Wie man in einer grauen Welt gewinnt | Vitaly Portnikov @uames-ua. 13.07.2026.

Wir befinden uns tatsächlich jetzt in einer völlig ungewöhnlichen historischen Situation eines perfekten Sturms, der grundsätzlich zu einer weiteren Chaotisierung der weltweiten Prozesse führen wird. Und in dieser Chaotisierung wird es, wie Sie verstehen, im kommenden Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts immer schwieriger werden zu überleben.

Und das hängt damit zusammen, dass die wichtigsten globalen Akteure in die Falle ihrer eigenen, würde ich sagen, Selbstüberschätzung, ihres Unprofessionalismus und ihrer Unfähigkeit geraten sind, Risiken richtig zu kalkulieren. Das geschah fast gleichzeitig mit den Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation.

Bei der Russischen Föderation geschah das, wie Sie wissen, im Jahr 2022, als man im Kreml entschied, ein schneller Vormarsch der russischen Truppen auf ukrainische Stellungen werde die Möglichkeit schaffen, die ukrainische Staatsführung neu zu formatieren, den größten Teil unseres Territoriums der Russischen Föderation einzuverleiben und auf dem Teil, der möglicherweise unbesetzt geblieben wäre, einen Marionettenstaat nach belarussischem Vorbild zu schaffen. Dieses ganze Abenteuer scheiterte buchstäblich innerhalb weniger Wochen.

Und seitdem versucht Russland nun schon seit viereinhalb Jahren, die Krise zu bewältigen, die es selbst begonnen hat, in der Hoffnung, ein Abnutzungskrieg werde die Ukraine doch noch zwingen, jenen Bedingungen des Zusammenlebens zuzustimmen, die 2022 skizziert wurden, oder doch noch zu einem schrittweisen, wenn auch nicht schnellen Zusammenbruch der ukrainischen Staatlichkeit führen.

Und all das führt Russland in eine immer größere geopolitische Sackgasse, unabhängig davon, was mit der Ukraine geschieht. Die Ukraine ist hier überhaupt nicht einmal ein Faktor, der die inneren Möglichkeiten Russlands wirklich beeinflusst. Die Ukraine ist ein Faktor, der Russlands Unfähigkeit demonstriert, das Ausmaß der Risiken und jene Probleme einzuschätzen, die durch seinen eigenen Einfluss entstehen.

Und Sie können mit eigenen Augen sehen, wie Russland seit viereinhalb Jahren seinen Einfluss im postsowjetischen Raum und im Globalen Süden verliert, wie es seinen wichtigsten Verbündeten nicht helfen kann, wie seine geopolitischen Pläne sowohl im Kaukasus als auch in Zentralasien und anderswo zusammenbrechen.

Vier Jahre später wiederholten die Vereinigten Staaten von Amerika praktisch denselben Fehler, als sie in einen aus politischer und, so merkwürdig es auch klingen mag, militärtechnischer Sicht völlig undurchdachten und unvorbereiteten Krieg mit dem Iran eintraten, dessen Höhepunkt das ist, was wir heute sehen: die Beerdigung des in den ersten Tagen dieses Krieges getöteten Obersten Führers des Iran, Ayatollah Khamenei.

Und vielen bleibt nur, diese Zeremonie sarkastisch zu verspotten, die Uniformjacke Dmitri Medwedews oder die Tatsache, dass die saudische Delegation in, wie ich sagen würde, unerwarteten weißen Farben zur Beerdigung erschien, die nicht der schiitischen Bestattungstradition entsprechen.

Doch in Wirklichkeit hätte es diese Beerdigung aus Sicht der amerikanischen Pläne überhaupt nicht geben dürfen. Es hätte zum Zusammenbruch des iranischen Regimes kommen sollen, zur Schaffung eines verständlicheren, wenn auch nicht demokratischeren Iran, zur Verurteilung desselben Ayatollah Khamenei, der, wie Sie verstehen, während seiner Herrschaft am Tod Zehntausender seiner Landsleute beteiligt war, und zur Kontrolle über das iranische Öl.

Doch alles geschah genau umgekehrt. Nun kontrolliert der Iran im Grunde die globalen Handelsrouten. Was in einigen Wochen sein wird, weiß niemand. Der Präsident der Vereinigten Staaten versucht, sich aus dieser, würde ich sagen, sowohl geopolitischen als auch wirtschaftlichen Falle zu befreien, in die er infolge der Unüberlegtheit der Operation geraten ist. Und auch der geopolitische Einfluss der Vereinigten Staaten nimmt vor unseren Augen ab.

Man kann nicht sagen, dass dies die erste derartige Situation in der Geschichte ist, aber möglicherweise ist es die erste, in der die beiden wichtigsten nuklearen Supermächte des 20. und 21. Jahrhunderts gleichzeitig in eine solche Falle geraten sind.

Die Vereinigten Staaten verloren den Vietnamkrieg. Sie bewiesen praktisch, dass sie dem kommunistischen Block nicht widerstehen konnten, wenn eines der Länder dieses kommunistischen Blocks über ein deutlich größeres Durchhaltevermögen verfügte als die Vereinigten Staaten über die Bereitschaft, ihre Verbündeten im ehemaligen Indochina zu verteidigen.

Die Folgen dieser amerikanischen Niederlage waren erschütternd: eine Stärkung des kommunistischen Einflusses buchstäblich in der ganzen Welt, das Entstehen von am sowjetischen System orientierten Staaten in Afrika und sogar in Lateinamerika, neben Kuba, die Verstärkung linksradikaler Stimmungen, eine weltweite kommunistische Bewegung, die neben dem bereits traditionell starken Einfluss der an Moskau orientierten kommunistischen Parteien völlig unvorhersehbare Triebe in Form einer starken prochinesischen kommunistischen Bewegung hervorbrachte, deren Positionen ebenfalls nicht unterschätzt werden sollten. Denn die Kommunistische Partei Indiens, eine marxistisch-leninistische, maoistische Partei, gelangte in dieser Epoche faktisch in einem so riesigen indischen Bundesstaat wie Westbengalen an die Macht. Und übrigens gibt sie diese Macht seit vielen Jahrzehnten nicht ab.

Das heißt, die Vereinigten Staaten verloren faktisch die geopolitische Konfrontation mit der Sowjetunion, trotz all ihrer technologischen Vorteile.

Doch kaum ein Jahrzehnt nach dem amerikanischen Fiasko, sogar noch schneller, nach fünf oder sechs Jahren, verstrickte sich die Sowjetunion in den Krieg in Afghanistan, der ebenfalls ein gewaltiger Fehler war und der seinerseits, angesichts des technologischen und wirtschaftlichen Rückstands der Sowjetunion sowie der gerontokratischen Herrschaft in diesem Land, zum Zusammenbruch des sozialistischen Lagers, der Organisation des Warschauer Paktes und schließlich der Sowjetunion selbst führte, zur Entstehung einer unipolaren Welt und zu Gesprächen über ein mögliches Ende der Geschichte durch den Sieg der Demokratie.

Nun befinden wir uns erneut in einer Situation wie beim Vietnam- und Afghanistan-Krieg, aber wiederum völlig gleichzeitig, was es früher nicht gab, wenn sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Russische Föderation, die sich übrigens nicht mehr in einer so offenen Konfrontation miteinander befinden wie nach dem Zweiten Weltkrieg, die Weltbühne als Länder verlassen, die die Zukunft der Menschheit bestimmen.

Doch es gibt eine Korrektur, die es in den 1970er Jahren nicht gab. Es gibt die Volksrepublik China. Und nun beobachten wir möglicherweise den letzten und interessantesten Akt dieses Dramas. Er heißt: Wird China der Versuchung erliegen oder sich zurückhalten?

Wenn die Volksrepublik China in einer Situation, in der die Vereinigten Staaten und die Russische Föderation als Figuren auf diesem Schachbrett praktisch schon nicht mehr existieren, entscheidet, dass sie demonstrieren muss, dass sie ihre Priorität mit Gewalt durchsetzen kann, und sich in einen ähnlichen Krieg im asiatisch-pazifischen Raum verstrickt, spielt es nicht einmal eine Rolle gegen wen: gegen Taiwan, gegen die Philippinen oder gegen Japan. Einem solchen Staat ist es einfach wichtig, seine Vorrangstellung zu beweisen. Das Ziel ist zweitrangig. Und wenn China dieselbe Niederlage erleidet wie Amerika oder Russland – und höchstwahrscheinlich wird es sie erleiden, weil es unter den technologischen Bedingungen der heutigen Kriege für einen großen Staat schwierig ist, schnell die Kontrolle über einen kleinen herzustellen, das ist die gegenwärtige Formel –, dann wird in der Welt völliges Chaos herrschen.

Das internationale Recht wird endgültig zerstört sein. Der Wert des menschlichen Lebens wird vollständig entwertet. Die wirtschaftlichen Beziehungen werden zerstört. Es beginnt eine Periode des Überlebens jeder einzelnen Institution, jedes einzelnen Staates, jedes einzelnen Volkes. Recht haben wird nicht einmal mehr der Starke, sondern derjenige, der sich verteidigen kann.

Das wird ein in seiner Dramatik unglaublicher Überlebenskampf sein, der grundsätzlich eine neue Weltordnung hervorbringen wird, allerdings erst nach unserem Tod. Selbst wenn wir irgendwie eines natürlichen Todes sterben. Obwohl es, wie Sie verstehen, in einer solchen Situation überhaupt ein unglaubliches Glück wäre, eines natürlichen Todes zu sterben.

Aber China kann sich zurückhalten, und das wäre noch gefährlicher. Denn wenn es sich zurückhält, bleibt es die einzige gefährliche Macht auf dem Brett des geopolitischen Wettbewerbs. Verstehen Sie, die Stärke einer Großmacht besteht nicht darin, dass sie diese Stärke einsetzt, sondern darin, dass sie mit dieser Stärke droht.

Worin bestand überhaupt die Stärke Russlands gegenüber der Ukraine? Darin, dass wir verstanden, dass wir uns eine direkte Konfrontation mit der Russischen Föderation nicht erlauben konnten. Und deshalb mussten wir bestimmte Schritte unternehmen, um Russland von einer offenen Aggression gegen uns abzuhalten.  

Das war ein Gesetz der ukrainischen Politik, das besondere Schärfe gewann, als Russland 2014 demonstrierte, dass es zu einem echten Krieg bereit war. Und seitdem bestand die Aufgabe des ukrainischen Staates darin, Russland auf verschiedene Weise abzuhalten: durch Manöver, Versprechen, sich zu einigen, die Präsenz prorussischer politischer Kräfte, prorussischer Fernsehsender, Geschäftskonstruktionen, durch alles Mögliche, um die Russische Föderation von einer direkten Konfrontation abzuhalten.

Mit dieser Aufgabe sind wir tatsächlich nicht fertig geworden. Wir sind gerade deshalb nicht fertig geworden, weil die Regierung, die nach 2019 hier an die Macht kam, statt die Russische Föderation von einer direkten Konfrontation abzuhalten, begann, mit der Russischen Föderation über Bedingungen des Zusammenlebens zu verhandeln, was in Russland stets als Zeichen von Schwäche wahrgenommen wird.

Und gerade dieser Fehler der Russischen Föderation, unseren Wunsch nach einer Einigung als Zeichen von Schwäche zu verstehen, führte dazu, dass wir sie nicht von einer direkten Konfrontation abhalten konnten. Doch diese direkte Konfrontation führte nicht zu dem Ergebnis, mit dem Russland gerechnet hatte.

Und damit hat Russland keine Karten mehr, wie Donald Trump gern sagt, denn seine wichtigste Karte war die Drohung mit der Vernichtung. Nun, vielleicht ist jetzt noch eine Karte übrig: das Territorium mit Atomwaffen zu überziehen.

Sie kann eingesetzt werden, aber was ändert sie, wenn bereits klar ist, dass Russland ohne Atomwaffen zu nichts fähig ist? Mit Atomwaffen kann es jeder, das ist nun wirklich keine Neuigkeit.

Dasselbe gilt für die Vereinigten Staaten. Solange sie dem Iran mit Angriffen drohten, waren sie eine ernsthafte Bedrohung, die viele iranische Handlungen stoppen konnte, darunter übrigens auch die Entwicklung von Atomwaffen. Denn: „Wenn wir etwas aktiver anreichern, etwas aktiver tun, zu einem wirklichen Ergebnis kommen, können sie uns mit der gesamten Kraft ihres militärisch-industriellen Komplexes angreifen, der sich in Wirklichkeit als nicht so effektiv erwiesen hat, wie wir dachten.“

Und nun wird China entweder durch dieses Tor gehen oder davor stehen bleiben. Und wenn ich natürlich der Vorsitzende der Volksrepublik China wäre, würde ich stehen bleiben. Aber das ist eben das Unglück der Welt. Wenn ich gleichzeitig Vorsitzender der Volksrepublik China, Präsident der Russischen Föderation und Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wäre, dann würde, wie Sie verstehen, ein goldenes Zeitalter in der Welt herrschen. Aber bis dahin muss man einfach erst einmal leben.

Der Vorsitzende der Volksrepublik China kann von völlig anderen Motiven geleitet werden als ich, denn er hat die Regeln gebrochen. Übrigens müssen Sie verstehen, dass wir uns überhaupt in einer Welt der Regelbrecher befinden.

  • Der Präsident der Russischen Föderation hat die Regeln gebrochen, weil er die Verfassung änderte, länger als zwei Amtszeiten im Amt blieb und noch zwei weitere Amtszeiten absolvierte, nachdem er in den Kreml zurückgekehrt war.
  • Der Vorsitzende der Volksrepublik China brach die Regeln, als er für eine dritte Amtszeit gewählt wurde.
  • Der Präsident der Vereinigten Staaten brach im Grunde die ungeschriebenen Regeln der amerikanischen politischen Existenz, als er ins Weiße Haus zurückkehrte, bereits als jemand, der verschiedener nicht besonders angenehmer Dinge beschuldigt wurde und dessen Schuld selbst der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten bestehen ließ. Etwas, das es, wie Sie verstehen, in den Vereinigten Staaten noch nie gegeben hatte.

Und jeder dieser Menschen verteidigt entgegen den Regeln sein Recht, dort zu sein, wo er ist. Deshalb handelt er unkonventionell.

Daher kann der Vorsitzende der Volksrepublik China meinen, wenn er nicht mit Gewalt handelt, werde die Frage entstehen, warum man ihn für eine vierte Amtszeit wiederwählen solle, wenn er so unentschlossen sei. Vielleicht braucht man einen jüngeren und entschlosseneren Führer? Vielleicht muss man zum alten Rotationsprinzip zurückkehren und entscheiden, dass dieser schon nicht mehr so jung, nicht mehr so beweglich ist und die realen Möglichkeiten nicht sieht.

Das heißt, auf dem Weg in dieses Chaos kann eine völlig andere Logik wirken. Und einigen wir uns darauf: Wir werden in einer chaotischen Welt leben, entweder zu hundert oder zu fünfundsiebzig Prozent.

Da wir uns nicht in Südostasien befinden, leben wir in jedem Fall in einer Welt völligen Chaos aus rechtlicher, wirtschaftlicher und politischer Sicht. Und zweifeln Sie nicht daran: Aus diesem Chaos werden wir nicht herauskommen. Das ist einfach die Norm.

Und was ist eine der wichtigsten Aufgaben in einer solchen schwierigen Situation? Sich das selbst zu sagen. Eines der größten Probleme eines Menschen in einer solchen Lebenssituation ist die Unentschlossenheit, sich das selbst einzugestehen, die Wahrheit anzunehmen.

Hören Sie, so ist es nach der Beerdigung eines nahestehenden Menschen oder wenn man von einer eigenen oder fremden schweren Krankheit erfährt, wenn man sich sagen muss: „Ich habe das oder ich habe diesen Menschen nicht mehr. Ich habe ein Kind verloren, ich habe meine Frau verloren, ich habe Krebs und muss damit weiterleben. Weiterleben, mich behandeln lassen, wenn es eine Krankheit ist, darüber nachdenken, wie ich die nächsten Jahrzehnte ohne den nahestehenden Menschen leben soll.“ Wenn ich mir das nicht sage, gerate ich in eine Welt, die es nicht gibt, und gehe in dieser Welt zugrunde. Und es gibt keine Möglichkeit, mich aus dieser Welt herauszuholen, wenn ich in einer vorgetäuschten leben will.

Ein gewaltiges Problem der Ukrainer in diesem Krieg und in diesem Chaos besteht darin, dass die überwältigende Mehrheit der Gesellschaft in dieser vorgetäuschten Welt leben will und glaubt, man könne in jene Welt zurückkehren, die, sagen wir, vor 2022 oder vor 2014 existierte, ohne zu begreifen, dass es diese Welt nie wieder geben wird. Man kann nicht in die historische Vergangenheit zurückkehren. Das ist der erste Punkt.

