Zelensky ersetzt Syrsky durch Drapaty | Vitaly Portnikov. 21.07.2026.

Nach mehreren Tagen von Protesten, die in der ukrainischen Hauptstadt und in anderen Städten der Ukraine andauerten, gab Präsident Volodymyr Zelensky eine offizielle Erklärung ab. Darin teilte er mit, dass Generalmajor Mykhailo Drapaty, Kommandeur der Vereinigten Kräfte der Streitkräfte der Ukraine, neuer Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine werden solle. Dem bisherigen Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, General Oleksandr Syrsky, riet er, die Amtsgeschäfte auf zivilisierte Weise an seinen Nachfolger zu übergeben.

Ich möchte gleich sagen, dass der Präsident der Ukraine derzeit in Wirklichkeit nicht die Möglichkeit hat, einen neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine zu ernennen. Aus verfahrensrechtlicher Sicht kann diese Ernennung erst erfolgen, nachdem ein neuer Verteidigungsminister der Ukraine ernannt worden ist. Dieser neue Verteidigungsminister wird jedoch nicht der zuvor aus der ukrainischen Regierung entlassene Mykhailo Fedorov sein, obwohl die Teilnehmer der Proteste gefordert hatten, dass gerade dieser Mann in das Verteidigungsministerium zurückkehrt.

In derselben Erklärung, in der der Präsident der Ukraine sagte, dass er General Mykhailo Drapaty als neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine sehe, erklärte er, er habe dem ehemaligen Minister für Verteidigung und Digitalisierung einen würdigen Posten in der ukrainischen Staatsführung angeboten, wie er selbst betonte: einen angemessenen Posten in der Regierung für die Entwicklung der technologischen Komponente des Staates. Somit kann man sagen, dass Zelensky seine frühere Absicht umsetzt, die er bereits den Abgeordneten der Partei Diener des Volkes mitgeteilt hatte, bevor die neue ukrainische Regierung bestätigt wurde.

Ich erinnere daran, dass Volodymyr Zelensky damals sagte, angesichts des scharfen Konflikts, der zwischen dem inzwischen ehemaligen Verteidigungsminister und dem inzwischen ebenfalls ehemaligen Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine entstanden war, müsse man eigentlich beide entlassen. Er halte es jedoch angesichts der derzeitigen Kriegslage nicht für möglich, zusätzlich auch noch den Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine zu entlassen.

Die Proteste, die in Kyiv und anderen ukrainischen Städten stattfanden, überzeugten den ukrainischen Präsidenten davon, dass auch dieses Personalmanöver durchgeführt werden könne, also praktisch beide Beteiligten der scharfen Konfrontation von den für den ukrainischen Staat wichtigsten Posten in der Regierung und in der Führung der Streitkräfte zu entfernen. Tatsächlich haben sowohl Mykhailo Fedorov als auch Oleksandr Syrsky die wichtigsten Funktionen im Zusammenhang mit der Sicherung der ukrainischen Verteidigung verloren. Welchen Posten Mykhailo Fedorov in der Regierung auch erhalten mag, es wird in jedem Fall ein Amt sein, dessen Funktionen mit denen des Verteidigungsministers der Ukraine nicht vergleichbar sind.

In dieser Situation kann man daher zum gegenwärtigen Zeitpunkt, sofern die Proteste mit der Forderung, Mykhailo Fedorov zum Verteidigungsminister zu ernennen, natürlich nicht fortgesetzt werden, sagen, dass sowohl Fedorov als auch Syrsky eine Niederlage im Machtapparat erlitten haben, während Zelensky als jemand erscheint, der die Personalsituation im Land weiterhin nach eigenem Ermessen kontrollieren wird. Auch das muss jeder begreifen, der jetzt über die Bestimmung eines neuen Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine und möglicherweise eines neuen Generalstabschefs triumphiert. Denn Zelensky sprach über eine ordnungsgemäße Übergabe der Amtsgeschäfte nicht nur mit Oleksandr Syrsky, sondern auch mit dem Chef des Generalstabs Andrii Hnatov. Wie man verstehen kann, wird Pavlo Palisa der neue Generalstabschef sein.

Verteidigungsminister der Ukraine wird nach der Liste der Namen, die wir in Zelenskys Ansprache sehen, offenbar doch Yevhenii Khmara. Yevhenii Khmara, Pavlo Palisa und Mykhailo Drapaty sind also die neuen Leiter der Streitkräfte der Ukraine und des Verteidigungsministeriums. Mykhailo Fedorov und Oleksandr Syrsky bleiben außen vor.

Das ist natürlich eine merkwürdige Situation, wenn man ernsthaft darüber spricht, aber merkwürdig ist sie vor allem für die Teilnehmer der Proteste, die sich nun die Frage stellen können: „Wofür sind wir auf die Straße gegangen? Für die Rückkehr Fedorovs oder für den Rücktritt Syrskys? Und können wir die Ablösung des Oberbefehlshabers, die erst erfolgen wird, nachdem der neue Verteidigungsminister bestätigt worden ist, als einen Sieg der Proteststimmung betrachten?“

Zumal wir verstehen, dass in den wenigen Wochen, die bis zur Sitzung der Werchowna Rada der Ukraine vergehen müssen, auf der die neuen Leiter des Verteidigungsministeriums und des Außenministeriums bestätigt werden sollen, noch viele verschiedene Ereignisse eintreten können. Nehmen wir etwa an, der Protest legt sich nicht, die Menschen fühlen sich beleidigt und werden natürlich weiterhin das fordern, was sie von Anfang an gefordert haben: die Rückkehr Mykhailo Fedorovs in das Verteidigungsministerium der Ukraine.

Oder Fedorov selbst erkennt, dass er derzeit keine anderen Chancen im Machtapparat hat, als sich mit Zelensky zu einigen, und wird die Teilnehmer der Proteste selbst dazu aufrufen, ihre Kundgebungen zu beenden, weil er sich über alles verständigt habe und auf dem Posten, den Zelensky ihm anbieten werde, als eine Art technologischer Zar oder Vizepremierminister – ich weiß nicht, was man sich derzeit im Präsidentenbüro ausdenkt – all das tun werde, was die Menschen von ihm erwarten, die sich auf den Maidan-Plätzen in ukrainischen Städten versammelt haben. Und diese Menschen werden ihm glauben, weil er gerade ihr Vertrauen genießt, ganz gleich, was er sagt und welche Entscheidungen er trifft. Denn ein Mensch, der „Diia“ geschaffen hat, kann bekanntlich keine falschen Entscheidungen treffen. Nun, ungefähr so.

Die Fragen bleiben also bestehen. Man kann sagen, dass es positiv ist, oder es sich zumindest selbst sagen, dass der Präsident die Menschen hört, die auf die Straße gehen. Darin unterscheidet er sich vorteilhaft von einem Janukowytsch, der niemals irgendwelche Menschen hören wollte, sondern nur auf sie schießen wollte. Andererseits kann man nicht übersehen, dass Präsident Zelensky die Menschen so hört, wie er sie hören möchte, dass er der Hauptforderung der Demonstrierenden, die mit der Rückkehr Fedorovs in das Verteidigungsministerium verbunden war, nicht zugestimmt hat und dass er den Protest möglicherweise einfach dazu genutzt hat, die Führung der Streitkräfte auszuwechseln. Aus dieser Sicht kann dies eine absolut logische Entscheidung sein, nicht nur im Hinblick auf die Probleme, die nun für den Präsidenten und sein Umfeld im Zusammenhang mit dem Protest und dieser politischen Situation entstehen, die für das Überleben des Landes völlig unnötig ist, wenn ein Konflikt zwischen der Regierung und der Gesellschaft besteht. Sondern auch – und das muss ebenfalls klar gesagt werden – im Zusammenhang mit der Notwendigkeit von Veränderungen innerhalb der Streitkräfte selbst.

Dafür ist jedoch noch erforderlich, dass innerhalb der Streitkräfte ein klares Verständnis dafür besteht, dass Mykhailo Drapaty kein schlechterer, sondern ein besserer Oberbefehlshaber sein wird als seine beiden Vorgänger. Das Einzige, worauf man hoffen kann, ist, dass Drapaty, in dessen militärischer Biografie es ebenfalls recht unangenehme Momente gab – Sie erinnern sich wahrscheinlich daran, dass er am 1. Juni vergangenen Jahres, also praktisch vor einem Jahr, wegen des russischen Angriffs auf einen Truppenübungsplatz im Gebiet Sumy seinen Rücktritt vom Posten des Kommandeurs der Landstreitkräfte der Ukraine eingereicht hatte. Danach wurde er auf den Posten des Kommandeurs der Vereinigten Kräfte der Streitkräfte der Ukraine versetzt, den er bis heute innehatte.

Obwohl offensichtlich ist, dass er sich in dieser Situation – übrigens scheint mir, dass er zu diesem Zeitpunkt sogar bereits Leiter der operativ-strategischen Truppengruppierung Chortyzja war. Ich habe mich in diesen ständigen Umbenennungen und Neubesetzungen einfach schon verheddert. Nun sehen wir jedenfalls, dass das Vertrauen vollständig wiederhergestellt wurde, sogar bis hin zum höchsten Posten in den Streitkräften. Viele Militärexperten, mit denen ich nicht streiten werde, weil ich mich nicht als Spezialist auf einem Gebiet ausgeben möchte, auf dem ich nicht vollständig kompetent bin, halten Drapaty für einen talentierten Militär, der zu strategischem Denken fähig ist.

Nun, wir werden all das sehen, wie Sie verstehen, denn vor uns liegen noch schwierige Zeiten der Kämpfe gegen die russische Armee. Wir verstehen, dass die Russen zu einem solchen Krieg, zu einer solchen Konfrontation bereit sind. Unsere Angriffe auf die russische Wirtschaft verringern zwar die wirtschaftlichen Möglichkeiten Russlands, aber nicht in einem solchen Maße, dass irgendjemand in Moskau auch nur zehn Minuten lang über die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges nachdenken würde.

In jedem Fall scheint mir, dass jeder, der an das Überleben der Ukraine und an den Erhalt der Ukrainer auf unserem Land denkt, dem neuen Verteidigungsminister, dem neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte und dem neuen Chef des Generalstabs Erfolg wünschen sollte. Aber hier stellt sich eine Frage, die sich jeder stellen muss, der die Nachrichten dieses Abends hört: Ist die Frage des neuen Verteidigungsministers tatsächlich geklärt? Kann man davon ausgehen, dass der Protest damit beendet ist? Und können wir sagen, dass über das Schicksal Fedorovs endgültig entschieden worden ist?

Denn einerseits sagt Zelensky, dass er Fedorov einen neuen Posten in der Regierung für die Entwicklung der technologischen Komponente des Staates angeboten habe. Wie Sie sehen, betrifft dies nicht den Verteidigungssektor. Andererseits sagen seine Berater, dass Zelensky und Fedorov ihre Verhandlungen fortsetzen werden. Das bedeutet, dass zwischen dem Präsidenten und dem ehemaligen Minister, der in den vergangenen Jahren zu seinen engsten Mitstreitern gehörte und einer der Architekten von Zelenskys Wahlsieg 2019 war, noch kein vollständiges gegenseitiges Verständnis und keine vollständige Einigung bestehen und dass sie ihre Gespräche fortsetzen werden.

Ich halte diese Geschichte nicht für gut oder positiv für die weitere Entwicklung der Situation in unserem Land. Ich habe bereits mehrfach gesagt, dass man mit der Personalpolitik nicht so impulsiv umgehen darf, dass die Personalpolitik nicht zum Geisel der Entscheidungen eines einzelnen Menschen oder einer engen Personengruppe werden darf. Die Idee, den Staat mithilfe eines engen Kreises sogenannter Manager zu führen, kann nur zu Fehlern, zum Verlust des gegenseitigen Verständnisses zwischen Regierung und Gesellschaft und zu solchen mittlerweile praktisch jährlichen Ausbrüchen von Protesten führen.

Natürlich können wir uns selbst sagen, dass all das sehr gut ist, und uns beruhigen: „Sehen Sie, wir sind ein demokratischer Staat, nicht irgendein Russland. Bei uns können die Menschen auch heute, unter den Bedingungen des Kriegsrechts, in denen Massenveranstaltungen im Grunde verboten sind, auf die Straße gehen.“ Ja, dass die ukrainische Gesellschaft selbst in einer so schwierigen Situation ihren Willen nicht verliert, die eigene Meinung zu äußern, ist sehr gut. Aber ideal wäre doch, wenn sie dafür nicht auf die Straße gehen müsste, verstehen Sie? Wenn sie das nicht müsste, wenn es bei uns ein klares gegenseitiges Verständnis gäbe. Wenn es keine Situation gäbe, in der die Regierung die Sicherheit des Kampfes gegen die Korruption einschränken und die Unabhängigkeit der unabhängigen Antikorruptionsorgane durch ihre Eingliederung in eine Antikorruptionsvertikale innerhalb der Staatsmacht begrenzen möchte, und wenn es keine Situation mit Personalentscheidungen gäbe, die der Gesellschaft nicht vermittelt werden.

Wenn man es ganz zynisch ausdrückt: Selbst wenn Sie Mykhailo Fedorov für einen ineffektiven Verteidigungsminister halten, obwohl das behauptet hat, selbst wenn Sie meinen, dass die Konflikte mit dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte ein solcher Konflikt sind, der zu seinem Ausscheiden aus der Regierung führen muss, sehen Sie doch, welch großes Vertrauen in der Bevölkerung dieser Minister derzeit genießt. Das ist doch Ihr gemeinsames Vertrauen. Das ist doch Vertrauen in Sie alle. Warum sollten Sie dieses Vertrauen tatsächlich derart missachten und mit dieser Entlassung so eilen? Das ist die Frage, die man jedem stellen muss, der solche Entscheidungen trifft.

Nun ist die erste Erklärung des künftigen neuen Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine erschienen, in der er betont: „Der Dienst an der Ukraine war für mich immer eine Ehre, und während des Krieges um die Unabhängigkeit bedeutet er absolute Verantwortung.“ Drapaty dankt dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, Oleksandr Syrsky, „für die konsequente Arbeit zur Stärkung der ukrainischen Armee, in der ich herangewachsen bin“, und verspricht: „Ich werde verantwortungsvoll und konzentriert arbeiten, mit Respekt gegenüber den Menschen, die heute unseren Staat verteidigen.“ Nun, das ist ein kurzer Text, der derzeit die erste offizielle Erklärung ist, die vom dritten Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine während dieses großen Krieges gekommen ist. Auch das ist ein wichtiger Moment.

Wenn wir nun auf die Geschichte dieser Kommunikation zurückkommen: Der Verteidigungsminister ist in Zeiten eines großen Krieges ein sehr ernstes und sehr verantwortungsvolles Amt. In der Regel muss sich in diesem Amt eine starke, angesehene Persönlichkeit befinden, die die gesamte Arbeit zur Versorgung der Streitkräfte organisieren muss, welche unter Bedingungen gegen den Feind kämpfen, in denen dieser Krieg ein langjähriger Überlebenskrieg ist. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Verteidigungsminister in praktisch allen führenden Staaten der Anti-Hitler-Koalition überhaupt nicht ausgewechselt.

In den Vereinigten Staaten von Amerika gab es während des gesamten großen Krieges einen einzigen Kriegsminister. Und das war ein Mann, der dieses Amt bereits während des Ersten Weltkrieges innegehabt hatte – stellen Sie sich das vor – und während des Zweiten Weltkrieges auf diesen Posten zurückkehrte: Henry Stimson. Dieser Kriegsminister trat unmittelbar nach der Kapitulation Japans zurück, weil er der Ansicht war, seine Mission sei erfüllt. Er begann also seinen Dienst unter Präsident Franklin Roosevelt und beendete ihn unter Präsident Harry Truman.

In Großbritannien und der Sowjetunion war es während des Krieges noch interessanter. Dort wurde das Amt des Verteidigungsministers jeweils von der führenden Person des Staates ausgeübt. In Großbritannien war das Premierminister Winston Churchill. In der Sowjetunion übernahm Stalin bereits im Juli 1941 das Amt des Verteidigungskommissars der Sowjetunion und verband es mit den Ämtern des Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare und des Obersten Befehlshabers der Streitkräfte der Sowjetunion. Natürlich war das bolschewistische Machtusurpation, darüber werde ich nicht einmal streiten. Entscheidend ist jedoch, dass damit faktisch gemeint war, dass der Oberste Befehlshaber die gesamte Tätigkeit des Volkskommissariats für Verteidigung als der Behörde, die für die Bedürfnisse der Armee zuständig war, vollständig kontrollierte.

Bei uns wird es bereits der fünfte Verteidigungsminister sein, falls nicht plötzlich etwas geschieht, das Zelensky dazu zwingt, Fedorov im Amt zu belassen. Der fünfte Verteidigungsminister während des großen Krieges. Dabei kann man nicht sagen, dass die vorherigen Minister solche starken, angesehenen Persönlichkeiten waren, die ihre eigene Konzeption für die Entwicklung der Armee hätten durchsetzen können, ohne die Meinung des Präsidenten und des Oberbefehlshabers der Streitkräfte fürchten zu müssen.

Darin liegt noch eine weitere Bedeutung der Situation um Mykhailo Fedorov. Er war der Erste, der genau zu einem solchen Minister wurde, der Erste. Und im Ergebnis hat, wie Sie sehen, Fedorovs Überzeugung, dass er mit der Führung der Streitkräfte in Konflikt geraten könne und die Reaktion des Präsidenten auf seine Vorstellungen über die Entwicklung der Streitkräfte nicht fürchten müsse, zu seinem Rücktritt und zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung geführt, die vor dem Hintergrund der Prüfungen, die die Ukraine in den kommenden Monaten und Jahren dieses zermürbenden, endlosen russisch-ukrainischen Krieges noch durchlaufen muss, absolut unnötig ist.

Ich bin vollkommen überzeugt, dass hier wirkliche Einheit erforderlich ist und dass man die Beziehungen nicht vor den Augen der Öffentlichkeit klären darf. Ich bin überzeugt, dass auch der Präsident nicht öffentlich über Konflikte zwischen dem Verteidigungsminister und dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte sprechen darf, denn das bedeutet, dass es ihm nicht gelungen ist, ihre ordnungsgemäße Zusammenarbeit zu organisieren. Und das ist ein Minuspunkt für die Person, die das Amt des Obersten Befehlshabers innehat.

Gleichzeitig bin ich selbstverständlich vollkommen überzeugt, dass auch der ehemalige Verteidigungsminister nicht öffentlich über die Situation hätte sprechen sollen, die in seinen Beziehungen zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte entstanden war. Auch der Oberbefehlshaber der Streitkräfte hätte vermutlich nicht öffentlich im Wesentlichen über den Konflikt mit dem Verteidigungsminister sprechen sollen, indem er diesen Konflikt einerseits bestritt, dies aber mit Worten tat, die seine Existenz bestätigten. Das führte zu Erklärungen von Verantwortlichen der Streitkräfte und der Führung der Streitkräfte.

Sie wissen, dass es heute die Geschichte mit der Veröffentlichung eines umfangreichen Dokuments auf Facebook im Namen des Kommandos der Logistikkräfte gab, um genau zu sein. Danach wurde mitgeteilt, dass dieser Beitrag gelöscht worden sei, weil sein Inhalt in die Ebene eines politischen Konflikts verschoben worden sei. Die Veröffentlichung habe jedoch die konsolidierte Position des Kommandos widergespiegelt, und das Kommando verfüge über genügend Fakten und werde auch künftig Informationen über die Probleme des Versorgungssystems veröffentlichen.

Es war ein gewaltiger Beitrag in den sozialen Netzwerken, der im Grunde die Kompetenz des Verteidigungsministeriums der Ukraine infrage stellte. Ein ziemlich ausführlicher, umfangreicher und fachlich begründeter Beitrag. Ich werde jetzt nicht über seine Angemessenheit sprechen, aber darum geht es auch nicht. Entscheidend ist, dass es sich um einen öffentlichen Beitrag handelt. Verstehen Sie?

Ich sage seit vielen Jahren, dass wir im Allgemeinen nicht wirklich verstehen, was Demokratie während eines Krieges bedeutet. Demokratie während eines Krieges bedeutet, dass Probleme des Funktionierens der Gesellschaft frei im öffentlichen Raum diskutiert werden, nicht aber die Probleme des Funktionierens der Streitkräfte. Denn jede Information, die der Feind von irgendjemandem über die Funktionsweise der Streitkräfte erhält, sei es hinsichtlich der Logistik, ihrer Versorgung oder der moralischen Atmosphäre in der Armee, hilft dem Feind dabei, das zu erreichen, wonach er so sehr strebt: den Sieg.

Nun, wir gehören doch nicht zu den Menschen, die möchten, dass Russland letztlich einen Schlusspunkt unter die ukrainische Staatlichkeit setzt und seinen imperialistischen Traum verwirklicht, die ehemaligen ukrainischen Gebiete Russland einzuverleiben. Ich würde mir sehr wünschen, dass die Konflikte, die zwischen Zelenskys Mitstreitern sowie zwischen den Leitern des Verteidigungsministeriums und der Streitkräfte bestehen, künftig keine öffentlichen Konflikte mehr sind. Bei der Arbeit und im Dienst geschehen verschiedene Dinge, aber das ist kein Familienleben, das man in sozialen Netzwerken teilen muss. Auch das scheint mir eine vollkommen verständliche Sache zu sein. Und es überrascht mich, dass ich das nicht vermitteln kann.

Nun ist die Erklärung des ehemaligen Verteidigungsministers Mykhailo Fedorov erschienen: „Ich gratuliere Generalmajor Drapaty zu seiner Bestimmung“ – das ist eine sehr präzise Formulierung, Bestimmung, weil eine Ernennung derzeit nicht stattfinden kann – „für den Posten des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine. Das ist neue Luft und neue Hoffnung im Kampf freier Menschen für Freiheit und Gerechtigkeit. Eine Stimme des Wandels, die man nicht überhören konnte. Nun müssen die hohen Erwartungen der Ukrainer durch eine klare Vision für die Beendigung des Unabhängigkeitskrieges, durch ein starkes Team und durch entschlossene Handlungen gerechtfertigt werden, die auf den Schutz des Lebens unserer Soldaten, die Robotisierung der Front, asymmetrische Schläge und die Erschöpfung der russischen Wirtschaft gerichtet sind. Ich habe General Oleksandr Syrsky angerufen“ – das ist eine würdige Handlung – „und ihm für die Verteidigung der Region Kyiv, die Operation in Charkiw und andere historische Schlachten gedankt. Das ist bereits ein wichtiger Teil der Geschichte der Ukraine, aber wir müssen uns noch schneller bewegen und neue Kapitel schreiben, indem wir alle früheren Fehler korrigieren.“

Wir verstehen sehr gut, dass man nun vom neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte möglicherweise etwas erwarten wird, was er nicht leisten kann: eine rasche Beendigung des Krieges und die Möglichkeit, den russischen Vormarsch im Donbas zu stoppen. Aber wir verstehen doch, dass jeder Oberbefehlshaber unter objektiven Bedingungen handeln wird. Und wenn sich übrigens herausstellt, dass für all diese Dinge nicht nur die Robotisierung der Front, sondern auch eine Beschleunigung der Mobilisierung notwendig ist, wie werden die ukrainischen Bürger darauf reagieren, die glauben werden, dass der Wechsel des Kommandeurs eine Unterbrechung dieser Mobilisierung bedeutet? Was wird aus dieser Sicht überhaupt mit der wichtigsten Frage des Überlebens der Ukraine in den kommenden Jahren geschehen?

Bislang hat jedenfalls keine Reform der Territorialen Rekrutierungs- und Sozialunterstützungszentren stattgefunden, über die seit dem ersten Tag nach der Ernennung Mykhailo Fedorovs gesprochen wurde. Sie wird dennoch durchgeführt werden müssen. Wer wird dafür verantwortlich sein? Und wird es nicht so kommen, dass, wenn Mykhailo Fedorov nicht zum Verteidigungsminister ernannt wird, die Menschen, die jetzt zu seiner Unterstützung protestieren, sagen werden, dass gerade deshalb all das nicht geschieht, dass der neue Oberbefehlshaber natürlich ein guter Mensch ist, in Wirklichkeit aber Fedorov alles in der Armee hätte verändern müssen, den man letztlich nicht auf den hohen Posten berufen hat? Zumal wir noch immer nicht verstehen, wo Fedorov nach dieser ganzen Geschichte am Ende landen wird. Auch diese Frage würde man gern stellen.

