„Zelensky greift Fedorov an“ | Vitaly Portnikov. 23.08.2026.

Der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky erklärte, er habe sich gleich viermal mit dem früheren Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov getroffen und ihm verschiedene Ämter angeboten. Fedorov habe jedoch keines dieser Angebote angenommen. Damit wollte Zelensky gegenüber Journalisten zeigen, dass er für eine weitere Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Minister offen gewesen sei. Unbeantwortet ließ er allerdings die entscheidende Frage: Warum wurde Mykhailo Fedorov überhaupt als Verteidigungsminister entlassen – und zwar gerade zu einem Zeitpunkt, als seine Arbeit in diesem Amt in der Öffentlichkeit positiv bewertet wurde?

Zelensky wiederholte, der Rücktritt habe mit dem Konflikt zwischen Fedorov und dem inzwischen ebenfalls ehemaligen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Oleksandr Syrsky, zusammengehangen. Angeblich habe Fedorov dem Präsidenten selbst vorgeschlagen, beide Amtsträger zu entlassen, weil sie sich nicht mehr verständigen konnten und sogar den direkten Kontakt miteinander eingestellt hatten.

Doch der zeitliche Ablauf wirft Fragen auf. Die Entscheidung über Fedorovs Rücktritt fiel zu einem Zeitpunkt, als von einem Austausch des Oberbefehlshabers noch gar nicht ernsthaft die Rede war. Das Thema einer Entlassung Syrskys entstand vielmehr erst infolge der Proteste, deren Teilnehmer forderten, Fedorov müsse Verteidigungsminister bleiben.

Ich erinnere daran, dass Zelensky damals beschloss, Syrsky zu entlassen und Mykhailo Drapaty zum neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine zu machen. Offensichtlich hoffte der Präsident, mit dieser personellen Rochade die Proteststimmung zu dämpfen.

Damit stellt sich aber eine einfache logische Frage: Wenn tatsächlich ein Konflikt zwischen zwei Amtsträgern bestand und der Präsident beide zugleich für effektiv hielt, weshalb musste dann einer von ihnen gehen? Man hätte den Verteidigungsminister entlassen und den Oberbefehlshaber im Amt lassen können.

Und wenn umgekehrt bereits beschlossen worden war, den Oberbefehlshaber auszutauschen, hätte nichts den Präsidenten daran gehindert, Mykhailo Fedorov erneut für das Amt des Verteidigungsministers vorzuschlagen. Das wäre jedenfalls dann logisch gewesen, wenn Zelensky Fedorovs Arbeit in diesem Amt tatsächlich für erfolgreich hielt und überzeugt war, dass ausschließlich dessen Konflikt mit dem Oberbefehlshaber die Erfüllung seiner Aufgaben verhindert hatte. Zu dem Zeitpunkt, als der Präsident der Werchowna Rada die Kandidatur des Verteidigungsministers vorlegte, war dieser Oberbefehlshaber bereits nicht mehr im Amt.

Doch das sind nur Fragen der Logik. In Wirklichkeit verstehen wir sehr gut, dass zwischen dem Präsidenten und dem ehemaligen Verteidigungsminister ein eigener Konflikt besteht, der mit der Auseinandersetzung zwischen Fedorov und Syrsky nichts zu tun hat. Dass es sich tatsächlich um einen Konflikt zwischen zwei früheren Weggefährten handelt, zeigen auch weitere Aussagen sowohl Zelenskys als auch Fedorovs.

Volodymyr Zelensky bezeichnete etwa die Idee von Wahlen während des Krieges als einen „Tsunami“, der die Lage im Land erheblich verändern und destabilisieren könne. Er berichtete zudem, er habe mit den Verbündeten über die Möglichkeit solcher Wahlen gesprochen, aber keinerlei Garantien erhalten, die eine sichere Durchführung der Abstimmung erwarten ließen. Der russische Präsident Putin wiederum ist bekanntlich an keinem Waffenstillstand interessiert, der der Ukraine überhaupt die Möglichkeit geben würde, in einen Wahlprozess einzutreten.

Damit reagierte Zelensky unmittelbar auf Fedorovs Initiative. Der ehemalige Verteidigungsminister hatte Wahlen als ein mögliches Modell zur Erneuerung der ukrainischen Staatsführung bezeichnet. Über eine solche Erneuerung spricht Fedorov weiterhin. In einem BBC-Interview erklärte er, Volodymyr Zelensky müsse der Gesellschaft sagen, ob er von Korruption in seinem Umfeld gewusst habe. Zugleich äußerte Fedorov die Überzeugung, Zelensky sei zu einem solchen Gespräch bereit.

Der Präsident wiederum sagte bei einem Treffen mit Journalisten zu den aktuellen Korruptionsskandalen in seinem engsten dienstlichen Umfeld, das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine habe keinerlei Fragen an ihn. Die Vertreter der unabhängigen Antikorruptionsstrukturen wüssten, so Zelensky, dass er mit solchen Dingen nichts zu tun habe. Auch das ist Teil der öffentlichen Auseinandersetzung, die wir derzeit beobachten.

Dieser Schlagabtausch zeigt im Grunde, dass zwischen Zelensky und Fedorov kaum noch eine tragfähige Grundlage für eine weitere Verständigung vorhanden ist. Ein belastbares, auf Vertrauen beruhendes Modell der Zusammenarbeit scheint zwischen ihnen nicht mehr möglich. Mykhailo Fedorov reiht sich damit in die Gruppe jener früher engen Vertrauten Zelenskys ein, die mit ihm im inzwischen weit zurückliegenden Jahr 2019 an die Macht kamen und der Gesellschaft versicherten, die Wahl Volodymyr Zelenskys sei ein echter Weg zu Veränderungen.

Mehr noch: Fedorov war offenbar der letzte wirklich enge Weggefährte Zelenskys aus jenem ursprünglichen Kreis. Nach Zelenskys Wahlsieg, den vorgezogenen Parlamentswahlen, der Bildung einer Mehrheit durch Diener des Volkes und der Einsetzung der ersten Regierung Zelenskys war Fedorov von Anfang an Minister. Er gehörte damit zu den Menschen, die Zelensky beim Sieg in der Präsidentschaftswahl halfen und die Gesellschaft davon überzeugen wollten, dass ein politischer Neuling, selbst wenn er weit von Politik und vom Verständnis der Prozesse im ukrainischen Staat entfernt war, für die Ukraine wichtiger sei als jemand, der die Herausforderungen eines im Krieg befindlichen Landes verstand. Gerade diese Herausforderungen konnten durch einen dilettantischen Umgang mit den Problemen eines unabhängigen Staates, der dem Angriff einer rasend gewordenen ehemaligen Metropole ausgesetzt war, nur noch größer werden.

Heute lässt sich jedenfalls klar feststellen, dass Zelensky inzwischen von anderen Menschen umgeben ist – mit anderen Vorstellungen vom Leben und mit neuen Ambitionen. Diese Personen verbindet mit ihm offenbar nicht mehr die Erinnerung an die berühmte Wahlkampagne von 2019 und damit auch nicht deren Versprechen. Der Krieg hat Zelenskys engstes Umfeld endgültig verändert.

Auch die Korruptionsskandale, die sich um ihn herum entfalten, werden dieses Umfeld weiter verändern. Meiner Ansicht nach werden sie sich mit jedem neuen Monat der Ermittlungen in den bereits aufsehenerregenden Fällen, die beim NABU liegen, noch verstärken. Viele Personen, die sich heute in Machtpositionen befinden, werden gezwungen sein, ihre Ämter und ihren Einfluss aufzugeben, um gegenüber den Antikorruptionsstrukturen und der Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft Erklärungen abzugeben und mit den Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten.

Deshalb schließe ich nicht aus, dass sich um Zelensky schon bald erneut ein ganz neuer Kreis von Personen bilden wird, der seine Arbeit in den kommenden Kriegsjahren absichert. Mit einem gewissen Bedauern muss man allerdings sagen: Was wir brauchen, ist nicht noch ein neuer Kreis um den Präsidenten, sondern kompetent arbeitende Institutionen, die solche Konflikte und Skandale verhindern würden.

Dann könnte jeder sein tatsächliches Potenzial entfalten: Volodymyr Zelensky, Mykhailo Fedorov und jeder andere, der für das Überleben der Ukraine in diesem endlosen Krieg gegen die Russische Föderation arbeiten muss – für die Verringerung des russischen wirtschaftlichen und militärischen Potenzials und für die Suche nach Wegen, die den russischen Präsidenten Wladimir Putin zumindest irgendwann dazu bringen könnten, über ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges nachzudenken. Und erst dann würde sich auch der Weg zu vernünftigen Personalentscheidungen und schließlich zu Wahlen öffnen.


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Titel des Originals: Зеленський наїхав на Федорова | Віталій Портников. 23.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 23.08.2026.
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Tag der ukrainischen Flagge: Von der verbotenen Fahne zum Symbol der Unabhängigkeit. Vitaly Portnikov. 23.08.2026.

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Am 24. August 1991 war ich Zeuge, wie unsere Flagge in den Sitzungssaal der Werchowna Rada der Ukraine getragen wurde, die zuvor auf den Barrikaden vor dem Weißen Haus in Moskau gewesen war. Übrigens durfte sie gerade deshalb hineingetragen werden, denn diese Flagge zu ignorieren hätte einen demonstrativen Protest gegen die demokratischen Veränderungen in der damaligen Sowjetunion bedeutet. Doch selbst in diesem Moment wollte dieselbe Mehrheit der Werchowna Rada, die sich bei der Abstimmung für die Unabhängigkeit den Demokraten angeschlossen hatte, die Flagge des ukrainischen Volkes nicht in ihrem Sitzungssaal sehen, und Leonid Krawtschuk versteckte sie hinter der Lenin-Statue.

Einen Tag zuvor hatte ich die jungen Männer interviewt, die von den Barrikaden in Moskau gekommen waren. Ich wollte sie zusammen mit dieser Flagge im Hof des Verlags „Sowjetische Ukraine“ fotografieren. Doch der Wachmann des Verlags erlaubte mir das nicht. Denn eine Bandera-Flagge durfte es in einem sowjetischen Verlag nicht geben.

Bis zur Unabhängigkeit war es noch ein Tag. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem diejenigen, die diese Flagge noch vor Kurzem mit Füßen getreten hatten, ihr Abbild am Revers ihrer Sakkos tragen würden – nur noch wenige Tage.

Einen schönen Tag der Flagge, Freunde!


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Autor: Vitsly Portnikov
Veröffentlichung: 23.08.2026.
Originalsprache: [uk, ru, en]
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Die Hoffnung, die Mariupol am Leben hielt. Nadia Sukhorukova. 23.08.2026.


Der Tag der ukrainischen Flagge im ukrainischen Odesa

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Heute wurde mir ein Video geschickt, in dem ein anderthalbjähriges, lockiges Mädchen aus einer kleinen Stadt im Süden der Ukraine dem Klang der Luftschutzsirene lauscht.

Die Mutter fragt sie: „Was heult da, mein Schatz?“ Das kleine Mädchen reißt die Augen weit auf und wiederholt: „Uuuu.“

Die Mutter fragt noch einmal: „Und was macht das ‚Uuuu‘?“

Und das kleine lockige Mädchen hebt die Ärmchen über den Kopf, lässt sie dann plötzlich nach unten fallen und sagt: „Ba-bumm.“

Dieses Video werde ich nicht veröffentlichen. Ich habe keine Erlaubnis dazu. Ich werde es auf meinem Handy speichern, auf meinen Computer und auf einen USB-Stick übertragen.

Ich werde dieses Video für all jene bewahren, die nicht sehen wollen, was die Missgeburten aus Russland mit meiner Ukraine machen.

Ich werde dieses Video für all jene bewahren, die von den „guten Russen“ erzählen und die Worte eines russischen Schriftstellers „über die Träne eines Kindes“ zitieren.

Für diejenigen, die ein so kurzes Gedächtnis haben wie ein Aquarienfisch und vergessen haben, wann dieser Krieg begann und wie viele ukrainische Städte Russland zerstört hat.

Ich werde es für all jene bewahren, die Geld und persönliche Interessen über das Leben von Kindern stellen.

Wahrscheinlich werde ich jetzt etwas Schreckliches schreiben. Aber im März 2022, in Mariupol, hatte ich mehr Hoffnung als heute. Ich rannte unter Beschuss von einer Straße zur anderen, in einer halb toten Stadt, und glaubte daran, dass die Ukraine standhalten würde, selbst wenn wir hier alle sterben sollten. Die ganze Welt würde ihr helfen. Die Welt würde nicht zulassen, dass mein Land gequält wird. Und danach würde sie die russischen Bastarde bestrafen.

Ich glaubte, dass dieselbe Menge an Bomben und Raketen, die auf meine Stadt niedergegangen war, anschließend auf die verdammten Raschisten fallen würde. Ich dachte daran ohne Hass. Ich wartete ruhig darauf, denn ich war mir sicher, dass diese abscheulichen Kreaturen, die grundlos Menschen töten, unweigerlich bestraft werden würden.

Diese Hoffnung schenkte mir ein einziger Telefonanruf. Den ich bis heute für ein Wunder halte. Damals bekam ich zum ersten Mal seit der russischen Invasion eine Verbindung zur Außenwelt. Es war der 9. März 2022.

Ich stand auf der Treppe des dritten Eingangs eines neunstöckigen Wohnhauses am Prospekt Myru, gegenüber einem ausgebrannten Auto, hörte das Dröhnen eines russischen Flugzeugs und schrie einem Menschen, der sich außerhalb der Hölle von Mariupol befand, ins Telefon:

„Ist Kyiv noch unser? Ist Odesa noch unser? Ist Charkiw noch unser?“

Auf alle Fragen erhielt ich bejahende Antworten und gab sie an Männer in Arbeitskleidung weiter. Als sie sahen, dass ich mit dem Handy telefonierte, waren sie sehr überrascht und baten mich herauszufinden, wie sich die anderen Städte der Ukraine hielten.

Am Tag zuvor hatten die russischen Missgeburten es irgendwie geschafft, verlogene Nachrichten an unsere fast toten Handys zu schicken. In den Nachrichten stand etwas in der Art: „Ukrainischer Soldat, ergib dich. Du bist eingekesselt. Widerstand ist zwecklos.“

Wir dachten damals voller Entsetzen, dass nur Mariupol noch Widerstand leistete und alle anderen Städte zerstört und besetzt waren.

Können Sie sich vorstellen, was für ein Glück es war, als wir auf der Treppe des neunstöckigen Wohnhauses, unter dem Dröhnen eines russischen Flugzeugs, erfuhren, dass die Ukraine standhielt und dass es damit auch für uns Hoffnung gab. Und scheiß auf alle russischen Flugzeuge zusammen.

Die unbekannten Männer in Arbeitskleidung schüttelten mir die Hand und drohten dem russischen Piloten, der unterwegs war, um Bomben auf Wohnhäuser abzuwerfen, mit der Faust zum Himmel.

Ich hörte, wie sie die Straße entlanggingen und den Menschen, die über offenem Feuer kochten oder vor einem Wasserfass Schlange standen, zuriefen: „Kyiv ist unser, ukrainisch! Odesa ist unser! Charkiw ist unser!“

Und ich saß auf der eiskalten Treppe des neunstöckigen Wohnhauses, lauschte ihren sich entfernenden Stimmen und wollte nicht mehr sterben. Denn es ist einfach dumm zu sterben, wenn man wieder Hoffnung hat.

Damals dachte ich, bis zum Ende des Krieges seien nur noch wenige Tage übrig. Ich glaubte, dass die Welt gerecht sei. Dass die Welt furchtlos sei. Dass wir alle gemeinsam den Raschisten in die Fresse polieren würden und sie zurück in ihr schwarzes Loch kriechen würden. Für lange Zeit, vielleicht sogar für immer.

Ich wusste, dass sie sich vor Gegenwehr fürchten würden. Denn Mörder und Wahnsinnige sind ihrem Wesen nach feige. Und die Macht, die die Welt gegen sie entfesseln würde, würde diesen Krieg beenden.

Doch die Welt erwies sich als anders. Sie erwies sich als feige, hilflos und käuflich. Die Welt schmeichelt sich weiterhin bei Mördern und Wahnsinnigen ein. Der Welt sind die sterbende Menschen scheißegal. Der Welt ist sogar ihre eigene Zukunft scheißegal.

Ich möchte wieder daran glauben, dass noch nicht alles verloren ist. Dass alles Schlechte vorübergehen wird wie eine Sonnenfinsternis. Und dass das winzige lockige Mädchen aus einer kleinen Stadt im Süden der Ukraine, ebenso wie alle unsere Kinder, ein glückliches Leben führen wird, in dem es keine Luftalarme, keine Bombardierungen und keine Missgeburten aus einem geistig toten Land geben wird.

Möge unsere Hoffnung zu uns zurückkehren!

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Und auf dem Video ist der Tag der ukrainischen Flagge im ukrainischen Odesa zu sehen. Alles Gute zum Feiertag, meine wunderbaren und mutigen Freunde!


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Autor: Nadia Sukhorukova
Veröffentlichung: 23.08.2026.
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Handelskrieg zwischen den USA und Kanada | Vitaly Portnikov. 23.08.2026.

Der kanadische Premierminister Mark Carney hat faktisch den Beginn eines Handelskrieges zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten eingeräumt, nachdem das geschehen war, was der kanadische Regierungschef als Angriff auf sein Land bezeichnete. Einen Angriff selbstverständlich vonseiten der Administration des Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump, nachdem der Verhandlungsprozess über ein Handelsabkommen zwischen Washington und Ottawa gescheitert war.

Die Verhandlungen dauerten ziemlich lange an, endeten jedoch ohne jedes Ergebnis, nachdem die Vereinigten Staaten und Kanada buchstäblich in den letzten Tagen vor dem endgültigen Abschluss der Arbeit an dem Dokument zu keiner Verständigung gelangen konnten.

Mark Carney behauptet, man habe in Ottawa einem Punkt des Abkommens nicht zugestimmt, dem zufolge Kanada keine neuen Wirtschaftsabkommen mit anderen Ländern hätte abschließen dürfen. Ein solcher Prozess hatte sich jedoch nur noch intensiviert, nachdem Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten geworden war und versucht hatte, einen Zollkrieg mit der gesamten Menschheit zu entfesseln.

Darüber hinaus waren ein weiterer Punkt – und das ist vielleicht der befremdlichste Moment im gesamten Verhandlungsprozess – die Forderungen der amerikanischen Delegation im Zusammenhang mit der Förderung der Rolle der französischen Sprache und Kultur in Kanada. Und das zeigt, dass sich das Wirtschaftsabkommen vor unseren Augen in ein politisches Abkommen zu verwandeln begann, das lediglich jene Werte bestätigen sollte, die Donald Trump selbst in den Vereinigten Staaten zu propagieren versucht – inzwischen weniger als Präsident denn als Anführer der Ultrakonservativen.

Damit ist die Mobilmachung für einen heißen Handelskrieg erfolgt. Trump kündigte die Einführung von Zöllen in Höhe von 50 Prozent auf kanadische Waren an, die in die Vereinigten Staaten gelangen. In Ottawa verspricht man, Gegenmaßnahmen vorzubereiten und auf diese Weise auf jeden Dollar zu reagieren, den die kanadische Wirtschaft infolge der Einführung neuer Zölle durch die Vereinigten Staaten verlieren wird.

Und es ist bereits offensichtlich, dass die Folgen dieses Handelskrieges sowohl für die amerikanische als auch für die kanadische Wirtschaft ziemlich schwerwiegend sein werden. Mehr noch: Sie werden auf die Zerstörung der einheitlichen nordamerikanischen Wirtschaft hinauslaufen, an deren Aufbau amerikanische Präsidenten und kanadische Premierminister viele Jahre gearbeitet haben und, was am wichtigsten ist, die arbeitenden Menschen in beiden Ländern Nordamerikas.

Und diese Zerstörung der nordamerikanischen Wirtschaft wird zu einem wichtigen Bestandteil des politischen und wirtschaftlichen Erbes Donald Trumps werden – eines Erbes wirtschaftlicher und möglicherweise auch politischer Ruinen, die wir am Ende der Amtszeit eines der hinsichtlich seiner zerstörerischen Folgen historisch bedeutendsten amerikanischen Präsidenten sehen werden.

Donald Trump spricht nicht selten gerade über dieses sein Erbe. Und wir sehen bereits die ersten Ergebnisse dessen, womit sich in den kommenden Jahren nicht nur die Amerikaner, sondern die ganze Welt auseinandersetzen müssen.

  • Eine dramatische Energiekrise, deren Voraussetzungen gerade jetzt in der Straße von Hormus geschaffen werden. Während die Vereinigten Staaten und Iran nicht einmal versuchen, zu irgendeiner wirklichen Einigung zu gelangen.
  • Eine dramatische Nahrungsmittelkrise, deren Voraussetzungen wir buchstäblich jetzt im Schwarzen Meer sehen. Während die Vereinigten Staaten nicht einmal versuchen, irgendwelche wirklichen Anstrengungen zu unternehmen, um Russland dazu zu zwingen, die Blockade der ukrainischen Häfen aufzugeben und damit Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass auch die russischen Häfen für den Transport der für die Länder des Globalen Südens so wichtigen landwirtschaftlichen Erzeugnisse geöffnet werden.
  • Eine Krise der nordamerikanischen Wirtschaft.

