Solowjow wurde als Hund bezeichnet | Vitaly Portnikov. 13.01.2026.

Der russische Botschafter in Armenien, Sergej Kopyrkin, wurde ins Außenministerium dieses Landes einbestellt, um ihm im Zusammenhang mit feindseligen Äußerungen, die auf einem der Kanäle des russischen Staatsfernsehens gefallen waren, Protest zu übermitteln. Es geht natürlich um die Aussagen des Fernsehmoderators Wladimir Solowjow, der dazu aufgerufen hatte, eine sogenannte „militärische Spezialoperation“ in Armenien zu beginnen.

Diese Aufrufe Solowjows haben in Jerewan besondere Empörung ausgelöst. Der stellvertretende Sprecher des armenischen Parlaments, Ruben Rubinian, verglich Solowjow mit einem Hund, dessen Bellen den Karawanen nicht daran hindern dürfe, sich in die richtige Richtung zu bewegen.

Empörung über Solowjows Äußerungen ist auch in den Ländern Zentralasiens zu hören – bisher allerdings nur auf der Ebene einzelner Abgeordneter. So forderte der kirgisische Abgeordnete Dostan Bekeschew die Führung seines Landes auf, Wladimir Solowjow wegen seiner Aufrufe zu möglichen „Spezialoperationen“ in Zentralasien zur Persona non grata zu erklären. Und der usbekische Abgeordnete Babur Bekmurodow riet dem russischen Fernsehmoderator sogar, lieber mit seiner Nachtigall zu spielen (Wortspiel auf seinen Namen Solowjow und eine spöttische Anspielung auf sein eigenes Propagandageschwätz), statt mit Aussagen aufzutreten, die das internationale Recht verletzen.

Dabei muss man eine einfache Sache verstehen. Solowjow hat lediglich das ausgesprochen, worüber in den höchsten Kreisen der russischen politischen Führung schon lange gesprochen wird. Man kann sagen: Was Putin im Kopf hat, hat Solowjow auf der Zunge. Denn der abgebrühte russische Propagandist versucht vor allem, der russischen Obrigkeit zu gefallen.

Es interessiert ihn überhaupt nicht, was die Führungen der postsowjetischen Staaten darüber denken, wie seine Äußerungen in Jerewan, Bischkek oder Taschkent kommentiert werden. Das Hauptziel der russischen politischen Führung ist die sogenannte „Korrektur des Fehlers von 1991“, also die Rückkehr der heutigen Russischen Föderation zu den Grenzen der Sowjetunion.

Beim FSB kann man sich bis heute nicht damit abfinden, dass die Zerschlagung des Parteiapparats und seine faktische Ersetzung durch Leute aus dem System des sowjetischen KGB nur dazu geführt hat, dass der ehemalige KGB heute lediglich jenen Teil des Territoriums der Sowjetunion kontrolliert, der zum Zeitpunkt des Zerfalls des kommunistischen Imperiums die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik war. Dabei wissen wir sehr genau, dass man an der Lubjanka mit der Kontrolle über die gesamte Sowjetunion gerechnet hatte. Deshalb war die Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepubliken eine so bittere Überraschung für die Tschekisten. Deshalb wird Wladimir Putin den Zerfall der Sowjetunion später als die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Deshalb wird der russische Präsident schon in seiner Zeit als Vizebürgermeister von Sankt Petersburg – man stelle sich das vor, bereits 1991 – den Bolschewiki vorwerfen, sie hätten durch die Schaffung der Unionsrepubliken selbst die Voraussetzungen für den Zerfall des einst durch den Bürgerkrieg zusammengeschweißten Imperiums geschaffen.

Und es ist klar, dass der brutale Krieg gegen die Ukraine Teil von Putins Bemühungen ist, diesen sogenannten Fehler von 1991 zu korrigieren. Denn Russland ging genau zu dem Zeitpunkt zu aktiven Kampfhandlungen gegen das Nachbarland über, als klar wurde, dass es – wenn auch in ferner Zukunft – objektive Möglichkeiten für einen Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union und zur NATO gibt und damit die Möglichkeit, ukrainische Gebiete einfach in die Russische Föderation einzugliedern, ohne einen ernsthaften Konflikt mit dem Westen, nicht mehr bestehen würde.

Seit 1991 versuchte Russland, die ehemaligen Sowjetrepubliken in einer Art geopolitischem Kühlschrank zu halten. Entweder sie schlossen sich prorussischen Projekten wie der OVKS oder der Eurasischen Wirtschaftsunion an oder bewahrten zumindest Neutralität. Sobald man in Moskau sah, dass eine ehemalige Sowjetrepublik in Richtung Westen driftete, verwandelte sie sich sofort in einen „Staat mit Handicap“, in ein Land mit unklaren Grenzen.

So war es in Moldau und Georgien. Russland hielt jahrzehntelang eine geopolitische Falle im Südkaukasus für Armenien und Aserbaidschan aufrecht. Sobald klar wurde, dass eine ehemalige Sowjetrepublik reale politische Alternativen bekam, begann sofort wirtschaftlicher oder sogar militärischer Druck.

Man kann sagen, dass der große Krieg Russlands gegen die Ukraine die Kulmination dieses Drucks ist. Doch erinnern wir uns an die Kriege in Moldau und Georgien schon in den 1990er Jahren. Erinnern wir uns an den Karabach-Konflikt, an die Konflikte in Zentralasien, an den Krieg Russlands gegen Georgien 2008 – und wir verstehen, dass der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, der 2014 mit der Okkupation und Annexion der Krim begann, die Kulmination jahrzehntelanger Bemühungen des Kremls ist, den Einfluss und die Souveränität der Nachbarstaaten zu zerstören und Bedingungen für ihre spätere Einverleibung zu schaffen.

Und selbst wenn Putin heute nicht mehr die Kräfte für solche Schritte hat, so sind die Wünsche doch geblieben. Und je weniger Zeit und Möglichkeiten für die vollständige Unterwerfung der Ukraine bleiben und je brutaler der Krieg gegen dieses Land wird, desto größer werden zumindest die propagandistischen Ambitionen des Kremls.

Deshalb beleidigt Wladimir Solowjow die Nachbarstaaten Russlands ganz bewusst und beruft sich dabei auf amerikanische Aktionen in Lateinamerika. „Wenn Trump das darf, dann dürfen wir es erst recht. Denn im Unterschied zu Trump haben wir unsere Nachbarländer nie als wirkliche Staaten betrachtet.“ Genau das lässt sich aus den beleidigenden Aussagen Solowjows herauslesen.

Deshalb ging der Fernsehmoderator auch bewusst auf diese Provokation ein – in dem Wissen, dass er damit die Menschen in den Nachbarstaaten Russlands beleidigt. Aber dafür wird es Putin gefallen und all jenen, die versuchen, den russischen Präsidenten davon zu überzeugen, dass seine Pläne, Russland wieder in die Sowjetunion zu verwandeln und ihn selbst zum Imperator eines prorussischen Reiches zu machen, früher oder später Wirklichkeit werden – notfalls durch neue blutige Kriege im postsowjetischen Raum.


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Titel des Originals: Соловьева назвали собакой | Виталий Портников. 13.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 13.01.2026.
Originalsprache: ru
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Die USA beschuldigen Russland | Vitaly Portnikov. 13.01.2025.

Bei der Sitzung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, die auf ukrainische Initiative nach dem Einsatz der Rakete „Oreschnik“ gegen das Gebiet der Region Lwiw in der Ukraine einberufen wurde, verurteilte die stellvertretende ständige Vertreterin der Vereinigten Staaten im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, Tammy Bruce, Russland für diesen Angriff.

„Dank der Führung von Präsident Trump befinden wir uns heute näher an einer Vereinbarung als jemals zuvor seit Beginn des Krieges. Dennoch setzt Russland seine neuen Angriffe auf die Ukraine fort, startet die nuklearfähige Rakete Oreschnik und richtet diese auf Gebiete der Ukraine, die nahe an den Grenzen zu Polen und zur NATO liegen“, sagte die Diplomatin und betonte, dass „dies eine weitere gefährliche Eskalation des Krieges zu einem Zeitpunkt ist, an dem die Vereinigten Staaten mit Kyiv, anderen Partnern und Moskau daran arbeiten, den Krieg durch Verhandlungen und Vereinbarungen zu beenden“.

Die Erklärung von Tammy Bruce ist die erste offizielle Reaktion der Vereinigten Staaten auf den Abschuss der Oreschnik-Rakete durch die Russische Föderation auf das Gebiet der Region Lwiw. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten weder der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump, noch Außenminister Marco Rubio, noch irgendeiner der hochrangigen amerikanischen Beamten die russischen Fähigkeiten oder ihre Eskalationsschritte im Krieg erwähnt. Hätte es die Sitzung des Sicherheitsrates, auf die die Ukraine gedrängt hatte, nicht gegeben, hätten wir womöglich auch diese Reaktion der US-Vertreterin im Sicherheitsrat nicht gehört.