Natürlich wird auch die Reaktion Oleksandr Syrskys interessant sein, wenn sie erfolgt. Denn aus der gestrigen Kolumne des Oberbefehlshabers der Streitkräfte im Internetmedium „Militarnyi“ verstehen wir, dass General Syrsky keineswegs vorhatte zurückzutreten, sondern beabsichtigte, in der entstandenen Situation und in seinen Beziehungen zum Präsidenten der Ukraine, zum ehemaligen Verteidigungsminister und so weiter weiterzukämpfen. Wir werden also sehen. Sie verstehen, dass das eine recht ernste Geschichte ist, die damit zusammenhängt, was sich im ukrainischen politischen Raum weiterentwickeln wird.

Um zu verstehen, in welchem Maße der Wechsel des Oberbefehlshabers den Protest beruhigen wird, muss man einfach den morgigen Tag abwarten. Aber in jedem Fall muss sich jeder Teilnehmer des Protests fragen, wofür er auf die Straße gegangen ist: für den Verbleib Fedorovs oder für den Rücktritt Syrskys? Und morgen, denke ich, werden wir eine Antwort auf diese Frage erhalten.

Übrigens sehen Sie gerade diese Sendung, und ich möchte diejenigen Protestteilnehmer, die sie möglicherweise verfolgen, bitten: Bitte beantworten Sie diese Frage. Wofür sind Sie auf die Straße gegangen, und sind Sie mit einer solchen Entwicklung der Situation zufrieden? Damit wir zumindest eine kleine Umfrage durchführen können, damit ich mir diese Kommentare später selbst ansehen und verstehen kann, was im Land geschehen muss und wie die Menschen, die an den Protesten teilgenommen haben, auf diese Entscheidung des Präsidenten reagieren werden.

Das ist also eine erste Reaktion auf die Entscheidung, die soeben bekannt gegeben wurde. Ich habe bereits gesagt, dass ich vor allem in Ihren Kommentaren sehen möchte, falls Sie diese Sendung verfolgen und Teilnehmer der Proteste waren, wie Sie darüber denken. Ich werde einige Fragen beantworten, die während dieser Sendung gestellt wurden.

Frage: Wer hat die Kandidatur des neuen Oberbefehlshabers eingereicht, wenn es keinen Verteidigungsminister gibt? Ist das Ernennungsverfahren in diesem Fall nicht verletzt worden?

Portnikov: Ich wiederhole noch einmal: Mykhailo Fedorov verwendet einen vollkommen präzisen Begriff, wenn er von der Bestimmung des neuen Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine spricht. Der Präsident der Ukraine hat das Recht, den Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine zu entlassen. Nachdem er den Oberbefehlshaber entlassen hat, muss der Verteidigungsminister der Ukraine ihm die Kandidatur eines neuen Oberbefehlshabers vorlegen, die selbstverständlich mit dem Staatsoberhaupt selbst abgestimmt wird. Einen vollwertigen Verteidigungsminister der Ukraine gibt es derzeit nicht. Soweit man verstehen kann, hat Zelensky sich mit dem amtierenden Verteidigungsminister Yevhenii Khmara beraten, den er als neuen Verteidigungsminister des Landes sieht.

Nachdem die Werchowna Rada zusammentritt und diesen Minister bestätigt, sofern dies geschieht, wird der neue Verteidigungsminister Khmara Zelensky die Kandidatur Drapatys vorlegen. Danach wird er offiziell ernannt. Derzeit handelt es sich genau um eine Bestimmung und nicht um eine Ernennung.

Warum geschieht das auf diese Weise? Ich glaube, diese Frage muss man nicht mir stellen. Ich bin grundsätzlich der Ansicht, dass die Frage eines vollwertigen Verteidigungsministers gleichzeitig mit der Bildung der neuen Regierung hätte gelöst werden müssen und dass man das Parlament auf keinen Fall für mehrere Wochen in die Pause hätte schicken dürfen, ohne die Schlüsselfigur in der ukrainischen Staatsführung für die Zeit dieses großen Krieges zu ersetzen. Denn wie kann man in einem andauernden Krieg ohne einen vollwertigen Verteidigungsminister bleiben? Auch diese Frage erscheint mir rhetorisch.

Frage: Wie kann man auf den Präsidenten und die Rada einwirken und sie dazu zwingen, künftig eine angemessene Personalpolitik zu führen? Oder sollte man sich bereits auf den nächsten Protest vorbereiten?

Portnikov: Sie haben keine Möglichkeit, auf den Präsidenten einzuwirken. Die Rada spielt hier überhaupt keine Rolle. Sie ist hinsichtlich der Personalpolitik kein eigenständiges Subjekt, weil der Präsident so ist, wie er ist, mit seinen eigenen Vorstellungen davon, was Leben, Politik, Staat und er selbst bedeuten. Ich möchte Sie jedoch daran erinnern, dass dieser Mensch das niemals verheimlicht hat. Und die Menschen, die für Volodymyr Zelensky gestimmt haben, haben nicht für irgendeinen anonymen Kandidaten gestimmt. Für Anonyme haben sie gestimmt, als sie die Werchowna Rada der Ukraine wählten. Dort gibt es tatsächlich eine riesige Zahl an Anonymen, die aus der Liebe der Ukrainer zu Volodymyr Zelensky in die Werchowna Rada gelangten.

Volodymyr Zelensky selbst ist ein Mensch, der vor allem deshalb zum Präsidenten der Ukraine gewählt wurde, weil er niemals am politischen Leben teilgenommen und nicht die geringste Ahnung davon hatte, was Politik ist. Man kann das nicht erlernen. Politik ist eine Berufung. Und das ist es, was einen Menschen als Führungskraft und als Persönlichkeit formt. Wenn du dich nicht dein ganzes Leben lang mit Politik beschäftigen willst, wirst du sie niemals auf irgendeinem hohen Posten ausüben können, selbst wenn du auf ihn gewählt wirst. Und natürlich wirst du eine Reihe von Fehlern machen. Anders geht es nicht.

Die Ukrainer waren der Ansicht, dass dies ein Wert ist. Das bedeutet, dass das ukrainische Volk nun klar unter der Führung der legitimen, allgemein gewählten Staatsmacht stehen muss, die es gerade wegen solcher Vorzüge gewählt hat. Das sind Lektionen der Evolution, des Wachstums und der Opfer, völlig normale, logische Lektionen, durch die jedes Volk gehen muss, das Staatlichkeit aufbaut. Kann es geschehen, dass ein Volk in dieser Situation seine Staatlichkeit verliert? Ja, die Geschichte ist voll von solchen Fällen. Aber hoffen wir, dass dies nicht unser Fall ist. Das ist alles.

Frage: Wie kann man Ihrer Meinung nach institutionell hochwertige Veränderungen im System der Staatsverwaltung erreichen? Das heißt, wie kann man die Ukrainer dazu bewegen, die Staatsführung nicht nach schönen Augen zu wählen?

Portnikov: Erstens möchte ich Ihnen sagen, dass wir dennoch neue Möglichkeiten der ukrainischen Gesellschaft abwarten sollten, Wahlen abzuhalten. Derzeit gibt es keinerlei objektive Voraussetzungen dafür, dass die Ukrainer in den kommenden Jahren von Soldaten wieder zu Wählern werden. Wie wird die Ukraine hinsichtlich ihres Territoriums, der Bevölkerungszahl und deren Zusammensetzung in dem Moment aussehen, in dem es gelingt, neue Wahlen abzuhalten? Welche Rolle wird bei diesen Wahlen die ukrainische Diaspora spielen, die aus vielen Millionen Menschen besteht? Wird es zu dem Zeitpunkt, an dem der Krieg endet, nicht so sein, dass die Mehrheit der Ukrainer außerhalb dieses Landes lebt und über das Schicksal derjenigen entscheidet, die hier leben werden? Das weiß heute niemand. Vor uns liegt eine Prüfung nach der anderen. Das muss man klar begreifen.

Man würde unseren Streitkräften und ihrem neuen Oberbefehlshaber, der ernannt werden wird, gern Erfolg wünschen, damit sie diese Zeit der Prüfungen für den ukrainischen Staat und die Nation verkürzen. Aber das ist ein Wunsch, der sich heute nicht auf objektive Tatsachen stützt.

Und erst dann werden wir darüber sprechen, was getan werden muss, damit die Ukrainer nicht nach schöner Augen wählen und nicht nach einem neuen Idol suchen, sowohl in den Wahllokalen als auch bei Protesten. Die Ukrainer müssen etwas entwickeln, das sie verteidigen möchten: Identität und Eigentum. Solange eine große Zahl der Ukrainer kein Verständnis für die eigene Identität und kein solches Eigentum besitzt, das man nicht einfach opfern könnte, sollte man nicht darauf hoffen, dass Wahlen eine qualitativ andere Dimension erhalten werden.

Doch die staatliche Politik zur Stärkung der ukrainischen Identität und der Weg der europäischen Integration der Ukraine erlauben uns zu hoffen, dass wir, wenn die Ukraine nicht nur den Krieg, sondern bildlich gesprochen auch die 2030er bis 2050er Jahre, die 2050er bis 2060er Jahre würdig übersteht, eine qualitativ hochwertige Gesellschaft erhalten werden, die nicht nach schöner Augen wählt. Ich habe immer erklärt, dass dafür ungefähr eine Generation, also 20 bis 25 Jahre nach Beginn der Reformen, notwendig ist. Ich sagte, dass die Menschen, die 2014 eingeschult wurden, bereits völlig anders denken werden als ihre Eltern und Großeltern. Also wenn die Menschen, die etwa 2005 bis 2007 geboren wurden, zur Mehrheit in der Gesellschaft, genauer gesagt zur aktiven Mehrheit werden und die sowjetische Generation einfach physisch nicht mehr vorhanden sein wird. Ich ging ungefähr von den Jahren 2037 bis 2045 aus. Ungefähr.

Nun denke ich jedoch, dass man den Krieg hinzurechnen muss. Denn wie Sie verstehen, trägt der Krieg nicht gerade zur Entstehung einer Gesellschaft bei, die an den morgigen Tag denkt. Krieg ist ein Leben im Überlebensmodus. Es ist ein Leben von einem Tag zum nächsten, wenn du nicht weißt, ob du nach dem Einschlag einer ballistischen Rakete in deinem Haus wieder aufwachen wirst. Und so werden nicht nur Menschen der älteren Generation geprägt. So werden auch Kinder und junge Menschen geprägt, die hier bleiben.

Es ist also ein anderes Datum notwendig. Welches Datum könnte das sein? Vielleicht sind es jene Kinder, die im ersten Nachkriegsjahr zur Schule gehen. Das ist die Formel. Rechnen Sie dazu noch ungefähr 25 Jahre hinzu, 25 bis 30. Und Sie erhalten den Zeitraum, in dem eine relativ verantwortungsbewusste ukrainische Gesellschaft entstehen wird. Ich verstehe, dass das nicht bald sein wird. Die überwältigende Mehrheit der Menschen, die diese Sendung jetzt verfolgen, wird das wohl kaum noch in einem aktiven Alter erleben. Manche haben eine nicht sehr große Chance, es noch in hohem Alter zu sehen. Ich selbst hoffe leider nicht darauf.

Aber ich habe niemals gedacht, dass ich das sehen müsse, was ich aufbaue. Ich möchte es aufbauen, um hoffen zu können, dass ich zumindest alles Mögliche und Unmögliche getan habe, damit die Menschen in einem künftigen ukrainischen Staat verantwortungsbewusst sind, über eine verantwortungsbewusste Identität verfügen und echtes Eigentum in ihren Händen halten, statt dass es nur in den Händen irgendwelcher oligarchischer Clans konzentriert ist und so weiter. Man muss das einfach aufbauen, ohne jede Hoffnung, dass man selbst es noch sehen wird.

Frage: Und wann werden wir so wunderbar leben?

Portnikov: Sie wahrscheinlich nicht. Denken Sie an Ihre Enkel. Das ist einfach das, was man während eines Krieges sagen kann. Ich kann Sie während eines Krieges doch nicht belügen. In dieser Hinsicht scheint mir auch das eine sehr wichtige Frage zu sein, über die man sprechen kann.

Frage: Russland reagiert auf Angriffe auf Ölraffinerien mit Angriffen auf Tankstellen. Das gab es bisher nicht, das ist eindeutig eine neue Kampagne. Bedeutet das also, dass Russland nicht immer nur nach seinen eigenen vorher festgelegten Plänen handelt, wie Sie gesagt haben, sondern tatsächlich reagiert?

Portnikov: Nun, das wissen wir nicht. Russland greift doch nicht nur Tankstellen an. Russland greift weiterhin eine ganze Reihe von Objekten an. Sie verstehen doch, dass ballistische Angriffe nicht ausschließlich Tankstellen gelten. Es kann Vergeltungsangriffe geben, die einfach von der Notwendigkeit diktiert werden, den Russen selbst zu zeigen, dass Russland auf die Angriffe gegen Ölraffinerien reagiert. Denn Sie verstehen, dass ein Angriff auf eine Tankstelle nicht dasselbe ist wie ein Angriff auf eine Ölraffinerie. Wenn man bedenkt, dass Russland unsere Ölverarbeitung bereits zerstört hat und wir Treibstoff aus dem Ausland beziehen, ist das eine vollkommen unangemessene Reaktion.

Man sollte aber nicht glauben, dass alles nach einer reinen Formel abläuft. Wir diskutieren mit Ihnen über Formeln, aber es gibt Situationen, die Ausnahmen von der Formel darstellen. Umso mehr gilt: Wenn wir Russland dazu zwingen können, auf unsere Handlungen zu reagieren, ist auch das ein Ausbruch aus einem bestimmten Paradigma, über den gesprochen werden muss. Ich halte das für vollkommen verständlich.

Frage: Ich wundere mich noch immer über unser Volk. Warum sind die Menschen nicht für Valery Zaluzhny auf die Straße gegangen, obwohl alle gegen seine Entlassung waren?

Portnikov: Ich denke, als der Präsident den Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, Valery Zaluzhny, entließ, der zweifellos bei den Menschen nicht weniger beliebt war als der ehemalige Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov, herrschte aus Sicht des Vertrauens in die Regierung und des Verständnisses dafür, wie sich eine Gesellschaft während eines Krieges verhalten sollte, einfach eine andere psychologische Situation. Kann man auf die Straße gehen? Wird der Feind das nicht ausnutzen? Sollten wir demonstrieren, dass es bei uns keine Zusammenarbeit und kein gegenseitiges Verständnis gibt? Ich denke, all diese Dinge bewegten die Menschen damals.

Die Situation besteht jedoch darin, dass dieser ganze Moment tatsächlich sehr eng mit dem Protest des vergangenen Jahres zusammenhing. Damals hat die Regierung die Grenzen eindeutig überschritten. Denn eine Personalentlassung ist eine Sache. Den Menschen in der Ukraine, gerade in der Ukraine, die Hoffnung auf Gerechtigkeit zu nehmen, die sie mit der Tätigkeit unabhängiger Antikorruptionsorgane verbanden, ist etwas anderes.

Als dieser Protest dann stattfand und nichts Schreckliches geschah, also der Himmel nicht auf die Erde fiel, sondern die Regierung im Gegenteil auf die Meinung der Menschen hörte, öffnete dies einfach den Weg für die Möglichkeit solcher kurzfristigen, gewissermaßen friedlichen Proteste auch zu anderen Fragen, die nicht mit den Erwartungen der Gesellschaft übereinstimmen.

Deshalb denke ich, dass es einfach eine andere Situation war. Eine andere Situation zu dem Zeitpunkt, als General Valery Zaluzhny entlassen wurde. Wenn er später in den Meinungsumfragen als führende Figur der Sympathien und Erwartungen der Ukrainer erschien, war seine Popularität offensichtlich sehr groß. Denn die Popularität Mykhailo Fedorovs reicht selbst heute bei Weitem nicht an die Popularität Valery Zaluzhnys heran. Das ist klar.

Aber in einigen Monaten kann sich alles ändern. Auch daran müssen Sie denken, dass hier sehr leicht alles geschehen kann. Daher kann man sagen, dass im Zusammenhang mit der weiteren Entwicklung der Ereignisse und mit der Frage, wie sich die Menschen künftig auf der Straße versammeln werden, das vergangene Jahr 2025 zu einem, wie ich sagen würde, Wendepunkt geworden ist, über den gesprochen werden muss. Wenn wir die weitere Situation analysieren, denke ich, dass die Regierung das hätte verstehen müssen.

Die Frage besteht nicht darin, dass Sie nicht verstehen, warum die Menschen nicht für Zaluzhny auf die Straße gegangen sind. Die Frage besteht darin, dass die Regierung bereits hätte begreifen müssen, warum die Menschen begonnen haben, auf die Straße zu gehen. Das ist der wichtige Punkt, den man in dieser Situation hätte erkennen müssen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Зеленський змінив Сирського на Драпатого | Віталій Портников. 21.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 21.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Syrsky bleibt Oberbefehlshaber: Wie geht es weiter? | Vitaly Portnikov. 20.07.2026.

Im Laufe des gesamten heutigen Tages verbreiteten sich Gerüchte, der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, könne die Entscheidung treffen, den Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, General Oleksandr Syrsky, zu entlassen.

Natürlich stellte sich die Frage, wie dies rechtlich und tatsächlich geschehen könnte, und zwar aus dem einfachen Grund, dass im ukrainischen Rechtssystem der amtierende Verteidigungsminister dem Präsidenten die Kandidatur eines neuen Oberbefehlshabers der Streitkräfte vorlegt. Ebenso kann der amtierende Verteidigungsminister dem Präsidenten als Oberstem Befehlshaber der Streitkräfte der Ukraine den Antrag auf Entlassung des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine vorlegen. Aus rechtlicher Sicht wird es daher weder heute noch bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein neuer Verteidigungsminister der Ukraine ernannt wird, eine Entlassung des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine geben. Einfach deshalb, weil dafür die rechtlichen Voraussetzungen fehlen.

Ja, natürlich können wir darüber sprechen, dass auch der Rücktritt der Regierung bei uns auf ziemlich seltsame Weise erfolgte: Der Präsident der Ukraine traf sich mit Ministerpräsidentin Yuliia Svyrydenko, und erst danach wurde der parlamentarischen Koalition bekannt, dass die Ministerpräsidentin ihren Rücktritt einreicht. Und auch das ist, ehrlich gesagt, sehr seltsam, denn mir scheint, dass die Gesellschaft in diesen inzwischen fast sieben Jahren einfach verlernt hat, ein gesetzmäßiges Verfahren zu verstehen.

Heute wurde ich also während eines Interviews gefragt: „Wie hätte das denn mit der Ministerpräsidentin ablaufen sollen?“ Nun, ganz einfach: Die parlamentarische Koalition tritt zusammen. Sie besteht bei uns aus der Partei Diener des Volkes und beschließt, dass die Regierung sie, die parlamentarische Koalition, in irgendeiner Hinsicht nicht zufriedenstellt, und initiiert den Rücktritt des Ministerpräsidenten. Mit der Mitteilung über diesen Beschluss der Koalition geht der Vorsitzende der Regierungsfraktion, also der Vorsitzende der Koalition, Davyd Arakhamia, zum Präsidenten der Ukraine, teilt ihm mit, dass die Abgeordneten die Entscheidung über den Rücktritt des Ministerpräsidenten getroffen haben, und schlägt dem Präsidenten eine andere Kandidatur für das Amt des Ministerpräsidenten vor. Wenn der Präsident dieser Kandidatur zustimmt, denn das ist eine Frage der Abstimmung zwischen der Koalition und dem Staatsoberhaupt, bringt er sie in den Sitzungssaal ein.

Danach schlägt die Koalition dem Präsidenten die Kandidaturen für die Ministerämter vor. Wenn er diesen Kandidaturen zustimmt, bringt er auch sie in den Sitzungssaal ein. Danach schlägt der Präsident der Koalition die Kandidaturen für das Amt des Verteidigungsministers und des Außenministers vor. Wenn die Abgeordneten diesen Kandidaturen zustimmen, werden sie in den Sitzungssaal eingebracht und zur Abstimmung gestellt. Wenn aber der Präsident damit nicht einverstanden ist oder die Abgeordneten den vom Präsidenten vorgeschlagenen Kandidaturen nicht zustimmen, dann schlägt der Präsident für jene beiden Ämter, die in seine verfassungsmäßige Zuständigkeit fallen, und natürlich auch für das Amt des Leiters des Sicherheitsdienstes der Ukraine andere Personen vor.

Im Allgemeinen hat das seit 1991 immer so funktioniert. Es funktionierte sogar unter Leonid Krawtschuk und Leonid Kutschma, die präsidentielle Republiken führten. Anders konnte es offenbar nur zu Zeiten Viktor Yanukovychs und heute sein. Und unser Problem besteht darin, dass sich dieser Rechtsnihilismus auf die Bürger überträgt, die ebenfalls glauben, Personalentscheidungen könnten allein deshalb erfolgen, weil eine einzelne Person es so will. Das ist eine gesonderte Ebene.

Aber ich möchte noch an eine wichtige Sache erinnern. Der Maidan wird letztlich keine Verantwortung für jene Personalentscheidung tragen, die der Verteidigungsminister trifft, wenn er dem Präsidenten, sagen wir, eine neue Kandidatur für das Amt des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine vorschlägt. Gut, in unserem System wird der Verteidigungsminister natürlich die Kandidatur vorschlagen, die der Präsident wünscht. Aber dann wird eben der Präsident dafür verantwortlich sein, wenn die Ukraine unter der Führung des neuen Oberbefehlshabers der Streitkräfte bestimmte Gebiete verliert, wenn es etwa zu einem Zusammenbruch der Front kommt und feindliche Truppen Kyiv erreichen.

Wen werden die Teilnehmer der Proteste dann wegen der gescheiterten Personalentscheidung zur Verantwortung ziehen? Sich selbst oder den Präsidenten der Ukraine? Offensichtlich den Präsidenten der Ukraine. Sie werden nicht einmal den Verteidigungsminister zur Verantwortung ziehen, selbst wenn es Mykhailo Fedorov sein sollte. Genau darin liegt das Problem. In einem solchen System machen die einen Vorschläge, während andere die Verantwortung tragen. Und auch das ist ein völlig anormales System.

Als die Regierung zurücktrat, haben wir sehr viel darüber gesprochen, was eigentlich mit der Personalpolitik bei den Regierungsbesetzungen geschieht. Ich habe Ihnen mehrfach gesagt und möchte noch einmal wiederholen, dass diese gesamte Personalpolitik im Grunde eine Politik des Zufalls, eine Lotterie ist. Ich bestehe weiterhin darauf, dass Ministerien von Politikern und nicht von Managern geleitet werden sollten, selbst wenn es sich auf den ersten Blick um so fähige Manager wie Mykhailo Fedorov handelt. Wenn Menschen keine politische Laufbahn einschlagen wollen, sollten sie dementsprechend stellvertretende Minister sein. Die Minister selbst müssen für die Politik verantwortlich sein und anschließend die politische Verantwortung tragen.

Übrigens trifft das auf Mykhailo Fedorov nicht in vollem Umfang zu, weil er durchaus eine politische Laufbahn hatte, wenn auch nur bedingt. Er wollte politisch tätig sein. 2014 kandidierte er nach dem Maidan, nach der Revolution der Würde, über die Liste der Partei des allen bekannten Balashov für die Werchowna Rada der Ukraine. Balashov hatte auch selbst eine wenig vorzeigbare Rolle in der Revolution der Würde gespielt, über die ich mehrfach berichtet habe. 2019 kandidierte Fedorov dann für ein anderes Projekt, für die Partei Diener des Volkes. Diesmal zog er ins Parlament ein, weil er die Gebietsorganisation dieser Partei in Zaporizhzhia leitete, und wurde Minister für Digitalisierung.

Das kann grundsätzlich wie eine politische Laufbahn erscheinen, die mit dem Parteiführer verbunden ist, über den Fedorov trotz aller persönlichen Kränkungen weiterhin als über jenen Menschen spricht, zu dem er ein besseres Verhältnis hat als zu allen anderen, die Volodymyr Zelensky umgeben. Das ist ein Zitat aus dem Briefing des ehemaligen Verteidigungsministers der Ukraine.