Natürlich wird Kanada seine wirtschaftlichen Beziehungen neu ausrichten. Aber wichtig war hier gerade, dass die Wirtschaft auf dem gesamten Kontinent einen gemeinsamen Raum sowohl für Arbeit als auch für Kapital schuf und damit die Grundlagen für die Zukunft legte. Jetzt verstehen wir sehr gut, dass diese Grundlagen in jedem Fall – selbst wenn es gelingt, ein Handelsabkommen zu erreichen, oder selbst wenn es Donald Trumps Nachfolger gelingt, sich von dessen politischen und wirtschaftlichen Ansätzen abzuwenden – bereits für immer vom Geist des Misstrauens gegenüber der Politik der Vereinigten Staaten überschattet sein werden.

Und hier sehen wir einen weiteren wichtigen Bestandteil des Erbes von Donald Trump.

  • Den Bruch mit den Verbündeten.

Misstrauen gegenüber den Vereinigten Staaten und ihrer Politik in der gesamten zivilisierten Welt. Sowohl in Kanada als auch auf dem europäischen Kontinent, wo selbst eine solche ideologische Verbündete Trumps wie die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sagt, sie habe mit günstigeren Beziehungen zum amerikanischen Präsidenten gerechnet, also eingesteht, dass sie nicht verstanden hatte, dass sich Trumps Haltung gegenüber Europa durch gemeinsame ideologische Prioritäten keineswegs abmildern lassen würde – Prioritäten übrigens, das sei gleich gesagt, die sowohl für die Vereinigten Staaten als auch für den europäischen Kontinent falsch sind.

Und das ist nur ein Teil jener Prozesse, die sich in den vergangenen anderthalb Jahren bereits vollzogen haben. Stellen Sie sich das Ausmaß der Ruinen und das Ausmaß der Prüfungen vor, die die Vereinigten Staaten und ihre Nachbarn, ihre – hoffentlich nicht ehemaligen – Verbündeten in den kommenden Jahren der Präsidentschaft Donald Trumps noch durchstehen müssen. Ich denke, das Ausmaß dieser Ruinen und die Folgen der politischen und wirtschaftlichen Katastrophe werden so beeindruckend sein, dass wir heute, da die Voraussetzungen für künftige Krisen und Prüfungen erst geschaffen werden, noch nicht einmal das ganze Ausmaß jenes wahrhaft antiken Dramas vorausahnen können, das eine der interessantesten und gefährlichsten Präsidentschaften in der Geschichte der Vereinigten Staaten und der ganzen Welt begleiten wird.

Der Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada ist nur der Anfang eines Prozesses ernsthafter Prüfungen und Folgen, die sich in der Welt, in der wir uns befinden, letztlich niemals vollständig werden überwinden lassen. Aber natürlich möchte man sowohl Kanada als auch den Vereinigten Staaten wünschen, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu überwinden, die mit diesem praktisch bereits begonnenen Handelskonflikt verbunden sind.


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Titel des Originals: Торговая война США и Канады | Виталий Портников. 23.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 23.08.2026.
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Putins Auftritt: das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 22.08.2026.

Der Präsident der Russischen Föderation Putin hat neue Drohungen gegen die Ukraine ausgesprochen und betont, dass Kyiv mit seinen Angriffen auf die russische Infrastruktur eine wahre Büchse der Pandora geöffnet habe und unweigerlich einen Gegenschlag erhalten werde.

Das ist, könnte man sagen, die erste derartige Reaktion des russischen Präsidenten auf die Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf Marktplätze in der Russischen Föderation sowie auf die russische Erdölverarbeitungs- und Rüstungsindustrie. 

Aber man muss der Wahrheit ins Auge sehen: Putin hat solche Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur, darunter auch auf zivile Infrastruktur, auch ohne irgendwelche ukrainischen Angriffe auf die russische Infrastruktur durchgeführt, denn die Ukraine hatte schlicht keine Möglichkeiten, die wirtschaftlichen Ressourcen des Feindes zu vernichten.

Erinnern Sie sich an praktisch alle ukrainischen Winter seit dem Winter 2022/2023. Erinnern Sie sich an die Angriffe auf ukrainische Unternehmen, auf den militärisch-industriellen Komplex, auf Flugplätze, Kraftwerke, Einkaufszentren und Schulen. Und stellen Sie sich die Frage: Worauf antworteten damals der grausame Machthaber der Russischen Föderation und seine verbrecherische Armee?

Es geht also keineswegs darum, dass Putin irgendwelche Gegenschläge gegen die Ukraine beschließt. Es geht nicht darum, dass er der Ukraine mit neuen Angriffen der Russischen Föderation droht. Diese Angriffe hätte es auch ohne den ukrainischen Versuch gegeben, das wirtschaftliche Potenzial eines der widerwärtigsten Länder der modernen Welt zu vernichten. Nein, es geht darum, dass der russische Diktator gezwungen ist, auf Angriffe zu reagieren, die seine eigene Wirtschaft treffen und eine ernsthafte Bedrohung für die Existenz des Putin-Regimes selbst, seiner Terrorarmee, seiner Sicherheitskräfte, seiner Oligarchen und seiner Wirtschaft darstellen.

Wenn Putin davon spricht, dass sich die ukrainische Wirtschaft derzeit kaum über Wasser hält, insbesondere auch die Landwirtschaft unseres Staates, verschweigt er den Russen die Tatsache, dass die ukrainischen Angriffe auf russische Häfen auch die Möglichkeiten russischer Landwirte erheblich eingeschränkt haben, ihre Waren ins Ausland zu liefern.

Ja, das droht bereits im kommenden Jahr zu einem großen Nahrungsmitteldefizit zu führen. Es droht eine echte Nahrungsmittelkrise für die Länder des Globalen Südens. Aber Putin versteht sehr gut, dass er nun nicht nur darüber sprechen muss, wie die russische Landwirtschaft zu retten ist, wenn ihn das tatsächlich interessiert, sondern auch darüber, wie er seine Angriffe auf ukrainische Häfen einstellt und wie ukrainischen Landwirten die Möglichkeit gegeben werden kann, ihre Produkte zu verkaufen.

Wie sich herausgestellt hat, kann man dieses Spiel der Zerstörung von Infrastruktur zu zweit spielen. Deshalb sollten wir die Äußerungen des russischen Machthabers nicht als tatsächliche Drohungen auffassen, irgendwelche Gegenschläge durchzuführen, sondern als Eingeständnis der Tatsache, dass die ukrainischen Angriffe auf die Wirtschaft der Russischen Föderation ihre Ziele erreichen. Und Putin ist auch noch in einer Vorwahlphase, denn bevor er dem nächsten Kreml-Propagandisten ein Interview gab, trat er auf dem Parteitag der verbrecherischen Partei Einiges Russland auf und versprach den Sieg seiner Armee. Er ist gezwungen, auf Tatsachen zu reagieren, die den Bürgern der Russischen Föderation nicht verborgen bleiben können.

Und anstatt diesen desorientierten, unglücklichen Bürgern das Ende des grausamen, ungerechten Krieges zu versprechen, den er gegen den Nachbarstaat fortsetzt, verspricht er ihnen Rache – als ob die Rache ihnen ihre Waren, ihre Unternehmen und ihre Möglichkeit zu überleben zurückgeben würde, die sie bald nach jedem neuen Angriff der Ukraine auf jeden neuen Marktplatz zu verlieren beginnen werden. Denn das ist eine Wirtschaftskrise. Das ist eine Krise des mittleren und kleinen Unternehmertums. Das ist Arbeitslosigkeit. Das ist Geldmangel. Das ist die Unmöglichkeit, die eigene Familie zu ernähren.

Und was sagt Putin seinen Bürgern, die buchstäblich vor der Aussicht auf einen wirtschaftlichen Zusammenbruch stehen? Dass er sich rächen wird? Als ob es ihnen dadurch leichter fallen müsste.

Wichtig ist auch, jenes Signal zu erwähnen, das Putin offensichtlich nicht an uns, sondern an den amerikanischen Präsidenten Donald Trump gerichtet hat: Russland sei zu einem Dialog über Frieden mit der Ukraine nur auf der Grundlage der Realitäten vor Ort bereit und stimme den Vorschlägen zur Regelung des Ukraine-Konflikts, die von westlichen Ländern kommen, nicht zu.

Doch es stellt sich die Frage: Was sind für Putin nun die Realitäten vor Ort? Schließlich haben der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky und westliche Staats- und Regierungschefs dem russischen Diktator wiederholt vorgeschlagen, das Feuer entlang der Kontaktlinie der Truppen einzustellen und Verhandlungen über einen echten, gerechten Frieden aufzunehmen. Das sind die Realitäten vor Ort.

Das Feuer muss nicht dort eingestellt werden, wo die Staatsgrenzen der Ukraine verlaufen, sondern dort, wo die russische Armee ihre Stellungen bezogen hat. Und sie befindet sich auf ukrainischem Boden: In den Gebieten Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja, auf der Krim und im ukrainischen Sewastopol befindet sich der grausame Besatzer. Und der Westen schlägt vor, diese Realitäten vor Ort anzuerkennen, und findet sich damit ab, dass die russischen Truppen, die in all diesen besetzten Gebieten ein Regime des Terrors und des Todes errichtet haben, von dort nicht abziehen werden.

Putin soll also erklären, was für ihn die Realitäten vor Ort sind. Denn der Abzug ukrainischer Truppen aus dem Gebiet Donezk oder Luhansk, aus jenem Teil des Gebiets, in dem sich ukrainische Truppen befinden und in dem die effektive Regierung der Ukraine die Staatsgewalt ausübt, sind keine Realitäten vor Ort, sondern politische Wunschvorstellungen des russischen Präsidenten. Und wenn man irgendwelche Gespräche über eine Friedensregelung beginnt, muss man sie, wie ich bereits wiederholt gesagt habe, gerade mit einem Waffenstillstand entlang der Kontaktlinie beginnen.

Putins Problem besteht darin, dass er die Realitäten vor Ort völlig anders bezeichnet, als sie tatsächlich sind. Dass er auf diplomatischem Wege ein Ergebnis zu erreichen versucht, das seine Armee seit viereinhalb Jahren nicht erreichen kann. Schließlich stellte er seinen Militärs bereits im Februar 2022 die Aufgabe, die Verwaltungsgrenzen der Gebiete Donezk und Luhansk vollständig einzunehmen. Und was nun?

Putin ist also gezwungen, auf ukrainische Handlungen zu reagieren. Und das ist viel wichtiger, als wenn die Ukraine auf russische Handlungen und Vorschläge reagiert. Denn eine rein reaktive Haltung ist die gefährlichste Position in jedem Krieg. Um Putin und seine Bande aufzuhalten, muss die Ukraine die Initiative ergreifen, unter anderem durch die fortwährende Vernichtung der wirtschaftlichen, finanziellen und – wenn wir von den Kämpfen entlang der Kontaktlinie sprechen – demografischen Ressourcen der widerwärtigen Föderation.


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Titel des Originals: Виступ Путіна: головне | Віталій Портников. 22.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 22.08.2026.
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35 Jahre Unabhängigkeit. Vitaly Portnikov über Kutschma, Zelensky und die ukrainische Identität. 17.08.2026.

Maja Orel. Heute, zum Unabhängigkeitstag, spreche ich mit dem Publizisten und Analysten Vitaly Portnikov. Warum habe ich gerade ihn für dieses Gespräch ausgewählt? Im Grunde aus zwei Gründen. Der erste Grund ist, dass wir wohl alle – ich persönlich jedenfalls jeden Tag – hören, was Vitaly Portnikov darüber erzählt, was in der Ukraine und in der Welt tatsächlich geschieht. Und zweitens gefällt mir, wissen Sie, sehr, dass Vitaly sich seinerzeit ganz bewusst für die ukrainische Staatsbürgerschaft entschieden hat, obwohl er das auch nicht hätte tun müssen. Er hatte damals eine Wahl, aber er entschied sich für die ukrainische Staatsbürgerschaft. Das gefällt mir sehr.

Portnikov. Ich bin übrigens der Meinung, dass ich überhaupt keine Wahl hatte. Ich glaube, die Heimat sucht man sich ebenso wenig aus wie die Herkunft. Man kann die Wahl haben, auf die Heimat zu verzichten und die eigene Herkunft zu leugnen. Ich habe Ukrainer gesehen, die sich von der Ukraine losgesagt haben. Ich habe Juden gesehen, die ihre jüdische Herkunft verborgen haben. Ich war nie bereit, weder den einen noch den anderen ähnlich zu sein. Ich bin einfach nicht so erzogen worden und nehme mich selbst nicht so wahr. Ich denke, das ist auch eine Frage der Selbstachtung.

Maja Orel. Sagen Sie bitte, wenn wir über den Unabhängigkeitstag sprechen: Welche Emotion löst allein die Tatsache in Ihnen aus, dass die Ukraine Staatlichkeit besitzt?

Portnikov. Ich halte das vor allem für einen Triumph der Gerechtigkeit.

Maja Orel. Schauen Sie: Ein jüdischer Junge lebt in der Ukraine, ist Bürger der großen Sowjetunion. Für mich ist das so ein, wissen Sie, Dreieck, in dem sich Ihre Identität herausgebildet hat. Ihre Eltern haben Sie geprägt, Sie haben sich selbst geprägt, Sie sind aufgewachsen, Sie wurden zu jemandem. Wie hat sich Ihre Identität in diesem Dreieck überhaupt herausgebildet? Und welche Rolle spielte dabei der ukrainische Faktor?

Portnikov. Nun, erstens habe ich die Sowjetunion nie für etwas Großes gehalten. Ich hielt sie immer für etwas, dessen man sich schämen musste. Und das war völlig normal, weil ich in einem antisemitischen Land lebte. Wie hätten Sie gewollt, dass ich ein Land respektiere, das völlig vom Antisemitismus durchdrungen war? Dass dieses Land alles Ukrainische als zweitrangig betrachtete, stand, denke ich, für Menschen ukrainischer Herkunft, die sich als Ukrainer empfanden, an erster Stelle. Für mich aber stand der Antisemitismus an erster Stelle. Warum hätte ich glauben sollen, dass ich Bürger der Sowjetunion bin und dort auf irgendetwas stolz sein müsste? Für mich war das ein vorübergehender Status. Ich dachte nicht, dass ich mein ganzes Leben in einem Land dieses Typs verbringen müsste.

Zweitens möchte ich noch einmal daran erinnern, dass ich 1967 geboren wurde. Das war die Zeit des Sechstagekrieges Israels. Damals hätte Israel nach den Plänen der sowjetischen Strategen von der politischen Weltkarte verschwinden sollen. Es sollte von den Nachbarstaaten vernichtet werden. Israel gewann diesen Krieg. Das war ein enormer Aufschwung des jüdischen Nationalbewusstseins in der ganzen Welt, auch in der Sowjetunion. Und in der Sowjetunion hing das, so merkwürdig es klingt, nicht mit dem Sieg Israels zusammen, sondern mit einem neuen Ausbruch des Antisemitismus. Denn die sowjetischen Führer begannen ihre Wut darüber, dass ihre Pläne nicht aufgegangen waren, an den eigenen Juden auszulassen. Damals begannen Säuberungen im Kulturbereich. Damals wurden die Prozentquoten an den Hochschulen verschärft.

Ich wuchs in dieser Atmosphäre auf, verstand all das, wuchs in einer Atmosphäre großer jüdischer Emigration auf, die es damals gab, und zugleich mit dem Verständnis, dass es einen Staat gibt, der mein Nationalstaat ist und Juden schützt. Und gleichzeitig sah ich Ukrainer, die niemand schützte, weil ich der Ansicht war, dass die Regierung in Moskau keine ukrainische, sondern eine russische Regierung war.

Maja Orel. Das heißt, Sie empfanden gleichzeitig Schmerz um die Ukrainer und Schmerz um die Juden.

Portnikov. Nein, ich machte mir Sorgen um die Ukrainer, weil ich ihre Lage sah.

Maja Orel. Und sagen Sie bitte: Welche war die Muttersprache, die Sprache der Kommunikation in der Familie?

Portnikov. Russisch.

Maja Orel. Russisch? Und wie haben Sie Ukrainisch gelernt? Wie kam dieses Ukrainische überhaupt in Sie hinein?

Portnikov. Noch einmal: Russisch war die Sprache der Kommunikation in der Familie, aber man darf nicht denken, dass das in allen Generationen so war. Meine Verwandten mütterlicherseits hatten Russisch überhaupt nicht als Muttersprache. Es war für sie die dritte Sprache. Die erste Sprache war Jiddisch. Sie sprachen untereinander Jiddisch, meine Großmutter und ihre Schwestern, meine Mutter beherrschte Jiddisch hervorragend. Sie konnte sich an diesen Gesprächen beteiligen. Und ihre zweite Sprache war Ukrainisch, weil sie alle ukrainische Schulen im Gebiet Tscherkassy besucht hatten. Russisch war die Sprache von Kyiv, wohin sie noch als junge Menschen kamen, und die Sprache ihrer Evakuierung in Kasachstan. Dort sprachen sie ebenfalls Russisch.

Maja Orel. Gut. Also Abendessen, Familienabendessen. In welcher Sprache sagen Sie: „Reich mir das Brot“, zum Beispiel?

Portnikov. Auf Russisch, natürlich, auf Russisch. Es war eine russischsprachige Familie, wie die überwiegende Mehrheit der jüdischen Familien in der Sowjetunion. Und übrigens auch wie bei der überwiegenden Mehrheit der Ukrainer damals in den großen Städten der Sowjetunion. Aber noch einmal: Man muss verstehen, dass es in einem Imperium eigentlich keine große Bedeutung hat, wie du beim Abendessen sprichst. Entscheidend ist, für wen du dich im Imperium hältst.

Maja Orel. Und für wen hielten Sie sich im Imperium?

Portnikov. Ich hielt mich für einen Juden, der in der Ukraine lebt.

Maja Orel. Also mehrere Kokons: Ich bin Jude, dann das Ukrainische, und dann irgendwo erst das Sowjetische.

Portnikov. Das Sowjetische, das russisch ist. Und es hat mich immer interessiert, aber ich hielt es aus einem einfachen Grund nie für meines. Ich las seit meiner Kindheit zum Beispiel jüdische Schriftsteller. Und zwar auf eine sehr interessante Weise, weil meine Tante, die mir irgendwelche Abenteuerbücher gab, mir einmal etwa Jonathan Swift oder Daniel Defoe gab und beim nächsten Mal Scholem Alejchem.

Maja Orel. Und Sie lasen Scholem Alejchem auf Jiddisch oder auf Russisch?

Portnikov. Auf Russisch oder auf Ukrainisch, das spielte überhaupt keine Rolle. Es gab viele ukrainische Übersetzungen, die habe ich ebenfalls gelesen. Außerdem dürfen Sie nicht vergessen, dass ich seit meiner Kindheit auch in anderen Sprachen lese, auf Bulgarisch, Serbisch. Auch in diesen Sprachen las ich damals. Und ich sah, dass diese Bücher jüdischer Schriftsteller, die ich las, dem nahestanden, was ich in meiner eigenen Familie sah. Das war das Leben, das ich lebte, sagen wir, das Alltagsleben. Der Humor. Sie verstehen doch, dass Humor ethnische Grenzen nicht überwindet. Mein Humor ist jüdisch, nicht ukrainisch. Und eine riesige Zahl von Ukrainern versteht manchmal nicht einmal, dass ich scherze, weil es ein völlig anderes Humorverständnis ist. Das ist wie ein Volkslied. Es überschreitet keine ethnischen Grenzen. Es kann dir gefallen, aber ich erinnere mich als Journalist immer auf einer ganz professionellen Ebene daran, dass ein ukrainisches Lied bei mir und bei Ihnen unterschiedliche Emotionen hervorruft.

Maja Orel. So soll es ja auch sein.

Portnikov. Natürlich, so soll es sein. Und das kann man nicht imitieren. Du kannst ein politisches Bewusstsein haben, aber kein ethnisches. Denn ein Volkslied ist gerade dafür da, dass es aus dem Wiegenlied kommt. Übrigens sang mir meine Großmutter die Wiegenlieder auf Jiddisch, was interessant ist. Und in dieser Situation, als ich diese Bücher las, sah ich dort: Das ist meine Literatur. Ich hörte jüdische Lieder und wusste, das sind meine Lieder, dann ukrainische.

Maja Orel. Haben Sie nie mit Ihrem Vater darüber gesprochen: „Warum emigrieren wir nicht nach Israel?“

Portnikov. Doch, darüber haben wir gesprochen, alle haben darüber gesprochen. Aber ich möchte den Gedanken zu Ende führen. Dann kam die ukrainische Literatur. Die ukrainische Literatur erinnerte mich an die Menschen, die um mich herum waren. Das heißt, sie ähnelte dem Leben. Und dann gab es die russische Literatur, aber die ähnelte dem Leben nicht.

Maja Orel. Nicht dem Leben, das Sie lebten und das Sie beobachteten?

Portnikov. Nicht dem Leben, das wir lebten und das wir um uns herum beobachteten. Dieses Leben ähnelte weder dem Leben der Juden noch dem Leben der Ukrainer. Es ähnelte dem Leben irgendwelcher anderer Menschen. Genau wie ich Flaubert oder Balzac las, konnte man Turgenjew oder Tolstoi wie Flaubert oder Balzac lesen. Interessante Literatur, aber nicht über uns, nicht über uns alle. Deshalb haben mich Menschen immer gewundert, die das als ihre eigene Literatur empfanden. Für mich war das unglaublich merkwürdig.