Daraus lässt sich eine einfache Schlussfolgerung ziehen: In Washington hofft man weiterhin – entgegen jeder Logik – auf Vereinbarungen mit dem russischen Präsidenten Putin. Denn während Putin die Oreschnik gegen ukrainisches Gebiet nahe der polnischen Grenze einsetzt, also nahe der NATO, während Putin durch Raketenangriffe versucht, die ukrainische Energieinfrastruktur in der kältesten Phase des Winters zu zerstören, während russische Spitzenpolitiker neue Drohungen gegen die Ukraine und gegen europäische Staaten ausstoßen, erklären amerikanische Diplomaten, der Weg zu einer Einigung habe sich verkürzt und es gebe nun reale Chancen auf Vereinbarungen zur Beendigung des Krieges.

All diese Aussagen widersprechen, wie wir verstehen, dem gesunden Menschenverstand. Wäre der Weg zur Beendigung des Krieges wirklich kurz, würde Putin nicht versuchen, die Ukraine und Europa einzuschüchtern. Wäre der Weg zur Beendigung des Krieges kurz, würde Russland nicht versuchen, die ukrainische Energieversorgung zu zerstören. Wäre der Weg zur Beendigung des Krieges kurz, würde man in Moskau nicht davon sprechen, dass die Ziele der sogenannten „Spezialoperation“, die nun schon fast vier Jahre andauert, erreicht werden müssten, sondern man würde nach Kompromissen durch Verhandlungen suchen.

Sogar auf derselben Sitzung des Sicherheitsrates, bei der die amerikanische Diplomatin Russlands Positionen verurteilte, rechtfertigte der ständige Vertreter der Russischen Föderation beim UN-Sicherheitsrat, der berüchtigte Wassilij Nebensja, die Handlungen Russlands und drohte mit der Fortsetzung der Angriffe auf die Ukraine – das heißt, er bestätigte faktisch die Notwendigkeit einer weiteren Eskalation durch die russische politische Führung.

Man kann also feststellen, dass Putin seine Taktik fortsetzt, die er seit dem ersten Tag von Donald Trumps Rückkehr ins Oval Office verfolgt. Er streitet sich nicht persönlich mit Trump, ist bereit zu Gesprächen mit dem amerikanischen Präsidenten und sogar bereit, ihn selbst anzurufen, wenn er an einer Lockerung der US-Sanktionen gegen Russland oder an der Blockierung der Bemühungen des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky interessiert ist. Aber abgesehen von persönlichen Komplimenten gegenüber Trump ist Putin nicht bereit, irgendwelche konkreten Schritte zu unternehmen, die zum Ende des russisch-ukrainischen Krieges führen könnten. Im Gegenteil: Er nutzt Trumps Präsenz im Weißen Haus, um den Krieg fortzusetzen – trotz der Tatsache, dass es ihm nicht gelingt, die seit 2014 laufende Sanktionsmaschine Washingtons gegen Russland zu stoppen.

Damals sprach der Präsident der Vereinigten Staaten Barack Obama vom kumulativen Effekt der Sanktionen. Jetzt, im Jahr 2026, beginnen Beobachter zu glauben, dass die amerikanischen Sanktionen endlich Wirkung zeigen und ernste Probleme für die russische Wirtschaft sowie den Öl- und militärisch-industriellen Komplex verursachen könnten. Doch wann genau diese Sanktionen Putin tatsächlich zwingen werden, den Krieg zu beenden, weiß heute niemand – denn niemand kennt den wirklichen Zustand der russischen Wirtschaft und niemand weiß, wie lange Putin bereit ist, diesen Zustand zu ignorieren, solange ihm noch Ressourcen für den Krieg gegen unser Land zur Verfügung stehen.

Und aus dieser Sicht ist nicht entscheidend, dass die Vereinigten Staaten russische Handlungen gelegentlich selbst auf höchster Ebene verurteilen. Und nicht einmal, dass Präsident Donald Trump, der aus für niemanden nachvollziehbaren Gründen weiterhin von seinen guten Beziehungen zu Putin spricht – obwohl dieser sich offen über seinen amerikanischen Kollegen lustig macht –, von Zeit zu Zeit Enttäuschung über Putins Verhalten äußert. Der eigentliche Punkt ist: Der Verhandlungsprozess mit dem russischen Präsidenten treibt Putin zu härteren und entschlosseneren Maßnahmen gegen die Ukraine. Das muss jeder verstehen, der die heutige Politik verfolgt.

Das ist Ausdruck der russischen politischen Kultur. Wenn Russen sehen, dass man mit ihnen verhandeln will, sind sie überzeugt, dass sie noch brutalere Schritte gegen den Feind unternehmen müssen, um ihn zur Kapitulation zu zwingen.

Für den Westen sind Verhandlungen Teil einer Kultur, die Kriege und das Töten von Menschen beenden kann – und das hat auch Donald Trump selbst oft gesagt. Für Putin sind Verhandlungen ein Zeichen von Schwäche und ein Anlass, die Eskalation fortzusetzen und weiter zu töten, um das angegriffene Land zur Kapitulation und seine Verbündeten zur Einstellung der Hilfe zu zwingen.

Und man sollte nicht glauben, dass Putin aus diesem Verhandlungsprozess nicht schon Ziele erreicht hätte. Er hat sie erreicht. Dazu gehört, dass die Vereinigten Staaten – worauf Trump und seine Administration stolz verweisen – die Hilfe für die Ukraine eingestellt haben und uns nun Waffen nur noch verkaufen. Das ist einer der größten Fehler des „neuen alten“ amerikanischen Präsidenten. Dazu gehört auch, dass durch amerikanische Bemühungen die eingefrorenen Vermögenswerte der Russischen Föderation nicht beschlagnahmt wurden. Wie bekannt, überzeugten amerikanische Diplomaten die Europäer davon, dass ein solcher Schritt den erfundenen Friedensplan Trumps gefährden würde – einen Plan, den Russland ohnehin nicht umzusetzen gedenkt. Dazu gehören schließlich auch die Spaltungen unter den Verbündeten in der Frage der Beendigung des Krieges sowie die Notwendigkeit, Donald Trump ständig zu schmeicheln, damit er nicht auf die Seite seines russischen Amtskollegen wechselt.

Man kann daher klar sagen: Eine der Ursachen für Putins Brutalität und Beharrlichkeit ist gerade der von Donald Trump initiierte Verhandlungsprozess. Trumps Wunsch, mit dem russischen Präsidenten zu sprechen und Putin aus der internationalen Isolation herauszuführen, ist entscheidend. Trump glaubte offenbar, dass die Weigerung von Präsident Joe Biden, nach Beginn des groß angelegten Krieges gegen die Ukraine mit Putin zu sprechen, der Grund dafür sei, dass Putin den Krieg fortsetze – während ein Dialog ihn zum Aufhören bewegen würde.

Nun, wie in so vielen anderen Fällen hat Trump einen grundlegenden und schweren Fehler begangen – dessen Folgen wir heute alle zu spüren bekommen.


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Titel des Originals: США звинувачують Росію | Віталій Портников. 13.01.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 13.01.2025.
Originalsprache: uk
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Das „Oreschnik“-Signal | Vitaly Portnikov. 12.01.2025.

https://hromada.us/uk/articles/2026/01/12/the-oreshnik-signal?fbclid=IwZnRzaAPTL3lleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEeIeQY_OUSrmcmt57E3X-R8omgtD-f6UtlbEWUbmeqXcWe8P-JuKntpTwOlNM_aem_1YUz26sc6_1biC3U53965w

Ein weiteres barbarisches Bombardement Kyivs und anderer ukrainischer Städte durch die Russen – und in diesem Fall ist das Wort „barbarisch“ keine pathetische Übertreibung, denn es geht um den Versuch, Millionen Menschen auf dem Höhepunkt der Winterkälte Heizung und Wasser zu nehmen – wurde von einem Schlag mit dem berüchtigten russischen „Oreschnik“ gegen die Region Lwiw begleitet.

Es ist bereits der zweite derartige Angriff nach dem demonstrativen Schlag auf Dnipro. Offensichtlich war der erste Angriff dazu gedacht, zu zeigen: Russland verfügt über ein Waffensystem, das den Luftabwehrsystemen, die die Ukraine schützen, nicht unterliegt. Aber wozu dann der zweite?

