Gewisse Anzeichen dafür gibt es bereits: Es erklingen vernünftige Stimmen polnischer katholischer Bischöfe, von Veteranen der Bewegung „Solidarność“, von polnischen Journalisten zusammen mit ukrainischen Journalisten. Anzeichen dafür, dass das irgendwann aufhören wird, gibt es. Aber darauf sollte man in nächster Zeit sicher nicht warten. Vorläufig lässt sich diese Hysterie sehr gut konvertieren – achten Sie auf das starke Wachstum des Ratings von Nawrocki.

Ich kenne ihn als Kollegen. Als ich das ukrainische Institut für Nationales Gedenken leitete, war er Leiter der Danziger Filiale des polnischen Instituts für Nationales Gedenken.

Als Politiker bot Nawrocki den Polen während des Wahlkampfs nichts anderes an. „Zuerst die Polen“ – so lautete sein Slogan, der sich auf die eine oder andere Weise um die ukrainische Thematik drehte. Wie ein geschickter Surfer ritt er auf der antiukrainischen Welle, die spätestens seit 2013 gesät und genährt wurde. Obwohl ihre Wurzeln noch im Jahr 2003 liegen.

Den Dschinn des Hasses freizulassen ist sehr leicht, aber ihn wieder zurückzuschieben wird schwer sein.

Und das ist vor allem ein Problem für die polnische Gesellschaft. Sie muss erkennen, dass eine solche Politik nicht nur der Ukraine und den polnisch-ukrainischen Beziehungen schadet, sondern Polen schadet. Durch ihr Eintauchen in die Vergangenheit wirft sie sich selbst aus wichtigen politischen Prozessen hinaus, die hier und jetzt stattfinden.

Beim Aufbau einer neuen Sicherheitsarchitektur müssten Polen und die Ukraine die zentrale Achse werden. Es finden Treffen im Format Ukraine – Deutschland – Frankreich – Großbritannien statt – minus Polen. Das ist ihre Wahl der Geohistorie statt der Geopolitik. Eine falsche Wahl, aber sie müssen da hindurchgehen.

– Der Außenminister der Ukraine, Sybiha, fuhr nach Verabschiedung des Gesetzes über das Nationale Pantheon nach Warschau mit dem Ziel der Deeskalation. Ein Schritt dazu kann die Aufnahme der Figur des Generals der Armee der UNR, Marko Bezrutschko, in das ukrainische nationale Pantheon sein. Wie bewerten Sie das Potenzial eines solchen Schrittes?

– Erstens wird das der Deeskalation nicht helfen.

Zweitens wird nicht Andrij Sybiga entscheiden, wer im Pantheon landet.

Ich respektiere ihn als Minister, aber es gibt ein Gesetz, das ein Verfahren und Kriterien für die Aufnahme einzelner Persönlichkeiten in das Pantheon vorsieht.

Und drittens ist das Grab von Marko Bezrutschko in Warschau ein wichtiger Ort für die lokalen Ukrainer. Jedes Mal, wenn ein hoher Amtsträger aus der Ukraine nach Polen kommt, geht er auf den Friedhof, um Bezrutschko zu ehren, wie es kürzlich der derzeitige Leiter des Instituts für Nationales Gedenken tat.

Letztlich ist das ein Sammlungspunkt der ukrainischen Gemeinschaft, und es ist kaum nötig, das zu zerstören. Ich bin kein kategorischer Gegner der Überführung von General Bezrutschko, aber dieser Schritt wird sicher nicht zur Deeskalation führen.

– Wie ist die Rolle dieser Persönlichkeit für die Ukraine und Polen zu bestimmen?

– Marko Bezrutschko ist eine der Gestalten der ukrainischen Revolution, ein herausragender Feldherr der Zeit der ukrainischen Revolution von 1917–21. Und für Polen ist er derjenige, der Warschau 1920 rettete.

Er kann ein gemeinsamer Held für beide Länder sein.

Mich brachte eine Veröffentlichung in der polnischen Zeitung „Rzeczpospolita“ zum Lachen, in der Vorschläge erklangen, wen die Ukrainer als Helden annehmen sollten. Nach polnischer Version können dort gemeinsame ukrainisch-polnische Helden sein: Bezrutschko, Sahaidatschnyj, Petljura. Aber nach dieser Version dürfen in unserem Pantheon keine rein ukrainischen Helden sein: Bitte, hört auf den älteren Bruder, nun – den westlichen.

Unsere westlichen Nachbarn müssen irgendwie reifen und erkennen, dass die heutige Ukraine nicht die Ukraine von 2013 ist, als sich 149 Abgeordnete an den polnischen Sejm wandten, um die Handlungen der UPA als Genozid an den Polen anzuerkennen. Damals waren diese Abgeordneten Bürger der Ukraine und tauchten noch nicht in Verfahren wegen Landesverrats auf.

Wahrscheinlich hat diese Erklärung die polnischen rechten Politiker verwöhnt, die genau eine solche Ukraine sehen wollten. Sie wollen nicht erkennen, dass das nicht die Ukraine war, sondern ein Kreml-Simulakrum. Der Initiator des Aufrufs, Wadym Kolesnitschenko, ist ein offensichtlicher russischer Agent. Aber das wollte man nicht bemerken und empfing ihn feierlich im polnischen Sejm.

Jetzt ist 2026. Die Ukraine von 2013 ruht nicht in Gott, sondern irgendwo in der Hölle und wird nicht mehr zurückkehren.

Polnische Politiker, die an die Zukunft denken, müssten die reale Ukraine sehen. Faktisch in allen Regionen betrachten Ukrainer die Helden der UPA als diejenigen, die zur Unabhängigkeit der Ukraine beigetragen haben. Das ist ein unumkehrbarer Prozess.

Polnische Politiker sprechen über ihre Verwundbarkeit bei diesem Thema. Aber sie haben das Recht auf Verwundbarkeit auf ihrem eigenen Territorium und sollten damit nicht erpressen. Umso mehr, als es um ein Land geht, dem sie jetzt ihre Freiheit verdanken. Die Ukrainer halten eine Aggression auf, die Polen unmittelbar betreffen kann.

– Warum hat die Formel Kutschma–Kwaśniewski von 2003 – „Ich vergebe und bitte um Vergebung“ – aufgehört zu funktionieren?

– Diese Formel ist nicht einzigartig. Sie wurde schon in den 60er-Jahren erfunden, gerade im Kontext der polnisch-deutschen Versöhnung.

Der polnisch-ukrainische Konflikt in den Jahren des Zweiten Weltkriegs ist ebenfalls kein einzigartiges Phänomen. Wenn wir uns auf der Weltkarte in irgendeine Richtung bewegen, haben alle benachbarten Völker einander nicht nur geliebt und zusammengearbeitet, sondern auch einander gehasst und getötet. So verlief der Prozess nationaler Bewusstwerdung und Staatsbildung.

Alles, was in der Frage des polnisch-ukrainischen Konflikts auf politischer Ebene getan werden musste, wurde 2003 getan. Neben der Erklärung der Präsidenten gab es eine Erklärung der Kirchen und die gemeinsame Eröffnung eines Denkmals.

Zum 60. Jahrestag der Wolhynischen Tragödie nahmen die Werchowna Rada und der Sejm Polens gleichzeitig eine Erklärung mit einem einheitlichen Text an. Die Politiker haben alles getan, was nötig war – danach sollen sie sich nicht mehr in dieses Thema einmischen, sondern die Historiker diskutieren lassen.

Aber gerade damals beschlossen gewisse rechte Kreise in Polen, dass das nicht genug sei. Mehr noch, sie nutzten eine weitere sehr wichtige innerpolnische Diskussion der frühen 2000er-Jahre – über die Beteiligung von Polen am Holocaust. Das ist eine Diskussion über Massentötungen, die von Polen an Juden ohne Beteiligung der Deutschen begangen wurden. Sie erschütterte Polen Anfang der 2000er-Jahre nach Erscheinen des Buches von Jan Tomasz Gross „Nachbarn“.

Und diese Diskussion traf die mentalen Grundlagen der polnischen Gesellschaft, die gewohnt war, sich nur als Opfer zu sehen. In diesem Moment wurde die Verlagerung des Fokus von der Beteiligung der Polen am Holocaust auf Ukrainer, die Polen töteten, zu einem Rettungsring für einen Teil der Gesellschaft.

Die von Ihnen erwähnte Erklärung der beiden Präsidenten und Parlamente war der letzte Versuch, diese Diskussion im Rahmen der Angemessenheit zu kontrollieren. Später gab es Versuche auf der Ebene der Präsidenten Kaczyński und Juschtschenko. Und selbst 2008, zum 65. Jahrestag der Ereignisse in Wolhynien, fanden in Polen keinerlei Gedenkveranstaltungen statt.

Aber Präsident Juschtschenko verlor die Wahl, und Präsident Kaczyński starb zusammen mit einem bedeutenden Teil der angemessensten polnischen Akteure. Übrigens, darunter auch Historiker. Unter den Toten war mein Kollege Janusz Kurtyka, Leiter des Polnischen Instituts für Nationales Gedenken, der ruhig auf eine Pressekonferenz ging und erzählte, dass Schuchewytsch ein Held für die Ukrainer ist und sein kann.