Aber so geschieht es nicht bei allen. Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die nach der Wahl Volodymyr Zelenskys zum Präsidenten der Ukraine in mehrere ukrainische Regierungen gelangten, hatte niemals irgendeine politische Laufbahn oder politische Verantwortung. Deshalb haben wir miteinander darüber gesprochen, wie zufällig praktisch alle Ernennungen zu Regierungsämtern waren, angefangen mit Zelenskys erster Regierung, der Regierung von Oleksii Honcharuk.

Offenbar habe ich in der vorherigen Sendung erneut den Nachnamen der kurzlebigen ukrainischen Energieministerin verwechselt. Nicht Fedak, sondern Hrytsak, ich bitte um Entschuldigung. Wobei ich grundsätzlich der Meinung bin, dass ich als politischer Beobachter keinen einzigen dieser Nachnamen kennen sollte, verstehen Sie, keinen einzigen, weil sie überhaupt nichts mit Politik zu tun haben.

Aber darüber habe ich mehrfach gesprochen, und ich werde das jetzt nicht alles erneut illustrieren und Ihnen diese ganze Reihe von Ernennungen in Erinnerung rufen: Svyrydenko anstelle von Shmyhal, Shmyhal anstelle von Umerov, Shmyhal jetzt anstelle von Hrytsak, Fedorov anstelle von Shmyhal, denn all das folgt keinerlei Logik. Aber es ist die Logik bürokratischer Ernennungen, die an sich falsch ist und nur zur Ineffizienz von Regierungsentscheidungen führen kann, dazu, dass Regierungsentscheidungen weder vom Parlament noch von der Gesellschaft kontrolliert werden, dafür aber vom Präsidialamt.

Nun habe ich eine andere, durchaus gute Frage: Wie sieht es bei uns mit militärischen Personalentscheidungen aus? Plötzlich gehen Menschen auf die Straße und fordern, natürlich angestoßen durch den Verteidigungsminister, den Rücktritt des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine und nennen bestimmte Namen als seine möglichen Nachfolger.

Ich werde mich jetzt nicht näher mit der Person General Oleksandr Syrskys befassen, obwohl ich jene Kolumne analysieren werde, die er heute veröffentlicht hat. Denn es ist, würde ich sagen, ein ziemlich beispielloser Fall, dass der Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine mit einem Text hervortritt, der im Grunde sowohl eine Antwort an den ehemaligen Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov als auch an jene Menschen ist, die heute den Rücktritt des Oberbefehlshabers fordern. 

Aber ich möchte Ihnen einfach eine Sache sagen. Das Amt des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine ist keineswegs für jeden Offizier und nicht einmal für jeden General geeignet. Genauso wie es in meinem Beruf Menschen gibt, die publizistische Artikel schreiben können, und Menschen, die große Romane schreiben können, große Schriftsteller. Keineswegs jeder Mensch, der das Wort beherrscht, kann einen Roman schreiben, selbst wenn er über außergewöhnliches literarisches Talent verfügt. Denn für einen Roman braucht man romanhaftes Denken, die Fähigkeit zu jenem Blick, den man auf Englisch „Helicopter View“ nennt. Wenn eine solche Sicht fehlt und ausschließlich ein Verständnis taktischer Aufgaben sowie die Unfähigkeit vorhanden sind, strategische Initiative zu übernehmen, endet das mit dem Zusammenbruch der Armee, der Front, mit der Niederlage des Landes und mit dem Auftauchen der Soldaten einer feindlichen Armee in der Hauptstadt des Staates, den sie dem Erdboden gleichmachen.

Und so ist es in der Militärgeschichte bereits sehr, sehr oft gewesen. Nur können nicht alle davon erzählen, weil sehr viele Völker, die auf diese Weise irrten, von der ethnografischen Karte der Welt verschwanden, als hätte es sie niemals gegeben. Und niemand hat gesagt, dass wir im 21. Jahrhundert nicht Zeugen solcher erschütternden Verschwindensprozesse, solcher demografischen Katastrophen werden.

Natürlich beobachten wir eine dieser demografischen Katastrophen, die sich gerade vor unseren Augen ereignet, auf unserem eigenen Land. Und sie wird weitergehen, selbst wenn die Ukraine in ihrem Krieg gegen Russland keine vernichtende Niederlage erleidet. Falls sie eine solche Niederlage erleidet, wird diese Katastrophe zu ihrem logischen Ende gelangen: zum Verschwinden der ukrainischen Nation aus ihren ethnografischen Gebieten. Denn genau das ist die Absicht unserer Feinde, die den Krieg nicht beenden wollen, bis sie dieses menschenverachtende Ziel erreicht haben. Darin müssen wir sie aufhalten.

Aber wenn Sie glauben, ich spreche hier speziell über Oleksandr Syrsky, irren Sie sich. Bereits eine ganze Reihe von Personalentscheidungen während der Präsidentschaft Volodymyr Zelenskys und während des großen Krieges wirft sehr viele Fragen auf. General Muzhenko war einer jener Menschen, denen man einen solchen, würde ich sagen, Blick aus dem Hubschrauber zuschreiben konnte. General Valery Zaluzhny war ein solcher Mensch. General Zabrodsky war ein solcher Mensch.

Aber hier gibt es eine Frage, ein Problem. Da ist eine Staatsmacht, die durch den Willen des ukrainischen Volkes zustande kam, und ich möchte daran erinnern: durch den Willen des ukrainischen Volkes, durch 73 Prozent der Wähler, die im zweiten Wahlgang für Volodymyr Zelensky stimmten, und durch die Mehrheit der Menschen, die für die Abgeordneten der Partei Diener des Volkes stimmten. Wenn sich die Ukraine durch den Willen des ukrainischen Volkes in eine Neuauflage einer gewöhnlichen ehemaligen Sowjetrepublik mit personalistischem Regime verwandelt, also in all das, wovon wir uns nach 1991 zu entfernen versuchten und was nur dank der Aufstände des ukrainischen Volkes nicht geschah, Aufständen, die sogar mit dem Tod unserer Landsleute auf den Straßen von Kyiv endeten.

Doch 2019 vollzog sich diese Verwandlung. Und man darf sich auch selbst nichts vormachen. Die Ukraine wird heute wie eine klassische ehemalige Sowjetrepublik regiert. Ich werde nicht sagen wie Belarus, aber, bildlich gesprochen, wie Kasachstan. In diesem Herrschaftssystem braucht man also nicht nur die Fähigkeit, aus dem Hubschrauber zu blicken, sondern auch Loyalität. Ohne Loyalität kommt man in einem solchen Herrschaftssystem nirgendwohin.

Die Auswahl an Generälen, die in der Lage sind, Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine zu sein, verengt sich also unter Bedingungen, in denen man einerseits die Front überblicken und andererseits der ersten Person loyal sein muss, die weder Widerspruch noch Konkurrenz noch die Popularität eines anderen duldet. Das ist noch eine weitere Anforderung. Verengt sich die Auswahl möglicherweise bis auf eine einzige Person? Oder nicht?

Sie erinnern sich, was mit General Muzhenko geschah. 2022, genau zu jenem Zeitpunkt, als der Feind vor Kyiv stand, wurde er an den Gefechtsstand des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine eingeladen, um zu helfen. Später bat General Valery Zaluzhny ihn nach Muzhenkos eigenen Erinnerungen, also nicht nach irgendeiner nicht öffentlichen Information, den Ort zu verlassen, weil der Präsident der Ukraine seine Anwesenheit nicht wollte.

Haben Sie niemals darüber nachgedacht, dass General Muzhenkos Vorstellung von der militärischen Lage zu jenem Zeitpunkt, davor und danach, möglicherweise realistischer und strategisch verständiger gewesen sein könnte als die der Generäle Valery Zaluzhny und Syrsky? Genauso wie Präsident Poroshenko, der die Präsidentschaftswahl 2019 gegen Zelensky verlor, möglicherweise eine realistischere und professionellere politische Sicht auf alle Herausforderungen für die Ukraine im Zusammenhang mit den russisch-ukrainischen Beziehungen hatte als sein Nachfolger.

Ich werde nicht einmal fragen: Hätte Zelensky in diesen sieben Jahren nicht eine solche Sicht erlernen können, wie Poroshenko sie 2019 besaß? Poroshenko lernte es schließlich in fünf Jahren. Auch er dachte zunächst, er könne sich mit Putin einigen.

Natürlich kann man sich sogar vorstellen, dass eine solche Lernfähigkeit auch Zelensky eigen ist, wie jedem Menschen, der in eine für ihn kritische Situation gerät, auf die er sich nicht einmal vorbereitet hatte, und zwar im verantwortungsvollsten Augenblick seines Lebens, wenn er Präsident eines Staates wird, der sich in Krieg und Tod befindet. Aber er lernt eben nicht einfach nur im Krieg. Er lernt an Ihnen, liebe Zuschauer, an uns allen. Und diese Schule wird noch lange, schwierige Jahre weitergehen.

Und wenn er schließlich vollständig ausgelernt hat, bin ich überzeugt, dass das ukrainische Volk wieder einen Ungelernten wählen wird, damit auch dieser wieder an ihm lernt, an dem, was vom ukrainischen Volk zu jenem Zeitpunkt natürlich noch übrig sein wird, wenn ein neuer Präsident zum ersten Mal in die erste Klasse der Überlebensschule des ukrainischen Staates und der ukrainischen Nation gehen kann. Das ist in Wirklichkeit überhaupt nicht lustig.

Und beachten Sie, dass die Namen all jener kampferfahrenen Generäle mit dieser Sicht auf die Welt, die Armee und die Front von den Protestteilnehmern mit ihren Pappschildern nicht genannt werden. Denn sie nennen vielleicht nur jene, die ihrer Meinung nach aus der Logik der Beziehungen zu Fedorov heraus realistische Oberbefehlshaber sein könnten.

Das heißt, neben einem 35-jährigen jungen Mann, der das Verteidigungsministerium leitete, soll ein 35-jähriger Oberbefehlshaber stehen. Und das sieht schön aus, bis der Feind in Kyiv einmarschiert und die Protestteilnehmer auf den Straßen der ukrainischen Hauptstadt zu blutigem Brei macht. Dann ist es schon nicht mehr so interessant, wie alt der Oberbefehlshaber ist. Und dann ist auch nicht mehr so interessant, wie breit sein Lächeln ist. Interessant ist dann, in welchen Teil deines Körpers das Bajonett dessen eindringt, der durch die Straßen von Kyiv geht und die Stadt von Ukrainern „säubert“. Das wird dann interessant. Und genau das muss in den kommenden Jahren des russisch-ukrainischen Krieges verhindert werden.

Das bedeutet nicht, dass nicht einer jener Menschen, über die derzeit als mögliche Kandidaten für das Amt des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine gesprochen wird, sich als tatsächlicher militärischer Führer erweisen könnte. Das ist möglich, wir wissen es nur nicht. Es wäre erneut eine Lotterieentscheidung, die nicht getroffen würde, um die Effizienz der Streitkräfte der Ukraine zu erhöhen, sondern um die Proteste auf den Straßen zu minimieren.

Das würde bedeuten, dass die Staatsmacht weiterhin nicht in Kategorien der Rettung des Landes vor einer Katastrophe denkt, deren Gefahr keineswegs verschwunden ist und deren Ausmaß von der überwiegenden Mehrheit der Menschen innerhalb und außerhalb der Ukraine nicht erkannt wird, sondern in wahltaktischen Paradigmen. Und das, obwohl es in den kommenden Jahren möglicherweise überhaupt keine Wahlen geben wird, weil die Eskalation des russisch-ukrainischen Krieges in unterschiedlichen Formen weitergehen wird.

Denn unsere Hoffnungen darauf, dass Drohnenarmeen Russland schnell außer Gefecht setzen und seine Wirtschaft zerstören werden, könnten sich als unbegründet erweisen, insbesondere vor dem Hintergrund all jener Ereignisse, die sich weltweit abspielen und die russischen wie auch unsere Möglichkeiten beeinflussen.

Gerade jetzt findet eine Seeblockade Saudi-Arabiens statt. Das ist nicht einmal die Straße von Hormus, über die wir jetzt so viel miteinander gesprochen haben. Es handelt sich um eine andere Meerenge, andere Routen. Nun werden die Preise für Erdöl und Treibstoff wieder zu steigen beginnen. Russische Dienstleistungen werden wieder benötigt werden. Und genau jetzt greift Russland unsere Häfen an und beraubt uns damit der Möglichkeit, Einnahmen aus Getreide und dessen Export zu erzielen.

Das ist eine Lage, die sich nicht einmal an unserer Front abspielt und dort weder mit dem Namen eines Ministers noch mit dem des Oberbefehlshabers verbunden ist. Es ist einfach eine Situation, die den gesamten Krieg jederzeit zu der einen oder anderen Seite hin verändern kann. Und glauben Sie mir, solche Situationen wird es in den 20er- und 30er-Jahren des 21. Jahrhunderts, und genau das ist der Zeitraum des russisch-ukrainischen Krieges, noch viele geben. Diese Waagschalen werden schwanken, abhängig von all jenen Kriegen und Konflikten, die überall und jederzeit aufflammen werden.

Deshalb muss man stark, besonnen und kompetent sein. Deshalb müssen Entscheidungen über Ernennungen an der Spitze solcher Institutionen wie des Verteidigungsministeriums und des Oberkommandos der Streitkräfte der Ukraine vor allem weder auf den persönlichen Sympathien des Präsidenten der Ukraine noch auf den persönlichen Sympathien der Straße beruhen. Sie müssen auf einer einzigen zentralen Notwendigkeit beruhen: die Ukraine vor einem möglichen Verschwinden von der politischen Weltkarte und das ukrainische Volk vor der Vertreibung, diesmal der endgültigen, aus jenen Gebieten zu retten, in denen es seit Jahrtausenden lebt.

Davor muss man sich während dieses langjährigen Krieges retten. Man darf nicht vergessen, dass dieser Konflikt bereits seit zwölf Jahren andauert und alle potenziellen Aussichten hat, weitere zwölf Jahre fortzubestehen. Vielleicht nicht als großer Krieg, niemand weiß es, aber als Konflikt ganz sicher.

Es gibt keinerlei Grund, zu Lebzeiten jener Menschen, die diesen Krieg erlebt haben, von einer russisch-ukrainischen Versöhnung zu sprechen. Und keinerlei Wechsel an der Spitze der russischen Staatsmacht, wer auch immer darauf hoffen mag, wird diese allgemeine Situation des Hasses zwischen den beiden Völkern noch verändern. Der Zug hat diesen Bahnhof für immer verlassen und sich im Nebel des Hasses verloren. Das ist geschehen, und das wird weiter geschehen. Das ist eben der Blick aus dem Hubschrauber.

Ja, leider haben wir nur eine geringe Auswahl an militärischen Befehlshabern. Ja, leider ist ein populärer Offizier noch kein Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine. Ja, leider wird ein Mensch, der nicht über strategisches Denken auf der Ebene eines Oberbefehlshabers verfügt, sondern entweder nach Popularität strebt oder bereit ist, der ersten Person in allem zuzustimmen, die Armee und die Front zugrunde richten. Ja, der Glaube, die Automatisierung des Krieges werde die Mobilisierung beenden, ist ein naiver Glaube, der durch die Entwicklung der Lage in den kommenden Monaten und Jahren nicht bestätigt werden wird. Weder hier noch dort. Und all das wird man berücksichtigen müssen. Man kann nicht in einer erfundenen Welt leben.

Ich möchte dennoch zu dem zurückkehren, was ich Ihnen zu analysieren versprochen habe. Es handelt sich um die Kolumne von General Oleksandr Syrsky, die auf dem Portal „Militarnyi“ unter dem Titel „Meine Arbeit ist der Krieg“ erschienen ist. Und das ist die erste so ausführliche Antwort des Oberbefehlshabers an den ehemaligen Verteidigungsminister der Ukraine und faktisch auch an die Protestteilnehmer.

Syrsky entschuldigt sich in dieser Kolumne bei Fedorov, rät ihm aber, sich nicht auf das Persönliche, sondern auf das Globale, auf den Sieg zu konzentrieren. Er erinnert daran, dass die Ukraine größer ist als Fedorov, Syrsky oder irgendeiner von uns. Die Ukraine, sagt der General, werde nicht deshalb standhalten, weil es in ihr unersetzliche Menschen gebe, sondern weil sie eine Armee, Institutionen und Millionen Menschen habe, die diese Arbeit verrichten. Und man dürfe diesen Krieg nicht auf die Konfrontation zweier Personen reduzieren. Das sei der größte Dienst, den wir dem Feind erweisen könnten.

Dem stimme ich vollkommen zu, ebenso wie dem, was ich die ganze Zeit gesagt habe: Wenn wir sowohl Fedorov als auch Syrsky für wertvolle Mitarbeiter halten, besteht die Pflicht des Obersten Befehlshabers darin, Synergie in der Arbeit zwischen diesen wertvollen Mitarbeitern herzustellen, und nicht darin, einen von ihnen zu entlassen.

Ich halte es für einen groben politischen Fehler populistischen Charakters, dass Fedorov bei seinem Pressebriefing den Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine direkt beschuldigte, seine Arbeit blockiert zu haben und für seine Entlassung verantwortlich zu sein. Dabei weiß Fedorov sehr gut, dass die Entscheidung über seine Entlassung vom Präsidenten der Ukraine getroffen wurde, vor dem er weiterhin seine Liebe und Loyalität bekunden wollte, indem er, wie ich bereits gesagt habe, daran erinnerte, dass er ihn mehr liebe als alle anderen Weggefährten Volodymyr Zelenskys.

Dieser Wunsch, die Lieblingsfrau des Führers zu sein, stammt nicht aus unserer Zeit. Man sollte das nicht tun. Das alles wird kein gutes Ende nehmen. Man muss die Dinge beim Namen nennen, selbst wenn man gekränkt ist. Wenn du den Namen Zelensky nicht laut aussprechen kannst, dann geh nicht zu einem Briefing. Verwirre die Menschen nicht. Kannst du ihn aussprechen, dann sprich, aber beanspruche danach keine Rückkehr an die Macht.

Syrsky erinnert in seiner Kolumne daran, dass er eine eigenständige Truppengattung geschaffen und dem Präsidenten die Kandidatur von Madiar vorgelegt habe, um ihn an die Spitze der unbemannten Systeme zu stellen. Aber wir erinnern uns, dass es auch dort vor Madiar seltsame Personalentscheidungen gab, die ebenfalls die Frage aufwarfen, warum das so geschah. Und wieder kommunizierte niemand dazu mit der Gesellschaft oder der Armee.

Und wieder ist es eine Lotterie. War der vorherige Befehlshaber der Kräfte für unbemannte Systeme tatsächlich unfähig, sie zu führen? Hatten wir mit Madiar einfach Glück, oder war das Ergebnis folgerichtig? Auch das ist eine gute Frage, auf die man wenigstens für sich selbst eine Antwort erhalten möchte. Verstehen Sie? Das ist eine ausgezeichnete Frage, die in der Lage, in der wir uns befinden, wichtig wäre.

Warum wurde etwa derjenige, der die Kräfte für unbemannte Systeme aufgebaut hatte, Vadym Sukharevsky, aus diesem Amt entfernt und durch einen neuen, ziemlich guten, erfolgreichen und populären Kommandeur ersetzt? Auch das ist eine Frage, auf die man gern eine Antwort hätte.

Die Wahrheit besteht also darin, dass Syrsky angesichts der Lage, in der sich die Ukraine befindet, die Wahrheit sagt, wenn er erklärt, dass Drohnen einen großen Teil der Treffer verursachen. Doch um das Gefechtsfeld für den effektiven Einsatz von Drohnen vorzubereiten, braucht man Artillerie, Mörser, technische Mittel, Flugabwehr und elektronische Kampfführung.

Der Generalstab entscheidet, was gekauft wird. Und man muss alles beschaffen, nicht nur das, was gerade im Trend liegt. Darüber muss man mit Militärs und Militärexperten sprechen. Es geht nicht darum, dass sich der Krieg so verändert hätte, dass klassische Bewaffnung nicht mehr notwendig wäre. Nein, diese Bewaffnung hilft vielmehr bei der Umgestaltung des Krieges. Auch das ist ein wichtiger Punkt.

Dort gibt es auch noch einen Abschnitt über Personal, aber mir scheint, dass ich über Personal bereits vieles gesagt habe. Der Oberbefehlshaber erwähnt genau jene Personen, deren Namen derzeit in den Medien vervielfältigt werden, die aber keine Antwort auf die Frage nach den erfahrensten Offizieren darstellen, die tatsächlich mit Syrsky um das Oberkommando konkurrieren könnten. Und er weiß das sehr gut. Aber er weiß auch, dass keiner dieser Menschen jemals Zelenskys Casting bestehen wird, dass Zelensky mit Menschen sprechen und sich mit Menschen treffen wird, die über eine gewisse mediale Bekanntheit verfügen und glauben werden, gerade ihm ihre militärischen Karrieren zu verdanken. Das ist ein Weg ins Nichts. Einen Krieg gewinnt man nicht mit medialer Bekanntheit. Man gewinnt ihn mit strategischem Denken.

Einer der wichtigen Punkte in dieser Kolumne betrifft auch die finanzielle Versorgung. Fedorov hatte gesagt, ein Teil der Mittel für die Gehälter der Militärangehörigen sei für den Kauf von Drohnen verwendet worden. Syrsky weist diese Möglichkeit zurück und erklärt, Gehälter seien keine Reserve zur Umverteilung, sondern eine Verpflichtung des Staates gegenüber Menschen, die täglich ihr Leben riskieren. Danach betont er, die Kolumne sei nicht für diejenigen geschrieben, die in sozialen Netzwerken streiten, sondern für jene, die täglich die Last des Krieges tragen.

„Unseren Soldaten ist es gleichgültig, wer wen im Internet niedergestritten hat. Sie brauchen Granaten, Rotation, pünktliche Zahlungen und die Gewissheit, dass der Staat hinter ihrem Rücken arbeitet und nicht streitet.“ Ich habe diese zentralen Thesen vorgelesen, damit Sie sehen, welche Situation sich derzeit um die Beziehungen zwischen den Führungspersonen des Landes und der Streitkräfte in Zelenskys Team und um Zelenskys Team selbst entwickelt hat.

Wir verstehen sehr gut, dass Zelenskys Team als solches, also das Team der Menschen, denen Zelensky vertraut, Militärs überhaupt nicht einschließt. Es kann Menschen einschließen, mit denen Zelensky sein Leben im Showbusiness und in seinem unmittelbaren Umfeld verbracht hat. Militärs schließen sich diesem Team also nur indirekt an, und zwar erst nach 2019, im Grunde erst nach 2022. Und auf sie wird ebenso wie auf die Manager, die im Präsidialamt arbeiten, jenes Kriterium der Loyalität angewandt, das überhaupt nicht angewandt werden dürfte. Darin liegt das Problem.

Wenn Protestteilnehmer die Namen populärer Militärs rufen, die ihrer Meinung nach Syrsky ersetzen könnten, müssen sie außerdem daran denken, dass diese professionellen und medial stark aufgebauten Militärs, die tatsächlich an vielen aufsehenerregenden Operationen beteiligt waren, möglicherweise schlicht nicht über die für einen Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine notwendige strategische Sicht verfügen. Sie könnten in dieses Amt berufen werden, weil eine solche Ernennung für Zelensky wichtiger sein könnte als die tatsächliche Lage der Armee und der Front. Und dann wird etwas geschehen, das sich nicht mehr korrigieren lässt oder nur um den Preis des Lebens jener Menschen korrigiert werden kann, die jetzt protestieren. Auch darauf muss man sich vorbereiten.

Das ist im Grunde das, was jetzt gesagt werden muss. Ich verstehe, dass das sehr unpopuläre Dinge sind. Aber ich verstehe nicht, warum ich populäre Dinge in einem Land sagen sollte, das sich seit viereinhalb Jahren in einem großen Krieg befindet, ohne auch nur eine minimale Aussicht auf ein Ende dieses Krieges in absehbarer Zeit. Vielleicht sollte man in der Realität leben, versuchen, in der Realität zu leben? Wenn man nicht in der Realität lebt, kann man sterben.