Maja Orel. Wurde in Ihrer Familie irgendwann über die Möglichkeit einer ukrainischen Unabhängigkeit von der Sowjetunion gesprochen? Wurde das jemals diskutiert, wenigstens, ich weiß nicht, Anfang der 80er, Mitte oder Ende der 80er? Oder sprach man nicht darüber? Also dieses Gefühl einer gewissen Ausweglosigkeit sowohl für Ukrainer als auch für Juden?

Portnikov. Nun, erstens dürfen Sie nicht vergessen, dass sich in jenen Jahren überhaupt niemand vorstellen konnte, dass die Sowjetunion verschwinden könnte. Ich glaube, ich war einer der Ersten, die das verstanden, nachdem wir die baltischen Länder besucht hatten. Ich schrieb ein Heft, ich glaube, ich habe das auch schon erzählt: Im Zug von Tallinn nach Sankt Petersburg schrieb ich ein Heft darüber, wie die Sowjetunion zerfallen würde.

Maja Orel. Als Kind.

Portnikov. Als Kind. Und dieses Heft nahm man mir weg und ließ es irgendwo verschwinden. Ich habe es nie wieder gesehen.

Maja Orel. Damit Sie Ihre Familie nicht kompromittierten?

Portnikov. Nun, das war eine gefährliche Geschichte, wie Sie verstehen, wenn das jemand gefunden hätte. Aber worauf stützte ich mich? Ich glaube, das war die sechste oder siebte Klasse, so etwas. Ich stützte mich darauf, dass ich die baltischen Länder gesehen hatte. Übrigens lag ich nicht sehr falsch. Ich sah dort Gesellschaften, die im Grunde antisowjetisch waren. Zum Beispiel die lettische Gesellschaft. Ich war damals in Lettland, in Estland. Ich sah dort Menschen, die im Grunde keine Sowjetmenschen sein wollten, im Unterschied zu denen, die ich in der Ukraine sah und die sich als Sowjetmenschen verstanden und die Sowjetunion als ihre Heimat betrachteten. In Lettland oder Estland betrachtete niemand die Sowjetunion als seine Heimat. Dort betrachtete man Lettland und Estland als Heimat.

Viele Menschen waren der Meinung, dass das Territorium besetzt sei. Viele hielten die Russen für Besatzer. Man wollte dort nicht Russisch sprechen. Ich begann in Riga oder Tallinn meine ersten Sätze immer auf Ukrainisch. Erst danach sprach man mit Sympathie mit mir. Damals zog ich den Schluss: Wenn solche Gesellschaften existieren und die Zentralmacht nichts dagegen tut, dann ist sie schwach geworden. Also wird sie bei der ersten Krise zusammenbrechen. Und Sie erinnern sich übrigens, dass Litauen tatsächlich zu einem der wichtigen Faktoren für den Zusammenbruch des gesamten sowjetischen Systems wurde.

Ansonsten denke ich, dass wir auf jeden Fall verstanden, dass die Ukraine etwas von Russland Getrenntes war, was die Menschen in Russland nicht verstanden, für die das alles Sowjetunion war. Aber mir sagte man zum Beispiel immer, dass ich Ukrainisch können müsse, weil wir in der Ukraine leben. Man müsse die ukrainische Sprache und die ukrainische Kultur kennen. Das wurde nie diskutiert, das war einfach selbstverständlich. Deshalb ja, wir sprachen Russisch, kauften aber genauso Bücher auf Ukrainisch. Und wenn ich Kinderbücher las, hatte ich sowohl ukrainische als auch russische Kinderbücher, was bei vielen Menschen ebenfalls nicht der Fall war. Und für mich gab es da keinen Unterschied, verstehen Sie, denn ich wuchs schon vor der Schule genauso mit der ukrainischen Sprache und Kultur auf wie mit der russischen.

Maja Orel. Und jetzt sagen Sie mir bitte: Woher kam bei Ihnen diese Moskau-Begeisterung bei Ihnen? Warum zog es Sie aus dem damaligen Dnipropetrowsk nach Moskau an die Universität, und warum sind Sie dort so lange hängen geblieben?

Portnikov. Halten Sie das für Moskau-Begeisterung?

Maja Orel. Was war es dann? Warum sind Sie aus Dnipropetrowsk nach Moskau gegangen? Dort gab es doch auch eine ziemlich ordentliche Universität.

Portnikov. Dort gab es keinen Journalismus. Journalistik gab es nur an einigen wenigen Universitäten des Landes. Und die einzige Möglichkeit, eine journalistische Ausbildung zu bekommen, bestand darin, dass von philologischen Fakultäten ein oder zwei Studenten im dritten Studienjahr an die Fakultät für Journalistik der Moskauer Universität versetzt wurden. Mir wurde das angeboten, weil wir erstens – erinnern Sie sich wieder – Prozentquoten für Juden hatten. Bei uns gab es mehr Juden als erlaubt, das Dekanat wollte niemanden exmatrikulieren, und außerdem hielt ich es für eine wirklich gute Ausbildung.

Maja Orel. Und warum sind Sie nicht gleich nach Moskau gegangen?

Portnikov. Niemand hätte mich dort aufgenommen. Ich war seit dem Sechstagekrieg der erste Jude an der Journalistikfakultät der Moskauer Universität. Ich meine Jude laut Pass.

Maja Orel. Aber warum sind Sie dann so lange in Moskau geblieben? Ich habe Ihre Biografie angesehen. 1990 haben Sie die Moskauer Staatliche Universität abgeschlossen, dann gingen Sie ebenfalls in Moskau in die Aspirantur. Also dieses imperiale Zentrum lockt, verzaubert einen.

Portnikov. Erfinden Sie bitte nichts. Es war das reale Zentrum. Ich arbeitete dort von Anfang an als Korrespondent von „Molod Ukrainy“, seit meinem dritten Studienjahr. Ich war der Meinung, dass Ukrainer die Welt um sie herum mit ukrainischen Augen betrachten müssen. Ich war der erste ukrainische Journalist, der nach Symon Petljura in Moskau arbeitete. Moskau war das Zentrum des Wandels. Vergessen Sie nicht, dass die Ukraine damals die konservativste Republik der Sowjetunion war. Bei uns gab es keine Perestroika, bei uns gab es keine realen Veränderungen. Schtscherbyzkyj bremste all das. Und Moskau war das Zentrum des Wandels, das reale Zentrum, wo wenigstens etwas geschah.

Die ersten ukrainischen Organisationen nach 1918 gründeten wir in Moskau. Den Ukrainischen Jugendklub und die Gesellschaft für ukrainische Kultur „Slawutytsch“. Die unabhängige Presse entstand neben den baltischen Ländern in Moskau. Alles, was damals geschah, geschah in Moskau. War es also für uns interessant, einen Korrespondenten in Moskau zu haben? Natürlich war es interessant.

Außerdem möchte ich Ihnen noch eine wichtige Sache sagen. Ich arbeitete für eine ukrainischsprachige Zeitung, daneben gab es eine sehr populäre russischsprachige Zeitung, „Komsomolskoje Snamja“. Wir mussten nicht nur mit Moskauer Zeitungen um Popularität kämpfen, sondern auch mit der russischsprachigen Presse der Ukraine, die in den Städten viel populärer war als unsere Zeitung. Und wenn wir so etwas aus Moskau brachten, trug das, glaube ich, zusätzlich zu unserer Popularität bei. Meine Artikel in „Molod Ukrainy“, Interviews über das Programm der Perestroika und so weiter, wurden ausgeschnitten und in den Schaufenstern von Kiosken aufgehängt, weil die Auflage unserer Zeitung, die übrigens bei 800.000 lag, nicht ausreichte, wenn solche Texte erschienen.

Maja Orel. Sagen Sie bitte: Dann kam 1991, die Ukraine wurde unabhängig. Und Sie waren trotzdem in Moskau. Sie waren nach 1991 in Moskau, nicht in der Ukraine. Warum sind Sie nicht in die Ukraine zurückgekehrt?

Portnikov. Weil ich als Moskauer Korrespondent ukrainischer Medien arbeitete. Ich war der Meinung, dass das in dieser Situation noch wichtiger war.

Maja Orel. Das heißt, Sie interessierte nicht, was jetzt in der Ukraine geschah? Also direkt an den ukrainischen Ereignissen teilzunehmen?

Portnikov. Wenn ich als ukrainischer Journalist arbeite, nehme ich dann nicht an ukrainischen Ereignissen teil? Außerdem war ich der einzige ukrainische Journalist, der unsere Position irgendwie in der russischen Presse vermitteln konnte, weil ich der einzige Mensch war, auf den man in der russischen Presse hörte, die für die überwiegende Mehrheit der Menschen ohnehin die wichtigste Presse blieb. Vergessen Sie nicht, dass unsere Hauptstadt auch nach 1991 in Moskau lag. Und wenn ich zu diesen Sichtweisen eine Alternative darstellen konnte, nutzte ich das, so gut ich konnte. Schließlich muss man eine einfache Sache verstehen: Alle ersten Interviews mit ukrainischen Ministerpräsidenten und ukrainischen Präsidenten bis Yushchenko führte ich für die Moskauer Presse, übrigens auch für die ukrainische.

Maja Orel. Die Unabhängigkeit traf Sie also, sagen wir, in Moskau. Sie arbeiten dort 1991 in Moskau. Sie sprechen oft davon, dass Sie hätten bleiben und russischer Staatsbürger werden können. Mich interessiert Folgendes: Sie haben einen sowjetischen Pass, der sich in diesem Moment automatisch in einen Pass eines Bürgers der Russischen Föderation verwandelt. Aber gleichzeitig können Sie – das ist 1991, damals begannen die massenhaften Ausreisen ins Ausland: Deutschland, die Vereinigten Staaten, Israel. Als Jude von Herkunft hätten Sie nach Israel gehen, israelischer Staatsbürger werden können, deutscher oder amerikanischer Staatsbürger. Haben Sie diese Möglichkeiten für sich in Betracht gezogen? Die Welt öffnete sich vor Ihnen, und nun konnte man frei reisen und Bürger irgendeines Staates werden.

Portnikov. Sie betrachten das auf eine erstaunliche Weise, wie die überwiegende Mehrheit Ihrer Landsleute. Glauben Sie, das sind Spielsachen?

Maja Orel. Was war es denn für Sie?

Portnikov. Wie bitte? Wenn ich die ganze Zeit wollte, dass die Ukraine ein unabhängiger Staat wird, und mich darum bemüht habe, seitdem ich aktiv zu arbeiten begann. Vielleicht waren das nicht viele Jahre, aber für mich waren es viele Jahre. Ich war 24. Man kann sagen, dass ich mich seit meinem 20. Lebensjahr damit beschäftigte, ich vertrat die ukrainische Position. Wissen Sie, wie mein erster Artikel in der großen russischen Presse hieß, noch bevor die „Nesawissimaja Gaseta“ erschien? „Die Ukraine in Blau-Gelb“.

Und Sie stellen sich vor, dass ein Mensch, der das tut, der zu ukrainischen Organisationen geht, der sich in München mit Slawa Stezko trifft, zum ersten Mal in der Geschichte des ukrainischen Journalismus, plötzlich sagt: „Jetzt brauche ich irgendeinen anderen Pass, weil ich solche Möglichkeiten habe, weil ich jüdischer Herkunft bin“? Das ist Respektlosigkeit gegenüber dem Land und den Menschen. Und es ist Respektlosigkeit gegenüber dem Land, dessen Pass ich nehmen würde. Es ist Respektlosigkeit gegenüber Israel. Denn Israel wurde von Menschen aufgebaut, damit es für mich eine Zuflucht ist, von Menschen, die ihr Leben und ihre Sicherheit riskierten. Und nun muss ich das für die Ukrainer tun. So muss ein Mensch denken, der sich selbst respektiert.

Maja Orel. Das heißt, Sie empfanden Verantwortung für das Land, das in der Ukraine entstehen würde, für diesen Staat?

Portnikov. Natürlich. Ich hatte keinen einzigen Augenblick einen solchen Gedanken. Und wenn Sie glauben, dass ich nicht einmal ohne Ausreise nach Israel israelischer Staatsbürger hätte werden können, irren Sie sich. Ich hatte diese Möglichkeit mehrfach. Ich bekam solche Angebote mehrfach.

Maja Orel. Haben Sie es nie bereut?

Portnikov. Nein. Ich glaube einfach, wenn die Ukraine als unabhängiger Staat bestehen bleibt, woran ich glaube, wenn sie ein zivilisierter demokratischer europäischer Staat wird, dann bedeutet das, dass ich mich verwirklicht habe. Sie haben mich gefragt, warum ich so lange in Russland blieb? Gerade deshalb, weil ich sehen wollte, wie sich das Imperium verändert, weil ich diesen Moment für wichtig hielt.

Maja Orel. Übrigens, bis zu welchem Jahr waren Sie dort? Wann sind Sie endgültig in die Ukraine gezogen?

Portnikov. 2005 oder 2006, glaube ich.

Maja Orel. Und was brachte Sie dazu, Russland zu verlassen? Sie hatten dort ja schon, wissen Sie, einen Status, ein Nest, hatten sich eingerichtet. Also Sie waren dort fachlich ein sehr etablierter Mensch.

Portnikov. Ich glaubte, dass dort nichts mehr geschehen würde und hier alles erst begann. Das war der Maidan von 2004. Ich dachte immer darüber nach, welcher Moment kommen müsste, damit ich meine Möglichkeiten gerade in der Ukraine verwirklichen könnte. Zu Kutschmas Zeiten war das völlig unrealistisch, weil ich das einfach für ein Remake des Jelzin-Russlands in seiner schlechtesten Form hielt. Einfach ein oligarchisches Land ohne Chancen auf normale Entwicklung. Nach dem Maidan 2004 begann ich ernsthaft darüber nachzudenken, zumal wir „Gazeta 24“ machten, wie Sie sich erinnern, deren Chefredakteur ich war. Es gab also auch berufliche Gründe.

Aber Sie müssen eine einfache Sache verstehen. Von 1989 bis 2005 lebte ich in einem Rhythmus, in dem ich etwa drei Wochen in Moskau und eine Woche in Kyiv war, und von 2005 bis 2013 lebte ich in einem Rhythmus von drei Wochen in Kyiv und einer Woche in Moskau. Ich gab meine Arbeit in Russland nicht auf, weil ich der Meinung war, die Situation weiter beobachten zu müssen. Deshalb verstand ich, dass es Krieg geben würde, sagen wir, deshalb verstand ich, was Russland im Ergebnis irgendwelcher Volksaufstände tun würde. Ich hatte nie Illusionen, gerade weil ich dort arbeitete, Verbindungen hatte und verstand, wie die Gesellschaft funktioniert. Deshalb warnte ich immer vor dieser Gefahr.

Maja Orel. Eine Sache hat mich interessiert. Sie sagten, dass Sie, als Sie in Russland lebten, verstanden, dass es Krieg geben würde, aber Sie waren ja auch in der Ukraine präsent, lebten ebenfalls in der Ukraine. Spürten Sie diesen Kontrast zwischen den sich, sagen wir, über Russland zusammenziehenden Wolken und der Sorglosigkeit, mit der die Ukrainer das wahrnahmen?

Portnikov. Natürlich, immer. Während des Maidans 2004 sprach ich zum Beispiel darüber, was die russische Führung tatsächlich denkt, welche Pläne sie hat. Niemand wollte irgendetwas verstehen. Sie waren einfach wie blinde Kätzchen. Ich sagte zum Beispiel einer Mitarbeiterin des damaligen Yushchenko-Stabs, damals eine ziemlich bedeutende Person, dass Russland grundsätzlich eine Energieblockade der Ukraine, Preiserhöhungen und so weiter erwäge. Ich bekam die Antwort: „Wir können diesen Putin jetzt für immer ignorieren.“

Maja Orel. In welchem Jahr war das ungefähr?

Portnikov. 2004, sage ich doch, während des Maidans 2004.

Maja Orel. Hat Sie damals nicht Verzweiflung erfasst? Wie findet man als Journalist, Publizist die Worte, um durchzudringen: „Liebe Leute, es wird Krieg geben, tut etwas“?

Portnikov. Wie soll ich zu diesen Menschen durchdringen, wenn sie mental im Grunde genauso sind wie ihre Nachbarn im Osten, wenn Menschen aus den südlichen und östlichen Regionen des Landes ihre Nachbarn im Westen Russlands als ihnen näher empfinden als ihre Nachbarn im Westen der Ukraine? Wie soll man zu ihnen durchdringen, wenn das eine andere Identität ist? Ich war der Meinung, der Hauptweg könne nur über eine Veränderung der Identität führen.

Maja Orel. Kravchuk wurde gefragt, warum er nicht die Möglichkeit erwogen habe, die unabhängige Ukraine in den Grenzen von 1918 wiederherzustellen. Also die UNR mit Brest-Litowsk, Cholm, Belgorod …

Portnikov. Und ohne das Gebiet Lwiw und Iwano-Frankiwsk. Verstehe ich das richtig? Ohne die Bukowina?

Maja Orel. In den ethnischen Grenzen der Ukraine. Und er sagte damals zu jemandem, ich weiß nicht mehr zu wem, man dürfe dieses Thema überhaupt nicht aufwerfen. Und es ging nicht um die Wiederherstellung der ukrainischen Unabhängigkeit, wie zum Beispiel in den baltischen Republiken, dort war es ja eine Wiederherstellung der Unabhängigkeit, bei uns aber eine Ausrufung, als wäre es zum ersten Mal.

Portnikov. Nun, weil wir einen völlig anderen Staat ausgerufen haben, weil die Staaten, die hier von 1918 bis 1920 existierten, entweder besiegt wurden oder Fälschungen waren. Sie erinnern sich doch, dass die Bolschewiki sogar versuchten, die Ukrainische Volksrepublik zu fälschen und ihre Regierung in Charkiw zur Ukrainischen Volksrepublik zu erklären. Aber das Entscheidende ist etwas anderes: Unser Staat wurde nach der Schlussakte von Helsinki ausgerufen. Und übrigens: Ob unser Staat ausgerufen wurde oder die baltischen Länder ihre Staatlichkeit wiederherstellten, sie stellten sich ohnehin in den Grenzen nach 1975 wieder her. Sie konnten nicht jene Grenzen beanspruchen, die es früher gegeben hatte.

Maja Orel. Man sollte den Menschen, die uns sehen werden, wahrscheinlich einfach erklären, dass es 1975 die Vereinbarungen von Helsinki gab, wonach die Grenzen nach dem Zweiten Weltkrieg unverletzlich sind.

Portnikov. Wir alle als Nachfolger der Sowjetunion respektieren das – respektierten es, würde ich sagen, bis zur Annexion der Krim – diese Vereinbarungen. Sie wurden zerstört, aber sie galten zum Zeitpunkt der Ausrufung der ukrainischen Unabhängigkeit. Deshalb denke ich, dass Kravchuk völlig recht hatte, dieses Thema nie aufzuwerfen.

Wissen Sie, da gab es eine interessante Geschichte. Ich traf mich 1990, vielleicht war es 1989 oder 1990, in Chişinău mit dem ersten Präsidenten Moldaus, Mircea Snegur. Und ich führte mit ihm ein großes Interview. Auch das war wieder das erste Interview, das der Präsident Moldaus einem ukrainischen Journalisten gab. Ich fuhr extra nach Moldau, um dort eine Artikelserie zu machen: „Moldau – die unbekannte Nachbarin“. Ich traf Snegur, traf später auch seinen Nachfolger im Amt des Präsidenten der Republik Moldau, Petru Lucinschi, aber damals gab es bereits Transnistrien und Gagausien. Dorthin fuhr ich ebenfalls. Und als ich Snegur traf, sagte er zu mir: „Könntest du das nicht mit Leonid Makarowytsch besprechen? Was für Beziehungen hast du zu ihm?“ Nun, normale Beziehungen, ich könnte ihn grundsätzlich treffen und dort ebenfalls ein Interview führen. „Einen Gebietstausch.“

Maja Orel. Was wollte Snegur tauschen?

Portnikov. Transnistrien wollte er uns geben, und wir sollten dafür Bezirke des Gebiets Tscherniwzi mit moldauischer Bevölkerung abtreten.

Maja Orel. Und warum wollte Kravchuk nicht?

Portnikov. Weil er die Grenzen nicht verändern wollte. Er sagte: „Wenn das beginnt, kann ich mir nicht vorstellen, was passieren wird.“ Interessant war aber, dass Snegur selbst nicht darüber sprechen wollte. Er wollte das mit meiner Hilfe sondieren. Ich war einfach Student, und er verstand, dass Kravchuk, wenn ihn das interessieren würde, eine Möglichkeit finden würde, es zu besprechen. Und wenn es ihn nicht interessierte, dann hätte es dieses Gespräch gewissermaßen nie gegeben. Nun, hören Sie, Sie können mir jetzt natürlich sagen, dass ich mir das alles ausgedacht habe, nicht wahr?

Maja Orel. Nein, ich glaube Ihnen völlig. Sie haben Kravchuk davon erzählt, und was sagte er Ihnen?