Diese Menschen würden sich auch heute nicht so äußern wie die heutigen polnischen Akteure. Die Situation wurde auch durch die Ereignisse in der Ukraine verschlechtert, die gegenüber russischen historischen Narrativen sehr empfänglich wurde – für einen Gasrabatt, für alles Mögliche.

Das vergrößerte die Versuchung unserer westlichen Nachbarn.

Der Aufruf von 149 ukrainischen Abgeordneten im Jahr 2013 gab den Anstoß zur ersten Erklärung des Sejm „Über die Ereignisse in Wolhynien mit Anzeichen eines Genozids“. Und 2016 verwandelten sich die Anzeichen in einen vollständigen Genozid. Danach übernahmen die Politiker die historische Diskussion über den polnisch-ukrainischen Konflikt vollständig – und dieser Prozess setzte sich nur noch fort.

Von unserer Seite und von polnischer Seite gab es zwischen 2014 und 2016 noch Versuche, das Thema den Historikern zu überlassen. Wir haben sogar eigens ein polnisch-ukrainisches Historikerforum geschaffen. Es war klasse – wir diskutierten bis spät in die Nacht, stritten. Ich glaube, dass das für beide Seiten vorteilhaft war. Aber 2016 ergreift in Polen „Recht und Gerechtigkeit“ vollständig die Macht, und in diesem Dialog wird ein Punkt gesetzt. An diesen Punkt klammert man sich bis heute. Erinnern Sie sich an die jüngste Erklärung des polnischen Verteidigungsministers Kosiniak-Kamysz, dass „die Frage Wolhynien nicht diskutiert werden kann“. Was heißt das – kann nicht diskutiert werden?

– Der Verteidigungsminister Polens erklärte auch, die Ukraine müsse eine Wahl zwischen Bandera und der Europäischen Union treffen …

– Er ist nicht der Erste. Symptomatische Parolen, die leider nur von der Unreife der polnischen Gesellschaft zeugen.

– Jeder ukrainische Präsident, wie übrigens auch jeder Leiter des Instituts für Nationales Gedenken, war überzeugt, dass man durch Zugeständnisse Versöhnung erreichen könne …

– Ich nicht. Über viele Jahre habe ich mehr als einmal gehört, dass gerade ich an der Eskalation der ukrainisch-polnischen Beziehungen schuld sei. Deshalb möchte ich jetzt am liebsten schreien oder ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich habe es doch gesagt“ anziehen.. Ich war von Anfang an der Meinung, dass man Beziehungen von Gleichen aufbauen muss. Wahrscheinlich ist das die einzige Möglichkeit für einen normalen Dialog. Halb scherzhaft, halb ernst erinnert man mir in diesem Kontext meine teilweise polnische Herkunft – mein Urgroßvater war Kazimierz Vyatrovych.

– Nicht aus Wolhynien?

– Nicht aus Wolhynien, aus Galizien, von älteren Okkupanten. Vielleicht verstehe ich tatsächlich besser die Psyche von Menschen, die nur jene respektieren, die sich selbst respektieren. Sobald wir beginnen, nach dem Motto „Was wünschen Sie?“ zu handeln, gibt es kein Halten mehr. Die Forderungen werden immer weiter wachsen.

Deshalb hoffe ich, dass die jetzige Situation, trotz all ihrer Unangenehmheit, unsere Beziehungen ernüchtern wird und sie wieder normal und gleichberechtigt werden. Von polnischer Seite gab es immer die Wette darauf, dass jede neue ukrainische Regierung …

– Sich vor den Opfern der Wolhynischen Tragödie auf die Knie stellen wird, wie Poroschenko?

– Übrigens ein starker Gestus Poroschenkos, auf den die polnische Gesellschaft sehr originell reagierte: Sie nahmen ihn schlichtweg nicht zur Kenntnis. Das ist ein Zeugnis dafür, dass sie das nicht brauchen. Sie wollen nicht, dass jemand um Vergebung bittet, sie wollen weiter Entschuldigungen fordern. Ein nicht weniger aussagekräftiges Beispiel ist die Exhumierung.

In der Ukraine gab es kein Verbot der Exhumierung, in der Ukraine gab es ein Verbot von Sucharbeiten. Dieses Verbot war eine Reaktion darauf, dass 15 Denkmäler auf realen ukrainischen Gräbern in den Jahren 2014–16 zerstört wurden. Ein Teil davon – live. Im Online-Modus schaute man zu, likte, bat um mehr.

Unter den zerstörten waren unter anderem solche, die Staatssymbole enthielten. Um das zu stoppen, gab es unsere Reaktion. Und ehrlich gesagt, wir stoppten es. Die Zerstörungen hörten auf. In den Verhandlungen machten wir zur Bedingung für die Fortsetzung der Sucharbeiten die Wiederherstellung wenigstens eines Grabes.

Das geschah jedoch nie. Aber von polnischer Seite begannen Manipulationen, dass die Ukraine angeblich Exhumierungen verbiete.

Ich erkläre den Unterschied: Exhumierung ist, wenn wir genau wissen, wo ein Begräbnis ist und dass dort tatsächlich sterbliche Überreste liegen, aber „die Ukrainer, Satanisten, Heiden lassen nicht umbetten“. Jetzt, wo die Ukraine die Genehmigung für Sucharbeiten gegeben hat und diese Arbeiten stattfinden – o Gott, es gibt diese Überreste nicht. Es stellt sich heraus, dass Sucharbeiten nicht unbedingt ein Ergebnis bringen. Es stellt sich heraus, dass viele Informationen, die in Polen als verlässlich gelten, sich in Wirklichkeit auf keinerlei verlässliche Quellen stützen. Und deshalb gibt es die sterblichen Überreste, die eine Exhumierung benötigen, einfach nicht.

Jetzt wird die Behauptung laut, die Ukrainer versteckten diese sterblichen Überreste irgendwo. Und einige Jahre zuvor wurde eine Kampagne über Ukrainer hochgefahren, die nicht Mitglied der Europäischen Union sein können, weil sie grundlegende europäische Werte nicht teilen und den Polen nicht erlauben, ihre Vorfahren zu begraben, die irgendwo auf ukrainischem Boden liegen.

– Wie korrekt ist die Behauptung eines Genozids, wenn die Ukraine zum Zeitpunkt der Wolhynischen Tragödie eine staatenlose Nation war, im Unterschied zu Polen, das zumindest eine Exilregierung hatte?

– Das Territorium stand unter deutscher Okkupation, deshalb sind Gespräche über Genozid, ob von Seiten der Ukrainer oder von Seiten der Polen, unangebracht. Sie haben den staatenlosen Status zu Recht bemerkt. In der Weltgeschichte gibt es keine Beispiele eines Genozids, der bei Abwesenheit eines Staatsapparats durchgeführt wurde.

Um einen Genozid zu organisieren, braucht es eine kolossale Disproportion zwischen Aggressor und Opfer. Sie muss in völliger Schutzlosigkeit der einen und vollständiger Kontrolle über das Territorium durch die anderen bestehen. Dafür braucht es Polizei, Armee, Geheimdienste, Propaganda.

In den Jahren des Zweiten Weltkriegs hatten weder Ukrainer noch Polen eine solche Möglichkeit. Während des polnisch-ukrainischen Konflikts töteten Ukrainer Polen, und Polen töteten Ukrainer. Wo finden Sie in der Weltgeschichte einen Genozid, bei dem Opfer des Genozids ihre Henker töteten? Das Verhältnis lag jedenfalls bei etwas weniger als fünfzig zu fünfzig. Wo finden Sie in der Weltgeschichte einen Genozid, bei dem Opfer und Henker eines Genozids sich an den Verhandlungstisch setzen?

Und es gab Verhandlungen in den Jahren 1941, 1942, 1943, 1944, 1945 zwischen beiden Untergründen. Sie fanden keine gemeinsame Sprache, weil die Konzepte beider Untergrundbewegungen auf Grundlage territorialer Ansprüche einander entgegengesetzt waren. Polen bestand auf der Wiederherstellung der Grenzen von 1939. Die Ukrainer konnten dem nicht zustimmen, weil sie für einen selbständigen vereinten ukrainischen Staat kämpften. Auf die Westukraine zu verzichten war für sie unmöglich, denn gerade sie war der Brückenkopf dieses Kampfes.

Stellen Sie sich vor, Roman Schuchewytsch sagt: „Wir gehen hinter den Sbrutsch und setzen dort den Kampf fort. Die Ukrainische Aufständische Armee stellen wir wie einen Schrank um – irgendwo weiter nach Osten“. Das ist absurd. Deshalb konnten die ukrainischen Aufständischen der polnischen Konzeption nicht zustimmen.

Die Verhandlungen gerieten periodisch in eine Sackgasse, und der bewaffnete Kampf begann. Einschließlich Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung – absolut symmetrisch von beiden Seiten. Das Einzige, was asymmetrisch, unverhältnismäßig war, waren die Verluste. Auf polnischer Seite gab es mehr davon, weil die Hauptarena der Konfrontation Territorien wurden, auf denen Ukrainer die absolute Mehrheit waren. Wenn man zum Beispiel über Wolhynien spricht, dort betrug das Bevölkerungsverhältnis 1:8. Wer hätte also mehr sterben müssen – Ukrainer oder Polen? Offensichtlich spiegelte sich dieses Verhältnis auch in der Zahl der Verluste wider.

