Rubio entlarvt Putins Lüge über Anchorage | Vitaly Portnikov. 25.06.2026.

Der Außenminister der Vereinigten Staaten, Marco Rubio, hat die Behauptungen der russischen Führung widerlegt, wonach beim Treffen der Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation in Alaska irgendwelche Vereinbarungen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine erzielt worden seien.

Rubio erinnerte die Journalisten daran, dass der Präsident der Vereinigten Staaten lange Zeit nach Wegen gesucht habe, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden. In Alaska sei jedoch lediglich ein Vorschlag von Seiten der Vereinigten Staaten unterbreitet worden, den Russland ablehnte. Beim Treffen der Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation seien keinerlei Vereinbarungen erzielt worden.

Allerdings wissen wir das selbst sehr genau. Schließlich waren wir Zeugen des Treffens der Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation in Anchorage. Wir erinnern uns, mit welchem Enthusiasmus Donald Trump den Präsidenten der Russischen Föderation auf dem Flugplatz der Hauptstadt Alaskas empfing. Wir erinnern uns daran, dass die Präsidenten gemeinsam in einem einzigen Wagen zum Ort des Gipfels fuhren. Auch das war eine beispiellose Situation in den bilateralen Beziehungen.

Wir erinnern uns aber auch an etwas anderes. Das Treffen zwischen Donald Trump und Putin endete vorzeitig. Der Präsident der Vereinigten Staaten betonte auf der kurzen gemeinsamen Pressekonferenz mit dem russischen Staatschef, dass keinerlei Vereinbarungen erzielt werden konnten. Nicht nur das Treffen wurde vorzeitig beendet – auch das Abendessen, das bei der Vorbereitung des Gipfels zwischen Trump und Putin vorgesehen gewesen war, wurde abgesagt. Trump verabschiedete den russischen Präsidenten nicht einmal und flog sofort von Anchorage nach Washington zurück.

Präsident Putin blieb somit in Alaska faktisch ohne seine amerikanischen Gastgeber zurück. Sein Protokoll suchte nach Möglichkeiten, den Eindruck zu erwecken, Putin habe sich auf eine solche Entwicklung vorbereitet und über einen eigenen Plan für seinen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten verfügt. Auch das entsprach nicht der Wahrheit.

Was geschah danach? Bereits an Bord seines Flugzeugs wurde Donald Trump klar, dass nun praktisch alle Medien über sein Fiasko beim Treffen mit Putin sprechen würden. Und zwar nicht über das erste. Schließlich waren sämtliche vorherigen Treffen des amerikanischen und des russischen Präsidenten während Donald Trumps erster Amtszeit im Weißen Haus mit genau solchen Kommentaren von Journalisten und Beobachtern zu Ende gegangen.

Trump begann sofort gegenzusteuern. Er sprach davon, es sei ein sehr gutes Treffen gewesen, konkretisierte jedoch nicht, was daran eigentlich gut gewesen sei und worüber er sich mit Putin geeinigt habe, nachdem er selbst unmittelbar nach dem Gipfel betont hatte, dass keinerlei Vereinbarungen erzielt worden seien.

Die Russen griffen diesen offensichtlichen Wunsch des amerikanischen Präsidenten auf, Wunschdenken als Realität auszugeben und die Wirklichkeit zu verfälschen. Genau darauf gründeten sie ihre Mythologie vom sogenannten „Geist von Anchorage“.

Was ist überhaupt ein „Geist“ in den internationalen Beziehungen? In den internationalen Beziehungen gibt es konkrete Vereinbarungen, Punkte und Vorschläge, die von beiden Seiten abgestimmt werden. So geschieht es übrigens derzeit zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran. Wenn es keinerlei konkrete Vereinbarungen gibt, kann sie kein noch so großer „Geist“ ersetzen.

Trump wollte diese Behauptungen der russischen Führung jedoch nicht allzu energisch widerlegen. Denn andernfalls hätte er sein unbestreitbares Fiasko bei den Verhandlungen mit dem russischen Präsidenten eingestehen müssen, hätte zugeben müssen, dass Putin ihn benutzt hatte, dass Trump dem russischen Präsidenten geholfen hatte, aus der internationalen Isolation herauszukommen, während dieser nicht einmal daran dachte, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden. Aus dieser Geschichte ging dann der sogenannte Verhandlungsprozess zwischen Russland und der Ukraine unter Vermittlung der Vereinigten Staaten hervor.

Trump konnte hoffen, dass die Verhandlungen über die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges oder zumindest über eine Waffenruhe an der russisch-ukrainischen Front nun schnell und erfolgreich verlaufen würden, nachdem Putin selbst vom Geist von Anchorage sprach. Putin hingegen hatte selbstverständlich vor, Zeit zu gewinnen – möglicherweise bis zum Ende der Amtszeit des amtierenden amerikanischen Präsidenten –, um sich anschließend damit zu befassen, wie er mit dessen Nachfolger umgehen würde. Mit anderen Worten: genauso zu handeln, wie er bereits gegenüber Barack Obama, Joseph Biden und auch Donald Trump während dessen erster Amtszeit im Oval Office gehandelt hatte. An eine solche Entwicklung der Ereignisse ist Putin gewissermaßen gewöhnt.

Als Trump erkannte, dass Putin nicht einmal daran dachte, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden, und sich nach Beginn des Krieges der Vereinigten Staaten gegen den Iran nicht einmal mehr für die russisch-ukrainischen Verhandlungen interessierte, weil er davon ausging, dass die Amerikaner nun weit weniger Möglichkeiten hätten, Druck auf ihn hinsichtlich einer Fortsetzung des Verhandlungsprozesses auszuüben, änderte er, wie wir sehen, seine Haltung – weniger gegenüber dem russischen Präsidenten als vielmehr gegenüber dem, was zwischen Russland und der Ukraine geschieht.

Ein gewisser Beleg dafür war der Beitritt des amerikanischen Präsidenten zur gemeinsamen Erklärung der G7, in der die Unterstützung unseres Landes im Kampf gegen die russische Aggression bekräftigt wird. Ich erinnere daran, dass Trump im vergangenen Jahr während des G7-Gipfels nicht einmal das Ende dieses hochrangigen Treffens abgewartet und sich der gemeinsamen Abschlusserklärung nicht angeschlossen hatte.

Daran, dass die Amerikaner auf den Tagungen der Generalversammlung der Vereinten Nationen konsequent für russische Resolutionen zum russisch-ukrainischen Krieg gestimmt haben, möchte ich gar nicht erst erinnern. Wozu an eine Schande erinnern?

Jetzt wird darüber gesprochen, dass auch auf dem NATO-Gipfel in Ankara, ebenfalls in Anwesenheit Donald Trumps, eine Resolution über die Fortsetzung der Unterstützung für die Ukraine verabschiedet werden könnte. Das Nordatlantische Bündnis könnte unserem Staat bis zu 70 Milliarden Dollar Militärhilfe bereitstellen – möglicherweise ohne Beteiligung der Vereinigten Staaten, aber auch ohne deren Widerspruch gegen diese Absichten der NATO-Verbündeten.

Und natürlich kann Marco Rubio in einer solchen Situation, der, wie wir verstehen, vom ersten Tag an wusste, dass es in Anchorage keinerlei Vereinbarungen gegeben hatte, das sagen, was ohnehin alle wissen: Auf dem Gipfel in Alaska haben sich Trump und Putin auf nichts geeinigt. Wenn Putin, Lawrow, Uschakow, Peskow und andere russische Funktionäre uns von irgendwelchen Vereinbarungen erzählen, die von den Vereinigten Staaten angeblich gebrochen worden seien, und behaupten, der Geist von Anchorage sei irgendwo verschwunden, dann lügen sie schlichtweg.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Рубіо викрив брехню Путіна про Анкоридж | Віталій Портников. 25.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 25.06.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Trump ermutigt Zelensky zu mehr Entschlossenheit | Vitaly Portnikov | 23.06.2026.

Nach Angaben von Quellen der Zeitung Kyiv Independent riet der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, seinem ukrainischen Kollegen Volodymyr Zelensky während ihres jüngsten Treffens am Rande des G7-Gipfels in Évian, gegenüber Putin entschlossener zu handeln, um den russischen Präsidenten an den Verhandlungstisch zu zwingen.

Beobachter deuten diese Worte Donald Trumps als Eingeständnis der Tatsache, dass der russische Präsident nicht freiwillig an echten Verhandlungen teilnehmen wird. Dies kann als Korrektur der außenpolitischen Position des amerikanischen Präsidenten betrachtet werden, der vom ersten Tag seiner Amtszeit an gehofft hatte, die Präsidenten der Russischen Föderation und der Ukraine zu einer Vereinbarung über die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges zu bewegen, und dies wiederholt öffentlich erklärte.

Natürlich kann man die Frage stellen, warum Trump seine Sicht der Lage gerade jetzt geändert hat. Denn wir haben gesehen, dass Putin alle Initiativen des amerikanischen Präsidenten ständig und konsequent zurückgewiesen hat. Schon in seinem ersten Telefongespräch mit seinem russischen Amtskollegen betonte Trump, dass Russland und die Ukraine einem Waffenstillstand zustimmen und von dieser Position aus über Frieden zwischen den beiden verfeindeten Staaten verhandeln müssten.

Putin stimmte diesem Vorschlag nicht zu. Daraufhin änderte Trump sogar seine Vorstellung eines bedingungslosen Waffenstillstands zwischen Russland und der Ukraine zugunsten eines Modells, das der Russischen Föderation ermöglichen sollte, Bedingungen für einen Waffenstillstand zu stellen. Doch auch das stellte den russischen Präsidenten nicht zufrieden.

Später kam es zu dem berühmten Treffen in Anchorage, das sowohl für den amerikanischen als auch für den russischen Präsidenten mit einem Fiasko endete. Nach dem Treffen erklärte der Präsident der Vereinigten Staaten klar, dass es ihm nicht gelungen sei, Vereinbarungen mit Putin zu erzielen. Doch bereits auf dem Weg von Anchorage nach Washington sah er sich gezwungen, seine Einschätzung der Ergebnisse des Treffens zu ändern, weil er nicht wollte, dass es als negativer Ausgang seiner Diplomatie wahrgenommen wurde.

Nach Anchorage entstand die Idee, ukrainisch-russische Verhandlungen unter amerikanischer Vermittlung sogar während der laufenden Kampfhandlungen zu ermöglichen. Dies war bereits ein erheblicher Rückzug des Präsidenten der Vereinigten Staaten von seinen früheren Vorstellungen über die Möglichkeiten zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges. Man kann sagen, dass Donald Trump dem Szenario Putins zustimmte, der daran interessiert war, Zeit zu gewinnen – möglicherweise bis zum Ende von Donald Trumps Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten –, so wie es bereits bei den Vorgängern des amerikanischen Staatschefs geschehen war.

Jetzt, da offensichtlich wird, dass auch dieser Verhandlungsprozess gescheitert ist und Russland ihn demonstrativ verlassen hat, solange die ukrainischen Truppen nicht auf ihre Präsenz auf dem Gebiet der ukrainischen Region Donezk verzichten – worüber sowohl Präsident Putin als auch andere Kremlbeamte wiederholt gesprochen haben –, sagt Trump zu Zelensky, dass er gegenüber Putin entschlossener handeln müsse.

Dabei handelt es sich weniger um einen diplomatischen Kurswechsel als vielmehr um die Erkenntnis des amerikanischen Präsidenten, dass die Ukraine der Russischen Föderation schwere Schläge zufügt und die Möglichkeiten des russischen militärisch-industriellen Komplexes sowie der Ölverarbeitungsindustrie einschränkt. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Trumps Worte genau in dem Moment fielen, als sich die Lage im Nahen Osten – wenn auch vorübergehend – zu entspannen begann und die Islamische Republik Iran der Öffnung der Straße von Hormus zustimmte.

Damit benötigt Washington die Dienste Moskaus zur Aufrechterhaltung des Ölmarktgleichgewichts bereits jetzt nicht mehr. Mehr noch: Das iranische Öl, das nun an viele Länder des Globalen Südens verkauft werden wird, kann russisches Öl problemlos ersetzen. Zusätzliche Konkurrenten benötigen die Vereinigten Staaten nicht.

Hier deckt sich die Position von Präsident Trump mit der seines Finanzministers Bessent, der stets ein Befürworter der Verdrängung der Russischen Föderation vom weltweiten Energiemarkt zugunsten amerikanischer Ölunternehmen war, an deren Gewinnen die Administration des Weißen Hauses interessiert ist.

Somit kann man sagen, dass Trumps Verhalten in der neuen Situation logisch ist. Der amerikanische Präsident neigt sich stets stärker auf die Seite dessen, der seinem Gegner die schwereren Schläge zufügt, und die Anstrengungen der Ukraine können bei ihm Respekt hervorrufen.

Russlands Bedeutung auf dem weltweiten Ölmarkt soll verringert werden. Daher ist die Zerstörung der russischen Ölverarbeitungsindustrie vor dem Hintergrund der Sanktionen gegen russisches Öl ein zusätzlicher Pluspunkt für den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Und natürlich konnte Donald Trump, der hofft, dass Anhänger einer traditionellen Haltung gegenüber religiösen Kulten für die Republikaner stimmen werden, die Angriffe der Russischen Föderation auf die Kyiv-Petschersk-Lawra nicht ignorieren. Diese wurden zu einem weiteren Beweis dafür, dass alle Gespräche über gemeinsame Werte amerikanischer Konservativer und des Kremls eher eine Moskauer Erfindung sind, die darauf abzielt, die Vereinigten Staaten auf Distanz zu russischen Interessen im postsowjetischen Raum und in Europa zu halten. Genau dies hatten europäische Staats- und Regierungschefs Donald Trump und seinen Verbündeten bei zahlreichen Gipfeltreffen immer wieder zu erklären versucht.

Doch offensichtlich konnte der amerikanische Präsident die tatsächlichen Absichten seines russischen Amtskollegen, für den er stets eine geradezu unverstellte Achtung empfand, erst dann erkennen, als Putin zu Angriffen überging, die zeigen sollten, dass er in der Lage ist, Heiligtümer der christlichen Welt zu zerstören.

Natürlich stellt sich nun die Frage, welche konkreten Folgen diese Worte Donald Trumps haben werden.

Der amerikanische Präsident stand dem ukrainischen Vorschlag positiv gegenüber, ein gemeinsames Treffen der Staats- und Regierungschefs der drei Länder in den Vereinigten Staaten zu organisieren. Allerdings habe ich keine Erwartung, dass der russische Präsident einem solchen Gipfel tatsächlich zustimmen wird, da er offenbar weiterhin davon überzeugt ist, dass die Zeit auf Putins Seite steht und nicht auf der Seite der Ukraine und ihrer Verbündeten.

Der amerikanische Präsident muss außerdem eine Entscheidung über die weitere Unterstützung der Ukraine treffen. Diese muss natürlich nicht mit Worten oder Erklärungen verbunden sein, sondern mit realem Geld und realen Waffen, die die Ukraine in den kommenden Phasen der lang andauernden russisch-ukrainischen Konfrontation benötigt.

Positiv ist jedoch, dass Trump Putin nun nicht mehr als jemanden betrachtet, der den russisch-ukrainischen Krieg tatsächlich durch einen Verhandlungsprozess beenden möchte.

Und das ist bereits eine wichtige Nachricht für die Situation, in der sich die Ukraine heute in ihrer Konfrontation mit der Russischen Föderation befindet.


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Titel des Originals: Трамп заохочує Зеленського до рішучості| Віталій Портников. 23.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 23.06.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Nicht alles auf einen einzigen Mann setzen. Vitaly Portnikov. 20.06.2026.

Don’t Bet Everything on One Man. Vitaly Portnikov. 20.06.2026.

Während praktisch des gesamten US-Präsidentschaftswahlkampfs 2024 und des ersten Jahres der neuen Präsidentschaft Donald Trumps musste ich mich buchstäblich gegen meine amerikanischen und israelischen Bekannten verteidigen, die mich davon zu überzeugen versuchten, dass meine Kritik am neuen amerikanischen Präsidenten ausschließlich mit seinem hartnäckigen Unwillen zusammenhänge, der Ukraine zu helfen, und mit seiner Abkehr vom Ansatz der vorherigen Regierung. Währenddessen sei die Präsidentschaft Trumps für Israel das vorteilhafteste politische Projekt der Geschichte – wie Premierminister Benjamin Netanyahu ohne jede Andeutung erklärte.

Darauf antwortete ich stets, dass ich nur an Partnerschaften glaube, die auf Werten beruhen, nicht auf Vorteilen. Wenn Menschen gemeinsame Werte haben, wenn Staaten gemeinsame Werte haben, dann werden sie auch gemeinsame Ansätze verfolgen. Fehlen diese gemeinsamen Werte jedoch, kann sich der Kurs jederzeit und gegenüber jedem ändern.

