Trump ermutigt Zelensky zu mehr Entschlossenheit | Vitaly Portnikov | 23.06.2026.

Nach Angaben von Quellen der Zeitung Kyiv Independent riet der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, seinem ukrainischen Kollegen Volodymyr Zelensky während ihres jüngsten Treffens am Rande des G7-Gipfels in Évian, gegenüber Putin entschlossener zu handeln, um den russischen Präsidenten an den Verhandlungstisch zu zwingen.

Beobachter deuten diese Worte Donald Trumps als Eingeständnis der Tatsache, dass der russische Präsident nicht freiwillig an echten Verhandlungen teilnehmen wird. Dies kann als Korrektur der außenpolitischen Position des amerikanischen Präsidenten betrachtet werden, der vom ersten Tag seiner Amtszeit an gehofft hatte, die Präsidenten der Russischen Föderation und der Ukraine zu einer Vereinbarung über die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges zu bewegen, und dies wiederholt öffentlich erklärte.

Natürlich kann man die Frage stellen, warum Trump seine Sicht der Lage gerade jetzt geändert hat. Denn wir haben gesehen, dass Putin alle Initiativen des amerikanischen Präsidenten ständig und konsequent zurückgewiesen hat. Schon in seinem ersten Telefongespräch mit seinem russischen Amtskollegen betonte Trump, dass Russland und die Ukraine einem Waffenstillstand zustimmen und von dieser Position aus über Frieden zwischen den beiden verfeindeten Staaten verhandeln müssten.

Putin stimmte diesem Vorschlag nicht zu. Daraufhin änderte Trump sogar seine Vorstellung eines bedingungslosen Waffenstillstands zwischen Russland und der Ukraine zugunsten eines Modells, das der Russischen Föderation ermöglichen sollte, Bedingungen für einen Waffenstillstand zu stellen. Doch auch das stellte den russischen Präsidenten nicht zufrieden.

Später kam es zu dem berühmten Treffen in Anchorage, das sowohl für den amerikanischen als auch für den russischen Präsidenten mit einem Fiasko endete. Nach dem Treffen erklärte der Präsident der Vereinigten Staaten klar, dass es ihm nicht gelungen sei, Vereinbarungen mit Putin zu erzielen. Doch bereits auf dem Weg von Anchorage nach Washington sah er sich gezwungen, seine Einschätzung der Ergebnisse des Treffens zu ändern, weil er nicht wollte, dass es als negativer Ausgang seiner Diplomatie wahrgenommen wurde.

Nach Anchorage entstand die Idee, ukrainisch-russische Verhandlungen unter amerikanischer Vermittlung sogar während der laufenden Kampfhandlungen zu ermöglichen. Dies war bereits ein erheblicher Rückzug des Präsidenten der Vereinigten Staaten von seinen früheren Vorstellungen über die Möglichkeiten zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges. Man kann sagen, dass Donald Trump dem Szenario Putins zustimmte, der daran interessiert war, Zeit zu gewinnen – möglicherweise bis zum Ende von Donald Trumps Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten –, so wie es bereits bei den Vorgängern des amerikanischen Staatschefs geschehen war.

Jetzt, da offensichtlich wird, dass auch dieser Verhandlungsprozess gescheitert ist und Russland ihn demonstrativ verlassen hat, solange die ukrainischen Truppen nicht auf ihre Präsenz auf dem Gebiet der ukrainischen Region Donezk verzichten – worüber sowohl Präsident Putin als auch andere Kremlbeamte wiederholt gesprochen haben –, sagt Trump zu Zelensky, dass er gegenüber Putin entschlossener handeln müsse.

Dabei handelt es sich weniger um einen diplomatischen Kurswechsel als vielmehr um die Erkenntnis des amerikanischen Präsidenten, dass die Ukraine der Russischen Föderation schwere Schläge zufügt und die Möglichkeiten des russischen militärisch-industriellen Komplexes sowie der Ölverarbeitungsindustrie einschränkt. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Trumps Worte genau in dem Moment fielen, als sich die Lage im Nahen Osten – wenn auch vorübergehend – zu entspannen begann und die Islamische Republik Iran der Öffnung der Straße von Hormus zustimmte.

Damit benötigt Washington die Dienste Moskaus zur Aufrechterhaltung des Ölmarktgleichgewichts bereits jetzt nicht mehr. Mehr noch: Das iranische Öl, das nun an viele Länder des Globalen Südens verkauft werden wird, kann russisches Öl problemlos ersetzen. Zusätzliche Konkurrenten benötigen die Vereinigten Staaten nicht.

Hier deckt sich die Position von Präsident Trump mit der seines Finanzministers Bessent, der stets ein Befürworter der Verdrängung der Russischen Föderation vom weltweiten Energiemarkt zugunsten amerikanischer Ölunternehmen war, an deren Gewinnen die Administration des Weißen Hauses interessiert ist.

Somit kann man sagen, dass Trumps Verhalten in der neuen Situation logisch ist. Der amerikanische Präsident neigt sich stets stärker auf die Seite dessen, der seinem Gegner die schwereren Schläge zufügt, und die Anstrengungen der Ukraine können bei ihm Respekt hervorrufen.

Russlands Bedeutung auf dem weltweiten Ölmarkt soll verringert werden. Daher ist die Zerstörung der russischen Ölverarbeitungsindustrie vor dem Hintergrund der Sanktionen gegen russisches Öl ein zusätzlicher Pluspunkt für den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Und natürlich konnte Donald Trump, der hofft, dass Anhänger einer traditionellen Haltung gegenüber religiösen Kulten für die Republikaner stimmen werden, die Angriffe der Russischen Föderation auf die Kyiv-Petschersk-Lawra nicht ignorieren. Diese wurden zu einem weiteren Beweis dafür, dass alle Gespräche über gemeinsame Werte amerikanischer Konservativer und des Kremls eher eine Moskauer Erfindung sind, die darauf abzielt, die Vereinigten Staaten auf Distanz zu russischen Interessen im postsowjetischen Raum und in Europa zu halten. Genau dies hatten europäische Staats- und Regierungschefs Donald Trump und seinen Verbündeten bei zahlreichen Gipfeltreffen immer wieder zu erklären versucht.

Doch offensichtlich konnte der amerikanische Präsident die tatsächlichen Absichten seines russischen Amtskollegen, für den er stets eine geradezu unverstellte Achtung empfand, erst dann erkennen, als Putin zu Angriffen überging, die zeigen sollten, dass er in der Lage ist, Heiligtümer der christlichen Welt zu zerstören.

Natürlich stellt sich nun die Frage, welche konkreten Folgen diese Worte Donald Trumps haben werden.

Der amerikanische Präsident stand dem ukrainischen Vorschlag positiv gegenüber, ein gemeinsames Treffen der Staats- und Regierungschefs der drei Länder in den Vereinigten Staaten zu organisieren. Allerdings habe ich keine Erwartung, dass der russische Präsident einem solchen Gipfel tatsächlich zustimmen wird, da er offenbar weiterhin davon überzeugt ist, dass die Zeit auf Putins Seite steht und nicht auf der Seite der Ukraine und ihrer Verbündeten.

Der amerikanische Präsident muss außerdem eine Entscheidung über die weitere Unterstützung der Ukraine treffen. Diese muss natürlich nicht mit Worten oder Erklärungen verbunden sein, sondern mit realem Geld und realen Waffen, die die Ukraine in den kommenden Phasen der lang andauernden russisch-ukrainischen Konfrontation benötigt.

Positiv ist jedoch, dass Trump Putin nun nicht mehr als jemanden betrachtet, der den russisch-ukrainischen Krieg tatsächlich durch einen Verhandlungsprozess beenden möchte.

Und das ist bereits eine wichtige Nachricht für die Situation, in der sich die Ukraine heute in ihrer Konfrontation mit der Russischen Föderation befindet.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Трамп заохочує Зеленського до рішучості| Віталій Портников. 23.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 23.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Die Geschichte eines Hauses (gewidmet allen Verfolgten und Deportierten). Yaroslav Deneka. 23.06.2026.

Історія однієї хати (присвята усім гнаним та депортованим). Yaroslav Deneka. 23.06.2026.

Angesichts der jüngsten Ereignisse kann ich zu den polnisch-ukrainischen Beziehungen nicht schweigen und möchte einen meiner älteren, für dieses Thema wichtigen Texte erneut veröffentlichen.

Uns und die Polen verbindet eine schwierige gemeinsame Vergangenheit und – so hoffe ich sehr – eine vielversprechende gemeinsame Zukunft. Wie diese Zukunft aussehen wird, hängt allein von uns ab – von Ukrainern und Polen.

Die Geschichte unten ist die Geschichte zweier Familien, einer ukrainischen und einer polnischen, die durch die Tragödien des 20. Jahrhunderts miteinander verbunden wurden und die die Liebe zum Leben miteinander befreundete.

Alles, was derzeit durch den Informationsraum gejagt wird, dieser ganze polnisch-ukrainische Streit, wird von Menschen angeheizt, die in glücklichen, friedlichen Gesellschaften aufgewachsen sind und niemals irgendwelche Entbehrungen erlebt haben. Von Menschen, für die die Worte „Krieg“, „Terror“ oder „Deportation“ nur Worte sind und die diesen Schrecken nie selbst durchlebt haben.

Und ich behaupte, dass diejenigen, die den Moloch von Repressionen und Kriegen durchstanden haben, niemals Streitereien und Abrechnungen darüber veranstalten würden, wer wem wie viel und wofür schuldet. Diese Menschen würden ihr Haupt vor den Opfern neigen. Sie würden einander vergeben. Und sie würden weitergehen. In die Zukunft.

Auf dem Foto unten sieht man ein altes Haus auf einem verlassenen Weiler nahe dem Dorf Oryschkiwzi in der Oblast Ternopil. Dazu einen uralten Obstgarten, umgeben von Feldern und Wäldern. Im Umkreis von einem Kilometer gibt es keine einzige Menschenseele. In unserer Kindheit nannten wir diesen Weiler einfach „Der Garten“. Früher trug er allerdings einen anderen Namen – Tschorni Losy („Schwarze Weiden“). Dies ist mein tiefster Kraftort und die Quelle meines inneren Feuers. Ein Ort, an dem ich einen bedeutenden Teil meiner Kindheit verbrachte und eine beträchtliche Anzahl von Rutenschlägen auf ein bestimmtes Körperteil erhielt. 🙂

Dieses Haus gehörte meinem Urgroßvater, Jurij Ilkowytsch Deneka. Er war ein beeindruckender Mann. Ein Bauer und Hausherr durch und durch. Einer von denen, über die Lieder geschrieben und Legenden erzählt werden. Mit unbeugsamem Charakter, starkem Willen und knotigen, von harter Arbeit gezeichneten Händen. In jener stürmischen Zeit konnte man gar nicht anders sein – es gab keine Zeit, mit dem Leben zu hadern, in Depressionen zu verfallen oder mit Psychologen die Ursachen familiärer Probleme zu analysieren. Man wusste, dass das Leben schwer war und dass man sich nur durch ehrliche Arbeit seinen Platz darin erkämpfen konnte.

Nachdem er früh seine Eltern verloren hatte und als Soldat der österreichisch-ungarischen Armee die Hölle des Ersten Weltkriegs erlebt hatte, einschließlich einer Gefangenschaft an der italienischen Front, hegte mein Urgroßvater Jurko ständig einen Traum: eine große Familie und einen Hof zu haben, auf dem er Herr auf seinem eigenen Stück Land sein würde.

Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg machte er sich begeistert daran, diesen Traum zu verwirklichen. Er heiratete, ließ sich auf einem Weiler außerhalb des Dorfes nieder – fern von Menschen und Behörden –, gründete einen Hof. Kinder wurden geboren: Hanna, Stepan (mein Großvater) und Kateryna. Und er baute sein eigenes Haus.

Nein, nicht dieses auf dem Foto – ein anderes. Denn jener Weiler hieß Hurajskyj, das Dorf Korenyzja im Kreis Jarosław im Nadsiannja-Gebiet. Und das Land, in dem mein Urgroßvater seinen Traum verwirklichte, hieß Republik Polen. Das damalige Polen vor dem Krieg.

Dann einigten sich zwei schnauzbärtige Schurken heimlich auf etwas, und der Krieg begann.

In diesem blutigen Chaos, in dem Gerüchte die wichtigste Informationsquelle waren, konnte ein einfacher Mensch kaum erkennen, wer recht hatte und wer nicht. Heute schaut man eine Serie, liest ein paar Blogger und ist Experte für Politik, Recht und Geschichte und weiß genau, wer das absolute Böse ist. Damals aber gab es Deutsche, Sowjets, Polen, Banderowzy – und um in diesem wahnsinnigen Mahlwerk des Todes zu überleben, musste man mit allen irgendwie auskommen.

Endgültig änderte sich alles, als die Sowjets zum zweiten Mal kamen und Hitler schmählich nach Westen gejagt wurde. Damals wurde auch sein Sohn Stepan, mein Großvater, für einige Jahre in die Rote Armee gesteckt.

Auf Grundlage geheimer Absprachen zwischen Stalin und dem neuen kommunistischen Polen wurden diese Gebiete großzügig Polen zugeschlagen. Unter der ukrainischen Bevölkerung begann plötzlich eine Kampagne zur Umsiedlung in die glückliche Sowjetukraine. Man versprach allerlei Vergünstigungen, Subventionen und Land – viel Land. Hauptsache, die Leute stimmten zu.

Die vom Krieg erschöpften Menschen hörten zu, zuckten mit den Schultern, tippten sich an die Stirn und gingen nach Hause zurück zur Arbeit. Die angestammte Heimat und die Gräber der Vorfahren verlassen? Nicht mit ihnen.

Nach einiger Zeit stürmten polnische Soldaten den Weiler. Bewaffnet und unerbittlich. Sie erklärten, man habe nur wenige Stunden Zeit zum Packen. Wer nicht freiwillig gehe, dessen Eigentum werde beschlagnahmt und er werde zwangsweise ausgesiedelt.

Mein Urgroßvater verstand alles.

Am schwersten war die Erkenntnis, dass man sein Gehöft nie wieder sehen würde, nie wieder Wasser aus dem eigenen Brunnen trinken, nie wieder die Felder pflügen würde, die reichlich mit dem eigenen Schweiß getränkt waren.

Doch Jurko wäre kein echter Hausherr gewesen, wenn er außer seiner Familie nicht auch Geräte, Saatgut und sogar ein Pferd und eine Kuh mitgenommen hätte. Wie ihm das gelang, weiß wohl nur Gott. Ich sagte ja: Das war ein außergewöhnlicher Mann.

Die Menschen wurden per Eisenbahn wie Vieh transportiert. In eine unbekannte Zukunft, irgendwohin nach Osten. Weinen, Schreie und kurze Befehle der Soldaten vermischten sich mit dem Zischen der Lokomotiven und dem Rattern der Räder.

Aber mein Urgroßvater zerbrach nicht daran.

Auch wenn er sein Zuhause verlassen musste, gab er seinen Traum nicht auf, sondern trug ihn in seinem Herzen mit sich. Als die Umsiedler in die vom Krieg und der Sowjetmacht verwüstete Region Ternopil kamen, erklärte er, er wolle nicht im Dorf leben, sondern sich auf einem Weiler niederlassen. Um noch einmal von vorne anzufangen. Um wieder Herr seines eigenen Lebens zu sein.

Bald fand sich ein Weiler mit verlassenen Häusern. In eines davon zog mein Urgroßvater Jurko ein – genau jenes auf dem Foto. Im Jahr 1945 wurden die Schwarzen Weiden sein neues und letztes Zuhause.

Und obwohl es am neuen Ort genug Arbeit gab, trug seine Familie die unaussprechliche Sehnsucht nach der Heimat, dem Land der Vorfahren und dem fernen verlorenen Paradies voller Licht, Frieden und ehrlicher Arbeit ihr ganzes Leben lang in sich.

…Und im Jahr 2015 schrieb er mir eine E-Mail – Darek Dariusz Kluszczynski. Ein polnischer Staatsbürger, der dieses Foto auf Google Earth gefunden hatte (geheiligt seien die Namen Larry Page und Sergey Brin in Ewigkeit!!!).

Wir begannen miteinander zu korrespondieren, und seitdem ist der Kontakt zwischen uns nie abgerissen.

Darek erzählte die geradezu unglaubliche Geschichte seiner Familie.

Sein Großvater, Stanisław Rozkuszka, hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft und erhielt nach der Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit vom Staat ein Stück Land. Er und mehrere andere polnische Familien ließen sich außerhalb des Dorfes Oryschkiwzi auf einem Weiler nieder – in den Schwarzen Weiden.

Dort, auf diesem Weiler, wurde 1930 Dareks Mutter Janka geboren. Sie ging im Dorf zur Schule und besuchte die Kirche.

Alles änderte sich nach dem 1. September 1939, als die Rote Armee kam.

Alle polnischen Militärangehörigen – aktive wie ehemalige – wurden zusammen mit ihren Familien nach Sibirien deportiert. Man erlaubte ihnen nicht, irgendetwas mitzunehmen.

Nach Jahren der Erniedrigung und des Elends amnestierte Stalin die Polen schließlich, und Dareks Großvater trat sofort der neu gegründeten Anders-Armee bei, die im sowjetischen Hinterland aufgestellt wurde.

Polnische Offiziere wurden zusammen mit ihren Familien zunächst nach Zentralasien gebracht, dann in den Iran, nach Indien und schließlich nach England. Nach dem Krieg kehrten sie von dort nach Polen zurück.

Dareks Mutter erinnerte sich ihr Leben lang an die gesegneten Orte ihrer unvergesslichen und glücklichen Kindheit. Doch sie konnte sie nie wieder besuchen.

Bis vor Kurzem.

Und so trafen wir uns schließlich 2016 zum Fest der Heiligen Dreifaltigkeit: diejenigen, die 1939 von hier vertrieben worden waren, und diejenigen, die das Schicksal 1945 hierhergeführt hatte.

Haben Sie jemals dieses Gefühl erlebt, wenn Sie Menschen zum ersten Mal kennenlernen und dennoch das Gefühl haben, sie schon Ihr ganzes Leben zu kennen?

Glauben Sie daran, dass gemeinsame heilige Orte Menschen mit einem Geist der Einheit erfüllen?

Können Sie sich eine 86-jährige Frau vorstellen, die wie ein Kind mit einem glücklichen Lächeln und fröhlich funkelnden Augen über ein Feld zu dem Ort ihrer Kindheit läuft?

Und was empfindet ein Mensch, der nach 76 Jahren nach Hause zurückkehrt?

Was empfanden die Krimtataren, als man ihnen endlich erlaubte, auf die Krim zurückzukehren?

Was werden die Vertriebenen aus dem Donbas empfinden, wenn sie am Horizont wieder die Abraumhalden und die Silhouetten der Bergwerke sehen?

