Russland lehnt einen Waffenstillstand ab | Vitaly Portnikov. 15.08.2026.

Der Außenminister der Russischen Föderation Sergej Lawrow hat selbst die Möglichkeit einer Erörterung der Frage eines Waffenstillstands entlang der Kontaktlinie zwischen den russischen und ukrainischen Truppen kategorisch zurückgewiesen. Mehr noch: Lawrow begann jenen im Westen zu drohen, die der Ukraine weiterhin helfen, gegen die russische Aggression zu kämpfen, und betonte zufrieden, dass man dort bereits zu stöhnen beginne.

Diese Antwort des russischen Außenministers war zugleich eine Reaktion auf die öffentlichen Äußerungen vieler Politiker, selbst solcher, die der russischen Führung nahestehen, über die Notwendigkeit, den Krieg zu beenden. „So wird es nicht sein“, betonte Lawrow und reagierte damit im Grunde auf die jüngste Erklärung des kasachischen Präsidenten Kassym-Schomart Tokajew, der in Anwesenheit des russischen Präsidenten Putin die Notwendigkeit betonte, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden, und die Frage nach den Ursachen für den Beginn dieser Tragödie stellte.

Wie wir sehen, gibt es keinerlei reale Anzeichen, die auf den Wunsch der Russen hindeuten könnten, auch nur ansatzweise zu irgendeinem Verhandlungsprozess zurückzukehren. Am selben Tag wie Lawrows Äußerungen hörten wir auch Erklärungen seiner Untergebenen, der Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa, die dem türkischen Außenminister Hakan Fidan die Möglichkeit eines Waffenstillstands auf See kategorisch verweigerte und nicht nur die Notwendigkeit eines solchen Waffenstillstands für Russland selbst, sondern auch die Haltung der Türkei ziemlich skeptisch charakterisierte, die, wie Sacharowa betonte, die ukrainischen Angriffe auf russische Schiffe nicht verurteilt.

Das Verteidigungsministerium der Russischen Föderation betonte gleichzeitig, dass es beabsichtige, die Ukraine in diesem Winter erfrieren zu lassen und die Angriffe auf das feindliche Land zu verstärken, das weiterhin das Hauptziel für den russischen Präsidenten Putin, seine Armee und die chauvinistisch aufgeladene Gesellschaft bleibt.

All diese Erklärungen und die Art und Weise, wie Lawrow die Notwendigkeit des Krieges begründet – er ist bereits so weit gegangen, die Notwendigkeit einer Fortsetzung des Krieges mit dem sogenannten Andenken an die Vorfahren zu begründen und den Russen zu raten, sich keine Sorgen darüber zu machen, dass der Krieg in ihre Häuser gekommen ist, weil es um die Geschichte Russlands und seine staatlichen Möglichkeiten gehe –, all das zeugt davon, dass das russische Regime die Eskalation endgültig als Instrument seines Drucks sowohl auf die Ukraine und ihr Volk als auch auf die westlichen Partner gewählt hat.

Aus dieser Perspektive gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass angesichts derart harter Äußerungen russischer Beamter die Bemühungen der Vereinigten Staaten um eine Wiederaufnahme der Verhandlungen, von denen der Leiter des amerikanischen Außenministeriums Marco Rubio vor Kurzem gesprochen hat, zu irgendwelchen realistischen Ergebnissen führen könnten. 

Selbst wenn man sich vorstellt, dass die amerikanischen Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner, die damit beschäftigt sind, dass es ihnen nicht gelingt, die Probleme im Nahen Osten zu lösen, ihre vergeblichen Bemühungen in dieser Region unterbrechen und tatsächlich mit neuen Initiativen nach Kyiv und Moskau reisen werden, ist klar, dass die Russische Föderation sämtliche Vorschläge und Erklärungen, die sie von den amerikanischen Vermittlern hören wird, mit Sarkasmus aufnehmen wird.

Deshalb muss man die Realität so wahrnehmen, wie sie ist, und nicht so, wie sie uns von Beamten in Washington oder Kyiv dargestellt wird. Man darf die Augen vor dem Wunsch des russischen Regimes, den Krieg fortzusetzen, nicht verschließen, weil es sich nicht lohnt, darauf zu hoffen, dass das Putin-Regime unter Bedingungen, in denen der Krieg in die Häuser der Russen eingezogen ist und sich die Geografie dieses Krieges auf dem Territorium Russlands selbst in den kommenden Jahren der Konfrontation nur noch ausweiten wird, etwas anderes als Eskalation und Verschärfung der Konfrontation wählen könnte. Denn in dieser Eskalation, in dieser Konfrontation liegt gewissermaßen das Rezept für das Überleben dieses autoritären Regimes, das sich vom Krieg nährt und gerade dank des Krieges den Autoritarismus der jüngeren Vergangenheit in einen brutalen und schändlichen Autoritarismus und Totalitarismus verwandeln konnte. Jede Rakete, die auf Kyiv fliegt, bietet die Möglichkeit, in Moskau die Schrauben immer fester anzuziehen.

Aus dieser Perspektive sollte man die Erklärung Sergej Lawrows wohl kaum ausschließlich als Propagandadokument betrachten. Sie könnte den Standpunkt des russischen Präsidenten selbst widerspiegeln sowie Putins Bestreben, den russisch-ukrainischen Krieg auszuweiten, um den Russen selbst zu zeigen, dass die Gefahr buchstäblich auf Schritt und Tritt auf sie lauert und dass Russland tatsächlich einen Krieg gegen den sogenannten kollektiven Westen führt.

In diese Politik des russischen Präsidenten fügt sich auch der Angriff mit einem Marschflugkörper auf polnisches Territorium ein, unweit eines Werks, das Produkte für die ukrainischen Verteidigungskräfte herstellte. Ebenso die inzwischen systematischen Sabotageakte in Rüstungsbetrieben westlicher Länder: vor Kurzem in Bulgarien, jetzt in Italien. Und natürlich Putins Reise auf die Kurilen, die erste in den 27 Jahren, in denen der russische Machthaber die Ämter des Regierungschefs und des Präsidenten der Russischen Föderation bekleidet.

Das heißt, Moskau will nicht nur die Konfrontation mit den europäischen Verbündeten der Vereinigten Staaten, sondern auch mit den asiatischen. Aus dieser Perspektive kann man sagen, dass wir bereits sehen: Putin will gemeinsam mit der Volksrepublik China eine gemeinsame Politik der Konfrontation und des Kampfes gegen den Westen betreiben. Und zwar nicht nach dem Prinzip: „Ihr werdet die Konfrontation in Europa verschärfen, und wir werden die Konfrontation in Asien verschärfen.“ So könnte es aus der Perspektive Pekings aussehen. Aus der Perspektive Moskaus könnte es hingegen so aussehen: „Wir werden gemeinsam die Konfrontation in Asien verschärfen. Und ihr, liebe chinesische Freunde, helft uns bitte dabei, die Konfrontation in Europa zu verschärfen.“

Lawrows Erklärungen, in denen er die Möglichkeit zurückweist, nach Wegen zu einem Waffenstillstand oder auch nur zu einer Wiederaufnahme der Diplomatie im russisch-ukrainischen Krieg zu suchen, bestärken nur in der Überzeugung, dass der Kreml heute genau diese, für die Welt noch gefährlichere Eskalationslinie gewählt hat, die mit der Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges verbunden ist.


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Titel des Originals: Росія відмовляється від перемирʼя | Віталій Портников. 15.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 15.08.2026.
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Plattform / Quelle: YouTube15.08.2026.
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Putin bereitet einen neuen Krieg vor | Vitaly Portnikov. 13.08.2026.

Putin hat zum ersten Mal in den 27 Jahren, in denen er die Ämter des Präsidenten und des Regierungschefs der Russischen Föderation bekleidet, die Kurilen besucht, die bekanntlich bis heute ein umstrittenes Gebiet zwischen Russland und Japan bleiben und beide Länder daran hindern, eine Entscheidung über den Abschluss eines Friedensvertrags nach dem Zweiten Weltkrieg zu treffen.

Putin ist nicht der erste russische Präsident oder Regierungschef, der die Kurilen besucht. Während seiner Amtszeit als Oberhaupt des russischen Staates besuchte Putins Vorgänger Medwedew die Kurilen. Auch der amtierende Ministerpräsident der Russischen Föderation, Mischustin, hat die Kurilen besucht.

Aber wir verstehen sehr gut, wie man in Tokio gerade den Besuch Putins wahrnimmt, den man in der japanischen Hauptstadt, wie übrigens auch in der gesamten übrigen Welt, praktisch seit dem Moment, als Putin amtierender Präsident der Russischen Föderation wurde, stets als den tatsächlichen Machthaber der Russischen Föderation wahrgenommen hat. Und das geschah, daran möchte ich erinnern, bereits am 1. Januar 2000.

Somit haben wir es mit einer offenen und scharfen Provokation zu tun. Und Japans Premierministerin Sanae Takaichi reagierte ebenso wie andere hochrangige Vertreter der Regierung in Tokio umgehend auf diesen Besuch des russischen Präsidenten und betonte, dass er die Haltung der Japaner gegenüber Russland nur verschlechtere.

Es kann sich die Frage stellen: Warum brauchte Putin diese Reise, wenn er während seiner 27 Jahre an der Macht von einem solchen Besuch abgesehen hatte? Und warum fand sie unmittelbar statt, nachdem Putin während seines Auftritts bei einer Übung der Pazifikflotte der Russischen Föderation betont hatte, Russland drohe Japan in keiner Weise, vielmehr habe Japan aggressive Pläne gegenüber der Russischen Föderation?

Hier spielen gleich mehrere Faktoren eine Rolle.

  • Erstens müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass man in Moskau weiter am endgültigen Abbau des Völkerrechts als solchem und an dessen Ersetzung durch das Recht des Stärkeren arbeitet. Was derzeit während des russisch-ukrainischen Krieges in Europa geschieht, soll aus Sicht der Strategen im Kreml auch in Asien geschehen.

Somit ist Moskau nicht mehr an einem Friedensvertrag mit Tokio interessiert. Es ist nicht an einer Normalisierung der bilateralen Beziehungen interessiert, nicht an den Wirtschaftsbeziehungen zwischen Japan und der Russischen Föderation. Zumal sich Japan vielen Sanktionen der zivilisierten Welt angeschlossen hat, die nach Beginn der russischen Aggression gegen unseren Staat gegen die Russische Föderation verhängt wurden.

Und in dieser Situation demonstriert Putin Japan, dass Russland bereit ist, seine Ansprüche auf die Kurilen weiterzuverfolgen und dass keinerlei Kompromisse in den bilateralen Beziehungen, auf die man in Tokio noch vor einigen Jahren so sehr gehofft hatte, in Betracht gezogen werden.

  • Zweitens, und das ist möglicherweise noch wichtiger als der erste Punkt, versucht Putin, sich bei demjenigen beliebt zu machen, der heute der wichtigste Energiesponsor der Russischen Föderation ist. Bei demjenigen, der russisches Erdöl kauft, der dem russischen Machthaber die Möglichkeit gibt, eine Fortsetzung des Krieges gegen die Ukraine in den kommenden schwierigen Jahren in Betracht zu ziehen. Das ist der Staatspräsident der Volksrepublik China und Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas, Xi Jinping.

Bekanntlich ist Peking in den vergangenen Monaten zu einem offenen Angriff auf Tokio übergegangen, und der Leiter der außenpolitischen Kommission des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas und Außenminister der Volksrepublik China, Wang Yi, erlaubte sich sogar, Tokio von der Tribüne der renommierten Münchner Sicherheitskonferenz offen zu drohen, was viele als mögliche Vorbereitung auf eine große Krise, vielleicht sogar auf einen Krieg im asiatisch-pazifischen Raum werteten.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass angesichts der offensichtlichen Schwächung des internationalen Einflusses der Vereinigten Staaten während der Präsidentschaft Donald Trumps ein solcher Krieg zwar nicht unvermeidlich, aber durchaus wahrscheinlich ist, weil man in Peking möglicherweise sehen möchte, inwieweit die Vereinigten Staaten tatsächlich bereit sind, ihre Verbündeten in Asien zu verteidigen.

Und Donald Trumps Verhalten im russisch-ukrainischen Krieg, seine offenkundige Abneigung dagegen, sich mit Putin anzulegen, sowie die Komplimente, die wir vom Präsidenten der Vereinigten Staaten an die Adresse des Präsidenten der Russischen Föderation gehört haben, bestärken die Führung der Kommunistischen Partei Chinas natürlich nur in der Überzeugung, dass Donald Trump auch im Falle Japans schlicht Angst davor haben wird, Xi Jinping selbst herauszufordern.

Putin versteht all das sehr gut, und man kann sagen, dass er, wenn er die Japaner provoziert, sich zugleich bei den Chinesen einschmeichelt und versucht, seinen Status als Lieblingsvasall des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Chinas zu verteidigen.

Und all das ist natürlich sehr, sehr gefährlich, denn Putin, der in der Sackgasse des Ukraine-Krieges feststeckt, muss seiner chauvinistisch eingestellten Bevölkerung immer neue Fälle von Eskalation und immer neue Demonstrationen der Bereitschaft Russlands präsentieren, seine Interessen gerade mit Gewalt und nicht auf diplomatischem Wege zu verteidigen. Und wenn es nicht gelingt, die Ukraine zu verschlingen und der Existenz unseres Staates ein Ende zu setzen, wenn in Russland selbst ernsthafte wirtschaftliche Probleme beginnen, die mit den Angriffen der ukrainischen Verteidigungskräfte auf die russische Erdölverarbeitung, den militärisch-industriellen Komplex und andere strategische Infrastruktur der terroristischen Föderation zusammenhängen, entsteht natürlich die Versuchung, noch einen weiteren, vielleicht kleinen Krieg zu entfesseln, zu versuchen, die Japaner zu provozieren und sie anschließend zu beschuldigen, nach den russischen Kurilen zu greifen.

Nun, wie ein Szenario russischer Provokationen aussehen kann, wissen wir sehr gut aus jenem schrecklichen Krieg, der bereits 2014 im ukrainischen Donbas begann und uns die ganze Amoralität der russischen Propaganda und die Bereitschaft der russischen Führung zu jeglichen Provokationen im Stil des Komitees für Staatssicherheit der Sowjetunion vor Augen geführt hat.

Der Besuch des Präsidenten der Russischen Föderation auf den Kurilen ist also kein zufälliges Ereignis. Dieser Besuch riecht geradezu nach einem neuen schrecklichen Krieg.


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Titel des Originals: Путін готує нову війну | Віталій Портников. 13.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 13.08.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Lukaschenko fuhr nach China, um sich über Russland und die Ukraine zu beklagen | Vitaly Portnikov. 30.06.2026.

Alexander Lukaschenko reiste unmittelbar nach dem zuvor nicht angekündigten Treffen mit dem russischen Präsidenten, über dessen Ergebnisse bis heute im Grunde nichts bekannt ist, nach Peking zu Gesprächen mit dem Vorsitzenden der Volksrepublik China, Xi Jinping. Er hält sich bereits seit mehreren Tagen in China auf und betont, dass er sich unter den chinesischen Kommunisten wie zu Hause fühle. Tatsächlich erhielt sogar Lukaschenkos jüngster Sohn in Anwesenheit seines Vaters ein chinesisches Diplom.

Doch offensichtlich hat der Besuch in China für Lukaschenko derzeit grundsätzliche Bedeutung. Wir wissen übrigens nicht einmal, ob diese Reise im Voraus geplant war, denn vor Lukaschenkos Abreise in die Volksrepublik China wurde über seine Absicht, Xi Jinping – bereits zum 17. Mal übrigens – zu besuchen, nichts bekannt gegeben.

Wir verstehen jedoch, warum Lukaschenko heute mit dem chinesischen Staatschef sprechen wollte. Üblicherweise verbinden wir seine Reisen mit dem Versuch, zumindest ein gewisses Gleichgewicht in seinen Beziehungen zum russischen Präsidenten herzustellen, von dem Lukaschenko sowohl finanziell als auch hinsichtlich möglicher Unterstützung abhängig ist, falls die Belarussen erneut versuchen sollten, dieses anachronistische Regime loszuwerden.

Doch in einer Situation, in der Putin versucht, Lukaschenko in den Krieg gegen die Ukraine hineinzuziehen, könnte der belarussische Machthaber doppelten Schutz benötigen – sowohl vor Putin als auch vor Zelensky. Denn die Drohungen des ukrainischen Präsidenten gegenüber dem offiziellen Minsk, seine Unterstützung der russischen Armee einzustellen, stellen für den belarussischen Staatschef inzwischen eine ebenso große Gefahr dar wie Moskaus offensichtlicher Wunsch, das Territorium Belarus erneut für einen Angriff auf unser Land zu nutzen.

Lukaschenko könnte daher hoffen, dass Xi Jinpings Unterstützung für die Unabhängigkeit und Souveränität von Belarus, die während des Aufenthalts des belarussischen Diktators in der chinesischen Hauptstadt erneut bekräftigt wurde, sowohl ein Signal an Putin sein könnte, Belarus nicht in den Krieg gegen die Ukraine hineinzuziehen, als auch ein Signal an Zelensky hinsichtlich möglicher Schritte zur Verringerung der belarussischen Beteiligung an der russischen Aggression gegen unser Land. Offensichtlich ist Lukaschenko genau aus diesem Grund nach China gereist. Und selbstverständlich hörte er dort genau das, was er hören wollte.

Doch hier stellt sich eine andere Frage: Was kann die Volksrepublik China tatsächlich tun, wenn Putin und Zelensky Lukaschenko weiterhin wie einen Fußball über die ukrainisch-belarussische Grenze hin- und herspielen?

Tatsächlich sind Chinas Möglichkeiten, Belarus sowohl vor russischen Absichten als auch vor einer ukrainischen Reaktion zu schützen, eher begrenzt.

Ja, Xi Jinping kann Erklärungen abgeben. Doch offensichtlich wird er seine Unterstützung für Russland nicht tatsächlich verringern, falls Putin entscheidet, dass er belarussisches Territorium für den Krieg benötigt. Von Moskau ist Lukaschenko weit stärker abhängig als von Peking, denn er versteht sehr gut, dass er im Falle eines Scheiterns seiner Sicherheitskräfte gegenüber dem belarussischen Volk Hilfe von Putin erwarten müsste – und keineswegs von Xi Jinping.

Und selbst diese Hilfe ist ihm keineswegs garantiert, nachdem Putin bereits mehrfach entweder seinen Unwillen oder seine Unfähigkeit gezeigt hat, seine treuen Verbündeten zu schützen, die sich schließlich vor dem Zorn ihres eigenen Volkes nach Russland flüchten mussten – von Viktor Janukowytsch bis Bashar al-Assad.

Und wenn die Ukraine tatsächlich beschließen sollte, beispielsweise russische Relaisstationen auf belarussischem Gebiet anzugreifen oder den Betrieb der Raffinerien von Nawapolazk oder Masyr infrage zu stellen – was könnte China für die Ukraine tun, wenn in der Ukraine jeder genau versteht, dass die Volksrepublik China ein unmittelbarer Verbündeter der Russischen Föderation bei der Zerstörung der ukrainischen Souveränität ist?

Keine der chinesischen Erklärungen über die Notwendigkeit von Verhandlungen hebt diese einfache Wahrheit auf. Denn selbst in diesen Erklärungen hören wir von chinesischen Diplomaten immer wieder das russische Narrativ von der Notwendigkeit, die „Ursachen des Konflikts“ zu beseitigen. Tatsächlich unterstützt Peking damit die russischen Handlungen gegen die Ukraine, indem es behauptet, es gebe bestimmte Ursachen. Welche Ursachen dies aus russischer Sicht sind, wissen wir ebenfalls sehr genau.

Deshalb kann man eindeutig sagen, dass Lukaschenkos Reise in die Volksrepublik China eher der Selbstberuhigung dient. Es ist die Hoffnung, dass Xi Jinping den russischen Präsidenten davon abhalten kann, belarussische Ressourcen für den Krieg gegen die Ukraine zu nutzen. Es ist die Hoffnung, dass Xi Jinping – wenn er Zelensky schon keine direkten Signale hinsichtlich möglicher Angriffe auf belarussisches Territorium senden wird – den ukrainischen Präsidenten zumindest durch seine Erklärungen zur Unterstützung der belarussischen Souveränität davon abhalten könnte, den Befehl zur Zerstörung eben jener Relaisstationen oder jener belarussischen Unternehmen zu erteilen, die von der russischen Armee für ihre Aggression gegen unseren Staat genutzt werden.

Doch wie bekannt, ist Selbstberuhigung ebenfalls eine große Sache. Sie kann Lukaschenko neue Trümpfe verschaffen – wenn schon nicht im Dialog mit dem ukrainischen Präsidenten, dann zumindest im Gespräch mit dem russischen.

Putin versteht sehr gut, dass Belarus für China heute eine der wenigen Routen für den Transport chinesischer Waren in den Westen darstellt. Jede Destabilisierung des belarussischen Territoriums würde China dieser für Xi Jinping wirtschaftlich wichtigen Möglichkeiten berauben.

Und vor dem Hintergrund der weiterhin unklaren Lage rund um die Straße von Hormus könnte China inzwischen der Sicherheit seiner Exporte und damit auch der Sicherheit in Belarus wesentlich größere Aufmerksamkeit widmen als zu einem Zeitpunkt, als der amerikanisch-iranische Krieg noch nicht begonnen hatte.

In einer solchen Situation wird Lukaschenko zumindest bessere Möglichkeiten haben, Putin davon zu überzeugen, dass das Territorium von Belarus nicht für den Krieg genutzt werden sollte. Nicht nur deshalb, weil dieses Gebiet für Putin selbst als eine Art Fenster für die Fortsetzung eines möglichen Dialogs mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, wichtig ist, sondern auch deshalb, weil die Verwandlung dieses Territoriums in einen Kriegsschauplatz bei der Führung der Volksrepublik China ganz sicher keinen positiven Eindruck hinterlassen würde.

So könnte Lukaschenko aus den Klagen, die er nach Peking mitgebracht hat, durchaus gewisse politische Dividenden ziehen – selbst wenn er von Xi Jinping keine konkreten Sicherheitsgarantien erhalten hat.

Und dass es solche konkreten Garantien nicht gegeben hat – weil dies nicht den Traditionen der chinesischen Politik entspricht –, das kann ich Ihnen mit absoluter Sicherheit sagen, selbst ohne Zeuge dieses Gesprächs zwischen dem belarussischen und dem chinesischen Staatschef gewesen zu sein.


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Titel des Originals: Лукашенко поїхав жалітися на Росію і
Україну | Віталій Портников. 30.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 30.06.2026.
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Der Konflikt um den Weißen Adler | Vitaly Portnikov @UkraineCrisisMediaCenterOnline. 23.06.2026.

Chalyj. Ich würde Ihnen gern das Wort geben. Und da wir nun irgendwie mit Polen begonnen haben, und das Thema in aller Munde ist, habe ich eine direkte und konkrete Frage. Soll Präsident Volodymyr Zelensky nach Danzig zur Wiederaufbaukonferenz fahren – darüber wird jetzt in der Bankowa entschieden – oder soll er einen anderen Schritt tun? Ganz konkret: Was würden Sie raten?

Portnikov. Ich werde nichts raten, weil ich der Meinung bin, dass diese Konferenzen, Anreisen und Abreisen keinerlei Bedeutung haben. Man muss über diese Situation strategisch nachdenken. Denn Sie wissen, dass ich die Wiederaufbaukonferenzen für die Ukraine, wo auch immer sie stattfinden, grundsätzlich für ein rein zeremonielles Ereignis halte. Ob der Präsident dort anwesend ist oder nicht, wird für die Zukunft des russisch-ukrainischen Krieges keine konkrete Rolle spielen. Wenn der Präsident fährt, wenn der Präsident nicht fährt – das wird, sozusagen, zwei Tage nach dieser Konferenz schon halb vergessen sein.

Chalyj. Nicht unter diesen Umständen.

Portnikov. Die Umstände werden noch viele Jahrzehnte andauern, denn wir beschäftigen uns mit den Fragen des Konflikts um die historische Erinnerung mit Polen seit vielen Jahrzehnten. Und diese Fragen können nicht gelöst werden, weil es in der polnischen und in der ukrainischen Gesellschaft einen völlig unterschiedlichen Blick auf den Begriff historischer Fakten und historischer Erinnerung gibt.

Und natürlich wäre es, gelinde gesagt, naiv, sich vorzustellen, dass die Gesellschaften auf diese Kategorien verzichten würden. Wir sagen: „Lasst uns den Historikern die Möglichkeit geben zu sprechen, lasst uns dort den gesellschaftlichen Akteuren die Möglichkeit geben zu sprechen.“ Nun, ich erinnere mich sehr gut an die Diskussionen, die zwischen uns stattfanden, als ich den ukrainischen Teil des ukrainisch-polnischen Partnerschaftsforums leitete. Es gab freundschaftliche Diskussionen, es gab Verständigung. Sobald es um diese Fragen ging, gab es keine Verständigung mehr, weil jeder Politiker und jeder Staatsmann an seine eigenen Perspektiven im eigenen Land denkt.

