Der baltische Weg. Vitaly Portnikov. 06.09.2026.

Балтійський шлях. Віталій Портников. 06.09.2026.

Eine Sendung mit einer bekannten estnischen Politikerin und Diplomatin im Moskauer Studio von Radio Liberty ließ keinen Skandal erwarten – bis zu dem Moment, als einer der Zuhörer die Gästin nach den autoritären Tendenzen in der Entwicklung Estlands vor dem Krieg fragte. Die Reaktion fiel sehr scharf aus – die Gästin fasste diese Frage als Provokation auf, zu einem Zeitpunkt, als die offizielle russische Propaganda buchstäblich auf Schritt und Tritt über die Ereignisse in Estland log.

Doch diese Reaktion ändert nichts an der Wahrheit: Zum Zeitpunkt der sowjetischen Besetzung waren Estland und die benachbarten baltischen Länder Lettland und Litauen keine Demokratien, sondern klassische autoritäre Regime mit aufgelösten Parlamenten, verhafteten politischen Gegnern und einem verkommenen öffentlichen Leben. Alle Entscheidungen wurden in jedem dieser Länder von einer einzigen Person getroffen, die von der Richtigkeit ihrer Einschätzungen überzeugt, häufig nicht in der Lage war, das Ausmaß der Bedrohungen einzuschätzen, und vor allem daran interessiert war, die eigene Macht zu erhalten.

Natürlich begann die Zeit von Konstantin Päts in Estland, Antanas Smetona in Litauen und Kārlis Ulmanis in Lettland den Zeitgenossen im Vergleich zu all dem Grauen, das nach der bolschewistischen und der nationalsozialistischen Besetzung begann, als ein wahrhaft goldenes Zeitalter zu erscheinen – zumal Päts und Ulmanis als Geiseln des sowjetischen Regimes einen qualvollen Tod starben. Aber auch das ändert nichts an der Tatsache, dass die Gefahr unterschätzt und die Absichten des Kremls nicht verstanden wurden. Beispiele für Fehler lassen sich viele anführen, und der wichtigste davon war die Zustimmung zur Einrichtung sowjetischer Stützpunkte in den baltischen Ländern bereits 1939. Nach der sowjetischen Besetzung setzte sich die Auffassung durch, dass die baltischen Staatschefs schlicht keine Chance gehabt hätten, sich Stalins Diktat zu widersetzen. Aber offen gesagt leisteten sie auch nicht allzu viel Widerstand, weil sie glaubten, der sowjetische Diktator werde sie vor Hitler schützen – die Möglichkeit, zu einer deutschen Provinz zu werden, erschien 1939 als eine wesentlich ernstere Bedrohung als die Verwandlung in eine Sowjetrepublik. Infolgedessen befanden sich die Besatzungstruppen bereits vor der Besetzung in den Ländern, die später besetzt werden sollten. Das war eine echte Falle, und die Staatschefs wurden davor gewarnt, doch sie hatten sich daran gewöhnt, alternative Standpunkte nicht zu beachten.

Ein weiterer großer Fehler war die Legitimierung der Besetzung. Der lettische Präsident Kārlis Ulmanis etwa forderte seine Landsleute auf, „auf ihren Plätzen zu bleiben“, und betonte, dass auch er selbst auf seinem Platz als Staatsoberhaupt bleibe. Das entsprach nicht der Wahrheit – Ulmanis verlor seine Macht und war gezwungen, die Marionettenregierung Lettlands zu bestätigen. Dennoch galt er formal weiterhin als Staatsoberhaupt, bis zu den Pseudowahlen zum sogenannten Volkssaeima, das schließlich den Beschluss über den Beitritt zur UdSSR fasste.

Man kann natürlich der Ansicht sein, dass die baltischen Diktatoren keine Wahl hatten – doch das stimmt nicht. Die lettische Armee war beispielsweise größer und stärker als die finnische Armee – aber um sich zum Widerstand zu entschließen, brauchte es einen nationalen Konsens, der in einem demokratischen Land wesentlich leichter zu erreichen ist. Deshalb gelang es den Finnen auch, sich unter weitaus ungünstigeren Bedingungen zu verteidigen. Ulmanis und der estnische Präsident Päts waren jedoch der Ansicht, dass Widerstand keinen Sinn haben würde. Der litauische Präsident Smetona, der das Land 14 Jahre lang allein regiert hatte und als Führer der Nation galt, forderte dagegen tatsächlich, zu kämpfen – nicht vom Volk, sondern von seinen Mitstreitern. Doch er erhielt keine Unterstützung von seinem eigenen Regime und entschied sich zur Emigration. Der amtierende Präsident Litauens Antanas Merkys wiederum handelte wie Ulmanis und legitimierte die Besatzungsregierung.

Wir wissen nicht, ob die baltischen Staatschefs Stalin hätten aufhalten können – doch unter den Bedingungen demokratischer Gesellschaften und eines ehrlichen Dialogs mit der Nation, bei einer Bündelung der Kräfte der baltischen Länder – die ein Bündnisabkommen unterzeichnet hatten, das jedoch niemals umgesetzt wurde – hätten sie wesentlich bessere Chancen gehabt. Zumindest hätten sich die baltischen Länder möglicherweise einfach nicht in Sowjetrepubliken verwandelt, was die Möglichkeit einer demografischen Besetzung in den Nachkriegsjahren ausgeschlossen hätte. Doch all das sind Annahmen. Die Geschichte nahm einen anderen Verlauf.

Und für die Ukrainer ist das Wichtigste, nicht erneut auf diesen Weg zu geraten. In einer Gesellschaft, von deren Angehörigen ein großer Teil in der Zeit des sowjetischen Autoritarismus aufgewachsen ist, gibt es bis heute kein klares Verständnis dafür, dass ein Regime persönlicher Macht immer ein Weg zu Fehlern und Niederlagen ist. Ja, es kann auch erfolgreiche Entscheidungen geben, wie bei einer Lotterie. Doch wenn es kein System der gegenseitigen Kontrolle gibt, wenn es keine alternativen Meinungen gibt, wenn schon das Verständnis nationaler Einheit als Suche nach einem Kompromiss und der richtigen Entscheidung fehlt, ist der Zusammenbruch vorhersehbar. Und ja, in einem solchen Herrschaftssystem leben wir bereits seit vielen Jahren – und können bis zum Ende des Krieges darin leben, der in diesem Fall keineswegs unbedingt zu unseren Gunsten enden wird.

Und nein, kompetente Entscheidungen, ein funktionierendes Parlament und eine verantwortungsbewusste Regierung lassen sich nicht durch effektvolle Auftritte, Zeitschriftencover und den Glauben an die eigenen Fähigkeiten ersetzen. All das kann kurzfristig Wirkung zeigen – und führt anschließend zu wachsendem Misstrauen und neuen Fehlern. Kein Applaus kann ein System funktionierender Staatsführung ersetzen – selbst wenn einem sämtliche Parlamente Europas und der Kongress applaudieren. Natürlich kann man diesen Applaus in Friedenszeiten zum Bestandteil des eigenen Images machen – zusammen mit Straßen und Versprechungen. Aber im Krieg entscheiden nur der Soldat und das Eisen. Wenn es an Menschen und Waffen fehlt, wenn falsche Entscheidungen getroffen werden, wenn Professionalität durch Loyalität ersetzt wird und Loyalität zu Korruption führt, werden Applaus und Versprechungen nicht helfen.

Die baltischen Länder verloren ihre Freiheit für lange 50 Jahre, doch nach deren Wiederherstellung erinnerten sich ihre Bürger dankbar an ihre letzten „eigenen“ Präsidenten und beschlossen, sich nicht auf den autoritären Charakter ihrer Regime zu konzentrieren. Wenn die Ukraine standhält, werden wir über die Fehler und nicht über die Erfolge des sechsten Präsidenten der Ukraine sprechen – am Charakter des ukrainischen Volkes habe ich keinen Zweifel.

Aber das ist weitaus besser, als in einem Gefängnis der Tschekisten getötet und ein halbes Jahrhundert später mit der Aura des letzten Staatschefs eines freien Landes in Erinnerung gerufen zu werden.


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Titel des Originals: Балтійський шлях. Віталій Портников. 06.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung/ Entstehung: 06.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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„Karthago“ muss zerstört werden | Vitaly Portnikov. 05.09.2026.

Die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine ist zu einer weiteren Institution geworden, in der die ukrainischen Antikorruptionsorgane Durchsuchungen im Zusammenhang mit Korruptionsmissbrauch durchführen.

Wenn man bei den Begriffen jedoch ganz genau sein will, geht es weniger um Korruption als vielmehr um Mafia. Wie ich bereits mehrfach betont habe, als ich die jüngsten Antikorruptionsverfahren in unserem Land kommentierte, ist Korruption das, was geschieht, wenn Beamte ihre dienstliche Stellung missbrauchen, um sich unrechtmäßige Vorteile zu verschaffen. Mafia hingegen bedeutet die Schaffung krimineller Organisationen innerhalb bestehender Institutionen. Und übrigens ist gerade von der Schaffung krimineller Organisationen in den Anschuldigungen und Schlussfolgerungen der Antikorruptionsstrukturen die Rede. Mafia bedeutet, dass ganze parallele Geschäftsprojekte geschaffen werden, die mit den Möglichkeiten von Regierungsmitgliedern und Beamten verbunden sind.

Ja, bei den aktuellen Anschuldigungen geht es um die Protektion sogenannter Callcenter, die bereits seit Langem, seit vielen Jahren, eine der Quellen für die Bereicherung derjenigen sind, die nach 2019 an die Macht gekommen sind. Und gerade weil Möglichkeiten für die Tätigkeit solcher parallelen kriminellen Geschäftsinstitutionen innerhalb der Machtstrukturen entstehen, bilden sich kriminelle Organisationen. Nur naive Menschen oder Menschen, die vor ihren eigenen Fehlern bei Wahlen die Augen verschließen wollen, können glauben, dass dies eine große Sensation sei und es eigentlich anders hätte kommen müssen. Es sei daran erinnert, dass die Mehrheit der Einwohner unseres heutigen Landes zu diesen Menschen gehört.

Denn die Situation ist so einfach wie zwei mal zwei. Wenn Sie für Menschen stimmen, die nie an politischen Prozessen beteiligt waren und die gezwungen sind, Loyalität statt Professionalität zum Auswahlkriterium zu machen, weil sie selbst keine Profis sind und keinerlei Verständnis dafür haben, wen von den Teilnehmern politischer Prozesse man für einen Profi und wen für einen Amateur halten sollte, wer ein ehrlicher Mensch ist und wer nicht, dann entstehen die Bedingungen, eine Art Nährboden für die Bildung krimineller Gemeinschaften auf staatlicher Ebene.

Der Staat selbst verwandelt sich in eine Mafia – und das haben wir ebenfalls mehrfach am Beispiel von Ländern Europas beobachten können. Die Mafia beginnt, den Staat zu kontrollieren. Die Sicherheitsstrukturen beginnen, aufeinander zu schießen, um die Kontrolle über Callcenter oder irgendwelche anderen Finanzströme zu erlangen. Und dem gewöhnlichen Bürger bleibt nur, dabei zuzusehen, wie sein eigener Staat von denjenigen privatisiert wird, die seine Institutionen zur unrechtmäßigen Bereicherung nutzen.

Und natürlich bleibt selbst in einer solchen Situation das Kriterium der Loyalität das wichtigste für das Funktionieren des Staatsapparats. Bis heute wissen wir nicht genau, ob auch das Büro des Generalstaatsanwalts selbst durchsucht wurde, denn darüber berichten ausschließlich journalistische Quellen. Die Generalstaatsanwaltschaft dementiert dies hingegen.

Was wir jedoch mit Sicherheit wissen, ist, dass der amtierende Generalstaatsanwalt Leiter eben jenes Nationalen Antikorruptionsbüros werden wollte und die Überprüfung nicht bestand, bei der es gerade um Fragen der Integrität ging. Was geschieht in zivilisierten Staaten mit Menschen, die eine solche Überprüfung nicht bestehen? Die Staatsführungen und Beamten solcher Länder versuchen, im Umgang mit solchen Menschen vorsichtig zu sein, um zumindest den eigenen Ruf nicht zu beschädigen und nicht in irgendeinen Reputationsskandal zu geraten.

Hat diese unangenehme Geschichte den künftigen Generalstaatsanwalt bei seinem weiteren Aufstieg auf der Karriereleiter behindert? Keineswegs. Denn moralische Bewertungen sind das Letzte, was die ukrainische Staatsführung heute interessiert, wenn es um die Besetzung bestimmter Ämter geht. Und wenn es weder das Kriterium der Professionalität noch das Kriterium der Integrität gibt, welches Kriterium bleibt dann noch? Es bleibt die Loyalität gegenüber der ersten Person im Staat, umso mehr, wenn sich der gesamte Staatsapparat um diese eine Person dreht, die seit nunmehr sieben Jahren allein sämtliche Entscheidungen trifft. Und wenn sie keine Zeit hat, diese Entscheidungen zu treffen oder zu verstehen, was getan werden muss, gerät der gesamte Staatsapparat der Ukraine ins Stocken.

Und ich muss Ihnen sagen, dass dies bei Weitem nicht die letzte Situation dieser Art ist. Wenn wir das Ende des Krieges erleben und wieder nach genau jenen Kriterien gewählt wird, die unsere geschätzten Landsleute 2019 angewandt haben: neue Gesichter; wichtig ist, dass der Mensch ein guter Mensch ist; die Vorgänger waren korrupt, diese hier aber werden natürlich so einfache Menschen sein wie wir selbst – und all der andere Wahnsinn, den wir gehört haben und bis heute hören. Dann wird die Mafia in diesem Land während langer, schwarzer Jahrzehnte der Nachkriegsentwicklung unseres Landes das Sagen haben.

Und dann wird es weder eine europäische Integration noch irgendeine Verbesserung des Lebens geben. Man wird uns erklären, dass die Europäer zu viel von uns verlangen. Zunächst wird man versuchen, Geld von den Chinesen zu bekommen, und wenn die Chinesen dann auf Chinesisch erklären, dass es dieses Geld nur geben kann, wenn Kyiv sich mit Moskau verständigt, wird man nach Modellen der Zusammenarbeit mit den Russen suchen – ungeachtet dieses ganzen grausamen Krieges. Nun, es wird dann eben so sein wie in Georgien.

Darin liegen die Risiken. Es handelt sich nicht einfach um Risiken korruptiver Art. Und es geht nicht einfach darum, auf welche Weise Menschen, denen Integrität fernliegt, hohe Ämter im Staat bekleiden. Und in Wirklichkeit geht es auch nicht nur um die Risiken eines personalistischen Regimes, das die Ukraine seit 2019 unerwartet all den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken ähnlich gemacht hat, von denen wir uns über mehrere Jahrzehnte hinweg und dank zweier großer Aufstände zu entfernen versucht haben.

Nein, es sind Risiken, die auch mit der Existenz des Staates selbst und des ukrainischen Volkes selbst verbunden sind. Denn die Mafia kennt keine Staatsgrenzen. Der Mafia ist es gleichgültig, in welcher Sprache sie spricht. Und wir sehen, in welcher Sprache die Mafia in ihren sogenannten Amtszimmern spricht. Die Mafia nutzt den Patriotismus anderer und deren Verständnis für die Notwendigkeit, den Staat zu bewahren, ausschließlich dazu, um in diesem Staat selbst ein süßes Leben zu führen und gut trinken zu können. Darin unterscheidet sich eine mafiöse Organisation nicht nur von Integrität, sondern sogar von Korruption.

Denn ein korrupter Beamter braucht zumindest einen funktionierenden Staat, in dem er seine dienstliche Stellung missbrauchen kann. Ein Mafioso hingegen bereichert sich, als wäre es das letzte Mal. Für ihn ist ein solcher Staat ausschließlich ein Ort, aus dem er mit seinen zusammengeraubten Milliarden fliehen und all diese dann unnötig gewordenen Ämter vergessen wird, weil er genug Geld hat.

Und man muss sich noch eine einfache Sache bewusst machen. Wenn es in der Ukraine keine Antikorruptionsstrukturen gäbe, die unter der vorherigen Staatsführung geschaffen wurden – glücklicherweise und auf Forderung unserer ausländischen Partner –, wenn wir während des Krieges nicht finanziell von ihnen abhängig wären, wenn es nicht den berühmten Protest mit den Pappschildern gegeben hätte, dessen Teilnehmer von der Staatsführung verlangten, die Antikorruptionsstrukturen nicht in die Machtvertikale einzugliedern, sie also nicht eben jener Generalstaatsanwaltschaft zu unterstellen, in der jetzt Durchsuchungen stattfinden, dann hätte die Mafia die Ukraine bereits wesentlich effektiver, treffsicherer und ohne jede Alternative erobert und besetzt, als es der russische Aggressor tut.

Das ist es, was tatsächlich hätte geschehen können. Das wären die wirklichen Folgen der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von 2019 gewesen. Dazu gratuliere ich Ihnen. Vor allem aber gratuliere ich uns dazu, dass es noch vor diesen Wahlen gelungen ist, derart wirksame Sicherungen gegen diesen ganzen schrecklichen Horror zu schaffen, die gewisse Chancen auf die Rettung des ukrainischen Staates eröffnen. Keine optimalen und keine absoluten, aber immerhin vorhandene.

Und an diesen Chancen werden wir uns in den kommenden Kriegs- und Nachkriegsjahren und -jahrzehnten festhalten müssen, denn die Mafia zu besiegen ist in Wirklichkeit eine weitaus schwierigere und möglicherweise für das ukrainische Volk kaum zu bewältigende Aufgabe, als selbst den Kreml zu besiegen.