– Aus Sicht des heutigen Völkerrechts ist die Operation „Weichsel“ ebenfalls ein klassisches Kriegsverbrechen …

– Eine ethnische Säuberung.

– Gab es neben der Vertreibung der Bevölkerung auch eine massenhafte Wegnahme ukrainischer Kinder? 

– Kriegsverbrechen und Genozid sind verschiedene rechtliche Kategorien. Das, was während des polnisch-ukrainischen Konflikts geschah, nicht nur in Wolhynien, sondern auch in Galizien, in der Lemkenregion, im Cholmer Land und nicht nur 1943, sondern auch von 1942 bis 1947, einschließlich der von Ihnen erwähnten „Weichsel“ – all das enthielt Elemente von Kriegsverbrechen von beiden Seiten.

Gerade „Weichsel“ ist jenes Kriegsverbrechen, das Ukrainer und Polen hätte vereinen sollen, weil es ein typisches kommunistisches Verbrechen ist, durchgeführt von der polnischen kommunistischen Macht. Meiner Meinung nach hätte es hier Gründe für eine gemeinsame Position geben müssen. Mehr noch, sie existierte: In den 90er-Jahren nahm der polnische Senat eine Entscheidung mit der Verurteilung der Aktion „Weichsel“ an.

Das war dann später, als Karol Nawrocki, der heutige Präsident Polens, Leiter des polnischen Instituts für Nationales Gedenken wurde, dass die 20-jährige Untersuchung gestoppt wurde.

Obwohl es sogar vorläufige Schlussfolgerungen gab, wonach es sich nicht um ein Verbrechen, sondern um eine notwendige Maßnahme zum Schutz der polnischen Bevölkerung vor den Banditen der Ukrainischen Aufständischen Armee gehandelt habe. Das heißt, im Vergleich zu den 1990er Jahren hat Polen im Verständnis seiner Vergangenheit einen vollständigen Rückschritt erlebt.

– Bis 2022 war die Ukraine Objekt, nicht Subjekt der internationalen Politik und stellte in der ukrainisch-polnischen Diskussion nie Gegenforderungen und Ansprüche. Vielleicht ist es Zeit?

– Wenn es um Forderungen geht wie Józef Piłsudski aus dem Pantheon der Helden Polens zu entfernen, dann ist das absurd. Ich bin kategorisch dagegen, Dummheit mit Dummheit zu beantworten. Lasst uns den Absurdität nicht vermehren. Aber wenn es um die Ehrung von Ukrainern geht, die durch die Hände von Polen starben, dann muss man das tun.

Auf der Plattform der Ukrainischen Katholischen Universität wird derzeit ein Projekt der namentlichen Verifizierung aller Opfer umgesetzt. Es wurden 30 Tausend Ukrainer festgestellt, die während des Konflikts von Polen getötet wurden. Davon sind 10 Tausend Opfer in Wolhynien. Nichts Ähnliches gibt es von polnischer Seite.

Von polnischer Seite haben wir stattdessen die Zahl von 100 Tausend Opfern, die einfach im Gesetz festgeschrieben ist und nicht einmal diskutiert wird. In all den Jahren der Diskussionen ist es ihnen nicht gelungen, diese Zahl methodisch anhand von Quellen zu belegen.

Noch ein wichtiger Moment, der polnische Politiker dazu bewegt, über die Unzulässigkeit einer Revision von Fakten zu erklären – die Öffnung der KGB-Archive. Wir erhielten beispiellosen Zugang zu Dokumenten, darunter auch über den polnisch-ukrainischen Konflikt. Die Hauptarena des Konflikts war das Territorium der heutigen Ukraine und teilweise Ostpolens.

Ohne Dokumente ist es sehr schwierig zu verstehen, was damals geschah. Die überwiegende Mehrheit der polnischen Konzepte hingegen, insbesondere jener, die Anfang der 2000er Jahre populär wurden und später die Grundlage des Genozid-Ansatzes bildeten, stützte sich auf Erinnerungen von Zeitzeugen. Diese Aussagen wurden erst in den 1990er- und 2000er-Jahren aufgezeichnet.

Ein anschauliches Beispiel für die Fehlerhaftigkeit vieler dieser Zeugnisse wurde ein Foto, das die polnische Seite bis heute verwendet – Kinder, die mit Stacheldraht an einen Baum gebunden sind. Man nannte ihn sogar „Baum der unabhängigen Ukraine“. Es begannen Erinnerungen aufzutauchen, dass es so etwas in verschiedenen Dörfern gegeben habe. Und jemand erklärte sogar, es habe nicht einen Baum gegeben, sondern eine ganze Allee.

So dauerte es bis 2006–2008, bis polnische Journalisten feststellten, dass dieses Foto eine Illustration aus einem Psychiatrielehrbuch ist, auf dem Kinder dargestellt sind, die von einer wahnsinnigen Mutter getötet wurden. Das ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie verzerrt Erinnerungen sein können.

Dieses Foto hat keinerlei Bezug zur Ukraine. Aber es wurde allen Ernstes als Entwurf für ein Denkmal für die Opfer der Wolhynischen Tragödie in Warschau betrachtet. Das Einzige, was damals diskutiert wurde, war die Ästhetik: Vielleicht würde den Menschen ein derart schreckliches Bild nicht gefallen.

Ukrainische Forschungen finden auf dokumentarischer Grundlage statt, und sie stellen den einseitigen Ansatz infrage, dem zufolge Ukrainer nur Mörder und Polen nur Opfer sind. Und gerade das, so scheint mir, veranlasste die polnischen Politiker, die Diskussion in einem für sie günstigen Stadium zu beenden: in dem alles als geklärt gilt und jeder, der widerspricht, als Revisionist gilt.

Mein zweites Buch „Der ukrainisch-polnische Krieg“ erschien auf Polnisch und Englisch. Wenn man den polnischsprachigen oder englischsprachigen, offensichtlich von Polen redigierten Artikel über dieses Buch oder über mich anschaut, dann ist Vyatrovych ein „wolhynischer Revisionist“, weil er irgendwelche Schlüsselkonzepte infrage stellt. Ja, ich stelle sie infrage, weil sie sich überhaupt nicht auf eine ernsthafte Methodik oder auf ernsthafte Quellen stützen.

– Aber auch einige ukrainische Historiker bestehen auf einer Revision der Erinnerungspolitik gegenüber der UPA – der außerhalb der Ukraine bekannte Jaroslaw Hryzak, Heorhij Kasjanow, Danylo Janewskyj und nicht nur sie.

– Jaroslaw Hryzak verheddert sich, entschuldigen Sie, in den Aussagen. In polnischen Medien sagt er, dass die Ereignisse in Wolhynien als Genozid qualifiziert werden können. In ukrainischen Medien behauptet er parallel, dass man das nicht als Genozid betrachten könne.

Danylo Janewskyj ist ein Verbreiter rein russischer Narrative – sei es im Zusammenhang mit dem Bewerfen der ukrainischen Befreiungsbewegung, der Dekolonisierung oder der Verteidigung Bulgakows mit Dreck.P Es ist seltsam, dass der ukrainische Verlag „Folio“ periodisch diesen Unsinn von ihm druckt, der nichts mit Geschichte gemein hat. Heorhij Kasjanow ist noch ein „guter“ Mann, der in Polen lebt, von wo aus es leicht ist, über die Verbrechen ukrainischer Nationalisten zu sprechen und sehr schwer, die Verbrechen polnischer Nationalisten zu bemerken.

Von 2010 bis 2014 war Heorhij Kasjanow, systematischer Kritiker des Instituts für Nationales Gedenken und der Politik nationalen Gedenkens als solcher, Mitarbeiter des Instituts für Nationales Gedenken, das zu diesem Zeitpunkt vom Kommunisten Walerij Soldatenko geleitet wurde.

Was den geschätzten Jaroslaw Hryzak betrifft, so wiederholt er die meiner Meinung nach falsche These eines anderen Historikers, eines großen Sympathisanten der Ukraine, Timothy Snyder, der von der „dritten Phase der UPA“ spricht.

Es gab keinerlei Phasen. Die Ukrainische Aufständische Armee begann als antinazistische Widerstandsbewegung Ende 1942, als das gesamte Territorium der Ukraine von den Nazis besetzt war. Das waren dieselben Jungs, die ihren Kampf gegen die Nazis begannen, ihn gegen die Sowjets fortsetzten und periodisch an der dritten, wie sie sagten, unnötigen Front kämpften – gegen den polnischen Untergrund. Warum es sie gab, darüber haben wir schon teilweise gesprochen. Es sind dieselben Menschen. Wer Besatzer war, der war für sie auch Feind.

Geschichte schreiben die Sieger. Leider waren wir nicht unter den Siegern.

Jetzt haben wir die Möglichkeit, selbst unsere Geschichte zu schreiben, weil wir die Möglichkeit haben, den Krieg zu gewinnen.