Gestern fragte mich jemand, glaube ich: „Warum machen Sie den Menschen Angst? Warum nehmen Sie ihnen die Hoffnung?“ Nein. Ich nehme den Menschen nicht die Hoffnung. Hoffen muss man selbst in den letzten Stunden des Lebens. Hoffnung ist ein Kapital des menschlichen Denkens. Aber man muss mit einem realistischen Blick auf das, was ist, hoffen. Ohne Realismus führt der Weg ins Grab und nirgendwohin sonst. Und übrigens treibt mangelnder Realismus einen Menschen dazu, falsche Entscheidungen zu treffen, die seinen Tod nur beschleunigen.

Lesen wir die Fragen, die während dieser Sendung gestellt wurden.

Frage: Was glauben Sie, wird Syrsky auch weiterhin im Amt bleiben? Denn all seine Rechtfertigungen, er sei weiß und flauschig, erinnern an denselben alten Sowjetgeist.

Portnikov: An denselben alten Sowjetgeist erinnert vieles. Proteste, bei denen der Name eines Menschen gerufen und die Entlassung eines anderen gefordert wird, weil dieser den ersten Menschen gekränkt hat, und dazu noch mit der Erklärung, dieser Mensch sei sowjetisch und jener ein Musterbeispiel der Moderne, das ist derselbe Sowjetgeist. Wenn dieser junge Mann bei einem Briefing in der Sprache eines Komsomol-Aktivisten redet, nur dass anstelle von Leonid Iljitsch Breschnew nun Volodymyr Oleksandrovych Zelensky steht, dann ist das derselbe Sowjetgeist.

Ich weiß überhaupt nicht, woher all diese Menschen gekommen sind. Selbst in den Jahren meiner Jugend gab es nicht so viele solcher Menschen. Woher kamen all diese so sowjetischen Menschen? Nun, ehrlich gesagt weiß ich, woher. In vielen unserer Regionen wuchs dank der Partei der Regionen und dank der Tatsache, dass dort im Grunde ein solches Leben fortbestand, eine derart sowjetische Jugend heran. Ich habe immer gesagt: Wenn du von Kyiv nach Westen fährst, fährst du nach Europa. Wenn du von Kyiv nach Osten fährst und die russisch-ukrainische Grenze überquerst, gerätst du in Putins Russland. Das ist nicht mehr die Sowjetunion, sondern irgendeine schreckliche Vogelscheuche, aber es ist Russland. Ein solches Russland. Dass zwischen diesem Russland und diesem Europa noch immer die Sowjetunion bestehen bleibt, hat sich als keine Metapher erwiesen.

Frage: Sagen Sie bitte, glauben Sie, dass es unter Poroshenko eine andere Situation gab? Keine Korruption, keine manuelle Steuerung?

Portnikov: Ich glaube, dass es zu Zeiten Petro Poroshenkos Korruptionsrisiken gab. Ich habe das während seiner Präsidentschaft mehrfach gesagt. Das ist kein Geheimnis. Der Kampf gegen die Korruption ist überhaupt etwas, womit sich die Ukraine im kommenden Jahrzehnt beschäftigen wird, und etwas, womit sich auch Mitgliedstaaten der Europäischen Union befassen. Sie verstehen doch, dass in Ländern wie Bulgarien oder Rumänien, die Mitglieder der Europäischen Union sind, die Korruption nicht verschwunden ist. Natürlich gab es Korruption. Aber darüber sprechen wir nicht.

Wir sprechen darüber, wie die Personalpolitik gestaltet wurde, wie die Koalition bestimmte Entscheidungen untereinander abstimmte, welches System politischer Gegengewichte und Kontrollen unterschiedlicher Art existierte und wie politische Kräfte für die von ihnen ernannten Minister verantwortlich waren. Wenn Sie nicht verstehen, wie das alles funktionieren sollte, und Sie die Frage Poroshenkos interessiert: Die Ära Poroshenko war eine politische Epoche. Die Wahlentscheidung der Ukrainer im Jahr 2019 warf die Ukraine in eine vorpolitische Epoche sowjetischen Musters zurück. Eine kleine Sowjetrepublik kann keinen Krieg gegen eine große Sowjetrepublik gewinnen und muss dann definitionsgemäß verschwinden.

Wir verschwinden nicht, weil das ukrainische Volk kämpft und weil wir Unterstützung aus dem Ausland erhalten. Aber das Herrschaftssystem selbst ist sowjetisiert. Und ja, das gab es von 2014 bis 2019 nicht. Es gab es nicht, weil ein anderes Herrschaftssystem aufgebaut wurde, durch die schwierige Zusammenarbeit jener Parteien, die für den Maidan verantwortlich waren.

Auch das war, gelinde gesagt, alles andere als makellos, weil der Präsident, wie es in der Ukraine immer geschieht, eine offensichtliche Tendenz zur Monopolisierung seiner eigenen Möglichkeiten hatte. Bereits der Rücktritt der Regierung von Arsenii Yatseniuk war ein grober Fehler. Bereits der Kampf gegen die Popularität und die Umfragewerte des Ministerpräsidenten mithilfe des ehemaligen georgischen Präsidenten Mikheil Saakashvili, der die Demokratie in seinem eigenen Land begraben hatte und danach kam, um sie auch bei uns zu begraben, war ein grober Fehler.

All das waren Fehler, über die ich von 2014 bis 2019 gesprochen habe, im Unterschied zu jenen, die als einzigen Fehler Poroshenkos seine Unfähigkeit betrachteten, sich mit Putin zu einigen und der Ukraine das zu bringen, wofür ein großer Teil der Wähler für Poroshenko gestimmt hatte, während ich nicht für ihn gestimmt hatte: die Möglichkeit, sich erneut Moskau zu unterwerfen.

Nun, ist das etwa nicht wahr? Es ist wahr. Später werden diese Menschen mit demselben Ziel für Zelensky stimmen. Warum sollte ich mich vor Menschen rechtfertigen, die 30 Jahre lang in ihren Köpfen Kollaborateure waren und erst deshalb aufhörten, es zu sein, weil die Russen begannen, ihre Städte und Wohnorte zu zerstören? Im Ernst?

Und ich weiß nicht, was mit diesen Menschen geschehen wird, wenn die Russen aufhören und sie nicht mehr mit ballistischen Raketen und Gleitbomben beschießen. Werden sie nicht erneut für diejenigen stimmen, die ihnen Frieden mit Russland versprechen? Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei etwa 70 Prozent.

Frage: Zelensky hat doch gesagt, es wäre besser gewesen, beide zu entlassen. Das heißt, Syrsky steht bereits im Visier einer Entlassung, besonders nach der gesellschaftlichen Forderung nach seinem Kopf. Die Frage ist nur, durch wen er ersetzt wird. Aber wird das die Probleme lösen?

Portnikov: Nein. Das kann die Probleme vor einem schwierigen Winter, der Teile ukrainischer Städte in unbewohnbare Gebiete verwandeln könnte, nur vergrößern. Und für uns ist es sehr wichtig, dass die russische Armee so weit wie möglich von diesen Städten entfernt bleibt. Denn je mehr Möglichkeiten sie hat, diese Städte etwa mit Gleitbomben zu beschießen, und die Einwohner von Kharkiv oder Zaporizhzhia können Ihnen davon erzählen, desto geringer sind die Möglichkeiten, sich in jenem Teil des Landes zu retten, der noch zum Überwintern geeignet sein wird. Niemand kann sagen, dass es sich dabei um ein großes Gebiet handeln wird.

Kommentar: Ihren Worten zufolge sind nicht notwendig. Der Präsident lernt, er wird es irgendwann gelernt haben, also soll er bis zu seinem Tod unser Präsident bleiben, wie Putin.

Portnikov: Ich bin der Meinung, dass Präsidentschaftswahlen notwendig sind. Ich habe nirgendwo gesagt, dass Präsidentschaftswahlen nicht notwendig seien. Ich sage die ganze Zeit eine einfache Sache, damit Sie erneut keinerlei Illusionen haben: Während des Krieges wird es keine Wahlen geben, und es gibt keine Aussicht auf ein Ende des Krieges in absehbarer Zeit. Es gibt sie nicht. Was nicht existiert, existiert eben nicht. Das Kriegsrecht wird also fortbestehen. Und während des Kriegsrechts finden keine Wahlen statt. Was können Sie tun? Wie wollen Sie sie durchführen?

Die Gesetzgebung oder die Verfassung ändern? Im Parlament gibt es dafür nicht die notwendige Anzahl an Stimmen, und während des Krieges kann das Parlament die Verfassung nicht ändern. Das ist eine rechtliche Sackgasse. Finden Sie sich endlich damit ab.

Denn Politiker wollen die Durchführung von Wahlen. Die Menschen sagen, dass sie Wahlen wollen. Nein, ich kann Ihnen ganz klar einen einfachen Weg für einen Wechsel des Präsidenten der Ukraine nennen. Wenn der Präsident der Ukraine selbst dieses Amt verlassen will und eine Rücktrittserklärung schreibt, wird der Vorsitzende der Werchowna Rada der Ukraine amtierender Präsident. Das haben wir 2014 bereits erlebt. Sie alle wissen sehr gut, wie das aussieht.

Aber Sie verstehen sehr gut, dass der Vorsitzende der Werchowna Rada der Ukraine nicht einmal jene Autorität genießen wird, die Volodymyr Zelensky heute besitzt. Zelensky verfügt derzeit, gemessen an einem Menschen, der so viele Jahre an der Macht und während des Krieges im Amt ist, über eine außerordentlich hohe Vertrauensrate. Stellen Sie sich vor, dass aus diesen oder jenen Gründen ein anderer Mensch an die Spitze des Landes tritt. Das muss nicht unbedingt Zelenskys Rücktritt sein. Die Russen könnten ihn einfach töten, was sie jederzeit tun könnten und meiner Meinung nach auch wollen. Dann wird ein Mensch Präsident, dessen Vertrauensrate bei zehn Prozent liegt. Und dieser Mensch wird gezwungen sein, den Krieg und die Mobilisierung fortzusetzen und Personalentscheidungen zu treffen.

Es wird Maidane gegen seine Entscheidungen geben. Dieser Mensch wird wesentlich empfindlicher reagieren. Und übrigens können die Abgeordneten ihn jederzeit abwählen. Er gefällt ihnen nicht mehr, also wählen sie einen neuen Vorsitzenden der Werchowna Rada. Dieser wird dann wieder amtierender Präsident. Es wird politisches Chaos geben. Und erneut kann dieser neue Vorsitzende den Abgeordneten gefallen, Ihnen aber nicht. Der Weg zu irgendwelchen Wahlen während des Krieges ist versperrt. Akzeptieren Sie das einfach, so wie Sie die Tatsache akzeptieren, dass der Krieg nicht endet. Ein solches Verfahren des Machtwechsels, bei dem der Vorsitzende der Werchowna Rada an die Spitze des Staates tritt, existiert, aber es kann aus Sicht der Autorität der Staatsmacht zu irreparablen Folgen führen.

Es gibt noch eine weitere Konstellation, in der der Vorsitzende der Werchowna Rada amtierender Präsident ist, im Grunde aber nur als zeremonielles Staatsoberhaupt fungiert, während die tatsächliche Macht in den Händen dessen liegt, in dessen Händen sie sich der Verfassung zufolge befinden sollte, nämlich des ukrainischen Ministerpräsidenten. Aber auch das müsste ein Mensch sein, der das Vertrauen der Bürger genießt. Sind Sie sicher, dass auch nur eine dieser Varianten besser ist, als Volodymyr Zelensky im Amt des Präsidenten des Landes zu belassen, bis wir die Kampfhandlungen beenden können?

Sagen Sie sich einfach selbst, wie sehr Sie einen unbekannten Menschen benötigen. Das ist doch eine gute Frage. In dieser Hinsicht habe ich Ihnen niemals gesagt, die Lage sei im Hinblick auf Wahlen aussichtslos. Nein, ich glaube, dass wir die Wahlen noch erleben werden.

Frage: Scheint es Ihnen nicht, dass Zelensky die Gesellschaft mit jeder Krise oder jedem Angriff auf Journalisten oder Antikorruptionsaktivisten immer weiter in sein improvisiertes Russland treibt?

Portnikov: Ich glaube nicht, dass wir heute ein improvisiertes Russland haben. Wir haben Elemente einer postsowjetischen Ordnung, aber das ähnelt keinem improvisierten Russland. Denn in Russland erhalten Sie für Beiträge in sozialen Netzwerken 20 Jahre Haft. Dort gibt es ein alternativloses politisches System, in dem sämtliche Menschen, die für das Parlament kandidieren, im Präsidialamt genehmigt werden. Nichts davon gibt es bei uns. Aber ich möchte, dass wir selbst nicht in ein imitiertes Russland geraten, auch wenn es um die Zivilgesellschaft geht.

Wissen Sie, wodurch sich eine starke Zivilgesellschaft von einer machtlosen unterscheidet? Durch den Wunsch nach strukturellen Veränderungen. Das geschah sowohl auf dem Maidan 2004 als auch auf dem Maidan 2013–2014. Es ging nicht nur um Yanukovychs Rücktritt, sondern um den Wunsch nach strukturellen Veränderungen für das Land, um europäische Integration und faire Wahlen. Verstehen Sie, das sind strukturelle Veränderungen. Der erste Papp-Maidan für das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine war ein solcher Fall.

Wenn aber das Gespräch über einzelne Personen beginnt, erinnert mich das an den Bolotnaya-Platz in Moskau. Und das ist tatsächlich ein improvisiertes Russland, weil dort nicht über strukturelle Veränderungen gesprochen wurde, sondern über die Anzahl der Mandate für eine weitere Partei aus dem Umfeld Präsident Putins. Genau wie hier. Wenn Sie also selbst mit Ihrer Mentalität nicht in ein improvisiertes Russland hineinkriechen, wird kein Zelensky Sie dorthin einladen. Das muss man sich einfach klar vor Augen halten. Man darf nicht glauben, die Ursache der Sowjetisierung sei nicht die Gesellschaft, sondern irgendeine konkrete Person, die von der Gesellschaft in ein Amt gewählt wird.

Bitte hinterlassen Sie Likes und kommentieren Sie, was Sie über die Entwicklung der Ereignisse denken. Wenn Sie mir nicht zustimmen, wird das sogar noch interessanter sein, weil ich dann zumindest verstehen werde, in welchem Zustand sich die öffentliche Meinung befindet. Im Unterschied zu Zelensky oder Fedorov werde ich mich nicht an sie anpassen, aber ich werde zumindest verstehen, wie hoch die Temperatur auf dieser Station ist. Ich werde versuchen zu begreifen, ob es sich um eine psychiatrische Klinik oder doch um eine Onkologie handelt.

Und bitte unterstützen Sie die Streitkräfte der Ukraine. Denn in den kommenden Jahren dieses schweren Krieges werden gerade die Streitkräfte unser wichtigster Garant für das Überleben sein. Und denken Sie daran, dass diese Streitkräfte Unterstützung, Erneuerung und eine richtige Führung benötigen. All das gehört ebenfalls zu den Pflichten der Staatsmacht und der Gesellschaft.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Сирський залишається головкомом: що далі | Віталій Портников. 20.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 20.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube,
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Ein echter Tango zu zweit. Vitaly Portnikov. 20.07.2026.

Справжнє танго на двох. 20.07.2026.

Möglicherweise wird der Juli 2026 als jener Zeitpunkt in die Geschichte des russisch-ukrainischen Krieges eingehen, an dem es der Ukraine gelang, eine weitere Möglichkeit zur Schwächung der russischen Wirtschaft zu finden – und das trotz der brutalen ballistischen Angriffe auf Kyiv und andere ukrainische Städte.

In der Nacht zum 18. Juli griff die Ukraine die Logistikzentren des Unternehmens Wildberries in Elektrostal und Kotowsk an. Auf den ersten Blick mag es sich lediglich um Lagerhäuser eines Online-Marktplatzes handeln – warum also sollte das angesichts der Angriffe auf die russischen Ölraffinerien von Bedeutung sein, die bereits nicht nur die Produktion von Erdölprodukten, sondern auch die russische Ölförderung selbst reduziert haben?

Doch unter den Bedingungen einer von Sanktionen betroffenen Wirtschaft haben sich gerade diese Marktplätze zu den wichtigsten Handels- und Verteilungszentren Russlands entwickelt. Wenn Öl und Erdölprodukte das Blut der russischen Wirtschaft sind, dann sind die Marktplätze von Wildberries ihre Lungen. Nicht zufällig tobten um die Kontrolle über Wildberries regelrechte Kriege zwischen russischen Beamten und Oligarchen. Der frühere Eigentümer des Unternehmens, Wladislaw Bakaltschuk, erklärte vor zwei Jahren, seine ehemalige Ehefrau habe ihm die Firma entrissen, und wandte sich hilfesuchend an den tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow. Die Ehefrau des Unternehmensgründers fusionierte Wildberries mit dem Unternehmen Russ, dessen Eigentümer Verbindungen zum Milliardär Suleiman Kerimow hatten. Vor allem aber wurde diese Fusion Medienberichten zufolge persönlich von Putin unterstützt, nachdem Tatjana Bakaltschuk (heute Kim) ihm einen Brief geschrieben hatte, in dem sie erklärte, der Zusammenschluss der Unternehmen werde einen „Konkurrenten zu Amazon und Alibaba schaffen und Zahlungen in Rubel unter Umgehung von SWIFT ermöglichen“. Gerade diese Worte verdeutlichen, welch bedeutendes Instrument zur Umgehung der Sanktionen sich hier in den Händen des Kremls befindet.

Genau deshalb bieten diese Angriffe eine reale Chance, den Krieg zu beenden. Ich wiederhole immer wieder, dass Russland den Krieg nur dann beenden kann, wenn ihm die Ressourcen und das Geld ausgehen. Und natürlich auch die Menschen. Doch für das Modell einer Söldnerarmee, für das sich Putin in diesem Krieg nicht ohne Grund entschieden hat, braucht es ebenfalls Geld.

Die Ukraine sucht seit einiger Zeit gezielt nach den empfindlichsten Stellen der russischen Wirtschaft. Der Versuch, die Ölförderung und die Produktion von Erdölprodukten zu verringern, war bereits ein Schritt in die richtige Richtung. Ganz abgesehen von den Problemen für die russische Armee schuf dies die Voraussetzungen für eine groß angelegte Treibstoffkrise und die faktische Isolation der besetzten Krim. Angriffe auf Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes verlangsamten die Produktion von Drohnen und Raketen. Und nun beginnt eine neue Phase der Angriffe – auf die Lagerhäuser von Wildberries. Ja, in diesen Lagern könnten Güter aufbewahrt werden, die für die Produktion eben jener Drohnen benötigt werden. Doch zugleich handelt es sich um Angriffe auf die Wirtschaft als solche.

Natürlich werden solche Angriffe Putin nicht dazu bringen, den Krieg sofort zu beenden. Ich glaube nicht einmal, dass der russische Präsident überhaupt über ein Kriegsende nachdenkt, wenn ihm über wirtschaftliche Probleme berichtet wird. Doch entscheidend ist nicht Putins wirtschaftliche Kompetenz, sondern die tatsächlichen Möglichkeiten des Staates, an dessen Spitze er steht.

Auch die Ukrainer sind sich dessen bewusst. Sie erkennen ebenso, welchen Weg unser Land in diesem Krieg zurückgelegt hat – von den ersten, noch zögerlichen Angriffen tief im besetzten Gebiet, für die man nicht einmal die Verantwortung übernehmen wollte, bis hin zu Schlägen gegen die kritische Infrastruktur des Feindes, die seine Wirtschaft an den Rand des Überlebens bringen sollen. Ja, es hat sich gezeigt, dass man einen Krieg ums Überleben auch zu zweit spielen kann. Und vielleicht ist genau das jener Tango zu zweit, von dem Donald Trump zu Volodymyr Zelensky gesprochen hat – nur eben nicht der Tango von Friedensverhandlungen, die der Kreml lediglich braucht, um den Krieg „sicher“, also ohne neue Sanktionen der USA, fortsetzen zu können, sondern der eigentliche Tango der Angriffe auf Russland.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Справжнє танго на двох. 20.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 20.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Der Verteidigungsminister im Krieg. Vitaly Portnikov. 21.07.2026.

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Wie viele Kriegsminister hatten die Vereinigten Staaten während des Zweiten Weltkriegs?

Einen einzigen – Henry Lewis Stimson. Er modernisierte die amerikanische Armee und war der wichtigste Verantwortliche für das Manhattan-Projekt. Unmittelbar nach der Kapitulation Japans trat er zurück.

Wie viele Verteidigungsminister hatte Großbritannien während des Zweiten Weltkriegs?

Einen einzigen – Winston Churchill. Ja, der berühmte britische Premierminister übernahm dieses Ressort nach der Schaffung des entsprechenden Ministeriums selbst und blieb bis zum Ende seiner Amtszeit als Premierminister zugleich Verteidigungsminister. Auch sein Nachfolger als Premierminister übernahm das Amt des Verteidigungsministers.

Wie viele Volkskommissare für Verteidigung hatte die Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs?

Im Grunde nur einen. Josef Stalin entließ seinen Vorgänger weniger als einen Monat nach Beginn des Krieges zwischen Deutschland und der UdSSR und leitete das Volkskommissariat bis 1947.

Warum war das so? Weil das Verteidigungsministerium im Krieg das wichtigste Ressort des Landes ist. Von seiner reibungslosen Arbeit hängt der Erfolg an der Front ab.

Doch Weltgeschichte, Personalpolitik und bewährte Praxis scheinen nichts für uns zu sein. Wir verhalten uns, als wollten wir nicht den Krieg gewinnen, sondern Wahlen.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 21.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Buchartschyk. Vitaly Portnikov. 19.07.2026.

Бухарчик. Віталій Портников. 19.07.2026.

Während meiner Schulzeit fand ich zufällig in der Bibliothek eines Freundes eine noch vor dem Krieg erschienene Ausgabe der Kleinen Sowjetischen Enzyklopädie. Mich interessierte, dass man darin Biografien sowjetischer Führungspersönlichkeiten lesen konnte, über die in den offiziellen Quellen nicht berichtet wurde. Und aus irgendeinem Grund blieb mir die Biografie des Mitglieds des Politbüros des ZK der WKP(B), Nikolai Bucharin, im Gedächtnis – einfach deshalb, weil sie nicht im für die letzten Jahrzehnte der Sowjetunion typischen bürokratischen „Kanzleistil“, sondern in normaler menschlicher Sprache geschrieben war. Der Autor des Enzyklopädieartikels nannte Bucharin den „Liebling der Partei“, einen in jeder Hinsicht einfachen und zugänglichen Menschen – von philosophischen Diskussionen bis zum Spiel mit den „Gorodki“.

Die Enzyklopädie wurde in jener kurzen Zeit veröffentlicht, als Stalin mit Hilfe seines damaligen Verbündeten Bucharin bereits mit der sogenannten „linken Opposition“ der Lenin-Gefährten Trotzki, Sinowjew und Kamenew abgerechnet hatte, Bucharin selbst jedoch noch nicht beseitigt hatte. Bucharin erschien als Anhänger eines weitaus „menschlicheren“ Bolschewismus als seine Gegner – nicht umsonst hatte er die Losung „Bereichert euch!“ ausgegeben, die sich vor allem an die Bauern richtete. Doch die Ironie des Schicksals wollte es, dass Stalin Bucharin benutzte, um mit den Anhängern der orthodoxen Auffassung vom Sozialismus abzurechnen, nur um anschließend genau deren politisches Programm umzusetzen – mit Industrialisierung, Kollektivierung und als Folge Repressionen und Hungersnot.

Vor dem Hintergrund dieser Politik und ihrer schrecklichen Folgen konnte Bucharin, der am 15. März 1938 auf dem Schießplatz Kommunarka bei Moskau erschossen wurde, umso mehr als attraktive Persönlichkeit erscheinen. Stalin selbst erinnerte sich in all den Jahren nach seiner Liquidierung immer wieder an ihn und nannte ihn liebevoll „Buchartschyk“, wie in den Zeiten ihrer Freundschaft und Zusammenarbeit. Ich hatte jedoch außer dem Enzyklopädieartikel und den Texten aus der Zeit der Perestroika (einige davon habe ich, wie ich glaube, selbst geschrieben) noch eine kleine Broschüre mit dem stenografischen Protokoll des ersten und zugleich letzten Sitzungstages der Russischen Konstituierenden Versammlung vom 15. Januar 1918.