Portnikov. Er sagte, wenn wir die Grenzen der ehemaligen Sowjetrepubliken antasten, geraten wir, wie in der Situation mit Russland, einfach in eine Krise, die niemals enden wird.

Maja Orel. Die Ukrainer wollten so sehr einen Nationalstaat, einige jedenfalls, und dann ließen sie zu, dass Yushchenko einfach von der politischen Bühne verschwand.

Portnikov. Die Ukrainer, die einen Nationalstaat wollten, waren immer in der Minderheit und hatten nie eine Mehrheit. Die Mehrheit der Ukrainer stimmt bekanntlich wie die Mehrheit der Amerikaner mit dem Geldbeutel ab. Und bei uns gab es natürlich immer zwei Teile der Bevölkerung, die nie die Mehrheit bildeten. Einen offen proukrainischen und einen offen prorussischen. Dazwischen gab es immer eine Bevölkerung, die mit dem Geldbeutel abstimmte. Und diese Bevölkerung schloss sich immer entweder den einen oder den anderen an.

Und übrigens wurde Yushchenko, wenn Sie sich erinnern, nicht nur deshalb Präsident, weil er ein national orientierter Führer war, sondern weil er den Ruf eines Ministerpräsidenten hatte, der als Erster begann, das wirtschaftliche Chaos, das es vor ihm im Land gegeben hatte, tatsächlich in den Griff zu bekommen. Rentenzahlungen, pünktliche Gehaltszahlungen.

Maja Orel. Geld statt Tauschhandel.

Portnikov. Geld statt Tauschhandel. Das war Yushchenko. Deshalb stimmte eine große Zahl von Menschen, die nicht national, sondern wirtschaftlich orientiert waren, für Yushchenko. Und später stimmten diese Menschen genauso für Yanukovych als „guten Wirtschaftsmanager“. Sie interessierten sich nicht für Yanukovychs Ansichten, sie wollten besser leben.

Maja Orel. Und jetzt sagen Sie bitte noch Folgendes. Zelensky ist noch nicht Präsident, er ist noch bei „Quartal“, und Sawik Schuster lädt ihn in seine Sendung ein. Und Zelensky sagt mit solchem Pathos: „In welcher Sprache springt Bubka? In welcher Sprache springt Bubka?“ Das erschien ihm offenbar als, nun, schlagendes Argument. Dann sagt er später: „Was macht es für einen Unterschied, wie die Straßen heißen?“

Portnikov. Hauptsache, sie sind asphaltiert.

Maja Orel. Hauptsache, sie sind asphaltiert. Dann sagt er: „Ich bin kein Trottel, ich bin Präsident dieses Landes. Weißt du, sozusagen, dass ich Präsident dieses Landes bin.“ Und Ihrer Meinung nach: Als er Präsident dieses Landes wurde und, wie es einmal in irgendwelchen Nachrichten hieß, sich ein Buch über die Geschichte der Ukraine auf den Schreibtisch legte – verstand dieser Mensch, welches Land er übernommen hatte und was dieses Land brauchte?

Portnikov. Ich glaube, gerade dieser Mensch verstand es, im Unterschied zu allen Vorgängern. Denn ich sage Ihnen noch einmal: Es gab immer Präsidenten, die Vertreter einer bestimmten Vision waren, entweder einer ukrainophilen oder einer russophilen. 2019 aber geschah etwas, das es vorher nie gegeben hatte.

Maja Orel. Was?

Portnikov. Die Menschen in der Mitte, die mit dem Geldbeutel abstimmten, stellten ihren eigenen Kandidaten auf, und ihnen schloss sich ein Teil der proukrainischen und prorussischen Wählerschaft an.

Maja Orel. Nun hören Sie, Sie sagen, ein Teil der proukrainischen Wählerschaft habe sich angeschlossen. Aber Zelensky sagte vor der Wahl kein einziges Wort über nationales Selbstbewusstsein, ukrainische Staatlichkeit oder sonst etwas davon.

Portnikov. Haben Sie Zweifel daran, dass ein großer Teil der Menschen, die zum Beispiel für Yulia Tymoshenko gestimmt hatten, für Volodymyr Zelensky stimmten?

Maja Orel. Ich denke, ja.

Portnikov. Halten Sie diese Menschen nicht für proukrainische Wähler?

Maja Orel. Ich verstehe nicht, warum sie dann so gewählt haben.

Portnikov. Nun, weil sie glaubten, Volodymyr Zelensky sei ein neues Wort in der ukrainischen Politik. Ein junger Mensch, der nichts mit Korruption und den alten Clans zu tun hat, und dass gerade das die Ukraine brauche. Das konnten sie glauben.

Maja Orel. Selbst wenn er, sagen wir, sehr weit davon entfernt war zu verstehen, was die Ukraine ist.

Portnikov. Aber so haben Menschen überall gewählt. So stimmte die Mehrheit der Bevölkerung des Gebiets Ternopil, des Gebiets Iwano-Frankiwsk und des Gebiets Lwiw ohne die Stadt Lwiw. Sie werden doch nicht über diese Menschen sagen, das seien keine proukrainischen Wähler. Das sind dieselben Menschen, die zu beiden Maidans kamen, die unter den Kugeln der Berkut ihr Leben riskierten. Das können Sie ihnen nicht vorwerfen. Natürlich stimmten viele von ihnen für Poroshenko, aber Sie verstehen doch, dass bei einem so großen Abstand der Stimmen nicht möglich ist, dass für Zelensky keine Menschen mit proukrainischer Haltung gestimmt hätten.

Maja Orel. Sagen Sie mir bitte: Ich bin völlig sicher, wenn Saakaschwili sich seinerzeit als Präsidentschaftskandidat aufgestellt hätte, hätten auch irgendwie Menschen für ihn gestimmt.

Portnikov. Aber nicht so viele.

Maja Orel. Nicht so viele. Warum ist unseren Leuten die staatspolitische Haltung eines Präsidentschaftskandidaten nicht so wichtig wie, sagen wir, sein persönlicher Charme?

Portnikov. So wählen heute viele Menschen auf der ganzen Welt, weil heute andere Informationstechnologien wirken, die Menschen andere Werte bekommen. Andererseits spielte nicht nur Zelenskys Persönlichkeit eine Rolle, sondern auch das politische Programm, das in der Serie „Diener des Volkes“ dargestellt wurde. Es spielte das politische Programm eines Robin Hood eine Rolle. Und Sie müssen verstehen: Solange die Ukrainer kein Gefühl ihrer eigenen Identität als wichtigen Marker politischer Orientierung entwickeln und solange die Ukrainer kein Eigentum haben, das sie aufs Spiel setzen können, und solche Menschen nicht die Mehrheit bilden – Vertreter des Mittelstands, nicht Oligarchen, sondern Vertreter kleiner und mittlerer Unternehmen, die verstehen: Für den haben wir gestimmt, und jetzt bricht unser Geschäft zusammen –, solange wird es so bleiben. Warum auch nicht? Wenn du nichts riskierst. Sie verstehen, eine riesige Zahl von Menschen riskiert nichts, wenn sie einen Präsidenten wählt.

Maja Orel. In ihrem Leben ändert sich nichts.

Portnikov. Ja, jedenfalls denken sie das. Deshalb stimmen sie für den, der ihnen sympathisch ist, oder für den, der diesen bestrafen, jenen einsperren wird. Das nutzen die Menschen aus. Im Westen aber stimmen Menschen für den, der ihre Steuern senkt oder erhöht und den Wert ihrer Aktien steigert. Das ist ein wichtiger Punkt.

Als zum Beispiel die Konservativen in Großbritannien den Brexit unterstützten, was sagten sie den Menschen? „Ihr werdet besser leben. Wir werden dieses, jenes und anderes los. Ihr werdet weniger an den Staat zahlen, wir werden weniger an Brüssel zahlen, und ihr werdet besser leben.“ Wirtschaftlich stimmte das nicht, aber die Menschen stimmten dafür, nicht weil ihnen Boris Johnson gefiel. Verstehen Sie?

Maja Orel. Sagen Sie bitte: Haben sich Ihrer Meinung nach in diesen sieben Jahren gewisse Metamorphosen bei Zelensky vollzogen, sodass er heute besser als 2019 versteht, welchen Staat er, wenn schon nicht aufbaut, dann zumindest bewahren muss?

Portnikov. Hören Sie, wir wissen nicht, was mit Zelensky geschieht, weil wir überhaupt nichts über ihn wissen. Wir sehen ein filmisches Bild. Zelensky ist Schauspieler. Er spielt seine Rolle unter völlig neuen Umständen weiter. Und was er selbst über sich denkt, wissen wir nicht.

Maja Orel. Sagen Sie bitte: Reicht Ihrer Meinung nach in der Ukraine dieses Widerstandspotenzial aus, um Zelensky als Staatsführer zu verkraften? Er zerstört doch, zerstört alles, was …

Portnikov. Wissen Sie, ich wundere mich über Sie. Sie sprechen weiter über Zelensky als Hauptgefahr für dieses Land. Die Hauptgefahr für dieses Land ist Putin. Und wir, Sie und ich und Zelensky, sitzen in einem Boot. Und wenn wir das Land nicht bewahren können, welchen Unterschied macht es dann, wer wen verkraftet? Ich glaube nicht, dass Zelensky alles im Land zerstört. Ich glaube, das Land verändert Zelensky selbst und diejenigen um ihn herum. Aber ich möchte Sie daran erinnern, dass das Hauptproblem der ukrainischen Staatlichkeit darin besteht, dass Russland niemals ihrer Existenz zustimmen wird. Niemals. Im wörtlichen Sinne: niemals.

Maja Orel. Ist es unseren beiden Ländern also zu eng auf einem Planeten?

Portnikov. Nein, das ist ein völlig anderer Grund. Das ist ein objektiver Grund. Ohne Kontrolle über das Territorium der Ukraine ist Russland kein Imperium, das die Lage in Europa beeinflussen kann. Und ohne die Fähigkeit, die Lage in Europa zu beeinflussen, braucht niemand Russland als geopolitischen Akteur. Es befindet sich gewissermaßen in einer Ehe mit China. Gerade weil es in Europa Einfluss ausüben kann, kann es in dieser Ehe sein. Wenn es in Europa keinen Einfluss hat, befindet es sich in Abhängigkeit. Die Sowjetunion befand sich, wenn Sie so wollen, in einer geopolitischen Konfrontation mit Amerika. Auch das war gewissermaßen eine Ehe. Gerade weil Russland Europa beeinflussen konnte, befand es sich in dieser Konfrontation und dieser Interaktion, weil es faktisch halb Europa kontrollierte. Hätte es das nicht kontrolliert, wäre es nicht in dieser Lage gewesen. Deshalb sind alle Wünsche Russlands, Kontrolle über die Ukraine und andere ehemalige Sowjetrepubliken zu haben, aus imperialer Sicht objektive Notwendigkeit. Für die Rolle eines Nationalstaats taugt Russland aber nicht. Wissen Sie warum?

Maja Orel. Warum?

Portnikov. Weil es nie einer war. Nie in seiner Geschichte.

Maja Orel. Wir haben über Lettland gesprochen. Wir haben über Polen gesprochen. Polen erlebte ebenfalls drei Teilungen, verlor seine Staatlichkeit, konnte sich wieder erheben, konnte zu dem Polen werden, das es heute ist. Lettland dasselbe. Staatlichkeit gab es dort überhaupt nur 20 Jahre zwischen zwei Kriegen, dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Auch Lettland wurde zu dem, was es heute ist. Mich hat beeindruckt, dass zum Beispiel 1991, zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit, in Lettland mehr Russen als Letten lebten. Sehen Sie heute, wo Lettland ist. Wir leben auf unserem ethnischen Territorium. Wir hatten eine gewisse Quasi-Staatlichkeit in Form der Ukrainischen SSR. Wir können uns immer noch nicht die Frage beantworten, wer wir sind und was wir brauchen. Wir können uns selbst nicht identifizieren.

Portnikov. Hören Sie, Sie nennen Beispiele, die mit dem ukrainischen nicht ganz vergleichbar sind. Wissen Sie warum?

Maja Orel. Warum?

Portnikov. Weil die Geschichte der polnischen Staatlichkeit nicht von den Russen gestohlen wurde. Auch die Geschichte der Staatlichkeit in Lettland wurde von den Russen nicht gestohlen, weil es auf dem Gebiet Lettlands Staatlichkeit gab. Sie war nicht lettisch, aber dort gab es Staatlichkeit. Dort gab es das Herzogtum Kurland. Woher kam Anna Iwanowna nach Sankt Petersburg, die die Konditionen zerriss? Sie war doch Herzogin von Kurland. War das kein Staat? Natürlich war es ein Staat. Der Livländische Orden auf diesem Territorium – war das kein Staat? Es war ein Staat, ein Ritterstaat, aber ein Staat mit staatlichen Institutionen und Traditionen. Und die Menschen wussten, wie ein anderer Staat aussieht.

Und bei uns? Wir wussten, wie ein anderer Staat aussieht, aber uns sagte man, das sei der russische Staat gewesen. Verstehen Sie: Als Taras Schewtschenko im Grunde begann, die ukrainische Identität wiederherzustellen, musste er sich im Wesentlichen bei der Geschichte der Aufstände aufhalten. Warum also die Hajdamaken? Weil die Ukrainer Aufständische sind. Für ihn bedeutete, über ukrainische Geschichte zu sprechen, über imperiale Geschichte zu sprechen, deshalb verurteilte er alle Fürsten und Zaren. So verwandelte er die Ukrainer einfach in diese Nation der Aufstände. In Wirklichkeit aber sind die Ukrainer eine staatstragende Nation. Schewtschenko konnte das damals einfach nicht, verstehen Sie? Er konnte es nicht, weil diese Geschichte von Russland vom ersten Tag an, seit Rurik, vollständig gestohlen worden war.

Maja Orel. Sagen Sie bitte: Mit jedem Jahr gibt es immer weniger Menschen, die in der Sowjetunion aufgewachsen und erzogen worden sind.

Portnikov. Ein großes Glück.

Maja Orel. Ein großes Glück, ja. Aber warum nimmt ihre Zahl ab, während die Zahl der Menschen, die irgendwelche sowjetischen Narrative teilen, nicht annähernd so stark abnimmt?

Portnikov. Identität entsteht nicht von selbst. Sie ist Teil familiärer Erziehung und staatlicher Politik. Ich möchte Sie davon überzeugen, dass alles anders aussehen wird, wenn in unserem Land Menschen die Mehrheit bilden, die nach 2007 geboren wurden. Aber wann wird das sein? Wie viele Jahre braucht es?

Maja Orel. Nun, ich denke noch 30 bis 40 Jahre.

Portnikov. Na also, dann werden Sie zu meinem hundertsten Geburtstag sagen, dass alles geklappt hat. Und das ist kein Scherz, denn diese Menschen, die etwa 2013 in die Schule kamen, begannen erstmals ohne realen russischen Einfluss zu lernen. Sehen Sie, wie viel wir getan haben. Ukrainische Musik läuft im ukrainischen Radio. Ukrainisches Kino, ukrainisches Theater. Sie fragen, warum ich in Moskau lebte. Weil ich nicht in Brjansk leben wollte. Ich kam nach Kyiv, schaltete das Radio ein, und mir schien, ich sei nicht in Moskau, sondern in Brjansk oder Kursk, ich hörte irgendein provinzielles russisches Radio mit Irina Allegrowa.

Maja Orel. Sagen Sie bitte: In einer Zeit wie heute, in einer so globalisierten Welt, in der wir alle leben – wie wichtig ist diese nationale Identität überhaupt?

Portnikov. In einer globalisierten Welt möchte sich der Mensch von anderen unterscheiden. Gerade das ist die einzige Möglichkeit, eine Persönlichkeit zu sein, wenn du etwas Eigenes hast. Verstehen Sie, Identität bedeutet ja nicht, dass du keine westliche Rockmusik hören oder japanische Schriftsteller lesen kannst. Es geht darum, wie du dich selbst empfindest und was für dich einen Wert darstellt.

Maja Orel. Identität hat also immer mit Werten zu tun.

Portnikov. Mit inneren Werten und mit dem, was du anderen hinterlässt. Und je entwickelter du als Weltbürger bist, desto mehr bereicherst du dein eigenes Volk, so sehe ich das.

Maja Orel. Sagen Sie bitte, noch einmal über Territorium, noch einmal über den Preis, sagen wir, der Unabhängigkeit. Mich hat einmal Finnland beeindruckt: Sie gaben einen Teil Kareliens an die Sowjetunion ab. Bitte, nehmt es, wir entwickeln uns hier auf diesem Stück als Finnland.

Portnikov. Auch das ist Mythologie.

Maja Orel. Ich möchte zu Ende sprechen. Dann erfuhr ich Folgendes: In den 60er Jahren eroberte Israel von Ägypten die Sinai-Halbinsel. Und die Fläche der Sinai-Halbinsel beträgt etwa 60.000 Quadratkilometer, während das heutige Israel nur 20.000 Quadratkilometer groß ist. Also dieser Sinai, der biblische Sinai, gehörte Israel. Israel gab ihn Ägypten zurück.

Portnikov. Für Frieden.

Maja Orel. Für Frieden. Und ich sitze da und denke: Was sind wir bereit, für Frieden abzugeben, und werden wir etwas für Frieden abgeben müssen, wenn es keinen anderen Ausweg gibt?

Portnikov. Alle Analogien hinken.

Maja Orel. Warum?

Portnikov. Erste Analogie. Finnland wollte der Sowjetunion überhaupt nichts abgeben. Als Finnland auf Wyborg und Karelien verzichtete, erhielt es von Deutschland eine klare Zusicherung, dass es sich alles zurückholen werde und sogar mehr. Sie beendeten den Krieg, als Berlin sagte, es werde für sie nicht eintreten, aber gegen die Sowjetunion Krieg führen, und dann könne Finnland seinen Beitrag leisten. Und genau so geschah es. Finnland eroberte nach 1941 alle seine Gebiete zurück und besetzte ganz Sowjetkarelien. Nur waren im Zweiten Weltkrieg nicht Finnland und Deutschland die Sieger. Deshalb musste Finnland zu jenen Grenzen zurückkehren, die nach dem ersten Winterkrieg festgelegt worden waren. Aber die Fortsetzung des Winterkrieges war Teil des Plans der finnischen Führung, der beschlossen worden war, als der erste Winterkrieg zu Ende ging. Niemand wollte also bewusst etwas abgeben. Das war ein taktischer Schritt.

Maja Orel. Um Staat zu bleiben.

Portnikov. Um Staat zu bleiben und sich später das Territorium zurückzuholen.

Maja Orel. Und Israel?

Portnikov. Israel kontrollierte ein Territorium, das ihm nach internationalem Recht nicht gehörte. Und in Israel verstand man sehr gut, dass Israel niemals zu einem friedlichen Zusammenleben mit Ägypten kommen würde, wenn es ägyptisches Territorium besetzt hielte. Und das friedliche Zusammenleben mit Ägypten ist eine der Grundlagen der Unabhängigkeit Israels. Stellen Sie sich vor, das gäbe es heute nicht. Aber es war kein israelisches Territorium. Ich erinnere Sie noch einmal daran. Biblisch oder nicht biblisch – auf biblischem Territorium liegt übrigens auch Jordanien, abgesehen vom Sinai, entschuldigen Sie. Dort liegt der Berg, von dem Moses auf das Gelobte Land blickte. Na und? Wir sprechen doch über internationales Recht.

Und wenn wir über die Ukraine sprechen und darüber, was wir abgeben können: nichts. Denn aus Sicht des internationalen Rechts ist das unser Territorium. Wir können einen Teil des Territoriums nicht kontrollieren, aber der Tag, an dem wir sagen, wir erkennen die russische Kontrolle über die Krim oder den Donbas oder irgendein anderes Gebiet an, wird der Tag sein, an dem wir als Staat aufhören zu existieren.

Maja Orel. Das heißt, wenn, Gott bewahre, eine Situation eintritt, in der die Ukraine, der Staat Ukraine, irgendwie auf die Größe eines einzigen Gebiets zusammenschrumpft, ich weiß nicht, Transkarpatien oder Lwiw, dann würden alle anderen Gebiete nach internationalem Recht trotzdem als besetzt gelten?

Portnikov. Sagen Sie bitte, welches Territorium kontrolliert die Regierung der Republik China, die sich auf Taiwan befindet?

Maja Orel. Taiwan.

Portnikov. Und auf welches erhebt sie Anspruch?

Maja Orel. Auf ganz China.

Portnikov. Da haben Sie die Antwort.

Maja Orel. Man kann sich vielleicht damit beruhigen, dass im Maßstab der Geschichte 30, 40, ich weiß nicht, 50 oder 150 Jahre nur ein kleiner Zeitraum sind. Schließlich sehen Sie, Israel stellte seinen Staat nach 2.000 Jahren wieder her. 2.000 Jahre war das Volk ohne Staat. Dann wurde es wieder ein Staat. Wenn ich heute an die Ukrainer denke, wissen Sie, jetzt, wo so viele Ukrainer ausreisen, so viele in Westeuropa sind, und vielleicht tatsächlich das eintritt, wovon Sie sprechen, dass der größere Teil des ukrainischen Ethnos in Westeuropa leben wird und nicht …

Portnikov. Ich sage Ihnen die Wahrheit.

Maja Orel. Sagen Sie.