Meiner Ansicht nach ist das in letzter Linie der Versuch, die Ukrainer einzuschüchtern. Die Ukrainer werden mit dem gesamten Arsenal an Mitteln, das Putin zur Verfügung steht, zur Kapitulation gezwungen – und der „Oreschnik“ spielt dabei längst nicht die Hauptrolle, verglichen mit dem menschenfresserischen Wunsch, Kyiv oder Odesa „einzufrieren“. Aber die Europäer will Putin erschrecken.

Ich habe bereits mehrfach gesagt, dass Putin ein schnelles Ende des Krieges nicht weniger, vielleicht sogar mehr wünscht als Trump oder die Ukrainer. Er kann sich der schwierigen Lage seiner Wirtschaft und der enormen Verluste der russischen Armee an der ukrainischen Front nicht entziehen. Doch der russische Machthaber will, dass der Krieg zu seinen Bedingungen endet – zu Bedingungen der Kapitulation der Ukraine.

Und Putin kann durchaus glauben, dass gerade die Europäer mit ihrer Bereitschaft, der Ukraine zu helfen, diesen Traum verhindern. Die Entscheidung der EU, der Ukraine einen Zuschuss von 90 Milliarden Dollar zu gewähren – Gelder, die es der Ukraine ermöglichen werden, die nächsten zwei Jahre durchzuhalten – war für den russischen Präsidenten eine unangenehme Überraschung. Ebenso wie die Bereitschaft der führenden europäischen Länder, weiterhin über ein eigenes Militärkontingent auf ukrainischem Boden zu diskutieren.

Zwar ist derzeit noch von einer Stationierung dieser Truppen erst nach einem Friedensabkommen und einem Waffenstillstand die Rede. Doch niemand weiß, wie sich die Situation entwickeln wird, wenn endgültig klar wird, dass Putin gar keinen Frieden will. Deshalb muss der russische Präsident dafür sorgen, dass die Europäer bis dahin eingeschüchtert sind und nicht einmal mehr von irgendeiner militärischen Präsenz zu träumen wagen.

Und natürlich ist das auch ein Signal an Trump – damit der amerikanische Präsident nicht einmal daran denkt, irgendwelche Friedensbedingungen mit Volodymyr Zelensky und den europäischen Führern abzustimmen. Er soll begreifen: Verhandelt werden muss nur mit Putin und ausschließlich zu dessen Bedingungen. Und Zelensky sowie die Europäer sollen einfach über das informiert werden, worauf sich Putin und Trump geeinigt haben, und gezwungen werden, diesen Vorschlägen zuzustimmen. Andernfalls – Krieg und „Oreschnik“.

Ich behaupte natürlich nicht, dass Putin blufft. Den Gegner zu unterschätzen – und erst recht seine Unberechenbarkeit und Verbissenheit – ist ein direkter Weg in Niederlage und Zusammenbruch. Putins Handlungen und Absichten müssen als reale und ernste Bedrohung verstanden werden. Und als Drohung.

Aber auch Drohungen kann man unterschiedlich begegnen. Man kann sich fürchten und versuchen, auf den Bedingungen des Aggressors zu einem Einvernehmen zu kommen. Oder man kann eigene Signale der Stärke finden – zumal Putin auf solche Signale in der Regel keine wirkliche Antwort hat.

Er konnte seinem Verbündeten Baschar al-Assad, der aus Syrien Hals über Kopf nach Moskau fliehen musste, nicht helfen. Er konnte auch seinem Verbündeten Nicolás Maduro nicht helfen, der sich vor Gericht in New York wiederfand. Und erinnern wir uns daran, wie er 2014 seiner jämmerlichen Marionette Viktor Janukowytsch nicht helfen konnte, als dieser bis nach Rostow davonlief.

Wenn man also mit Putin in der Sprache von Druck, Sanktionen und der Zerstörung seiner Energiekonzerne spricht – dann versteht er das.

Wenn er jedoch sieht, dass man versucht, mit ihm zu verhandeln – dann startet er den „Oreschnik“ nahe den europäischen Grenzen.


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Titel des Originals: Сигнал «Орєшніком». Віталій Портников. 12.01.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 12.01.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Die ukrainische Flagge über Kupjansk | Vitaly Portnikov. 12.01.2025.

Die Kämpfer der Brigade „Chartija“ haben die Flagge über dem Rathaus der ukrainischen Stadt Kupjansk gehisst und setzen die Säuberung der Stadt von den russischen Invasoren fort. Das hat eine symbolische Bedeutung vor dem Hintergrund des bekannten Berichts des Chefs des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation und Leiters der sogenannten „Spezialoperation“ in der Ukraine, General Waleri Gerassimow, der noch vor einigen Monaten dem russischen Präsidenten Putin die Einnahme von Kupjansk gemeldet hatte. Doch es kam anders als gedacht. Es stellte sich heraus, dass die Ressourcen der ukrainischen Streitkräfte – zumindest zum heutigen Zeitpunkt – ausreichen, um diesen aggressiven Versuchen der Russen entgegenzutreten.

Kupjansk ist für Putin nicht einfach nur eine weitere Stadt in der Region Charkiw. Es ist ein Beweis dafür, dass Russland in Regionen außerhalb der sogenannten Annexionzone Gebiete erobern kann. Und es ist die Vorbereitung auf eine neue Annexion. Man sollte daran erinnern, dass russische Truppen Kupjansk im Jahr 2022 nach der Besetzung zum „zeitweiligen Gebietszentrum“ der Region Charkiw erklärten – nicht zufällig. Kupjansk sollte zur Basis für ein weiteres Scheinreferendum werden.

Ohne das mutige Handeln der ukrainischen Streitkräfte habe ich keinen Zweifel, dass die gefälschten Referenden, die in den Regionen Saporischschja und Cherson stattfanden und zur Ausrufung der besetzten Gebiete dieser ukrainischen Regionen als „unabhängige Staaten“ mit anschließender Annexion durch Russland führten, ebenso in Kupjansk durchgeführt worden wären. Und natürlich hätte die Russische Föderation bei allen Verhandlungen danach nicht nur Ansprüche auf die Gebiete der Regionen Donezk, Luhansk, Cherson, Saporischschja und der Autonomen Republik Krim erhoben, sondern auch auf das Gebiet der Region Charkiw und selbstverständlich die Übergabe der Gebietshauptstadt Charkiw verlangt – unter dem Vorwand, dass die Bewohner der Region Charkiw für einen eigenen unabhängigen Staat und dessen Anschluss an Russland gestimmt hätten.

Natürlich hat das nichts mit internationalem Recht oder gesundem Menschenverstand zu tun. Doch wir haben längst gelernt, dass der russische Präsident weder innerhalb des internationalen Rechts handelt noch sich für gesunden Menschenverstand interessiert – ihn interessiert ausschließlich Macht. Und seitdem im Oval Office ein Präsident der Vereinigten Staaten sitzt, der bereit ist, mit Putin sogar über den russischen Status der besetzten Krim und sogar über den Abzug ukrainischer Truppen aus jenen Gebieten der Region Donezk zu sprechen, die von der legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert werden – was hätte Putin davon abhalten sollen, auch noch die Region Charkiw zu fordern?

Doch wie wir sehen, wurden diese Pläne der russischen Besatzer in den Jahren 2022–2023 von den Verteidigungskräften der Ukraine vereitelt. Und Gerassimow suchte lange nach Möglichkeiten, eine neue Offensive in der Region Charkiw zu beginnen.

Kupjansk sollte die Stadt werden, in der erneut eine regionale Besatzungsverwaltung ihre Arbeit aufnehmen würde – eine Stadt, in der ein neues Referendum über die Ausrufung eines „unabhängigen Staates Region Charkiw“ und dessen Beitritt zur Russischen Föderation vorbereitet worden wäre.

Genau das, so scheint mir, sind Putins Pläne für das neue Jahr 2026. Nein, nicht das Ende der Kampfhandlungen. Nein, nicht irgendwelche Vereinbarungen mit Donald Trump über einen Waffenstillstand – sondern ein neues Referendum und neue Ansprüche auf eine weitere ukrainische Region.

Das ist die Logik von Putins Abnutzungskrieg: nicht nur seine barbarischen Angriffe auf ukrainische Städte, nicht nur der Versuch, die Ukrainer zu erfrieren und ihnen die Energieinfrastruktur zu nehmen, nicht nur Forderungen nach Übergabe von Gebieten, die Moskau nicht kontrolliert – sondern auch neue Referenden, neue Annexionen und natürlich neue Föderationssubjekte in der russischen Verfassung.