Ich ging davon aus, dass die Regierung von Joseph Biden die Ukraine nicht deshalb unterstützte, weil sie an Bodenschätzen oder an einer Stärkung der amerikanischen Rolle in Europa interessiert war, sondern weil sie den Vorrang des Völkerrechts verteidigen wollte, die Unmöglichkeit der Annexion fremder Gebiete und die Unzulässigkeit, dass ein Großstaat einem Nachbarland seine Vorstellungen von dessen Zukunft aufzwingt. Genau das ist die Rolle der Vereinigten Staaten als Führungsmacht der demokratischen Welt: nicht die Kontrolle über fremdes Öl oder fremde Mineralien anzustreben, sondern zur Aufrechterhaltung einer zivilisierten Weltordnung beizutragen. Denn nur in einer solchen zivilisierten Welt können sich die Vereinigten Staaten sicher fühlen.

Ich war der Ansicht, dass auch im Fall Israels genau ein solcher Ansatz gelten sollte. Die Vereinigten Staaten sollten Israel aufgrund seines Existenzrechts unterstützen und es gegen jene verteidigen, die ihm dieses Recht absprechen. Es geht dabei nicht um die Kontrolle über iranisches Öl oder um amerikanischen Einfluss in der Region. Es geht vor allem um Gerechtigkeit, um einen friedlichen Nahen Osten, in dem Menschen nicht Krieg führen, sondern gemeinsam eine zivilisierte Zukunft aufbauen.

Ich möchte außerdem daran erinnern, dass der vorherige Präsident praktisch seine eigenen Chancen und die Chancen seiner Mitstreiter auf eine Wiederwahl opferte, als er sich weigerte, Israel während des Gaza-Krieges scharf zu verurteilen – trotz der zunehmenden Radikalisierung in seiner eigenen Partei und unter seinen eigenen Wählern. Denn wer für Werte eintritt, darf Niederlagen nicht fürchten.

Mir schien, dass dies ein universeller Ansatz sei. Dass politisches Scheitern unvermeidlich wird, wenn man ihn nicht befolgt. Geirrt habe ich mich nicht in diesem Verständnis selbst, sondern darin, dass ich davon ausging, Menschen in Politik, Journalismus und Wirtschaft würden ähnlich denken. Es stellte sich jedoch heraus, dass viele von ihnen im wahrsten Sinne des Wortes ihre moralischen Orientierungspunkte verloren haben – und sogar ihren geschäftlichen Instinkt.

Das erste Alarmsignal ertönte nicht einmal, als Donald Trump den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky im Oval Office zurechtwies. Tatsächlich wurde der Punkt ohne Wiederkehr bereits überschritten, als amerikanische Fallschirmjäger den venezolanischen Diktator Nicolás Maduro festnahmen – und in Washington dennoch niemand auch nur daran dachte, die venezolanische Demokratie wiederherzustellen oder die Macht denjenigen zu übergeben, die die letzten Wahlen in diesem Land gewonnen hatten. Als Trump sich als Partner des venezolanischen autoritären Regimes erwies und von Oppositionsführerin María Machado sogar die Medaille eines Friedensnobelpreisträgers zurückforderte.

Schon damals hätte eigentlich klar sein müssen: Wer bereit ist, mit dem venezolanischen Regime Geschäfte zu machen, kann jederzeit auch mit dem iranischen Regime Geschäfte machen – sofern dieses überlebensfähig bleibt und seinen Willen durchsetzen kann. Wenn das Hauptinteresse darin besteht, die eigene Macht zu demonstrieren und an iranisches Öl zu gelangen, dann lassen sich politische Prioritäten jederzeit neu ordnen.

Die Ukraine hat nach dem Konflikt zwischen Trump und Zelensky und nach dem Rückfahren der intensiven amerikanischen Unterstützung gelernt, ohne diese Unterstützung zu überleben. Das geschah nicht zuletzt dank des komplexen Bündnissystems, das Kyiv nach dem russischen Angriff aufzubauen begann. Die Ukraine hätte sich allerdings auch anders verhalten können. Bereits unter der Regierung Biden hätte sie alle Eier in den amerikanischen Korb legen können – und wäre dann nach Trumps Absage hilflos und orientierungslos dagestanden. Heute bombardieren ukrainische Drohnen russische Städte, während amerikanische Militärs versuchen, von ihren ukrainischen Kollegen den Kampf gegen Drohnen zu lernen. Das ist es, was tatsächlich geschehen ist.

Man könnte mir entgegenhalten, dass die Ukraine europäische Verbündete hat, während Israel auf niemanden zählen könne. Dabei ist die gesamte Geschichte des jüdischen Staates ein lebendiges Beispiel dafür, wie man komplexe Systeme situativer Bündnisse aufbaut und keine Angst davor hat, von einer Vereinbarung zur nächsten überzugehen, wenn sich ein Verbündeter als unzuverlässig erweist. Wie logisch war es also, das gesamte Bündnissystem Israels nicht einmal auf die Beziehungen zu einem einzigen Staat, sondern auf die Beziehungen zu einem einzigen Menschen zu reduzieren – noch dazu zu einem älteren und launischen Menschen? Bereits die Niederlage Donald Trumps bei den vorherigen Präsidentschaftswahlen hätte Benjamin Netanyahu und die israelische Elite von der Gefahr überzeugen müssen, ihren gesamten Einsatz auf Zero zu setzen. Doch Trumps Rückkehr ins Oval Office hat diesen Ansatz, Politik wie ein Glücksspiel im Kasino zu betreiben, wiederbelebt.

Welcher Ausweg bleibt also aus der gegenwärtigen Situation?

Erstens muss man aufhören, in der Illusion zu leben, Donald Trump werde zur Vernunft kommen, Israel wieder lieben, den Iran angreifen und all das tun, was Netanyahu oder Smotrich von ihm erwarten. Ja, die internationale Lage kann sich so entwickeln, dass die Vereinigten Staaten erneut in einen Konflikt mit dem Iran geraten. Doch in jedem solchen Konflikt wird Trump in erster Linie seine eigenen Interessen verfolgen und erst danach die Interessen Israels.

Zweitens muss man zu einem Ansatz zurückkehren, der es Israel erlaubt, eigenständig Maßnahmen für seine Sicherheit zu ergreifen, ohne ständig auf die Vereinigten Staaten zu blicken. Israel ist kein Überseegebiet der Vereinigten Staaten. Die Juden, die möchten, dass ihre Zukunft vom Präsidenten der Vereinigten Staaten bestimmt wird, leben in den Vereinigten Staaten. Die Juden, die in einem Nationalstaat leben wollen, leben in Israel – und dürfen nicht von den Launen des Weißen Hauses oder irgendeiner anderen ausländischen Regierung abhängig sein. Jeder gegenteilige Ansatz setzt faktisch der Idee des Zionismus selbst ein Ende. Israel ist, um es mit den Worten Vladimir Jabotinskys auszudrücken, ein Staat und kein nationales Zentrum, das von Ausländern regiert wird.

Drittens muss die israelische Gesellschaft die Bedeutung einer Partnerschaft auf Grundlage gemeinsamer Werte begreifen – und nicht die einer Zweckehe oder gar einer Liebesheirat, selbst wenn diese Liebesheirat mit der Tochter eines Präsidenten geschlossen wird. Ohne den Ruf eines demokratischen Staates im Nahen Osten – eines Staates, der selbst existieren will und anderen ihr Existenzrecht nicht abspricht – hat Israel schlicht keine Chance, situative Bündnisse neu zu schließen und sich eine sichere Zukunft zu sichern. Und genau das scheint mir die wichtigste Lehre Donald Trumps zu sein.


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Titel des Originals: Don’t Bet Everything on One Man. Vitaly Portnikov.20.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 20.06.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach, veröffentlicht auf uebersetzungenzuukraine.data.blog.


Der G7-Gipfel und der Krieg in der Ukraine: Das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 17.06.2026.

Die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten, die sich in Évian zu einem Gipfeltreffen mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump, dem Präsidenten Frankreichs Emmanuel Macron, dem britischen Premierminister Keir Starmer, dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz und weiteren Spitzenpolitikern versammelt hatten, verabschiedeten die Abschlusserklärung dieses Treffens, in der den Fragen der Unterstützung der Ukraine breiter Raum eingeräumt wurde.

Bekanntlich hielten die Teilnehmer des G7-Gipfels eine Sondersitzung ab, zu der der Präsident der Ukraine Volodymyr Zelensky eingeladen war. Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump führte zudem während des Gipfels ein kurzes Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten.

In der gemeinsamen Erklärung der G7-Staats- und Regierungschefs wird daher betont, dass sie die Ukraine in ihrem Kampf gegen die russische Aggression unterstützen, bereit sind, die Lieferung von Luftverteidigungssystemen und anderer für die Ukraine notwendiger Waffen zu erhöhen, sowie die Frage der Lizenzvergabe für die Produktion westlicher Waffen durch den ukrainischen militärisch-industriellen Komplex zu prüfen.

Die Teilnehmer dieses Treffens versprechen außerdem, der Ukraine bei der Bewältigung ihrer Energieprobleme zu helfen, damit das Land den kommenden Winter übersteht. Sie kündigen an, den Druck auf die Russische Föderation zu verstärken, unter anderem durch eine Verschärfung der Energiesanktionen gegen Moskau.

In diesem Zusammenhang wird erwähnt, dass dieser energiewirtschaftliche Druck nun infolge einer möglichen Öffnung der Straße von Hormus aufgrund der zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran erzielten Vereinbarungen noch zunehmen könnte.

Natürlich handelt es sich bislang lediglich um eine Erklärung, die noch durch keinerlei konkrete Maßnahmen untermauert wird. Um jedoch die Bedeutung dieses Dokuments zu verstehen, möchte ich daran erinnern, dass Donald Trump den vorherigen G7-Gipfel vorzeitig verlassen hatte, ohne einen offensichtlichen Grund, seine Gespräche mit den übrigen Mitgliedern dieses prestigeträchtigen Klubs der am weitesten entwickelten Volkswirtschaften der Welt abzubrechen.

Damals wurden von den Vereinigten Staaten keinerlei gemeinsame Erklärungen zur Unterstützung der Ukraine in Betracht gezogen. Entsprechend finden sich in der Abschlusserklärung des vorherigen Gipfels keine derartigen Formulierungen zur Unterstützung der Ukraine.

Darüber hinaus möchte ich daran erinnern, dass die Vereinigten Staaten bei Sitzungen der Generalversammlung der Vereinten Nationen wiederholt für von der Russischen Föderation eingebrachte Resolutionen gestimmt haben, wenn es um die russische Aggression gegen die Ukraine ging.

Nun sehen wir jedoch, dass sich der Präsident der Vereinigten Staaten eher der Position seiner westlichen Verbündeten hinsichtlich des russisch-ukrainischen Krieges annähert. Es ist wichtig zu verstehen, warum dies geschieht und welche weiteren Schritte folgen könnten.

Warum? Die Antwort ist recht einfach.

Dies hängt mit einer erheblichen Schwächung der Positionen der Vereinigten Staaten und Donald Trumps selbst auf der internationalen Bühne zusammen. Trump versteht sehr wohl die Resonanz, die die Veröffentlichung des offiziellen Memorandums ausgelöst hat, das die Vereinigten Staaten mit dem Iran abgestimmt haben, ebenso wie das weltweite Verständnis der Tatsache, dass Washington in der Konfrontation mit Teheran Zugeständnisse machen musste, damit die Straße von Hormus geöffnet wird und die Kraftstoffpreise an amerikanischen Tankstellen sinken können.

Das ist eine ernsthafte außenpolitische Niederlage für Trump. Und nun braucht er seine westlichen Verbündeten mehr, als diese ihn brauchen.

Andererseits ist diese Schwäche der Vereinigten Staaten auch für den Präsidenten der Russischen Föderation Putin und den Vorsitzenden der Volksrepublik China Xi Jinping offensichtlich.

Daher könnte der Druck auf Russland, selbst im Energiebereich, auf die Überzeugung der Russischen Föderation treffen, dass nur Erpressung im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten einem Staat wie Russland ermöglichen kann, seine gewünschten Ziele zu erreichen.

In diesem Zusammenhang nach Möglichkeiten zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges zu suchen, wird nicht einfach sein.

Natürlich ist es für uns wichtig, dass die Vereinigten Staaten ihre Energiesanktionen gegen die Russische Föderation wieder verschärfen. Gerade in diesen Tagen läuft die Gültigkeit einer weiteren Lizenz aus, die die Amerikaner den Russen für den Verkauf ihres Öls und die Auffüllung ihres Staatshaushalts zur Finanzierung des weiteren Krieges gegen unser Land gewährt hatten.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Vereinigten Staaten nun, nach der Unterzeichnung dieser Erklärung und vor dem Hintergrund der Erwartungen hinsichtlich der Öffnung der Straße von Hormus, keine neue Lizenz mehr erteilen werden.

Dann würde der Verkauf russischen Öls weiterhin über die Tanker der Schattenflotte abgewickelt werden. Und hier hängt vieles von den konkreten Maßnahmen der westlichen Staaten ab, die Möglichkeiten Russlands für diesen Handel einzuschränken, der auch ohne jegliche Lizenzen fortgesetzt wird.

Und natürlich wird vieles von den tatsächlichen Möglichkeiten der Ukraine abhängen, die russische Ölverarbeitung und vor allem die russischen Ölhäfen zu zerstören, über die derzeit Öl in Rekordmengen in die Länder des Globalen Südens exportiert wird und die Russland enorme Gewinne sichern.

Darüber hinaus wäre die Bereitschaft des Präsidenten der Vereinigten Staaten, das Gesetz zu unterzeichnen, das bereits vom Repräsentantenhaus des amerikanischen Kongresses verabschiedet wurde und die amerikanische Unterstützung für die Ukraine wiederherstellen soll, ein konkreter Beweis für die Ernsthaftigkeit der Unterstützung der Ukraine.

Dieses Gesetz wird derzeit im Senat beraten.

Wenn Trump es wünscht, kann der Vorsitzende der republikanischen Mehrheit im Senat, Senator Thune, den Gesetzentwurf zur Abstimmung stellen. Es ist offensichtlich, dass die Mehrheit der Senatoren dafür stimmen würde, und Trump hätte dann die Möglichkeit, das Gesetz zu unterzeichnen.

Doch auch auf dem Gipfel in Évian prahlte Trump damit, dass die Vereinigten Staaten keinen einzigen Dollar mehr für die Unterstützung der Ukraine ausgeben.

Wir wissen nicht, ob er seine Position ändern wird, wonach die Vereinigten Staaten der Ukraine im russisch-ukrainischen Krieg nicht helfen sollten, nachdem er der Erklärung des G7-Gipfels zugestimmt hat.

Denn Worte sind Worte, Geld ist Geld.

Wir verstehen jedoch sehr gut, dass man einen Krieg nicht allein mit Worten gewinnen kann und dass man einen Staat, der sich gegen die Aggression eines Landes wie der Russischen Föderation verteidigen will, nicht allein mit Worten unterstützen kann.

Allein die Tatsache, dass die Erklärung des G7-Gipfels verabschiedet wurde, ist bereits ein großer diplomatischer Erfolg.

Nun bleibt nur noch zu beobachten, ob dieser diplomatische Erfolg tatsächlich durch konkrete Maßnahmen der Verbündeten der Ukraine, vor allem der Vereinigten Staaten, untermauert wird oder ob er lediglich ein Zeugnis dafür bleibt, dass der durch die Nahostkrise geschwächte Trump bereit war, seinen westlichen Kollegen und dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky zumindest rhetorisch zuzustimmen.


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Titel des Originals: Саміт «сімки» і війна в Україні: головне |Віталій Портников. 17.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 17.06.2026.
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Zelensky vor dem Treffen mit Trump | Vitaly Portnikov. 15.06.2026.

Зеленський перед зустріччю з Трампом. Vitaly Portnikov. 15.06.2026.

Der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky nutzte den Geburtstag seines amerikanischen Kollegen, um ihm zu gratulieren und über das bevorstehende Treffen während des G7-Gipfels zu sprechen. 

Schon die Tatsache dieses Treffens ist bezeichnend. Mehr als vier Jahre nach Beginn des großen russisch-ukrainischen Krieges sind die führenden Staaten der zivilisierten Welt weder in der Lage, die Fortsetzung dieses Konflikts zu ignorieren, noch ihn zu lösen. 

Mehr noch: Der Präsident der Vereinigten Staaten ist offensichtlich daran interessiert, zumindest einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front vor den Kongresswahlen zu erreichen. Denn dies würde von ernsthaften außenpolitischen Erfolgen seiner Administration zeugen.

Die Frage ist, ob dies tatsächlich erreicht werden kann und was Trump und Zelensky bei ihrem bevorstehenden Treffen in diesem Zusammenhang besprechen werden. 

