Der Konflikt um den Weißen Adler | Vitaly Portnikov @UkraineCrisisMediaCenterOnline. 23.06.2026.

Chalyj. Ich würde Ihnen gern das Wort geben. Und da wir nun irgendwie mit Polen begonnen haben, und das Thema in aller Munde ist, habe ich eine direkte und konkrete Frage. Soll Präsident Volodymyr Zelensky nach Danzig zur Wiederaufbaukonferenz fahren – darüber wird jetzt in der Bankowa entschieden – oder soll er einen anderen Schritt tun? Ganz konkret: Was würden Sie raten?

Portnikov. Ich werde nichts raten, weil ich der Meinung bin, dass diese Konferenzen, Anreisen und Abreisen keinerlei Bedeutung haben. Man muss über diese Situation strategisch nachdenken. Denn Sie wissen, dass ich die Wiederaufbaukonferenzen für die Ukraine, wo auch immer sie stattfinden, grundsätzlich für ein rein zeremonielles Ereignis halte. Ob der Präsident dort anwesend ist oder nicht, wird für die Zukunft des russisch-ukrainischen Krieges keine konkrete Rolle spielen. Wenn der Präsident fährt, wenn der Präsident nicht fährt – das wird, sozusagen, zwei Tage nach dieser Konferenz schon halb vergessen sein.

Chalyj. Nicht unter diesen Umständen.

Portnikov. Die Umstände werden noch viele Jahrzehnte andauern, denn wir beschäftigen uns mit den Fragen des Konflikts um die historische Erinnerung mit Polen seit vielen Jahrzehnten. Und diese Fragen können nicht gelöst werden, weil es in der polnischen und in der ukrainischen Gesellschaft einen völlig unterschiedlichen Blick auf den Begriff historischer Fakten und historischer Erinnerung gibt.

Und natürlich wäre es, gelinde gesagt, naiv, sich vorzustellen, dass die Gesellschaften auf diese Kategorien verzichten würden. Wir sagen: „Lasst uns den Historikern die Möglichkeit geben zu sprechen, lasst uns dort den gesellschaftlichen Akteuren die Möglichkeit geben zu sprechen.“ Nun, ich erinnere mich sehr gut an die Diskussionen, die zwischen uns stattfanden, als ich den ukrainischen Teil des ukrainisch-polnischen Partnerschaftsforums leitete. Es gab freundschaftliche Diskussionen, es gab Verständigung. Sobald es um diese Fragen ging, gab es keine Verständigung mehr, weil jeder Politiker und jeder Staatsmann an seine eigenen Perspektiven im eigenen Land denkt.

Chalyj. Also an electorale Bedürfnisse.

Portnikov. Nicht nur electorale, gesellschaftliche. Die überwiegende Mehrheit der Polen unterstützt zumindest die Ansicht des Präsidenten Polens, Karol Nawrocki, dass man keine ukrainische Militäreinheit nach der Ukrainischen Aufstandsarmee benennen darf, weil dies eine verbrecherische Organisation sei, weil Polen der Ukraine hilft und der Präsident der Ukraine in diesem Moment eine der ukrainischen Militäreinheiten nach einer verbrecherischen Organisation benennt.

Chalyj. Entschuldigung, ich möchte Ihnen hier mit Ihrer Erlaubnis widersprechen. Sie ist möglicherweise aus Sicht Polens verbrecherisch.

Portnikov. Aus Sicht Polens. Ich sage ja: Die Mehrheit der Polen denkt so. Sie betrachten die Ukrainische Aufstandsarmee als verbrecherische Organisation als solche. Nicht irgendwelche einzelnen Menschen, nicht irgendwelche einzelnen …

Chalyj. Und die OUN.

Portnikov. Und die OUN natürlich als terroristische Organisation. Die populärste Biografie Stepan Banderas in Polen heißt „Stepan Bandera. Terrorist“. Die Frage ist nur, wie Politiker und gesellschaftliche Akteure die möglichen Folgen kommentieren. Also darüber, dass dies ein Fehler Zelenskys sei, dass Zelensky einen falschen Schritt getan habe, dass er das nicht hätte tun sollen – darüber gibt es bei niemandem irgendwelche Meinungsverschiedenheiten.

Es gibt einzelne Menschen, die versuchen zu sagen: „Aber wissen Sie, die Ukrainische Aufstandsarmee war eine nationale Befreiungsarmee der Ukrainer. Sie kämpfte gegen Bolschewiki und Nationalsozialisten.“ Und was passiert mit diesen Menschen? Sie werden einfach aus dem gesellschaftlichen Feld entfernt.

Chalyj. Entschuldigen Sie, Sie sagen, dass der Schritt mit dem Erlass über …

Portnikov. Warten Sie, hören Sie mich nicht?

Chalyj. Ich habe es eben nicht gehört, weil …

Portnikov. Ich sage Ihnen die ganze Zeit, wie das aus polnischer Sicht aussieht.

Chalyj. Aus polnischer Sicht. Okay.

Portnikov. Aus polnischer Sicht. Ich erkläre einfach, welche Sichtweise in der polnischen Gesellschaft insgesamt vorhanden ist. Und diese polnische Gesellschaft teilt sich dabei nicht in Anhänger von Karol Nawrocki, Jarosław Kaczyński oder Donald Tusk. Das denken überwiegend alle.

Es gibt kleine Gruppen in der Öffentlichkeit, die meinen, dass es nicht so sei, aber sie spielen im polnischen politischen und gesellschaftlichen Leben keine führende Rolle. Für die Polen ist also klar: Die Ukrainische Aufstandsarmee ist eine verbrecherische Organisation. Stepan Bandera ist ein Terrorist. Roman Schuchewytsch ist ein Helfershelfer der Nazis. Und darüber gibt es nichts zu diskutieren. Menschen, die versuchen, es anders zu sehen, existieren im polnischen Mainstream nicht.

Nun schauen wir auf die ukrainische Sichtweise. Die Ukrainische Aufstandsarmee ist eine nationale Befreiungsarmee des ukrainischen Volkes. Stepan Bandera ist ein Held. Roman Schuchewytsch ist ein Held. Man kann die Ukrainische Aufstandsarmee gut mit der Armia Krajowa vergleichen. Wir verstehen für uns selbst, dass Polen Verbrechen begangen haben. Aber um sich mit den Polen nicht zu streiten, können wir auch die Armia Krajowa auf eine Stufe mit der Ukrainischen Aufstandsarmee stellen, ungeachtet der Verbrechen der Armia Krajowa gegen Ukrainer.

Die Polen werden Ihnen sagen: „Was denn? Wovon sprechen Sie? Die Armia Krajowa ist die legitime Armee eines Staates, der trotz der Niederlage gegen Hitler und Stalin im Jahr 1939 weiter existierte. Und eure Ukrainische Aufstandsarmee ist eine Armee, die sich mit den Besatzern Polens verbündete, um der Armia Krajowa nicht die Möglichkeit zu geben, ihr Land zu befreien.“ Also wie wollen Sie hier Verständigung finden?

Chalyj. Sehen Sie, obwohl Sie gesagt haben … Ich achte darauf, ja, ich achte darauf, denn als Sie diese konsequente Sache gesagt haben, sieht es so aus, als hätte sich in Polen ein Bild gefestigt. Ich bin der Meinung, ich habe zum Beispiel eine andere Ansicht zur Rolle der Armia Krajowa und Wolhynien. Das sind sehr viele historische Fragen. Ich möchte jetzt, dass wir darauf übergehen, weil jemand über Wolhynien das eine denkt und jemand sagt: „Das war ukrainisches Territorium, was machten dort andere Völker?“ Ich möchte nicht, dass unsere Diskussion jetzt in Richtung Geschichte geht.

Portnikov. Nein, ich möchte einfach veranschaulichen, wie es sich mit Wolhynien verhält. Mit Wolhynien ist es ebenfalls ein großes Problem, weil Wolhynien auf dem Gebiet der international anerkannten Grenzen Polens stattfand. Das ist ein absoluter Fakt. Im Jahr 1939 war das die Besetzung eines Gebiets.

Chalyj. Sie geben wieder nur die polnische Sicht wieder. Warum gibt es bei Ihnen nur die polnische Sicht? Es gibt noch zwei Sichtweisen. Es gibt die ukrainische Sicht, einen Teil der Historiker. Darf ich dann …

Portnikov. Nein, warten Sie, ich gebe nichts wieder …

Chalyj. Wenn das ein Dialog ist.

Portnikov. Nein, das ist kein Dialog, weil Sie mir nicht die Möglichkeit geben, zu Ende zu sprechen.

Chalyj. Dann machen wir ein Interview.

Portnikov. Warten Sie, ich gebe nichts aus polnischer Sicht wieder. Ich sage Ihnen eine einfache Sache. Sonst entsteht bei den Menschen irgendein sehr seltsamer Eindruck davon, was ich sage. Die Ereignisse in Wolhynien und Galizien fanden innerhalb der international anerkannten Grenzen Polens bis 1939 statt. Dadurch, dass die Sowjetunion diese Gebiete besetzte, wurden sie nicht zu Gebieten der Sowjetunion, genauso wie die Gebiete der Ukraine heute – die Krim, Donezk und Luhansk – nicht Gebiete Russlands sind. Damit sind Sie doch einverstanden?

Chalyj. Ich bin mit Ihrer eindeutigen Formulierung nicht einverstanden, weil Sie finden werden … Dann lassen Sie mich sagen: Sowohl in Polen als auch in der Ukraine gibt es unterschiedliche historische Sichtweisen. Es gibt einen Teil der Historiker, die betonen, dass dies ukrainisches Gebiet ist. Es gibt Völkerrechtler, die verstehen, was Sie sagen – diese Aspekte. Ich verstehe diese Aspekte, den damaligen Kontext, aber für die Mehrheit der Menschen sind das ukrainische Ländereien.. Erstens. Zweitens können wir nicht außer Acht lassen, dass Historiker sehr viel über die Armia Krajowa gesagt haben. Und für uns ist die Position des Präsidenten Polens nicht akzeptabel, der sagt: Hier ist die UPA, und hier ist die Armia Krajowa, zu der es eine völlig andere Haltung gebe.

Portnikov. Hören Sie, Sie illustrieren jetzt genau das, was ich Ihnen über alle sage.

Chalyj. Ja, nur sage ich aus der Sicht eines Ukrainers, wie sehr das die Ukrainer reizt.

Portnikov. Es hat keinerlei Bedeutung, ob wir mit Ihnen aus Sicht der Polen oder aus Sicht der Ukrainer sprechen, es hat keine Bedeutung. Denn wenn Sie als Diplomat und Politiker sprechen, müssen Sie diese beiden Positionen sehen und ihre Unversöhnlichkeit sehen.

Chalyj. Richtig, und Sie widersprechen sich selbst, weil sich herausstellt: Wenn wir schon anerkannt haben, dass jeder seine eigenen Helden hat, dann wird jeder seine eigene Erklärung haben. Mythologie wird es geben, das sind Ihre Worte. Jeder wird seine eigene Mythologie haben. Sie werden keine internationale Formel gemeinsamer Entscheidungen für Nachbarn finden, so wie viele Länder sie nicht gefunden haben.

Portnikov. Nun, wir erkennen ja nicht einmal an, dass jeder seine eigenen Helden hat. Genau darum geht es: Die Polen erkennen nicht an, dass die Ukrainer ihre eigenen Helden haben.

Chalyj. Also müssen wir trotzdem erreichen, dass sie das anerkennen. Und das wurde von Karol Nawrocki gesagt. Karol Nawrocki hat vor einigen Jahren, 2023, gesagt, dass Ukrainer das Recht auf ihre eigenen Helden haben. Weiter hieß es in der ersten Mitteilung der polnischen Botschaft in der Ukraine, die sofort nach dieser Absicht, den Orden zu entziehen, erschien: Ja, für Polen ist das, wie Sie sagen, eine solche Bewertung, aber jeder hat das Recht auf seine eigenen Helden.

Ich denke, dass genau das nicht nur diese Losung ist, die wir seit vielen Jahrzehnten haben: „Wir bitten um Vergebung, und ihr ebenso.“ Ich denke, darauf muss man die Situation irgendwie zementieren, weil sie sonst zu sehr vielen …

Portnikov. Wir werden sie nicht zementieren.

Chalyj. Aus historischer Sicht nicht. Aus politischer Sicht kann man das. Aus politischer Sicht war sie in einem solchen Zustand, ich sage es Ihnen. In jenem Moment, als ich 2015 den Orden erhielt, hatten wir eine schwierige Situation. Und damals wurde dieses Gesetz zur UPA und zu allem anderen im April 2015 verabschiedet.

Portnikov. Damals war eine andere Situation. Ein anderer Präsident, eine andere Situation. Wir müssen berücksichtigen …

Chalyj. In Polen.

Portnikov. Ja. Und in Polen natürlich. Und ich wollte Sie daran erinnern, dass Präsident Petro Poroschenko später von polnischen Politikern als ukrainischer Nationalist, als Bandera-Anhänger wahrgenommen wurde. In Polen freute man sich im rechten Lager über seine Niederlage, und Poroschenko hatte keine ernsthaften Beziehungen zu seinem polnischen Amtskollegen Andrzej Duda.

Chalyj. Gut, entschuldigen Sie. Ich möchte Ihnen als Berater des Präsidenten und Botschafter in den USA …

Portnikov. Sie waren damals aber schon nicht mehr in den USA.

Chalyj. Ich möchte widersprechen: Die Beziehungen zwischen Präsident Poroschenko und Präsident Duda waren ausgezeichnet. Wir hatten gemeinsame Veranstaltungen in Amerika, die beide Präsidenten unterstützten. Ich habe das öffentlich einfach nicht gesagt. Zum Beispiel die Entscheidung, dass auf amerikanischem Territorium die Politisierung der historischen Erinnerung tabu sein würde. Als Botschafter in Washington erfüllte ich eine schwierige Rolle, indem ich unsere Gemeinschaft der Diaspora aufrief, historische Fragen nicht zu politisieren. Ich habe viel Kritik bekommen, dort werden sie es Ihnen sagen, aber ich sagte: „Wir sitzen jetzt in einem Boot, wir müssen uns gegen Russland verteidigen, wir müssen über Sicherheit sprechen. Und liebe Ukrainer, ich bitte euch, so sehr ihr könnt, denn ich verstehe, dass dort viele Polen und Ukrainer umgekommen sind, gebt der Zukunft eine Chance.“

Portnikov. Lassen Sie uns die Realität nicht mystifizieren.

Chalyj. Ich mystifiziere nicht, ich gebe Ihnen Informationen. Das wurde von den Präsidenten unterstützt, auch von Kaczyński wurde es unterstützt, und das ist wichtig. Und Sie werden damals keine Konflikte finden, beginnend mit dem Moment, als Polen während des Jahrestages der Wolhynien-Tragödie das Konsulat in Chicago mit Plakaten behängten und diese dann entfernten – und ich weiß, warum sie sie entfernten –, danach gab es dort nichts Vergleichbares mehr.. Und die Polen halfen uns, sowohl die Diaspora als auch die Lobby im Kongress halfen, gemeinsame Ziele zu erreichen. Darüber diskutiere ich nicht, ich teile es Ihnen mit. Und ich bin nicht einverstanden – jetzt diskutiere ich – ich bin nicht einverstanden, dass Poroschenko mit Bronisław Komorowski zu Beginn, 2014, schlechte Beziehungen gehabt hätte.

Portnikov. Mit Bronisław Komorowski nicht, aber mit Andrzej Duda gab es bereits Spannung. Ich möchte Ihnen sagen, dass Petro Poroschenko genau jener Präsident der Ukraine ist, zu dem Jarosław Kaczyński diesen berühmten Satz sagte, dass die Ukraine mit Bandera nicht in Europa sein werde.

Chalyj. Und jetzt sage ich Ihnen, worin der Unterschied zwischen dieser Periode und aktueller besteht. Wenn Jarosław Kaczyński damals bestimmte Dinge tun konnte für … sie sagten sogar: „Jede solche Position gegen Ukrainer, das war ja nicht gegen Poroschenko, das sind plus fünf Prozent für das Parteirating.“ Das ist bis heute geblieben. Ich stimme hier zu, dass nicht alle Polen Karol Nawrocki sind und nicht alle Polen dasselbe sind. Denn ich bin der Meinung, dass es sehr viele Polen gibt, die die Position Karol Nawrockis nicht unterstützen, angefangen mit Ministerpräsident Donald Tusk, der gestern erklärte, dass weitere Zyklen gegenseitiger Beleidigungen zu sehr schlechten Ereignissen führen könnten. Hier unterstütze ich ihn. Ich denke also, dass es solche Stimmungen gibt. Ich rede die gefährlichen Stimmungen in Polen nicht klein. Ich fürchte, dass sie sich sehr leicht politisch hochschaukeln lassen – sowohl in Polen als auch in der Ukraine. In der Ukraine kennen nur weniger Menschen viele historische Momente als in Polen. Weniger wissen Bescheid. Und ich meine, dass es staatliche und diplomatische Wege gibt, um die Spirale des Konflikts und der Konfrontation nicht weiterzudrehen.

Portnikov. Ich betone noch einmal, dass die Situation mit der historischen Erinnerung für das ukrainische und das polnische Volk noch Jahrzehnte lang nicht gelöst sein wird. Petro Poroschenko war damit konfrontiert. Und wiederum wiederhole ich, dass er in den letzten Jahren seiner Herrschaft im polnischen rechten Lager eine Person war, die man nicht akzeptierte und mit der man keinen Kontakt haben wollte. Genau durch diese Situation ging Viktor Juschtschenko, als er Stepan Bandera den Titel Held der Ukraine verlieh. Und im Zusammenhang mit Juschtschenko und Poroschenko wurden Vorschläge vorgebracht, ihnen den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Nur haben die Präsidenten das nicht getan. Aber solche gesellschaftlichen Initiativen gab es.

Chalyj. Und warum wurden sie ausgezeichnet? Erinnern Sie sich, wann Viktor Andrijowytsch Juschtschenko ausgezeichnet wurde?

Portnikov. Am Anfang, ihn zeichnete, glaube ich, Präsident Lech Kaczyński aus.

Chalyj. Wofür?

Portnikov. Für die Entwicklung der ukrainisch-polnischen Beziehungen und für die Suche nach Wegen der Versöhnung zwischen der Ukraine und Polen.

Chalyj. Zum Beispiel das Zentrum Polens.

Portnikov. Ja, natürlich, der Friedhof der Lemberger Adler und die Reise der Präsidenten nach Pawłokoma, all das gab es. Zugleich möchte ich noch einmal daran erinnern, dass es nie zu einer Bewertung bestimmter historischer Perioden, Personen und Handlungen kam, die gemeinsam gewesen wäre.