Chalyj. Also an electorale Bedürfnisse.

Portnikov. Nicht nur electorale, gesellschaftliche. Die überwiegende Mehrheit der Polen unterstützt zumindest die Ansicht des Präsidenten Polens, Karol Nawrocki, dass man keine ukrainische Militäreinheit nach der Ukrainischen Aufstandsarmee benennen darf, weil dies eine verbrecherische Organisation sei, weil Polen der Ukraine hilft und der Präsident der Ukraine in diesem Moment eine der ukrainischen Militäreinheiten nach einer verbrecherischen Organisation benennt.

Chalyj. Entschuldigung, ich möchte Ihnen hier mit Ihrer Erlaubnis widersprechen. Sie ist möglicherweise aus Sicht Polens verbrecherisch.

Portnikov. Aus Sicht Polens. Ich sage ja: Die Mehrheit der Polen denkt so. Sie betrachten die Ukrainische Aufstandsarmee als verbrecherische Organisation als solche. Nicht irgendwelche einzelnen Menschen, nicht irgendwelche einzelnen …

Chalyj. Und die OUN.

Portnikov. Und die OUN natürlich als terroristische Organisation. Die populärste Biografie Stepan Banderas in Polen heißt „Stepan Bandera. Terrorist“. Die Frage ist nur, wie Politiker und gesellschaftliche Akteure die möglichen Folgen kommentieren. Also darüber, dass dies ein Fehler Zelenskys sei, dass Zelensky einen falschen Schritt getan habe, dass er das nicht hätte tun sollen – darüber gibt es bei niemandem irgendwelche Meinungsverschiedenheiten.

Es gibt einzelne Menschen, die versuchen zu sagen: „Aber wissen Sie, die Ukrainische Aufstandsarmee war eine nationale Befreiungsarmee der Ukrainer. Sie kämpfte gegen Bolschewiki und Nationalsozialisten.“ Und was passiert mit diesen Menschen? Sie werden einfach aus dem gesellschaftlichen Feld entfernt.

Chalyj. Entschuldigen Sie, Sie sagen, dass der Schritt mit dem Erlass über …

Portnikov. Warten Sie, hören Sie mich nicht?

Chalyj. Ich habe es eben nicht gehört, weil …

Portnikov. Ich sage Ihnen die ganze Zeit, wie das aus polnischer Sicht aussieht.

Chalyj. Aus polnischer Sicht. Okay.

Portnikov. Aus polnischer Sicht. Ich erkläre einfach, welche Sichtweise in der polnischen Gesellschaft insgesamt vorhanden ist. Und diese polnische Gesellschaft teilt sich dabei nicht in Anhänger von Karol Nawrocki, Jarosław Kaczyński oder Donald Tusk. Das denken überwiegend alle.

Es gibt kleine Gruppen in der Öffentlichkeit, die meinen, dass es nicht so sei, aber sie spielen im polnischen politischen und gesellschaftlichen Leben keine führende Rolle. Für die Polen ist also klar: Die Ukrainische Aufstandsarmee ist eine verbrecherische Organisation. Stepan Bandera ist ein Terrorist. Roman Schuchewytsch ist ein Helfershelfer der Nazis. Und darüber gibt es nichts zu diskutieren. Menschen, die versuchen, es anders zu sehen, existieren im polnischen Mainstream nicht.

Nun schauen wir auf die ukrainische Sichtweise. Die Ukrainische Aufstandsarmee ist eine nationale Befreiungsarmee des ukrainischen Volkes. Stepan Bandera ist ein Held. Roman Schuchewytsch ist ein Held. Man kann die Ukrainische Aufstandsarmee gut mit der Armia Krajowa vergleichen. Wir verstehen für uns selbst, dass Polen Verbrechen begangen haben. Aber um sich mit den Polen nicht zu streiten, können wir auch die Armia Krajowa auf eine Stufe mit der Ukrainischen Aufstandsarmee stellen, ungeachtet der Verbrechen der Armia Krajowa gegen Ukrainer.

Die Polen werden Ihnen sagen: „Was denn? Wovon sprechen Sie? Die Armia Krajowa ist die legitime Armee eines Staates, der trotz der Niederlage gegen Hitler und Stalin im Jahr 1939 weiter existierte. Und eure Ukrainische Aufstandsarmee ist eine Armee, die sich mit den Besatzern Polens verbündete, um der Armia Krajowa nicht die Möglichkeit zu geben, ihr Land zu befreien.“ Also wie wollen Sie hier Verständigung finden?

Chalyj. Sehen Sie, obwohl Sie gesagt haben … Ich achte darauf, ja, ich achte darauf, denn als Sie diese konsequente Sache gesagt haben, sieht es so aus, als hätte sich in Polen ein Bild gefestigt. Ich bin der Meinung, ich habe zum Beispiel eine andere Ansicht zur Rolle der Armia Krajowa und Wolhynien. Das sind sehr viele historische Fragen. Ich möchte jetzt, dass wir darauf übergehen, weil jemand über Wolhynien das eine denkt und jemand sagt: „Das war ukrainisches Territorium, was machten dort andere Völker?“ Ich möchte nicht, dass unsere Diskussion jetzt in Richtung Geschichte geht.

Portnikov. Nein, ich möchte einfach veranschaulichen, wie es sich mit Wolhynien verhält. Mit Wolhynien ist es ebenfalls ein großes Problem, weil Wolhynien auf dem Gebiet der international anerkannten Grenzen Polens stattfand. Das ist ein absoluter Fakt. Im Jahr 1939 war das die Besetzung eines Gebiets.

Chalyj. Sie geben wieder nur die polnische Sicht wieder. Warum gibt es bei Ihnen nur die polnische Sicht? Es gibt noch zwei Sichtweisen. Es gibt die ukrainische Sicht, einen Teil der Historiker. Darf ich dann …

Portnikov. Nein, warten Sie, ich gebe nichts wieder …

Chalyj. Wenn das ein Dialog ist.

Portnikov. Nein, das ist kein Dialog, weil Sie mir nicht die Möglichkeit geben, zu Ende zu sprechen.

Chalyj. Dann machen wir ein Interview.

Portnikov. Warten Sie, ich gebe nichts aus polnischer Sicht wieder. Ich sage Ihnen eine einfache Sache. Sonst entsteht bei den Menschen irgendein sehr seltsamer Eindruck davon, was ich sage. Die Ereignisse in Wolhynien und Galizien fanden innerhalb der international anerkannten Grenzen Polens bis 1939 statt. Dadurch, dass die Sowjetunion diese Gebiete besetzte, wurden sie nicht zu Gebieten der Sowjetunion, genauso wie die Gebiete der Ukraine heute – die Krim, Donezk und Luhansk – nicht Gebiete Russlands sind. Damit sind Sie doch einverstanden?

Chalyj. Ich bin mit Ihrer eindeutigen Formulierung nicht einverstanden, weil Sie finden werden … Dann lassen Sie mich sagen: Sowohl in Polen als auch in der Ukraine gibt es unterschiedliche historische Sichtweisen. Es gibt einen Teil der Historiker, die betonen, dass dies ukrainisches Gebiet ist. Es gibt Völkerrechtler, die verstehen, was Sie sagen – diese Aspekte. Ich verstehe diese Aspekte, den damaligen Kontext, aber für die Mehrheit der Menschen sind das ukrainische Ländereien.. Erstens. Zweitens können wir nicht außer Acht lassen, dass Historiker sehr viel über die Armia Krajowa gesagt haben. Und für uns ist die Position des Präsidenten Polens nicht akzeptabel, der sagt: Hier ist die UPA, und hier ist die Armia Krajowa, zu der es eine völlig andere Haltung gebe.

Portnikov. Hören Sie, Sie illustrieren jetzt genau das, was ich Ihnen über alle sage.

Chalyj. Ja, nur sage ich aus der Sicht eines Ukrainers, wie sehr das die Ukrainer reizt.

Portnikov. Es hat keinerlei Bedeutung, ob wir mit Ihnen aus Sicht der Polen oder aus Sicht der Ukrainer sprechen, es hat keine Bedeutung. Denn wenn Sie als Diplomat und Politiker sprechen, müssen Sie diese beiden Positionen sehen und ihre Unversöhnlichkeit sehen.

Chalyj. Richtig, und Sie widersprechen sich selbst, weil sich herausstellt: Wenn wir schon anerkannt haben, dass jeder seine eigenen Helden hat, dann wird jeder seine eigene Erklärung haben. Mythologie wird es geben, das sind Ihre Worte. Jeder wird seine eigene Mythologie haben. Sie werden keine internationale Formel gemeinsamer Entscheidungen für Nachbarn finden, so wie viele Länder sie nicht gefunden haben.

Portnikov. Nun, wir erkennen ja nicht einmal an, dass jeder seine eigenen Helden hat. Genau darum geht es: Die Polen erkennen nicht an, dass die Ukrainer ihre eigenen Helden haben.

Chalyj. Also müssen wir trotzdem erreichen, dass sie das anerkennen. Und das wurde von Karol Nawrocki gesagt. Karol Nawrocki hat vor einigen Jahren, 2023, gesagt, dass Ukrainer das Recht auf ihre eigenen Helden haben. Weiter hieß es in der ersten Mitteilung der polnischen Botschaft in der Ukraine, die sofort nach dieser Absicht, den Orden zu entziehen, erschien: Ja, für Polen ist das, wie Sie sagen, eine solche Bewertung, aber jeder hat das Recht auf seine eigenen Helden.

Ich denke, dass genau das nicht nur diese Losung ist, die wir seit vielen Jahrzehnten haben: „Wir bitten um Vergebung, und ihr ebenso.“ Ich denke, darauf muss man die Situation irgendwie zementieren, weil sie sonst zu sehr vielen …

Portnikov. Wir werden sie nicht zementieren.

Chalyj. Aus historischer Sicht nicht. Aus politischer Sicht kann man das. Aus politischer Sicht war sie in einem solchen Zustand, ich sage es Ihnen. In jenem Moment, als ich 2015 den Orden erhielt, hatten wir eine schwierige Situation. Und damals wurde dieses Gesetz zur UPA und zu allem anderen im April 2015 verabschiedet.

Portnikov. Damals war eine andere Situation. Ein anderer Präsident, eine andere Situation. Wir müssen berücksichtigen …

Chalyj. In Polen.

Portnikov. Ja. Und in Polen natürlich. Und ich wollte Sie daran erinnern, dass Präsident Petro Poroschenko später von polnischen Politikern als ukrainischer Nationalist, als Bandera-Anhänger wahrgenommen wurde. In Polen freute man sich im rechten Lager über seine Niederlage, und Poroschenko hatte keine ernsthaften Beziehungen zu seinem polnischen Amtskollegen Andrzej Duda.

Chalyj. Gut, entschuldigen Sie. Ich möchte Ihnen als Berater des Präsidenten und Botschafter in den USA …

Portnikov. Sie waren damals aber schon nicht mehr in den USA.

Chalyj. Ich möchte widersprechen: Die Beziehungen zwischen Präsident Poroschenko und Präsident Duda waren ausgezeichnet. Wir hatten gemeinsame Veranstaltungen in Amerika, die beide Präsidenten unterstützten. Ich habe das öffentlich einfach nicht gesagt. Zum Beispiel die Entscheidung, dass auf amerikanischem Territorium die Politisierung der historischen Erinnerung tabu sein würde. Als Botschafter in Washington erfüllte ich eine schwierige Rolle, indem ich unsere Gemeinschaft der Diaspora aufrief, historische Fragen nicht zu politisieren. Ich habe viel Kritik bekommen, dort werden sie es Ihnen sagen, aber ich sagte: „Wir sitzen jetzt in einem Boot, wir müssen uns gegen Russland verteidigen, wir müssen über Sicherheit sprechen. Und liebe Ukrainer, ich bitte euch, so sehr ihr könnt, denn ich verstehe, dass dort viele Polen und Ukrainer umgekommen sind, gebt der Zukunft eine Chance.“

Portnikov. Lassen Sie uns die Realität nicht mystifizieren.

Chalyj. Ich mystifiziere nicht, ich gebe Ihnen Informationen. Das wurde von den Präsidenten unterstützt, auch von Kaczyński wurde es unterstützt, und das ist wichtig. Und Sie werden damals keine Konflikte finden, beginnend mit dem Moment, als Polen während des Jahrestages der Wolhynien-Tragödie das Konsulat in Chicago mit Plakaten behängten und diese dann entfernten – und ich weiß, warum sie sie entfernten –, danach gab es dort nichts Vergleichbares mehr.. Und die Polen halfen uns, sowohl die Diaspora als auch die Lobby im Kongress halfen, gemeinsame Ziele zu erreichen. Darüber diskutiere ich nicht, ich teile es Ihnen mit. Und ich bin nicht einverstanden – jetzt diskutiere ich – ich bin nicht einverstanden, dass Poroschenko mit Bronisław Komorowski zu Beginn, 2014, schlechte Beziehungen gehabt hätte.

Portnikov. Mit Bronisław Komorowski nicht, aber mit Andrzej Duda gab es bereits Spannung. Ich möchte Ihnen sagen, dass Petro Poroschenko genau jener Präsident der Ukraine ist, zu dem Jarosław Kaczyński diesen berühmten Satz sagte, dass die Ukraine mit Bandera nicht in Europa sein werde.

Chalyj. Und jetzt sage ich Ihnen, worin der Unterschied zwischen dieser Periode und aktueller besteht. Wenn Jarosław Kaczyński damals bestimmte Dinge tun konnte für … sie sagten sogar: „Jede solche Position gegen Ukrainer, das war ja nicht gegen Poroschenko, das sind plus fünf Prozent für das Parteirating.“ Das ist bis heute geblieben. Ich stimme hier zu, dass nicht alle Polen Karol Nawrocki sind und nicht alle Polen dasselbe sind. Denn ich bin der Meinung, dass es sehr viele Polen gibt, die die Position Karol Nawrockis nicht unterstützen, angefangen mit Ministerpräsident Donald Tusk, der gestern erklärte, dass weitere Zyklen gegenseitiger Beleidigungen zu sehr schlechten Ereignissen führen könnten. Hier unterstütze ich ihn. Ich denke also, dass es solche Stimmungen gibt. Ich rede die gefährlichen Stimmungen in Polen nicht klein. Ich fürchte, dass sie sich sehr leicht politisch hochschaukeln lassen – sowohl in Polen als auch in der Ukraine. In der Ukraine kennen nur weniger Menschen viele historische Momente als in Polen. Weniger wissen Bescheid. Und ich meine, dass es staatliche und diplomatische Wege gibt, um die Spirale des Konflikts und der Konfrontation nicht weiterzudrehen.

Portnikov. Ich betone noch einmal, dass die Situation mit der historischen Erinnerung für das ukrainische und das polnische Volk noch Jahrzehnte lang nicht gelöst sein wird. Petro Poroschenko war damit konfrontiert. Und wiederum wiederhole ich, dass er in den letzten Jahren seiner Herrschaft im polnischen rechten Lager eine Person war, die man nicht akzeptierte und mit der man keinen Kontakt haben wollte. Genau durch diese Situation ging Viktor Juschtschenko, als er Stepan Bandera den Titel Held der Ukraine verlieh. Und im Zusammenhang mit Juschtschenko und Poroschenko wurden Vorschläge vorgebracht, ihnen den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Nur haben die Präsidenten das nicht getan. Aber solche gesellschaftlichen Initiativen gab es.

Chalyj. Und warum wurden sie ausgezeichnet? Erinnern Sie sich, wann Viktor Andrijowytsch Juschtschenko ausgezeichnet wurde?

Portnikov. Am Anfang, ihn zeichnete, glaube ich, Präsident Lech Kaczyński aus.

Chalyj. Wofür?

Portnikov. Für die Entwicklung der ukrainisch-polnischen Beziehungen und für die Suche nach Wegen der Versöhnung zwischen der Ukraine und Polen.

Chalyj. Zum Beispiel das Zentrum Polens.

Portnikov. Ja, natürlich, der Friedhof der Lemberger Adler und die Reise der Präsidenten nach Pawłokoma, all das gab es. Zugleich möchte ich noch einmal daran erinnern, dass es nie zu einer Bewertung bestimmter historischer Perioden, Personen und Handlungen kam, die gemeinsam gewesen wäre.

Chalyj. Weil es damals niemanden wie Karol Nawrocki in dieser Position gab. Umso mehr, ich betone noch einmal: Er sagte zunächst etwas anderes, obwohl er persönlich sehr tief in dieser Frage war, und jetzt hat er sich faktisch von diesen Worten losgesagt.

Portnikov. Karol Nawrocki ist keine Person, die von selbst auf der politischen Bühne Polens entstanden ist. Er ist ein Mensch, den die Hälfte des Elektorats unterstützt. 48 Prozent unterstützen ihn, 48 Prozent unterstützen ihn nicht. Und wir verstehen auch eine sehr wichtige Sache: Bei den nächsten Wahlen in Polen wird dieses politische Lager, das die Partei Recht und Gerechtigkeit repräsentiert, falls es an die Macht kommt, nicht ohne die Hilfe antiukrainischer ultrarechter Kräfte auskommen. Und damit werden sich die polnisch-ukrainischen Beziehungen noch weiter verschlechtern. Und wir können absolut klar davon ausgehen, dass Polen die Ukraine viele Jahre lang im Hinterhof der Europäischen Union halten wird, weil es dazu viel mehr Möglichkeiten hat als Ungarn oder die Slowakei.

Aber hier haben Sie in einem anderen Punkt völlig recht. Inwieweit sind wir fähig, in die Zukunft zu schauen? Dabei muss man sagen, dass die Mehrheit der Menschen in Polen, die einen solchen Ansatz Nawrockis unterstützt, diese Ideen, dass die Ukraine ein Schild für Polen sei, nicht unterstützt. Das geschieht synchron. Nicht nur die Frage der historischen Erinnerung trennt uns, sondern auch die Frage der Rolle der Ukraine. Diese Menschen sind absolut überzeugt, dass sich für Polen durch die Existenz oder Nichtexistenz der Ukraine auf der politischen Landkarte der Welt nichts ändern wird, weil Polen seine eigenen Bündnisse hat, die Vereinigten Staaten, die NATO, und die Ukraine einfach, ich würde sagen, den letzten Zug der Geschichte verpasst hat. Jetzt erringt sie entweder mithilfe des Westens und Polens ihre Freiheit oder sie erringt sie nicht und verschwindet. Also wird Polen, wie es neben der Sowjetunion existierte, auch weiter existieren. Genau darin liegt leider das Problem.

Chalyj. Ich denke, es ist noch tiefer. Offen gesagt scheint mir, dass, wenn man Szenarien entwirft, es so sein könnte, dass in Polen die Position wachsen wird, dass die Ukraine ernsthafte Konkurrenz in ihren Absichten schafft, der Europäischen Union beizutreten. Polen hat jetzt, sagen wir, eine negative Bilanz. Es ist Nettoempfänger von Hilfe aus Brüssel. Nach den Zahlen für 2024, soweit ich mich erinnere, 10 Milliarden Euro. Dabei gehört es zu den Empfängern, die am meisten bekommen. Bis heute, obwohl es bereits die zwanzigste Volkswirtschaft der Welt ist, das muss man anerkennen, sie sind aufgestiegen.

Aber ein interessanter Moment kommt. Einerseits entwickelte sich die Wirtschaft, andererseits entwickelte sie sich dank europäischer Unterstützung und Reformen, Reformen und finanzieller Unterstützung. Jetzt will Polen im Grunde nicht dasselbe für die Ukraine. Und wir werden leider noch erleben – ich kann das mit 90 Prozent Sicherheit sagen –, dass es Grenzblockaden geben wird und dass unser Beitritt zur Europäischen Union blockiert werden wird.

Portnikov. Ja, Nawrocki spricht ja offen darüber, dass dies „polnischer Landwirtschaft schaden werde“.

Chalyj. Ich glaube, dass wir eine Chance haben, und wir müssen dafür kämpfen, dass die Meinung in Polen dennoch konstruktiver wird, ungeachtet der Meinung zur Geschichte, der Blick auf das Schild ist unterschiedlich. Ich denke also, dass Ministerpräsident Tusk und ein Teil der Politik, sie haben wiederholt gesagt, dass sie unsere Zusammenarbeit im Verteidigungs- und Sicherheitsbereich schätzen. Das werden Ihnen auch Militärs sagen. Verteidigungsminister Kosiniak-Kamysz sagte, dass es dort sehr viel Zusammenarbeit gebe. Warum ich nicht möchte, dass die Militärs sich weiter mit diesen Fragen beschäftigen? Weil sie jetzt konkret in der Zusammenarbeit etwas zu tun haben, genauso wie die Diplomaten.

Portnikov. Das heißt, die Schlussfolgerung ist einfach: Wir müssen irgendwie jenen Teil der polnischen Gesellschaft und Politik unterstützen, der zu irgendeiner Verständigung mit der Ukraine neigt.

Chalyj. Ich denke, hier ist es schwierig, nicht in eine Einmischung in innere Angelegenheiten überzugehen.

Portnikov. Nein, ich meine durch unsere Haltung zu den polnisch-ukrainischen Beziehungen. Aber das wird nicht leicht sein, weil es wirklich sehr schwer ist, diese rote Linie nicht zu überschreiten, die die beiden polnischen Lager trennt. Außerdem muss man noch eine Sache verstehen. Diese Teilung in zwei Lager in der polnischen Gesellschaft ist seit 1920 zu beobachten. Das sind zwei unversöhnliche Lager. Das sind zwei Polen.

Chalyj. Sogar territorial sehen wir das bei der Abstimmung.

Portnikov. Heute gibt es eine territoriale Teilung, früher war es eine andere, weil Polen in anderen Grenzen existierte. Aber es gab trotzdem zwei Lager. Und ich denke die ganze Zeit darüber nach, wie gefährlich das für Ukrainer ist. Verstehen Sie, wenn du so enge Beziehungen zu einem Lager hast und das andere beginnt, im politischen Leben die Oberhand zu gewinnen, sieht es in dir nicht einfach ein anderes Land, sondern den Verbündeten des anderen Lagers. Genau das haben übrigens vor dem Zweiten Weltkrieg die polnischen Juden durchgemacht. Sie waren Verbündete des linken und zentristischen Lagers. Und es ist klar, warum. Weil das rechte Lager sie in Polen einfach nicht sah. Und das rechte Lager meinte, dass dies nicht einfach Bürger Polens mit eigenen Ansichten seien, sondern einfach die Basis des linken Lagers. Also müsse man sie irgendwie entweder loswerden oder ihnen Bürgerrechte entziehen oder sie nach Madagaskar schicken, irgendetwas müsse man mit ihnen machen. Und das ist ein gefährlicher Moment. Aber das war eine innere Situation. Eine innere übrigens nicht nur für die jüdische, sondern auch für die damalige ukrainische Bevölkerung Polens. Und diese ukrainische Bevölkerung hatte dort ihre politische Kraft im Sejm, die UNDO, und wurde vom rechten Lager ebenfalls nicht akzeptiert.

Und jetzt ist das ein seltsamer Moment, in dem es einerseits ein äußerer ukrainischer Moment ist, andererseits stellen Sie sich vor, was beginnt, wenn eine große Zahl von Ukrainern, die heute in Polen leben, die polnische Staatsbürgerschaft zu erhalten beginnt. Sie werden zu einer realen politischen Kraft, und man wird uns immer verdächtigen, dass wir diese politische Kraft für das zentristische und linke Lager nutzen wollen.

Chalyj. Offensichtlich. Und leider, leider ist sichtbar, dass dieser Prozess weitergehen und auch die Haltung gegenüber Ukrainern betreffen wird. Und ich freue mich sehr, dass jetzt die Gruppe „Warme Kleidung“, glaube ich, die Initiative geäußert hat, nicht nur den Präsidenten der Ukraine Zelensky mit einem Orden auszuzeichnen, nun, symbolisch, mit einem Volksorden. Eine Gruppe von Polen eher liberaler Ausrichtung. Und ich fürchte hier, dass auch das als politischer Schritt wahrgenommen wird, verstehen Sie? Das heißt, hier ist es sehr schwer zu trennen, wo politische Vorlieben sind und wo andere Dinge.

Deshalb möchte ich Sie zum Abschluss der Diskussion über Polen fragen. Meine Position ist, dass man Wege suchen muss, die Agenda jetzt möglichst schnell zu ersetzen, dieses Gespräch herunterzufahren, weil wir historisch dieses Treffen der Historiker im Mai hatten. Die Historiker setzten sich normal hin, sprachen, tauschten Meinungen aus, auch zu Wolhynien, und dann trat Nawrocki auf, Herr Nawrocki sagte etwas von 100.000, was weder den polnischen noch den ukrainischen Schätzungen entspricht. Also gibt es jetzt keine Antwort in historischen Diskussionen. Ich stimme Ihnen zu.