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Titel des Originals: «Карфаген» має бути зруйнований |Віталій Портников. 05.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 05.09.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Warum Witkoff und Kushner kommen | Vitaly Portnikov. 04.09.2026.

Die Reise der Sondergesandten des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Steve Witkoff und Jared Kushner, in die russische und die ukrainische Hauptstadt weckt Hoffnungen – wenn schon nicht auf Frieden, dann zumindest auf eine Wiederbelebung des Verhandlungsprozesses über ein Ende des Krieges in der Ukraine.

Es sei daran erinnert, dass es gerade die Russische Föderation war, die sich aus diesem Verhandlungsprozess zurückgezogen hat. Damals forderte man in Moskau als Voraussetzung für seine Wiederaufnahme, dass die Ukraine dem Abzug ihrer eigenen Truppen aus jenen Teilen der Gebiete Donezk und Luhansk zustimmt, die sich weiterhin unter der Kontrolle der legitimen ukrainischen Staatsführung befinden.

Die Tatsache, dass man sich im Kreml bereit erklärt hat, mit den amerikanischen Vertretern zu sprechen und sie darüber hinaus sogar nach Moskau eingeladen hat, ohne dass die Ukraine diese Forderungen der russischen Führung erfüllt hat, zeugt bereits von einem gewissen diplomatischen Erfolg Kyivs.

Denn Putin ist offenbar klar geworden, dass es ohne einen Verhandlungsprozess schlicht nicht möglich sein wird, in den Beziehungen zum amerikanischen Präsidenten Donald Trump weiter auf Zeit zu spielen. Und selbst wenn das Hauptziel des russischen Staatschefs gerade darin besteht, bis zum Ende von Trumps Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten Zeit zu schinden, muss er nicht Drohungen gegen die Ukraine, sondern die Existenz eines tatsächlichen Verhandlungsprozesses vortäuschen.

Aber das ist nur eine der Möglichkeiten, die sich im Zusammenhang mit den Besuchen von Witkoff und Kushner ergeben. Die zweite Möglichkeit hängt mit den bevorstehenden Wahlen zum Kongress der Vereinigten Staaten zusammen. Putin könnte befürchten, dass ein nahezu unvermeidlicher Sieg der Demokraten bei diesen Wahlen einen Kongress hervorbringen wird, der nicht nur Trump, sondern auch ihm selbst gegenüber wesentlich feindseliger eingestellt ist. Und dass die Demokraten, wenn sie über eine Mehrheit im Kongress verfügen, beispielsweise vom amerikanischen Präsidenten verlangen werden, ein Gesetz über Hilfen für die Ukraine zu unterstützen und der Ukraine eine milliardenschwere finanzielle Unterstützung zu gewähren – im Gegenzug für bestimmte Zugeständnisse der parlamentarischen Mehrheit im Kongress. Mit anderen Worten: Bedingungen zu schaffen, die für eine Fortsetzung des Krieges durch Russland äußerst ungünstig wären. Und hier wird die Suche nach einem Konzept zumindest für einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front zu einer realistischen Option.

Die dritte Version besteht darin, dass die ukrainischen Streitkräfte tatsächlich erhebliche Erfolge bei ihren Angriffen auf die russische Wirtschaft erzielt haben. Diese Angriffe räumt inzwischen selbst Putin ein. Natürlich versuchte der russische Staatschef bei seinen Auftritten in Bischkek und Wladiwostok, die Auswirkungen der ukrainischen Angriffe auf die russische Wirtschaft herunterzuspielen. Doch mit welchen Zahlen Putin auch jonglieren mag, die Tatsache bleibt offensichtlich. Sowohl die Erdölverarbeitungsindustrie der Russischen Föderation als auch die Möglichkeiten, Öl in die Länder des Globalen Südens zu liefern, und die Landwirtschaft der Russischen Föderation – all das leidet erheblich unter den ukrainischen Angriffen und wird auch weiterhin darunter leiden.

Ja, Russland kann seine terroristischen Angriffe auf die städtische Infrastruktur Kyivs und anderer ukrainischer Städte fortsetzen. Aber dadurch, dass Russland die ukrainische Infrastruktur zerstört, wird die russische Infrastruktur nicht wiederhergestellt. Zudem können der Ukraine in einer derart schwierigen Phase der Konfrontation mit Moskau ihre europäischen Verbündeten beim Überleben helfen. Und wer, wenn nicht Putin, sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Volksrepublik China zwar russisches Öl kaufen und dadurch reale Möglichkeiten für das Überleben der russischen Wirtschaft schaffen kann, Putin aber nicht einfach so Geld geben wird.

Und im Übrigen ist offensichtlich, dass die Wiederbelebung der Verhandlungsbemühungen auch mit dem jüngsten Treffen zwischen Putin und dem Staatspräsidenten der Volksrepublik China Xi Jinping in der kirgisischen Hauptstadt zusammenhängen könnte. Denn gerade nach diesen Gesprächen, nach denen der chinesische Staatschef von der Bedeutung einer stärkeren politischen Koordinierung zur Beendigung des russisch-ukrainischen Konflikts sprach, lud der russische Präsident Steve Witkoff und Jared Kushner öffentlich nach Moskau ein.

Natürlich können wir davon ausgehen, dass die Reise der amerikanischen Vertreter im Voraus vorbereitet worden war. Solche Besuche lassen sich nicht buchstäblich innerhalb weniger Tage vorbereiten. Aber die öffentliche Einladung könnte eine Demonstration der Loyalität nicht nur gegenüber dem Staatspräsidenten der Volksrepublik China und dem Präsidenten der Vereinigten Staaten gewesen sein. Sie könnte zugleich eine Demonstration der Bereitschaft gewesen sein, den Verhandlungsprozess fortzusetzen. Putin muss das also sowohl Trump als auch Xi Jinping zeigen. Er muss zeigen, dass er sich den Verhandlungsbemühungen nicht verweigert.

Später kann man dann der Ukraine mangelnde Konstruktivität vorwerfen, behaupten, Moskau und Washington hätten versucht, einen Kompromiss zu finden, zu dem die ukrainische Führung nicht bereit sei, und genau solche Bedingungen erfinden, die nicht zu einem Ende des Krieges, sondern zu einer Destabilisierung der politischen Lage in der Ukraine führen würden.

Jetzt aber könnte Putin bestrebt sein, die Vertreter des Präsidenten der Vereinigten Staaten an seiner Seite zu sehen, um zu zeigen: „Sehen Sie, ich habe tatsächlich Bedingungen geschaffen, unter denen Russland bereit ist, nach politischen Lösungen für ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges zu suchen. Ich treffe mich mit den Vertretern Donald Trumps. Gemeinsam mit ihnen suche ich nach einem ernsthaften Kompromiss. Und dass die ukrainische Führung nicht bereit ist, diesen Kompromiss einzugehen – nun, davor habe ich doch bereits gewarnt, noch bevor Witkoff und Kushner in der russischen Hauptstadt eingetroffen sind.“

Übrigens: in der russischen Hauptstadt. Moskau wird jetzt alles Mögliche tun, damit Witkoff und Kushner nach Moskau kommen und sich mit Putin treffen, zugleich aber aus Sicherheitsgründen auf eine Reise nach Kyiv verzichten. Bekanntlich haben die Sondergesandten des amerikanischen Präsidenten die ukrainische Hauptstadt bislang kein einziges Mal besucht. Allein die Tatsache ihrer Ankunft, sollte sie tatsächlich stattfinden, wäre daher bereits ein echter diplomatischer Durchbruch, der dem russischen Präsidenten offensichtlich nicht gefällt und den er in den kommenden Tagen zu verhindern versuchen wird.

Und das ist in gewissem Maße ebenfalls eine diplomatische Gefahr und eine Falle, die wir gemeinsam mit unseren amerikanischen Partnern bereits in nächster Zeit umgehen müssen. Offensichtlich ist diese Falle durchaus ernst zu nehmen, denn wenn Witkoff und Kushner nur in Moskau sein werden und nicht nach Kyiv kommen, werden sie zu Übermittlern gerade der russischen Vorstellung davon, wie der Krieg beendet oder ein Kompromiss zur Erreichung eines Waffenstillstands gefunden werden soll.


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Titel des Originals: Чому їдуть Віткофф і Кушнер | Віталій Портников. 04.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 04.09.2026.
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Putins Auftritt in Wladiwostok: das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 03.09.2026.

Russland und die Ukraine müssen sich untereinander einigen, und alle anderen Länder sollen lediglich zu diesen Vereinbarungen beitragen. Mit dieser Erklärung trat der russische Präsident auf der Plenarsitzung des Östlichen Wirtschaftsforums auf.

Dass Putin erneut auf die Idee von Verhandlungen zwischen Moskau und Kyiv zurückkommt und sagt, es gebe eine Chance auf eine Regelung der Situation, zeugt von einer gewissen Veränderung der Position des russischen Präsidenten, die wir buchstäblich unmittelbar nach dem Ende des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Bischkek beobachten konnten. Somit kann man davon ausgehen, dass Putins Haltung nicht durch die Appelle der amerikanischen Administration beeinflusst wurde, den Krieg zu beenden, sondern durch die Ergebnisse seiner Treffen in der Hauptstadt Kirgisistans. Offensichtlich mit dem Staatspräsidenten der Volksrepublik China und Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas Xi Jinping sowie mit dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi.

Ich möchte daran erinnern, dass beide Länder faktisch die energetischen Sponsoren der Russischen Föderation sind und Putin ihre Hinweise auf die Notwendigkeit, den Krieg zu beenden, daher schlicht nicht ignorieren kann. Und die Frage ist nicht einmal, inwieweit er tatsächlich auf ein Ende eingestellt ist, sondern dass er eine solche Bereitschaft demonstrieren muss.

Nicht umsonst sagte der russische Staatschef während seines Auftritts beim Östlichen Wirtschaftsforum, dass nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch die Länder, deren Vertreter bei diesem Treffen anwesend sind, zu einem Ende des Krieges beitragen könnten.

Insbesondere die Volksrepublik China, die, ich zitiere Putin, „ständig darauf aufmerksam macht und auf jede Weise dazu beiträgt, dass das Problem gelöst wird, und zwar vor allem mit friedlichen Mitteln. Der Vertreter Xi Jinpings spricht dieses Thema bei unseren Treffen ebenfalls ständig an“, betonte Putin. Und auch diese Passage zeigt, dass die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges ohne Aussicht auf eine Regelung nicht nur zu einem Problem der russisch-amerikanischen, sondern nun auch der russisch-chinesischen Beziehungen wird.

Gleichzeitig setzt Putin seine Erpressung der Ukraine fort und sagt, dass die Worte des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky über eine mögliche Schließung des Luftraums der Russischen Föderation nicht zur Beilegung des Konflikts beitrügen, ebenso wenig wie, ich zitiere Putin, „die Beschlagnahmung ziviler Schiffe. Das erschwert zweifellos die Möglichkeiten für bilaterale Friedensverhandlungen. Diejenigen, die schweigen, diejenigen, die das ignorieren“ – womit er vor allem die westlichen Verbündeten der Ukraine meint –, sagt Putin, „werden zu Komplizen des internationalen Terrorismus.“

Aber ich möchte Ihre Aufmerksamkeit hier nicht auf Putins übliche Drohungen lenken, nicht darauf, dass er weiterhin von internationalem Terrorismus spricht, gerade während seine Armee Wohnviertel in Kyiv, Odesa und anderen ukrainischen Städten angreift, während wir die faktischen Bemühungen des russischen Militärs sehen, die gerade auf die Zerstörung der zivilen Infrastruktur der Ukraine gerichtet sind. Hier geht es darum, dass Putin bilaterale Friedensverhandlungen erwähnt hat.

Das heißt, er kehrt erneut zu einem Modell zurück, in dem die Führungen Russlands und der Ukraine in der Lage sind, sich ohne aktive Beteiligung der amerikanischen Administration untereinander zu einigen. Auch das ist ein ziemlich interessanter Punkt bei einem Menschen, der in den vergangenen Jahren praktisch versucht hat, jegliche Verhandlungen über ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges zu vermeiden.

Und ein weiterer wichtiger Punkt in Putins Auftritt beim Östlichen Wirtschaftsforum ist, dass die Kontakte mit der ukrainischen Seite fortgesetzt werden. „Inwieweit bringen diese Kontakte die Seiten einem Friedensabkommen näher?“, sagt der russische Präsident. „Das fällt mir schwer zu sagen. Wir berücksichtigen jene Erklärungen, die wir in letzter Zeit von der ukrainischen Führung gehört haben, aber die Kontakte gibt es tatsächlich, und sie werden gerade jetzt, im laufenden Modus, fortgesetzt, unter anderem über die Kanäle der Geheimdienste.“

Nun, auch das, was Putin hier sagt, ist wohl kaum eine Sensation. Wir wissen, dass Vertreter der Geheimdienste Russlands und der Ukraine ständig miteinander in Kontakt stehen, unter anderem wegen der Freilassung von Gefangenen. Aber wenn Putin offen über Kontakte mit der Ukraine spricht, deren Führung er noch bis vor Kurzem auf internationaler Bühne als illegitim darzustellen versuchte, zeugt auch das von einer Korrektur seiner Position.

Putin ist buchstäblich hin- und hergerissen, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch zu drohen, dem Wunsch zu zerstören, dem Wunsch zu bombardieren und dem Wunsch, den Willen zu einer friedlichen Regelung zu demonstrieren. Und hier ist das Wichtigste, inwieweit dieser Wille zu einer friedlichen Regelung tatsächlich mit dem Wunsch verbunden ist, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden, oder ob er ausschließlich eine Demonstration von Putins Friedfertigkeit gegenüber dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump und vor allem gegenüber dem Staatspräsidenten der Volksrepublik China Xi Jinping ist.

Aber in Wirklichkeit hängt das Verhältnis zwischen demonstrierter Bereitschaft und wirklicher Bereitschaft weder von Xi Jinping noch von Trump ab. Es hängt von den ukrainischen Streitkräften und von der Bereitschaft der Ukrainer ab, zu erkennen, dass gerade die Handlungen der ukrainischen Armee Putin dazu zwingen können, über die Notwendigkeit eines Endes des russisch-ukrainischen Krieges nachzudenken, und Xi Jinping, vor allem Xi Jinping, dazu bringen können, diese Notwendigkeit entschiedener zu vertreten. 

Denn gerade dann, wenn man in Peking die Zerstörung der russischen Infrastruktur sieht, wenn man sieht, dass Russland faktisch nicht nur geopolitisch geschwächt wird, sondern sich auf eine wirtschaftliche Katastrophe zubewegt, gerade dann kann der Staatspräsident der Volksrepublik China gegenüber dem Präsidenten der Russischen Föderation von der Notwendigkeit sprechen, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden.

Denn wenn China einen Satelliten braucht, dann ganz sicher keinen Satelliten, den man in Peking jahrelang unterhalten müsste. Oder einen solchen Satelliten, der aufgrund einer schwierigen wirtschaftlichen Lage gezwungen wäre, sich – wie es bereits in der Geschichte der Sowjetunion der Fall war – mit dem Westen zu jenen Bedingungen einer Rückkehr zu zivilisiertem Verhalten zu verständigen, die der Westen stellen würde. Und in China will man eine solche Entwicklung ganz sicher nicht zulassen, keine neue Perestroika in Russland zulassen.

Je schwerer also die ukrainischen Streitkräfte die Ölraffinerien, Häfen und den militärisch-industriellen Komplex der Russischen Föderation treffen werden, je schneller der russische Luftraum geschlossen wird und je stärker Moskau den Krieg selbst zu spüren bekommt, je realistischer die Stimmung in der russischen Gesellschaft wird, desto schneller wird Putins Wunsch, über Verhandlungen zu sprechen, damit man ihn in Washington und Peking in Ruhe lässt, zu einer wirklichen Bereitschaft zu einer friedlichen Beilegung dieses grausamen Krieges werden. Eine ziemlich einfache und verständliche Formel für die kommenden Wochen und Monate – hoffentlich nicht Jahre.


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Titel des Originals: Виступ Путіна у Владивостоці: головне |Віталій Портников. 03.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 03.09.2026.
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Imitation eines neuen Friedens | Vitaly Portnikov. 01.09.2026.

Das Treffen der Finanzminister der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation, das während des Treffens der G20-Finanzminister in den Vereinigten Staaten stattfand, hat die Diskussionen über mögliche Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland unter Vermittlung der Vereinigten Staaten wiederbelebt, darüber, dass man in Russland solche Verhandlungen in Betracht zieht und von den Vereinigten Staaten bestimmte Zugeständnisse in Fragen erwartet, die mit der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges zusammenhängen.

Dazu trugen auch Meldungen bei, wonach die Finanzminister der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation bei ihrem Treffen Trumps 28-Punkte-Plan zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges erörtert hätten. Und dass Bessent Siluanow gesagt habe, vor dem Ende des Krieges werde es keinerlei wirtschaftliche Zugeständnisse geben, und damit erneut Druck auf die Russische Föderation ausgeübt habe, damit diese bereit sei, den Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu beenden.

Und genau eine solche Darstellung der Informationen, über die jetzt viele diskutieren, schafft erneut eine verzerrte Informations- und politische Realität, die es zu durchbrechen gilt. Versuchen wir also, aus diesem Wald herauszukommen und uns der Situation der realen Politik zuzuwenden, auf eine, sagen wir, Lichtung, von der aus alles zu sehen ist.