Dort war Bucharin der Führer der bolschewistischen Fraktion, die in diesem Parlament in der Minderheit war, die jedoch nicht die Absicht hatte, die eroberte Macht wieder abzugeben. „Mögen die herrschenden Klassen und ihre Handlanger vor der kommunistischen Revolution erzittern!“, rief Bucharin. Nach seiner Rede verließen die Bolschewiki den Sitzungssaal und jagten die Konstituierende Versammlung auseinander. Der Bürgerkrieg begann.

Gerade deshalb löste das Bild Bucharins – des großartigen Menschen und Reformers – bei mir keinerlei Bewunderung mehr aus, und seine Erschießung am 15. März 1938 erscheint mir als folgerichtiger Abschluss seines Lebenswegs. Wenn man beginnt, einen Drachen zu füttern, muss man darauf vorbereitet sein, dass dieser Drache einen irgendwann selbst frisst. Doch leider waren die Drachenfütterer in der gesamten Menschheitsgeschichte stets überzeugt, dass der Drache jemand anderen verschlingen werde – nur nicht sie selbst. Und fast immer haben sie sich verrechnet.

Die Gefahr der bolschewistischen Diktatur bestand nicht nur darin, dass sie eine groteske Ideologie aufzwang, die das Privateigentum abschaffte und dem Menschen selbst elementare Freiheiten verweigerte. Gefährlich war sie vor allem deshalb, weil sie keinerlei Meinungsvielfalt anerkannte und vom Bürger die vollständige Zustimmung zu den Ideen des Führers verlangte. Sogar die Partei der „Diener des Volkes“ – die bolschewistische Partei – war von Lenin nach dem Prinzip des „demokratischen Zentralismus“ aufgebaut worden, das heißt nach dem Prinzip der vollständigen Unterordnung der einfachen Mitglieder und der örtlichen Organisationen unter die Entscheidungen der zentralen Führung – ohne jede Diskussion und ohne jeden Zweifel. Deshalb war die Redewendung, man müsse „mit der Parteilinie mitschwanken“, keine spöttische Beschreibung des Opportunismus, sondern eine Überlebensstrategie.

Das Paradoxe an der Situation war, dass die Menschen, die die bolschewistische Partei geschaffen hatten, unter anderen politischen Bedingungen herangewachsen waren als jenen, die sie anderen aufzwingen wollten. Deshalb waren sie bereit, Schweigen und Gehorsam anderen aufzuzwingen – aber nicht sich selbst. Sinowjew, Kamenew, Bucharin und andere hofften, auch dann noch Gehör zu finden, als bereits ein neuer Führer aufgetreten war und ihre Aufgabe nur noch darin bestand, dessen Befehle auszuführen. Doch die Delegierten jenes Parteitags, auf dem all diese Menschen tatsächlich Reue zeigten und Stalin priesen (des XVII. Parteitags der WKP(B) im Jahr 1934, des sogenannten „Parteitags der Sieger“), wurden später vom Diktator fast vollständig erschossen. Bucharin fasste in seiner Rede mit publizistischer Offenheit dieses kollektive Schuldbekenntnis der gestrigen Gegner des Diktators zusammen: „Die Pflicht jedes Parteimitglieds besteht darin, sich um Genossen Stalin zu scharen als die personifizierte Verkörperung von Vernunft und Willen der Partei.“

Von seiner Rede in der Konstituierenden Versammlung bis zu seinem Auftritt auf dem Parteitag vergingen nur sechzehn Jahre, und aus dem brillanten Journalisten und Ökonomen, dem populären Politiker und „Liebling der Partei“ war ein rechtloser Sklave geworden, der schon bald erschossen werden sollte. Aber sollte ich Mitgefühl für diesen bankrotten Theoretiker des Totalitarismus und seine Mitstreiter unter den anderen „Dienern des Volkes“ jener Zeit empfinden?

Denn all diese Menschen, Opfer von Repression und Terror, bereiteten für alle anderen Sklaverei und Tod vor.

Sie wollten, dass ich für immer ein Sklave werde.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Бухарчик. Віталій Портников. 19.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 19.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Proteste, ballistische Angriffe und Krieg: eine Bilanz | Vitaly Portnikov. 19.07.2026.

Zunächst möchte ich erneut mein aufrichtiges Mitgefühl mit den Opfern jener Angriffe ausdrücken, die Russland an diesem Sonntag auf die Ukraine verübt hat – in Kyiv und in anderen Regionen der Ukraine –, mit den Verletzten und den Angehörigen derjenigen, die leider ums Leben gekommen sind.

Auch diese Angriffe sind in gewissem Maße ein wichtiger Trend der letzten Tage und Wochen. Wir sehen, wie Putin versucht, jenes Zeitfenster zu nutzen, das ihm so lange gefehlt hat, weil wir Raketen für die Patriot-Systeme hatten, um die ukrainische Zivilbevölkerung zu terrorisieren und zugleich wichtige Infrastruktur unseres Landes anzugreifen. Man sollte nicht denken, dass es ausschließlich um Luftterror geht. Es geht ebenso um den Versuch, die Möglichkeiten der Ukraine sowohl wirtschaftlich als auch militärtechnisch zu verringern.

Zugleich möchte ich sagen, dass möglicherweise die Angriffe ukrainischer Drohnen auf Lager des russischen Unternehmens Wildberries in Elektrostal in der Oblast Moskau und in Kotowsk in der Oblast Tambow das wichtigste Ergebnis dieser Woche waren, an das man sich in der Geschichte dieses Krieges tatsächlich erinnern wird.

Warum ist das so wichtig? Man muss verstehen, dass dies gewissermaßen eine Schlagader der russischen Wirtschaft unter den Bedingungen der Sanktionen ist. Es sind nicht einfach Angriffe auf Lager, in denen sich Ersatzteile für Drohnen und andere Gegenstände befinden, die Russland grundsätzlich als Güter mit doppeltem Verwendungszweck einsetzen kann. Es handelt sich zugleich um das reale Leben jener Wirtschaft, die sich in Russland vor dem Hintergrund der westlichen Sanktionen nach 2014 herausgebildet hat.

Die Existenz solcher riesigen Marktplätze ermöglicht es der sanktionierten Wirtschaft, mithilfe chinesischer Lieferungen und Ähnlichem irgendwie weiterzufunktionieren. Wenn die Ukraine diese Lager weiterhin angreift, kann dies zu einer weiteren empfindlichen Stelle der Russen werden. Auch darüber haben wir viel gesprochen.

Man muss empfindliche Stellen in der russischen Wirtschaft finden. Das, was den Russen tatsächlich nicht erlauben wird, den Krieg fortzusetzen, das, was sie zwingen wird, den Krieg zu beenden. Denn ich habe wiederholt gesagt: Krieg bedeutet Geld, Ressourcen und Menschen.

Die Angriffe auf den russischen Raffineriesektor waren sehr erfolgreich, weil Russland im Bereich der Ölverarbeitung viel verloren hat. Es versucht, die Ölförderung zu steigern, fördert aber schon jetzt faktisch deutlich weniger Öl, als es die OPEC+-Quote zulässt, weil es dieses Öl weder verkaufen noch verarbeiten kann. Das bedeutet, dass Russland weniger Geld erhält, selbst in Yuan und Rupien.

Dann kamen Angriffe auf Militärbetriebe der Russischen Föderation. Nun kommen Angriffe auf Marktplätze hinzu. Wenn es gelingt, die meisten Lager von Wildberries und anderen vergleichbaren Unternehmen in der Russischen Föderation zu zerstören, können wir Russland tatsächlich an den Rand einer wirtschaftlichen Katastrophe bringen.

Vielleicht wird man in Zukunft sagen, dass gerade im Juli 2026 mit diesen Angriffen der wirkliche Niedergang und Zusammenbruch der russischen Wirtschaft begann. Was durch Sanktionen nicht zu Ende gebracht werden konnte, wurde durch ukrainische Angriffe vollendet. Hoffen wir zumindest darauf.

Vor diesem Hintergrund kann man natürlich zu jenen Protesten übergehen, die derzeit in Kyiv und anderen Städten der Ukraine andauern. Ich bin gerade von einem solchen Protest in Lwiw zurückgekehrt, der weiterhin stattfindet. Auf dem Prospekt Swobody haben sich sehr viele Menschen versammelt. Sie fordern weiterhin, Mykhailo Fedorov ins Verteidigungsministerium zurückzubringen.

Wir verstehen den Hauptgrund für diese Sympathien gegenüber dem inzwischen ehemaligen Leiter des Verteidigungsressorts. Gerade während seiner Amtszeit an der Spitze des Verteidigungsministeriums wurden die Angriffe auf die russische Raffinerieinfrastruktur, könnte man sagen, intensiver. Es entstand die reale Hoffnung, dass es in diesem Krieg nicht durch unmittelbare Zusammenstöße der Armeen, sondern durch gezielte Angriffe auf die Infrastruktur der Russischen Föderation zu einer Wende kommen könnte und sich der Charakter des Krieges selbst verändert.

Deshalb genießt Fedorov vor dem Hintergrund der zumindest anfänglich fehlenden Erklärung durch Präsident Volodymyr Zelensky und andere Vertreter der ukrainischen Staatsführung, weshalb der Verteidigungsminister ausgewechselt wurde, eine breite gesellschaftliche Unterstützung, die gerade mit dieser Hoffnung verbunden ist. Sie kann rational oder irrational sein. Doch in der Geschichte der Menschheit haben gerade irrationale Hoffnungen oft zu großen Siegen geführt.

Nehmen wir die Geschichte Jeanne d’Arcs. Im Grunde sind das biblische Motive, beginnend mit Judith. Was geschah dort? Es gab eine energische Handlung, die Hoffnung auf Überleben und Sieg erzeugte. Genau auf dieser Bahn befinden wir uns heute.

Ich bestehe jedoch weiterhin darauf – Sie wissen, dass ich all diese Tage darüber gesprochen habe –, dass die Probleme der weiteren Entwicklung der staatlichen Macht ohne systemische Veränderungen nicht gelöst werden können. Wenn wir über personalistische Entscheidungen sprechen, werden sie das Problem ohnehin nicht lösen. Selbst dann nicht, wenn wir von einem, sagen wir, effektiven Manager an der Spitze des Verteidigungsministeriums oder eines anderen wichtigen ukrainischen Ministeriums sprechen. Man muss den Charakter der Funktionsweise und der Bildung der Macht selbst verändern. Man muss zu den verfassungsmäßigen Grundlagen zurückkehren.

Wenn wir eine parlamentarisch-präsidentielle Republik haben, kann das Parlament nicht faktisch von der Regierungsbildung ausgeschlossen werden. Abgeordnete der Regierungsmehrheit dürfen nicht aus den Nachrichten erfahren, dass der Präsident die Entlassung der Regierung beschlossen hat, obwohl er dazu überhaupt kein verfassungsmäßiges Recht besitzt. Solche Entscheidungen müssen in einer Sitzung der Koalition erörtert werden.

Die Koalition muss eine solche Entscheidung treffen, selbst wenn sie nur aus einer einzigen Partei besteht. Der Vorsitzende der Regierungsmehrheit – in unserem Fall Davyd Arachamija – muss den Präsidenten über die Entscheidung des Parlaments informieren, darüber, dass das Parlament einen anderen Ministerpräsidenten will. Der Präsident muss dessen Kandidatur ins Parlament einbringen und erklären, dass er mit ihr einverstanden ist.

So muss das geschehen. Genau das ist jenes System von Checks and Balances, das die Macht in einer parlamentarisch-präsidentiellen Republik effektiv macht. Wenn wir nach anderen Regeln der Machtbildung leben wollen, müssen wir das Ende des Krieges abwarten, die Verfassung ändern und das Land in eine präsidentielle oder parlamentarische Republik umgestalten.

Ich persönlich bin für eine parlamentarische Republik, in der der Präsident ausschließlich repräsentative Aufgaben wahrnimmt und Symbol der Einheit des ukrainischen Volkes ist, nicht aber jemand, der in seinem Büro an der Bankowa Entscheidungen trifft. Doch bis dahin müssen wir erst einmal überleben.

Bislang verstehen wir trotz all unserer Angriffe, dass es keinerlei reale Grundlage für die Annahme gibt, der Krieg werde schnell enden und wir könnten in den kommenden Monaten oder auch Jahren Wahlen abhalten. Deshalb muss man selbst unter diesen Bedingungen zu einem korrekten Verfahren zurückkehren.

Übrigens wurde der gegenwärtige Ministerpräsident Serhij Korezkyj bereits von Vertretern unterschiedlicher politischer Kräfte unterstützt. Vielleicht sollte man also keine Angst haben? Vielleicht sollte man dem Parlament Befugnisse übertragen, damit zumindest gemeinsam mit den staatstragenden Kräften des Landes eine reale Koalition der nationalen Einheit entsteht? Man könnte mit ihnen eine Expertenregierung erörtern, für die alle politischen Kräfte Verantwortung tragen – selbst wenn man keine politische Regierung will, nicht an eine politische Regierung glaubt oder nicht versteht, dass nur eine politische Regierung wirklich effektiv sein kann.

Das würde die Möglichkeit der personellen Delegation erweitern und, wenn Sie so wollen, die Auswahl an Kadern vergrößern, die bei uns seit 2019 sehr, sehr begrenzt ist. Deshalb wechselt ein und dieselbe Person während derselben, ich würde sagen, Präsidentschaft mehrfach die Ressorts.

Ein anschauliches Beispiel ist Denys Schmyhal, der vom stellvertretenden Ministerpräsidenten zum Ministerpräsidenten wurde, vom Ministerpräsidenten wieder zum stellvertretenden Ministerpräsidenten und Verteidigungsminister und dann zum Energieminister. Mykhailo Fedorov wurde vom Digitalisierungsminister zum Verteidigungsminister. Jetzt wird er vielleicht noch etwas anderes im Verteidigungssektor, wir wissen es nicht. Und so weiter.

Es darf also nicht um Personen gehen, sondern um einen systemischen Ansatz zur Funktionsweise der staatlichen Institutionen. Deshalb war übrigens der erste Pappschilder-Protest so wichtig, weil er gerade die Unabhängigkeit der Antikorruptionsorgane betraf. Dem gegenwärtigen Protest fehlt bislang dieser Blick auf systemische Veränderungen.

Denn wenn Menschen von der Notwendigkeit sprechen, den Verteidigungsminister zu behalten, und zugleich den Oberbefehlshaber der Streitkräfte, der in den Augen der Protestierenden plötzlich zu einer durchweg negativen Figur geworden ist, dann ist auch das eine sehr gefährliche Art, reale personelle Fähigkeiten anhand öffentlicher Erklärungen zu bewerten.

Und jeder, der glaubt, Fedorovs Rückkehr ins Amt des Verteidigungsministers werde, sagen wir, die Frage der Mobilisierung und der Menschen im Krieg lösen, irrt sich.

Ja, der moderne Krieg ist in beträchtlichem Maße automatisiert. Ja, die sogenannte Kill Zone zwischen den russischen und ukrainischen Truppen ist viel größer geworden als 2022. Doch wie Sie an den Kämpfen im Donbas und bei Kostjantyniwka sehen, kann auch diese Kill Zone überwunden werden. Deshalb tauchen in Kostjantyniwka Russen auf, und deshalb werden sie von den Ukrainern wieder hinausgedrängt. In diesem Fall kämpfen nicht ausschließlich Drohnen. Menschen kämpfen. Und Drohnen starten sich nicht von selbst.

Man muss also verstehen, dass viele derjenigen, die sich heute dafür einsetzen, Fedorov an der Spitze des Verteidigungsministeriums zu halten, offenbar glauben, er könne den Krieg so weit automatisieren, dass Menschen daran nicht mehr teilnehmen müssten. Nein, das ist eine Illusion. Der menschliche Faktor wird im Krieg auch in den kommenden Jahren sehr wichtig bleiben.

Beide kriegführenden Staaten werden ohne eine Fortsetzung der Mobilisierung nicht auskommen. Die Frage ist, in welchen Formen diese Mobilisierung in Russland stattfinden wird, aber auch in der Ukraine wird Mobilisierung stattfinden. Man sollte keine Illusionen darüber hegen, dass es anders sein könnte.

Was tatsächlich getan werden muss, ist, die Prozesse so weit zu automatisieren, dass die Zahl der Toten und Verwundeten unter den ukrainischen Soldaten verringert wird. Aber es wird mehr dieser Soldaten geben. Dieser Krieg wird leider an vielen von denen nicht vorbeigehen, die glauben, ein automatisierter Krieg werde es ihnen erlauben, im Hinterland zu bleiben.

Die grundlegenden Fragen der Mobilisierung und Demobilisierung ukrainischer Militärangehöriger sehen bis heute ungelöst aus. Vor uns liegt noch eine lange Zeit, in der wir uns mit all diesen Fragen befassen müssen, denn – ich wiederhole es erneut – es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass Russland bereit ist, den Krieg zu beenden. Solche Anzeichen existieren schlicht nicht. Auch das muss man begreifen.

Noch einmal: Je mehr Objekte der russischen Wirtschaft wir zerstören – dafür braucht man Drohnen und Raketen, und auch hier gibt es viele Fragen zu Beschaffung und Funktionsweise –, desto mehr kann es uns gelingen, das Ende dieses Krieges zu beschleunigen. Doch das Ende zu beschleunigen bedeutet nicht Herbst 2026. Es kann Winter 2032 bedeuten. Auch das muss man verstehen.

Wir kennen das Datum nicht. Krieg hat kein Datum. Sehr häufig geschieht etwas wie eine Lawine, so wie es etwa im Februar 1917 im Russischen Imperium geschah. Der Krieg schien seinen gewohnten Verlauf zu nehmen, Deutschland stand bereits am Rand der Niederlage, und dann löste die vom Krieg erschöpfte Bevölkerung des Russischen Imperiums in Petrograd eine Revolution aus. Diese verwandelte sich schließlich in eine tatsächliche Niederlage Russlands in einem Krieg, den es eigentlich hätte gewinnen müssen, in einen Bürgerkrieg und in Jahrzehnte bolschewistischer Repressionen – sowohl auf dem Gebiet Russlands selbst als auch in den von ihm besetzten Territorien.

Den Menschen, die 1916 oder 1917 auf ukrainischem Boden lebten, mochte es scheinen, dies sei das größte Grauen, das sie je erlebt hatten: Vertriebene, besetzte Gebiete, noch dazu unterschiedlich besetzt – die russische Armee im besetzten Lwiw und die deutsche Armee in besetzten Städten der Ukraine oder Belarus’.

Doch es stellte sich heraus, dass das Grauen erst begann. Der Erste Weltkrieg war mit all dem, was die früheren Bewohner des Russischen Imperiums und eines Teils Österreich-Ungarns seit 1917 erleben mussten, überhaupt nicht vergleichbar.

Sehen Sie, wie in Europa bis heute an das Ende des Ersten Weltkriegs erinnert wird. Man könnte sagen, er ist der zentrale Krieg Europas. Die wichtigsten Gedenktage sind mit dem Ersten Weltkrieg und seinen klassischen Schlachtfeldern verbunden. Bei uns gibt es dagegen überhaupt keine Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg.

Denn das, was danach geschah, die Dutzenden Millionen Opfer, hat unsere Erinnerung an eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts überschattet. So kann es kommen.

Deshalb ist es für uns sehr wichtig, nicht zum Russischen Imperium des Februars 1917 zu werden, zu einem Imperium, dessen vom Krieg erschöpfte Bevölkerung sich buchstäblich kurz vor dem Ende der Prüfungen selbst die Kehle durchschnitt.

Der Feind trug sehr stark dazu bei. Wie Sie wissen, trug das Deutsche Kaiserreich sehr stark dazu bei. Es selbst stürzte wenige Jahre später, aber Russland als Imperium und fast alles, was damals Russland genannt wurde, begrub es weitgehend.

Wem gelang es tatsächlich, zu entkommen und in den folgenden Jahrzehnten keinen vollständigen Zusammenbruch dieser Art zu erleben? Vielleicht nur Finnland, aber auch Finnland musste einen Krieg durchstehen.

Was ist dafür nötig, wenn wir ernsthaft darüber sprechen? Der Staat muss funktionieren. Er darf nicht als persönliches Projekt funktionieren, sondern als politisches und gesellschaftliches Projekt. Es muss eine Kommunikation zwischen Staatsführung und Gesellschaft geben. Die Menschen müssen wenigstens verstehen, was die Staatsführung tatsächlich tut.

Ich erinnere ständig daran: Uns wurde nie erklärt, warum all diese Regierungen überhaupt zurücktreten. Jetzt konzentriert sich alles auf die Person Fedorovs. Viele sagen sogar: „Wissen Sie, die Regierung wurde entlassen, weil man Fedorov entlassen wollte.“

Aber niemand hat uns erklärt, warum Swyrydenko zurücktrat. Niemand hat erklärt, warum zuvor die Regierung Schmyhal zurücktrat. Welche Logik steckte überhaupt dahinter?

Ich habe mehrfach gesagt, dass bereits Fedorovs Ernennung zum Verteidigungsminister reiner Zufall war. Er hätte niemals in diesem Amt landen sollen. Schmyhal war nach Umjerow Verteidigungsminister geworden und wäre es geblieben, hätte es den Minditsch-Skandal nicht gegeben, wären nicht die Köpfe von Ministern wie Haluschtschenko und Fedak gerollt und hätte man nicht eine professionelle Person an der Spitze des Energieministeriums gebraucht, einen Manager, gegen den es keine Fragen gab und der nicht mit diesem Sektor verbunden war.

So wurde Denys Schmyhal Energieminister und verließ bereits nach wenigen Monaten das Amt des Verteidigungsministers.

Nun stellen Sie sich vor, all das wäre nicht geschehen. Oder an der Spitze des Energieministeriums hätte damals bereits eine Person gestanden, die keine Fragen aufwarf und nicht mit Herman Haluschtschenko verbunden war. Dann wäre Schmyhal bis heute Verteidigungsminister geblieben, Fedorov säße weiterhin im Digitalisierungsministerium, und niemand würde die heutigen Erfolge mit seinem Namen verbinden, sofern es diese Erfolge natürlich überhaupt in derselben Form gegeben hätte.

Dass jedoch die Entwicklung des Krieges und der Drohnentechnologie ohnehin zu einer solchen Wende geführt hätte, müssen Sie objektiv verstehen.

Vielleicht wäre es aber weniger intensiv gewesen. Vielleicht wären einige wichtige Modelle nicht entstanden. Übrigens wissen wir nicht, was mit Starlink geschehen wäre. Vielleicht hätten die Russen es weiterhin genutzt. Auch das ist eine Frage. Fedorov hätte als Digitalisierungsminister möglicherweise die Nutzung von Starlink durch die Russen stoppen können, wenn ihm dieser Gedanke gekommen wäre und er die entsprechenden Informationen gehabt hätte.

Man darf den Faktor Persönlichkeit also nicht abschreiben. Zugleich muss man die ganze Zufälligkeit begreifen, mit der diese Person an diesen Ort gelangte. Deshalb können wir in dieser Phase des Krieges ohne System und ohne Kommunikation ebenfalls nicht leben.

Umso mehr, als wir nicht wissen, wie sich dieser Krieg weiter verändern wird, auch aus wirtschaftlicher Sicht. Ein weiterer wichtiger äußerer Faktor dieses Krieges ist die zunehmende Spannung rund um den Iran.

Sie wissen, dass der Iran und die Vereinigten Staaten in den vergangenen Tagen gegenseitige Angriffe geführt haben. Wie Sie wissen, sind amerikanische Soldaten auf einem Stützpunkt in Jordanien ums Leben gekommen. Zwei Soldaten wurden getötet. Einer gilt als vermisst.

Die Vereinigten Staaten verlegen weiterhin Flugzeuge an den Persischen Golf und wollen die Angriffe gegen den Iran in nächster Zeit verstärken. Der Iran wiederum droht mit Gegenschlägen. Offensichtlich wird er die Infrastruktur der Golfstaaten zerstören. Er greift bereits Entsalzungsanlagen in Kuwait und Kraftwerke an. Offensichtlich wird genau dies seine Haupttaktik sein: Angriffe auf Länder, die mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeiten, und auf militärische Einrichtungen der Vereinigten Staaten.