Chalyj. Weil es damals niemanden wie Karol Nawrocki in dieser Position gab. Umso mehr, ich betone noch einmal: Er sagte zunächst etwas anderes, obwohl er persönlich sehr tief in dieser Frage war, und jetzt hat er sich faktisch von diesen Worten losgesagt.

Portnikov. Karol Nawrocki ist keine Person, die von selbst auf der politischen Bühne Polens entstanden ist. Er ist ein Mensch, den die Hälfte des Elektorats unterstützt. 48 Prozent unterstützen ihn, 48 Prozent unterstützen ihn nicht. Und wir verstehen auch eine sehr wichtige Sache: Bei den nächsten Wahlen in Polen wird dieses politische Lager, das die Partei Recht und Gerechtigkeit repräsentiert, falls es an die Macht kommt, nicht ohne die Hilfe antiukrainischer ultrarechter Kräfte auskommen. Und damit werden sich die polnisch-ukrainischen Beziehungen noch weiter verschlechtern. Und wir können absolut klar davon ausgehen, dass Polen die Ukraine viele Jahre lang im Hinterhof der Europäischen Union halten wird, weil es dazu viel mehr Möglichkeiten hat als Ungarn oder die Slowakei.

Aber hier haben Sie in einem anderen Punkt völlig recht. Inwieweit sind wir fähig, in die Zukunft zu schauen? Dabei muss man sagen, dass die Mehrheit der Menschen in Polen, die einen solchen Ansatz Nawrockis unterstützt, diese Ideen, dass die Ukraine ein Schild für Polen sei, nicht unterstützt. Das geschieht synchron. Nicht nur die Frage der historischen Erinnerung trennt uns, sondern auch die Frage der Rolle der Ukraine. Diese Menschen sind absolut überzeugt, dass sich für Polen durch die Existenz oder Nichtexistenz der Ukraine auf der politischen Landkarte der Welt nichts ändern wird, weil Polen seine eigenen Bündnisse hat, die Vereinigten Staaten, die NATO, und die Ukraine einfach, ich würde sagen, den letzten Zug der Geschichte verpasst hat. Jetzt erringt sie entweder mithilfe des Westens und Polens ihre Freiheit oder sie erringt sie nicht und verschwindet. Also wird Polen, wie es neben der Sowjetunion existierte, auch weiter existieren. Genau darin liegt leider das Problem.

Chalyj. Ich denke, es ist noch tiefer. Offen gesagt scheint mir, dass, wenn man Szenarien entwirft, es so sein könnte, dass in Polen die Position wachsen wird, dass die Ukraine ernsthafte Konkurrenz in ihren Absichten schafft, der Europäischen Union beizutreten. Polen hat jetzt, sagen wir, eine negative Bilanz. Es ist Nettoempfänger von Hilfe aus Brüssel. Nach den Zahlen für 2024, soweit ich mich erinnere, 10 Milliarden Euro. Dabei gehört es zu den Empfängern, die am meisten bekommen. Bis heute, obwohl es bereits die zwanzigste Volkswirtschaft der Welt ist, das muss man anerkennen, sie sind aufgestiegen.

Aber ein interessanter Moment kommt. Einerseits entwickelte sich die Wirtschaft, andererseits entwickelte sie sich dank europäischer Unterstützung und Reformen, Reformen und finanzieller Unterstützung. Jetzt will Polen im Grunde nicht dasselbe für die Ukraine. Und wir werden leider noch erleben – ich kann das mit 90 Prozent Sicherheit sagen –, dass es Grenzblockaden geben wird und dass unser Beitritt zur Europäischen Union blockiert werden wird.

Portnikov. Ja, Nawrocki spricht ja offen darüber, dass dies „polnischer Landwirtschaft schaden werde“.

Chalyj. Ich glaube, dass wir eine Chance haben, und wir müssen dafür kämpfen, dass die Meinung in Polen dennoch konstruktiver wird, ungeachtet der Meinung zur Geschichte, der Blick auf das Schild ist unterschiedlich. Ich denke also, dass Ministerpräsident Tusk und ein Teil der Politik, sie haben wiederholt gesagt, dass sie unsere Zusammenarbeit im Verteidigungs- und Sicherheitsbereich schätzen. Das werden Ihnen auch Militärs sagen. Verteidigungsminister Kosiniak-Kamysz sagte, dass es dort sehr viel Zusammenarbeit gebe. Warum ich nicht möchte, dass die Militärs sich weiter mit diesen Fragen beschäftigen? Weil sie jetzt konkret in der Zusammenarbeit etwas zu tun haben, genauso wie die Diplomaten.

Portnikov. Das heißt, die Schlussfolgerung ist einfach: Wir müssen irgendwie jenen Teil der polnischen Gesellschaft und Politik unterstützen, der zu irgendeiner Verständigung mit der Ukraine neigt.

Chalyj. Ich denke, hier ist es schwierig, nicht in eine Einmischung in innere Angelegenheiten überzugehen.

Portnikov. Nein, ich meine durch unsere Haltung zu den polnisch-ukrainischen Beziehungen. Aber das wird nicht leicht sein, weil es wirklich sehr schwer ist, diese rote Linie nicht zu überschreiten, die die beiden polnischen Lager trennt. Außerdem muss man noch eine Sache verstehen. Diese Teilung in zwei Lager in der polnischen Gesellschaft ist seit 1920 zu beobachten. Das sind zwei unversöhnliche Lager. Das sind zwei Polen.

Chalyj. Sogar territorial sehen wir das bei der Abstimmung.

Portnikov. Heute gibt es eine territoriale Teilung, früher war es eine andere, weil Polen in anderen Grenzen existierte. Aber es gab trotzdem zwei Lager. Und ich denke die ganze Zeit darüber nach, wie gefährlich das für Ukrainer ist. Verstehen Sie, wenn du so enge Beziehungen zu einem Lager hast und das andere beginnt, im politischen Leben die Oberhand zu gewinnen, sieht es in dir nicht einfach ein anderes Land, sondern den Verbündeten des anderen Lagers. Genau das haben übrigens vor dem Zweiten Weltkrieg die polnischen Juden durchgemacht. Sie waren Verbündete des linken und zentristischen Lagers. Und es ist klar, warum. Weil das rechte Lager sie in Polen einfach nicht sah. Und das rechte Lager meinte, dass dies nicht einfach Bürger Polens mit eigenen Ansichten seien, sondern einfach die Basis des linken Lagers. Also müsse man sie irgendwie entweder loswerden oder ihnen Bürgerrechte entziehen oder sie nach Madagaskar schicken, irgendetwas müsse man mit ihnen machen. Und das ist ein gefährlicher Moment. Aber das war eine innere Situation. Eine innere übrigens nicht nur für die jüdische, sondern auch für die damalige ukrainische Bevölkerung Polens. Und diese ukrainische Bevölkerung hatte dort ihre politische Kraft im Sejm, die UNDO, und wurde vom rechten Lager ebenfalls nicht akzeptiert.

Und jetzt ist das ein seltsamer Moment, in dem es einerseits ein äußerer ukrainischer Moment ist, andererseits stellen Sie sich vor, was beginnt, wenn eine große Zahl von Ukrainern, die heute in Polen leben, die polnische Staatsbürgerschaft zu erhalten beginnt. Sie werden zu einer realen politischen Kraft, und man wird uns immer verdächtigen, dass wir diese politische Kraft für das zentristische und linke Lager nutzen wollen.

Chalyj. Offensichtlich. Und leider, leider ist sichtbar, dass dieser Prozess weitergehen und auch die Haltung gegenüber Ukrainern betreffen wird. Und ich freue mich sehr, dass jetzt die Gruppe „Warme Kleidung“, glaube ich, die Initiative geäußert hat, nicht nur den Präsidenten der Ukraine Zelensky mit einem Orden auszuzeichnen, nun, symbolisch, mit einem Volksorden. Eine Gruppe von Polen eher liberaler Ausrichtung. Und ich fürchte hier, dass auch das als politischer Schritt wahrgenommen wird, verstehen Sie? Das heißt, hier ist es sehr schwer zu trennen, wo politische Vorlieben sind und wo andere Dinge.

Deshalb möchte ich Sie zum Abschluss der Diskussion über Polen fragen. Meine Position ist, dass man Wege suchen muss, die Agenda jetzt möglichst schnell zu ersetzen, dieses Gespräch herunterzufahren, weil wir historisch dieses Treffen der Historiker im Mai hatten. Die Historiker setzten sich normal hin, sprachen, tauschten Meinungen aus, auch zu Wolhynien, und dann trat Nawrocki auf, Herr Nawrocki sagte etwas von 100.000, was weder den polnischen noch den ukrainischen Schätzungen entspricht. Also gibt es jetzt keine Antwort in historischen Diskussionen. Ich stimme Ihnen zu.

Denn wir können sie ja nicht vermeiden, aber wir können sie zumindest irgendwo unter Historikern fokussieren. Weiter. Aber die Frage der Sicherheit, die Frage des gemeinsamen Feindes Russland, wobei jetzt Zehntausende russische Bots in die polnischen Netzwerke gegangen sind, Skolkowo produziert Memes nur so. Und die Ukraine leider auch. Ich muss sagen, dass auch ein Teil dieser Memes … das alles geht schon nicht mehr um bilaterale Beziehungen, sondern um „Vereinen wir uns um den Präsidenten“. Nun, ich sage noch einmal, man muss sich im Widerstand gegen Russland vereinen, und man muss mehr Unterstützung für den Widerstand gegen Russland in Polen haben. Doch die Prioritäten ändern, die Agenda Sicherheit, Verteidigung und welche anderen Fragen setzen, die real …

Portnikov. Verstehen Sie, wir können die Tagesordnung trotzdem nicht ändern, solange die Frage der historischen Erinnerung in Polen die Tagesordnung ist. Auch das ist bis zu einem gewissen Grad eine Illusion. Wir werden mit einem Teil des polnischen politischen Establishments immer eine gemeinsame Sprache finden, mit den Zentristen und Linken, nun, mit den Linken bis zu einem gewissen Grad auch nicht mit allen, weil ich unter Linken linke Liberale meine. Und es gibt Linke wie Leszek Miller, der einfach auf russischen Positionen steht und nach Waldai fährt. Das sind ja auch Linke.

Chalyj. Er schlägt vor, dass die Ukraine MiGs und Panzer zurückgeben soll.

Portnikov. Genau. Ich meine also gerade Menschen westlicher Orientierung. Mit ihnen werden wir immer eine gemeinsame Sprache zur Änderung der Tagesordnung finden.

Chalyj. Eine Frage der Priorität.

Portnikov. Nein, darum geht es nicht. Man kann Prioritäten beliebig festlegen. Darum geht es mir überhaupt nicht, hier ist ohnehin alles klar. Sowohl Donald Tusk als auch Radosław Sikorski, Paweł Kowal und andere Politiker dieses zentristischen Lagers sind absolut Ihre Gleichgesinnten, und sie werden mit Ihnen die Frage der Prioritäten finden. Das ist der falsche Ansatz. Denn wir müssen Verbündete im rechten Lager suchen.

Unser großer politischer Fehler besteht nicht darin, dass wir die Tagesordnung ändern wollen, denn mit dem Lager Tusk, Sikorski, Bronisław Komorowski, wem auch immer, ist es für uns leicht, die Tagesordnung zu ändern. Und sie selbst wollen die Fragen der historischen Erinnerung nicht in den Mittelpunkt stellen und wollten das nie.

Was tun mit dem entgegengesetzten Lager? Das ist doch unser Hauptproblem. Nicht, wer jetzt in der Regierung Polens ist, verstehen Sie?

Chalyj. Ich verstehe vollkommen. Wenn es so, Gott bewahre, für Polen geschehen würde, dass die Russen ihre Grenze angreifen, dann versichere ich Ihnen, dass sich die Position auch dieser Rechten sehr schnell ändern würde.

Portnikov. Also müssen wir Verbündete im rechten Lager suchen. Nicht aus Sicht der Frage der Politik der historischen Erinnerung, sondern aus Sicht des gemeinsamen Interesses an Sicherheit. Ich möchte Sie daran erinnern, dass, als die Ukraine 2022 angegriffen wurde, in Polen überhaupt eine rechte Regierung und ein rechter Präsident an der Macht waren. Andrzej Duda war Präsident, das ist ein Präsident von Recht und Gerechtigkeit. Und Mateusz Morawiecki war Ministerpräsident. Diese Menschen waren so ernsthafte Verteidiger der Ukraine, dass Mateusz Morawiecki auf der Konferenz ultrarechter Kräfte in Madrid für die Ukraine eintrat, als alle anderen, die sich dort versammelt hatten, sich im Grunde an Moskau orientierten. Also stellt sich die Frage: Haben wir Verbündete im rechten Lager unter Politikern, gesellschaftlichen Akteuren, Journalisten? Stellen Sie sich vor, wir haben sie.

Chalyj. Ich erinnere nur daran, dass der Verteidigungsplan Polens damals, dafür wurden dort hochrangige Beamte, Generäle entlassen, so war, dass man zuerst russische Truppen nach der Einnahme der Ukraine tief nach Polen hineinlässt und dann versucht …

Portnikov. Nein, das ist ebenfalls Mythologie, die die polnischen Rechten erfunden haben.

Chalyj. Aber aus irgendeinem Grund wurden reale Generäle entlassen.

Portnikov. Um dann sozusagen die politischen Perspektiven Donald Tusks infrage zu stellen. Das war ein NATO-Plan. Dass Polen russische Truppen hineinlassen soll, bis die Hauptteile der NATO eintreffen. Aber das war ein Blick auf den Krieg der Vergangenheit, der schon damals nicht mehr aktuell war. Er wurde erstellt, als niemand sich vorstellen konnte, wie die Ereignisse sich entwickeln würden. Aber darum geht es nicht.

Es geht um etwas anderes: Mir fällt es nicht schwer, mit jenen Menschen eine gemeinsame Sprache zu finden, mit denen ich in Polen seit Jahrzehnten gleichgesinnt bin. Verstehen Sie, das ist überhaupt kein Problem. Sie stellen uns Aufgaben, die längst gelöst sind. Mit den polnischen Liberalen, den polnischen Zentristen, den polnischen linken Liberalen haben wir ein vollständiges Verständnis, dass die Politik der historischen Erinnerung den Historikern überlassen bleibt. Wir können meinen, dass ihr Fehler macht. Aber danach lösen wir die Hauptfragen: Sicherheit, Wirtschaft, Entwicklung der bilateralen Beziehungen. Ich möchte Sie aber fragen.

Chalyj. Nicht ganz so. Ich denke, dass auf diesen Fragen spekuliert wurde, auch von den Menschen, die Sie damals genannt haben. Ich habe schon erwähnt, dass sie darin eine electorale Ressource sahen. Und das war bei den Wahlen. Kaczyński

Portnikov. Ja, Kaczyński, das sind ja die polnischen Rechten. Sie hören mir nicht zu.

Chalyj. Nein, die Rechten sind unterschiedlich. Ich verbinde Kaczyński jetzt nicht mit Nawrocki.

Portnikov. Warum verbinden Sie sie nicht? Nawrocki wurde dank Kaczyński Präsident.

Chalyj. Ich verbinde sie nicht, weil mir scheint, dass in dieser Zeit noch rechtere, radikalere Gruppen entstanden sind, die den Moment schnell ergriffen haben. Sie haben ja im Prinzip diese Briefe in den Sejm eingebracht. Wer hat sie eingebracht? Prorussische …

Portnikov. Natürlich, aber in jedem Fall ist Karol Nawrocki der Präsident der Partei Recht und Gerechtigkeit. Sie hat ihn für das Präsidentenamt nominiert. Jarosław Kaczyński hat alles getan, damit er Präsident Polens wird. Ohne Kaczyński gäbe es Nawrocki nicht und umgekehrt. Also, ich wiederhole noch einmal.

Chalyj. Ich stimme natürlich zu, aber wir schauen doch in die Zukunft. Und mit welchen Rechten wollen Sie in Zukunft konstruktiver sprechen?

Portnikov. Ich sage noch einmal: Wir müssen Verbündete unter den polnischen Rechten suchen, unter allen polnischen Rechten, die eine antirussische Position vertreten und bereit sind zu suchen …

Chalyj. Die eine antirussische Position vertreten, denn es gibt solche, die sie nicht vertreten.

Portnikov. Ein Mensch, der eine antirussische Position vertritt, kann heute Jarosław Kaczyński sein, morgen vielleicht jemand wie Sławomir Mentzen. Wir wissen nicht, wie sich das entwickeln wird. Aber das Wichtigste ist etwas anderes. Wir sprechen jetzt nicht über Personen, nicht einmal über politische Parteien. Wir sprechen darüber, dass wir die ganze Zeit, auch ich, die Einstellung haben, dass wir Beziehungen zum liberalen und linken Lager aufbauen, vor allem zum liberalen und zentristischen, weil das linke Lager, sagen wir, für mich persönlich weit entfernt ist, und dort ist alles in Ordnung, alle verstehen alles, wir sind alle Freunde und wir haben praktisch einen gemeinsamen zivilisatorischen Raum. Die polnischen Rechten aber bleiben … Nun, wir müssen sie aussitzen, verstehen Sie – so wie Putin Trump aussitzt. Aber wir können das nicht.

Wir müssen Beziehungen zu ganz Polen haben, sogar zu jenen, die die ukrainische historische Erinnerung nicht akzeptieren. Denn sonst können wir beide Länder verlieren. Also müssen wir Verständigung mit Jarosław Kaczyński suchen. Wir müssen Verständigung mit Mateusz Morawiecki suchen. Wir müssen Verständnis mit verschiedenen Politikern von Recht und Gerechtigkeit suchen, die mit der Ukraine zu tun haben wollen. Wir müssen jene rechten Politiker in ihrem eigenen Lager isolieren, die das nicht wollen. Und mit all dem beschäftigen wir uns nicht. Ich sage Ihnen noch mehr, instrumentell. Sie haben heute zwei Botschafter in Polen erwähnt.

Chalyj. Nun, mehr den amtierenden Botschafter Wasyl Bondar, der einer der besten ukrainischen Botschafter ist.

Portnikov. Und der vorherige Botschafter war Herr Zwarytsch.

Chalyj. Ja, Wasyl Zwarytsch, der jetzt Botschafter in Tschechien ist.

Portnikov. Und wann haben wir den Botschafter gewechselt?

Chalyj. Vor kurzem.

Portnikov. Als die Regierung in Polen wechselte, weil Herr Wasyl Zwarytsch reale Kontakte zum Regierungslager hatte, und wir entschieden also, dass wir einen Botschafter haben werden, der Beziehungen sozusagen von einem weißen Blatt aufbauen wird, wie das oft vorkommt.

Chalyj. Nun, und jetzt haben wir unserem Botschafter die Möglichkeit genommen, mit beiden Lagern zu arbeiten.

