Der Vorfall mit dem Fahrzeug des Rekrutierungszentrums im Lwiwer Stadtteil Sychiw gibt natürlich jedem Anlass zu ernster Sorge, der über die Zukunft des ukrainischen Staates und die Möglichkeit seines Fortbestehens in absehbarer Zeit nachdenkt. Natürlich geht es nicht um Sychiw und nicht um Lwiw. Ein solcher Vorfall kann heute in jeder ukrainischen Stadt geschehen.
Es wird völlig offensichtlich, dass die Frage der Mobilisierung vor allem im Hinblick auf den Dialog zwischen Staat und Gesellschaft nicht gelöst ist, dass die Staatsführung versucht, sich aus diesem schwierigen Problem herauszuhalten, weil sie sich seiner Unbeliebtheit unter den sogenannten potenziellen Wählern bewusst ist. Mir wird oft vorgeworfen, wenn ich von der tödlichen Gefahr einer ineffektiven Staatsführung spreche.
Doch was ist Ineffektivität in Wirklichkeit? Sie besteht nicht nur aus einer ganzen Reihe falscher oder verspäteter Entscheidungen. Sie besteht vor allem aus dem Versuch, beliebt zu sein – selbst im kritischen Moment nicht darüber nachzudenken, wie ein Problem wirksam gelöst werden kann, sondern darüber, wie sich seine Lösung auf die eigene politische Zukunft auswirkt.
Aus dieser Sicht kann sowohl jemand ineffektiv sein, der gerade erst in die Politik gekommen ist, als auch jemand mit enormer Erfahrung in Staatsführung und Großunternehmen. Das überzeugendste Beispiel einer solchen Ineffektivität ist Donald Trump, der bereits zum zweiten Mal Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika geworden ist.
Ich möchte daran erinnern, wie praktisch innerhalb eines einzigen Tages zu Beginn des großen Krieges alle Leiter der Rekrutierungszentren in sämtlichen Regionen unseres Landes entlassen wurden. Natürlich sprach man damals über Korruptionsprobleme in den TCC mindestens ebenso viel wie heute, wenn nicht sogar mehr. Aber kann man ein System reformieren, wenn man mit einer einzigen Entscheidung alle austauscht, die in diesem System arbeiten? Und kann man erwarten, dass ein solcher vollständiger Austausch zu einer Verbesserung der Effizienz führt? Das ist eine rhetorische Frage. Doch wir erinnern uns daran, dass die ukrainische Gesellschaft diese scheinbar einfache Lösung des Mobilisierungsproblems begeistert begrüßte.
Ein weiteres ernstes Problem, über das gesprochen werden muss, wenn wir zur Mobilisierung zurückkehren, ist die ständige Beruhigung der Gesellschaft mit dem Gerede darüber, dass der Krieg jeden Moment enden könne und dass der Weg zum Kriegsende über Verhandlungen und diplomatische Schritte führe, die den Krieg beenden würden. Und davon spricht übrigens nicht nur der Präsident der Ukraine. Davon sprechen auch ständig jene Politiker, die versuchen, auf den Problemen der Rekrutierungszentren zu parasitieren. „Man muss diesen Krieg endlich beenden. Ihr seid selbst daran interessiert, ihn fortzusetzen, um an der Macht zu bleiben.“
Das haben wir 2019 gegenüber Petro Poroschenko gehört und hören es 2026 gegenüber Volodymyr Zelensky. Und die überwältigende Mehrheit der ukrainischen Bürger ist nicht einmal bereit zu begreifen, dass es keinen Schlüssel zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges gibt – weder in der Tasche des Präsidenten der Ukraine noch in der Tasche des Präsidenten der Vereinigten Staaten.
Alles hängt vom Willen des Präsidenten der Russischen Föderation ab, der nicht beabsichtigt, den Krieg zu beenden. Er kann höchstens einer Unterbrechung oder irgendwann vielleicht auch einer Beendigung zustimmen – aber nur dann, wenn ihm Ressourcen, Geld und Menschen ausgehen. Unsere Streitkräfte arbeiten bereits daran, dieses Problem zu lösen. Doch es könnten viele Jahre nötig sein und keineswegs nur Monate, bis Putin ernsthaft über die Möglichkeit einer Unterbrechung des Krieges nachdenkt, um Ressourcen für dessen spätere Fortsetzung wiederherzustellen.
Ja, heute wird Ihnen niemand sagen können, ob der Krieg im hypothetischen Dezember 2026 oder im hypothetischen Dezember 2031 endet. Aber damit dieser Krieg nicht mit dem Verschwinden des ukrainischen Staates von der politischen Landkarte der Welt und Ihrer Vertreibung aus der Ukraine endet – und zwar keineswegs unter den Bedingungen, unter denen Migranten 2019 nach Europa kamen –, muss es jemanden geben, der dieses Land verteidigt.