Und vor allem: Was empfinden jene Schurken, die so leichtfertig über andere Menschen entscheiden und geheime politische Absprachen hinter verschlossenen Türen in die Tat umsetzen?

Ohne zu begreifen, wie viel Schmerz und Leid sie Tausenden und Abertausenden von Menschen zufügen können.

Ohne zu verstehen, dass jede geheime Verschwörung und jeder schmutzige Hinterzimmerdeal – besonders wenn man sich mit politischen Betrügern oder mit dem Feind einlässt – zu einem Meer aus Blut, zerstörten Schicksalen und verlorenen Chancen führen kann.

Und es spielt keine Rolle, ob es die Märzartikel der Perejaslawer Rada, der Molotow-Ribbentrop-Pakt oder der „Big Deal“ des abscheulichen Donald Trump ist.

Deshalb: Bevor du wichtige Schritte unternimmst oder jemanden für etwas beschuldigst, erinnere dich an deine Schwarzen Weiden, zu denen du vielleicht erst nach vielen Jahrzehnten zurückkehren kannst!


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Art der Quelle: Sozialmedia
Titel des Originals: Історія однієї хати (присвята усім гнаним та депортованим). Yaroslav Deneka. 23.06.2026.
Autor: Yaroslav Deneka
Veröffentlichung: 23.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Ukrainisch-polnischer Konflikt: die Folgen | Vitaly Portnikov. 22.06.2026.

Der polnisch-ukrainische Konflikt rund um die Geschichte mit der Aberkennung des Ordens des Weißen Adlers für den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky flaut nicht ab.

Wir wissen immer noch nicht, ob der Präsident der Ukraine die Konferenz zur Entwicklung der Ukraine in Danzig besuchen wird. Und hier liegt der Sinn jetzt nicht einmal in der Konferenz selbst, sondern darin, ob das Oberhaupt des ukrainischen Staates mitten in diesem Konflikt nach Polen kommen wird.

Der Grad der gegenseitigen Beschuldigungen steigt, ebenso wie die Geschichte mit der Rückgabe von Orden, denn jetzt schließen sich den ukrainischen Politikern, die ihre Orden an Polen zurückgeben, auch polnische an. Aber wenn man sich erinnert, wurde diese Büchse der Pandora keineswegs von Volodymyr Zelensky geöffnet, als er seinen Orden des Weißen Adlers an den polnischen Kollegen zurückgab, nachdem Karol Nawrocki bereits die Entscheidung getroffen hatte, ihm diesen Orden abzuerkennen, sondern vom polnischen Botschafter in der Ukraine Bartosz Cichocki.

Und in jedem Fall müssen wir, wenn wir über die Rückgabe dieser Auszeichnungen sprechen, daran denken, dass dies alles verdiente Auszeichnungen sind. Präsident Zelensky erhielt diesen Orden im Namen des ukrainischen Volkes in der schwersten Phase des ukrainischen Widerstands gegen die russische Aggression. Und Botschafter Cichocki, der seinen Orden zurückgegeben hat, erhielt ihn verdient, weil er praktisch der einzige Diplomat eines Mitgliedstaates der Europäischen Union war, der gerade in jenen Tagen in Kyiv blieb, als die ukrainische Hauptstadt vor der größten Gefahr stand, von russischen Truppen eingenommen zu werden. Und auch an all das sollte man denken, wenn wir über jenen Grad gegenseitiger Beschuldigungen und Spannungen sprechen, der heute zwischen bestimmten politischen Kreisen in Polen und der Ukraine besteht.

Heute sagte man in der Kanzlei des Präsidenten Polens, dass dieser Konflikt in Wirklichkeit keinen innenpolitischen Charakter habe. Das sagte auch der Präsident Polens, Karol Nawrocki, selbst, als er auf die Worte des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky antwortete, wonach der Konflikt für das polnische Staatsoberhaupt eben einen innenpolitischen Charakter angenommen habe und mit seiner Konfrontation mit dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk verbunden sei.

Ich neige hier dazu, Zelensky und nicht Nawrocki zuzustimmen, denn ich spreche jetzt nicht einmal von Ansprüchen an den Kern der Frage selbst, weil offensichtlich ist, dass es unter polnischen Politikern niemanden gibt, der meinen würde, eine ukrainische Militäreinheit könne den Namen der Ukrainischen Aufstandsarmee tragen. Aber wenn eine solche Situation Unzufriedenheit, sagen wir, beim Oberhaupt des polnischen Staates hervorruft, hätte er zunächst irgendeinen eigenen Kontakt zu seinem ukrainischen Kollegen herstellen können, um zu verstehen, wie man diese Frage lösen kann und ob man sie überhaupt lösen kann und wozu ein weiterer Konflikt führen wird, und erst danach Entscheidungen über irgendwelche öffentlichen Handlungen treffen können. Ganz zu schweigen davon, dass immer die Frage entsteht: „Warum beginnst du mit einem Orden, den nicht du verliehen hast, und das in einer völlig anderen Situation? Und warum bestehst du darauf, dass deine Entscheidung über die Aberkennung des Ordens vom Ministerpräsidenten Polens bestätigt werden muss? Obwohl es dazu keine Hinweise in der polnischen Gesetzgebung gibt und dies eher deine Interpretation dieser Gesetzgebung ist, die eben diesen Ministerpräsidenten in eine unbequeme Lage bringen soll.“

Und hier müssen wir nicht nur daran denken, dass zwischen dem politischen Lager Nawrockis und dem politischen Lager Tusks eine reale Spannung besteht und dass diese Spannung während der kommenden Wahlkampagne in Polen und während der Wahlen nur zunehmen wird, sondern auch daran, dass der Präsident in Polen praktisch kaum reale Befugnisse besitzt.

Das ist ebenfalls ein Problem des polnischen Verfassungsrechts. Polen ist eine parlamentarisch-präsidentielle Republik, aber in Wirklichkeit hat der vom Volk gewählte Präsident nur sehr wenige reale Befugnisse. Er ist ein vom Volk gewählter Monarch, der nur in einer Situation auf irgendeine ernsthafte politische Rolle hoffen kann, wenn seine eigene Partei im Sejm eine Mehrheit hat. Und selbst in dieser Situation spielt er in der großen Politik eine zweitrangige Rolle.

Vielleicht war uns das nicht aufgefallen, aber die Bedeutung Andrzej Dudas als Präsident Polens blieb deutlich hinter der Bedeutung des Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki und hinter der Bedeutung Jarosław Kaczyńskis als Vorsitzendem der Regierungspartei zurück. Das ist der Fall, in dem die erste Person im Staat die dritte Rolle spielt.

Und was konnte Andrzej Duda damals tun, um seine politische Rolle zu demonstrieren? Die Ukraine auf der internationalen Bühne unterstützen, jene gemeinsame Außenpolitik betreiben, die damals praktisch die gesamte polnische politische Elite und Gesellschaft teilte. Schließlich Volodymyr Zelensky mit dem Orden des Weißen Adlers auszeichnen, was ebenfalls zeigte, was der polnische Präsident tun kann, um den Bürgern eines Landes Respekt zu erweisen, die gegen die Aggression eben jenes Staates kämpfen, der den Polen mehrmals nacheinander ihre Staatlichkeit genommen hatte.

Und was kann Karol Nawrocki tun, damit man auf ihn als ernsthaften Spieler aufmerksam wird? Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers aberkennen. Alles logisch.

Mit den Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen hat das real nichts zu tun. Im Ergebnis wurde es jedoch zu einem ernsthaften Belastungsfaktor für diese Beziehungen. Vielleicht zum ernstesten seit Beginn des großen russisch-ukrainischen Krieges. Denn ein Konflikt dieses Ausmaßes zwischen Kyiv und Warschau hat es bisher noch nicht gegeben.

Und hier entsteht die Frage, was weiter zu tun ist und wie man die weitere Entwicklung dieses Konflikts eindämmen kann, wie man weitere Emotionen eindämmen kann.

Auf mich macht all das einen bedrückenden Eindruck. In meinem Bemühen, Kommunikation zwischen der ukrainischen und der polnischen Gesellschaft aufzubauen, bin ich immer auf genau dieses Problem des Konflikts zwischen dem Verständnis historischer Erinnerung der Ukrainer und der Polen gestoßen und auf das klare Bewusstsein, dass es in den nächsten Jahrzehnten keine gemeinsame Version dieser historischen Erinnerung geben wird.

Hier kann man lange nachdenken, versuchen, die Ursachen zu verstehen, versuchen herauszufinden, wer denn mehr recht oder weniger recht hat, wo die Ursprünge dieses, ich würde sagen, gemeinsamen Unverständnisses liegen, seine Argumente oder Gegenargumente vorbringen, aber das wird Stunden dauern und trotzdem zu nichts führen.

In Wirklichkeit wäre die beste Variante in dieser Situation, die Diskussionen über Probleme der historischen Erinnerung fortzusetzen, aber sich bewusst zu machen, dass beide Länder eine gemeinsame Zukunft, einen gemeinsamen zivilisatorischen Raum haben und dass ihr Überleben ebenfalls von dieser gemeinsamen Solidarität abhängt, und eben jene historische Lehre zu berücksichtigen, dass polnisch-ukrainischer Zwist immer zum Verlust der Staatlichkeit sowohl der Ukraine als auch Polens geführt hat.

Das Problem besteht darin, dass es faktisch unter den polnischen Eliten selbst einen Konsens über die Wahrnehmung der historischen Erinnerung Polens als solcher gibt, eine Nichtakzeptanz der ukrainischen Version, aber keinen Konsens in Bezug auf die Schlussfolgerungen.

Sagen wir, jener Teil der Polen, der nicht zu den Anhängern von Präsident Karol Nawrocki gehört, der nicht zu den Anhängern der rechten und ultrarechten politischen Kräfte gehört, versteht, dass historische Fragen ohne überflüssige Emotionen betrachtet werden müssen, in der Hoffnung, dass es irgendwann gelingen wird, zu einem zivilisierteren Dialog zu kommen, und jetzt eine gemeinsame Zukunft aufzubauen.

Das Lager, das Karol Nawrocki repräsentiert und das in seinen Ansichten nicht nur zu den polnisch-ukrainischen historischen Problemen immer radikaler wird, vertritt eine andere Idee: dass es ohne Anerkennung der polnischen Version der historischen Erinnerung durch die Ukrainer keine gemeinsame Zukunft der beiden Völker geben könne, was meines Erachtens ein schwerer Fehler ist.

Ein weiterer schwerer Fehler gerade dieses Lagers ist seine feste Überzeugung, dass die Unabhängigkeit Polens heute nicht mehr von der Zukunft der Ukraine abhängt und dass selbst dann, wenn die Ukraine von der politischen Landkarte der Welt verschwindet und das ukrainische Volk unter den Russen aufgeht, dies zu keinen ernsthaften Problemen für Polen führen werde, sondern ihm die Situation vielleicht sogar erleichtern könne, als einem Land, das nun seine Beziehungen zu Moskau aufbauen werde. Dabei werde jenes Bündnissystem, das Polen nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers geschlossen hat, Polen ein komfortables Dasein ermöglichen und Russland nicht erlauben, Polen seiner Staatlichkeit zu berauben.

Auch das ist eine Illusion, über die ich ständig zu sprechen versuche. Die Sache ist die, dass das gesamte Bündnissystem, das Polen nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers geschaffen hat, heute schon nichts mehr wert ist, zumindest ist das System der euro-atlantischen Solidarität nichts mehr wert, weil die Vereinigten Staaten den klaren Wunsch haben, Europa zu verlassen und die Nachkriegsordnung des Zweiten Weltkriegs zu revidieren. Und unabhängig davon, wer der Herr des Oval Office sein wird, Donald Trump oder irgendeine andere Figur, diese Politik ist meines Erachtens falsch, aber sie existiert und wird umgesetzt werden. Nur kann Trump sie aggressiver und expressiver umsetzen. Seine Nachfolger können es planmäßiger und ruhiger tun.

Nun noch eine Frage, die verstanden werden muss. Wenn die Ukraine von der politischen Landkarte der Welt verschwindet und das ukrainische Volk unter den Russen aufgeht, wird das ein so starkes Wachstum des geopolitischen Gewichts Russlands bedeuten, dass die Vereinigten Staaten einfach gezwungen sein werden, Moskau viel ernster zu nehmen, als dies bisher der Fall war. Und dass die Vereinigten Staaten bereit sind, Gewicht zu berücksichtigen, konnten wir daran sehen, wie sich der Präsident der Vereinigten Staaten in China verhielt und wie er dem Präsidenten der Russischen Föderation applaudierte, als dieser aufgeblasen die Treppe  seines eigenen Flugzeugs in Anchorage hinabstieg. Und stellen Sie sich vor, Trump würde den Sieger Putin begrüßen, dessen Truppen in Kyiv und sogar in Lwiw stünden.

Deshalb wird im Falle einer Niederlage der Ukraine dieses gesamte Bündnissystem zusammenbrechen, zumindest für Mitteleuropa. Und für die Sicherheit Polens würde ich nicht einen Złoty geben, und für das weitere Bestehen des polnischen Volkes im Rahmen seiner Staatlichkeit nicht einmal zwei. Und genau das ist das Hauptproblem, das den Vertretern des rechten politischen Lagers in Polen schwer zu beweisen ist.

Aber hier müssen wir eine einfache Sache verstehen. Genauso wie Polen die ukrainische Unabhängigkeit für sein weiteres Überleben braucht, brauchen wir polnische Unterstützung für unser weiteres Überleben. Umso mehr, als vor uns schwere Jahre der Prüfung durch Konflikte mit der Russischen Föderation liegen. Selbst wenn man sich vorstellt, dass der russisch-ukrainische Krieg in den nächsten Jahren endet oder zumindest unterbrochen wird, damit Russland sich auf einen neuen Krieg vorbereiten kann, werden wir diese Unterstützung dennoch brauchen. Und so oder so wird es uns wichtig sein, dass Polen für uns ein Land bleibt, das an unserer Zukunft interessiert ist, und nicht an unserem Verschwinden.

Dann müssen wir uns eine einfache Sache sagen. Die polnische Gesellschaft existiert faktisch in einer Situation, in der es zwei Lager gibt, die sich seit den letzten 100 Jahren, seit der Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit, in ständiger Konfrontation befinden. Man kann sie bedingt rechts und links nennen, zentristisch und rechts.

Aber das sind gewissermaßen zwei Polen. Früher, vor dem Krieg, nannte man sie das Polen des Marschalls Piłsudski und das Polen Roman Dmowskis. Über diese beiden Lager schrieb die große polnische Schriftstellerin Maria Konopnicka unmittelbar nach der Ermordung des ersten Präsidenten des unabhängigen Polen, Gabriel Narutowicz, nach der Piłsudski einen Militärputsch durchführte, die Macht in seine Hände nahm und die Rechten nie wieder an diese Macht ließ.

Diese Tradition ist auf erstaunliche Weise bereits im postsozialistischen Polen wiederauferstanden. Die polnischen Rechten und die polnischen Liberalen und Zentristen waren zusammen, wie man sagt, nur vor der Erschießung, als die polnische Staatlichkeit von der Sowjetunion kontrolliert wurde und in Polen ein im Kern Einparteiensystem der politischen Führung an der Spitze mit der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei existierte, in der es im Grunde ebenfalls eine Aufteilung in zwei solche Lager gab, nur innerhalb eben dieses politischen Systems. Und diese Lager wechseln ständig ihre Rollen an der Macht.

Das ist dem, was in den Vereinigten Staaten geschieht, sehr ähnlich. Und für mich bleibt etwa der faktische Verlust der parteiübergreifenden Unterstützung in Amerika ein großes Problem. Dass wir sehen, wie bei bestimmten ukrainischen Fragen die überwiegende Mehrheit der Demokraten und die Minderheit der Republikaner abstimmt. Und so geschieht es seit dem Moment, als die Republikanische Partei von Donald Trump monopolisiert wurde.

Dieses Problem ist für mich als jemanden, der die amerikanische Politik in den letzten Jahren beobachtet, und für jeden von Ihnen völlig offensichtlich. Wir haben immer gesagt, dass die parteiübergreifende Unterstützung unsere starke Seite ist. In den amerikanisch-ukrainischen Beziehungen gibt es diese parteiübergreifende Unterstützung jetzt nicht, und offenbar gibt es sie für niemanden, nicht einmal für Israel. Nur wechseln dort die Parteien die Plätze.

Aber wir haben uns immer gesagt, dass wir Verständigung nicht nur mit republikanischen Regierungen suchen müssen, sondern auch mit Kongressabgeordneten, Senatoren, Republikanern, die so oder so die Abstimmungen im Kongress bestimmen. Selbst wenn wir eine republikanische Minderheit haben, zeigt sich, dass der Kongress eine für die Ukraine günstige Entscheidung treffen kann.

Derselbe Ansatz sollte meines Erachtens auch für Polen gelten. Verstehen Sie, es ist ziemlich leicht, mit Politikern des liberal-zentristischen Lagers zu diskutieren, die unsere Unterstützer sind. Es ist ziemlich wichtig, auf jene Bürgerinitiativen zu reagieren, die jetzt dort entstehen und Volodymyr Zelensky mit irgendwelchen Volksorden auszeichnen. Aber diese Menschen muss man ohnehin nicht überzeugen. Sie sind ohnehin unsere Unterstützer. Sie sind ohnehin unzufrieden mit den Handlungen Karol Nawrockis. Und schon vor der Geschichte mit der Aberkennung der Auszeichnung Zelenskys sagten sie, Karol Nawrocki sei nicht ihr Präsident, sie hätten für Rafał Trzaskowski gestimmt, den Vertreter der Bürgerplattform und Bürgermeister von Warschau. Und faktisch spaltete sich die polnische Gesellschaft bei diesen Präsidentschaftswahlen erneut in zwei Hälften.

Das heißt, wir müssen daraus eine einfache Schlussfolgerung ziehen. Wir müssen Unterstützer nicht im liberalen Lager suchen, wo wir sie ohnehin haben, sondern im rechten Lager, wo wir sie nicht haben oder wo es nur sehr wenige gibt. Und uns sagen, dass im Jahr 2022 die polnische Führung vollständig aus Vertretern rechter Parteien bestand. Sowohl Andrzej Duda als auch Jarosław Kaczyński und Mateusz Morawiecki waren Vertreter rechter politischer Kräfte. Und gerade diese Regierung galt am 24. Februar 2022 als am stärksten zur Unterstützung der Ukraine geneigt. Wie Sie verstehen, gab es unter jenen Polen, die Ukrainern halfen, die vor dem Krieg flohen, Menschen unterschiedlicher politischer Ansichten. 