Denn wir können sie ja nicht vermeiden, aber wir können sie zumindest irgendwo unter Historikern fokussieren. Weiter. Aber die Frage der Sicherheit, die Frage des gemeinsamen Feindes Russland, wobei jetzt Zehntausende russische Bots in die polnischen Netzwerke gegangen sind, Skolkowo produziert Memes nur so. Und die Ukraine leider auch. Ich muss sagen, dass auch ein Teil dieser Memes … das alles geht schon nicht mehr um bilaterale Beziehungen, sondern um „Vereinen wir uns um den Präsidenten“. Nun, ich sage noch einmal, man muss sich im Widerstand gegen Russland vereinen, und man muss mehr Unterstützung für den Widerstand gegen Russland in Polen haben. Doch die Prioritäten ändern, die Agenda Sicherheit, Verteidigung und welche anderen Fragen setzen, die real …

Portnikov. Verstehen Sie, wir können die Tagesordnung trotzdem nicht ändern, solange die Frage der historischen Erinnerung in Polen die Tagesordnung ist. Auch das ist bis zu einem gewissen Grad eine Illusion. Wir werden mit einem Teil des polnischen politischen Establishments immer eine gemeinsame Sprache finden, mit den Zentristen und Linken, nun, mit den Linken bis zu einem gewissen Grad auch nicht mit allen, weil ich unter Linken linke Liberale meine. Und es gibt Linke wie Leszek Miller, der einfach auf russischen Positionen steht und nach Waldai fährt. Das sind ja auch Linke.

Chalyj. Er schlägt vor, dass die Ukraine MiGs und Panzer zurückgeben soll.

Portnikov. Genau. Ich meine also gerade Menschen westlicher Orientierung. Mit ihnen werden wir immer eine gemeinsame Sprache zur Änderung der Tagesordnung finden.

Chalyj. Eine Frage der Priorität.

Portnikov. Nein, darum geht es nicht. Man kann Prioritäten beliebig festlegen. Darum geht es mir überhaupt nicht, hier ist ohnehin alles klar. Sowohl Donald Tusk als auch Radosław Sikorski, Paweł Kowal und andere Politiker dieses zentristischen Lagers sind absolut Ihre Gleichgesinnten, und sie werden mit Ihnen die Frage der Prioritäten finden. Das ist der falsche Ansatz. Denn wir müssen Verbündete im rechten Lager suchen.

Unser großer politischer Fehler besteht nicht darin, dass wir die Tagesordnung ändern wollen, denn mit dem Lager Tusk, Sikorski, Bronisław Komorowski, wem auch immer, ist es für uns leicht, die Tagesordnung zu ändern. Und sie selbst wollen die Fragen der historischen Erinnerung nicht in den Mittelpunkt stellen und wollten das nie.

Was tun mit dem entgegengesetzten Lager? Das ist doch unser Hauptproblem. Nicht, wer jetzt in der Regierung Polens ist, verstehen Sie?

Chalyj. Ich verstehe vollkommen. Wenn es so, Gott bewahre, für Polen geschehen würde, dass die Russen ihre Grenze angreifen, dann versichere ich Ihnen, dass sich die Position auch dieser Rechten sehr schnell ändern würde.

Portnikov. Also müssen wir Verbündete im rechten Lager suchen. Nicht aus Sicht der Frage der Politik der historischen Erinnerung, sondern aus Sicht des gemeinsamen Interesses an Sicherheit. Ich möchte Sie daran erinnern, dass, als die Ukraine 2022 angegriffen wurde, in Polen überhaupt eine rechte Regierung und ein rechter Präsident an der Macht waren. Andrzej Duda war Präsident, das ist ein Präsident von Recht und Gerechtigkeit. Und Mateusz Morawiecki war Ministerpräsident. Diese Menschen waren so ernsthafte Verteidiger der Ukraine, dass Mateusz Morawiecki auf der Konferenz ultrarechter Kräfte in Madrid für die Ukraine eintrat, als alle anderen, die sich dort versammelt hatten, sich im Grunde an Moskau orientierten. Also stellt sich die Frage: Haben wir Verbündete im rechten Lager unter Politikern, gesellschaftlichen Akteuren, Journalisten? Stellen Sie sich vor, wir haben sie.

Chalyj. Ich erinnere nur daran, dass der Verteidigungsplan Polens damals, dafür wurden dort hochrangige Beamte, Generäle entlassen, so war, dass man zuerst russische Truppen nach der Einnahme der Ukraine tief nach Polen hineinlässt und dann versucht …

Portnikov. Nein, das ist ebenfalls Mythologie, die die polnischen Rechten erfunden haben.

Chalyj. Aber aus irgendeinem Grund wurden reale Generäle entlassen.

Portnikov. Um dann sozusagen die politischen Perspektiven Donald Tusks infrage zu stellen. Das war ein NATO-Plan. Dass Polen russische Truppen hineinlassen soll, bis die Hauptteile der NATO eintreffen. Aber das war ein Blick auf den Krieg der Vergangenheit, der schon damals nicht mehr aktuell war. Er wurde erstellt, als niemand sich vorstellen konnte, wie die Ereignisse sich entwickeln würden. Aber darum geht es nicht.

Es geht um etwas anderes: Mir fällt es nicht schwer, mit jenen Menschen eine gemeinsame Sprache zu finden, mit denen ich in Polen seit Jahrzehnten gleichgesinnt bin. Verstehen Sie, das ist überhaupt kein Problem. Sie stellen uns Aufgaben, die längst gelöst sind. Mit den polnischen Liberalen, den polnischen Zentristen, den polnischen linken Liberalen haben wir ein vollständiges Verständnis, dass die Politik der historischen Erinnerung den Historikern überlassen bleibt. Wir können meinen, dass ihr Fehler macht. Aber danach lösen wir die Hauptfragen: Sicherheit, Wirtschaft, Entwicklung der bilateralen Beziehungen. Ich möchte Sie aber fragen.

Chalyj. Nicht ganz so. Ich denke, dass auf diesen Fragen spekuliert wurde, auch von den Menschen, die Sie damals genannt haben. Ich habe schon erwähnt, dass sie darin eine electorale Ressource sahen. Und das war bei den Wahlen. Kaczyński

Portnikov. Ja, Kaczyński, das sind ja die polnischen Rechten. Sie hören mir nicht zu.

Chalyj. Nein, die Rechten sind unterschiedlich. Ich verbinde Kaczyński jetzt nicht mit Nawrocki.

Portnikov. Warum verbinden Sie sie nicht? Nawrocki wurde dank Kaczyński Präsident.

Chalyj. Ich verbinde sie nicht, weil mir scheint, dass in dieser Zeit noch rechtere, radikalere Gruppen entstanden sind, die den Moment schnell ergriffen haben. Sie haben ja im Prinzip diese Briefe in den Sejm eingebracht. Wer hat sie eingebracht? Prorussische …

Portnikov. Natürlich, aber in jedem Fall ist Karol Nawrocki der Präsident der Partei Recht und Gerechtigkeit. Sie hat ihn für das Präsidentenamt nominiert. Jarosław Kaczyński hat alles getan, damit er Präsident Polens wird. Ohne Kaczyński gäbe es Nawrocki nicht und umgekehrt. Also, ich wiederhole noch einmal.

Chalyj. Ich stimme natürlich zu, aber wir schauen doch in die Zukunft. Und mit welchen Rechten wollen Sie in Zukunft konstruktiver sprechen?

Portnikov. Ich sage noch einmal: Wir müssen Verbündete unter den polnischen Rechten suchen, unter allen polnischen Rechten, die eine antirussische Position vertreten und bereit sind zu suchen …

Chalyj. Die eine antirussische Position vertreten, denn es gibt solche, die sie nicht vertreten.

Portnikov. Ein Mensch, der eine antirussische Position vertritt, kann heute Jarosław Kaczyński sein, morgen vielleicht jemand wie Sławomir Mentzen. Wir wissen nicht, wie sich das entwickeln wird. Aber das Wichtigste ist etwas anderes. Wir sprechen jetzt nicht über Personen, nicht einmal über politische Parteien. Wir sprechen darüber, dass wir die ganze Zeit, auch ich, die Einstellung haben, dass wir Beziehungen zum liberalen und linken Lager aufbauen, vor allem zum liberalen und zentristischen, weil das linke Lager, sagen wir, für mich persönlich weit entfernt ist, und dort ist alles in Ordnung, alle verstehen alles, wir sind alle Freunde und wir haben praktisch einen gemeinsamen zivilisatorischen Raum. Die polnischen Rechten aber bleiben … Nun, wir müssen sie aussitzen, verstehen Sie – so wie Putin Trump aussitzt. Aber wir können das nicht.

Wir müssen Beziehungen zu ganz Polen haben, sogar zu jenen, die die ukrainische historische Erinnerung nicht akzeptieren. Denn sonst können wir beide Länder verlieren. Also müssen wir Verständigung mit Jarosław Kaczyński suchen. Wir müssen Verständigung mit Mateusz Morawiecki suchen. Wir müssen Verständnis mit verschiedenen Politikern von Recht und Gerechtigkeit suchen, die mit der Ukraine zu tun haben wollen. Wir müssen jene rechten Politiker in ihrem eigenen Lager isolieren, die das nicht wollen. Und mit all dem beschäftigen wir uns nicht. Ich sage Ihnen noch mehr, instrumentell. Sie haben heute zwei Botschafter in Polen erwähnt.

Chalyj. Nun, mehr den amtierenden Botschafter Wasyl Bondar, der einer der besten ukrainischen Botschafter ist.

Portnikov. Und der vorherige Botschafter war Herr Zwarytsch.

Chalyj. Ja, Wasyl Zwarytsch, der jetzt Botschafter in Tschechien ist.

Portnikov. Und wann haben wir den Botschafter gewechselt?

Chalyj. Vor kurzem.

Portnikov. Als die Regierung in Polen wechselte, weil Herr Wasyl Zwarytsch reale Kontakte zum Regierungslager hatte, und wir entschieden also, dass wir einen Botschafter haben werden, der Beziehungen sozusagen von einem weißen Blatt aufbauen wird, wie das oft vorkommt.

Chalyj. Nun, und jetzt haben wir unserem Botschafter die Möglichkeit genommen, mit beiden Lagern zu arbeiten.

Portnikov. Nun, es ist unbekannt, ob wir sie ihm genommen haben.

Chalyj. Es ist bekannt. Ich sage Ihnen jetzt: Wir haben sie ihm genommen, weil er nach einer solchen Demarche als Botschafter … Botschafter können nicht. Das ist keine weise Entscheidung. Präsidenten müssen Botschafter aus der Schusslinie nehmen, denn ihre Aufgabe ist danach eine ganz andere.

Portnikov. Damit bin ich professionell absolut einverstanden. Aber darum geht es mir nicht. Ich sage, dass die Einstellung selbst … Das Außenministerium weiß natürlich besser, wo Herr Wasyl Zwarytsch besser ist, in Warschau oder in Prag, und wo Herr Wasyl Bondar besser ist, in Ankara oder in Warschau. Das ist einfach ein Austausch. Aber ich bin der Meinung, dass wir trotzdem einen Botschafter brauchten, der bereits Kontakte zum rechten Lager hatte. Denn ein Botschafter in Polen, der Kontakte zum zentristischen Lager knüpft, ist keine große Kunst. Die wollen ohnehin mit ihm sprechen. Aber ein Botschafter, der Kontakte zum rechten Lager hat, das ist wirkliche Kunst. Denn das sind Menschen, die nicht besonders gern Beziehungen zu Ihnen unterhalten wollen.

Chalyj. Kunst ist, wenn es einen professionellen Diplomaten gibt, und unabhängig von seinen früheren Verbindungen ist er offen für die Zusammenarbeit mit allen Lagern. Denn es gibt keine solchen Fälle, ich weiß, einen solchen Ansatz gibt es in einigen Ländern. Und in letzter Zeit, deshalb habe ich mich daran festgebissen, gab es solche Gespräche zum Beispiel bevor entschieden wurde, wer Botschafter in Washington wird.

Jedes Mal diese Argumente. Es gibt Länder, besonders die wichtigsten, Nachbarn, wo man nicht so sehr über seine persönliche Erfahrung der Kommunikation sprechen muss, sondern über seine professionellen Fähigkeiten und das Vertrauen des Präsidenten und anderer hoher Beamter, eine solche Rolle zu spielen, nicht die, die in Kyiv ist. Es ist ein Fehler, dass die Position in Kyiv und die Position vor Ort unterschiedlich sein sollen. Die Botschaft – ich habe Ihnen das Zitat der polnischen Botschaft vorgetragen – sie hat es richtig gemacht. Ich möchte einfach den Hut ziehen. Und der frühere Botschafter Cichocki, ein sehr guter Mensch, den ich respektiere, hat es anders gemacht. Er nahm den ukrainischen Orden und sagte: „Ich gebe ihn zurück.“ Ja, das blieb unbemerkt. Aber ich sagte sofort: Das ist nicht der Weg, absolut nicht der Weg.

Portnikov. Aber wie Sie gesehen haben, wurde es dieser Weg.

Chalyj. Ich akzeptiere ihn, wie Sie verstanden haben, unter Politikern, nicht in der Diplomatie.

Portnikov. Nun, vielleicht betrachtet Bartosz sich als Politiker. Auch als er Botschafter Polens in der Ukraine war, betrachtete er sich als Politiker und nicht als Diplomaten und verhielt sich wie ein Politiker, nicht wie ein Diplomat.

Chalyj. Seine Wahrnehmung. Aber was den Ansatz bei Botschaftern betrifft, haben Sie recht. Vielleicht war es so. Diese Ernennung, diese Wechsel. Nun, ich sage sogar mehr. Sie haben recht, es war so. Aber zu sagen, dass dies die richtige Art von Ernennungen in Polen ist, wäre meiner Meinung nach falsch.

Portnikov. Also ist das die Antwort auf Ihre Frage. Die Frage ist nicht, wie wir die Tagesordnung ändern. Die Frage ist, mit wem wir sie ändern. Wir müssen sie mit allen politischen Kräften Polens ändern.

Chalyj. Mit allen.

Portnikov. Außer mit jenen, die offen antiukrainische Positionen vertreten. Recht und Gerechtigkeit vertritt keine offen antiukrainischen Positionen. Wenn wir die Opposition ignorieren und versuchen, Beziehungen nur zum Regierungslager aufzubauen, solange dieses – wie jetzt – zur Zusammenarbeit mit uns bereit ist, werden wir später mit den Folgen konfrontiert werden.

Chalyj. Sie haben gerade den richtigen, universellen Weg für das wichtigste Land genannt. Wir sprechen nicht situativ, sondern strategisch, wie auch in Amerika. Dasselbe. Man muss mit allen zusammenarbeiten.

Portnikov. Deshalb ist die Frage nicht, ob Volodymyr Zelensky nach Danzig fährt oder nicht. Die Frage ist eine andere: Trifft er sich mit Jarosław Kaczyński? Verstehen Sie?

Chalyj. Nun, wenn Sie irgendwo nicht hinfahren, treffen Sie sich nicht.

Portnikov. Nun, mit Jarosław Kaczyński kann man sich auch in Kyiv treffen und eine Delegation der polnischen Opposition nach Kyiv einladen. All das geschieht nicht.

Chalyj. Ich sage noch ketzerischere Dinge. Sogar mit Karol Nawrocki kann man es versuchen.

Portnikov. Der Präsident hat sich mit dem Präsidenten Polens getroffen, mir scheint, ein solches Treffen gab es schon.

Chalyj. Es gab ein Treffen damals, er schenkte ein Buch über Wolhynien, aber gestern sagte der Präsident einige Dinge, auf die in der Kanzlei schon reagiert wurde. Sehen Sie, hier gibt es, seien wir ehrlich, solche Dinge. Es war nicht nur für uns alle kränkend, sondern auch für Präsident Volodymyr Zelensky persönlich war es kränkend. Deshalb zeigen seine jetzigen Aussagen über Fürsten, Zaren, Karol, verstehen Sie, seine Haltung, was völlig verständlich ist.

Portnikov. Das ist überhaupt der Stil des Präsidenten.

Chalyj. Aber es gibt staatliche Interessen, es gibt einen eigens geschaffenen Konsultativrat der Präsidenten beider Länder, der sich übrigens sehr lange nicht getroffen hat. Ich halte das für einen Fehler. Erst vor kurzem wurde er von unserer Seite vom neuen Leiter Serhij Kyslyzja übernommen. Davor war es gerade Ihor Schowkwa, der jetzt keine Ruhe mehr hineinbringen kann.

Portnikov. Herr Kyslyzja hat ebenfalls auf den Orden verzichtet. Sie haben alle verzichtet.

Chalyj. Serhij Kyslyzja?

Portnikov. Ja, er hat verzichtet. Ich habe diese Meldung gesehen. Sie haben sie einfach verpasst.

Chalyj. Ich habe heute Tschernenko nicht verpasst.

Portnikov. Jetzt wird es in den sozialen Netzwerken viele verschiedene Menschen geben.

Chalyj. Wie hat er dort geschrieben? „Ich habe die Ehre.“

Portnikov. Aber wissen Sie, was interessant ist? Haben Sie diese Erklärung der Kanzlei von Präsident Nawrocki gelesen?

Chalyj. Ich habe sie gelesen, natürlich. Und seinen Auftritt habe ich gesehen.

Portnikov. Nein, ich meine die heutige letzte.

Chalyj. Ich habe nur die Erklärung des Büros gesehen, inhaltlich, gelesen habe ich sie nicht.

Portnikov. Sehen Sie, sie haben auf die Worte von Präsident Zelensky reagiert, der Schröder, Katharina II. erwähnte. Und sie sagen eine ziemlich einfache Sache: „Wir haben Schröder den Orden nicht aberkannt, obwohl er prorussische Positionen vertritt, weil er keine deutschen Militäreinheiten nach SS-Einheiten benannt hat.“

Chalyj. Das ist eine noch schlimmere Beleidigung, das Schwungrad wird weitergedreht, hochgedreht.

Portnikov. Präsident Zelensky hat ja keine ukrainischen Militäreinheiten nach irgendwelchen SS-Einheiten benannt. Das heißt, Mitarbeiter der Administration des Präsidenten Polens vergleichen die Ukrainische Aufstandsarmee mit einer SS-Einheit. Also suchen sie, statt die Eskalation irgendwie zu verringern, noch, ich würde sagen, höhere Töne in dieser historischen Erinnerung.

Chalyj. Deshalb gibt es hier keinen Ausweg. Es wird sich weiterdrehen. Dann werden die Ukrainer erklären, dass 375.000 Polen in der Wehrmacht gedient haben. Und dann geht alles los. Deshalb, um einen Strich darunter zu ziehen, denn wir wollen historische … nun, ich wollte es vermeiden, aber es geht trotzdem auf irgendwelche Fakten über, die meiner Meinung nach nirgends verschwinden werden. Das wird in der Gesellschaft diskutiert werden. Aber was man nicht zulassen darf, das ist meine Meinung, und ich sehe Mechanismen, die dennoch, nicht sofort, aber das tun würden, was Sie sagen.

Jetzt muss man Signale geben, dass wir bereit sind, all diese, nicht historischen Fragen, sondern verschiedene Fragen mit allen Parteien des politischen Spektrums zu besprechen. Ich denke, in diesem Fall ist die Spezifik Polens, dass es eine parlamentarisch-präsidentielle Republik ist, dass es einen Ministerpräsidenten gibt, dass es einen Präsidenten gibt und dass der Präsident will, dass seine Partei die führende Position einnimmt. Das bedeutet, dass wir mit Polen so umgehen müssen, wie es ist. Es ist unser Nachbar.

Ich meine, wir müssen einfach alles tun, damit sich kein Konflikt zwischen den Völkern hochschaukelt. Denn von solchen Erklärungen und Handlungen bis zum Hochdrehen gegenseitiger Beleidigungen ist es tatsächlich nur ein sehr kleiner Schritt. Zwei, drei Schritte, nicht mehr. Und das beunruhigt mich sehr, weil man das ausnutzt.

Unser Hauptproblem jetzt, zu dem ich schon übergehen möchte, ist existenziell. Es ist der Krieg. Es ist der russische Versuch, die Ukraine in der Form, in der sie existiert, im Grunde zu vernichten. Und in dieser Hinsicht bin ich vielleicht nicht so optimistisch wie unsere Regierung. Ich glaube nicht, dass die Eröffnung eines Clusters oder einer Gruppe von Kapiteln der Verhandlungsposition zur EU-Mitgliedschaft bereits den Weg zeigt, auch nicht irgendwelche Jahre dieses Weges. Denn die Schlüsselposition, die nach der Erfüllung aller Bedingungen der europäischen Reformen kommt, ist die Entscheidung jedes einzelnen Landes. Und offensichtlich wird es in Polen den Versuch geben, all diese historischen Dinge zu nutzen, um unsere europäische Integration zu bremsen, sagen wir, zu stoppen.

Portnikov. Polen kann sogar einen landwirtschaftlichen Dialog mit uns fünf Jahre lang führen.

Chalyj. Kann es. Aber das wollte Frankreich seinerzeit tun, was mich damals überraschte, doch die Franzosen fürchteten, dass französische Bauern wegen polnischen Rindfleischs verdrängt würden. Und das war nicht weniger hart, als wir es heute mit Polen erleben werden. Deshalb kann man diese Fragen überwinden. Das dauert natürlich längere Zeit. Nun, so wie ich meine, dass diese Frage für uns vor den 30er-Jahren noch nicht aktuell sein wird. Die Dreißiger, ich möchte keine Zahlen nennen, aber ich spreche über die Haushaltsperiode 28–34, sagen wir so. Vielleicht auch später. Das ist optimistisch gesehen, optimistisch und realistisch, sagen wir, ein Realist ist ein gut informierter Optimist, sagen wir so.

Deshalb sollen Politiker natürlich das Ihre tun, sie müssen manchmal wünschenswertere Fristen nennen, alles. Aber wir können das kommentieren, dass es so ist. Und leider sehe ich selbst bis dahin keine ernsthaften Faktoren, die die Probleme historischer Bewertungen zwischen den beiden Ländern verändern würden. Trotzdem haben wir verstanden, ich ziehe die Schlussfolgerung, dass man mit allen Kräften in Polen sprechen muss, natürlich nicht zulassen, antworten geben, vielleicht harte, aber es nicht systemisch tun. Ich meine, Minister Sybiha hat hier keine Wahl in Bezug auf die Position, denn er ist Politiker auf dieser Position. Aber zu erklären, man müsse auf jeden Schritt Polens spiegelbildlich antworten, ist meiner Meinung nach nicht die beste Strategie. Manchmal ist es so, dass man noch härter antworten muss, manchmal ausweichen, manchmal asymmetrisch antworten und so weiter. Also eine Strategie, die auf Auge um Auge, Zahn um Zahn aufgebaut ist, ist keine Strategie des 21. Jahrhunderts. Hier muss das Spiel viel komplizierter sein. Lassen Sie uns einen Strich darunter ziehen, wenn Sie zu dieser Situation noch etwas sagen möchten.

Portnikov. Sie wird weiter andauern, unabhängig davon, was in Danzig passieren wird. Ich sage es noch einmal.

Chalyj. Aber wenn es dennoch eine Möglichkeit gibt, eine weitere Eskalation zu vermeiden, scheint mir, dass auch wir in der Ukraine – ich meine diejenigen, die nicht Präsident sind; vielleicht sieht der Präsident mehr – daran denken sollten. Denn ich glaube, für unsere Völker ist das eine gefährliche Entwicklung. Umso mehr, unser Zentrum als gesellschaftliche Organisation, wir haben verschiedene Beziehungen und Diskussionen mit verschiedenen, sagen wir, Spektren von Kommentatoren, Experten, Journalisten. Wir werden diese Arbeit auf unserer Ebene fortsetzen. Nun, ich wünsche es sehr. Das Ideal wäre, ich denke, es ist unrealistisch, aber dennoch, dass wir hier stehenbleiben, und im Idealfall, dass diese Entscheidung über die Rückgabe des Ordens überhaupt nicht in Kraft tritt.

Portnikov. Das ist absolut unklar, ob sie durch ist oder nicht.

Chalyj. Aber es spielt eine Rolle, ich sage Ihnen, einer der Prognosen, sie kann sehr riskant sein: Früher oder später wird dieser Orden Volodymyr Zelensky zurückgegeben werden. Er wird früher oder später zurückgegeben werden. Gemeint ist nicht die unmittelbare Perspektive, aber es wird geschehen. Nun zur Hauptsituation.