Und das ist übrigens kein Moment irgendeiner, wissen Sie, abstrakten geopolitischen Überlegung. Darüber begann man nach dem letzten Angriff auf Kyiv zu sprechen. Denken Sie darüber nach: nach dem letzten Angriff auf Kyiv. Und ich habe den ernsthaften Verdacht, dass viele darüber zu sprechen begannen, weil ich mich schließlich entschlossen hatte, es auszusprechen.

Wir leben seit viereinhalb Jahren in einem großen Krieg mit Raketenbeschuss und Angriffen durch unbemannte Luftfahrzeuge. Unsere kommunalen Haushalte werden für Parks, Stadtverschönerung, neue Straßen und die Renovierung irgendwelcher Gebäude ausgegeben, statt den überwiegenden Teil der kommunalen Haushalte für den Bau von Schutzräumen zu verwenden.

Die überwältigende Mehrheit der Ukrainer geht in keine Schutzräume, selbst dort nicht, wo es welche gibt, weil sie meint, man könne nach dem Prinzip leben: „Hier gibt es so viele Häuser, mein Haus wird es nicht treffen.“ Wie ich von einem Bekannten hörte, der mir stolz seinen Gesprächspartner zitierte: „Stell dir vor, was für ein kluger Mensch. Er sagte: ‚In Kyiv gibt es so und so viele Häuser. Wie soll ausgerechnet eine Rakete mein Haus treffen?‘“

Nun, jeder Getötete war ebenfalls überzeugt, dass sein Haus nicht getroffen würde. So wie jeder Mensch, der auf die Straße geht und bei Rot die Fahrbahn überquert, überzeugt ist, dass ihn kein Auto überfahren wird. Aber man muss bei Grün gehen. Es ist dasselbe.

Doch Sie sehen, mit der Verstärkung dieser massiven Angriffe steigt die Zahl der Menschen in den Stationen der Kyiver Metro. Und es stellt sich heraus, dass dort kein Platz ist. Wenn die Menschen gewissenhaft ihre Pflichten erfüllen, zu denen man sie seit den ersten Kriegstagen aufruft, und in den Schutzraum gehen, dann gibt es im Schutzraum tatsächlich keinen Platz. Wie viele Menschen suchten beim letzten Mal in der Kyiver Metro Schutz? Ich glaube, 53.000. 53.000 in einer Stadt mit zwei Millionen Einwohnern.

Stellen Sie sich vor, alle würden Schutz suchen. Ganz zu schweigen davon, dass die überwältigende Mehrheit der Bewohner von Kyiv überhaupt keine Metrostation in der Nähe hat und niemand darin irgendein Problem sieht. Und die Menschen sitzen in ihren Häusern, gehen nirgendwo hinunter und haben Angst, was für mich ebenfalls ein gewaltiges psychologisches Rätsel ist.

Doch es stellt sich die Frage: Warum baut man keine Schutzräume? Aus irgendeiner bösen Absicht? Nein, weil alle überzeugt sind, der Krieg werde in drei Monaten enden. Wie könnte er denn nicht enden?

Davon waren die Menschen 2022 überzeugt. Davon waren sie 2023, 2024, 2025 und 2026 überzeugt. Sie werden 2027, 2028, 2029 und 2030 davon überzeugt sein und nichts tun, sondern so tun, als lebten sie nicht einfach ein friedliches Leben, sondern ein Vorfriedensleben.

„Lasst uns ein Vorfriedensleben führen. Der Krieg wird bald enden. Wenn er endet, dann beginnt alles. Was soll das? Deshalb muss man neue Einkaufszentren bauen. Vielleicht wird es sie nicht treffen. Deshalb muss man Geld in irgendein Geschäft investieren. Vielleicht funktioniert es.“

In meinem eigenen Haus findet derzeit ein großer Umbau des Erdgeschosses statt. Jemand hat das Erdgeschoss gekauft, baut dort schöne Türen ein, investiert Geld und denkt vermutlich daran, dort irgendein Café oder Büros einzurichten.

Und daneben gibt es einen Luftschutzbunker, weil ich in einem spätstalinistischen Gebäude wohne. Und ich habe einen Luftschutzbunker, einen echten Luftschutzbunker, wie man ihn in den 1950er Jahren gebaut hat, als noch der Koreakrieg lief, als man verstand, dass es jederzeit zu einem wirklichen Raketenangriff kommen konnte. Und er ist seit Langem mit Wasser gefüllt, und niemand repariert ihn.

Dieser Mensch, der Geld in ein Geschäft investiert, denkt nicht einmal daran, dass alle, die sich in diesem Café oder Büro befinden werden, einfach Opfer eines Raketenangriffs oder eines Drohnentreffers werden können. Und sie werden nirgendwohin gehen können. Vielleicht schaffen sie es zur Metro, falls zu diesem Zeitpunkt dort Platz für sie sein wird. Es kann aber einfach keinen Platz geben.

Und ich denke, dass in dieser Situation die meisten Menschen in unserem Land so leben.     Das ist die Unfähigkeit, angemessen auf Herausforderungen zu reagieren, der Versuch, sich in einer nicht existierenden Welt einzurichten.

Und Schutzräume sind nur eines dieser sehr offensichtlichen Beispiele. Ein anderes Beispiel ist der Versuch, die eigene Lebenserfahrung nicht auf denjenigen zu übertragen, gegen den man Krieg führt. Wir halten seit viereinhalb Jahren Raketen und Beschuss stand und verlieren Angehörige und Bekannte. Aber wir sind aufrichtig überzeugt, wenn wir die Russische Föderation angreifen, werden die Russen sofort rufen: „Lasst uns den Krieg beenden.“ Sie werden Putin zwingen, die Truppen aus dem ukrainischen Territorium abzuziehen. Und so wird alles enden.

Auf die einfache Idee, dass die Russen auf Gefahr genauso reagieren können wie wir, kommt aus irgendeinem Grund niemand, weil unser Krieg gerecht und ihrer ungerecht ist. Nun, ihrer ist tatsächlich ungerecht, nur müssten sie das in ihrer Mehrheit erst noch anerkennen.

Und deshalb beginnt sich die Gesellschaft wiederum in zwei Kategorien zu teilen. Die einen sagen: „Schlagt sie härter, damit sie schneller aufbegehren.“ Die anderen sagen: „Schlagt sie nicht, denn sie werden antworten.“ Als hätten sie uns zuvor ohne unsere Angriffe auf Russland nicht angegriffen.

Sowohl die eine als auch die andere Position ist völlig unrealistisch. Wir greifen Russland nicht an, damit dort jemand aufbegehrt und sagt, der Krieg müsse beendet werden, sondern um die Menge all dessen zu verringern, was auf uns zufliegt. Das ist eine einfache Antwort, aber aus irgendeinem Grund ist sie nicht allgemein anerkannt.

Das Dritte, was mich bei dieser Wahrnehmung des Krieges ebenfalls ernsthaft beunruhigt, ist, dass wir selbst in einer Situation einer so großen Bedrohung in einem schwarz-weißen Weltbild leben.

Früher mussten wir alles über Russland wissen. Natürlich am besten aus Serien über Rubljowka und Barwicha. Jetzt wollen wir überhaupt nichts über Russland wissen, obwohl nichts über den eigenen Feind zu wissen der beste Weg zur Niederlage ist.

Ich meine, genauso wie die kommunalen Haushalte an jedem einzelnen Ort für Schutzräume und militärische Bedürfnisse ausgegeben werden sollten, sagen wir für Militärmedizin, für Erste Hilfe für Opfer von Angriffen und so weiter, genauso sollte der Staatshaushalt die Erforschung Russlands finanzieren, die bei uns praktisch nicht existiert. Stattdessen gibt es den Wunsch von Amateuren, mit Roman Abramowitsch zu sprechen, damit er alles für sie regelt, denn es ist ja Abramowitsch.

So leben wir und überzeugen uns selbst davon, wir hätten irgendeine glänzende geheimdienstliche Analyse, die Staatsführung verstehe alles, wisse alles, erhalte unglaubliche Informationen und ziehe daraus angemessene Schlüsse. Nichts davon gibt es.

Und auch das ist eine Frage der Annahme. Die Annahme der Situation ist der erste Punkt, der uns zum Überleben in einer schwierigen Lage führt: eine realistische Einschätzung, wenn schon nicht der eigenen Möglichkeiten, dann doch des eigenen Maßstabs und der Fähigkeit, diesen Maßstab für Überleben und Sieg zu nutzen.

Ich stellte unerwartet fest, dass, als ich in einem Interview sagte, die heutige Zeit sei eine Zeit, in der kleine Staaten den großen bewiesen hätten, dass diese Probleme mit ihnen nicht mit Gewalt lösen könnten, eine große Zahl von Kommentatoren mir schrieb: „Was soll das, warum ist die Ukraine ein kleiner Staat? Das ist ein großer Staat, vierzig Millionen Menschen.“

Nun, erstens gibt es keine vierzig Millionen. Sie sind nicht mehr Frau Rabinowitsch, Sie sind bereits Witwe Rabinowitsch. Bei uns sind es etwa fünfundzwanzig Millionen. Und Gott gebe, dass diese Zahl erhalten bleibt, denn die Aussichten darauf, dass sie erhalten bleibt, sind gering.

Aber wichtig ist nicht, ob wir fünfundzwanzig oder vierzig Millionen sind. Wichtig ist, dass wir gegen ein Land mit 120 Millionen Menschen kämpfen, mit dem größten Territorium der Welt und dem größten Nuklearpotenzial der Welt. Und wir verlieren nicht. Das ist ein Wunder.

Und wenn wir uns sagen, wir seien eine ebenso große Macht, dann stellt sich die Frage: Warum sind zwanzig Prozent des Territoriums dieser großen Macht besetzt?

Nun, vielleicht deshalb, weil wir keine so große Macht sind, weil wir gegenüber Russland eben in einer anderen Gewichtsklasse waren und in dieser anderen Gewichtsklasse 2014 und übrigens auch 2022 und 2023 überlebt haben, vergessen Sie das nicht. Gegenüber einem Staat mit völlig anderem Mobilisierungspotenzial, wirtschaftlichen Möglichkeiten und militärisch-industriellem Komplex.

Aber wenn wir uns sagen, wir seien Russland vom Gewicht her ebenbürtig, und dabei faktisch die institutionelle Erinnerung der Sowjetunion nutzen, dann erscheinen wir in den eigenen Augen als ein Land, das eine Niederlage erleidet. Denn wie kann es sein, dass wir so groß sind und nicht einmal das läppische Gebiet Kursk samt dem Gebiet Brjansk erobern können?

Das ist also ebenfalls ein sehr wichtiger Punkt: zu erkennen, womit wir es hier tatsächlich zu tun haben und welches Ausmaß unsere Errungenschaften in diesen Jahren haben.

Und hier ist es völlig angebracht, nicht nur über unsere Reaktion gegenüber Russland zu sprechen, sondern auch über unsere Reaktion gegenüber all unseren Verbündeten und Partnern.

Realismus ist die Fähigkeit, situationsbedingte Bündnisse zu schließen, und die Fähigkeit zu verstehen, wer im jeweiligen Augenblick dein Verbündeter und wer dein Gegner ist.

Nun, mitten in einem weiteren polnischukrainischen Konflikt – denn auch er ist keine Sensation – befinden wir uns in einer solchen Situation, würde ich sagen, einer Welle historischer Erinnerung und der Nutzung dieser historischen Erinnerung durch politische Lager in beiden Ländern übrigens schon seit 35 Jahren, wenn Sie so wollen. Seitdem bei uns überhaupt historische Erinnerung entstanden ist.

Denken Sie nur daran, dass unsere ukrainische historische Erinnerung etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre lang marginal war, weil unsere historische Erinnerung weiterhin die sowjetische historische Erinnerung blieb. Warum gibt es in Polen keine historischen Konflikte mit Belarus? Weil Belarus im sowjetischen Kontext lebt. Ihr Unabhängigkeitstag ist der Tag der Befreiung der Heldenstadt Minsk von den deutsch-faschistischen Besatzern. Welches Problem kann es mit einem solchen Land geben?

Aber stellen Sie sich vor, auf der politischen Landkarte der Welt erscheint ein echtes Belarus. Mit dem Pahonja-Wappen. Und Litauen und Polen fragen: „Sagen Sie bitte, was haben Sie denn da abgebildet?“ Wie es übrigens in den ersten Jahren der belarussischen Unabhängigkeit mit den Ansprüchen auf die Geschichte des Großfürstentums Litauen und auf die eigene Rolle in der polnisch-litauischen Adelsrepublik geschah. „Was ist das? Warum betrachten Sie unsere Helden als Ihre Helden? Und warum erklären Sie Mickiewicz zu einem Litwiner? Sind Sie verrückt?“ Mit Ansprüchen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg gegenüber der Ukraine, Polen und Litauen. Dasselbe wird beginnen, sobald Belarus sich, falls es sich befreit, aus dem sowjetischen Kokon löst. Wir haben uns einfach befreit, und es begann.

Man muss jedoch stets an etwas anderes denken: Im selben Polen existieren historisch seit dem letzten Jahrhundert zwei Lager politischen Denkens, ein rechtsradikales und ein zentristisch-liberales. Und dieses zentristisch-liberale Lager sucht ständig nach Verständigung mit den Ukrainern, während das rechtsradikale Lager ständig nach Möglichkeiten für Formen des Unverständnisses sucht. Und zwar sowohl das polnische als auch das ukrainische.

Die Ermordung von Tadeusz Hołówko in Truskawez, die uns aus Sicht unserer historischen Erinnerung überhaupt nicht interessiert, ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Tadeusz Hołówko war eine der wichtigsten Persönlichkeiten im Umfeld Piłsudskis, die zu einer ukrainisch-polnischen Versöhnung neigte, und wurde von Kämpfern der Organisation Ukrainischer Nationalisten ermordet.

Für die Kämpfer gibt es überall in Galizien Gedenktafeln. An Tadeusz Hołówko erinnert sich niemand. Doch das Ziel seiner Ermordung bestand gerade darin, jene Menschen im polnischen Lager zu beseitigen, die für die Ukrainer als Verhandlungspartner hätten erscheinen können. Und das war das politische Programm Stepan Banderas und Roman Schuchewytschs in der Vorkriegszeit. Das ist objektive Realität.

Und wiederum: Müssen wir uns über diesen Ansatz unter den Bedingungen der Diskriminierung der Ukrainer im Vorkriegspolen wundern, wenn Bandera, Schuchewytsch oder andere meinen konnten, all diese Annäherungsversuche an die Ukrainer seien der Versuch, sie in politische Polen zu verwandeln? Während wir, Bandera und Schuchewytsch, wollen, dass die Ukrainer ihren eigenen Staat auf jenen Gebieten haben, die Polen zu Unrecht besitzt.

Das ist also viel komplizierter, als zu sagen: Das hier sind Verbrecher und Terroristen, wie unsere polnischen Freunde sagen, und diese hier sind Gerechte und Helden.

Auch das entstand nicht aus dem Nichts, denn wir verstehen, dass derselbe Tadeusz Hołówko in den Ukrainern ordentliche Bürger Polens sehen wollte und einfach sagte, man dürfe sie nicht wie Vieh behandeln, denn Vieh werde kein ordentlicher Bürger, weil es Respekt für sich als Mensch und Bürger verlangt.

Doch so war es während der gesamten Vorkriegszeit. Und übrigens nicht nur mit den Ukrainern. Die ukrainische Frage trat etwa im Zentrum Polens, nicht irgendwo am Rand wie in Galizien, deutlich hinter die jüdische Frage zurück. Denn etwa in demselben Warschau, daran erinnere ich ständig, gewann das rechte Lager, jenes Lager, dessen Erbe Jarosław Kaczyński später wurde, unverändert alle Kommunalwahlen.

Und wer war Bürgermeister von Warschau, was meinen Sie? Ein rechter oder ein linker Politiker? Und warum? Warum war, wenn die Rechten die Wahlen gewannen und die linken polnischen Sozialisten stets Zweite wurden, dann ein Linker der Stadtchef von Warschau? Weil die jüdischen Parteien, die natürlich nicht gemeinsam mit rechten Radikalen und Antisemiten stimmen wollten, zusammen mit den Linken abstimmten und gemeinsam mit ihnen eine Mehrheit hatten.

Und was dachte dann ein rechter Pole? Dass dies einfach eine jüdische Herrschaft über die Hauptstadt sei. „Nun, so ist es. Wenn wir die Juden nach Madagaskar schicken, erhalten die Polen endlich die Möglichkeit, jenen Bürgermeister zu haben, für den sie stimmen, und nicht den Bürgermeister, für den die Juden stimmen.“

Und? Auch das ist eine Realität, an die man denken muss. Aber die Juden verstanden, wer ihre Verbündeten in Polen waren, während wir nicht bereit sind, uns zu sagen, dass wir in Polen sowohl Verbündete als auch Gegner haben. Und wir müssen mit den Verbündeten Verständigung finden und Bedingungen schaffen, unter denen sie nicht verlieren, und selbst im rechten Lager Verbündete suchen, indem wir nutzen, dass ein Teil dieses rechten Lagers doch Besorgnis und Angst vor Russland hat. Nicht alle.