Portnikov. Ziehen Sie bitte keine Parallelen zu den Juden.

Maja Orel. Warum?

Portnikov. Nach dem Zusammenbruch ihrer Staatlichkeit zur Zeit des Bar-Kochba-Aufstands – das war bereits der endgültige Zusammenbruch – blieben die Juden als isolierte religiöse Gruppe erhalten. Es war gerade eine religiöse Gruppe, die sich in anderen Staaten allmählich in eine Nation verwandelte und erst im neu gegründeten Israel zu einer politischen Nation wurde. Die Ukrainer sind keine isolierte religiöse Gruppe. Für Völker wie die Ukrainer ist es sehr wichtig, das eigene ethnische Territorium, wenigstens einen Teil des eigenen ethnischen Territoriums, zu bewahren. Die Ukrainer sollte man nicht mit den Juden vergleichen. Wissen Sie, mit wem?

Maja Orel. Mit wem?

Portnikov. Mit den Iren. Die Mehrheit der Iren lebt außerhalb Irlands, aber sie bleiben gerade deshalb Iren, weil es Irland gibt, verstehen Sie? Es gibt Irland. Und es gibt Iren, die in Irland leben. Und es gibt nicht einmal eine sprachliche Gemeinsamkeit, denn nicht die gesamte Bevölkerung spricht Gälisch, aber es gibt das Gefühl, Ire zu sein.

Wir befinden uns also heute in einer historisch gefährlichen Situation. Wir verstehen, dass Russlands Idee nicht einfach die Vernichtung des ukrainischen Staates ist, sondern die Vernichtung des ukrainischen Ethnos als solchem. Sehen Sie, was in den besetzten Gebieten geschieht. Dort verwandelt man Ukrainer in Russen. Dort sagt man nicht: Ihr seid gute Ukrainer, und es gibt schlechte ukrainische Nazis. Nein: „Ihr seid Russen.“ Nicht einmal „Rossijane“, sondern „russkije“. „Russen von Herkunft, weil das ein Volk ist.“ Und wenn dieser Staat zusammenbricht, wird es einfach keine Ukrainer mehr geben. Glauben Sie mir, denn dieser Staat ist die Essenz – nicht einmal der Staat, das Territorium, wenn Sie so wollen, das Territorium der Ukrainischen SSR war die Essenz. Hier leben Ukrainer. Unsere Hauptaufgabe besteht darin, das Gebiet der ethnischen Besiedlung der Ukrainer zu bewahren. Das kann man nur auf eine Weise tun: indem wir Moskau abwehren. Denn wenn wir es nicht abwehren, wird es auf diesem Territorium keine Ukrainer geben. Und dann werden die Ukrainer im Ausland schließlich einfach Teil anderer Völker. Denn jene Ukrainer, die Sie kennen, die jahrzehntelang, jahrhundertelang in Kanada, den Vereinigten Staaten oder Europa lebten, blieben Ukrainer und konnten dieses Ukrainertum ihren Kindern weitergeben, weil es einen Leuchtturm gab. Wenn es keinen Leuchtturm gibt, wenn das Signal erlischt … Für die Juden war es in dieser Hinsicht zugleich schwerer und leichter. Verstehen Sie? Denn der Leuchtturm war Jerusalem, aber das war ein religiöses Zentrum, nicht nur ein staatliches.

Maja Orel. Viele von uns haben Probleme mit der Identität, weil: Wer bin ich? Wie ein Mann zu mir sagte: „Ich wohne eigentlich in Swjatoschyn.“

Portnikov. Nun, das ist immer so. Das gibt es in allen Ländern.

Maja Orel. Das gibt es in allen Ländern. Gut, vielleicht brauchen nicht alle Länder das. Aber bei uns mobilisiert die Identität heute die Gesellschaft zum Kampf.

Portnikov. Das stimmt. Aber man kann einem Menschen nicht etwas aufzwingen, was er innerlich nicht hat. Auch das ist eine völlig sinnlose Tätigkeit. Das ist so, wie ich meinen israelischen Freunden immer sagte: Ihr werdet aus einem Araber ohnehin keinen Juden machen. Ihr müsst darüber nachdenken, wie ihr mit jenem Araber zusammenlebt, der auf eurem Land lebt, sagen wir, und der dort im Grunde sein ganzes Leben gelebt hat. Es ist ja nicht irgendein Zugewanderter, er lebt dort seit Urzeiten, und ihr wollt seine Identität verändern. Das wird nicht gelingen. Hier ist es dasselbe.

Maja Orel. Aber wie macht man dann aus einem Menschen, dem Identität gleichgültig ist, einen Patrioten, der bereit ist, sogar sein Leben zu opfern?

Portnikov. In allen Ländern gibt es Menschen, die dazu bereit sind, und Menschen, die es nicht sind. Man muss die Menschen so akzeptieren, wie sie sind, und sich keine Menschen ausdenken. Es wird immer Menschen geben, die bereit sind zu opfern, und solche, die nicht bereit sind zu opfern.

Maja Orel. Und grob gesagt: Wenn die Generation endet, die auf den Maidans aufgewachsen ist, die vom Maidan geprägt wurde, für die die Ukraine, wissen Sie, zu etwas geworden ist, auf das man stolz sein kann, auch auf die eigene Zugehörigkeit zum Ukrainertum?

Portnikov. Nun, erstens werden zunächst die sowjetischen Generationen verschwinden, wie Sie richtig sagen, dann werden die Generationen verschwinden, die auf den Maidans aufgewachsen sind, aber danach kommen Generationen, die vor unseren Augen auf den Maidans mit Pappschildern heranwachsen. Sie sehen doch, dass dieses Gen des Widerstands in der Gesellschaft vorhanden ist.

Maja Orel. Mir macht nur Angst, wissen Sie, dass Russland diese Maidan-Generation früher auslöschen könnte, als wir irgendeinen Sieg erringen.

Portnikov. So funktioniert das nicht.

Maja Orel. Wie funktioniert es dann?

Portnikov. Es funktioniert über Tradition, darüber, wie sich Gesellschaft und Nation selbst verstehen. Die ukrainische Nation trägt diese Traditionen seit Urzeiten in sich. Sie gingen schon zur Zeit der Kyiver Fürsten auf die Wetsche und werden auch unter den nächsten Präsidenten der Ukraine auf Wetschen gehen. Glauben Sie mir. Das kann qualitativ nicht besonders gut sein. Sie können kein politisches Bewusstsein haben, jemand wird keine Identität haben, aber dieses Gefühl: Ich habe das Recht, über meinen Staat mitzubestimmen, und ich kann jederzeit von dem enttäuscht sein, für den ich gestimmt habe – das wird bei den Ukrainern bleiben. Da bin ich hinsichtlich der Ukrainer völlig ruhig. Verstehen Sie, dieses Gefühl kann man selbst in 200 Jahren gemeinsamen Lebens mit den Russen nicht ausrotten – nicht einmal das Gefühl von Freiheit, sondern von freiem Willen. 

Maja Orel. Sagen Sie bitte: Welche Ukraine würden Sie, sagen wir, in zehn Jahren und wenn wir den Faktor Krieg wegnehmen, gern aufbauen und aufgebaut sehen?

Portnikov. 1989 oder 1990 gab es einen solchen Artikel in der Zeitung „Prawda“, von einem Korrespondenten der „Prawda“.

Maja Orel. Den habe ich nicht gelesen.

Portnikov. „Welche Ukraine wollen sie?“ So hieß er, als wir gerade die Volksbewegung gründeten. „Welche Ukraine wollen sie?“ Diesen Titel habe ich mein ganzes Leben lang behalten. Ich möchte eine demokratische, europäische, ukrainische Ukraine. Ganz einfach. Ich habe sehr einfache Vorstellungen. Ich will, dass die Ukraine Teil der europäischen Welt ist. Ich will, dass es dort Demokratie gibt. Ich will, dass sich dort die ukrainische Kultur und die ukrainische Identität entwickeln, dass dort Ukrainisch gesprochen wird und dass es ein vollwertiger zivilisierter Staat ist. Das ist alles. Ich wünsche und erwarte von den Ukrainern aus dieser Sicht nichts Besonderes, nichts anderes als von jedem anderen europäischen Volk. Aber eine solche Ukraine wäre bereits ein wunderbares Ergebnis all unserer Leiden.

Maja Orel. Können Sie jetzt einfach einige schöne Wünsche für die Menschen sagen, die uns sehen werden?

Portnikov. Diese Ukraine zu erleben und sie aufzubauen.

Maja Orel. Und können Sie zum Unabhängigkeitstag gratulieren? Etwas sagen, wissen Sie, das einen wirklich berührt.

Portnikov. Wissen Sie, ich gratuliere den Ukrainern seit 35 Jahren auf unterschiedliche Weise zum Unabhängigkeitstag. Und in der Regel sind diese Bilanzen nicht besonders optimistisch.

Maja Orel. Und ich verstehe, dass sich der Inhalt dieser Beiträge über die Jahre nicht besonders verändert.

Portnikov. Nicht besonders. Aber andererseits überraschen mich die Ukrainer über all die Jahre immer wieder.

Maja Orel. Womit?

Portnikov. Mit ihrer Fähigkeit zu überleben, zu kämpfen, in schweren Momenten die besten Eigenschaften in sich zu finden, mit ihrer Bereitschaft zur Verständigung dann, wenn es scheint, dass andere eine solche Bereitschaft nicht finden können. Es gab viele Ereignisse, die im Grunde gezeigt haben, dass das ukrainische Volk zur Entwicklung und zum Bewusstsein seiner Rolle in dem Land fähig ist, in dem es lebt, und auf diesem Land, auf dem es lebt. Und in diesen 35 Jahren habe ich übrigens sehr viele Ukrainer gesehen, bei denen ich dachte: „Ich würde gern, dass alle Ukrainer so wären.“ Zuerst sah ich solche Menschen irgendwo in den Vereinigten Staaten und Kanada, später immer mehr auch in der Ukraine. Deshalb wünsche ich mir, dass es einfach mehr von solchen Menschen gibt.

Maja Orel. Darf ich noch fragen, wenn Sie können, sagen Sie offen: Wenn Sie in Sendungen davon sprechen, dass der Krieg noch 25 oder 30 Jahre dauern kann, dass dieser Putin gehen kann, dieser Putin wird gehen, aber an seine Stelle kommt ein anderer Putin. Was macht das für einen Unterschied? Russland verschwindet ja nicht. Es ist, wie es ist. Wie kann man unter solchen Bedingungen überhaupt eine Perspektive sehen?

Portnikov. Nun, Sie haben doch über Israel gesprochen. Wie sahen die Juden eine Perspektive? Darin, dass sie ein starkes Land haben würden, das niemand angreifen kann. Ein solches Land brauchen auch wir. Wir brauchen ein starkes Land, bei dem ein Angriff teurer ist als ein Nichtangriff.

Maja Orel. Mein Gott, 35 Jahre. Ich kann kaum glauben, dass es 35 Jahre sind. Irgendwie sind sie einfach vergangen.

Portnikov. Nun, sie sind nicht einfach vergangen, sie waren turbulent. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich am 24. August 1991 diese Zahlen auf der Anzeigetafel sah. Was empfand ich? Dass ich etwas gesehen hatte, was ich vielleicht niemals hätte sehen können.

Maja Orel. Am 24. August standen wir so da. Aus irgendeinem Grund glaubten alle, wenn man näher am Fernseher steht, ganz dicht am Fernseher, erfährt man es als Erster. Als Erster. Und meine Tante, sehen Sie, ich weine schon, sie war 1912 geboren. Und sie sagte immer: „Ich werde es nicht mehr erleben.“ Und als sie sah, wie die Flagge hereingetragen wurde …

Portnikov. Nun sehen Sie, weil sie Ukrainerin war, glaubte sie daran. Wenn Menschen lange an etwas glauben, geschieht es. Wissen Sie, meine Großmutter nannte die Kyiver Straßen nie bei ihren sowjetischen Namen. Sie sagte immer: „Geh zur Prorizna, dann geh zur Sofijiwska.“ Ich sagte zu ihr: „Welche Prorizna, welche Sofijiwska? Das sind Kalinina und Swerdlowa.“ Sie sagte: „Das ist die Prorizna und die Sofijiwska.“ Sie erlebte die Rückkehr der alten Kyiver Straßennamen.

Maja Orel. Hören Sie, ich weiß nicht, ob ich sehr sentimental geworden bin oder ob ich einfach schon so sehr will, dass alles endet. Entschuldigen Sie, dass ich am Ende des Gesprächs so weich geworden bin.

Portnikov. Vielleicht ist genau das der Moment eines solchen historischen Ereignisses. Übrigens wissen Sie, dass ich darüber sogar geschrieben habe, in einem Artikel über den 24. August 1991: Als die Unabhängigkeit ausgerufen wurde, standen bereits Menschen vor der Werchowna Rada, und dort war ein Priester, der begann, mit ihnen zu beten, und sie beteten alle auf den Knien. Das war ein fast biblischer Anblick.

Maja Orel. Weil es geschehen war.

Portnikov. Und ich dachte damals wieder: Ich sehe Bilder, an die ich mich mein ganzes Leben erinnern werde.

Maja Orel. Wissen Sie, manchmal denkt man: So viele Generationen, so viele Völker haben keinen eigenen Staat, so viele Generationen dieser Menschen, die in der Ukraine lebten, hatten keinen eigenen Staat. Wir hatten das Glück, in einer Zeit geboren zu werden, in der das möglich wurde, und man denkt: „Mein Gott, wir sind doch alle Auserwählte, wir alle sind auserwählt, weil all das zu unseren Lebzeiten geschieht.“

Portnikov. Wichtig ist nur, das nicht zu verspielen.

Maja Orel. Vielleicht ist das eine etwas exaltierte Wahrnehmung einer ukrainischen Frau.

Portnikov. Aber sie ist wahr. Ich denke, solche Momente, die von der Geburt einer Nation und ihrer Staatlichkeit sprechen, besonders nach so vielen Jahrhunderten ohne Staatlichkeit, geschehen nur einmal. Deshalb habe ich versucht, Ihnen zu erklären, dass ich für die Ukrainer das tun wollte, was die Gründerväter für Israel getan haben, weil ich dachte, für das jüdische Volk sei das bereits getan worden. Jemand anderes hatte das für mich getan. Ich kann mir völlig vorstellen, dass ich 1948, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, Israel aufzubauen, Israel aufgebaut hätte. Nur war Israel zu dem Zeitpunkt, als ich erwachsen wurde, bereits diese Zuflucht, die es für jeden Juden weiterhin ist. Die Ukraine aber gab es nicht. Die Ukrainer waren im Grunde dem Wind preisgegeben.

Maja Orel. Ich danke Ihnen sehr, dass Sie gekommen sind, dass Sie Zeit gefunden haben, und wünschen wir einander, dass wir sowohl Putin als auch Russland überleben.

Portnikov. Und beim nächsten Jubiläum der Unabhängigkeit wieder miteinander sprechen können.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: 35 років незалежності. Віталій Портников про Кучму, Зеленського й українську ідентичність. 17.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 17.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Zelensky und „Forrest Gump“: die Folgen | Vitaly Portnikov. 21.08.2026.

Zunächst möchte ich zu Beginn dieser Sendung den Angehörigen und Nahestehenden der Opfer des heutigen terroristischen Angriffs der Russischen Föderation auf ein Einkaufszentrum in Krywyj Rih mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Das war ein dreister Angriff gerade auf die Zivilbevölkerung. Wir verstehen sehr gut, worauf die Russen mit solchen Angriffen abzielen. Wir verstehen, dass es sich um echten Luftterror handelt.

Und gerade deshalb halte ich es für äußerst wichtig, jedes Gespräch darüber, was in der Ukraine geschieht, mit solchen Erinnerungen an die dreisten Handlungen der russischen Aggressoren zu beginnen, daran, dass der Terror gegen die Zivilbevölkerung aus russischer Sicht einen völlig begründeten Charakter hat. Es geht um Einschüchterung, um den Zwang der ukrainischen Bevölkerung zur Kapitulation vor Russland. Und wir sehen die Zahlen dieses heutigen Angriffs: Die Zahl der Verletzten ist bereits auf 121 gestiegen, die Zahl der Toten auf 14, 22 Kinder wurden verletzt. Ich fürchte, dass die Zahl der Opfer mit der Zeit noch steigen wird.

Und dieses Prinzip, diese Erscheinungsform des russischen Luftterrors, erinnert uns daran, wie die kommenden Monate und Jahre des russisch-ukrainischen Krieges aussehen werden. Und ich erinnere Menschen, die darüber diskutieren, was man im Austausch für ein Ende des Krieges und dieses Terrors abgeben könnte, immer wieder an eine Wahrheit: Es wird nicht gelingen, Territorien abzutreten, es sei denn, es geht um das gesamte Territorium der Ukraine. Es wird nicht gelingen, politische Interessen aufzugeben, es sei denn, es geht um die vollständige Eingliederung des ukrainischen Staates in die Russische Föderation und die Umwandlung der ukrainischen Regionen in Föderationssubjekte der Russischen Föderation, wie es sowohl der Präsident der Russischen Föderation Putin als auch sein Stellvertreter im Sicherheitsrat der Russischen Föderation, der ehemalige Präsident Medwedew, mehrfach vorgeschlagen haben. Und wir verstehen sehr gut, was nach einer solchen Kapitulation geschehen wird. Es wird Gräben und Massengräber geben, in denen die Menschen, die heute darüber nachdenken, wie ein Kompromiss aussehen könnte, zwischen den Leichen ihrer Eltern und den Leichen ihrer Kinder liegen werden.

Die Alternative, um diese massenhafte Vernichtung und die Vertreibung derjenigen zu verhindern, die Glück haben werden, besteht also in der Zerstörung des demografischen, wirtschaftlichen und finanziellen Organismus der Russischen Föderation. Dafür brauchen wir einen starken Staat, dafür brauchen wir das Vertrauen der Bürger in den Staat. Und wir verstehen sehr gut, dass jeder neue Korruptionsskandal in der Ukraine nur dazu beiträgt, dass die Ziele der russischen Führung schneller verwirklicht werden, dass in Russland die Hoffnung wächst, was künftig aus dem russisch-ukrainischen Krieg werden könnte, was tatsächlich in einer Situation geschehen kann, in der die ukrainischen Bürger den Glauben an die Effizienz ihres eigenen Staates und an seine Möglichkeiten verlieren. Das ist der wichtigste Punkt, wenn wir die Situation im Zusammenhang mit dem Kampf gegen Korruption auf höchster Ebene und mit all den Skandalen erörtern, die wir in letzter Zeit beobachten.

Das ist ebenfalls eine völlig verständliche Sache, über die meiner Meinung nach jeder sprechen sollte, der jetzt die Situation im Zusammenhang mit dem Skandal erörtert, der den so symbolischen Namen „Forrest Gump“ erhalten hat. Und ich möchte hier gerade über grundlegende Dinge sprechen, von denen die meisten Menschen, die Korruptionsprobleme diskutieren, in der Regel nichts hören wollen und an die ich seit ungefähr dem Beginn der Amtszeit von Präsident Volodymyr Zelensky zu erinnern versuche.

Warum hielt ich den politischen Prozess und seine Fortsetzung für weitaus wichtiger als das, als das, was der ukrainische Wähler unter ‚neuen Gesichtern‘ versteht? Warum war und bin ich der Ansicht, dass es in der Geschichte der Ukraine nur zwei politische Perioden gab, in denen sie auch nur ein wenig an einen europäischen Staat erinnerte? Die Zeit von 2004 bis 2010, die Amtszeit von Präsident Viktor Yushchenko und das Funktionieren der Mechanismen einer parlamentarisch-präsidentiellen Republik. Und die Jahre 2014 bis 2019, die Amtszeit von Präsident Petro Poroshenko und das Funktionieren der Mechanismen einer parlamentarisch-präsidentiellen Republik.

Praktisch die gesamte übrige Zeit – vergleichen Sie das, ungefähr zehn Jahre gegenüber 25 – erinnerte die ukrainische Staatlichkeit an einen verrotteten Sowjetstaat. In der einen oder anderen Form. Denn Sowjet- und Postsowjetstaat bedeutet eben einen Staat ohne politische Prozesse, einen Staat, in dem die Macht auf eine einzige Person konzentriert, einen Staat ohne Gegengewichte, in dem entscheidend ist, was in der Präsidialverwaltung oder im Präsidentenbüro geschieht und wie sich all jene, die den Staat eigentlich führen sollen, vor dieser Verwaltung, vor diesem Büro einschmeicheln.

Das Erstaunlichste ist jedoch, dass den Ukrainern gerade jene Perioden, in denen es politischen Wettbewerb und Auseinandersetzungen an der Spitze der Macht gab, stets als die schlimmsten Zeiten in der Existenz des Staates in Erinnerung blieben. Obwohl sowohl die Jahre 2004 bis 2010 als auch 2014 bis 2019 wirtschaftlich geradezu goldene Zeiten für Unternehmen, für das Wachstum der Initiative der Menschen und für all diese Möglichkeiten waren. Aber alle erinnerten sich an völlig andere Dinge. Die Ukrainer, als Menschen, die in der Sowjetunion erzogen wurden und ihre Kinder in der Sowjetunion erzogen haben, wollen sehr gern eine starke Hand sehen, der niemand im Weg steht. Nun, wenn niemand im Weg steht, dann kann man unter anderem auch Beamte beim Stehlen nicht behindern.