Der Hauptmoment. Ich möchte mich nicht wiederholen, und wir haben viel von Ihnen gehört, was Sie in Ihren Sendungen sagen, und Sie reagieren ständig auf konkrete Situationen. Wenn man, nun, nicht strategisch, ich würde sagen, sondern doch in eine etwas weitere Perspektive blickt, möchte ich über Russland sprechen, über den Feind, weil wir unsere Momente besser verstehen als den Feind. Was meinen Sie: Gibt es Gründe zu sagen, dass die kommenden Monate für Russland Monate der Entscheidung darüber sein werden, wie es weitergeht? Oder halten wir in Wirklichkeit nur Wunschdenken für Realität, und in Russland kann es eine solche Wahl zwischen verschiedenen Handlungsoptionen schlicht nicht geben?

Portnikov. Ich denke, das wird von der wirtschaftlichen Situation abhängen. Wenn sie sehen, dass sie mit der wirtschaftlichen Situation trotz ihrer Krisenmomente zurechtkommen können, werden sie handeln, wie sie gehandelt haben. Sie sind ein sehr träges System. Es geht nicht einmal um Putin. Und dann übertreiben wir sehr oft, scheint mir, die Haltung der russischen Führung zu den Problemen der eigenen Bürger.

Die eigenen Bürger beginnen erst dann zu beunruhigen,     wenn sie protestieren und ihr Protest sich nicht mehr unterdrücken lässt. Das ist eine Regel des russischen Lebens. Erinnern Sie sich an Pikaljowo, als Menschen hinausgingen, eine föderale Fernstraße blockierten und mit den Handlungen des damaligen Eigentümers des stadtbildenden Unternehmens, Oleg Deripaska, nicht einverstanden waren. Putin kam selbst, sprach mit ihnen, stellte irgendeine Ordnung her, weil sie protestierten.

Chalyj. Nun, ich erinnere mich, als niemand die Probleme Wladiwostoks lösen konnte, nachdem die zollfreie Einfuhr gebrauchter japanischer Autos, mit denen die Taxifahrer in Wladiwostok fuhren, abgeschafft worden war.elSie versammelten sich auf den zentralen Straßen, an der Kreuzung standen etwa 500 Autos. Und nachdem gepanzerte Mannschaftstransporter kamen, um sie zu vertreiben, kamen noch mehr Autos, und Moskau machte einen Rückzieher. Dann im Norden, erinnern Sie sich, als arbeitslose Jugendliche … also Panzerkreuzer Potemkin.

Portnikov. Das ist die Antwort auf die Frage. Wenn die Russen revoltieren, werden sie die Politik korrigieren. Wenn sie nicht revoltieren, sondern einfach sagen: „Oh, bei uns gibt es an den Tankstellen keinen Treibstoff. Oh, man muss aus der Krim ausreisen.“ „Nun, reist eben aus. Die Rettung der Ertrinkenden ist die Sache der Ertrinkenden selbst. Wir kämpfen einfach. Wir haben keine Zeit für euch. Wir retten euch vor einer noch größeren Gefahr.“

Chalyj. Nun gut, also Aufstand, aber wie groß wird die Möglichkeit sein? Nach Ihren Worten habe ich verstanden, dass es hier keinen Aufstand …

Portnikov. Ich weiß es nicht. Wir können russische gesellschaftliche Stimmungen niemals vollständig vorhersagen. Wie man im Februar 1917 nicht vorhersagen konnte, wie auch im Oktober 1917 nicht. Wer hätte übrigens vorhersagen können …

Chalyj. Die Wagner-Leute, die nach Moskau marschieren.

Portnikov. Die Wagner-Leute oder August 1991. Waren das alles vorhersehbare Handlungen? Haben wir gesagt: „Wissen Sie, wenn es irgendeinen Versuch der Restauration in der Sowjetunion geben wird, werden die Menschen massenhaft auf die Straße gehen?“ So war es nicht. Mit den Russen ist es schwieriger, verstehen Sie? Weil es leichter ist, die Situation mit einer politisch aktiven Gesellschaft vorherzusagen.

Chalyj. Und die Spitze, diese Kremltürme, nun, das ist vereinfacht.

Portnikov. Mir scheint, dass es bei den Kremltürmen einen Konsens über die Notwendigkeit gibt, den Staat in den Grenzen von 1991 wiederherzustellen. Dort gibt es gerade keinerlei Meinungsverschiedenheiten. Es geht nur um die Instrumente. Also, jemand kann meinen, dass man dafür eine Atombombe einsetzen muss. Jemand kann meinen, dass man dafür die Wirtschaft …

Chalyj. Sie meinen die Sowjetunion.

Portnikov. Die Sowjetunion.

Chalyj. Also sprechen wir über die baltischen Länder.

Portnikov. Ich weiß nicht, inwieweit die baltischen Länder jetzt in diesen Kreis gehören, inwieweit sie bereit sind zu einem Konflikt mit der NATO. Wenn sie bereit sind, dann …

Chalyj. Aber Kasachstan gehört dazu.

Portnikov. Kasachstan gehört dazu. Nein, wir kennen ja die Konfiguration. Russland, Ukraine und Belarus sind ein Territorium, weil es das ukrainische und belarussische Volk nicht gibt. Also werden die Ukraine und Belarus als Gebiete angeschlossen. Ein Teil Kasachstans wird als Gebiete angeschlossen, und alle anderen ehemaligen Sowjetrepubliken werden zu Autonomien innerhalb der Russischen Föderation. Der stalinistische Ansatz. Das ist es, was sie am Ende erreichen wollen. Deshalb ist die Ukraine eine notwendige Bedingung, weil sie dann an die Grenzen Mitteleuropas gelangen und zu einem geopolitischen Akteur werden. Und hier ist der Konsens vollständig.

Also, ich sage noch einmal: Es gibt einfach Menschen, die meinen, dass man das durch Krieg tun muss, sogar durch Atomkrieg, und es gibt Menschen, die meinen, dass man das durch wirtschaftlichen Druck erreichen kann. Aber dass man das tun muss und dass Russland ohne dies nicht existieren wird, daran hat dort niemand auch nur irgendwelche Zweifel, weil es ein expansionistisches Land, eine expansionistische Zivilisation ist, ich erinnere die ganze Zeit daran, seit den Zeiten Iwan Kalitas.

Chalyj. Nun gut, ist das ein Imperium?

Portnikov. Nein, das ist nicht einmal ein Imperium, das ist eine expansionistische Zivilisation. Ein Imperium ist etwas anderes.

Chalyj. Und das ist die Sowjetunion.

Portnikov. Eine expansionistische Zivilisation.

Chalyj. Das ist kein Imperium?

Portnikov. Eine expansionistische Zivilisation. Sie haben sich die ganze Zeit ausgedehnt.

Chalyj. Nun, das Prinzip eines Imperiums ist ebenfalls, sich auszudehnen.

Portnikov. Ein Imperium kann irgendwo anhalten und sich im Rahmen der erzielten Ergebnisse entwickeln. Wenn Russland anhält, beginnt es zu degradieren.

Chalyj. Nun, das zeigte die Geschichte vieler Imperien. Ich kann den Unterschied zu Ihrer Definition nicht finden.

Portnikov. Das heißt, Sie meinen, dass jedes Imperium eine expansionistische Zivilisation ist und nicht anhalten kann?

Chalyj. Ich sehe es historisch so, dass alle Imperien versucht haben, ihre Grenzen zu erweitern, bis zu dem Moment, als historische Ereignisse so lagen, dass es ihnen einfach … Nein, Großbritannien zog sich aus dem Nahen Osten und aus Indien zurück, als man noch etwas hätte tun können, aber die wirtschaftlichen Folgen, diese Kolonie zu tragen, waren schon sehr schwierig.

Portnikov. Nun, ich sage Ihnen, worin der Unterschied liegen kann.

Chalyj. Sie können die Krim wirtschaftlich vielleicht nicht tragen.

Portnikov. Jedes Imperium denkt vor allem an seine Ressourcenbasis. Russland denkt an Expansion, weil die Ressourcenbasis für es nicht zwingend ist. Welche Ressourcenbasis hatte die Sowjetunion in Afghanistan, Angola, Mosambik und Kuba?

Chalyj. Ja, ein Imperium wählt manchmal aus, wohin es sich ausdehnt.

Portnikov. Ich denke, dass im russischen Fall die Idee der Expansion einfach wichtiger ist als die Idee der Ressourcenbasis. Deshalb sagen die Russen übrigens die ganze Zeit: „Warum sind wir denn ein so seltsames Imperium, wenn wir unsere Ressourcen an die eroberten Gebiete weitergeben?“ Nun, weil ihr kein Imperium seid. Ein Imperium nimmt tatsächlich, in der Regel plündert es alle eroberten Gebiete, und dann gehen irgendwelche Waren in die Häfen von Lissabon und Madrid. Russland plünderte einerseits natürlich, gab andererseits aber immer auch eigene Ressourcen ab.

Chalyj. Nun, in alten Zeiten gab es auch so etwas. Einigen Gebieten, die Widerstand leisteten, aber sich mit Vasallität einverstanden erklärten, gab man Geld, indem man es anderen wegnahm, die man erobert hatte. Auch das gab es. Aber Sie haben einen interessanten Punkt angesprochen: Itschkerien, heute Tschetschenien, erhält vollständig Subventionen und wird faktisch über Moskau aus den Einnahmen Tatarstans finanziert.

Portnikov. Nicht nur Itschkerien, überhaupt ganz Russland, es gibt sieben Geberregionen.

Chalyj. Sacha-Jakutien ist Geber, Tatarstan ist Geber, Baschkortostan ist Geber.

Portnikov. Moskau.

Chalyj. Moskau, klar. Und im Wesentlichen ist ganz Russland überwiegend Empfänger. Logisch ist, dass sie durch zwei Dinge zusammengehalten werden, nun, vielleicht drei. Erstens dennoch durch eine billigere Sicherheit, seien wir ehrlich, viele dieser Menschen sind solche Russifizierten geworden. Sie sprechen über eine gemeinsame Würde und „unsere“ Errungenschaften. Übrigens ist es sehr lustig, wenn Menschen, die keinerlei Beziehung zu Moskau haben, manchmal all diese Ereignisse erwähnen, aber es existiert trotzdem, und das ist objektiv.

Portnikov. Interessant ist aber etwas anderes: Die besetzten ukrainischen Gebiete erhalten Hilfe. Sie sind ja auch keine Geber, für sie wird ebenfalls Geld ausgegeben. Dann stellt sich ebenfalls die Frage, wozu ihr sie erobert, wenn sie nicht eure Ressourcenbasis sind, sondern ihr sie einfach nur um der Eroberung willen erobern wollt.

Chalyj. Nun, aus dem Osten haben sie etwas genommen und es sofort Kadyrow gegeben, das Werk in Mariupol. Manchmal rechnen sie mit ukrainischem Eigentum ab.

Portnikov. Natürlich, aber trotzdem müssen sie all das aus dem eigenen Haushalt unterhalten.

Chalyj. Und hier entsteht eine solche Situation. Ein Russe, der nicht in Moskau lebt, fragt … Denn Moskau werden sie als letztes aufgeben. Ich denke, in Moskau wird es immer Benzin geben, bis es bei allen nicht mehr da ist.

Portnikov. Mir scheint, dass es dort an den Tankstellen schon kein Benzin mehr gibt.

Chalyj. Nein, nun, es gibt welches. Sie werden Wege finden. Sie werden Moskau abdecken, weil das Wahlen im September sind, das ist Sobyanins Interesse.

Portnikov. Sie haben nicht in Moskau gelebt, Sie haben dort nicht für Brot angestanden. Ich schon.

Chalyj. Sie haben ja auch diese Erfahrung. Ja, Sie sind ein guter Berater. Nun, sagen Sie, wie ist das. Wie sollen wir das jetzt machen, denn das ist ein Feind, der in Schlangen stehen muss.

Portnikov. Ich weiß einfach genau, dass der Moment kommt, in dem sie aus für mich unverständlichen Gründen auf die Stabilität in Moskau keine Rücksicht mehr nehmen.

Chalyj. Und als es Schlangen gab, wurde Buran gestartet. Das ist ein interessanter Moment. Also, was werden ihre vorrangigen Handlungen sein? Werden sie die Krim bis zum Ende finanzieren, versuchen, irgendwie die Illusion aufrechtzuerhalten? Putin versprach ein Schaufenster, dass die Krim überhaupt ein Schaufenster sein werde.

Portnikov. Nun, jetzt ist das ein etwas anderes Schaufenster.

Chalyj. Ein völlig anderes. Und zwar nicht nur wegen dieser Bilder, dass die Krim Territorium der Ukraine ist, auf dem leider Kampfhandlungen stattfinden.

Portnikov. Ich weiß nicht, ob sie sie unterstützen werden oder ob es für sie vorteilhafter ist, dort den Zustand einer humanitären Katastrophe zu schaffen, um zu zeigen, wie grausam die Ukrainer seien, die sogar jene vernichten, die sie als eigene Bevölkerung betrachten, um ihres Sieges willen. „Wir haben euch doch gesagt, dass die Krim-Bewohner vernichtet werden. Jetzt haben die Nazis die Möglichkeit bekommen. Das bedeutet, das ist es, worüber wir euch 2013 gesprochen haben, ihr seht es jetzt. Schaut auf das hungrige Kind auf der Krim. Das wäre geschehen, wenn es 2014 einen Zug von Kyiv nach Simferopol gegeben hätte. Genau das hat Genosse Putin verhindert.“

Chalyj. Aber das ist für ihren inneren Gebrauch.

Portnikov. Ja, natürlich, natürlich.

Chalyj. Sie haben bereits mehr als eine Million gezielt umgesiedelte Russen dorthin gebracht, auf die Krim, und natürlich rechneten sie damit, dass dies gerade die Situation stärker unterstreichen, sie besser machen könnte. Aber sie stießen darauf, dass diese Million jetzt versorgt werden muss.

Portnikov. Und jetzt muss man sie herausbringen, weil all diese Menschen vielleicht nicht dort bleiben wollen.

Chalyj. Ich denke, wenn jetzt wirklich unter Kontrolle und stabil der Landkorridor geschlossen wird und diese Kertsch-Brücke, die in Wirklichkeit aus vielen Gründen eine so fragile Konstruktion ist, dann erzeugt all das realen Druck. Zumindest für jene, die dorthin gekommen sind, nicht für Menschen, die dort lebten, sondern für jene, die gekommen sind, die einfach bewusst auf besetztes Gebiet gekommen sind. Das Gebiet wurde besetzt, sie kamen, und sie verspotten noch jene Ukrainer, die dort sind. Es gibt keine ukrainischen Schulen, nichts gibt es, für sie ist alles normal. Ich halte sie für Besatzer. Diese Menschen, die nach Beginn des Krieges auf das Territorium der ukrainischen Krim gekommen sind, sind Besatzer, die von dort jetzt, wenn sie am Leben bleiben wollen, ausreisen müssen.

Am Leben nicht deshalb, weil Ukrainer … Ich denke nicht, dass der einzige Weg zur Befreiung der Krim irgendwelche Schläge auf der Krim sind. Nein, gerade dieser Weg, der jetzt entsteht, die Insel Krim. Also eine Insel. Und das, was … nun, ich sprach, ich denke, Sie wissen es, auch öffentlich, glaube ich, Präsident Krawtschuk hat darüber gesprochen, ich sprach mit ihm, er erzählte, wie die Krim an die Ukraine überging. Das war ja nicht ein großer Wunsch Chruschtschows. Chruschtschow tat das gezwungenermaßen, weil es auf der Krim Hunger gab. Im nördlichen Teil der Krim zeichnete sich bereits Hunger ab. Und man musste Wasser geben. 100 Milliarden hat die Ukraine, Kyiv, in all diesen Jahren in die Krim investiert.

Portnikov. Die Ukrainische SSR.

Chalyj. Ja, die Ukrainische SSR und nicht nur die Ukrainische SSR.

Portnikov. Die Ukrainische SSR, dann die unabhängige Ukraine.

Chalyj. Die Ukrainische SSR investierte 100. Und wie viel danach, das ist eine Frage. Die Südküste der Krim, dort, wo die Datschen der Generäle sind, sie werden sich bis zuletzt wehren. Aber diese Menschen, die gekommen sind, können genauso ruhig wieder wegfahren. Wenn sie ein Problem bekommen, werden sie sehen, dass es für sie hier nicht besser ist. So begann die Situation mit der Krim.

Ich denke immer: Ein solcher Krieg, wenn er mit einer Entscheidung im Kreml begann und auf der Krim 2014 begann, dann kann er vielleicht auch dort enden.

Portnikov. Je nachdem, wie die Situation auf eben diesem Territorium in den nächsten Monaten sein wird. Auch das können wir nicht wissen. Wiederum können wir diese Situation, ich würde sagen, für das Überleben des russischen Besatzungskontingents auf der Krim schwierig machen und so weiter. Aber es ist unbekannt, ob wir die Kontrolle über das Territorium selbst herstellen können, weil es jetzt nicht nur auf der Krim besetzt ist, sondern auch ein Teil des Festlands dafür besetzt ist.

Chalyj. Und darüber sprach ich mit Krawtschuk. Was ich gehört habe. Die Sache ist: Historisch konnte die Krim nie getrennt vom Festland existieren. Deshalb konnte sie ohne diese wirtschaftliche Verbindung nicht existieren. Deshalb ging das Russische Imperium damals zuerst in den Festlandteil hinein und dann auf die Krim, also seinerzeit. Okay, die Krim sehen wir.

Aber hier ist offensichtlich, dass das nicht eine Frage des morgigen Tages ist, bedingt gesagt, ja? Es gibt das Kriegsbudget, von dem Sie gesprochen haben, und es ist jetzt offensichtlich, dass man weiter darauf schlagen und dieses Kriegsbudget verkleinern muss. Aber ich wollte zu diesen geschlossenen Dingen zurückkehren, die für Menschen wie Sie schwer zu wissen sind, umso mehr mit der Erfahrung des Umgangs seinerzeit mit anderen Eliten. Also dennoch: Kann es vielleicht doch sein, dass sie die Notwendigkeit einer Pause berechnen? Ich sage nicht, dass sie ihre Ziele gegenüber der Ukraine aufgeben, aber dass sie dennoch gezwungen sein könnten, sich auf einen vorübergehenden Waffenstillstand einzulassen und an der Kontaktlinie Halt zu machen.

Portnikov. Nun, erstens glaube ich, dass ich ziemlich viel mit Vertretern dieser Elite gesprochen habe, die jetzt da ist. So hat es sich historisch ergeben. Deshalb habe ich keine Illusionen über ihre Stimmungen. Und ich meine gerade diese tschekistische Elite, die die ganze Zeit dort war. Man konnte sie nicht bemerken, aber sie war die ganzen 90er-Jahre dort. Darin liegt das Problem.

Chalyj. Ja. Aber jetzt hat sie die Kontrolle übernommen.

Portnikov. Jetzt hat sie die Kontrolle übernommen. Ja. Und sie haben sogar versucht, in den 90er-Jahren so zu tun, als seien sie keine Tschekisten. Warum konnte man mit ihnen sprechen? Weil sie sich als jemand anderes maskierten. Aber ihre Positionen waren auch damals so wie heute, und sie haben sich nicht verändert.

Und jetzt zur Pause. Es ist ziemlich einfach. Dort gibt es genug Menschen, die meinen, dass sie Kontrolle auch ohne Krieg erlangen können und die zu einer Pause bereit sind. Insbesondere ist das das Umfeld des Auslandsgeheimdienstes der Russischen Föderation. Vor allem Naryschkin und andere Menschen, die so oder so dem Kreis des Auslandsgeheimdienstes angehören. Was den Föderalen Sicherheitsdienst selbst betrifft, gibt es dort unterschiedliche Ansichten, aber auch dort gibt es genügend pragmatische Menschen. Dort gibt es heute im Grunde eine Dreiherrschaft, drei Generäle. Und in diesen drei Gruppen gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, was geschieht.

Aber das Wichtigste ist, dass sie nichts entscheiden. Das ist ein typisches personalistisches Regime. Putin sieht nicht wie ein Mensch aus, der zu einer Pause neigt. Sie können ihn nicht überzeugen. Er kann nur sie überzeugen. Putin ist nicht ganz von Tschekisten umgeben. Er ist von Hochstaplern umgeben, von den Brüdern Kowaltschuk, von dieser ganzen Gesellschaft. Selbst Menschen aus dem tschekistischen Lager führen natürlich Befehle aus, aber sie sind keine Berater. Kirijenko, all das sind Menschen, die sich in Putins Nähe befinden.

Das sind keine Tschekisten in reiner Form. Das ist ein personalistisches Regime, das dem Franco-Regime sehr ähnlich ist. Es vereint verschiedene konservative Gruppen. In diesen konservativen Gruppen gibt es Vorstellungen davon, dass vielleicht eine Pause richtiger wäre, weil man einfach Kräfte für einen Schlag sammeln muss. Aber Putin kann meinen, dass das ein Fahrrad ist, und wenn es stehenbleibt, fällt es um.

Und übrigens, wenn Sie Putins Berater wären oder ich Berater wäre …

Chalyj. Gott bewahre.

Portnikov. Nein, ich meine, wenn man uns fragen würde: Wird er fallen oder nicht, wenn er den Krieg beendet? Wir würden ihm nicht sagen, dass er nicht fallen wird. Oder? Sind Sie sicher, dass er nicht fällt, wenn er die Kriegshandlungen beendet?

Chalyj. Ja, ich bin sicher. Warum? Ich will kein Berater sein, aber ich sage meine Meinung. Trotzdem denke ich, dass er eine einzigartige Möglichkeit hat. Putin übertreibt die Gefahr für sich persönlich, für sein Leben. Denn in Russland, nun, vielleicht irre ich mich, aber ich sehe, dass der Machttransfer, wenn man das ohnehin früher oder später tun muss, vom Wort des Zaren aus geschehen muss, auch wenn dieser Zar schon kraftlos und …

Portnikov. Nun, wie Jelzin.

Chalyj. Ja, denn Jelzin hatte dort fünf bis sieben Prozent Vertrauen, aber man zog ihn ins Fernsehen, wie man so sagt, und er zeigte mit diesem Finger, nun, der Zar, denke ich, zeigte auf den nächsten, eine absolut niemandem bekannte Person, die man einfach über konkrete Stufen der Macht führte und aufbaute, unter anderem durch Explosionen, durch vom FSB eigens gelegten Sprengstoff gegen die eigenen Bürger. Hier ist also alles klar, denke ich.

Nur ohne Putin werden sie die Macht nicht übergeben können. Ich lenke nur die Aufmerksamkeit auf diese Verschwörungstheorie, Nicht-Verschwörungstheorie, dass dennoch eine solche verschwörungstheoretische Idee genannt wurde, dass man sich in diesem Lager, im Kooperativ Ozero, plus andere, bereits untereinander geeinigt habe, diesen Thron nicht mehr auszuspielen, sondern die nächste Generation heranzuführen. Und angeblich wurden drei Namen genannt: die Söhne Setschins, Iwanows und Patruschews. Die Söhne Setschins und Iwanows starben im Alter von 38 und 43 Jahren. Einer ertrank, beim anderen kam der Rettungswagen auf der Rubljowka, glaube ich, nicht rechtzeitig. Also blieb Patruschews Sohn, der Putin Pawlitsch nannte.

Portnikov. Nun, angeblich, nach unseren …

Chalyj. Hören Sie, wir vertrauen unserem Gehör. Wenn wir aufhören, unseren Ohren zu vertrauen, worauf sollen wir dann vertrauen? Dort wurde sehr klar gesprochen, das zeugt von spezifischen Beziehungen. Wahrscheinlich kommuniziert er nicht seit dem ersten Jahr in einem solchen engen Kreis. Deshalb gibt es auch solche Gespräche, dass dieser Transfer möglich sein könnte.

Portnikov. Ich denke, dass alle Gespräche über einen Transfer der Essenz der russischen Geschichte absolut nicht entsprechen, wo, wenn der Zar stirbt, völlig andere Ereignisse beginnen. Der Kern des Machtübergangs von Jelzin zu Putin bestand darin, dass Jelzin nicht starb, lange Zeit Garant für Putin blieb, so wie Putin Garant für Jelzin. Putin wird niemandem irgendwelche Macht übergeben. Er wird bis zum Ende Präsident bleiben. Und wiederum sage ich Ihnen sogar die Formel: Jetzt sind die Risiken einer Beendigung des Krieges für Putin viel größer als die Risiken der Nichtbeendigung. Diese Formel muss sich ändern. Solange diese Formel weiter besteht, wird es keine Pause geben.

Chalyj. Ja, aber diese Risiken können jetzt viel schneller wachsen als früher.

Portnikov. Möglich. Das ist die Antwort auf Ihre Frage.