Erstens besteht die Hauptbedeutung des Treffens zwischen den Finanzministern der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation darin, dass es überhaupt stattgefunden hat. Und dass Anton Siluanow, der Finanzminister der Russischen Föderation, von den Amerikanern, den Gastgebern des G20-Finanzministertreffens, zur Teilnahme an diesem prestigeträchtigen Gipfel eingeladen wurde, entspricht der Politik Donald Trumps, hochrangige Kontakte mit der Russischen Föderation zu legitimieren.

Bekanntlich hat sich der Präsident der Vereinigten Staaten entschieden von der Politik seines Vorgängers, des Präsidenten der Vereinigten Staaten Joseph Biden, abgewandt, der beschlossen hatte, die politische Führung Russlands von allen ernsthaften Kontakten mit der zivilisierten Welt zu isolieren, bis Russland bereit wäre, seine Aggression gegen die Ukraine zu beenden.

Trump hat sich eingeredet, er könne durch einen Dialog mit Putin das Ende des russisch-ukrainischen Krieges, wie wir uns erinnern, innerhalb weniger Wochen erreichen, und hat in dieser Situation, wie auch in allen anderen außenpolitischen Situationen, in die er sich eingemischt hat, ein überwältigendes, aber vorhersehbares Fiasko erlitten. Das ist es, was tatsächlich geschehen ist.

Aber Trump, der, wie wir wissen, an seinen eigenen Fehlern festhält und diesen Weg der Fehler unbeirrt weitergeht, besteht weiterhin darauf, dass seine Politik richtig und im Hinblick auf die weitere Entwicklung möglicher Wege zu einer Regelung des russisch-ukrainischen Krieges nachvollziehbar sei.

Nicht nur Trump traf sich in Anchorage mit Putin, sondern auch amerikanische Beamte trafen sich mit russischen. Rubio mit Lawrow, jetzt Bessent mit Siluanow. Diese Treffen haben jedes Mal keinerlei Sinn, umso mehr, wenn es um irgendwelche Friedensverhandlungen geht. Weder Bessent noch, erst recht, Siluanow haben irgendeinen Einfluss auf Prozesse, die mit den außenpolitischen Entscheidungen der Präsidenten zusammenhängen.

Für Bessent gilt das in geringerem Maße als für Siluanow. In der Russischen Föderation ist der Finanzminister ein Mensch, der das Geld zählt. Was politische Initiative angeht, ist er ein Niemand, und er ist nicht dazu befugt, mit Bessent über irgendeinen Trump-Plan zu sprechen.

Einen Trump-Plan gibt es, wie wir wissen, in Wirklichkeit überhaupt nicht und hat es auch nie gegeben. Es gibt einen Plan, der vom Vertreter des Präsidenten der Russischen Föderation Dmitrijew ausgearbeitet und über einen amerikanischen Vermittler Witkoff und Kushner vorgelegt wurde. Und schon damals war völlig offensichtlich, dass weder Moskau noch Kyiv diesem Plan zustimmen würden. Und dass er ausschließlich dazu ausgearbeitet wurde, in den Beziehungen zu Donald Trump Zeit zu gewinnen.

Ich habe bereits mehrfach gesagt, dass es das Ziel des Präsidenten der Russischen Föderation ist, diese Beziehungen ohne ernsthaften neuen Druck auf die Russische Föderation bis zu den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten im Jahr 2028 hinzuziehen. Und das ist alles, was ihn interessiert, wenn es um Trump oder um jene Minister Trumps geht, die mit ihm verhandeln.

Ich wiederhole also noch einmal: Es gibt keinen realen Trump-Plan. Und Bessent und Siluanow konnten keinen Trump-Plan erörtern. Und natürlich sagte Bessent Siluanow nur das, was er ihm sagen kann: dass es vor dem Ende des russisch-ukrainischen Krieges keine Änderungen an den Sanktionen der Vereinigten Staaten gegen die Russische Föderation geben könne.

Wie sollte es auch anders sein? Wie stellen Sie sich vor, dass vor den Zwischenwahlen zum amerikanischen Kongress, während das Repräsentantenhaus selbst ein Gesetz zur Unterstützung der Ukraine verabschiedet, Donald Trump auftritt und sagt: „Wissen Sie, wir haben beschlossen, die Sanktionen gegen Russland aufzuheben. Russland bombardiert weiterhin ukrainische Städte. Es tötet weiterhin ukrainische Bürger. Es stimmt keinem unserer Vorschläge zur Regelung der Situation zu. Es spuckt auf das Völkerrecht. Wir können Putin nicht dazu bringen, sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Wir können Putin nicht dazu bringen, einen Waffenstillstand im russisch-ukrainischen Krieg auszurufen. Aber wir verschärfen nicht nur die Sanktionen gegen Russland nicht, sondern lockern sie sogar.“

Sie verstehen doch, dass das unlogisch ist. Und vor allem hat Bessent das nicht zu entscheiden. Bessent sagte Siluanow einfach etwas, schaute auf die Uhr und sagte zu ihm: „Wie spät ist es gerade?“ Genau so sah dieser Meinungsaustausch aus. „Wie spät ist es, Herr Minister?“, fragte Siluanow Bessent. „So spät ist es, sehen Sie, hier ist die Uhr“, sagte Bessent zu Siluanow.

Das waren die gesamten Verhandlungen zwischen den Finanzministern der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation. Ihr Inhalt ist gleich null. Das Treffen selbst war wiederum notwendig, damit die Amerikaner zeigen konnten, dass sie im Unterschied zu ihren europäischen und kanadischen Verbündeten, den Teilnehmern des G20-Treffens, einen Dialog mit den Russen für besser halten als Isolation.

Die westlichen Verbündeten der Vereinigten Staaten waren damit nicht einverstanden. Und deshalb gelang es Siluanow nicht einmal, auf dem gemeinsamen Foto der Finanzminister der G20-Staaten zu erscheinen, weil die anderen Teilnehmer dieses Gipfels zu verstehen gaben, dass sich die überwiegende Mehrheit der Gipfelteilnehmer nicht mit dem Gastgeber des Treffens, Bessent, fotografieren lassen würde, wenn Siluanow auf diesem Foto wäre.

Und wenn Sie so wollen, ist das eine Art Kompromiss. „Wir laden Sie nicht zum gemeinsamen Foto ein, führen aber ein bilaterales Treffen durch und veröffentlichen ein Foto des bilateralen Treffens der Finanzminister. Was ist für Sie letztlich wichtiger? Ein gemeinsames Foto mit irgendwelchen Leuten, die niemand kennt, oder ein Foto, auf dem die Finanzminister der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation höchstpersönlich nebeneinander stehen?“ Das ist alles. Der ganze Friedensprozess.

Natürlich kann man vor diesem Hintergrund wieder davon sprechen, dass die Sondergesandten des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Witkoff und Kushner, in die russische und die ukrainische Hauptstadt reisen und wieder irgendetwas besprechen werden. Aber wir verstehen doch, dass es dort für sie nichts zu besprechen gibt. Zum Tango gehören zwei, wie der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump bei seinem Treffen mit dem Präsidenten der Ukraine Volodymyr Zelensky noch vor seiner Wiederwahl in dieses Amt völlig klar und geradezu prophetisch betonte.

Einen Tangopartner im Kreml haben wir nicht und werden wir nicht haben. Zumindest nicht in absehbarer historischer Perspektive. Zumindest solange Putin Präsident der Russischen Föderation ist. Zumindest solange die russische Gesellschaft davon überzeugt ist, dass die Entwicklung des russischen Staates mit Expansion und der Eroberung ukrainischer Gebiete verbunden ist und dass Russland ohne diese Expansion, ohne die Eroberung ukrainischer Gebiete, ein geopolitischer Niedergang erwartet.

Das bedeutet nicht, dass eine bestimmte Phase des Krieges, nämlich diese heiße Phase, für die Ukrainer nicht in absehbarer Zukunft enden könnte. Sie kann enden, und die Streitkräfte der Ukraine unternehmen dafür alle Anstrengungen. Aber Donald Trump und Bessent haben damit real nichts zu tun. Wenn Trump diesen Prozess beschleunigen wollte, würde er nicht Siluanow in die Vereinigten Staaten einladen, sondern den Ukrainern erlauben, unter Nutzung von Starlink Ziele auf dem Gebiet der Russischen Föderation anzugreifen, ballistische Abschussanlagen zu zerstören, Produktionsstätten für ballistische Raketen zu zerstören und damit die Aufgabe der ukrainischen Armee zu erleichtern.

Trump tut das nicht, weil er nicht bereit ist, für die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges den Preis einer Verschlechterung seiner Beziehungen zum Präsidenten der Russischen Föderation zu zahlen. Das ist die ganze Realität. Damit können wir sowohl das Thema von Trumps 28-Punkte-Friedensplan, den man bereits vergessen hatte und an den man sich jetzt wieder erinnert hat, nachdem er einige Monate lang nicht erwähnt worden war, sodass er plötzlich wie irgendein neues Dokument vor unseren Augen erscheint, als auch das Treffen der Finanzminister der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation, die Treffen auf G20-Ebene und mögliche Treffen amerikanischer Vermittler mit Zelensky und Putin als im politischen Kontext nicht existent abhaken.

All das gibt es nicht. Was es gibt, sind russische Angriffe auf Kyiv und andere ukrainische Städte und Ortschaften. Es gibt die Tatsache, dass in vielen Schulen in Kyiv und nicht nur dort wegen der Gefahr die Feier zum ersten Schultag abgesagt wurde. Es gibt die Tatsache, dass die Abgeordneten der Werchowna Rada wegen der neuen Sicherheitslage in der ukrainischen Hauptstadt nun in Schutzräumen abstimmen können. Es gibt die Tatsache, dass die Ukraine weiterhin Infrastrukturziele in Russland angreift. Es gibt die Tatsache, dass auf diesen Marktplätzen trotz ukrainischer Angriffe sowohl bei Wildberries als auch bei Ozon weiterhin Güter mit doppeltem Verwendungszweck verkauft werden, die die russische Armee für die weitere Produktion eben jener strahlgetriebenen Shahed-Drohnen benötigt, die Kyiv und andere ukrainische Städte und Ortschaften angreifen.

Das übrigens für diejenigen, die fragen, warum wir diese Marktplätze angreifen und nicht ausschließlich die russische Ölverarbeitungsindustrie. Auch sie greifen wir an, wie wir in den vergangenen Tagen gesehen haben. Ebenso wie Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes des uns feindlich gesinnten Staates. Es ist ein ganz gewöhnliches Wettrennen. Wer den anderen wirtschaftlich zuerst unter die Erde bringt, wird die Voraussetzungen schaffen – nicht für die Beendigung des Krieges. Objektive Voraussetzungen für ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges gibt es nicht. Voraussetzungen für seine Ausweitung auf Europa gibt es. Die gibt es. Voraussetzungen für die Beendigung des Krieges gibt es nicht. Wer zuerst Erfolg hat, kann dafür sorgen, dass der Krieg abflaut.

Wir brauchen ein Abflauen des russisch-ukrainischen Krieges, weil der Präsident der Russischen Föderation, die russische Armee und das russische Volk dann keine Ressourcen mehr haben werden, diesen Krieg fortzusetzen, weitere ukrainische Gebiete zu erobern und jene Gebiete zu zerstören, die sich nicht unter der Besatzung der russischen Armee befinden.

Die Russen brauchen eine Kapitulation der Ukraine, damit sie von der politischen Weltkarte getilgt wird und damit die Ukrainer – wie Abgeordnete der Staatsduma der Russischen Föderation inzwischen völlig offen und ohne jede, ich würde sagen, humanistische Verpackung erklären – entweder auf dem Gebiet ihres angestammten Siedlungsraums vernichtet oder aus ihrem angestammten Siedlungsraum vertrieben werden.

Es hat eine Epoche der endgültigen Lösung der ukrainischen Frage und des Abschieds des russischen Volkes vom ukrainischen begonnen, indem die Ukrainer auf den ehemaligen ukrainischen Gebieten durch Russen ersetzt werden. Das ist die politische Aufgabe, die die Russische Föderation heute verfolgt. Das ist es, was sie in den kommenden Jahren des russisch-ukrainischen Krieges mithilfe ihrer Streitkräfte und ihres militärisch-industriellen Komplexes in die Tat umsetzen wird. Dagegen müssen wir kämpfen.

Haben Bessent und Siluanow damit etwas zu tun? Überhaupt nichts. Damit haben ausschließlich unsere militärischen Möglichkeiten in der Konfrontation mit Russland zu tun.

Wenn es um die endgültige Lösung der ukrainischen Frage geht, muss jeder Ukrainer verstehen, dass er in einer solchen Epoche lebt: Diplomatie funktioniert nicht. Am Beispiel der Juden lässt sich das sehr einfach erklären. Wenn Sie sich im Warschauer Ghetto befinden, bevor man Sie nach Auschwitz deportiert und zusammen mit den Mitgliedern Ihrer Familie verbrennt, vielleicht einfach in verschiedenen Gaskammern, dann funktioniert Diplomatie im Umgang mit SS-Leuten nicht, weil Sie für sie kein Subjekt der Diplomatie sind. Für sie sind Sie einfach ein Insekt, das zertreten werden muss. Und die einzige Möglichkeit für ein Insekt, dafür zu sorgen, dass es nicht zertreten wird, wenn man dich als Insekt betrachtet, besteht darin, deinen Feind so zu stechen, dass er an Malaria erkrankt und krepiert, bevor du zertreten und zusammen mit den Mitgliedern deiner Familie verbrannt wirst.

Wir sprechen über die russische Armee, über den russischen militärisch-industriellen Komplex. Solange ihre Anstrengungen nicht gestoppt werden, ist all das bedeutungslos. Worüber kann man dann überhaupt sprechen? Darüber, dass wir uns aus diplomatischer Sicht schlicht in einer Sackgasse befinden. Das ist übrigens nicht nur in den Vereinigten Staaten so. Das ist auch beim Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit im Format SOZ Plus deutlich geworden, der in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek stattfand.

Auch hier sind alle Nachrichten auf ein kurzes Gedächtnis zugeschnitten. Jetzt sprechen viele darüber, dass Putin sich mit dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi getroffen hat. Und der indische Ministerpräsident Narendra Modi habe ihm gesagt, dass dieser Krieg nun beendet werden müsse. Wahnsinn, was für ein unglaublicher Mut eines Mannes, der neben dem Präsidenten der Russischen Föderation auf dem Familienfoto der Staats- und Regierungschefs der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit und der Gäste dieses Gipfels posiert. Wie Sie sehen, weigert sich dort niemand, sich mit Putin fotografieren zu lassen. Und er steht auf dem prominentesten Platz.

Aber das Wichtigste ist: Narendra Modi hat Putin das bereits gesagt, Sie haben es wahrscheinlich vergessen. Im Jahr 2022 sagte Narendra Modi Putin beim Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Samarkand genau dasselbe. Mit genau denselben Worten: Kriege lösten die Probleme der Menschheit nicht, der Krieg müsse beendet und zum Frieden übergegangen werden, Krieg sei der schlechteste Weg und so weiter. Und damals sagten ebenfalls alle: „Oh, was für ein mutiger indischer Ministerpräsident. Wie er Putin das direkt ins Gesicht sagt. Großartig, er hat Putin in Samarkand gedemütigt“. Jetzt, viereinhalb Jahre später, hat er Putin in Bischkek „gedemütigt“.

Und Putin? Aber Putin kann auf diese Worte Narendra Modis von den Glockentürmen sämtlicher Kreml-Kathedralen herab spucken. Denn Narendra Modi kauft sowohl 2022 als auch 2026 weiterhin russisches Öl, schafft für Russland komfortable finanzielle Bedingungen für die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges, für die Produktion von Raketen, für die Produktion von Drohnen, für die Produktion von Waffen und stützt mit seinen Käufen den Staatshaushalt der Russischen Föderation.

Vor dem Hintergrund der Krise im Energiesektor infolge der Katastrophe in der Straße von Hormus ist der Preis für russisches Öl inzwischen im Vergleich zu 2022 deutlich gestiegen und kann sogar mit dem Brent-Preis konkurrieren. Auf diese Weise erzielt Russland zusätzliche Einnahmen aus seinen Ölverkäufen an Indien und China und muss sich in diesem Fall keine allzu großen Sorgen um seine künftige Haushaltslage machen. Und gäbe es nicht unsere Angriffe auf die russische Ölverarbeitung und unsere Angriffe auf russische Ölhäfen, die glücklicherweise wieder begonnen haben, würde sich Russland um nichts mehr scheren, denn Putin hätte genug Geld für sein Kriegsspiel.

Auch hier ist Narendra Modi keineswegs besonders mutig. Er ist einfach ein Mensch, der bestimmte Dinge artikuliert, die mit realer Politik nichts zu tun haben. Wenn Narendra Modi wollte, dass Putin den Krieg beendet, müsste er lediglich mit seinem eigenen Ölverarbeitungssektor arbeiten und seine eigenen Raffineriebetreiber davon überzeugen – Indien ist im wirtschaftlichen Bereich schließlich eine „Demokratie“. –, dass sie kein russisches Öl kaufen sollten, um Extraprofite zu erzielen, so wie sie es vor 2022 nicht kauften, als russisches Öl nur einige wenige Prozent des gesamten in Indien verarbeiteten Öls ausmachte und nicht Dutzende Prozent, in vielen Raffinerien inzwischen fast die Hälfte. Wir lassen uns also wieder einmal von den lautstarken Erklärungen jener Menschen beeindrucken, deren Handeln in Wirklichkeit dazu beiträgt, Putin zu unterstützen.