Und so schaffen wir für eine gewisse Zeit ein situationsbedingtes Bündnis, wie wir im Grunde vor den Parlamentswahlen in Ungarn ein situationsbedingtes Bündnis schufen. So schlossen wir im Grunde auch vor den Parlamentswahlen in Ungarn ein situationsbedingtes Bündnis – nicht mit einem Anhänger der Ukraine, sondern mit einem situationsbedingten Verbündeten, dessen Sieg uns zumindest die Möglichkeit gab, die Gelder für die Ukraine und den Beginn der Verhandlungen mit der Europäischen Union zu entblockieren. Und dann wird man weitersehen.

Doch Sie sehen, wir fühlen uns, würde ich sagen, instinktiv von allen Polen beleidigt. Statt Beispiele dafür zu sehen, wie eine riesige Zahl von Menschen bereit ist, gegen den Mainstream zu gehen, und wie eine andere politische Welle, sagen wir die zentristische, versucht, ohne sich mit uns zu streiten, ihre politischen Möglichkeiten zu bewahren, suchen wir eher nach Möglichkeiten, Polen vorzuwerfen, es verrate uns als ganze Gesellschaft in einem entscheidenden Moment, ohne die gegenteiligen Beispiele zu bemerken und ohne zu beachten, wie sich die Polen etwa 2022 gegenüber den Ukrainern verhielten.

Und diese Polen sind ja nicht verschwunden. Wie übrigens auch jene Russen nicht verschwunden sind, das möchte ich sagen, die in Moskau massenhaft gegen die Annexion der Krim und den russisch-ukrainischen Krieg demonstrierten. 2014 füllten sie die Straßen der russischen Hauptstadt.

Wo sind diese Menschen? Glauben Sie, sie hätten ihre Ansichten geändert? Nein, sie haben einfach mehr Angst als 2014, als sie tatsächlich sahen, wie sich der autoritäre Staat, in dem sie lebten und der ihnen noch die Möglichkeit gab, ohne Folgen und ohne zehnjährige Haft auf die Straße zu gehen, in einen totalitären verwandelte.

Angst ist eine gewaltige Sache. Wir haben doch in der Sowjetunion gelebt, und selbst wer nach ihr geboren wurde, sollte zumindest die Stärke dieser Angst verstehen. Doch wir begreifen sie nicht, weil wir uns sagen wollen, wir hätten es überall mit einem Monolithen zu tun, obwohl es nirgends einen Monolithen gibt. Und unsere Aufgabe besteht darin, an jedem Ort und in jeder Situation Verbündete und Weggefährten zu suchen, mit Blick auf das Überleben unseres Volkes und unseres Staates.

Das betrifft übrigens auch die Vereinigten Staaten. Jahrelang wiederholten wir, wir hätten parteiübergreifende Unterstützung. Haben wir nicht. Unter den Bedingungen der Polarisierung der politischen Kräfte hat in den Vereinigten Staaten niemand mehr parteiübergreifende Unterstützung.

Doch wenn wir unter den Republikanern Verbündete finden, indem wir andere Interessen von ihnen nutzen, andere Vorstellungen von Politik, vielleicht weniger mit uns als mit den Interessen der Vereinigten Staaten und ihrer wirtschaftlichen Konfrontation mit Russland und China verbunden, erhalten wir sofort andere Abstimmungsergebnisse, wie bei der Abstimmung im Repräsentantenhaus über den Ukraine-Unterstützungsakt.

Die Demokraten sind in der Minderheit; sie sind grundsätzlich bereit, uns zu unterstützen. Die Republikaner stellen die Mehrheit. Doch es gibt einen Teil dieser Mehrheit, der sogar entgegen der Position der eigenen Partei zu stimmen bereit ist.

Das heißt, wir müssen für unseren Erfolg künftig wirklich auf ein schwarz-weißes Weltbild verzichten, dürfen uns aber auch nicht sagen, die Welt sei bunt. Auch das ist nicht wahr. Die Welt ist grau. Im Chaos ist die Welt grau. Man muss sich in den Schattierungen zurechtfinden. Denn wenn wir die Welt als bunt sehen – dieser ist gut, dieser großartig, dieser wunderbar –, erwartet uns ebenfalls Enttäuschung. Man muss in einer grauen Welt zurechtkommen.

Und in dieser Situation muss man sich neben der Frage, wo wir uns befinden, auch die Frage beantworten, was wir wollen. Und jeder muss sich diese Frage zunächst selbst beantworten: „Was ist mein wirkliches Ziel als Bürger, als Mensch, der sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort befindet, und als Mensch, der Teil einer bestimmten Gemeinschaft ist? Was sind meine wichtigsten Aufgaben im weiten Sinne und in meinem eigenen Sinne, und wie stimmen diese Aufgaben überein?“

Sagen wir: „Ich will, dass der ukrainische Staat weiter existiert und sich entwickelt, nicht theoretisch, sondern weil ich meine eigene Entwicklung und die Entwicklung meiner Familie gerade mit der Entwicklung und Existenz dieses Staates verbinde. Ich will, dass meine Kinder als Ukrainer aufwachsen. Ich will, dass meine engen Freunde Ukrainer bleiben und eine Möglichkeit zur nationalen und bürgerlichen Selbstverwirklichung haben.“

Dann verstehe ich, welche Aufgaben die Gemeinschaft hat. Dann verstehe ich, welche Aufgaben der Staat hat. Dann verstehe ich schließlich, wie ich wählen soll, wenn es Wahlen geben wird. Ich finde Antworten.

Wenn ich mir keine klare Antwort geben kann, geraten wir in eine Situation der Schizophrenie. „Nun, ich will hier einfach ruhig leben.“ Dann beginnen verschiedene Antworten auf die Frage: „Wie kann man hier ruhig leben? Spielt es eine Rolle, unter welcher Flagge? Grundsätzlich wäre die ukrainische schön, aber wenn es nicht klappt, wenn alles beschossen wird, wenn ich Russisch spreche, spielt es dann eine große Rolle, ob hier Russland oder die Ukraine ist? Mal ehrlich, und wenn sie mir die Wohnung wegnehmen?“

Wenn ich mir auf die Frage, wer ich bin und wozu ich mich hier befinde, keine klare Antwort geben kann, dann bleibt dieses Fehlen klarer Antworten Menschen zwischen achtzehn und siebzig Jahren eigen, ganz gleich, wo sie sich befinden. Und das Interessanteste ist: Sobald Menschen die Staatsgrenze der Ukraine überschreiten, vergessen sie, wenn sie keine klaren Antworten darauf hatten, wer sie sind, diese ihre Identität innerhalb einer halben Stunde, weil sie sie überhaupt nicht hatten. 

Und mehr noch: Es ist sogar bequemer. In Polen oder Deutschland sprechen sie ganz unbefangen Russisch. Polnisch lernen sie, weil sie arbeiten und Geld verdienen müssen, aber es ist dennoch nicht die Sprache ihrer Kommunikation oder ihrer Integration. Sie betrachten die polnische Sprache ausschließlich als Sprache zum Geldverdienen. Ungefähr so, wie heute viele die ukrainische Sprache betrachten.

Ich weiß nicht, ob Sie das bemerken. Vor Kurzem sprach ich mit einem jungen Mann aus Charkiw. Und dieser Junge sprach ausgezeichnet Ukrainisch. Und irgendwann fragte er mich, ob er ins Russische wechseln könne. Und ich fragte ihn, warum. Warum? Der Vater des Jungen kämpft, sein älterer Bruder kämpft. Er ist der jüngere Bruder der Familie, der sich um die Familie kümmert. Und er sagte mir: „Weil ich in einem Restaurant arbeite und bei uns Russisch mit einer Geldstrafe belegt wird, wir sprechen kein Russisch. Ein ausgezeichnetes Restaurant. Selbst mit den Gästen wechseln wir in der Ukraine nicht ins Russische, aber für mich ist das die Sprache der Arbeit. Wenn ich beginne, mit jemandem Ukrainisch zu sprechen, ist das für mich eine Barriere zu dieser Person, weil sie nur ein Kunde ist. Und mit Menschen, mit denen ich persönlich spreche, spreche ich Russisch.“ Das Restaurant ist also gut. Es ist nur für ihn ein Restaurant in Polen.

Betrachten wir das aus Sicht der grauen Welt. Das ist positiv, weil Sie mit dem Team dieses Restaurants Ukrainisch sprechen können. Aber Sie müssen daran denken, dass sie Ukrainisch wie eine Fremdsprache benutzen. Und sie werden ihre Kinder genauso erziehen: „Wir sprechen unsere Muttersprache, aber bei der Arbeit. Nun, weil wir in der Ukraine, in Polen oder in Frankreich leben. Wir sprechen ihre Sprachen, nicht unsere.“

Zuschauerin: Aber die Kinder werden bereits anders erzogen.

Portnikov: Das hängt davon ab, wie Sie sie erziehen. Wenn wir nicht wissen, was in der Schule geschieht, kann es genauso sein, weil ein Kind russischsprachig aus der Schule kommt. Wir sehen immer mehr dieser russischsprachigen Kinder.

Zuschauer: Ich kenne die Führung einer Region, die, entschuldigen Sie, bis zu siebzig Prozent besetzt ist, und sie sprechen im Privatleben Russisch. Meiner Meinung nach dürfte es das nicht geben, denn ich bin ein gewöhnlicher Lehrer und habe mich irgendwann im Alltagsleben auf Ukrainisch umgestellt. Aber das sind Staatsbeamte, also im Grunde Staatsmänner, und das führt zu keinem besonders guten Ende. Also das ist im Grunde das Gleiche, ein Stockholm-Syndrom, Elemente des Stockholm-Syndroms.

Portnikov: Ich denke, diese Menschen haben keinerlei Elemente eines Stockholm-Syndroms, denn das ist ihre Identität. Sie ist, wie Mykola Rjabtschuk einmal sagte, kreolisch. Diese Menschen betrachten sich als Ukrainer, nicht als Russen, sind aber völlig aufrichtig davon überzeugt, dass Sprache und Kultur für ihre Identität keinerlei Rolle spielen. Denn wir schenken der sprachlich-kulturellen Komponente in der Selbstwahrnehmung einer Persönlichkeit wiederum sehr große Aufmerksamkeit. Wenn Menschen aber keine sprachlich-kulturelle Komponente haben, wenn Kultur nicht zu ihrem Interessengebiet gehört und ihr Interessengebiet völlig anders ist – Sport, Geld, Computerspiele, TikTok –, dann ist das so.

Zuschauerin: Sport ist außerhalb der Politik.

Portnikov: Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, dass es keine Rolle spielt, welche Sprache man benutzt, weil man nichts erhält, was mit Sprache verbunden ist. Das wird sich übrigens in den jüngeren Generationen verstärken. Denn wenn man durch den TikTok-Feed scrollt, achtet man nicht auf die Sprache. Dort können verschiedene Sprachen vorkommen, man achtet auf die Komik der Situation.

Zuschauerin: Ich habe eine Frage, die vielleicht gerade mit dem Empfinden der Sprache zusammenhängt, der ersten Sprache, die ein Kind hört, wenn es geboren wird, weil es die Sprache der Mutter ist. Wenn das irgendwie bei der lokalen Identifikation genutzt wird oder damit verbunden ist, kann es das Empfinden eines Menschen beeinflussen, der sich mit der ukrainischen Gesellschaft identifiziert und seine nationalen Wurzeln versteht und empfindet?

Portnikov: Ich glaube an keine Muttersprache im Sinne der Sprache der Mutter. Ich glaube an die eigene bewusste Wahrnehmung der Identität.

Zuschauerin: Das ist dann schon im bewussten Alter.

Portnikov: Natürlich. Hören Sie, in welcher Sprache fand Ihrer Meinung nach der Prozess gegen die Dekabristen im Jahr 1825 statt? Auf Französisch. Alle Protokolle dieses Prozesses wurden aus dem Französischen ins Russische übersetzt, weil die Beteiligten dieses Prozesses sprachen – es geht nicht darum, ob sie sprachen –, sie kannten die russische Sprache nicht.

Zuschauer: Und der Kaiser?

Portnikov: Der Kaiser war deutsch- und französischsprachig, natürlich, er war ethnisch überhaupt kein Russe. Die Kaiser waren seit Katharina I. und Peter II. keine Russen mehr. Sie waren einfach keine Russen. Woher sollten sie Russisch kennen? Sie kamen und lernten es.

Aber diese Menschen waren Russen. Sie waren dort geboren. Ihre Muttersprache war einfach Französisch, die Sprache ihrer Mutter. Waren sie deshalb Franzosen? Das waren Menschen, die tatsächlich russische Aristokraten waren und im Vaterländischen Krieg gegen Frankreich kämpften. Natürlich auf Französisch. Wie bei uns, wenn wir sagen: „Wie können sie auf Russisch die Ukraine gegen die Russen verteidigen?“ Und wie verteidigten jene auf Französisch?

Zuschauerin: Dort gab es tatsächlich einen sehr ähnlichen Effekt, als jenes Frankreich, das sie verehrten …

Portnikov: Sie verehrten Frankreich nach der Großen Französischen Revolution nicht. Niemand verehrte es. Sie kämpften gegen dieses Frankreich, blieben aber noch Jahrzehnte französischsprachig. Sie verstehen doch, dass Alexander Sergejewitsch Puschkin nicht Russisch sprach. Auch das muss man verstehen. 

Ich erinnere mich immer daran, ich führte immer ein Beispiel an, das für mich ein Beispiel dafür war, was mit Sprachen geschieht. Als ich einen der letzten Schriftsteller besuchte, der auf Jiddisch schrieb, Hryhorij Poljanker, hier im Haus der Schriftsteller in der Bohdan-Chmelnyzkyj-Straße. Und wir sprachen über jüdische Literatur, aber auf Russisch, weil ich kein Jiddisch sprach.

Und auch für Poljanker war das eine unglaubliche Situation. Er sprach mit seiner Frau, sagen wir, Russisch, schrieb auf Jiddisch, und mit den Nachbarn – es war ja ein Haus ukrainischer Schriftsteller – kommunizierte er natürlich Ukrainisch, weil sie dort alle Ukrainisch sprachen. Das waren ukrainische Schriftsteller, eine ukrainische Oase. Und Poljanker war als Teil dieses Milieus ukrainischsprachig, aber nicht jiddischsprachig, weil es niemanden gab. So wie Scholem Alejchem in Kyiv mit seiner Familie Russisch sprach, weil keiner seiner Angehörigen Jiddisch sprach.

Und plötzlich klingelt es an der Tür. Ein Junge aus Berschad kommt herein, in meinem Alter, aber jiddischsprachig, weil man damals in Berschad Jiddisch sprach, und wendet sich an Poljanker: „Mayn liber shrayber, mayn liber Poljanker.“ Und er beginnt ihm zu erzählen, wie in Berschad alle Poljankers Bücher lesen. Aber Poljanker hatte keine Sprachpraxis. Das heißt, er kannte Jiddisch ausgezeichnet, sprach aber kein Jiddisch. 

Die Situation war schwierig, nicht weil er nicht sprechen konnte, sondern weil er plötzlich einen Fehler machen könnte. Was würde das für den Jungen bedeuten? Und er sagt: „Vitaly versteht es nicht, wir werden Russisch sprechen.“ Und ich sage: „Hryhorij Sakwowytsch, ich verstehe Jiddisch, sprich Jiddisch.“ Und Poljanker sagt: „Vitaly, geh und zeig dem Jungen Kyiv“, und signiert dem Jungen ein Buch auf Jiddisch. Schreiben konnte er fehlerfrei. Und wir gingen spazieren. Und ich sagte diesem Jungen nicht einmal etwas. Wie hätte ich ihm das sagen können? 

Und als ich einem meiner russischen Kollegen diese Geschichte erzählte und sagte: „Stell dir vor, das wäre ungefähr so, als käme irgendein Junge aus Boldino zu Puschkin“, sagte er mir: „Hör mal, du bist wie ein Kind. Der Junge, der aus Boldino zu Puschkin gekommen wäre, wäre in derselben Situation gewesen, denn Puschkin sprach schlecht Russisch.“

Nun, das war einfach nicht seine Muttersprache. Er sprach Französisch, wie alle um ihn herum. Die Zeit, in der russische Schriftsteller erschienen, deren Muttersprache Russisch war, war damals noch nicht gekommen.

Und wir sagen immer: „Der arme Iwan Sergejewitsch Turgenew, wie lebte er dort in Paris?“ Wie lebte er? Er lebte ausgezeichnet, sprach seine Muttersprache. „Und in den Tagen großer Erschütterungen war die große und mächtige russische Sprache sein Zufluchtsort“, fakultativ.