Chalyj. Die Zeit läuft ab, und ich würde noch anderthalb Stunden mit Ihnen sprechen, aber ich weiß, dass auch Sie Pläne haben. Zum Abschluss stelle ich dennoch eine Frage, die scheinbar über all das hinausgeht, aber dennoch. Wir verstehen, dass das, was in der Ukraine geschieht, der Krieg und all das, nun, ich würde sagen, solche Dinge sind, die Historiker einmal als Wendepunkte, als epochal bezeichnen werden. Das ist ein Krieg in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Und in den 90er-Jahren, 1996, beschrieb Zbigniew Brzeziński in seinem „Grand Chessboard“, dann Huntington über den Bruch der Zivilisationen, andere solche, nun, und Kissinger, auf seine Weise die Situation. Sie sagten zwei Dinge: dass die Grenze, gemeint ist eine reale Grenze, zwischen Russland von der Seite, sozusagen Asiens, und dem europäischen Teil nicht entlang der Grenzen der Ukraine verlaufen werde, sondern irgendwo westlicher der Grenze der Ukraine, sagen wir. Also dort, wo Russland im Grunde versucht, diesen Teil des Grenzlandes zu halten, ja, ich würde es so sagen.

Und sie sprachen darüber, eine zivilisatorische Grenze. Aber zugleich sehen wir Veränderungen seit 1996/97, es sind schon 30 Jahre vergangen, wir sehen, dass reale Identitätsgrenzen, Grenzen realer historischer Ereignisse sich ändern können und den damaligen Prognosen schon nicht mehr entsprechen müssen. Was denken Sie: Wo wird in Zukunft … Ich spreche nicht von Jahren. Nun, wenn von Jahren, okay, etwa Mitte der 40er-Jahre, 2034, wo wird künftig die tatsächliche Grenze zwischen dem Block der Europäischen Union und der übrigen nordeuropäischen Staaten einerseits und Russland andererseits verlaufen? Müssen wir auf diese Prognose hören, dass es nur so ist, oder kann man doch eine Korrektur vornehmen, dass diese Grenzen mindestens entlang der Staatsgrenzen der Ukraine verlaufen werden? Und ich frage: Wo werden sie noch verlaufen?

Portnikov. Es hängt davon ab, ob die Volksrepublik China den Weg der Vereinigten Staaten von Amerika und der Russischen Föderation gehen wird. Einfach gesagt: Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Russische Föderation haben bereits bewiesen, dass sie über eine unglaubliche Macht verfügen, diese Macht aber nicht realisieren können. Die Volksrepublik China hat das bisher nicht bewiesen. Für eine Großmacht ist das Wichtigste, keine Gewalt anzuwenden, denn wenn sie Gewalt anwendet und danebentrifft, ist das das ist wie in Kiplings Das Dschungelbuch: Akela, der sein Ziel verfehlt, kann nicht länger Rudelführer bleiben.

Chalyj. Das ist einer der grundlegenden Prinzipien …

Portnikov. Der Zivilisation, nicht einmal der Politik, von allem auf der Welt. China hat diesen Fehler bisher nicht begangen. Wenn es diesen Fehler nicht begeht, dann werden die Grenzen zwischen der Europäischen Union und, sagen wir, Eurasien im russischen Verständnis dieses Wortes, entlang jener Gebiete verlaufen, über die Russland in Zukunft seine Kontrolle behalten kann. Das muss nicht unbedingt ukrainisches Territorium sein. Russland kann eigene Gebiete im europäischen Teil verlieren, so lächerlich das in dieser Situation klingt. Und das wird die konkrete Grenze Chinas und dieser, ich würde sagen, europäischen Zivilisation sein. Die Grenze entweder Asiens und Europas oder Eurasiens und Europas, nennen Sie es, wie Sie wollen.

Chalyj. Also ist es kein Zufall, dass Karaganow vorschlägt, die Hauptstadt schon aus Moskau zu verlegen, und Setschin gesagt hat, dass Rosneft schon irgendwo näher zum Ural zieht.

Portnikov. Genau. Wenn China aber nicht widersteht, dann beginnt in der Welt ein echter Chaos, den wir noch nicht gesehen haben, denn es wird keine Macht mehr geben, auf die man achten kann. Wenn irgendein Land wie die Philippinen oder Japan oder sogar Taiwan beweist, dass China seine Wünsche nicht mit Gewalt realisieren kann, wird es in der Welt keine Weltgendarmen mehr geben. Und es beginnt eine Zeit des Chaos, die länger dauern wird als die 40er-Jahre. Es beginnen dunkle Zeiten. Das wird übrigens unglaublich interessant.

Chalyj. Wie die Chinesen sagen: Mögest du in Zeiten des Wandels leben.

Portnikov. Das wird keine Zeit des Wandels sein, das wird eine Zeit des Chaos sein. Genau darum geht es. Die Zeit des Wandels ist das, worin wir jetzt leben. Danach beginnen entweder, ich würde sagen, etablierte Veränderungen, wenn alle sich über alles einigen und die Störer der Ordnung einfach vom Tisch entfernt werden, oder es beginnt eine solche Zeit des Chaos, in der sich Grenzen alle fünf Jahre verändern werden. Es wird keine Grenzen geben. Die ganze Zeit wird sich etwas ändern, weil jeder glauben wird, dass er fähig ist, jedem seinen Willen aufzuzwingen, wenn es keine Supermächte mehr gibt. Und die Supermächte werden sich von der Beteiligung fernhalten, weil sie fürchten werden, dass ihr Eingreifen ihre Ohnmacht zeigen wird. Das ist das Bild der Welt im 21. Jahrhundert.

Chalyj. Leider muss ich zustimmen. Ich sehe sogar die andere Seite davon. Die Länder, die in dieser Situation gegen die Großen bestehen, werden selbst andere Ansätze und andere Ambitionen entwickeln, wie wir es jetzt übrigens an der Ukraine sehen. Deshalb, ehrlich gesagt, wenn jemand sagt, dass man mit der Ukraine nicht so umgehen sollte: Kissinger sagte, der weise Kissinger am Ende seines Lebens, dass es besser sei, die Ukraine innerhalb der NATO zu halten, um sie zu kontrollieren. In dieser Hinsicht also sehr richtig. Aber dorthin müssen wir noch kommen, und der Preis, den die Ukraine zahlen wird, ist ein gewaltiger Preis für die Zukunft. Und mit China ein interessanter Gedanke. Er schien irgendwie offensichtlich, aber Sie haben ihn so klar ausgesprochen. Tatsächlich diese Möglichkeit, dass die Großen einfach scheitern, sagen wir so, was wir jetzt beobachten. Und klar, wir sagen das im aktuellen Moment, ja, es kann verschiedene schwarze Schwäne geben und anderes, aber ich denke dennoch, dass man auf Fakten schauen muss. Erstens. Und zweitens müssen wir dennoch Tagesordnungen formen, eine ukrainische Position formen und nicht nur spiegelbildlich auf irgendwelche äußeren Handlungen reagieren. Das betrifft Polen, das betrifft Russland.

Portnikov. Wir sagen das seit Beginn des 20. Jahrhunderts, also hoffen wir, dass man irgendwann auf uns hören wird und dass es gelingt.


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Titel des Originals: Конфлікт Білого Орла | Віталій Портников
@UkraineCrisisMediaCenterOnline. 23.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 23.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Besuch Putins in China: Bilanz | Vitaly Portnikov. 20.05.2026.

Der Besuch des Präsidenten der Russischen Föderation, Putin, in der chinesischen Hauptstadt lässt sich in seiner Bilanz mit dem Besuch des Präsidenten der Vereinigten Staaten vergleichen, der nur wenige Tage vor Putins Aufenthalt in China stattfand.

Über die Ergebnisse des Besuchs von Donald Trump sagte man: „Sie haben sich nicht zerstritten – und das ist schon gut.“ Was die Ergebnisse von Putins Besuch betrifft, kann man sagen: Man hat sich auf nichts Ernsthafteres geeinigt – und das kann bereits als unser gemeinsamer Erfolg gelten. Putin ist aus der chinesischen Hauptstadt abgereist, aber selbst russische propagandistische Kommentatoren können nicht klar formulieren, warum er überhaupt dorthin gereist ist.

Die Liste der Dokumente, die im Beisein des Präsidenten der Russischen Föderation und des Vorsitzenden der Volksrepublik China unterzeichnet wurden, besteht eher aus Memoranden und Absichtserklärungen. Von irgendwelchen neuen konkreten Vereinbarungen zwischen Moskau und Peking kann überhaupt keine Rede sein.

Und Putins Pressesprecher musste vor dem Besuch erneut erklären, dass Fragen im Zusammenhang mit der Gaspipeline „Kraft Sibiriens 2“ – möglicherweise Putins wichtigstes wirtschaftliches Interesse – grundsätzlich bereits abgestimmt seien. Es müsse nur noch über Details verhandelt werden. Dabei spricht man in Moskau über das Schicksal dieser Pipeline bereits seit vielen Jahren.

Da kann die Frage entstehen: Warum ist Putin überhaupt in die chinesische Hauptstadt gereist?

Der Besuch hatte vor allem zeremoniellen Charakter, und über ihn war bereits vor der Anreise des amerikanischen Präsidenten nach Peking entschieden worden. Vor allem wollte der Vorsitzende der Volksrepublik China, Xi Jinping, demonstrieren, dass seine Beziehungen zur Russischen Föderation den Beziehungen zu den Vereinigten Staaten gleichwertig sind – und dass gerade er, Xi Jinping, heute der geopolitische Führer der Welt ist, zu dem sowohl der Präsident der Vereinigten Staaten als auch der Präsident der Russischen Föderation reisen. Und das alles innerhalb nur eines Monats.

Übrigens werden die Chinesen jetzt sogar versuchen, ein trilaterales Treffen der Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation sowie des Vorsitzenden der Volksrepublik China in China zu organisieren. Ein weiterer wichtiger Bestandteil dieses Treffens wäre die Erinnerung daran, dass sich die Vereinigten Staaten und Russland nicht in den besten Beziehungen befinden, aber jeder ihrer Führer gute Beziehungen zu Peking haben möchte. Und dann könnte Xi Jinping als Vermittler zwischen Trump und Putin auftreten.

Das entspricht allerdings nicht der Realität. Denn wir sehen, dass der amerikanische Präsident den Kontakt zu seinem russischen Kollegen sucht und ihn bereits nach Anchorage eingeladen hat. Somit hat die Rolle, die Xi Jinping während der vorherigen Präsidentschaft – der Präsidentschaft von Joseph Biden – hätte spielen können, während Donald Trump im Oval Office sitzt, überhaupt keine Bedeutung mehr.

Aber der Vorsitzende der Volksrepublik China möchte natürlich anders erscheinen. Und Putin kann ihm diesen Wunsch einfach nicht abschlagen, denn die wirtschaftliche Abhängigkeit der Russischen Föderation von der Volksrepublik China wächst weiter – besonders vor dem Hintergrund des russisch-ukrainischen Krieges und der westlichen Sanktionen gegen Russland. Und russische Führungspersönlichkeiten werden nicht müde zu betonen, wie ernst sie ihre Beziehungen zu China nehmen und welche wichtige zivilisatorische Rolle China in ihrem eigenen Leben spielt.

Erinnern Sie sich daran, wie Putin einst erzählte, dass seine Enkel Chinesisch lernen und sogar seine Tochter Chinesisch studiere? Während des Aufenthalts des russischen Präsidenten in der chinesischen Hauptstadt prahlte nun ein anderer russischer Beamter damit – Putins Pressesprecher Peskow. Das Bedürfnis, den chinesischen Gastgebern zu gefallen, wird unter den Bedingungen, in denen sich heute der russische Staat und seine Wirtschaft befinden, zu einer Frage des Überlebens.

Gleichzeitig ist Xi Jinping jedoch nicht bereit, neue Schritte auf diesen Staat und diese Wirtschaft zuzugehen, weil er deren Abhängigkeit von chinesischer Hilfe sehr gut versteht: von Chinas Ölkäufen, von Lieferungen jener Komponenten, die für die Produktion russischer Raketen und Drohnen benötigt werden, und von Chinas Möglichkeiten, die Folgen der für die russische Wirtschaft zerstörerischen westlichen Sanktionen abzumildern.

So kam Putin in erster Linie nach Peking, um das geopolitische Gewicht Xi Jinpings zu unterstreichen und chinesischen Kommentatoren die Möglichkeit zu geben, daran zu erinnern, wie bedeutend die außenpolitischen Möglichkeiten des Vorsitzenden der Volksrepublik China und Generalsekretärs der Kommunistischen Partei derzeit sind. Xi Jinping muss das jeden Tag beweisen, weil er seine Parteigenossen daran erinnern muss, dass sie ihn nicht umsonst für eine dritte Amtszeit zu ihrem Führer gewählt haben.

Und übrigens – zu dieser dritten Amtszeit. Putin feierte in China auch seinen 25. Besuch in der Volksrepublik China. Für Putin wie für Xi Jinping ist das ein echter Sieg. Putin gelang es nämlich, die russische Verfassung zu brechen, die grundsätzlich vorsieht, dass der Präsident des Landes nur für zwei Amtszeiten gewählt werden kann.

Putin gelang es in seinen 26 Jahren an der Macht, diese zwei Amtszeiten in eine lebenslange Präsidentschaft zu verwandeln. Und wir verstehen sehr gut, dass der Präsident der Russischen Föderation plant, lebenslang auf diesem Posten zu bleiben.

Dasselbe gilt für Xi Jinping, den Vorsitzenden der Volksrepublik China. Auch er hat die Tradition gebrochen, nach der der Staats- und Parteichef nur zwei Amtszeiten im hohen und verantwortungsvollen Amt bleibt und danach die Macht an einen Nachfolger übergibt. Xi Jinping, wie wir verstehen, hat ebenfalls nicht die Absicht, sich von den Ämtern des Vorsitzenden der Volksrepublik China und des Generalsekretärs des Zentralkomitees der Partei zu trennen.

Und jetzt feierten in Peking sowohl Putin als auch Xi Jinping gewissermaßen ihren Sieg über beide Machtsysteme – das russische wie das chinesische. Und möglicherweise war dieser demonstrative und selbstbewusste Triumph der Autokraten, noch dazu vor dem Hintergrund des jüngsten Besuchs Trumps und der Bereitschaft des amerikanischen Präsidenten, sowohl mit Xi als auch mit Putin zu sprechen, für sie viel wichtiger als konkrete wirtschaftliche und politische Vereinbarungen, die sie letztlich gar nicht erzielt haben.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Візит Путіна до Китаю: підсумки | Віталій Портников. 20.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 20.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Putin entvölkert die Ukraine. Vitaly Portnikov @bestradioisrael. 18.05.2026.

Korrespondent. Erstens wäre es interessant, Ihre Sicht dazu zu erfahren, dass die nukleare Thematik wieder in die Rhetorik des Kremls zurückgekehrt ist. Sie haben wieder angefangen, über Atomwaffen zu sprechen. Sogar Budanov hat darauf reagiert und gesagt, dass er es im Voraus wissen werde, falls Russland irgendetwas vorbereiten sollte. Ist das ein Ausdruck von Ohnmacht – dass ihnen, wie Donald Trump sagt, keine Karten mehr geblieben sind?

Portnikov. Nun, über Atomwaffen sprechen sie, wie mir scheint, seit den ersten Tagen des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine, wie Sie wissen. Ich bin mir hier nicht sicher, dass das ein Ausdruck von Ohnmacht ist. Ich denke, das sind immer Versuche, die Einsätze zu erhöhen und jene Zugeständnisse zu erreichen, auf die sie Anspruch erheben, wenn es um eine Pause im russisch-ukrainischen Krieg geht.

Korrespondent. Das heißt, das ist eine solche Eskalation der Eskalation.

Portnikov. Nun, erst nur eine verbale, denke ich. Eine nicht verbale Eskalation – das war jener Angriff auf Kyiv, den wir gesehen haben. Das war praktisch vielleicht der größte solche Angriff seit 2022. Wenn man sich ansieht, wie viele Raketen und Drohnen eingesetzt wurden, wie groß die Schäden sind und wie viele Zivilisten bei diesem Angriff getötet wurden, wird klar: Sie werden die Einsätze auf unterschiedliche Weise erhöhen. Denn wir haben schon mehrfach gesagt: Wenn sie an der Front keinen entscheidenden Vormarsch erzielen können, werden sie Infrastruktur und Wohnviertel angreifen.

Denn tatsächlich vergessen wir das immer. Das ist doch nicht nur ein Krieg, sondern mehrere Kriege. Das ist ein territorialer Krieg, ein Infrastrukturkrieg, ein ideologischer Krieg und ein demografischer Krieg. Und die Angriffe auf Wohnviertel mit dem Ziel, den Menschen zu demonstrieren, dass es unsicher ist, sich im Land aufzuhalten – das ist Teil des demografischen Krieges. Denn es geht nicht einfach nur darum, wie man sagt: „Sie werden die Menschen nicht dazu bringen können, das Land zu verlassen.“ Einige werden übrigens vielleicht doch gehen – vielleicht keine große Zahl mehr. Aber noch viel mehr Menschen könnten einfach nicht zurückkehren, verstehen Sie?

Korrespondent. Ja.

Portnikov. Das ist ebenfalls sehr wichtig: dass Menschen, die vor dem Krieg aus der Ukraine geflohen sind, sich davon überzeugen, dass es hier unsicher ist, und dadurch ihre Rückkehr aufschieben und stattdessen ihre Zukunftspläne in anderen Ländern aufbauen.

Ich möchte Sie übrigens daran erinnern, dass ungefähr derselbe Krieg auch gegen Israel geführt wird. Das ist doch nicht nur ein Krieg um Territorien. Dieser Krieg ist ebenfalls ein demografischer und ideologischer Krieg: Juden soll vermittelt werden, dass es unsicher ist, im jüdischen Staat zu leben, dass man besser von hier weggeht und erst recht nicht hierher repatriiert oder zurückkehrt.

Korrespondent. Ja, das stimmt, aber das ideologische Narrativ Putins lautet doch, dass die Ukrainer eine Art ideologische Verirrung seien. Dass das eigentlich dieselben Russen seien, denen nur das Gehirn gewaschen wurde und aus denen Ukrainer gemacht wurden. Und dass das überhaupt ein Volk sei. Und jetzt sagen sie plötzlich, dass sie die Ukrainer mit einer Atombombe angreifen werden. Das passt meiner Meinung nach irgendwie nicht zusammen, oder? Sie können Malaja Tokmatschka nicht einnehmen, oder? Den Donbas, Malaja Tokmatschka – und dann mit Atomwaffen zuschlagen? In welcher Logik leben sie überhaupt?

Portnikov. Ich denke, dass wir diese Station längst hinter uns gelassen haben. Wir haben sie schon 2022 hinter uns gelassen. Denn tatsächlich hatte die russische Führung im Jahr 2022 eine klare Vorstellung, die keinerlei Beziehung zur Realität hatte: dass Ukrainer und Russen tatsächlich ein Volk seien, dass Ukrainer verdorbene Russen seien, Kleinrussen, dass sie sozusagen einfach durch eine fremde Ideologie verwirrt worden seien, dass sie aber eigentlich wüssten, wer sie wirklich seien, dass sie Russisch sprächen. Deshalb müsse nur der russische Befreiungssoldat auf ukrainischem Boden erscheinen – und vor ihm würden, ich zitiere jetzt Putin etwa aus dem Jahr 2024 oder 2025, ukrainische Frauen und Kinder stellen, um nicht zuzulassen, dass auf ihn, den lieben Verwandten, geschossen wird.

Und übrigens: In den ursprünglichen Plänen, die vom Generalstab der Streitkräfte der Russischen Föderation zur Besetzung und Kontrolle des Territoriums der Ukraine vorbereitet wurden, war keine Besetzung der westlichen Gebiete des Landes vorgesehen. Alles sollte besetzt werden. Aber im Westen, so glaubte man, lebten tatsächlich schon irgendwelche völlig unzuverlässigen Menschen, die immerhin nicht ganz Russen oder ganz von Gehirnwäsche verdorbene Russen seien. Deshalb wurde der Westen nicht als ein Territorium betrachtet, über das russische militärische Kontrolle errichtet werden sollte. Das sollten die Ukrainer selbst tun – ihre Marionettenregierung.

Doch seit 2022 hat sich etwas verändert, weil man in Russland zu der Überzeugung gelangte, dass alle Ukrainer, bedingt gesagt, von Uzhhorod bis Kharkiv illoyal seien. Einfach gesagt: Egal welche Sprache sie sprechen, egal welche politischen Ansichten sie vertreten, selbst prorussische – sie betrachten sich nicht als Russen.

Deshalb findet jetzt ein Krieg zur Verdrängung dieser unzuverlässigen und nichtrussischen Bevölkerung statt, jedenfalls einer Bevölkerung, die sich nicht als russisch betrachtet, vom Territorium der Ukraine. Und in dieser Logik ist ein Atomschlag nichts Unlogisches, denn er würde nur helfen, das Territorium von der unzuverlässigen Bevölkerung zu säubern. Deshalb sehe ich nichts Neues in dem, was sie sagen und womit sie drohen.

Für sie sind die Ukrainer einfach keine Russen mehr. Das ist tatsächlich eine neue Verschiebung in ihrer Psychologie, die eintrat, nachdem sie gesehen hatten, wie die Bürger der Ukraine praktisch in allen Regionen des Landes zu den Besatzern standen.

Korrespondent. Ja. Aber wenn sie Territorien erobern wollen und auf diese Territorien Atomschläge ausführen, dann werden diese Territorien doch für nichts mehr geeignet sein. Das wird eine radioaktiv verseuchte Zone sein. Außerdem könnte die radioaktive Wolke auch in eine andere Richtung ausbreiten. Wer sagt denn, dass sie nicht Krasnodar, Rostow oder sogar Brjansk oder Kursk erreicht?

Portnikov. Nun, ein taktischer Atomschlag wird meiner Meinung nach nicht zu solchen Folgen führen. Das sind Folgen eines strategischen Atomschlags. Ich glaube, über einen strategischen Atomschlag denken sie пока noch nicht nach, sie drohen nicht einmal damit. Aber was die Tatsache betrifft, dass ein taktischer Atomschlag tatsächlich zu einer Verseuchung des Territoriums führen würde, dazu, dass es weder zum Besiedeln noch für wirtschaftliche Aktivität geeignet wäre – da haben Sie völlig recht. Deshalb müssen wir Schlussfolgerungen in zwei Richtungen ziehen.

Die erste Richtung: Sie haben in Wirklichkeit gar nicht vor, dieses Territorium zu besetzen. Sie verstehen, dass sie dieses Territorium nicht besetzen werden, und wollen es einfach von der Bevölkerung säubern, damit die Ukraine, die weiter existieren wird, menschenleer wird. Das entspricht völlig Putins Geisteshaltung.

Die zweite Schlussfolgerung: Sie haben in Wirklichkeit gar nicht vor, einen Atomschlag auszuführen, weil sie dieses Territorium künftig besetzen wollen.

Es gibt zwei Varianten. Entweder brauchen sie eine Ukraine ohne Menschen. Sie verstehen, dass sie das Territorium nicht erobern werden, aber wenn auf dem Territorium der Ukraine viel weniger Menschen leben als heute, dann reicht ihnen das. Oder sie drohen einfach mit Atomschlägen, weil sie hoffen, das Territorium zu besetzen, ohne einen Atomschlag darauf auszuführen. Das ist alles. Also ist das alles im Grunde ziemlich einfach.

Korrespondent. Lassen Sie uns einen     harten Themenwechsel machen. Wir versuchen, uns so wenig wie möglich in ukrainische Innenangelegenheiten einzumischen, aber Veronika Feng Shui hat auf uns einen sehr starken Eindruck gemacht. Also wir …

Portnikov. Gab es bei israelischen Politikern und gesellschaftlichen Persönlichkeiten nie eine Leidenschaft für Handleserei und Sterndeuter? Gehen die Vorsitzenden israelischer Parteien nicht zu ihren spirituellen Mentoren, um herauszufinden, wie sie in der Knesset abstimmen sollen? Haben die Parteien der israelischen Regierungskoalition keinen Rat der Tora-Weisen, wo Menschen einfach anhand von Büchern wahrsagen? Das letzte Land, in dem das Interesse ukrainischer Politiker an Astrologen und Wahrsagern Verwunderung oder Aufregung hervorrufen sollte, ist, verzeihen Sie, Israel. Denn bei Ihnen ist das institutionell organisiert. Rabbi Ovadia Yosef, zu dessen Beerdigung Hunderttausende, vielleicht eine Million Menschen kamen, oder Rabbi Schach – das sind doch genau dieselben Astrologen, nur in die Gewänder von Tora-Gelehrten gekleidet. Denn wenn man versucht, in den Zeilen eines alten Folianten ein Rezept dafür zu lesen, wie die eigene Parlamentsfraktion abstimmen soll – welches Instrument benutzt man dabei überhaupt?