Und damit kommen wir erneut zu einer ganzen Reihe von Fragen.
Erstens müssen wir begreifen, dass sich Ukrainer stets hinter dem Begriff der Gerechtigkeit verstecken – einer Gerechtigkeiti, die an der Schwelle des eigenen Hauses endet. Das ist keineswegs ein Scherz. In meiner eigenen Korrespondenz gibt es zahlreiche Nachrichten von Menschen, die mir vorwarfen, ich würde nicht laut genug über die Notwendigkeit einer verstärkten Mobilisierung sprechen und nicht sagen, dass an der Front Kämpfer fehlen. Doch ihr Ton änderte sich sofort, sobald die Mobilisierung sie selbst oder auch nur ihre Angehörigen betraf. Sofort erinnerten sie sich an die Rekrutierungszentren und vergaßen augenblicklich, dass an der Front Menschen fehlen.
Das ist übrigens ebenfalls ein Thema, über das gesprochen werden muss. Denn in der Regel kann jeder, der dem Staat vorwirft, die Mobilisierung nicht organisieren zu können, zahlreiche Geschichten erzählen: dass inzwischen Drohnen anstelle von Menschen kämpfen, dass alles bereits automatisiert sei und eigentlich niemand Neues gebraucht werde, dass die Kinder der Abgeordneten kämpfen sollten und nicht einfache Menschen.
Bis heute bekomme ich dafür Kritik, dass ich klar und deutlich gesagt habe: Kämpfen müssen alle. Wenn neben dem hypothetischen Kind eines Abgeordneten kein gewöhnlicher Bürger steht, der eben nicht Abgeordneter geworden ist, weil er sich nicht auf die Wahlliste der Partei Diener des Volkes gesetzt hat, dann wird der Staat besiegt, geplündert und vernichtet werden. Das kann ich gern noch einmal wiederholen.
Ebenso offensichtlich ist, dass Korruption weiterhin der wichtigste Faktor aller Beziehungen in der ukrainischen Gesellschaft bleibt. Und wiederum gilt: Menschen, die gegen Korruption auftreten, sind stets bereit, ihre Mechanismen zu nutzen, sobald es um ihre eigenen Bedürfnisse oder die ihrer Angehörigen, Freunde oder Bekannten geht. Korruption ist nur dann gefährlich, wenn sie einen selbst nicht betrifft. Das ist das Wesen der Beziehungen in der ukrainischen Gesellschaft. Auch darüber muss laut gesprochen werden, damit man nicht zum Werkzeug jenes Zynismus wird, der auf ukrainischem Boden – man kann sagen seit imperialen Zeiten – herrscht.
Die Ukrainer haben sich daran gewöhnt, das Imperium zu täuschen, und begegnen ihrem eigenen Staat mit derselben Geringschätzung. Historisch betrachtet ist das völlig normal, wenn man realistisch sein will. Leider befinden wir uns jedoch nicht einfach in einer historischen Epoche, sondern in einer Phase des Überlebens unseres Staates. Auch diesem Überleben begegnen viele mit Verachtung. Und auch das ist eine Frage des Dialogs zwischen Staat und Gesellschaft.
Wenn wir statt zu sagen, der Krieg werde bald enden, die Wahrheit aussprechen würden – und die Wahrheit lautet, dass der Feind, wenn es der ukrainischen Armee nicht gelingt, ihn im Donezker Gebiet aufzuhalten, in die Regionen Charkiw, Poltawa und Dnipropetrowsk vordringen wird; in den Regionen Charkiw und Dnipropetrowsk ist er, wie Sie wissen, bereits, und er wird weiterziehen –, dann könnte endlich ein wirklich ernsthaftes Gespräch mit der Gesellschaft stattfinden.
Sie sehen doch selbst, wie der Feind heute versucht, Kyiv in Trümmer zu legen. Charkiw verwandelt er schon seit Langem mithilfe wirkungsvollerer Waffen mit größerer Reichweite in Ruinen. Das heißt: Je näher der Feind Ihrer Stadt kommt – selbst wenn es ihm nicht gelingt, sie einzunehmen –, desto schneller werden Sie sich in den Trümmern Ihres eigenen Hauses wiederfinden. Das gilt für Lwiw ebenso wie für jede andere westukrainische Stadt.