Portnikov. Nun, es ist unbekannt, ob wir sie ihm genommen haben.

Chalyj. Es ist bekannt. Ich sage Ihnen jetzt: Wir haben sie ihm genommen, weil er nach einer solchen Demarche als Botschafter … Botschafter können nicht. Das ist keine weise Entscheidung. Präsidenten müssen Botschafter aus der Schusslinie nehmen, denn ihre Aufgabe ist danach eine ganz andere.

Portnikov. Damit bin ich professionell absolut einverstanden. Aber darum geht es mir nicht. Ich sage, dass die Einstellung selbst … Das Außenministerium weiß natürlich besser, wo Herr Wasyl Zwarytsch besser ist, in Warschau oder in Prag, und wo Herr Wasyl Bondar besser ist, in Ankara oder in Warschau. Das ist einfach ein Austausch. Aber ich bin der Meinung, dass wir trotzdem einen Botschafter brauchten, der bereits Kontakte zum rechten Lager hatte. Denn ein Botschafter in Polen, der Kontakte zum zentristischen Lager knüpft, ist keine große Kunst. Die wollen ohnehin mit ihm sprechen. Aber ein Botschafter, der Kontakte zum rechten Lager hat, das ist wirkliche Kunst. Denn das sind Menschen, die nicht besonders gern Beziehungen zu Ihnen unterhalten wollen.

Chalyj. Kunst ist, wenn es einen professionellen Diplomaten gibt, und unabhängig von seinen früheren Verbindungen ist er offen für die Zusammenarbeit mit allen Lagern. Denn es gibt keine solchen Fälle, ich weiß, einen solchen Ansatz gibt es in einigen Ländern. Und in letzter Zeit, deshalb habe ich mich daran festgebissen, gab es solche Gespräche zum Beispiel bevor entschieden wurde, wer Botschafter in Washington wird.

Jedes Mal diese Argumente. Es gibt Länder, besonders die wichtigsten, Nachbarn, wo man nicht so sehr über seine persönliche Erfahrung der Kommunikation sprechen muss, sondern über seine professionellen Fähigkeiten und das Vertrauen des Präsidenten und anderer hoher Beamter, eine solche Rolle zu spielen, nicht die, die in Kyiv ist. Es ist ein Fehler, dass die Position in Kyiv und die Position vor Ort unterschiedlich sein sollen. Die Botschaft – ich habe Ihnen das Zitat der polnischen Botschaft vorgetragen – sie hat es richtig gemacht. Ich möchte einfach den Hut ziehen. Und der frühere Botschafter Cichocki, ein sehr guter Mensch, den ich respektiere, hat es anders gemacht. Er nahm den ukrainischen Orden und sagte: „Ich gebe ihn zurück.“ Ja, das blieb unbemerkt. Aber ich sagte sofort: Das ist nicht der Weg, absolut nicht der Weg.

Portnikov. Aber wie Sie gesehen haben, wurde es dieser Weg.

Chalyj. Ich akzeptiere ihn, wie Sie verstanden haben, unter Politikern, nicht in der Diplomatie.

Portnikov. Nun, vielleicht betrachtet Bartosz sich als Politiker. Auch als er Botschafter Polens in der Ukraine war, betrachtete er sich als Politiker und nicht als Diplomaten und verhielt sich wie ein Politiker, nicht wie ein Diplomat.

Chalyj. Seine Wahrnehmung. Aber was den Ansatz bei Botschaftern betrifft, haben Sie recht. Vielleicht war es so. Diese Ernennung, diese Wechsel. Nun, ich sage sogar mehr. Sie haben recht, es war so. Aber zu sagen, dass dies die richtige Art von Ernennungen in Polen ist, wäre meiner Meinung nach falsch.

Portnikov. Also ist das die Antwort auf Ihre Frage. Die Frage ist nicht, wie wir die Tagesordnung ändern. Die Frage ist, mit wem wir sie ändern. Wir müssen sie mit allen politischen Kräften Polens ändern.

Chalyj. Mit allen.

Portnikov. Außer mit jenen, die offen antiukrainische Positionen vertreten. Recht und Gerechtigkeit vertritt keine offen antiukrainischen Positionen. Wenn wir die Opposition ignorieren und versuchen, Beziehungen nur zum Regierungslager aufzubauen, solange dieses – wie jetzt – zur Zusammenarbeit mit uns bereit ist, werden wir später mit den Folgen konfrontiert werden.

Chalyj. Sie haben gerade den richtigen, universellen Weg für das wichtigste Land genannt. Wir sprechen nicht situativ, sondern strategisch, wie auch in Amerika. Dasselbe. Man muss mit allen zusammenarbeiten.

Portnikov. Deshalb ist die Frage nicht, ob Volodymyr Zelensky nach Danzig fährt oder nicht. Die Frage ist eine andere: Trifft er sich mit Jarosław Kaczyński? Verstehen Sie?

Chalyj. Nun, wenn Sie irgendwo nicht hinfahren, treffen Sie sich nicht.

Portnikov. Nun, mit Jarosław Kaczyński kann man sich auch in Kyiv treffen und eine Delegation der polnischen Opposition nach Kyiv einladen. All das geschieht nicht.

Chalyj. Ich sage noch ketzerischere Dinge. Sogar mit Karol Nawrocki kann man es versuchen.

Portnikov. Der Präsident hat sich mit dem Präsidenten Polens getroffen, mir scheint, ein solches Treffen gab es schon.

Chalyj. Es gab ein Treffen damals, er schenkte ein Buch über Wolhynien, aber gestern sagte der Präsident einige Dinge, auf die in der Kanzlei schon reagiert wurde. Sehen Sie, hier gibt es, seien wir ehrlich, solche Dinge. Es war nicht nur für uns alle kränkend, sondern auch für Präsident Volodymyr Zelensky persönlich war es kränkend. Deshalb zeigen seine jetzigen Aussagen über Fürsten, Zaren, Karol, verstehen Sie, seine Haltung, was völlig verständlich ist.

Portnikov. Das ist überhaupt der Stil des Präsidenten.

Chalyj. Aber es gibt staatliche Interessen, es gibt einen eigens geschaffenen Konsultativrat der Präsidenten beider Länder, der sich übrigens sehr lange nicht getroffen hat. Ich halte das für einen Fehler. Erst vor kurzem wurde er von unserer Seite vom neuen Leiter Serhij Kyslyzja übernommen. Davor war es gerade Ihor Schowkwa, der jetzt keine Ruhe mehr hineinbringen kann.

Portnikov. Herr Kyslyzja hat ebenfalls auf den Orden verzichtet. Sie haben alle verzichtet.

Chalyj. Serhij Kyslyzja?

Portnikov. Ja, er hat verzichtet. Ich habe diese Meldung gesehen. Sie haben sie einfach verpasst.

Chalyj. Ich habe heute Tschernenko nicht verpasst.

Portnikov. Jetzt wird es in den sozialen Netzwerken viele verschiedene Menschen geben.

Chalyj. Wie hat er dort geschrieben? „Ich habe die Ehre.“

Portnikov. Aber wissen Sie, was interessant ist? Haben Sie diese Erklärung der Kanzlei von Präsident Nawrocki gelesen?

Chalyj. Ich habe sie gelesen, natürlich. Und seinen Auftritt habe ich gesehen.

Portnikov. Nein, ich meine die heutige letzte.

Chalyj. Ich habe nur die Erklärung des Büros gesehen, inhaltlich, gelesen habe ich sie nicht.

Portnikov. Sehen Sie, sie haben auf die Worte von Präsident Zelensky reagiert, der Schröder, Katharina II. erwähnte. Und sie sagen eine ziemlich einfache Sache: „Wir haben Schröder den Orden nicht aberkannt, obwohl er prorussische Positionen vertritt, weil er keine deutschen Militäreinheiten nach SS-Einheiten benannt hat.“

Chalyj. Das ist eine noch schlimmere Beleidigung, das Schwungrad wird weitergedreht, hochgedreht.

Portnikov. Präsident Zelensky hat ja keine ukrainischen Militäreinheiten nach irgendwelchen SS-Einheiten benannt. Das heißt, Mitarbeiter der Administration des Präsidenten Polens vergleichen die Ukrainische Aufstandsarmee mit einer SS-Einheit. Also suchen sie, statt die Eskalation irgendwie zu verringern, noch, ich würde sagen, höhere Töne in dieser historischen Erinnerung.

Chalyj. Deshalb gibt es hier keinen Ausweg. Es wird sich weiterdrehen. Dann werden die Ukrainer erklären, dass 375.000 Polen in der Wehrmacht gedient haben. Und dann geht alles los. Deshalb, um einen Strich darunter zu ziehen, denn wir wollen historische … nun, ich wollte es vermeiden, aber es geht trotzdem auf irgendwelche Fakten über, die meiner Meinung nach nirgends verschwinden werden. Das wird in der Gesellschaft diskutiert werden. Aber was man nicht zulassen darf, das ist meine Meinung, und ich sehe Mechanismen, die dennoch, nicht sofort, aber das tun würden, was Sie sagen.

Jetzt muss man Signale geben, dass wir bereit sind, all diese, nicht historischen Fragen, sondern verschiedene Fragen mit allen Parteien des politischen Spektrums zu besprechen. Ich denke, in diesem Fall ist die Spezifik Polens, dass es eine parlamentarisch-präsidentielle Republik ist, dass es einen Ministerpräsidenten gibt, dass es einen Präsidenten gibt und dass der Präsident will, dass seine Partei die führende Position einnimmt. Das bedeutet, dass wir mit Polen so umgehen müssen, wie es ist. Es ist unser Nachbar.

Ich meine, wir müssen einfach alles tun, damit sich kein Konflikt zwischen den Völkern hochschaukelt. Denn von solchen Erklärungen und Handlungen bis zum Hochdrehen gegenseitiger Beleidigungen ist es tatsächlich nur ein sehr kleiner Schritt. Zwei, drei Schritte, nicht mehr. Und das beunruhigt mich sehr, weil man das ausnutzt.

Unser Hauptproblem jetzt, zu dem ich schon übergehen möchte, ist existenziell. Es ist der Krieg. Es ist der russische Versuch, die Ukraine in der Form, in der sie existiert, im Grunde zu vernichten. Und in dieser Hinsicht bin ich vielleicht nicht so optimistisch wie unsere Regierung. Ich glaube nicht, dass die Eröffnung eines Clusters oder einer Gruppe von Kapiteln der Verhandlungsposition zur EU-Mitgliedschaft bereits den Weg zeigt, auch nicht irgendwelche Jahre dieses Weges. Denn die Schlüsselposition, die nach der Erfüllung aller Bedingungen der europäischen Reformen kommt, ist die Entscheidung jedes einzelnen Landes. Und offensichtlich wird es in Polen den Versuch geben, all diese historischen Dinge zu nutzen, um unsere europäische Integration zu bremsen, sagen wir, zu stoppen.

Portnikov. Polen kann sogar einen landwirtschaftlichen Dialog mit uns fünf Jahre lang führen.

Chalyj. Kann es. Aber das wollte Frankreich seinerzeit tun, was mich damals überraschte, doch die Franzosen fürchteten, dass französische Bauern wegen polnischen Rindfleischs verdrängt würden. Und das war nicht weniger hart, als wir es heute mit Polen erleben werden. Deshalb kann man diese Fragen überwinden. Das dauert natürlich längere Zeit. Nun, so wie ich meine, dass diese Frage für uns vor den 30er-Jahren noch nicht aktuell sein wird. Die Dreißiger, ich möchte keine Zahlen nennen, aber ich spreche über die Haushaltsperiode 28–34, sagen wir so. Vielleicht auch später. Das ist optimistisch gesehen, optimistisch und realistisch, sagen wir, ein Realist ist ein gut informierter Optimist, sagen wir so.

Deshalb sollen Politiker natürlich das Ihre tun, sie müssen manchmal wünschenswertere Fristen nennen, alles. Aber wir können das kommentieren, dass es so ist. Und leider sehe ich selbst bis dahin keine ernsthaften Faktoren, die die Probleme historischer Bewertungen zwischen den beiden Ländern verändern würden. Trotzdem haben wir verstanden, ich ziehe die Schlussfolgerung, dass man mit allen Kräften in Polen sprechen muss, natürlich nicht zulassen, antworten geben, vielleicht harte, aber es nicht systemisch tun. Ich meine, Minister Sybiha hat hier keine Wahl in Bezug auf die Position, denn er ist Politiker auf dieser Position. Aber zu erklären, man müsse auf jeden Schritt Polens spiegelbildlich antworten, ist meiner Meinung nach nicht die beste Strategie. Manchmal ist es so, dass man noch härter antworten muss, manchmal ausweichen, manchmal asymmetrisch antworten und so weiter. Also eine Strategie, die auf Auge um Auge, Zahn um Zahn aufgebaut ist, ist keine Strategie des 21. Jahrhunderts. Hier muss das Spiel viel komplizierter sein. Lassen Sie uns einen Strich darunter ziehen, wenn Sie zu dieser Situation noch etwas sagen möchten.

Portnikov. Sie wird weiter andauern, unabhängig davon, was in Danzig passieren wird. Ich sage es noch einmal.

Chalyj. Aber wenn es dennoch eine Möglichkeit gibt, eine weitere Eskalation zu vermeiden, scheint mir, dass auch wir in der Ukraine – ich meine diejenigen, die nicht Präsident sind; vielleicht sieht der Präsident mehr – daran denken sollten. Denn ich glaube, für unsere Völker ist das eine gefährliche Entwicklung. Umso mehr, unser Zentrum als gesellschaftliche Organisation, wir haben verschiedene Beziehungen und Diskussionen mit verschiedenen, sagen wir, Spektren von Kommentatoren, Experten, Journalisten. Wir werden diese Arbeit auf unserer Ebene fortsetzen. Nun, ich wünsche es sehr. Das Ideal wäre, ich denke, es ist unrealistisch, aber dennoch, dass wir hier stehenbleiben, und im Idealfall, dass diese Entscheidung über die Rückgabe des Ordens überhaupt nicht in Kraft tritt.

Portnikov. Das ist absolut unklar, ob sie durch ist oder nicht.

Chalyj. Aber es spielt eine Rolle, ich sage Ihnen, einer der Prognosen, sie kann sehr riskant sein: Früher oder später wird dieser Orden Volodymyr Zelensky zurückgegeben werden. Er wird früher oder später zurückgegeben werden. Gemeint ist nicht die unmittelbare Perspektive, aber es wird geschehen. Nun zur Hauptsituation.

Der Hauptmoment. Ich möchte mich nicht wiederholen, und wir haben viel von Ihnen gehört, was Sie in Ihren Sendungen sagen, und Sie reagieren ständig auf konkrete Situationen. Wenn man, nun, nicht strategisch, ich würde sagen, sondern doch in eine etwas weitere Perspektive blickt, möchte ich über Russland sprechen, über den Feind, weil wir unsere Momente besser verstehen als den Feind. Was meinen Sie: Gibt es Gründe zu sagen, dass die kommenden Monate für Russland Monate der Entscheidung darüber sein werden, wie es weitergeht? Oder halten wir in Wirklichkeit nur Wunschdenken für Realität, und in Russland kann es eine solche Wahl zwischen verschiedenen Handlungsoptionen schlicht nicht geben?

Portnikov. Ich denke, das wird von der wirtschaftlichen Situation abhängen. Wenn sie sehen, dass sie mit der wirtschaftlichen Situation trotz ihrer Krisenmomente zurechtkommen können, werden sie handeln, wie sie gehandelt haben. Sie sind ein sehr träges System. Es geht nicht einmal um Putin. Und dann übertreiben wir sehr oft, scheint mir, die Haltung der russischen Führung zu den Problemen der eigenen Bürger.

Die eigenen Bürger beginnen erst dann zu beunruhigen,     wenn sie protestieren und ihr Protest sich nicht mehr unterdrücken lässt. Das ist eine Regel des russischen Lebens. Erinnern Sie sich an Pikaljowo, als Menschen hinausgingen, eine föderale Fernstraße blockierten und mit den Handlungen des damaligen Eigentümers des stadtbildenden Unternehmens, Oleg Deripaska, nicht einverstanden waren. Putin kam selbst, sprach mit ihnen, stellte irgendeine Ordnung her, weil sie protestierten.

Chalyj. Nun, ich erinnere mich, als niemand die Probleme Wladiwostoks lösen konnte, nachdem die zollfreie Einfuhr gebrauchter japanischer Autos, mit denen die Taxifahrer in Wladiwostok fuhren, abgeschafft worden war.elSie versammelten sich auf den zentralen Straßen, an der Kreuzung standen etwa 500 Autos. Und nachdem gepanzerte Mannschaftstransporter kamen, um sie zu vertreiben, kamen noch mehr Autos, und Moskau machte einen Rückzieher. Dann im Norden, erinnern Sie sich, als arbeitslose Jugendliche … also Panzerkreuzer Potemkin.

Portnikov. Das ist die Antwort auf die Frage. Wenn die Russen revoltieren, werden sie die Politik korrigieren. Wenn sie nicht revoltieren, sondern einfach sagen: „Oh, bei uns gibt es an den Tankstellen keinen Treibstoff. Oh, man muss aus der Krim ausreisen.“ „Nun, reist eben aus. Die Rettung der Ertrinkenden ist die Sache der Ertrinkenden selbst. Wir kämpfen einfach. Wir haben keine Zeit für euch. Wir retten euch vor einer noch größeren Gefahr.“

Chalyj. Nun gut, also Aufstand, aber wie groß wird die Möglichkeit sein? Nach Ihren Worten habe ich verstanden, dass es hier keinen Aufstand …

Portnikov. Ich weiß es nicht. Wir können russische gesellschaftliche Stimmungen niemals vollständig vorhersagen. Wie man im Februar 1917 nicht vorhersagen konnte, wie auch im Oktober 1917 nicht. Wer hätte übrigens vorhersagen können …

Chalyj. Die Wagner-Leute, die nach Moskau marschieren.

Portnikov. Die Wagner-Leute oder August 1991. Waren das alles vorhersehbare Handlungen? Haben wir gesagt: „Wissen Sie, wenn es irgendeinen Versuch der Restauration in der Sowjetunion geben wird, werden die Menschen massenhaft auf die Straße gehen?“ So war es nicht. Mit den Russen ist es schwieriger, verstehen Sie? Weil es leichter ist, die Situation mit einer politisch aktiven Gesellschaft vorherzusagen.

Chalyj. Und die Spitze, diese Kremltürme, nun, das ist vereinfacht.