Korrespondent. Ja, ich stimme Ihnen zu, aber bei uns ging man zu ihnen um des Segens willen, sogar Shimon Peres ging erstaunlicherweise zu ihnen.

Portnikov. Ein Segen und politische Beratung auf Grundlage der Auslegung bestimmter Kapitel der Tora sowie Abstimmungen im Rat der Tora-Weisen – das ist im Grunde dasselbe

Korrespondent. Aber sie beeinflussten keine Ernennungen. Bei uns gab es Probleme, Bibi wurde angegriffen, weil seine Frau Sara Vorstellungsgespräche führte und konkrete Ernennungen beeinflusste.

Portnikov. Das ist nicht dasselbe. Wenn die Ehefrau Ernennungen durchführt, ist das Nepotismus. Aber wenn der Rat der Tora-Weisen entscheidet, welche Partei der Regierungskoalition welchen Minister vorschlägt – bei Schas oder „Jahadut ha-Tora“ –, worüber reden wir denn? Was heißt bei Ihnen „sie beeinflussten keine Ernennungen“? So ist die Regierung doch aufgebaut. Warum wollen Sie die Situation nicht realistisch betrachten?

Korrespondent. Nein, natürlich stellt die politische Partei ihre Kandidaten für Ministerposten auf.

Portnikov. Und wer hat das entscheidende Wort – der Rat der Tora-Weisen oder das Zentralkomitee der Partei? Stellen Sie sich vor – Sie haben doch in der Sowjetunion gelebt –, stellen Sie sich vor, über dem Zentralkomitee der Partei gäbe es eine Gruppe von Personen, die Fragen der Ernennung in den Ministerrat nicht nach ideologischer Loyalität entscheidet, sondern danach, wie die Sterne am Himmel stehen. Ein Rat der Weisen des Marxismus. Wie würden Sie dazu stehen?

Korrespondent. Nein, aber der Rat der Weisen kann jedes seiner Entscheidungen mit der Tora erklären, doch in Wirklichkeit steckt dort derselbe Nepotismus, dieselben politischen Interessen dahinter.

Portnikov. Und Veronika Feng Shui – ist das nicht derselbe Nepotismus, dasselbe politische Interesse? Das ist doch alles dasselbe. Politische Interessen und Nepotismus, die entweder in die Gewänder von Rabbinern oder in die Blusen von Astrologinnen gekleidet werden. Deshalb sage ich Ihnen noch einmal: Da es bei Ihnen institutionalisiert ist und Sie akzeptieren, dass Ihre Regierung so funktioniert – die heutige Regierung funktioniert genau so –, welche Vorwürfe haben Sie dann gegen Andriy Jermak?

Korrespondent. Nein, ich habe keine Vorwürfe . Ich wollte einfach Ihre Meinung hören.

Portnikov. Ihm ist, wie vielen anderen Vertretern der postsowjetischen politischen Klasse, mystisches Denken eigen. In der Präsidialadministration Russlands, in der Staatsduma der Russischen Föderation und in anderen russischen Institutionen sind Astrologen und Sterndeuter sogar offiziell angestellt.

Korrespondent. Mhm. Ja.

Portnikov. Und wir haben ganze Untersuchungen darüber gelesen, wie Nikolai Patruschew einen fest angestellten Astrologen konsultierte, der den Rang eines Obersts des Föderalen Sicherheitsdienstes hatte, wie dieser irgendwelche Weissagungen machte und sich dabei auf irgendwelche dubiosen Dinge stützte, wenn er Ratschläge gab; wie Wladimir Putin sich an tuwinische Schamanen wandte. Wie das geschieht, ist ebenfalls klar. Das sind wenig gebildete Menschen. Sie verstehen doch, dass ein Diplom der Universität Sankt Petersburg oder irgendeines Moskauer Instituts für internationale Beziehungen oder der Fakultät für internationale Beziehungen der Universität Kyiv, die Andriy Jermak, glaube ich, abgeschlossen hat, überhaupt keine Bildung bedeutet, sondern einfach nur ein Büchlein ist. Denn diese Menschen haben keine Bildungstradition. Das sind alles Menschen – ein Ergebnis des Oktoberputsches –, die im Grunde aus Familien stammen, in denen vielleicht erst die erste oder zweite Generation eine höhere Bildung erhalten hat. Aber es sind gewöhnliche einfache Menschen aus Familien, in denen man immer an Mystik und etwas Überirdisches glaubte und offensichtliche Dinge nicht mit kritischem Denken erklären konnte.

Und all diese Leute binden sich, verzeihen Sie, diese roten Fäden um, wenn sie nach Jerusalem kommen. Tragen Sie einen roten Faden?

Korrespondent. Nein.

Portnikov. Sie tragen ihn aber.

Korrespondent. Ich trage keinen roten Faden.

Portnikov. Nun sehen Sie, Ihnen wäre das sogar näher. Sie könnten schneller an einen roten Faden kommen. Aber ich habe eine enorme Zahl von Menschen gesehen, die selbst dann, wenn sie keine Juden waren – von Juden ganz zu schweigen –, sich unbedingt diese roten Fäden umbunden und damit sogar auf Regierungsempfängen prahlten. Ja, ja. Gegen den bösen Blick.

Korrespondent. Gegen den bösen Blick. Ja.

Portnikov. Gegen den bösen Blick.

Korrespondent. Ja. So etwas gibt es.

Portnikov. Nun, weil das eben, ich sage es noch einmal, einfache Menschen sind. Aber aus diesen einfachen Menschen besteht der gesamte postsowjetische Raum. Alles Nicht-Einfache wurde vor hundert Jahren ausgerottet. Und jetzt ist es sehr wichtig, dass die neuen Generationen eine Tradition des kritischen Denkens und der Bildung entwickeln. Dafür werden noch hundert Jahre nötig sein.

Korrespondent. Am zwanzigsten soll Putin in Peking erscheinen. Was ist das Ihrer Meinung nach für ein Besuch? Hat er etwas mit Trumps jüngstem Besuch bei Genossen Xi zu tun? Und welche Perspektiven, welche Erwartungen gibt es überhaupt? Welche Position könnte China hinsichtlich der Fortsetzung dieses Krieges einnehmen?

Portnikov. Natürlich hat dieser Besuch direkt mit Trumps Besuch zu tun, denn schon vor Trumps Reise wurde gesagt, dass Putin China unmittelbar nach Trump besuchen werde. Das geschieht demonstrativ: Nachdem der Feind gekommen ist, besprechen die Freunde untereinander, wie sie weiter handeln, im Einklang mit den Ergebnissen des Aufenthalts des Präsidenten der Vereinigten Staaten in der chinesischen Hauptstadt. Deshalb erwarte ich von Putins Besuch keine besonderen Ergebnisse – einfach deshalb, weil wir auch von Trumps Besuch keine besonderen Ergebnisse gesehen haben.

Trump kam in der geopolitischen Situation, in der er sich vor allem im Nahen Osten befindet, mit leeren Händen nach China und fuhr mit leeren Händen wieder ab. Wenn man nicht die 200 Boeing-Flugzeuge mitzählt, die China angeblich kaufen soll. Aber das ist bei weitem nicht die Größenordnung wirtschaftlicher Vereinbarungen, die irgendeine wesentliche Bedeutung hätte.

Trump kam nach China nach dem verlorenen Zollkrieg und vor dem Hintergrund des nicht gewonnenen Krieges um die Straße von Hormus. Deshalb reist Putin jetzt ausschließlich aus demonstrativen Gründen nach China. Und klar ist, dass dieser Besuch keinerlei Auswirkungen auf seine Absichten hinsichtlich des russisch-ukrainischen Krieges haben wird – aus einem einfachen Grund: Peking wird weder die Hilfe für Russland einstellen noch diese Hilfe besonders verstärken, um Putin größere Ressourcenmöglichkeiten zu verschaffen. Es bleibt einfach so, wie es ist. Und für Putin ist selbst das schon gut, wenn man bedenkt, dass er irgendwie sein Öl verkaufen muss.

Korrespondent. Und wie viel Aufmerksamkeit widmete Trump während seines Besuchs in Peking überhaupt dem Krieg Russlands gegen die Ukraine? Mir scheint doch, dass die Hauptaufmerksamkeit auf andere Themen konzentriert war.

Portnikov. Natürlich. Ich glaube überhaupt nicht, dass dort viel darüber gesprochen wurde. Offiziell sprach man darüber. Und die Chinesen sagten sogar, dass sie wollen, dass der Krieg möglichst bald endet und Russland und die Ukraine am Verhandlungstisch sitzen.

Aber die Frage ist doch, wie sie das Ende dieses Krieges sehen. Man muss doch immer fragen: „Wie sehen Sie das Ende des Krieges zwischen Russland und der Ukraine?“ Während für uns das Ende des Krieges die Bewahrung von Souveränität, territorialer Integrität und das Recht bedeutet, die eigene Zukunft zu wählen, während für die Vereinigten Staaten territoriale Zugeständnisse an Russland bei Erhalt ukrainischer Souveränität das Ziel sind – dann kann das chinesische Verständnis des Kriegsendes völlig anders sein.

Und ich kann es mir übrigens vorstellen. China könnte völlig ruhig auf die Angliederung ehemaliger ukrainischer Gebiete an Russland reagieren. Für China wäre das ein völlig normales Ergebnis des Krieges, weil das einfach zusätzliches Territorium für Investitionen wäre. Oder – und vielleicht passt das China sogar besser – die Verwandlung der Ukraine in ein neues Belarus. Denn es gibt ein klares Modell von Souveränität, mit dem China einverstanden ist: das Modell der belarussischen Souveränität. Ein Land, das sich unter vollständigem russischem wirtschaftlichem und politischem Einfluss befindet und dessen Staatschef auf russischen Bajonetten sitzt.

Gleichzeitig hängt aber die Erhaltung der Staatlichkeit dieses Landes von der chinesischen Position ab. Deshalb reist der Führer dieses Landes ständig zu Vasallenbesuchen nach China. Eine solche Ukraine würde China durchaus passen. Aber den Ukrainern selbst würde sie wohl kaum passen.

Korrespondent. Ja. Und was den Iran betrifft – Sie sprechen von der Straße von Hormus. China hängt sehr stark von der Straße von Hormus ab, die Vereinigten Staaten dagegen überhaupt nicht. Im Gegenteil, das ist doch ein starker Punkt, ein Trumpf für Trump zu sagen: „Hilf mir, ich werde Ordnung in der Straße von Hormus schaffen. Das liegt doch in deinem Interesse.“ Und tatsächlich …

Portnikov. Nun, erstens kann China dort kaum jemandem wirklich helfen. Zweitens sind all diese Gespräche darüber, dass die Vereinigten Staaten nicht von der Straße von Hormus abhängen, verzeihen Sie, trumpistische Propaganda, die auf fehlendem Verständnis wirtschaftlicher Mechanismen beruht. Die Vereinigten Staaten hängen in weit größerem Maße von der Straße von Hormus ab als China. Wissen Sie warum?

Korrespondent. Warum?

Portnikov. Die Bereitschaft der amerikanischen Bevölkerung, wirtschaftliche Härten zu ertragen, ist dutzende, wenn nicht hunderte Male geringer als die der Chinesen. Als die Politik der Null-Toleranz gegenüber dem Coronavirus beendet wurde, gab es in China eine solche humanitäre Katastrophe, dass es in den Vereinigten Staaten in einer solchen Situation einfach keine Regierung und keinen Kongress mehr gegeben hätte, verstehen Sie – als Menschen stapelweise aus den Krankenhäusern abtransportiert wurden. Das war schlicht unbeschreiblich. Und der Stabilität des Regimes schadete das nicht.

Wenn die Menschen in China deutlich schlechter leben werden, wird das für Xi Jinping natürlich unangenehm sein, aber ich denke nicht, dass ihm etwas passieren wird. Und das Wichtigste: Der Kommunistischen Partei wird nichts passieren. Denn die Chinesen wissen erstens, was es heißt, schlecht zu leben, und zweitens ist der Repressionsapparat dort viel effektiver als in irgendeinem demokratischen Land – ich würde sogar sagen, in allen demokratischen Ländern zusammen.

In den Vereinigten Staaten aber werden die Benzinpreise steigen, wenn – wie Sie verstehen – die Straße von Hormus geschlossen wird; die Preise für Grundnahrungsmittel und grundlegende Waren werden steigen, der Lebensstandard der Menschen wird sinken. Das ist unvermeidlich, weil das der Markt ist.

Wenn ein Öldefizit in der Welt beginnt, werden die Preise umso stärker steigen, denn amerikanische Ölgesellschaften sind Marktunternehmen, dort gibt es keine staatliche Marktregulierung, und selbst Trump kann das nicht ändern. Und so werden die Republikaner zu den Zwischenwahlen zum Kongress ohne jede Hoffnung auf Erfolg antreten und könnten sogar verlieren, was sie noch nie verloren haben. Deshalb muss Trump diese Probleme lösen – um seines politischen Überlebens willen, denn schon im Herbst 2026 beginnt seine Fahrt vom Jahrmarkt. Sie beginnt in jedem Fall. Die Frage ist nur das Ausmaß der Niederlage.

Xi Jinping dagegen hat nichts Vergleichbares – außer wirtschaftlichen Problemen. Das ist natürlich unangenehm, aber das kann man überstehen und aushalten. Zumal es sich lohnt, dies zugunsten des wirtschaftlichen Zusammenbruchs der Vereinigten Staaten von Amerika auszuhalten. Und dieser Zusammenbruch zusammen mit dem gesamten Wirtschaftssystem des kollektiven Westens ist praktisch nicht mehr zu vermeiden.

Korrespondent. Dennoch schloss sich China Trump an und erklärte, dass der Iran niemals Atomwaffen besitzen dürfe. Halten Sie das für einen Erfolg?

Portnikov. Ich denke, das hat keinerlei Bedeutung, weil es Worte sind. China hat das immer gesagt und immer an irgendwelchen Vereinbarungen mit dem Iran teilgenommen, damit dieser auf Atomwaffen verzichtet. Und überhaupt – haben Sie das in offiziellen Dokumenten gesehen und nicht in Mitteilungen des Weißen Hauses? Haben die Chinesen das gesagt oder die Amerikaner?

Korrespondent. Das heißt, die Chinesen haben das nicht gesagt?

Portnikov. Die Chinesen haben das nicht gesagt. Deshalb denke ich, dass man alles, was die Administration des Präsidenten der Vereinigten Staaten den Chinesen zuschreibt, mit Vorsicht genießen sollte. Wichtig ist, was die Chinesen selbst gesagt haben.

Korrespondent. Trump nahm eine riesige Delegation großer Unternehmen mit dorthin – ich glaube, ihre gesamte Kapitalisierung beträgt 13 Billionen Dollar. Messen Sie dem Bedeutung bei? Ist das ein Anreiz für China, die Zusammenarbeit mit den USA auszubauen, um den Zug bei künstlicher Intelligenz oder Quantencomputern nicht zu verpassen und zusätzlichen Zugang zu modernen Technologien zu erhalten? Ist das für China ein Anreiz, etwas Attraktives?

Portnikov. Ich denke, für chinesische Geschäftsleute, die mit ihren amerikanischen Kollegen zusammenarbeiten, ist das ein Anreiz. Und wir haben gesehen, wie sie versuchen, mit Elon Musk und anderen amerikanischen Großkapitalisten Kontakt aufzunehmen. Aber für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas bedeutet das nicht besonders viel. Und diese Geschäftsleute hängen vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas ab. Ganz zu schweigen davon, dass für viele von ihnen die finanziellen Interessen in China gewöhnlich viel wichtiger sind als das nationale Interesse der Vereinigten Staaten. Auch das verstehen wir doch.

Deshalb denke ich, dass die Tatsache, dass Trump all diese, wie ich sagen würde, Supermilliardäre mitgebracht hat, eher eine Demonstration ihrer Bereitschaft ist, chinesische Interessen zu berücksichtigen. Sie selbst streben eine Zusammenarbeit mit China an, das für sie trotz aller Verlagerungen weiterhin eine wichtige Werkbank bleibt. Denn immer wieder stellt sich die Frage: Wenn Sie die gesamte Produktion aus China verlagern wollen, wenn Sie verstehen, dass China Ihr Hauptkonkurrent ist, dass es Sie bald auf dem Weltmarkt völlig erdrücken wird – warum reisen Sie dann in solcher Zahl dorthin und verbeugen sich vor Xi Jinping?

Nein, ich denke, das ist eine ganz andere Geschichte. Es ist die Geschichte davon, dass Trump einfach nicht verstehen kann, dass er im Klub der Diktatoren keinen Platz hat. Nicht weil er persönlich nicht zu diesem Klub passen würde – seinem Charakterbau nach passt er sogar sehr gut dazu. Sein großes Problem ist, dass er Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist. Und dieses Land ist ein direkter Konkurrent der Volksrepublik China und der Russischen Föderation im Kampf um Welteinfluss. Nicht einmal deshalb, weil es demokratisch ist. Ich glaube, Putin oder Xi Jinping interessiert das gerade nicht, sondern vielmehr, dass sie Amerika als Emporkömmling betrachten, der in traditionelle Einflusszonen des Russischen Reiches und dieses ehemaligen chinesischen Imperiums eingedrungen ist, das seinen Welteinfluss zurückerlangen will.

Amerika hat keinen Platz in Europa, Amerika hat keinen Platz im Nahen Osten. Amerika soll hinter seinem wunderbaren Ozean sitzen und sich nicht zeigen. Und solange Donald Trump nicht versteht, dass genau dies die verächtliche Haltung Chinas und der Russischen Föderation ihm und seinem Land gegenüber ist, werden er und all diese halbgebildeten Milliardäre einen Fehler nach dem anderen machen und ihr eigenes Land sowie ihre eigenen Unternehmen in einen unvermeidlichen Zusammenbruch treiben.

Korrespondent. Vitaly, Sie erwähnten Belarus. In letzter Zeit hören wir wieder Gespräche darüber, dass Putin Lukaschenko doch in eine aktive Teilnahme an diesem Krieg hineinziehen wolle. Belarus ist faktisch seit Beginn dieses Krieges beteiligt, aber jetzt wolle man Lukaschenko zu einer aktiven Teilnahme bewegen. Fünftes Kriegsjahr – und Lukaschenko hat sich bisher gehalten, doch jetzt wolle man ihn offenbar doch in diesen Krieg hineinziehen. Wie sehen Sie diese Perspektive politisch? Wird es gelingen, Lukaschenko hineinzuziehen?

Portnikov. Es ergibt überhaupt keinen Sinn, Lukaschenko hineinzuziehen, weil die belarussische Armee kein Schlüsselinstrument in einem solchen Krieg ist, besonders jetzt nicht. Um über Belarus zu sprechen, müsste sich auf dem Territorium von Belarus eine bedeutende militärische Gruppierung befinden, die in der Lage wäre, einen Angriff auf die bereits befestigten nördlichen Regionen der Ukraine durchzuführen. Es gäbe also nicht mehr den Überraschungseffekt und den Unglauben daran, dass von Belarus aus angegriffen wird, wie es 2022 der Fall war. Noch sehe ich keinerlei Gründe, über etwas Derartiges zu sprechen – einfach weil wir dort keine russischen Truppen sehen.

Korrespondent. Ja, zumal Russland bereits alles aus der belarussischen Armee herausgesaugt hat, was möglich war. Alles wurde von dort weggenommen. Aber trotzdem spricht Lukaschenko plötzlich davon, dass man Reservisten vorbereiten müsse. Seine Rhetorik ist also entsprechend.

Portnikov. Krieg sind überhaupt nicht Worte. Das wissen wir vom Nahen Osten. Trump hat schon so viel gesagt – aber wenn er Entscheidungen über Handlungen trifft, sehen wir das. Nicht wahr?

Korrespondent. Ja.

Portnikov. Und wenn er nur redet – nun, dann können auch Sie reden, wie eben geredet wird.


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Titel des Originals: Путин опустошает Украину. Виталий Портников @bestradioisrael. 18.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 18.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Kuba bereitet sich auf einen Krieg mit den USA vor | Vitaly Portnikov. 17.05.2026.

Die kommunistische Führung Kubas modernisiert aktiv ihre Streitkräfte und kann inzwischen offenbar auf etwa 300 Drohnen zählen, die sich im Arsenal der kubanischen Armee befinden.

Diese Drohnen könnten nach Einschätzung militärischer Beobachter von den Kubanern für Angriffe auf den amerikanischen Militärstützpunkt Guantanamo Bay Naval Base eingesetzt werden, der sich auf der Insel befindet, ebenso wie gegen strategische amerikanische Objekte im Bundesstaat Florida. Bekanntlich befindet sich in diesem Bundesstaat auch die Residenz des amerikanischen Präsidenten Donald Trump – Mar-a-Lago.

Die Meldungen darüber, dass Kuba über ein derart ernstzunehmendes Drohnenarsenal verfügt, wurden für die amerikanische Führung vor dem Hintergrund des Wunsches von Präsident Donald Trump, einen Regimewechsel auf Kuba herbeizuführen, zu einer unangenehmen Nachricht.

Am 14. Mai besuchte der Direktor der Central Intelligence Agency, John Ratcliffe, die Insel. Dort traf er sich mit den Leitern der kubanischen Sicherheitsstrukturen und warnte sie vor der Unzulässigkeit irgendwelcher aktiver militärischer Schritte gegen die Vereinigten Staaten. Wie angenommen wird, übermittelte Ratcliffe der kubanischen Führung ein Ultimatum Trumps, das mit der Bereitschaft verbunden war, die Sanktionen gegen das kubanische Regime im Austausch gegen dessen erhebliche Transformation zu lockern.

Zu den Absichten der Amerikaner, die bereits in naher Zukunft umgesetzt werden könnten, falls die kubanische Führung diesen Forderungen nicht zustimmt, gehört angeblich auch die Festnahme des vorletzten kommunistischen Herrschers Kubas, Raúl Castro, des jüngeren Bruders des Gründers des repressiven Regimes, Fidel Castro. Raúl Castro soll wegen Verbrechen angeklagt werden, die 30 Jahre zurückliegen. Auf diese Weise sucht man offenbar lediglich einen Vorwand dafür, dass der fast hundertjährige Führer der kubanischen Revolution auf der Insel festgenommen und – nach dem Vorbild des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro – in die Vereinigten Staaten überstellt werden könnte.

Doch im Unterschied zu Venezuela haben die kubanischen Kommunisten, die sich seit Jahrzehnten in einem permanenten Kampf mit den Vereinigten Staaten befinden, keineswegs die Absicht, einfach die Waffen niederzulegen. Bereits nach dem Besuch des Direktors der CIA, John Ratcliffe, in der kubanischen Hauptstadt betonte Kubas Außenminister Bruno Rodríguez Parrilla, dass Kuba im Falle aggressiver Handlungen der Vereinigten Staaten gegen die Insel sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen und sich verteidigen werde.

Und meiner Meinung nach sind das nicht bloß Worte eines kommunistischen Funktionärs. Anstatt mit den Vereinigten Staaten zu verhandeln, könnten die kubanischen Führer gemeinsam mit zahlreichen Militärinstrukteuren aus Russland und der Volksrepublik China, deren Zahl auf der Insel zunimmt, Pläne für eine Antwort auf die Vereinigten Staaten ausarbeiten und darüber nachdenken, wie ihre Drohnenarmee richtig eingesetzt werden kann.

Kuba unterscheidet sich natürlich vom Iran – sowohl hinsichtlich des Territoriums als auch der Landschaft und der Zahl der Militärangehörigen. Doch zugleich sollte man daran erinnern, dass gerade die kubanische Armee jahrzehntelang Lateinamerika terrorisierte und über erhebliche Erfahrungen im Guerillakrieg verfügt, die dem amerikanischen Militär praktisch fehlen. 

Außerdem besteht ein weiterer wichtiger Unterschied Kubas zum Iran in der Entfernung. Man kann sich also vorstellen, dass kubanische Drohnen im Falle ihres Starts vom Territorium der Insel nicht nur ernsthafte Probleme für das Funktionieren des amerikanischen Militärstützpunkts in Guantánamo verursachen könnten, sondern auch echtes Chaos auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten selbst hervorrufen und sogar die Sicherheit Donald Trumps infrage stellen könnten. Natürlich nur dann, wenn der amerikanische Präsident in dieser Situation nicht auf Erholungsaufenthalte in seiner Residenz Mar-a-Lago verzichtet und gezwungen wäre, zumindest während der gesamten Dauer eines Konflikts zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba an Wochenenden in Washington zu bleiben.

Solche Annahmen wirken heute natürlich wie politische Science Fiction . Doch man sollte daran erinnern, dass viele Szenarien politischer Science Fiction, die vor dem Auftreten Donald Trumps im Oval Office völlig unrealistisch erschienen, inzwischen Realität der großen Politik geworden sind. Und wir diskutieren sie inzwischen wie Selbstverständlichkeiten. 