– Kehren wir zum Pantheon der ukrainischen Helden zurück: Wird dort Stepan Bandera sein, unter Berücksichtigung dessen, welche Reaktion das in Polen hervorrufen wird?

– Ich bin überzeugt, dass er dort sein muss.

Roman Schuchewytsch passt ebenfalls nach allen Kriterien. Leider gibt es kein Grab, entsprechend wird es ein Kenotaph sein.

Und Wassyl Kuk auch. Er ist in Krasne begraben, ich habe mich persönlich um dieses Begräbnis gekümmert. Er vermachte, ihn im Fall der Errichtung eines Pantheons in Kyiv umzubetten. Deshalb ist es für mich neben allem anderen die Erfüllung einer persönlichen Verpflichtung gegenüber Wassyl Kuk.

Wenn man über die UPA spricht, fallen entsprechend dem Gesetz über das Nationale Pantheon nur zwei in diese Kategorie – Schuchewytsch und Kuk. Was die OUN betrifft, sind das offensichtlich Konowalez, Bandera, Melnyk.

Die Umbettung des Letzteren auf dem Nationalen Militärgedenkfriedhof wurde sofort als vorläufig betrachtet, bis zu dem Moment, in dem das Pantheon errichtet wird.

– Ist es korrekt, Bandera und Melnyk in einem Memorial zu platzieren?

– Das ist eine der Funktionen des Pantheons – Menschen zu versöhnen, die stritten, aber für die Sache der selbständigen Ukraine kämpften.

– Aber die Bandera-Anhänger und die Melnyk-Anhänger diskutierten nicht nur, sie schossen sogar in der Emigration aufeinander!

– Und Skoropadskyj mit Petljura? Und die Schlacht bei Motowyliwka, der Aufstand gegen Skoropadskyj? Sie töteten ebenfalls einander, aber zugleich kämpften sie für die Ukraine. Deshalb müssen Skoropadskyj und Petljura, trotz dessen, dass sie zu Lebzeiten Feinde waren, zusammen sein.

– Und Konowalez?

– Ohne Zweifel. Das ist eine der Schlüsselfiguren der ukrainischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

– Die Errichtung der Büste von Masepa in der Kyiv-Petschersker Lawra und das Versprechen von Zelensky, ein Denkmal an der Stelle des gestürzten Lenin in Kyiv zu errichten – ist das ein Versuch, den historischen Fokus von der heiklen Thematik OUN–UPA auf ältere Zeiten zu verschieben?

– In der Ukraine muss es sicher ein Denkmal für Masepa, Petljura, Bandera geben. Und Petljura aus Paris sollte man sicher holen. Er ist es absolut wert, als Staatsführer und Kommandeur des ukrainischen Heeres jener Zeit begraben zu werden.

Und in das Pantheon müssen Pylyp Orlyk, Sahaidatschnyj, Chmelnyzkyj, Fürsten eingehen. Prinzipiell wichtig ist, die Kontinuität von der Rus bis zur Gegenwart zu zeigen.

Was die Präsidenten der Ukraine betrifft, so ist eine solche Option ebenfalls möglich: wenn 20 Jahre nach dem Tod die Kommission keinerlei Vorbehalte feststellt und das Parlament entsprechend abstimmt. Ebenso können die Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges umgebettet werden, also seit 2014.

– Der Grad der Diskussion in der polnischen Gesellschaft unterscheidet sich nicht allzu sehr von dem, was in Russland kurz vor dem umfassenden Krieg geschah. Worin kann das münden?

– Im schlimmsten Fall – in Pogrome gegen Ukrainer. Es gibt viele von ihnen, man kann sie leicht bemerken, sie sind dort schutzlos, wenn der polnische Staat sie nicht schützen wird.

Das, was jetzt mit dem sogenannten Wolhynien-43 geschieht, erinnert mich wirklich an russisches Siegeswahn. Es ist bereits aus dem Bereich irgendwelcher historischer Diskussionen in eine Quasi-Religion übergegangen, in der man nichts diskutieren kann, wo bestimmte Rituale stattfinden, irgendwelche heiligen Worte, heilige Zahlen, an die man sich in keinem Fall heranwagen darf. Und wir haben tatsächlich gesehen, was eine solche Krankheit letztlich mit der russischen Gesellschaft angerichtet hat; ich fürchte, dass so etwas auch mit der polnischen Gesellschaft geschehen kann.

– Für die Eurointegration verzichtete Kroatien auf lebende Nationalhelden. Der Kriegsheld General Ante Gotovina wurde als Kriegsverbrecher nach Den Haag ausgeliefert. Die Enttäuschung der Kroaten hätte beinahe den EU-Beitritt scheitern lassen, aber der General selbst rief aus dem Gefängnis heraus die Nation auf, die Eurointegration beim Referendum zu unterstützen. Ist für die Ukraine eine Variante des zeitweiligen Verzichts auf ihre Helden zugunsten der Mitgliedschaft in der Europäischen Union möglich?

– Weder Bandera noch Schuchewytsch werden die Ukrainer dazu aufrufen, die Erinnerung an sich selbst zugunsten der europäischen Integration zu opfern. Und die heutigen Verteidiger der Ukraine werden nicht erlauben, die Erinnerung an Bandera und Schuchewytsch zu opfern.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Українців у Польщі багато, їх легко помітити. У найгіршому разі це може вилитися в погроми – Володимир В’ятрович. Українська правда. 07.07.2026./span>
Autor: Vyatrovych
Veröffentlichung: 07.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Die Blase der polnischen Kränkung und die ukrainische Blutung…Vitaliy Vantsa. 07.07.2026.

Польська бульбашка кривди та українська кровотеча.. Vitaliy Vantsa. 07.07.2026.

Polen erinnert heute immer mehr an einen Menschen, der in einem Boot sitzt, das durch einen Sturm treibt, und statt auf die Wellen zu schauen, ein internes Seminar darüber veranstaltet, wer wem 1943 was gesagt hat.

Das ist sehr edelmütig … fast so, als würde man die Speisekarte eines Restaurants überarbeiten, das bereits brennt.

In Polen gibt es eine lange politische Kultur des historischen Unrechts. Die Teilungen Polens, der Verlust der Staatlichkeit, Besatzungen, Kriege, der Verrat durch die Großmächte – all das sind reale Traumata. Man sollte sie nicht kleinreden.

Doch ein Trauma ist das eine … eine politische Industrie des Traumas ist etwas völlig anderes.

Denn wenn historisches Unrecht zum wichtigsten Treibstoff der eigenen Identität wird, muss es ständig neu angefacht und nachgefüllt werden. Sonst verliert die Blase ihre Spannung. Und wenn die Deutschen weit weg sind, die Russen scheinbar „irgendwo weit weg“ und in Polen kaum noch Juden leben – wer eignet sich dann am besten als lebendige Verkörperung historischen Unrechts?

Richtig … die Ukrainer. Sie sind „praktischerweise“ hier. Ganz in der Nähe. Sie arbeiten. Sie sprechen Ukrainisch. Sie haben ihre eigenen Helden. Sie fragen niemanden um Erlaubnis. Und sie haben – diese Frechheit – irgendwie überlebt.

Genau das scheint manchmal eines der Hauptprobleme zu sein.

Die polnische Politik (genauer gesagt: die Politik!) versteht heute oft nicht, dass die Ukraine nicht im Theater ihrer Erinnerung lebt, sondern auf der Intensivstation. Und wir leiden unter einer massiven Blutung.

Wenn ein Mensch verblutet, führt er keine Podiumsdiskussion darüber, ob das Tourniquet vielleicht zu radikal angelegt wurde. Er zieht das Tourniquet einfach fest.

Wenn der Schmerz unerträglich ist, hält er keinen Vortrag über die langfristige Toxizität von Morphin oder Fentanyl. Er lindert den Schmerz, um nicht zu sterben.

Mit nationalen Symbolen im Krieg verhält es sich möglicherweise ähnlich. In Kriegszeiten greift eine Gesellschaft nicht zu akademisch sterilen Symbolen, sondern zu starken Symbolen – zu denen, die mobilisieren, den Mut aufrechterhalten, Rückgrat geben und gegen das Imperium wirken.

Ja, irgendwann wird die Zeit kommen, den gesamten nationalen Kanon in Ruhe zu überprüfen. Irgendwann wird man ausführlich über Toxizität, Kontexte, Schattenseiten, Verantwortung und internationale Wahrnehmung diskutieren können. Aber im Moment befinden wir uns leider nicht auf einem historischen Symposium.

Unser Alltag heißt Russland. Jeden Tag. Mit Verlusten und massiven Angriffen. Bei uns gibt es Raketen. Drohnen. Schützengräben. Todesnachrichten. Kriegsgefangene. Städte ohne Strom. Kinder in Luftschutzkellern.

Und da wirkt es äußerst befremdlich, wenn man uns aus Warschau gerade jetzt Vorträge hält: „Sind eure Helden überhaupt zivilisiert genug?“

Meine Damen und Herren – wir verbluten gerade. Ihr Seminar über die richtige Verwendung von Verbänden kann man etwas später abhalten.