Dasselbe gilt für den Staatspräsidenten der Volksrepublik China, Xi Jinping, der wie zuvor der wichtigste Gast des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit war. Auch hier ist es eine völlig nachvollziehbare Sache, wenn der Staatspräsident der Volksrepublik China von der Notwendigkeit politischer Koordinierung zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges spricht. Wie soll man es entschlüsseln? Will er Druck auf Putin ausüben oder Putin durch irgendeine gemeinsame politische Koordinierung zum Sieg verhelfen und den Westen dazu zwingen, die russischen Bedingungen für die Beendigung des Krieges als für die Ukraine kapitulationsähnliche, unvermeidliche Bedingungen zu akzeptieren? Was hat sich hier geändert? Hat auch nur einer der Teilnehmer dieses Gipfels seit den Erklärungen, die Xi Jinping 2022 zum russisch-ukrainischen Krieg abgegeben hat, auch nur mit einem Wort Putins Handlungen verurteilt oder sich geweigert, mit ihm zu sprechen?

Gerade der Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit hat gezeigt, dass Putin im sogenannten Globalen Süden überhaupt nicht isoliert ist. Putin steht auf einem Ehrenplatz unter den Gästen des Gipfels, und dessen Gastgeber, der kirgisische Präsident Sadyr Dschaparow, stellte auf dem Familienfoto der Teilnehmer dieses prestigeträchtigen Treffens auf die eine Seite den Staatspräsidenten der Volksrepublik China und auf die andere den Präsidenten der Russischen Föderation. Der indische Ministerpräsident steht etwas weiter entfernt.

Wie wir verstehen, zeigt das deutlich, wen man im Globalen Süden für die wichtigsten Akteure der heutigen Welt hält. Es sind Xi Jinping und Putin. Das bedeutet übrigens eine Aufwertung der Rolle, die Putin noch beim Gipfel in Samarkand 2022 spielte, als er lediglich wie der Führer einer ehemaligen Sowjetrepublik wirkte, der zusammen mit den anderen Führern ehemaliger Sowjetrepubliken angereist war, um mit dem Staatspräsidenten der Volksrepublik China zu sprechen. So viel zur Geschichte von Putins Isolation. Sein Finanzminister trifft sich mit dem Finanzminister der Vereinigten Staaten, während er selbst Gespräche mit den wichtigsten Akteuren des Globalen Südens führt.

Und hier gibt es noch sehr wichtige Details. Wer steht noch in der ersten Reihe unter den Teilnehmern dieses Treffens? Der iranische Präsident Massud Peseschkian, mit dem sich ebenfalls alle treffen. Und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan führt ein beinahe familiäres Treffen mit dem Präsidenten der Russischen Föderation Putin, gemeinsam mit Lukaschenko. Auch mit ihnen wird irgendetwas besprochen, wie mit alten guten Bekannten. Und es kommt sogar zu einem Treffen des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev mit Putin, trotz all der offensichtlichen Meinungsverschiedenheiten zwischen Baku und Moskau, obwohl der Präsident Aserbaidschans erst kürzlich auf seiner Pressekonferenz sagte, er unterstütze die territoriale Integrität der Ukraine und wünsche ihre Wiederherstellung. Aber wie Sie sehen, hindert ihn das nicht daran, sich mit dem Präsidenten der Russischen Föderation zu treffen, genauso wenig wie es Erdoğan daran hindert.

Putin bleibt trotzdem nicht einfach nur Teilnehmer, sondern einer der Bosse dieses Klubs. Auch deshalb, weil alle sehr gut verstehen, dass es ohne eine wirkliche Verständigung mit Moskau keine Verständigung mit China geben kann. Und beim Iran ist die Situation eine besondere. Trotz aller Angriffe Trumps auf den Iran, obwohl der Iran weiterhin die Straße von Hormus blockiert, obwohl der Iran alle Voraussetzungen für eine derart schwindelerregende Energiesituation in der Welt, für eine solche Krise schafft, aus der die Menschheit möglicherweise jahrzehntelang nicht herauskommen wird, ist auch der iranische Präsident ein willkommener Gast. Auch hier denkt niemand: „Vielleicht sollten wir nicht mit ihm sprechen, wenn Trump ihn nicht mag, wenn Trump seinen Krieg gegen den Iran fortsetzt? Vielleicht sollten wir über unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten nachdenken?“ Wie wir sehen, geschieht auch davon nichts.

Es bilden sich zwei alternative Klubs von Staaten heraus, die miteinander verfeindet sind. Es geht nicht einfach nur um die Feindschaft Russlands gegen die Ukraine und um die Ukraine als Teil der zivilisierten Welt. Nein, die Welt hat sich bereits in feindliche Lager geteilt, die zur Konfrontation miteinander bereit sind, und zwar, denke ich, auch zu einer Konfrontation großen militärischen Ausmaßes. Und erstaunlich ist, dass es heute Länder gibt, die versuchen, gewissermaßen auf zwei Stühlen zu sitzen, mit einem Bein in dem einen Klub und mit dem anderen im anderen.

Ein hervorragendes Beispiel dafür ist die Türkei, deren Präsident sich mit Teilnehmern des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit trifft, außerdem mit Putin und anderen angereisten Staats- und Regierungschefs spricht und sich selbst als einen der Führer der turksprachigen Welt betrachtet, die sich ihrerseits derzeit sehr stark um China und nicht um die Türkei dreht. Andererseits ist die Türkei der wichtigste NATO-Verbündete der Vereinigten Staaten. Ein Land, das von den Vereinigten Staaten moderne Waffen verlangt, für deren Konstruktion sich wiederum Peking und Moskau interessieren.

Und auch Indien ist einerseits ein strategischer Partner der Vereinigten Staaten. Und Trump glaubt, dass er hervorragende Beziehungen zu Narendra Modi hat. Nun, Trump glaubt generell bei vielen Menschen, die auf ihn pfeifen, dass er hervorragende Beziehungen zu ihnen habe, weil Trump in seiner eigenen erstaunlichen Welt lebt. Wie dem auch sei, offensichtlich ist Indien an den Vereinigten Staaten und an einem gewissen Gegengewicht zu dem Druck interessiert, den China auf Indien ausübt, sowohl wirtschaftlich als natürlich auch politisch. Gleichzeitig ist Narendra Modi dort, in diesem Klub. Das Einzige, was er für diese Teilnahme bezahlen muss, ist, Putin alle paar Jahre zu sagen, dass er den Krieg beenden müsse.

Er würde es häufiger sagen, nur haben sich der indische Ministerpräsident und der Staatspräsident der Volksrepublik China wegen ihrer schwierigen Beziehungen bei bestimmten Gipfeln eine Zeit lang nicht getroffen. Narendra Modi reiste nicht dorthin und verlor deshalb die Möglichkeit, Putin all diese rituellen Worte zu sagen. Jetzt aber, da sich die Beziehungen zwischen Peking und Neu-Delhi übrigens infolge des amerikanischen Drucks auf Indien wegen des Kaufs russischen Öls verbessert haben, ist Narendra Modi wieder in den ersten Reihen, auf dem Familienfoto, und kann Putin erzählen, wie Putin den Krieg beenden sollte.

Gibt es hier irgendeine Grundlage für eine diplomatische Lösung? Wiederum: nein. Putin fühlt sich in dieser Situation nur noch selbstsicherer, weil er die Eskalation gegenüber der Ukraine ganz eindeutig verstärkt, zum systematischen Töten ukrainischer Zivilisten übergeht, zu Handlungen, die grundsätzlich von jedem zivilisierten wie auch unzivilisierten Land als Kriegsverbrechen eingestuft werden könnten. Und das beeindruckt niemanden auch nur im Geringsten.

Der Finanzminister der Russischen Föderation reist als Ehrengast zum G20-Gipfel in die Vereinigten Staaten, obwohl er dort gar nicht sein müsste. Der Präsident der Russischen Föderation reist als einer der prominentesten Gäste nach Bischkek, um neben dem Staatspräsidenten der Volksrepublik China, dem indischen Ministerpräsidenten, wiederum demselben iranischen Präsidenten, diesem großen Freund Amerikas, dem pakistanischen Ministerpräsidenten, Paschinjan und Aliyev zu stehen, die erst vor Kurzem in Trumps Büro gereist waren, um über die Öffnung von Handelsrouten in der Region zu verhandeln, sowie neben den Staats- und Regierungschefs Zentralasiens, die erst vor Kurzem zu Trump ins Weiße Haus zum Gipfel Vereinigte Staaten–Zentralasien gereist waren. Wie wir sehen, steht all das ihren Kontakten mit Moskau nicht im Wege.

Warum sollte Putin dann den Krieg beenden, wenn er sieht, dass seine ganz offensichtlich menschenverachtenden und blutigen Handlungen sowohl von Washington völlig ruhig akzeptiert werden, das aus Protest den Besuch seines Finanzministers beim G20-Treffen nicht absagt, als auch von Peking, von Neu-Delhi, von Ankara, von allen? Niemand isoliert ihn. An seine Verbrechen hat man sich bereits gewöhnt. Als dürften überhaupt keine anderen Probleme mit der Russischen Föderation entstehen.

Das ist im Grunde das, was wir über den Inhalt der Ereignisse der vergangenen Tage wissen müssen, damit wir uns keinen Friedensprozess einbilden. Unser Friedensprozess besteht darin, nach Möglichkeiten zu suchen, die strahlgetriebenen Shahed-Drohnen aus der Produktion der Russischen Föderation und ihrer Verbündeten im Anflug auf Kyiv und andere ukrainische Städte zu stoppen. Unser Weg besteht darin, Raketen für die Patriot-Systeme zu finden. Unser Weg besteht darin, das wirtschaftliche Potenzial der Russischen Föderation zu zerstören, ihre Ölhäfen zu zerstören, ihre Ölraffinerien zu zerstören, ihren militärisch-industriellen Komplex zu zerstören.

Und wiederum müssen andere Länder der Welt begreifen, dass wir angesichts der Entwicklung des russisch-ukrainischen Krieges nicht nur auf eine massive Energiekrise, sondern auch auf eine massive Nahrungsmittelkrise in der Welt zusteuern, weil weder in der Ukraine noch in der Russischen Föderation die ertragreichen Flächen bestellt werden können. Seine Majestät der Hunger zieht über die Erde herauf. Und das betrifft nicht uns, sondern die Länder des Globalen Südens, die schlicht ohne Nahrungsmittel bleiben werden.

Wenn sie nicht wollen, dass in den kommenden Jahren Millionen Menschen verhungern, weil durch die gegenseitigen Angriffe Russlands und der Ukraine bereits alle Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dann müssen sie darüber nachdenken, wie sie den Krieg beenden können, statt Putin in Bischkek zu küssen. Das ist alles. Und wenn es ihnen völlig egal ist, wie viele Millionen sterben, was können wir dann machen? Wir können diese Millionen schließlich nicht ersetzen.

Ich werde auf einige Fragen antworten, die in dieser Sendung bereits gestellt wurden.

Frage. Während des Iran-Irak-Krieges halfen die Vereinigten Staaten zynisch beiden Seiten, weil sie keinen endgültigen Sieg einer von ihnen wollten. Sie lieferten heimlich Waffen an den Iran. Haben wir vielleicht dieselbe Situation?

Portnikov. Nein, wir haben nicht dieselbe Situation. Die Vereinigten Staaten machen überhaupt kein Geheimnis daraus, dass sie den Europäern Waffen verkaufen, die diese anschließend an uns weitergeben. Das ist kein Geheimnis. Und die Vereinigten Staaten helfen der Russischen Föderation nicht, sondern haben im Gegenteil eine ganze Reihe von Beschränkungen gegen die russische Wirtschaft verhängt. Ja, diese Beschränkungen haben nicht so funktioniert, wie die amerikanischen Präsidenten es sich schon seit Barack Obama gewünscht hätten. Das stimmt. Aber ohne diese Beschränkungen wäre es für die Ukraine schwieriger, gegen Russland zu kämpfen. Deshalb ist das keine vergleichbare Situation. Und während des Iran-Irak-Krieges halfen die Amerikaner auch nicht beiden Seiten heimlich. Sie hatten im Iran-Irak-Krieg ihre eigene Priorität. Das war der Irak. Und auch das ist für jeden, der die Geschichte dieses Krieges studiert hat, kein Geheimnis.

Frage. Und warum zum Teufel machen wir bei dieser Imitation von Verhandlungen weiter mit?

Portnikov. Ich glaube nicht, dass nur wir diese Imitation von Verhandlungen betreiben. In erster Linie spielt der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump dieses Spiel der Verhandlungsimitation. Donald Trump befindet sich in einer sehr schwierigen politischen Lage. Die Zwischenwahlen zum amerikanischen Kongress rücken näher. Bei diesen Zwischenwahlen haben die Demokraten reale Chancen, im Kongress zu gewinnen. Und sie planen tatsächlich – darin stimme ich Donald Trump, seinem Sprecher Mike Johnson und anderen Republikanern völlig zu –, den Kongress in eine regelrechte Untersuchungskommission zu den Missbräuchen des Präsidenten der Vereinigten Staaten, seiner Familienmitglieder und seines engsten Umfelds zu verwandeln. Und glauben Sie mir, da wird es einiges zu untersuchen geben.

Und Trump will das natürlich verhindern. Würden Sie das an seiner Stelle nicht wollen? Er braucht bestimmte Erfolge, um seine Effektivität in unterschiedlichen Fragen demonstrieren zu können, selbst wenn diese Erfolge nicht unmittelbar mit den Interessen der amerikanischen Wähler zusammenhängen, die natürlich vor allem an niedrigen Treibstoffpreisen interessiert sind. Und das wird Trump in der gegenwärtigen, ich würde sagen, schwierigen Situation kaum erreichen können. Das ist alles. Deshalb zeigt Trump, dass er weiterhin Anstrengungen unternimmt, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden, wenn sich dafür irgendeine Gelegenheit bietet. Er beschäftigt sich ja nicht eigens damit. Sie haben Siluanow einfach zu dem Treffen eingeladen. Und nun müssen sie dieses Treffen gleichzeitig nutzen, um zu zeigen, dass sie den russisch-ukrainischen Krieg nicht vergessen haben und dass sie die Sanktionen gegen Russland nicht lockern werden. Nun, sie haben es gesagt und wieder vergessen. Für sie ist das eine zweitrangige Frage.

Warum reden wir über all das? Weil wir normale Beziehungen zu dieser Administration aufrechterhalten müssen, die weiterhin Waffen verkauft, wenn auch nicht in der Menge, die wir benötigen, und die weiterhin Geheimdienstinformationen mit uns austauscht. Wir wollen doch nicht, dass sie damit aufhört. Deshalb machen wir bei dieser Geschichte mit. Wäre es für uns etwa besser, wenn wir sagen würden: „Nein, es gibt keinerlei Verhandlungen. Das war’s, auf Wiedersehen“?

Außerdem demonstrieren wir anderen Ländern unsere Friedensbereitschaft. Ich möchte immer wieder daran erinnern: Wir sind das Opfer dieser Aggression. Wenn davon gesprochen wird, dass es sich um gleichberechtigte Seiten handelt, können wir hinsichtlich des Potenzials, Russland Schaden zuzufügen, gleichwertig sein, aber wir sind das Opfer der Aggression und nicht der Aggressor. Jedes Mal, wenn wir versuchen, etwas in Russland zu zerstören, wenn wir eine Fabrik angreifen, wenn wir einen Hafen angreifen, wenn wir einen militärischen Komplex angreifen, tun wir das als Opfer, das sich verteidigt. Unsere Angriffe sind, ganz gleich, was wir dort in Russland zerstören – selbst wenn wir Russland selbst zerstören sollten –, vollkommen legitim, weil wir uns verteidigen. Und deshalb müssen wir nicht nur zuschlagen, nicht nur zerstören, sondern auch sagen, dass wir zum Frieden bereit sind. Und zwar zu Kompromissbedingungen, zu einem Waffenstillstand entlang der Kontaktlinie. Obwohl wir sehr gut verstehen, dass weder der Präsident der Russischen Föderation noch sein Umfeld noch seine Armee bereit sind, in absehbarer Zukunft auch nur an solche Zugeständnisse zu denken.

Frage. Kann man sagen, dass die Demokratie verliert?

Portnikov. Nein, das kann man nicht. Wie kann man sagen, dass die Demokratie verliert, wenn die Ukraine seit viereinhalb Jahren gegen die größte Atommacht in der Geschichte der Menschheit kämpft, gegen ein Land, das so viele Atomraketen besitzt, dass es innerhalb von 48 elenden Stunden einen Schlusspunkt unter die Geschichte der Menschheit setzen könnte? Und die Menschheit würde vergessen werden wie irgendein Zwischenfall in der Geschichte der Erde. Und wir zerstören die Wirtschaft dieses seligen Landes, wir zerstören seine militärischen Möglichkeiten, obwohl wir ein Land mit weniger Einwohnern und geringerem Potenzial sind, mithilfe der demokratischen Welt, die uns, so hoffe ich, auch in den kommenden Jahren des russisch-ukrainischen Krieges weiterhin dabei helfen wird, Russland Widerstand zu leisten und seinen eigenen Möglichkeiten ein Ende zu setzen – möglicherweise für Jahrzehnte, die für Russland schwarze Jahrzehnte völliger Ausweglosigkeit sein sollen, Jahrzehnte, die in das Haus jedes Russen seinen wichtigsten Freund, den Krieg, bringen und sie dort einquartieren werden, wie Wyssozki einst sang: „Und das Unglück blieb für lange Zeit.“ Dann soll das Unglück dort bleiben. Es soll von dort niemals fortgehen. Es soll nicht nur bei russischen Beerdigungen, sondern auch bei russischen Hochzeiten Ehrengast sein. Wir heißen es herzlich willkommen.

Frage. Glauben Sie, dass China in nächster Zeit, gerade im Vorfeld der Wahlen in den Vereinigten Staaten, seine Offensive auf der weltpolitischen Bühne beginnen wird? Und glauben Sie, dass China einen hybriden Krieg führen wird?