Zugleich müssen wir uns bewusst machen, dass die Haltung zur historischen Erinnerung bei Vertretern dieses politischen Lagers immer viel härter und viel unversöhnlicher sein wird als bei Vertretern des liberalen oder zentristischen politischen Lagers. Und das bedeutet, dass wir mit den polnischen Rechten gemeinsame politische Interessen suchen müssen und nicht beleidigt auf jede Geste reagieren dürfen, die uns nicht gefällt. Ich spreche jetzt nicht über die Geschichte mit Nawrocki, Sie verstehen, weil sie für mich durchsichtig ist. Wir müssen den Dialog suchen, versuchen, gerade von dieser Konzeption der gemeinsamen Zukunft zu überzeugen, die entweder für beide Länder gewinnbringend oder für beide Länder katastrophal sein kann. Genau davon müssen wir auch diejenigen überzeugen, die kein großes Interesse an einer politischen Zusammenarbeit mit uns haben.

Wir müssen jene polnischen Rechten sehen, die klar sagen, dass Russland für die Polen ein viel vorteilhafterer Nachbar und Partner sei als die Ukraine. Und jene polnischen Rechten, die die Gefahr Russlands für Polen in der Zukunft verstehen. Auch wenn diese Menschen eine Minderheit sein werden, werden sie zusammen mit Liberalen und Demokraten, Zentristen und, sagen wir, linken Liberalen die Mehrheit der polnischen Gesellschaft bilden. Also brauchen wir die Mehrheit der polnischen Gesellschaft.

Ich erzähle immer wieder diese bemerkenswerte Geschichte, dass vor dem Zweiten Weltkrieg in Warschau, einer Hochburg der Rechten, die linken Parteien stets die Stadtverwaltung führten, weil sie mit den jüdischen politischen Kräften ein Bündnis eingegangen waren. Das war eine Koalition, die gemeinsame Ziele hatte. Und diese Ziele waren vor allem mit dem Wunsch der nationalen Minderheiten verbunden, ihren Platz in Polen zu bewahren, und mit der Weigerung des rechten Lagers, ihnen diesen Platz zu geben. Also brauchen wir in Wirklichkeit keinen Konflikt mit Polen, sondern eine breite Koalition von Politikern im liberalen, im linken und im rechten Lager, die auf die Zukunft ausgerichtet ist.

Nun die Frage, was mit der historischen Erinnerung zu tun ist. Auch das ist eine ziemlich einfache Situation. Wir können Ereignisse, die bereits stattgefunden haben, nicht ändern. Die ganze gemeinsame Geschichte des polnischen und ukrainischen Volkes ist voller tragischer Ereignisse. Die Frage der Deutung dieser tragischen Ereignisse wird bei Polen und Ukrainern immer unterschiedlich sein. Mehr noch: Das ist nicht nur ein Problem dieser beiden Völker, wie Sie verstehen, sondern überall in Europa und nicht nur in Europa.

Polen und Israel haben ständig ernsthafte Diskussionen über Fragen der historischen Erinnerung. Denn die Konzeption des Opfer-Volkes selbst schließt die Möglichkeit aus, die Beteiligung eigener Landsleute an Repressionen gegen Nachbarn anderer Abstammungen anzuerkennen. Wie Sie wissen, kam es in den polnisch-israelischen Beziehungen wiederholt auch zu Demarchen von Botschaftern, zur Abberufung von Botschaftern aus Polen oder aus Israel und zur Absage hochrangiger Besuche. All das gab es. Das ist also nicht nur ein ukrainisches Problem.

Und es gab sogar Ereignisse, bei denen einerseits der Botschafter Israels in Polen mit ernsten Vorwürfen gegen die polnische Regierung im Zusammenhang mit Interpretationen von Ereignissen des Zweiten Weltkriegs auftrat. Und zugleich solidarisierte sich der Botschafter Israels in der Ukraine mit dem polnischen Botschafter in der Ukraine wegen der ukrainischen Interpretation von Ereignissen des Zweiten Weltkriegs. All das kann gleichzeitig geschehen.

Und übrigens müssen wir in dieser Situation darüber nachdenken, wie wir uns in denselben analogen Situationen mit eben jenem israelischen Botschafter in Polen für gemeinsame Erklärungen und Initiativen zusammentun können. Wenn der polnische Botschafter in der Ukraine israelische Solidarität sucht, warum sollten wir sie nicht in Polen suchen?

Umso mehr, als all diese Völker zusammenlebten und sowohl Polen als auch Ukrainer, einzelne Vertreter dieser Völker oder irgendwelche Formationen, Verbrechen desselben Ausmaßes gegen Juden begehen konnten wie Polen gegen Ukrainer oder Ukrainer gegen Polen. Das sind die Realitäten des Zweiten Weltkriegs und aller Seiten des Lebens in diesen blutigen Ländern.

Aber hier entsteht eine ziemlich wichtige Frage des Diktierens dessen, was man benennen darf, was man nicht benennen darf und wer das entscheiden soll. Ich habe in Polen bei verschiedenen öffentlichen Diskussionen oft gesagt, dass den Polen einfach gewöhnliche Geduld fehlt, den Ukrainern die Möglichkeit zu geben, sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Schließlich lebten bis 1991 90 Prozent der Bewohner unseres Landes im sowjetischen Geschichtsmythos oder im antisowjetischen. Das Verständnis dafür, dass die Geschichte des ukrainischen Volkes viel komplizierter ist, beginnt buchstäblich erst in den letzten Jahren. Wir haben erst vor Kurzem auf den 9. Mai verzichtet.

Ich spreche gar nicht vom Verständnis dessen, was mit der Organisation Ukrainischer Nationalisten, mit der Ukrainischen Aufstandsarmee, mit Bandera oder Melnyk geschah. Umso mehr, als die überwiegende Mehrheit dieser Ereignisse auf einem kleinen Gebiet der heutigen Ukraine, im Westen, stattfand. Und im Osten und Süden gab es eine andere, eigene Geschichte, mit der man sich ebenfalls noch auseinandersetzen muss.

Und die Geschichte der westlichen Gebiete ist im Großen und Ganzen ebenfalls nicht von uns geschrieben, sondern von Russen oder Polen, oder sie ist die Antithese zu dem, was von ihnen geschrieben wurde. Das heißt, wenn Bandera der Hauptfeind Polens und ein Symbol des Hasses der Russen ist, dann wird er automatisch – und das ist Reaktion, nicht Geschichte – zur Hauptfigur der ukrainischen Wahrnehmung der Geschichte heute, da sich die Ukraine in einem jahrelangen endlosen Krieg mit der Russischen Föderation befindet.

Aber die Erfahrung des politischen Ukrainertums in den galizischen Ländern, die Erfahrung derselben Partei der Ukrainischen Nationaldemokratischen Vereinigung unter der Führung von Wasyl Mudryj, die Erfahrung dessen, wie polnische Politiker handelten, sagen wir, jener Befürworter der ukrainisch-polnischen Verständigung Tadeusz Hołówko, der von Kämpfern der Organisation Ukrainischer Nationalisten gerade deshalb getötet wurde, weil er ein Befürworter der ukrainisch-polnischen Versöhnung war. Und das störte natürlich die Ziele radikaler Politiker. All das bleibt weit, sehr weit außerhalb der Mainstream-Meinung, außerhalb des Verständnisses der überwiegenden Mehrheit der Ukrainer davon, was die nationale Geschichte der Ukraine und, sagen wir, der ukrainischen Ländereien ist.

Und wenn erst wenige Jahre vergangen sind, während die Polen sich seit mehreren Jahrzehnten, vielen Jahrzehnten, man kann sagen seit Jahrhunderten, mit dem Verständnis ihrer Geschichte beschäftigen und auch in der kommunistischen Epoche nicht aufhörten, sich damit zu beschäftigen, dann sollte man dem Nachbarland vielleicht Zeit geben, sich damit auseinanderzusetzen, statt ihm Bedingungen zu stellen. Auch das ist ein ziemlich wichtiger Punkt, den man sagen möchte.

Ich denke immer an den großen Film von Andrzej Wajda „Asche und Diamant“ mit dem genialen Zbigniew Cybulski in der Hauptrolle. Und Menschen der älteren Generation erinnern sich an diesen Film. Er ist überhaupt Teil der Geschichte der Filmkunst. Aber denken Sie daran: Es ist ein Film, in dem im Grunde ein Soldat der Armia Krajowa als solch ein vieldeutiger Held auftritt. Und das wurde im filmischen, künstlerischen Leben Polens tatsächlich zu einem Ereignis. Können Sie sich vorstellen, dass man im sowjetisch-ukrainischen Kino zu Sowjetzeiten einen Soldaten der Ukrainischen Aufstandsarmee in solchen Farben hätte darstellen können? Niemals im Leben. Ganz zu schweigen davon, dass unser gesamtes Kino nicht nur seine eigene kommunistische, sondern vor allem die Moskauer chauvinistische Zensur durchlief.

Wie soll man sich damit auseinandersetzen, wie mit all dem leben? Deshalb ist dies ein wichtiger Moment, ein Moment, in dem der Versuch, historische Narrative zu diktieren, ein ernstes Problem für jene ist, die heute versuchen, die Ukraine real als ein Land wahrzunehmen, das mit der Nachbarversion der Geschichte einverstanden sein müsse. Denn in Wirklichkeit ist das ein Ansatz, der keineswegs nur von Polen vertreten wird.

Und Polen sollte beunruhigen, dass Moskau seinerseits ebenfalls ständig versucht, der Ukraine seine eigene Version der Geschichte und seine Vorstellungen davon aufzuzwingen, wie Straßen und Städte heißen sollen. Und in Polen müsste man darauf schauen, wie die Russen in allen besetzten Regionen der Ukraine Lenin-Denkmäler aufstellen, wie sie sowjetische Städtenamen verwenden, und nachdenken: Vielleicht ist gerade ein solcher Umgang mit Ukrainern, wenn er im Kern mit russischem Diktat assoziiert wird, ebenfalls nicht der beste Weg zum Aufbau bilateraler Beziehungen?

Also müssen in dieser Situation beide Länder und beide Völker sich selbst die wichtigste Frage beantworten. Was wollen wir in der Zukunft wirklich? Diskussionen über historische Erinnerung oder gemeinsame Entwicklung? Warum verstehen wir nicht, welches unglaubliche Potenzial in der gemeinsamen Entwicklung der Ukraine und Polens liegt? Von Menschen unterschiedlicher Ansichten, rechten, linken, zentristischen, ohne Ansichten. Wir können gemeinsam diese Staatlichkeit, sowohl die ukrainische als auch die polnische, schützen und entwickeln. Und trotz aller Befürchtungen, dass ein Land dem anderen in der Europäischen Union im Weg stehen könnte, sind das in Wirklichkeit solche Perspektiven eines gemeinsamen Marktes, von denen man nur träumen kann. Und genau darüber sollten wir nachdenken.

Wissen Sie, vor etwa neun Jahren habe ich in Chicago – ich war damals Ko-Vorsitzender des polnisch-ukrainischen Forums für Zusammenarbeit, das von den Außenministerien der beiden Länder geschaffen wurde – ein Treffen der Leiter polnischer Organisationen in den Vereinigten Staaten, denn in Chicago gibt es ihr Zentrum, und ukrainischer Organisationen in Illinois initiiert.

Und ich sah dieses Treffen. Die Leiter polnischer Organisationen der Vereinigten Staaten kamen ins ukrainische Haus im ukrainischen Viertel in Chicago. Diese Menschen trennt der Begriff der historischen Erinnerung viel ernsthafter als die Bewohner der heutigen Ukraine und die Bewohner des heutigen Polen, die sich erst nach dem Ende des Sozialismus wieder mit all diesen Fragen auseinandersetzen mussten. Aber ich habe gesehen, wie die Vereinigten Staaten die Menschen dazu erziehen, an die Zukunft zu denken. Ich habe die besten Erinnerungen an dieses Treffen und an diese Angemessenheit bewahrt.

Ich würde mir von uns allen, sowohl in Warschau als auch in Kyiv, eigentlich Angemessenheit wünschen, das Verständnis, dass kein Land ohne das andere auskommen wird, dass wir nicht versuchen müssen zu zeigen, wer härter auf diese oder jene Bemerkungen und Übergriffe antworten kann, sondern zugleich alles Mögliche tun müssen, damit dieser Konflikt so oder so, wie jede unserer, ich würde sagen, Diskussionen über historische Erinnerung, beruhigt wird, selbst wenn wir sehen, dass derselbe Karol Nawrocki kein besonderes Verlangen hat, ihn zu beruhigen.

Man muss Wege suchen, unter anderem Einfluss auf den polnischen Präsidenten über seine eigenen Mitstreiter zu nehmen. Man muss verstehen, dass es nichts Gutes an einem Konflikt zwischen den Präsidenten der Ukraine und Polens gibt. Selbst wenn uns diese Demonstration gesellschaftlicher Einheit darum gefällt.

Denn wir müssen darüber nachdenken, was weiter sein wird. Wir müssen verstehen, dass wir ohne polnisch-ukrainische Beziehungen und ohne ihre normale Entwicklung nicht auskommen werden. Umso mehr, als früher oder später auch noch die Geschichte mit der europäischen Integration kommen wird. Und hier brauchen wir Polen ganz sicher als Verbündeten. Ohne die Unterstützung Polens riskieren wir, jahrzehntelang in der Tür der Europäischen Union steckenzubleiben. Und auch das ist eine reale Sache, über die man sprechen muss.

Das Problem ist, dass heute weder in Warschau noch in Kyiv ein solches Verständnis bis zum Ende vorhanden ist. In Polen spricht man von Problemen für die Landwirtschaft. Wir glauben, dass Polen uns während der europäischen Integration nicht ernsthaft behindern wird, aber es kann auch ganz anders kommen. Viele Länder Südeuropas stießen gerade zur Zeit ihres Beitritts auf Einwände von Nachbarn. Und übrigens, wenn wir die ganze Zeit über jene Probleme sprechen, die wir mit Ungarn haben und die keine Probleme der historischen Erinnerung sind, sondern instrumentelle Probleme, Bildung und so weiter, also Dinge, die im Prinzip lösbar sind, selbst wenn man auf schmerzhafte Zugeständnisse eingehen muss, dann kann Nordmazedonien gerade deshalb, weil es mit Bulgarien einen Konflikt hat, der mit historischer Erinnerung, mit historischen Interpretationen verbunden ist, auf dem Weg in die Europäische Union überhaupt nicht vorankommen.

Und was geschieht in Nordmazedonien? In Nordmazedonien gibt es echte gesellschaftliche Solidarität. Die überwiegende Mehrheit der ethnischen Mazedonier unterstützt ihre Regierung, die bei der historischen Erinnerung keine ernsthaften Zugeständnisse machen will, die Verfassung nicht ändern will, ihr Land nicht als Fortsetzung der bulgarischen Geschichte anerkennen will. All das ist wunderbar. Aber zugleich erhalten dieselben Menschen, die für einen solchen harten Ansatz stimmen, bulgarische Pässe und fahren in die Europäische Union arbeiten. Und Nordmazedonien wird allmählich zu einem Land mazedonischer Rentner und albanischer ethnischer Jugend, die keinen Pass in Bulgarien bekommen kann, nicht in die Europäische Union fährt und immer mehr wird. Und bald wird Nordmazedonien patriotisch seine ethnische Färbung ändern.

Ich möchte nicht, dass sich bei uns ein ähnlicher Prozess wiederholt: dass die Menschen lautstark eine harte Politik unterstützen, sich patriotisch geben und gleichzeitig nach Polen zum Arbeiten gehen – um dann in Warschau, Lublin, Krakau, Danzig oder Wrocław ihren Patriotismus rasch zu vergessen.

Also lasst uns lieber in die Europäische Union gelangen und erst danach die Fragen der historischen Erinnerung besprechen, die uns nicht gefallen. Dafür braucht es Verständigung, und dafür müssen die Emotionen etwas gedämpft werden. Dafür muss man die unterschiedlichen Interpretationen der historischen Erinnerung bei Ukrainern und Polen als Tatsache akzeptieren und verstehen, dass die Polen uns offensichtlich in nächster Zeit nichts werden beweisen können und wir den Polen ebenso wenig. Genau das müssen wir den Polen vermitteln, damit sie sich zumindest vorübergehend damit abfinden. Nun, das sind einfach solche Bemerkungen zu dem, was geschieht.

Ich werde auf einige Fragen antworten, die es während dieser Sendung bereits gibt.

Frage. Was denken Sie über das Ultimatum Zelenskys an Lukaschenko? Bedeutet das, dass eine strategische Entscheidung über einen Schlag gegen Belarus getroffen wurde und es jetzt nur noch um das Ausmaß geht?

Portnikov. Warum denken Sie nicht, dass Belarus in der Lage, in der es sich befindet, einfach der Abschaltung eben jener Relaisstationen zustimmen wird? Sie verstehen doch, dass Lukaschenko diese, ich würde sagen, Fragilität seiner Situation im Zusammenhang damit sehr gut erkennt, dass die Ukraine mit Schlägen gegen Russland begonnen hat und niemand sie daran hindert. Im Zusammenhang damit, dass die Ukraine es geschafft hat, die Krim faktisch fast zu isolieren, und niemand sie daran hindert. Heute sagte Putin, er sei überzeugt, dass Lukaschenko in der Lage sei, die Souveränität Belarus’ zu schützen. Nun, Lukaschenko ist vielleicht nicht überzeugt, dass er dazu in der Lage ist.

Und hier entsteht noch eine Frage: Braucht Putin Schläge gegen Belarus, wenn es die Raffinerie von Masyr gibt? Wenn diese Raffinerie faktisch fast das einzige Raffinerieunternehmen im europäischen Teil von Belarus und Russland bleibt, das störungsfrei Erdölprodukte für die Bedürfnisse des russischen Staates und der russischen Armee liefert. Auch hier ist die Frage ziemlich gut. „Was ist uns wichtiger? Relaisstationen, mit deren Hilfe wir unsere Drohnen auf die Ukraine lenken können, oder Öl, Erdölprodukte?“ Vielleicht kann man Relaisstationen an der russischen Grenze aufstellen oder ihre Tätigkeit irgendwie umprogrammieren, dabei aber die belarussische Wirtschaft nicht riskieren, die die Russische Föderation jetzt brauchen könnte.

Die Frage ist also nicht, ob eine Entscheidung über einen Schlag gegen Belarus getroffen wurde, sondern wie realistisch dieses Ultimatum auf Lukaschenko und auch auf Putin wirken kann, weil offensichtlich ist, dass Lukaschenko so oder so, wenn er bestimmte Entscheidungen trifft, sich mit Putin beraten und ihm erklären kann, was ich Ihnen erkläre. Und Putin selbst kann das sehr gut verstehen.

Frage. Warum sagen Sie nicht direkt, dass in diesem Konflikt gerade das polnische Volk schuld ist, dem unser Volk überhaupt nichts Schlechtes getan hat? 50 Prozent der Stimmen für Nawrocki sind ein Urteil über ihre Nation.