Das größte Paradoxon besteht darin, dass Polen und die Ukraine noch immer im selben Boot sitzen. Wenn die Ukraine fällt, wird Polen dadurch nicht sicherer. Wenn die Ukraine jedoch die Front hält, gewinnt Polen strategische Tiefe. Und wenn die Ukraine siegt, erhält Polen einen starken Partner an seiner Seite – einen Markt, ein Verteidigungsbündnis, logistische Möglichkeiten, den Wiederaufbau und ein neues Osteuropa. Wenn Polen sich stattdessen mit der Ukraine zerstreitet, schenkt es diesen Raum Berlin, Paris, London, Washington – wem auch immer, nur nicht sich selbst.

Genau darin besteht das strategische Talent des polnischen Populismus: eine einmalige historische Chance zu ergreifen und sich damit selbst auf den Kopf zu schlagen.

Polen hätte der wichtigste Fürsprecher der Ukraine in Europa sein können. Das wichtigste Drehkreuz für den Wiederaufbau. Die wichtigste politische Brücke zwischen der Ukraine und der EU. Der wichtigste Partner einer neuen Sicherheitsarchitektur Osteuropas.

Doch ein Teil der polnischen Politik hat beschlossen, es sei interessanter, gegen tote Ukrainer der 1940er Jahre zu kämpfen, während lebende Ukrainer gegen Russland kämpfen.

Ein „brillanter“ Geschäftsplan!

Fast so, als würde man die Aktien eines künftigen Technologiekonzerns ablehnen, weil einem die Frisur seines Großvaters nicht gefallen hat.

Die Ukraine wird nach diesem Krieg – so hoffe ich sehr – nicht mehr dieselbe Ukraine sein. Sie wird kein Bittsteller mehr sein. Kein „kleiner Nachbar“. Kein schweigendes Objekt fremder Erziehungsversuche.

Sie wird ein Staat mit gewaltiger Kampferfahrung sein, mit einer eigenen Rüstungsindustrie, einer Schule für Drohnentechnologie, einer Armee, die den modernen Krieg tatsächlich kennt, und mit dem politischen Kapital eines Landes, das den russischen Imperialismus aufgehalten hat.

Und wenn Polen glaubt, mit einer solchen Ukraine weiterhin in der Sprache sprechen zu können: „Mit Bandera werdet ihr nicht beitreten“, „Eure Erinnerungskultur ist falsch“, „Wir lassen euch hinein oder eben nicht“, dann ist das keine Diplomatie mehr. Das ist geopolitische Kurzsichtigkeit unter nationaler Flagge.

Besonders amüsant ist auch die Behauptung, die Ukrainer seien eine Belastung für Polen.

Die Ukrainer in Polen arbeiten, zahlen Steuern, gründen Unternehmen, tragen einen Teil des Arbeitsmarktes, stärken die polnische Wirtschaft und schließen demografische Lücken, die die polnische Politik selbst nicht schließen kann.

Und gleichzeitig erklärt man ihnen von den höchsten politischen Tribünen Polens, sie seien das Problem.

Das ist nicht einmal mehr Undankbarkeit. Das ist bereits eine Art wirtschaftliche Schizophrenie mit patriotischem Soundtrack.

Was sollte die Ukraine also tun?

Ganz sicher nicht mit Orden hinterherlaufen.

Nicht betteln.

Nicht versuchen, diejenigen zu überzeugen, die von politischer Kränkung leben.

Nicht die eigene Erinnerungskultur für die Zustimmung des polnischen Elektorats preisgeben.

Nicht den eigenen nationalen Kanon gegen ein vorübergehendes polnisches „Ja“ in Brüssel eintauschen.

Denn wenn es nicht Bandera ist, wird es später Masepa sein. Wenn nicht die UPA, dann Chmelnyzkyj. Wenn nicht Wolhynien, dann das Getreide. Wenn nicht das Getreide, dann der Transport oder die Spediteure. Wenn nicht der Transport, dann „die Ukrainer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“.

Wer einen Vorwand finden will, wird ihn leider immer finden.

Deshalb sollte die Strategie einfach sein.

Dankbarkeit – ja.

Erniedrigung – nein.

Dialog – ja.

Erpressung – nein.

Exhumierungen – ja.

Kriminalisierung der ukrainischen Erinnerungskultur – nein.

Partnerschaft – ja.

Polnische Vormundschaft über die ukrainische Identität – nein.

Und noch etwas.

Gute Nachbarschaft entsteht nicht dadurch, dass sich immer nur eine Seite entschuldigt.

Gute Nachbarschaft beruht auf Stärke, Gegenseitigkeit, Respekt und dem Verständnis einer gemeinsamen Bedrohung.

Die beste Garantie für gute nachbarschaftliche Beziehungen der Ukraine ist nicht ein weiterer schöner Gipfel.

Es sind eine starke Armee, eigene Raketen, eigene Drohnen, eine eigene Luftverteidigung, eigene Geheimdienste, eine eigene Rüstungsindustrie, eine eigene Wirtschaft – aber auch eine eigene Erinnerungskultur, die weder durch ein polnisches, ungarisches, russisches noch irgendein anderes Veto blockiert werden kann.

Polen kann seine Blase des historischen Unrechts noch lange weiter aufblasen.

Aber es sollte sich nicht wundern, wenn die Ukraine irgendwann einfach aufhört, an diese Blase zu klopfen, und beginnt, ihre Zukunft mit jenen aufzubauen, die eine Zukunft wollen – und keinen endlosen politischen Friedhof mit Mikrofon.

Denn im Moment ist alles ganz einfach.

Die Ukraine blickt auf die Front.

Die polnischen Populisten blicken in die Vergangenheit und suchen dort nach Umfragewerten.

Und noch etwas Wichtiges:

Über die Geschichte werden wir ganz sicher noch sprechen.

Aber zuerst müssen wir schlicht überleben!

Und genau das scheint man in Warschau bis heute am schwersten zu begreifen. ((


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Titel des Originals: Польська бульбашка кривди та українська
кровотеча.. Vitaliy Vantsa. 07.07.2026.

Autor: Vitaliy Vantsa.
Veröffentlichung / Entstehung: 07.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Krakau: Hakenkreuz in ukrainischen Farben – Ein Alarmsignal für Polen? Vitaliy Vantsa. 08.07.2026.

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Ein Hakenkreuz in den ukrainischen Farben auf dem Gehweg.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal, was ich dazu noch kommentieren soll. Genauer gesagt weiß ich es, aber ich möchte es eigentlich nicht, denn das ist längst keine politische Diskussion mehr, keine „historische Erinnerung“, kein Wolhynien, kein Bandera, keine UPA und auch kein weiterer Fernsehpatriotismus mit Mikrofon.

Das ist inzwischen ein schweres Geschwür … ein widerliches, eiterndes, stinkendes Geschwür, das man lange mit Worten, Fernsehsendungen, Andeutungen, Erpressung, „Mit Bandera werdet ihr nicht beitreten“, „Die Ukrainer sind undankbar“, „Die Ukrainer lachen über die polnischen Opfer“, „Ukrainische Symbole müssen bestraft werden“ aufgebläht hat.

Und jetzt beginnt es aufzubrechen … heute ein Hakenkreuz auf dem Asphalt … morgen Brandstiftung … übermorgen Prügelattacken … Pogrome.

Und danach werden alle ganz erstaunt fragen: „Wie konnte das passieren? Wir haben doch nur über historische Erinnerung gesprochen.“

Ja, natürlich … man hat nur gesprochen … die Ukrainer nur ein wenig entmenschlicht … sie nur ein wenig mit den Nationalsozialisten gleichgesetzt … den eigenen Wählern nur ein wenig erklärt, dass das ukrainische Geschichtsverständnis falsch sei … den Radikalen nur ein wenig die moralische Erlaubnis erteilt.

Und dann hat die Farbe ganz von selbst zur Spraydose gegriffen und angefangen, Hakenkreuze zu malen.

Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wer das getan hat … russische Agenten? Für Rubel bezahlte Trolle? Neue polnische braune Nationalisten? Oder ein örtlicher Dummkopf, dem der Fernseher längst das Gehirn ersetzt hat?

Das soll die ABW (Agencja Bezpieczeństwa Wewnętrznego / Agentur für Innere Sicherheit) untersuchen. Und zwar möglichst schnell. Denn wenn der polnische Staat das jetzt nicht behandelt, wird später nicht mehr der Asphalt behandelt werden müssen … sondern Menschen … viele Menschen.

Und nein, das ist wahrscheinlich noch nicht einmal der Höhepunkt … leider noch lange nicht … das ist erst eine Etappe.

Denn Hass beginnt nur selten mit einem Messer. Er beginnt mit einem Witz, einem Etikett, einem Graffiti, dem Schweigen der Nachbarn und dem äußerst bequemen Satz: „Sie sind doch selbst schuld.“

Polen steht jetzt vor einer sehr einfachen Wahl:

▪️ entweder diese Welle jetzt stoppen;

▪️ oder später so tun, als hätte niemand gesehen, wie sie gewachsen ist.

Die Ukrainer lachen nicht über die polnischen Opfer. Aber heute sieht es sehr danach aus, als erlaube sich ein Teil Polens bereits offen, sich über lebende Ukrainer lustig zu machen … über jene, die vor dem Krieg geflohen sind … über jene, die in Polen arbeiten … über jene, deren Angehörige jetzt kämpfen … über jene, die Russland jeden Tag mit Raketen, Drohnen und Artillerie tötet.

