
Логіка терору. Віталій Портников. 07.07.2026.
Der jüngste russische Angriff, der sich vor allem gegen die ukrainische Hauptstadt richtete, ließ selbst bei jenen keine Zweifel mehr, die bislang noch vermutet hatten, Russland versuche, militärische oder industrielle Ziele zu treffen und nehme lediglich in Kauf, dass seine Raketen in Wohnvierteln einschlagen, die sich in der Nähe der angegriffenen Objekte befinden. Nein – dieser Angriff richtete sich gezielt gegen Wohnviertel. Es scheint, als hätten die Russen überhaupt keine anderen Ziele gesucht. Sie wollten zerstören und Angst verbreiten. Das ist die reine Logik des Terrors.
Es stellt sich die naheliegende Frage: Was will Putin mit diesem Terror gegen die Zivilbevölkerung erreichen? Glaubt er tatsächlich, durch solche Angriffe das Ausbleiben größerer Erfolge an der Front kompensieren zu können? Wenn man das Verhaltensmuster des russischen Präsidenten kennt, lässt sich das keineswegs ausschließen. Zu Beginn seiner politischen Karriere, im Jahr 1999, griff Putin Wohnhäuser in seiner eigenen Hauptstadt an. Die Explosionen von Wohngebäuden in Moskau und anderen Städten der Russischen Föderation sollten die Bürger davon überzeugen, dass nur dieser kleine, schmächtige Mann ihre Sicherheit garantieren könne – jener Mann, der versprach, Terroristen „selbst auf dem Klo zu erledigen“.
Heute handelt er genau umgekehrt: Er greift Wohnviertel in Kyiv an, damit die Ukrainer begreifen, dass es keine Sicherheit geben wird, solange sie seine Bedingungen nicht akzeptieren und auf ihren Staat sowie ihre Souveränität verzichten.
Ein weiteres Ziel fügt sich in die Logik des demografischen Krieges ein, den Putin praktisch seit den ersten Tagen der großangelegten Invasion gegen die Ukraine führt. Wir haben oft darüber gesprochen, dass Putins eigentliches Ziel ein Blitzkrieg war – die blitzschnelle Besetzung der Ukraine und der Austausch ihrer Regierung durch ein Marionettenregime. In Russland war man sich jedoch völlig darüber im Klaren, dass ein solcher Angriff zwangsläufig eine Flüchtlingswelle nach Europa auslösen würde.
Damit verfolgte man zugleich zwei Ziele.
- Das erste bestand darin, die einheimische Bevölkerung loszuwerden, um die ukrainischen Gebiete anschließend bequem mit russischen Staatsbürgern zu besiedeln – genau das geschieht heute in den besetzten Gebieten der Ukraine.
- Das zweite Ziel war es, in Europa eine massive Migrationskrise auszulösen, die moskaufreundlichen politischen Kräften den Weg an die Macht ebnen sollte.
Putin hatte bereits Erfahrung mit der Organisation einer solchen Krise, als er den syrischen Diktator Baschar al-Assad unterstützte. Damals gewannen rechts- und linksradikale Kräfte, die stets zu einer Verständigung mit dem Kreml aufgerufen hatten, erheblich an Einfluss, und ihre Umfragewerte stiegen rasant an. Ich bin überzeugt: Ohne die syrische Migrationskrise hätte es den Aufstieg der Alternative für Deutschland und anderer rechtsextremer Parteien in Europa in dieser Form nicht gegeben.
Wie bekannt ist, scheiterten diese Pläne Putins. Der Blitzkrieg misslang. Auch die Migrationskrise blieb aus, weil die Ankunft ukrainischer Flüchtlinge in den europäischen Gesellschaften nicht dieselben Folgen hatte wie die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten – auch wenn man der Wahrheit halber sagen muss, dass sich die Stimmung gegenüber Migration in Europa inzwischen allmählich zu verändern beginnt.
Ein bedeutender Effekt des Angriffs vom Februar 2022 trat jedoch tatsächlich ein: Die Bevölkerung der Ukraine ist erheblich geschrumpft. Millionen Menschen haben das Land verlassen, und mit jedem weiteren Kriegsjahr schwinden die Hoffnungen, dass der Großteil von ihnen jemals zurückkehren wird.
Putin nutzt weiterhin Instrumente, die diesen demografischen Druck verstärken können. Angriffe auf Großstädte führen ebenfalls zu einer möglichen Umsiedlung der Bevölkerung – in kleinere Städte oder ins Ausland. Damit versucht er, dem Nachbarstaat seine wirtschaftliche und demografische Zukunft zu nehmen. Auch das ist die Logik des Terrors.
Deshalb sollte Präsident Volodymyr Zelensky meiner Ansicht nach auf dem bevorstehenden NATO-Gipfel in Ankara mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, und den anderen westlichen Staats- und Regierungschefs genau über diesen Terror sprechen. Nicht nur über den Krieg, sondern über den Terror.
Darüber, dass Putin sich endgültig zum Anführer einer terroristischen Organisation entwickelt hat, die lediglich einen Staat imitiert. Und dass die gewöhnlichen Bürger, die seinen Angriffen zum Opfer fallen, nun vor diesem größten Terroristen des Planeten geschützt werden müssen.
Denn dies ist längst nicht mehr nur ein Krieg zwischen Armeen. Es ist ein klassischer Krieg gegen Frauen und Kinder – genau das, womit sich terroristische Organisationen im Nahen Osten beschäftigen.
Deshalb ist die Stärkung der ukrainischen Luftverteidigung zum Schutz der Zivilbevölkerung so wichtig. Deshalb sind weitere Schläge gegen die russische Wirtschaft so entscheidend – um den Terroristen die finanziellen Mittel zu entziehen, die ihnen die Fortsetzung ihrer Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung ermöglichen.
Dazu gehören nicht nur westliche Sanktionen, die den Verkauf russischen Erdöls und den Kauf russischer Erdölprodukte durch andere Staaten unterbinden sollten. Dazu gehört auch die Lieferung weitreichender Waffen an die Ukraine, mit denen die russische Industrie zerstört und die Terroristen in die Knie gezwungen werden sollen – genau auf jene Knie, von denen sie in ihrer Selbstgefälligkeit so gerne sprechen.
Es zeigt sich, dass Russland nur deshalb von den Knien aufsteht, um zu töten, zu vergewaltigen und zu verstümmeln. Dann soll es eben auf den Knien bleiben und niemanden mehr bedrohen.
Für diejenigen, die in der Ukraine leben, ist Terror nicht bloß ein Bild oder eine Metapher.
Es ist das Gefühl, im Luftschutzkeller zu sitzen und zu wissen, dass Raketen und Drohnen in unmittelbarer Nähe einschlagen.
Oder im Flur der eigenen Wohnung zu sitzen und die Explosionen zu hören.
Oder zu begreifen, dass die eigene Wohnung nicht mehr existiert – und dass auch die eigenen Angehörigen nicht mehr leben, getötet von Putin und seinen bewaffneten Männern in Uniform.
Hilfe für die Ukraine bedeutet deshalb nicht einfach Geld und Waffen.
Sie bedeutet die Möglichkeit zu überleben, wenn dein Tod geplant ist.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Логіка терору. Віталій Портников. 07.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.