Ein Imperium wie Putins Staat kann seinen eigenen Bürgern seinen Sinn nur beweisen, wenn es sein Territorium erweitert. Das rechtfertigt die Verschärfung des Totalitarismus, neue Kriege gegen Nachbarstaaten und auch die Verschlechterung des Lebens der einfachen Russen. Denn was zählt der Lebensstandard, wenn das Territorium wächst? Davon wurden die Russen überzeugt – seit den ersten Jahrzehnten des Moskauer Zarenreiches, des Russischen Imperiums und der Sowjetunion. 

Und schließlich ist Putin zu dem zurückgekehrt, wozu der russische Staat immer existierte: nicht damit die Menschen gut leben, nicht damit sie Zukunftsperspektiven haben, sondern um neue Gebiete zu erobern, die Nachbarn zu vertreiben, sich an ihrer Stelle anzusiedeln und all in Zerstörung und Rückständigkeit zu stürzen.

Dass das in Kupjansk zumindest heute nicht gelingt, ist eine echte Heldentat der ukrainischen Verteidigungskräfte, eine echte Heldentat der Chartija und aller anderen ukrainischen Soldaten, die für die Region Charkiw kämpfen. Es ist der Beweis dafür, dass alle Putinschen Bemühungen zur territorialen Ausdehnung und Annexion letztlich vergeblich sind.

Und selbst wenn Donald Trump weiterhin amerikanische Journalisten davon zu überzeugen versucht, dass die Ukraine keine Karten in der Hand habe und ihre einzige Karte darin bestehe, dass der amerikanische Präsident jederzeit bereit sei, Putin anzurufen und ihm sogar zu applaudieren, wie es in Anchorage geschehen ist – in Wahrheit ist die wichtigste Karte der Ukraine ganz etwas anderes. Es ist nicht Trump mit seinen widersprüchlichen Ideen und seiner völligen Missachtung des internationalen Rechts, die sich praktisch während seines gesamten Aufenthalts im Oval Office zeigt. Die wichtigste Karte der Ukraine sind ihre Streitkräfte und ihre Bürger, die bereit sind, für die Existenz und Rettung des ukrainischen Staates zu kämpfen.

Und genau das kann Putin offenbar nicht einrechnen. Denn ein russischer Präsident, der seine eigenen Landsleute zu Menschen gemacht hat, die keinen Einfluss auf die Ereignisse in ihrem eigenen Land haben, glaubt, dass es mit den Ukrainern genauso kommen wird – und dass jene Gebiete, die er Russland einverleiben will, früher oder später in die Hände seiner Armee fallen. Und diese Armee ist sogar bereit, Putin schon vorab von Erfolgen zu berichten – nur um dann festzustellen, dass sie sich selbst getäuscht hat. Und die ukrainische Flagge über dem Rathaus von Kupjansk ist ein guter Beweis für dieses Fiasko der Gerassimow’schen Lügen und Propaganda.


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Titel des Originals: Український прапор над Куп’янськом | Віталій Портников. 12.01.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 12.01.2025.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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1418: die Zahl von Putins Niederlage | Vitaly Portnikov. 12.01.2025.

„Ich habe im Krieg keine Tagebücher geführt. Doch 1418 feurige Tage und Nächte werde ich nicht vergessen.“

Diese Worte, mit denen die sogenannten Memoiren des Generalsekretärs des Zentralkomitees der KPdSU Leonid Breschnew, „Kleines Land“, begannen, kennt jeder, der die sowjetische Epoche durchlebt hat. Denn Breschnews Memoiren wurden im Fernsehen und im Radio vorgelesen und sogar in der Schule behandelt.

Damit verlieh der damalige Führer des sowjetischen Staates den 1418 Tagen, während derer der Zweite Weltkrieg auf dem Territorium der Sowjetunion tobte, eine zusätzliche sakrale Bedeutung. Und dieses Datum ist für viele bis heute sakral. Darüber spricht man heute in der Ukraine, darüber sprechen russische Propagandisten, darüber spricht man auch im Westen.

Nach 1418 Tagen war der Zweite Weltkrieg in Europa beendet. Das nationalsozialistische Deutschland hatte vor den Alliierten kapituliert. Die Truppen der Sowjetunion, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten standen auf deutschem Territorium, und die Regierung Deutschlands war gezwungen, den Widerstand einzustellen.

Nach 1418 Tagen des russischen Krieges gegen die Ukraine können wir hingegen von keinerlei realem Ergebnis sprechen. Wie wir sehen, greifen russische Truppen weiterhin in der Region Donezk an – dort, wo ihre Offensive nicht erst 2022, sondern bereits 2014 begann, als die ersten Saboteure auf Befehl Putins in die Ukraine kamen, um unseren Staat zu destabilisieren und schließlich zu zerstören. Die Ukraine hält den Schlägen der Raketenarmeen der Russischen Föderation stand, zerstört jedoch zugleich selbst den Ölraffineriekomplex und strategische Objekte Russlands.

Doch all das führt nicht zu einem wirklichen Wendepunkt im Krieg. Genau davon spricht der amerikanische Präsident Donald Trump, wenn er seinen russischen Amtskollegen fragt: „Was machst du seit vier Jahren in der Ukraine? Warum tötest du so viele Menschen? Solltest du nicht darüber nachdenken, dieses blutige Gemetzel zu beenden?“

Doch diese Gedanken erreichen ihren Adressaten kaum, denn Putin folgt einer völlig anderen Logik, wie kürzlich einer der führenden russischen Politologen, Fjodor Lukjanow, sagte: „Für die russische Führung ist der Krieg zu einem Zustand geworden, nicht nur zu einem Ziel.“

Im Zweiten Weltkrieg ging es darum, das Regime Hitlers zu vernichten und eine neue Weltordnung zu schaffen. Stalin glaubte, dass diese neue Ordnung zu seinem Vorteil sein würde.

Putin weiß, dass er ein Land führt, das den Wettbewerb mit der zivilisierten Welt verloren hat, das faktisch zu einem Satelliten des benachbarten China wird und das den Vereinigten Staaten und Europa in Friedenszeiten nichts Reales entgegensetzen kann. Doch im Krieg verwandelt sich Russland in einen echten geopolitischen Faktor.

Gerade deshalb ist für Russland heute ein langjähriger Abnutzungskrieg wichtig. Und wenn es ein Kriegsende geben soll, dann nur eines, das die ukrainische Staatlichkeit zerstört und es ermöglicht, anderen Ländern zu drohen – also den Krieg auf andere Fronten auszudehnen.

Wenn wir also sagen, Putin sei an einem schnellen Ende des Krieges durch die Kapitulation der Ukraine interessiert, dann nicht, um Frieden in Europa zu schaffen, sondern um ukrainische Bürger in neue und neue Kriege zu treiben, an denen die Russische Föderation interessiert ist.

Lukjanow erinnert an die jahrzehntelangen Kriege zwischen Russland und Schweden. Man kann auch die Kriege zwischen Russland und dem Osmanischen Reich erwähnen. Oder den Dreißigjährigen Krieg in Europa. Das ist genau jener sogenannte Kriegszustand, der im 21. Jahrhundert völlig anachronistisch und fehl am Platz erscheint. Doch auch die russische Staatlichkeit selbst ist heute anachronistisch.

Deshalb berufen sich ihre Führer so oft auf eine ferne Vergangenheit und blicken nicht in die Zukunft. Deshalb kann der Abnutzungskrieg gegen die Ukraine aus Putins Sicht so viele Jahre dauern, wie nötig sind, um diesen Kriegszustand aufrechtzuerhalten und das Ziel zu erreichen, Russland wieder an die Grenzen der Sowjetunion von 1991 zu führen.

Aus dieser Perspektive sind 1418 Tage Krieg, in denen Moskau seine imperialistischen Ziele nicht erreichen konnte, für den russischen Präsidenten keine sakrale Zahl, kein Zeichen einer Niederlage Russlands und nicht einmal ein neuer Abschnitt, sondern nur der Anfang jener Ereignisse, die beweisen sollen, dass Russland nur im Zustand des Krieges seine Feinde besiegen und ihnen einen Dialog aufzwingen kann.

Und tatsächlich: Noch vor wenigen Jahren, in den ersten Jahren dieses grausamen Krieges, hätte niemand gedacht, dass der Präsident der Russischen Föderation in die Vereinigten Staaten fliegen würde und der Präsident der Vereinigten Staaten dem russischen Führer – einem Kriegsverbrecher und Mörder – applaudieren würde. Doch 2025 haben wir alle diesen Applaus gesehen. 

Auch Putin sah ihn und überzeugte sich davon, dass der Kriegszustand das ist, was ihn zu einem realen Partner Donald Trumps macht. Und jeder neue Monat von Verhandlungen über ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges, die zu nichts Reellem führen, wird den russischen Präsidenten nur noch mehr in der Überzeugung bestärken, dass er die Kampfhandlungen fortsetzen muss, um unser Land zu zerstören und die Ukrainer aus den Grenzen ihres Staates und ihrer ethnischen Gebiete zu verdrängen.