Ein Hakenkreuz in den ukrainischen Farben ist keine „Meinung“ mehr … es ist ein Symptom … und ein sehr schlechtes Symptom.

Das Geschwür reift.

Die einzige Frage ist, ob Polen noch in der Lage ist, es zu behandeln – oder ob man beschlossen hat, das Ganze einfach „patriotische Dermatologie“ zu nennen.

Vielen Dank an Łukasz Wantuch für das Originalmaterial aus Krakau.


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Autor: Vitaliy Vantsa.
Veröffentlichung: 08.07.2026.
Originalsprache: uk
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Ein Krieg der Paläste in Polen.  Artem Bidenko. 07.07.2026.

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Und nun eine ausführliche Analyse der Beziehungen zu Polen – mit vielen Nuancen, über die bei uns kaum gesprochen wird.

Das polnische Büro unserer Beratungsgruppe SEC Newgate CEE hat einen Bericht über das erste Jahr des Zusammenwirkens von Präsident Karol Nawrocki und der Regierung von Donald Tusk veröffentlicht. Der Titel lautet mit charakteristischer Selbstironie: „Ein Jahr des Zusammenlebens oder der Konfrontation?“. In der Ukraine betrachtet man die polnische Politik meist nur durch einen schmalen Spalt („Was hat Nawrocki diese Woche über Wolhynien gesagt?“). Deshalb möchte ich wiedergeben, wie die Polen selbst diesen Konflikt sehen – und warum alles sehr viel komplizierter ist. Den Bericht selbst stelle ich in die Kommentare; dort findet sich auch meine Folie.

Die zentrale These betrifft nicht einzelne Personen, sondern die Konstruktion des politischen Systems. Die beiden Machtzentren in Polen – Präsident und Ministerpräsident – sind unabhängig davon, wer diese Ämter innehat, zum Konflikt verurteilt, weil das System selbst so aufgebaut ist: unterschiedliche Wahlzyklen, verschiedene Amtszeiten und sich überschneidende Kompetenzen. Diese Konstruktion enthält den Konflikt bereits in sich.

Der schärfste Konflikt zwischen Präsident und Ministerpräsident in der jüngeren Geschichte Polens entbrannte übrigens nicht zwischen politischen Gegnern, sondern zwischen Aleksander Kwaśniewski und Leszek Miller – zwei Politikern derselben Partei, die zwanzig Jahre lang befreundet waren und buchstäblich im selben Hauseingang wohnten; ihre Wohnungen lagen sogar auf derselben Etage. Am Ende führte dieser Konflikt zur Spaltung der Linken und zum Absturz des SLD von 41 auf 11 Prozent.

Daraus ergibt sich eine Formel, die man sich merken sollte: Für einen Krieg zwischen zwei Palästen braucht es keine zwei politischen Lager – zwei Paläste genügen. Persönliche Absprachen können die Spannungen mindern, aber den Konflikt selbst nicht beseitigen.

Die Außenpolitik Polens hat sich inzwischen in das verwandelt, was die Autoren als „mehrere Außenpolitiken gleichzeitig“ bezeichnen. Der Präsident verantwortet die amerikanische Richtung, die Regierung und das Außenministerium die europäische. Jeder Gipfel und jeder Staatsbesuch wird dadurch zum Anlass eines Konkurrenzkampfes darum, wessen Foto später in den Geschichtsbüchern erscheinen wird.

Ein klassisches Beispiel: Vor dem Treffen mit Donald Trump im September 2025 übermittelte das Außenministerium Präsident Nawrocki eine „Anweisung“ für das Gespräch. Die Präsidialkanzlei reagierte empört und warf dem Ministerium vor, die verfassungsmäßige Hierarchie nicht zu kennen. Das Außenministerium wiederum bestand darauf, dass es sich um die offizielle Position des Staates handele, die der Präsident berücksichtigen müsse.

Ein weiteres dauerhaftes Konfliktfeld sind die Ernennungen von Botschaftern – besonders scharf beim Botschafterposten in den Vereinigten Staaten, wo bis heute lediglich ein Geschäftsträger im Amt ist.

Für uns besonders interessant ist das Kapitel über die Sicherheitspolitik, denn dort geht es um Fragen, die die Ukraine unmittelbar betreffen. Die Autoren sprechen vom „Ende der Schonfrist“: Die Sicherheitspolitik, die seit 2022 in Polen eine parteiübergreifende Konsenszone gewesen war, ist inzwischen in den innenpolitischen Machtkampf hineingezogen worden.

Zum symbolischen Wendepunkt wurde der Streit über die Lieferung von Kampfflugzeugen an die Ukraine. Der Präsident warf der Regierung öffentlich vor, ihn darüber nicht informiert zu haben. Die Regierung entgegnete, sämtliche Verfahren seien ordnungsgemäß unter Beteiligung des Nationalen Sicherheitsbüros abgewickelt worden.

Noch schärfer verlief ein Vorfall im Pentagon: Vertreter des Präsidialamtes für nationale Sicherheit schlossen nach Angaben des Berichts den polnischen Verteidigungsattaché von Besprechungen aus. Das Verteidigungsministerium wertete dies als Verletzung der zivilen Kontrolle über die Streitkräfte.

Den Höhepunkt bildete schließlich Nawrockis Veto gegen das Gesetz, das Polen den Zugang zum europäischen Verteidigungsinstrument SAFE eröffnet hätte. Dadurch musste die Regierung das gesamte Modell der Rüstungsfinanzierung überarbeiten und mit den Partnern neu verhandeln.

Daneben schwelt weiterhin ein Konflikt um Personalentscheidungen in den Geheimdiensten. Der Präsident blockierte die Ernennung von mehr als hundert Offizieren und verlangte direkten Zugang zu den Leitern der Nachrichtendienste, während die Regierung darauf besteht, dass dies ausschließlich innerhalb klar definierter institutioneller Verfahren erfolgen dürfe.

Nun direkt zur Ukraine.

Der Bericht bezeichnet Nawrockis Kurs als „zweigleisig“. Einerseits erkennt er die Ukraine als Opfer der russischen Aggression an und versteht, dass ihre Unabhängigkeit für die Sicherheit Polens von entscheidender Bedeutung ist. Andererseits lehnt er eine „bedingungslose“ Beziehung zu Kyiv grundsätzlich ab und stellt polnische Interessen – insbesondere historische Fragen – in den Vordergrund.

Konkret erklärte Nawrocki bereits im Wahlkampf, einer Integration der Ukraine in NATO und EU müsse eine „ehrliche Verständigung über die schwierigen Seiten der gemeinsamen Geschichte“ vorausgehen – gemeint sind Wolhynien sowie eine Neubewertung der ukrainischen Haltung gegenüber OUN und UPA.

Im August 2025 legte er zudem ein Veto gegen die Novellierung des Gesetzes zur Unterstützung ukrainischer Staatsbürger ein. Und was anschließend mit dem Orden des Weißen Adlers geschah, kennen wir alle.

Der Bericht zieht daraus eine nüchterne Schlussfolgerung: Mit einer baldigen Abschwächung dieser Haltung ist nicht zu rechnen. Für uns ist jedoch besonders wichtig, worum sich der gesamte Bericht eigentlich dreht: um die Komplexität der innenpolitischen Debatten in Polen – und nicht um irgendeine angeblich falsche Position der Ukraine.

Ebenso aufschlussreich ist die Perspektive der Nachbarländer, die der Bericht aus einem Dutzend europäischer Hauptstädte zusammenträgt.

In Prag werden die innerpolnischen Konflikte offen als Gefahr für die Berechenbarkeit der gesamten Region bezeichnet. Man weist darauf hin, dass Warschau zunehmend die Fähigkeit verliere, mit einer Stimme für Mitteleuropa zu sprechen.

In Belgrad spricht man bereits von einem „Kalten Krieg“ an der Spitze der Staatsführung.

Berlin und Paris reagieren gelassener. Die Franzosen erinnern daran, dass sie selbst mehrere Phasen der Kohabitation erlebt hätten, ohne dass der Staat daran zerbrochen wäre. Die Deutschen betonen, Polen sei für sie inzwischen unverzichtbar geworden, und keine innenpolitischen Streitigkeiten würden daran etwas ändern.

Allen Einschätzungen gemeinsam ist jedoch folgender Gedanke: Solange es sich um innere Angelegenheiten Polens handelt, bleibt es eine polnische Angelegenheit. Sobald jedoch externe Akteure beginnen, mit einem Machtzentrum gegen das andere zu spielen – und Washington tut dies nach Einschätzung des im Bericht zitierten Analysten bewusst, indem es den Präsidenten unter Umgehung der Regierung bevorzugt –, hört der Konflikt auf, ausschließlich ein polnisches Problem zu sein.

Zum Schluss versuchen die Autoren, den Konflikt nicht nur zu beschreiben, sondern auch messbar zu machen.

Ihr „Spannungsmesser“ bewertet jede Auseinandersetzung anhand von drei Kriterien: institutionelles Gewicht, Intensität der Rhetorik und tatsächliche Folgen.