Ich habe immer gesagt, dass das Ende des Krieges in erster Linie von Putin abhängt. Denn wenn der Aggressor seine militärischen Handlungen einstellt, gibt es weder mit einem Waffenstillstand noch mit Frieden irgendwelche Probleme. 

Putin sprach ebenfalls mit Trump und gratulierte ihm zum Geburtstag. Und wir sahen erneut, dass der russische Präsident keinerlei Interesse daran hat, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden. Dass er daran interessiert ist, dass der Krieg weitergeht, die Ukraine zerstört wird und Zelensky gedemütigt wird. 

Denn während seines Gesprächs mit dem amerikanischen Präsidenten erinnerte dessen russischer Kollege erneut daran, dass er bereit sei, den ukrainischen Staatschef nur in der russischen Hauptstadt zu treffen. Mit anderen Worten: Er lädt Zelensky zur Kapitulation ein.

Allerdings war von Putin auch nichts anderes zu erwarten. Der russische Präsident lebt längst in seiner eigenen Realität und ignoriert beharrlich die Tatsache, dass seine Truppen die erwarteten Ergebnisse nicht erzielen können. Putin ist, wie jeder Diktator, überzeugt, dass die Zeit für ihn arbeitet und dass er es sich leisten kann, beliebig viel Zeit aufzuwenden, um genau die Ziele zu erreichen, die er sich gesetzt hat.

Doch nun hängt das Ende des Krieges nicht nur von Putin ab. Es hängt auch von Zelensky ab. Das heißt davon, wie die Streitkräfte der Ukraine in den kommenden Monaten handeln werden und ob es ihnen gelingt, das russische Wirtschafts- und Energiepotenzial zu erschüttern.

Schon jetzt hören wir Nachrichten, die es in den ersten Kriegsjahren nicht gab: von einer echten Treibstoffkrise, vom Beginn der Isolierung der besetzten Krim, von der Bedrohung jenes Landkorridors, den Russland über die besetzten ukrainischen Gebiete zur Krim geschaffen hat, von Bränden in Betrieben des militärisch-industriellen Komplexes und von Problemen in der russischen Erdölverarbeitung. Und ich habe keinen Zweifel daran, dass all diese Probleme für Russland in den kommenden Monaten und Jahren zunehmen werden.

Die Frage ist eine andere: Wie kann man die Zerstörung der Ukraine, die Vernichtung der ukrainischen Infrastruktur durch russische Angriffe sowie die wachsenden wirtschaftlichen und demografischen Probleme verhindern? Und hier wird es ohne die Hilfe der westlichen Verbündeten, ohne die Hilfe der Vereinigten Staaten, nicht gehen. 

Das ukrainische Luftverteidigungssystem arbeitet unglaublich professionell und neutralisiert faktisch die überwiegende Mehrheit der Angriffe durch Drohnen und Raketen verschiedener Typen. Gegen ballistische Raketen ist es jedoch machtlos, wenn keine Raketen für die Patriot-Systeme vorhanden sind. Und genau dies könnte übrigens ein wichtiges Thema der Gespräche zwischen Trump und Zelensky sein – damit die Ukraine vom Ende der Warteschlange für diese Raketen an die Spitze rückt.

Denn wenn man die russischen Angriffe auf die Ukraine neutralisiert und zugleich die ukrainischen Angriffe auf Russland wirksamer macht, dann ist das der Schlüssel zu einem schnellen Ende des Krieges. Wenn russische Angriffe ihre Ziele nicht erreichen und die russischen Truppen nicht vorankommen – während gleichzeitig ukrainische Angriffe die russische Wirtschaft in die Knie zwingen –, dann wird selbst ein so sturer Tölpel wie Putin gezwungen sein, über die Notwendigkeit nachzudenken, die Kampfhandlungen zu beenden. Zumindest für die Zeit, die er benötigt, um sich auf einen neuen Krieg vorzubereiten. 

Und auch diese Chance sollte man ihm nicht geben – durch die Verwandlung der Ukraine in eine Festung und den weiteren Ausbau des militärisch-industriellen Komplexes unseres Landes, im Bewusstsein, dass das Schicksal der Ukraine ihr Schutz vor Russland ist. Zumindest für die Jahrzehnte der Herrschaft dieses chauvinistischen Regimes im Nachbarland.

Wenn die Vereinigten Staaten eine solche Unterstützung jedoch nicht leisten können und stattdessen die Ukraine zu politischen Zugeständnissen gegenüber Russland und zum Verzicht auf eigene Gebiete drängen, dann wird der gegenseitige Schlagabtausch lediglich beide Länder zerstören und zu keinerlei Ergebnissen führen. Wir werden in einem Krieg leben, der sich von einem Krieg der Armeen zu einem Krieg der Raketen entwickeln kann, und beobachten, wie ballistische Raketen ukrainische Städte in Gebiete verwandeln, die zum Leben ungeeignet sind.

Und das ist ganz sicher nicht das Ende, das man weder in der Ukraine noch in den Vereinigten Staaten erreichen möchte.


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Titel des Originals: Зеленський перед зустріччю з Трампом. Віталій Портников. 15.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 15.06.2026.
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Russland bereitet sich auf einen neuen Krieg vor | Vitaly Portnikov. 12.06.2026.

Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer, betont, dass die Russische Föderation bereits im Jahr 2029 zu einem umfassenden Konflikt mit den NATO-Mitgliedstaaten bereit sein wird.

Es muss betont werden, dass dies die professionelle Einschätzung eines Militärs ist, der ein Amt innehat, das mit den Positionen von Generalstabschefs in den Armeen anderer Länder vergleichbar ist. General Carsten Breuer spricht vor allem darüber, wozu die russische Armee im Hinblick auf die Modernisierung ihres militärisch-technischen Potenzials und die Ansammlung von Truppen in den für das Nordatlantische Bündnis problematischen Grenzregionen Russlands und seiner Verbündeten an der NATO-Grenze fähig sein wird. Und man geht davon aus, dass gerade das Jahr 2029 zu dem Zeitpunkt werden könnte, an dem Russland zu einem echten Krieg bereit sein wird und nicht nur zu Drohungen gegenüber westlichen Staaten.

Die Situation wird zudem dadurch verschärft, dass man heute in Europa nicht weiß, wie sich die amerikanische Armee im Falle eines solchen Angriffs verhalten würde. Wie groß wird die Zahl der amerikanischen Truppen sein, die auf dem europäischen Kontinent stationiert sein werden? Und werden die Amerikaner bereit sein, gemeinsam mit den Europäern eine mögliche russische Aggression abzuwehren?

Und hier gelangen wir natürlich zu politischen Bewertungen, denn vieles in der Welt wird davon abhängen, was in den kommenden Jahren geschieht – in den Jahren von Donald Trumps Präsidentschaft mit seinem offensichtlichen Unwillen, sich auf irgendwelche europäischen Konflikte einzulassen, und seinem Wunsch, die amerikanische Präsenz in Europa zu verringern; davon, wie der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf 2028 verlaufen wird, und davon, wer im Jahr 2029 Donald Trumps Nachfolger im Oval Office sein wird.

Die Frage ist nicht einmal, ob es ein Demokrat oder ein Republikaner sein wird. Die Frage ist, welche außenpolitische Strategie diese Person verfolgen wird. Wie bereit wird sie sein, die euro-atlantische Solidarität wiederherzustellen? Wie bereit wird sie – falls es ein republikanischer Präsident sein sollte – zu einer entschlossenen Revision des außenpolitischen Erbes Donald Trumps und überhaupt der isolationistischen Ansätze sein, die die amerikanische Politik dominieren, man könnte sagen, seit der neue Präsident der Vereinigten Staaten nicht der Republikaner, sondern der Demokrat Barack Obama wurde, der gerade wegen seiner Übereinstimmung mit diesem isolationistischen politischen Konzept bereits in den ersten Monaten seiner Präsidentschaft den Friedensnobelpreis erhielt?

Und danach begann die Welt rasch in die irreparablen Folgen einer solchen Strategie abzurutschen: in einen neuen großen Krieg in Europa, in die Krise im Nahen Osten und in die Sackgasse, in der wir uns heute befinden, wenn es sowohl um die Möglichkeit eines Auswegs aus dem russisch-ukrainischen Krieg als auch um die Möglichkeit einer Lösung des Nahostkonflikts geht, sodass neue Zusammenstöße in Osteuropa und im Nahen Osten nicht bereits wenige Monate nach einer Regelung der aktuellen Konfliktphase erneut beginnen – obwohl wir auch davon noch sehr, sehr weit entfernt sind.

Übrigens wurde der deutsche General auch gefragt, ob man auf ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges hoffen könne. Er betonte recht vorsichtig, dass man auf einen entscheidenden Wendepunkt im Krieg zugunsten der Ukraine noch warten müsse, äußerte sich jedoch optimistisch über neue technologische Entwicklungen, die bereits heute an der Front erschienen seien und die Situation zugunsten der Ukraine veränderten.

Gleichzeitig unterstrich General Breuer völlig logisch, dass der eigentliche Wendepunkt des Krieges der Moment sein werde, in dem die Russische Föderation ihn nicht mehr fortsetzen wolle – wofür es derzeit keinerlei Anzeichen gibt. Derzeit sollte man die russischen Drohungen neuer Raketenangriffe auf die Ukraine und sogar mögliche Vorbereitungen Russlands für neue Offensiven, etwa aus Belarus, ernster nehmen. Über konkrete Absichten der russischen Streitkräfte sprach der Generalinspekteur der Bundeswehr allerdings nicht und verwies lediglich auf seine ständigen Kontakte mit seinem ukrainischen Kollegen, General Syrskyj.

Wie wir sehen, gibt es im Westen derzeit zahlreiche Einschätzungen dazu, ob die Russische Föderation tatsächlich einen echten Krieg gegen NATO-Mitgliedstaaten wagen wird. Doch wir müssen bedenken, dass sich die technologische Kriegsführung jeden Tag, jede Woche und jeden Monat verändert. Und alle Prognosen, die sich auf das Jahr 2029 beziehen, haben in Wirklichkeit keinen wirklichen Sinn, weil niemand weiß, wie die Welt schon in wenigen Monaten aussehen wird.

Wird es gelingen, den Nahostkonflikt zu regeln? Wird die Straße von Hormus wieder geöffnet? Wird die Welt nicht in eine gewaltige Energie- und Wirtschaftskrise geraten, die die Möglichkeiten der wichtigsten Akteure grundsätzlich verändern und zeigen wird, wer ihr Hauptprofiteur sein wird, wer daraus hervorgehen wird mit der Fähigkeit, der übrigen Menschheit seine Bedingungen zu diktieren? Werden vor dem Hintergrund dieser Energiekrise nicht technologische Veränderungen stattfinden, die die Möglichkeiten der Ölstaaten infrage stellen?

Mit anderen Worten: Es gibt so viele mögliche Entwicklungen in einer Welt, die faktisch in militärischen Konflikten ohne Ausweg feststeckt, dass ich jeder Prognose mit großer Vorsicht begegne, die von einer Veränderung der Situation nicht einmal bis 2029, sondern etwa bis August oder September 2026 spricht. 

Die Menschheit lebt endgültig in einer Situation, in der keine ernsthaften Prognosen mehr funktionieren – aus dem einfachen Grund, dass es keinen professionellen Ansatz mehr für politische Realitäten gibt. Und die wichtigsten Staaten der Welt werden von Menschen geführt, die sich vor allem an ihren eigenen Emotionen und Wünschen orientieren und nicht daran, wie sich die Situation infolge ihrer Handlungen tatsächlich entwickeln wird.

Deshalb bleibt einem, ehrlich gesagt, nur, mit solchen Fachleuten wie General Breuer mitzufühlen, die gezwungen sind, ihre Schlussfolgerungen auf der Grundlage professioneller Kriterien und Methoden zu ziehen, die in der modernen Welt praktisch nicht mehr funktionieren und lediglich ein Rudiment analytischer Versuche aus einer jüngeren Vergangenheit sind, als sich Politik auf nachvollziehbaren Wegen entwickelte und man sich vorstellen konnte, dass der Aufbau eines bestimmten militärischen Potenzials der militärischen Führung des Gegners ermöglichen würde, bestimmte Entscheidungen zu treffen.

Vergessen wir nicht: Wir leben in einer Welt, in der Politiker unlogische Entscheidungen treffen, ohne über deren Folgen nachzudenken, und sie viel früher treffen können, als es irgendeinem Fachmann plausibel erscheinen würde.

  • Putin marschierte nicht ohne Grund mit einer Armee auf Kyiv, die unsere Stadt niemals hätte einnehmen können, und stützte sich ausschließlich auf eine emotionale Komponente, weil er glaubte, es mit einer schwachen ukrainischen Armee und einer Bevölkerung zu tun zu haben, die bereit sei, die russischen Eroberer zu begrüßen.
  • Trump begann den Krieg gegen den Iran ebenfalls nicht zufällig – einen Krieg, den er innerhalb weniger Wochen beenden wollte –, weil er glaubte, dass der Tod von Ajatollah Chamenei und seiner Gefolgsleute zu einem Aufstand des iranischen Volkes und zu einem raschen Regimewechsel im Iran führen würde.

Sowohl Putin als auch Trump haben sich lächerlich gemacht – nicht deshalb, weil sie keine Fachleute um sich hatten, sondern weil sie selbst zu keiner professionellen Einschätzung der Lage fähig sind. Und so wird es auch in Zukunft sein.

Deshalb lautet die Frage nicht, ob es 2029 einen russisch-nordatlantischen Krieg geben wird. Die Frage lautet, wie man das überhaupt realistisch vorhersagen soll.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Росія готується до нової війни | Віталій Портников. 12.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 12.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Abkommen oder Krieg | Vitaly Portnikov. 11.06.2026.

Als ich mich auf diese Sendung vorbereitete, wollte ich natürlich vor allem über die Perspektiven einer Wiederaufnahme eines neuen großen Krieges am Persischen Golf sprechen und darüber, wie diese Perspektiven aussehen werden.

Praktisch den ganzen Tag über trat der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, mit ernsthaften Drohungen gegen Teheran auf. Er sagte, die Iraner hätten seine Geduld bereits erschöpft, Iran sei bereit, neue Schläge der Vereinigten Staaten zu erleben, und die Situation, die für Iran schrecklich sein werde, werde praktisch alle seine wirtschaftlichen Möglichkeiten vernichten. Trump sprach von der Einnahme dieser berühmten Insel Chark, die bekanntlich das Zentrum des Ölpotenzials der Islamischen Republik ist.

Gleichzeitig erschienen in Informationsquellen Meldungen darüber, dass Iran sich auf die Verteidigung dieser Insel recht gründlich vorbereitet habe. Und Trump sagte, er habe den großen Wunsch und es sei seine Wahl, die Insel Chark einzunehmen, aber er wisse nicht, ob Amerika dafür genug Mut habe. Und das ist ein sehr merkwürdiger Satz, der ebenfalls eine riesige Zahl von Fragen aufwirft.

Ist Trump also Amerika oder nicht? Wenn der Oberbefehlshaber der Streitkräfte eines bestimmten Landes eine bestimmte Militäroperation durchführen will, wem fehlt dann der Mut, sie durchzuführen? Gibt es mehrere Trumps: einen Trump, der diese iranische Insel einnehmen und Iran seiner Ölmöglichkeiten berauben will, und einen anderen Trump, der Angst hat, das zu tun?

Oder geht es darum, dass die mit Iran verbundene Situation inzwischen schon die amerikanischen Militärs beunruhigt? Und dass sie Trump keine Garantie geben können, dass seine militärischen Pläne zu irgendeinem realen Ergebnis führen werden.

Bevor unser Gespräch begann, veröffentlichte Trump in den sozialen Netzwerken einen langen Tweet und teilte mit, dass die Gespräche mit der Islamischen Republik Iran bereits auf die höchste Ebene der iranischen Führung gebracht und gebilligt worden seien. Er sagte die für heute Abend geplanten Schläge und Bombardierungen gegen Iran ab. 

Trump teilte außerdem mit, dass die endgültigen Bestimmungen dieses Abkommens von allen beteiligten Seiten gebilligt worden seien, darunter den Vereinigten Staaten, Israel, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, der Türkei, Pakistan, Bahrain, Kuwait, Jordanien, Ägypten und anderen Teilnehmern. Trump teilte auch mit, dass die Seeblockade der Islamischen Republik in voller Kraft und Wirkung bleiben werde, bis dieses Abkommen abgeschlossen sei; Zeit und Ort der Unterzeichnung würden in nächster Zeit bekanntgegeben.

Unmittelbar nachdem Trump mit dieser Erklärung aufgetreten war, betonten iranische Quellen, Iran habe keinen Entwurf eines Abkommens oder eines vorläufigen Memorandums mit den Vereinigten Staaten gebilligt. Dies meldete die offizielle iranische Agentur Fars. Auch iranische Amtsträger betonten, sie hätten keinerlei Abkommen gebilligt.