Gibt es einen wirklichen Ausweg aus dieser Situation, die vielen längst völlig ausweglos erscheint und die am 24. Februar 2022 in eine echte Sackgasse geraten ist? Natürlich gibt es ihn. Und ich erinnere immer wieder daran.

Dann, wenn die Russische Föderation ihre realen materiellen und demographischen Ressourcen für die Fortsetzung des Krieges gegen die Ukraine verliert, kann man davon sprechen, dass wir uns in einem Tunnel befinden, in dem Licht erscheint – das Licht eines Friedensprozesses.

Damit dies geschieht, muss – wie ihr versteht – alles getan werden, um wirtschaftlichen und politischen Druck auf Russland auszuüben: die Zerstörung seiner Ölraffinerien, Sanktionen gegen den Ölverkauf, die Festsetzung russischer Tanker. All das arbeitet gegen Präsident Putin und seinen Wunsch, den Kriegszustand über lange, bittere Jahrzehnte aufrechtzuerhalten.

Deshalb sollte man, wenn man über diese 1418 Tage spricht, nicht über Zahlen nachdenken, sondern über die Möglichkeiten weiteren Drucks auf Russland und Putin: über die Zerstörung politischer Autoritäten in der russischen Führung, die an einen Dialog mit den Vereinigten Staaten glauben, über die Zerstörung des wirtschaftlichen – also des energetischen – Potenzials Russlands und natürlich über die Verringerung der Zahl derjenigen, die bereit sind, für Geld Ukrainer zu töten.

Und dann werden wir sagen können, dass wir uns dem Ende des russisch-ukrainischen Krieges nähern.


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Veröffentlichung / Entstehung: 12.01.2025.
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„Wir haben die Chance verloren, unseren eigenen Churchill zu haben“, – Portnikov. 10.01.2026.

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Wenn wir über Winston Churchill und seine Rolle bei der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit sprechen, ist es wichtig, eines zu verstehen: Die Initiative ging nicht von ihm aus. Es war nicht Churchill, der nach seinem Amtsantritt als Premierminister beschloss, die Nation zu einen – es war die Initiative seiner Partei. Die Konservative Partei, die im Parlament über eine Mehrheit verfügte und die existenzielle Bedrohung für das Land erkannte, wandte sich an die Labour-Partei mit dem Vorschlag, sich für die gemeinsame Sache zusammenzuschließen.

Die Labour-Partei stimmte zu. Sie stellte jedoch eine Bedingung: Sie sei bereit zu einer Regierung der nationalen Einheit – aber nicht unter der Führung von Neville Chamberlain. Denn gerade er hatte als Premierminister das Land in den Krieg geführt. Seine Weigerung, die Realität zu sehen, seine Unterschätzung der Bedrohung durch Nazideutschland – all das machte ihn zu einer für die nationale Einheit untragbaren Figur. Und so fanden die Konservativen selbst eine Kompromissfigur – eine Person mit der nötigen Erfahrung, Autorität und Vision. Das war Winston Churchill.

Die Geschichte hätte auch ganz anders verlaufen können. Bis zu diesem Zeitpunkt war Churchills politische Karriere praktisch beendet. Er war nicht der Vorsitzende seiner Partei, nicht die Nummer eins auf den Wahllisten. Ohne die Regierung der nationalen Einheit wäre er höchstwahrscheinlich ein einfacher Abgeordneter geblieben. Doch dank der Entscheidung der Eliten und der Bereitschaft zur gemeinsamen Verantwortung erhielt das Land Churchill.

Das ist eine wichtige Analogie für uns. Hätte Volodymyr Zelensky im Jahr 2022 die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit initiiert und dies mit den Führern der politischen Kräfte abgestimmt, hätte die Ukraine eine von allen akzeptierte Figur bekommen. Und genau diese Person hätte unser Churchill werden können. Nicht Zelensky selbst, nicht jemand aus eigenem Ehrgeiz – sondern jene Persönlichkeit, die alle im Kampf ums Überleben vereint hätte. Doch diese Chance wurde verpasst.

In gewisser Hinsicht übernahm Valery Zaluzhny vorübergehend diese Rolle im öffentlichen Bewusstsein. Für viele wurde gerade er zu jener Figur des nationalen Widerstands, die man mit Entschlossenheit, Strategie und Verantwortung verband. In ihm sah man damals einen Churchill. Und gerade deshalb hätte seine Rückkehr in die ukrainische Politik während des Krieges ein starkes Signal sein können – ein Zeichen dafür, dass der Präsident bereit ist, Garant der Einheit zu sein und nicht ein alleiniger Akteur.

Doch wir wählten einen anderen Weg. Wir begannen, Volodymyr Zelensky selbst mit Churchill zu vergleichen. Obwohl er im Grunde eine ganz andere Rolle spielt – die von König Georg VI., dem britischen Monarchen in den Kriegsjahren. Erinnert ihr euch, was Georg tat? Er wandte sich an das Volk, gab Signale der Hoffnung, hielt Ansprachen und bewahrte das moralische Zentrum des Landes.

Doch ein Führer, der sich an die Nation wendet, ist nicht immer derjenige, der eine siegreiche Strategie entwickelt. Manchmal muss man die Grenzen seiner eigenen Funktion erkennen und jemanden finden, der ergänzt – nicht ersetzt. Jemanden, der Churchill nicht der Analogie nach, sondern dem Ergebnis nach wird.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Ми втратили можливість мати власного Черчилля, – Портников. 10.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 10.01.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Der ukrainische Sicherheitsdienst nimmt Putins Schule ins Visier | Vitaly Portnikov. 11.01.2026.

Der Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) hat mit Überprüfungen in einem Kloster der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats im Kyiver Stadtteil Holossijiw begonnen, nachdem meine Kollegen dort das Vorhandensein einer Untergrundschule entdeckt hatten, die die Werte der sogenannten „russischen Welt“ propagierte.

Viele sahen allein in der Existenz einer solchen Schule und in den Einstellungen der Eltern, die beschlossen hatten, ihre Kinder nicht einmal nach russischen, sondern sogar nach sowjetischen Lehrplänen und Narrativen zu unterrichten, eine schockierende Nachricht – ein Beweis dafür, dass sich die Gesellschaft im Krieg nicht so schnell verändert, wie wir es uns gewünscht hätten.

Doch meiner Ansicht nach ist dies eher eine gute Nachricht als eine katastrophale Sensation. Denn erinnern wir uns daran, dass noch vor zwölf Jahren, vor der Annexion der Krim und dem Beginn des nicht erklärten Krieges im Donbas, russische und sowjetische Narrative in der ukrainischen Gesellschaft vorherrschten. Es genügte, die führenden Fernsehsender einzuschalten, Radiosender zu hören oder zu lesen, was Journalisten auf von Moskau beeinflussten Internetseiten schrieben, um zu begreifen, wie viel Moskau tat, um seine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft zu propagieren.

Und übrigens endete das auch nach 2014 keineswegs. Mehr noch: Das Verschwinden der russischen Fernsehsender aus dem ukrainischen Äther führte zur Entstehung einer ganzen Reihe prorussischer Kanäle, die unter Beteiligung desselben Viktor Medwedtschuk finanziert wurden. Und wie wir uns gut erinnern, arbeiteten auf diesen Sendern führende Journalisten, die heute noch immer auf dem ukrainischen Medienmarkt tätig sind und Patriotismus spielen, ohne auch nur zu erwähnen, welche zerstörerische Rolle sie damals bei der Vernebelung des Bewusstseins der ukrainischen Gesellschaft gespielt haben.

Und dann das Bildungssystem. Das Bildungssystem blieb jahrzehntelang der ukrainischen Unabhängigkeit hindurch sowjetisch – also im Grunde prorussisch. Dass wir heute nur von einigen Dutzend Kindern und Familien sprechen, zeigt, dass der Einfluss Russlands auf die ukrainische Zivilisation abnimmt.

Doch der Wahrheit halber muss man auch sagen: Der Krieg ändert solche Einstellungen nicht unbedingt – er verschärft vielmehr die Vorstellungen der Menschen darüber, wie sie auf Gefahr reagieren sollen. Krieg erzeugt zunächst den Wunsch nach Rache für Erniedrigung und Leid, und danach beginnt die Suche nach Schuldigen. Und die russische Propaganda wird auch hier alles daransetzen, die Ukrainer dazu zu bringen, die Verantwortung jenen zuzuschieben, die das Land verteidigen, und nicht denen, die es angegriffen haben.