Das Ergebnis: Innerhalb von zehn Monaten fiel der Spannungsindex kein einziges Mal auf das Niveau eines wirklichen Waffenstillstands. In acht der zehn Monate übertraf die Schärfe der Rhetorik die tatsächlichen Konsequenzen deutlich. Es handelt sich also vor allem um einen Krieg der Narrative, der sich nur gelegentlich, dann aber schmerzhaft, in Vetos und blockierten Ernennungen konkretisiert.

Für die Ukraine ergeben sich daraus zwei praktische Schlussfolgerungen.

Die erste haben wir bereits verstanden: Man kann nicht mehr davon ausgehen, dass die polnische Unterstützung automatisch dieselbe bleibt wie unter Präsident Duda. Sie ist inzwischen Gegenstand des innenpolitischen Machtkampfes in Polen und nicht länger der kleinste gemeinsame Nenner der beiden Machtzentren.

Wir müssen diese innerpolnischen Konflikte berücksichtigen, Polen nicht mutwillig provozieren – denn sonst verlieren wir Verbündete –, zugleich aber unsere eigenen nationalen Interessen nicht preisgeben. Mit kühlem Kopf sollten wir darauf warten, dass unser engster Verbündeter die Kraft findet, politisch reifer zu werden.

Die zweite Schlussfolgerung ist grundsätzlicher.

Ein Konflikt zwischen zwei Zentren der Exekutive, in den sich externe Akteure einmischen und sich jeweils den für sie günstigeren „Palast“ aussuchen, stellt für jedes Land mit einer doppelten Exekutive ein ernstzunehmendes Risiko dar – auch für unseres.

Streitigkeiten, die zunächst wie harmlose politische Debatten erscheinen, führen unweigerlich zu regionalen Spannungen, zum Verlust von Chancen und zur Schwächung des politischen Potenzials.

Kurz gesagt: Das sind Fehler anderer, aus denen wir selbst lernen sollten.

Anlage:

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Autor: Artem Bidenko
Veröffentlichung: 07.07.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Moskau unter Drohnenangriffen | Vitaly Portnikov. 07.07.2026.

Der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin berichtet von einem Angriff mit mehr als 400 ukrainischen Drohnen auf die russische Hauptstadt und das Moskauer Gebiet.

Damit können wir von einer Fortsetzung der großangelegten Angriffe ukrainischer Drohnen auf Moskau und das Moskauer Gebiet sprechen. Und obwohl der Moskauer Bürgermeister – ganz im Sinne der heutigen russischen Staatspropaganda – nichts über die Ergebnisse dieser Angriffe sagt, stellt bereits die Tatsache, wie viele Drohnen die Ukraine heute in Richtung Moskau starten kann, die Sicherheit der russischen Hauptstadt und der Hauptstadtregion infrage.

Genau das ist ein Teil jener Schlacht am Himmel, von der man in Kyiv spricht. Denn gerade die Zerstörung russischer Ressourcen und die Schaffung einer Atmosphäre der Unsicherheit im benachbarten Aggressorstaat könnten den Präsidenten der Russischen Föderation, Putin, und sein engstes Umfeld dazu bringen, über die Notwendigkeit einer Beendigung oder zumindest eines Aussetzens des Krieges nachzudenken – und zwar nicht zu russischen Bedingungen.

Natürlich gehen parallel zu den Angriffen auf Moskau und das Moskauer Gebiet auch die Schläge gegen den russischen Ölraffineriesektor weiter. Bereits in der vergangenen Nacht fanden solche Angriffe im Gebiet Jaroslawl statt. Wir kennen inzwischen auch den mittlerweile berühmten Angriff auf die Raffinerie von Omsk – eine der größten Russlands und zugleich die am weitesten von der Staatsgrenze zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine entfernte Raffinerie.

Damit verschwindet ein wichtiger Vorteil, den die russische Hauptstadt und die Regionen jenseits des Urals stets besessen haben. Moskau war durch sein Luftverteidigungssystem zuverlässig gegen jegliche Überraschungen geschützt. Gerade für die Luftverteidigung der russischen Hauptstadt wurden die wichtigsten Mittel aus dem Verteidigungshaushalt bereitgestellt. So war es in der Sowjetunion, so blieb es auch im Russland Boris Jelzins und Wladimir Putins.

Es sei daran erinnert, dass selbst Zweifel daran, ob Moskau tatsächlich zuverlässig geschützt sei, eine politische Karriere beenden konnten. So geschah es beispielsweise mit dem Ersten Sekretär des Moskauer Stadtparteikomitees, Nikolai Jegorytschew, der vor dem Hintergrund des Nahostkriegs in den 1960er Jahren – übrigens durchaus folgerichtig – den Schutz der damaligen sowjetischen Hauptstadt infrage stellte und eine Änderung der Politik des Moskauer Militärbezirks forderte. Bereits wenige Tage nach dem Plenum des Zentralkomitees der Partei, auf dem er diese Bemerkungen gemacht hatte, wurde er seines Amtes enthoben.

Später ereignete sich dann jenes Ereignis, das zum Symbol des Zusammenbruchs der Sowjetunion wurde. Bereits in der Zeit Gorbatschows landete das kleine Flugzeug des deutschen Piloten Mathias Rust direkt auf dem Roten Platz im Zentrum Moskaus. Dies wurde zum Vorspiel für die Entlassung des damaligen sowjetischen Verteidigungsministers, Marschall Sergej Sokolow, sowie einer ganzen Reihe hochrangiger Militärs.

Heute tritt, wie wir sehen, niemand mehr zurück. Doch die Drohnen erreichen inzwischen sowohl das Zentrum Moskaus als auch die Raffinerie in der russischen Hauptstadt, verursachen erhebliche Probleme in der Logistik und treffen wichtige Betriebe des russischen militärisch-industriellen Komplexes in Moskau und im Moskauer Gebiet.

Auf der anderen Seite des Urals konnte Russland stets von der Sicherheit seiner Industrie ausgehen – vor allem der Rüstungs- und Raffineriebetriebe. Die Entfernung schützte sie zuverlässig vor Angriffen des Feindes. Erst wenn fremde Armeen Moskau und andere Städte im europäischen Teil der ehemaligen Sowjetunion erreichten, entstand überhaupt die Möglichkeit, Städte wie Tscheboksary wirksam zu bombardieren.

Übrigens wurde Tscheboksary zuletzt im Jahr 1941 bombardiert – also lange bevor ukrainische Drohnen begannen, militärische Betriebe dieser Stadt zu treffen. Damals deshalb, weil die Armee des Reiches bis vor Moskau vorgedrungen war und über Flugplätze verfügte, von denen aus Tscheboksary im europäischen Teil der Sowjetunion bombardiert werden konnte.

Nun sehen wir jedoch, dass auch diese Sicherheit durch die große Entfernung angesichts der ukrainischen Möglichkeiten zunehmend relativ wird. Auch das beobachten wir heute. Man kann inzwischen sagen, dass praktisch jeder Betrieb jenseits des Urals, der für den militärisch-industriellen Komplex oder die Ölraffinerieindustrie der Russischen Föderation von Bedeutung ist, von einer ganzen Flotte ukrainischer Drohnen angegriffen werden kann.

Denn die Raffinerie von Omsk wurde nicht von einer einzigen Drohne getroffen, sondern offenbar von insgesamt zwölf. Und die russische Luftverteidigung erwies sich als völlig machtlos, diesen – wie ich bereits sagte – inzwischen historischen Angriff zu verhindern.

Ich hoffe sehr, dass solche Angriffe ukrainischer Drohnen auf für Russland wichtige Betriebe in Sibirien und im Fernen Osten fortgesetzt werden, dass sie sowohl die wirtschaftliche Logistik der Russischen Föderation insgesamt als auch die wirtschaftliche Logistik dieser bedeutenden Regionen zerstören und Chaos schaffen – von Belgorod, wo heute sowohl der Strom ausgefallen ist als auch die normale Funktionsfähigkeit der grenznahen Stadt zur Ukraine beeinträchtigt wurde, bis nach Omsk.

Tatsächlich kann man sagen, dass sich inzwischen das gesamte Territorium der Russischen Föderation unter Angriffen des ukrainischen Militärs befinden kann. Und dies wird durch den Luftterror, der auf direkte Anweisung Putins am ukrainischen Himmel ausgeübt wird, nicht kompensiert werden können – einen Terror, der sich nicht gegen militärische Betriebe richtet, auch wenn ukrainische Militärobjekte selbstverständlich ebenfalls wichtige Ziele der russischen Armee sind, sondern vor allem auf die Terrorisierung der Wohnviertel der ukrainischen Hauptstadt sowie anderer Städte und Ortschaften der Ukraine abzielt.

Wenn wir dem Terror mit der systematischen Zerstörung der russischen Wirtschaft, des militärisch-industriellen Komplexes und der Ölraffinerieindustrie der Russischen Föderation antworten können, wenn wir die russische Wirtschaft in die Knie zwingen und Bedingungen schaffen, die unumkehrbare Prozesse der Degeneration der russischen Wirtschaft und des Zusammenbruchs des Putin-Regimes auslösen, dann werden wir tatsächlich nicht nur den russisch-ukrainischen Krieg zum Stillstand bringen können, sondern auch jene retten, die die nächsten Ziele des russischen Aggressors sind. 