Wenn wir zum politischen Prozess zurückkehren, muss man einfach verständliche Dinge erkennen. Wenn Sie bei den Präsidentschaftswahlen in der Ukraine für einen Menschen stimmen, der nie an einem politischen Prozess teilgenommen hat, der nicht versteht, was Staatsführung ist, der Fachleuten für Staatsführung und Management als solchem nicht vertrauen kann, der nur einem engen Kreis von Menschen vertrauen kann, mit denen er sein Leben im Showbusiness verbracht hat. Und wenn Sie danach eine ganze Menge No-Names ins Parlament wählen, die nicht einmal wissen, wie man, bildlich gesprochen, auf den richtigen Knopf in der Werchowna Rada drückt und denen auf irgendwelchen merkwürdigen Milowanow-Kursen in Truskawez erklärt wird, wie sich ein Abgeordneter zu verhalten hat – eine Schande für die Zivilisation –, dann müssen Sie begreifen, dass Sie in einem sich im Krieg befindenden Staat, dessen Existenzfrage überhaupt nicht entschieden ist, die Schleusen für Korruption öffnen. Wie sollte es anders sein?

Selbst wenn an die Spitze des Staates ein heiliger Dilettant kommt, kann er Korruption in keiner Weise verhindern. Ich erörtere hier nicht einmal die persönlichen Eigenschaften von Volodymyr Zelensky, denn, noch einmal, die persönlichen Eigenschaften von Menschen, die keine politischen Profis sind, interessieren mich überhaupt nicht. Ab Sie können gute Menschen sein, sie können schlechte Menschen sein. Ich weiß immer, dass ihre Herrschaft nur zu Katastrophen führen kann. Nur zu Katastrophen. Es gibt keine zwei Varianten. Es kann nur die Variante geben, dass ein guter Mensch auf den Trümmern einer solchen Katastrophe sich die Haare rauft, während ein zynischer Mensch auf den Trümmern einer solchen Katastrophe seine Koffer packt, um herauszufinden, in welchem Staat er mit dem geraubten Geld bequem leben kann. Das ist alles.

Aber was haben Sie von seiner Heiligkeit oder seinem Zynismus? Sie liegen schon im Grab, Sie haben kein Geld mehr, Sie haben kein Vaterland mehr. Vielleicht erfahren Sie nie, ob er dort weint oder sich freut. Darum geht es überhaupt nicht. Präsidenten werden nicht gewählt, damit sie sich freuen oder weinen. Präsidenten werden gewählt, damit sie effektiv regieren. Wenn Sie selbst einen Präsidenten aus anderen Gründen wählen und wenn Sie danach mit eigenen Händen den Mechanismus der Gegengewichte in einer parlamentarisch-präsidentiellen Republik zerstören, indem Sie für Menschen stimmen, über die Sie bis zum Wahltag nichts wussten, dann sind Sie gewöhnliche Selbstmörder. Wir sind einfach Zeugen Ihres Selbstmords. Wir beschreiben Ihren Selbstmord. Sie haben in einer solchen politischen Situation während eines Krieges keine Chance zu überleben.

Und dass die Ukraine seit viereinhalb Jahren überlebt, kämpft und die Chance hat, auch in den kommenden schweren Jahren der Prüfungen auf der politischen Weltkarte zu bleiben, ist ein Wunder. Das hätte überhaupt nicht geschehen dürfen. Man muss einfach sagen, dass das ukrainische Volk neben seinem Unverständnis der politischen Situation immer auch eine Bereitschaft zur Selbstverteidigung besitzt. Das ist es, was das ukrainische Volk all die Jahrhunderte seiner unglaublichen Fehler hindurch in dieser Welt gehalten hat. Aber irgendwann könnte man doch aufhören, diese Fehler zu machen. Das ist der reale Prozess, der entstanden ist und zu solchen Entdeckungen führt, wenn Menschen, die noch gestern glaubten, jede Handlung des Präsidenten sei richtig, geprüft, durchdacht und kompetent, dem Staatsoberhaupt heute sogar dann die Zustimmung verweigern, wenn es völlig logische und vernünftige Entscheidungen zur Verteidigung des Landes trifft.

Genau das ist gefährlich, denn mit einem Defizit an Vertrauen in die Staatsführung hat die Ukraine viel größere Chancen zu verschwinden und das ukrainische Volk viel größere Chancen, von seinen Feinden vertrieben zu werden, die, wie Sie verstehen, ihre Waffen nicht niederlegen wollen und die gerade auf die Destabilisierung der Ukraine hinarbeiten und weiter hinarbeiten werden. Denn der Präsident der Russischen Föderation hat im Unterschied zum durchschnittlichen Ukrainer ein klares Verständnis davon, dass er Russland ohne die vollständige Eroberung des ukrainischen Territoriums und dessen Säuberung von Ukrainern nicht jene erträumte imperiale Rolle zurückgeben und es nicht zu einem gleichberechtigten Teilnehmer im Konzert der Großmächte neben den Vereinigten Staaten von Amerika und der Volksrepublik China machen kann. Zumal die Russische Föderation nach dem gigantischen geopolitischen Fehler von Präsident Donald Trump im Iran, beginnt, hinsichtlich ihres geopolitischen Einflusses, mit Amerika gleichzuziehen. Das heißt, Putin hat noch mehr Chancen bekommen, er muss nur die Ukraine endgültig zugrunde richten. Genau das dürfen wir ihm nicht erlauben.

Ich spreche nicht so viel über Korruptionsermittlungen, weil mir ihr Mechanismus im postsowjetischen Raum immer klar ist. Der Skandal um „Forrest Gump“ hat meine Aufmerksamkeit gerade deshalb auf sich gezogen, weil ich eine neue Qualität der ukrainischen Korruption gesehen habe, über die ich bereits mehrfach gesprochen habe: eine Qualität, die damit zusammenhängt, dass Korruption begonnen hat, sich in Mafia zu verwandeln, dass wir es nicht einfach mit korrupten Missbräuchen zur Bereicherung zu tun haben, sondern mit einem ganzen System einer Symbiose von Staatsmacht, Großunternehmen, Finanzführung und Geschäftsleuten. Wir sehen, dass in dieser Symbiose völlig andere moralische Maßstäbe gelten als jene, die auf die Integrität der Staatsführung hindeuten sollten, dass man ernsthaft auf einen Kampf gegen unabhängige Antikorruptionsorgane eingestellt ist, dass ein ganzes System mafiöser Staatsführung geschaffen wurde.

Und das erinnerte mich sehr an jenes Machtsystem, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Italien etabliert wurde. Übrigens ebenfalls mithilfe der Mafia, denn man musste sich an die Mafia wenden, um zu verhindern, dass der Block der linken Parteien unter Führung des Generalsekretärs der Italienischen Kommunistischen Partei Palmiro Togliatti und des Ersten Sekretärs der Italienischen Sozialistischen Partei Pietro Nenni an die Macht kam. Aber für die Niederlage der Linken und den Erfolg der Rechten musste man mit jahrzehntelanger Zusammenarbeit mit der Mafia bezahlen. Dabei war es für die Italiener wiederum kein Geheimnis, dass ihr Staat korrupt war und verfiel. Für die Italiener war es kein Geheimnis, dass die Mafia weiterhin in vielen italienischen Regionen tätig war und in Regionen wie Sizilien oder Kalabrien sogar die Rolle einer alternativen Staatsmacht spielte. Für die Italiener war es kein Geheimnis, dass ein hochrangiger Beamter durch die Hand der Mafia sterben konnte, wie übrigens der Bruder des heutigen italienischen Präsidenten Mattarella starb. Aber für die Italiener war es ein großes Geheimnis, dass der Staat die Mafia nicht bekämpfte, sondern Teil von ihr war und dass praktisch alle führenden Politiker Italiens mit Mafiaclans verbunden waren, sogar Menschen, die die Ämter von Ministerpräsidenten und Präsidenten der Republik bekleideten.

Darin lag der Sinn der Operation „Mani pulite“, „Saubere Hände“. Und was war das Ergebnis dieser Operation für das heutige Italien? Ein sehr wichtiges. Dank des Erfolgs dieser Operation gelang es Italien, sich von der mafiösen Symbiose später, in der Zeit Silvio Berlusconis und bis in die Gegenwart, bis in die Zeit Giorgia Melonis, wieder zu einem Land mit gewöhnlicher Korruption auf höchster Ebene zu entwickeln, die nirgendwo verschwunden ist und ein wichtiger Bestandteil des Funktionierens des italienischen Staatsorganismus bleibt. Es gelang, die institutionelle Verbindung zwischen Korruption und Mafia zu zerreißen, was ebenfalls sehr wichtig für das Überleben der italienischen Staatsinstitutionen und für die Wiederherstellung des gesellschaftlichen Vertrauens in die Staatsführung war. Aber das war ein schwerer Prozess mit dem Verschwinden vieler führender Politiker, Gerichtsverfahren, dem Verschwinden eines ganzen politischen Systems mit diesen Nachkriegsparteien, die angeblich die Interessen der Italiener verteidigten und von denen sich herausstellte, dass sie die Interessen der Mafia verteidigten. Das war der Preis, den Italien für die Auflösung dieser Symbiose und für die Rückkehr zu einem normalen Leben eines korrupten Staates zahlte.

Und wir haben nun eigentlich eine sehr einfache Aufgabe. Wir müssen in den Zustand eines korrupten Staates zurückkehren, in dem wir, sagen wir, bis 2019 waren, und dann die Korruption bekämpfen, denn wissen Sie, die Mafia ist fast nicht zu besiegen. Um die Mafia zu besiegen, müsste man den gesamten Staatsorganismus zerstören. An der Zerstörung des gesamten Staatsorganismus sind wir aber nicht interessiert, denn im Unterschied zu Italien, wo dieser Kampf gegen die Symbiose von Mafia und Korruption stattfand, sind wir ein Staat im Krieg, und wie ich schon sagte, gibt es keinerlei klares Verständnis davon, ob die Ukraine aus diesem Krieg als existierender Staat hervorgehen wird oder ob sie unter den Schlägen russischer Raketen und Drohnen von der politischen Weltkarte verschwinden wird, wie sie schon mehrfach verschwunden ist. Deshalb ist hier Präzisionsarbeit erforderlich.

Übrigens müssen Sie meiner Meinung nach eine einfache Sache verstehen, die für das Verständnis der Situation sehr wichtig ist. Stellen Sie sich vor, dass wir in dieser Situation, in der diese Symbiose von Beamten und Oligarchat, Finanzwelt und machtnahem Geschäft entstand, keine nationalen Antikorruptionsorgane gehabt hätten. Sie wären schlicht nicht geschaffen worden. Sie wurden ja im Grunde deshalb geschaffen, weil dies eine der Bedingungen unserer Verbündeten nach 2014 war, und wir brauchten ihre Hilfe, weil wir uns schon damals faktisch in einem endlosen Konflikt mit der Russischen Föderation um jene Gebiete befanden, die Russland kontrollierte, und um jene Gebiete, die es noch kontrollieren wollte. Wenn es einen solchen Konflikt nicht gegeben hätte, hätten wir sehr wahrscheinlich auf die Schaffung solcher Organe verzichtet.

Stellen wir uns aber vor, die Staatsführung nach dem Maidan wäre selbst ohne die Besetzung der Krim und des Donbas auf diese europäischen Forderungen eingegangen. Sie verstehen doch, dass nach 2019 die Antikorruptionsstrukturen ganz vorhersehbar in die Machtvertikale eingegliedert worden wären, so wie man noch vor gar nicht langer Zeit, vor einem Jahr, mit ihnen verfahren wollte. Und dass die Unabhängigkeit der Antikorruptionsstrukturen erhalten blieb, geschah nur dank – nein, nicht dank der Proteste mit Pappschildern, wie viele glauben –, sondern dank des ziemlich intensiven Drucks unserer westlichen Partner und des Verständnisses der Staatsführung, dass die Ukraine ohne westliches Geld in dieser Welt schlicht nicht überleben würde.

Das ist die reale Frage, die ausgesprochen werden muss. Ohne den Krieg hätte die Mafia bereits gesiegt und wäre unbesiegbar geworden. Und in dieser Symbiose hätte man ganz ruhig ein System sowohl der Präsidentschafts- als auch der Parlamentswahlen geschaffen, in dem es einen ewigen Präsidenten wie in Russland und Belarus und eine ewige Partei Diener des Volkes nach dem Muster von Einiges Russland in der Russischen Föderation gegeben hätte. Niemand und nichts hätte dieses Monopol verändern können, insbesondere wenn nach zwei Amtszeiten Volodymyr Zelenskys – und seine Amtszeit nähert sich übrigens inzwischen bereits zwei Amtszeiten – eine ganze politische Generation der Ära Volodymyr Zelensky herangewachsen wäre.

Übrigens habe ich das Entstehen dieser Generation bereits bei den jüngsten Protesten mit Pappschildern beobachtet, als die Menschen klar verstanden, dass sie nicht mit dem Parlament, nicht mit der Regierung sprechen müssen, sondern ausschließlich mit einem einzigen Menschen, der in diesem Land Entscheidungen trifft. Das ist der Präsident. Und sie bitten ihn eher, als dass sie von ihm bestimmte Handlungen verlangen. Und wenn er ihre Bitten ignoriert, gehen sie einfach nach Hause, denn das sind keine Ultimaten, sondern Versuche, dem Zaren die Meinung seiner Untertanen zu übermitteln. Und stellen Sie sich vor, Zelensky bliebe ohne alternative Machtentscheidungen weitere vier Jahre Präsident, wenn es unter solchen Bedingungen keinen Krieg gäbe. Dann würden bereits die nächsten Generationen der Ukrainer kein anderes Regierungsmodell mehr kennen, als den Präsidenten zu bitten, ihre in Form von Bitten formulierten Forderungen anzuhören. Ja, ich wiederhole, so wie es in den benachbarten ehemaligen Sowjetrepubliken geschieht.

Ich glaube nicht einmal, dass man diese sehr gefährliche, sehr beschämende ukrainische Situation korrekt mit Russland und Belarus vergleichen kann, denn dort wurde immerhin ein Totalitarismus in Reinform geschaffen, und vom Totalitarismus sind wir noch weit entfernt. Aber man kann sie etwa mit Kasachstan vergleichen, wo es Strukturen gibt, eine Imitation demokratischer Verfahren und zugleich bei jedem Bürger der Republik das Verständnis, dass es ausschließlich von der ersten Person abhängt, wie das Land funktioniert.

Aber ich wiederhole: Der Krieg setzt hier einen besonderen Akzent. Während des Krieges ist es sehr wichtig, diesen Dialog mit der Staatsführung so zu führen, dass man nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet. Denn angesichts dessen, dass wir keinerlei objektive Möglichkeiten haben, den Krieg in nächster Zeit zu beenden, müssen wir darüber nachdenken, wie wir in einer Situation leben sollen, in der das Vertrauen in die Staatsführung und in den Präsidenten sinkt. Dabei sinkt das Vertrauen nicht einmal nur wegen der heutigen Handlungen des Staatsoberhaupts, sondern rückwirkend. Auch das ist gefährlich. Viele Dinge, über die wir seit 2019 gesprochen haben und vor denen die lumpenisierte Masse der Anhänger des Präsidenten die Augen verschloss, werden für sie heute inakzeptabel, und sie übernehmen keinerlei eigene Verantwortung dafür, dass alles so gekommen ist. Sie beginnen Zelensky selbst dafür verantwortlich zu machen, dass er sich damals nicht so verhalten hat, wie sie heute wollen, dass er sich damals verhalten hätte. Obwohl sie damals jede Fehlentscheidung des Staatsoberhaupts völlig begeistert beklatschten. Darin liegt der Trick. Und das erzeugt ein solches rückwirkendes Misstrauen. Ich wiederhole weiterhin, dass trotz Zelenskys politischer Unerfahrenheit das Vertrauen in ihn für den ukrainischen Staat im Hinblick auf sein Überleben in diesem endlosen grausamen Krieg ein wichtiger Trumpf ist. Und je weniger Vertrauen in die Staatsführung vorhanden ist, desto geringer werden diese Überlebenschancen sein. Das ist doch elementar.

Welche realen Möglichkeiten gibt es also, diese Situation zu verbessern? Erstens müssen wir verstehen, dass Korruption auf höchster Ebene mit mafiösem Charakter gerade dann entsteht, wenn Beamte zu viele Befugnisse besitzen. Wir erleben doch ständig, dass an der Korruption nicht irgendwelche Menschen in hohen Ämtern beteiligt sind – obwohl es auch solche gibt, etwa Minister –, sondern ganz gewöhnliche Sachbearbeiter, die völlig unbedeutende Positionen innehaben. Und diese Sachbearbeiter verfügen im Grunde über ein Ausmaß an Befugnissen, das sie sich eigentlich niemals hätten vorstellen dürfen. Was ist eine stellvertretende Leiterin des Präsidentenbüros? Niemand. Eine Person ohne eigenständige politische Bedeutung. Wenn eine stellvertretende Leiterin des Präsidentenbüros Erklärungen abgibt: „Ich habe das getan, ich habe das getan, ich habe das Tribunal vorbereitet.“ Nun hören Sie, ein Mensch in einem solchen Amt erledigt Büroarbeit, gewährleistet die Arbeit des Präsidenten bei der Erfüllung seiner unmittelbaren Aufgaben in Außenpolitik und Verteidigung. Sie kann über sich selbst überhaupt nicht sagen: „Ich habe das getan, ich habe das getan.“ Sie hat einfach Unterlagen für den Präsidenten des Landes vorbereitet. Das ist höchstens das, was sie tun kann. Aber sie selbst nimmt sich als Staatsfrau wahr und nicht als Büroangestellte. Verstehen Sie? Weil ihnen allen im Office solche Möglichkeiten gegeben wurden. Denn wenn zum Leiter des Präsidentenoffice ein kampferfahrener General, ein ehemaliger Chef des Militärgeheimdienstes ernannt wird, was ist das dann für ein Office, das von einem Menschen mit einem solchen Ansehen und einer solchen Erfahrung geleitet werden soll, die nichts mit Büroarbeit zu tun hat? Weil das Office sich in ein Politbüro verwandelt. Faktisch ist es das Politbüro des Zentralkomitees der KPdSU, das unter dem Generalsekretär das Land regiert.

Wie war es zu Sowjetzeiten? Es gab das Politbüro, und die gesamte übrige Machtvertikale – Oberster Sowjet, Ministerräte – waren doch niemand. Ein Mitglied des Politbüros musste nicht einmal selbst anrufen, sein Referent konnte dort anrufen und sagen, dass ein Mitglied des Politbüros oder sogar ein Kandidat für die Mitgliedschaft im Politbüro dieses oder jenes wünsche, und alles wurde innerhalb von 24 Stunden erledigt. Es war eben das Politbüro, es war eben das Office des Präsidenten. Solange diesem Office nicht jene Funktionen entzogen werden, die ihm nicht zustehen, wird sich mafiöse Korruption weiter verstärken, und kein Antikorruptionsorgan wird sie stoppen. Denn die Beamten werden weiterhin die Aufgaben der Sachbearbeiter aus dem Büro erfüllen, statt sich um ihre unmittelbaren Pflichten zu kümmern.

Deshalb stellt sich heraus, dass der Energieminister oder der Justizminister oder sogar der Verteidigungsminister einfach kleine Sachbearbeiter sind, die nicht einmal zum Präsidenten eingeladen werden müssen, wenn er sie nicht sehen will. Aber ein stellvertretender Leiter des Office – das ist etwas ganz anderes. Dort haben sie ihre eigenen Spiele. Sie verhängen Sanktionen gegeneinander. Ein solcher stellvertretender Leiter des Office kämpft nun gegen sie. Der ehemalige Leiter des Office Bohdan kann irgendwelche Informationen über sie veröffentlichen. Woher kommt all das? Geht es nur um Günstlingswirtschaft? Oder geht es in Wirklichkeit doch darum, dass eine derartige Konzentration von Möglichkeiten beim Präsidenten selbst zu solchen katastrophalen Veränderungen, zu solchen katastrophalen, würde ich sagen, Umwälzungen, zu einer solchen katastrophalen Degeneration der Staatsführung selbst geführt hat?

Wie kann man den Sachbearbeitern die Möglichkeit nehmen, das Land zu regieren? Ich habe schon gesagt, wie: durch die Wiederherstellung der politischen Eigenständigkeit des Parlaments. Nicht des Fraktionschefs von Einiges Russland im Parlament – entschuldigen Sie, von Diener des Volkes –, sondern durch die Wiederherstellung der politischen Eigenständigkeit der Werchowna Rada selbst. Die Werchowna Rada muss beginnen, nach den verfassungsmäßigen Verfahren zu handeln. Die Werchowna Rada muss selbst beginnen, die Regierung zu bestätigen und dem Präsidenten Minister vorzuschlagen. Die Abgeordneten der Werchowna Rada müssen aufhören, für jeden Kandidaten zu stimmen, den ihnen das Staatsoberhaupt vorschlägt, und von ihm verlangen, jene Kandidaten vorzulegen, die eine parlamentarische Prüfung bestehen und die Gesellschaft zufriedenstellen werden. Die Parlamentarier müssen sich einfach daran erinnern, dass sie Bürger der Ukraine sind. Unter den heutigen Bedingungen wäre das grundsätzlich bereits ausreichend, um den Staatsorganismus zu gesunden. Und natürlich eine Regierung der nationalen Rettung, von der ich ebenfalls seit 2022 spreche, eine Injektion patriotischer Staatlichkeit in den populistischen Sumpf.