Portnikov. Mir scheint, dass es bei den Kremltürmen einen Konsens über die Notwendigkeit gibt, den Staat in den Grenzen von 1991 wiederherzustellen. Dort gibt es gerade keinerlei Meinungsverschiedenheiten. Es geht nur um die Instrumente. Also, jemand kann meinen, dass man dafür eine Atombombe einsetzen muss. Jemand kann meinen, dass man dafür die Wirtschaft …

Chalyj. Sie meinen die Sowjetunion.

Portnikov. Die Sowjetunion.

Chalyj. Also sprechen wir über die baltischen Länder.

Portnikov. Ich weiß nicht, inwieweit die baltischen Länder jetzt in diesen Kreis gehören, inwieweit sie bereit sind zu einem Konflikt mit der NATO. Wenn sie bereit sind, dann …

Chalyj. Aber Kasachstan gehört dazu.

Portnikov. Kasachstan gehört dazu. Nein, wir kennen ja die Konfiguration. Russland, Ukraine und Belarus sind ein Territorium, weil es das ukrainische und belarussische Volk nicht gibt. Also werden die Ukraine und Belarus als Gebiete angeschlossen. Ein Teil Kasachstans wird als Gebiete angeschlossen, und alle anderen ehemaligen Sowjetrepubliken werden zu Autonomien innerhalb der Russischen Föderation. Der stalinistische Ansatz. Das ist es, was sie am Ende erreichen wollen. Deshalb ist die Ukraine eine notwendige Bedingung, weil sie dann an die Grenzen Mitteleuropas gelangen und zu einem geopolitischen Akteur werden. Und hier ist der Konsens vollständig.

Also, ich sage noch einmal: Es gibt einfach Menschen, die meinen, dass man das durch Krieg tun muss, sogar durch Atomkrieg, und es gibt Menschen, die meinen, dass man das durch wirtschaftlichen Druck erreichen kann. Aber dass man das tun muss und dass Russland ohne dies nicht existieren wird, daran hat dort niemand auch nur irgendwelche Zweifel, weil es ein expansionistisches Land, eine expansionistische Zivilisation ist, ich erinnere die ganze Zeit daran, seit den Zeiten Iwan Kalitas.

Chalyj. Nun gut, ist das ein Imperium?

Portnikov. Nein, das ist nicht einmal ein Imperium, das ist eine expansionistische Zivilisation. Ein Imperium ist etwas anderes.

Chalyj. Und das ist die Sowjetunion.

Portnikov. Eine expansionistische Zivilisation.

Chalyj. Das ist kein Imperium?

Portnikov. Eine expansionistische Zivilisation. Sie haben sich die ganze Zeit ausgedehnt.

Chalyj. Nun, das Prinzip eines Imperiums ist ebenfalls, sich auszudehnen.

Portnikov. Ein Imperium kann irgendwo anhalten und sich im Rahmen der erzielten Ergebnisse entwickeln. Wenn Russland anhält, beginnt es zu degradieren.

Chalyj. Nun, das zeigte die Geschichte vieler Imperien. Ich kann den Unterschied zu Ihrer Definition nicht finden.

Portnikov. Das heißt, Sie meinen, dass jedes Imperium eine expansionistische Zivilisation ist und nicht anhalten kann?

Chalyj. Ich sehe es historisch so, dass alle Imperien versucht haben, ihre Grenzen zu erweitern, bis zu dem Moment, als historische Ereignisse so lagen, dass es ihnen einfach … Nein, Großbritannien zog sich aus dem Nahen Osten und aus Indien zurück, als man noch etwas hätte tun können, aber die wirtschaftlichen Folgen, diese Kolonie zu tragen, waren schon sehr schwierig.

Portnikov. Nun, ich sage Ihnen, worin der Unterschied liegen kann.

Chalyj. Sie können die Krim wirtschaftlich vielleicht nicht tragen.

Portnikov. Jedes Imperium denkt vor allem an seine Ressourcenbasis. Russland denkt an Expansion, weil die Ressourcenbasis für es nicht zwingend ist. Welche Ressourcenbasis hatte die Sowjetunion in Afghanistan, Angola, Mosambik und Kuba?

Chalyj. Ja, ein Imperium wählt manchmal aus, wohin es sich ausdehnt.

Portnikov. Ich denke, dass im russischen Fall die Idee der Expansion einfach wichtiger ist als die Idee der Ressourcenbasis. Deshalb sagen die Russen übrigens die ganze Zeit: „Warum sind wir denn ein so seltsames Imperium, wenn wir unsere Ressourcen an die eroberten Gebiete weitergeben?“ Nun, weil ihr kein Imperium seid. Ein Imperium nimmt tatsächlich, in der Regel plündert es alle eroberten Gebiete, und dann gehen irgendwelche Waren in die Häfen von Lissabon und Madrid. Russland plünderte einerseits natürlich, gab andererseits aber immer auch eigene Ressourcen ab.

Chalyj. Nun, in alten Zeiten gab es auch so etwas. Einigen Gebieten, die Widerstand leisteten, aber sich mit Vasallität einverstanden erklärten, gab man Geld, indem man es anderen wegnahm, die man erobert hatte. Auch das gab es. Aber Sie haben einen interessanten Punkt angesprochen: Itschkerien, heute Tschetschenien, erhält vollständig Subventionen und wird faktisch über Moskau aus den Einnahmen Tatarstans finanziert.

Portnikov. Nicht nur Itschkerien, überhaupt ganz Russland, es gibt sieben Geberregionen.

Chalyj. Sacha-Jakutien ist Geber, Tatarstan ist Geber, Baschkortostan ist Geber.

Portnikov. Moskau.

Chalyj. Moskau, klar. Und im Wesentlichen ist ganz Russland überwiegend Empfänger. Logisch ist, dass sie durch zwei Dinge zusammengehalten werden, nun, vielleicht drei. Erstens dennoch durch eine billigere Sicherheit, seien wir ehrlich, viele dieser Menschen sind solche Russifizierten geworden. Sie sprechen über eine gemeinsame Würde und „unsere“ Errungenschaften. Übrigens ist es sehr lustig, wenn Menschen, die keinerlei Beziehung zu Moskau haben, manchmal all diese Ereignisse erwähnen, aber es existiert trotzdem, und das ist objektiv.

Portnikov. Interessant ist aber etwas anderes: Die besetzten ukrainischen Gebiete erhalten Hilfe. Sie sind ja auch keine Geber, für sie wird ebenfalls Geld ausgegeben. Dann stellt sich ebenfalls die Frage, wozu ihr sie erobert, wenn sie nicht eure Ressourcenbasis sind, sondern ihr sie einfach nur um der Eroberung willen erobern wollt.

Chalyj. Nun, aus dem Osten haben sie etwas genommen und es sofort Kadyrow gegeben, das Werk in Mariupol. Manchmal rechnen sie mit ukrainischem Eigentum ab.

Portnikov. Natürlich, aber trotzdem müssen sie all das aus dem eigenen Haushalt unterhalten.

Chalyj. Und hier entsteht eine solche Situation. Ein Russe, der nicht in Moskau lebt, fragt … Denn Moskau werden sie als letztes aufgeben. Ich denke, in Moskau wird es immer Benzin geben, bis es bei allen nicht mehr da ist.

Portnikov. Mir scheint, dass es dort an den Tankstellen schon kein Benzin mehr gibt.

Chalyj. Nein, nun, es gibt welches. Sie werden Wege finden. Sie werden Moskau abdecken, weil das Wahlen im September sind, das ist Sobyanins Interesse.

Portnikov. Sie haben nicht in Moskau gelebt, Sie haben dort nicht für Brot angestanden. Ich schon.

Chalyj. Sie haben ja auch diese Erfahrung. Ja, Sie sind ein guter Berater. Nun, sagen Sie, wie ist das. Wie sollen wir das jetzt machen, denn das ist ein Feind, der in Schlangen stehen muss.

Portnikov. Ich weiß einfach genau, dass der Moment kommt, in dem sie aus für mich unverständlichen Gründen auf die Stabilität in Moskau keine Rücksicht mehr nehmen.

Chalyj. Und als es Schlangen gab, wurde Buran gestartet. Das ist ein interessanter Moment. Also, was werden ihre vorrangigen Handlungen sein? Werden sie die Krim bis zum Ende finanzieren, versuchen, irgendwie die Illusion aufrechtzuerhalten? Putin versprach ein Schaufenster, dass die Krim überhaupt ein Schaufenster sein werde.

Portnikov. Nun, jetzt ist das ein etwas anderes Schaufenster.

Chalyj. Ein völlig anderes. Und zwar nicht nur wegen dieser Bilder, dass die Krim Territorium der Ukraine ist, auf dem leider Kampfhandlungen stattfinden.

Portnikov. Ich weiß nicht, ob sie sie unterstützen werden oder ob es für sie vorteilhafter ist, dort den Zustand einer humanitären Katastrophe zu schaffen, um zu zeigen, wie grausam die Ukrainer seien, die sogar jene vernichten, die sie als eigene Bevölkerung betrachten, um ihres Sieges willen. „Wir haben euch doch gesagt, dass die Krim-Bewohner vernichtet werden. Jetzt haben die Nazis die Möglichkeit bekommen. Das bedeutet, das ist es, worüber wir euch 2013 gesprochen haben, ihr seht es jetzt. Schaut auf das hungrige Kind auf der Krim. Das wäre geschehen, wenn es 2014 einen Zug von Kyiv nach Simferopol gegeben hätte. Genau das hat Genosse Putin verhindert.“

Chalyj. Aber das ist für ihren inneren Gebrauch.

Portnikov. Ja, natürlich, natürlich.

Chalyj. Sie haben bereits mehr als eine Million gezielt umgesiedelte Russen dorthin gebracht, auf die Krim, und natürlich rechneten sie damit, dass dies gerade die Situation stärker unterstreichen, sie besser machen könnte. Aber sie stießen darauf, dass diese Million jetzt versorgt werden muss.

Portnikov. Und jetzt muss man sie herausbringen, weil all diese Menschen vielleicht nicht dort bleiben wollen.

Chalyj. Ich denke, wenn jetzt wirklich unter Kontrolle und stabil der Landkorridor geschlossen wird und diese Kertsch-Brücke, die in Wirklichkeit aus vielen Gründen eine so fragile Konstruktion ist, dann erzeugt all das realen Druck. Zumindest für jene, die dorthin gekommen sind, nicht für Menschen, die dort lebten, sondern für jene, die gekommen sind, die einfach bewusst auf besetztes Gebiet gekommen sind. Das Gebiet wurde besetzt, sie kamen, und sie verspotten noch jene Ukrainer, die dort sind. Es gibt keine ukrainischen Schulen, nichts gibt es, für sie ist alles normal. Ich halte sie für Besatzer. Diese Menschen, die nach Beginn des Krieges auf das Territorium der ukrainischen Krim gekommen sind, sind Besatzer, die von dort jetzt, wenn sie am Leben bleiben wollen, ausreisen müssen.

Am Leben nicht deshalb, weil Ukrainer … Ich denke nicht, dass der einzige Weg zur Befreiung der Krim irgendwelche Schläge auf der Krim sind. Nein, gerade dieser Weg, der jetzt entsteht, die Insel Krim. Also eine Insel. Und das, was … nun, ich sprach, ich denke, Sie wissen es, auch öffentlich, glaube ich, Präsident Krawtschuk hat darüber gesprochen, ich sprach mit ihm, er erzählte, wie die Krim an die Ukraine überging. Das war ja nicht ein großer Wunsch Chruschtschows. Chruschtschow tat das gezwungenermaßen, weil es auf der Krim Hunger gab. Im nördlichen Teil der Krim zeichnete sich bereits Hunger ab. Und man musste Wasser geben. 100 Milliarden hat die Ukraine, Kyiv, in all diesen Jahren in die Krim investiert.

Portnikov. Die Ukrainische SSR.

Chalyj. Ja, die Ukrainische SSR und nicht nur die Ukrainische SSR.

Portnikov. Die Ukrainische SSR, dann die unabhängige Ukraine.

Chalyj. Die Ukrainische SSR investierte 100. Und wie viel danach, das ist eine Frage. Die Südküste der Krim, dort, wo die Datschen der Generäle sind, sie werden sich bis zuletzt wehren. Aber diese Menschen, die gekommen sind, können genauso ruhig wieder wegfahren. Wenn sie ein Problem bekommen, werden sie sehen, dass es für sie hier nicht besser ist. So begann die Situation mit der Krim.

Ich denke immer: Ein solcher Krieg, wenn er mit einer Entscheidung im Kreml begann und auf der Krim 2014 begann, dann kann er vielleicht auch dort enden.

Portnikov. Je nachdem, wie die Situation auf eben diesem Territorium in den nächsten Monaten sein wird. Auch das können wir nicht wissen. Wiederum können wir diese Situation, ich würde sagen, für das Überleben des russischen Besatzungskontingents auf der Krim schwierig machen und so weiter. Aber es ist unbekannt, ob wir die Kontrolle über das Territorium selbst herstellen können, weil es jetzt nicht nur auf der Krim besetzt ist, sondern auch ein Teil des Festlands dafür besetzt ist.

Chalyj. Und darüber sprach ich mit Krawtschuk. Was ich gehört habe. Die Sache ist: Historisch konnte die Krim nie getrennt vom Festland existieren. Deshalb konnte sie ohne diese wirtschaftliche Verbindung nicht existieren. Deshalb ging das Russische Imperium damals zuerst in den Festlandteil hinein und dann auf die Krim, also seinerzeit. Okay, die Krim sehen wir.

Aber hier ist offensichtlich, dass das nicht eine Frage des morgigen Tages ist, bedingt gesagt, ja? Es gibt das Kriegsbudget, von dem Sie gesprochen haben, und es ist jetzt offensichtlich, dass man weiter darauf schlagen und dieses Kriegsbudget verkleinern muss. Aber ich wollte zu diesen geschlossenen Dingen zurückkehren, die für Menschen wie Sie schwer zu wissen sind, umso mehr mit der Erfahrung des Umgangs seinerzeit mit anderen Eliten. Also dennoch: Kann es vielleicht doch sein, dass sie die Notwendigkeit einer Pause berechnen? Ich sage nicht, dass sie ihre Ziele gegenüber der Ukraine aufgeben, aber dass sie dennoch gezwungen sein könnten, sich auf einen vorübergehenden Waffenstillstand einzulassen und an der Kontaktlinie Halt zu machen.

Portnikov. Nun, erstens glaube ich, dass ich ziemlich viel mit Vertretern dieser Elite gesprochen habe, die jetzt da ist. So hat es sich historisch ergeben. Deshalb habe ich keine Illusionen über ihre Stimmungen. Und ich meine gerade diese tschekistische Elite, die die ganze Zeit dort war. Man konnte sie nicht bemerken, aber sie war die ganzen 90er-Jahre dort. Darin liegt das Problem.

Chalyj. Ja. Aber jetzt hat sie die Kontrolle übernommen.

Portnikov. Jetzt hat sie die Kontrolle übernommen. Ja. Und sie haben sogar versucht, in den 90er-Jahren so zu tun, als seien sie keine Tschekisten. Warum konnte man mit ihnen sprechen? Weil sie sich als jemand anderes maskierten. Aber ihre Positionen waren auch damals so wie heute, und sie haben sich nicht verändert.

Und jetzt zur Pause. Es ist ziemlich einfach. Dort gibt es genug Menschen, die meinen, dass sie Kontrolle auch ohne Krieg erlangen können und die zu einer Pause bereit sind. Insbesondere ist das das Umfeld des Auslandsgeheimdienstes der Russischen Föderation. Vor allem Naryschkin und andere Menschen, die so oder so dem Kreis des Auslandsgeheimdienstes angehören. Was den Föderalen Sicherheitsdienst selbst betrifft, gibt es dort unterschiedliche Ansichten, aber auch dort gibt es genügend pragmatische Menschen. Dort gibt es heute im Grunde eine Dreiherrschaft, drei Generäle. Und in diesen drei Gruppen gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, was geschieht.

Aber das Wichtigste ist, dass sie nichts entscheiden. Das ist ein typisches personalistisches Regime. Putin sieht nicht wie ein Mensch aus, der zu einer Pause neigt. Sie können ihn nicht überzeugen. Er kann nur sie überzeugen. Putin ist nicht ganz von Tschekisten umgeben. Er ist von Hochstaplern umgeben, von den Brüdern Kowaltschuk, von dieser ganzen Gesellschaft. Selbst Menschen aus dem tschekistischen Lager führen natürlich Befehle aus, aber sie sind keine Berater. Kirijenko, all das sind Menschen, die sich in Putins Nähe befinden.

Das sind keine Tschekisten in reiner Form. Das ist ein personalistisches Regime, das dem Franco-Regime sehr ähnlich ist. Es vereint verschiedene konservative Gruppen. In diesen konservativen Gruppen gibt es Vorstellungen davon, dass vielleicht eine Pause richtiger wäre, weil man einfach Kräfte für einen Schlag sammeln muss. Aber Putin kann meinen, dass das ein Fahrrad ist, und wenn es stehenbleibt, fällt es um.

Und übrigens, wenn Sie Putins Berater wären oder ich Berater wäre …

Chalyj. Gott bewahre.

Portnikov. Nein, ich meine, wenn man uns fragen würde: Wird er fallen oder nicht, wenn er den Krieg beendet? Wir würden ihm nicht sagen, dass er nicht fallen wird. Oder? Sind Sie sicher, dass er nicht fällt, wenn er die Kriegshandlungen beendet?

Chalyj. Ja, ich bin sicher. Warum? Ich will kein Berater sein, aber ich sage meine Meinung. Trotzdem denke ich, dass er eine einzigartige Möglichkeit hat. Putin übertreibt die Gefahr für sich persönlich, für sein Leben. Denn in Russland, nun, vielleicht irre ich mich, aber ich sehe, dass der Machttransfer, wenn man das ohnehin früher oder später tun muss, vom Wort des Zaren aus geschehen muss, auch wenn dieser Zar schon kraftlos und …

Portnikov. Nun, wie Jelzin.

Chalyj. Ja, denn Jelzin hatte dort fünf bis sieben Prozent Vertrauen, aber man zog ihn ins Fernsehen, wie man so sagt, und er zeigte mit diesem Finger, nun, der Zar, denke ich, zeigte auf den nächsten, eine absolut niemandem bekannte Person, die man einfach über konkrete Stufen der Macht führte und aufbaute, unter anderem durch Explosionen, durch vom FSB eigens gelegten Sprengstoff gegen die eigenen Bürger. Hier ist also alles klar, denke ich.