Heute gab es einen Angriff auf den jordanischen Ferienort Aqaba. Das ist eine gewisse Ironie des Schicksals. Aqaba liegt neben Eilat, dem israelischen Ferienort, der wiederholt aus dem Iran angegriffen wurde. Nun sehen die Einwohner der israelischen Stadt den Brand, der im jordanischen Aqaba wütet.

Mir scheint, dass sich diese Eskalation in den kommenden Tagen noch verstärken kann. Denn die Iraner sind überzeugt, Trump erpressen zu können. Trump steht vor Zwischenwahlen und fürchtet steigende Ölpreise. Zugleich kann Trump an der Lage im Persischen Golf nicht einfach vorbeigehen. Er wird zeigen wollen, dass er stark ist und den Iran angreifen kann.

Für uns bedeutet das jedoch eine wichtige Sache: Die Straße von Hormus ist praktisch geschlossen. Deshalb steigen bereits die Ölpreise. Deshalb steigt auch der Preis für russisches Öl wieder.

Das wiederum bedeutet, dass die Amerikaner jene Sanktionen gegen Russland, die sie erneut eingeführt haben, irgendwann lockern könnten. Sie könnten etwa Indien und anderen Ländern des Globalen Südens gestatten, russisches Öl zu kaufen, um das Gleichgewicht auf dem Ölmarkt zu stabilisieren.

Je näher die Parlamentswahlen in den Vereinigten Staaten rücken, von denen Donald Trumps politische Zukunft abhängt, desto größer wird der Wunsch des amerikanischen Präsidenten sein, das Gleichgewicht auf dem Ölmarkt zu sichern, damit zumindest an den amerikanischen Tankstellen der Benzinpreis sinkt.

Und wenn Putin sieht, dass der Ölpreis steigt, wird er keineswegs begeisterter von der Idee, den Krieg Russlands gegen die Ukraine zu beenden.

Deshalb können wir die Lage im Nahen Osten scheinbar ignorieren, als geschehe dort nichts mehr. Doch in Wirklichkeit wäre es ungefähr so, die Lage am Persischen Golf zu ignorieren, wie viele Menschen unsere Front ignorieren.

Was kann dort schon geschehen? Jemand hat mit Raketen angegriffen, die anderen mit Drohnen. Aber jede solche Entwicklung verändert den Krieg.

Die Ereignisse am Persischen Golf unterscheiden sich vom russisch-ukrainischen Krieg dadurch, dass sie mit der Gesundheit der gesamten Weltwirtschaft zusammenhängen.

Wenn wir Wildberries angreifen, geschieht für die Weltwirtschaft, wie Sie verstehen, überhaupt nichts. Das sind ausschließlich innerrussische Probleme. Russland ist im Grunde von der Weltwirtschaft isoliert, wenn man von seiner Möglichkeit absieht, Öl zu liefern. Selbst Ölprodukte werden inzwischen nicht mehr in nennenswertem Umfang von Russland exportiert. Früher war Russland ein wichtiger Lieferant von Dieselkraftstoff, heute ist es das nicht mehr.

Der Persische Golf und die Straße von Hormus bleiben dagegen ein wichtiger Faktor für die Entwicklung der gesamten Weltordnung.

Wir wissen nicht, wie sich die Lage in einer Woche entwickeln wird. Denn wie ich bereits sagte, hat der Iran nicht vor, vor den Zwischenwahlen irgendein Abkommen mit Donald Trump zu unterzeichnen. Für Teheran ist Trumps politischer Zusammenbruch sehr wichtig.

Aus Sicht der iranischen Führung wäre dies eine Art Impfung für alle künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Sie sollen verstehen, dass eine Konfrontation mit dem Iran bedeutet, die eigene politische Karriere und die eigenen Möglichkeiten zu ruinieren.

Wenn schon eine so charismatische Person wie Donald Trump diese Prüfung durch den Iran nicht bestehen konnte, dann sollte es natürlich überhaupt kein anderer versuchen.

Aus dieser Sicht kann man sagen, dass sich die Absichten Teherans und Moskaus decken, wenn beide über Verhandlungen nachdenken.

Putin denkt meiner Ansicht nach jedoch in viel längeren Zeiträumen. Wenn Sie mich fragen, wann Putin sich überhaupt für einen realen Verhandlungsprozess entscheiden könnte, sofern er über wirtschaftliche Möglichkeiten verfügt, werde ich Ihnen ein genaues Datum nennen: November 2028 bis Januar 2029.

Warum? Weil dann der Name des neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten bekannt sein wird. Putin wird dann entscheiden können, ob er mit diesem neuen Präsidenten ein für ihn günstigeres Abkommen über die Ukraine schließen kann oder ob er ein günstigeres Abkommen noch mit der aus dem Amt scheidenden Regierung erreichen kann – also Donald Trump in dessen letzten Monaten als Präsident der Vereinigten Staaten diese Vereinbarungen schenken kann.

Ich sage nicht, dass es so kommen wird. Wenn Putin glaubt, dass der neue Präsident der Vereinigten Staaten für ihn vorteilhafter ist, wird auch in diesem Zeitfenster nichts geschehen.

Ich sage lediglich: Wenn Sie sich für Zeiträume interessieren, in denen reale Verhandlungen beginnen könnten, dann ist das Oktober oder November 2028.

Unsere Aufgabe als Staat besteht darin, diesen Plan zu vereiteln. Denn andernfalls zweifeln Sie keinen Augenblick daran, dass der Krieg mit unterschiedlicher Intensität bis November 2028 andauern wird. Danach treten wir in eine neue Phase ein, abhängig davon, wer im Weißen Haus sitzt.

Deshalb ist es für uns so wichtig, die wirtschaftlichen Ressourcen Russlands bis dahin in die Knie zu zwingen. Denn wenn sie über wirtschaftliche Ressourcen verfügen, zweifeln Sie keine drei Minuten daran: Sie werden weiterkämpfen, angreifen, vorrücken und mobilisieren.

Der Schlüssel liegt in der Zerstörung der russischen Wirtschaft. Anders wird der Krieg nicht enden. Es gibt keine andere diplomatische Lösung.

Ich sehe ständig mehr und mehr Trolle oder echte Idioten, die sagen: „Unsere Staatsführung muss diplomatische Anstrengungen unternehmen. Wir müssen uns mit den Russen einigen.“

Unsere Staatsführung hat keinerlei Möglichkeit, sich mit irgendjemandem zu einigen. Denn unsere Staatsführung wird lediglich als Verwaltung eines separatistischen Territoriums betrachtet. Das Hauptziel besteht darin, diese angebliche Staatlichkeit zu liquidieren. Punkt.

Alles, was sie von irgendeiner ukrainischen Staatsführung erwarten, hat Medwedew bereits als Rezept formuliert: Die Werchowna Rada soll zusammentreten, die Ukraine abschaffen, und danach endet der Krieg.

Man muss ihnen jede Möglichkeit nehmen, auch nur daran zu denken. Dafür braucht man einen starken und effektiven Staat und eine Staatsführung, der die Gesellschaft vertraut.

Wenn wir zu den Protesten zurückkehren, die in diesem Augenblick weitergehen, verstehen wir sehr gut: Wenn es kein Vertrauen und keine Effektivität gibt, ist der Weg zur Liquidierung des ukrainischen Staates in den kommenden zwei Jahren weit offen. Man darf sich nichts vormachen: Er ist weit offen.

Deshalb bin ich für einen effektiven Staat, für das Vertrauen der Gesellschaft in die Staatsführung, für eine funktionierende Kommunikation zwischen Staatsführung und Gesellschaft und für eine starke, effektive Armee mit einer ausreichenden Zahl von Bürgern, die bereit sind, die Ukraine zu verteidigen.

Die Alternative lautet: Tod, Verschwinden des Staates, Millionen Flüchtlinge, die nicht mehr so aufgenommen werden wie 2022, Vertreibung und Perspektivlosigkeit.

Das, was war, wird uns dann wie 1917 erscheinen. Was wir bereits erlebt haben, wird im Vergleich zu dem, was beginnt, nicht mehr wie ein Grauen wirken. Glauben Sie mir aufs Wort, damit Sie es nicht selbst überprüfen müssen – Gott bewahre.

Nun zu einer Frage, die ich vorlesen werde, bevor ich Sie bitte, diese Sendung zu liken, zu kommentieren und diesen Kanal zu abonnieren.

Frage: Wie sollen Ihre täglichen Worte über viele weitere Kriegsjahre den Menschen Hoffnung und Optimismus für ihr weiteres Leben hier geben? Selbst ein Arzt sagt einem Sterbenden nicht, dass er stirbt, weil dies ihm die Kraft zum Kämpfen nimmt.

Portnikov: Sie irren sich. Ärzte in der zivilisierten Welt teilen den Menschen die genaue Diagnose mit. Einem Sterbenden nicht zu sagen, dass er stirbt, ist eine sowjetische Praxis. In jedem zivilisierten Land – nicht in der Sowjetunion und nicht in dieser schrecklichen postsowjetischen Welt, die entstanden ist – belügt man Menschen nicht.

Wenn jemand eine tödliche Diagnose hat, sagt man ihm, dass er eine tödliche Diagnose hat. Man informiert ihn über neue Behandlungsansätze und darüber, dass es experimentelle Therapien gibt.

Oder man sagt ihm, dass er sich vorbereiten und innerhalb weniger Monate jene Angelegenheiten regeln muss, die noch offen sind. Schließlich hat er Angehörige, Eigentum und Verpflichtungen, die er vielleicht in drei Monaten klären muss.

Wenn man einem Menschen das nicht sagt, geht er vielleicht, ohne überhaupt zu verstehen, dass er sich von seinen Angehörigen verabschieden muss.

Es ist unmenschlich, Menschen zu belügen, die zum Tod verurteilt sind. Deshalb besteht meine Haltung darin, Sterbenden die Wahrheit zu sagen.

Aber ich glaube nicht – entschuldigen Sie –, dass die Ukraine stirbt. Ich will nur nicht, dass die Menschen wie Schmetterlinge mit der Vorstellung leben, in zwei Monaten sei alles vorbei.

Ja, vor der Ukraine können viele lange Kriegsjahre liegen. Mehr noch: Vor der Welt können viele Jahrzehnte des Krieges liegen. Das bedeutet aber, dass die Menschen verstehen müssen, wie sie in dieser Situation leben und welche Entscheidungen sie treffen sollen.

Sie wollen nicht hierbleiben? Sie können gehen. Aber der Krieg wird Sie einholen, glauben Sie mir. Dem Schicksal entkommt man nicht. Vielleicht ist es deshalb besser, das eigene Land zu verteidigen, als später unter Bomben in einem fremden Land zu sterben. Genau das kann heute jedem geschehen.

Hören Sie, ich habe bereits zahlreiche Nachrufe auf Menschen aus der Ukraine gesehen, die im gegenwärtigen Nahostkonflikt ums Leben kamen. Die Eltern dieser Kinder brachten sie vielleicht 2013 oder später weit weg vom Krieg. Sie starben als Soldaten der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte. Es ist ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben. Aber als ihre Eltern sie nach Israel brachten, hatten sie sich das Schicksal ihrer Kinder wahrscheinlich anders vorgestellt, nicht wahr?

Und wenn der Krieg nach Europa kommt – auch das kann Teil einer Ausweitung des Krieges sein –, was geschieht dann mit den Menschen, die vor dem Krieg nach Europa geflohen sind? Sind Sie sicher, dass sie überleben werden? Sie können sich in der Nähe eines militärischen Objekts befinden, das bombardiert wird, und sterben.

Ich gebe Ihnen also keinen Optimismus. Ich will lediglich, dass Sie das Ausmaß der Gefahr verstehen und Entscheidungen treffen.

Als ich 2022 sagte, dass es einen großen Krieg geben werde und die Menschen Entscheidungen treffen müssten, während alle anderen sagten: „Warten Sie zwei oder drei Wochen“, können Sie sich vorstellen, wie viele Menschen wegen dieser zwei oder drei Wochen in Gräbern landeten?

Sie trafen keine Entscheidung, verlegten ihren Aufenthaltsort oder ihr Unternehmen nicht rechtzeitig, obwohl ihnen tödliche Gefahr drohte, und gerieten mit einem ukrainischen, ich würde sagen, Hintergrund in besetztes Gebiet.

Wie viele Unternehmen hätten gerettet werden können? Wie viele Menschen hätten ihre Arbeitsplätze in den nicht besetzten Gebieten behalten können?

Wenn jemand zu mir kommt und sagt, dass er dank meiner Worte überlebt hat, sich selbst, sein Unternehmen und seine Mitarbeiter rechtzeitig retten konnte und all das weiter für die ukrainische Wirtschaft arbeitete, dann weiß ich, dass ich die Wahrheit nicht umsonst sage.

Also entschuldigen Sie mich, ich bin kein sowjetischer Arzt. Wenn ich sehe, dass Sie an einer tödlichen Krankheit sterben, sage ich es Ihnen, und dann werden Sie überlegen, was zu tun ist.

Wenn ich aber genau weiß, dass es experimentelle Behandlungsmethoden gibt – hier sind die Drohnen, die in das feindliche Land fliegen und dort alles zerstören –, dann werde ich Ihnen auch das sagen. Denn man muss alles ausprobieren, verstehen Sie? Alles.

Jeder von uns weiß, dass wir, wenn ein nahestehender Mensch erkrankt, alles versuchen. Aber was würden wir tun, wenn die Ärzte uns belügen würden?

Deshalb bin ich völlig überzeugt, dass dies eine der grundlegenden Fragen war, die ich in dieser Sendung beantworten musste.

Hier gibt es noch viele weitere Fragen. Aber ich sage Ihnen gleich, dass ich sie jetzt nicht beantworten werde, um gegenüber denen, die sich darauf vorbereiten, in wenigen Minuten das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft zu sehen, ethisch zu bleiben.

Man sagt, ich hätte Größenwahn. Das habe ich nie bestritten. Aber mein Größenwahn erstreckt sich nicht auf Weltmeisterschaften. Ich werde nicht mit Messi und Yamal konkurrieren.

Und ja, natürlich werde ich Spanien die Daumen drücken. Selbstverständlich glaube ich, dass ein heutiger Titelgewinn Argentiniens für Messi ein unglaublicher, ich würde sagen, Abschluss seiner glänzenden sportlichen Karriere wäre.

Wir haben das Niveau der Meisterschaft gesehen, das bei diesem Turnier gezeigt wurde. Vielleicht hätten wir auch Ronaldo bei einem solchen Finale seiner Meisterschaft erleben können, wenn Portugal nicht so früh ausgeschieden wäre.

Im Vergleich muss man jedoch sagen, dass sich die argentinische Mannschaft stärker um ihren Anführer zusammengespielt hat als die portugiesische. Sie haben das alles gesehen.

Ich glaube zwar nicht, dass ich darüber sprechen sollte, aber die spanische Mannschaft, die möglicherweise um Yamal geeint ist, könnte heute Weltmeister werden, weil dies ein Triumph des neuen Fußballs wäre.

Denn der 19. Juli 2026 bedeutet gewissermaßen den Schlussvorhang für all den Fußball, den wir in den vergangenen Jahrzehnten kannten.

Überlegen Sie, wie viele große Spieler wir bei der nächsten Weltmeisterschaft nicht mehr sehen werden. Wir werden Messi nicht mehr sehen, wir werden Ronaldo nicht mehr sehen. Viele der wichtigsten Spieler dieses Turniers und der vergangenen Jahrzehnte beenden gerade jetzt ihre Karriere, bei dieser Weltmeisterschaft.

Deshalb wünsche ich mir nicht nur einen Sieg Spaniens, obwohl ich Spanien diesen Sieg wünsche und zugleich anerkenne, dass auch Argentinien ihn mit seinem Spiel verdient hätte. Ich wünsche dem neuen Fußball den Sieg. Das ist es, was ich in diesem Finale wirklich sehen möchte.

Und deshalb werden wir unseren Dialog jetzt beenden.

Unterstützen Sie unbedingt die Streitkräfte der Ukraine. Unterstützen Sie unbedingt die ukrainische Armee. Beteiligen Sie sich an geprüften Spendenaktionen. Die Streitkräfte der Ukraine bleiben genau jene Mannschaft, der wir den Sieg wünschen und an deren Einsatz wir alle teilnehmen müssen – bei jeder Weltmeisterschaft der Geschichte.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Протести, балістика і війна: підсумки |
Віталій Портников. 19.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 19.07.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Der bislang größte ballistische Angriff auf Kyiv | Vitaly Portnikov. 19.07.2026.

Ein weiterer russischer ballistischer Angriff auf Kyiv, möglicherweise der größte während dieses gesamten großen Krieges. Zunächst möchte ich den Betroffenen dieses Angriffs mein Mitgefühl aussprechen. Bislang ist bereits ein Todesopfer bekannt.

Natürlich erinnert uns das erneut daran, was in Wirklichkeit die wichtigste Tagesordnung für die Ukraine in ihrem Krieg gegen die Russische Föderation ist: die Zerstörung der Möglichkeiten des Feindes, die darauf gerichtet sind, die Ukrainer einzuschüchtern und zu vertreiben, unsere Städte in unbewohnbare Orte zu verwandeln und ukrainisches Territorium zu besetzen.

Das ist es, was uns einen und dazu bewegen sollte, nach den wirksamsten Möglichkeiten zu suchen, diesen Versuchen Moskaus in den kommenden Monaten und Jahren entgegenzutreten.

Sie sehen, dass Putin – wie ich bereits mehrfach betont habe, als ich über diese Angriffe sprach – vor allem versucht, das Zeitfenster der Möglichkeiten zu nutzen, damit die ballistischen Raketen, die er gegen Kyiv und andere ukrainische Städte und Regionen einsetzt, ihre Ziele treffen.

Denn wir beobachten einen gravierenden Mangel an Raketenabwehr gegen ballistische Flugkörper – sowohl in der Ukraine als auch weltweit. Umso mehr vor dem Hintergrund, dass die Vereinigten Staaten und der Iran ihre gegenseitigen Angriffe wieder aufgenommen haben und der Iran bereits heute mit schwerwiegenden Aktionen zur Zerstörung der Infrastruktur am Persischen Golf droht. 

Übrigens greift er dabei praktisch zu denselben Methoden wie die Russische Föderation. Denn in Teheran spricht man davon, die Entsalzungsanlagen in den Staaten des Persischen Golfs zerstören zu wollen. Nicht amerikanische Militärobjekte, nicht Stützpunkte, sondern das, was den Menschen Zugang zu Wasser verschafft. Das heißt, die Idee, die Städte am Persischen Golf in unbewohnbare Orte zu verwandeln, deckt sich auf erstaunliche Weise mit dem gleichen Wunsch Moskaus.

Wenn Ihnen also jemand erzählt, Russland suche in Wirklichkeit gezielt militärische Ziele aus, um die Fähigkeiten der Streitkräfte der Ukraine zu schwächen, und greife militärische Betriebe oder Lager an, dann können Sie diese Person an die iranischen Drohungen und die bereits erfolgten Angriffe auf Entsalzungsanlagen erinnern.

Der Iran hat – anders als Russland – seine Ziele nie verborgen. Doch die Ziele autoritärer Regime sind stets dieselben: das zu zerstören, was den Menschen ermöglicht, sich zu entwickeln und normal zu leben. Militärische Ziele werden dabei natürlich nie ausgeschlossen. Das eigentliche Wesen dieser Angriffe besteht jedoch in der Zerstörung der städtischen Infrastruktur und darin, die Stadt selbst in Trümmer zu legen.

Schauen Sie sich diese Ruinen in Lukjaniwka an. Fragen Sie sich selbst, welche militärischen Ziele Moskau nach den jahrelangen systematischen Angriffen auf diesen Stadtteil der ukrainischen Hauptstadt dort heute eigentlich noch zu finden versucht. Nein – das sind Ruinen um der Ruinen willen. Dahinter steht das völlig offensichtliche Ziel, gerade Wohnviertel zu zerstören, um die Menschen davon zu überzeugen, dass sie in Kyiv keinen Platz mehr haben.

Die Zirkon-Raketen, die Russland auch in dieser Nacht für Angriffe auf Kyiv eingesetzt hat, zeichnen sich ohnehin nicht durch eine solche Zielgenauigkeit aus, dass die russischen Streitkräfte ernsthaft hoffen könnten, ein bestimmtes Objekt präzise zu zerstören. Schließlich handelt es sich um Raketen, die eigentlich für den Seekrieg vorgesehen sind. Und deshalb werden sie, wenn sie gegen eine friedliche Stadt eingesetzt werden, genau zu dem, was sie sind: ein Instrument des Terrors. Genau das geschieht, wenn Russland Kyiv angreift – ein Instrument des Terrors.

Man könnte fragen: Warum ist ausgerechnet die Hauptstadt in einer Zeit, in der es an Raketenabwehr gegen ballistische Flugkörper mangelt, ständig Ziel solcher Angriffe?

Weil die Russen mit ihrer zentralistischen Denkweise, mit ihrer Überzeugung, dass in Russland alles auf Moskau konzentriert sein müsse, glauben, dass die Verwandlung Kyivs in Trümmer automatisch die Niederlage der gesamten Ukraine bedeuten würde. Sie meinen, dass dann auch in allen anderen ukrainischen Städten erkannt werde, dass den Einwohnern der Ukraine nichts anderes bleibe als die Kapitulation und der Anschluss ihres Landes an die Russische Föderation. Und diejenigen, die keine loyalen Bürger von Putins Russland sein wollen, sollen das Land verlassen, das Putin weiterhin für russisches Territorium hält.

Das ist das ganze Programm der Einschüchterung, des Mordens und der Zerstörung, das wir jede Nacht am Himmel über Kyiv beobachten, wenn diese Terrorangriffe stattfinden.

Und noch einmal: Man sollte nicht glauben, dies seien Vergeltungsschläge für die Zerstörung russischer Lager oder Fabriken. Wenn russische Lager und Fabriken nicht zerstört würden, wenn Militärbetriebe, Raffinerien und Lagerhäuser mit den für Drohnen und Raketen benötigten Bauteilen nicht brennen würden, dann gäbe es schlicht noch viel mehr solcher Angriffe.

Die Lubjanka nimmt keine Rache. Sie setzt kaltblütig das Programm um, das sie sich selbst vorgenommen hat. Und die einzige Möglichkeit, dieses Programm zu stoppen, besteht darin, dem Raubtier seine Zähne zu ziehen.


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Titel des Originals: Наймасштабніша балістична атака на Київ | Віталій Портников. 19.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 19.07.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Zelensky traf sich mit Fedorov und Syrsky | Vitaly Portnikov. 18.07.2026.

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Proteste in der ukrainischen Hauptstadt und anderen Städten unseres Landes hat Präsident Volodymyr Zelensky ein Treffen mit dem ehemaligen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorov und dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, General Oleksandr Syrsky, abgehalten.

Nach Abschluss dieses Treffens versprach Zelensky, eine Entscheidung zu treffen, die die Armee betrifft. Mychajlo Fedorov wiederum berichtete ebenfalls über den Dialog und äußerte die Hoffnung, dass es gelingen werde, in der entstandenen Situation zu einer Verständigung zu gelangen.

Damit geschieht praktisch genau das, worüber ich seit dem ersten Tag dieser Krise unermüdlich spreche. Die Kunst der Staatsführung besteht gerade nicht darin, jemanden entlassen zu können. Das ist für einen Menschen mit präsidentiellen Vollmachten überhaupt kein großes Problem. Sie besteht vielmehr darin, wertvolle Mitarbeiter zu erhalten und eine Synergie für ihre weitere Zusammenarbeit zu schaffen – selbst dann, wenn sich ihre Auffassungen über den Krieg unterscheiden.

Wichtig ist dabei, dass die einen Ansätze die anderen ausgleichen und dass die Zusammenarbeit zwischen dem Verteidigungsministerium und dem Oberkommando der Streitkräfte zusätzliche Möglichkeiten schafft, den Widerstand gegen die russische Aggression fortzusetzen – umso mehr vor dem Hintergrund der Bereitschaft der Führung der Russischen Föderation, den Krieg gegen die Ukraine in der kommenden Zeit fortzuführen.