Diese Erfahrung kennen wir leider sehr gut aus dem Jahr 2019, als viele ukrainische Bürger glaubten, nicht Putin, sondern gerade die ukrainische Regierung habe ein Interesse an der Fortsetzung des Krieges – obwohl Putin damals wie heute keinerlei Wunsch hatte, seine Aggression gegen die Ukraine zu beenden, bis zur Zerstörung des ihm verhassten Staates.

Deshalb müssen wir in erster Linie darüber nachdenken, wie wir in Zukunft mit der Gesellschaft arbeiten. Die Fortsetzung des Krieges über viele schwere Jahre ist eine Herausforderung. Das Ende des Krieges – falls es den westlichen Staaten gelingt, Druck auf den russischen Präsidenten auszuüben und ihn zur Einstellung der Kampfhandlungen zu zwingen – ist eine andere.

Denn ein Waffenstillstand würde bedeuten, dass Russland zur Strategie der Provokation und Destabilisierung der Ukraine übergeht, zu politischem und wirtschaftlichem Einfluss, unter Einbeziehung jener westlichen Geschäftsleute und Politiker, die daran interessiert sein werden, gemeinsam mit Russland Geld zu verdienen und die Ukraine eher als Instrument zur eigenen Bereicherung in neuen Geschäften mit dem Kreml zu nutzen. All das sind reale Gefahren.

Die Ausbildung einiger Dutzend Kinder in einem Kloster der russischen Kirche ist gerade ein Zeichen dafür, wie sich die gesellschaftlichen Stimmungen verändern. Wir dürfen nicht vergessen, dass dies ein Kloster einer Kirche ist, die jahrhundertelang von Moskau zur Russifizierung der Ukrainer benutzt wurde, um ihnen einzureden, dass Großrussen, Kleinrussen und Belarussen ein einziges russisches Volk seien. Und man muss daran erinnern, dass gerade in der Russisch-Orthodoxen Kirche diese Idee selbst dann nicht aufgegeben wurde, als die sowjetischen Bolschewiki – erschrocken über das Ausmaß der nationalen Befreiungsbewegung in der Ukraine – der Schaffung einer staatlichen Fassade in Form der Ukrainischen SSR zustimmten.

Daher muss man immer daran denken, dass der Erhalt der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats als mit dem Kreml verbundene Institution auch eine zivilisatorische Gefahr für die Zukunft darstellt. Es wird notwendig sein, alles zu tun, damit diese religiöse Organisation sich endlich nicht nur deklarativ, sondern real von der Moskauer Patriarchie, von der „russischen Welt“ und letztlich von der russischen politischen Führung lossagt, die die Ideologie und das Handeln der Russisch-Orthodoxen Kirche im Grunde schon seit den Zeiten von Peter dem Großen bestimmt. Man muss sich vor diesen Herausforderungen nicht fürchten. 

Der Sicherheitsdienst der Ukraine wird die Identität jener Bürger nicht verändern, denen die ukrainische Staatlichkeit gleichgültig ist. Der Sicherheitsdienst wird auch nicht die Identität jener ändern, die möchten, dass die Ukraine Teil der „russischen Welt“ wird. Nur eine durchdachte staatliche Bildungs- und Medienpolitik kann die Ukrainer in einigen Jahrzehnten zu einer echten, nicht nur deklarierten politischen Nation machen – von Uschhorod bis Charkiw.

Doch bis dahin – und das muss jeder verstehen, der in die ukrainische Zukunft blickt – stehen uns noch viele elektorale Schocks bevor, die unüberwindbar erscheinen werden und nach denen viele glauben werden, dass man sich von der Zukunft der ukrainischen politischen Nation und Identität verabschieden müsse. Das wird nicht geschehen. Bei richtigem Vorgehen werden einige Jahre, die für das Überleben der ukrainischen Nation im Krieg entscheidend sind, gefolgt von einigen Jahrzehnten der Entwicklung, ihre Früchte tragen. Und die Zahl der Menschen, die bereit sind, Untergrundschulen der „russischen Welt“ in Holossijiw zu besuchen, wird nie wieder wachsen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: СБУ взялася за школу Путіна | Віталій Портников. 11.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.01.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Trump bereitet die Einnahme Grönlands vor | Vitaly Portnikov. 11.01.2025.

Der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump hat laut der Zeitung Daily Mail den Spezialeinsatzkräften den Auftrag erteilt, ein Szenario für eine mögliche gewaltsame Übernahme der Kontrolle über Grönland auszuarbeiten.

Vorerst ist dies nur einer von mehreren Plänen, und laut der Zeitung wurde er von der militärischen Führung der USA blockiert. Doch allein die Tatsache, dass ein solches Szenario nun nicht nur politisch, sondern auch institutionell geprüft wird, zeigt, dass sich der Einfluss jenes Flügels in der US-Regierung verstärkt, der davon überzeugt ist, dass Probleme in den Beziehungen zu Amerikas Verbündeten mit Gewalt gelöst werden können.

Offensichtlich wurde dieser Flügel noch stärker, nachdem es amerikanischen Spezialeinheiten gelungen war, in der venezolanischen Hauptstadt Nicolás Maduro festzunehmen und den venezolanischen Präsidenten in die Vereinigten Staaten zu bringen. Es ist klar, dass ein militärischer Schritt der USA zur Einnahme Grönlands die Beziehungen zu den europäischen Verbündeten ernsthaft verändern und die Existenz der NATO selbst infrage stellen würde.

Denn wenn die Vereinigten Staaten im Rahmen der NATO zugesagt haben, ihre europäischen Verbündeten – darunter auch Dänemark – zu schützen, sich dann aber entschließen, die Kontrolle über einen Teil des Territoriums des dänischen Königreichs, selbst wenn es sich um ein autonomes Gebiet handelt, zu übernehmen, dann entsteht ein fundamentales Problem für das Konzept der euroatlantischen Solidarität.

Doch hier stellt sich eine andere Frage: Wie sehr schreckt das eigentlich die Anhänger des ultrakonservativen Flügels im Umfeld des amerikanischen Präsidenten ab? Vielleicht brauchen diese Leute nicht Grönland, sondern gerade die Besetzung Grönlands. Aus ihrer Sicht ließe sich kaum ein wirkungsvollerer Schritt vorstellen, um die NATO zu zerstören und die euroatlantische Solidarität zum Einsturz zu bringen. Auf diese Weise würden sie Donald Trump keine Wahl lassen und ihn vor die Tatsache des NATO-Zusammenbruchs stellen, sobald energisch gegen Grönland vorgegangen wird.

Und schuld wären nicht sie, sondern der Präsident der Vereinigten Staaten selbst, der ständig erklärt, man müsse Grönland besitzen, um seine Sicherheit zu gewährleisten. Deshalb könnten Trump alle derzeit von den europäischen Verbündeten angebotenen Optionen nicht genügen. Unter diesen Vorschlägen wird sogar die Stationierung britischer Truppen auf der Insel genannt, um dem US-Präsidenten zu zeigen, dass das Sicherheitsproblem ohne gewaltsame Kontrolle über Grönland gelöst werden kann.

Doch wenn das Ziel der Ultrakonservativen in Trumps Umfeld der Zerfall der NATO ist und Trumps eigenes Ziel die Kontrolle über Grönland, dann stellt sich eine einfache Frage: Warum sollten die Stationierung britischer oder französischer Truppen auf der Insel oder sogar zusätzliche amerikanische Militärbasen Donald Trump und sein Umfeld zufriedenstellen, wenn diese Maßnahmen in Wahrheit den europäischen Einfluss auf Grönland stärken – und damit auch auf die Sicherheit im Atlantikraum, der nach Trumps Auffassung ohnehin nichts mit Europa zu tun hat?

Diese Fragen sind heute keineswegs theoretisch. Denn es stellt sich ganz konkret: Welchen alternativen Weg gibt es, der Trump eine Kontrolle über Grönland ohne militärische Gewalt verschaffen könnte?

Grönland hat formal das Recht, seine Unabhängigkeit zu erklären. Dafür sind jedoch bestimmte Verfahren erforderlich, unter anderem ein Referendum, das die Befürworter der Unabhängigkeit gewinnen müssten. Es ist durchaus möglich, dass die Amerikaner dies erreichen könnten, denn die Idee der grönländischen Unabhängigkeit war immer eine der zentralen und bedeutendsten Ideen des politischen Lebens auf der Insel. Die Grönländer haben viel dafür getan, das Recht auf eine einseitige Unabhängigkeitserklärung zu erlangen.