In Axios, einem dem Weißen Haus nahestehenden Medium, erschien die Information, katarische und iranische Verhandler hätten einen bestimmten Entwurf ausgearbeitet, der ihrer Meinung nach für die Vereinigten Staaten akzeptabel wäre, nachdem die Differenzen über eingefrorene iranische Vermögenswerte, die Wiederaufnahme der Arbeit der Straße von Hormus während der Waffenruhe und den Rahmen für Atomverhandlungen eingeengt worden seien. Aber das bedeutet nicht das Ende, sondern eher den Beginn von Verhandlungen.

Ziemlich interessant ist, dass man auch in Israel betonte, diesem Staat sei kein Abkommen bekannt. Und in Jerusalem war man erstaunt über Trumps Erklärung, wonach die iranische Führung es gebilligt habe. Soweit ich verstehe, hat die israelische Führung das Abkommen schlicht deshalb nicht gebilligt, weil niemand Israel mit diesem Abkommen bekannt gemacht hatte. Was ist das also?

Ich werde Ihnen erneut sagen müssen, dass wir in einer Welt des vollständigen unkontrollierbaren Chaos leben. In einer Welt, in der Donald Trump nach Möglichkeiten sucht, aus dem Iran-Krieg herauszukommen, und sie nicht findet. Wir haben jeden Tag über den Krieg in Iran gesprochen, als die aktive Phase der Kampfhandlungen lief. Sie erinnern sich gut daran, jene, die diese Sendung gesehen haben.

Und mich beunruhigte gerade, welche Möglichkeiten dieser Krieg für die Entwicklung der Lage in der Welt schafft. Warum müssen wir so genau auf diesen Krieg schauen? Warum verändert er die Lage im russisch-ukrainischen Krieg?

Zumindest deshalb, weil vor unseren Augen zwei große Atommächte, die über die Kapazitäten zur Vernichtung der gesamten Menschheit verfügen, ihre Fähigkeit verloren haben, als Architekten der Schicksale anderer Länder und Völker zu erscheinen. Verstehen Sie: Die Stärke eines Atomstaates, zumal eines wirtschaftlich großen Staates wie der Vereinigten Staaten von Amerika oder eines territorial großen Staates wie der Russischen Föderation, besteht nicht darin, Krieg zu führen, sondern allein mit der Möglichkeit des Einsatzes von Gewalt gegen denjenigen zu drohen, der die Interessen eines solchen Landes nicht berücksichtigt. Sobald man statt an die eigene Stärke zu erinnern beginnt, sie einzusetzen, können Ereignisse eintreten, die zeigen, dass man nicht in der Lage ist, die eigenen Möglichkeiten umzusetzen.

Mit Russland geschah das im Februar 2022. Sie erinnern sich: Als Putin die Ukraine angriff, hatte niemand, nicht einmal im Westen, irgendwelche Zweifel daran, dass danach das Schicksal der Ukraine entschieden sein würde, dass es der Ukraine danach nicht gelingen würde, ihre Souveränität zu bewahren. Unseren Amtsträgern wurde geraten, eine Exilregierung zu bilden. Niemand dachte auch nur daran, dass die Ukraine eine gewisse Zeit gegen die Russische Föderation standhalten könnte. Sie erinnern sich gut, wie all das begann.

Und nun haben wir 2026. Russland führt praktisch auf jenen Positionen weiter Krieg, die es 2022 eingenommen hat. Das Territorium Russlands selbst wird sowohl mit Raketen als auch mit Drohnen angegriffen. In Russland beginnt eine ernste Wirtschafts- und Energiekrise. In einzelnen Regionen, sowohl eigenen als auch besetzten, erhalten die Menschen Benzin auf Bezugsscheine. Russland verliert eine große Zahl von Einwohnern.

Die Führer ehemaliger Sowjetrepubliken, die vor 2022 glaubten, sie seien zu einem Dasein in der russischen Einflusssphäre verurteilt – ich erinnere daran, dass sich in diesem Moment russische Truppen im Grunde in Kasachstan befanden und russische sogenannte Friedenstruppen in Berg Karabach –, erlauben sich, über Moskau zu ironisieren, wie es der armenische Premierminister Nikol Paschinjan in Anwesenheit Präsident Putins im Kreml tat, oder sich mit dem ukrainischen Präsidenten Zelensky zu treffen, wie es sowohl Premierminister Paschinjan als auch der Präsident Aserbaidschans Alijew und der Präsident Kasachstans Kassym-Schomart Tokajew taten. Alle haben verstanden, dass der Tiger, sogar in den Worten Präsident Trumps, sich als Papiertiger erwiesen hat. Als Papiertiger. Und das hat die gesamte Situation mit den russischen Möglichkeiten in der Welt in diesen vier Jahren ziemlich ernsthaft verändert.

Aber dann kam der 28. Februar 2026, als die Vereinigten Staaten und Israel einen gemeinsamen Angriff auf Israel, auf Iran, die Operation „Epischer Zorn“, begannen. Erinnern Sie sich, wie Trump diese Worte mit Genuss aussprach? Er tanzte fast vor Freude.

In diesen Tagen wurde der Oberste Führer der Islamischen Republik, Ayatollah Ali Chamenei, getötet, ebenso eine ganze Reihe iranischer Führungspersonen. Wichtige strategische Objekte der Armee der Islamischen Republik sowie der Revolutionsgarden wurden bombardiert.

Und in Washington wie in Jerusalem schien es, als würden noch ein paar Tage vergehen und das Regime entweder fallen oder um Frieden zu beliebigen Bedingungen bitten, bereit sein, den Vereinigten Staaten sein Öl zu überlassen, wie es zuvor die venezolanische Führung nach der Ergreifung des Präsidenten dieses Landes, Nicolás Maduro, getan hatte. Nun kann doch irgendein Iran sich nicht wirklich mit den Vereinigten Staaten anlegen, wenn es nicht mehr um Verhandlungen, sondern um einen echten, ernsten Krieg geht? Wie kann man überhaupt die militärischen Potenziale Irans und Amerikas vergleichen?

Und nun ist der 11. Juni 2026. Die Straße von Hormus ist geschlossen, die Energievorräte der Welt gehen rapide zur Neige. Bald wird die ganze Welt in Bezug auf Benzinmarken Russland ähneln, wenn das so weitergeht.

Die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich sowohl in der Welt als solcher als auch in den Vereinigten Staaten. Die Inflation steigt jeden Tag. Und es ist ebenfalls unbekannt, zu welchen Folgen das führen wird. Obwohl Donald Trump sagt, er sei in die Inflation verliebt, sollte er wissen, dass seine Landsleute sie nicht besonders lieben.

Donald Trump hat in dieser Zeit 38-mal mitgeteilt, dass ein Abkommen kurz vor dem Abschluss stehe. Heute war es das 39. Mal. Man kann sagen, dass in einer monopolaren – entschuldigen Sie – Welt niemand den Erklärungen des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika irgendeine Aufmerksamkeit schenkt, und viele bewerten all diese Erklärungen offen als Farce. Obwohl das vielleicht eine völlig falsche Einschätzung ist und Trumps Wunsch einfach darin besteht, den Energiemarkt nicht aufzuwühlen und den Ölhändlern die Illusion zu geben, dass bald alles gut enden werde, noch bevor die Ölvorräte aufgebraucht sind. Nun, man kann im Prinzip auch mit Schwankungen der Ölpreise Geld verdienen. Wir wissen, dass auch das in der modernen Welt funktioniert.

Das heißt, es stellte sich heraus, dass der größte Staat der heutigen Welt, der größte, wichtigste Akteur in modernen Kriegen, wenn man in der modernen Wirtschaft seine Schwachstelle findet, die, wie sich gezeigt hat, auf einigen wenigen Routen beruht, einfach nichts tun kann. Raketen helfen nicht, Kampfflugzeuge helfen nicht, die Sechste Flotte hilft nicht, nichts hilft.

Es stellt sich heraus, dass man ruhig amerikanische Militärobjekte angreifen, amerikanische Technik auf den aus tragischer Sicht wichtigsten Stützpunkten der Vereinigten Staaten am Persischen Golf zerstören kann – und nichts geschieht.

Das heißt, der Februar 2026 wurde für die Vereinigten Staaten von Amerika zu dem, was der Februar 2022 für die Russische Föderation wurde. 

Ich vergleiche in diesem Fall, damit Sie es verstehen, Iran nicht mit der Ukraine. Wir verstehen sehr gut, dass sich die Ziele des amerikanisch-israelischen Krieges gegen Iran von den Zielen des russischen Krieges gegen die Ukraine unterscheiden. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist ein Krieg zur Liquidierung der ukrainischen Staatlichkeit und zur Abschaffung des ukrainischen Volkes. Der Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran ist ein Krieg gegen ein tyrannisches Regime, das selbst seine Landsleute tötet und aufhängt, sogar während der Kampfhandlungen. Es ist der Versuch, einer nuklearen Bedrohung vorzubeugen. Es ist der Versuch, harmonischere Lebensbedingungen in einer der wichtigsten Regionen der modernen Welt zu schaffen, einer der wichtigsten für die Wirtschaft.

Aber wir sprechen jetzt nicht darüber, wie sich die Länder unterscheiden, sondern darüber, dass ein schwaches, wenn Sie so wollen, Subjekt des Krieges dem Handeln eines starken solche Hindernisse schaffen kann, die die Umsetzung der Ziele faktisch unmöglich machen und den Riesen in, ich würde sagen, ein Kind verwandeln, das nicht versteht, wie es sich allein aufgrund seiner Größe in dem Laden, in den es geraten ist, umdrehen kann, ohne alles um sich herum umzustoßen.

Und ich denke die ganze Zeit, wissen Sie, worüber? Ob es noch einen Februar geben wird. Ob es für die Volksrepublik China eine Versuchung geben wird, diese, ich würde sagen, epische Schwächung der Positionen der Vereinigten Staaten von Amerika auszunutzen. Ob die Chinesen versuchen werden, irgendeine Gewaltoperation gegen irgendein Land durchzuführen, das ihrer Meinung nach Angst haben sollte, aber bisher keine ausreichende Loyalität gegenüber Peking zeigt. Das ist, wie Sie verstehen, eine ausgezeichnete Frage.

Und das muss nicht unbedingt ein Krieg Chinas gegen die Regierung der Republik China auf Taiwan sein. Nein, ich denke an Japan, ich denke sogar an die Philippinen. China hat viele Konflikte im Chinesischen Meer, die mithilfe der Volksbefreiungsarmee Chinas und der Seestreitkräfte der VR China gelöst werden könnten.

Und ich habe keinen Zweifel daran, dass China, ausgehend von der Logik des modernen Kriegsprozesses, in seinem Krieg stecken bleiben wird, so wie Russland hier in der Ukraine steckengeblieben ist, wie die Amerikaner im Nahen Osten steckengeblieben sind. Und dann beginnt die Welt des wirklichen Chaos, in der niemand mehr auf irgendjemanden ernsthaft achten wird. Das wird eine unglaublich interessante Welt sein. Das werden weltweite Dschungel sein, in denen es keine Hauptakteure mehr geben wird. Verstehen Sie?

Praktisch gelangen wir in eine Epoche des Verschwindens der Dinosaurier. Es gab solche politischen Dinosaurier. Riesige, riesige. Die dich einfach zerdrücken konnten, ohne es überhaupt zu bemerken. Die Größenverhältnisse passen nicht zusammen. Dann stellte sich heraus, dass du die Schwachstelle des Dinosauriers entdeckt und ihm genau dort einen Treffer versetzt hattest. Er läuft scheinbar noch herum, brummt etwas, aber er läuft schon blau an, er möchte sich schon unter einen Busch setzen und nicht mehr hinter dir herlaufen und versuchen, dich zu zerquetschen.

Und es ist einfach interessant, was am Ende dieser Jurazeit geschehen wird, wie das Leben ohne Dinosaurier aussehen wird. Inwieweit jene mittleren Akteure, über die übrigens der kanadische Premierminister Mark Carney auf dem Wirtschaftsforum in Davos schrieb und sprach, in der Lage sein werden, sich untereinander zu verständigen, um aus vielen verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen Möglichkeiten einen solchen Dinosaurier zu schaffen, der fähig ist, diesen dreien zu widerstehen, die ihre eigene Unfähigkeit beweisen. Das ist, wie Sie verstehen, eine interessante Frage, auf die man antworten sollte.

Aber es gibt noch eine mögliche Entwicklung der Ereignisse. Nämlich, dass China sich dennoch von einem militärischen Eingreifen fernhält und zusieht, wie die Sicherheitsmöglichkeiten Amerikas und Russlands verfallen. Russland, das sich auf diese Weise in ein chinesisches Protektorat verwandelt, und Amerika, das seine Unfähigkeit beweist, irgendwelche Sphären – nicht einmal des Einflusses, sondern von Interessen – in vielen Ländern der Welt zu etablieren, zumal Donald Trump selbst real auf diese Interessen verzichtet.

Und dann erhält China einen zusätzlichen Trumpf. Nicht Trump, sondern seinen eigenen Trumpf, um in der Welt der Zukunft zu dominieren. Noch einen, denn einen dieser Trümpfe haben wir China bereits gegeben, als wir faktisch auf unsere eigene Industrie verzichteten. Ich sage „wir“ als zivilisierte westliche Welt.

Jahrzehntelang gab es eine Situation, die mich immer beunruhigte. Ich habe wiederholt darüber gesprochen. Jetzt kann ich es mit noch größerer Sicherheit sagen. Die Situation der Verlagerung der Produktion in die Volksrepublik China, um verschiedene billige Waren zu kaufen, von iPhones bis zu Kleidung. Ich bin fast sicher, dass ich, wenn ich mir jetzt dieses Hemd anschaue, dort ein Etikett finden werde, dass es in China hergestellt wurde. Nun, wir werden jetzt natürlich nicht experimentieren.

All das kann zur absoluten Degradation des Westens im zivilisatorischen Sinne des Wortes führen, denn viele sagen weiterhin: „Ach, welche große Bedeutung hat das denn? Das Design wird ohnehin in Europa gemacht. Das iPhone wird ohnehin in Amerika erfunden. Die Chinesen bauen weiterhin alles nur zusammen. Das ist die Werkhalle des Westens. Und wenn wir ihnen nicht die Möglichkeit geben, unser Design oder unsere technischen Erfindungen zu nutzen, was wird dann aus dieser chinesischen Wirtschaft?“

Mit ihr wird alles in Ordnung sein. Wenn man eine Produktionslinie hat – das weiß jeder Ingenieur, der jetzt diese Sendung sieht, Sie können das in die Kommentare schreiben, wenn Sie wissen, wie eine Produktionslinie funktioniert –, wenn man dieses ganze Fließband sieht, wenn man diese ganze Werkhalle sieht, generiert man neue technologische Ideen.

Neue technologische Ideen entstehen nicht in der Luft. Die Vorstellung, dass wir hier in einem sauberen Büro, in einem Labor sitzen und erfinden, wie ein iPhone aussehen soll oder welche neuen technischen Funde es geben wird, während sie es dort zusammenbauen, ist eine falsche Vorstellung. Denn der Tag wird zwangsläufig kommen, er kommt bereits, an dem sie, weil sie die Produktionsmöglichkeiten verstehen, ebenfalls zu verstehen beginnen, wie man etwas erfindet.

Um ein Kleidungsdesign zu erfinden, muss man nähen. Wenn hier Schneider sind, wissen sie das sehr gut. Man muss, wenn man so will, mit Nadel und Faden arbeiten können. Und dann erscheint unter tausend Schneidern zwangsläufig ein Dior oder eine Chanel. Die Menschen, die im 20. Jahrhundert die besten Kleidungsdesigner Europas waren, konnten hervorragend nähen. Sie arbeiteten mit Faden und Nadel. Ja, natürlich ist nicht jeder Schneider Balenciaga, aber du wirst niemals Balenciaga werden, wenn du nicht nähen kannst.

Und so hat der Westen faktisch all diese Nadeln, Fäden, Maschinen, Fabriken und Werke den Chinesen gegeben und tut jetzt faktisch alles Mögliche, um sich selbst davon zu überzeugen, dass es auch weiterhin so funktionieren wird. Das wird es nicht.

Aber es gibt noch einen Punkt, der mich in dieser Situation sogar noch mehr beunruhigt. Damit all diese Ideen entstehen, muss das Land, das Ideen generiert – hier spreche ich von den Vereinigten Staaten von Amerika –, offen für neue Menschen sein. Nicht nur für Menschen mit Diplomen und akademischen Graden. Nicht nur für Albert Einstein, der vor Hitler flieht, obwohl auch das nicht schlecht ist, sondern für gewöhnliche einfache Pakistaner, Inder oder Ukrainer, bei denen morgen, am 12. Juni 2026, ein Albert Einstein geboren wird. Wenn man aber eine Migrationspolitik Donald Trumps betreibt, kehrt man zum Modell eines provinziellen Landes zurück, in dem niemand geboren wird. Auch das muss man verstehen, wenn wir über die Zukunft sprechen.