Die Muttersprache ist also nicht die Sprache des Kindermädchens und nicht die Sprache der Mutter, sondern die Sprache, die man als die eigene wahrnimmt. Mir kam selbst in der Kindheit nie in den Sinn, dass Russisch meine Muttersprache sei. Es war offensichtlich die erste Sprache, die ich hörte. Meine Mutter hörte übrigens zuerst Jiddisch, während ich schon Russisch hörte, weil es bereits das Ende war. Sie verstehen doch, dass meine Mutter, die 1941, also mitten im Holocaust, geboren wurde, noch Jiddisch hörte. Ich wurde 1967 geboren, als es bereits den Holocaust und die stalinistischen Repressionen und das Verbot von allem gegeben hatte. Es gab keine Schulen, keine Lehrbücher, überhaupt nichts. Und das war eine unglaubliche sprachliche Situation, durch die ich mich einfach hindurcharbeitete, ohne auch nur zu verstehen, wie dieses sprachliche Funktionieren aussah, ohne überhaupt zu verstehen, in welcher Sprache meine Angehörigen miteinander kommunizierten.

Auch ich hatte eine Situation, die mir alles erklärte, denn meine Großmutter, meine Mutter und ihre Schwestern sprachen untereinander noch Jiddisch, wenn sie nicht wollten, dass ich sie verstand. Deshalb begann ich grundsätzlich mehr oder weniger etwas zu verstehen. Ansonsten sprachen sie im Alltag, wie alle in Kyiv in diesem Milieu, Russisch.

Und dann fahren wir nach Myrhorod. Ein unglückliches Kind, das von seiner Großmutter, deren zwei Schwestern und noch einer Großmutter nach Myrhorod gebracht wird. Sie können schon Mitleid mit mir haben. Ein Kind, umgeben von vier jüdischen Großmüttern, ist ein Kind, das später unter allen Bedingungen und in jeder Diskussion überleben kann, weil es solche Diskussionen erlebt hat. Sprechen Sie einmal mit meiner Großmutter. Welche Diskussion? Sie haben noch nie eine Diskussion gesehen.

Und sie erzählen mir in der Vorortbahn Kyiv–Myrhorod, dass wir bei einer Freundin wohnen würden. Wir hätten dort eine Wohnung gemietet. Sie sei Lehrerin für ukrainische Literatur. Ich denke: „Wie werden sie mit ihr sprechen, russischsprachige Frauen? Ich kenne zwar Ukrainisch, aber wie unangenehm wird es für sie sein. Sie spricht bestimmt Ukrainisch.“

Zuschauerin: Das ist seine Sternstunde. Sie wissen es nicht, aber er weiß es.

Portnikov: Ja, das ist die Sternstunde. Und sie klingeln an der Tür. Eine Frau öffnet, Warwara Andrijiwna. Und Warwara Andrijiwna wendet sich natürlich auf Ukrainisch an meine Tante und sagt: „Oh, Hannotschka, wie lange habe ich dich nicht gesehen.“ Und meine Tante sagt: „Warwara, ich freue mich so!“ Und meine Großmutter sagt: „Oh, ich habe so viel über Sie gehört.“ Und da sehe ich, dass sie überhaupt alle ukrainischsprachig sind. Und plötzlich merke ich, dass sie Ukrainisch besser sprechen als Russisch. Und ich denke: „Ich war ein Idiot. Sie stammen doch alle aus der Region Tscherkassy. Warum hielt ich sie überhaupt für russischsprachig?“

Aber dieser Gedanke war mir nicht einmal gekommen. Sie hatten ukrainische Schulen abgeschlossen, denn es gab jüdische Schulen, und die oberen Klassen waren ukrainisch. Das heißt, bis zur siebten Klasse lernten sie an einer jüdischen Schule, von der achten bis zur zehnten Klasse besuchten sie eine ukrainische Schule. Wie hätten sie kein Ukrainisch sprechen können? In Kyiv sprachen sie Russisch, weil es eine russischsprachige Metropole war. Nur einzelne ukrainische Familien sprachen weiterhin untereinander Ukrainisch, nicht auf der Straße. Und das war für mich eine solche Entdeckung.

Und später, als ich die Tagebücher meiner Tante öffnete, die während des Krieges geschrieben worden waren, sah ich etwas Unglaubliches: Sie waren alle auf Russisch geschrieben, sogar die jiddischen Dialoge waren ins Russische übersetzt. Aber ihre Gespräche mit ihrer jüngeren Schwester, die im Holocaust umkam, waren auf Ukrainisch geschrieben. Denn als dieses Mädchen zur Schule kam, waren die jüdischen Schulen bereits geschlossen, die Schulen waren von der ersten Klasse an ukrainisch, und sie war einfach ukrainischsprachig. Und sie sprachen mit ihr Ukrainisch. Das war ein solcher Prozess. Aber auch das war nicht die Sprache, die dieses Mädchen von der Mutter gehört hatte, denn die Mutter sprach mit ihr Jiddisch, als sie geboren wurde.

Das ist also ein völlig anderer Prozess. Er ist viel komplizierter. Es ist der Prozess, sich selbst innerhalb einer Identität wahrzunehmen.

Zuschauerin: Entschuldigen Sie, gerade jetzt hatte ich eine Erleuchtung. Ich begriff, dass mein Vater und meine Mutter zwar Russisch miteinander sprachen, aber eine ukrainische Schule abgeschlossen hatten, und dass alle meine Großmütter und Großväter, wenn sie mit meinen Eltern sprachen, Ukrainisch sprachen.

Portnikov: Genau. Ich sah Szenen, in denen meine Klassenkameraden an der Universität oder in der Schule ins Russische wechselten. Und ich korrigierte ihnen schon in der achten oder neunten Klasse Aufsätze über ukrainische Literatur. Aber das war deshalb so, weil sie Kyiver sein wollten. Ihre Eltern kamen aus der Region Kyiv, aus Schytomyr oder Czernowitz. Und faktisch wurden sie so von der ukrainischen Sprache getrennt, dass sie sich sogar in der Schule für sie schämten. Doch später, als ich zum Jubiläum dieser Schule kam, war sie bereits vollständig ukrainischsprachig. Das ist, wissen Sie, wie einen Vorhang wegzuziehen. Es verschwindet nirgendwohin, wenn man es weiter bewahrt. Und es ist vor allem eine Frage der Identität, nicht der Sprache.

Denn wenn man die Identität bewahrt, bricht die Sprache wie junge Triebe hervor. Natürlich gibt es immer jemanden, der bereit ist, das in einer solchen Situation zu unterstützen. Ich hatte einen Studienkollegen an der ehemaligen Universität Dnipropetrowsk, die damals nach der Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland benannt war und heute die Oles-Hontschar-Universität Dnipro ist. Er stammte aus Luzk. Heute ist er dort Universitätsdozent in Luzk. Und er sprach selbst in den Pausen Ukrainisch. Und ich sprach mit ihm in den Pausen Ukrainisch, obwohl ich Student der russischen Abteilung war. Alle anderen Studenten sprachen Russisch. Und bis heute erinnern wir uns daran, dass wir entgegen allem Ukrainisch miteinander sprachen. Das war unsere Haltung. Aber sie wurde dadurch ermöglicht, dass er aus der Westukraine stammte und ich kein Ukrainer war. Wir konnten uns erlauben, uns so zu verhalten, weil wir keinen sprachlichen Minderwertigkeitskomplex hatten. Die Kinder hingegen, die in die ukrainische Abteilung gingen und ukrainischsprachig waren, hatten trotzdem einen Komplex, selbst wenn sie sich darauf vorbereiteten, Lehrer für ukrainische Sprache und Literatur oder ukrainische Philologen zu werden.

Die Frage ist also nicht, was wir tun müssen, damit eine Mutter beginnt, mit ihrem Kind Ukrainisch zu sprechen, sondern was wir tun müssen, um diesen Minderwertigkeitskomplex endgültig zu überwinden. Das ist die Hauptaufgabe. Damit die Ukrainer schließlich verstehen, dass es nicht beschämend ist, Ukrainisch zu sprechen, sondern notwendig und prestigeträchtig. Denn Ukrainern wird bis heute etwas anderes beigebracht. Selbst Menschen, die ins Ukrainische gewechselt sind, erzählen: „Nun ja, wir sprachen es nicht, weil es auf Ukrainisch doch niemanden wie Grebenschtschikow und Wyssozki gab.“ Sie haben das sicher wiederholt gehört. Und genau das ist dieser Komplex.

Keinem Tschechen würde in den Sinn kommen zu sagen, er wolle kein Tschechisch sprechen oder habe kein Tschechisch gesprochen, weil Kafka oder Joseph Roth auf Deutsch schrieben. Nun, sie schrieben eben auf Deutsch. Andere Schriftsteller schrieben auf Tschechisch. Die einen haben Bach und Beethoven, die anderen Dvořák und Smetana. Und das ist für die Menschen verständlich.

Doch wenn ein Mensch glaubt, sich durch eine Sprache etwas Fremdem und Größerem anschließen zu können, dann will er ein Teil davon sein.


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Art der Quelle: Vorlesung
Titel des Originals: Як перемогти у сірому світі | Віталій
Портников @uames-ua. 13.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 13.07.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Zelensky tauscht den Premierminister aus | Vitaly Portnikov. 12.07.2026.

Der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, teilte Premierministerin Julija Swyrydenko bei einem Treffen ihre Entlassung mit. Zugleich kündigte er einen Neustart der Regierung sowie weitreichende Veränderungen an, insbesondere im Kreis der Minister der Sicherheitsressorts.

Damit sollen bereits in der kommenden Woche mögliche Kandidaten für das Amt des ukrainischen Premierministers sowie für die neuen Ministerposten in der Regierung bekannt gegeben werden.

In den sozialen Netzwerken wird derzeit über mehrere Kandidaten für das Amt des Premierministers gesprochen. Das Wichtigste bleibt jedoch, dass der Staatspräsident selbst über die Kandidatur des neuen Regierungschefs entscheiden wird. In diesem Zusammenhang sollte erneut daran erinnert werden, dass der ukrainische Staat eigentlich anders funktioniert: Wir leben in einer parlamentarisch-präsidentiellen Republik, in der die regierende Koalition – also die Mehrheit in der Werchowna Rada, die heute theoretisch aus den Abgeordneten der präsidentennahen Fraktion Diener des Volkes besteht – über die Kandidatur des Premierministers entscheiden müsste.

Gerade in dieser Fraktion hätten Fragen an die Premierministerin entstehen können. Dort hätte über die Notwendigkeit eines Regierungswechsels entschieden werden müssen. Eben dort hätte man mit dem Präsidenten auch die Kandidaten für die Ämter des Verteidigungs- und Außenministers erörtern müssen, die bekanntlich vom Präsidenten der Werchowna Rada vorgeschlagen werden. Alle übrigen Ämter – und selbstverständlich auch das des Premierministers – sind hingegen die Zuständigkeit des Parlaments.

Dennoch leben wir seit vielen Jahren in einer Situation, in der niemand mehr auf dieses verfassungsmäßige Verfahren zur Bildung der ukrainischen Staatsführung achtet. Alle politischen Vorgänge laufen so ab, als wäre die Ukraine eine Präsidialrepublik.

Viele mögen sagen, unter Kriegsbedingungen müsse das eben so sein. Man könnte dieser Sichtweise zustimmen, wenn wir nicht an der Effektivität der Regierungsentscheidungen interessiert wären und wenn der Präsident des Landes sich auf seine verfassungsmäßigen Befugnisse konzentrieren würde – vor allem auf Verteidigung und Außenpolitik, also genau auf jene Bereiche, von denen das Überleben der Ukraine und ihr Fortbestand auf der politischen Landkarte der Welt abhängen.

Wenn wir jedoch sehen, dass der Präsident des Landes gemeinsam mit den Mitarbeitern seines Präsidialamtes faktisch die Rolle des Regierungschefs übernimmt und die Mitarbeiter des Präsidialamtes die Zuständigkeiten der Regierung duplizieren, dann können wir nur feststellen, dass es unter Kriegsbedingungen keine wirkliche Möglichkeit gibt, eine effektive Regierung zu schaffen – selbst keine Regierung aus Technokraten. Es gibt kein funktionierendes System parlamentarischer Kontrolle über die Tätigkeit der Regierungsmitglieder. Es gibt keine Qualitätskriterien, weil die Minister und selbst der Regierungschef, der faktisch für den überwiegenden Teil der Angelegenheiten des Staates verantwortlich ist, nicht von der regierenden Koalition ausgewählt werden, die die Interessen ihrer Wähler vertritt, sondern vom Präsidenten und den Mitarbeitern seines Präsidialamtes.

Unter diesen Umständen braucht man natürlich gar nicht erst über eine wirkliche Regierung der nationalen Einheit nachzudenken, die unter Berücksichtigung der Interessen aller staatsorientierten Fraktionen des ukrainischen Parlaments gebildet worden wäre.

Über die Notwendigkeit einer solchen Regierung sprechen wir bereits seit den ersten Tagen des großen russisch-ukrainischen Krieges, seit Februar 2022, als selbst Volodymyr Zelensky einer solchen, unter den Bedingungen eines Überlebenskampfes des ukrainischen Staates und der ukrainischen Nation naheliegenden Entwicklung der Ereignisse zuzuneigen schien.

Doch bis heute erleben wir eine Situation, in der der Premierminister der Ukraine, also faktisch der Regierungschef unseres Staates, lediglich ein Beamter unter vielen anderen Beamten ist, die die Entscheidungsfindung des Präsidenten der Ukraine unterstützen.

Es heißt, dass nun die Notwendigkeit entstanden sei, den ukrainischen Botschafter in den Vereinigten Staaten rasch auszutauschen. Natürlich ist unter den Bedingungen, in denen von der amerikanischen Unterstützung viele weitere Entwicklungen im russisch-ukrainischen Krieg abhängen, ein leistungsfähiger Botschafter tatsächlich eine wichtige Persönlichkeit.

Wir wissen bislang nicht, warum die Entscheidung getroffen wurde, den Botschafter in den Vereinigten Staaten erneut auszuwechseln. Doch wenn Entscheidungen über das Schicksal der Regierung deshalb getroffen werden, weil zugleich eine Personalentscheidung für die ukrainische Botschaft in den Vereinigten Staaten gefunden werden muss, dann ist das nicht nur kein Beleg für die Effektivität der ukrainischen Regierung, sondern ein unmittelbarer und eindeutiger Beweis für ihre nachrangige Stellung im System der ukrainischen Staatsmacht.

Wenn selbst der Posten des Leiters einer einzigen, wenn auch sehr wichtigen diplomatischen Vertretung für den Präsidenten der Ukraine und seine engsten Mitarbeiter – vielleicht sogar für die Premierministerin selbst – als eine weitaus wichtigere und vorrangigere Aufgabe erscheint als die Leitung der ukrainischen Regierung. Mit anderen Worten: Die Regierung kann von jedem beliebigen Manager geführt werden, Botschafter der Ukraine in den Vereinigten Staaten kann dagegen nur eine erfahrene und hochqualifizierte Persönlichkeit sein.

Doch natürlich ist das keineswegs so. Wir verstehen sehr gut, dass von der Stärke und Kompetenz des Premierministers der Ukraine – des nach dem Präsidenten wichtigsten Amtes im verfassungsrechtlichen System des Landes – nicht nur das Überleben der Ukraine in den kommenden schwierigen Jahren des russisch-ukrainischen Krieges abhängt, sondern auch davon, wie sich die Ukraine in den Nachkriegsjahren entwickeln wird, wenn diese Jahre schließlich nicht mehr nur unser Traum von der Zukunft, sondern die Realität der Existenz des ukrainischen Staates sein werden.

Und obwohl wir heute keinerlei reale Perspektiven für ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges erkennen, sondern vielmehr den offensichtlichen Wunsch des russischen Präsidenten, seiner Armee und seiner Gesellschaft sehen, den Kampf gegen die Ukraine fortzusetzen, müssen wir uns selbst unter diesen schwierigen Bedingungen schon heute auf die Friedenszeit vorbereiten.

Die Existenz einer effektiven Regierung in der Ukraine, der die Menschen vertrauen, ist eine der Voraussetzungen dafür, dass die Ukraine nach dem Krieg nicht in eine noch tiefere Krise des gesellschaftlichen Misstrauens und der wirtschaftlichen Probleme gerät als jene Situation, in der wir uns während der vergangenen Jahre des großen und endlosen russisch-ukrainischen Krieges befunden haben.

Vergessen Sie nicht, dass die Ukraine heute dank der Hilfe ihrer westlichen Partner existiert. In der Nachkriegszeit werden jedoch die eigenen finanziellen Mittel, die eigenen wirtschaftlichen Möglichkeiten und die eigene Effizienz zum entscheidenden Faktor für die Existenz und Entwicklung der Ukraine werden. Und wenn all das fehlt, werden wir dazu verurteilt sein, für Jahre, vielleicht Jahrzehnte, eines der ärmsten Länder des europäischen Kontinents zu bleiben. Es wäre wünschenswert, dass es nicht so kommt.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Зеленський змінює премʼєра | Віталій
Портников. 12.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 12.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Verbrüderung. Vitaly Portnikov. 11.07.2026.

Братання. Віталій Портников. 11.07.2026.