Nur ohne Putin werden sie die Macht nicht übergeben können. Ich lenke nur die Aufmerksamkeit auf diese Verschwörungstheorie, Nicht-Verschwörungstheorie, dass dennoch eine solche verschwörungstheoretische Idee genannt wurde, dass man sich in diesem Lager, im Kooperativ Ozero, plus andere, bereits untereinander geeinigt habe, diesen Thron nicht mehr auszuspielen, sondern die nächste Generation heranzuführen. Und angeblich wurden drei Namen genannt: die Söhne Setschins, Iwanows und Patruschews. Die Söhne Setschins und Iwanows starben im Alter von 38 und 43 Jahren. Einer ertrank, beim anderen kam der Rettungswagen auf der Rubljowka, glaube ich, nicht rechtzeitig. Also blieb Patruschews Sohn, der Putin Pawlitsch nannte.

Portnikov. Nun, angeblich, nach unseren …

Chalyj. Hören Sie, wir vertrauen unserem Gehör. Wenn wir aufhören, unseren Ohren zu vertrauen, worauf sollen wir dann vertrauen? Dort wurde sehr klar gesprochen, das zeugt von spezifischen Beziehungen. Wahrscheinlich kommuniziert er nicht seit dem ersten Jahr in einem solchen engen Kreis. Deshalb gibt es auch solche Gespräche, dass dieser Transfer möglich sein könnte.

Portnikov. Ich denke, dass alle Gespräche über einen Transfer der Essenz der russischen Geschichte absolut nicht entsprechen, wo, wenn der Zar stirbt, völlig andere Ereignisse beginnen. Der Kern des Machtübergangs von Jelzin zu Putin bestand darin, dass Jelzin nicht starb, lange Zeit Garant für Putin blieb, so wie Putin Garant für Jelzin. Putin wird niemandem irgendwelche Macht übergeben. Er wird bis zum Ende Präsident bleiben. Und wiederum sage ich Ihnen sogar die Formel: Jetzt sind die Risiken einer Beendigung des Krieges für Putin viel größer als die Risiken der Nichtbeendigung. Diese Formel muss sich ändern. Solange diese Formel weiter besteht, wird es keine Pause geben.

Chalyj. Ja, aber diese Risiken können jetzt viel schneller wachsen als früher.

Portnikov. Möglich. Das ist die Antwort auf Ihre Frage.

Chalyj. Die Zeit läuft ab, und ich würde noch anderthalb Stunden mit Ihnen sprechen, aber ich weiß, dass auch Sie Pläne haben. Zum Abschluss stelle ich dennoch eine Frage, die scheinbar über all das hinausgeht, aber dennoch. Wir verstehen, dass das, was in der Ukraine geschieht, der Krieg und all das, nun, ich würde sagen, solche Dinge sind, die Historiker einmal als Wendepunkte, als epochal bezeichnen werden. Das ist ein Krieg in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Und in den 90er-Jahren, 1996, beschrieb Zbigniew Brzeziński in seinem „Grand Chessboard“, dann Huntington über den Bruch der Zivilisationen, andere solche, nun, und Kissinger, auf seine Weise die Situation. Sie sagten zwei Dinge: dass die Grenze, gemeint ist eine reale Grenze, zwischen Russland von der Seite, sozusagen Asiens, und dem europäischen Teil nicht entlang der Grenzen der Ukraine verlaufen werde, sondern irgendwo westlicher der Grenze der Ukraine, sagen wir. Also dort, wo Russland im Grunde versucht, diesen Teil des Grenzlandes zu halten, ja, ich würde es so sagen.

Und sie sprachen darüber, eine zivilisatorische Grenze. Aber zugleich sehen wir Veränderungen seit 1996/97, es sind schon 30 Jahre vergangen, wir sehen, dass reale Identitätsgrenzen, Grenzen realer historischer Ereignisse sich ändern können und den damaligen Prognosen schon nicht mehr entsprechen müssen. Was denken Sie: Wo wird in Zukunft … Ich spreche nicht von Jahren. Nun, wenn von Jahren, okay, etwa Mitte der 40er-Jahre, 2034, wo wird künftig die tatsächliche Grenze zwischen dem Block der Europäischen Union und der übrigen nordeuropäischen Staaten einerseits und Russland andererseits verlaufen? Müssen wir auf diese Prognose hören, dass es nur so ist, oder kann man doch eine Korrektur vornehmen, dass diese Grenzen mindestens entlang der Staatsgrenzen der Ukraine verlaufen werden? Und ich frage: Wo werden sie noch verlaufen?

Portnikov. Es hängt davon ab, ob die Volksrepublik China den Weg der Vereinigten Staaten von Amerika und der Russischen Föderation gehen wird. Einfach gesagt: Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Russische Föderation haben bereits bewiesen, dass sie über eine unglaubliche Macht verfügen, diese Macht aber nicht realisieren können. Die Volksrepublik China hat das bisher nicht bewiesen. Für eine Großmacht ist das Wichtigste, keine Gewalt anzuwenden, denn wenn sie Gewalt anwendet und danebentrifft, ist das das ist wie in Kiplings Das Dschungelbuch: Akela, der sein Ziel verfehlt, kann nicht länger Rudelführer bleiben.

Chalyj. Das ist einer der grundlegenden Prinzipien …

Portnikov. Der Zivilisation, nicht einmal der Politik, von allem auf der Welt. China hat diesen Fehler bisher nicht begangen. Wenn es diesen Fehler nicht begeht, dann werden die Grenzen zwischen der Europäischen Union und, sagen wir, Eurasien im russischen Verständnis dieses Wortes, entlang jener Gebiete verlaufen, über die Russland in Zukunft seine Kontrolle behalten kann. Das muss nicht unbedingt ukrainisches Territorium sein. Russland kann eigene Gebiete im europäischen Teil verlieren, so lächerlich das in dieser Situation klingt. Und das wird die konkrete Grenze Chinas und dieser, ich würde sagen, europäischen Zivilisation sein. Die Grenze entweder Asiens und Europas oder Eurasiens und Europas, nennen Sie es, wie Sie wollen.

Chalyj. Also ist es kein Zufall, dass Karaganow vorschlägt, die Hauptstadt schon aus Moskau zu verlegen, und Setschin gesagt hat, dass Rosneft schon irgendwo näher zum Ural zieht.

Portnikov. Genau. Wenn China aber nicht widersteht, dann beginnt in der Welt ein echter Chaos, den wir noch nicht gesehen haben, denn es wird keine Macht mehr geben, auf die man achten kann. Wenn irgendein Land wie die Philippinen oder Japan oder sogar Taiwan beweist, dass China seine Wünsche nicht mit Gewalt realisieren kann, wird es in der Welt keine Weltgendarmen mehr geben. Und es beginnt eine Zeit des Chaos, die länger dauern wird als die 40er-Jahre. Es beginnen dunkle Zeiten. Das wird übrigens unglaublich interessant.

Chalyj. Wie die Chinesen sagen: Mögest du in Zeiten des Wandels leben.

Portnikov. Das wird keine Zeit des Wandels sein, das wird eine Zeit des Chaos sein. Genau darum geht es. Die Zeit des Wandels ist das, worin wir jetzt leben. Danach beginnen entweder, ich würde sagen, etablierte Veränderungen, wenn alle sich über alles einigen und die Störer der Ordnung einfach vom Tisch entfernt werden, oder es beginnt eine solche Zeit des Chaos, in der sich Grenzen alle fünf Jahre verändern werden. Es wird keine Grenzen geben. Die ganze Zeit wird sich etwas ändern, weil jeder glauben wird, dass er fähig ist, jedem seinen Willen aufzuzwingen, wenn es keine Supermächte mehr gibt. Und die Supermächte werden sich von der Beteiligung fernhalten, weil sie fürchten werden, dass ihr Eingreifen ihre Ohnmacht zeigen wird. Das ist das Bild der Welt im 21. Jahrhundert.

Chalyj. Leider muss ich zustimmen. Ich sehe sogar die andere Seite davon. Die Länder, die in dieser Situation gegen die Großen bestehen, werden selbst andere Ansätze und andere Ambitionen entwickeln, wie wir es jetzt übrigens an der Ukraine sehen. Deshalb, ehrlich gesagt, wenn jemand sagt, dass man mit der Ukraine nicht so umgehen sollte: Kissinger sagte, der weise Kissinger am Ende seines Lebens, dass es besser sei, die Ukraine innerhalb der NATO zu halten, um sie zu kontrollieren. In dieser Hinsicht also sehr richtig. Aber dorthin müssen wir noch kommen, und der Preis, den die Ukraine zahlen wird, ist ein gewaltiger Preis für die Zukunft. Und mit China ein interessanter Gedanke. Er schien irgendwie offensichtlich, aber Sie haben ihn so klar ausgesprochen. Tatsächlich diese Möglichkeit, dass die Großen einfach scheitern, sagen wir so, was wir jetzt beobachten. Und klar, wir sagen das im aktuellen Moment, ja, es kann verschiedene schwarze Schwäne geben und anderes, aber ich denke dennoch, dass man auf Fakten schauen muss. Erstens. Und zweitens müssen wir dennoch Tagesordnungen formen, eine ukrainische Position formen und nicht nur spiegelbildlich auf irgendwelche äußeren Handlungen reagieren. Das betrifft Polen, das betrifft Russland.

Portnikov. Wir sagen das seit Beginn des 20. Jahrhunderts, also hoffen wir, dass man irgendwann auf uns hören wird und dass es gelingt.


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Art der Quelle: Diskussion
Titel des Originals: Конфлікт Білого Орла | Віталій Портников
@UkraineCrisisMediaCenterOnline. 23.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 23.06.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Lukaschenko bekam Angst vor Zelensky und schaltete die Relaisstationen ab | Vitaly Portnikov | 24.06.2026.

Der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky teilte mit, dass die auf dem Territorium von Belarus befindlichen Relaisstationen, mit deren Hilfe Russland seine Angriffe auf die westlichen Regionen unseres Landes koordinierte, abgeschaltet worden seien. Somit haben Lukaschenko und Putin auf das Ultimatum Volodymyr Zelenskys reagiert, der zuvor gewarnt hatte, dass die Ukraine dies selbst tun werde, falls Belarus diese Relaisstationen nicht abschalte.

Die Erklärungen des ukrainischen Präsidenten erfolgten nach den sogenannten Entschuldigungen des belarussischen Präsidenten gegenüber seinem ukrainischen Amtskollegen. In diesen Entschuldigungen erklärte Lukaschenko ebenfalls, dass sein Land nicht am Krieg Russlands gegen die Ukraine teilnehmen wolle und dass von belarussischem Territorium keine Gefahr für unseren Staat ausgehen werde.

Daraufhin bemerkte der ukrainische Präsident zu Recht, dass bloße Erklärungen nicht ausreichen, und schlug Lukaschenko als ersten Schritt vor, die Relaisstationen abzuschalten, die den russischen Streitkräften dabei halfen, Angriffe auf das Territorium der Ukraine durchzuführen.

Bereits nach dieser Erklärung betonte ich, dass Putin und Lukaschenko zwischen der Abschaltung der Relaisstationen und anderen möglichen Zugeständnissen an die Ukraine einerseits und möglichen ukrainischen Angriffen auf die Infrastruktur von Belarus andererseits würden wählen müssen, darunter auch auf die Ölraffinerie von Mosyr, die für die Bedürfnisse der russischen Streitkräfte genutzt wird, die ihre aggressiven Handlungen auf ukrainischem Boden fortsetzen. Übrigens sprach Zelensky auch über diese Zusammenarbeit belarussischer Unternehmen mit dem russischen Aggressor.

Das Einzige, was Putin von der Zustimmung zur Abschaltung der Relaisstationen auf belarussischem Territorium hätte abhalten können, wäre die Bereitschaft gewesen, einen Präzedenzfall für mögliche Angriffe auf militärische Objekte in den Staaten Mitteleuropas zu schaffen – nach dem Prinzip: Wenn die Ukraine bereit ist, Verbündete der Russischen Föderation anzugreifen, wird Russland seinerseits Verbündete der Ukraine angreifen. Doch wie wir verstehen, gibt es in diesem Szenario ein reales Problem.

Will Putin tatsächlich einen echten und nicht nur verbalen Konflikt mit NATO-Mitgliedstaaten riskieren? Möchte er testen, wie Artikel 5 des Nordatlantikvertrags funktioniert? Ist er zu einer realen Konfrontation mit den Streitkräften der Mitgliedstaaten des Bündnisses bereit, falls diese sich anschließend Angriffen auf russisches oder belarussisches Territorium anschließen sollten?

All dies sind natürlich rhetorische Fragen – zumindest so lange, bis in Moskau eine Entscheidung über die Ausweitung des russisch-ukrainischen Krieges getroffen wird. Doch die Tatsache, dass die Relaisstationen abgeschaltet wurden, zeigt, dass ein solcher Wunsch beim russischen Präsidenten nicht vorhanden ist. Und offensichtlich auch nicht beim belarussischen.

Lukaschenko konnte Putin davon überzeugen, dass ukrainische Angriffe auf belarussisches Territorium Belarus nicht in den Krieg hineinziehen würden, dafür aber Probleme für die russischen Bedürfnisse schaffen würden. Denn Unternehmen, die nach dem Verlust von bis zu einem Viertel der russischen Raffineriekapazitäten infolge ukrainischer Angriffe bereit wären, für die russische Armee zu arbeiten, gibt es praktisch nicht.

Heute erschienen übrigens Berichte, dass die Russische Föderation mit der Republik Kasachstan über Lieferungen von Erdölprodukten verhandle, obwohl diese Meldungen in Astana sofort dementiert wurden. Möglicherweise deshalb, weil man nicht möchte, dass kasachische Unternehmen unter sekundäre westliche Sanktionen geraten oder dass dies die Zusammenarbeit der Republik Kasachstan mit westlichen Staaten insgesamt beeinträchtigt.

Wie wir also sehen, ist die Ölraffinerie von Mosyr tatsächlich ein realer Gewinn für die russische Wirtschaft und vor allem für die russische Armee sowie den militärisch-industriellen Komplex Russlands. Diese Raffinerie für Relaisstationen zu opfern, wäre ein zu hoher Preis.

Gleichzeitig müssen wir uns bewusst machen, dass Zelensky keineswegs verpflichtet ist, sich ausschließlich auf Forderungen nach der Abschaltung der Relaisstationen zu beschränken. Wir sehen bereits, dass Belarus bereit ist, auf die Erklärungen des ukrainischen Staatschefs zu hören, dass der belarussische Präsident erkannt hat, wie verwundbar sein Land gegenüber möglichen ukrainischen Angriffen geworden ist. Und von Seiten der Russischen Föderation sollte man nach der Erkenntnis Lukaschenkos, dass Russland nicht einmal in der Lage ist, die von ihm besetzten ukrainischen Gebiete zu schützen, keinen wirklichen Schutz erwarten.

Wie sollte Lukaschenko sich ruhig fühlen, wenn sich die Krim einem echten Energiekollaps und einer Verkehrsisolation nähert und immer deutlicher wird, dass die Besetzung dieser ukrainischen Halbinsel ein schwerer geopolitischer Fehler Putins war? Und die Russen freuten sich vergeblich, als ihr Präsident das Völkerrecht brach und jene Ordnung zerstörte, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit so großen Mühen geschaffen worden war und durch russische Anstrengungen faktisch verramscht wurde.

Wenn es keine Möglichkeit gibt, die Krim zu schützen, wird es auch keine Möglichkeit geben, Belarus zu schützen. Dabei leben auf der Krim viele Kolonisten, die die Annexion dieser ukrainischen Halbinsel leidenschaftlich unterstützten und dorthin umsiedelten, womit sie faktisch Putins Wunsch erfüllten, die Bevölkerung zu verwässern, die vor der russischen Invasion auf der Krim gelebt hatte.

Die Gesellschaft in Belarus unterstützt bekanntlich den Krieg Russlands gegen die Ukraine nicht. Die Möglichkeiten einer – wenn auch nur scheinbaren – Versöhnung der Belarussen mit dem Regime Lukaschenkos ergaben sich gerade deshalb, weil es dem belarussischen Staatschef gelang, seine Bürger davon zu überzeugen, dass er der Garant des Friedens sei und nicht zulassen werde, dass Belarus selbst an den aggressiven Handlungen Russlands gegen die Ukraine teilnimmt.

Nun könnte sich jedoch herausstellen, dass Lukaschenko mit seiner Unnachgiebigkeit den Krieg auf belarussischen Boden bringt. Und das, obwohl seine Landsleute diesen Krieg nicht unterstützen und die Mehrheit von ihnen bekanntlich auch den Diktator, der 2020 mit einem Aufstand konfrontiert war, nicht besonders unterstützte.

In dieser Situation können wir klar sagen, dass wir ein bestimmtes Fenster der Möglichkeiten für die Ukraine beobachten. Ein Fenster der Möglichkeiten, das Bedingungen schaffen soll, um jede Beteiligung der belarussischen Industrie und der Streitkräfte dieses Landes an der Unterstützung der weiteren russischen Aggression zu verringern.

Denn diese Aggression gleicht der Aggression einer lernäischen Hydra. Und man muss diesem russischen Ungeheuer einen Kopf nach dem anderen abschlagen, bis nur noch ein einziger Kopf übrig bleibt – Putins Kopf –, der mit den Herausforderungen, denen Russland in seiner Aggression begegnen wird, nicht mehr fertigwerden kann. Davon bin ich überzeugt.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Лукашенко злякався Зеленського і відключив ретранслятори | Віталій Портников. 24.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 24.06.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Die Insel Krim. Vitaly Portnikov. 23.06.2026.

Острів Крим. Віталій Портников. 23.06.2026.

Das Bild der „Insel Krim“ ist natürlich mit der berühmten antisowjetischen Dystopie des russischen Schriftstellers Wassili Aksjonow verbunden. Es wurde während der Besetzung und Annexion der Krim aktiv verwendet, als die ukrainische Halbinsel tatsächlich beinahe zu einer „russischen Insel“ wurde, weil sie die reale Verbindung zum Festland verlor.

Auch ich stellte damals fest, dass die Besetzung der Krim absurd wirkte, denn ohne Verbindung zum Festland hat die Halbinsel in ihrer langen Geschichte niemals existiert. Und wenn sie begann, als Insel zu existieren, bedeutete das stets den Beginn tiefgreifender historischer Veränderungen. So begann der Niedergang des Krim-Khanats, der zu seiner Annexion und Auflösung durch Katharina II. führte, genau in dem Moment, als es den russischen Truppen gelang, die Kontrolle über die Festlandsgebiete des Krimstaates zu erlangen. Eben der fehlende Kontakt zum Festland, das von der bolschewistischen Armee kontrolliert wurde, führte zur endgültigen Niederlage der Weißen Bewegung im russischen Staat. Und nun, im Jahr 2014, befand sich die Halbinsel erneut nicht nur ohne Verbindung zum Festland, sondern auch ohne Wasser, denn die Kontrolle über den Kanal, der die Krim in den letzten Jahrzehnten vor der Besetzung verändert hatte, blieb in den Händen der Ukraine.