Wir werden Russland dazu zwingen, sich für lange, düstere Jahre seiner Geschichte mit seinen eigenen Problemen, seinem eigenen Chaos und seiner eigenen Katastrophe zu beschäftigen – und selbst Zeugen dieser schwarzen Jahre werden, die eine der abscheulichsten Terrororganisationen der modernen Welt, die sich lediglich als Staat ausgibt, zweifellos verdient hat.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Москва під атакою дронів | Віталій
Портников. 07.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Zelenskys Rede auf dem NATO-Forum: Das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 07.07.2026.

Mit seiner Rede auf dem Forum für Verteidigungstechnologien begann für den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky der NATO-Gipfel, auf dem bekanntlich auch das Treffen zwischen dem amerikanischen und dem ukrainischen Präsidenten stattfinden wird – das erste abgestimmte Treffen dieser Art seit längerer Zeit.

Während seiner Rede auf dem Forum für Verteidigungstechnologien stellte Volodymyr Zelensky die Frage nach dem Schutz Europas vor ballistischen Raketen in den Mittelpunkt und betonte, dass die Europäer sowohl eigene Abwehrsysteme gegen ballistische Raketen als auch die entsprechenden Raketen selbst produzieren müssten.

Diese Schlussfolgerung liegt angesichts der Entwicklungen nach dem Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran auf der Hand. Es wurde deutlich, dass die Vereinigten Staaten ihre Patriot-Systeme entsprechend ihrer eigenen Vorstellungen von nationaler Sicherheit einsetzen können. Gleichzeitig fehlt es den Ländern, die auf amerikanische Unterstützung bei der Abwehr ballistischer Raketen angewiesen sind, schlicht an Raketen – zumindest solange, bis die Vereinigten Staaten ihre eigenen Bestände wieder aufgefüllt haben. Und das, obwohl die Wahrscheinlichkeit neuer Kriege unter Beteiligung der Vereinigten Staaten, auch im Nahen Osten, durchaus real ist.

Die Gegner der Vereinigten Staaten verfügen zudem über eigene ballistische Raketen und Drohnen, zu deren Bekämpfung, wie wir gesehen haben, ebenfalls hochmoderne Systeme eingesetzt werden mussten. All dies veranlasst das amerikanische Militär derzeit dazu, Waffenlieferungen an andere Staaten, darunter auch an NATO-Verbündete, zurückzuhalten. Über Programme wie das PURR-Programm, das den Kauf amerikanischer Waffen mit Geldern europäischer Steuerzahler vorsah, kann inzwischen überhaupt nur noch in dem Umfang gesprochen werden, der den Europäern nach dem allmählichen Schwinden der amerikanischen Arsenale noch zur Verfügung steht.

Deshalb gibt es tatsächlich zwei dringende Richtungen, die die Länder nicht nur vor russischen, sondern beispielsweise auch vor iranischen ballistischen Raketen und Raketen oanderen Staaten schützen sollen, die in den kommenden Jahren der offensichtlichen militärischen Konfrontation bereit sein werden, mit der zivilisierten Welt zusammenzustoßen.

Erstens geht es um die Produktion eigener Systeme zur Abwehr ballistischer Raketen. Dafür sind jedoch erhebliche Investitionen der wirtschaftlich stärksten europäischen Länder erforderlich.

Zweitens geht es um Lizenzen für die Produktion von Patriot-Raketen – sowohl in europäischen Ländern als möglicherweise auch in der Ukraine. Darüber könnte der ukrainische Präsident ebenfalls mit dem amerikanischen Präsidenten sprechen, obwohl unklar ist, inwieweit Donald Trump derzeit bereit ist, das amerikanische Monopol aufzugeben.

Natürlich haben auch die Treffen Zelenskys mit den Staats- und Regierungschefs der NATO-Mitgliedstaaten bereits heute während des Forums für Verteidigungstechnologien begonnen. So wurde bekannt, dass Kanada ein neues Verteidigungshilfepaket für die Ukraine im Umfang von 900 Millionen Dollar vorbereitet. Dieses Paket wird auch Luftverteidigungssysteme enthalten, die die Ukraine für die militärische Auseinandersetzung mit Russland in den kommenden Monaten und Kriegsjahren dringend benötigt.

Derzeit hängt praktisch alles sowohl von diesen Systemen als auch von der Fähigkeit der Ukraine ab, russische Militärobjekte, russische Fabriken, Produktionsstätten für Drohnen und ballistische Raketen sowie die Abschussorte ballistischer Raketen der Russischen Föderation anzugreifen.

Hier könnte sich auch der Erfolg der Ukraine im Drohnenkrieg bemerkbar machen, der ebenfalls zu einem wichtigen Bestandteil moderner Kriegsführung im kommenden Jahrzehnt weltweiter Instabilität wird. Tatsächlich kann die Ukraine dabei nicht nur auf Foren wie dem Forum für Verteidigungstechnologien eine wichtige Rolle spielen, sondern auch im Rahmen ihrer Zusammenarbeit mit der NATO, die bislang aufgrund der offensichtlichen Weigerung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, einer euro-atlantischen Integration der Ukraine zuzustimmen, weiterhin ein schwieriges Thema bleibt.

Als Trump und andere Vertreter seiner Regierung erklärten, sie hielten es für notwendig, die euro-atlantische Integration der Ukraine vorerst zurückzustellen, hofften sie auf gewisse Zugeständnisse der russischen Führung. Wie diese Hoffnungen heute aussehen, können wir nicht sagen. Meiner Ansicht nach sind Trumps Aussagen, sowohl Putin als auch Zelensky wollten den Krieg beenden und viele verstünden nicht, dass dieses Ende viel näher sei, als es scheine, eher der Versuch, Wunschdenken als Realität auszugeben – in einer Situation, in der sich jeder daran erinnert, dass der amerikanische Präsident bereits im Februar 2025 versprochen hatte, den russisch-ukrainischen Krieg schnell zu beenden.

Jetzt ist Juli 2026, und die Eskalation nimmt nur weiter zu. Viele glauben, diese Eskalation sei ein Vorzeichen einer späteren Deeskalation des Krieges. Es kann jedoch ebenso gut sein – und das ist mehr als wahrscheinlich –, dass diese neue Phase der Eskalation lediglich den Übergang zu einer noch schwereren Eskalation und zu einer Ausweitung des Krieges auf europäische Länder darstellt, die die Ukraine in ihrem Widerstand gegen die russische Aggression weiterhin unterstützen.

Offensichtlich wird auf dem NATO-Gipfel in Anwesenheit Donald Trumps auch darüber gesprochen werden, wie Europa vor möglichen russischen Provokationen und sogar vor hybrider Aggression durch die Russische Föderation geschützt werden kann. Deshalb betonte der finnische Präsident Alexander Stubb bei seinem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten, dass heute nicht nur die Ukraine die NATO brauche, sondern auch die NATO die Ukraine brauche.

Diese Auffassung teilen viele Mitgliedstaaten der Nordatlantischen Allianz, insbesondere jene, die Nachbarn der Russischen Föderation sind und das gesamte Ausmaß der Bedrohungen erkennen, die heute von Russland für seine Nachbarn ausgehen, ebenso wie den offensichtlichen Wunsch der russischen politischen Führung, ihren Krieg gegen die Ukraine bald auf jene Länder auszuweiten, die uns weiterhin unterstützen.

Dies sind jedoch erst die ersten Treffen. Der eigentliche Höhepunkt wird natürlich morgen sein, wenn Zelensky mit Donald Trump zusammentrifft – als abschließender Höhepunkt des Aufenthalts des amerikanischen Präsidenten in der türkischen Hauptstadt. Denn unmittelbar nach seinen Gesprächen mit den Präsidenten der Ukraine und Syriens wird Donald Trump seine abschließende Pressekonferenz in Ankara geben und anschließend den NATO-Gipfel verlassen.

Wir verstehen sehr gut, dass das einstündige Treffen zwischen dem amerikanischen und dem ukrainischen Präsidenten auch davon abhängen wird, was Trump von seinen europäischen Verbündeten sowie vom kanadischen Premierminister hören wird, wie er die Rolle der Vereinigten Staaten innerhalb der NATO beurteilt und wie schließlich sein Gespräch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan verlaufen wird, der Gastgeber dieses Gipfels ist und ebenfalls weiterhin auf eine Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges hofft. Gerade die Atmosphäre des morgigen NATO-Gipfels mit Beteiligung des amerikanischen Präsidenten könnte auch die Atmosphäre seines Treffens mit dem Präsidenten der Ukraine am 8. Juli bestimmen.

Über all dies werden wir selbstverständlich morgen vor dem Hintergrund dieses für die Ukraine und für den weiteren Verlauf des endlosen russisch-ukrainischen Krieges so wichtigen NATO-Gipfels sprechen.


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Titel des Originals: Виступ Зеленського на форумі НАТО: головне | Віталій Портников. 07.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 07.07.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von [Dein Name oder „Viktoriya Limbach“],
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