Portnikov. Ich verstehe nicht, was mit einer Offensive Chinas auf die weltpolitische Bühne gemeint ist. China befindet sich bereits auf der weltpolitischen Bühne und tut dort alles, was es kann. China steht vor einer ganz anderen Entscheidung, und die hat nichts mit einem hybriden Krieg zu tun. Sie hat mit einem echten Krieg zu tun. China muss sich entscheiden. Und ich denke, genau darüber denkt der Staatspräsident der Volksrepublik China jeden Morgen nach, wenn er aufwacht: Ist er bereit, Gewalt so einzusetzen, wie die Vereinigten Staaten und die Russische Föderation sie bereits erfolglos eingesetzt haben, oder ist es besser, mit Gewalt zu drohen und eine solche ewige Bedrohung zu bleiben, die ständig Drohungen ausspricht?

Ich habe bereits mehrfach gesagt, dass aus meiner Sicht die Stärke einer Großmacht gerade in ihren Drohungen liegt und nicht darin, dass sie Gewalt einsetzt. Darin besteht das Wesen eines jeden solchen Landes. Sobald eine Großmacht aufhört, nur zu drohen, und beginnt, Gewalt einzusetzen, wird ihre Effektivität auf die Probe gestellt. Genau das geschieht in Wirklichkeit sowohl mit den Vereinigten Staaten als auch mit der Russischen Föderation: Sie haben diese Effektivitätsprüfung nicht bestanden. Bei China wissen wir es nicht. Nun, wir wissen es nicht, was soll man machen? Die Chinesen müssen entscheiden, ob sie in jener Welt bleiben wollen, in der sie sich befinden, sodass man sie einfach fürchtet, wie man sie in Südostasien fürchtet, oder ob sie Taiwan, die Philippinen oder Japan tatsächlich angreifen wollen und sich dann herausstellt, dass ihre Armee in einem modernen Krieg gar nicht so modern und nicht so effektiv ist und ihre Angriffe abgewehrt werden. Dann würden sie eben in Taiwan oder auf den Philippinen feststecken. Und das war’s. Damit wäre Chinas Vorstoß auf die weltpolitische Bühne beendet. Finita.

Frage. Die Drohungen aus Moskau mit dem Einsatz von Atomwaffen: Entstehen sie aus der Unfähigkeit, die Ukraine zu besiegen, oder ist es ein weiterer Bluff, der auf Einschüchterung abzielt?

Portnikov. Ich denke, das ist ein Teil des Wahlkampfs. Wir werden jetzt viele Erklärungen hören, hinter denen keinerlei politische Bedeutung steckt. Natürlich muss man immer darauf achten, wer solche Erklärungen abgibt. Bislang stammen all diese Erklärungen von Menschen, die für unterschiedliche politische Kräfte an der sogenannten Wahlkampagne in der Russischen Föderation teilnehmen. Sie versuchen, einander bei der Steigerung der Expressivität ihrer Aussagen zu überbieten.

Nehmen wir etwa den stellvertretenden Vorsitzenden der Staatsduma der Russischen Föderation von der Partei Einiges Russland, den widerwärtigen Tolstoi, der sagte, man müsse ukrainische Zivilisten vernichten und das sei legitim. Und der Abgeordnete der Staatsduma der Russischen Föderation von der Partei Gerechtes Russland, der widerwärtige Schurawljow, sagte, Russland habe die Pflicht, eine Atombombe einzusetzen. 

Verstehen Sie denn nicht, dass all diese Parlamentsabgeordneten niemand sind und nichts zu sagen haben? Das russische Parlament besitzt keinerlei politische Eigenständigkeit. Diese Menschen treffen keinerlei Entscheidungen. Sie treffen sich mit niemandem, sie sehen niemanden. Nun, einige, die FSB-Agenten sind, sehen ihre Betreuer beim FSB. In den Kreml werden sie nur eingeladen, wenn dort irgendein ernsthaftes Gespräch mit den Fraktionsführern stattfindet. Alle Entscheidungen werden ihnen von oben vorgegeben. Sie drücken einfach auf die Knöpfchen. Niemand in der russischen Präsidialverwaltung interessiert sich dafür, was sie dort denken.

Warum tun sie das?

Erstens wollen sie sich bei ihren Betreuern in der Präsidialverwaltung einschmeicheln. Sie zeigen, was für begeisterte Anhänger der Generallinie der Partei sie sind. Nun, es ist schließlich ein postsowjetisches Land. Das haben sie immer so gemacht. Als es noch Parteikomitees und Gewerkschaftskomitees gab, bekamen sie dafür all ihre Vergünstigungen. Sie haben all das nicht vergessen und ihre Kinder genauso erzogen.

Zweitens können sie glauben, dass dies der Stimmung der Wählerschaft entspricht. Umso mehr jetzt, da der Krieg nach Russland gekommen ist. Was denkt der durchschnittliche Russe? Dass man die Ukraine vernichten müsse, damit es Sicherheit gibt. Was glauben Sie denn, worüber er nachdenkt? Dass er den Krieg beenden will? Nun, wenn er den Krieg beenden will, wird er doch nicht Einiges Russland oder Gerechtes Russland wählen. Er ist doch kein Idiot. Diese Banditenparteien haben keine Antikriegswählerschaft. Die Antikriegswählerschaft gibt es, sagen wir, bei der Partei Jabloko oder bei jenen Parteien, die niemals auch nur in die Nähe irgendwelcher Wahlen gelassen werden.

Tolstoi oder Schurawljow oder irgendwelche anderen Leute, die dort über Entnazifizierung, die Vernichtung der Ukrainer oder die Atombombe sprechen, setzen auf andere Menschen, auf Idioten. Nun, wer kein Idiot ist, wird Einiges Russland nicht wählen, wer kein Idiot ist, wird Gerechtes Russland nicht wählen. Verstehen Sie das nicht? Selbst wenn sie in Wirklichkeit etwas völlig anderes denken – stellen wir uns einmal vor, dass die meisten von ihnen gewöhnliche opportunistische Räuber sind –, müssen sie doch das sagen, was den Idioten gefällt, die für sie stimmen werden.

Und noch ein wichtiger Punkt. Wenn das, was den Idioten gefällt, gleichzeitig auch Putin gefällt – eine solche Symbiose von Präsident und Volk –, warum sollte man es dann nicht sagen? Sie riskieren damit nichts. Sie entsprechen sowohl den Interessen ihrer Wähler als auch denen ihres Chefs. Deshalb ist das keineswegs Verzweiflung über die Unfähigkeit, die Ukraine zu besiegen. Sie können glauben, dass die Zeit auf ihrer Seite ist und dass sie die Ukraine früher oder später – mögen noch fünf Jahre vergehen – besiegen und diese Gebiete Russland einverleiben werden. Und es ist ganz sicher kein Bluff, der auf Einschüchterung abzielt. Das sind alles Elemente des Wahlkampfs, auf die wir reagieren.

Und es ist logisch, dass wir darauf reagieren. Jeder Mensch reagiert, wenn man ihm sagt: „Wir werden dich vernichten, wir werden eine Atombombe auf dich werfen, wir glauben, dass man die Zivilbevölkerung erschießen muss.“ Und das wird zusätzlich von einer Eskalation der Angriffe russischer Raketen und strahlgetriebener Drohnen auf ukrainische Städte begleitet. Aber ich wiederhole: Aus politischer Sicht hat all das keinerlei Bedeutung. Wir sprechen während dieser gesamten Sendung darüber, dass all das keinerlei Bedeutung hat. So wie das Treffen zwischen Bessent und Siluanow keinerlei Bedeutung hatte, haben auch all diese Äußerungen von Menschen, die niemand sind, keinerlei politische Bedeutung.

Und wenn ich diese Äußerungen erwähne – und ich erwähne sie ständig und kommentiere sie, übrigens sowohl auf Ukrainisch als auch auf Russisch für jenes Publikum, das Russisch versteht –, dann erwähne ich sie nur, um, sagen wir, widerzuspiegeln und klar festzuhalten, dass diese Menschen grundsätzlich Erklärungen abgeben, die Kriegsverbrechen dokumentieren. Das ist das Wichtige: dass sie während der sogenannten Wahlkampagne zur sogenannten Staatsduma in der sogenannten Föderation – denn sie ist ungefähr so sehr eine Föderation, wie ich Solist am Bolschoi-Theater in Moskau bin – eine Rhetorik verwenden, die im Grunde die Rhetorik von Kriegsverbrechen ist.

Und wichtig ist, dass diese Tatsache weder diejenigen auch nur im Geringsten stört, die in den Vereinigten Staaten bereit sind, dem Finanzminister der Russischen Föderation die Hand zu schütteln, noch diejenigen, die Putin auf den Fotos beim Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit einen Ehrenplatz geben und ihn damit zu einem der wichtigsten Führer des Globalen Südens und jenes Lagers machen, das bereits zu einem tödlichen Zusammenstoß bereit ist – einem Zusammenstoß, dessen Zeugen wir sein werden –, zwischen zwei Welten, die in den kommenden, wenn nicht Jahren, dann Jahrzehnten zwangsläufig in einem blutigen Kampf aufeinandertreffen werden. Auf eine solche Begegnung unter den Bedingungen neuer Technologien müssen sich auch diejenigen vorbereiten, die selbst überleben und wollen, dass unser Staat überlebt.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Імітація нового миру | Віталій Портников. 01.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 01.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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SBU gegen HUR: Krieg der Geheimdienste | Vitaly Portnikov. 02.09.2026.

Die Schießerei zwischen Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes der Ukraine und der Hauptverwaltung für Aufklärung des Verteidigungsministeriums unseres Landes hat bereits die Titelseiten westlicher Medien erreicht. Journalisten fragen, ob Kyiv die Kontrolle über seine eigenen Geheimdienste verloren hat. Ukrainische Medien versuchen zu verstehen, was eigentlich geschehen ist und ob tatsächlich die Festnahme und anschließende Freilassung des stellvertretenden Kommandeurs des Russischen Freiwilligenkorps, Stepan Kaplunow, der Anlass für diese Schießerei war.

Bekanntlich ist dieses Korps Teil der Hauptverwaltung für Aufklärung, und die Tatsache, dass einer seiner Anführer in die Hände des Sicherheitsdienstes der Ukraine geriet, der später betonte, man habe versucht, einen Terroranschlag gegen einen anonymen russischen Oppositionellen zu verhindern, der zur Feier des Jahrestages der Unabhängigkeit nach Kyiv gekommen war, erklärt die Situation keineswegs, sondern verwirrt sie, könnte man sagen, nur noch mehr.

Aber davon zu sprechen, dass dies irgendein neuer Konflikt sei, bedeutet, sich nicht daran zu erinnern, was bereits 2022 geschah. Wir wissen bis heute nicht, was die Ursache für den Tod Kirejews war, eines Teilnehmers der ersten ukrainisch-russischen Verhandlungen seit Beginn des Großen Krieges. In der Hauptverwaltung für Aufklärung bezeichnete man ihn als einen wahren Helden. Und darüber sprach auch der damalige Leiter der Behörde, Kyrylo Budanow, der später Leiter des Büros des Präsidenten der Ukraine werden sollte. Beim SBU sprach man vom Tod eines Agenten der russischen Geheimdienste. Das sind, wie wir verstehen, diametral entgegengesetzte Sichtweisen auf das, was im Zusammenhang mit diesem Vorfall geschehen ist. Wenn man das überhaupt einen Vorfall nennen kann, denn schließlich geht es um das Leben eines Menschen.

Es handelt sich also um einen ziemlich alten Konflikt. Und natürlich ist die interessanteste Frage, wie so etwas in einem demokratischen Land überhaupt möglich sein kann. Und ich kann diese Frage mit völliger Sicherheit beantworten. Das spricht gerade für die Degradation des Systems der Staatsführung unter dem personalistischen Regime, das 2019 in der Ukraine errichtet wurde. 

Jetzt weist Volodymyr Zelensky das Staatliche Ermittlungsbüro an, zu klären, was eigentlich geschehen ist und wie es zu dieser Schießerei kommen konnte. Aber das Staatliche Ermittlungsbüro müsste sich nicht in die Angelegenheit einschalten, wenn es in der Ukraine ein tatsächlich geschaffenes System von Gegengewichten gäbe, wenn die Geheimdienste unseres Landes tatsächlich von den entsprechenden parlamentarischen und staatlichen Strukturen kontrolliert würden.

Wenn sich sowohl die Leitung des Sicherheitsdienstes der Ukraine als auch die des Verteidigungsministeriums und damit auch der Hauptverwaltung für Aufklärung nicht vollständig auf eine einzige Person ausrichten würden, sondern sich ihrer Verantwortung gegenüber dem Parlament, der Regierung und dem Volk bewusst wären, dann wäre ihr Verhalten natürlich völlig anders. Und dann würden sich weder der Sicherheitsdienst der Ukraine noch die Hauptverwaltung für Aufklärung in solche eigenständigen Milizen verwandeln, die mit konkreten politischen oder nicht einmal politischen, sondern wirtschaftlichen Interessen verbunden sind. Und wir wären nicht Zeugen von Ereignissen, die als anschauliche Illustration für die Unkontrollierbarkeit staatlicher Institutionen erscheinen können.

Und ich möchte Sie davon überzeugen, dass diese Unkontrollierbarkeit nur noch zunehmen wird. Denn wenn es eine einzige Person gibt, die 2019 die gesamte Machtvertikale bei sich gebündelt hat – sei es mithilfe von Günstlingswirtschaft, aber sie hat sie gebündelt –, und niemand sonst im Staat irgendwelche Entscheidungen trifft, während alle anderen Menschen, wie der Ministerpräsident der Ukraine, die zuständigen Minister der Sicherheitsressorts und schließlich auch der Vorsitzende der Werchowna Rada, lediglich Sachbearbeiter sind, die den Interessen des Präsidentenbüros dienen, und dann plötzlich der Einfluss dieser einen Person aus unterschiedlichen Gründen abzunehmen beginnt, dann versucht jeder, der in einem solchen System existiert, diese Möglichkeit zu nutzen, um den eigenen Status zu erhöhen.

Nun, daran ist nichts neu. Das ist die ganz formale Logik der Entwicklung personalistischer Regime, der Entwicklung von Ein-Mann-Herrschaft. Solange alles in deinen Händen konzentriert ist, versuchen praktisch alle, in einer Reihe zu marschieren. Aber sobald dir weder die Kraft noch die Zeit reichen, die Prozesse der Staatsführung vollständig zu kontrollieren, beginnen diese Prozesse sofort zu degradieren. Im ukrainischen Fall dauert diese Degradation bereits seit sieben Jahren an.

Ja, wir können sagen, dass die ukrainische Gesellschaft selbst der Urheber dieser Degradation war und begeistert Beifall dafür klatschte, dass Menschen, die sich nie mit Politik und Staatsführung beschäftigt hatten, nun an den Ukrainern lernen würden, wie man diese armen Geschöpfe regiert.

Aber die Frage ist doch nicht, dass die Gesellschaft eine Variante akzeptiert hat, die unweigerlich zu einer Krise ungekannten Ausmaßes führen musste, und das auch noch während eines großen Krieges, in dem die Existenz des ukrainischen Staates und auch des ukrainischen Volkes selbst auf dem Spiel steht. 

Die Frage ist, wie man die weitere Entwicklung der Verselbstständigung der Sicherheitsstrukturen und das Austragen von Rechnungen zwischen ihren Leitern und Mitarbeitern verhindern kann. Denn in Wirklichkeit ist das bereits ein klassischer Kampf zwischen dem Sicherheitsdienst und der Armee. Schließlich ist die Hauptverwaltung für Aufklärung Teil des Verteidigungsministeriums. Sie ist eine militärische Struktur.

Das ist die gewöhnlichste, ich würde sagen, Logik der Entwicklung jedes Regimes persönlicher Herrschaft in Lateinamerika. Früher haben wir all das in Büchern über lateinamerikanische Machthaber gelesen, Spiel- und Dokumentarfilme gesehen, in denen das alles so wunderbar dargestellt wurde. Jetzt sehen wir es auf den Straßen von Kyiv.

Und ich möchte Ihnen praktisch garantieren, dass dies erst der Anfang einer solchen Krise ist. Danach wird es noch viel interessanter werden, wenn die Präsidenten und die ukrainische Gesellschaft natürlich nicht schließlich zu der völlig logischen Schlussfolgerung gelangen, dass die Prozesse des Staatsaufbaus wiederhergestellt werden müssen, und erkennen, dass die Degradation der Staatsführung während eines großen, grausamen und endlosen Krieges ein weiterer Schritt in den Abgrund ist, zur Niederlage, zum Zusammenbruch, zur Katastrophe. Und das brauchen wir nicht.

Wir brauchen, dass der ukrainische Staat nach diesem großen Krieg auf der politischen Weltkarte erhalten bleibt, dass zumindest auf dem Gebiet dieses Staates, das zu diesem Zeitpunkt von einer legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert werden wird, eine ausreichende Zahl von Menschen für die weiteren Prozesse des Staatsaufbaus erhalten bleibt. Und wir brauchen außerdem, dass der Sicherheitsdienst der Ukraine dem ukrainischen Volk dient und nicht bestimmte Interessen schützt oder dass ein Teil der Mitarbeiter dieses Dienstes konkrete Unternehmensinteressen schützt.