Der bekannte Schriftsteller Roman Gul, der während des Ersten Weltkriegs Offizier der russischen Armee war, später in den Truppen des Hetmans Pawlo Skoropadskyj diente und schließlich von der Direktion der Ukrainischen Volksrepublik nach Deutschland deportiert wurde, beschrieb in seinen Erinnerungen und Romanen ausführlich die sogenannte „Verbrüderung“ russischer Soldaten mit Angehörigen der deutschen Armee nach der Februarrevolution von 1917.

Sie begann mit dem Auftauchen von Stapeln von Zeitungen an den russischen Schützengräben, die in schlechtem Russisch gedruckt waren – aber verständlich genug, um zu vermitteln, dass am Krieg die „Gutsbesitzer und Kapitalisten“ interessiert seien, während die „einfachen Menschen“ ihm ein Ende setzen müssten. Nachdem die „einfachen Menschen“ diese einfachen Worte gelesen hatten, liefen sie zu den feindlichen Schützengräben, tranken mit den Deutschen, umarmten sich und tauschten allerlei Dinge aus. Als die Offiziere die Soldaten fragten, ob ihnen bewusst sei, dass ihre deutschen „Brüder“ nur auf Befehl ihres Kommandos aus den Schützengräben kämen, weil es in Deutschland keine Revolution gegeben habe und in der Armee eiserne Disziplin herrsche, stießen sie auf Aggression und die Weigerung, überhaupt über den Sinn dieser Worte nachzudenken. Die Menschen in den Schützengräben – wie das gesamte Russische Reich – waren des Krieges müde und wollten glauben, dass auch der Feind aufrichtig an seinem Ende interessiert sei.

Eine besondere Rolle bei dieser Zersetzung der Front und der Gesellschaft spielten die bolschewistischen Agitatoren, die nach dem Februar 1917 in großer Zahl an der Front auftauchten. Anders als die Vertreter der „traditionellen“ politischen Parteien, die die Soldaten aufforderten, Russlands Verpflichtungen gegenüber den Verbündeten einzuhalten, wiederholten sie Wort für Wort alles, was auch in den deutschen Propagandazeitungen zu lesen war: Dass die „bürgerliche“ Regierung am Krieg interessiert sei, dass die „einfachen Menschen“ ihn nicht bräuchten und die Gutsbesitzer und Kapitalisten eben selbst kämpfen sollten. Genau das war Lenins politisches Programm, das wir aus dem ukrainischen Präsidentschaftswahlkampf von 2019 nur allzu gut kennen. Und deshalb schlug Lenin unmittelbar nach dem Oktoberputsch dem Kongress der Sowjets vor, das Dekret über den Frieden zu verabschieden – den ersten Gesetzgebungsakt der Bolschewiki, der zum Beginn von Verhandlungen über einen gerechten demokratischen Frieden aufrief.

Lenins Problem (genauso wie das Problem von Volodymyr Zelensky hundert Jahre später) bestand darin, dass der Feind überhaupt nicht daran dachte, den Krieg zu beenden. Im Gegenteil: Er wollte das Machtantritt von Politikern, die Frieden anstrebten und die Idee propagierten, ihre Vorgänger seien am Fortbestand des Krieges interessiert gewesen, dazu nutzen, den Gegner endgültig zu vernichten. Die Bedingungen der deutschen Friedensvorschläge von 1918 ebenso wie die Bedingungen der russischen Friedensvorschläge nach dem Machtwechsel in der Ukraine und später, nach dem Scheitern von Putins „Blitzkrieg“, waren ausschließlich ein Programm eben dieser Vernichtung.

Das bolschewistische Regime wurde durch die Fortsetzung des Kampfes der Entente-Staaten gerettet – wenn auch ohne Beteiligung Russlands – sowie durch die Destabilisierung Deutschlands selbst, die paradoxerweise gerade durch Berlins Bemühungen ausgelöst wurde, Russland zu destabilisieren. Denn die Ideen, die für diese Destabilisierung genutzt worden waren, erwiesen sich auch für die deutsche Monarchie als gefährlich. Das war jener sprichwörtliche „schwarze Schwan“.

Auch wir nähern uns dem Flug eines solchen schwarzen Schwans. Denn der Zusammenbruch des wirtschaftlichen Potenzials Russlands könnte dessen Fähigkeit infrage stellen, den Krieg über lange Zeit fortzusetzen. Unsere Streitkräfte arbeiten so effektiv daran, dass selbst Donald Trump die Ergebnisse ihrer Arbeit bemerkt hat.

Was uns jedoch am Überleben und am Sieg hindern könnte, könnte genau dasselbe sein, was zur faktischen Niederlage Russlands – das eigentlich zu den Siegermächten gehören sollte – im Ersten Weltkrieg führte: die innere Zersetzung der Gesellschaft. Immer mehr Menschen kehren, wie wir sehen, zu den Ideen von 1917 oder 2019 zurück: Dass die eigene Regierung am Krieg interessiert sei und ihn einfach nicht beenden wolle, weil sie keine „gemeinsame Sprache“ oder Kompromisse mit Putin finden wolle.

Das ist klassischer Unsinn. Weder Lenin im Jahr 1917 noch Zelensky in unserer Zeit wirken daran interessiert, den Krieg fortzusetzen – auch wenn beide daran interessiert erscheinen mögen, ihre eigene Macht auszubauen. Doch das ist keineswegs dasselbe. Kaiser Wilhelm hingegen oder Putin wirken sehr wohl am Fortbestand des Krieges interessiert, weil sie darin die besten Voraussetzungen sehen, dem Gegner ihre Bedingungen aufzuzwingen. Und die Propaganda vom „Krieg der Bourgeoisie“ ist eines der wichtigsten Instrumente, das ihren Sieg sichern soll.

Russland war nach dem Februar 1917 kein „Land der Gutsbesitzer und Kapitalisten“. Es war ein Land, dessen Bewohner die historische Chance erhalten hatten, das Imperium abzubauen sowie politische und wirtschaftliche Veränderungen einzuleiten. Dafür aber musste man sich zusammenschließen und den Krieg zu Ende bringen – bis zum Zusammenbruch des kaiserlichen Deutschlands blieben nur noch wenige Monate. Wilhelm verlor zwar den Krieg, zerstörte jedoch die Chancen der Völker Russlands, die stattdessen die bolschewistische Variante des Imperiums erhielten – rechtlos, repressiv und verbrecherisch. Zehnmillionen Opfer, enteignetes Land, verstaatlichte Unternehmen, ein neuer Krieg und ein Leben in der Dunkelheit.

Die Ukraine des Jahres 2026 erinnert immer stärker an Russland im Jahr 1917 – im Hinblick auf die Versuche, uns zu spalten. Ja, wir mögen eine ineffektive Regierung haben – doch die einzige Alternative zu unserem Einfluss auf diese Regierung ist die russische Besatzung. Ja, wir haben keine wirksamen Mechanismen der Mobilisierung geschaffen – doch die Alternative zu einer starken ukrainischen Armee ist die Armee Russlands. Ja, vielen mag der Niedergang von Demokratie und Freiheit missfallen – doch zur Wiederherstellung demokratischer Standards können wir erst dann vollständig zurückkehren, wenn wir Staat und Nation bewahrt haben. Und das können wir nur gemeinsam erreichen.

Natürlich nur dann, wenn wir darin übereinstimmen, dass die Ukraine uns allen gehört und den Kampf um sie wert ist. Wenn wir verstehen, dass die Bewahrung eines Landes, das der Feind von der Landkarte tilgen will, unsere gemeinsame Aufgabe ist. Wenn wir bereit sind, auf den bolschewistischen Unsinn von den „einfachen“ und den „nicht einfachen“ Menschen zugunsten unserer gemeinsamen Verantwortung zu verzichten. Wenn wir uns daran erinnern, dass es in demokratischen Staaten keine „einfachen“ oder komplizierten Menschen gibt, sondern nur Bürger.

Verantwortungsbewusste Bürger.

Und wenn es keine Bürger gibt, wird es auch keine Ukraine geben.

Dann wird es Russland geben.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Братання. Віталій Портников. 11.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 11.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Senator Lindsey Graham ist gestorben | Vitaly Portnikov. 12.07.2026.

Der republikanische Senator Lindsey Graham ist in Washington gestorben, nur wenige Tage nachdem er aus der ukrainischen Hauptstadt zurückgekehrt war. Dort hatte er Präsident Volodymyr Zelensky getroffen und mitgeteilt, dass es ihm gelungen sei, den sogenannten Gesetzentwurf über „höllische Sanktionen“ gegen Russland sowie gegen die Energiesponsoren dieses Landes mit der Administration von Donald Trump abzustimmen.

Senator Graham hatte sich praktisch seit den ersten Monaten nach dem großangelegten Angriff der Russischen Föderation auf die Ukraine für die Verabschiedung dieses Gesetzes eingesetzt. Er betonte, dass Frieden nur durch intensiven Druck auf die Russische Föderation und die Zerstörung ihrer Wirtschaft erreicht werden könne. Mehr noch: Senator Lindsey Graham rief die Russen dazu auf, ihren Präsidenten Putin zu stoppen und sogar ein Attentat auf ihn zu verüben – nach dem Vorbild des Attentats auf den Hitler-Diktator Adolf Hitler, den Putin in seiner Politik nachzuahmen versucht.

Man kann sagen, dass Senator Lindsey Graham hinsichtlich der Verbindung jener Positionen und Prinzipien, die er in den vergangenen Jahrzehnten im Senat und in der Republikanischen Partei verteidigte, eine bemerkenswerte Persönlichkeit war. Einerseits wurde er zu einem offensichtlichen Unterstützer des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, obwohl er zu Beginn der politischen Karriere des Milliardärs diesem gegenüber keine besonders wohlwollende Haltung eingenommen hatte. Doch nachdem Lindsey Graham zu einem Unterstützer Trumps geworden war, änderte er seine außenpolitischen Prioritäten nicht.

Man kann sagen, dass Lindsey Graham, obwohl er vom Alter her jünger war als bekannte Veteranen der amerikanischen Politik wie der inzwischen verstorbene Senator John McCain, einer der letzten Reaganisten-Falken auf dem Capitol Hill war und diese seine Prinzipien niemals aufgab – weder unter der Regierung Donald Trumps, mit dem ihn freundschaftliche Beziehungen verbanden, noch in der Zeit, als die Demokraten an der Macht waren.

Wenn er die Präsidenten Barack Obama und Joseph Biden kritisierte, dann wegen ihres vorsichtigen Umgangs mit den Diktaturen der Welt, zu denen für ihn stets auch die Russische Föderation gehörte. Und wenn er Donald Trump unterstützte, dann immer mit der Aufforderung, gegenüber Russland oder dem Iran eine härtere Haltung einzunehmen.

Aus dieser Perspektive war Senator Lindsey Graham nie ein klassischer Diplomat. Im Gegenteil: Er war ein Politiker, der die Notwendigkeit entschlossenen Drucks auf Diktaturen und ihre Machthaber betonte. Er unterstrich, dass nur eine solche Haltung der Vereinigten Staaten dazu beitragen könne, die Grundlagen ihrer eigenen Sicherheit in unserer schwierigen Welt zu schaffen.

Auch die Unterstützung der Ukraine durch Senator Lindsey Graham war seit Beginn der russischen Aggression gegen unser Land stets konsequent und prinzipientreu. Denn auch in allen anderen Fällen russischer Aggression vertrat der Senator genau diese Position – etwa, als Russland beschloss, das kleine Georgien anzugreifen, was zum Vorspiel der großen Kriege im postsowjetischen Raum wurde. Schon damals hatte Senator Lindsey Graham eine vollkommen klare Position und eine eindeutige Botschaft an die Regierung von Präsident George Bush – bis hin zu der Forderung, den georgischen Souveränitätsschutz entschlossener zu verteidigen und deutlichere politische Schritte zu unternehmen.

Ebenso klar und eindeutig war die Haltung des Senators auch in Fragen des Nahen Ostens. Dort rief er stets dazu auf, gegenüber dem Iran und anderen diktatorischen Regimen, die die Sicherheit sowohl der Vereinigten Staaten als auch der demokratischen Staaten der Region bedrohen, eine harte Linie einzuschlagen.

Aus dieser Sicht kann man sagen, dass auch hier die Position von Senator Lindsey Graham einzigartig war – in einer Zeit, in der sowohl Israel als auch die Ukraine ihre traditionelle parteiübergreifende Unterstützung weitgehend verloren hatten und diese sich entweder in den Reihen der Republikaner oder der Demokraten konzentrierte. Senator Graham unterstützte beide Länder, und heute wird seiner sowohl in Kyiv als auch in Jerusalem mit Worten des Dankes gedacht.

Das ist zugleich eine Erinnerung daran, wie die Politik der Vereinigten Staaten gegenüber demokratischen Staaten aussehen sollte, die um ihre Existenz kämpfen – im Widerstand gegen abscheuliche diktatorische Regime, die glauben, Gewalt, Zwang und ideologische Hirngespinste könnten die Ermordung von Zivilisten und die Besetzung fremder Gebiete rechtfertigen.

Natürlich könnte man sagen, dass dieses Vermächtnis im amerikanischen politischen Leben sicherlich berücksichtigt werden wird. Doch ich wäre nicht so optimistisch. Wir alle sehen, dass neue politische Zeiten angebrochen sind. Es sind Menschen an die Macht gekommen, die weniger über Prinzipien als über Wahlsiege nachdenken. Menschen, die ihren Mitbürgern nicht die Bedeutung von Werten erklären wollen, sondern ihnen vor allem gefallen möchten, um rasch Wahlen zu gewinnen. Sie denken nicht einmal daran, dass es für eben diese Mitbürger wegen der Kriegsgefahr und ihres möglichen Todes vielleicht gar keine nächsten Wahlen mehr geben wird.

Was früher lediglich ein Bild war, wenn wir über diese Gefahr und diesen Tod sprachen, wird heute in vielen Ländern der Welt zur Realität. Und natürlich wird die Zahl dieser Länder in unserem schwierigen 21. Jahrhundert nur zunehmen, wenn wir nicht auf das politische Vermächtnis solcher Menschen hören wie Senator Lindsey Graham oder Senator John McCain, den Graham seinerzeit sogar gegen Donald Trump verteidigte.

Lindsey Graham wird die Verkörperung jener amerikanischen Politik bleiben, die der Welt über viele schwierige Jahrzehnte hinweg – sowohl im 20. Jahrhundert als auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts – Hoffnung auf Frieden und Überleben gab.

Und heute kann diese Haltung Hoffnung darauf geben, dass die Welt den politischen und militärischen Abgrund, in den wir alle geraten sind, mit weniger Zerstörung, weniger Opfern und einem geringeren Gefühl der Katastrophe verlassen kann – jenem Gefühl, das uns in den 2020er Jahren des 21. Jahrhunderts nicht loslässt und im kommenden Jahrzehnt zu einem prägenden Motiv des Lebens der Menschheit werden könnte.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Помер сенатор Ліндсі Грем | Віталій Портников. 12.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 12.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Brigadekommandeur zur Fahndung ausgeschrieben: Die Folgen | Vitaly Portnikov. 11.07.2026.

Das Kommando Nord hat den Kommandeur der 155. mechanisierten Brigade, Stanislav Lutschanow, zur Fahndung ausgeschrieben, weil er seine Militäreinheit unerlaubt verlassen hat.

Zuvor war berichtet worden, dass neun Soldaten der 155. Brigade, darunter auch ein Bataillonskommandeur, wegen ihrer mutmaßlichen Beteiligung an der Verschleppung zweier Brüder in der Region Kyiv festgenommen wurden. Ihr Aufenthaltsort ist bis heute unbekannt.

Das ist natürlich ein äußerst ernstes und alarmierendes Signal, das künftig berücksichtigt werden muss, wenn wir nicht wollen, dass sich die Streitkräfte der Ukraine in ein Instrument zur Bildung privater Armeen und zur Lösung von Problemen verwandeln, die sowohl Vertretern der militärischen Führung als auch jenen in Politik oder Wirtschaft wichtig erscheinen, die mit diesen Militärvertretern entsprechende Verbindungen unterhalten.

Wie wir aus der Geschichte der Kriege wissen, ist an solchen Ereignissen nichts Neues. Denn immer dann, wenn die Armee nicht nur im Leben der Gesellschaft, sondern für das Überleben des Staates selbst eine führende Rolle zu spielen beginnt,  finden sich immer Menschen, die versuchen, diese Macht für ihre eigenen Interessen zu nutzen – sowohl innerhalb der Streitkräfte als auch unter denen, die enge Beziehungen zu Vertretern der Streitkräfte aufbauen können.

Dabei ist nicht einmal das Wichtigste, in welchem Ausmaß die Streitkräfte der Ukraine staatliche Strukturen ersetzen könnten – etwa bei der Wiederherstellung der Gerechtigkeit oder bei der Lösung politischer oder wirtschaftlicher Konflikte. Entscheidend ist vielmehr, dass der Staat sein Gewaltmonopol verlieren kann und sich dadurch von einem Mechanismus, der allen Bürgern gleiche Rechte garantiert, in einen Mechanismus der Anarchie und der Willkür verwandelt. Und wenn es uns nicht gelingt, dieses Problem zu lösen, dann können wir schon jetzt sagen, dass mit dem Ende der Kampfhandlungen auf ukrainischem Territorium unsere eigentlichen Probleme erst beginnen werden.