Es geht also nicht darum, ob die russische Armee Galizien erobern kann. Die Frage ist vielmehr, ob die Antwort auf die russischen ballistischen Raketen ausreichend sein wird, ob die Entfernung groß genug bleibt, damit diese Raketen die Städte der Westukraine nicht erreichen. Heute gibt es nur einige wenige Raketentypen, mit denen Lwiw oder Ternopil getroffen werden können. Doch wenn russische ballistische Raketen diese Orte erreichen können, wenn die russische Armee weiter vorrückt, dann wird hier – wie wir verstehen – alles in Trümmer gelegt werden, selbst das, was sich heute eine solche Zerstörung überhaupt nicht vorstellen kann. Auch darüber muss gesprochen werden.
Ebenso muss über eine weitere ernste Frage gesprochen werden: über eine wirksame Kontrolle der Streitkräfte selbst. Über eine zivile Kontrolle, die darin bestehen muss, die Abläufe und Prozesse innerhalb der Streitkräfte der Ukraine zu verstehen. Auch das ist eine Frage effizienter Führung. Wenn Sie zufällige Personen zum Instrument dieser Kontrolle machen, deren größter Vorzug darin besteht, die richtigen Botschaften nach oben zu übermitteln, dann erhalten Sie statt einer wirksamen zivilen Kontrolle eine Reihe gravierender Konflikte. Genau solche Konflikte begleiten unser Land praktisch seit dem Zeitpunkt, an dem wir formal ein ziviles Verteidigungsministerium und ein Oberkommando der Streitkräfte erhalten haben.
Würde all dies in Bezug auf Kontrolle und Verantwortung ernsthafter funktionieren, könnte man Fragen zur Rotation der militärischen Einheiten stellen, zu einer effizienteren Organisation der Mobilisierung der Bürger und dazu, wie man ihnen die Angst vor diesem Prozess nehmen kann.
Historische Parallelen lassen sich in einer solchen Situation viele ziehen. Wir erinnern uns stets an den Februar 1917, als das Russische Reich genau in dem Moment zusammenzubrechen begann, als seine Armee militärisch die Oberhand gewann. Natürlich übertragen wir die damaligen Ereignisse in Petrograd auf das Moskau des Jahres 2026. Warum eigentlich auf Moskau? Ganz ähnliche zerstörerische Prozesse fanden auch im Deutschen Kaiserreich statt – nur wenige Monate, nun gut, Jahre nach der Februarrevolution im Russischen Reich und dem Oktoberumsturz.
Die demokratischen Länder dagegen erlebten im Ersten Weltkrieg keine derart zerstörerischen Prozesse. Vielleicht deshalb, weil ein wirklicher Dialog mit der Gesellschaft notwendig ist, damit das eigene Land nicht zu Ruinen wird? Vielleicht muss der Bürger den Preis des Krieges und das Ziel des Feindes verstehen – ein Ziel, über das wir ebenfalls nicht besonders gern sprechen, weil wir uns lieber auf Putins Parolen und den Donbas konzentrieren?
Wir sind völlig überzeugt, dass, wenn wir Putins Ziele selbst nicht vollständig verstehen, auch die Russen sie nicht verstehen. Glauben Sie mir: Die Russen verstehen alles sehr genau. Sie wissen genau, dass Putin ihnen das Imperium zurückgeben will, in dem sie sich – trotz ihres gesellschaftlichen Daseins als Untertanen – als Herren fühlen. Es gibt diejenigen, die diesen Krieg unterstützen. Es gibt diejenigen, die glauben, die Staatsmacht wisse alles besser. Und diejenigen, die überhaupt eine eigene Meinung haben, sind traditionell in der Minderheit.
In der Ukraine ist genau das unser Glück – und zugleich unsere Herausforderung. Jeder hat seine eigene Meinung. Das Problem besteht jedoch darin, dass diese Meinung der Realität widersprechen kann. Und wenn eine Meinung, die der Realität widerspricht, zur Mehrheitsmeinung wird, dann stellt sich die Frage nach dem Fortbestand des Staates selbst.
Damit die Menschen realistischer auf ihre eigene Zukunft und die Zukunft ihres Landes blicken können, muss man ehrlich mit ihnen sprechen, schwierigen und unpopulären Themen nicht ausweichen, unpopuläre Entscheidungen nicht scheuen und auf all jene ernsten Einwände und Fragen, die in der ukrainischen Gesellschaft gestellt werden, offen antworten.
Wenn wir ohnehin keine Möglichkeit haben, bis zum Ende des Krieges Wahlen abzuhalten – und dieser Krieg kann noch viele, viele Jahre dauern –, dann könnte die Staatsführung eines Landes ohne absehbare Wahlperspektive wenigstens jene Instrumente nutzen, die einst die sowjetischen Kommunisten einsetzten, als es bei ihnen weder reale Wahlen gab noch solche zu erwarten waren: das Instrument der Offenheit.