Doch Unabhängigkeit und ein Anschluss an die Vereinigten Staaten sind, wie wir verstehen, zwei völlig verschiedene Dinge. Und hier stellt sich eine einfache Frage: Welcher Status Grönlands würde Donald Trump akzeptieren, wenn Grönland tatsächlich ein unabhängiger Staat wird? Und wären die Grönländer selbst bereit, einem Beitritt zu den Vereinigten Staaten zuzustimmen, nachdem sie ihre Unabhängigkeit erlangt haben?

Schließlich ist dies nicht die Annexion der Krim, bei der die „Unabhängigkeit“ nach einem Scheinreferendum direkt mit der Eingliederung in die Russische Föderation verbunden wurde. Hier ginge es um den wirklichen Willen der Bevölkerung Grönlands, in einem unabhängigen Staat zu leben. Dieses unabhängige Land nur deshalb zu beseitigen, weil Donald Trump es nach einigen Wochen oder Monaten will, ist kaum eine politische Idee mit Aussicht auf Erfolg – selbst wenn man große amerikanische Finanzhilfen unterstellt.

Ein alternativer Ansatz wäre, Grönland in einen Staat in freier Assoziation mit den Vereinigten Staaten zu verwandeln – solche Formen existieren bekanntlich. Doch auch hier stellt sich die Frage, ob Donald Trump mit einer solchen Form grönländischer Souveränität einverstanden wäre und ob die USA in diesem Fall Zugang nicht nur zur Sicherheit Grönlands, sondern vor allem zu seinen Ressourcen hätten, die den amerikanischen Präsidenten und sein Umfeld offenbar weit mehr interessieren als das angebliche Auftauchen chinesischer oder russischer Schiffe in der Nähe der Insel – zumal man deren besondere Präsenz dort gar nicht beobachtet.

So bleibt die zentrale Frage: Gibt es überhaupt irgendeine Existenzform Grönlands außer einer militärischen amerikanischen Kontrolle, die Trump zufriedenstellen würde? Und selbst wenn es sie gibt – wie viele Jahre wären nötig, um zu einer akzeptablen rechtlichen Lösung zu gelangen? Und wird Donald Trump dann überhaupt noch im Oval Office sitzen, wenn die Grönländer vielleicht nicht nur der Unabhängigkeit, sondern auch einem Status als mit den USA assoziierter Staat oder sogar als US-Bundesstaat zustimmen würden? Wie viel Zeit wäre dafür nötig – und wie viele Präsidenten?

Für Trump, der alles schnell entscheiden und seine Effizienz demonstrieren will – und der natürlich auch an den Ressourcen interessiert ist –, kann deshalb die Idee, dass Spezialeinsatzkräfte einfach die Kontrolle über die Insel übernehmen, als die einzig praktikable erscheinen. Für die Ultrakonservativen ist das ebenfalls ein guter Weg, denn damit wäre die Frage nach der Existenz der NATO praktisch entschieden.

Ein schrecklicher Ausgang für Europa, ein schrecklicher für die zivilisierte Welt – und nicht zu vergessen ein tragischer für das Volk Grönlands, dessen Wille in diesem Fall im Weißen Haus niemanden interessieren würde.


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Titel des Originals: Трамп готовит захват Гренландии | Виталий Портников. 11.01.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.01.2025.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Wird Trump Putin festnehmen? | Vitaly Portnikov. 10.01.2026.

Donald Trump sagte auf die Frage von Journalisten, dass er nicht vorhabe, den russischen Präsidenten Putin festnehmen zu lassen.

Offensichtlich wurde diese Frage nach der amerikanischen Spezialoperation gegen den venezolanischen Diktator Nicolás Maduro gestellt. Ebenso offensichtlich ist, dass Trump nicht bereit ist, den russischen Präsidenten festzunehmen.

Doch schon die Tatsache, dass solche Fragen im Weißen Haus gestellt werden, ist natürlich keine gute Nachricht für den russischen Herrscher. Genau deshalb gerieten seine Propagandisten in Aufregung und drohen den Vereinigten Staaten nun mit dem Dritten Weltkrieg und Vernichtung.

Aber das Wichtigste ist, dass Putin in den Augen der amerikanischen Medien praktisch auf einer Stufe mit kleinen Diktatoren steht, die es sich erlauben, die Vereinigten Staaten zu verhöhnen. Das Entscheidende ist, dass amerikanische Journalisten annehmen, der russische Präsident könne das Schicksal seiner Verbündeten teilen: Baschar al-Assad, der sich nach dem Zusammenbruch seines repressiven Regimes in der russischen Hauptstadt verstecken muss, oder Nicolás Maduro, der nicht rechtzeitig nach Rostow geflohen ist und nun gezwungen ist, vor einem amerikanischen Gericht auszusagen. Und übrigens ist es keineswegs ausgeschlossen, dass diese Liste von Putins Verbündeten, die Zuflucht in Russland suchen oder vor Gericht erscheinen müssen, nicht noch durch die Führer der Islamischen Republik Iran ergänzt wird, die derzeit ihre Macht in einem blutigen Konflikt mit ihrem eigenen Volk verteidigen.

Wie wir sehen, kann Putin nicht derjenigen helfen, die auf ihn gesetzt haben. Denn es ist eine Sache, friedliche Bewohner von Aleppo oder Charkiw zu bombardieren, und eine ganz andere, sich realen geopolitischen Kräften entgegenzustellen, die den russischen Präsidenten nicht als ebenbürtigen Gegner betrachten. Man sucht zwar Möglichkeiten, mit ihm zu verhandeln und gemeinsam Geld zu verdienen, scheut sich aber nicht, ein Schiff festzusetzen, das von der russischen Führung demonstrativ als eigener Tanker unter eigener Flagge bezeichnet wird.

Und vielleicht gerade diese Tatsache, dass amerikanische Spezialkräfte sich nicht gescheut haben, einen von Russland als seinen eigenen erklärten Tanker zu beschlagnahmen, bringt die Medien in den Vereinigten Staaten dazu, über die Frage nachzudenken, ob Trump Putin festnehmen könnte. Und bei allen möglichen Sympathien, die der amerikanische Präsident für den russischen Herrscher haben mag, gefallen ihm solche Fragen natürlich, weil sie ihn daran erinnern, dass er und nur er der alternativelose politische Führer der heutigen Welt ist. Warum sollte er sich also vor Fragen über eine mögliche Festnahme des russischen Präsidenten scheuen?

Offensichtlich ist für Putin derzeit nicht die Hauptfrage, ob amerikanische Spezialkräfte in seine Residenz in Waldai eindringen oder ob diese Residenz von ukrainischen Drohnen angegriffen wird. Für Putin ist entscheidend, das finanzielle Potenzial seines Staates für den Krieg gegen die Ukraine unter weiterem Druck der Vereinigten Staaten und anderer westlicher Staaten zu erhalten.

Natürlich wissen wir, dass der russische Präsident seine Wirtschaft ignorieren kann, ohne zu begreifen, dass er für die Fortsetzung dieses grausamen Krieges gegen die Ukraine nicht nur Menschen braucht, die bereit sind, für Geld zu töten, sondern auch dieses Geld selbst. Und dass jede neue Runde von Sanktionen der zivilisierten Welt gegen einen der brutalsten Staaten der Gegenwart seine Fähigkeit, den Krieg fortzusetzen, verringert.

Doch darin liegt auch eine Falle für den russischen Herrscher. Denn wir verstehen sehr gut, dass die Logik jeder Diktatur darin besteht, die Bevölkerung wenigstens auf einem Niveau zu halten – wenn schon nicht des Wohlstands, so doch des bloßen Überlebens. Auf diesem Überlebensniveau stellt man natürlich keine Fragen an die oberste Macht, die Eroberungskriege führt. Zumal in Russland, dessen Bevölkerung immer in den Traditionen solcher aggressiven, grausamen und ungerechten Kriege erzogen wurde.

Doch wenn es nicht mehr möglich ist, die Bevölkerung zu versorgen, wenn es keine reale Perspektive mehr gibt, ihr auch nur ein Mindestmaß an Überleben in dieser Kriegszeit zu sichern, dann beginnt das Unverständnis – sowohl bei den sogenannten einfachen Leuten, die glauben, sie seien „außerhalb der Politik“ und könnten der Macht jede noch so abscheuliche Tat erlauben, als auch bei den Eliten, die bis zu einem bestimmten Moment den Zorn des Diktators fürchten und dann begreifen, dass sein Verbleib an der Macht für ihr eigenes Überleben und ihre Bereicherung weitaus gefährlicher ist als das Risiko, sich einem Mann entgegenzustellen, der den Bezug zur Realität verloren hat.

Dass Putin diesen Bezug zur Realität längst verloren hat, daran, so scheint mir, hat in Russland niemand Zweifel. Doch er hat jene rote Linie noch nicht überschritten, ab der der rasche Absturz der russischen Staatlichkeit in Perspektivlosigkeit und Unfähigkeit zur Erholung beginnt.