Portnikov. Nun, entschuldigen Sie. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass man kein Volk beschuldigen sollte, an irgendetwas schuld zu sein, umso mehr, als die Menschen in Polen absolut unterschiedlich abstimmen, und zu sagen, dass das ukrainische Volk jetzt oder in der Geschichte niemandem etwas Schlechtes getan habe, ist ebenfalls eine Frage. 

Und wiederum: Völker tun einander nichts Schlechtes an. Es gibt einfach historische Perioden, in denen bestimmte Schichten von Völkern Verbrechen eines solchen Ausmaßes begehen können, die man dann jahrhundertelang nicht vergessen kann. Glauben Sie mir. Und das betrifft die Ukrainer in genau demselben Maße wie jedes andere Volk Europas. Also sollte man sich selbst die Verantwortung für diese Verbrechen nicht absprechen, so wie man sie auch anderen nicht absprechen sollte.

Wenn Sie über 50 Prozent für Nawrocki sprechen und darüber, dass dies ein Urteil über die polnische Nation sei, erinnern Sie sich an die 50 Prozent der Stimmen für Janukowytsch. Über welche Nation ist das ein Urteil?

Frage. Sagen Sie mir bitte, wie lange kann man noch auf ihre Provokationen hereinfallen? Haben wir denn kein Selbstbewusstsein? Sie erpressen uns doch.

Portnikov. Ich bin auch der Meinung, dass man auf Provokationen angemessen reagieren muss. Doch ohne Verständnis für die Notwendigkeit der Verbindungen zu Polen ist die Ukraine in der weiteren Konfrontation mit der Russischen Föderation zu ernsthaften Problemen verurteilt und möglicherweise zu viel ernsteren Verlusten, als wir erleiden könnten, wenn wir keine gemeinsame Sprache mit Polen finden.

Unsere östliche Grenze ist geschlossen, für immer geschlossen. Es gibt für die Ukraine für die kommenden Jahrzehnte, die Jahrzehnte blutiger Konfrontation mit der Russischen Föderation sein werden, keinerlei Manövriermöglichkeiten. Selbst wenn der Krieg unterbrochen wird, werden neue Konflikte, neue Kriege auf der Tagesordnung stehen, auf die man sich schon jetzt vorbereiten muss.

Diese neuen Konflikte, diese neuen Kriege, den Tod neuer Tausender Ukrainer und Ihrer Kinder und Ihrer Enkel und jener, die noch nicht geboren sind, aber schon als nächste Opfer von Kriegen betrachtet werden können, kann man nur verhindern, wenn wir im Westen eine klare Koalition haben. Diese klare Koalition im Westen ist ohne ein Bündnis mit westlichen Ländern, mit den Ländern Mitteleuropas, unseren Nachbarn, unmöglich.

Ohne dies ist die ukrainische Staatlichkeit zum Scheitern verurteilt, das ukrainische Volk wird Teil des russischen Volkes werden. Zweifeln Sie nicht einmal daran, dass es so sein wird. Und dann wird man natürlich mit den Polen im Namen Putins und Puschkins sprechen können. Aber ich glaube nicht, dass Sie das wollen.

Frage. Wie stellen Sie sich unseren Beitritt zur Europäischen Union mit solchen Nachbarn vor? Ist das wirklich realistisch?

Portnikov. Die Frage des Beitritts der Ukraine zur Europäischen Union ist eine Frage des nächsten Jahrzehnts. Im optimistischsten Fall tritt die Ukraine der Europäischen Union im Zeitraum 2035–2040 bei. Jetzt ist im Kalender 2026, der Krieg ist nicht beendet. Es gibt keine objektiven Gründe anzunehmen, dass er enden wird. Es gibt keine objektiven Gründe anzunehmen, dass er 2035 nicht beginnen wird. Deshalb würde ich mit diesen Dingen nicht eilen.

Aber ich glaube, dass man mit jedem Nachbarn der Europäischen Union beitreten kann, wenn es den allgemeinen Willen der Mehrheit der Länder der Europäischen Union gibt, besonders der führenden Länder. Schließlich war Frankreich seinerzeit an der Vorbereitung eines realen, wie soll man sagen, Verständnisses zwischen Bulgarien und Nordmazedonien beteiligt. Und dieser Kompromiss gab Nordmazedonien die Möglichkeit, Verhandlungen über den Beitritt zur Europäischen Union aufzunehmen.

Ich habe Ihnen bereits erzählt, warum Nordmazedonien diese Verhandlungen nicht aufgenommen hat. Und ich glaube, dass das die Wahl des mazedonischen Volkes ist. Aber Nordmazedonien hat nicht solche Probleme wie wir heute. Es ist schließlich nicht im Krieg. Und die Frage der Existenz des mazedonischen Volkes stellt sich nicht, obwohl sie sich jetzt schon zu stellen beginnt.

Frage. Kommentieren Sie die Mobilisierungsmethode in Pensa. Ist das eine Initiative der Region oder eine Anweisung von oben, um die Stimmung und die Reaktion der Bevölkerung auszuloten?

Portnikov. Ich glaube an keinerlei Initiativen der Region, wenn es um Handlungen von Beamten des russischen Verteidigungsministeriums geht, selbst vor Ort. Das ist eine Armee. Das müssen Sie sehr gut verstehen. Kein Militärkommissar wird solche Anordnungen ohne klare Koordinierung entlang der gesamten Vertikale der militärischen Macht erteilen. Ich denke, das ist gerade der Versuch zu sehen, auf welche Weise eine solche Mobilisierung ohne die Ausrufung einer Massenmobilisierung durchgeführt werden kann.

In Wirklichkeit ist das eine gute Nachricht. Sie sagt, dass die russische politische Führung vorerst, ich betone, nicht bereit ist zu einer Massenmobilisierung von Bürgern zur Fortsetzung des Krieges gegen die Ukraine in den kommenden Jahren. Und dass selbst wenn die strategische Entscheidung getroffen wurde, den Krieg gegen die Ukraine in den 20er- und 30er-Jahren des 21. Jahrhunderts fortzusetzen, was absolut so sein kann, man im Kreml nach Möglichkeiten sucht, in diesen nächsten vier oder acht Jahren Krieg ohne eine massenhafte, offiziell ausgerufene Mobilisierung auszukommen.

Und wie kommt man aus, wenn die Menschen nicht in den Vertrag gehen wollen? Die Antwort ist einfach: das Einsammeln von Vertragswilligen mit Bussen, was ebenfalls Teil des Auswegs aus der Situation sein kann, wenn auch nicht so massenhaft, wie man ein Ergebnis bei einer massenhaften Mobilisierung bekommen könnte.

Aber bei einer massenhaften Mobilisierung russischer Bürger wird eine riesige Zahl von Menschen versuchen, aus dem Land zu fliehen. So aber haben Sie keine Probleme in der Wirtschaft und zugleich Nachschub an Menschenmaterial für die russische Armee.

Frage. Wenn Trump wirklich mehr helfen muss, wird er Polen nicht zwingen können, nachgiebiger zu sein?

Portnikov. Ich glaube nicht, dass Trump der Ukraine mehr helfen müssen wird. Und ich glaube nicht, dass man Polen in dieser Situation nachgiebiger machen müsste, weil ich überzeugt bin, dass Polen realistisch dazu steht, dass Hilfe für die Ukraine ein wichtiger Teil seiner eigenen Sicherheit ist. Zumindest versteht die heutige Regierung Polens das sehr gut. Und ich denke, dass dies unsere letzte, ich würde sagen, Möglichkeit wäre, wenn wir selbst keine gemeinsame Sprache mit der Führung Polens finden können und gezwungen wären, Trump um Hilfe zu bitten.

Ich erinnere Sie daran, dass Karol Nawrocki der einzige Staatschef eines ausländischen Staates war, der zum 80. Geburtstag des Präsidenten der Vereinigten Staaten eingeladen wurde. Es ist also noch unbekannt, wer Donald Trump überzeugen kann. Ich glaube, Karol Nawrocki hat Dutzende Male mehr Möglichkeiten als Volodymyr Zelensky. Denn Volodymyr Zelensky trifft Donald Trump am Rande des G7-Treffens, dann, wenn ihm Emmanuel Macron diese Treffen am Rande organisiert, während im Zeitplan des amerikanischen Präsidenten keinerlei Treffen mit Zelensky steht. Karol Nawrocki hingegen lädt Trump persönlich zu seinem Geburtstag ein.

Verstehen Sie den Unterschied der Ansätze und den Unterschied der Sympathien? Deshalb würde ich nicht voreilig auf Trump setzen und mir darüber im Klaren sein, dass Nawrocki bei Trump wesentlich mehr Sympathien genießt als Zelensky, der überhaupt nicht auf Trumps Sympathie zählen kann und mit dem Trump nur deshalb sprechen muss, weil er nicht darum herumkommt, mit ihm zu sprechen. Zum Glück. Auch das muss man verstehen. Also lasst uns, Freunde, keine Unterstützer dort erfinden, wo es sie nicht gibt, und keine Feinde dort, wo es sie nicht geben sollte.


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Titel des Originals: Українсько- польський конфлікт: наслідки |Віталій Портников. 22.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 22.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Zelensky setzt Lukaschenko unter Druck | Vitaly Portnikov. 21.06.2026.

Volodymyr Zelensky hat Aljaksandr Lukaschenko erneut aufgefordert, die Relaisstationen an der belarussisch-ukrainischen Grenze zu entfernen. Bereits zuvor hatte der ukrainische Präsident betont, dass bloße Entschuldigungen und Versicherungen, von belarussischem Territorium werde kein neuer Angriff auf die Ukraine ausgehen, für Kyiv nicht ausreichen. Denn das Territorium Belarus’ wird auch jetzt noch von der russischen Armee zur Unterstützung von Putins Aggression gegen die Ukraine genutzt.

Natürlich hätte Lukaschenko noch vor einigen Monaten diesen Drohungen des ukrainischen Präsidenten keine besondere Beachtung schenken können. Doch inzwischen hat sich die Lage im Krieg tatsächlich verändert. Die Ukraine führt Schläge gegen das Territorium der Russischen Föderation aus, und zugleich demonstriert Moskau seine Unfähigkeit, wichtige strategische Objekte vor Angriffen ukrainischer Drohnen zu schützen. Die besetzte Krim befindet sich faktisch in Isolation von der Russischen Föderation. Auf der Halbinsel entwickelt sich rasch eine echte logistische und humanitäre Katastrophe. Und dies ist zugleich eine Katastrophe für die Streitkräfte der Russischen Föderation, die auf der annektierten Halbinsel stationiert sind.

Kann ein Schlag gegen das Territorium Belarus’ erfolgen? Lukaschenko weist zu Recht darauf hin, dass Russland kaum in der Lage wäre, das Land vor möglichen ukrainischen Angriffen zu schützen. Die belarussische Wirtschaft könnte buchstäblich innerhalb weniger Tage zusammenbrechen. Und das bedeutet, dass auch die für Lukaschenko wichtigste Anlage, die Raffinerie von Masyr, untergehen würde, die zugleich von kritischer Bedeutung für die russische Armee ist.

Aus rein logischer Sicht wäre es für Zelensky daher sogar vorteilhafter, wenn Lukaschenko die Erklärungen seines ukrainischen Amtskollegen ignorieren und die Relaisstationen an der belarussisch-ukrainischen Grenze belassen würde. In diesem Fall hätte die ukrainische Armee allen Grund, strategische Objekte der belarussischen Wirtschaft auszuschalten, die für die Bedürfnisse der russischen Streitkräfte genutzt werden.

Die Raffinerie ist eines dieser Objekte. Zudem handelt es sich faktisch um die einzige Raffinerie, die Putin noch zur Verfügung steht und die nicht systematischen Angriffen ukrainischer Drohnen ausgesetzt ist.

Es bleibt nur die Frage, ob Lukaschenko selbst seinen russischen Sponsor und Freund davon überzeugen kann, dass es tatsächlich viel wichtiger ist, die belarussische Wirtschaft und insbesondere die belarussische Ölverarbeitung zu erhalten – in einer Situation, in der Russland bald überhaupt keine funktionierende Ölverarbeitung mehr haben könnte. Vielleicht wäre es dann besser, die Relaisstationen zu opfern, aber Masyr zu retten. Das wäre ein logischer Ansatz.

Man kann sagen, dass Lukaschenko einen solchen Ansatz vertritt. Wenn der belarussische Machthaber die gesamte Bedrohung für sein Regime nicht erkennen würde, hätte er sich nicht bei Volodymyr Zelensky entschuldigt und versichert, dass Belarus nicht beabsichtige, an den nächsten Phasen des russischen Krieges gegen die Ukraine teilzunehmen.

Doch Putin handelt keineswegs immer logisch. Für den russischen Präsidenten könnte eine Ausweitung des Krieges auf das Territorium Belarus’ aus politischer Sicht sogar vorteilhaft sein. Putin könnte meinen, dass er in diesem Fall einen Freibrief hätte, bereits gegen die Verbündeten der Ukraine vorzugehen. Wenn die Ukraine Angriffe auf das Territorium eines russischen Verbündeten ausführt, hätte Russland die Möglichkeit, Schläge gegen das Territorium eines ukrainischen Verbündeten zu führen und damit den Krieg auf die Gebiete der an Russland und die Ukraine angrenzenden Mitgliedstaaten der Europäischen Union und der NATO auszuweiten – vor allem auf Polen und die baltischen Staaten.

Dies wäre wichtig, um militärische Objekte anzugreifen, die von diesen Ländern zur Unterstützung der ukrainischen Armee genutzt werden. Es ist kein großes Geheimnis, dass der Flughafen Rzeszów ein begehrtes Ziel für die russischen Streitkräfte ist. Allerdings könnte die Präsenz amerikanischer Kräfte an diesem Standort Putin von einem solchen Angriff abhalten.

Es gibt jedoch auch Objekte, an denen keine US-Militärangehörigen stationiert sind und die in einem solchen Fall tatsächlich von der russischen Luftwaffe bombardiert werden könnten. Dafür braucht es jedoch einen belarussischen Präzedenzfall. Und so werden Putin und Lukaschenko nun eine recht einfache Frage für sich beantworten müssen: Was ist wichtiger – die wirtschaftlichen Ressourcen der Republik Belarus für die Bedürfnisse der russischen Streitkräfte zu erhalten oder die Situation um einen Angriff auf die Relaisstationen an der belarussisch-ukrainischen Grenze sowie auf andere strategische Objekte der Republik Belarus zu nutzen, um den Krieg letztlich auf das Territorium der NATO-Mitgliedstaaten auszuweiten?

In Moskau könnte man der Ansicht sein, dass es ohne eine solche Ausweitung, ohne die Einschüchterung Europas und ohne die Überzeugung der europäischen Gesellschaften, dass die Unterstützung der Ukraine nur zu einem großen Krieg auf dem europäischen Kontinent führen könne, nicht möglich sein wird, die Ukraine zu besiegen und das Territorium des Nachbarstaates in die Russische Föderation einzugliedern – ein Ziel, von dem Putin noch immer träumt.

Somit setzt Zelensky Lukaschenko einerseits unter Druck, damit dieser die Relaisstationen entfernt, die für Angriffe auf ukrainisches Territorium genutzt werden. Andererseits versucht der verängstigte Lukaschenko, zumindest die Illusion des Friedens für sein eigenes Land zu bewahren und die eigene Wirtschaft zu retten, da ihm bewusst ist, dass sein Regime einen Zusammenbruch dieser Wirtschaft möglicherweise nicht überstehen würde und ihm dann auch kein Putin mehr helfen könnte.

Es gibt jedoch auch ein Putin-Motiv, das mit einer völlig anderen Logik verbunden sein könnte, die weder Volodymyr Zelensky noch Aljaksandr Lukaschenko berücksichtigen. Es ist die Logik eines großen Krieges mit dem Westen, von dem Putin und seine Gefolgsleute möglicherweise träumen – nicht einmal aus der Perspektive einer Eroberung Europas, sondern aus der Perspektive einer Lähmung der militärischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten Europas zur weiteren Unterstützung der Ukraine.

Putin könnte darauf hoffen, dass seine Anhänger in Europa einfach demonstrieren werden, dass die weitere Unterstützung der Ukraine ein ernstes Problem für die Europäer selbst darstellt.

Und genau entlang einer solchen Entwicklungslinie werden sich die Ereignisse in den kommenden Wochen und Monaten entfalten. Wenn wir davon ausgehen, dass weder die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges noch seine Ausweitung verhindert werden können, dann erscheint ein solches Szenario bereits in naher Zukunft durchaus wahrscheinlich.


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Titel des Originals: Зеленський кошмарить Лукашенка | Віталій Портников. 21.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 21.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Zelensky setzt Nawrocki unter Druck | Vitaly Portnikov. 22.06.2026.

Der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, hat seinem polnischen Amtskollegen Karol Nawrocki vorgeworfen, er versuche, die Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine zu sabotieren, die in Danzig stattfinden wird, und stelle zugleich den Wahlerfolg gegenüber den politischen Gegnern der Partei des amtierenden Ministerpräsidenten Donald Tusk in den Mittelpunkt seines Handelns.

Damit bestätigte Zelensky genau das, worauf ich seit Beginn dieses Skandals hingewiesen habe. Es geht nicht um Fragen der historischen Erinnerung, sondern um den Wahlkampf in der polnischen Gesellschaft.

Polen bleibt praktisch seit der Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein in zwei Hälften gespaltenes Land. Und der erbitterte Kampf zwischen zwei politischen Lagern, die in der Geschichte Polens nahezu nie zu einem gegenseitigen Verständnis gefunden haben, bleibt eines der wichtigsten Merkmale der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Nachbarlandes.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie man aus dieser unerwarteten tiefen politischen Krise herauskommen kann, die in den Beziehungen zwischen zwei füreinander wichtigen Ländern entstanden ist. Denn ungeachtet aller Kontroversen um die historische Erinnerung geht der Krieg der Ukraine gegen Russland weiter. Und wie wir sehen, brennt in Moskau niemand darauf, diesen Krieg in absehbarer Zukunft zu beenden.

Polen bleibt einer der wichtigsten Verbündeten der Ukraine für ihr Überleben in diesem langjährigen, endlos scheinenden Krieg. Und die Ukraine bleibt für Polen ein wichtiger Schutzschild für die eigene Sicherheit.

Denn wir verstehen, dass das Verschwinden des ukrainischen Staates von der politischen Landkarte der Welt nicht nur zu einer gewaltigen Migrationskrise führen würde, die die Entwicklungsperspektiven Polens unter sich begraben könnte, sondern auch die Existenz der polnischen Staatlichkeit selbst infrage stellen würde – in einer Situation, in der die überwiegende Mehrheit der europäischen Länder von Politikern geführt würde, die auf eine Verständigung mit Moskau setzen.