Das heißt, Amerika betreibt jetzt faktisch eine Politik, die in die Vergangenheit gerichtet ist und nicht in die Zukunft. Amerika hat aufgehört, eine Werkhalle zu sein, und hält sich jetzt ausschließlich an irgendwelchen bedingten Silicon-Erinnerungen fest. Denn ich wiederhole noch einmal: Wissenschaftlich-technische Unternehmen, die von der Produktion losgelöst sind, verfallen früher oder später.

Amerika verliert die Migration. Stellen Sie sich vor, wie die amerikanische Wirtschaft heute aussähe, wenn man die Familie Musk, die Eltern von Musk, Elon Musk selbst, einen Menschen aus der Republik Südafrika, nicht in die Vereinigten Staaten gelassen hätte. Und so ist es mit vielen Menschen. Ich spreche wieder nicht über die politischen Ansichten der Familie, sondern darüber, wie eine riesige Zahl von Ideen generiert wurde.

Und außerdem hat Amerika gezeigt, dass es viele Dinge nicht mit seiner Stärke lösen kann, dass es in der modernen Welt Grenzen seiner Stärke gibt. Und hier kommen wir wieder zu der Frage, wie sich all das weiterentwickeln wird. Wird es den Vereinigten Staaten gelingen, zumindest ein nicht sehr großes Problem zu lösen, nämlich die Möglichkeit der Öffnung der Straße von Hormus, um das Funktionieren der Weltwirtschaft wiederherzustellen?

Ich werde die Fragen beantworten, die mit dieser Sendung verbunden sind und während dieser Sendung gestellt wurden.

Frage: Was ist Ihre Meinung, Herr Vitaly: Hätte es für die Ukraine Sinn, interethnische Konflikte auf dem Territorium Russlands zu provozieren, um es zu destabilisieren und unseren Kampf gegen sie zu erleichtern? Oder hat das keinen Sinn?

Portnikov: Wissen Sie, Sie leben wieder einmal in Bedingungen, die Russland selbst erfindet. Es ist unmöglich, einen künstlichen ethnischen Konflikt zu provozieren. Wenn es eine reale ethnische Konfrontation gibt, wird sie zwangsläufig explodieren. Wenn es einen ethnischen oder nationalen Konflikt gibt, wird er zwangsläufig explodieren, selbst wenn man alles Mögliche tun wird, um seine mögliche Entwicklung zu verhindern. Wenn es dafür keine Voraussetzungen gibt oder, sagen wir, einen starken Unterdrückungsapparat gibt, der den Menschen nicht erlaubt, ihre Möglichkeiten zu zeigen, dann wird es keinen Konflikt geben.

Russland ist zweifellos ein, ich würde sagen, sehr konfliktträchtiges Land, was die Haltung ethnischer Russen gegenüber anderen Völkern betrifft, vor allem natürlich gegenüber den Völkern des Kaukasus mit ihrem explosiven Potenzial. Aber Russland ist zugleich ein Land, das zwei Tschetschenienkriege erlebt hat. Aus diesen Tschetschenienkriegen haben die Völker Russlands einen einfachen Schluss über Gewichtsklassen gezogen und darüber, wozu das Zentrum fähig ist, um die Souveränität der Russischen Föderation in jenem Verständnis dieser Souveränität zu schützen, das heute im Kreml existiert.

Sie wissen, dass der Kaukasus auch jetzt eine Krisenregion bleibt, die im Grunde in einem Modus ständiger Antiterroroperation, der Willkür der Geheimdienste oder von Regimen wie dem Regime in Tschetschenien lebt, die russische Interessen sichern. Was können Sie also provozieren?

Ein wichtiger Moment ist auch die Tatsache, dass in den vergangenen 26 Jahren, den Jahren gerade von Putins Herrschaft, die Russifizierungsprozesse in der Russischen Föderation – gerade die Russifizierungsprozesse –, die Wahrnehmung einer riesigen Zahl junger Menschen nichtethnischer Russen von sich selbst nicht als Bürger der russischen Fédération, sondern als Russen, um ein Vielfaches zugenommen hat. Vieles ist geschehen, was nicht einmal in der sowjetischen Epoche geschah, etwa die Abschaffung des verpflichtenden Unterrichts der Sprachen nationaler Minderheiten in ihren eigenen nationalen Republiken. Die vollständige Verwandlung des Nationalen, würde ich sagen, in etwas Perspektivloses. Und auch das trägt natürlich nicht zur Entwicklung dieser Konfliktsituation bei.

Frage: Herr Vitaly, wird es nicht so sein, dass sich die Länder der Welt bald nicht nach Atomwaffen, sondern nach Drohnentechnologien anstellen, die in der Rolle einer solchen Schleuder Davids die Verfügbarkeit von Atomwaffen in naher Zukunft ersetzen können?

Portnikov: Ich glaube nicht, dass Drohnen in ferner Zukunft Atomtechnologie ersetzen können, weil die Ergebnisse des Einsatzes von Drohnen bisher nicht mit dem vergleichbar sind, was vor allem beim Einsatz strategischer Atomwaffen geschehen kann. Und das muss man klar verstehen.

Aber wenn der russisch-ukrainische Krieg noch einige Jahre dauern wird – und alle Grundlagen sprechen dafür, dass uns genau eine solche Entwicklung erwartet –, werden wir im Verlauf dieses Krieges auch mit einer erheblichen technologischen Revolution rechnen können, die vor allem für die Ukraine notwendig sein wird, um der Russischen Föderation in den kommenden Jahren dieses Kampfes wirksam entgegenzutreten.

Und so wird es tatsächlich, wenn es noch einen Krieg im Nahen Osten gibt, wenn es noch einen Krieg in Asien gibt – all das ist möglich, denn wir haben bereits verstanden, dass das 21. Jahrhundert ein ideale Jahrhunderts gerade für den Krieg ist. Es gibt keine Weltordnung mehr, es gibt keine Hauptakteure, sie verlieren im Hinblick auf die Möglichkeit eines Gewaltmonopols. Das bedeutet ein Jahrhundert des Chaos, der Kriege, der Tode, der Epidemien. So wird es in die Menschheitsgeschichte eingehen, falls es in der Menschheitsgeschichte ein 22. Jahrhundert geben wird, denn im Prinzip gibt es derzeit angesichts dessen, wie sich alles entwickelt, kaum Perspektiven für ein 22. Jahrhundert.

Vielleicht ist dies das letzte Jahrhundert. Deshalb ist es so interessant, ich würde sagen, unglaublich erschöpfend, weil sich einerseits die Wissenschaft, neue Möglichkeiten, neue Technologien unglaublich entwickeln, und andererseits Voraussetzungen für das Verschwinden der Menschheit geschaffen werden. Das ist zugleich ein unglaublicher Prozess, würde ich sagen, im Hinblick auf die Entwicklung der Ereignisse.

Aber Krieg ist immer eine rasante Entwicklung des militärisch-technischen Fortschritts. Im Krieg arbeitet die Wissenschaft an der Vernichtung der Menschheit, an neuen Waffen und zugleich an Mitteln, diese Waffen zu bekämpfen oder unschädlich zu machen. Ich denke, ja, es wird eine Waffe geben – es werden nicht Drohnen sein –, die die Antithese zu Atomwaffen sein wird und es erlauben wird, große Massen der feindlichen Bevölkerung in kurzer Zeit effektiver zu vernichten, ohne jene Möglichkeiten einzusetzen, die Atomwaffen bieten. Wir stehen an der Schwelle solcher großen Entdeckungen. Künstliche Intelligenz helfe Ihnen. Sie können selbst mit künstlicher Intelligenz arbeiten. Sie können etwas erfinden.

Frage: Heute beginnt in den Vereinigten Staaten das größte internationale Ereignis, die Fußballweltmeisterschaft. Kann Trump handeln wie einst Putin, also das Ende dieses Ereignisses abwarten und Iran angreifen?

Portnikov: Sie denken völlig logisch. Während der Fußballweltmeisterschaft braucht Trump wahrscheinlich wirklich keinen Angriff auf Iran – wobei wir wieder nicht wissen, wie logisch Trump selbst die Realität wahrnimmt –, weil er die Folgen dieses Angriffs nicht kennt. Und natürlich würde er nicht wollen, dass es während der Fußballweltmeisterschaft irgendwelche Probleme gibt, sagen wir mit amerikanischen Stützpunkten, mit Verbündeten Irans am Persischen Golf. All das ist verständlich. 

Aber hier gibt es ein anderes Problem. Trump hat Iran schon ohne Fußballweltmeisterschaft nicht angegriffen. Wer hat Ihnen gesagt, dass ein amerikanischer Angriff auf Iran zu irgendwelchen spürbaren Ergebnissen führen und vor allem erlauben wird, die Straße von Hormus zu entsperren? 

Schauen Sie sich an, welche Ziele es jetzt im Krieg gibt:

  • Erstens ist Trumps eigentliches Hauptziel, die Straße von Hormus zu entsperren, weil noch einige Monate ihrer Blockade zu unumkehrbaren Folgen in der amerikanischen Wirtschaft führen und allen Hoffnungen der Republikaner, bei den Kongresswahlen wenigstens etwas zu erreichen, ein Ende setzen werden.
  • Zweitens geht es darum, Iran zum Verzicht auf Atomwaffen zu zwingen, wobei völlig unklar ist, wie man das technologisch tun soll, denn wenn man sich nicht auf dem Territorium Irans befindet, werden sie einen trotzdem täuschen.

Die Israelis verstehen das sehr gut, deshalb wollten sie so sehr einen Regimewechsel. Trump kann mit Iran beliebige Abkommen schließen, aber er ist nicht in der Lage, sie real zu kontrollieren, was schon während des vorherigen Abkommens sichtbar war. Das heißt, man ist gezwungen nur einem Regime vertrauen, das bereits genau verstanden hat: Wenn es keine Atomwaffen besitzt, wird es hinweggefegt. Das ist alles. Das ist eine völlig klare Sache, an die man denken muss. Also ja, ich kann mir vorstellen, dass Trump selbst so denken kann wie Sie. 

Lassen Sie uns darüber sprechen, was in der Zukunft geschehen wird. Nicht im Sinne dessen, dass Trump sagt, er könne angreifen, also nicht sagt, sondern denkt, dass er die Iraner nach der Meisterschaft angreifen kann. Was wird er erreichen, wenn er sie nach der Meisterschaft angreift? Denn auch sie können sich in dieser Zeit weiter auf Angriffe vorbereiten, ihr Potenzial wiederherstellen. Verstehen Sie, dass jeder Tag ohne Angriffe ist ein Tag, den er ihnen schenkt, damit sie sich auf den nächsten Angriff vorbereiten können?

Frage: Wie kann man die Russen nach Putin davon überzeugen, dass all ihre Misserfolge mit dem Widerstand der Ukraine zusammenhängen und nicht mit schlechter Führung und damit, dass der Zar getäuscht wurde?

Portnikov: Erstens glaube ich nicht, dass das Ende von Putins Herrschaft automatisch das Ende des russisch-ukrainischen Konflikts als solchen bedeuten wird. Ich denke, dass Putins Nachfolger nicht weniger an der Vernichtung der Ukraine interessiert sein könnte als sein Vorgänger.

Wenn die Machtvertikale des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation erhalten bleibt, kann das absolut so sein. Wenn nach dem FSB die Armee an die Macht kommt, kann ein Präsident-General noch mehr an einem Sieg über die Ukraine interessiert sein, um zu beweisen, dass die Tschekisten den Krieg schlecht geführt haben und eine so einfache Aufgabe wie die Vernichtung irgendeiner Ukraine nicht lösen konnten. Somit verringern sich die Perspektiven des russisch-ukrainischen Krieges im Prinzip nicht, sondern nehmen zu, wenn Putin die politische Bühne verlässt.

Alle Gespräche darüber, dass nach dem Verschwinden Putins der russisch-ukrainische Krieg zwangsläufig enden werde, hängen mit der Mentalität ehemaliger sowjetischer Menschen zusammen, die wissen, dass es nach Stalin immer besser wird. Erstens ist das nicht Stalin, zweitens ist das nicht die Sowjetunion, drittens wird es nach Stalin nicht immer besser, weil Stalin selbst Lenins Nachfolger war und nach Lenin wurde es schlimmer. Niemand weiß also, wie es sein wird.

Man sollte nicht die ganze Zeit auf das Ende von Putins Verbleib im Präsidentenamt warten, um sich dann nicht an diesen Verbleib als die einzige Chance zu denken, den Krieg zu beenden. Sagen wir es so: Wir wissen nicht, was danach sein wird, aber wir verstehen, dass Putin Präsident der Russischen Föderation noch viele Jahre bleiben kann, er ist in einem solchen Alter. Niemand wird ihn daran hindern, 2040 zu kandidieren, wie er sagte – nur wenn die Gesundheit es erlaubt; offensichtlich wird er kandidieren.

Aber wiederum: Putin ist nicht einfach irgendeine Persönlichkeit, er ist ein Diktator an der Spitze einer tschekistischen Vertikale. Die tschekistische Vertikale ist effektiv, stark, bereit zur weiteren Vernichtung aller, ich würde sagen, realen staatlichen Institutionen in Russland. Im Grunde ist das die Herrschaft der Sicherheitsapparate. An ein derartiges Regime kann ich mich übrigens sonst nirgends auf der Welt erinnern.

Frage: Wie sehen Sie das weitere Schicksal der Krim?

Portnikov: Das wird sehr stark davon abhängen, wie sich der Verlauf des russisch-ukrainischen Krieges weiterentwickelt. Im Prinzip sehen wir, dass die Russen irgendwelche realen Möglichkeiten verlieren, den Korridor zu kontrollieren, der zur Krim führt, den Landkorridor. Auf der Krim selbst ist die Lage ziemlich schwer, aber auch wir können, wie Sie verstehen, keine effektive Kontrolle über die Krim herstellen.

Das heißt, mit der Krim geschieht das, was immer mit ihr geschah. Sie ist die Achillesferse jedes Landes, das sie kontrolliert.

– Einst war sie die Achillesferse des Osmanischen Reiches. Dieses verlor die Kontrolle über dieses Gebiet ziemlich leicht, nachdem der russische Staat die Kontrolle über einen Teil des Krim-Khanats auf dem Festland hergestellt hatte und die der Krim faktisch aufgezwungene völlige Unabhängigkeit von der Pforte zu ihrem Verschwinden von der politischen Landkarte der damaligen Welt führte.

– Dann wurde die Krim nach der Vertreibung der Krimtataren zur Achillesferse Sowjetrusslands, das sich als unfähig erwies, sie zu entwickeln, aufgrund des Fehlens einer Bevölkerung, die an die extremen klimatischen Bedingungen der Krim und ihrer Landwirtschaft angepasst war, und aufgrund dessen, dass die Krim keine administrative Verbindung mit dem ukrainischen Festland hatte.

– Dann wurde die Krim zur Achillesferse der Ukraine. Es stellte sich heraus, dass dies genau jene ukrainische Region war, über die der Feind am einfachsten die Kontrolle herstellen konnte, und nicht nur wegen der Präsenz eines Besatzungskontingents in Form der Schwarzmeerflotte.

– Die Krim war die Achillesferse Russlands im Krieg gegen die westlichen Staaten während des berühmten Krimkrieges, den das Russische Reich verlor, was zu ernsten Veränderungen in seiner, ich würde sagen, staatlichen Architektur führte.

– Die Krim war die Achillesferse der Weißen Bewegung, die den letzten Vorposten, die letzte Festung im Widerstand gegen die Bolschewiki nicht halten konnte.

– Jetzt verwandelt sich die Krim erneut in die Achillesferse des Staates, der sie annektiert hat. Es stellt sich heraus, dass diese Halbinsel, vielleicht gerade wegen ihrer Geografie – weil sie eine Halbinsel ist, was soll man tun –, nur unter Bedingungen relativen Friedens normal existieren und sich entwickeln kann. Unter Bedingungen eines militärischen Konflikts verfällt sie vorhersehbar.

Denken Sie einmal darüber nach, wenn wir über die Krim sprechen, wie viele Anstrengungen Putin unternommen hat. Nicht nur Putin, auch Jelzin. Erinnern Sie sich an die 1990er Jahre: 1994 weigerte sich Jelzin, zu einem Staatsbesuch nach Kyiv zu kommen, solange die Frage des Aufenthalts der Schwarzmeerflotte auf der Krim nicht geregelt war; er weigerte sich, den großen Vertrag zwischen Russland und der Ukraine zu unterzeichnen, solange die Ukraine nicht bestimmte Vereinbarungen mit Russland geschlossen hatte.