Und man muss nicht darauf achten, was die sogenannte Anhänger der Staatsführung, die, sagen wir, Anhänger Zelenskys darüber sagen oder denken werden. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, uns für ihre Meinung zu interessieren. Unsere Aufgabe besteht darin, sie davor zu retten, unvermeidlich in jene Welt des Todes zu geraten, in der sie zwischen den Leichen ihrer Eltern und ihrer Kinder eingeklemmt sein werden. Nicht ihre Meinung berücksichtigen, sondern sie vor dem unvermeidlichen Tod retten, der sich ihnen bereits nähert. Auch wenn sie ihn nicht sehen, werden sie ihm begegnen. Geben Sie ihnen die Möglichkeit, keine Leichen, sondern Wähler zu sein. Auch wenn sie nicht Ihre Wähler sind. Seien Sie einfach barmherzig zu diesen Menschen, über die in Moskau bereits das Todesurteil gesprochen wurde. Geben Sie ihnen einfach die Möglichkeit, wenigstens noch einige Jahre zu leben. Dafür braucht man einen effektiven Staat. Denn ein ineffektiver Staat schickt diese Menschen in ein tiefes Grab, und kein Geld wird Sie retten.

Ich sage nicht, dass sich bei Ihnen das Gewissen melden wird – Sie haben kein Gewissen, sonst hätten Sie sich in einer solchen Konstellation nicht dort hineingedrängt –, aber Sie werden einfach keinen Ort finden, an dem Sie dieses Geld ausgeben können. In den Westen wird man Sie nicht hineinlassen, und die Russen werden Sie töten, um Ihnen Ihr Geld abzunehmen, und sie werden recht damit haben. Wozu brauchen sie Sie noch, wenn Sie Ihre Rolle als ihre nützlichen Idioten bereits gespielt haben? Wo wollen Sie Verwendung für dieses Geld finden? Einer der Beteiligten an diesen Korruptionsskandalen sagte: „Na und, wenn man nicht in Frankreich leben kann, dann lebt man eben in Vietnam zu Ende.“ In Vietnam regiert ein Präsident, der früher Minister für Staatssicherheit der Sozialistischen Republik Vietnam war. Wo willst du dort bei ihm leben? Du wirst zerstückelt den Mekong hinuntertreiben, daneben ein Koffer ohne Geld. Ein hübsches kleines Stillleben. Seien Sie also bitte Realisten, wenn Sie dazu noch fähig sind.

Nun zur politischen Eigenständigkeit der Regierung. In der Regierung müssen Politiker sitzen, keine Beamten. Denn selbst wenn ein Beamter versucht, Politiker zu werden, wie Mykhailo Fedorov, stellt sich heraus, dass er die Prozesse der Staatsführung überhaupt nicht versteht und, statt mit einem Programm zur Gesundung des Landes aufzutreten, einfach Parolen verkündet, die irgendjemandem gefallen sollen. Wenn du jemandem gefällst – wann werden sie für dich stimmen? Wer von ihnen wird überhaupt am Leben bleiben? Denk lieber darüber nach. Was bringt es dir, ihnen zu gefallen? Warum wollt ihr alle jemandem gefallen? Gefallen muss man den Lebenden. Den Lebenden. Leichen wählen nicht. Gebt ihnen die Möglichkeit zu überleben, sage ich noch einmal. Und in dieser politischen Eigenständigkeit und natürlich in der effektiven Arbeit der nationalen Antikorruptionsstrukturen kann ein Ausweg aus der Situation bis zum Ende der aktiven Phase der Kampfhandlungen liegen.

Und danach – was können wir dann tun? Danach geht die Initiative wieder in die Hände des weisen ukrainischen Wählers über. Hoffen wir, dass er beim nächsten Mal für professionelle Führer des Landes stimmt. Hoffen wir, dass er für Überzeugungen und nicht für Persönlichkeiten stimmt, für ein politisches Programm und nicht für eine Fernsehserie. Aber um auf all das hoffen zu können, müssen wir all das erst einmal erleben. Und die Chance darauf ist nicht so groß, wie es scheint. Genau darin liegt der Punkt.

Auch der Präsident selbst muss jetzt daran interessiert sein, dass der Staat weiter funktioniert. Er muss eine einfache Sache verstehen. Es geht ebenfalls nicht darum, ob er erneut zum Präsidenten gewählt wird oder nicht. Seit 2022 sage ich, dass er nicht wiedergewählt wird. In Nachkriegsstaaten werden Führer der Kriegszeit nicht erneut zu Präsidenten gewählt. Seine politische Karriere endete an dem Tag, an dem er zum Präsidenten gewählt wurde. Nein, das war nicht der Anfang, das war bereits das Ende. Vielleicht verstand er das gemeinsam mit seinen Anhängern nicht, aber es war das Ende. Der Tag seiner Amtseinführung war das Ende. Aber nach diesem Ende muss etwas kommen. Nach diesem Ende muss entweder der Platz eines Menschen kommen, der den Staat verteidigt hat, oder der Platz eines Menschen, der den Staat verloren hat. Einem Menschen, der den Staat verloren hat, wird man alles vorhalten. Einem Menschen, der den Staat verteidigt hat, wird man vieles vergessen, und dann gibt es eben eine Zelensky-Stiftung, Vorträge, wenn er welche halten möchte, Interviews, die er geben möchte, Erzählungen über irgendwelche Momente. Ja, vielleicht wird es irgendwelche Gerichtsverfahren geben, bei denen er auftreten wird, aber als Zeuge. Ja, dieses Umfeld wird er nicht mehr haben, denn die überwältigende Mehrheit dieses Umfelds wird im Gefängnis sitzen, aber es wird ein anderes Umfeld von Menschen geben, die ihn als historische Persönlichkeit betrachten werden. Man muss sich mit dieser Rolle einer historischen Persönlichkeit abfinden. Und man muss verstehen, dass man diese Rolle als historische Persönlichkeit nur durch den Erhalt der Ukraine und der ukrainischen Nation erreichen kann.

Niemand sonst braucht diese historische Persönlichkeit. Im Westen braucht man ihn nicht, wenn er verliert. Der Westen mag keine Verlierer. Eduard Beneš, das Präsidentchen der Tschechoslowakei, der nach dem Verlust des Sudetenlandes zurücktrat – wer brauchte ihn noch, als er ins Exil nach London ging? Niemand. Man erinnerte sich an ihn erst, als der Zweite Weltkrieg begann und es notwendig wurde, dass die Institutionen des von Hitler zerstörten tschechoslowakischen Staates in der neuen Konfrontation wieder irgendeine Geltung erhielten, als die Alliierten verstanden, dass sie auch die tschechoslowakische Staatlichkeit wiederherstellen mussten. Aber jeder, der Führer eines Staates im Exil ist, weiß, wie viel Aufmerksamkeit ihm in der übrigen Welt und seiner historischen Rolle im früheren Funktionieren des Staates geschenkt wird. Da hilft auch kein, sagen wir, Militäranzug.

Noch 2022, als der Präsident diese Feldjacke zu tragen begann, sah ich irgendeinen Bericht über die Westsahara und begriff plötzlich, dass der Präsident der Demokratischen Arabischen Republik Sahara, die weiterhin auf einem schmalen Streifen zwischen dem von marokkanischen Truppen besetzten Territorium der Westsahara und Algerien existiert, seit 1975 eine Militärjacke trägt. Nun, die Präsidenten haben sich in diesen 50 Jahren geändert. Aber sie tragen alle Militäruniform, bei ihnen herrscht Krieg, und das Territorium haben sie nicht befreit. Was macht es für einen Unterschied, welchen Anzug du trägst, wenn du nichts erreichst? Verstehen Sie, es ist keine Geschichte über den Anzug, es ist eine Geschichte über reale Möglichkeiten und Errungenschaften.

Gerade deshalb bin ich der Ansicht, dass wir mit dem Präsidenten in einem Boot sitzen müssen, weil er am eigenen Überleben als historische Persönlichkeit interessiert sein muss. Nicht an der Macht – die Macht wird es nicht mehr geben. Wir aber sind am Erhalt des Staates und der Nation interessiert. Deshalb sind wir, die Staatsdenker, und der Präsident, der vielleicht an die Macht gekommen ist, ohne überhaupt zu verstehen, was staatspolitische Prioritäten sind, Verbündete. Und nun erinnern wir, die Menschen, die seit 2019 über die Unvollkommenheit und Korruptheit dieses Regimes sprechen, Zelenskys Anhänger daran, dass man die Legitimität des Staates bewahren muss, während sie unter seinen Fenstern herumlaufen – ich meine nicht die Proteste mit Pappschildern, ich sage das bildlich – und über Amtsenthebung, Wahlen und all das sprechen, was aus rechtlicher Sicht nicht geschehen kann. Man kann kein Amtsenthebungsverfahren durchführen und keine Wahlen abhalten, zumindest solange dieser endlose Krieg andauert. Das ist die Situation, in der wir uns befinden.

Die erste Aufgabe besteht also darin, vom Niveau mafiöser Korruption auf das Niveau eines korrupten Staates zurückzufallen. Schon das wäre gut. Die politische Eigenständigkeit von Parlament und Regierung wiederherzustellen, also dass die Abgeordneten sich daran erinnern, dass sie Bürger sind. Schon das wäre gut. Eine Personalpolitik nicht nach Loyalität und Zufall, sondern nach Zweckmäßigkeit, Professionalität, Konsultationen und Runden Tischen zu betreiben. Der ehemalige Ministerpräsident der Ukraine Arseniy Yatsenyuk hat bei einem der letzten Runden Tische dieser Art übrigens einen durchaus interessanten Vorschlag gemacht: Vertreter verschiedener politischer Kräfte in den Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat aufzunehmen. Nun, darin liegt eine gewisse Logik. Wenn der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat und nicht die Regierung zusammen mit dem Präsidentenoffice das Politbüro ist, dann kann man dieses Politbüro mit realen Möglichkeiten verschiedener politischer Vertreter etwas auflockern, die Professionalität hineinbringen würden. Ich würde nur meinen, dass in ein solches Politbüro keine Vertreter prorussischer politischer Kräfte gehören sollten, sondern, sagen wir, staatstragende Kräfte. Ich bin bereit, in dieser Situation auch das Projekt Diener des Volkes trotz seines phantomhaften Charakters zu diesen staatstragenden Kräften zu zählen, auch wenn eine große Zahl seiner Führer in nächster Zeit in der einen oder anderen Form Gegenstand von NABU-Ermittlungen werden wird, das verstehen wir bereits. Alles ist sehr einfach. Man darf nicht glauben, politische Mechanismen könnten während des Krieges nicht erneuert werden. Dafür braucht es politischen Willen. Und dafür darf man die Augen vor der Realität nicht verschließen. Das ist alles.

Ich beantworte einige Fragen.

Frage. Glauben Sie nicht, dass Dilettantismus in der heutigen Welt zu jener schrecklichen Tragödie wird, die sich sowohl bei uns als auch in den Vereinigten Staaten zusammenbraut?

Portnikov. Warum nur bei uns und in den Vereinigten Staaten? In vielen Ländern der Welt wird Dilettantismus zur treibenden Kraft der gesellschaftlichen Degradation und wird bereits in den kommenden Jahrzehnten zu zahlreichen Todesfällen und Katastrophen führen. Das ist normal, weil die Welt auf neue Informationstechnologien übergeht. Immer wenn die Welt auf neue Informationstechnologien überging, von der Zeit, als Papyrus den Stein ersetzte, bis zu der Zeit, als das Internet das Fernsehen ersetzte, gab es Kataklysmen, weil es der Menschheit sehr schwerfällt, sich an neue Informationstechnologien anzupassen. Und Sie sehen, dass sich neue Informationstechnologien in unserer Zeit so schnell verändern, dass die Menschheit schlicht nicht hinterherkommt. Gestern gab es noch Suchmaschinen, heute schon künstliche Intelligenz, und übermorgen kann es etwas völlig Neues geben.

Aber Kataklysmen mit gewaltigen Tragödien und Todesfällen führen immer dazu, dass sich die Menschheit anpasst und eine Zeit lang unter den neuen Bedingungen wieder normal funktioniert. Wenn Sie in der Epoche der Großen Französischen Revolution gelebt hätten, hätten Sie gesehen, wie das Blut in Strömen floss, und das war ein Ergebnis der Erfindung der Gutenberg-Presse und dessen, dass breite Volksmassen die Möglichkeit bekamen, sich, sagen wir, mit neuen modernen Ideen vertraut zu machen, die sie auf ihre eigene Weise interpretierten. Natürlich versteht ein Mensch eine philosophische Idee sehr oft ganz anders als ein Philosoph.

Und jetzt wird es genauso sein. Machen Sie sich keine Sorgen. Die Geschichte ist unerbittlich, aber gerecht. In 20 oder 30 Jahren wird sich die Menschheit nach all diesen Opfern, Katastrophen und all dem gewaltigen erlittenen Leid – Sie können sich gar nicht vorstellen, welches Ausmaß all das in der Welt annehmen kann – angepasst haben, und es wird wieder normales Leben geben, noch dazu auf einem viel höheren technologischen Niveau als heute und als früher. Wir sind einfach in diesen Wendepunkt geraten. Nun, auch die Menschen, denen auf der Guillotine die Köpfe abgeschlagen wurden, wollten die Guillotine sicher nicht sehen. Guillotine eben, was soll man machen? Wir befinden uns auf dieser Guillotine, wir müssen kämpfen, überleben und die Zukunft näherbringen. Es ist nicht so schlimm, wie Sie denken.

Frage. Wie sollte die Strategie der Ukraine in den kommenden Jahrzehnten aussehen, wenn im wahrscheinlichsten Szenario ein Beitritt zur EU und zur NATO in den nächsten 40 Jahren unmöglich ist?

Portnikov. Wenn die Ukraine in den kommenden 40 Jahren weder der EU noch der NATO beitritt, wird sie zwangsläufig Teil Russlands oder der russischen Welt. Das ist ein unvermeidlicher Prozess, und das muss man klar verstehen. Unser Weg führt dann nach Moskau, weil in der Welt die Phase der Atomisierung zu Ende geht und man wirtschaftliche Stabilität und militärische Sicherheit nur in großen Bündnissen und Blöcken finden kann. Wenn der Westen die Ukraine also nicht aufnimmt, wird sie gezwungen sein, Wege zu einer Verständigung mit der Russischen Föderation zu suchen, bis hin zur Eingliederung ihres Territoriums in Russland.

Wenn wir das nicht wollen, müssen wir verstehen, dass wir der Europäischen Union beitreten müssen, zumindest – ich weiß nicht, wie es mit der NATO sein wird – und uns in den nächsten, nicht einmal 40 Jahren, denn diese 40 Jahre haben wir nicht, sondern in den nächsten, sagen wir, zehn Jahren nach dem Ende der aktiven Phase der Kampfhandlungen und dem Übergang des militärischen Konflikts zwischen Russland und der Ukraine in eine, ich würde sagen, abgeschwächte Form des Kampfes ein eigenes System militärischer Sicherheitsgarantien schaffen müssen. Das ist alles.

Wenn Sie also von 40 Jahren ohne EU und NATO sprechen, bedeutet das 40 Jahre als Teil Russlands. Es gibt keine Alternative, es wird keinen Pufferstaat geben. Vergessen Sie das alles. Wenn der Westen uns nicht braucht, dann sind wir Teil des Ostens, Teil Chinas. Und China wird uns klare Bedingungen stellen: Wenn wir Garantien wirtschaftlicher Sicherheit wollen, wenn wir nicht in den Westen gehen, dann müssen wir gute Beziehungen zur Russischen Föderation wiederherstellen und allen Bedingungen des Zusammenlebens mit ihr zustimmen, denn Russland ist ein chinesischer Satellit. Das ist alles: entweder zurück in den „Heimathafen“ oder in die zivilisierte Welt. Die Strategie ist einfach. Entweder wir verstehen, dass wir nach Westen gehen, oder wir akzeptieren, dass es keine Ukrainer mehr geben wird und hier Russen unter dem russischen Schutzschirm von Sicherheit und wirtschaftlicher Stabilität leben werden.

Frage. Werden wir noch die Zeit erleben, in der die Ukraine eine echte parlamentarisch-präsidentielle Republik wird?

Portnikov. Das ist sehr einfach. Der Gewinner der Präsidentschaftswahlen in der Ukraine darf bei den Parlamentswahlen nicht alles bekommen, und die Menschen müssen etwas Verstand im Kopf haben. So war es doch 2014. Es braucht Koalitionsregierungen, es braucht Verständigung. Was ist daran überhaupt so schwierig? Warum sollten wir das nicht erleben können? Warum war das 2014 möglich und soll heute unmöglich sein? Wir durchleben einfach einen Abschnitt des politischen Lebens, der zwangsläufig enden wird.

Frage. Wie realistisch ist es, dass Präsident Zelensky eine direkte Präsidialherrschaft in der Ukraine einführt?

Portnikov. Wir haben doch bereits eine direkte Präsidialherrschaft in der Ukraine. Warum sollte man sie noch einführen? In den Händen des Staatsoberhaupts liegt die gesamte Machtfülle. Die Einzigen, die ihm nicht unterstehen, sind die Antikorruptionsstrukturen. Wenn er sie sich unterwerfen will, kann er die westliche finanzielle Unterstützung verlieren, und dann wird die Ukraine den Krieg schneller verlieren, als Sie denken. Das ist alles. Welche weitere direkte oder indirekte Präsidialherrschaft brauchen wir noch, wenn der Präsident die Abgeordneten, Minister und regionalen Führungskräfte steuert? Mir scheint, bei uns ist ohnehin alles vollkommen direkt und offensichtlich.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Зеленський і «Форест Гамп»: наслідки |
Віталій Портников. 21.08.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 21.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Trump und Musk verraten die Ukraine | Vitaly Portnikov. 21.08.2026.

Der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump und der exzentrische Milliardär Elon Musk haben es nicht eilig, der Ukraine bei der Abwehr ballistischer Angriffe der Russischen Föderation zu helfen. Weder gibt es neue Raketen für die Patriot-Batterien, die nach Angaben internationaler Medien während der verheerendsten Angriffe der Russischen Föderation ungenutzt bleiben, noch die Erlaubnis, Starlink für Angriffe auf Abschussvorrichtungen ballistischer Raketen einzusetzen.

Während seines letzten Besuchs in den Vereinigten Staaten schlug der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky vor, den Einsatzbereich von Starlink so zu erweitern, dass die Ukraine die Möglichkeit erhält, Abschussvorrichtungen der Russischen Föderation im Moment des Starts ballistischer Raketen anzugreifen. Dafür müsste Donald Trump mit Elon Musk sprechen, der eine solche Entscheidung offensichtlich nicht ohne Zustimmung des Weißen Hauses treffen wird und auch selbst keine Eile zeigt, einem solchen Plan zuzustimmen.

Doch der Präsident der Vereinigten Staaten billigte Zelenskys Vorschlag nicht. Und das, obwohl daran erinnert werden muss, dass sowohl die Lieferung zusätzlicher Raketen für die Patriot-Batterien als auch die Ausweitung der Starlink-Dienste keineswegs kostenlos wären und kein Geschenk darstellen würden.

Doch offenbar sind weder Trump noch Musk an solchen Einnahmen interessiert. Das erinnert einmal mehr daran, dass sich alle Vorstellungen, wonach der Präsident der Vereinigten Staaten und der Eigentümer des Unternehmens SpaceX ausschließlich in finanziellen Kategorien denken, als unbegründet erweisen, wenn es um ihre Kontakte mit dem Kreml oder Peking geht.

Allerdings könnte Trumps Ablehnung ukrainischer Angriffe auf Abschussvorrichtungen ballistischer Raketen weniger mit ideologischen Präferenzen und Sympathien für Diktatoren zusammenhängen als vielmehr mit dem Verständnis des Präsidenten der Vereinigten Staaten für die einfache Tatsache, dass Amerika nach dem Krieg mit Iran einen großen Teil jener früheren Stärke eingebüßt hat, die es Washington erlaubte, in jeder militärischen Konfrontation mit einem Erfolg zu rechnen.

Donald Trumps tragischer Fehler hat zur Erschöpfung der Vorräte an einigen der für die Vereinigten Staaten wichtigsten Waffentypen geführt. Dazu gehören Raketen für die Patriot-Batterien und die THAAD-Raketenabwehrsysteme, deren Bestände während der Konfrontation mit Iran ebenfalls aufgebraucht wurden. Dazu gehören auch Tomahawk-Raketen und eine ganze Reihe weiterer Waffen.

Militäranalysten sprechen sogar davon, dass den Vereinigten Staaten derzeit nicht mehr als 800 Raketen für die Patriot-Batterien verblieben seien und dass die Produktion neuer Raketen zwar gesteigert werde, jedoch keineswegs in dem Tempo, auf das man in Washington hoffen könnte. Eine tatsächliche Steigerung der Produktion von Abfangraketen kann Jahre dauern, während den Vereinigten Staaten feindlich gesinnte Regime ihre Produktion ballistischer Raketen in einem noch höheren Tempo steigern. Und nun liegen uns bereits Informationen darüber vor, dass Nordkorea sich darauf vorbereitet, der Russischen Föderation eigene ballistische Raketen zu liefern, deren Sprengkraft fünfmal so hoch ist wie die der russischen ballistischen Iskander-Raketen.