Wahrheit ist jedoch, dass es in Polen bereits eigene solche Politiker gibt. Gerade Vertreter des ultrarechten populistischen Lagers verbergen nicht, dass sie nicht Russland, das mehrmals einen Schlussstrich unter die polnische Staatlichkeit gezogen und die Existenz des polnischen Volkes infrage gestellt hat, als Hauptfeind Polens betrachten, sondern die Ukraine, die dem polnischen Staat heute zumindest die Möglichkeit gibt, sich auf eine Konfrontation mit dem aggressiven russischen Imperium vorzubereiten.

Damit bleibt die Frage der Verständigung die wichtigste Aufgabe für die Zukunft, selbst vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Spaltung. Zugleich können wir sehen, dass wir eine ukrainisch-polnische Verständigung noch lange nicht erleben werden, wenn wir den Weg der historischen Erinnerung weitergehen.

Ungeachtet dessen, dass die polnische Gesellschaft unterschiedlich auf die Entscheidung von Präsident Karol Nawrocki reagiert, seinem ukrainischen Amtskollegen einen polnischen Orden abzuerkennen, besteht im politischen Lager Polens – sei es das Lager von Nawrocki und Kaczyński oder das von Tusk – vollständiger Konsens darüber, dass die Benennung einer Militäreinheit nach der Ukrainischen Aufständischen Armee ein Fehler Volodymyr Zelenskys war. Es gibt jedoch keinen Konsens darüber, wie auf solche Handlungen reagiert werden sollte.

Praktisch niemand möchte anerkennen, dass Zelensky bei dieser Entscheidung überhaupt nicht darüber nachgedacht hat, welche Folgen sie für die ukrainisch-polnischen Beziehungen haben könnte, und dass er seine Entscheidung überhaupt nicht mit dem Dialog mit Warschau in Verbindung brachte.

Die überwiegende Mehrheit der Polen unterstützt Präsident Nawrocki in seiner Haltung gerade in der Frage der Benennung einer Militäreinheit nach der Ukrainischen Aufständischen Armee. Gleichzeitig besteht in der ukrainischen Gesellschaft Konsens darüber, dass die Ukraine selbst entscheiden muss, wie die historische Erinnerung des ukrainischen Volkes aussehen soll, und darüber, dass die Ukrainische Aufständische Armee eine nationale Befreiungskraft dieses Volkes war.

Die Ukrainer sind bereit, die Armee, die in einer wichtigen Phase ihres Bestehens sowohl gegen die Nationalsozialisten als auch gegen die Bolschewiki kämpfte, mit der polnischen Armia Krajowa zu vergleichen. Für Polen zeugt dies vor allem von einem mangelnden Verständnis der Sichtweise Warschaus auf die historische Erinnerung. Denn die Armia Krajowa ist aus polnischer Sicht die offizielle Armee eines zwar zerstörten, aber aufgrund der erhalten gebliebenen Exilinstitutionen weiter bestehenden polnischen Staatswesens. Die Ukrainische Aufständische Armee hingegen ist eine paramilitärische Formation, der man sowohl Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten als auch Separatismus vorwerfen kann.

Daher kann eine Verständigung über die historische Erinnerung als solche zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk vielleicht erst dann erfolgen, wenn die Vertreter der Nachkriegsgenerationen, ihre Kinder und möglicherweise sogar ihre Enkel endgültig von der Bühne des Lebens abgetreten sind. Hier sollte man keine Verständigung erwarten und auch nicht danach suchen. Kein Dialog zwischen Historikern wird sie wiederherstellen. Das muss man einfach verstehen. Nur die Zeit heilt solche Wunden – und sehr viel Zeit.

Was also tun?

Vielleicht sollte man weniger über historische Erinnerung nachdenken als darüber, wie beide Länder in einer Welt überleben können, die für die sogenannten mittleren Staaten immer ungemütlicher wird, während Länder wie die Vereinigten Staaten von Amerika und die Russische Föderation nach einem Dialog über ihre eigene Sicht der Welt und ihre Rolle darin als Hegemonialmächte suchen.

Und alle Hoffnungen Polens darauf, dass die Vereinigten Staaten es vor Russland schützen könnten, könnten an der unerbittlichen Realität zerschellen – so wie vor unseren Augen derzeit die Hoffnungen des jüdischen Staates zerschellen.

Vielleicht wäre dies ein wirksames Heilmittel, wenn man in Warschau und auch in Kyiv die Unvermeidlichkeit der Existenz beider Staaten in einer Konfrontation mit Partnern begreifen würde, die auf die Stärkung ihrer eigenen Rolle hoffen. Vielleicht würde es helfen, wenn man sowohl in Warschau als auch in Kyiv verstehen würde, dass nur die Vereinigung der sogenannten mittleren Staaten ihnen und ihren Völkern überhaupt eine Existenzgarantie für die nahe Zukunft geben kann. 

Dann könnte man die Fragen der historischen Erinnerung tatsächlich den Historikern überlassen und den Politikern die Aufgabe, das Überleben ihrer Völker in der Zukunft zu sichern – im Bewusstsein, dass dieses Überleben keineswegs garantiert ist und heute niemand auch nur eine Hrywnja oder einen Złoty darauf setzen würde, dass sowohl die Ukraine als auch Polen in zehn oder fünfzehn Jahren noch unbedingt auf der politischen Landkarte der Welt existieren werden.

Ganz und gar nicht.

Und wenn wir tatsächlich von der Notwendigkeit des Überlebens ausgehen, dann würden die Handlungen von Politikern wie Karol Nawrocki, von Vertretern des rechtspopulistischen Lagers in Polen oder auch von jenen in der Ukraine, die heute von der Notwendigkeit sprechen, die Beziehungen zum engsten Verbündeten abzubrechen, dessen Zusammenarbeit für die ukrainische Handlungsfähigkeit in den kommenden Monaten und Jahren des schweren russisch-ukrainischen Krieges entscheidend ist, völlig anders aussehen – eines Krieges um die bloße Existenz der ukrainischen Staatlichkeit und Nation.

Gerade die Frage der Sicherheit und dieses Überlebens muss daher im Mittelpunkt der Beziehungen stehen, die wir zu unseren Nachbarstaaten aufbauen.

Die Türen der Ukraine stehen derzeit nur nach Westen offen. Nach Osten werden sie für viele Jahrzehnte des Bestehens des ukrainischen Staates und des ukrainischen Volkes verschlossen bleiben.

Von diesem Paradigma muss man ebenfalls ausgehen, wenn wir über die Zukunft der ukrainisch-polnischen Beziehungen und über die Suche der Ukraine nach Wegen zum eigenen Überleben sprechen.


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Titel des Originals: Зеленський кошмарить Навроцького|Виталий Портников. 22.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 22.06.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Latynina wird zu Solowjow | Vitaly Portnikov. 21.06.2026.

Die als „ausländische Agentin“ eingestufte politische Emigrantin Julija Latynina hat bei der Bedienung der offiziellen russischen Propaganda und der Verbreitung ihrer Narrative an ein Publikum, das nicht das „Glück“ hat, täglich die Nachrichtensendung Wremja und die Shows von Wladimir Solowjow zu sehen, neue rote Linien überschritten.

Latynina hat beschlossen, ihre Kollegen, die sich wie sie außerhalb Russlands befinden, darüber zu belehren, dass man die von der Russischen Föderation besetzten Gebiete der Ukraine nicht als besetzt bezeichnen dürfe. Offenbar habe es auf der Krim ein ehrliches Referendum gegeben, dessen Ergebnisse jeder respektieren und berücksichtigen müsse, der eine Abstimmung unter den Läufen von Maschinengewehren und auf einem Gebiet unter Kontrolle einer fremden Armee als freien Bürgerwillen betrachtet.

Noch vor Kurzem wäre Latynina gar nicht auf die Idee gekommen, etwas Derartiges zu behaupten. Wahrscheinlich haben jedoch die Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf die russische Hauptstadt ihr Bild der Realität verändert. Allerdings weist auch dieses Weltbild gewisse Lücken auf, denn diese Angriffe sieht Latynina schlicht nicht und meint, in Moskau sei bislang überhaupt nichts eingeschlagen. Diese Einschätzung bestätigt übrigens vollständig meine eigene Vorstellung davon, was Moskauer, die innerhalb des Gartenrings leben, eigentlich als Moskau betrachten.

Natürlich muss die Tochter eines sowjetischen Schriftstellers und einer bekannten Publizistin der Literaturnaja Gaseta nicht wissen, wo irgendein Kapotnja liegt, und sie wird sich wohl kaum Gedanken über Birjuljowo, Medwedkowo oder andere Randbezirke der russischen Hauptstadt machen. Jasenewo dürfte sie allenfalls als Standort des Hauptquartiers des russischen Auslandsgeheimdienstes interessieren. Nun ja, das liegt eben näher.

Aus dieser Perspektive kann man sagen, dass das Weltbild der russischen Exilpublizistin ebenso durchsichtig und verständlich ist wie jedes andere Weltbild eines Menschen, der bereit ist, dem Imperium zu dienen, selbst dann, wenn dieses Imperium eine solche Begeisterung gar nicht mehr verdauen kann.

Man fragt mich oft, warum ich mich seinerzeit überhaupt auf Gespräche mit Julija Latynina eingelassen habe, während ich mit vielen anderen Propagandisten – sowohl aus der russischen Opposition als auch aus der Ukraine selbst – gar nicht sprechen will. Die Antwort ist einfach: Zum Zeitpunkt dieser Diskussion war mir das ganze Ausmaß der imperialen Narrative, mit denen diese Publizistin operiert, völlig bewusst. Gleichzeitig sah ich jedoch, dass ihre Aussagen bei einem großen Teil des ukrainischen Publikums und überhaupt bei frei denkenden Menschen auf der Suche nach alternativen Informationen lebhaftes Interesse, ja sogar Begeisterung hervorriefen.

Und nach unserer Diskussion beschloss Julija Latynina offenbar, dass es keinen Grund mehr gebe, sich zu zieren. Seitdem wurde sie zu einer geradezu inspirierten Verherrlicherin der Verbrechen des Russischen Imperiums – was sie im Grunde auch schon immer in ihren Büchern und Artikeln gewesen war. Nur: Wer hat diese Bücher und Artikel denn gelesen? Das war schließlich nicht YouTube.

Wenn man genauer darüber nachdenkt, befinden wir uns gleichzeitig in mehreren Kreisen der Hölle.

Der erste Kreis besteht aus einem Teil jener Menschen, die Russland verlassen haben und dort zu „ausländischen Agenten“ und Volksfeinden erklärt wurden. Sie werden ständig in Kreml-nahen Telegram-Kanälen beschimpft und in den Fernsehsendungen Solowjows und anderer Unholde erwähnt. Doch in ihren Texten und Videoauftritten wiederholen sie nahezu dieselben imperialen russischen Narrative – von Latynina bis zu irgendeinem weniger bekannten, aber nicht weniger schädlichen Metrochin.

Dann folgt der Kreis jener Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind – angeblich, weil es hier keine Demokratie und keine Meinungsfreiheit gebe und man für Kritik an Volodymyr Zelensky sofort ins Gefängnis komme. Wahrscheinlich sende ich diesen Blog gerade direkt aus einer Gefängniszelle. Von Scharij bis Aristowytsch reicht dieser weite Kreis politischer Avanturisten, denen sowohl jene zuhören, die nach alternativen Informationen auf Russisch suchen, als auch Teile des ukrainischen Publikums.

Der nächste Kreis sind die Pseudojournalisten, die sich innerhalb der Ukraine zu Bloggern umqualifiziert haben und ebenfalls große Mengen russischsprachiger Inhalte produzieren. Das sind Menschen, die auf Fernsehsendern gearbeitet haben, die Viktor Medwedtschuk gehörten. Menschen, die solch odiose Oligarchen wie Ihor Kolomojskyj auf dem Sender 1+1 oder Dmytro Firtasch bei Inter bedienten und bis praktisch 2022 offen antiukrainische Positionen vertraten und die Errungenschaften der ukrainischen Revolution der Würde nach 2014 zerstörten.

Nach Beginn des großen Krieges wurden diejenigen von ihnen, die nicht nach Russland flohen, plötzlich zu professionellen Patrioten. Sie führen Gespräche mit ukrainischen Beamten – vom Präsidenten bis zu den Ministern –, tun so, als hätten sie vor 2022 überhaupt nicht existiert. Oder als seien sie schon vor 2022 die Retter des Vaterlandes gewesen, die uns die Wahrheit gesagt hätten. Wie soll ein gewöhnlicher Mensch in einer solchen Situation nicht den Überblick verlieren?

Es gibt noch eine weitere Gruppe: Menschen, die in den Vereinigten Staaten oder anderen westlichen Ländern leben und uns zwei Jahre lang erzählt haben, Donald Trump werde den von Russland gegen die Ukraine geführten Krieg innerhalb einer Woche beenden. Sie empörten sich darüber, dass irgendjemand es wagen könnte, an ihrer Kompetenz und Ehrlichkeit zu zweifeln.

Heute verfluchen dieselben Leute – ebenso wie manche ihrer Kollegen, die aus Israel auf Russisch senden – Donald Trump in den schärfsten Worten. Sie behaupten, er sei ein schwacher Führer, der dem Einfluss Teherans und Moskaus unterliege. Und sie erinnern nicht einmal daran, was sie noch vor wenigen Monaten über ihn gesagt haben.

Im englischsprachigen Raum ist es üblich, sich für sein Verhalten zu entschuldigen. Dasselbe hat etwa Tucker Carlson getan, einer der wichtigsten Propagandisten Trumps im Wahljahr 2024. Diese Leute entschuldigen sich nicht. Mehr noch: Sie beleidigen weiterhin jene, die ihrem Publikum schon damals von ihrer Dummheit, Inkompetenz und Unehrlichkeit erzählt haben, als sie selbst noch von der Richtigkeit ihrer Ansichten überzeugt waren.

Den Zuschauer, der sich durch das Dickicht kämpfen muss, in dem ihm mal Latynina, mal Aristowytsch, mal Scharij, mal ukrainische Pseudopatrioten oder amerikanische Rentner auflauern, die von ihren analytischen Fähigkeiten überzeugt sind, kann man nur bedauern.

Wie gelangt man aus diesem Dickicht auf freies Feld und versteht, was wirklich geschieht?

Eine sehr gute Frage.

Vielleicht muss man einfach auf sein eigenes Gewissen hören und dessen Fehlen bei jenen bemerken, die bereit sind zu täuschen – im Austausch gegen die trügerische Aussicht auf persönlichen Erfolg und die Hoffnung, dass ihre propagandistischen Bemühungen dort bemerkt werden, wo man dieser ganzen Gesellschaft von Betrügern aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Möglichkeiten offensichtlich keinerlei Aufmerksamkeit schenken wird.


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Titel des Originals: Латынина превращается в Соловьева |Виталий Портников. 21.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 21.06.2026.
Originalsprache: ru
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Angriff auf die Krim: Die Halbinsel ohne Treibstoff. Vitaly Portnikov. 21.06.2026.

Der Leiter der Besatzungsverwaltung der Krim, Sergej Aksjonow, hat die vollständige Einstellung des Treibstoffverkaufs auf dem von Russland annektierten Gebiet der Halbinsel bekannt gegeben.

Treibstoff wird nun weder in Warteschlangen noch über die von den örtlichen Verwaltungen zuvor eingeführten Sondergutscheine erhältlich sein. Er wird ausschließlich staatlichen Diensten zugeteilt.

Zu dieser Entscheidung sah sich die Marionettenregierung der Krim nach ukrainischen Angriffen gezwungen – sowohl auf Ziele auf dem besetzten Gebiet der Halbinsel selbst als auch auf Objekte in unmittelbarer Nähe der Kertsch-Brücke, insbesondere auf ein Treibstofflager nahe dieser von den Russen errichteten Anlage. Diese war geschaffen worden, um die Logistik ihrer Besatzungstruppen auf der Halbinsel zu verbessern, die vor allem dazu dienen, die russische Armee zu unterstützen, die ihre aggressiven Handlungen auf dem Festland der Ukraine fortsetzt.

Somit können wir von einer tatsächlichen logistischen Katastrophe auf dem Gebiet der Krim sprechen. Es gibt keinen Treibstoff, es gibt keinen Strom. Die Stromversorgung wird auf der Krim derzeit nur unter großen Schwierigkeiten wiederhergestellt. Und trotz aller optimistischen Berichte der Vertreter der örtlichen Besatzungsverwaltung und der russischen Propagandisten wird offensichtlich, dass die Krim immer stärker in eine vollständige Isolation vom Besatzerstaat gerät. Die Kertsch-Brücke, praktisch die einzige relativ sichere Route für die Versorgung mit Treibstoff und anderen Gütern, bleibt zugleich ein riskanter Verkehrsweg, weil die Explosion eines einzigen Tanklasters auf der Brücke zu ihrer  endgültigen Beschädigung und Außerdienststellung führen könnte.

Dann würde sowohl die Eisenbahnverbindung zwischen Russland und der besetzten Krim als auch die Möglichkeit der Anreise auf die Halbinsel selbst mit Privatfahrzeugen enden. Die Krim befindet sich in einer echten Falle. Und in diesem Zusammenhang lohnt es sich, an eine ganze Reihe russischer Niederlagen im Zusammenhang mit der besetzten Halbinsel zu erinnern.

Man sollte daran erinnern, dass Russland stets versucht hat, seine Präsenz auf dem ukrainischen Boden auch nach der Ausrufung der ukrainischen Unabhängigkeit zu sichern. Bereits unter Boris Jelzin, dem ersten Präsidenten der neu gegründeten Russischen Föderation, setzte die russische Führung Kyiv unter Druck, um die Stationierung der Schwarzmeerflotte im ukrainischen Sewastopol festzuschreiben. Mehr noch: Ohne eine Zustimmung der Ukraine verschob Jelzin seinen Besuch in Kyiv sowie die Unterzeichnung des sogenannten Großen Vertrages zwischen Russland und der Ukraine, der den Respekt vor der territorialen Integrität beider Staaten festschreiben sollte.

Später, als deutlich wurde, dass die Laufzeit des früheren Schwarzmeerflotten-Abkommens auslief, begann Russland, die neue ukrainische Führung zu erpressen. Dies endete 2010 damit, dass der damalige Präsident der Ukraine, Viktor Janukowytsch, mit seinem russischen Amtskollegen Dmitri Medwedew einen Knebelvertrag über die Verlängerung der Stationierung der Schwarzmeerflotte unterzeichnete. Dieser machte das russische Militärkontingent auf der Krim faktisch zu einer Besatzungsmacht und zu einem Destabilisierungsfaktor für das gesamte Schwarze Meer.

Im Jahr 2014 folgte dann die Besetzung und Annexion der Krim, um die Halbinsel als Brückenkopf für einen Vormarsch in der Ukraine zu nutzen und zugleich den russischen Druck auf die europäischen NATO-Staaten im Schwarzmeerraum zu verstärken. 