Deshalb könnten wir bereits in einigen Wochen ebenso selbstverständlich darüber sprechen, dass zum Krieg im Nahen Osten und zum russisch-ukrainischen Krieg noch Angriffe kubanischer Drohnen auf den amerikanischen Bundesstaat Florida hinzukommen, ebenso wie die Zerstörung Havannas und schwere Schäden auf dem Gelände von Trumps Residenz Mar-a-Lago. 

Und der Präsident der Vereinigten Staaten würde dann zwischen weiteren Angriffen auf die sogenannte Insel der Freiheit und einer Vereinbarung mit den kubanischen Kommunisten wählen müssen, die ihm erlauben würde, seine Residenz in relativer Sicherheit zu bewahren und keine neuen Angriffe auf sein eigenes Zuhause fürchten zu müssen.

Natürlich stellt sich die Frage, wofür sich Donald Trump entscheiden würde, der einen Regimewechsel auf Kuba vor dem Hintergrund der Sackgasse, in die er infolge des Krieges gegen den Iran und der anhaltenden Blockade der Straße von Hormus geraten ist, als wichtigen Erfolg betrachten könnte. Denn wir sehen, dass der amerikanische Präsident sich noch immer nicht entschieden hat, wie er aus einer Situation herauskommen soll, die gerade im Vorfeld der Zwischenwahlen zum Kongress der Vereinigten Staaten zu einer großangelegten Energie- und Wirtschaftskrise führen könnte. 

Und in diesem Zusammenhang könnten die Bildung einer neuen Regierung auf Kuba und die Beseitigung des kommunistischen Regimes tatsächlich eine gute Nachricht sein – zumindest für jenen Teil von Donald Trumps Wählerschaft, der die kubanischen Kommunisten seit Langem als autoritären Staat betrachtet, der die amerikanische Sicherheit und die amerikanischen Werte bedroht.

Doch es stellt sich die Frage, wie einfach die Lösung dieses Problems sein wird und ob sich Trumps Vorstellung bewahrheiten wird, dass er seine surrealistische venezolanische Erfahrung in jedem anderen Land wiederholen könne. Denn auch im Iran glaubte Donald Trump, dass das Verschwinden des Ajatollahs Ali Khamenei von der politischen Bühne zu denselben Folgen führen würde wie einst das Verschwinden von Nicolás Maduro. Und wie wir sehen, hat sich der amerikanische Präsident verrechnet. Ich schließe nicht aus, dass er sich auch im Fall der kommunistischen Insel verrechnen könnte.


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Titel des Originals: Куба готується до війни з США | Віталій
Портников. 17.05.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 17.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Was Trump und Xi über die Ukraine gesprochen haben | Vitaly Portnikov. 15.05.2026.

Donald Trump teilte Journalisten an Bord seines Flugzeugs, mit dem er derzeit aus China in die Vereinigten Staaten zurückkehrt, mit, dass er mit dem Vorsitzenden der Volksrepublik China, Xi Jinping, über den russisch-ukrainischen Krieg gesprochen habe – zumindest über seine Sicht auf eine Regelung der Situation. Bis gestern, so der amerikanische Präsident, sei alles gut gelaufen, doch nun hätten die Ukrainer einen massiven Schlag erlitten und die Situation sei unangenehm.

In dieser Aussage zeigt sich gewissermaßen der gesamte politische Stil des amtierenden amerikanischen Präsidenten, der den terroristischen Schlag der Russischen Föderation gegen die ukrainische Hauptstadt sowie andere Städte und Siedlungen unseres Landes als „unangenehme Situation“ bezeichnete. Und das tat er ausgerechnet an dem Tag, an dem in Kyiv Trauer um Dutzende getöteter Einwohner der ukrainischen Hauptstadt ausgerufen wurde. Doch Trump, der bemüht ist, Putins Handlungen nicht zu verurteilen, konstruiert auf diese Weise sein Gleichgewicht in den Beziehungen zu autoritären Regimen. Ein Gleichgewicht, das – wie man an den Ergebnissen seines Aufenthalts in der chinesischen Hauptstadt sehen kann – zu keinerlei konkreten Resultaten führt und lediglich jene geopolitischen Probleme verschärft, mit denen Amerika während Donald Trumps Zeit im Oval Office konfrontiert ist.

Wir wissen nicht einmal, ob Trump und Xi Jinping den russisch-ukrainischen Krieg tatsächlich besprochen haben. Und selbstverständlich können wir sicher sein, dass der Präsident der Vereinigten Staaten und der Vorsitzende der Volksrepublik China zu keinerlei konkreten Entscheidungen gelangt sind.

Mit wem Xi Jinping jedoch tatsächlich die Frage der Beendigung oder Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges und die Rolle Chinas bei dieser Beendigung oder Fortsetzung besprechen wird, das ist der Präsident der Russischen Föderation Putin. Und wir verstehen sehr gut, dass die Atmosphäre bei den Verhandlungen der beiden strategischen Partner im Gegensatz zum Westen – Xi Jinping und Putin – sich grundlegend von der tatsächlichen Atmosphäre der Gespräche zwischen zwei Gegnern, Konkurrenten und, man kann sagen, Feinden – Trump und Xi Jinping – unterscheiden wird.

Das Problem besteht nur darin, dass Xi Jinping für Trump eher ein gewünschter Verhandlungspartner ist. Und der amerikanische Präsident begreift einfach nicht das Ausmaß der Gefahr, die mit einer globalen Unterschätzung der Rolle Chinas in den wichtigsten strategischen Konflikten des 21. Jahrhunderts verbunden ist. Oder vielleicht beginnt er tatsächlich bereits etwas zu verstehen, verbirgt dies jedoch vor den Medien, denn an Bord seines Flugzeugs wirkte Trump ziemlich besorgt und beunruhigt über all jene Probleme, die nun nach Abschluss seines Besuchs auf die Tagesordnung der Vereinigten Staaten kommen werden.

Nicht umsonst sprach der Präsident der Vereinigten Staaten während seines Fluges mit dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz und erörterte mit dem Chef der deutschen Regierung übrigens die Abstimmung der Positionen Washingtons und Berlins zur Ukraine vor dem NATO-Gipfel in Ankara. Das ist ein ziemlich neuer Ansatz für diese Administration, besonders vor dem Hintergrund jener vernichtenden Kritik, der Merz durch Trump noch vor wenigen Wochen ausgesetzt war.

Eine weitere Person, über die Trump an Bord seines Flugzeugs respektvoll sprach, war der britische Premierminister Keir Starmer, den Trump bis vor Kurzem sowohl wegen seiner Position zum Krieg gegen Iran als auch wegen der Lage im Vereinigten Königreich verurteilt hatte. Jetzt sagt er, dass er keineswegs den Rücktritt Keir Starmers vom Amt des britischen Regierungschefs wünsche und dass dieser insgesamt ein angenehmer Mensch sei.

Sie könnten fragen: Was ist geschehen? Donald Trump braucht echte Verbündete, nachdem ihm klar geworden ist, dass seine angeblichen Verbündeten ihn nicht ernst nehmen.Denn keinerlei reale konkrete Vereinbarungen mit Xi Jinping konnte Donald Trump während seines protokollarisch schönen Aufenthalts in Peking erreichen. Und zwar keineswegs nur in der Frage des russisch-ukrainischen Krieges, sondern beispielsweise auch hinsichtlich der Situation rund um den Krieg mit Iran und die Freigabe der Straße von Hormus.

Übrigens versucht Trump nun auch in dieser Frage, die Positionen mit dem deutschen Bundeskanzler abzustimmen. Und wir verstehen nicht ganz, wie bereit er ist, von der Diplomatie zu einem neuen Krieg überzugehen oder vor dem Hintergrund der offensichtlichen Zugeständnisse, die der amerikanische Präsident seinen iranischen Gesprächspartnern künftig zu machen bereit ist, nach neuen diplomatischen Ansätzen zu suchen.

Sogar jene wichtigste wirtschaftliche Vereinbarung, die Trump in Peking erreichte und die mit dem Kauf von Flugzeugen des Konzerns Boeing durch China verbunden war, führte in Wirklichkeit nicht zu steigenden Erwartungen, sondern zu einem Rückgang der Aktien dieses Unternehmens, nachdem bekannt wurde, dass man in Peking beschlossen hatte, deutlich weniger Flugzeuge zu kaufen, als man gehofft hatte, als Donald Trump in die chinesische Hauptstadt aufbrach.

Und auch das zeugt heute davon, dass selbst aus Sicht der Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft – bei den Ansätzen, die Trump für diese Entwicklung verfolgt – die Administration des Präsidenten der Vereinigten Staaten vom Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas abhängig ist und keineswegs umgekehrt.

Bedeutet das also, dass Donald Trump und Xi Jinping heute keine Lösung für jene wichtigsten Fragen finden konnten, vor denen die Welt steht? Ja, genau das lässt sich nach den Ergebnissen dieses Besuchs feststellen.

Xi Jinping ist nicht daran interessiert, dass der russisch-ukrainische Krieg mit einer Niederlage der geopolitischen Interessen seines Partners, des Präsidenten der Russischen Föderation, endet, und wird alles tun, um Putin ein komfortables Ende des Krieges zu sichern – so, wie Putin es sieht, und keineswegs so, wie Trump es sieht.

Xi Jinping ist auch nicht daran interessiert, dass Iran von den Vereinigten Staaten zerschlagen wird. Und trotz des offensichtlichen Wunsches der Chinesen, wieder zur Ölroute durch die Straße von Hormus zurückzukehren, möchte er, dass der geopolitische Einfluss der Vereinigten Staaten im Nahen Osten deutlich geschwächt wird – ebenso wie der Einfluss jener Länder, die sich an den Vereinigten Staaten orientieren, insbesondere Israels und der Vereinigten Arabischen Emirate –, denn das schafft unglaubliche Möglichkeiten für China selbst, seine eigenen Positionen in der energetisch wichtigsten Region der Welt zu stärken.

Nun, in dieser Situation denke ich, dass nicht nur Trump jene gefährlichen Illusionen loswerden muss, mit denen er ins Oval Office zurückgekehrt ist und die bereits unglaubliche Probleme für Amerika geschaffen haben – Probleme, die das Land noch Jahrzehnte nach Trump lösen müssen wird. Auch wir müssen auf gefährliche Illusionen verzichten, insbesondere auf Illusionen hinsichtlich der Rolle Chinas und seines Interesses daran, wie sich die Situation rund um den russisch-ukrainischen Krieg entwickeln könnte.

Und natürlich wäre es wünschenswert, dass der Präsident der Vereinigten Staaten auf die Tötung von Menschen infolge massiver Schläge der Russischen Föderation gegen die Ukraine nicht als auf eine „unangenehme Situation“, sondern als auf ein Verbrechen reagiert. Denn nur in diesem Fall können wir erwarten, dass der Präsident der Russischen Föderation, Putin, Trump wenigstens irgendeine Aufmerksamkeit schenkt – als einem realen Partner bei Verhandlungen und nicht als einem Instrument, das man zur Verzögerung des Krieges nutzen kann.


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Titel des Originals: Що Трамп і Сі говорили про Україну | Віталій Портников. 15.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 15.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach, veröffentlicht auf uebersetzungenzuukraine.data.blog.


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Russland nach dem Zusammenbruch: Kasparovs Plan | Vitaly Portnikov. 23.04.2026.

Portnikov. Russisches Taiwan. Und wie der Weg der russischen demokratischen Opposition in der Epoche des Krieges mit der Ukraine und des Vormarsches ultrarechter Kräfte gegen liberale Werte in der ganzen Welt aussehen könnte. Über all das werden wir mit unserem Gast des Kanals „Portnikov Argumente“, Garry Kasparov, sprechen. Guten Tag, Garry.

Kasparov. Ich begrüße Sie, Vitaly. Danke für die Einladung.

Portnikov. Danke, dass Sie zugestimmt haben, mit mir über, wie mir scheint, ziemlich wichtige Themen zu sprechen, die gerade in den letzten Tagen der Sichtweise, mit der Sie auftreten, noch mehr Aufmerksamkeit verschafft haben. Eben diese Idee des russischen Taiwan wird jetzt sehr lebhaft diskutiert, und zwar nicht nur in Kreisen der russischen Opposition, sie wird in der Ukraine diskutiert, sie wird im Westen diskutiert. Und immer entsteht die wichtigste Frage: Wie kann russisches Taiwan exterritorial sein? Nun, letzten Endes ist Taiwan selbst ein Territorium, das man, kann man sagen, den Kommunisten abgerungen hat, wohin die Volksbefreiungsarmee Chinas nicht gekommen ist, wo eine alternative Regierung gebildet wurde und letzten Endes ein echter Staat mit demokratischen Werten. Aber was ist russisches Taiwan ohne einen Tropfen russischer Erde, wenn Sie so wollen?

Kasparov. Nun, tatsächlich verstehe ich die Frage natürlich, sie ist absolut logisch, aber wir sprechen vorerst von einer Metapher. Tatsächlich habe ich die Wortverbindung „russisches Taiwan“ benutzt, um gerade diese Trennung festzuhalten, diese sehr wichtige Trennung, die in Wirklichkeit schon existiert; wieder habe ich Angst, Taiwan zu sagen, man kann auch freies Frankreich sagen, obwohl auch de Gaulle irgendein Territorium hatte,

Portnikov. Er hatte ein Territorium in den Kolonien, ja. Es gab eine territoriale Stütze.

Kasparov. Ja, es gab immer eine territoriale Stütze. Aber in diesem Fall haben wir es meines Erachtens mit einer Situation zu tun, die insgesamt eine unverzügliche Lösung verlangt, nämlich damit, dass bereits Hunderttausende Menschen, mindestens, faktisch aus dem russischen Rechtsraum herausgefallen sind. Ein Teil von ihnen befindet sich weiterhin gewissermaßen zwischen Himmel und Erde, ist nicht bereit, eine prinzipielle Position einzunehmen, aber ein ziemlich großer Teil, und dieser Teil wächst mit jedem Tag, ist der Ansicht, dass alle Verbindungen bereits abgebrochen sind und wir uns im Prinzip auf der Seite der Ukraine befinden. Wir nehmen, jeder so gut er kann, am Krieg teil, helfen. Nun, ich tue insgesamt, wie Sie wissen, ziemlich viel. Denn für uns ist dieser Krieg ein gemeinsamer Krieg. In Russland wird sich nichts ändern, solange die Ukraine nicht siegt. Deshalb müssen heute all unsere Ressourcen, all unsere Möglichkeiten auf die Unterstützung der Ukraine in diesem Krieg eingesetzt werden. Nun also, wie organisiert man diese Unterstützung maximal effektiv? Denn jene Bürger Russlands, die sich in diesem Zwischenraum rechtlicher Art befinden, können im Grunde nicht jenen Archimedischen Punkt finden. Bei mir ist mehr oder weniger alles in Ordnung, ich habe einen kroatischen Pass, ich bin Bürger der Europäischen Union. Aber in diesem Fall haben wir es mit Hunderttausenden Menschen zu tun, potenziell mit Millionen, die diesen Stützpunkt für sich nicht finden können. Und mir scheint, dass gerade die Anschaulichkeit der Idee von Taiwan die Aufmerksamkeit europäischer Politiker darauf lenken soll, dass wir hier eine doppelte Aufgabe lösen. 

Die erste Aufgabe ist, der Ukraine zu helfen, den Krieg zu gewinnen. Und hier ist dieses konzeptionelle Taiwan eine Möglichkeit, Probleme des travel document, Passprobleme, Probleme der Eröffnung von Bankkonten zu lösen. Das heißt, jenen Teil der russischen Gesellschaft heranzuziehen, der, meiner Meinung nach, und das ist offenkundig, natürlich die Beziehungen zu diesem Regime abbrechen möchte. Nun, wohin sollen diese Menschen im Prinzip gehen? Und jenen zu helfen, die schon hier sind, sich zu etablieren, und all das immer organisierter zu machen. Denn neben rein praktischen Fragen gibt es zum Beispiel noch so eine Frage. Wenn wir uns vorstellen, nun, fantasieren wir, dass die Idee des russischen Taiwan funktioniert hat und dort 100.000 russische Ingenieure, Computerfachleute und Finanziers, sehr wahrscheinlich werden gerade diese Leute in den Westen fliehen, beschlossen haben wegzugehen. Dann ist doch völlig offensichtlich, dass das den Kriegsverlauf beeinflussen wird, denn der Krieg wird im Prinzip auf drei Komponenten geführt.

Die erste Komponente ist die menschliche Kraft. Davon hat Putin vorerst genug, obwohl es auch da schon Unterbrechungen gibt. Die zweite sind Geldmittel. Mit dem Geld wird es schlechter, aber vorerst ist es insgesamt auch noch nicht zu Ende. Die dritte sind Köpfe. Der heutige Krieg ist in Wirklichkeit ein Krieg, in dem Köpfe eine immer größere Rolle spielen. Die Ukraine hat das auf glänzende Weise der ganzen Welt gezeigt. Und davon hat Putin viel weniger. Und wenn es gelingt, wenigstens einen Teil davon abzuziehen, dann ist dort jeder Ingenieur, jeder Computerfachmann, der weggegangen ist und Teil des russischen Taiwan geworden ist, minus eine bestimmte Menge von Raketen und Drohnen, die in die Ukraine fliegen, und vielleicht sogar die Herstellung von Drohnen und Raketen auf der anderen Seite. Das ist also, wie mir scheint, eine praktische Komponente.

Die zweite wichtige ist die ideologische Komponente. Wiederum, Kriege werden ja auch ideologisch geführt. Putin hat für sich ein wichtiges Ergebnis erzielt. Er hat die russische Gesellschaft davon überzeugt, dass das ein Krieg gegen Russland ist, gegen ganz Russland. Ich werde hier keinen Streit darüber anfangen, wie viele Menschen ihn unterstützen oder nicht unterstützen. Ich, wie Sie wissen, distanziere mich überhaupt von jener russischen liberalen Opposition, die dort irgendwelche Proteste sucht. Aber es ist völlig offensichtlich, dass es eine gewisse Anzahl von Menschen gibt, denen das sehr missfällt. Doch heute können sie nirgendwohin gehen.

Diese westlichen Sanktionen treffen ja insgesamt auch jene, die diese Verbindungen abbrechen möchten. Das heißt, ich versuche, irgendein anschauliches Konzept zu finden, das den Westen zum Handeln zwingt, denn es gibt die gegenwärtige Frage, aber auch die Frage der Zukunft. In Wirklichkeit muss man auch damit rechnen: Wenn etwas geschieht, die Ukraine siegt – nun, wie werden dann die Veränderungen in Russland verlaufen? Nun, diese Fantasten vom schönen Russland der Zukunft erzählen, wie sie dort Prozesse führen werden. Das alles ist schön zu erzählen. Aber wer wird das machen? All diese heutigen Menschen – man könnte auch versuchen, einen Kern zu bilden, einen solchen Cluster von Menschen, die später vielleicht, sehr viel jüngere, nicht solche wie ich oder Chodorkowski vom Alter her, sondern die, die jetzt bereit sind, auf unsere Seite zu treten – vielleicht kann es gelingen, aus ihnen den Kern jener zu schaffen, die garantieren werden, dass sich Russland doch verändert.

Denn wir sprechen ja in Wirklichkeit von einer vollständigen Veränderung, einem vollständigen Verzicht auf diese traditionelle russische Matrix. Taiwan ist nicht einfach nur ein Konzept, es ist in Wirklichkeit der Verzicht auf Rechtsnachfolge. Russland wurde schließlich Rechtsnachfolger der UdSSR, mit allen daraus folgenden Konsequenzen. Die UdSSR wiederum, auch wenn man das abstritt, wurde Rechtsnachfolger des zaristischen Russland. Das heißt, diese imperiale Rechtsnachfolge reproduziert sich endlos in verschiedenen Variationen. Taiwan ist der Versuch, auch darauf zu verzichten. Ich verstehe, dass das idealistisch ist, selbstverständlich, und man wird darauf zeigen, dass es kein Territorium gibt. Aber letzten Endes, wenn es juristische Rechte gibt, nun ja, irgendeine Insel finden, ich weiß nicht, eine Insel mieten – ich denke, wir werden einen Ort finden. Die Frage ist doch nicht das Territorium, davon gibt es genug in der Welt. Die Frage stößt jetzt, wie man sagt, an die dokumentarische Anerkennung.

Portnikov. „Eine Insel mieten“ erinnert mich daran, dass Sie mit denen, die dieser Idee zustimmen, einfach eine zionistische Idee propagieren werden. Lassen Sie uns einen idealen Staat schaffen und ein Territorium dafür finden. Aber der Zionismus hatte zumindest ein historisches Territorium, man verstand, wohin man zurückkehren konnte.

Kasparov. Erinnern Sie sich, tatsächlich gab es Streit. Das Territorium gab es, aber dennoch wurde alles Mögliche diskutiert. Sogar Madagaskar.

Portnikov. Und Uganda.

Kasparov. In der Anfangsphase war Herzl bereit, verschiedenen Varianten zuzustimmen.

Portnikov. Aber wenn wir ernsthaft sprechen, gibt es noch eine solche Befürchtung. Mir scheint, dass unsere Generation so oder so unter verschiedenen Bedingungen aufgewachsen und geformt worden ist: unter den Bedingungen der Breschnew-Stagnation, unter den Bedingungen der Gorbatschow-Perestroika. Dann begannen die Jelzin-Jahre. Wenn man auf die heutigen jungen Menschen in Russland schaut – für sie ist Putin schon 26 Jahre Präsident, nun, mit einer Unterbrechung für Medwedew, was keine Bedeutung hat. Sechsundzwanzig Jahre Tschekisten-Regime, und davor einige Jahre späte Jelzin-Zeit, die man vor dem Hintergrund des Tschetschenien-Krieges, der Explosionen in der Metro, der Explosionen von Wohnhäusern und all dessen, was man will, auch schwerlich demokratisch nennen kann. Es ergibt sich, dass Menschen, die jetzt 30 bis 40 Jahre alt sind, kein anderes Russland als ein autoritäres überhaupt kennen. Das heißt, im Grunde ist das für sie ein Ticket in eine unbekannte Zukunft. Darin liegt die Sache.

Kasparov. Ich stimme zu. In Wirklichkeit ist das ein sehr wichtiger Punkt. Gerade eben haben Sie die Generationenfrage angesprochen. Auch ich denke darüber nach, bespreche das mit meinen Freunden, Kollegen. Erinnern Sie sich an die neunziger Jahre, an Gaidars Konzept, dass jetzt nichts gelingt, weil das die sowjetische Generation hätten Sowjetmentalität, und dass dann neue heranwachsen würden, die jetzt geboren werden.

Portnikov. Ja, so sage ich, wenn es um die Ukraine geht: Da werden schon neue Kinder geboren, die niemals die sowjetische Ukraine gesehen haben und sogar die prorussische Ukraine nicht gesehen haben. Ja.

Kasparov. Aber bei uns ist heute das Rückgrat dieser sogenannten speziellen Militär­operation, dieses aggressiven Krieges gegen die Ukraine, von Menschen gebildet, Bürgern Russlands, die schon entweder am Ende der Sowjetunion oder überhaupt nach ihrem Zerfall geboren wurden. Das heißt, das sind genau jene Generationen, sogar zwei kann man wohl schon sagen, die nach Meinung Gaidars und der Reformer dieses neue demokratische Russland hätten aufbauen sollen. Herausgekommen ist, was herausgekommen ist. Aber da erinnern wir uns an die neunziger Jahre, Sie haben das richtig gesagt. Sogar jene, die damals ins Leben eintraten, wurden doch sofort vergiftet von den „Liedern über das Wichtigste“. Bruder eins, Bruder zwei. In Wirklichkeit sind das nicht nur die späten Jelzin-Jahre; der Tschetschenien-Krieg begann 1994. Das Fenster der Möglichkeiten, um sich von der imperialen Vergangenheit in Russland zu befreien, war minimal. Ich denke, das waren tatsächlich die Jahre 1991 bis 1993. Genau da gab es ein ganz kleines Fenster nach dem Ende der Konfrontation zwischen Jelzin und dem Parlament, unter Begleitung von Panzern. Ich denke, wir können jetzt nach so vielen Jahren objektiv sagen, dass Russland wieder in die ausgetretene Spur zurückgegangen ist.