Diese Vereinbarungen stellten Russland trotzdem nicht zufrieden. Die erste Bedingung, die es Janukowytsch 2010 stellte, war die Unterzeichnung der Charkiwer Abkommen, also die Verlängerung des Aufenthalts der Schwarzmeerflotte in der Ukraine.

Und Sie erinnern sich, dass dies im Grunde der Beginn der Degradation dieses Regimes wurde. Alle sahen, dass Regime Janukowytsch ein Marionettenregime war, als Janukowytsch mit dem damaligen russischen Präsidenten Medwedew diese Abkommen unterzeichnete.

Und was wurde daraus? Dann kam die Annexion der Krim, bei der die Schwarzmeerflotte die Rolle eines Besatzungskontingents spielte. Und was wurde daraus? Wo ist diese Schwarzmeerflotte, möchte ich fragen? Wo ist ihre führende Rolle im Krieg? Wo ist ihre führende Rolle im Schwarzen Meer?

Sie versteckt sich in den Buchten von Noworossijsk. Faktisch werden ihre Möglichkeiten nur genutzt, um Raketenangriffe auf unser Land durchzuführen. Sie hat ihr Flaggschiff verloren, verstehen Sie? Und um uns mit Kalibr-Raketen zu beschießen, hätte man die Krim nicht erobern müssen. Das ist die Antwort auf die Frage.

Frage: Ist in der Ukraine das Saar-Modell als Mechanismus zur Lösung eines Territorialstreits möglich?

Portnikov: Sie geraten wieder in die russische Falle. Zwischen Frankreich und Deutschland gab es tatsächlich die Bereitschaft, die Saarfrage durch ein Referendum auf diesem Gebiet zu lösen, das damals unter französischer Kontrolle stand, damit die Bewohner des Saarlandes entscheiden konnten, wo sie sein werden: in Frankreich oder in Deutschland. Russland und die Ukraine haben keinerlei Territorialstreitigkeiten. Russland hat Gebiete mit ukrainischer Bevölkerung erobert, deren Mehrheit 1991 für eine unabhängige Ukraine gestimmt hat. Das ist erstens.

Zweitens ist die Hauptfrage des russisch-ukrainischen Krieges nicht die Frage der Krim, der Regionen Donezk, Luhansk, Cherson, Saporischschja, sondern die Frage der Existenz des ukrainischen Staates. Selbst wenn Sie den Weg des Saar-Modells gehen und in diesen von Russland kontrollierten Regionen irgendwelche Referenden durchführen würden. Und selbst wenn Sie sich vorstellen, dass sich die Bevölkerung dort entweder für Russland oder für die Ukraine ausspricht, würde das eine einfache Sache bedeuten. 

Wenn sich diese Gebiete für Russland aussprechen, werden sie weiterhin Brückenköpfe für die Besetzung neuer ukrainischer Regionen bleiben. Und wenn sie sich für die Ukraine aussprechen, bedeutet das, dass Russland sie in Zukunft erneut besetzen wird, wenn es dazu in der Lage ist.

Dieser Krieg wird nicht um Territorien geführt. Das Hauptziel Russlands bleibt, ich erinnere noch einmal daran, die Vernichtung der ukrainischen Staatlichkeit und die Rückkehr zum Modell eines russischen Volkes, das auf dem Territorium der Russischen Föderation, der Ukraine und der Republik Belarus lebt.

Bis zur Erfüllung dieser Aufgabe, also bis zum Verschwinden des ukrainischen Volkes von der ethnografischen Karte der Welt, wird die Russische Föderation nicht ruhen. Das muss man einfach akzeptieren.

Und wir werden uns in diesem Krieg entweder gegen die Russische Föderation verteidigen können, oder man wird unter die Geschichte des ukrainischen Volkes als eigenständiger Nation, überhaupt als Nation, abschreiben müssen und sich vom ukrainischen Volk verabschieden müssen, zumindest auf den ethnisch ukrainischen Gebieten.

Einige Menschen werden noch im Exil leben, es wird für eine gewisse Zeit einfach noch ein weiteres Volk in der Emigration ohne Staat geben, bis es verschwindet.

Wenn Sie nicht wollen, dass das geschieht, wenn Sie sich nicht vom ukrainischen Volk verabschieden wollen, vergessen Sie das Saar-Modell. Sie werden sich von Russland nicht mit Territorien freikaufen. Es weiß, was es will. Vielleicht wissen Sie es nicht, aber es weiß es. Und niemand dort verbirgt das.

Warum wollen Sie den Russen ihre Ziele nicht glauben, sondern erfinden sich, dass es nur um den Donbass oder die Krim gehe? Nein, das sind nur die ersten Regionen, die dank der Salamitaktik besetzt werden konnten. Aber Salami wird bis zum Ende geschnitten. Das Ende liegt in der Region Transkarpatien der Ukraine.


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Titel des Originals: Угода чи війна | Віталій Портников. 11.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.06.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Ppl

Neue Schläge gegen Russland | Vitaly Portnikov. 10.06.2026.

Der Ukraine ist es erneut gelungen, empfindliche Objekte der russischen Ölraffinerie- und militärisch-industriellen Infrastruktur zu treffen.

Unter Beschuss gerieten ein Rüstungsunternehmen in Tscheboksary, das Werk „Progress“, das für die Herstellung hochpräziser russischer Technik wichtig ist – all jener Raketen, die anschließend in ukrainischen Städten und Siedlungen einschlagen –, sowie die Ölraffinerie Kuibyschew. Und dies ist bei Weitem keine vollständige Liste der Objekte, die in dieser Nacht getroffen wurden.

Natürlich mag auf den ersten Blick die Tatsache überraschen, dass wir erneut über Unternehmen sprechen, die bereits zuvor in Meldungen über ukrainische Angriffe erwähnt wurden. Tatsächlich ist an einer solchen Situation jedoch nichts Unlogisches. Denn wir verstehen sehr gut, dass Schläge gegen den militärisch-industriellen Komplex der Russischen Föderation und gegen die russische Ölverarbeitung nicht einfach spektakuläre Aufnahmen und Videoreportagen von den Schauplätzen sind. Vor allem geht es darum, die Unternehmen der russischen Ölraffinerieindustrie und des militärisch-industriellen Komplexes außer zu viel Geld Betrieb zu setzen. Es ist der Versuch, ihre weitere Tätigkeit infrage zu stellen.

Weder Videoaufnahmen noch Fotos der Brände nach ukrainischen Angriffen geben Antwort auf die wichtigste Frage: Nach wie vielen Wochen oder vielleicht sogar Tagen stellt die Russische Föderation die Kapazitäten ihrer Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes und ihrer Ölraffinerien wieder her?

Das ist die entscheidende Frage. Denn solche Angriffe werden nicht für Videoreportagen und nicht zur fotografischen Dokumentation durchgeführt, sondern damit die Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes der Russischen Föderation und die Ölraffinerien ihre Arbeit einstellen. Nur unter diesen Bedingungen kann man darauf hoffen, dass man in Russland beginnt, über die Möglichkeit nachzudenken, wenn schon nicht einer Beendigung, dann zumindest einer zeitweiligen Aussetzung des russisch-ukrainischen Krieges.

Um also irgendein reales Ergebnis zu erzielen, müssen Angriffe auf bestimmte Unternehmen systematisch erfolgen. Man darf ihnen keine Möglichkeit geben, ihre Werkhallen wiederherzustellen, keine Möglichkeit, die notwendigen Reparaturarbeiten fortzusetzen, damit die Betriebe erneut arbeiten können. Ziel ist es, dass die Militärindustrie der Russischen Föderation und ihre Ölverarbeitungsindustrie ihre Tätigkeit einstellen und damit die Voraussetzungen für die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges in den kommenden schwierigen Jahren verlieren.

Man kann nicht sagen, dass es in dieser Situation keine Erfolge gibt. Im Gegenteil: Wir sprechen heute davon, dass Russland mehr Öl verkauft als jemals in den vergangenen Jahren. Und dank der Bemühungen der Regierung des Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump wird es zudem die höchsten Öleinnahmen der letzten Jahre erzielen, weil es die Möglichkeit hat, sein Öl an Staaten des Globalen Südens zu verkaufen – entsprechend den faktisch aufgehobenen Sanktionen der Vereinigten Staaten. Doch dieses große Verkaufsvolumen zeigt zugleich, dass die Ölverarbeitungsindustrie der Russischen Föderation nicht funktionieren kann. Einerseits erhält Russland enorme Einnahmen aus dem Ölverkauf, die es benötigt, um den russisch-ukrainischen Krieg in den kommenden Jahren fortzuführen. Andererseits ist es gezwungen, mit derselben Währung – mit Yuan oder Rupien –, die es aus dem Ölverkauf erhält, Erdölprodukte einzukaufen, die eigentlich auf den Raffinerien der Russischen Föderation hätten hergestellt werden könnten, wenn diese nicht durch ukrainische Angriffe zerstört würden.

Damit haben wir die Möglichkeit, zumindest in gewissem Maße jene enormen Einnahmen zu verringern, die der russische Staatshaushalt heute dank der Krise in der Straße von Hormus und dank des Verhaltens der amerikanischen Regierung erhält. Deshalb sehen wir, dass sich in der Russischen Föderation vor dem Hintergrund gewaltiger Öleinnahmen eine echte Treibstoffkrise entwickelt.

Und das ist nicht nur eine Treibstoffkrise für die Bevölkerung der Russischen Föderation. Es sind auch ernsthafte Probleme für die russische Armee. Die einzige reale Antwort der Ukraine auf die Vergrößerung des russischen Staatshaushalts zur Fortsetzung des Krieges – und wir müssen verstehen, dass diese Einnahmesteigerung Präsident Putin ermutigt und ihm die Hoffnung gibt, dass der Abnutzungskrieg noch sehr lange andauern und letztlich zur Kapitulation der Ukraine führen wird – kann die Zerstörung des Ölverarbeitungskomplexes der Russischen Föderation sein, also die Erhöhung der russischen Ausgaben für Erdölprodukte sowie die Zerstörung der russischen Logistik. Das bedeutet die schrittweise Isolierung russischer Regionen ebenso wie der besetzten Gebiete, was die Fortsetzung der Kampfhandlungen erschweren und reale Probleme nicht nur für die Ölverarbeitungsindustrie Russlands und den militärisch-industriellen Komplex der Russischen Föderation schaffen wird, sondern für die gesamte russische Wirtschaft.

Denn wenn es keine Erdölprodukte gibt, können Unternehmen nicht arbeiten, der Gütertransport kommt zum Erliegen, und letztlich wird die wirtschaftliche Entwicklung der jeweiligen russischen Regionen praktisch gestoppt.

Ja, das ist ein langfristiges Programm. Aber wir leben in einem langen Krieg, und die einzige Möglichkeit, zumindest darauf zu hoffen, dass in den kommenden Jahren ein verständlicher Ausweg aus diesem Krieg gefunden wird, besteht darin, die Voraussetzungen für einen solchen Ausweg zu schaffen. Eine dieser Voraussetzungen ist die Systematik ukrainischer Angriffe auf die Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes und der Ölverarbeitung der Russischen Föderation.

Umso mehr, wenn sich die Qualität der ukrainischen Angriffe verbessert, wenn ukrainische ballistische Raketen erscheinen und wenn die Partner uns Raketen liefern, die es ermöglichen, das Territorium der Russischen Föderation wirksamer zu treffen und russische Ressourcen zu zerstören.

Das Verhalten des russischen Präsidenten in den letzten Tagen, seine offensichtliche Weigerung, reale Verhandlungen mit Kyiv zu führen, sowie der Versuch der russischen Führung, vor dem Hintergrund der Vorbereitung neuer zerstörerischer Angriffe auf die Ukraine Friedfertigkeit vorzutäuschen, zeigen, dass Putin seine Überzeugung nicht geändert hat, dass ein Abnutzungskrieg zwangsläufig zum Erfolg führen werde.

Das bedeutet, dass er weiterhin darauf hofft, seine Wirtschaft werde seiner Armee ermöglichen, die Zerstörung der Ukraine fortzusetzen.

Gerade die ukrainischen Angriffe auf russische Unternehmen sollen Putin davon überzeugen, dass seine Hoffnungen zumindest in der absehbaren Zukunft vergeblich bleiben.


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Titel des Originals: Нові удари по Росії | Віталій Портников. 10.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 10.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Trump tauscht Witkoff gegen Theophilos aus | Vitaly Portnikov. 08.06.2026.

Israelische Medien berichten, dass der amerikanische Präsident Donald Trump den orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, Theophilos II., gern in der Rolle eines neuen Vermittlers bei der Regelung der Frage der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges sehen würde. Über eine solche Möglichkeit habe Trump angeblich bei ihrem jüngsten Treffen im Weißen Haus mit dem Patriarchen gesprochen. Und im Patriarchat von Jerusalem bestätigt man tatsächlich, dass der Patriarch sich gern mit Aufgaben humanitärer Natur befassen würde.

Diese Nachricht illustriert erstens, dass sich der Präsident der Vereinigten Staaten hinsichtlich der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges in einer Sackgasse befindet. Seine wichtigsten Vermittler, Steve Witkoff und Jared Kushner, sind mit der Suche nach Auswegen aus einer anderen Krise beschäftigt – der Krise des Krieges mit dem Iran. Und ungeachtet der ständigen optimistischen Erklärungen Donald Trumps ist heute keinerlei reale Perspektive erkennbar, nicht einmal für die Beendigung des Konflikts als solchen, sondern vor allem für die Öffnung der Straße von Hormus. Bleiben wir jedoch gemeinsam mit Donald Trump optimistisch, denn die Folgen eines Scheiterns des amerikanischen Präsidenten bei dieser Aufgabe wären schlicht überwältigend.

Witkoff kann derzeit weder Moskau noch Kyiv besuchen, doch in der russischen Hauptstadt wartet man auch nicht besonders auf den Vertreter Trumps, denn man würde den Verhandlungsprozess gern in die gewöhnliche Routine von Treffen von Kommissionen und Berufsdiplomaten überführen – also in Verhandlungen um der Verhandlungen willen, die es dem russischen Präsidenten Putin erlauben würden, die Zerstörung der Ukraine fortzusetzen. Witkoff hingegen erwartet vom russischen Präsidenten ständig irgendwelche schnellen Ergebnisse, die Putin nicht interessieren.

Und nun hat Trump entschieden, dass möglicherweise der Patriarch von Jerusalem Putin überzeugen könne, seinen Standpunkt zu ändern. Zumal ein Treffen Theophilos’ II. mit dem russischen Präsidenten bereits für diesen Monat geplant ist.

Schon die Idee einer Vermittlung durch den Patriarchen von Jerusalem demonstriert eine weitere wichtige Eigenschaft der gegenwärtigen amerikanischen Administration: mangelndes Verständnis der Situation, man könnte sagen Dilettantismus. Muss es dort denn nicht irgendwelche Spezialisten für die orthodoxe Welt geben? 

Denn Theophilos II., der zu Beginn seines Patriarchats ein Mann war, der sich scharfe Kritik an der Russisch-Orthodoxen Kirche erlaubte, wurde mit der Zeit zu einem der prorussischsten Patriarchen der orthodoxen Welt überhaupt – bis hin zu dem Versuch, ein schismatisches Treffen der Patriarchen im jordanischen Amman abzuhalten, was vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios verurteilt wurde.

Allerdings muss man der Wahrheit ins Auge sehen: Viele Oberhäupter orthodoxer Kirchen konnte der Patriarch von Jerusalem damals nicht versammeln. Doch der Kriegspatriarch Kirill kam. Ebenfalls kamen die der Russisch-Orthodoxen Kirche nahestehenden Oberhäupter der georgischen und der serbischen Kirche.

Patriarch Theophilos ist ein überzeugter Gegner der autokephalen Orthodoxen Kirche der Ukraine und ein Anhänger der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats. Er gehört nicht einfach zu jenen, die die Rückkehr der Orthodoxen Kirche der Ukraine auf die religiöse Landkarte der modernen Welt nicht anerkennen. Er gehört zu jenen, die aktiv gegen diese Entscheidung des Ökumenischen Patriarchen kämpfen, und seine Position stimmt mit der Position Präsident Putins und des russischen Patriarchen Kirill überein.

Im vergangenen Jahr erhielt der Patriarch von Jerusalem Theophilos II. vom Präsidenten der Russischen Föderation den Orden der Freundschaft. Ganz so wie der inzwischen ehemalige ungarische Außenminister Péter Szijjártó. Und er erhielt ihn nicht ohne Grund, denn die faktische Bedienung der Interessen der Russischen Föderation und der Kirche Patriarch Kirills durch den orthodoxen Patriarchen von Jerusalem ist für jeden, der sich in den Ereignissen der orthodoxen Welt auskennt, keineswegs eine große Neuigkeit.