Natürlich glaube ich nicht, dass ich hier etwas Außergewöhnliches sage. Denn in einem korrupten Staat ist es eine völlig natürliche Entwicklung, jede Machtinstitution für eigene Zwecke zu nutzen. Gerade deshalb schaffen der Kampf gegen die Korruption und zugleich die Bereitschaft der Gesellschaft, nahezu jedes Mittel dieses Kampfes als legitim zu akzeptieren, die Voraussetzungen dafür, dass sich die Sicherheitsorgane ihrerseits in ein Reservoir organisierter und unorganisierter Kriminalität verwandeln. Leider können auch die Streitkräfte davon keineswegs ausgenommen sein.

In dieser Situation ist es natürlich wichtig, dass auch der Staat sein Gewaltmonopol innerhalb des rechtlichen Rahmens ausübt. Wenn wir beobachten, wie der Mobilisierungsprozess abläuft oder wie aus politischen Motiven Sanktionen gegen ukrainische Bürger verhängt werden, deren politische Ansichten den Wahlinteressen der Machthaber nicht entsprechen, dann verstehen wir, dass die staatlichen Befugnisse zur Ausübung von Gewalt bereits missbraucht werden – unter Ausnutzung der Kriegszeit.

Was aber der Staat tun kann, kann natürlich auch jede andere Institution tun. Wie wir sehen, kann dies auch ein einzelner Brigade- oder Bataillonskommandeur tun, weil er von seiner eigenen Rechtschaffenheit überzeugt ist – wenn schon nicht im rechtlichen Sinne, dann zumindest von seiner eigenen Straflosigkeit. Und auch das ist erst der Beginn zerstörerischer Prozesse.

Stellen wir uns vor, es gelingt uns nicht, die Situation im Rahmen der Rechtsstaatlichkeit zu halten. Und der Krieg endet. Mit seinem Ende kehren Hunderttausende Menschen nach Hause zurück, denen die Anpassung an die neuen Bedingungen schwerfallen wird, die durch den Krieg und durch Ungerechtigkeit traumatisiert sind und nach Möglichkeiten suchen werden, die Fähigkeiten einzusetzen, die sie während ihres Militärdienstes erworben haben. Und es wird immer Menschen geben, die bereit sind, diese Fähigkeiten auszunutzen – unter den Bedingungen eines schwachen Staates, der bei der überwiegenden Mehrheit seiner Bürger kein Ansehen genießt.

Deshalb ist die Bewahrung des Respekts vor dem Staat, ja die Wiederherstellung dieses Respekts, unsere wichtigste Aufgabe, wenn wir nicht wollen, dass sich die Ukraine nach dem Krieg in ein Gebiet des Banditentums und des Terrors verwandelt. Dazu ist es notwendig, dass die Staatsmacht ihre eigenen Befugnisse nicht missbraucht und sich des ganzen Ausmaßes der Herausforderungen bewusst ist, denen sich die Ukraine nach dem Krieg stellen muss. Wir müssen verstehen, dass der Krieg wie ein Beruhigungsmittel wirkt, dessen Wirkung genau in dem Moment endet, in dem die Kampfhandlungen selbst enden.

Der Krieg dauert noch an, und selbst am Horizont sind keine Perspektiven für sein Ende zu erkennen. Und dennoch sprechen wir bereits über die Fahndung nach einem Brigadekommandeur, über die Festnahme von Soldaten, denen die Beteiligung an einer Straftat vorgeworfen wird – im Wesentlichen der Versuch einer Personengruppe, sich das staatliche Gewaltmonopol anzueignen, was wiederum zur Entstehung einer organisierten kriminellen Gruppe innerhalb der Streitkräfte der Ukraine führt. Jener Streitkräfte, auf die wir so stolz sind – als Institution, die die Ukraine vor dem Feind schützt, als Institution, die unsere Zukunft bewahrt, als Institution, die gerade in den schwierigen Zeiten des Krieges ein Vorbild an Moral und Tugend sein sollte.

Und es ist für uns von größter Bedeutung, diese Haltung gegenüber der Armee zu bewahren. Dafür brauchen wir ein ehrliches Gespräch darüber, was innerhalb der Streitkräfte geschieht. Wir dürfen keine Angst haben, über solche Fälle zu sprechen. Und wir brauchen selbstverständlich eine professionelle zivile Kontrolle über die Armee, die sich nur durch eine professionelle Staatsführung wiederherstellen lässt – genau das, worüber wir seit den langen Jahren der Degeneration des gesamten Systems staatlicher Verwaltung immer wieder sprechen.


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Titel des Originals: Комбриг у розшуку: наслідки | Віталій
Портников. 11.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 11.07.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Graham hat Trump überzeugt: Neue Sanktionen gegen Russland | Vitaly Portnikov. 11.07.2026.

Der Senator Lindsey Graham, einer der engsten Verbündeten des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der sich in den vergangenen Monaten für das sogenannte neue „Höllengesetz“ über Sanktionen gegen Russland und dessen Ölsponsoren eingesetzt hat, erklärte, es sei ihm gelungen, diesen Gesetzentwurf mit der Regierung von Präsident Donald Trump abzustimmen.

Sollten die Vereinbarungen, die der Senator erzielt hat, umgesetzt werden, würde dies bedeuten, dass das Gesetz nicht nur den Senat, sondern auch das Repräsentantenhaus des amerikanischen Kongresses passieren könnte, wo die Republikaner bekanntlich die Mehrheit besitzen. Ein solcher Gesetzentwurf könnte zudem von der überwiegenden Mehrheit der demokratischen Abgeordneten unterstützt werden. Unter welchen Bedingungen Senator Graham und der Mitautor des Gesetzes, Senator Blumenthal, diese Vereinbarungen mit der US-Regierung erreicht haben, wissen wir allerdings bislang noch nicht.

Der Inhalt des Gesetzes ist seit Langem bekannt, und die Senatoren Graham und Blumenthal haben Präsident Volodymyr Zelensky während ihrer Reise nach Kyiv darüber informiert. Es geht vor allem darum, dass Sanktionen nicht nur gegen die Russische Föderation selbst, sondern auch gegen jene Länder verhängt werden sollen, die russisches Öl kaufen. Dadurch könnte ein ernsthaftes Problem für den Verkauf russischen Öls an die Staaten des Globalen Südens entstehen.

Angesichts der Tatsache, dass Russland derzeit schwierige Zeiten im Bereich der Ölraffination durchlebt und der Ölverkauf eines der wichtigsten Instrumente sowohl zur Auffüllung der Devisenreserven der Russischen Föderation als auch zur Bewältigung der Probleme mit Erdölprodukten ist, könnte die Verabschiedung eines solchen Gesetzes tatsächlich zu einem bedeutenden Druckmittel gegen Russland werden.

Doch auch ein solches Instrument hat, wie wir verstehen, seine Grenzen. Denn man sollte daran erinnern, dass sich im Senat derzeit noch ein weiterer Gesetzentwurf befindet, der, wie ich sagen würde, für die Ukraine weitaus wichtiger ist als Grahams Gesetz. Es handelt sich um den Ukraine Support Act, der die finanzielle Unterstützung unseres Landes bereits in naher Zukunft wieder aufnehmen könnte und damit Bedingungen schaffen würde, die sich tatsächlich auf die Lage bei der Bewaffnung der Ukraine und auf die Situation an der russisch-ukrainischen Front auswirken könnten.

Die amerikanische Finanzhilfe besteht nicht nur aus Zahlen – sie bedeutet auch modernste Waffen, die nicht lediglich von europäischen Ländern im Rahmen des PEARL-Programms beschafft würden, wie es derzeit geschieht. Sie bedeutet die reale Möglichkeit, Waffen direkt vom Pentagon zu erhalten. Amerikanische Unterstützung sind zusätzliche Milliarden Dollar, die sich stets auf die Lage an der Front auswirken.

Man muss sich nur daran erinnern, dass wir in der Zeit, als diese Unterstützung zeitweise ausblieb, weil die Republikaner die Verabschiedung des entsprechenden Gesetzes blockierten, leider den Verlust von Awdijiwka erleben mussten, was die Lage an der gesamten russisch-ukrainischen Front empfindlich veränderte. Man kann also sagen, dass die amerikanische Hilfe tatsächlich ein wesentlicher Bestandteil des russisch-ukrainischen Krieges ist.

Doch wie wir sehen, möchte die Trump-Regierung einen anderen Weg gehen – jenen Weg, den Trump seit seinem ersten Tag als Präsident der Vereinigten Staaten verfolgt: keine umfangreiche finanzielle Unterstützung für die Ukraine, sondern stattdessen Druck auf jene Länder auszuüben, die am Krieg beteiligt sind.

Positiv ist heute, dass niemand mehr davon spricht, Druck auf unser Land auszuüben. Die Rede ist in erster Linie von Druck auf Russland; in Washington setzt man Aggressor und Opfer in diesem Krieg nicht länger gleich. Und das hängt natürlich in erster Linie mit den Erfolgen der ukrainischen Streitkräfte im Kampf gegen den russischen Aggressor zusammen sowie mit dem Interesse der Vereinigten Staaten daran, dass Russland auf dem weltweiten Energiemarkt keine führende Rolle mehr spielt. Auch dies ist ein wichtiger Bestandteil der Situation, die infolge des Krieges der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran entstanden ist, sowie des Verständnisses von Präsident Donald Trump für die Rolle, die Russland in diesem Krieg gespielt hat – auch wenn der amerikanische Präsident dies nicht offen ausspricht.

Wir können also klar feststellen, dass das Gesetz, für das sich die Senatoren Graham und Blumenthal mehrere Monate lang eingesetzt haben und das erhebliche Veränderungen im Ölgleichgewicht der Russischen Föderation bewirken könnte, tatsächlich in den kommenden Wochen verabschiedet werden könnte. Die Frage ist jedoch, wie es tatsächlich umgesetzt werden wird. Denn schon heute verkauft Russland den Großteil seiner Ölvorräte mithilfe der sogenannten Schattenflotte und umgeht damit die Sanktionen Europas und Amerikas.

Derzeit gibt es faktisch keine wirksamen Instrumente, die diesen Schmuggel russischen Öls stoppen und nicht nur Indien, sondern auch die Volksrepublik China beeinflussen könnten. Und sich in der gegenwärtigen Energiesituation der Welt einen neuen Zollkrieg der Vereinigten Staaten mit China und Indien vorzustellen, ist ebenfalls äußerst schwierig.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der mit der tatsächlichen Anwendung dieses Gesetzes zusammenhängt, betrifft die weitere Entwicklung der Lage im Nahen Osten. Denn obwohl Präsident Donald Trump keine Wiederaufnahme des Krieges mit dem Iran wünscht, könnte das Verhalten des iranischen Regimes zu einer neuen Eskalation führen und damit die Suche nach neuen Instrumenten zur Stabilisierung des Energiemarktes erforderlich machen – und folglich zu neuen Zugeständnissen an Russland, wenn auch nur vorübergehend.

Tatsächlich hat also selbst dieses „Höllengesetz“ seine Grenzen. Es bleibt zu hoffen, dass das Gesetz zumindest tatsächlich verabschiedet wird und zu einem Signal für alle Energiesponsoren der Russischen Föderation wird: auf wessen Seite die Vereinigten Staaten stehen und mit welchen Folgen die Länder, die russisches Öl kaufen, früher oder später rechnen müssen, wenn sie ihre Politik der wirtschaftlichen Unterstützung Russlands in dessen Krieg gegen unser Land fortsetzen. Selbst wenn dieses Gesetz nicht so funktionieren sollte, wie es sich sein Autor wünscht, wird es doch ein echtes politisches Signal sein, auf das man setzen sollte.


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Titel des Originals: Грем переконав Трампа: нові санкції проти Росії | Віталій Портников. 11.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 11.07.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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NATO gegen Putin: Warum der Westen die Ukraine nicht aufgegeben hat. Kolumne von Vitaly Portnikov. 09.07.2026.


Volodymyr Zelensky trifft Donald Trump auf dem NATO-Gipfel in Ankara, 8. Juli 2026. Foto: SAUL LOEB/AFP/East News

НАТО против Путина: почему Запад не отказался от Украины. Колонка Виталия Портникова. 09.07.2026.

Eine Militärhilfe für die Ukraine in Höhe von 140 Milliarden Euro für die kommenden zwei Jahre – das ist wohl das wichtigste Signal, das die Staats- und Regierungschefs der NATO Putin während des Gipfels in Ankara gesendet haben, meint der ukrainische Journalist und Publizist Vitaly Portnikov. Eine derart beeindruckende Summe bedeutet, dass die Ukraine nicht ohne Unterstützung bleiben wird und es dem russischen Präsidenten nicht gelingen wird, seine Ziele im russisch-ukrainischen Krieg zu erreichen – wie auch immer diese aussehen mögen. Zudem wurde Russland in der Abschlusserklärung des Gipfels in Ankara als langfristige Bedrohung für die Sicherheit des Bündnisses eingestuft. Das bedeutet, dass sich die NATO nicht grundlos aufrüstet, sondern um Putin abzuschrecken.

Auch Donald Trump hat den Ton seiner Äußerungen zum russisch-ukrainischen Krieg verändert. Bei seinem Treffen mit Volodymyr Zelensky versprach er der Ukraine eine Lizenz zur Produktion von Raketen für Patriot-Luftabwehrsysteme, unterstützte ukrainische Angriffe auf Russland und machte sich über Wladimir Putins Idee lustig, russisch-ukrainische Verhandlungen in Moskau abzuhalten. Gelacht hat er übrigens gemeinsam mit Zelensky, dem es – nicht ohne Trumps Hilfe – gelang, das Gespräch über Verhandlungen in Moskau in eine humorvolle Szene zu verwandeln, die daran erinnerte, dass Moskau derzeit wegen der ukrainischen Drohnen am Himmel über der russischen Hauptstadt kein sicherer Ort ist.

Diese Stimmung Trumps überträgt sich natürlich auch auf seine Bündnispartner, die ihre Positionen mit dem amerikanischen Präsidenten abstimmen. Zelensky sprach in Ankara auch mit denjenigen, mit denen der Dialog in den vergangenen Wochen offensichtlich schwierig gewesen war – mit dem polnischen Präsidenten Karol Nawrocki und dem ungarischen Ministerpräsidenten Péter Magyar. Auch diese Treffen sind ein wichtiges Zeichen der Normalisierung.

Natürlich ist es noch zu früh, von einem tatsächlichen Ende des Krieges zu sprechen – im Kreml will man davon offensichtlich nichts hören. Man kann jedoch von etwas anderem sprechen: vom Scheitern der Moskauer Berechnung, der Krieg werde durch amerikanischen Druck auf die Ukraine beendet. Offenbar ist Donald Trump inzwischen der Ansicht, dass der Druck vielmehr auf Russland ausgeübt werden müsse – und zwar nicht nur durch Sanktionen, sondern auch durch militärische Angriffe auf strategische Objekte der russischen Wirtschaft.

Die Hoffnung, der Westen werde die Finanzierung verweigern, ist erneut gescheitert. Noch vor Kurzem dachte man im Kreml ähnlich über die von der Europäischen Union bereitgestellten Mittel und versuchte, das Hilfspaket für Kyiv mithilfe des inzwischen politisch in den Hintergrund getretenen Viktor Orbán zu blockieren. Bemerkenswert ist, dass es sich bei der NATO nicht einfach um irgendeinen abstrakten Konsens handelt: Für die Einigung über die Bereitstellung der Mittel waren auch die Zustimmung des slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico sowie das Ausbleiben von Einwänden der neuen Regierungschefs Bulgariens und Tschechiens, Rumen Radew und Andrej Babiš, erforderlich. Es zeigt sich, dass sie zwar Erklärungen über die Notwendigkeit einer diplomatischen Lösung des Problems abgeben können, sich jedoch offensichtlich nicht bereit sind, gegen den Mainstream zu stellen.

Und das spricht vom Scheitern einer weiteren Moskauer Kalkulation – nämlich der Annahme, die Stärkung ultrarechter und ultralinker Politiker, die zu einem Einvernehmen mit Russland bereit sind, werde die Positionen des Kremls stärken und die Hilfe für die Ukraine blockieren. Populisten gelangen tatsächlich an die Macht – und dieser Trend könnte sich fortsetzen.

Doch sobald die früheren Befürworter einer „diplomatischen Lösung“ im Präsidenten- oder Ministerpräsidentensessel sitzen, beginnen sie, die Meinung Washingtons und Brüssels deutlich ernster zu nehmen. Denn es ist das eine, in Moskau Geld für sich selbst und die eigene Partei zu finden. Etwas ganz anderes ist es jedoch, über Verbesserungen im eigenen Land nachzudenken: Davon hängen letztlich sowohl die Fortsetzung der politischen Karriere als auch der Machterhalt ab.