Doch all dies erwies sich als ein großer Mythos. Nach Beginn des russisch-ukrainischen Krieges demonstrierten die ukrainischen Streitkräfte ihre Fähigkeit, die Schwarzmeerflotte mitsamt ihren Basen und Schiffen direkt in Sewastopol zu treffen. Sie erinnerten daran, dass die Krim für Russland niemals ein Ort des Sieges, sondern stets ein Ort der Niederlage und der Schande gewesen ist. Dass schon die geografische Lage der Krim keinerlei natürliche Verbindung zur Russischen Föderation vorsieht.

Mehr noch: Die Krim hat zu diesem aggressiven Staat keinerlei zivilisatorische oder historische Beziehung. Für die Russen besitzt sie lediglich als Schauplatz ihrer ständigen beschämenden Niederlagen Bedeutung. Und genau das erleben die Russen auch jetzt wieder vor ihren erstaunten Augen, weil sie ihre wahre Geschichte weder kennen noch kennen wollen.

Es geschieht also das, was immer geschehen ist. Die Schwarzmeerflotte der Russischen Föderation hat sich von einem Besatzungskontingent auf ukrainischem Boden und in einer ukrainischen Stadt in eine Schar von Flüchtenden verwandelt, die sich nun in Noworossijsk vor ukrainischen Angriffen versteckt. Die Krim selbst wird mit jedem neuen ukrainischen Schlag gegen Ziele auf der Halbinsel und in den angrenzenden Gebieten – sowohl im besetzten Teil der Ukraine als auch auf dem Territorium der Russischen Föderation – immer stärker von dem Staat isoliert, der sie besetzt und annektiert hat.

Es wird offensichtlich, dass das weitere Schicksal der Krim davon abhängt, ob die russische politische Führung die Notwendigkeit erkennt, ihre eigenen Fehler und ihre eigene Verfassung zu korrigieren, die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin durch die Aufnahme ukrainischer Gebiete in ihren Text zu einem bloßen Lappen  gemacht wurde.

Und es ist offensichtlich, dass Russland diese Gebiete zwar vorerst noch mit seinen Streitkräften kontrollieren kann, aber nicht mehr in der Lage ist, ihre Logistik sicherzustellen. Mit dem Verlust der Logistik für Gebiete wie die Krim geht zugleich auch die Logistik der Streitkräfte der Russischen Föderation verloren, die ihren Vormarsch auf ukrainischem Boden fortsetzen sollen.

Es bleibt nur, den Streitkräften der Ukraine weitere erfolgreiche Angriffe zu wünschen – sowohl auf die Krim als auch auf andere Gebiete der Russischen Föderation sowie auf die von ihr besetzten Regionen der Ukraine. Die Zerstörung des Potenzials des Feindes, die Schaffung völlig unmöglicher logistischer Bedingungen für die Bewegungen der russischen Armee sowie die Entstehung realer Energieprobleme, die weder den russischen Militärs noch den Besatzungsverwaltungen erlauben werden, irgendwelche Schritte in den Gebieten zu unternehmen, die sich vorübergehend unter der Kontrolle eines der verbrecherischsten und abscheulichsten Länder der heutigen Welt befinden – man könnte auch sagen: einer Mafia, die lediglich versucht, sich als echter Staat auszugeben.

Und der Blackout, der sowohl auf der Krim als auch im besetzten Sewastopol stattgefunden hat, sowie der Treibstoffmangel, der die Krim nun für lange Zeit zu einem Gebiet machen wird, das für aggressive Handlungen der russischen Armee gegen die Ukraine ungeeignet ist, erinnern daran, dass das, was man zu stehlen versucht hat, zu einem echten Problem für denjenigen wird, der diesen unverhohlenen Diebstahl begangen hat.

Es wäre gut gewesen, diese einfache Wahrheit zu begreifen, bevor sie sich für die russische Führung und die Bürger der Russischen Föderation in ein Problem verwandelt, das sich über lange, schwarze Jahrzehnte russischer Degeneration hinweg nicht mehr durch irgendein angebliches „Aufstehen von den Knien“ lösen lassen wird.


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Titel des Originals: Атака на Крим: півострів без пального |Віталій Портников. 21.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov.
Veröffentlichung / Entstehung: 21.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Der betrunkene Goliath. Vitaly Portnikov. 21.06.2026.

П’яний Голіаф. Віталій Портников. 21.06.2026.

Der schwarze Himmel über den Bränden in Moskau wird nun für immer eine der wichtigsten Illustrationen des russisch-ukrainischen Krieges bleiben. Und diese Brände werden den Russen selbst weit stärker in Erinnerung bleiben als alle anderen Ereignisse der vergangenen zwölf Jahre. Mehr als die pompöse „Angliederung“ der Krim. Mehr als die Invasion vom 24. Februar. Und sogar mehr als die Brände über Sankt Petersburg.

Denn ein ungeschütztes Moskau – selbst wenn sich die schwarze Brandnarbe bislang nur auf das ferne Kapotnja beschränkt, an das sich die meisten Bewohner der russischen Hauptstadt höchstens erinnern, wenn darüber gesprochen wird, „wie die Leute dort eigentlich leben“ – erzeugt für das ganze Land ein beinahe instinktives Gefühl des Mangels an Sicherheit. In Moskau darf es per Definition „so etwas“ nicht geben. Wenn „so etwas“ geschieht, ist das das erste Symptom einer Krankheit des ganzen Landes, die Demonstration dessen, dass man nirgendwo in Russland mehr sicher leben kann.

Putin versteht das sehr gut. Um seinen Einfluss auszubauen und die Macht zu übernehmen, nutzten die Tschekisten den Krieg im Kaukasus – und ihr eigentliches Mandat zur „Wiederherstellung der Ordnung“ erhielten sie gerade vor dem Hintergrund der Explosionen von Wohnhäusern in denselben Moskauer Schlafvierteln, im „kollektiven Kapotnja“. Und nach der Geiselnahme im Theaterzentrum an der Dubrowka konnte Putin im Kaukasus wie auch mit der eigenen Bevölkerung (übrigens vor allem mit der nichtmoskowitischen) praktisch alles tun, was er wollte. Jede Gefahr, jede Eskalation nutzte er stets zur Stärkung des Autoritarismus und für den „sanften Übergang“ zum Totalitarismus. Das wirksamste Instrument dafür war letztlich nicht einmal der Tschetschenienkrieg, sondern gerade der Krieg gegen die Ukraine.

Das Paradoxe an der Situation besteht jedoch darin, dass Putin damals, 1999, als in den gottvergessenen Moskauer Stadtteilen Petschatniki und an der Kaschirskoje Schosse Wohnhäuser in die Luft flogen, sowohl ein Gefühl des Mangels an Sicherheit erzeugen als auch demonstrieren konnte, dass die gewünschte Stabilität zurückkehrt – man müsse sich nur den starken Händen der Schüler des „Eisernen Felix“ anvertrauen. Jetzt öffnet jedoch nicht mehr er selbst diesen Hahn. Was kann er diesen Angriffen entgegensetzen? Kein Schlag gegen Kyiv oder Odesa, keine Einnahme einer weiteren Stadt im Donbas wird den Moskauer Bewohnern – und damit allen Russen, die traditionell auf Moskau blicken – das Gefühl der Sicherheit für den morgigen Tag zurückgeben. Es stellt sich heraus, dass Putin ihnen im Jahr 2000 dieses Sicherheitsgefühl schenkte, das die Tschekisten zuvor selbst zerstört hatten, und es ihnen im Jahr 2026 wieder genommen hat.

Mit seiner Manie, Fallen zu konstruieren, ist Putin nun in eine weitere Falle geraten – diesmal für sich selbst. Er will den russisch-ukrainischen Krieg nicht beenden, weil er den endgültigen Zusammenbruch seines imperialen Projekts fürchten könnte – ganz zu schweigen von der Rückkehr einer fast millionenstarken Söldnerarmee von der Front, gegen deren Gewaltexzessen selbst seine Sicherheitskräfte womöglich nichts entgegensetzen könnten. Zugleich kann er den Krieg nicht lange fortsetzen, weil die weiteren Angriffe auf Moskau – vor allem auf Moskau natürlich – das gesamte Image der russischen Diktatur und ihrer Sicherheitsgarantien gegenüber der Gesellschaft zerstören werden. Es stellt sich heraus, dass Putin in jedem denkbaren Szenario sich selbst auffrisst.

Und damit kehren wir zur ewigen russischen Maßlosigkeit zurück, zur Unfähigkeit, rechtzeitig aufzuhören. Die Stärke einer Großmacht liegt in Wahrheit nicht in der Anwendung von Gewalt, sondern in der Perspektive ihrer Anwendung. Dann bleibt das Gefühl bestehen, dass etwas Unwiderrufliches geschehen könnte, wenn Goliath einmal ausholen würde. Doch selbst wenn Gewalt angewandt wird und das gewünschte Ergebnis nicht schnell erreicht wird, gibt es immer noch die Möglichkeit, den Krieg zu beenden. Dann bleibt die Illusion erhalten, dass in Wirklichkeit noch gar nicht alle Kräfte und Ressourcen eingesetzt wurden, dass dies lediglich eine Blitzoperation gewesen sei und man den wahren Goliath mit all seinen Möglichkeiten erst gesehen hätte, wenn ein echter langer Krieg begonnen hätte. Und selbst wenn man länger weitermacht und nichts erreicht, kann man immer noch eine Pause einlegen, um zumindest nicht das Prestige, dann wenigstens die wirtschaftlichen Perspektiven zu bewahren (genau das hat letztlich Donald Trump gegenüber dem Iran getan).

Putin hat weder das Erste noch das Zweite noch das Dritte getan. Er griff an, er hielt nach dem Scheitern des Blitzkriegs nicht an, er hielt nicht einmal an, als klar wurde, dass der Krieg seine Wirtschaft nach und nach zerstört und auffrisst. Er hat die Angriffe auf Moskau abgewartet – und beruhigt sich trotzdem nicht. Er glaubt übermäßig stark nicht einmal an seine eigenen Entscheidungen, sondern an die Zeit selbst. Er glaubt, dass man eine unterworfene Ukraine und ein „wahres“ Russisches Imperium sehen kann, wenn man nur viele Jahre lang stumpf mit dem Kopf gegen die Wand schlägt.

Das kann man. Aber nur im eigenen Kopf, der nach so vielen wahnsinnigen Schlägen beginnt, seine eigene Musik zu spielen. In der Realität gibt es eine ausgebrannte Raffinerie bei Moskau, Angriffe auf Russland, eine beinahe abgeschnittene Krim und Truppen, die im fünften Kriegsjahr weiterhin im Donbas kämpfen. Und selbst wenn man sich vorstellt, dass ihm die Ressourcen und Möglichkeiten noch lange reichen werden, weiter mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen – etwas anderes als genau diese Schläge wird es einfach nicht mehr geben.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: П’яний Голіаф. Віталій Портников. 21.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 21.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Nicht alles auf einen einzigen Mann setzen. Vitaly Portnikov. 20.06.2026.

Don’t Bet Everything on One Man. Vitaly Portnikov. 20.06.2026.

Während praktisch des gesamten US-Präsidentschaftswahlkampfs 2024 und des ersten Jahres der neuen Präsidentschaft Donald Trumps musste ich mich buchstäblich gegen meine amerikanischen und israelischen Bekannten verteidigen, die mich davon zu überzeugen versuchten, dass meine Kritik am neuen amerikanischen Präsidenten ausschließlich mit seinem hartnäckigen Unwillen zusammenhänge, der Ukraine zu helfen, und mit seiner Abkehr vom Ansatz der vorherigen Regierung. Währenddessen sei die Präsidentschaft Trumps für Israel das vorteilhafteste politische Projekt der Geschichte – wie Premierminister Benjamin Netanyahu ohne jede Andeutung erklärte.

Darauf antwortete ich stets, dass ich nur an Partnerschaften glaube, die auf Werten beruhen, nicht auf Vorteilen. Wenn Menschen gemeinsame Werte haben, wenn Staaten gemeinsame Werte haben, dann werden sie auch gemeinsame Ansätze verfolgen. Fehlen diese gemeinsamen Werte jedoch, kann sich der Kurs jederzeit und gegenüber jedem ändern.

Ich ging davon aus, dass die Regierung von Joseph Biden die Ukraine nicht deshalb unterstützte, weil sie an Bodenschätzen oder an einer Stärkung der amerikanischen Rolle in Europa interessiert war, sondern weil sie den Vorrang des Völkerrechts verteidigen wollte, die Unmöglichkeit der Annexion fremder Gebiete und die Unzulässigkeit, dass ein Großstaat einem Nachbarland seine Vorstellungen von dessen Zukunft aufzwingt. Genau das ist die Rolle der Vereinigten Staaten als Führungsmacht der demokratischen Welt: nicht die Kontrolle über fremdes Öl oder fremde Mineralien anzustreben, sondern zur Aufrechterhaltung einer zivilisierten Weltordnung beizutragen. Denn nur in einer solchen zivilisierten Welt können sich die Vereinigten Staaten sicher fühlen.

Ich war der Ansicht, dass auch im Fall Israels genau ein solcher Ansatz gelten sollte. Die Vereinigten Staaten sollten Israel aufgrund seines Existenzrechts unterstützen und es gegen jene verteidigen, die ihm dieses Recht absprechen. Es geht dabei nicht um die Kontrolle über iranisches Öl oder um amerikanischen Einfluss in der Region. Es geht vor allem um Gerechtigkeit, um einen friedlichen Nahen Osten, in dem Menschen nicht Krieg führen, sondern gemeinsam eine zivilisierte Zukunft aufbauen.

Ich möchte außerdem daran erinnern, dass der vorherige Präsident praktisch seine eigenen Chancen und die Chancen seiner Mitstreiter auf eine Wiederwahl opferte, als er sich weigerte, Israel während des Gaza-Krieges scharf zu verurteilen – trotz der zunehmenden Radikalisierung in seiner eigenen Partei und unter seinen eigenen Wählern. Denn wer für Werte eintritt, darf Niederlagen nicht fürchten.

Mir schien, dass dies ein universeller Ansatz sei. Dass politisches Scheitern unvermeidlich wird, wenn man ihn nicht befolgt. Geirrt habe ich mich nicht in diesem Verständnis selbst, sondern darin, dass ich davon ausging, Menschen in Politik, Journalismus und Wirtschaft würden ähnlich denken. Es stellte sich jedoch heraus, dass viele von ihnen im wahrsten Sinne des Wortes ihre moralischen Orientierungspunkte verloren haben – und sogar ihren geschäftlichen Instinkt.

Das erste Alarmsignal ertönte nicht einmal, als Donald Trump den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky im Oval Office zurechtwies. Tatsächlich wurde der Punkt ohne Wiederkehr bereits überschritten, als amerikanische Fallschirmjäger den venezolanischen Diktator Nicolás Maduro festnahmen – und in Washington dennoch niemand auch nur daran dachte, die venezolanische Demokratie wiederherzustellen oder die Macht denjenigen zu übergeben, die die letzten Wahlen in diesem Land gewonnen hatten. Als Trump sich als Partner des venezolanischen autoritären Regimes erwies und von Oppositionsführerin María Machado sogar die Medaille eines Friedensnobelpreisträgers zurückforderte.

Schon damals hätte eigentlich klar sein müssen: Wer bereit ist, mit dem venezolanischen Regime Geschäfte zu machen, kann jederzeit auch mit dem iranischen Regime Geschäfte machen – sofern dieses überlebensfähig bleibt und seinen Willen durchsetzen kann. Wenn das Hauptinteresse darin besteht, die eigene Macht zu demonstrieren und an iranisches Öl zu gelangen, dann lassen sich politische Prioritäten jederzeit neu ordnen.

Die Ukraine hat nach dem Konflikt zwischen Trump und Zelensky und nach dem Rückfahren der intensiven amerikanischen Unterstützung gelernt, ohne diese Unterstützung zu überleben. Das geschah nicht zuletzt dank des komplexen Bündnissystems, das Kyiv nach dem russischen Angriff aufzubauen begann. Die Ukraine hätte sich allerdings auch anders verhalten können. Bereits unter der Regierung Biden hätte sie alle Eier in den amerikanischen Korb legen können – und wäre dann nach Trumps Absage hilflos und orientierungslos dagestanden. Heute bombardieren ukrainische Drohnen russische Städte, während amerikanische Militärs versuchen, von ihren ukrainischen Kollegen den Kampf gegen Drohnen zu lernen. Das ist es, was tatsächlich geschehen ist.

Man könnte mir entgegenhalten, dass die Ukraine europäische Verbündete hat, während Israel auf niemanden zählen könne. Dabei ist die gesamte Geschichte des jüdischen Staates ein lebendiges Beispiel dafür, wie man komplexe Systeme situativer Bündnisse aufbaut und keine Angst davor hat, von einer Vereinbarung zur nächsten überzugehen, wenn sich ein Verbündeter als unzuverlässig erweist. Wie logisch war es also, das gesamte Bündnissystem Israels nicht einmal auf die Beziehungen zu einem einzigen Staat, sondern auf die Beziehungen zu einem einzigen Menschen zu reduzieren – noch dazu zu einem älteren und launischen Menschen? Bereits die Niederlage Donald Trumps bei den vorherigen Präsidentschaftswahlen hätte Benjamin Netanyahu und die israelische Elite von der Gefahr überzeugen müssen, ihren gesamten Einsatz auf Zero zu setzen. Doch Trumps Rückkehr ins Oval Office hat diesen Ansatz, Politik wie ein Glücksspiel im Kasino zu betreiben, wiederbelebt.

Welcher Ausweg bleibt also aus der gegenwärtigen Situation?

Erstens muss man aufhören, in der Illusion zu leben, Donald Trump werde zur Vernunft kommen, Israel wieder lieben, den Iran angreifen und all das tun, was Netanyahu oder Smotrich von ihm erwarten. Ja, die internationale Lage kann sich so entwickeln, dass die Vereinigten Staaten erneut in einen Konflikt mit dem Iran geraten. Doch in jedem solchen Konflikt wird Trump in erster Linie seine eigenen Interessen verfolgen und erst danach die Interessen Israels.

Zweitens muss man zu einem Ansatz zurückkehren, der es Israel erlaubt, eigenständig Maßnahmen für seine Sicherheit zu ergreifen, ohne ständig auf die Vereinigten Staaten zu blicken. Israel ist kein Überseegebiet der Vereinigten Staaten. Die Juden, die möchten, dass ihre Zukunft vom Präsidenten der Vereinigten Staaten bestimmt wird, leben in den Vereinigten Staaten. Die Juden, die in einem Nationalstaat leben wollen, leben in Israel – und dürfen nicht von den Launen des Weißen Hauses oder irgendeiner anderen ausländischen Regierung abhängig sein. Jeder gegenteilige Ansatz setzt faktisch der Idee des Zionismus selbst ein Ende. Israel ist, um es mit den Worten Vladimir Jabotinskys auszudrücken, ein Staat und kein nationales Zentrum, das von Ausländern regiert wird.