Denn wir werden doch nicht den gesamten Dienst verurteilen, in dem es viele echte Profis, Helden und Patrioten der Ukraine gibt, ebenso wie in der Hauptverwaltung für Aufklärung des Verteidigungsministeriums der Ukraine. Wir verstehen ebenfalls den Beitrag sowohl dieser Hauptverwaltung als auch des SBU zum weiteren erbitterten Widerstand der Ukrainer gegen die russische Aggression. Und natürlich darf in dieser Situation niemand die Frage danach, was mit diesen Institutionen als solchen geschieht, stellen, ohne ihren Beitrag zum Sieg des Volkes, zum Widerstand des Volkes und zum weiteren langen und ernsthaften Kampf gegen die russische Invasion zu berücksichtigen, der nicht enden wird, selbst wenn wir theoretisch in Zukunft das Ende der heißen Phase des russisch-ukrainischen Krieges erleben sollten.

Deshalb brauchen wir effektive Geheimdienste. Dienste, die zur schrittweisen Verwandlung der Ukraine in eine Festung auf Russlands Weg beitragen werden, in eine Festung, die gegen Russland kämpfen, die Ukraine und die zivilisierte Welt in den kommenden, für diese zivilisierte Welt kritischen Jahrzehnten schützen wird. Das ist es, was wir brauchen, und keineswegs Konflikte zwischen SBU und HUR.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: СБУ проти ГУР: війна спецслужб | Віталій Портников. 02.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 02.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Neue Äußerungen Putins: das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 02.09.2026.

Der russische Präsident Putin hat nach dem Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Bischkek eine ganze Reihe von Erklärungen abgegeben, die vor allem mit seinen Vorstellungen über ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges zusammenhingen.

Diese Erklärungen sind schon deshalb wichtig, weil Putin sie kurz nach seinem Treffen in der kirgisischen Hauptstadt mit dem Staatspräsidenten der Volksrepublik China Xi Jinping und dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi abgab, die bekanntlich die wichtigsten Sponsoren der russischen Wirtschaft sind, weil sie russisches Öl kaufen. Und diese Äußerungen erfolgten auch nur wenige Tage nach dem sensationellen Besuch des Direktors der Central Intelligence Agency der Vereinigten Staaten, John Ratcliffe, in der russischen Hauptstadt – einem Besuch, um den weiterhin Verschwörungstheorien kreisen und zu dem unterschiedliche Versionen darüber geäußert werden, warum dieser Besuch überhaupt stattgefunden hat.

Deshalb sollte man Putins Erklärungen durchaus ernst nehmen, denn sie sind eine Mischung aus Propaganda und realen Absichten, die mit Moskaus Beziehungen vor allem zu Washington zusammenhängen, aber offenbar nicht nur zu Washington. Putin betonte, wie immer in seinen Erklärungen zum russisch-ukrainischen Krieg, dass er nicht an einem Waffenstillstand, sondern an einem dauerhaften Frieden interessiert sei. Aber Verhandlungen über diesen Frieden ist Russland bereit, mit jedem zu führen.

Ich möchte Sie daran erinnern, dass Russland früher immer davon sprach, dass Verhandlungen gerade mit den Vereinigten Staaten stattfinden würden und dass man nur mit den Amerikanern reden müsse. Sowohl die Ukrainer als auch die Europäer wurden von der russischen politischen Führung ignoriert, persönlich von Putin, der sich weiterhin für den wichtigsten Partner des amerikanischen Präsidenten Donald Trump hält. Und nun stellt sich heraus, dass der Kreis der Verhandlungsteilnehmer erweitert werden kann.

Das ist genau das, wovon ich immer spreche, wenn ich betone, dass man in Russland nur die Sprache der Stärke versteht und nicht die Sprache der Diplomaten. Putin ging mehrmals auf die Angriffe ein, die gegen den russischen Ölraffineriekomplex und gegen russische Häfen geführt wurden. Er versuchte die ganze Zeit, die Schäden herunterzuspielen, die der Russischen Föderation durch diese Angriffe zugefügt wurden. Als er insbesondere über die Angriffe auf russische Häfen sprach, sagte er, Russland habe nur 1 Prozent des BIP verloren, aber auch das sei ein Schaden.

Aber wir wissen sehr gut, dass die Realität weitaus ernster ist, denn Putin kann die Tatsache nicht ignorieren, dass in Russland derzeit 50 Prozent der Ölraffineriekapazitäten nicht funktionieren, was natürlich die Voraussetzungen für eine massive krisenhafte Entwicklung in der russischen Wirtschaft bereits in naher Zukunft schafft. Ganz zu schweigen von der massiven Krise der russischen Landwirtschaft, deren Grundlagen gerade durch ukrainische Angriffe auf die Hafeninfrastruktur der Russischen Föderation gelegt werden.

Natürlich können wir sagen, dass auch die Ukraine durch die Angriffe der russischen Luftwaffe auf ukrainische Objekte zahlreiche Schäden erleidet, aber die Schäden der Ukraine bedeuten in einer solchen Situation keine Gewinne für Russland. Und übrigens, was die Schäden der Ukraine betrifft: Putin äußerte während dieser Pressekonferenz eine enorme Zahl unterschiedlichster Drohungen, völlig unterschiedlicher Art, aber sie bezogen sich auch darauf, dass die Ukraine von der Möglichkeit einer faktischen Stilllegung des Ölraffineriekomplexes der Russischen Föderation und des Luftraums der Russischen Föderation gesprochen hatte.

Und hier sehen wir eine unglaubliche, ich würde sagen, Demonstration von Doppelstandards. Putin erzählte, er habe erfahren, dass eine große Zahl von Drohnen erneut versucht habe, die Luftverteidigung Moskaus und Sankt Petersburgs zu durchbrechen, zivile Objekte angegriffen und versucht habe, drei Ölraffinerien zu treffen. Und nun seien die Streitkräfte der Russischen Föderation angewiesen worden, massive Angriffe auf Objekte der ukrainischen Energieinfrastruktur vorzubereiten und durchzuführen. „Sie greifen uns an und bekommen eine Antwort“, sagte Putin.

Aber hier gibt es einen ziemlich wichtigen Punkt, über den vor allem die Ukrainer nachdenken müssen. Und vor allem jene Ukrainer, die sagen, wir sollten keine derart schweren Angriffe auf Russland führen, weil Russland auf diese Angriffe antworte und die ukrainische Energieinfrastruktur zerstören könne.

Aber was war, als die Ukraine zuvor keine Angriffe auf die Russische Föderation führte? Denn wenn wir von massiven ukrainischen Angriffen auf russische Stellungen sprechen, begann das vor allem in diesem Jahr. Gab es damals etwa keine Angriffe auf die Infrastruktur der Ukraine? Haben wir nicht jeden Winter mit russischen Angriffen gerechnet?

Ja, diese Angriffe können sich verstärken, weil sich die technologische Ausstattung des Krieges verändert. An die Stelle alter sowjetischer Raketen, an die Stelle von Drohnen des Typs Shahed treten strahlgetriebene Drohnen. All das sind reale Drohungen und Gefahren. Aber das hat überhaupt nichts mit Vergeltungsschlägen zu tun.

Es hängt damit zusammen, dass Putin bereits 2022 Kurs auf die Zerstörung der ukrainischen Infrastruktur genommen hat. Denn russische Flugzeuge griffen bereits 2022 Objekte der zivilen ukrainischen Infrastruktur an. Erinnern Sie sich daran, wie wir davon sprachen, dass der Luftraum über der Ukraine geschlossen werden müsse.

Und hier noch eine Demonstration solcher Doppelstandards. Wenn Putin über Zelenskys Äußerungen zu einer möglichen faktischen Schließung des russischen Luftraums spricht, bezeichnet er das als einen Akt des Staatsterrorismus. Aber hier stellt sich die Frage: Und was ist mit den Angriffen auf den ukrainischen Luftraum, jenen Angriffen, die ebenfalls bereits 2022 begannen, mit den Angriffen auf zivile ukrainische Flughäfen, mit der Schaffung von Bedingungen, unter denen die Ukraine ihre zivile Luftfahrt nicht wieder aufnehmen kann? Was für ein Akt ist das?

Warum ist es Terrorismus, wenn die Ukraine den russischen Luftraum schließt, aber eine militärische Spezialoperation, wenn Russland den ukrainischen Luftraum schließt? Und ich sage Ihnen, warum Putin so denkt. Weil er sich weiterhin für den Machthaber irgendeines einheitlichen Staates hält, der in seinem Kopf existiert, von Uschhorod bis Aschgabat. Und natürlich kann er als Machthaber dieses Staates beliebige Entscheidungen über Angriffe auf Städte in diesem Staat treffen. Schließlich zerstörten die Russen beispielsweise den internationalen Flughafen von Grosny und hielten das für völlig normale Maßnahmen zur Erziehung der Tschetschenen, die damals für den Austritt aus der Russischen Föderation kämpften.

Wir konnten glauben, dass sich die Haltung gegenüber der Ukraine von der Haltung gegenüber Tschetschenien unterscheidet, weil Tschetschenien noch zu Zeiten der UdSSR formal eine Republik innerhalb Sowjetrusslands war, während wir eine Unionsrepublik waren, die nominell das Recht hatte, aus der Sowjetunion auszutreten – ein Recht, das, wie wir verstehen, in der Praxis niemals verwirklicht worden wäre, wenn es nicht zum faktisch raschen Zerfall des Imperiums infolge des Konflikts zwischen den beiden russischen Machtzentren in Moskau gekommen wäre, der sich 1991 manifestierte. Aber das ist unsere Sichtweise.

Aus russischer Sicht gibt es zwischen einer Unionsrepublik und einer russischen Republik keinerlei Unterschied. Russland konnte sich vorübergehend mit der Unabhängigkeit der Ukraine und anderer ehemaliger Sowjetrepubliken abfinden, die gerade infolge des Konflikts zwischen diesen beiden Machtzentren zustande kam – dem Unionszentrum einerseits und dem russischen Zentrum andererseits –, betrachtete dies aber immer als eine vorübergehende Situation.

Putin zeigt mit seiner Haltung gegenüber den ukrainischen Handlungen gerade, wie dieses Denken eines chauvinistischen Führers funktioniert, der seine Angriffe auf jedes beliebige Gebiet innerhalb der ehemaligen Sowjetunion für sein Recht hält, Gegenangriffe auf Russland dagegen für Terror. Genau wie bei Tschetschenien: Wenn die Tschetschenen zurückschlagen, ist das Terror. Wenn die Russen tschetschenische Aule zerstören, ist das eine spezielle Antiterroroperation.

Interessant ist, dass Putin sofort betonte, er werde keine Angriffe auf die ukrainische Führung führen, weil man Verhandlungspartner brauche, die alle Probleme in den russisch-ukrainischen Beziehungen auf friedlichem Wege lösen und den russisch-ukrainischen Krieg beenden wollten, „die Fragen auf friedlichem Wege lösen wollen und nicht einfach in 40 Tagen unsere Wirtschaft zerstören, Russland in die Knie zwingen und uns einen weiteren strategischen Schlag versetzen wollen“.

Und Sie können ebenfalls fragen: „Woher kommt plötzlich diese Friedfertigkeit des russischen Präsidenten?“ Das ist keine Friedfertigkeit, das ist wiederum ein Gefühl der Bedrohung. Denn Putin kann verstehen, dass wiederum mit der Veränderung der technologischen Ausstattung des Krieges, falls er Angriffe auf die ukrainische Führung durchführen lässt, ein Gegenschlag erfolgen kann.

Erinnern wir uns daran, wie sich der russische Präsident vor seinem amerikanischen Amtskollegen erniedrigte, als es um die Durchführung der Parade auf dem Roten Platz in der russischen Hauptstadt ging. Das heißt, in Russland gab es ein klares Verständnis dafür, dass tatsächlich eine Situation entstehen könnte, in der der Luftraum über Moskau die Durchführung dieser Parade nicht zulassen würde.

Und wenn man die Umgebung Moskaus angreifen und Probleme für die Durchführung der Parade schaffen kann, warum sollte man dann als Antwort auf Angriffe gegen die ukrainische Führung nicht Putins eigene Residenz angreifen können? Wer wird ihn dann schützen? Trump? Trump kann ihn schützen, solange ein gegenseitiges Verständnis darüber besteht, dass man die Entscheidungszentren nicht angreift. Wenn auch diese roten Linien überschritten werden, könnte Putins Leben in Gefahr geraten.

Bekanntlich schätzt Putin nichts so sehr wie sein eigenes Leben. Erinnern wir uns an diesen langen weißen Tisch. Vielleicht wird er noch zu irgendeiner historischen Randnotiz werden, aber inzwischen ist er in den Hintergrund gerückt. Doch das war der Tisch aus der Zeit der Coronavirus-Pandemie. Und er zeigte, wie Putin tatsächlich zu seinem eigenen Leben steht. All diese Quarantänen, die Menschen durchlaufen mussten, die sich mit ihm treffen sollten. All das zeigt, dass Putin tatsächlich in erster Linie an sich selbst denkt, ausschließlich an sich selbst, wenn er über irgendwelche Fragen des russisch-ukrainischen Krieges spricht.

Übrigens zu den Amerikanern. Auch das ist ein ziemlich interessantes Thema dieser Pressekonferenz des russischen Machthabers, denn er sagte nichts Konkretes über den Besuch des CIA-Direktors, obwohl er nach diesem Besuch gefragt wurde. Er sagte, dass zwischen den Leitern der Geheimdienste direkte Kontakte aufrechterhalten würden und dass es für die Russen in Wirklichkeit angenehm sei, mit jenen Menschen zusammenzuarbeiten, die sie gut kennen und denen sie vertrauen. Gemeint sind Witkoff und Kushner. „Das sind Trump nahestehende Menschen, aufrichtige Menschen, die versuchen, unsere Arbeit mit konkretem Inhalt zu füllen, Menschen, die das Vertrauen des Präsidenten der Vereinigten Staaten genießen. Und ohne das ist es überhaupt unmöglich, irgendwelche Verhandlungen zu führen, denn wenn sie sich mit uns auf etwas einigen und die erste Person das anschließend alles filtert, durch 1000 oder mehr teilt, dann wird das sinnlos.“ Und deshalb sind Herr Kushner und Herr Witkoff gern gesehene Gäste in der russischen Hauptstadt.

Wieder stellt sich die Frage: Woher kommt diese Gesprächsbereitschaft? Putin sagt, der Verhandlungsprozess sei eingefroren, aber wir erinnern uns doch daran, dass er es war, der ihn eingefroren hat. Er selbst, als er die Entscheidung traf, Russland aus den Verhandlungen zurückzuziehen, bis die ukrainischen Truppen das Gebiet der Oblast Donezk verlassen. Somit kann man sagen, dass Witkoff und Kushner – möglicherweise im Gegensatz zum Direktor der Central Intelligence Agency, Herrn Ratcliffe, der sich als konkreter und härter erwiesen hat – gern gesehene Gäste sind, weil man mit ihnen über Geld sprechen kann. Und man kann ihnen wiederum einen Bären aufbinden. Man kann von all diesen Milliarden und Billionen erzählen, die im Falle einer Verbesserung der russisch-amerikanischen Beziehungen verdient werden könnten. Und wie verbessert man die russisch-amerikanischen Beziehungen? Indem man die Ukraine preisgibt.

Und wir haben bereits mehrfach gesehen, dass Steve Witkoff zumindest nach Verhandlungen mit Putin die Ukraine zu Zugeständnissen drängte, die grundsätzlich nicht nur zur Demütigung der Ukraine als Staat, sondern auch zu einer drastischen Destabilisierung der inneren Lage in unserem Land hätten führen können, was grundsätzlich eine der wichtigen Aufgaben des russischen Präsidenten ist: diese drastische Destabilisierung zu erreichen und dafür zu sorgen, dass die Situation in der Ukraine den Vormarsch der russischen Truppen begünstigt.

Über den Vormarsch sprach Putin sehr viel und nannte geografische Namen. Ich werde darauf nicht näher eingehen, weil Putin wiederum mehrfach Namen von Städten und Ortschaften genannt hat, die sich später offensichtlich unter der Kontrolle der ukrainischen Armee befanden. Und wir verstehen, dass all diese Namen für das eigene Publikum und zur Demoralisierung der ukrainischen Gesellschaft bestimmt sind. Denn wiederum: Selbst wenn russische Truppen tatsächlich irgendwelche Ortschaften auf dem Gebiet der Ukraine besetzen, hat das in jedem Fall keinen Einfluss auf das Hauptziel des russischen Präsidenten – die Eroberung unseres gesamten Landes und die Vernichtung seiner Staatlichkeit. Und das weiß er sehr gut.

Deshalb wirkt diese Pressekonferenz auch so eigentümlich – als Mischung aus Drohungen und gleichzeitig dem Angebot, miteinander zu reden. Und ich sage wiederum, dass ich es für möglich halte, dass diese Mischung aus Drohungen an die Ukraine gerichtet ist, während das Angebot, miteinander zu reden, nicht nur an Trump, sondern auch an Xi Jinping gerichtet ist, der während seines Aufenthalts in Bischkek ebenfalls von einer verstärkten Koordinierung zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges sprach. Und wir wissen nicht, was er Putin tatsächlich gesagt hat. Vielleicht sprach auch er von der Notwendigkeit, den Krieg zu beenden und irgendwie einen Ausweg aus dieser Situation zu finden. Vielleicht waren das Andeutungen des chinesischen Staatschefs. Aber wir verstehen, dass Xi Jinping gerade nicht derjenige ist, mit dem der russische Präsident zu streiten bereit ist, weil das Überleben des Putin-Regimes von chinesischem Geld abhängt.

Russland befindet sich jetzt genau in einer solchen Situation. Putin kann die Bedeutung der, ich würde sagen, Rolle, die China für Russlands Überleben spielt, so sehr herunterspielen, wie er will, und er kann das Ausmaß der Verluste herunterspielen, die Russland infolge der ukrainischen Angriffe erlitten hat. Aber all das sind objektive Tatsachen, die er ignorieren kann, die dadurch jedoch nicht weniger wichtig für sein politisches und wirtschaftliches Überleben werden.