Und genau hier hat Putin mit seiner Benzinkrise überhaupt nichts mehr anzubieten. Der russische Präsident hat offenbar nicht nur den Schlüssel zu den Herzen jener verloren, die bereit waren, mit ihm Geschäfte zu machen und die Augen vor dem Krieg und den Verbrechen des Putin-Regimes zu verschließen.

Er hat auch den Schlüssel zur Tankstelle verloren.


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Titel des Originals: НАТО против Путина: почему
Запад не отказался от Украины.
Колонка Виталия Портникова. 09.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.07.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Zeitung
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Putin will wieder verhandeln | Vitaly Portnikov. 10.07.2026.

Der Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, betonte, der Kreml bleibe der Idee verpflichtet, die sogenannten Ziele der militärischen Spezialoperation auf politisch-diplomatischem Wege zu erreichen. Zugleich beschuldigte er die Ukraine, ihre Führung sei nicht zu Verhandlungen bereit, weshalb die sogenannte Spezialoperation angeblich weitergeführt werde.

Diese Erklärung des Pressesprechers Putins ist in erster Linie ein Signal an den Westen. Und natürlich auch an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, der nach seinem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky bislang immer noch nicht mit Putin gesprochen hat.

Wie wir sehen, ist Putin bereit, die Verhandlungen wieder aufzunehmen, und sucht nach Wegen, die sogenannten Ziele auf politisch-diplomatischem Wege zu erreichen. Und das, obwohl der Kreml noch vor wenigen Wochen feierlich erklärt hatte, die Verhandlungen mit der Ukraine so lange auszusetzen, bis die ukrainischen Streitkräfte jenen Teil des Gebiets Donezk verlassen hätten, der weiterhin von der legitimen ukrainischen Regierung und nicht von den kriminellen Besatzern kontrolliert wird.

Was hat sich also innerhalb so kurzer Zeit an der russischen Position geändert?

  • Erstens sind da natürlich die ukrainischen Angriffe auf die russische Ölraffinerieindustrie.

Putin kann so tun, als geschehe nichts Besonderes. Seine Gefolgsleute suchen nach Möglichkeiten, dass die Russische Föderation Erdölprodukte auf den Märkten der Staaten des Globalen Südens einkauft oder russisches Rohöl gegen Erdölprodukte indischer Produktion eintauscht. Doch die Lage ist schwierig und wird sich mit jedem neuen ukrainischen Angriff und mit jeder Woche ohne Treibstoff an den Tankstellen der Russischen Föderation weiter verschärfen. Ganz zu schweigen davon, dass dieser Treibstoffmangel offensichtliche Probleme sowohl für die russische Wirtschaft als auch für die russische Armee schafft.

  • Der zweite wichtige Faktor, der die Haltung des russischen Präsidenten beeinflussen und ihn zumindest dazu veranlassen könnte, seine Bereitschaft zu Verhandlungen zu erklären, ist Donald Trumps mangelnde Aufmerksamkeit.

Ich erinnere daran, dass der amerikanische Präsident seinen russischen Amtskollegen früher sogar noch vor einem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten anrufen konnte – und das führte zu erstaunlichen Ergebnissen bei den Verhandlungen selbst, weil Trump bereit war, jeden Unsinn zu glauben, den Putin ihm erzählte.

Es gab Situationen, in denen Trump unmittelbar nach einem Treffen mit Zelensky und europäischen Staats- und Regierungschefs mit Putin sprach – und es dem russischen Präsidenten gelang, die Ergebnisse jener Vereinbarungen zunichtezumachen, die der amerikanische Präsident mit dem Präsidenten der Ukraine und den Staats- und Regierungschefs der NATO-Mitgliedstaaten erzielt hatte.

Nun sind jedoch bereits mehrere Tage vergangen, und im Weißen Haus scheint man kein besonderes Interesse daran zu haben, mit Putin zu sprechen. Dabei hatte Trump vor den Gesprächen mit Zelensky erklärt, er wolle unmittelbar nach dem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten mit dem russischen Staatschef telefonieren.

Wie wir sehen, könnte das Treffen mit Zelensky Trump davon überzeugt haben, dass es zumindest in den nächsten Tagen nicht notwendig ist, mit Putin zu sprechen, sondern dass man vielmehr darüber nachdenken sollte, die ukrainischen Angriffe tief im russischen Hinterland zu verstärken. Darüber sprachen beim Treffen der Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ukraine sowohl Trump selbst als auch der amerikanische Außenminister Marco Rubio, der endlich die Möglichkeit erhalten hat, genau die Außenpolitik zu betreiben, die ihm entspricht – eine Außenpolitik, die auf die Schwächung der russischen Positionen und den Zusammenbruch der russischen Wirtschaft abzielt, den sich natürlich jede amerikanische Regierung wünscht, insbesondere seit die Vereinigten Staaten und die Russische Föderation auf dem Energiemarkt miteinander konkurrieren.

Natürlich muss Trump es in dieser Situation nicht eilig haben, mit dem russischen Präsidenten zu sprechen, sondern kann beobachten, wie russische Ölraffinerien brennen. Es sind nicht einfach Fabriken eines Aggressorstaates, sondern auch Fabriken eines Konkurrenzstaates. Und diese Logik versteht Trump sogar besser als die Logik des russisch-ukrainischen Krieges. Denn jede ukrainische Drohne, die die Entwicklungsperspektiven der russischen Wirtschaft für viele Jahre zerstört, ist ein echtes Geschenk des ukrainischen Volkes an die Vereinigten Staaten von Amerika.

Putin sucht heute also weniger nach einem Ende des Krieges. Ich bin vielmehr der Auffassung, dass der russische Präsident keine einzige Minute über ein Ende des Krieges nachdenkt. Vielmehr sucht er nach einem Zugang zu seinem amerikanischen Amtskollegen, um ihn davon zu überzeugen, dass nur Druck auf Kyiv die Lage in diesem Krieg verändern könne, den Putin weiterhin gegen unseren Staat führt.

Nicht umsonst riet der Pressesprecher des russischen Präsidenten den Journalisten auf die Frage, was getan werden könne, um die Zerstörung der russischen Infrastruktur zu stoppen, sich an das Weiße Haus zu wenden, damit gerade der amerikanische Präsident den ukrainischen davon abhält, die Wirtschaft der Russischen Föderation und die Zukunft dieses aggressiven und unberechenbaren Landes weiter zu zerstören – eines Landes, das immer mehr einer gewöhnlichen abscheulichen Terrororganisation unter der Trikolore ähnelt.

Deshalb wird Putin über Verhandlungen sprechen müssen. Die Frage ist nur, inwieweit man heute im Weißen Haus bereit ist, überhaupt über einen Verhandlungsprozess zu sprechen, der keine konkreten Ergebnisse verspricht.

Denn inzwischen ist offensichtlich, dass der amerikanische Präsident – umso mehr vor dem Hintergrund der anhaltenden Iran-Krise – von seinem russischen Amtskollegen keine Gespräche und keine Versprechungen gegenüber den Sondergesandten des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Steve Witkoff und Jared Kushner, erwartet, sondern konkrete Taten, die Putins Bereitschaft zeigen würden, den grausamen Krieg, den der russische Diktator gegen den Nachbarstaat führt, zumindest auszusetzen.

Ja, es geht um Trumps ursprünglichen Wunsch, den Krieg entlang der Frontlinie einzufrieren. Doch genau darin liegt das Problem: Der russische Machthaber ist bereit zu signalisieren, dass er an den Verhandlungstisch zurückkehren will, aber überhaupt nicht bereit, mit dem Töten und Schießen, Bombardieren und Plündern aufzuhören – also mit all dem, was seit den Zeiten des Moskauer Fürstentums und den ersten historischen Verbrechen der hinterlistigen Moskauer Fürsten, die später zu verbrecherischen russischen Zaren, abscheulichen sowjetischen Generalsekretären und schließlich zu Putin als Erben dieser gesamten verbrecherischen Tradition wurden, den eigentlichen Sinn der Existenz des russischen Staates ausmacht.

Und solange Putin hofft, der Ukraine seinen Willen mit Gewalt aufzwingen zu können, wird er natürlich nicht aufhören – auch wenn er vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Zusammenbruchs der Russischen Föderation immer häufiger von seiner Bereitschaft sprechen wird, zu Verhandlungen mit uns zurückzukehren.


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Titel des Originals: Путін знову хоче перемовин | Віталій
Портников. 10.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 10.07.2026.
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Trump hat Putin verwirrt | Vitaly Portnikov. 10.07.2026.

Offenbar ist man im Kreml von den jüngsten Äußerungen des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, zum russisch-ukrainischen Krieg überrascht, zugleich aber nicht bereit, einen ernsthaften Konflikt mit dem Hausherrn des Oval Office zu riskieren.

Trump hatte bekanntlich nach seinem Gespräch mit Volodymyr Zelensky angekündigt, den russischen Präsidenten anzurufen. Doch Putin wartete vergeblich auf diesen Anruf. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow betonte jedoch, Trump sei offenbar sehr beschäftigt gewesen und habe deshalb keine Zeit für seinen Chef gefunden. Im Kreml sei man aber jederzeit zu einem Dialog mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten bereit.

Eine weitere Erklärung, die im Kreml auf offensichtliches Unverständnis stieß, war die Tatsache, dass der amerikanische Präsident gemeinsam mit anderen Vertretern seiner Administration die ukrainischen Angriffe auf russische Ölraffinerien und Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes faktisch unterstützte. Peskow weigerte sich jedoch, diese Haltung des amerikanischen Präsidenten als Eskalation zu bezeichnen. Er betonte, es handle sich lediglich um einen Irrtum des Präsidenten der Vereinigten Staaten – ebenso wie dessen Auffassung, militärischer Druck auf die Russische Föderation werde zu einer Lösung des Konflikts um die Ukraine beitragen.

Eine weitere Äußerung des amerikanischen Präsidenten, die in Moskau für Verärgerung sorgt, betrifft Trumps Aussage, er habe mit Zelensky über eine mögliche Schließung des ukrainischen Luftraums gesprochen – allerdings offenbar erst nach dem Ende der Kampfhandlungen. „Es hatte niemand darüber gesprochen, den ukrainischen Luftraum bereits vor dem Ende der Kampfhandlungen zu schließen“, betonte Peskow. Er erinnerte daran, dass die Schließung des Luftraums über der Ukraine den Einsatz von Streitkräften der NATO-Mitgliedstaaten voraussetze – und genau dagegen werde die sogenannte militärische Spezialoperation geführt.

Auch das ist, wie ich sagen würde, eine neue Charakterisierung der russischen Handlungen. Bisher dachten wir, die militärische Spezialoperation werde geführt, um der Bevölkerung des Donbas zu helfen oder die Ukrainer von der Herrschaft der sogenannten Nazis zu befreien. Nun stellt sich heraus, dass es in Wirklichkeit darum geht, den Einsatz der Luftstreitkräfte der NATO-Mitgliedstaaten im ukrainischen Luftraum zu verhindern.

Natürlich hat man in Moskau auch bemerkt, dass die Vereinigten Staaten die Ukraine weiterhin mit Waffen beliefern. Die einzige Reaktion des Kremls lautet, dass man dies in Moskau nicht durch die rosarote Brille betrachten werde. Gleichzeitig werde man jedoch den Umstand zur Kenntnis nehmen, dass die Amerikaner bereit seien, der Ukraine Waffen zu liefern und zugleich den Friedensprozess zu fördern. Auch das ist ein weiterer Versuch, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Mit anderen Worten: „Obwohl die Vereinigten Staaten den Ukrainern dabei helfen, russische Soldaten sowie russische Einrichtungen des Ölraffinerie- und militärisch-industriellen Komplexes zu zerstören, werden wir dennoch davon ausgehen, dass Trump Friedensbemühungen unternimmt“, weil man einen offenen Streit mit dem amerikanischen Präsidenten fürchtet.

Peskow versprach außerdem, dass die Pufferzone an der russisch-ukrainischen Grenze umso größer werde, je länger Kyiv Angriffe auf die Russische Föderation ausführe. Dementsprechend werde sich auch die Dauer der sogenannten militärischen Spezialoperation verlängern.

Diese Worte des Pressesprechers des russischen Präsidenten bestätigen im Grunde die heute von der Nachrichtenagentur Reuters verbreitete Information, wonach Präsident Putin entschlossen ist, den Krieg fortzusetzen. Er habe die Vorschläge jener Berater zurückgewiesen, die empfohlen hatten, die Kampfhandlungen entlang der Frontlinie in den Gebieten Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja einzustellen.

Putin hofft weiterhin, dass seine Truppen das gesamte Gebiet der Region Donezk erobern können, und bereitet neue Maßnahmen im Zusammenhang mit einer Mobilisierung in Russland vor. Wir verstehen jedoch sehr gut, dass die Äußerungen Donald Trumps die Stimmung des russischen Präsidenten zumindest teilweise verändern. Denn neben der Möglichkeit, die sogenannte Spezialoperation fortzusetzen, muss Putin nun auch den Faktor berücksichtigen, dass die Vereinigten Staaten bereit sein werden, der Ukraine weiterhin im Kampf gegen die russische Aggression zu helfen – die ukrainischen Möglichkeiten zur Vernichtung russischer Soldaten, die sich weiterhin auf ukrainischem Boden befinden, sowie zur Zerstörung russischer Ölraffinerien, Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes und der russischen Infrastruktur auszubauen – sowohl in den besetzten ukrainischen Gebieten als auch auf dem gesamten Territorium der Russischen Föderation, inzwischen sogar jenseits des Urals in Sibirien, wie es beim inzwischen stillgelegten Ölraffineriewerk in Omsk der Fall war.

Das könnte die Pläne des russischen Präsidenten für einen langen Krieg natürlich verändern – einfach deshalb, weil Putin dann weder über die notwendigen Ressourcen noch über genügend Geld und Menschen verfügen würde, um einen jahrelangen Krieg zur Eroberung des ukrainischen Donbas zu führen.

Deshalb wird man im Kreml nun natürlich alles daransetzen, Trump irgendwie davon zu überzeugen, dass seine während der Gespräche mit dem ukrainischen Präsidenten vertretene Position falsch gewesen sei und dass der amerikanische Präsident nach Wegen suchen sollte, sich mit seinem russischen Kollegen zu verständigen. Dieser ist bekanntlich zu jedem Kompliment gegenüber seinem amerikanischen Amtskollegen bereit – solange er den Krieg gegen unser Land gewissermaßen zu Vorzugsbedingungen fortsetzen kann.

Es könnte jedoch ebenso sein, dass Donald Trump:

  • erstens Putins Komplimente inzwischen leid ist, weil sie von keinerlei konkreten Zugeständnissen des Präsidenten der Russischen Föderation begleitet werden;
  • zweitens erkennt, dass die Ukraine tatsächlich in der Lage ist, das Ölraffinerie- und Ölpotenzial der Russischen Föderation zu zerstören – was den amerikanischen Interessen in einer Zeit entspricht, in der kein intensiver Krieg mit dem Iran stattfindet;
  • drittens begreift, dass die Zerstörung des russischen Militärpotenzials und die Erfolge der Ukraine im Krieg gegen die Russische Föderation nicht nur den Erwartungen der demokratischen, sondern auch der republikanischen Wählerschaft in den Vereinigten Staaten entsprechen. Somit könnten die Demütigung Russlands und Maßnahmen, die zur Niederlage eines der abscheulichsten Staaten der heutigen Welt führen sollen, den Republikanern zumindest helfen, ihre Positionen bei den schwierigen Kongresswahlen im Herbst dieses Jahres zu verbessern – auch wenn die Ukraine-Frage im laufenden amerikanischen Wahlkampf nicht zu den wichtigsten Themen gehört.

Unter diesen Umständen wird es für Putin nicht leicht sein, Trump zu überzeugen. Zumal der amerikanische Präsident ihn nicht einmal anruft.


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Titel des Originals: Трамп спантеличив Путіна | Віталій
Портников. 10.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 10.07.2026.
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Konflikt mit dem militärischem Rekrutierungszentrum in Lwiw: Schlussfolgerungen | Vitaly Portnikov. 09.07.2026.

Der Vorfall mit dem Fahrzeug des Rekrutierungszentrums im Lwiwer Stadtteil Sychiw gibt natürlich jedem Anlass zu ernster Sorge, der über die Zukunft des ukrainischen Staates und die Möglichkeit seines Fortbestehens in absehbarer Zeit nachdenkt. Natürlich geht es nicht um Sychiw und nicht um Lwiw. Ein solcher Vorfall kann heute in jeder ukrainischen Stadt geschehen. 

Es wird völlig offensichtlich, dass die Frage der Mobilisierung vor allem im Hinblick auf den Dialog zwischen Staat und Gesellschaft nicht gelöst ist, dass die Staatsführung versucht, sich aus diesem schwierigen Problem herauszuhalten, weil sie sich seiner Unbeliebtheit unter den sogenannten potenziellen Wählern bewusst ist. Mir wird oft vorgeworfen, wenn ich von der tödlichen Gefahr einer ineffektiven Staatsführung spreche.