Drittens muss die israelische Gesellschaft die Bedeutung einer Partnerschaft auf Grundlage gemeinsamer Werte begreifen – und nicht die einer Zweckehe oder gar einer Liebesheirat, selbst wenn diese Liebesheirat mit der Tochter eines Präsidenten geschlossen wird. Ohne den Ruf eines demokratischen Staates im Nahen Osten – eines Staates, der selbst existieren will und anderen ihr Existenzrecht nicht abspricht – hat Israel schlicht keine Chance, situative Bündnisse neu zu schließen und sich eine sichere Zukunft zu sichern. Und genau das scheint mir die wichtigste Lehre Donald Trumps zu sein.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Don’t Bet Everything on One Man. Vitaly Portnikov.20.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 20.06.2026.
Originalsprache: en
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach, veröffentlicht auf uebersetzungenzuukraine.data.blog.


Indem Zelensky den Orden des „Weißen Adlers“ zurückgab, erwies er Tusk einen großen Dienst: Der Skandal mit Polen. Vitaly Portnikov. 20.06.2026.

Andrij Smolij. Ich denke, wir sollten mit dem aktuellsten Thema beginnen, das heute einfach eine Fortsetzung bekommen hat. Ich meine natürlich diesen unseren frischen Skandal mit den Polen. Die Initiatoren waren diesmal die Polen selbst. Man kann zumindest sagen, dass dies die Entscheidung von Präsident Nawrocki ist, der Präsident Zelensky den Orden des Weißen Adlers, die höchste Auszeichnung Polens, entzogen hat. Und Präsident Zelensky hat heute demonstriert, dass dieser Orden bereits – übrigens per Nowa Poschta – zurück nach Warschau unterwegs ist. Nun, und er hat auch erstmals öffentlich kommentiert, was er davon hält. Fangen wir damit an. Wie beurteilen Sie erstens die Kommunikation von Präsident Zelensky, wie gut, passend und gelungen war der Ton, und hätte man diesen Orden gerade jetzt eigentlich zurückgeben sollen?

Portnikov. Nun, das ist, würde ich sagen, klassisches politisches Verhalten von Volodymyr Zelensky. Aber andererseits: Was hätte er in dieser Situation tun sollen? Warten, bis der polnische Ministerpräsident Donald Tusk die Entscheidung des Präsidenten unterschreibt oder nicht unterschreibt? Man kann sagen, dass Volodymyr Zelensky mit dieser Handlung Donald Tusk einen großen Dienst erwiesen hat, wie Sie verstehen. Denn wenn Donald Tusk, sagen wir, diese Verfügung des Präsidenten unterschrieben hätte – obwohl es hier viele verschiedene juristische Streitigkeiten darüber gibt, ob der Premierminister sie billigen muss oder nicht, weil im Prinzip die Entscheidung über die Verleihung staatlicher Auszeichnungen persönlich vom Präsidenten Polens getroffen wird. Dafür ist keine Gegenzeichnung des Premierministers des Landes nötig. Einige meinen, dass eine Gegenzeichnung nötig sei; da aber der Premierminister eine Entscheidung des Präsidenten, irgendeine staatliche Auszeichnung aufzuheben, nicht billigen könne, es aber in der polnischen Verfassung keine Ausnahme gebe, müsse er es also tun. Das ist eine ganze juristische Diskussion, auf die es bis zu unserem Gespräch keine Antwort gibt. Aber offensichtlich wollte Karol Nawrocki, als er die Entscheidung traf, Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers zu entziehen, sowohl den Präsidenten der Ukraine als auch den Ministerpräsidenten Polens in eine schwierige Lage bringen.

Ich möchte übrigens sagen: Nennen wir das nicht einen Skandal mit den Polen, wenn man bedenkt, wie viele polnische Politiker, Journalisten, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und gewöhnliche Menschen diese Handlung ihres eigenen Präsidenten verurteilen. Es ist also vor allem ein Skandal mit dem Präsidenten Polens, Karol Nawrocki, und nicht mit den Polen als solchen. Ich möchte Sie daran erinnern, dass die polnische Gesellschaft eine ziemlich konfliktträchtige Gesellschaft ist, was ihre Sicht darauf betrifft, wie man diese oder jene Beziehungen entwickeln sollte, und was ihre Sicht auf die Welt betrifft. Und praktisch die Hälfte der Polen – Sie erinnern sich doch an den geringen Vorsprung, mit dem Karol Nawrocki die Präsidentschaftswahlen gegen Rafał Trzaskowski gewonnen hat – die Hälfte der Polen nimmt ihn nicht als jemanden wahr, der gerade ihren Standpunkt ausdrückt.

Wissen Sie, man sollte sich dennoch daran erinnern: Wenn Zelensky den Orden an Nawrocki zurückgibt, dann ist Zelensky ein Mensch, den bei den Wahlen 73 Prozent der Bürger unterstützt haben. Nawrocki kann sich einer solchen einmütigen Unterstützung der Gesellschaft nicht rühmen. Er ist Vertreter eines der fast gleich großen politischen Lager und verhält sich im Amt des polnischen Präsidenten leider ebenfalls wie der Vertreter eines dieser politischen Lager. Denn ein Präsident aller Polen wäre mit konkreten Handlungen vorsichtiger umgegangen.

Ich sage nicht, dass Nawrocki, wenn dies seinen Überzeugungen entspricht, nicht mit der Entscheidung seines ukrainischen Kollegen hätte nicht einverstanden sein können, einer ukrainischen Militäreinheit den Namen der Ukrainischen Aufstandsarmee zu verleihen. Das ist sein Recht als Staatsoberhaupt und als Politiker, unterschiedliche Bewertungen der Handlungen von Kollegen und der Handlungen konkreter Staaten, freundlicher wie unfreundlicher, zu äußern.

Aber wenn es um die Entscheidung geht, den Orden wegzunehmen, ist das bereits eine völlig neue Situation. Das ist bereits eine vollkommen bewusste Überschreitung der roten Linien in den ukrainisch-polnischen Beziehungen durch den polnischen Präsidenten. Wir haben bereits in unserem vorherigen Gespräch gesagt, dass dieser Orden nicht persönlich der Orden von Volodymyr Zelensky ist. Das ist ein Orden, der faktisch den Respekt des polnischen Volkes gegenüber dem ukrainischen Volk im Kampf gegen die russische Aggression gezeigt hat.

Ich war und bin der Ansicht, dass dieser Orden aus Sicht seines Prestiges keine Ehre für Zelensky als solchen ist und nicht einmal einfach eine Auszeichnung für das ukrainische Volk, sondern auch ein Zeichen des Prestiges des Ordens selbst: dass der Präsident Polens in der Zeit des russisch-ukrainischen Krieges die Möglichkeit hatte, den Präsidenten eines Staates mit diesem Orden auszuzeichnen, der gegen den russischen Imperialismus kämpft. Welch ein Kontrast dazu, dass die russischen Zaren, nachdem sie die Kontrolle über Polen erlangt hatten, sich mit eben diesem Orden selbst auszeichneten.

Andrij Smolij. Übrigens hat Präsident Zelensky heute genau darüber gesprochen, dass auch er es so verstanden habe, dass der Orden nicht ihm persönlich verliehen worden sei. Übrigens auch nicht von Herrn Nawrocki verliehen, sondern vom vorherigen Präsidenten. Ich denke ebenfalls, dass dieser Orden nicht Eigentum Nawrockis oder sogar des vorherigen Präsidenten ist.

Portnikov. Dieser Orden ist Eigentum des polnischen Staates. Und wiederum gab es in den polnisch-ukrainischen Beziehungen viele schwierige Momente aus Sicht der historischen Erinnerung. Auch früheren Präsidenten der Ukraine wollte man diesen Orden entziehen. Solche Fragen gab es sowohl in Bezug auf Viktor Juschtschenko als auch in Bezug auf Petro Poroschenko. Und jedes Mal enthielt sich der Präsident Polens solcher scharfen Schritte. Wiederum im Bewusstsein, dass in der Person Juschtschenkos und Poroschenkos nicht eine konkrete Person ausgezeichnet wird, sondern ein konkreter Staat.

Ein Mensch, der an der Spitze dieses Staates steht, kann später Schritte unternehmen, die aus Sicht des Präsidenten Polens den ukrainisch-polnischen Beziehungen nicht entsprechen. Der Präsident Polens kann seine politische Bewertung dieser Schritte äußern. Aber wenn er den Orden     aberkennt, beleidigt er damit den Staat und demonstriert ein Unverständnis grundlegender Werte nicht nur in den ukrainisch-polnischen Beziehungen, sondern in der Politik als solcher.

Es ist nicht verwunderlich, dass einer derjenigen, die die Entscheidung von Präsident Nawrocki leidenschaftlich unterstützten, der ehemalige Präsident der Russischen Föderation, der stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrates der Russischen Föderation Dmitri Medwedew war, der vor Freude sogar beschloss, einen entsprechenden Beitrag auf Polnisch zu veröffentlichen. Ich denke, das ist die angemessenste und genaueste Bewertung der Entscheidung von Karol Nawrocki durch diejenigen, die seine Handlung unterstützen.

Man sollte nicht auf die Bewertungen der polnischen Anhänger von Karol Nawrocki schauen, sondern daran denken, dass diese Handlungen des polnischen Präsidenten faktisch vollständig in das Denkmuster des Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin, seines Stellvertreters im Sicherheitsrat Dmitri Medwedew und der russischen Führung passen. Dieser Schritt liegt also vollständig im Interesse Russlands. Er entspricht der russischen Weltsicht. Er macht Karol Nawrocki zu einem realen Unterstützer des russischen Angriffs auf die Ukraine, was auch immer der Präsident Polens sagen mag, wenn er diesen Orden wegnimmt.

Denn wenn er diesen Orden wegnimmt und sagt: „Und wir bleiben Verbündete der Ukraine“, dann ist das zynische Demagogie eines Menschen, der seine Verantwortung für den polnischen Staat, für das polnische Volk und für die ukrainisch-polnischen Beziehungen nicht spürt. Auch Präsident zu sein, muss man erst lernen.

Andrij Smolij. Nun, einige, wie zum Beispiel Serhij Fursa, haben darüber geschrieben. Mir gefällt der pragmatische Ansatz selbst. Darüber schreiben heute übrigens viele: dass der Ansatz zu den Beziehungen zu Polen pragmatisch sein sollte. Bei uns war bis 2022 Polen im Großen und Ganzen allen irgendwie ziemlich gleichgültig, und plötzlich wurden die Polen für uns zu Brüdern. Eine Zeit lang waren bei uns irgendwelche polnischen Amtspersonen und so weiter superpopulär. Und jetzt ist das Pendel ausgeschlagen, und alles. Und jetzt sind die Polen für viele bei uns schon die zweiten Russen.

Portnikov. Imperialisten, Chauvinisten und dergleichen.

Andrij Smolij. Ja.

Portnikov. Wissen Sie, ich gehörte nie zu den Menschen, denen Polen gleichgültig war. Ich habe immer an der Konzeption festgehalten – und übrigens schon seit meiner Kindheit –, dass es ohne ein unabhängiges Polen keine unabhängige Ukraine geben kann und ohne eine unabhängige Ukraine kein unabhängiges Polen. Deshalb habe ich schon als Jugendlicher aufrichtig mit den Aktionen der unabhängigen Gewerkschaft „Solidarność“ sympathisiert.

Lech Wałęsa, selbst wenn er dieses ukrainische Abzeichen vom Revers seines Jacketts oder Pullovers abgenommen hat, wo auch immer er es trug, war mein Held und wird für immer mein Held bleiben, was auch immer später seine politischen Handlungen gewesen sein mögen. Denn ich trenne, würde ich sagen, den zentralen Moment im Leben eines Menschen von dem, was er dann tat, als er aufhörte, aktiver Politiker zu sein. 

Die Ukrainerin Anna Walentynowicz war meine Heldin. Ich hörte von der Solidarność auf den Wellen von Voice of America, Radio Free Europe/Radio Liberty und anderen ausländischen Radiosendern und wünschte den Polen aufrichtig den Sieg über den Kommunismus und den Sieg über Moskau. Daran erinnere ich mich sehr gut noch aus jener Zeit.

Ich schätzte sehr den Moment, als das polnische Volk bereit war, für seine Freiheit zu kämpfen, selbst in der Zeit der sowjetischen Besatzung der Länder Mitteleuropas. Das war für das ukrainische Volk ein wichtiges Beispiel der Bereitschaft einer ganzen Gesellschaft, gegen Kollaborateure und gegen russische Agenten zu kämpfen.

Übrigens erinnert auch die Tatsache, dass Karol Nawrocki vom ehemaligen Ministerpräsidenten Polens Leszek Miller unterstützt wurde, der nach Waldai fährt und Kontakte zur russischen politischen Führung pflegt, daran, in wessen Interesse der Präsident Polens handelt. Im Interesse von Menschen, die immer wollten, dass Polen in seine Vasallenstellung gegenüber Moskau zurückkehrt. Denn wie Sie verstehen, ist Leszek Miller ein Aktivist des früheren Regimes und keineswegs eine Persönlichkeit der Solidarność. Man sollte immer schauen, wer unterstützt. Wenn Medwedew und Miller unterstützen, bedeutet das: Es ist eine schlechte Entscheidung.

Also war es mir nicht gleichgültig. Und ich finde, die Ukrainer müssen wertschätzen, was die Polen in diesen schweren Kriegsjahren für sie getan haben,     und nicht die Handlungen eines ganzen Volkes und einer ganzen Gesellschaft pauschal verurteilen, nur weil der Präsident des Landes seinen historischen Aufgaben nicht gewachsen war.

Das betrifft alle Völker. Ich sage ständig: Sie können sich nicht einmal vorstellen, wie groß die Unterstützung für die Ukrainer in der amerikanischen Gesellschaft ist. Verstehen Sie? Sie werden nach Amerika reisen – das ist schwieriger als nach Polen, aber Menschen reisen doch. Und Sie werden diese amerikanischen Flaggen neben ukrainischen sehen, Sie werden einfache Menschen sehen, die mit der Ukraine sympathisieren, gewöhnliche Menschen, keine Politiker, keine Blogger mit Millionenpublikum, gewöhnliche Menschen in Supermärkten, an Tankstellen, in Taxis, die der Ukraine aufrichtig den Sieg über Russland und Russland den Zusammenbruch wünschen.

Und zugleich sehen wir, dass Donald Trump sich anders verhält, nicht wahr? Nun also. Aber auch diese Gesellschaft ist halbiert, wie die polnische. Und wir sehen, dass es unter den Republikanern, unter Amerikanern, viele Unterstützer der Ukraine gibt. Und wir sehen, wie viele Unterstützer der Ukraine es unter den polnischen Rechten gibt. Schließlich war die gesamte Hilfe auf staatlicher Ebene, die der Ukraine seit 2022 geleistet wurde, Hilfe, die von einer Regierung koordiniert wurde, die von der Partei Recht und Gerechtigkeit gebildet worden war.

Präsident Andrzej Duda, der Volodymyr Zelensky mit diesem Orden ausgezeichnet hat, kandidierte für dieses Amt als Staatsoberhaupt von dieser Partei. Ministerpräsident Mateusz Morawiecki war der Regierungschef dieser Partei. Man kann also nicht sagen: „Wissen Sie, diese Hälfte ist antiukrainisch, diese Hälfte ist proukrainisch.“ Nein, so funktioniert das nicht.

Andrij Smolij. Duda war bei uns übrigens eine Zeit lang einer der populärsten und sogar der populärste ausländische Politiker. Solche Umfragen gab es bei uns, die das zeigten. Was ich sagen will? Mir scheint, dass es bei uns eine gewisse Asymmetrie gibt. Selbst wenn Stimmen aufkommen, die sagen: Lasst uns versuchen, Parallelen zur Armia Krajowa zu ziehen, dann beginnt gerade diese polnische Ultrarechte oder einfache Rechte zu sagen: „Wie könnt ihr es überhaupt wagen, unsere Armia Krajowa und eure verbrecherische UPA zu vergleichen?“

Ich habe darüber nachgedacht, wissen Sie worüber? Dass in meiner Kindheit einer meiner Lieblingsfilme wahrscheinlich der Film von Andrzej Wajda „Asche und Diamant“ war.

Portnikov. Ja, der handelt von der Armia Krajowa.

Andrij Smolij. Und das ist doch ein Film über einen Kämpfer der Armia Krajowa, wenn man so will, der aus dem Spiel aussteigen und sein Studium abschließen will, weil es ohnehin bereits eine russische, sowjetische Besatzung gibt. Und seine letzte Aufgabe – ich erinnere das so für diejenigen, die ihn nicht gesehen haben – besteht darin, irgendeinen weiteren sowjetischen Funktionär umzubringen, der aus dem Zentrum geschickt wurde. Und danach sagt man ihm: „Du hast Ruhe, du kannst dir gewissermaßen Urlaub nehmen.“ Und dann verliebt er sich in ein Mädchen, und alles ändert sich.

Portnikov. Das ist faktisch ein ukrainischer Plot über die Ukrainische Aufstandsarmee.

Andrij Smolij. Aber allein die Tatsache, dass sie in den 60er-Jahren – das waren, glaube ich, die 60er – einen Film drehen konnten; ich kann mir nicht vorstellen, dass man in der Ukraine, in der Sowjetunion, jemandem erlaubt hätte, so einen Film über irgendeinen, nennen wir ihn auch mit diesem Wort, Kämpfer der UPA zu drehen, der nicht nur sympathisch ist, sondern ein Sexsymbol der Sowjetunion, in das sich alle verlieben. Und er ist ein positiver Held. Selbst wenn am Ende scheinbar diese ganze Parteilinie trotzdem gezogen werden muss, sind das einfach unvergleichbare Dinge.

Und die Polen, so scheint mir, verstehen nicht, unter welchen Bedingungen sich die Ukrainer damals befanden. Wir hatten nicht einmal Zeit, wir hatten keine Chance auf irgendeine Reflexion, und wir hatten keine Chance zu sagen, was wir über die UPA denken und warum sie für uns wichtig ist. Und jetzt sind sie so …

Portnikov. Ich denke, es gibt noch einen Punkt, über den man nachdenken sollte. Die Polen haben ein riesiges Trauma des faktischen Verlustes des Staates, das auch zu einer gewissen historischen Schizophrenie führt. Auf der einen Seite habe der polnische Staat nie aufgehört zu existieren – er habe eine Exilregierung in London und die Armia Krajowa im gesamten international anerkannten Staatsgebiet Polens gehabt, also auch in Wolhynien und Galizien. Andererseits aber sei für die Handlungen der Ukrainischen Aufstandsarmee auf diesen Gebieten, die historische Gebiete Polens und Teil seines international anerkannten Territoriums nicht nur 1939, sondern, sagen wir, auch 1944 waren, der ukrainische Staat verantwortlich, den es damals überhaupt nicht gab und dessen Zugehörigkeit dieser Gebiete Polen nicht anerkannte. Richtig? Schizophrenie.