Übrigens besitzt Patriarch Theophilos II. auch einen ukrainischen Orden. Er könnte ihn Donald Trump als weitere Zeile in seinem Lebenslauf präsentieren, die den amerikanischen Präsidenten von der Fähigkeit des Patriarchen von Jerusalem überzeugen sollte, zwischen Moskau und Kyiv zu vermitteln. Nur wurde dieser Orden, der Orden Jaroslaws des Weisen, dem Patriarchen von Jerusalem von niemand anderem als Viktor Janukowytsch verliehen. Und mir scheint, dass dies eine recht passende Ergänzung zu der hohen Auszeichnung ist, die der Patriarch von Jerusalem von Präsident Putin erhalten hat.

Zu behaupten, dass der orthodoxe Patriarch von Jerusalem ein wirklicher Vermittler zwischen Moskau und Kyiv sein könne, kann daher nur jemand, der nicht versteht, wen er vor sich hat.

Mit anderen Worten: Theophilos II. ist ein entschiedener Anhänger der Russischen Föderation. Er könnte weniger vermitteln als vielmehr Präsident Zelensky oder anderen ukrainischen Führungspersönlichkeiten Ultimaten des Präsidenten der Russischen Föderation überbringen. Eine Art Abramowitsch in einer Soutane. Und politisch betrachtet enthält der Lebenslauf des orthodoxen Patriarchen von Jerusalem nichts anderes.

Doch offensichtlich muss Donald Trump die Aktivität imitieren, um zu demonstrieren, dass er den russisch-ukrainischen Krieg nicht vergessen hat, und zugleich nichts Realistisches tun, damit dieser Krieg tatsächlich endet. Denn wenn der amerikanische Präsident dies wirklich wollte, würde er nicht mit dem orthodoxen Patriarchen von Jerusalem über irgendetwas sprechen, sondern das Gesetz unterzeichnen, das kürzlich vom amerikanischen Kongress verabschiedet wurde.

Denn um den Krieg zu beenden, muss man das militärische und ölverarbeitende Potenzial der Russischen Föderation zerstören, die russische Wirtschaft in die Knie zwingen und Bedingungen für den Zusammenbruch des Putin-Regimes schaffen. Und das kann nur mit amerikanischer Hilfe und nur mit amerikanischem Geld geschehen, wenn man es schnell machen will.

Und das ist weit wirksamer als irgendwelche Gebete des orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, Theophilos II. Zumal offensichtlich ist, dass dieser Kirchenfunktionär ausschließlich für die Gesundheit und das Wohlergehen des Präsidenten der Russischen Föderation Putin und seines kriegerischen Pseudopatriarchen Kirill beten wird.


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Titel des Originals: Трамп міняє Віткоффа на Феофіла | Віталій Портников. 08.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 08.06.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Der Skandal zwischen Polen und der Ukraine wegen der UPA. Die Erklärungen von Wałęsa und Nawrocki, Zelenskys Orden. Vitaly Portnikov. 30.05.2026.

Andrij Smolij: Unverhofft und unerwartet sind wir wieder in irgendeinen diplomatischen Skandal mit Polen geraten, wieder rund um die ungelösten Fragen aus unserer gemeinsamen jüngeren Vergangenheit. Ich meine natürlich das 20. Jahrhundert. Und diesmal begann alles damit, dass Präsident Zelensky beschloss, einem Zentrum der Spezialoperationskräfte den Namen der Helden der UPA zu verleihen.

Für die Ukraine schien das eine eher unauffällige Angelegenheit zu sein. Wahrscheinlich hätte niemand darauf geachtet. Aber in Polen hat man darauf geachtet. Zunächst erklärte der ehemalige Präsident und Held der Samtenen Revolution der späten 1980er Jahre in Polen, Lech Wałęsa, er sei zutiefst empört und werde aus Protest irgendein Abzeichen mit der ukrainischen Flagge nicht mehr tragen. Danach griff der amtierende Präsident Polens, Karol Nawrocki, die Geschichte auf und sagte, er werde alles tun, um Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Das ist die höchste staatliche Auszeichnung der Republik Polen.

Dazu kamen noch irgendwelche Protestnoten von israelischer Seite, die sich gegen die Umbettung von Andrij Melnyk richten.

Kurz gesagt, das ist nun diese Geschichte. Und man sollte wohl vorsichtig auf all das reagieren. So scheint es mir jedenfalls. Aber was sehen wir in dieser Geschichte? Hat Präsident Zelensky vielleicht etwas überstürzt getan, ohne es ausreichend zu durchdenken? Obwohl das schwer zu glauben ist. Oder wird es nie einen besseren Zeitpunkt geben, um diese unsere, ich weiß nicht, bereits eiternden Wunden der ungelösten Geschichte freizulegen, und man muss das einfach Schritt für Schritt tun? Ich weiß nicht, wie ich das bis zum Ende beurteilen soll.

Portnikov: Glauben Sie wirklich, dass Präsident Zelensky, als er dieses Dekret unterschrieb, auch nur eine Minute lang daran dachte, dass dies zu irgendeinem Konflikt mit Polen führen könnte? Für ihn war das irgendeine Standardhandlung, irgendeine Umbenennung, die Verleihung eines Namens an eine militärische Einheit zu Ehren der Ukrainischen Aufstandsarmee, die Teil dessen ist, was ich die militärische Ikonostase der Ukraine nennen würde. Wenn es in Lwiw oder anderen Städten Straßen der Helden der UPA gibt …

Andrij Smolij: Hundert Dokumente zur Unterschrift. Er hat einfach unterschrieben, unterschrieben und gar nicht darauf geachtet?

Portnikov: Vielleicht hat wirklich niemand darauf geachtet, denn die Idee der Ukrainischen Aufstandsarmee als Beispiel für Heldentum und als Objekt ukrainischer Glorifizierung existiert ja nicht erst seit gestern. Deshalb war die polnische Reaktion nicht vorhersehbar. Denn wenn man in Polen einfach nicht auf diese Geschichte aufmerksam geworden wäre? Wenn man sie einfach nicht bemerkt hätte? Hätte das passieren können? Ja, das hätte passieren können. Dann hätte es keinen Skandal gegeben.

Es gibt offensichtliche Dinge in den ukrainisch-polnischen Beziehungen, die man verstehen muss. Beide Länder haben völlig unterschiedliche Vorstellungen von historischer Erinnerung. Das ist eine offensichtliche Tatsache. Genau deshalb arbeiten in solchen Ländern Historikerkommissionen. Sie klären schwierige Fragen, versuchen gemeinsame Nenner zu finden, gemeinsame Initiativen vorzuschlagen, nicht das zu suchen, was trennt, sondern das, was verbindet.

Es gibt einen einfachen Unterschied: Wir sagen Polen niemals, wie es etwas zu nennen hat. Polen versucht uns dagegen sehr oft zu sagen, wie wir etwas nennen sollen. Das ist der Unterschied im Ansatz. Ich halte das für falsch. Das ist der Kernpunkt.

Nein, es geht nicht um die Ukrainische Aufstandsarmee, ihre historische Rolle oder ihre Bewertung in Polen. Polen hat jedes Recht, jeden beliebig zu bewerten. Es ist ein souveräner Staat. Polen ist gerade deshalb ein souveräner Staat, weil es diese Möglichkeiten hat. Es ist ein großes Glück, dass Polen Anfang des 20. Jahrhunderts auf die politische Landkarte der Welt zurückkehrte.

Das polnische Volk erhielt endlich diese Möglichkeit. Ich habe mich immer darüber gefreut – sowohl über das Wunder an der Weichsel als auch über die Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit und schließlich über den Übergang dieses Staates aus der Kategorie sowjetischer Satelliten zu einem unabhängigen europäischen Staat. Dafür muss man Lech Wałęsa und seiner historischen Rolle danken. Und das ist eine viel wichtigere historische Rolle als das, was er jetzt über die historischen ukrainisch-polnischen Beziehungen sagt.

Aber man muss verstehen, dass auch die Ukraine seit den 1990er Jahren in einen solchen Status überging. Zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk sowie den Staaten gab es immer unterschiedliche Bewertungen bestimmter historischer Persönlichkeiten. Und zwar nicht nur der Helden der UPA.

Bohdan Chmelnyzkyj ist für die Ukrainer ein Mensch, der den Grundstein für ihre nationale Unabhängigkeit gelegt hat. Für die Polen ist er jemand, der faktisch begann, die Adelsrepublik zugunsten des Moskauer Zarenreiches zu zerstören. Das sind, wie Sie verstehen, völlig unterschiedliche Bewertungen derselben Persönlichkeit.

In der Ukraine gibt es den Orden Bohdan Chmelnyzkyj. Es ist schwer vorstellbar, dass ein solcher Orden in Polen existieren könnte, oder? Kaum ein Pole würde sich wünschen, mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj ausgezeichnet zu werden. Ich sage Ihnen noch mehr: Auch ich selbst würde nicht besonders gerne mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj ausgezeichnet werden, wie Sie wahrscheinlich verstehen.

Aber ich verstehe sehr gut ethnische Ukrainer, die gerne einen solchen Orden auf ihrer Brust tragen würden. Die Geschichte ist einfach komplizierter, als sie uns erscheint.

Andrij Smolij: Ich denke, sogar Taras Hryhorowytsch Schewtschenko hätte einen solchen Orden nicht besonders gewollt.

Portnikov: Taras Hryhorowytsch Schewtschenko hätte den Orden Bohdan Chmelnyzkyj ganz sicher nicht gewollt. Er hätte ihn niemals angenommen. Niemals.

Aber auch hier gilt: Es gibt unterschiedliche Ukrainer. Das ist eine Besonderheit jeder Nation. Sie haben Schewtschenko völlig zu Recht erwähnt, denn Schewtschenko, im Unterschied zu mir ein ethnischer Ukrainer, hasste Chmelnyzkyj als historische Figur, ich würde sagen, vielleicht sogar mehr als ich. Und er hatte das Recht dazu.

Gleichzeitig haben Menschen das volle Recht, Bohdan Chmelnyzkyj anders zu betrachten und seine historische Rolle im Kontext aller späteren Ereignisse zu bewerten.

Andrij Smolij: Wissen Sie, Herr Vitaly, vor etwa zwanzig Jahren hörte ich oft von Historikerkollegen, die irgendwie an diesem Dialog beteiligt waren: „Lasst uns in Ruhe. Wir werden das mit den polnischen Kollegen schon irgendwie klären und euch dann sagen, wie es steht.“

Aber heute funktioniert das einfach nicht mehr. Ganz gleich, wie hervorragend ein Historiker ist und wie erfolgreich eine akademische Konferenz verläuft. Jetzt wurden diese Treffen wieder aufgenommen, und das ist großartig. Aber wir verstehen auch, dass irgendein Influencer auf TikTok zehn Millionen Aufrufe sammeln kann, völligen Unsinn und Unwissenheit vermischt mit Xenophobie verbreitet – und zehn Millionen Menschen sehen das. Damit wird alles zunichtegemacht, woran Historiker zwei Jahre lang gearbeitet haben. Das ist eine neue Situation. Wir können nicht einfach sagen: „Die Historiker werden sich schon einigen.“

Portnikov: Nein, sehen Sie, zweifellos kann ein TikTok-Influencer alles Mögliche tun. Er kann Ihnen sogar zeigen, wie man in der eigenen Wohnung ein Raumschiff baut und zum Mars fliegt.

Aber wir sprechen hier über Staatspolitik. Das ist nicht einfach ein gesellschaftlicher Konflikt. Gesellschaften können sich auf TikTok, Facebook oder sonst irgendwo beliebig über historisches Erbe austauschen.

Jetzt handelt es sich um einen Konflikt auf staatlicher Ebene, weil Präsident Karol Nawrocki sich eingeschaltet hat. Er sagt, sein ukrainischer Kollege habe eine falsche Entscheidung getroffen. Am 6. Juni will er dem Kapitel des Ordens des Weißen Adlers die Frage vorlegen, Zelensky diesen Orden abzuerkennen.

Dabei müssen wir verstehen: Zelensky erhielt diesen Orden nicht als Privatperson und nicht aufgrund persönlicher Verdienste gegenüber Polen, sondern als Präsident eines Landes, das weiterhin faktisch Europas Schild gegen die russische Invasion ist – vor allem Polens Schild. Denn wenn die Ukraine zusammenbricht, wird Polen an seinen Grenzen genau das bekommen, was es nie bekommen wollte.

Dann wird es weder um den Weißen Adler noch um Zelensky gehen. Dann beginnt für das polnische Volk ein ganz anderes Leben – ein Leben, das ich dem polnischen Volk keinesfalls wünsche. Als Journalist würde ich natürlich gerne sehen, wie die Menschen darauf reagieren würden. Ich möchte nur nicht, dass all das auf Kosten der Ukraine geschieht.

Deshalb sage ich: Wenn wir anfangen zu erklären: „Lasst uns dem Präsidenten der Ukraine, den wir für den mutigen Widerstand des ukrainischen Volkes gegen die russische Aggression ausgezeichnet haben, diesen Orden wieder wegnehmen – praktisch für die Fortsetzung dessen, was einst die polnischen Aufstände unter dem Motto ‚Für unsere und eure Freiheit‘ begonnen haben –, lasst uns ihm den Orden wegnehmen, weil er eine falsche Entscheidung über die Benennung einer ukrainischen Militäreinheit getroffen hat.“

Wunderbar. Ich freue mich sehr. Das ist politische Schizophrenie auf staatlicher Ebene. Schizophrenie auf staatlicher Ebene.

Dabei bin ich der Meinung, dass der Präsident Polens und auch der Ministerpräsident Polens – der sich übrigens ebenfalls nicht gerade begeistert dazu geäußert hat – ruhig mit einer Erklärung auftreten können, in der sie eine solche Entscheidung verurteilen. Und damit sollte alles enden. Er hat eine Entscheidung getroffen, sie hätten eine völlig andere Entscheidung sehen wollen. Sie haben diese Entscheidung verurteilt, und dann arbeitet man weiter. So sollte das funktionieren, wenn man sich überhaupt einmischen will.

Obwohl ich noch einmal sage: Ich halte es keineswegs für notwendig, dass man in irgendeinem anderen Land erklärt, wen und wie man auszeichnen soll. Das ist ein imperialer Ansatz, der Russland eigen ist. Erinnern Sie sich übrigens: Es ist nicht das erste Mal, dass es eine solche Geschichte gibt. Seinerzeit verurteilte man in Warschau Viktor Juschtschenko, der Stepan Bandera den Titel Held der Ukraine verliehen hatte. Erinnern Sie sich?

Andrij Smolij: Ja.

Portnikov: Ja. Auch damals gab es einen riesigen Skandal. Aber wiederum: Juschtschenko war Präsident der Ukraine. Er entscheidet selbst, wen er auszeichnet. Übrigens erinnere ich mich nicht, dass damals die Frage gestellt wurde, Juschtschenko irgendwelche polnischen Orden abzuerkennen. Ich weiß nicht, ob er sie hatte oder nicht, aber so war diese Geschichte.

Wir sprechen ja nicht über Persönlichkeiten, sondern über das staatliche Verhältnis zur Geschichte. Dieses staatliche Verhältnis zur Geschichte findet nicht auf TikTok statt. Und gerade der Staat müsste sich um einen Dialog auf staatlicher Ebene kümmern. Das sollte keine gesellschaftliche Historikerkommission sein. Dann können Präsidenten bei sich irgendein historisches Forum schaffen oder die Außenminister.

Wie Sie wissen, leitete ich einst den ukrainischen Teil des ukrainisch-polnischen Forums für Zusammenarbeit, schon, wenn ich mich nicht irre, während der Präsidentschaft von Andrzej Duda. Auf polnischer Seite wurde dieses Forum von dem bekannten polnischen Historiker und Fachmann für polnisch-ukrainische Beziehungen, Jan Malicki, geleitet. Und wenn wir uns trafen – Vertreter der Ukraine, Polens, gesellschaftliche Akteure, Historiker, Diplomaten, Leiter von Hochschulen –, diskutierten wir viele solcher schmerzhaften Probleme, darunter auch historische Fragen. Wir traten mit Initiativen auf, suchten Wege, die verbinden.

Übrigens lud uns Doktor Malicki auf einen Friedhof in Warschau ein, auf dem Veteranen der Ukrainischen Volksrepublik begraben sind, die nach 1920 gezwungen waren, die Ukraine zu verlassen. Sie hatten zusammen mit polnischen Truppen in der Armee von Symon Petljura und Józef Piłsudski gekämpft. Wir fuhren übrigens gemeinsam nach Wolhynien, nach Luzk, und sprachen ebenfalls darüber, wie wichtig es ist, diese gesellschaftlichen Verbindungen wiederherzustellen, wie wichtig es ist, Verständigung wiederherzustellen.