Wenn westliche Sanktionen wirksam arbeiten, wenn Trump nicht davor zurückschreckt, Zölle gegen die Energiesponsoren Russlands zu verhängen und sie so zwingt, den Kauf russischen Öls einzustellen, um den Bankrott russischer Ölkonzerne und den faktischen Zusammenbruch der Öl- und Raffinerieindustrie der Russischen Föderation herbeizuführen; wenn die ukrainischen Streitkräfte die nötigen Zielkoordinaten erhalten, um russische Raffinerien und die Tanker der russischen Schattenflotte zu zerstören, und die Amerikaner sich nicht scheuen, diese weiterhin festzusetzen – dann könnten für das russische Regime tatsächlich ernste und unvermeidliche Probleme entstehen. Und in diesen ernsten und unvermeidlichen Problemen könnte Putin eine weit realere Bedrohung erleben als eine mögliche Festnahme durch Donald Trumps Spezialkräfte.

Denn wir wissen: In Russland ändert sich jahrzehntelang nichts – und dann bricht ein russischer Aufstand aus, voller Gewalt und Leid, ohne klares Ziel oder Nutzen. Und die erste Person des Staates wird zur ersten Opfer dieses Aufstands. Dann muss man sich nicht mehr vor den Amerikanern fürchten, sondern vor den Russen selbst, deren Grausamkeit alle Vorstellungen übertreffen kann, die heute im Kopf ihres jeweiligen Herrschers existieren. Deshalb wird Putin bei seinen weiteren Spielen mit Donald Trump sehr vorsichtig sein müssen.


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Titel des Originals: Чи захопить Трамп Путіна | Віталій Портников. 10.01.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 10.01.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Das Gefühl des Schnees | Vitaly Portnikov. 11.01.2026.

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Bei jeder meiner Reisen nach Island träumte ich von wenigstens einer kurzen Fahrt nach Grönland. Grönland war buchstäblich ganz in der Nähe – wenn man natürlich in den Dimensionen des Atlantiks misst. Auf die „grüne Insel“ wurden Ausflugstouren organisiert. Einmal musste ich in Reykjavík einen ganzen Tag auf ein Flugzeug zu den Färöer-Inseln warten, das gerade diese Rundflüge zwischen Grönland, Island und den Färöern durchführte und wegen beinahe winterlichen Unwetters in Grönland nicht rechtzeitig ankam – und dabei war doch Sommer!

Doch wie es oft geschieht, kam ich am Ende doch nicht auf die Insel. Ehrlich gesagt passte mir das Format der Reise nicht. Ich wollte nicht in die Ferne fliegen, nur um ein kleines verschneites Dorf und Volkstänze zu sehen. Ich wollte „ganz“ Grönland sehen – und das konnte man meiner Meinung nach nur, wenn man die Insel umrundete. Jahrelang studierte ich Kreuzfahrtrouten rund um Grönland und versprach mir, dass ich eines Tages mindestens ein paar Wochen einer solchen faszinierenden Reise widmen würde.

Erst jetzt, da ich mich aufgrund der politischen Leidenschaften rund um Grönland fast täglich an lokale Medien wende und beginne zu begreifen, wie Leben und Gesellschaft auf dieser riesigen Insel aufgebaut sind, verstehe ich, wie sehr ich mich geirrt habe.

Ich wollte Grönland sehen, aber nicht die Grönländer. Schnee, Eisberge, Landschaften – aber nicht eine Zivilisation. Ich machte denselben Fehler, den viele meiner russischen Bekannten gegenüber der Ukraine machten: Sonnenblumen, Landschaften, die goldenen Kuppeln der Lawra und das Richelieu-Denkmal – aber nicht die ukrainische Zivilisation, die sie nicht sahen, bis heute nicht verstehen und nicht verstehen wollen. Wenn man darüber nachdenkt, „umsegelt“ ein Russe die Ukraine ebenso, ohne in ihr Leben einzutauchen. Und selbst die für einen gebildeten Menschen obligatorische Kenntnis der frühen Werke Gogols schafft kein Bewusstsein für eine andere Welt an der eigenen zivilisatorischen Grenze.

Bei mir war es mit Grönland übrigens genauso. Die Integration – oder Nicht-Integration – eines Inselbewohners in die dänische Gesellschaft ist eines der wichtigsten Motive der modernen dänischen Literatur.

Das Bild Grönlands und des grönländischen Mädchens im Roman von Peter Høeg „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ gehört überhaupt zu den eindringlichsten der neueren europäischen Literatur. Und es zeigt, wie unerwartet und komplex eine Welt sein kann, die wir scheinbar gar nicht sehen.

Die Wechselbeziehungen zwischen Kopenhagen und Nuuk und die schwierige Suche nach gegenseitigem Verständnis nach Jahrzehnten der herablassenden Haltung gegenüber den „Eingeborenen“ sind ein klassisches Thema des dänischen Kinos – sowohl im Spielfilm als auch im Dokumentarfilm. Eigentlich hätte ich mich zumindest als Leser für die grönländische Gesellschaft interessieren können – doch die Bücher rückten an den Rand meines Bewusstseins im Vergleich zum Eisberg.

Deshalb kann ich Donald Trump verstehen, bei dem das grönländische Volk im Vergleich zur strategischen Bedeutung Grönlands und zum Inhalt seiner Bodenschätze ebenfalls an den Rand des Bewusstseins rückt. Mehr noch: In den Augen des amerikanischen Präsidenten, der ein riesiges Einwandererland regiert, ist das nicht einmal ein Volk, sondern nur eine kleine Gruppe von Menschen, denen man einfach mehr Geld zahlen oder ein für Amerika „richtiges“ politisches Narrativ aufzwingen müsse.

Und hier sehe ich wieder eine Parallele zu den Ukrainern – einem Volk, das man jahrhundertelang nicht sehen wollte, das man nicht als eigenständige Nation und Zivilisation akzeptierte, dem man ein für das Imperium „richtiges“ politisches Narrativ aufzuzwingen versuchte, selbst nach der Unabhängigkeit 1918 oder 1991 – und als diese Versuche scheiterten, führte das zu wilder, unbändiger Aggression, zu Butscha und zum „Oreschnik“.

Man muss sich jedoch klar machen, dass das Scheitern des russischen politischen Ansatzes auch damit zusammenhing, dass die Ukrainer sahen, was die Russen mit jenen tun, die sich nicht wehren können. Wir haben jahrzehntelang beobachtet, wie die Völker Russlands russifiziert wurden und praktisch von der ethnographischen (und auch politischen) Landkarte verschwanden. Oder was mit der belarussischen Sprache und Kultur unter der Herrschaft der prorussischen Administration des schlecht gebildeten Lukaschenko geschehen ist. Und wer von denen, die Ukrainer bleiben wollten, hatte Zweifel daran, dass man mit der Ukraine dasselbe tun würde? Daher die Maidan-Bewegungen als Schutzmechanismus gegen die Versuche prorussischer Politiker, die Ukraine in „Kleinrussland“ zu verwandeln; daher der Widerstand im Krieg. Und daher der Wunsch Russlands, den Krieg nur unter den Bedingungen der „Denazifizierung“ zu beenden – also der Russifizierung – des vom Kreml verhassten Landes.

Die Grönländer stehen heute vor einem ähnlichen Schicksal – wenn auch glücklicherweise nicht in einer so tragischen Form. Jahrzehntelang kämpften sie um ihre eigene Subjektivität und Identität, um das Recht, in einer selbstständigen und eigenständigen Gesellschaft zu leben und nicht in einem dänischen Besitz fernab der Metropole, also an der zivilisatorischen Peripherie. Und als sie schließlich von der Peripherie zu einem Zentrum für sich selbst wurden, versucht man erneut, sie in eine Peripherie zu verwandeln – nur diesmal in eine amerikanische. Und so wie wir auf Belarus oder Jakutien blicken, schauen die Grönländer mit Angst auf Alaska – und fragen sich, ob es eine Rolle spielt, dass die indigenen Bewohner dieses Landes besser leben als sie, wenn sie sich selbst schon nicht mehr erinnern.

Natürlich kann ein Land wie die Vereinigten Staaten all diese Überlegungen einfach ignorieren und Grönland als Flugzeugträger oder als riesiges Rohstofflager betrachten. Doch wer den Schwächeren ignoriert, betritt nicht den Weg zu Wohlstand und Stärke, sondern den zu Verfall und Niedergang – einen Weg, den wir aus den Schulbüchern über das alte Rom kennen.


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Titel des Originals: Відчуття снігу. Віталій Портников. 11.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.01.2026
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