Doch statt in einer vom Krieg traumatisierten Gesellschaft Offenheit zu fördern, beschäftigen wir uns mit Sanktionen gegen Menschen, die eine andere Auffassung von der Effizienz staatlichen Handelns haben, bezahlen Bots, nützliche Idioten und diese ganze Armee, die die echte Armee im erbitterten Kampf gegen die größte Nuklearmacht der modernen Welt keinesfalls ersetzen kann – und nicht gegen irgendeinen verrückten, unbedeutenden Kleinstaat. Auch daran muss immer wieder erinnert werden – all jene, die vergessen haben, dass wir nicht mehr in der Sowjetunion leben. Gegen uns steht die Sowjetunion.
Und selbst wenn wir uns vorstellen, dass wir all diese Prüfungen überstehen, den Verteidigungsprozess des Landes organisieren können, dass der Staat auf der politischen Landkarte der Welt bestehen bleibt und das ukrainische Volk an seinen angestammten Wohnorten bleibt – die Chancen dafür bestehen, auch wenn sie keineswegs hundertprozentig sind. Sie existieren und hängen auch von der Unterstützung der westlichen Welt ab.
Doch es gibt noch eine weitere wichtige Frage: Wie wird Gerechtigkeit nach dem Krieg aussehen – angesichts all dessen, was wir heute beobachten? Die Menschen, die von der Front zurückkehren werden – und sie werden zurückkehren, wenn der Krieg endet –, werden unterschiedlich sein. Doch eines wird sie verbinden: das Gefühl der Ungerechtigkeit gegenüber jenen, die sie nicht ablösen wollten.
Und ganz gleich, welche Erklärungen es dafür geben wird, warum dies nicht geschehen ist – allein die Möglichkeit gesellschaftlicher Konflikte darüber kann zu Explosionen führen, die nicht weniger gefährlich sind als der russisch-ukrainische Krieg selbst. Natürlich wird Russland diese Prozesse ausnutzen. Russland wird – entgegen allen optimistischen Erwartungen derjenigen, die von seinem baldigen Zusammenbruch erzählen – nicht verschwinden, sondern gierig auf den Moment warten, in dem es wieder über die Ukraine herrschen kann. Umso mehr, wenn sich unsere europäische und euro-atlantische Integration verlangsamt und klar wird, dass wir in absehbarer Zeit kaum Chancen haben werden, Teil der westlichen Welt zu werden.
Sehen Sie nur, wie viele Herausforderungen, wie viele Probleme und wie viele Fragen in einem einzigen beschädigten Fahrzeug des Rekrutierungszentrums stecken. Und es wird noch mehr werden, immer mehr und mehr. Auch das möchte ich sagen, damit sich niemand Illusionen macht. Allein beim Gedanken daran schmerzt einem das Herz.
Deshalb: eine effektive Führung des Landes, die Wiederherstellung einer wirksamen Staatsführung als Voraussetzung für das Überleben von Staat und Nation. Ein klares Programm zur Behebung der Probleme im Zusammenhang mit der Mobilisierung. Ein ehrliches Gespräch mit den Bürgern. Das Bewusstsein, dass viele Menschen, die in der Ukraine leben, sie lediglich als Wohnort betrachten und sich selbst im Sinne ihrer Identität nicht als ihre Bürger verstehen. Auch das ist eine völlig verständliche Folge davon, dass die ukrainischen Gebiete über Jahrhunderte anderen Staaten unterworfen waren. Das lässt sich nicht in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren ändern. Das ist ein Prozess von Jahrhunderten.
Wenn wir all diese Bedrohungen begreifen, unter den Bedingungen fehlender Wahlen eine effektive Staatsführung aufbauen, unter denselben Bedingungen eine echte zivile Kontrolle über die Streitkräfte schaffen, die Priorität militärischer Aufgaben während des andauernden Krieges verstehen und ehrlich mit den Menschen darüber sprechen; wenn wir verstehen, dass die Armee wichtiger ist als soziale Probleme, dass ein Luftschutzbunker wichtiger ist als ein Springbrunnen – dann hängt von dieser Veränderung der Prioritäten nicht nur das Überleben des ukrainischen Staates in diesem langen Krieg ab, sondern auch sein Überleben im Frieden.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Конфлікт з ТЦК у Львові: висновки | Віталій Портников. 09.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 09.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von
Viktoriya Limbach
veröffentlicht auf
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