Das ist also alles mühsame Arbeit, verstehen Sie, für Menschen, die sehr genau verstehen, wie groß das Niveau dieser historischen Probleme ist, die zwischen Ukrainern und Polen keineswegs mit dem Zweiten Weltkrieg erschöpft sind. Und sie verstanden, dass das keine Arbeit für ein Jahr und nicht für ein Jahrzehnt ist. Wichtig ist nur, daraus keinen politischen Konflikt zwischen Staaten zu machen. Das ist wichtig. Das ist der Fehler.

Genauso halte ich es für einen Fehler der ungarischen Seite, bereits der neuen ungarischen Regierung, die Frage der europäischen Integration der Ukraine lösen zu wollen, indem man irgendwelche ultimative Forderungen stellt, die die ukrainische Regierung erfüllen müsse. Aber diese Fragen hängen nicht mit der europäischen Integration der Ukraine zusammen, sondern ausschließlich mit den ungarisch-ukrainischen Beziehungen aus Sicht der ungarischen Regierung darauf, wie die Rechte nationaler Gemeinschaften gewährleistet werden sollen, insbesondere der Ungarn in Transkarpatien. Das ist ebenfalls kein konstruktiver Ansatz, wie wir verstehen. Ein konstruktiver Ansatz wäre, für die europäische Integration der Ukraine zu kämpfen und dann gemeinsam in der Europäischen Union faktisch alles Mögliche zu tun, damit Menschen gleiche Rechte haben. Nicht wahr?

Ich sage das die ganze Zeit. Ich verstehe auch das nicht. Ich erinnere immer daran: Wenn es der Ukraine irgendwann gelingt, der Europäischen Union beizutreten, bedeutet das, dass alle ethnischen Ungarn in einer geopolitischen Vereinigung leben. In der Slowakei, in Rumänien, in Ungarn, in der Ukraine – alle ethnischen Ungarn leben ohne Grenzen in einer Vereinigung, haben freie Möglichkeiten, sich zu bewegen, Arbeit zu finden, Ungarisch zu sprechen, an ungarischen Einrichtungen in Ungarn zu lernen, wenn sie das möchten, oder an ukrainischen in der Ukraine. Es gibt kein Trianon mehr. Trianon ist vorbei. Aber Sie sehen ja, dass die Regierung in Budapest die ganze Zeit einen anderen Weg geht.

Andrij Smolij: Mir scheint, dass selbst die ungarische Minderheit, die heute in der Ukraine, in Transkarpatien, in diesen kompakten Siedlungsgebieten lebt, wo sie die Mehrheit bildet, keine großen Probleme hat, nach Ungarn hin und zurück zu fahren. Sie hat keine Probleme damit, in Ungarn zu studieren.

Portnikov: Natürlich, aber es gibt eine Grenze. Zwischen der Europäischen Union und der Ukraine gibt es eine Staatsgrenze. Wenn die Ukraine Mitglied der Europäischen Union wird, wird es keine Grenze geben.

Andrij Smolij: Das stimmt.

Portnikov: Das hat große Bedeutung, verstehen Sie? Wenn Sie von Ungarn in die Ukraine so fahren werden, wie Sie von Ungarn in die Slowakei fahren, ohne überhaupt zu bemerken, dass dort einmal eine Grenze war. Das hat psychologisch und emotional enorme Bedeutung, glauben Sie mir. Ich schaue einfach auf Tirol, sagen wir, das nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Italien und Österreich geteilt wurde.

Dort lebt im italienischen Tirol ein großer Teil der deutschsprachigen Bevölkerung, Menschen, die sich als Tiroler verstehen. Wie Sie verstehen, hielten sich diese Menschen vor dem europäischen Projekt für von den Tirolern in Österreich abgeschnitten. Dieses Gefühl gibt es heute nicht mehr. Mehr noch, sogar die Integration mit Italien selbst hat sich in diesem Teil verstärkt, weil die Menschen sich nicht bedroht fühlen: Sie steigen ins Auto und fahren in den anderen Teil Tirols. Sie sind italienische Staatsbürger. Das passt ihnen völlig. Sie haben dort ihr eigenes Leben in Italien, aber sie können jederzeit Tiroler sein. EU Region Tirol. Fertig.

Genau so wird das in Europa gelöst. Warum sollten wir also nicht in Europa sein? Warum braucht Budapest künstliche Hindernisse zu errichten, um das zu bremsen? Ich verstehe das nicht, wenn sie wirklich an die Ungarn in Transkarpatien denken.

Andrij Smolij: Nun, die Ungarn in Transkarpatien, wiederum, wer in diesen Regionen war, weiß, dass es dort manchmal schwierig ist, irgendwelche Aufschriften etwa auf Ukrainisch zu finden, was für einen ukrainischen Bürger einfach unbequem ist, wenn er sich im Staat Ukraine befindet.

Portnikov: Ich verstehe das. Aber in Tirol, in Italien, können Sie ebenfalls möglicherweise keine Aufschrift auf Italienisch finden, Menschen, die Italienisch sprechen, kann man dort ebenfalls möglicherweise nicht finden. Zumindest in ländlichen Gegenden. Davon sprechen wir doch nicht. So ist es an Orten mit einer großen Konzentration nationaler Gemeinschaften. Wobei wiederum Tirol als Teil Italiens, dieses Südtirol, schon mehr als 100 Jahre existiert. Und das hat, sozusagen, die Sprachdisziplin nicht beeinflusst. Nein, wahrscheinlich kennen die Menschen Italienisch, aber sie benutzen es irgendwie nicht besonders.

Andrij Smolij: Aber sehen Sie, im Großen und Ganzen haben wir keine historischen Probleme mit Ungarn. Obwohl es in Wirklichkeit im 20. Jahrhundert sehr, sehr vieles gab, wofür man den Ungarn, der ungarischen Regierung, Rechnungen stellen könnte. Sie stand Versuchen der Ukrainer, auf diesen Gebieten Unabhängigkeit auszurufen und sich in Richtung Unabhängigkeit zu bewegen, sehr, sehr, sehr feindlich gegenüber, im Vergleich etwa zu denselben Slowaken oder Tschechen.

Aber andererseits, wenn man diese Situation überträgt und wieder zu den Polen zurückkehrt: Vielleicht hindert uns tatsächlich, dass wir im Dialog mit den Polen ständig in die Rolle eines gewissermaßen jüngeren Bruders geraten, historisch gesehen.

Portnikov: Ich denke, das Problem liegt nicht nur darin, sondern darin, dass die Symbiose zwischen Ukrainern und Polen dennoch viel länger und dichter ist als die zwischen Ukrainern und Ungarn. Der ukrainisch-ungarische ethnische Kontakt fand auf einem vergleichsweise kleinen Territorium statt. Wenn man sich dagegen die Präsenz der Ukrainer im Königreich Ungarn, sogar in Österreich-Ungarn, und die Präsenz der Ukrainer in der Adelsrepublik ansieht, ist das eine völlig besondere Geschichte. Eine Geschichte, die sich über Jahrhunderte erstreckt.

Die Geschichte der Beziehungen zwischen dem Großfürstentum Litauen und der Krone. Die Geschichte der Übergabe ukrainischer Länder an die Krone. Die Geschichte des Chmelnyzkyj-Aufstandes. Das alles ist gemeinsame Geschichte der Ukraine und Polens. Staatliche Geschichte. Geschichte der Nachbarschaft von Völkern, ihrer zivilisatorischen Konkurrenz. Das ist immer so. Das ist einfach eine viel größere Nähe in allen Fragen.

Und man kann auch nicht sagen, dass dies auf dem gesamten Gebiet der heutigen Ukraine so war. Und man kann auch nicht sagen, dass es sich nur auf Galizien beschränkte. Galizien und Wolhynien – das ist im Grunde die Geschichte der letzten Jahrhunderte. Aber eine solche Symbiose gab es auch in der Großen Ukraine, wo sowohl Ukrainer als auch Polen lebten. Und lange Zeit war dieses Gebiet ebenfalls Teil der Adelsrepublik und davor des Großfürstentums.

Diese Symbiose reicht einfach tief. Und das ist, würde ich sagen, sowohl Freundschaft als auch Feindschaft und die Suche nach irgendeiner Zusammenarbeit. Das ist einfach eine so lange und komplizierte Geschichte, dass es in einer solchen langen und komplizierten Geschichte nicht nur eine Farbe geben kann, weiß oder schwarz.

Andrij Smolij: Wenn man, wissen Sie, dennoch über diese Diskussion nicht zwischen Historikern und Intellektuellen spricht, sondern über das, was als normale Reaktion gewöhnlicher Menschen auf das geschieht, was gerade rundherum passiert, insbesondere diese Verleihung des Namens der Helden der UPA und die Reaktion der Polen, dann sagen sehr viele meiner Bekannten, vernünftige Menschen, dass – und wieder höre ich diesen Satz – die Polen Imperialisten seien, sie seien um nichts besser als die Russen. Ich denke, in Moskau ist man sehr zufrieden.

Portnikov: Ich denke, Menschen können gekränkt sein, aber man muss sich immer erinnern: Die Ukraine hat nur eine Wahl. Entweder Teil Europas werden oder Teil Russlands werden. Das heißt, wir werden entweder irgendwie den Dialog mit unseren europäischen Nachbarn – mit Polen, der Slowakei und Ungarn – aufrechterhalten müssen, oder uns damit abfinden müssen, dass es das ukrainische Volk nicht geben wird, dass es Teil Russlands sein wird.

Übrigens werden die Polen dann ganz sicher nichts diktieren. Dann werden hier Atomwaffen stehen. Dann werden wir auf jede Frage sagen: „Hören Sie, Drohnen und Atomwaffen werden Sie gehorsam machen. Wir werfen einfach eine Atombombe auf Warschau, und Sie werden verstehen, was normales Leben bedeutet.“ Das, was es in der Sowjetunion gab, nicht wahr?

Das heißt, wenn Sie wollen, dass Ihnen niemand aus Polen oder Budapest etwas diktiert: Koffer, Bahnhof, Russland. Nicht einmal Koffer und Bahnhof sind nötig. Ihr Territorium kann Teil Russlands werden, und mit diesem großen Staat werden Sie allen anderen alles diktieren. Wenn es natürlich gelingt.

Wenn wir aber wollen, dass hier die Ukraine bleibt, dann haben Sie wiederum eine einfache Wahl. Entweder suchen Sie den Dialog mit Warschau oder Budapest, einen unangenehmen, schwierigen Dialog. Es kann tatsächlich sehr unangenehm sein, solche imperialen Ambitionen zu sehen. Sie können auch in Ungarn als imperial gelten. Ungarn war ebenfalls Teil eines Imperiums, wie wir wissen. Oder wir kämpfen allein gegen Russland. Oder wir einigen uns ebenfalls mit ihm darauf, dass wir Russland sind. Denn wie Sie sehen, will Russland uns im Unterschied zu Polen nicht als Ukraine anerkennen. Das ist ein großer Unterschied.

Wenn Ihre Bekannten sagen, die Polen seien genauso wie die Russen, erinnern Sie sie an eine einfache Sache. Die Polen glauben, zumindest in der jetzigen Phase dieser Geschichte, dass die Ukrainer ein Recht auf Existenz haben. Die Russen glauben in der jetzigen Phase dieser Geschichte, dass die Ukrainer kein Recht auf Existenz haben. Wenn sich dieser Nenner ändert, kann man darüber sprechen.

Aber ich garantiere Ihnen, dass sich dieser Nenner nie wieder ändern wird. Die Russen haben alle Schlüsse gezogen, die sie ziehen mussten, ob das ukrainische Volk auf den Ländereien existieren darf, die sie für die Ländereien des historischen Russlands halten. Damit ist im Dialog des ukrainischen und des russischen Volkes, kann man sagen, für unser Jahrhundert endgültig ein Punkt gesetzt. Alles, finita la commedia. Das heißt, entweder wehren wir uns, und dann einigen wir uns mit Polen und Ungarn, oder wir wehren uns nicht, und dann spucken wir schon als Russen auf Polen und Ungarn vom Glockenturm unserer lieben Basilius-Kathedrale. Aber ich denke, die überwältigende Mehrheit der Ukrainer will ein solches Schicksal nicht, oder?

Andrij Smolij: Umso mehr löst das im Prinzip den Streit überhaupt auf eine andere Weise. Der Streit zwischen Ukrainern und Polen ist beendet, weil es keine Ukrainer mehr gibt. Sie sind zu Russen geworden.

Portnikov: Sie sind zu Russen geworden und haben ebenfalls zugestimmt, dass die UPA Feinde sind. Aber diese Polen, diese Feinde Russlands, sind noch größere Feinde als die Kämpfer der UPA.

Andrij Smolij: Eine solche Alternative.

Portnikov: Es gibt ein wunderbares Ende des Films. Das Ende des Films „Sintflut“ von Jerzy Hoffman. Erinnern Sie sich? Er endet damit, dass Polen, Ukrainer und Krimtataren sich nicht miteinander einigen konnten und infolgedessen überall das Russische Imperium herrschte. Erinnern Sie sich an dieses Ende? Genau ein solches Ende kann es auch jetzt geben.

Andrij Smolij: Diesen Film von Hoffman habe ich irgendwie nicht gesehen, deshalb kann ich dazu nichts sagen. Aber mir scheint, dass dieser Gedanke bei den Polen, bei polnischen Intellektuellen, schon mindestens seit Jahrzehnten existiert: dass die Ukraine außerordentlich wichtig ist, beginnend mit Giedroyc.

Portnikov: Natürlich. Nicht einfach, dass die Ukraine wichtig ist, sondern dass es wichtig ist, sich mit der Ukraine zu einigen. Und wir müssen immer daran erinnern, dass die Frage nicht darin besteht, was uns trennt, sondern was uns verbindet.

Andrij Smolij: Sehen Sie, Herr Vitaly, bedeutet das nicht auch, dass es für die Ukrainer wünschenswert wäre, sozusagen, ihren eigenen ukrainischen Giedroyc zu haben, der von Zeit zu Zeit daran erinnert – vielleicht gibt es solche Menschen in Wirklichkeit auch –, der auch uns daran erinnert, dass Polen für die Ukraine ebenfalls kein unwichtiges Land ist?

Portnikov: Hören Sie, wir brauchen keinen ukrainischen Giedroyc, und zwar aus einem einfachen Grund. Giedroyc sagte den Polen im Grunde, dass Ukrainer, Belarussen und Litauer existieren und dass man mit ihnen als souveränen Nationen neben Russland zu tun haben werde. Bei uns in der Ukraine gibt es niemanden, der glauben würde, dass Polen nicht existieren. Nicht wahr?

Andrij Smolij: Das stimmt.

Portnikov: Das ist der Hauptunterschied. Giedroyc hat tatsächlich die Sicht der Polen auf die europäische Zukunft verändert. Obwohl man sagen muss, dass seine politische Linie heute bis zu einem gewissen Grad ein Fiasko erlitten hat. Ich glaube nicht, dass die Außenpolitik Polens die Politik Giedroycs ist. Dennoch veränderte dies wirklich den Blick eines großen Teils der polnischen Emigration, als Giedroyc Ukrainer, Belarussen und Litauer als souveräne Völker behandelte, die in souveränen Staaten leben werden, weil sie bis dahin faktisch als eine Art Anhängsel Russlands wahrgenommen wurden. Und einige meinten, es werde ein demokratisches Russland geben, das diesen Völkern irgendwelche Rechte geben werde. So sah das in der öffentlichen Meinung aus. Und Sie wissen, dass nicht wenige polnische Intellektuelle noch lange in dieser Illusion lebten. Sie waren, würde ich sagen, kulturelle Russophile. Und Giedroyc ging, kann man sagen, gegen diese Tendenz vor und siegte. Und die Geschichte bewies, dass er recht hatte.

Bei uns aber gab es niemals irgendeinen Gedanken, dass Polen kein Recht auf Unabhängigkeit, Souveränität, auf echte Unabhängigkeit habe. Ich möchte Sie daran erinnern, dass selbst in den 1980er Jahren, als es Solidarność gab, hier in Kyiv unter Intellektuellen diese Sympathie und Solidarität mit den Polen viel stärker zu spüren war als irgendwo in Russland. Ich habe das einfach mit eigenen Augen gesehen. Diese Unterstützung für Polen, dieses Interesse an Polen, sie existierten immer in unserer Gesellschaft.

Was soll uns ein Giedroyc bringen? Vielleicht brauchen wir Menschen, die über die Notwendigkeit gegenseitigen Respekts zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk sprechen. Nun, das sagen viele. Auch ich gehöre zu den Menschen, die ständig daran erinnern.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Скандал між Польщею та Україною через УПА. Заява Валенси та Навроцького, орден Зеленського. Віталій Портников. 30.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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