Wir sehen bereits, wie ernst Präsident Putin die Möglichkeit einer Fortsetzung des Krieges nimmt und wie real sowohl die Gefahr einer neuen Mobilisierung in der Russischen Föderation als auch einer Ausweitung des russisch-ukrainischen Krieges auf die benachbarten europäischen Staaten ist. Auch das könnte noch in diesem Jahr zu unvorhersehbaren Folgen führen.

Daher ist das Verständnis, dass Verteidigungsministerium und Streitkräfte ihre Anstrengungen bündeln und Möglichkeiten sowohl für eine Neugestaltung des Krieges als auch für die Erhaltung des Potenzials der Streitkräfte im Sinne der klassischen Kriegskunst finden müssen, eine offensichtliche Voraussetzung für die weitere Entwicklung der militärischen Lage.

Dabei ist natürlich nicht entscheidend, wie der ehemalige Verteidigungsminister und der Oberbefehlshaber der Streitkräfte persönlich zueinander stehen. Jeder von ihnen kann den Ansatz des anderen für unprofessionell oder ineffektiv halten. Doch gerade die Aufgabe des Obersten Befehlshabers besteht darin, aus jedem Ansatz das herauszugreifen, was den jeweils anderen ergänzt und stärkt. So arbeiten Verteidigungsministerien und Militärs in allen zivilisierten Staaten.

Wir müssen eine ganz einfache Tatsache verstehen: Unterschiede in den Ansätzen zwischen dem Verteidigungsministerium und der Armee wird es immer geben, solange das Verteidigungsministerium als Beschaffungsinstanz fungiert und die Armee die Ergebnisse dieser Beschaffungen erhält. 

Die Alternative zu einem solchen Modell und zu solchen Meinungsverschiedenheiten wäre eine totalitäre Herrschaft, in der es überhaupt keine zivile Kontrolle über die Armee und ihre Beschaffungen gibt und alles im Modus einer Militärdiktatur geschieht. Das Verteidigungsministerium würde dann zu einer Behörde, die von Generälen geleitet wird – so wie es beispielsweise während des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion der Fall war, nicht jedoch in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien. Auch das muss man verstehen.

In dieser Situation bleibt die Kunst des Kompromisses, die Fähigkeit, zwischen wichtigen Akteuren des Wandels und denen, die unmittelbar an der Front kämpfen, eine gemeinsame Sprache zu finden, die wichtigste Aufgabe für die kommenden Monate und Jahre des zermürbenden russisch-ukrainischen Krieges.

Es wird also von Volodymyr Zelensky abhängen, wie die Taktik der Verständigung zwischen den beiden Kontrahenten aussehen wird. Ich bin jedoch überzeugt, dass das Staatsoberhaupt und Oberste Befehlshaber der Streitkräfte heute einen Schritt in die richtige und notwendige Richtung gemacht hat. Einen Schritt, den man nur begrüßen kann.

Natürlich wissen wir nicht, wie sich die Ereignisse weiter entwickeln werden und wie die Energie Mychajlo Fedorovs in den Strukturen erhalten bleiben wird, die den Streitkräften der Ukraine im Widerstand gegen die zermürbende russische Aggression helfen sollen.

Ob Fedorov von Zelensky erneut für das Amt des Verteidigungsministers vorgeschlagen wird oder ob er eine Struktur leiten wird, die sich gerade mit der Erneuerung der Taktik und Strategie der Streitkräfte der Ukraine im Hinblick auf jene Technologien beschäftigt, die den Krieg in der kommenden Phase verändern sollen – sodass sowohl die menschlichen Verluste als auch die unmittelbare Gefahr direkter Zusammenstöße an der Frontlinie zwischen russischen und ukrainischen Truppen verringert werden.

Das heißt: eine Vergrößerung dieser sogenannten „Kill Zone“, die der ukrainischen Armee ermöglichen würde, die Kontrolle über jene Gebiete zu bewahren, die sich heute unter der Herrschaft der legitimen ukrainischen Regierung befinden, und sogar über eine Ausweitung dieses Territoriums auf Kosten der heute vom Kreml kontrollierten besetzten ukrainischen Gebiete nachzudenken. Oder zumindest Bedingungen zu schaffen, unter denen die besetzten Gebiete von Russland selbst isoliert werden – so, wie dies bereits auf der Krim geschieht und, wie ich hoffe, auch weiterhin geschehen wird.

Denn Russland zu beweisen, dass es ukrainisches Territorium zwar besetzen, dort aber keine tatsächliche Herrschaft ausüben kann, muss ebenfalls zu einem wichtigen Argument in den kommenden Jahren der Fortsetzung und – hoffentlich eines Tages – des Abklingens dieses endlosen und schrecklichen russisch-ukrainischen Krieges werden.

Dafür braucht es sowohl eine starke Armee als auch moderne Ansätze für deren Einsatz. Umso mehr, als wir bereits mehrere technologische Veränderungen während dieses Krieges erlebt haben. Angesichts der Tatsache, wie lange dieser Krieg noch andauern kann, könnten wir noch mehrere echte technologische Wendepunkte erleben.

Denn während eines großen Krieges – und dies ist ein großer Krieg, der sich nur noch weiter ausweiten kann – entwickeln sich Technologien im beschleunigten Tempo. Der technologische Fortschritt beschleunigt sich in Zeiten großer Kriege stets weit stärker als in Friedenszeiten. Denn die Energie richtet sich auf den Sieg im Krieg und damit auf die Entwicklung neuer militärischer Technologien, die Ländern wie der Ukraine helfen können, sich erfolgreich gegen Atommächte wie die Russische Föderation zu behaupten.

Und dabei müssen wir dem technologischen Fortschritt selbstverständlich immer einen Schritt voraus sein, um unseren Staat zu bewahren und zumindest hoffen zu können, in den kommenden schwierigen Jahren einen Weg zum Ende dieses Krieges zu finden. Das erfordert die Bündelung der Kräfte und das Bewusstsein der ukrainischen Führung für ihre Verantwortung, den ukrainischen Staat und das ukrainische Volk in den bevorstehenden schwierigen Zeiten zu bewahren.


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Titel des Originals: Зеленський зустрівся із Федоровим і Сирським | Віталій Портников. 18.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 18.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Vitaly Portnikov und Maria Gurska: Das Letzte, was Halt gibt. Ukraine und Polen, der Zerfall des Imperiums. Würde. 05.07.2026.

Maria Gurska: Heute findet also auf der Autorenbühne für die verehrten Gäste des Buch-Arsenals eine Diskussion zum Thema statt: „Würde im Krieg. Was dem Menschen Halt gibt, wenn die Welt zusammenbricht.“ Bei diesem Treffen werden wir darüber sprechen, wie man im Krieg die Würde bewahren kann – die Würde des Menschen, der Gesellschaft und des Staates, und zwar nicht nur in der Ukraine, sondern in ganz Europa.

Und ich freue mich, Ihnen die Teilnehmer unserer Diskussion vorzustellen: Vitaly Portnikov, ukrainischer Journalist, Publizist und Visionär. Und Karolina Sulej, Schriftstellerin, Journalistin und Holocaustforscherin. Ich bin Maria Gurska, Fernsehmoderatorin und Leiterin des ersten Fernsehsenders in der Europäischen Union und in Polen für Ukrainer.

Wir treffen uns also in diesem Saal zu einer Zeit, in der die Hauptstadt wahrscheinlich den größten Sicherheitsbedrohungen ausgesetzt ist. Wir alle sprechen darüber, schlafen wegen der Luftalarme nachts nicht, schauen in die Telegram-Kanäle und wissen nicht, was uns erwartet. Und dennoch fühlen sich die Ukrainer in diesen Tagen in Kyiv nicht verlassen. Wir befinden uns hier unter Freunden.

Dazu gehört Karolina Sulej, die trotz aller Bedrohungen mutig zum Buch-Arsenal gekommen ist. Dazu gehört, erinnern wir daran, auch die Nobelpreisträgerin und polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk, die ebenfalls als Zeichen der Solidarität mit den Ukrainern zum Arsenal gekommen ist. Dazu gehört auch die polnische Ministerin für Fonds und Regionalpolitik Katarzyna Pełczyńska-Nałęcz, die zwar nicht zum Arsenal, aber dennoch nach Kyiv gekommen ist, um am vierten Internationalen Gipfel der Städte und Regionen teilzunehmen.

Vitaly und ich haben heute bei Slawa in unserer Sendung „Zentrum Europas“ darüber gesprochen und Fotos aus dem beschossenen Stadtteil Lukjaniwka gezeigt, wo sich polnische Politiker, führende Persönlichkeiten und europäische Diplomaten fotografieren lassen und sich an ihre Gesellschaften und die führenden Politiker verschiedener Länder wenden. Sie sind gekommen, um die Ukraine in diesen Tagen zu unterstützen.

Erinnern wir auch daran, dass in diesen Tagen die amerikanische Historikerin Marci Shore beim Arsenal auftritt und dass die polnische Botschaft ebenso wie viele andere europäische Botschaften weiterhin in Kyiv bleibt. Aber versuchen wir zu verstehen, wie wichtig all das ist, wenn Hochkultur und Solidarität allein nicht in der Lage sind, Putin aufzuhalten.

Hören wir also Karolina Sulej dazu, warum sie heute trotz der Gefahr dieser heftigen Angriffe in Kyiv ist und warum es Ihnen, Karolina, wichtig ist, heute hier unter uns zu sein.

Karolina Sulej: Ich freue mich außerordentlich, wieder hier in Kyiv zu sein. Danke. Ich verstehe Ukrainisch, spreche es aber nicht, deshalb werde ich Polnisch sprechen. Und es ist mir außerordentlich wichtig, dass ich hier sein und über persönliche Dinge sprechen kann, über mein Buch, über den Krieg, über Konzentrationslager und über eine Kriegswirklichkeit, die mir historisch erschien. Doch wie wir sehen, ist dies kein historisches Buch. Und es ist mir sehr wichtig, dass wir darüber sprechen können, wie wir mit dieser Realität, mit dieser brutalen Kriegswirklichkeit zurechtkommen können.

Deshalb ist es mir wichtig, dass die erste Übersetzung dieses Buches gerade in der Ukraine beim Verlag des Alten Löwen erschienen ist. Ich weiß, dass dies nur die erste Frage ist, aber mir ist wichtig hinzuzufügen, dass dieses Buch ein besonderes Vorwort enthält, das eigens für die ukrainische Ausgabe geschrieben wurde.

Zweitens war auch ich seit Beginn des umfassenden Krieges an der Hilfe für die Ukraine beteiligt. Ich half ukrainischen Flüchtlingen mit Lebensmitteln, Kleidung und so weiter, denn wir haben eine Organisation, die „Krajina“ heißt. Inzwischen sind wir stärker in gemeinsame Aktivitäten und in die Schaffung gemeinsamer Initiativen eingebunden, die mit Kunst, Mode und Design verbunden sind. Deshalb bin ich hier nicht nur als Schriftstellerin und nicht nur als Reporterin, sondern auch als Freiwillige und gesellschaftliche Aktivistin.

Maria Gurska: Danke, Karolina. Das ist wirklich sehr wichtig. Wir werden nun Vitaly Portnikov zuhören. Ich möchte nur sagen, dass Vitaly und ich in unseren Sendungen gewöhnlich zumindest über Politik sprechen. Und ich werde ihn auch nach Politik fragen, obwohl dies auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz mit dem Thema unseres Panels verbunden scheint. Tatsächlich steht es aber in direktem Zusammenhang damit.

Und ich denke, dass dies etwas ist, was derzeit jeden in diesem Saal beschäftigt und worüber jeder nachdenkt: über die Raketenangriffe auf ukrainische Städte, darüber, dass dies gewissermaßen eine neue Strategie des Kremls ist, auf die Europa und die Welt bislang keine Antwort haben. Auch wir suchen nach Möglichkeiten, damit umzugehen, und danach, wie wir unser Bewusstsein auf eine Existenz in diesem neuen Paradigma umstellen können, das noch mehr Kraft und innere Mobilisierung von jedem Einzelnen von uns, von der Gesellschaft und von Europa als Ganzem verlangt.

Wir sehen, dass die Vereinigten Staaten einen Mangel an Patriot-Systemen erleben und dass der Appell des ukrainischen Präsidenten um Hilfe bei der Verstärkung der Luftverteidigung unbeantwortet bleibt. Dennoch führen wir ständig dieses Gespräch. Für mich ist es sehr interessant, es zu beobachten und daran teilzunehmen: das Gespräch darüber, warum wir alle hierbleiben.

Vitaly Portnikov, der sowohl in Polen als auch in Europa und in den Vereinigten Staaten ein bekannter Journalist ist, könnte in jedem Land der Welt arbeiten – in Israel, in den Vereinigten Staaten, in jedem europäischen Land. Er kennt viele Sprachen und arbeitet dennoch in der Ukraine und bleibt hier, selbst an den Tagen und Nächten der schwersten Angriffe.

Warum sind Sie hier, Vitaly? Warum ist das für Sie als Journalist und als Bürger wichtig?

Vitaly Portnikov: Ich denke gerade, dass ein Journalist dort sein muss, wo Krisen stattfinden, denn Journalismus ist ein Beruf, der von Krisen handelt und nicht von friedlicher Existenz.

Ich habe immer gesagt, dass meine Kollegen, die etwa in den skandinavischen Ländern oder heute in Mitteleuropa leben, gezwungen sind, nach Nachrichten zu suchen. Während im postsowjetischen Raum faktisch seit dem Ende der 1980er- und dem Beginn der 1990er-Jahre die Nachrichten uns suchen. Und ich denke, dass dies praktisch mein gesamtes weiteres Leben und meine gesamte weitere Tätigkeit so bleiben wird.

Aus dieser Sicht ist journalistische Arbeit im Epizentrum einer Krise eine berufliche Herausforderung. Und wir sehen, dass sich diese berufliche Herausforderung, wie Sie sehen, vor unseren Augen entfaltet.

Andererseits muss man auch verstehen, dass diese Situation, die mit unserem, ich würde sagen, Leben in diesem Epizentrum der Krise verbunden ist, in erster Linie eine Geschichte über …

Durchsage: In der Stadt wurde Luftalarm ausgerufen. Zu Ihrer Sicherheit bitten wir Sie, den Saal zu verlassen und den Schutzraum des Mystezkyj Arsenal aufzusuchen.

Vitaly Portnikov: Ich denke, wenn wir überhaupt zur allgemeinen Situation übergehen, die sich in diesen Gebieten bereits seit vielen Jahrhunderten entwickelt, dann ist dies eine Geschichte über Würde und Gerechtigkeit.

Wenn wir darüber sprechen, was sowohl zur Zeit des Russischen Imperiums als auch zur Zeit der Sowjetunion und in dieser postsowjetischen Epoche geschah, sehen wir ständig, dass die Hauptidee des Imperiums – während der polnischen Aufstände, während der nationalen Befreiungskämpfe des ukrainischen Volkes und während des Kampfes anderer Völker des Imperiums um ihre Unabhängigkeit und ihr Recht, souveräne Staaten zu sein – eine ewige Geschichte darüber ist, dass das Imperium die Würde zertreten, die Souveränität vernichten und alles daransetzen will, damit sich sowohl einzelne Menschen, die verschiedenen Völkern angehören, als auch ganze Zivilisationen gegenüber dem Imperium, gegenüber Russland und letztlich gegenüber Moskau als zweitrangig empfinden. Denn das begann vor sehr langer Zeit, als es noch kein Russland und keine Sowjetunion gab, sondern lediglich das Moskauer Fürstentum.

Und dies steht immer im Widerspruch zu diesem Streben nach Gerechtigkeit. Denn es handelt sich nicht einfach nur um eine Geschichte über eine konkrete nationale Identität. Es ist nicht nur eine Geschichte über das Recht eines Menschen, seine eigene Sprache zu sprechen, seine Geschichte zu kennen und seine kulturellen Werte zu pflegen. Es ist auch eine Situation, die damit verbunden ist, dass Menschen es als ungerecht empfinden, wenn ihnen all das genommen wird. Menschen hoffen immer auf das Bessere, auf den Sieg der Gerechtigkeit.

Übrigens sind gerade deshalb etwa die polnische und die ukrainische Hymne einander so ähnlich, weil es Hymnen der Hoffnung sind. Sie sprechen stets davon, dass wir auf unserem eigenen Land selbst die Herren sein werden.

Und übrigens sah ich vor Kurzem in Solotschiw, im Schloss von Solotschiw, eine Gedenktafel für den Mann, der eine dritte ähnliche Hymne schuf: „Hatikwa“, die Nationalhymne Israels. Denn der Autor der israelischen Nationalhymne wurde ebenfalls hier in diesen Gebieten geboren, in den Gebieten des ukrainisch-polnischen Grenzlandes, ich würde sagen, in der ukrainischen Region Galizien.

Deshalb ist grundsätzlich auch diese Hymne, die im Staat Israel gesungen wird, von diesem Traum von Gerechtigkeit, Freiheit und Würde erfüllt. Sie heißt „Die Hoffnung“. Und ich denke übrigens, wenn wir einen Namen für die Nationalhymne der Ukraine oder die Nationalhymne Polens suchten, könnten wir sie ebenfalls so nennen: Hoffnung, die Hoffnung auf den Triumph der Gerechtigkeit.

Ich denke, eine riesige Zahl von Menschen, die in der Ukraine weiterleben und weiterhoffen, verteidigt auf diese Weise ihre eigene Würde. Genau das führte zu den ukrainischen Maidans. Genau das führte zu den ukrainischen Revolutionen. Genau das gab den Ukrainern letztlich immer wieder die Möglichkeit, sich aufzurichten und sich zu einem Volk zu erklären, das bereit ist, einen Staat aufzubauen. Denn gerade diese reale Situation, in der ein Mensch an Gerechtigkeit glaubt und seine Würde bewahren will, macht aus einem Volk eine Nation.

Maria Gurska: Karolina, in Ihrem Buch über den Holocaust, das hier beim Arsenal auf Ukrainisch erhältlich ist und den Titel „Persönliche Dinge. Geschichten über Kleidung in Konzentrations- und Vernichtungslagern“ trägt, zeigen Sie, wie selbst unter unmenschlichen Bedingungen der Umgang mit Kleidung und persönlichen Gegenständen den Menschen half, das Gefühl des eigenen Ichs zu bewahren.

Ich weiß, dass Sie mit Archivmaterial gearbeitet und mit vielen Menschen gesprochen haben – mit Zeitzeugen und Opfern des Holocaust, des schrecklichsten Kapitels des Zweiten Weltkriegs. Der zentrale Gedanke Ihres Buches lautet, dass der Mensch, selbst im Krieg, danach strebt, seine Würde zu bewahren, und dies unter anderem durch kleine Dinge und Handlungen tut, die traditionelle Zeichen unserer Menschlichkeit sind – oft durch ganz alltägliche Dinge.

Versuchen wir also zu verstehen, was Sie heute empfinden, wenn Sie sich während des heutigen russisch-ukrainischen Krieges in der Ukraine befinden. Woran denken Sie, wenn Sie die Ukrainer sehen, ihren Alltag beobachten, heute die Menschen in Kyiv auf den Straßen sehen? Welche Parallelen zu Ihrem Buch und Ihrem Material kommen Ihnen dabei in den Sinn?

Karolina Sulej: Vielen Dank für alles, was du gesagt hast. Ich möchte erzählen, dass ich gerade ein unglaubliches Erlebnis hatte. In meinem Buch gibt es eine Geschichte über die Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Während der Befreiung befanden sich dort schwerkranke Häftlinge in einem provisorischen, notdürftig eingerichteten Lazarett. Sie waren schwer krank, bettlägerig und konnten nicht gehen.

Ich weiß nicht, wer auf die Idee kam, in dieses befreite Lager, zu Menschen, die nicht einmal mehr eigene Kleidung besaßen, rote Lippenstifte zu schicken. Und genau diese Frauen, die kaum noch am Leben waren, wollten sich alle mit diesem roten Lippenstift schminken.

Es ging dabei nicht so sehr darum, in diesem Moment schön aussehen zu wollen, sondern um ein Symbol, um diesen Wunsch und um eine Geste. Und dieser erste Teil ist wichtig für das, was ich jetzt erzählen möchte.

Als der großangelegte Krieg begann, schickte mir eine Bekannte eine TikTok-Story – wir schreiben inzwischen das Jahr 2026, nicht wahr, und tauschen solche Informationen aus. In dieser Story sahen wir ein Mädchen in der Metro von Kyiv, das den anderen Frauen anbot, Yoga zu machen oder sich zu schminken, um sie zu unterstützen. Also genau solche gewöhnlichen Dinge, die uns im Alltag kaum auffallen, weil sie selbstverständlich sind, werden in einem solchen Moment zu einer sehr wichtigen Geste.

Ich konnte zunächst gar nicht glauben, warum sie das tat. Schließlich hatte sie mein Buch nicht gelesen und konnte diese Geschichte gar nicht kennen.

Doch als wir über TikTok Kontakt aufnahmen und miteinander sprachen, stellte sich heraus, dass dies einfach ein ganz natürlicher Reflex war, eine natürliche Geste und der Wunsch, gerade diese für uns wichtigen alltäglichen Dinge zu bewahren.

Das ist eine Art täglicher Partisanenkampf. Und genau das tut ihr hier jeden Tag. Das kann man weder ignorieren noch geringschätzen, denn genau das ist euer Heldentum.

Maria Gurska: Danke, dass du sowohl Inhalte aus deinem Buch als auch deine Eindrücke aus Kyiv mit uns geteilt hast. Ich denke, viele hat das ebenfalls dazu gebracht, über unsere heutigen kleinen Rituale nachzudenken und darüber, wie wichtig sie für unser Leben sind.

Wir haben Karolina Sulej gehört. Ich weiß allerdings nicht, ob Sie auch Olga Tokarczuk gehört haben, die ebenfalls in diesen Tagen beim Arsenal auftritt. Wir haben mit ihr bei Slawa ein exklusives Gespräch aufgezeichnet. Es kann übrigens auf YouTube auf Ukrainisch angesehen werden.

Und Folgendes sagt die polnische Nobelpreisträgerin über ihren Besuch in Kyiv: Sie sei beeindruckt und voller Bewunderung für die Ordnung, die hier herrsche, für die Sauberkeit, die Aufmerksamkeit für Details, für die Ästhetik und für die gemeinsame Sorge um den öffentlichen Raum. 

Kyiv bleibe trotz der Bombardierungen eine wunderschöne Stadt, die Bewunderung verdiene. Wenn man durch ihre Straßen geht, die Gesichter der Menschen sieht, ihre Lächeln, beobachtet, wie sie im Abendlicht ein Glas Champagner trinken, wie sie die blühenden Kastanien und Akazien genießen und fotografieren – hier teile ich nun teilweise schon meine eigenen Beobachtungen –, dann scheint der Krieg zunächst weit entfernt zu sein. Er bleibt unsichtbar, bis zum ersten Luftalarm, der unser Panel gerade eben unterbrochen hat.

Zum Glück können wir weitermachen. Hören wir Vitaly Portnikov zu: Warum ist es wichtig, gerade diese grundlegende Normalität zu bewahren? Und wie kann man das im fünften Jahr intensiver Angriffe und all jener Schrecken tun, die unseren Alltag begleiten?

Vitaly Portnikov: Übrigens habe ich schon seit 2022 gesagt, dass genau diese Normalität des Lebens die Antwort auf den Versuch ist, dieses Leben zu zerstören. Und wir sehen inzwischen, dass Russland tatsächlich eine sehr wichtige Aufgabe verfolgt – nämlich das normale Leben zu vernichten.

Es handelt sich nicht einfach um einen Krieg der Armeen. Russland könnte den Krieg der Armeen irgendwann sogar einstellen, wenn es erkennt, dass seine Armee keine Ergebnisse erzielt, und dennoch den Bombenkrieg fortsetzen.

Warum ist es wichtig, dass die Menschen weiterhin das geistige, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben eines angegriffenen Landes aufrechterhalten?

Weil das Ziel des Aggressors immer darin besteht, genau dieses Leben zu zerstören. Der Aggressor kommt nicht nur, um militärische Stellungen oder die Armee zu vernichten. Er kommt, um fremdes Leben zu vernichten.