Obwohl Putin wiederum weiterhin versichert, dass die sogenannte „militärische Spezialoperation“ so weitergehe wie bisher, dass die russischen Truppen das Tempo ihres Vormarsches steigerten und dass alle Aufgaben erfüllt würden, sagt er nie bis zum Ende, worin eigentlich der Sinn dieser Aufgaben besteht. Wie sollen sie überhaupt weitergeführt werden, wie sollen sie umgesetzt werden, was kann in diesem russisch-ukrainischen Krieg tatsächlich geschehen, das für Putin bedeuten würde, dass er ein wirklich siegreiches Ergebnis erreicht hat?

Auf diese, ich würde sagen, wichtige Konstante haben wir weder vom russischen Präsidenten noch von anderen russischen Funktionären jemals irgendeine Antwort gehört. Ja, wir haben die Vorstellung gehört, dass die Ukraine verschwinden müsse, aber wir haben nie eine Erklärung dafür gehört, wie das geschehen soll, wie Russland dies bei dem Tempo erreichen kann, das die russischen Truppen bei ihrem Vormarsch auf ukrainischem Boden angeblich steigern.

Und noch ein interessanter Punkt dieses Treffens mit Journalisten, über den ebenfalls gesprochen werden muss, ist die Mobilmachung. Ins Ukrainische übersetzt sagte Putin, das sei Unsinn, ein Informationsangriff auf Russland. Wenn man genau zitiert, was er sagte, als er gefragt wurde, ob es in der Russischen Föderation eine Mobilmachung geben werde, sagte er: „Hundeblödsinn.“ Und das spiegelt genau seinen Wunsch wider, dass die Russen diese Mobilmachung nicht fürchten sollen.

Offensichtlich hat die Erfahrung der Mobilmachung von 2022, wenn auch nur einer Teilmobilmachung, beim russischen Präsidenten Spuren hinterlassen. Und in dieser Situation können wir faktisch sagen, dass der russische Machthaber so oder so versteht – vielleicht will er es nicht verstehen, aber er versteht –, dass die Situation mit der Mobilmachung zu einer ernsthaften, ich würde sagen, Verschlechterung der Beziehungen zwischen der russischen Gesellschaft und der Staatsmacht führen kann.

Und die Russen haben ohnehin bereits begonnen zu sehen, dass der Krieg zu ihnen kommt. Und sie verstehen ohnehin, dass dies nicht mehr eine so einfache Situation ist wie zuvor beim russisch-ukrainischen Konflikt. All das sind meiner Ansicht nach völlig verständliche Dinge. Aber zugleich können wir eindeutig sagen, dass Putin bei dieser Mobilmachungsaktivität ein Befürworter verdeckter Maßnahmen sein kann.

Schließlich ist sein Mobilmachungsdekret nicht aufgehoben worden. Es gilt. Die russische Führung kann derzeit, wie viele Beobachter meinen, von den Leitern der russischen Föderationssubjekte, der Gebiete, Regionen und Republiken verlangen, dass sie sich mit dieser verdeckten Mobilmachung befassen, irgendwelche Menschen suchen, die in der Lage sind, an einer weiteren Eskalation der Situation teilzunehmen, sich auf Vertragsbasis für die russische Armee verpflichten, und die Summen dieser Verträge erhöhen, weil viele russische Regionen schlicht nicht mehr genug Geld haben, um solche Vertragsmaßnahmen durchzuführen. Vielleicht wird man ihnen sagen, dass sie wegen fehlender Haushaltsmittel irgendwelche Grenzen überschreiten und soziale Programme kürzen müssen, aber Geld für die Mörder finden sollen.

Wenn Putin also „Hundeblödsinn“ sagt, bedeutet das, dass er einfach keine lautstarke Erklärung über eine Mobilmachung abgeben wird. Aber es bedeutet nicht, dass es die Mobilmachung selbst als verdeckten Faktor – als einen sogar vor der russischen Gesellschaft verborgenen Faktor – nicht geben wird.

Und noch ein wichtiger Punkt ist, dass er die Europäer weiterhin einschüchtert. Das ist auch deshalb wichtig, weil Deutschland gerade heute erstmals offiziell erklärt hat, Russland der Vorbereitung eines Sabotageakts am Flughafen Leipzig unter Einsatz von Drohnen zu beschuldigen. Und das ist tatsächlich, anders als alles, was Putin sagt, gewöhnlicher, echter Staatsterrorismus, denn deutsche Minister sagen eindeutig, dass die Organisatoren dieses Terroranschlags im Auftrag staatlicher Strukturen der Russischen Föderation gehandelt hätten. Nicht einfach so.

Was sagt Putin in dieser Situation? Deutschland erwähnt er nicht, sondern konzentriert sich auf Großbritannien und betont, dass alle Objekte auf dem Gebiet der Ukraine, militärische Objekte, darunter auch britische, zu legitimen Zielen der russischen Armee werden können. Doch der Journalist fragt den russischen Präsidenten an dieser Stelle: „Und was ist mit Objekten, die in Großbritannien selbst für die Bedürfnisse der ukrainischen Armee genutzt werden?“ Und Putin beantwortete diese Frage nicht, sondern sagte, genau das sei ein militärisches Geheimnis.

Und das ist eine gezielte Antwort, die erstens demonstrieren soll, dass Russland Sabotageakte auf dem Gebiet europäischer Länder vorbereitet. Und wir haben bereits erste Anzeichen solcher Sabotageakte gesehen. Und zweitens – und das ist ebenfalls eine sehr wichtige Tatsache –, dass es keine Verantwortung für solche Sabotageakte übernehmen will. Auch das ist, wie mir scheint, ein offensichtlicher Punkt, über den wir sprechen müssen, wenn wir diese Äußerungen Putins in der kirgisischen Hauptstadt diskutieren.

Und wenn wir nicht nur über den russisch-ukrainischen Krieg sprechen, sondern allgemein über das, was im postsowjetischen Raum geschieht und was Putin kommentieren muss, dann hat er im Grunde selbst die Schwächung des russischen Einflusses im postsowjetischen Raum festgestellt. Und zwar als er den armenischen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan angriff, der einer der Teilnehmer dieses Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit war, und sagte, eine gleichzeitige Mitgliedschaft in der Eurasischen Union und in der Europäischen Union sei nicht möglich. Obwohl Armenien im Grunde bislang nicht einmal einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Europäischen Union gestellt hat, während es bereits Mitglied der Eurasischen Union ist. Aber auch das ist ein solcher Erpressungsversuch.

Und übrigens möchte ich daran erinnern, dass Armenien damals in die Eurasische Wirtschaftsunion gelangte, als Putin das Land, den damaligen Präsidenten Sersch Sargsjan, buchstäblich dazu zwang, auf eine künftige Mitgliedschaft oder zumindest irgendeine Form von Partnerschaft und Assoziierung mit der Europäischen Union zu verzichten. Damals war für Armenien bereits ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union vorbereitet worden, ein solches, wie wir es vorbereitet hatten. Und Sargsjan verzichtete praktisch gleichzeitig mit Janukowitsch auf die Unterzeichnung dieses Dokuments. Und damals zwang Putin ihn im Grunde zum Beitritt zur Eurasischen Wirtschaftsunion.

Ich denke, uns hätte, wenn Janukowitsch an der Spitze des ukrainischen Staates geblieben wäre, dasselbe Schicksal erwartet. Da sagen manche: „Janukowitsch hätte eben weiterregiert, wäre dann gegangen und hätte die Wahlen verloren.“ Nichts davon wäre geschehen. Es wäre einfach zur Verwandlung der Ukraine in Belarus Nummer zwei gekommen. Und dann wäre von unserem Territorium aus bereits Polen angegriffen worden. So wäre es gewesen. Nun, das ist eine Zukunft, die nicht eingetreten ist. Wir sprechen jetzt über etwas anderes.

Wenn wir also über etwas anderes sprechen, dann ist ein weiteres Element von Putins Erpressung, dass er sagt: Wenn die russische Militärbasis in Armenien nicht gebraucht werde, könne Russland Armenien schon morgen verlassen. Mich würde interessieren, ob die Russen tatsächlich bereit wären, schon morgen abzuziehen, wenn Jerewan ihnen die Bedingung stellen würde, dies in nächster Zeit zu tun. Putin glaubt, Armenien könne das Fehlen einer russischen Basis fürchten, weil deren Abwesenheit zu einer neuen Eskalation im Südkaukasus, zu einer erneuten Verschlechterung der Beziehungen zwischen Armenien und Aserbaidschan führen könnte, wenn die Russen nicht mehr da wären, die Armenien angeblich zu schützen bereit sind.

Aber wir haben doch etwas Offensichtliches gesehen: Erstens haben die Russen überhaupt nicht vor, irgendjemanden vor irgendjemandem zu schützen, wenn das nicht ihren momentanen Interessen entspricht. Und zweitens hat der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev die sogenannten russischen Friedenstruppen einfach aus Karabach entfernt, die dort eine eigene Basis errichten wollten. Sie dachten natürlich nicht an die Interessen Karabachs, sondern an Putins Interessen. Sogar jemand von ihnen kam dort ums Leben, und nichts geschah.

Warum sollten die Armenier glauben, dass eine russische Basis eine Garantie für irgendetwas ist? Sie sehen doch, dass inzwischen praktisch alle ehemaligen Sowjetrepubliken nach neuen Garanten ihrer Sicherheit suchen, weil sie verstehen, dass Russland definitiv kein Garant für Sicherheit mehr ist, sondern eher ein Garant für Gefahren. Deshalb ist diese Basis in Gjumri zweifellos Teil dieser Erpressung Putins gegenüber Armenien, aber diese Erpressung könnte nicht funktionieren.

Und was die Lüge betrifft, dass nur noch 10 Prozent der Ölraffinerien repariert werden müssten: Das stimmt nicht. Dass das Dekret zum Schutz von Objekten der kritischen Infrastruktur, das der russischen Regierung das Recht gibt, bei solchen Objekten eine vorübergehende Verwaltung einzuführen, nicht deren Verstaatlichung bedeutet, stimmt ebenfalls nicht. Putins Dekret zeigt eindeutig, dass diese Anlagen verstaatlicht werden können. Ich denke, dass dies tatsächlich geschehen wird.

Die Anschuldigung Deutschlands gegen Russland, den Angriff auf den Flughafen Leipzig organisiert zu haben, sei ein innenpolitisches Problem. Russland habe das nicht getan. Es gebe keinerlei Beweise für eine russische Beteiligung. Die Verschlechterung der Beziehungen zwischen Moskau und Tokio sei ausschließlich ein Problem der japanischen Führung. Sie seien es, die die russisch-japanischen Beziehungen verschlechterten, und nicht Russland.

Nun, wir verstehen, dass Putin sich auf diese Weise wiederum bei ebenjenem Xi Jinping einschmeichelt, mit dem er sich in Bischkek getroffen hat.

Und noch ein letzter Punkt, über den ich sprechen möchte. Ich habe ihn nicht erwähnt, als ich davon erzählte, dass Putin verschiedene angeblich eingenommene Orte nennt. Aber was Putin tatsächlich eingeräumt hat, ist, dass sich Russland praktisch von Sumy zurückzieht. Denn Putin sagte, Russland müsse noch 12 Kilometer bis zur Ringstraße von Sumy überwinden. Ende Juni hatte Putin jedoch gesagt, Russland müsse noch 10,5 Kilometer überwinden.

Dabei sagen Experten, dass Russland in Wirklichkeit 17 Kilometer von Sumy entfernt ist. Ganz zu schweigen davon, dass es in Sumy gar keine solche Ringstraße gibt. Nun, sie existiert nicht.

Aber darum geht es uns nicht. Es geht darum, dass Putin mit dieser Erzählung einräumt, dass die russische Armee nicht vorwärts, sondern rückwärts vorrückt. Wissen Sie, das ist so eine negative Offensive, wie man in der Russischen Föderation gerne sagt. Und Swjatohirsk, dessen Einnahme Putin verkündet hat, befindet sich nach Angaben aller Beobachter derzeit nicht unter der Kontrolle der russischen Armee. Sie befindet sich nicht besonders weit von der Stadt entfernt, etwa zehn Kilometer, aber diese zehn Kilometer kann man, wie Sie verstehen, auch in die entgegengesetzte Richtung zurücklegen.

Das war also eine erste Analyse von Putins Äußerungen. Danke, Freunde, dass Sie zugehört haben.


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Titel des Originals: Нові заяви Путіна: головне | Віталій
Портников. 02.09.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 02.09.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Musterbeispiel für Menschenfresserei.. Vitaly Portnikov. 31.08.2026.

Зразок людожерства. Віталій Портников. 31.08.2026.

Die russischen Funktionäre haben aufgehört, sich zu schämen. Noch vor einigen Wochen konnten wir die vertraute Rhetorik von der Befreiung der Ukrainer von den Nazis hören, von der Vorherrschaft des Westens, der gegen Russland Krieg führe, und von dem „einen Volk“, das von den verfluchten „Nationalisten“ gewaltsam auseinandergerissen worden sei.

Doch nun ruft der stellvertretende Vorsitzende der russischen Staatsduma von Putins „Einigem Russland“, Pjotr Tolstoi, zur Vernichtung ukrainischer Städte auf und behauptet, dass es in der Ukraine keine Unschuldigen gebe. Und der Staatsduma-Abgeordnete einer anderen putintreuen Partei – „Gerechtes Russland“ –, Alexej Schurawljow, bezeichnet den Einsatz von Atomwaffen als Pflicht der Russischen Föderation und vergleicht die Ukrainer mit … den Japanern, die nach den Atombombenabwürfen zu Verbündeten der Vereinigten Staaten wurden. Obwohl man meinen sollte: Was haben Amerikaner und Japaner mit Ukrainern und Russen zu tun? Amerikaner und Japaner hat schließlich nie jemand als ein Volk bezeichnet, nicht wahr?

Putins Handlanger verstehen, dass der Krieg ganz anders verläuft, als man ihn im Kreml geplant hatte. Dass die Armee nicht in dem Tempo vorankommt, das Putins Generäle ihm versprechen. Dass die Europäer der Ukraine auch nach der Reduzierung der Hilfe aus den Vereinigten Staaten weiterhin helfen. Dass die Schläge gegen die russische Wirtschaft ernsthafte Probleme für das künftige Funktionieren des Tschekistenregimes schaffen. Und ihre Wut sind sie bereit, an Frauen und Kindern auszulassen – buchstäblich! Denn die Abrechnung mit Kyiv und dem Kyiver Gebiet ist buchstäblich eine Kompensation dafür, dass es ihnen nicht gelingt, die Kapitulation der Ukraine zu erzwingen.

Ich werde nicht behaupten, dass dies die Hysterie einer Agonie ist. Bis zur Agonie des Putin-Regimes ist es noch weit, sehr weit, und ich schließe nicht aus, dass der russische Präsident auf dem Weg zum Zusammenbruch noch mehrere Angriffskriege entfesseln wird. Aber das ist ein echtes Schuldeingeständnis für ein Kriegstribunal, eine offene Darlegung der tatsächlichen russischen Absichten. Was Tolstoi, Schurawljow und andere russische Propagandisten und Funktionäre jetzt sagen, zerstört endgültig die Legende von der „Brüderlichkeit“ und der Befreiung. 

Die russischen Chauvinisten haben auch früher nie so gedacht, haben die Ukrainer auch früher als Fremde betrachtet und die Eroberung ukrainischer Gebiete auch früher ausdrücklich als Besatzung verstanden – es genügt, die Dokumente aus der Zeit des Vertrags von Perejaslaw und des bolschewistischen Angriffs auf die Ukraine zu lesen, um sich davon zu überzeugen. Aber sie haben immer freudig gelogen, um die Eroberung fremder Gebiete zu rechtfertigen, um zu erklären, warum sie töten, plündern und brandschatzen.

Doch jetzt haben sie aufgehört zu lügen. Und sie haben gezeigt, dass wir es mit der Banalität des reinen Bösen zu tun haben, das nicht einmal mehr versucht, sich als das Gute auszugeben. Und tatsächlich – warum sollte der Teufel verbergen, dass er einen Schwanz hat, wenn es ohnehin jeder sieht? Tolstoi jedenfalls verbirgt ihn nicht mehr.

Übrigens zu Tolstoi, diesem Kannibalen und Widerling, der ein direkter Nachfahre des berühmten russischen Schriftstellers ist. Vor genau 117 Jahren schrieb Lew Tolstoi in einem letztlich nicht abgeschickten Brief an einen hochrangigen russischen Beamten, er schreibe „über einen sehr bemitleidenswerten Menschen, den bemitleidenswertesten von allen, die ich heute in Russland kenne. Diesen Menschen kennen Sie und, seltsam genug, lieben Sie ihn, aber Sie begreifen nicht das ganze Ausmaß seines Unglücks und bedauern ihn nicht so, wie es seine Lage verdient. Dieser Mensch sind Sie selbst … Ich kann die Verblendung nicht begreifen, die es Ihnen erlaubt, Ihre schreckliche Tätigkeit fortzusetzen, denn durch Ihre heutige Tätigkeit haben Sie sich bereits jenen schrecklichen Ruf erworben, aufgrund dessen Sie für immer als Beispiel für Grobheit, Grausamkeit und Lüge gelten werden.“

Heute könnte man diese Worte des russischen Klassikers sowohl an seinen verlogenen Urenkel als auch an diejenigen richten, denen er dient – an Putin, die Generäle der Tschekisten und der Armee, an alle Mittäter des offen angekündigten Mordens an friedlichen Ukrainern. Besser als Tolstoi selbst – der echte Tolstoi wohlgemerkt und nicht der Abschaum mit dem berühmten Nachnamen – kann man es nicht sagen. All diese Menschen sind ein Beispiel für Grobheit, Grausamkeit und Lüge.