Die Realität erweist sich für den amerikanischen Präsidenten also als ziemlich schwierig. Es ist völlig unklar, ob die Vereinigten Staaten ihre Verbündeten schützen können, wenn sie es gleichzeitig mit mehreren Konflikten zu tun bekommen. Und die möglichen Konfliktzonen drängen sich geradezu von selbst auf.

  • Da ist der Krieg Russlands gegen die Ukraine, den Präsident Wladimir Putin nicht zu beenden gedenkt.
  • Da ist eine mögliche Fortsetzung des Krieges im Nahen Osten.

Die Trump-Regierung versucht alles Mögliche zu tun, um eine neue Runde der Konfrontation zu vermeiden, und begründet diese Angst mit Wirtschaftssanktionen gegen Iran, die angeblich Wirkung zeigen sollen. Und das, obwohl die Islamische Republik bereits seit Jahrzehnten unter verheerenden Sanktionen der gesamten zivilisierten Welt steht und sogar Sanktionen des UN-Sicherheitsrates unterlag, was Iran nicht daran hindert, modernste Waffen zu produzieren.

  • Hinzu kommt die Möglichkeit eines Konflikts auf der koreanischen Halbinsel.

Denn Kim Jong-un schickt seine Soldaten keineswegs zufällig an die Front des russischen Krieges gegen die Ukraine und ist bereit, an dieser Front seine neuen ballistischen Raketen zu erproben.

  • Und schließlich könnten wir, wenn China einen Krieg gegen Taiwan beginnt, im Grunde in eine Situation geraten, in der sowohl Südkorea als auch Taiwan ohne den Schutz der amerikanischen Militärmacht dastehen und gezwungen sein werden, den Gegner aus eigener Kraft zu bekämpfen.

Und natürlich würde dies die Welt einmal mehr daran erinnern, dass die Rolle der Vereinigten Staaten als Supermacht gerade während Donald Trumps Amtszeit im Oval Office endgültig zu Ende gegangen ist. Auf die Vereinigten Staaten als eine Art Schutzschirm kann man dann nicht mehr zählen. Und in einer Situation, in der es um einen Konflikt geht, an dem Atommächte beteiligt sind, beispielsweise die Russische Föderation, die Volksrepublik China oder die Demokratische Volksrepublik Korea, erweist sich natürlich auch der nukleare Schutzschirm der Vereinigten Staaten als löchrig, denn der amerikanischen Nuklearmacht steht die Nuklearmacht der Staaten der totalitären Welt gegenüber.

Donald Trump kann lediglich so tun, als sei er ein Mensch, der das ganze Ausmaß der Katastrophe nicht begreift, die nach dem jüngsten Konflikt im Nahen Osten eingetreten ist. Er kann, einfach gesagt, auf Zeit spielen, um zumindest einen Teil der amerikanischen Ressourcen wiederherzustellen und wieder die Möglichkeit zu haben, mit der übrigen Welt aus einer Position der Stärke zu sprechen, ohne befürchten zu müssen, dass diese Position durch den nächsten Konflikt erneut widerlegt wird.

Und deshalb müssen jene Länder, die sich heute im Strudel von Prüfungen befinden, die ihre Sicherheit betreffen, mit der hartnäckigen Weigerung des amerikanischen Präsidenten und seines Umfelds rechnen, ihnen auf eine Weise zu helfen, die tatsächlich dazu beitragen würde, russische und andere Angriffe abzuwehren.

  • Deshalb verweigert Donald Trump der Ukraine Raketen für Patriot und sogar Starlink-Systeme, weil er befürchtet, damit den Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin zu verärgern.
  • Deshalb reduziert Donald Trump die Beteiligung amerikanischer Soldaten an Militärübungen auf der koreanischen Halbinsel, weil er befürchtet, dass eine solche Beteiligung den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un verärgern könnte.
  • Deshalb setzt er in der Konfrontation mit Iran auf Wirtschaftssanktionen, um Angriffe der Islamischen Republik auf amerikanische Militärstützpunkte in der Region und auf strategische Einrichtungen der Verbündeten der Vereinigten Staaten zu vermeiden.
  • Deshalb könnte er äußerst vorsichtig agieren, falls die Volksrepublik China eigene militärische Operationen beginnt, beispielsweise gegen Taiwan oder gegen die Philippinen.

Das alles ist durchaus logisch und zugleich äußerst tragisch, weil es vorhersehbar ist. Denn jedes politische Fehlverständnis, das auf dem Glauben an die eigenen Kräfte beruht, ohne zu überprüfen, wie diese eigenen Kräfte in der heutigen Welt tatsächlich funktionieren können, endet stets in einem solchen Fiasko.

Wenn dies für Donald Trump lediglich Reputationsverluste und eine mögliche Niederlage der Republikaner bei den Zwischenwahlen zum Kongress bedeutet, dann ist es für die Menschen in der Ukraine, die täglich den Angriffen der Russischen Föderation ausgesetzt sind und unter den Trümmern ihrer eigenen Häuser sterben, eine ganz reale Tragödie demonstrativ zur Schau gestellten Dilettantismus.


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Titel des Originals: Трамп и Маск предают Украину | Виталий Портников. 21.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 21.08.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Der „Träumer“ Fedorov und die Realität des ukrainischen politischen Systems. Kolumne von Vitaly Portnikov. 19.08.2026.


Demonstration während einer Sitzung der Werchowna Rada. 19. August 2026. Foto: Tatjana Dschafarowa / AFP / East News

«Мечтатель» Фёдоров и реальность украинской политической системы. Колонка Виталия Портникова. 19.08.2026.

Die mehrtägigen Proteste, deren Teilnehmer die Rückkehr von Mykhailo Fedorov auf den Posten des Verteidigungsministers forderten, endeten mit einer Abstimmung im Parlament, bei der General Yevhen Khmara als neuer Leiter des Verteidigungsressorts bestätigt wurde – er hatte nach dem Rücktritt der Regierung von Yulia Svyrydenko das Amt des Verteidigungsministers kommissarisch ausgeübt.

Ich weiß nicht, inwieweit Fedorov tatsächlich auf seine Rückkehr hoffte, doch der Tag, an dem Präsident Volodymyr Zelensky der Werchowna Rada Khmaras Kandidatur vorlegte, wurde für den zurückgetretenen Minister zu einer Art Rubikon. Fedorov richtete einen neuen YouTube-Kanal ein und wandte sich an seine Landsleute mit dem Aufruf, gegen Korruption zu kämpfen und über die Durchführung neuer Wahlen nachzudenken – trotz des Krieges.

In der Ukraine vergleichen viele Beobachter diese Ansprache Fedorovs mit der damaligen Neujahrsansprache des Showmans Volodymyr Zelensky – als Zelensky im Programm des damals dem berüchtigten Oligarchen Ihor Kolomoyskyi gehörenden Fernsehsenders „1+1“ zu seinen Landsleuten sprach, während alle anderen Fernsehsender die Ansprache des damaligen Präsidenten Petro Poroshenko übertrugen. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass Zelensky im Bewusstsein des Durchschnittsbürgers weder mit Poroshenko noch mit den revolutionären Ereignissen von 2013–2014 in Verbindung gebracht wurde, die mit neuen Präsidentschaftswahlen endeten. Und eine Konfrontation mit Poroshenko fürchtete der künftige Präsident keineswegs. Fedorov hingegen vermeidet es in seinen Ansprachen und Interviews sorgfältig, Zelensky zu erwähnen – und auch diesmal sprach er erneut über die Mängel des Systems, ohne zu erwähnen, dass das gesamte System der Staatsführung auf die Person Volodymyr Zelenskys ausgerichtet ist.

Das von Fedorov angesprochene Thema der Wahlen verdient eine gesonderte Betrachtung, da es mit dem wachsenden Wunsch vieler Ukrainer nach einer Erneuerung der Staatsführung zusammenhängt. Die Frage ist, wie diese Erneuerung erreicht werden kann. Der ehemalige Minister sagt seinen Landsleuten, dass der russische Staatschef Wladimir Putin nicht darüber bestimmen werde, wann in der Ukraine Wahlen stattfinden. Doch über die Frage der Wahlen entscheidet nicht Putin, sondern der von Putin entfesselte Krieg. Putin selbst würde offensichtlich gerade zu den Nutznießern von Wahlen während des Krieges gehören wollen. Der Wahlkampf könnte zur Destabilisierung der gesellschaftlichen Stimmung in der Ukraine beitragen, und die Wahlen selbst könnten anschließend in Moskau für illegitim erklärt werden – Begründungen für ein solches Vorgehen würden sich mit Sicherheit finden. Schließlich verstehen wir sehr gut, dass kein Wahlprozess unter Bomben völlig reibungslos ablaufen könnte.

Doch selbst wenn man Putins Interesse außer Acht lässt, bleibt die Frage, wie eine Abstimmung während des Krieges tatsächlich durchgeführt werden kann. Parlamentswahlen während des Krieges können ohne entsprechende Änderungen der ukrainischen Verfassung nicht abgehalten werden, zu denen das amtierende Parlament schlicht nicht in der Lage ist. Präsidentschaftswahlen könnten theoretisch durchgeführt werden, aber auch dafür wären Gesetzesänderungen erforderlich, für die die Abgeordneten der präsidententreuen Mehrheit schlicht nicht stimmen würden. Doch selbst wenn man annimmt, dass sie dafür stimmen, die Wahlen stattfinden und nicht Zelensky zum neuen Präsidenten gewählt wird, würde sich das nächste Staatsoberhaupt zwangsläufig in einer Situation der Konfrontation mit dem alten Parlament wiederfinden, in dem es keinen einzigen Unterstützer hätte. Und dann müssten sich die Ukrainer daran erinnern, dass ihr Land eine parlamentarisch-präsidentielle Republik ist. Jetzt, da im Parlament die Mehrheit aus Kandidaten des Präsidenten besteht, sind die Werchowna Rada – und mit ihr die Regierung – ihrer politischen Eigenständigkeit beraubt, und die gesamte Macht im Land ist im Präsidentenbüro konzentriert. Gibt es keine parlamentarische Mehrheit, gibt es auch keine präsidentielle Alleinherrschaft.

Doch die Tatsache, dass Wahlen praktisch unmöglich durchzuführen sind, beseitigt nicht die Frage nach der Notwendigkeit einer Erneuerung der Staatsführung vor dem Hintergrund anhaltender Korruptionsskandale und eines zunehmenden – wenn auch bislang keineswegs kritischen – Misstrauens gegenüber dem Präsidenten selbst und seinem engsten Umfeld. Immer mehr Ukrainer, die sich nach 2019 infolge der Wahl eines „einfachen Kerls“ zum Staatsoberhaupt in einem politischen lethargischen Schlaf befanden, eines Mannes, der in seinen Ansätzen die „volkstümlichen“ Vorstellungen von der Lösung existenzieller Probleme verkörperte und sich gemeinsam mit seinen Wählern weigerte, über die strategischen Probleme des Landes nachzudenken, stellen sich die Frage, inwieweit die Staatsführung den gestellten Aufgaben gewachsen ist. Und wie lässt sich ohne Wahlen der Glaube dieser Menschen an die Effizienz staatlicher Institutionen wiederherstellen?

Man kann natürlich davon ausgehen, dass wir uns in einer Sackgasse befinden. Wahlen gibt es nicht und wird es nicht geben, das Vertrauen nimmt ab, der Krieg geht weiter – ohne irgendeine reale Aussicht auch nur auf einen Waffenstillstand, geschweige denn auf eine langfristige Beendigung der Kampfhandlungen. Doch in Wirklichkeit lautet die Antwort auf alle Fragen: das Vorhandensein politischen Willens.

Ich habe in diesem Text bereits daran erinnert, dass die Ukraine eine parlamentarisch-präsidentielle Republik ist. Und wenn bei den Parlamentariern der Wunsch aufkäme, der Werchowna Rada ihre politische Eigenständigkeit zurückzugeben, könnten keine Manager aus dem Präsidentenbüro sie daran hindern. Und ein großer Teil der Fehler, die bereits begangen wurden, wäre schlicht nicht entstanden – Zelensky begeht diese Fehler gerade deshalb, weil er sich fremde Befugnisse aneignet! Er hat weder das Recht noch die Pflicht, Ministerpräsidenten und Minister zu entlassen oder zu ernennen – mit Ausnahme der Außen- und Verteidigungsminister, deren Kandidaturen gerade er der Rada vorlegen muss –, Regierungen zu entlassen … Selbst den Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine kann der Präsident nur auf Vorschlag des Verteidigungsministers ernennen – und ein Minister wird ohne Zustimmung des Parlaments niemals Minister. Somit können die Abgeordneten jede Kandidatur blockieren, die ihnen nicht zusagt.

Wenn sich die Abgeordneten der Regierungspartei daran erinnern würden, dass sie Bürger sind, und außerdem erkennen würden, dass sie immerhin Politiker und keine Instrumente zur Erfüllung präsidentieller Wünsche sind, ließen sich die Degradation der ukrainischen Staatsführung und der Vertrauensverlust in sie aufhalten. Doch der größte Teil der Menschen, die 2019 für die „Diener des Volkes“ ins Parlament gewählt wurden, verfügt schlicht nicht über das persönliche, moralische und professionelle Potenzial für eine solche Entwicklung. Daher bleibt den Bürgern wohl nur, den guten Wünschen Mykhailo Fedorovs Gehör zu schenken.


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Titel des Originals: «Мечтатель» Фёдоров и реальность украинской политической системы. Колонка Виталия Портникова. 19.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 19.08.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Warum traf sich Aliyev mit Yushchenko? | Vitaly Portnikov. 20.08.2026.

Der Besuch des dritten Präsidenten der Ukraine, Viktor Yushchenko, in Baku und insbesondere sein Treffen mit dem Präsidenten Aserbaidschans, Ilham Aliyev, haben in den aserbaidschanischen Medien eine unerwartet große Resonanz ausgelöst.

Man könnte meinen, es handle sich um den Besuch eines Politikers, der seit nunmehr 16 Jahren keine hohen Staatsämter mehr bekleidet. Allerdings wurde Viktor Yushchenko erst vor Kurzem Vorsitzender des Aufsichtsrats des Museums des Holodomor-Genozids in Kyiv. Doch für die ukrainische und überhaupt für die gesamte postsowjetische Politik bleibt Viktor Yushchenko ein durchaus bedeutendes Symbol für die Rückkehr seines Landes zu einer bewussten Politik des nationalen Gedächtnisses und für den Bruch mit der sowjetischen Vorstellung von Geschichte.

Und übrigens betonte Viktor Yushchenko in seinem Interview mit aserbaidschanischen Journalisten gerade diese wichtige politische und historische Rolle und wies darauf hin, dass nun auch die Aserbaidschaner beginnen, ihre eigenen Helden zu ehren und die 26 Bakuer Kommissare zu vergessen.

Yushchenkos Bedeutung für die ukrainische Nationalgeschichte besteht gerade in der Abkehr vom sowjetischen Geschichtsmythos. Dieser Prozess verlief durchaus schwierig. Bekanntlich wurde Viktor Yushchenkos Nachfolger im Amt des ukrainischen Präsidenten der prorussische Politiker Viktor Yanukovych, der versuchte, sowjetische historische und politische Narrative in das Leben seiner Landsleute zurückzubringen – glücklicherweise ohne Erfolg.

Dennoch ist Yushchenkos Beitrag dazu, dass eine enorme Zahl von Ukrainern begriffen hat, dass die sowjetische Version der Geschichte und des nationalen Gedächtnisses keinerlei wirklichen Bezug weder zur Geschichte noch zum nationalen Gedächtnis hat, offensichtlich. Und wenn Ilham Aliyev sich mit einem Politiker trifft, der in der russischen Hauptstadt nach wie vor als einer der wichtigsten Gegner gerade des sowjetischen und postsowjetischen Geschichtsmythos, als einer der wichtigsten Gegner des Siegeskults und des Putin’schen Chauvinismus wahrgenommen wird, dann ist dies natürlich ein reales Signal an Moskau, dass auch Aserbaidschan aufhört, jene lediglich umbenannte ehemalige Sowjetrepublik zu sein, die zwar innerhalb eigener Staatsgrenzen existieren konnte, aber weiterhin an den zivilisatorischen Bindungen zur ehemaligen Metropole festhielt. Und dieses Signal ist wahrscheinlich nicht weniger stark und ernst zu nehmen als das jüngste Treffen der Präsidenten Aserbaidschans und der Ukraine, Ilham Aliyev und Volodymyr Zelensky.

Die Kontakte mit Zelensky sind eine politische Geste, die daran erinnert, dass man in Baku bereit ist, eine eigene Außenpolitik zu betreiben und sowohl mit Moskau als auch mit Kyiv Kontakte zu unterhalten – trotz des andauernden brutalen Krieges Russlands gegen die Ukraine und der offenkundigen Weigerung des russischen Diktators Wladimir Putin, die Kampfhandlungen einzustellen.

Der Austausch mit Yushchenko ist sowohl eine Würdigung der historischen Vergangenheit, in der Yushchenko als Präsident der Ukraine versuchte, im Rahmen geopolitischer Bündnisse Beziehungen zu Aserbaidschan aufzubauen, die darauf abzielten, eine Alternative zur Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und zur russischen Rolle im postsowjetischen Raum zu schaffen, als auch ein Hinweis darauf, dass die Vorstellungen des dritten ukrainischen Präsidenten vom historischen Gedächtnis dem amtierenden Präsidenten Aserbaidschans nahestehen könnten.

Natürlich dürfte Russland dies kaum gefallen. Für Moskau bleiben die ehemaligen Sowjetrepubliken nach wie vor Gebiete, in denen Putin weiterhin Einfluss beansprucht. Das Treffen Aliyevs mit Yushchenko und die Berichterstattung über den Besuch des dritten ukrainischen Präsidenten in der aserbaidschanischen Hauptstadt fügen sich jedoch durchaus in jene Maßnahmen gegen russische pseudokulturelle Einrichtungen wie das „Russische Haus“ und in die faktische Eindämmung der Tätigkeit russischer Agentennetzwerke in Aserbaidschan ein, die in den vergangenen Monaten ergriffen wurden.

Und es geht dabei nicht nur darum, dass Moskau seine Nachbarländer noch immer mit Verachtung behandelt. Es geht auch nicht nur darum, dass es den Verantwortlichen in Russland nicht einmal in den Sinn kam, sich für den Treffer eines russischen Luftabwehrsystems auf ein aserbaidschanisches Zivilflugzeug zu entschuldigen. Ich erinnere daran, dass man diesen Treffer anfangs nicht einmal eingestehen wollte.

Und es geht nicht nur darum, dass man in Russland beginnt, Aserbaidschaner demonstrativ wie Menschen zweiter oder sogar dritter Klasse zu behandeln. Selbst die Staatsbürgerschaft der Russischen Föderation schützt nicht vor dieser ethnischen Verfolgung in bester Tradition des russischen Staates.

Es geht gerade um das Ende der Wahrnehmung Aserbaidschans als eines Territoriums, das durch eine Art untrennbare Nabelschnur mit Russland verbunden sein müsse. Eine solche Nabelschnur hat es nie gegeben. Es gab politische, wirtschaftliche und kulturelle Gewalt, die sich gerade in einem Meer historischer Mythen ausdrückte, die dem aserbaidschanischen Volk aufgezwungen wurden, und natürlich in dem Bestreben, eine Falle zu schaffen, aus der sich keines der Völker des Südkaukasus befreien könnte.

Man kann nicht sagen, dass diese Falle endgültig beseitigt ist. Ein Teil des georgischen Territoriums steht noch immer unter russischer Kontrolle. Aserbaidschan und Armenien kommen nur unter erheblichen Schwierigkeiten zu einer Normalisierung ihrer Beziehungen und zur Öffnung der Handelswege in der Region.

Vieles wird auch von den Ergebnissen des russisch-ukrainischen Krieges abhängen, denn sollte Russland in diesem Krieg die Oberhand gewinnen, wird sich seine Führung zweifellos wieder an den Südkaukasus erinnern – und zwar nicht mehr so sehr unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlichen oder politischen Drucks, sondern im Hinblick auf einen möglichen Einsatz militärischer Gewalt.

Und dennoch schreitet der Prozess, in dem sich die ehemaligen Sowjetrepubliken aus jener Welt lösen, in der Moskau als Zentrum wahrgenommen wurde, in recht schnellem Tempo voran. Und der Besuch des dritten Präsidenten der Ukraine, Viktor Yushchenko, in der aserbaidschanischen Hauptstadt ebenso wie sein Austausch mit dem Präsidenten Aserbaidschans, Ilham Aliyev, ist ein durchaus gutes Symbol dafür, dass Russland einen solchen Prozess nicht mehr aufhalten kann – selbst wenn es versuchen sollte, die Bewohner der Länder des Südkaukasus nicht mit Worten, sondern mit Raketen und Drohnen einzuschüchtern.


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Titel des Originals: Warum traf sich Aliyev mit Yushchenko? | Vitaly Portnikov. 20.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 20.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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