Putin zog, wie zu erwarten war, aus dieser Situation der „neuen Insel“ seine eigenen Schlussfolgerungen – nicht den Verzicht auf die Kontrolle über die gestohlene Krim, sondern die Schaffung eines Korridors zur Krim über besetztes ukrainisches Gebiet. Dies wurde zu einem der Hauptziele der Invasion von 2022. Es konnte so erscheinen, als sei das Krim-Problem für Russland gelöst, als sei die Krim nun definitiv keine Insel mehr, da sie durch die besetzten Gebiete der Ukraine und durch die während der Besatzungsjahre gebaute Brücke mit dem Festland verbunden sei.

Der russische Präsident berücksichtigte jedoch nicht, dass der Krieg gegen die Ukraine nicht nur ein Jahr dauern könnte und sich zudem technologisch verändern würde. Und nun erleben wir eine erstaunliche Situation: Die Anstrengungen der ukrainischen Verteidigungskräfte haben die Krim schließlich tatsächlich in eine Insel verwandelt. Der Korridor existiert zwar, steht aber unter Bombenbeschuss und hat faktisch aufgehört, seine Rolle als Verkehrsader zu erfüllen. Die Brücke existiert zwar ebenfalls, aber man fürchtet sich, Tanklastwagen darüber fahren zu lassen, um keine Bedingungen für die Zerstörung der Konstruktion zu schaffen. Die Fähren in der Straße von Kertsch wurden zerstört. Treibstoff gibt es auf der Halbinsel – genauer gesagt auf der Insel – bereits nicht mehr. Die Krim nähert sich einer echten logistischen Katastrophe, und die Russen, die beschlossen hatten, auf dem gestohlenen Land Urlaub zu machen, wollen weg – und können nicht abreisen!

Noch vor einigen Jahren erklärte man im Kreml, dass die Frage der Krim mit der Ukraine nicht zur Diskussion stehe. Noch vor einem Jahr schlug der Präsident der Vereinigten Staaten seinem russischen Amtskollegen vor, den russischen Status der Krim anzuerkennen. Doch nun könnte man im Kreml darüber nachdenken, welchen Sinn besetzte Gebiete überhaupt haben, wenn die Kontrolle über sie nur noch nominell erscheint.

Russland versuchte seit Beginn der 1990er Jahre, seine Präsenz auf der Krim zu bewahren, indem es dafür die Schwarzmeerflotte und prorussische Aktivisten nutzte. Der erste und letzte Präsident der Autonomie, Jurij Meschkow, stellte Regierung und Präsidialverwaltung der Autonomen Republik Krim aus russischen Staatsbürgern zusammen, die die Halbinsel bereits auf die Annexion vorbereiteten. Als die russische Operation scheiterte, begann man einen Sonderstatus für die Schwarzmeerflotte zu fordern und überzeugte schließlich Leonid Kutschma von der Notwendigkeit entsprechender Vereinbarungen. Als das Ende der Stationierung dieses tatsächlichen Besatzungskontingents im ukrainischen Sewastopol näher rückte, nutzte man Viktor Janukowytsch und eine Bande von Kollaborateuren, die sich als ukrainische Regierung ausgaben, um die Frist zu verlängern. Und 2014 annektierte man schließlich die gesamte Krim. Wozu? Um ihr Territorium als Brückenkopf für die Besetzung des ukrainischen Südens und zur Destabilisierung der Lage im Schwarzen Meer zu nutzen.

Im Ergebnis ist die Schwarzmeerflotte – dieses ewige Symbol russischer Schande und Niederlagen – nach Noworossijsk geflohen, auf der Krim gibt es weder Treibstoff noch Strom, und die Russen fliehen bereits jetzt von fremdem Boden, obwohl ihre Truppen sich noch dort befinden. Welchen Sinn hat es heute überhaupt, fremde Gebiete zu besetzen, die man nicht schützen kann? Welchen Sinn hat für Russland die „Insel Krim“?


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Острів Крим. Віталій Портников. 23.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 23.06.2026.
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Plattform / Quelle: Zeitung
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Trump ermutigt Zelensky zu mehr Entschlossenheit | Vitaly Portnikov | 23.06.2026.

Nach Angaben von Quellen der Zeitung Kyiv Independent riet der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, seinem ukrainischen Kollegen Volodymyr Zelensky während ihres jüngsten Treffens am Rande des G7-Gipfels in Évian, gegenüber Putin entschlossener zu handeln, um den russischen Präsidenten an den Verhandlungstisch zu zwingen.

Beobachter deuten diese Worte Donald Trumps als Eingeständnis der Tatsache, dass der russische Präsident nicht freiwillig an echten Verhandlungen teilnehmen wird. Dies kann als Korrektur der außenpolitischen Position des amerikanischen Präsidenten betrachtet werden, der vom ersten Tag seiner Amtszeit an gehofft hatte, die Präsidenten der Russischen Föderation und der Ukraine zu einer Vereinbarung über die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges zu bewegen, und dies wiederholt öffentlich erklärte.

Natürlich kann man die Frage stellen, warum Trump seine Sicht der Lage gerade jetzt geändert hat. Denn wir haben gesehen, dass Putin alle Initiativen des amerikanischen Präsidenten ständig und konsequent zurückgewiesen hat. Schon in seinem ersten Telefongespräch mit seinem russischen Amtskollegen betonte Trump, dass Russland und die Ukraine einem Waffenstillstand zustimmen und von dieser Position aus über Frieden zwischen den beiden verfeindeten Staaten verhandeln müssten.

Putin stimmte diesem Vorschlag nicht zu. Daraufhin änderte Trump sogar seine Vorstellung eines bedingungslosen Waffenstillstands zwischen Russland und der Ukraine zugunsten eines Modells, das der Russischen Föderation ermöglichen sollte, Bedingungen für einen Waffenstillstand zu stellen. Doch auch das stellte den russischen Präsidenten nicht zufrieden.

Später kam es zu dem berühmten Treffen in Anchorage, das sowohl für den amerikanischen als auch für den russischen Präsidenten mit einem Fiasko endete. Nach dem Treffen erklärte der Präsident der Vereinigten Staaten klar, dass es ihm nicht gelungen sei, Vereinbarungen mit Putin zu erzielen. Doch bereits auf dem Weg von Anchorage nach Washington sah er sich gezwungen, seine Einschätzung der Ergebnisse des Treffens zu ändern, weil er nicht wollte, dass es als negativer Ausgang seiner Diplomatie wahrgenommen wurde.

Nach Anchorage entstand die Idee, ukrainisch-russische Verhandlungen unter amerikanischer Vermittlung sogar während der laufenden Kampfhandlungen zu ermöglichen. Dies war bereits ein erheblicher Rückzug des Präsidenten der Vereinigten Staaten von seinen früheren Vorstellungen über die Möglichkeiten zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges. Man kann sagen, dass Donald Trump dem Szenario Putins zustimmte, der daran interessiert war, Zeit zu gewinnen – möglicherweise bis zum Ende von Donald Trumps Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten –, so wie es bereits bei den Vorgängern des amerikanischen Staatschefs geschehen war.

Jetzt, da offensichtlich wird, dass auch dieser Verhandlungsprozess gescheitert ist und Russland ihn demonstrativ verlassen hat, solange die ukrainischen Truppen nicht auf ihre Präsenz auf dem Gebiet der ukrainischen Region Donezk verzichten – worüber sowohl Präsident Putin als auch andere Kremlbeamte wiederholt gesprochen haben –, sagt Trump zu Zelensky, dass er gegenüber Putin entschlossener handeln müsse.

Dabei handelt es sich weniger um einen diplomatischen Kurswechsel als vielmehr um die Erkenntnis des amerikanischen Präsidenten, dass die Ukraine der Russischen Föderation schwere Schläge zufügt und die Möglichkeiten des russischen militärisch-industriellen Komplexes sowie der Ölverarbeitungsindustrie einschränkt. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Trumps Worte genau in dem Moment fielen, als sich die Lage im Nahen Osten – wenn auch vorübergehend – zu entspannen begann und die Islamische Republik Iran der Öffnung der Straße von Hormus zustimmte.

Damit benötigt Washington die Dienste Moskaus zur Aufrechterhaltung des Ölmarktgleichgewichts bereits jetzt nicht mehr. Mehr noch: Das iranische Öl, das nun an viele Länder des Globalen Südens verkauft werden wird, kann russisches Öl problemlos ersetzen. Zusätzliche Konkurrenten benötigen die Vereinigten Staaten nicht.

Hier deckt sich die Position von Präsident Trump mit der seines Finanzministers Bessent, der stets ein Befürworter der Verdrängung der Russischen Föderation vom weltweiten Energiemarkt zugunsten amerikanischer Ölunternehmen war, an deren Gewinnen die Administration des Weißen Hauses interessiert ist.

Somit kann man sagen, dass Trumps Verhalten in der neuen Situation logisch ist. Der amerikanische Präsident neigt sich stets stärker auf die Seite dessen, der seinem Gegner die schwereren Schläge zufügt, und die Anstrengungen der Ukraine können bei ihm Respekt hervorrufen.

Russlands Bedeutung auf dem weltweiten Ölmarkt soll verringert werden. Daher ist die Zerstörung der russischen Ölverarbeitungsindustrie vor dem Hintergrund der Sanktionen gegen russisches Öl ein zusätzlicher Pluspunkt für den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Und natürlich konnte Donald Trump, der hofft, dass Anhänger einer traditionellen Haltung gegenüber religiösen Kulten für die Republikaner stimmen werden, die Angriffe der Russischen Föderation auf die Kyiv-Petschersk-Lawra nicht ignorieren. Diese wurden zu einem weiteren Beweis dafür, dass alle Gespräche über gemeinsame Werte amerikanischer Konservativer und des Kremls eher eine Moskauer Erfindung sind, die darauf abzielt, die Vereinigten Staaten auf Distanz zu russischen Interessen im postsowjetischen Raum und in Europa zu halten. Genau dies hatten europäische Staats- und Regierungschefs Donald Trump und seinen Verbündeten bei zahlreichen Gipfeltreffen immer wieder zu erklären versucht.

Doch offensichtlich konnte der amerikanische Präsident die tatsächlichen Absichten seines russischen Amtskollegen, für den er stets eine geradezu unverstellte Achtung empfand, erst dann erkennen, als Putin zu Angriffen überging, die zeigen sollten, dass er in der Lage ist, Heiligtümer der christlichen Welt zu zerstören.

Natürlich stellt sich nun die Frage, welche konkreten Folgen diese Worte Donald Trumps haben werden.

Der amerikanische Präsident stand dem ukrainischen Vorschlag positiv gegenüber, ein gemeinsames Treffen der Staats- und Regierungschefs der drei Länder in den Vereinigten Staaten zu organisieren. Allerdings habe ich keine Erwartung, dass der russische Präsident einem solchen Gipfel tatsächlich zustimmen wird, da er offenbar weiterhin davon überzeugt ist, dass die Zeit auf Putins Seite steht und nicht auf der Seite der Ukraine und ihrer Verbündeten.

Der amerikanische Präsident muss außerdem eine Entscheidung über die weitere Unterstützung der Ukraine treffen. Diese muss natürlich nicht mit Worten oder Erklärungen verbunden sein, sondern mit realem Geld und realen Waffen, die die Ukraine in den kommenden Phasen der lang andauernden russisch-ukrainischen Konfrontation benötigt.

Positiv ist jedoch, dass Trump Putin nun nicht mehr als jemanden betrachtet, der den russisch-ukrainischen Krieg tatsächlich durch einen Verhandlungsprozess beenden möchte.

Und das ist bereits eine wichtige Nachricht für die Situation, in der sich die Ukraine heute in ihrer Konfrontation mit der Russischen Föderation befindet.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Трамп заохочує Зеленського до рішучості| Віталій Портников. 23.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 23.06.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Zelensky setzt Lukaschenko unter Druck | Vitaly Portnikov. 21.06.2026.

Volodymyr Zelensky hat Aljaksandr Lukaschenko erneut aufgefordert, die Relaisstationen an der belarussisch-ukrainischen Grenze zu entfernen. Bereits zuvor hatte der ukrainische Präsident betont, dass bloße Entschuldigungen und Versicherungen, von belarussischem Territorium werde kein neuer Angriff auf die Ukraine ausgehen, für Kyiv nicht ausreichen. Denn das Territorium Belarus’ wird auch jetzt noch von der russischen Armee zur Unterstützung von Putins Aggression gegen die Ukraine genutzt.

Natürlich hätte Lukaschenko noch vor einigen Monaten diesen Drohungen des ukrainischen Präsidenten keine besondere Beachtung schenken können. Doch inzwischen hat sich die Lage im Krieg tatsächlich verändert. Die Ukraine führt Schläge gegen das Territorium der Russischen Föderation aus, und zugleich demonstriert Moskau seine Unfähigkeit, wichtige strategische Objekte vor Angriffen ukrainischer Drohnen zu schützen. Die besetzte Krim befindet sich faktisch in Isolation von der Russischen Föderation. Auf der Halbinsel entwickelt sich rasch eine echte logistische und humanitäre Katastrophe. Und dies ist zugleich eine Katastrophe für die Streitkräfte der Russischen Föderation, die auf der annektierten Halbinsel stationiert sind.

Kann ein Schlag gegen das Territorium Belarus’ erfolgen? Lukaschenko weist zu Recht darauf hin, dass Russland kaum in der Lage wäre, das Land vor möglichen ukrainischen Angriffen zu schützen. Die belarussische Wirtschaft könnte buchstäblich innerhalb weniger Tage zusammenbrechen. Und das bedeutet, dass auch die für Lukaschenko wichtigste Anlage, die Raffinerie von Masyr, untergehen würde, die zugleich von kritischer Bedeutung für die russische Armee ist.

Aus rein logischer Sicht wäre es für Zelensky daher sogar vorteilhafter, wenn Lukaschenko die Erklärungen seines ukrainischen Amtskollegen ignorieren und die Relaisstationen an der belarussisch-ukrainischen Grenze belassen würde. In diesem Fall hätte die ukrainische Armee allen Grund, strategische Objekte der belarussischen Wirtschaft auszuschalten, die für die Bedürfnisse der russischen Streitkräfte genutzt werden.

Die Raffinerie ist eines dieser Objekte. Zudem handelt es sich faktisch um die einzige Raffinerie, die Putin noch zur Verfügung steht und die nicht systematischen Angriffen ukrainischer Drohnen ausgesetzt ist.

Es bleibt nur die Frage, ob Lukaschenko selbst seinen russischen Sponsor und Freund davon überzeugen kann, dass es tatsächlich viel wichtiger ist, die belarussische Wirtschaft und insbesondere die belarussische Ölverarbeitung zu erhalten – in einer Situation, in der Russland bald überhaupt keine funktionierende Ölverarbeitung mehr haben könnte. Vielleicht wäre es dann besser, die Relaisstationen zu opfern, aber Masyr zu retten. Das wäre ein logischer Ansatz.

Man kann sagen, dass Lukaschenko einen solchen Ansatz vertritt. Wenn der belarussische Machthaber die gesamte Bedrohung für sein Regime nicht erkennen würde, hätte er sich nicht bei Volodymyr Zelensky entschuldigt und versichert, dass Belarus nicht beabsichtige, an den nächsten Phasen des russischen Krieges gegen die Ukraine teilzunehmen.

Doch Putin handelt keineswegs immer logisch. Für den russischen Präsidenten könnte eine Ausweitung des Krieges auf das Territorium Belarus’ aus politischer Sicht sogar vorteilhaft sein. Putin könnte meinen, dass er in diesem Fall einen Freibrief hätte, bereits gegen die Verbündeten der Ukraine vorzugehen. Wenn die Ukraine Angriffe auf das Territorium eines russischen Verbündeten ausführt, hätte Russland die Möglichkeit, Schläge gegen das Territorium eines ukrainischen Verbündeten zu führen und damit den Krieg auf die Gebiete der an Russland und die Ukraine angrenzenden Mitgliedstaaten der Europäischen Union und der NATO auszuweiten – vor allem auf Polen und die baltischen Staaten.

Dies wäre wichtig, um militärische Objekte anzugreifen, die von diesen Ländern zur Unterstützung der ukrainischen Armee genutzt werden. Es ist kein großes Geheimnis, dass der Flughafen Rzeszów ein begehrtes Ziel für die russischen Streitkräfte ist. Allerdings könnte die Präsenz amerikanischer Kräfte an diesem Standort Putin von einem solchen Angriff abhalten.

Es gibt jedoch auch Objekte, an denen keine US-Militärangehörigen stationiert sind und die in einem solchen Fall tatsächlich von der russischen Luftwaffe bombardiert werden könnten. Dafür braucht es jedoch einen belarussischen Präzedenzfall. Und so werden Putin und Lukaschenko nun eine recht einfache Frage für sich beantworten müssen: Was ist wichtiger – die wirtschaftlichen Ressourcen der Republik Belarus für die Bedürfnisse der russischen Streitkräfte zu erhalten oder die Situation um einen Angriff auf die Relaisstationen an der belarussisch-ukrainischen Grenze sowie auf andere strategische Objekte der Republik Belarus zu nutzen, um den Krieg letztlich auf das Territorium der NATO-Mitgliedstaaten auszuweiten?

In Moskau könnte man der Ansicht sein, dass es ohne eine solche Ausweitung, ohne die Einschüchterung Europas und ohne die Überzeugung der europäischen Gesellschaften, dass die Unterstützung der Ukraine nur zu einem großen Krieg auf dem europäischen Kontinent führen könne, nicht möglich sein wird, die Ukraine zu besiegen und das Territorium des Nachbarstaates in die Russische Föderation einzugliedern – ein Ziel, von dem Putin noch immer träumt.

Somit setzt Zelensky Lukaschenko einerseits unter Druck, damit dieser die Relaisstationen entfernt, die für Angriffe auf ukrainisches Territorium genutzt werden. Andererseits versucht der verängstigte Lukaschenko, zumindest die Illusion des Friedens für sein eigenes Land zu bewahren und die eigene Wirtschaft zu retten, da ihm bewusst ist, dass sein Regime einen Zusammenbruch dieser Wirtschaft möglicherweise nicht überstehen würde und ihm dann auch kein Putin mehr helfen könnte.

Es gibt jedoch auch ein Putin-Motiv, das mit einer völlig anderen Logik verbunden sein könnte, die weder Volodymyr Zelensky noch Aljaksandr Lukaschenko berücksichtigen. Es ist die Logik eines großen Krieges mit dem Westen, von dem Putin und seine Gefolgsleute möglicherweise träumen – nicht einmal aus der Perspektive einer Eroberung Europas, sondern aus der Perspektive einer Lähmung der militärischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten Europas zur weiteren Unterstützung der Ukraine.