Ein Musterbeispiel für Menschenfresserei.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Зразок людожерства. Віталій Портников. 31.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 31.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Tod hinter Gittern. Vitaly Portnikov. 30.08.2026.

Смерть за ґратами. Віталій Портников. 30.08.2026.

In diesen Tagen, als Russland seine systematischen Angriffe auf Kyiv und andere ukrainische Städte fortsetzte, als buchstäblich jede Stunde die Luftschutzsirenen heulten, als Einkaufszentren und Wohnhäuser brannten, starb in Den Haag der ehemalige Chef des Generalstabs der Armee der bosnischen Serben, Ratko Mladić.

Es war ein vorhersehbares Ende. Niemand hatte vor, den alten Mörder selbst kurz vor seinem Tod freizulassen, denn die Verbrechen, die er begangen hatte, ließen keine Begnadigung zu. Und vielleicht ist das Wichtigste jetzt: Mladić starb gerade zu einem Zeitpunkt, als deutlich geworden war, dass all diese Verbrechen eine Generalprobe für Morde ganz anderen Ausmaßes gewesen waren, die Russland nun auf unserem Boden begeht. Ja, formal unterstützte Moskau weder Ratko Mladić noch seinen formellen Vorgesetzten, den Präsidenten der Republika Srpska Radovan Karadžić – er lebt noch und sitzt im Gefängnis. Russland half auch seinem langjährigen Verbündeten, dem faktischen Machthaber über die bosnischen Serben Slobodan Milošević, nicht. In einer kurzen Phase, in der versucht wurde, in Serbien eine echte Demokratie zu etablieren, wurde er der internationalen Justiz ausgeliefert und starb ebenfalls in einer Gefängniszelle des Haager Tribunals.

Doch die russischen Tschekisten waren schon damals an den Vorgängen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens beteiligt, schon damals betrachteten sie den Jugoslawienkrieg als Versuchsfeld. Schon damals halfen sie jenen, sich der Verantwortung zu entziehen, die bereit waren, ihre schrecklichen Wünsche zu erfüllen. Von Srebrenica, das zum blutigen Vorspiel unseres Butscha wurde, von der Belagerung Sarajevos, die zum Vorspiel der Angriffe auf ukrainische Städte wurde, bis zur Jagd auf Menschen in Cherson, bis zu den Raketen- und Drohnenangriffen auf Wohnviertel und bis zur Festnahme Mladićs und seiner Überstellung an das Haager Tribunal vergingen ganze 15 Jahre.

In all diesen Jahren versteckte er sich nicht einmal besonders – zumindest nicht in der Zeit, als sein eigentlicher Vorgesetzter Milošević in Serbien an der Macht blieb. Er wurde nicht aus der serbischen Armee entlassen – wohlgemerkt aus der serbischen, nicht aus der Armee der bosnischen Serben –, er blieb also ein angesehener Militärpensionär. Während dieser gesamten Zeit wusste der FSB, wie aus inzwischen veröffentlichten Dokumenten hervorgeht, wo man ihn finden konnte. Mehr noch: Er schuf für ihn alle Voraussetzungen, seine Freiheit zu bewahren. Hätte Belgrad nicht den Wunsch gehabt, mit Brüssel eine gemeinsame Sprache zu finden und einen wirklichen Prozess der europäischen Integration einzuleiten, wäre Mladić ungestraft gestorben.

Doch man sollte auch etwas anderes wissen. Zoran Đinđić, der serbische Ministerpräsident, der die Auslieferung Miloševićs organisiert hatte, wurde kurz darauf ermordet. Sein Parteifreund Boris Tadić, der Präsident Serbiens wurde und die Auslieferung von Karadžić und Mladić organisierte, wurde politisch marginalisiert. Und in Belgrad kam der ehemalige Propagandaminister Miloševićs an die Macht, der selbst vor dem Hintergrund des Diktators als Radikaler und Lügner erschien – Aleksandar Vučić, den unser Präsident noch vor wenigen Tagen umarmte. Vučić, ein echtes politisches Tier, versteht sehr gut, dass die Mehrheit der Serben Mladić weiterhin für einen Helden und ein Opfer hält und das Blut an den Händen des Mörders hartnäckig nicht sehen will. Deshalb erzählt er seinen Landsleuten von der Ungerechtigkeit der internationalen Justiz, deshalb schlägt er vor, Mladić in serbischer Erde zu bestatten, deshalb empört er sich darüber, dass man den blutbefleckten General nicht zu Hause sterben ließ.

Das heißt: Die Bestrafung hat stattgefunden. Und das ist wichtig. Aber dass die Gesellschaft sich ihrer Verantwortung für das Verbrechen bewusst geworden wäre oder zumindest den Wunsch entwickelt hätte, sich von diesem Verbrechen zu distanzieren – das ist nicht geschehen. Und das bedeutet, dass Den Haag seine wichtigste Funktion nicht erfüllt hat: Es ist nicht zu einer Impfung gegen das Auftreten neuer Mladićs, gegen neue Kriege, gegen neue ethnische Säuberungen geworden. All das kann sich immer und immer wieder wiederholen.

Und für uns ist das die wichtigste Schlussfolgerung für die kommenden Jahrzehnte. Man kann Gerechtigkeit für die Verbrechen eines Täters erreichen – aber man kann ein Land und eine Gesellschaft nicht verändern, wenn die Bürger selbst solche Veränderungen nicht wollen. Die Serben hatten, anders als die Russen, sowohl die Möglichkeiten als auch die Politiker und internationale Unterstützung – und nichts davon hat geholfen. Und das bedeutet, dass wir und die Russen nun – und vielleicht noch jahrzehntelang – unterschiedliche Helden und unterschiedliche Opfer haben werden. Unsere Helden sind diejenigen, die sie aufgehalten haben. Ihre Helden sind diejenigen, die uns getötet haben. Und selbst wenn wir sie zurückschlagen und es uns irgendwann tatsächlich gelingt, Gerechtigkeit für die Verbrecher zu erreichen, und einige von ihnen im Gefängnis statt im eigenen Bett sterben, wird dies in Russland nur das Gefühl der Ungerechtigkeit und die Gier nach Revanche verstärken.

Dieses Damoklesschwert wird auch nach dem Krieg über unseren Köpfen, über den Köpfen unserer Kinder und Enkel hängen. Es ist wichtig, sich einfach daran zu erinnern – nicht nachzulassen und sich nicht wieder einmal täuschen zu lassen: weder von den heimtückischen Fremden noch von den gierigen und dummen eigenen Leuten.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Смерть за ґратами. Віталій Портников. 30.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 30.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Putin fürchtet, am Galgen zu enden | Vitaly Portnikov. 31.08.2026.

Der russische Präsident fürchtet um sein Leben für den Fall einer Niederlage im russisch-ukrainischen Krieg und sagt seinen Mitstreitern sogar, dass man ihn hängen werde, wenn er keinen Erfolg habe. Mit diesen Informationen ist die britische Zeitschrift The Economist an die Öffentlichkeit gegangen, die Putins Neigung zu einer weiteren Eskalation im russisch-ukrainischen Krieg gerade mit solchen Motiven erklärt.

Und wir können mit Sicherheit sagen, dass eine solche Erklärung von Putins Logik auch den Interessen des Kremls entspricht. Es ist eine Sache, wenn Putin die Realität nicht begreift – dann muss alles Mögliche getan werden, damit er sich der Realität bewusst wird und seinen Krieg gegen die Ukraine beendet. Und es ist etwas völlig anderes, wenn Putin sehr wohl versteht, dass er den Krieg nicht gewinnen kann, ihn aber fortsetzen muss, weil er den Zorn des russischen Volkes fürchtet. Dann muss man dem russischen Präsidenten natürlich entgegenkommen, ihm helfen, sein Gesicht zu wahren, und die Ukraine zu Zugeständnissen bewegen, denn die Alternative zu Putin könnte eine noch überraschendere und unberechenbarere Führung der Russischen Föderation mit revanchistischen Einstellungen sein, die denen Putins in nichts nachstehen, sondern die chauvinistischen Ambitionen des russischen Präsidenten sogar noch übertreffen.

Putin bedient sich nicht zum ersten Mal einer solchen Propaganda, die sich an westliche Medien und westliche Politiker richtet. Vom ersten Tag nach seiner Machtübernahme in der Russischen Föderation an betonte er immer wieder, er sei weitaus liberaler als die Mehrheit der russischen Bevölkerung, die in den kommunistischen und chauvinistischen Traditionen der jüngeren Vergangenheit erzogen worden sei. Und deshalb müsse man gerade mit ihm, mit Putin, verhandeln.

Russlands Krieg gegen die Ukraine hat Putins Ruf als berechenbarer Politiker zerstört, der gegenüber der Welt realistischer eingestellt sei als die überwiegende Mehrheit der Russen. Und nun versuchen die Propagandisten des Kremls, diesen Ruf ihres Machthabers wiederzubeleben.

Doch wie sieht es in Wirklichkeit aus? Droht Putin tatsächlich Gefahr, falls der russisch-ukrainische Krieg verloren geht?

Am Anfang dieser Überlegungen müssen wir zunächst verstehen: Was bedeutet überhaupt ein Sieg im russisch-ukrainischen Krieg? Glauben die Russen tatsächlich, dass ihrem Land Gefahr droht und dass sie, falls Russland die Ukraine nicht vollständig vernichten und ihr Territorium dem eigenen Staat einverleiben kann, eine Revolution beginnen und bereit sein werden, die russische Staatsführung zu stürzen?

Solche Stimmungen sind in der russischen Gesellschaft nicht zu beobachten. Man kann von der Apathie der überwiegenden Mehrheit der Russen sprechen. Putin hat ihnen das Krim-Abenteuer und den anschließenden Krieg gegen die Ukraine aufgezwungen. Wenn der russische Präsident morgen verkündet, dass der Krieg beendet wird und die Truppen an der heutigen Trennlinie bleiben – wenn er also faktisch dem Vorschlag zustimmt, den der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky gemacht hat und der vom Westen unterstützt wird –, wird die überwiegende Mehrheit der Russen erleichtert aufatmen.

Erleichtert aufatmen wird auch die russische Wirtschaft, die die Folgen ukrainischer Angriffe auf Marktplätze und eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage im Land fürchtet. Erleichtert aufatmen wird auch die russische Oligarchenelite, weil sie die Chance erhält, den für ihre Geschäfte verheerenden westlichen Sanktionen zu entkommen.

Dann stellt sich die Frage: Wer soll eigentlich eine Revolution ausrufen und einen Wechsel der russischen Staatsführung fordern, wenn die überwiegende Mehrheit der Russen entweder objektiv an einem Ende des russisch-ukrainischen Krieges interessiert ist oder allen politischen Ereignissen gleichgültig gegenübersteht, die den einzelnen Bürger der Russischen Föderation nicht unmittelbar betreffen? Das heißt, sie erinnern sich an den russisch-ukrainischen Krieg erst in dem Moment, in dem eine Drohne in der eigenen Wohnung reinfliegt – und nicht einmal dann, wenn sie die benachbarte Ölraffinerie zerstört.

Und wie wahrscheinlich ist es, dass selbst Proteste gegen Putins Handeln in den letzten Jahren so wirkungsvoll sein könnten, dass die mächtigen Sicherheitsstrukturen der Russischen Föderation nicht mit ihnen fertigwerden könnten – jene Sicherheitsstrukturen, deren Vertreter im Kreml seit dem Jahr 2000 der ehemalige Oberst des Komitees für Staatssicherheit der Sowjetunion ist?

All das sind natürlich rhetorische Fragen, denn wir kennen die Antworten darauf. Wenn Putin beschließt, den russisch-ukrainischen Krieg morgen zu beenden, bedroht seine Macht nichts und niemand. Putin entscheidet sich bewusst für die Eskalation, weil er weiterhin darauf hofft, dass die Zeit es ihm ermöglichen wird, den ukrainischen Staat zu vernichten und die Grenzen der Sowjetunion von 1991 zu erreichen – zumindest entlang der Grenzen der ehemaligen Ukrainischen SSR. 

Dies würde es ihm nach Auffassung des russischen Machthabers ermöglichen, sowohl den ehemaligen Sowjetrepubliken seine Bedingungen zu diktieren, die aus Sicht des Kremls Teil eines neuen Unionsstaates werden sollen, dessen Führer Putin noch immer zu werden hofft, als auch den Ländern Mitteleuropas, die ohne wirksame Unterstützung der Vereinigten Staaten dastehen könnten, falls Putin die Ukraine begräbt.

Eine Gefahr durch irgendeine Revolution in der Russischen Föderation oder einen Aufstand der Russen gegen Putin, falls er den Krieg beendet – all das existiert praktisch nicht. Man sollte nicht glauben, dass die Russen selbst glühende Befürworter des Beginns dieses Krieges waren, dass Putin ihre geheimsten Ambitionen verwirklicht hat und deshalb nun jemand ist, der ein Ende der Kampfhandlungen fürchtet, weil er selbst wesentlich vorsichtiger eingestellt sei als seine eigene Gesellschaft. Im Zusammenhang mit dem russisch-ukrainischen Krieg besteht ein solcher direkter Zusammenhang jedenfalls nicht.

Umso mehr müssen wir uns an eine sehr wichtige Sache erinnern. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung der Russischen Föderation hört auf die eigene Propaganda. Wenn diese Propaganda morgen ihre Rhetorik um 180 Grad ändert und von der Notwendigkeit einer Versöhnung mit der Ukraine spricht und davon, dass Putin die Zivilbevölkerung sowohl Russlands als auch der Ukraine vor dem Krieg rettet, wird die Mehrheit der Russen daran glauben und dem zustimmen.

Ich erinnere mich gut daran, wie sich die Stimmung der Menschen während Gorbatschows Perestroika und in den ersten Jahren Jelzins an der Macht veränderte. Ja, vielleicht blieben viele weiterhin in der sowjetischen Ideologie gefangen, aber sie glaubten, dass die Staatsführung besser wisse, wie das Land zu regieren sei.

Wenn wir über all diese Aufstände und Revolutionen sprechen, müssen wir daran denken, dass wir dabei von jenen Ereignissen ausgehen, die sich im Russischen Reich in den fernen Jahren 1905 oder 1917 ereigneten. Das Russland, das damals existierte, gibt es nicht mehr. Die Bevölkerung dieses Russlands wurde grundlegend umgeformt. Menschen mit eigener Initiative, mit einem Glauben an Demokratie wurden bereits damals entweder erschossen, eingeschüchtert oder aus dem bolschewistischen Russland vertrieben und spielten danach nie wieder irgendeine Rolle in seiner gesellschaftlichen Entwicklung.

Das heutige Russland ist das Russland der Enkel jener, die den Bürgerkrieg gewonnen haben. Also das Russland von Menschen, die nicht nur nicht dazu neigten, eine eigene Position zu vertreten, sondern schlicht Analphabeten waren. Die Bolschewiki brachten ihnen das Schreiben bei, aber nicht das Denken. Dafür überzeugten sie sie davon, dass die Staatsmacht alles besser weiß.

Und genau in diesen Traditionen haben diese Menschen, die ihr Leben mit Büchern über die sozialistische Revolution und mit Schulbüchern begannen, in denen sie lernten, dass „Mama den Fensterrahmen wusch“, ihre Nachkommen erzogen. Und genau diese Nachkommen sind heute in der Russischen Föderation an der Macht und stellen die überwiegende Mehrheit ihrer Bürger.

Alle Veränderungen in diesem postbolschewistischen Russland – sowohl nach Stalins Tod als auch nach Breschnews Tod – waren Veränderungen, die von oben durch die Führer der Kommunistischen Partei oder durch ehemalige Parteifunktionäre initiiert wurden, wenn wir etwa an Boris Jelzin denken. Und natürlich versteht auch Putin das sehr gut. Er versteht also, dass ihn niemand irgendwo hängen und niemand einen Aufstand gegen ihn organisieren wird.

Nein, der russische Machthaber fürchtet nicht um sein Leben. Aber er möchte, dass man im Westen genau das glaubt, dass die westliche Presse darüber schreibt, dass westliche Politiker so denken, dass man sich mit ihm zu Bedingungen verständigt, die einer Kapitulation der Ukraine gleichkommen – nur um, Gott bewahre, eine neue Revolution in Russland, irgendwelche Veränderungen in eine ungewisse Richtung und eine unkontrollierte Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern.

All diese Geschichten, mit denen russische Propagandisten ihre leichtgläubigen westlichen Gesprächspartner füttern, kann ich Ihnen erzählen, denn sie kursieren bereits seit mehreren Jahrzehnten. Vertrauen wir also nicht denen, die glauben, Putin entscheide sich tatsächlich für die Eskalation, weil die Alternative zur Eskalation eine Revolution wäre.

Nein, die Alternative zur Eskalation besteht faktisch darin, dass der russische Präsident auf seine imperialen Ambitionen verzichtet. Und genau das ist etwas, was er zumindest in absehbarer Zukunft nicht zulassen kann. Und genau das muss durch die Zerstörung der Wirtschaft der Russischen Föderation erzwungen werden. Glauben Sie mir: In den kommenden Jahren der erbitterten russisch-ukrainischen Konfrontation wird es keine andere Alternative geben.


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Titel des Originals: Путін боїться потрапити на шибеницю |Віталій Портников. 31.08.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 31.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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