Noch eine Schizophrenie. Inwieweit kann man ernsthaft davon sprechen, dass der polnische Staat als solcher existierte? Offensichtlich verwandelte er sich im September 1939 in einen Exilorganismus. Und somit kämpften die verschiedenen Völker dieses Staates für ihre nationalen Rechte, ohne überhaupt zu wissen, was später mit ihnen geschehen würde. Das heißt, als sich die Armia Krajowa formierte und gegen die Hitleristen kämpfte, wusste niemand in dieser Armee, ob ein polnischer Staat nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt existieren würde, weil niemand wusste, wer den Zweiten Weltkrieg gewinnen würde. Daran erinnern Sie sich doch?

Andrij Smolij. Ja.

Portnikov. Und zweitens wusste man nicht, was die Sieger mit der polnischen Staatlichkeit machen würden. Stalin, Roosevelt und Churchill einigten sich darauf, dass diese polnische Staatlichkeit bestehen würde. Sie hätten sich aber auch nicht einigen können, sie hätten sich etwas ausdenken können: die Hälfte des Territoriums der Ukrainischen SSR zu geben und auf der Hälfte des Territoriums die deutsche Kontrolle zu erhalten, sie zu einem Teil des neuen Deutschlands, der Deutschen Demokratischen Republik, zu machen. So hätte es leicht kommen können.

Und was wären die Polen? Nun, die Polen wären eine Minderheit in der Sowjetukraine und im demokratischen Deutschland gewesen. Niemand wusste, wie die Geschichte sich wenden würde. Nach 1939 gab es keinerlei Garantien dafür, dass die polnische Staatlichkeit sicher existieren würde. Gerade deshalb, weil es kein Verständnis dafür gab, wie der Zweite Weltkrieg enden würde.

Heute sagen wir: „Oh, die Alliierten waren zum Sieg verurteilt.“ Vor Stalingrad war niemand zu irgendetwas verurteilt. Entschuldigung. Niemand dachte überhaupt so. Man hoffte, dass irgendetwas erhalten bleiben würde, dass Großbritannien sich behaupten würde, aber was aus der Sowjetunion werden würde, mit welchen Territorien sie operieren würde, wusste absolut kein Beobachter, erst recht kein Politiker, noch weniger ein Exilpolitiker. Und das führte zu Dramen, zu Selbstmorden.

Ich war in einem Museum in Warschau, im jüdischen Museum, und dort gab es eine Ausstellung, die einem polnischen Politiker jüdischer Herkunft gewidmet war, der versuchte, über den Holocaust zu berichten. Seine Familie war in Warschau geblieben. Er war im Moment der Besetzung Polens einfach in London oder anderswo und blieb dort. Schließlich endete seine gesamte politische Karriere mit Selbstmord. Weil er die völlige Gleichgültigkeit gegenüber all seinen Appellen sah, überhaupt nicht glaubte, dass das irgendwie positiv enden könnte, einfach nicht weiter an diesen Prozessen teilnehmen wollte, die ihm völlig ausweglos erschienen. Solche Beispiele gibt es Tausende.

Und hier ist es eben so, dass die Armia Krajowa und die Ukrainische Aufstandsarmee in einem Raum handelten, der keine Antwort auf die Frage gab, was morgen sein würde. Sie lösten Fragen hier und jetzt. Und jede dieser Armeen, dieser Formationen, ging von ihrer Vorstellung einer Zukunft aus, die es auch nicht hätte geben können. Die UPA handelte in Wolhynien in der Annahme, dass Wolhynien nach dem Krieg ukrainisch sein würde, dass es ethnisch ukrainisch sein müsse.

Wolhynien hätte aber auch nicht ukrainisch sein können. Stalin hätte die Entscheidung treffen können, all diese Gebiete Polen zu geben, so wie er, zum Beispiel, Przemyśl gegeben hat. Und die ganze heutige Oblast Wolhynien wäre heute die Woiwodschaft Wolhynien. Und die Ukrainer, die die Ukrainische Aufstandsarmee so beschützte, wären von polnischen Kommunisten einfach irgendwohin in die Oblast Kyiv vertrieben worden.

Oder umgekehrt kämpfte die Armia Krajowa. Ihre Führer waren überzeugt – so wie die Führer der polnischen Emigration noch jahrzehntelang überzeugt waren –, dass dieses gesamte Gebiet wieder Polen sein würde. Wie auch sonst? Hitler würde besiegt werden. Der polnische Staat würde auf seinen international anerkannten Gebieten wiederhergestellt werden, also auch mit Wolhynien, mit Galizien. Wie könnte es anders sein? Und die Sowjetunion würde irgendwie nachgeben, sie könne doch nicht jene Gebiete behalten, die sie in einem Bündnis mit Hitler erhalten hatte. Sie sei doch nun Verbündeter der Vereinigten Staaten und Großbritanniens. Nun, wie wir sehen, erwies sich auch diese Idee als völlig falsch.

Alle Vorstellungen sowohl der Armia Krajowa als auch der Ukrainischen Aufstandsarmee über die Zukunft dieser Gebiete erwiesen sich als falsch, weil im Ergebnis auf diesem Gebiet im Zweiten Weltkrieg die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken siegte. Stalin siegte.

Aber bedeutet das, dass sie nicht für die Rechte ihrer Völker kämpfen sollten? Doch, genau das sollten sie. Wiederum: Wurden während dieses Kampfes Verbrechen begangen? Natürlich wurden sie begangen. Wir wissen sehr gut, dass während solcher tragischen Ereignisse von beiden Seiten Verbrechen begangen werden. Von beiden Seiten, betone ich. Das geschah vor unseren Augen im Kosovo.

Für manche ist diese Geschichte zwischen Ukrainern und Polen eine Geschichte, die man im Kino anschauen kann, aber für mich sind das absolut reale Szenen meines Lebens, die ich im Kosovo beobachtet habe, noch vor dem Moment einer solchen absoluten Eskalation zwischen der albanischen und der serbischen Bevölkerung. 

Ich lebte im Kosovo, mietete eine Wohnung bei einer serbischen Familie, die dort heute offensichtlich nicht mehr lebt und die sehr stolz darauf war, dass ihr Sohn in der Jugoslawischen Volksarmee diente, die faktisch schon damals die Kontrolle über das Kosovo ausübte. Ich schlief in einem Bett, über dem nicht eine Ikone hing, sondern, entschuldigen Sie, ein Porträt von Slobodan Milošević. 

Dann wachte ich auf, sah Milošević in die Augen und ging los, um meine albanischen Freunde zu treffen, die mit mir nicht einmal in Cafés in Straßen gehen konnten, in denen Serben lebten. Und umgekehrt: Wenn ich mich mit irgendeinem serbischen Journalisten traf, brachte er mich bis zu dem Viertel, in dem albanische Häuser, Cafés, Krankenhäuser und so weiter begannen, und blieb stehen.

Dann begann zwischen diesen beiden Gruppen von Menschen, die einander hassten, eine Eskalation. Da die Serben die Armee, die Macht und so weiter in ihren Händen hatten, begannen sie also, die Albaner zu unterdrücken. Die Albaner gründeten die Befreiungsarmee des Kosovo, die berühmte UÇK, die absolut mit der Ukrainischen Aufstandsarmee verglichen werden kann. Und jetzt möchte ich Sie daran erinnern: Die Führer dieser Armee werden in Den Haag vor Gericht gestellt, aber für die albanische Bevölkerung des Kosovo sind sie Helden. Nicht einfach Helden. Hashim Thaçi, der Führer dieser Armee, brachte es bis zum Amt des Präsidenten des Kosovo. Und als ihm in Den Haag Anklagen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgelegt wurden, trat er übrigens als Mensch, der die internationale Justiz respektiert, zurück, versteckte sich nicht und fuhr zum Tribunal. Und dieses Tribunal läuft jetzt.

Nun die Frage. Stellen wir uns vor, Hashim Thaçi wird endgültig wegen dieser Verbrechen verurteilt. Er wird verurteilt, verbüßt diese Strafe, stirbt irgendwann einfach von selbst an Altersschwäche. Was denken Sie, wird es in Pristina eine Hashim-Thaçi-Straße geben? Was meinen Sie?

Andrij Smolij. Es wird sie geben.

Portnikov. Und was denken Sie, wie wird man auf diese Straße in Belgrad reagieren?

Andrij Smolij. Na ja, so mittel.

Portnikov. Genau. Und nun stellen Sie sich vor, dass es zu diesem Zeitpunkt zwischen Belgrad und dem Kosovo bereits eine Normalisierung gibt. Die diplomatische Beziehungen wurden aufgenommen, irgendwie hat sich das alles geregelt, und sie leben dort miteinander. Und plötzlich beschließt das Bürgermeisteramt von Pristina, dass es eine Hashim-Thaçi-Straße geben wird. „Hashim Thaçi ist vor einem Monat gestorben, er ist unser Held, er ist Präsident des Kosovo. Er ist der Führer der Befreiungsarmee des Kosovo.“ Und da sagt der Präsident Serbiens: „Na, entschuldigen Sie, dann ist alles vorbei, wir schließen die Kontroll- und Grenzübergänge. Wir können mit Ihnen einfach nichts mehr zu tun haben.“ Und die albanische Bevölkerung sagt: „Aber das ist doch unser Held, er hat uns doch verteidigt, als ihr uns getötet und von unserem Heimatboden vertrieben habt. Warum zwingt ihr uns eure historische Erinnerung auf? Wer seid ihr überhaupt? Ihr seid selbst Imperialisten und Terroristen. Und bei euch gibt es Straßen, die nach der Jugoslawischen Volksarmee benannt sind. Das ist aber eine Banditenarmee, unter uns gesagt, sie hat Frauen und Kinder getötet und Kosovo-Albaner aus ihren Heimatorten vertrieben. Benennt sie um.“ Hier haben Sie eine wunderbare Szene, die noch stattfinden wird.

Ich könnte Ihnen noch Dutzende Beispiele aus der Geschichte europäischer Völker nennen, in denen genau so etwas geschieht. Mir scheint, ich habe bereits die Geschichte Südtirols erwähnt, das heute zu Italien gehört. Dort steht buchstäblich eine Autostunde entfernt ein Mausoleum für einen Vertreter der italienischen nationalen Befreiungsbewegung, der für die Abtrennung des Trentino von Österreich kämpfte und von den Österreichern getötet wurde. Später beherrschte Italien dieses Gebiet. Für Italien war er kein Separatist, den man töten musste, sondern ein Held. Man errichtete ihm ein Mausoleum und benannte Straßen und Plätze nach ihm. 

Und eine Autostunde entfernt beginnen die deutschsprachigen Städte Südtirols, wo es eine Straße gibt, die nach einem Mann benannt ist, der noch in den 1950er- und 1960er-Jahren, im Kampf für die Unabhängigkeit Südtirols von Italien, Elektrizitätswerke in Italien sprengte. Das ist in Südtirol, das ist Italien. Und diesen Menschen verhaftete man, gab ihm Haftstrafen, dann starb er. Und die dankbaren Bewohner seiner Heimatstadt benannten die zentrale Straße nach ihm.

Das geschieht einfach innerhalb Italiens selbst. Nicht zwischen Polen und der Ukraine, nicht zwischen Kosovo und Serbien. Es geschieht zwischen zwei Städten Italiens, die zu einer Verwaltungseinheit gehören. Sie haben eine völlig andere historische Erinnerung. Die Bewohner eines Teils halten den wichtigsten Helden des anderen für einen Separatisten, der seine Todesstrafe verdient hatte und kein Mausoleum. Die Bewohner des anderen Teils halten denjenigen, nach dem Straßen benannt sind, für einen Terroristen, den man nach seiner Gefängnisstrafe hätte vergessen sollen, statt Straßen und Plätze nach ihm zu benennen. Aber irgendwie haben die Bürger Italiens auf dem Boden dieser völlig widersprüchlichen historischen Erinnerung eine Verständigung gefunden. Warum können wir sie nicht finden?

Andrij Smolij. Wahrscheinlich können wir das. Zumal es in diesem ganzen dramatischen Bild viele andere Züge gibt. Selbst wenn man Polen selbst nimmt, zum Beispiel: Was geschah mit den Sudetendeutschen im Jahr 1945?

Portnikov. Mit den Sudetendeutschen in Tschechien. Ja. Hören Sie, und jetzt stellen Sie sich vor, mir als Juden gäbe man eine Liste ukrainischer und polnischer historischer Personen, nach denen Namen, Straßen und Militäreinheiten benannt sind, und sagte: „Streichen Sie bitte, Herr Vitaly, die Menschen, deren Namen Sie niemals hören möchten.“ Können Sie sich vorstellen, was von dieser Liste übrig bliebe? Dort blieben ausschließlich Straßen wie Rosenstraße, Samtstraße. Vieles wäre dort nicht mehr. Aber ich respektiere das Recht des polnischen und des ukrainischen Volkes auf historische Erinnerung.

Obwohl, wie Sie sehen, das Außenministerium Israels damit nicht so ruhig umgeht wie ich. Und immer, sobald es in Polen und in der Ukraine Versuche gibt, die historische Erinnerung an Menschen zu glorifizieren, die Israel nicht als solche ansieht, die man glorifizieren kann, beginnen sofort scharfe Proteste.

Wie Sie wissen, gibt es zwischen Israel und Polen ständige Konflikte bis hin zur Abberufung von Botschaftern, ja sogar bis zu Demarchen israelischer Botschafter in Polen. Ständige Konflikte, ständige Skandale. Bei uns gibt es solche, würde ich sagen, angespannten Beziehungen nicht, weil wir vorsichtiger auf die israelische Reaktion reagieren. Aber danach geschieht nichts weiter. Keine Aberkennungen von Medaillen oder irgendwelche solchen Demarchen.

Nun, es gibt Erklärungen des Außenministeriums Israels oder der Botschaft Israels. Wir nehmen sie zur Kenntnis. Es gibt sehr kuriose Situationen, wenn die Botschafter Israels und Polens in der Ukraine gemeinsame Erklärungen zur historischen Erinnerung abgeben, während man den israelischen Botschafter in Polen selbst nicht einmal ins Außenministerium lässt und ihn dort als unerwünschte Person betrachtet. Denn dieser Botschafter äußert sich in Polen zur historischen Erinnerung auf eine Weise, die den Polen selbst schon nicht mehr gefällt – denselben Polen, die sich hier mit ihm solidarisieren. Wohlgemerkt: Ich spreche von einem anderen Botschafter.

Andrij Smolij. Das ist übrigens ein sehr gutes Beispiel. Denn warum können wir im Fall Polens nicht genauso handeln, wie wir zum Beispiel ruhig und pragmatisch auf Vorwürfe Israels reagieren können, die auch berechtigt sein mögen?

Portnikov. Wir können das. Polen selbst muss dann, würde ich sagen, etwas lockerlassen. Das polnische Außenministerium hat zu dieser Umbenennung eine Erklärung abgegeben. Ja, Sie haben eine Bewertung geäußert – für mich ein völlig legitimer Schritt, wenn Sie eine solche Konzeption der historischen Erinnerung haben. Ich finde, auch wir müssen, wenn es um unsere historische Erinnerung und andere Länder geht, mit solchen Erklärungen auftreten. Übrigens betrifft das jedes Land, wenn wir Fragen zu bestimmten Personen haben, die wir als solche betrachten, die Verbrechen gegenüber der Ukraine begangen haben.

Andrij Smolij. Wir können mit Piłsudski anfangen und nicht aufhören, zum Beispiel.

Portnikov. Nun, Sie verstehen doch, es geht um ernstere Vorwürfe, nicht um politische Erklärungen, aber dennoch: Das polnische Außenministerium hat eine Erklärung abgegeben. Wir haben sie zur Kenntnis genommen. Man hat sogar den ukrainischen Botschafter in Polen ins polnische Außenministerium einbestellt, ihm eine Note überreicht, danke, und das war’s, weiter geht’s. Aber Nawrocki müsste diesen populistischen Skandal veranstalten.

Alles begann doch nicht mit der Erklärung des polnischen Außenministeriums. Nun, es gab eine Erklärung, wir sahen sie in den Nachrichten, hätten sie nach 15 Minuten vergessen, verstehen Sie? Es begann mit dem Verhalten des polnischen Präsidenten in Bezug auf diesen Orden. Und das ist ebenfalls irgendein Unsinn. Nun hat er dem Präsidenten der Ukraine den Orden des Weißen Adlers aberkannt. Und was? Welche praktischen Folgen?

Andrij Smolij. Wissen Sie, jemand scherzte: Geben wir ihm im Gegenzug zum Beispiel den Orden Bohdan Chmelnyzkyj erster Klasse. Einfach als Antwort. Er hat ihn uns weggenommen, und wir zeichnen ihn im Gegenzug aus. Nun, das wäre ziemlich, wissen Sie, elegant.

Portnikov. Jedenfalls liegt genau darin das Problem. Das Außenministerium Israels tut, nachdem es entsprechende Erklärungen abgegeben hat, nichts weiter. Die haben schließlich auch noch andere Aufgaben, verstehen Sie? Und das gilt genauso für das polnische Außenministerium. Sie erfüllen einfach diplomatische Funktionen. So funktioniert Politik. Etwas gefällt mir nicht, ich informiere darüber, was mir nicht gefallen hat. Dann arbeiten wir weiter.

Andrij Smolij. Nun, sehen Sie, zu Nawrockis Ehren muss man sagen, er sagte ja: „Ich verstehe nicht, warum wir einen Präsidenten wählen. Ich weiß nicht, womit ich mich beschäftigen soll. Ich habe doch keine Befugnisse.“ Hier zeigt sich, dass er zumindest Orden und Medaillen wegnehmen kann, sogar ohne sich mit dem polnischen Ministerrat zu beraten. Und voilà, wir haben einen internationalen Skandal.

Portnikov. Und danach fordert er vom Ministerrat, dass er seine Bewertung seiner Handlungen äußert. Also faktisch hat er eine Beschäftigung für sich gefunden. Nun, wunderbar. Ich freue mich sehr, dass Nawrocki im Amt des polnischen Präsidenten etwas zu tun hat. Aber ich hätte gern, dass er sich im Amt des polnischen Präsidenten mit der Stärkung der ukrainisch-polnischen Beziehungen beschäftigt und nicht mit ihrer Zerstörung, denn das liegt im Interesse sowohl des ukrainischen als auch des polnischen Volkes.

Und ich möchte keinesfalls, dass die Handlungen des polnischen Präsidenten zu einer aggressiven Reaktion eines Teils der ukrainischen Gesellschaft gegenüber Polen und dem polnischen Volk als Ganzem führen. Auch das wäre falsch und ungerechtfertigt.


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Art der Quelle: interview
Titel des Originals: Віддавши орден „Білого Орла“, Зеленський зробив велику послугу Туску: Скандал із Польщею. Віталій Портников. 20.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 20.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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