Putin könnte darauf hoffen, dass seine Anhänger in Europa einfach demonstrieren werden, dass die weitere Unterstützung der Ukraine ein ernstes Problem für die Europäer selbst darstellt.

Und genau entlang einer solchen Entwicklungslinie werden sich die Ereignisse in den kommenden Wochen und Monaten entfalten. Wenn wir davon ausgehen, dass weder die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges noch seine Ausweitung verhindert werden können, dann erscheint ein solches Szenario bereits in naher Zukunft durchaus wahrscheinlich.


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Titel des Originals: Зеленський кошмарить Лукашенка | Віталій Портников. 21.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 21.06.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Latynina wird zu Solowjow | Vitaly Portnikov. 21.06.2026.

Die als „ausländische Agentin“ eingestufte politische Emigrantin Julija Latynina hat bei der Bedienung der offiziellen russischen Propaganda und der Verbreitung ihrer Narrative an ein Publikum, das nicht das „Glück“ hat, täglich die Nachrichtensendung Wremja und die Shows von Wladimir Solowjow zu sehen, neue rote Linien überschritten.

Latynina hat beschlossen, ihre Kollegen, die sich wie sie außerhalb Russlands befinden, darüber zu belehren, dass man die von der Russischen Föderation besetzten Gebiete der Ukraine nicht als besetzt bezeichnen dürfe. Offenbar habe es auf der Krim ein ehrliches Referendum gegeben, dessen Ergebnisse jeder respektieren und berücksichtigen müsse, der eine Abstimmung unter den Läufen von Maschinengewehren und auf einem Gebiet unter Kontrolle einer fremden Armee als freien Bürgerwillen betrachtet.

Noch vor Kurzem wäre Latynina gar nicht auf die Idee gekommen, etwas Derartiges zu behaupten. Wahrscheinlich haben jedoch die Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf die russische Hauptstadt ihr Bild der Realität verändert. Allerdings weist auch dieses Weltbild gewisse Lücken auf, denn diese Angriffe sieht Latynina schlicht nicht und meint, in Moskau sei bislang überhaupt nichts eingeschlagen. Diese Einschätzung bestätigt übrigens vollständig meine eigene Vorstellung davon, was Moskauer, die innerhalb des Gartenrings leben, eigentlich als Moskau betrachten.

Natürlich muss die Tochter eines sowjetischen Schriftstellers und einer bekannten Publizistin der Literaturnaja Gaseta nicht wissen, wo irgendein Kapotnja liegt, und sie wird sich wohl kaum Gedanken über Birjuljowo, Medwedkowo oder andere Randbezirke der russischen Hauptstadt machen. Jasenewo dürfte sie allenfalls als Standort des Hauptquartiers des russischen Auslandsgeheimdienstes interessieren. Nun ja, das liegt eben näher.

Aus dieser Perspektive kann man sagen, dass das Weltbild der russischen Exilpublizistin ebenso durchsichtig und verständlich ist wie jedes andere Weltbild eines Menschen, der bereit ist, dem Imperium zu dienen, selbst dann, wenn dieses Imperium eine solche Begeisterung gar nicht mehr verdauen kann.

Man fragt mich oft, warum ich mich seinerzeit überhaupt auf Gespräche mit Julija Latynina eingelassen habe, während ich mit vielen anderen Propagandisten – sowohl aus der russischen Opposition als auch aus der Ukraine selbst – gar nicht sprechen will. Die Antwort ist einfach: Zum Zeitpunkt dieser Diskussion war mir das ganze Ausmaß der imperialen Narrative, mit denen diese Publizistin operiert, völlig bewusst. Gleichzeitig sah ich jedoch, dass ihre Aussagen bei einem großen Teil des ukrainischen Publikums und überhaupt bei frei denkenden Menschen auf der Suche nach alternativen Informationen lebhaftes Interesse, ja sogar Begeisterung hervorriefen.

Und nach unserer Diskussion beschloss Julija Latynina offenbar, dass es keinen Grund mehr gebe, sich zu zieren. Seitdem wurde sie zu einer geradezu inspirierten Verherrlicherin der Verbrechen des Russischen Imperiums – was sie im Grunde auch schon immer in ihren Büchern und Artikeln gewesen war. Nur: Wer hat diese Bücher und Artikel denn gelesen? Das war schließlich nicht YouTube.

Wenn man genauer darüber nachdenkt, befinden wir uns gleichzeitig in mehreren Kreisen der Hölle.

Der erste Kreis besteht aus einem Teil jener Menschen, die Russland verlassen haben und dort zu „ausländischen Agenten“ und Volksfeinden erklärt wurden. Sie werden ständig in Kreml-nahen Telegram-Kanälen beschimpft und in den Fernsehsendungen Solowjows und anderer Unholde erwähnt. Doch in ihren Texten und Videoauftritten wiederholen sie nahezu dieselben imperialen russischen Narrative – von Latynina bis zu irgendeinem weniger bekannten, aber nicht weniger schädlichen Metrochin.

Dann folgt der Kreis jener Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind – angeblich, weil es hier keine Demokratie und keine Meinungsfreiheit gebe und man für Kritik an Volodymyr Zelensky sofort ins Gefängnis komme. Wahrscheinlich sende ich diesen Blog gerade direkt aus einer Gefängniszelle. Von Scharij bis Aristowytsch reicht dieser weite Kreis politischer Avanturisten, denen sowohl jene zuhören, die nach alternativen Informationen auf Russisch suchen, als auch Teile des ukrainischen Publikums.

Der nächste Kreis sind die Pseudojournalisten, die sich innerhalb der Ukraine zu Bloggern umqualifiziert haben und ebenfalls große Mengen russischsprachiger Inhalte produzieren. Das sind Menschen, die auf Fernsehsendern gearbeitet haben, die Viktor Medwedtschuk gehörten. Menschen, die solch odiose Oligarchen wie Ihor Kolomojskyj auf dem Sender 1+1 oder Dmytro Firtasch bei Inter bedienten und bis praktisch 2022 offen antiukrainische Positionen vertraten und die Errungenschaften der ukrainischen Revolution der Würde nach 2014 zerstörten.

Nach Beginn des großen Krieges wurden diejenigen von ihnen, die nicht nach Russland flohen, plötzlich zu professionellen Patrioten. Sie führen Gespräche mit ukrainischen Beamten – vom Präsidenten bis zu den Ministern –, tun so, als hätten sie vor 2022 überhaupt nicht existiert. Oder als seien sie schon vor 2022 die Retter des Vaterlandes gewesen, die uns die Wahrheit gesagt hätten. Wie soll ein gewöhnlicher Mensch in einer solchen Situation nicht den Überblick verlieren?

Es gibt noch eine weitere Gruppe: Menschen, die in den Vereinigten Staaten oder anderen westlichen Ländern leben und uns zwei Jahre lang erzählt haben, Donald Trump werde den von Russland gegen die Ukraine geführten Krieg innerhalb einer Woche beenden. Sie empörten sich darüber, dass irgendjemand es wagen könnte, an ihrer Kompetenz und Ehrlichkeit zu zweifeln.

Heute verfluchen dieselben Leute – ebenso wie manche ihrer Kollegen, die aus Israel auf Russisch senden – Donald Trump in den schärfsten Worten. Sie behaupten, er sei ein schwacher Führer, der dem Einfluss Teherans und Moskaus unterliege. Und sie erinnern nicht einmal daran, was sie noch vor wenigen Monaten über ihn gesagt haben.

Im englischsprachigen Raum ist es üblich, sich für sein Verhalten zu entschuldigen. Dasselbe hat etwa Tucker Carlson getan, einer der wichtigsten Propagandisten Trumps im Wahljahr 2024. Diese Leute entschuldigen sich nicht. Mehr noch: Sie beleidigen weiterhin jene, die ihrem Publikum schon damals von ihrer Dummheit, Inkompetenz und Unehrlichkeit erzählt haben, als sie selbst noch von der Richtigkeit ihrer Ansichten überzeugt waren.

Den Zuschauer, der sich durch das Dickicht kämpfen muss, in dem ihm mal Latynina, mal Aristowytsch, mal Scharij, mal ukrainische Pseudopatrioten oder amerikanische Rentner auflauern, die von ihren analytischen Fähigkeiten überzeugt sind, kann man nur bedauern.

Wie gelangt man aus diesem Dickicht auf freies Feld und versteht, was wirklich geschieht?

Eine sehr gute Frage.

Vielleicht muss man einfach auf sein eigenes Gewissen hören und dessen Fehlen bei jenen bemerken, die bereit sind zu täuschen – im Austausch gegen die trügerische Aussicht auf persönlichen Erfolg und die Hoffnung, dass ihre propagandistischen Bemühungen dort bemerkt werden, wo man dieser ganzen Gesellschaft von Betrügern aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Möglichkeiten offensichtlich keinerlei Aufmerksamkeit schenken wird.


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Titel des Originals: Латынина превращается в Соловьева |Виталий Портников. 21.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 21.06.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Angriff auf die Krim: Die Halbinsel ohne Treibstoff. Vitaly Portnikov. 21.06.2026.

Der Leiter der Besatzungsverwaltung der Krim, Sergej Aksjonow, hat die vollständige Einstellung des Treibstoffverkaufs auf dem von Russland annektierten Gebiet der Halbinsel bekannt gegeben.

Treibstoff wird nun weder in Warteschlangen noch über die von den örtlichen Verwaltungen zuvor eingeführten Sondergutscheine erhältlich sein. Er wird ausschließlich staatlichen Diensten zugeteilt.

Zu dieser Entscheidung sah sich die Marionettenregierung der Krim nach ukrainischen Angriffen gezwungen – sowohl auf Ziele auf dem besetzten Gebiet der Halbinsel selbst als auch auf Objekte in unmittelbarer Nähe der Kertsch-Brücke, insbesondere auf ein Treibstofflager nahe dieser von den Russen errichteten Anlage. Diese war geschaffen worden, um die Logistik ihrer Besatzungstruppen auf der Halbinsel zu verbessern, die vor allem dazu dienen, die russische Armee zu unterstützen, die ihre aggressiven Handlungen auf dem Festland der Ukraine fortsetzt.

Somit können wir von einer tatsächlichen logistischen Katastrophe auf dem Gebiet der Krim sprechen. Es gibt keinen Treibstoff, es gibt keinen Strom. Die Stromversorgung wird auf der Krim derzeit nur unter großen Schwierigkeiten wiederhergestellt. Und trotz aller optimistischen Berichte der Vertreter der örtlichen Besatzungsverwaltung und der russischen Propagandisten wird offensichtlich, dass die Krim immer stärker in eine vollständige Isolation vom Besatzerstaat gerät. Die Kertsch-Brücke, praktisch die einzige relativ sichere Route für die Versorgung mit Treibstoff und anderen Gütern, bleibt zugleich ein riskanter Verkehrsweg, weil die Explosion eines einzigen Tanklasters auf der Brücke zu ihrer  endgültigen Beschädigung und Außerdienststellung führen könnte.

Dann würde sowohl die Eisenbahnverbindung zwischen Russland und der besetzten Krim als auch die Möglichkeit der Anreise auf die Halbinsel selbst mit Privatfahrzeugen enden. Die Krim befindet sich in einer echten Falle. Und in diesem Zusammenhang lohnt es sich, an eine ganze Reihe russischer Niederlagen im Zusammenhang mit der besetzten Halbinsel zu erinnern.

Man sollte daran erinnern, dass Russland stets versucht hat, seine Präsenz auf dem ukrainischen Boden auch nach der Ausrufung der ukrainischen Unabhängigkeit zu sichern. Bereits unter Boris Jelzin, dem ersten Präsidenten der neu gegründeten Russischen Föderation, setzte die russische Führung Kyiv unter Druck, um die Stationierung der Schwarzmeerflotte im ukrainischen Sewastopol festzuschreiben. Mehr noch: Ohne eine Zustimmung der Ukraine verschob Jelzin seinen Besuch in Kyiv sowie die Unterzeichnung des sogenannten Großen Vertrages zwischen Russland und der Ukraine, der den Respekt vor der territorialen Integrität beider Staaten festschreiben sollte.

Später, als deutlich wurde, dass die Laufzeit des früheren Schwarzmeerflotten-Abkommens auslief, begann Russland, die neue ukrainische Führung zu erpressen. Dies endete 2010 damit, dass der damalige Präsident der Ukraine, Viktor Janukowytsch, mit seinem russischen Amtskollegen Dmitri Medwedew einen Knebelvertrag über die Verlängerung der Stationierung der Schwarzmeerflotte unterzeichnete. Dieser machte das russische Militärkontingent auf der Krim faktisch zu einer Besatzungsmacht und zu einem Destabilisierungsfaktor für das gesamte Schwarze Meer.

Im Jahr 2014 folgte dann die Besetzung und Annexion der Krim, um die Halbinsel als Brückenkopf für einen Vormarsch in der Ukraine zu nutzen und zugleich den russischen Druck auf die europäischen NATO-Staaten im Schwarzmeerraum zu verstärken. 

Doch all dies erwies sich als ein großer Mythos. Nach Beginn des russisch-ukrainischen Krieges demonstrierten die ukrainischen Streitkräfte ihre Fähigkeit, die Schwarzmeerflotte mitsamt ihren Basen und Schiffen direkt in Sewastopol zu treffen. Sie erinnerten daran, dass die Krim für Russland niemals ein Ort des Sieges, sondern stets ein Ort der Niederlage und der Schande gewesen ist. Dass schon die geografische Lage der Krim keinerlei natürliche Verbindung zur Russischen Föderation vorsieht.

Mehr noch: Die Krim hat zu diesem aggressiven Staat keinerlei zivilisatorische oder historische Beziehung. Für die Russen besitzt sie lediglich als Schauplatz ihrer ständigen beschämenden Niederlagen Bedeutung. Und genau das erleben die Russen auch jetzt wieder vor ihren erstaunten Augen, weil sie ihre wahre Geschichte weder kennen noch kennen wollen.

Es geschieht also das, was immer geschehen ist. Die Schwarzmeerflotte der Russischen Föderation hat sich von einem Besatzungskontingent auf ukrainischem Boden und in einer ukrainischen Stadt in eine Schar von Flüchtenden verwandelt, die sich nun in Noworossijsk vor ukrainischen Angriffen versteckt. Die Krim selbst wird mit jedem neuen ukrainischen Schlag gegen Ziele auf der Halbinsel und in den angrenzenden Gebieten – sowohl im besetzten Teil der Ukraine als auch auf dem Territorium der Russischen Föderation – immer stärker von dem Staat isoliert, der sie besetzt und annektiert hat.

Es wird offensichtlich, dass das weitere Schicksal der Krim davon abhängt, ob die russische politische Führung die Notwendigkeit erkennt, ihre eigenen Fehler und ihre eigene Verfassung zu korrigieren, die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin durch die Aufnahme ukrainischer Gebiete in ihren Text zu einem bloßen Lappen  gemacht wurde.

Und es ist offensichtlich, dass Russland diese Gebiete zwar vorerst noch mit seinen Streitkräften kontrollieren kann, aber nicht mehr in der Lage ist, ihre Logistik sicherzustellen. Mit dem Verlust der Logistik für Gebiete wie die Krim geht zugleich auch die Logistik der Streitkräfte der Russischen Föderation verloren, die ihren Vormarsch auf ukrainischem Boden fortsetzen sollen.

Es bleibt nur, den Streitkräften der Ukraine weitere erfolgreiche Angriffe zu wünschen – sowohl auf die Krim als auch auf andere Gebiete der Russischen Föderation sowie auf die von ihr besetzten Regionen der Ukraine. Die Zerstörung des Potenzials des Feindes, die Schaffung völlig unmöglicher logistischer Bedingungen für die Bewegungen der russischen Armee sowie die Entstehung realer Energieprobleme, die weder den russischen Militärs noch den Besatzungsverwaltungen erlauben werden, irgendwelche Schritte in den Gebieten zu unternehmen, die sich vorübergehend unter der Kontrolle eines der verbrecherischsten und abscheulichsten Länder der heutigen Welt befinden – man könnte auch sagen: einer Mafia, die lediglich versucht, sich als echter Staat auszugeben.

Und der Blackout, der sowohl auf der Krim als auch im besetzten Sewastopol stattgefunden hat, sowie der Treibstoffmangel, der die Krim nun für lange Zeit zu einem Gebiet machen wird, das für aggressive Handlungen der russischen Armee gegen die Ukraine ungeeignet ist, erinnern daran, dass das, was man zu stehlen versucht hat, zu einem echten Problem für denjenigen wird, der diesen unverhohlenen Diebstahl begangen hat.

Es wäre gut gewesen, diese einfache Wahrheit zu begreifen, bevor sie sich für die russische Führung und die Bürger der Russischen Föderation in ein Problem verwandelt, das sich über lange, schwarze Jahrzehnte russischer Degeneration hinweg nicht mehr durch irgendein angebliches „Aufstehen von den Knien“ lösen lassen wird.


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Titel des Originals: Атака на Крим: півострів без пального |Віталій Портников. 21.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov.
Veröffentlichung / Entstehung: 21.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Der betrunkene Goliath. Vitaly Portnikov. 21.06.2026.

П’яний Голіаф. Віталій Портников. 21.06.2026.

Der schwarze Himmel über den Bränden in Moskau wird nun für immer eine der wichtigsten Illustrationen des russisch-ukrainischen Krieges bleiben. Und diese Brände werden den Russen selbst weit stärker in Erinnerung bleiben als alle anderen Ereignisse der vergangenen zwölf Jahre. Mehr als die pompöse „Angliederung“ der Krim. Mehr als die Invasion vom 24. Februar. Und sogar mehr als die Brände über Sankt Petersburg.

Denn ein ungeschütztes Moskau – selbst wenn sich die schwarze Brandnarbe bislang nur auf das ferne Kapotnja beschränkt, an das sich die meisten Bewohner der russischen Hauptstadt höchstens erinnern, wenn darüber gesprochen wird, „wie die Leute dort eigentlich leben“ – erzeugt für das ganze Land ein beinahe instinktives Gefühl des Mangels an Sicherheit. In Moskau darf es per Definition „so etwas“ nicht geben. Wenn „so etwas“ geschieht, ist das das erste Symptom einer Krankheit des ganzen Landes, die Demonstration dessen, dass man nirgendwo in Russland mehr sicher leben kann.

Putin versteht das sehr gut. Um seinen Einfluss auszubauen und die Macht zu übernehmen, nutzten die Tschekisten den Krieg im Kaukasus – und ihr eigentliches Mandat zur „Wiederherstellung der Ordnung“ erhielten sie gerade vor dem Hintergrund der Explosionen von Wohnhäusern in denselben Moskauer Schlafvierteln, im „kollektiven Kapotnja“. Und nach der Geiselnahme im Theaterzentrum an der Dubrowka konnte Putin im Kaukasus wie auch mit der eigenen Bevölkerung (übrigens vor allem mit der nichtmoskowitischen) praktisch alles tun, was er wollte. Jede Gefahr, jede Eskalation nutzte er stets zur Stärkung des Autoritarismus und für den „sanften Übergang“ zum Totalitarismus. Das wirksamste Instrument dafür war letztlich nicht einmal der Tschetschenienkrieg, sondern gerade der Krieg gegen die Ukraine.