Ich erinnere mich an den Februar 2022. Sie wissen das alle sehr gut: In den ersten Wochen schienen die ukrainischen Städte zu versteinern. Alles wurde geschlossen, alles kam zum Stillstand.

Mir schien damals, dass dies nicht nur Angst war, sondern auch eine Rückkehr zu jenem Mythos, der in unserer Gesellschaft über den Zweiten Weltkrieg existierte.

Im Zweiten Weltkrieg sei angeblich alles geschlossen gewesen, alles stillgestanden, nichts habe existiert, weil Krieg gewesen sei – und deshalb werde es bei uns wohl genauso sein.

Doch im Zweiten Weltkrieg war das gar nicht so. Das war eine propagandistische Erfindung späterer Zeiten, um zu beweisen, Krieg sei eine Zeit, in der alles zum Stillstand komme, und um die Menschen davon zu überzeugen.

Denn eine zum Stillstand gebrachte Gesellschaft – das muss man ebenfalls verstehen – lässt sich von einem kommunistischen Regime leichter kontrollieren und kann ihre eigene Stimme nicht mehr erheben. Sie bleibt dann nicht mehr die Gesellschaft der Ukrainer, Russen, Georgier oder anderer Völker, sondern wird zur Gesellschaft Stalins.

Deshalb sahen wir, dass die ukrainische Gesellschaft lebendig blieb. Einerseits sahen wir Schlangen vor den Mobilisierungszentren. Andererseits erlebten wir das Erwachen dieses normalen Lebens in einem Land, das angegriffen worden war. All diese Prozesse liefen gleichzeitig ab: Mobilisierung, Emigration und die Rückkehr zum normalen Leben.

In diesen Jahren gab es viele Entwicklungen, die davon zeugen. Wir können von einer regelrechten Renaissance des Interesses am ukrainischen Theater sprechen. Eine solche Aufmerksamkeit für die ukrainische Theaterkunst gab es vor dem großen Krieg nicht. Das ist nicht nur unser Phänomen, aber wir sehen, wie es tatsächlich geschieht: Die Menschen verlangen nach einer emotionalen Verarbeitung ihrer Erfahrungen.

Wir sehen, wie Bücher erscheinen, wie Menschen mit Fronterfahrung in den Vordergrund treten, wie etwa das Buch von Droni über Hemingway, der von nichts wusste – ein hervorragendes Beispiel für eine solche Literatur. Und es gibt mehrere ähnliche Bücher, die bereits während des Krieges erschienen sind und vom militärischen Erleben und vom Leben in einem Land im Krieg erzählen.

Wir sehen auch, wie die Menschen weiter darauf hoffen, dass ihr Geschäft – selbst ein kleines Unternehmen – gebraucht wird. So war es etwa in dem Café in Lukjaniwka, wo das Leben praktisch inmitten der Ruinen weiterging.

Wissen Sie, das ist der Instinkt jeder freien Gesellschaft im Krieg. Genau das macht eine Gesellschaft unbezwingbar.

Maria Gurska: Nach Angaben des polnischen Generalstabs befindet sich auch Polen – ich glaube seit November 2025 – bereits in der ersten Phase eines Krieges. Es handelt sich derzeit um einen konventionellen, also hybriden Krieg gegen Polen, der von den russischen Geheimdiensten organisiert wird und immer intensiver wird.

Er äußert sich nicht mehr nur in gewaltigen und sehr intensiven Wellen von Desinformation und Propaganda, die in die sozialen Medien eingespeist werden, die die Gesellschaft tatsächlich angreifen und gewöhnliche Menschen zu Opfern dieses Hasses machen.

Er äußert sich inzwischen auch unmittelbar in Sabotageakten, der Gefahr von Terroranschlägen, Brandstiftungen, wie kürzlich in Warschau, sowie in Sabotageakten auf der Eisenbahn, die glücklicherweise nicht so endeten, wie es die russischen Geheimdienste geplant hatten – nämlich mit Hunderten von Opfern.

Das ist die Realität, die Polen heute täglich erlebt, und darüber machen sich die Menschen ebenfalls Gedanken. Wie wirkt sich das bereits heute auf die Menschen aus? Und wie werden die Prozesse, über die wir sprechen, in Polen wahrgenommen?

Erzählen Sie uns bitte aus Ihrer Perspektive. Ist das spürbar? Und wie verstehen die Polen ihre eigene Würde in Zeiten hybrider Bedrohungen durch Russland? Was verbindet uns dabei und worin unterscheiden wir uns?

Karolina Sulej: Hier werde ich weniger über mein Buch sprechen als über meine Tätigkeit als Aktivistin. Das Buch war allerdings eine Voraussetzung dafür.

Denn Menschen, die mit einer einzigen Tasche und vielleicht einem Kind vor dem Krieg fliehen, werden mich nicht nach der Farbe eines Pullovers, ihrer Lieblingsfarbe, fragen. Sie brauchen Buchweizen und Windeln für ihr Kind. Ich wusste, dass dies ihre wichtigste Bedürfnis war. Aber ich wusste auch, dass ihr Bedürfnis nach Schönheit oder nach anderen Dingen dadurch nicht verschwindet.

Wichtig ist, dass wir füreinander Partner sind und dass es keine Situation sein darf, in der der eine hilft und der andere diese Hilfe lediglich entgegennimmt. Wir müssen Partner sein. Das bedeutet, dass dieser Mensch nicht nur ein Opfer oder jemand ist, der Hilfe empfängt, sondern dass er einen eigenen Namen, einen eigenen Nachnamen und eigene Wünsche hat. Denn unabhängig davon, welche Krise wir erleben und wie schlimm alles ist, bleibt beim Menschen das Bedürfnis bestehen, er selbst zu sein und eigene Wünsche zu haben. 

Deshalb gab es an dem Ort, an dem wir Hilfe leisteten, sowohl eine Art Boutique als auch ein Lebensmittelgeschäft. Alles war dort schön geordnet und ordentlich beschriftet: Hier sind die Hosen, dort die Röcke. Es gab Nagellacke, Lidschatten, und alles war wirklich von guter Qualität. Wir erhielten tatsächlich hochwertige Dinge von verschiedenen Firmen.

Genau auf diese Weise haben wir geholfen. Und bevor wir anfangen, über Politik zu streiten, sollten wir an jene alltäglichen Dinge denken, die uns verbinden. Denn wir alle hier, in diesem Teil der Welt, in diesem „Traumaland“, teilen die Erfahrung, dass unser Leben ständig zerstört wird, dass unser Alltag immer wieder mit Füßen getreten und vernichtet wird.

Deshalb beginne ich immer genau damit. Ich beginne mit der Kunst, mit der Literatur. Und genau in der Stiftung, die wir gegründet haben, haben wir diese gemeinsame Sprache gefunden – die Sprache des gegenseitigen Verständnisses.

Wir beginnen immer mit Kunst, mit Mode, mit Schmuck und handeln gemeinsam, schaffen gemeinsame Initiativen. Und genau dadurch finden wir diese gemeinsame Sprache.

Meiner Meinung nach geschieht das bereits. Wir tun das bereits gemeinsam. Die Ukrainerinnen und Ukrainer in Polen sind sehr präsent. Gemeinsam schaffen wir vieles. Das nennt man heute Soft Power.

Und ich glaube sehr an diese gemeinsame Kraft. Gemeinsam können wir eine wesentlich bessere Kultur schaffen. Und genau das geschieht bereits. Ja, wir müssen das fortsetzen. So wie jetzt hier.

Ich lerne Ukrainisch, weil ich das als Teil dieser Partnerschaft betrachte. Ich möchte noch mehr über die ukrainische Kunst und über die ukrainische Mode erfahren, denn sie ist einfach wunderbar. Genau so entsteht Partnerschaft.

Maria Gurska: Und es ist großartig, dass auch moderne polnische Literatur, darunter analytische Literatur, auf Ukrainisch erscheint. Es ist wunderbar, dass wir heute beim Arsenal Karolina Sulejs neues Buch „Persönliche Dinge“ auf Ukrainisch sehen können.

Nun zu Vitaly. Ich habe eine Frage zu dem übergeordneten Thema unseres heutigen Treffens – zu unserer nationalen Würde. Sie bildet, wie Vitaly bereits sagte, im Grunde das Fundament unseres gesamten historischen Kampfes um die Unabhängigkeit. Sie ist das zentrale Thema und Leitmotiv all unserer Revolutionen, insbesondere der Revolution der Würde, die diesen Namen sogar erhielt.

Es war eine Revolution gegen die Usurpation der Macht durch Viktor Janukowytsch und seine Gefolgsleute sowie gegen den Kurs der Annäherung an Russland – im Gegensatz zur europäischen Integration, die die Gesellschaft, insbesondere die Jugend, forderte. Das war auch der Beginn unserer modernen Geschichte, zumindest eines Teils jener Geschichte, in der wir heute leben.

Wir hoffen, dass wir einem glücklichen Ende bereits nahe sind. Auch wenn man Vitaly Portnikov zuhört, scheint es, als müssten wir noch ein wenig Geduld haben.

Wenn wir aber über diese nationale Würde und ihre schmerzvolle Härtung in der postsowjetischen Zeit und in unserer Gegenwart sprechen – wir haben als Nation bereits so viel gelitten, wir geben heute so viel und leiden weiterhin so sehr. Ich weiß nicht, ob es noch eine andere Nation gibt, die einen derart hohen Preis für die Herausbildung ihrer nationalen Würde zahlt.

Wird dieser Schmerz und dieses Leid zu einer Art Impfung für die Zukunft werden – einer Garantie dafür, dass Russland uns niemals wieder in einen kolonialen Zustand zurückführen kann?

Vitaly Portnikov: Nun, ich denke, es gibt viele Nationen, die einen solchen oder sogar einen noch höheren Preis zahlen.

Interessant ist jedoch, dass wir diese Nationen, wenn wir an sie denken, als alte Nationen wahrnehmen, während wir die Ukrainer als junge Nation betrachten.

Deshalb erscheint uns dieser Vergleich so ungewöhnlich. Das Leid der Juden und Armenier lässt sich scheinbar nicht mit dem der Ukrainer vergleichen, weil Juden und Armenier diesen Preis für Würde, Staatlichkeit und Souveränität bereits seit Jahrtausenden zahlen. Die Ukrainer hingegen scheinen erst vor unseren Augen entstanden zu sein, und schon hätten all diese Leiden begonnen.

Doch auch das ist übrigens ein imperialer Diskurs. Denn selbst das Wort Ukraine tauchte bereits vor tausend Jahren in den Chroniken auf. Die Ukrainer sind keine so junge Nation, wie viele glauben. Und genau darin liegt die Antwort auf Ihre Frage.

Wie jede Nation, die schon früh auf ihrem eigenen Land Staatlichkeit errichtete – und eine solche alte Staatlichkeit wird natürlich immer von jemandem angegriffen, der aggressiver und brutaler ist –, kämpfen die Ukrainer darum, das zu bewahren, was sie hier geschaffen haben.

Sie errichteten hier eine Zivilisation zu einer Zeit, als viele andere – zumindest jene nördlich der Ukraine – nicht nur keine Staatlichkeit, sondern noch nicht einmal eine städtische Kultur besaßen. Auch daran sollte man sich erinnern.

Nicht weit von hier befindet sich eine Kirche, in der der Überlieferung nach einer der letzten großen Kyiver Fürsten der vormongolischen Zeit, Juri Dolgoruki, begraben liegt – jener legendäre Herrscher, in dessen Regierungszeit der Legende nach Moskau gegründet wurde. Er war einer der letzten Kyiver Fürsten der vormongolischen Epoche.

Und was war vor ihm? Es gab nicht nur in Moskau keinerlei Zivilisation, sondern selbst in Susdal kaum etwas. Dort entstanden gerade erst die Anfänge des Fürstentums Susdal, aus dem später die Moskauer Zivilisation hervorging. Das sind also völlig unterschiedliche historische Dimensionen.

Warum sage ich das? Weil ich denke, dass diese zeitlichen Dimensionen verständlicher werden, wenn wir begreifen, dass es hier eine Wetsche-Kultur, also eine Tradition der Volksversammlung, gab; dass die Menschen hier den Wunsch hatten, ihr Recht auf den Dialog mit der Obrigkeit durchzusetzen.

So war es in der Alten Rus – nicht nur in Nowgorod dem Großen, das später von Moskau niedergetreten wurde, sondern praktisch in allen alten Fürstentümern. Diese Wetsche-Kultur und diese Kultur der Würde wurden durch den Einfall der Horde nicht vernichtet, weil die Horde sich von hier relativ schnell wieder zurückzog.

Sie behielt ihre Herrschaft über die Nordrus bei. Mehr noch: Die Fürsten der Nordrus glaubten, dass eine solche Machtvertikale wirksam sei – und sie glauben bis heute daran.

Hier jedoch blieb die Bereitschaft der Menschen, am Aufbau ihrer eigenen Stadt und ihres eigenen Landes mitzuwirken, von jeher erhalten. Man könnte sagen, dass diese Tradition nur ungefähr in dem Zeitraum unterbrochen wurde, der mit der Zerschlagung der Saporoger Sitsch durch Katharina II. begann.

Im Grunde ist die Zeit zwischen der Zerstörung der Sitsch und dem Aufstand der Ukrainischen Volksrepublik nur ein kurzer Abschnitt der Geschichte – ein einziger Tag. Damals hatten die Ukrainer keine Rechte. Davor besaßen sie sie.

Und danach setzte sich der Kampf um diese Rechte jeden einzelnen Tag fort. Vielleicht nicht auf allen ukrainischen Gebieten, aber er ging weiter.

Wir sahen die Kultur des politischen Kampfes in den westukrainischen Gebieten. Wir sahen die UNDO (Ukrainische Nationale Demokratische Vereinigung). Wir sahen die Konflikte zwischen der Ukrainischen Nationaldemokratischen Vereinigung, der OUN und der UPA sowie unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie sich die ukrainischen politischen Prozesse entwickeln sollten.

Aus dieser lebendigen politischen Gesellschaft erwächst der Begriff der Würde, der Wille, auf die Straße zu gehen, um seine Kinder zu schützen, und die Bereitschaft, für den eigenen Staat zu kämpfen. Und ich wiederhole noch einmal: Das ist keine neue, sondern eine tausendjährige Tradition, an die man sich erinnern sollte.

Maria Gurska: Zum Schluss möchte ich – da wir uns hier im Kreis von Journalisten versammelt haben und Karolina, Vitaly und ich alle Medienschaffende sind – an Wiktorija Roschtschyna erinnern, die von den Russen in der Gefangenschaft zu Tode gefoltert wurde.

Sie wusste, dass sie wegen ihrer journalistischen Arbeit zum Schaden kommen konnte, fuhr aber dennoch in die vorübergehend besetzten Gebiete, um den Menschen die Wahrheit zu bringen.

Ich möchte auch an die Worte von Viktor Frankl erinnern, die vielleicht mit deinem Buch in Verbindung stehen. Frankl, der selbst Häftling eines Konzentrationslagers und österreichischer Psychiater war, schrieb 1946 in seinem Buch „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ (Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager), dass der Mensch bereit sei zu leiden, wenn er davon überzeugt sei, dass sein Leiden einen Sinn habe.

Und ich möchte außerdem die Worte des wunderbaren Übersetzers Andrij Bondar anführen. Er hat gerade das neue Buch von Wojciech Tochman übersetzt, das man ebenfalls hier beim Arsenal finden kann. Tochman ist ein bekannter polnischer Journalist, der viel über seine Reisen in die Ukraine schreibt.

Bondar schreibt in seinem Blog, dass die Ukrainer trotz allem und trotz des Wunsches der Russen, uns zu töten, in ihrer Heimat bleiben, weil sie sich nicht von ihrem Land verdrängen lassen wollen. 

Und genau darin liege unsere größte Kraft. Darüber hat auch Vitaly Portnikov gesprochen: Diese Worte stehen in unserer Nationalhymne. Genau sie bestätigen uns, geben uns Zuversicht und verleihen uns die Kraft, auf den Sieg zu warten.


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Titel des Originals: Віталій Портников та Марія Гурська: останнє, що тримає. Україна і Польща, розвал імперії. Гіднсть. 05.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov und Maria Gurska
Veröffentlichung: 05.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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„Der Pappschilder-Protest“ breitet sich aus | Vitaly Portnikov. 17.07.2026.

Ich bin gerade vom Prospekt Swobody in Lwiw zurückgekehrt, wo der sogenannte Pappschilder-Protest mit der Forderung fortgesetzt wird, Mychajlo Fedorow im Amt des Verteidigungsministers der Ukraine zu belassen.

Solche Proteste finden derzeit in der ukrainischen Hauptstadt und in anderen Städten unseres Landes statt – mit Hunderten, ja Tausenden Teilnehmern. Das zeigt grundsätzlich, dass es einen gesellschaftlichen Auftrag gibt, den die Staatsführung bei ihren weiteren Entscheidungen berücksichtigen sollte.

Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass es das verfassungsmäßige Recht des Präsidenten ist, einen Kandidaten für das Amt des Verteidigungsministers vorzuschlagen und den Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine zu ernennen. Und ich glaube, dass niemand dieses verfassungsmäßige Recht infrage stellt. 

Die Frage der Kommunikation mit der Gesellschaft bleibt jedoch ebenfalls ein wichtiges und dringendes Thema, das unmittelbar mit dem weiteren Funktionieren der staatlichen Institutionen unter den Bedingungen dieses großen Krieges zusammenhängt.

Ich habe bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass der Gesellschaft im Grunde nie erklärt wird, warum bestimmte Personalentscheidungen getroffen werden. Weshalb werden bestimmte Personen zu Premierministern, Ministern oder Leitern wichtiger staatlicher Institutionen ernannt? Das geschieht ausschließlich aus der Perspektive der Möglichkeit der Staatsführung, die jeweils gewünschten Personalentscheidungen zu treffen.

Wenn es im Land eine Koalition gäbe, wenn es eine Regierung der nationalen Einheit gäbe, deren Bildung ich seit 2022, seit den ersten Tagen des großen Krieges zwischen Russland und der Ukraine fordere, dann gäbe es selbstverständlich eine Debatte. Dann gäbe es Personen mit unterschiedlichen Reputationen, unterschiedlichen Fähigkeiten oder umgekehrt mit unterschiedlichen Risiken. Darüber würde nicht nur gesprochen – wir wüssten, wer diese Menschen sind und warum sie auf bestimmte Positionen gelangen.

Wenn aber die Ernennung sowohl des Premierministers als auch der Minister seit Jahren einer Art Lotterie gleicht, dann ist das ein Problem. Ich habe bereits versucht zu erklären, dass auch die Ernennung Mychajlo Fedorows eine solche offensichtliche Lotterie war. Hätte es den bekannten Korruptionsskandal und die Notwendigkeit, die vakante Stelle des Energieministers rasch neu zu besetzen, nicht gegeben – nachdem der frühere Premierminister Denys Schmyhal, der damals Verteidigungsminister war, dorthin versetzt worden war –, dann wäre Mychajlo Fedorow auch heute noch Digitalisierungsminister geblieben, und seine Ernennung zum Verteidigungsminister hätte nie stattgefunden.

Gerade deshalb muss die Staatsführung mit der Gesellschaft sprechen, wenn Ernennungen auf diese Weise, nach dem Prinzip einer Lotterie, erfolgen. Sie muss die Logik ihres Handelns erklären. Sie muss erklären, warum eine bestimmte Person ein bestimmtes Amt erhält und warum beschlossen wird, sie wieder aus diesem Amt zu entfernen – noch dazu in einer Situation, in der in der Gesellschaft die klare Überzeugung herrscht, dass diese Person gerade am richtigen Platz war, wie es bei Mychajlo Fedorow der Fall ist. Genau dieses öffentliche Bild des Verteidigungsministers hat sich in den vergangenen Monaten vor dem Hintergrund bestimmter Veränderungen im Krieg in den Augen vieler Menschen herausgebildet.

Ja, ein Teil dieser Veränderungen ist zweifellos evolutionärer Natur, weil sich der Krieg seit 2022 verändert und sich weiter verändern wird – mit Fedorow oder ohne Fedorow, mit Syrsky oder ohne Syrsky. Das entspricht der Logik aller großen Kriege und der technologischen Entwicklung. Gleichzeitig verstehen wir aber sehr wohl, dass der inzwischen ehemalige Minister an vielen dieser Veränderungen tatsächlich mitgewirkt hat und man sagen kann, ihr Wegbereiter war.

Erinnern wir uns nur an die Abschaltung der Starlink-Terminals für die Russen. Das war eine wichtige Voraussetzung dafür, ihre Möglichkeiten für Angriffe auf die Ukraine einzuschränken. Heute konzentriert sich Präsident Putin auf die Nutzung des sogenannten „ballistischen Fensters“, das durch den offensichtlichen Mangel an Abwehrsystemen gegen ballistische Raketen in der Ukraine und weltweit entstanden ist. Gleichzeitig haben sich unsere Möglichkeiten verbessert, die Ölraffinerien und die militärisch-industrielle Infrastruktur der Russischen Föderation zu zerstören – eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, den Krieg in den 2020er- oder 2030er-Jahren zu beenden.

Natürlich wünschen sich alle Menschen, dass dieser Krieg, der nun schon seit Jahren andauert und noch viele weitere Jahre dauern könnte, möglichst bald endet. Es geht um das Leben jedes Einzelnen. Es geht um das Überleben derjenigen, die an der Front für die Ukraine kämpfen, und um das Überleben der Zivilbevölkerung, die in den kommenden Monaten und Jahren Opfer russischer Angriffe werden könnte. Selbstverständlich wünschen sich die Menschen, dass der Widerstand gegen die russische Aggression wirksam ist.

Wenn der Präsident erklärt, sein Hauptvorwurf gegenüber dem Verteidigungsminister habe darin bestanden, dass zwischen dem Minister und dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte keine Einigkeit bestanden habe, dann bin ich gerade der Auffassung, dass die wichtigste Managementaufgabe eines Staatsoberhauptes nicht darin besteht, „Einheit“ als Schlagwort zu verkünden, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen in hohen Ämtern, die zunächst keine gemeinsame Sprache finden, schließlich doch zu einer Verständigung gelangen.

Das entspricht der Logik jedes großen Unternehmens. Wenn ich Eigentümer oder Generaldirektor eines großen Unternehmens bin und wertvolle Mitarbeiter habe, die sich nicht verstehen, weil sie unterschiedliche Vorstellungen über die Entwicklung der Firma haben oder weil sie – was völlig normal ist – eigene Ambitionen besitzen, dann muss ich als oberster Verantwortlicher die Voraussetzungen dafür schaffen, dass jeder von ihnen zur Entwicklung des Unternehmens beiträgt. Ich darf nicht einfach einen von ihnen entlassen, um den Konflikt zu beseitigen – oder gar beide. Denn einen Konflikt durch Entlassungen zu lösen, dient ausschließlich dazu, das eigene Leben bequemer zu machen, nicht aber der Entwicklung des Unternehmens.

Auf den Staat übertragen – wenn wir nicht über Politik, sondern über staatliches Management sprechen – funktioniert ausschließlich dieser Ansatz, kein anderer. Wenn jemand nicht in der Lage ist, einen solchen Ansatz in den Staatsgeschäften umzusetzen, und zugleich versteht, dass eine Wiederwahl noch in weiter Ferne liegt, weil dieser grausame Krieg andauert, dann muss er das lernen – auch wenn es seinen eigenen Vorstellungen von Komfort oder Bedeutung widerspricht. Tut er das nicht, dann kommt es zwangsläufig zu gesellschaftlichen Protesten.

Dabei brauchen wir – und in diesem Punkt stimme ich dem Präsidenten der Ukraine vollkommen zu – keinen Protest, sondern Einigkeit. Doch Einigkeit entsteht nur durch die Verbesserung der professionellen Instrumente staatlicher Führung.

Das ist die einzige Schlussfolgerung, die sich aus den Ereignissen ziehen lässt, die wir heute in Kyiv, Lwiw und anderen Städten der Ukraine beobachten konnten, die zum Zentrum des neuen Pappschilder-Protests geworden sind.


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Titel des Originals: «Картонковий протест» шириться | Віталій Портников. 17.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 17.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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