Doch was ist Ineffektivität in Wirklichkeit? Sie besteht nicht nur aus einer ganzen Reihe falscher oder verspäteter Entscheidungen. Sie besteht vor allem aus dem Versuch, beliebt zu sein – selbst im kritischen Moment nicht darüber nachzudenken, wie ein Problem wirksam gelöst werden kann, sondern darüber, wie sich seine Lösung auf die eigene politische Zukunft auswirkt.

Aus dieser Sicht kann sowohl jemand ineffektiv sein, der gerade erst in die Politik gekommen ist, als auch jemand mit enormer Erfahrung in Staatsführung und Großunternehmen. Das überzeugendste Beispiel einer solchen Ineffektivität ist Donald Trump, der bereits zum zweiten Mal Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika geworden ist.

Ich möchte daran erinnern, wie praktisch innerhalb eines einzigen Tages zu Beginn des großen Krieges alle Leiter der Rekrutierungszentren in sämtlichen Regionen unseres Landes entlassen wurden. Natürlich sprach man damals über Korruptionsprobleme in den TCC mindestens ebenso viel wie heute, wenn nicht sogar mehr. Aber kann man ein System reformieren, wenn man mit einer einzigen Entscheidung alle austauscht, die in diesem System arbeiten? Und kann man erwarten, dass ein solcher vollständiger Austausch zu einer Verbesserung der Effizienz führt? Das ist eine rhetorische Frage. Doch wir erinnern uns daran, dass die ukrainische Gesellschaft diese scheinbar einfache Lösung des Mobilisierungsproblems begeistert begrüßte.

Ein weiteres ernstes Problem, über das gesprochen werden muss, wenn wir zur Mobilisierung zurückkehren, ist die ständige Beruhigung der Gesellschaft mit dem Gerede darüber, dass der Krieg jeden Moment enden könne und dass der Weg zum Kriegsende über Verhandlungen und diplomatische Schritte führe, die den Krieg beenden würden. Und davon spricht übrigens nicht nur der Präsident der Ukraine. Davon sprechen auch ständig jene Politiker, die versuchen, auf den Problemen der Rekrutierungszentren zu parasitieren. „Man muss diesen Krieg endlich beenden. Ihr seid selbst daran interessiert, ihn fortzusetzen, um an der Macht zu bleiben.“

Das haben wir 2019 gegenüber Petro Poroschenko gehört und hören es 2026 gegenüber Volodymyr Zelensky. Und die überwältigende Mehrheit der ukrainischen Bürger ist nicht einmal bereit zu begreifen, dass es keinen Schlüssel zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges gibt – weder in der Tasche des Präsidenten der Ukraine noch in der Tasche des Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Alles hängt vom Willen des Präsidenten der Russischen Föderation ab, der nicht beabsichtigt, den Krieg zu beenden. Er kann höchstens einer Unterbrechung oder irgendwann vielleicht auch einer Beendigung zustimmen – aber nur dann, wenn ihm Ressourcen, Geld und Menschen ausgehen. Unsere Streitkräfte arbeiten bereits daran, dieses Problem zu lösen. Doch es könnten viele Jahre nötig sein und keineswegs nur Monate, bis Putin ernsthaft über die Möglichkeit einer Unterbrechung des Krieges nachdenkt, um Ressourcen für dessen spätere Fortsetzung wiederherzustellen.

Ja, heute wird Ihnen niemand sagen können, ob der Krieg im hypothetischen Dezember 2026 oder im hypothetischen Dezember 2031 endet. Aber damit dieser Krieg nicht mit dem Verschwinden des ukrainischen Staates von der politischen Landkarte der Welt und Ihrer Vertreibung aus der Ukraine endet – und zwar keineswegs unter den Bedingungen, unter denen Migranten 2019 nach Europa kamen –, muss es jemanden geben, der dieses Land verteidigt.

Und damit kommen wir erneut zu einer ganzen Reihe von Fragen.

Erstens müssen wir begreifen, dass sich Ukrainer stets hinter dem Begriff der Gerechtigkeit verstecken – einer Gerechtigkeiti, die an der Schwelle des eigenen Hauses endet. Das ist keineswegs ein Scherz. In meiner eigenen Korrespondenz gibt es zahlreiche Nachrichten von Menschen, die mir vorwarfen, ich würde nicht laut genug über die Notwendigkeit einer verstärkten Mobilisierung sprechen und nicht sagen, dass an der Front Kämpfer fehlen. Doch ihr Ton änderte sich sofort, sobald die Mobilisierung sie selbst oder auch nur ihre Angehörigen betraf. Sofort erinnerten sie sich an die Rekrutierungszentren und vergaßen augenblicklich, dass an der Front Menschen fehlen.

Das ist übrigens ebenfalls ein Thema, über das gesprochen werden muss. Denn in der Regel kann jeder, der dem Staat vorwirft, die Mobilisierung nicht organisieren zu können, zahlreiche Geschichten erzählen: dass inzwischen Drohnen anstelle von Menschen kämpfen, dass alles bereits automatisiert sei und eigentlich niemand Neues gebraucht werde, dass die Kinder der Abgeordneten kämpfen sollten und nicht einfache Menschen.

Bis heute bekomme ich dafür Kritik, dass ich klar und deutlich gesagt habe: Kämpfen müssen alle. Wenn neben dem hypothetischen Kind eines Abgeordneten kein gewöhnlicher Bürger steht, der eben nicht Abgeordneter geworden ist, weil er sich nicht auf die Wahlliste der Partei Diener des Volkes gesetzt hat, dann wird der Staat besiegt, geplündert und vernichtet werden. Das kann ich gern noch einmal wiederholen.

Ebenso offensichtlich ist, dass Korruption weiterhin der wichtigste Faktor aller Beziehungen in der ukrainischen Gesellschaft bleibt. Und wiederum gilt: Menschen, die gegen Korruption auftreten, sind stets bereit, ihre Mechanismen zu nutzen, sobald es um ihre eigenen Bedürfnisse oder die ihrer Angehörigen, Freunde oder Bekannten geht. Korruption ist nur dann gefährlich, wenn sie einen selbst nicht betrifft. Das ist das Wesen der Beziehungen in der ukrainischen Gesellschaft. Auch darüber muss laut gesprochen werden, damit man nicht zum Werkzeug jenes Zynismus wird, der auf ukrainischem Boden – man kann sagen seit imperialen Zeiten – herrscht.

Die Ukrainer haben sich daran gewöhnt, das Imperium zu täuschen, und begegnen ihrem eigenen Staat mit derselben Geringschätzung. Historisch betrachtet ist das völlig normal, wenn man realistisch sein will. Leider befinden wir uns jedoch nicht einfach in einer historischen Epoche, sondern in einer Phase des Überlebens unseres Staates. Auch diesem Überleben begegnen viele mit Verachtung. Und auch das ist eine Frage des Dialogs zwischen Staat und Gesellschaft.

Wenn wir statt zu sagen, der Krieg werde bald enden, die Wahrheit aussprechen würden – und die Wahrheit lautet, dass der Feind, wenn es der ukrainischen Armee nicht gelingt, ihn im Donezker Gebiet aufzuhalten, in die Regionen Charkiw, Poltawa und Dnipropetrowsk vordringen wird; in den Regionen Charkiw und Dnipropetrowsk ist er, wie Sie wissen, bereits, und er wird weiterziehen –, dann könnte endlich ein wirklich ernsthaftes Gespräch mit der Gesellschaft stattfinden.

Sie sehen doch selbst, wie der Feind heute versucht, Kyiv in Trümmer zu legen. Charkiw verwandelt er schon seit Langem mithilfe wirkungsvollerer Waffen mit größerer Reichweite in Ruinen. Das heißt: Je näher der Feind Ihrer Stadt kommt – selbst wenn es ihm nicht gelingt, sie einzunehmen –, desto schneller werden Sie sich in den Trümmern Ihres eigenen Hauses wiederfinden. Das gilt für Lwiw ebenso wie für jede andere westukrainische Stadt.

Es geht also nicht darum, ob die russische Armee Galizien erobern kann. Die Frage ist vielmehr, ob die Antwort auf die russischen ballistischen Raketen ausreichend sein wird, ob die Entfernung groß genug bleibt, damit diese Raketen die Städte der Westukraine nicht erreichen. Heute gibt es nur einige wenige Raketentypen, mit denen Lwiw oder Ternopil getroffen werden können. Doch wenn russische ballistische Raketen diese Orte erreichen können, wenn die russische Armee weiter vorrückt, dann wird hier – wie wir verstehen – alles in Trümmer gelegt werden, selbst das, was sich heute eine solche Zerstörung überhaupt nicht vorstellen kann. Auch darüber muss gesprochen werden.

Ebenso muss über eine weitere ernste Frage gesprochen werden: über eine wirksame Kontrolle der Streitkräfte selbst. Über eine zivile Kontrolle, die darin bestehen muss, die Abläufe und Prozesse innerhalb der Streitkräfte der Ukraine zu verstehen. Auch das ist eine Frage effizienter Führung. Wenn Sie zufällige Personen zum Instrument dieser Kontrolle machen, deren größter Vorzug darin besteht, die richtigen Botschaften nach oben zu übermitteln, dann erhalten Sie statt einer wirksamen zivilen Kontrolle eine Reihe gravierender Konflikte. Genau solche Konflikte begleiten unser Land praktisch seit dem Zeitpunkt, an dem wir formal ein ziviles Verteidigungsministerium und ein Oberkommando der Streitkräfte erhalten haben.

Würde all dies in Bezug auf Kontrolle und Verantwortung ernsthafter funktionieren, könnte man Fragen zur Rotation der militärischen Einheiten stellen, zu einer effizienteren Organisation der Mobilisierung der Bürger und dazu, wie man ihnen die Angst vor diesem Prozess nehmen kann.

Historische Parallelen lassen sich in einer solchen Situation viele ziehen. Wir erinnern uns stets an den Februar 1917, als das Russische Reich genau in dem Moment zusammenzubrechen begann, als seine Armee militärisch die Oberhand gewann. Natürlich übertragen wir die damaligen Ereignisse in Petrograd auf das Moskau des Jahres 2026. Warum eigentlich auf Moskau? Ganz ähnliche zerstörerische Prozesse fanden auch im Deutschen Kaiserreich statt – nur wenige Monate, nun gut, Jahre nach der Februarrevolution im Russischen Reich und dem Oktoberumsturz.

Die demokratischen Länder dagegen erlebten im Ersten Weltkrieg keine derart zerstörerischen Prozesse. Vielleicht deshalb, weil ein wirklicher Dialog mit der Gesellschaft notwendig ist, damit das eigene Land nicht zu Ruinen wird? Vielleicht muss der Bürger den Preis des Krieges und das Ziel des Feindes verstehen – ein Ziel, über das wir ebenfalls nicht besonders gern sprechen, weil wir uns lieber auf Putins Parolen und den Donbas konzentrieren?

Wir sind völlig überzeugt, dass, wenn wir Putins Ziele selbst nicht vollständig verstehen, auch die Russen sie nicht verstehen. Glauben Sie mir: Die Russen verstehen alles sehr genau. Sie wissen genau, dass Putin ihnen das Imperium zurückgeben will, in dem sie sich – trotz ihres gesellschaftlichen Daseins als Untertanen – als Herren fühlen. Es gibt diejenigen, die diesen Krieg unterstützen. Es gibt diejenigen, die glauben, die Staatsmacht wisse alles besser. Und diejenigen, die überhaupt eine eigene Meinung haben, sind traditionell in der Minderheit.

In der Ukraine ist genau das unser Glück – und zugleich unsere Herausforderung. Jeder hat seine eigene Meinung. Das Problem besteht jedoch darin, dass diese Meinung der Realität widersprechen kann. Und wenn eine Meinung, die der Realität widerspricht, zur Mehrheitsmeinung wird, dann stellt sich die Frage nach dem Fortbestand des Staates selbst.

Damit die Menschen realistischer auf ihre eigene Zukunft und die Zukunft ihres Landes blicken können, muss man ehrlich mit ihnen sprechen, schwierigen und unpopulären Themen nicht ausweichen, unpopuläre Entscheidungen nicht scheuen und auf all jene ernsten Einwände und Fragen, die in der ukrainischen Gesellschaft gestellt werden, offen antworten.

Wenn wir ohnehin keine Möglichkeit haben, bis zum Ende des Krieges Wahlen abzuhalten – und dieser Krieg kann noch viele, viele Jahre dauern –, dann könnte die Staatsführung eines Landes ohne absehbare Wahlperspektive wenigstens jene Instrumente nutzen, die einst die sowjetischen Kommunisten einsetzten, als es bei ihnen weder reale Wahlen gab noch solche zu erwarten waren: das Instrument der Offenheit.

Doch statt in einer vom Krieg traumatisierten Gesellschaft Offenheit zu fördern, beschäftigen wir uns mit Sanktionen gegen Menschen, die eine andere Auffassung von der Effizienz staatlichen Handelns haben, bezahlen Bots, nützliche Idioten und diese ganze Armee, die die echte Armee im erbitterten Kampf gegen die größte Nuklearmacht der modernen Welt keinesfalls ersetzen kann – und nicht gegen irgendeinen verrückten, unbedeutenden Kleinstaat. Auch daran muss immer wieder erinnert werden – all jene, die vergessen haben, dass wir nicht mehr in der Sowjetunion leben. Gegen uns steht die Sowjetunion.

Und selbst wenn wir uns vorstellen, dass wir all diese Prüfungen überstehen, den Verteidigungsprozess des Landes organisieren können, dass der Staat auf der politischen Landkarte der Welt bestehen bleibt und das ukrainische Volk an seinen angestammten Wohnorten bleibt – die Chancen dafür bestehen, auch wenn sie keineswegs hundertprozentig sind. Sie existieren und hängen auch von der Unterstützung der westlichen Welt ab.

Doch es gibt noch eine weitere wichtige Frage: Wie wird Gerechtigkeit nach dem Krieg aussehen – angesichts all dessen, was wir heute beobachten? Die Menschen, die von der Front zurückkehren werden – und sie werden zurückkehren, wenn der Krieg endet –, werden unterschiedlich sein. Doch eines wird sie verbinden: das Gefühl der Ungerechtigkeit gegenüber jenen, die sie nicht ablösen wollten.

Und ganz gleich, welche Erklärungen es dafür geben wird, warum dies nicht geschehen ist – allein die Möglichkeit gesellschaftlicher Konflikte darüber kann zu Explosionen führen, die nicht weniger gefährlich sind als der russisch-ukrainische Krieg selbst. Natürlich wird Russland diese Prozesse ausnutzen. Russland wird – entgegen allen optimistischen Erwartungen derjenigen, die von seinem baldigen Zusammenbruch erzählen – nicht verschwinden, sondern gierig auf den Moment warten, in dem es wieder über die Ukraine herrschen kann. Umso mehr, wenn sich unsere europäische und euro-atlantische Integration verlangsamt und klar wird, dass wir in absehbarer Zeit kaum Chancen haben werden, Teil der westlichen Welt zu werden.

Sehen Sie nur, wie viele Herausforderungen, wie viele Probleme und wie viele Fragen in einem einzigen beschädigten Fahrzeug des Rekrutierungszentrums stecken. Und es wird noch mehr werden, immer mehr und mehr. Auch das möchte ich sagen, damit sich niemand Illusionen macht. Allein beim Gedanken daran schmerzt einem das Herz.

Deshalb: eine effektive Führung des Landes, die Wiederherstellung einer wirksamen Staatsführung als Voraussetzung für das Überleben von Staat und Nation. Ein klares Programm zur Behebung der Probleme im Zusammenhang mit der Mobilisierung. Ein ehrliches Gespräch mit den Bürgern. Das Bewusstsein, dass viele Menschen, die in der Ukraine leben, sie lediglich als Wohnort betrachten und sich selbst im Sinne ihrer Identität nicht als ihre Bürger verstehen. Auch das ist eine völlig verständliche Folge davon, dass die ukrainischen Gebiete über Jahrhunderte anderen Staaten unterworfen waren. Das lässt sich nicht in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren ändern. Das ist ein Prozess von Jahrhunderten.

Wenn wir all diese Bedrohungen begreifen, unter den Bedingungen fehlender Wahlen eine effektive Staatsführung aufbauen, unter denselben Bedingungen eine echte zivile Kontrolle über die Streitkräfte schaffen, die Priorität militärischer Aufgaben während des andauernden Krieges verstehen und ehrlich mit den Menschen darüber sprechen; wenn wir verstehen, dass die Armee wichtiger ist als soziale Probleme, dass ein Luftschutzbunker wichtiger ist als ein Springbrunnen – dann hängt von dieser Veränderung der Prioritäten nicht nur das Überleben des ukrainischen Staates in diesem langen Krieg ab, sondern auch sein Überleben im Frieden.


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Titel des Originals: Конфлікт з ТЦК у Львові: висновки | Віталій Портников. 09.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 09.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von
Viktoriya Limbach
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