Das Paradoxe an der Situation besteht jedoch darin, dass Putin damals, 1999, als in den gottvergessenen Moskauer Stadtteilen Petschatniki und an der Kaschirskoje Schosse Wohnhäuser in die Luft flogen, sowohl ein Gefühl des Mangels an Sicherheit erzeugen als auch demonstrieren konnte, dass die gewünschte Stabilität zurückkehrt – man müsse sich nur den starken Händen der Schüler des „Eisernen Felix“ anvertrauen. Jetzt öffnet jedoch nicht mehr er selbst diesen Hahn. Was kann er diesen Angriffen entgegensetzen? Kein Schlag gegen Kyiv oder Odesa, keine Einnahme einer weiteren Stadt im Donbas wird den Moskauer Bewohnern – und damit allen Russen, die traditionell auf Moskau blicken – das Gefühl der Sicherheit für den morgigen Tag zurückgeben. Es stellt sich heraus, dass Putin ihnen im Jahr 2000 dieses Sicherheitsgefühl schenkte, das die Tschekisten zuvor selbst zerstört hatten, und es ihnen im Jahr 2026 wieder genommen hat.

Mit seiner Manie, Fallen zu konstruieren, ist Putin nun in eine weitere Falle geraten – diesmal für sich selbst. Er will den russisch-ukrainischen Krieg nicht beenden, weil er den endgültigen Zusammenbruch seines imperialen Projekts fürchten könnte – ganz zu schweigen von der Rückkehr einer fast millionenstarken Söldnerarmee von der Front, gegen deren Gewaltexzessen selbst seine Sicherheitskräfte womöglich nichts entgegensetzen könnten. Zugleich kann er den Krieg nicht lange fortsetzen, weil die weiteren Angriffe auf Moskau – vor allem auf Moskau natürlich – das gesamte Image der russischen Diktatur und ihrer Sicherheitsgarantien gegenüber der Gesellschaft zerstören werden. Es stellt sich heraus, dass Putin in jedem denkbaren Szenario sich selbst auffrisst.

Und damit kehren wir zur ewigen russischen Maßlosigkeit zurück, zur Unfähigkeit, rechtzeitig aufzuhören. Die Stärke einer Großmacht liegt in Wahrheit nicht in der Anwendung von Gewalt, sondern in der Perspektive ihrer Anwendung. Dann bleibt das Gefühl bestehen, dass etwas Unwiderrufliches geschehen könnte, wenn Goliath einmal ausholen würde. Doch selbst wenn Gewalt angewandt wird und das gewünschte Ergebnis nicht schnell erreicht wird, gibt es immer noch die Möglichkeit, den Krieg zu beenden. Dann bleibt die Illusion erhalten, dass in Wirklichkeit noch gar nicht alle Kräfte und Ressourcen eingesetzt wurden, dass dies lediglich eine Blitzoperation gewesen sei und man den wahren Goliath mit all seinen Möglichkeiten erst gesehen hätte, wenn ein echter langer Krieg begonnen hätte. Und selbst wenn man länger weitermacht und nichts erreicht, kann man immer noch eine Pause einlegen, um zumindest nicht das Prestige, dann wenigstens die wirtschaftlichen Perspektiven zu bewahren (genau das hat letztlich Donald Trump gegenüber dem Iran getan).

Putin hat weder das Erste noch das Zweite noch das Dritte getan. Er griff an, er hielt nach dem Scheitern des Blitzkriegs nicht an, er hielt nicht einmal an, als klar wurde, dass der Krieg seine Wirtschaft nach und nach zerstört und auffrisst. Er hat die Angriffe auf Moskau abgewartet – und beruhigt sich trotzdem nicht. Er glaubt übermäßig stark nicht einmal an seine eigenen Entscheidungen, sondern an die Zeit selbst. Er glaubt, dass man eine unterworfene Ukraine und ein „wahres“ Russisches Imperium sehen kann, wenn man nur viele Jahre lang stumpf mit dem Kopf gegen die Wand schlägt.

Das kann man. Aber nur im eigenen Kopf, der nach so vielen wahnsinnigen Schlägen beginnt, seine eigene Musik zu spielen. In der Realität gibt es eine ausgebrannte Raffinerie bei Moskau, Angriffe auf Russland, eine beinahe abgeschnittene Krim und Truppen, die im fünften Kriegsjahr weiterhin im Donbas kämpfen. Und selbst wenn man sich vorstellt, dass ihm die Ressourcen und Möglichkeiten noch lange reichen werden, weiter mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen – etwas anderes als genau diese Schläge wird es einfach nicht mehr geben.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: П’яний Голіаф. Віталій Портников. 21.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 21.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Solowjow vertreibt die Russen aus Russland | Vitaly Portnikov. 18.06.2026.

Der abscheuliche russische Propagandist Wladimir Solowjow erklärte, dass jene Bürger der Russischen Föderation, denen die Einschläge ukrainischer Drohnen auf die Ölraffinerien des Landes nicht gefallen, die sich über Brände, Benzinmangel und den sinkenden Lebensstandard empören, Russland verlassen könnten. Denn in einer solchen Situation würden sie sich in Verräter, Wlassow-Anhänger verwandeln.

Man könnte mir entgegenhalten, dass ich Solowjow zu Unrecht kritisiere, weil auch ich von der Möglichkeit spreche, dass ukrainische Bürger ihr Land verlassen dürfen. Doch hier gibt es einen grundlegenden Unterschied in den Ansätzen.

Ich habe gesagt, dass ukrainische Bürger das Recht haben, sich vor dem Krieg zu retten, den Russland entfesselt hat – wenn es um Frauen und Kinder geht, deren Häuser von Putins Luftwaffe bombardiert werden. Ich habe gesagt, dass ukrainische Bürger, wenn sie nicht bereit sind, gegen die Korruption im eigenen Land zu kämpfen, im Ausland leicht einen Staat mit geringerem Korruptionsniveau finden können, dabei jedoch auf ihre staatsbürgerliche Zugehörigkeit verzichten.

Solowjow hingegen fordert, dass Bürger, die die Folgen der Aggression ihres eigenen Staates am eigenen Leib spüren, eben diesen Staat verlassen sollen.

Und darin liegt, wie mir scheint, eine erstaunliche propagandistische Absurdität. Zunächst beginnt Russland einen Angriffskrieg gegen einen Nachbarstaat, tötet, verbrennt, vergewaltigt, plündert, versucht die ukrainische Infrastruktur zu zerstören und die Zivilbevölkerung erfrieren zu lassen. Und als die Ukraine beginnt, auf diese Angriffe zu antworten und dadurch Probleme für das Leben in Russland selbst entstehen, verlangt ihr wichtigster staatlich lizenzierter Propagandist nicht die Beendigung des Krieges, sondern die Ausreise all jener, die die Folgen dieser Aggression nicht ertragen wollen.

Die ukrainischen Bürger, die sich nach dem 24. Februar 2022 irgendwo auf unsicherem Gebiet ihres Landes befanden, hatten praktisch keine Wahl. Entweder sie retteten sich vor dem Krieg oder sie versuchten, sich an Beschuss und die Zerstörung der Infrastruktur anzupassen.

Die Russen hingegen haben eine Wahl.

Wenn sie nicht inmitten von Bränden, Benzinknappheit und einer sich verschlechternden Wirtschaftslage leben wollen, dann könnten sie einfach aufhören zu schießen, den Krieg gegen das Nachbarland beenden, auf fremde Gebiete verzichten und das tun, was jeder Staat tut, der die Sinnlosigkeit eines Krieges als Fortsetzung der Politik erkannt hat. Das tun letztlich sogar Aggressoren, wenn sie begreifen, dass sie ihr gewünschtes Ziel nicht erreichen können.

Doch Putins Russland rennt mit der Beharrlichkeit eines Schizophrenen gegen eine verschlossene Tür.

Übrigens versucht genau das der amerikanische Präsident Putin seit einem ganzen Jahr zu erklären: „Du schlägst dir die Stirn wund und erreichst nichts. Nimm lieber das Geld.“

Aber Putin braucht kein Geld. Er will eine irgendwo in einer Petersburger Hinterhofgasse erfundene imperiale Größe demonstrieren. Und ein anderer Stammgast eben dieser halb betrunkenen Hinterhofwelt, Solowjow, fällt ihm dabei eifrig bei.

Und nun stellt sich heraus, dass nicht nur die Ukrainer den russischen Chauvinisten und dieser kriminellen Bande, die unser Land überfallen hat, missfallen.

Jetzt missfallen ihnen auch die Russen. Weil sie sich nicht darüber freuen, was sie in Kapotnja sehen. Was sie in Tscheboksary sehen. Was sie in Sankt Petersburg sehen. Weil sie nicht in einem Land leben wollen, in das Drohnen und Raketen einschlagen. Weil sie nicht an Tankstellen Schlange stehen und um einen zusätzlichen Liter Benzin betteln wollen.

Es gab einst die Legende, Adolf Hitler sei mit dem deutschen Volk unzufrieden gewesen, weil es nicht in der Lage gewesen sei, alle seine Pläne zu verwirklichen. Das war eher ein Mythos der sowjetischen Propaganda als eine reale Tatsache, die von Menschen bestätigt wurde, die in den letzten Wochen seines Lebens an der Seite des nationalsozialistischen Führers standen.

Doch Wladimir Putin scheint die Verkörperung eben dieses propagandistischen Mythos geworden zu sein. So wie dem von sowjetischen Propagandisten erfundenen Hitler die Deutschen nicht gefielen, die sein Vertrauen enttäuscht hatten, so gefallen dem realen, nicht erfundenen Putin die Russen nicht, die sein Vertrauen enttäuschen.

Und Solowjow, der offensichtlich sämtliche propagandistischen Anweisungen aus dem Kreml ausführt, beginnt nun von eben diesen Russen zu verlangen, die Putins Erwartungen nicht erfüllen, dass sie aus ihrem eigenen Staat verschwinden sollen.

Aber warum eigentlich?

Warum sollte man statt der Ausreise nicht Putin, Solowjow, Beloussow und Patruschew zum Ausgang bitten? Die gesamte Bande von Leuten, die diesen Angriffskrieg entfesselt und ihrem eigenen Volk Leid und Probleme eingebrockt haben. Von der Bevölkerung der Ukraine ganz zu schweigen, die zum ersten Opfer dieser Kaskade von Kriegsverbrechen geworden ist.

Warum sollte man keinen anderen Ausweg finden?

Warum sollte man sich nicht endlich von Wladimir Solowjows lästigem Geschwätz auf sämtlichen vom Kreml kontrollierten Medienplattformen der Russischen Föderation befreien?

Natürlich sind das alles rhetorische Fragen.

Aber ich denke, vielen Einwohnern der Russischen Föderation wird bald selbst klar werden: Wenn sie wirklich Frieden wollen und keine Brände, dann brauchen sie Putin nicht. Dann brauchen sie Solowjow nicht. Dann brauchen sie Beloussow nicht. Dann brauchen sie Schoigu nicht. Dann brauchen sie Patruschew nicht. Dann brauchen sie diese gesamte gerontokratisch-propagandistische Gesellschaft inkompetenter Betrüger nicht, die lediglich versucht, ihre Macht zu verlängern, indem sie tötet, plündert, vergewaltigt und schamlos über die Ursachen dessen lügt, was in der Russischen Föderation geschieht.

Und in der Russischen Föderation geschieht seit 26 Jahren vor allem eines: Putin.

Früher oder später musste das in großen Bränden enden.


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Titel des Originals: Соловьев выгоняет русских из России |Виталий Портников. 18.06.2026.
Autor/Kanal: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 18.06.2026.
Originalsprache: ru/ en]
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Moskau brennt nach Drohnenangriffen | Vitaly Portnikov. 18.06.2026.

Die Außenbezirke Moskaus erwachten heute durch einen weiteren massiven Angriff ukrainischer Drohnen. Ziel war die Ölraffinerie in Kapotnja, die bereits vor einigen Tagen von ukrainischen unbemannten Fluggeräten angegriffen worden war. Erneut sah die russische Hauptstadt einen Brand über dieser Raffinerie, die schon vor diesem Angriff gezwungen gewesen war, ihren Betrieb zeitweise einzustellen.

Damit setzt die Ukraine ihren Plan fort, die Möglichkeiten des Energiesektors der Russischen Föderation einzuschränken und in Russland eine echte Treibstoffkrise herbeizuführen.

Dabei sollte man daran erinnern, dass es sich nicht einfach um Treibstoff handelt, der für die Bedürfnisse der russischen Bevölkerung und der russischen Wirtschaft verwendet wird. Es handelt sich vor allem um Treibstoff für die russische Armee, die ihre Besatzung ukrainischer Gebiete und ihre Offensive im Gebiet Donezk fortsetzt. Und natürlich verringert jeder solche Schlag gegen den Energiekomplex der Russischen Föderation diese Möglichkeiten.

Bereits nach dem ersten Angriff auf die Raffinerie in Kapotnja in den vergangenen Wochen sagte ich, dass Präsident Putin zwischen zwei Optionen wählen müsse: Entweder Ölprodukte aus anderen Regionen der Russischen Föderation abzuziehen, damit die Einwohner Moskaus die Folgen der Angriffe auf die lokale Raffinerie nicht spüren, oder Beschränkungen für den Verkauf von Benzin und Diesel an Moskauer Tankstellen einzuführen, so wie dies bereits in anderen Regionen Russlands geschehen ist.

Wie zu erwarten war, entschied sich Putin für die Befriedigung der Bedürfnisse Moskaus. Daher wurden an den Tankstellen der russischen Hauptstadt keine Beschränkungen eingeführt, obwohl die Kraftstoffpreise dort bereits zu steigen begannen.

Dass die russische Führung unter allen Umständen gerade die Interessen Moskaus bevorzugt, ist ein weiteres Zeichen jener Krise, die früher oder später in der Russischen Föderation durch den Gegensatz zwischen den Interessen Moskaus und denen der übrigen russischen Regionen entstehen wird. Denn bekanntlich begannen die Probleme jedes russischen Regimes genau in solchen Krisen, wenn sich alle in Russland davon überzeugten, dass Moskau das Wichtigste sei und die Regionen lediglich ein Anhängsel Moskaus.

Nach dem neuen Angriff auf die Raffinerie in Kapotnja stellt sich die Frage, ob die russische Führung diese Taktik weiterhin aufrechterhalten kann. Während es in den meisten Regionen der Russischen Föderation bereits Probleme mit Treibstoff gibt und an Tankstellen Beschränkungen eingeführt werden, beschränkt sich das Problem in Moskau bislang auf steigende Preise, ohne dass dort irgendwelche Verkaufsbeschränkungen notwendig wurden.

Nach diesem neuen Angriff könnte es jedoch schlicht an Benzin in Moskau fehlen. Die Logistik der Treibstofflieferungen zu den Tankstellen der Hauptstadt könnte in dieser kritischen Situation derart schwierig werden, dass man sich doch zumindest auf vorübergehende Verkaufsbeschränkungen einlassen muss – was natürlich ein ernstes Problem für die russische Führung darstellen würde.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass dies vor dem Hintergrund der Unterzeichnung eines Memorandums zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran geschieht. Dadurch entsteht die reale Möglichkeit, dass die Vereinigten Staaten die Lizenz nicht verlängern werden, die es den Staaten des Globalen Südens, insbesondere Indien, erlaubt hatte, russisches Öl zu kaufen, ohne das Risiko amerikanischer Sanktionen eingehen zu müssen.

Russland hat in den vergangenen Monaten die Folgen des amerikanisch-iranischen Krieges voll ausgenutzt und seinen Staatshaushalt mit Dutzenden Milliarden Dollar aufgefüllt, die für die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges benötigt werden.

Darüber hinaus führten die ukrainischen Angriffe auf die russischen Raffinerien zu einem erheblichen Anstieg der russischen Ölexporte in die Länder des Globalen Südens. Dieses Öl konnte auf den russischen Raffinerien nicht mehr verarbeitet werden, wohl aber exportiert werden, wodurch Russland Dollar einnahm, mit denen anschließend Erdölprodukte im Ausland gekauft werden konnten.

Doch diese Möglichkeiten könnten nun eingeschränkt werden, weil die Russische Föderation gezwungen sein wird, ihr Öl illegal zu verkaufen.

Zwar kennen wir die beträchtlichen Möglichkeiten der russischen Schattenflotte und auch die Bereitschaft der Länder des Globalen Südens, sich an Grauzonen-Geschäften beim Kauf billigen russischen Öls zu beteiligen.

  • Aber erstens bleibt ein Graumarkt ein illegaler Markt, der nicht dieselben gewaltigen Verkaufsvolumina ermöglicht, die Russland in den vergangenen Monaten erzielen konnte.
  • Und zweitens – und das ist ebenfalls ein ernstes Problem für Moskau – wird der Preis für dieses Öl deutlich niedriger sein, denn wir werden nun alle einen erheblichen Rückgang der Ölpreise auf dem Weltmarkt beobachten.

Sollten die ukrainischen Angriffe auf die Raffinerien der Russischen Föderation in den kommenden Wochen und Monaten erfolgreich bleiben, könnte dies zum Vorboten einer schweren Energiekrise in Russland werden und zu ernsthaften Problemen für die russischen Streitkräfte führen, vergleichbar mit den Schwierigkeiten, die die russische Armee nach dem Verlust des Zugangs zu Starlink erlebte.

Dadurch könnte die Offensive der russischen Armee auf ukrainischem Boden verlangsamt werden, und die russische Führung würde mit realen Problemen bei der Logistik der Treibstoffversorgung der Streitkräfte der Russischen Föderation konfrontiert sein – zusätzlich zu den Schwierigkeiten für die russische Wirtschaft.

All dies schafft die Voraussetzungen für eben jene Krise, die in Zukunft reale Möglichkeiten für einen Verhandlungsprozess über die Beendigung oder zumindest Aussetzung des Krieges an der russisch-ukrainischen Front schaffen könnte.

Mit anderen Worten: Es könnte genau jenes Ergebnis erreicht werden, für das sich die ukrainische Führung bereits seit mehreren Monaten einsetzt.

Wie wir sehen, werden diese Vorschläge im Kreml bislang nicht ernst genommen.

Nicht ernst genommen werden sie gerade deshalb, weil es bislang noch Benzin gibt.


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Titel des Originals: Москва палає від дронів | Віталій Портников. 18.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 18.06.2026.
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