Und ich sage immer, dass der wertemäßige Bruch zwischen Russland und der Ukraine das Jahr 1994 ist. Das ist Jelzin, der den Krieg in Tschetschenien beginnt, um Jelzins Null-Rating vom Gefrierpunkt irgendwie anzuheben. Und die Ukraine, in der ein friedlicher Machtwechsel stattfindet, in der Krawtschuk die Wahlen verliert, und zwar gegen den prorussischen Kandidaten Kutschma, und geht. Mir scheint, psychologisch, wenn man auf die Menschen schaut, die, sagen wir, in Charkiw und in Kursk geboren wurden und aufgewachsen sind, nun, einige Hundert Kilometer voneinander. Und klar ist, sie wurden in der Sowjetunion geboren, sie sprachen dieselbe Sprache, lesen dieselben Bücher. Lange Zeit gab es dort in Wirklichkeit nicht einmal eine Grenze, aber psychologisch ist die Ukraine, wie mir scheint, in eine andere Qualität übergegangen, es kam zu einem Machtwechsel.

Diese Formel „Wir sind das Volk“ beginnt für die Bürger bereits verständlich zu werden. Und zehn Jahre später endet Putins Versuch, Janukowytsch aufzuzwingen, mit dem ersten Maidan, und weitere zehn Jahre später bereits mit dem zweiten Maidan und schon einer echten Revolution und einer vollständigen Hinwendung nach Europa. Und in Russland ist in Wirklichkeit dieser Bewegungsvektor in jene Richtung stecken geblieben, weil es keine friedliche Machtübertragung gab. Gerade das, was jetzt in Ungarn geschehen ist, Orbán hat verloren, ist gegangen. Das ist es doch. Man muss doch verstehen, er ist gegangen. Natürlich hat er sehr deutlich verloren, wahrscheinlich hätte er angefangen zu fälschen, wenn die Niederlage geringer gewesen wäre, aber dennoch – so funktioniert Demokratie.

Die Ukraine ist in dieser Frage vollständig demokratisch geworden, und dort sind bereits zwei Generationen. Und wenn man berücksichtigt, dass für diese Freiheit jetzt ein so kolossaler Preis gezahlt wird, dann ist das alles bereits ein Land mit einer anderen Mentalität. Unabhängig davon, in welcher Sprache der Mensch dort denkt. Ich werde nicht einmal sagen, in welcher. In Russland hat sich leider ein völlig anderes Konzept herausgebildet.

Und dennoch gibt es dort wahrscheinlich eine gewisse Zahl von Menschen. Nun, irgendwen vertreten wir ja doch, die anders denken. Es gibt doch Verbindungen mit der übrigen Welt, Verbindungen mit dem Westen, also es gibt doch schon irgendwelche anderen Lebensparameter, die Hoffnung lassen können – ich spreche jedenfalls sehr vorsichtig – Hoffnung darauf, dass der Sieg der Ukraine im Krieg und der Zusammenbruch dieses imperialen Fetischs eine Chance, ich wiederhole, eine Chance zur Veränderung geben können. Und diese Chance wird auch damit verbunden sein, dass jene, die noch bei Verstand sind, verstehen: Die Bedrohung geht für Russland nicht vom Westen aus, sondern vom Osten. Und dass im Prinzip der Verlust riesiger Territorien – nicht zweier Dörfer, sondern Hunderttausender Quadratkilometer – an China, das sie höchstwahrscheinlich ohnehin schon stillschweigend kontrolliert, Realität wird. Deshalb besteht meine Hoffnung auf der Bildung eines gewissen Clusters von Menschen, die verstehen, dass die Wahl einfach sein wird: chinesische Provinz oder Teil Europas. Und für die Zugehörigkeit zu Europa wird man teuer bezahlen müssen.

Portnikov. Haben Sie nicht das Gefühl, dass eine riesige Menge von Menschen Russland bereits als chinesische Provinz wahrnimmt und sagt: Die Reise nach Europa ist zu Ende?

Kasparov. Diese Antiutopie Sorokins wird verwirklicht. Man hat das Gefühl, er hätte besser gar nichts geschrieben. Man hat das Gefühl, dass die russische Literatur es beschrieben hat und es sich nun so zusammenfügt. Wissen Sie, dieser „Tag des Opritschniks“. Genau das haben wir jetzt. Aber vielleicht ist eine Antwort möglich, welche anderen Varianten gibt es überhaupt? Eine solche Variante ist möglich, mehr noch, höchstwahrscheinlich ist sie sogar wahrscheinlicher, aber das bedeutet nicht, dass man nichts tun muss. Es braucht irgendeine, ich sage, grundlegende Idee; und wenn man berücksichtigt, dass auf jener Seite China steht, passt Taiwan auch hier hinein. In Wirklichkeit ist das ein Versuch, diese Situation aufzurütteln, die bisher recht unbeirrt ins Verderben steuert.

Mehr noch, in der Deklaration, die wir veröffentlicht haben, ist klar gesagt, dass es nicht um die Schaffung eines demokratischen Russland geht, eines schönen Russland der Zukunft. Vielleicht werden es Staaten sein, das wird ausdrücklich gesagt. Das heißt, in Wirklichkeit scheint mir das offensichtlich. Russland wird sich im Prozess der Veränderungen nicht in den heutigen Grenzen erhalten können. Das ist für mich, meiner Meinung nach, bereits ein Axiom.

Deshalb wird die territoriale Frage jetzt, wie mir scheint, oft einfach genutzt, um die Idee zu begraben. Gebt eine juristische Grundlage für die Formierung jenes neuen Russland, das heute bereit ist, gemeinsam mit der Ukraine zu kämpfen. Denn der Übergang von der Berliner Deklaration, die einfach nur festhielt, dass ja, die Ukraine unterstützt werden muss, ja, wir stehen auf dieser Seite, aber radikale Dinge gab es dort noch nicht – die Straßburger Deklaration sagt, dass wir auf dieser Seite kämpfen werden. Auch das ist ein wichtiger Übergang. Es ist klar, dass die Zahl der Menschen, die sie unterschreiben werden, höchstwahrscheinlich geringer sein wird als bei der Berliner Deklaration, aber auch das ist keineswegs sicher.

Wenn der Westen bereit ist, die offensichtliche Tatsache anzuerkennen, dass der Krieg mit Russland andauern wird, solange Putin an der Macht ist, dann beginnt er vielleicht zu handeln. Ich sehe hier Beamte der Europäischen Union, wissen Sie, und auf ihren Gesichtern steht dieses Zeichen kognitiver Dissonanz. Das heißt, sie verstehen, dass der Krieg läuft. Mehr noch, Europa bereitet sich auf den Krieg vor. Die deutsche Industrie stellt auf Rüstungsindustrie um. Vom Baltischen Kristall spreche ich gar nicht. Sie bereiten sich real, bereits vielleicht sogar in diesem Jahr auf irgendwelche Provokationen vor. Aber das eine ist die Vorbereitung, und das andere ist, dies anzuerkennen. Wissen Sie, auf ihren Gesichtern steht, ich würde sagen, abergläubischer Schrecken geschrieben.

Portnikov. Nun stellen Sie sich eine andere Sache vor. Diese Beamten haben dieser Idee zugestimmt. Es ist ein juristischer Status entstanden, irgendwelche bedingten Nansen-Pässe, die jenen ausgestellt werden, für die, sagen wir, das Forum des freien Russland bürgt. Und Sie sagen den Menschen damit: „Aber Sie müssen anerkennen, dass Russland ein aggressives Land ist, ein imperialistisches, und Sie müssen anerkennen, dass das Hauptziel darin besteht, der Ukraine im Krieg gegen Russland zu helfen.“

Kasparov. Das ist die einzige Chance, etwas in Russland zu ändern. So wie der Weg, potenziell, dorthin nach Russland über Sewastopol führt.

Portnikov. Stellen Sie sich vor, ein Mensch, der auf diese Weise aus Russland emigrieren will, ohne Ihre Ansichten zu teilen, erkennt das völlig ruhig an. Das ist, wissen Sie, wie die Geschichte mit dem Erhalt bulgarischer Pässe durch Bürger Nordmazedoniens. Sie halten sich nicht für Bulgaren. Um einen Pass zu erhalten, musst du eine Prüfung in bulgarischer Geschichte ablegen, sagen: „Ja“, dann mit dem Pass hinausgehen und denken: „Mein Gott, was für Idioten, dass sie glauben, ich hätte tatsächlich ihrer Version der Geschichte zugestimmt.“ Oder wie viele Ukrainer, die Putin und Russland im Grunde unterstützt haben, sind nach 2022 mit dem ukrainischen Pass nach Europa ausgewandert? Für sie war das einfach ein Mittel, um wegzukommen.

Kasparov. Vollkommen richtig. Aber hier gibt es eine Nuance, eine wichtige Nuance. Mit der Unterzeichnung der Deklaration wird der Mensch in Russland ungefähr nach zehn Artikeln des Strafgesetzbuches zum Kriminellen. Man kann noch eine Spende von 10 Euro für die ukrainische Armee-Spende hinzufügen, um das endgültig zu fixieren. Das ist nicht wichtig. Er kappt die Verbindungen zu Russland, weil er bereits ein Krimineller ist. Dort ist jeder Punkt der Deklaration ein Artikel des Strafgesetzbuches. So einfach ist das nicht, verstehen Sie? Einen Weg zurück wird es nicht mehr geben. Das ist nicht, wie Sie über die bulgarische Geschichte sagten: man ist durchgegangen, hinausgegangen. Nein, das ist öffentlich. Deine Unterschrift steht dort mit Familiennamen, mit all diesen Dingen. Dir wird ein neues Dokument ausgestellt, dort bist du ein Krimineller.

Portnikov. Nun, vielleicht ist er bereit, ein Krimineller zu werden, wenn er nur nicht in Russland leben muss, wenn er sich nur, bedingt gesagt, als IT-Fachmann irgendwo im Westen verwirklichen kann.

Kasparov. Gut, er ist weggegangen. Ja, er ist weggegangen, hat alle getäuscht. Er baut für Putin keine Drohnen mehr. Das heißt, rechne mit hundert Drohnen weniger, die in die Ukraine fliegen. Gut. Ja. Er hat uns getäuscht, ist weggegangen, Gott sei Dank ist er weggegangen. Putin ist dadurch schwächer geworden. Wir knüpfen ihm wenigstens eine Ressource ab.

Portnikov. Das ist übrigens eine Veränderung des Ansatzes, denn Sie erinnern sich, dass in der Ukraine, als Menschen vor der Mobilisierung flohen, diese sogenannten Mobiki, man in der Ukraine in der ersten Phase des Krieges sehr unzufrieden damit war, dass der Westen sie aufnimmt. Und im Westen wollten viele sie nicht aufnehmen und sagten: „Warum sollen wir Menschen aufnehmen, die Bürger Russlands sind und vor dem Krieg fliehen?“ Und sie veränderten im Grunde die Mobilisierungspolitik.

Kasparov. Schauen Sie, wir kennen die genaue Zahl der Bürger Russlands nicht, die 2022 davonlaufen, besonders als im September die Mobilisierung ausgerufen wurde; die Zahl schwankt von einer Million bis drei Millionen. Warum sage ich so eine Spannbreite? Weil niemand Buch geführt hat. Natürlich flohen sie in jene Länder, in die man ohne Visum einreisen konnte. Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Armenien. Nach indirekten Daten zu urteilen, war diese Zahl gewaltig, denn welche indirekten Daten? Der starke Anstieg der Immobilienpreise in Taschkent, eine unglaubliche Zahl von Anfragen nach Kreditkarten in Tadschikistan oder das riesige BIP-Wachstum Armeniens. Also, ihrer waren viele. Etwa 75 Prozent – das kann man sagen, ich kenne es aus den Zahlen des Projekts „Kowtscheg“, das Chodorkowski geführt hat – etwa 75 Prozent waren gezwungen zurückzukehren, weil die Dokumente ablaufen. In Wirklichkeit ist genau das Problem, dass dir physisch das Dokument abläuft. Und Putin hat sofort erklärt, dass Dokumente nur dort in Moskau gemacht werden können. Aus, das war’s. Praktisch ist es jetzt schon für fast niemanden mehr möglich, Dokumente zu verlängern. Und er versteht im Prinzip, dass die Menschen in Russland festgehalten werden müssen. Und im Idealfall, ich sage noch einmal, fügen sich diese Menschen in das Konzept ein, aber selbst wenn sie nicht bereit sind, der Ukraine zu helfen, werden sie dort nicht sein. Das ist dennoch die Untergrabung irgendeiner Ressource, die Putin heute hat. Diese Ressource hat er in geringerem Maß als Kanonenfutter und Geld. Und deshalb gilt: Wenn es gelingt, auch nur auf der Ebene einiger Zehntausend Menschen diese herauszuziehen, dann ist das, wie ich meine, minus eine bestimmte Zahl von Raketen und Drohnen, die in die Ukraine fliegen werden. 

Außerdem ist das auch psychologisch ein sehr wichtiger Moment. Denn heute liest man ja, nun ja, im russischen Internet hört man: Was sollen wir tun? Damit es diese Ausrede nicht mehr gibt. Was sollst du tun? Nimm ein Ticket und flieg nach Jerewan, geh dort zur französischen Botschaft, füll die Deklaration aus. Im Grunde musst du antworten – sobald ein solches Thema erscheint, wird das in Wirklichkeit für sehr viele Menschen moralisch ein Problem sein.

Portnikov. Verengt das nicht die Möglichkeit der Wahl? Wenn Sie dem Menschen sagen: Was sollt ihr tun? Ihr müsst euch dieses Regimes entledigen. Und Sie sagen dem Menschen, dass er fliehen muss.

Kasparov. Das Regime – das ist wie Deutschland im Jahr 1943. Natürlich gefällt es mir vielleicht nicht, aber solange die Alliierten nicht kommen, wird nichts geschehen. Nichts kann geschehen. Wir beide kennen die russische Geschichte. In der russischen Geschichte stürzten Zaren, Diktatoren, wie man sagt, nur im Fall eines verlorenen Krieges. Ein verlorener Krieg, sogar ein nicht gewonnener Krieg, ein entfesselter Krieg, ist immer ein Indikator einer tiefen Krise, angefangen beim Livländischen Krieg bis hin zum Krimkrieg des 19. Jahrhunderts, dem Russisch-Japanischen Krieg, dem Ersten Weltkrieg und so weiter.

Deshalb ist für Putin heute, wie wir sehen, ein ziemlich unangenehmer Moment gekommen, denn es raucht ja schon von überall. Gestern lese ich einfach, wissen Sie, so ein höhnisches Lächeln der Geschichte. Der Chef der KPRF sagt voller Angst, dass sich das Jahr 1917 wiederholen könnte. Das heißt, die Nachfolger Lenins sagen voller Entsetzen: Haltet ein, ihr Wahnsinnigen.

Portnikov. Das sind doch wohlhabende Lenins Nachfolger, sozusagen, nicht die aus der Schweiz, sondern die aus Moskauer Restaurants, ja? Warum sollten sie diese verlassen? Das ist gerade verständlich. Aber Sie haben noch vor ganz kurzer Zeit gesagt, dass der Westen im Grunde seine eigenen Werte verrät, wenn er das ukrainische Leid nicht beachtet und sich im Grunde nicht mobilisieren kann. Und nach dieser Ihrer Rede ist die Situation nur noch schlechter geworden, denn die Spaltung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa verstärkt sich mit jedem Tag.

Kasparov. Sie beschuldigen mich doch nicht der Spaltung zwischen…

Portnikov. Nein, ich verstehe nur nicht ganz, welchen Sinn Erklärungen haben, wenn sie danach die Stimmung in die entgegengesetzte Richtung beeinflussen. Nicht die Erklärungen selbst, ich meine die Situation.

Kasparov. Diese Situation ist mir gut bekannt. Erstens muss man einfach reden. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Wir haben keine Zeit für eine ernsthafte Analyse von all dem, aber ja, die Ukraine wurde im Stich gelassen. Und übrigens ist das in erster Linie ein amerikanisches Thema. Europa war ja insgesamt sehr passiv. Wir verstehen doch, dass in Europa ebenfalls eine Generation von Politikern, und die Gesellschaft erst recht, in der Überzeugung aufgewachsen ist, dass Amerika sie immer schützen werde. Europa lebte unter dem amerikanischen Schirm, sozusagen. Und sogar nach 1991 hat sich daran im Grunde nichts geändert. Zumal die UdSSR verschwunden war, entspannte sich der Kontinent.

Das Wachstum der putinschen Aggressivität hing damit zusammen, dass er einfach spürte: Europa ist schwach. Warum sollte man es nicht auf seine Belastbarkeit prüfen? Und das alles beginnt: zuerst Georgien, ich schrieb schon im August 2008, dass die Nächste die Ukraine sein werde. Und als man mich fragte: „Warum denken Sie das?“, sagte ich: „Man muss auf die Karte schauen.“ Das heißt, in Wirklichkeit war offensichtlich, dass Putin seine Handlungen fortsetzen würde. Und die syrische Geschichte, diese schändliche Weigerung Obamas, die Überschreitung der roten Linie, den Einsatz chemischer Waffen, festzuschreiben und Assad einfach eins auf den Hintern zu geben.

Danach kam die Krim; übrigens schrieb ich auch damals, dass es nach Syrien an anderen Orten Folgen geben werde. Die Krim kam ebenfalls. Und wie war die Reaktion auf die Krim? Keine Reaktion gab es auf die Krim. Das heißt, in Wirklichkeit nahm Putin einfach, was man nehmen konnte. Ich meine, ich habe dazu damals einen großen Text geschrieben, vor etwa drei Jahren, er hieß „Geschichte des Verrats“, darüber, wie Amerika unter Biden die Ukraine aufgab. Jetzt habe ich das Gefühl, dass Putins Ultimatum vom Dezember 2021, erinnern Sie sich, als die NATO…

Portnikov. Ja, ihre Basen entfernen sollte.

Kasparov. … im Grunde auf irgendwelchen Abmachungen mit Trump beruhte. Ich bin fast sicher, dass Trump – warum sagt Trump: „Es hätte keinen Krieg gegeben“? Ja weil sie planten, die Ukraine in Wirklichkeit ohne Krieg zu teilen.

Portnikov. Oder bei jenen Konsultationen, die Stoltenberg mit Lawrow nach eigenem Eingeständnis Stoltenbergs führte. Er hat selbst darüber gesprochen.

Kasparov. Genau das hat mir gefehlt, dieses kleine Detail. Das heißt, das bedeutet, dass der Plan höchstwahrscheinlich bereits unter Trump abgestimmt worden war. Deshalb. Und ich denke, das Treffen Bidens mit Putin, das erste in Genf, und dann noch zwei per Telefon, also faktisch drei Gipfel, standen damit in Zusammenhang, dass die Amerikaner eigentlich verstanden, dass Putin das ernsthaft tun würde. Und Putin sagte im Dezember 2021 einfach: „Also, diesen Plan haben wir doch besprochen.“

Und die Ukraine wurde preisgegeben; es ist völlig offensichtlich, dass die amerikanische Administration sich, ebenso wie Europa, darauf vorbereitete, dass Putin in drei Tagen in Kyiv sein würde und ja, dann eine Exilregierung oder vielleicht irgendein Stück erhalten bliebe. Jetzt werden wir wahrscheinlich erfahren – ich hoffe sehr, dass Magyar zu graben beginnt –, was Ungarn vorhatte zu tun, denn mit Sicherheit versuchte Orbán dort ein Stück der Ukraine mit ungarischer Bevölkerung abzubeißen.

Das heißt, die Ukraine wurde einfach ausgeliefert. Es geschah ein Wunder, wie es, wie man sagt, seit altgriechischen Zeiten oft geschah. Freie Menschen verteidigten sich selbst gegen, wie man sagt, alle Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie hielten einfach stand, und die Situation hat sich jetzt verändert.

Trump hat in Wirklichkeit übrigens ebenfalls eine wichtige Sache getan. Er hat Europa geweckt. Tatsächlich denke ich, dass die Situation jetzt viel, viel besser ist als damals, als es diese Unbestimmtheit gab, denn erstens wird Trump nicht lange durchhalten. Die Zwischenwahlen werden die Situation doch verändern. Sie verändert sich, wie mir scheint, insgesamt schon jetzt.

Und in Europa – nun, Europa bereitet sich auf den Krieg vor. Es wäre unmöglich gewesen, sich vorzustellen, dass Europa, das jahrzehntelang in diesem lethargischen Schlaf lebte, sich so zu verhalten beginnen würde. Natürlich ist das nicht ganz Europa. Estland ist das eine, Portugal etwas anderes. Und dennoch sehen wir in Europa diese Veränderungen. Die Ukraine hat in Wirklichkeit die gesamte geopolitische Konstellation verändert.

Deshalb wenden wir uns heute gerade an Europa. Amerika brauchen wir nicht, weil es dort sowieso andere Konstellationen in der Welt geben wird. Und in Europa braucht es heute einen mächtigen Verteidigungswall. Es gibt die Ukraine, die wie ein Felsen vor Putin steht. Aber fügen Sie noch die russische Komponente hinzu, im Prinzip jene Bürger Russlands, die bereits mit Putin brechen wollen, denen aber irgendeine juristische Legitimität fehlt. Und auch das ist dennoch ein Faktor.

Wie viele Russen kämpfen denn heute im Prinzip in Bataillonen? Nun, real einige Hunderte. Ich habe mit Pjotr Rusawin gesprochen. Er, „Chartija“, hat einen Aufruf gemacht, denn es gibt dort nicht nur Ultrarechte, sondern im Prinzip auch liberale Menschen, die ebenfalls irgendetwas tun wollen. Es gibt eine gewisse Nachfrage. Ich weiß nicht, wie viele Menschen bereit sein werden, direkt zu kämpfen. Obwohl Krieg heute ja nicht nur die Frontlinie ist, sondern auch die zweite Linie der Front, die Wand von Drohnen.

Das heißt, ich bin überzeugt, dass das, um noch einmal auf russisches Taiwan zurückzukommen, eine wichtige Komponente sowohl des ukrainischen Sieges als auch einer potenziellen Umgestaltung Europas in der Zukunft ist. Obwohl ich an den ukrainischen Sieg glaube, an die Fähigkeit Russlands aber, sich in neuer Qualität normal zu materialisieren, weniger glaube.

Portnikov. Wenn Sie sagen, dass man keine ernsthafte Analyse der Situation mit dem Westen durchführen kann, dann kann man es vielleicht doch versuchen, mir scheint, und zwar nicht politisch, sondern vielleicht wird es für Sie einfacher sein, mir das in einem Schachmodell zu erklären, denn ich habe immer das Gefühl, dass jetzt jeder neue Schritt im Westen, jeder neue Zug, zur Verschlechterung der Positionen führt. Die amerikanische Administration macht einen Zug und verschlechtert ihre Position im Nahen Osten. Die Europäer versuchen, sich mit den Amerikanern zu verständigen, machen einen Zug und verschlechtern ihre Position in Amerika. Das ist so eine schlechte Partie. Ich verstehe nicht ganz, welche Züge man jetzt machen kann, um die Position zu verbessern.

Kasparov. Interessant. Ich weiß nicht, inwieweit das hier passt, an irgendwelche höheren Materien zu erinnern. Der erste Satz Gödel. Also, erinnern wir uns.

Portnikov. Das wird schwieriger als eine Schachpartie.

Kasparov. Es wird schwieriger. Gut. Es gibt einen der wichtigsten mathematischen Sätze des 20. Jahrhunderts. In der Mathematik bin ich ein Laie, aber da ich 2006 in Wien zum hundertsten Geburtstag Gödels gesprochen habe, erinnere ich mich daran. Er sagt in vereinfachter Form, dass in jedem System eine Periode eintritt, in der es innerhalb dieses Systems keine Lösung für die Probleme gibt, die das System selbst erzeugt. Deshalb erfolgt automatisch der Übergang auf ein neues Niveau, die Schaffung jenes Systems, in dem die Probleme gelöst werden, die in diesem System unlösbar waren.

Portnikov. In der Politik, scheint mir, kann es auch zu Degeneration kommen. Es kann auch ein neues Niveau geben.

Kasparov. Ich spreche davon, dass insgesamt ein solcher Niveauanstieg stattfindet. Meiner Meinung nach befinden wir uns jetzt gerade in einer solchen Übergangsphase. Das ist so ein Phasenübergang. Im Großen und Ganzen funktionieren alle Komponenten der alten Welt nicht. Was ist die UNO heute? Nun, das ist eine Versammlung von Diktatoren, es ist einfach eine Schande, sich das anzusehen. Dort werden hauptsächlich die Resolutionen gegen Israel verabschiedet. Im Prinzip verstehen wir doch, wie das ist. Jeder verfolgt seine eigene Agenda.

Portnikov. Meiner Meinung nach geschieht das seit 80 Jahren, und niemand hat es bemerkt.

Kasparov. Bis 1991 löste die UNO immerhin die Aufgabe, das Risiko eines Atomkrieges zwischen der UdSSR und den USA zu minimieren. Nach 1991 wurde diese Funktion sinnlos. Deshalb ist die UNO heute ein bodenloses Loch, in dem eine Menge Geld verschwindet, und ihre Beschlüsse zu lesen – das ist zu viel.

Portnikov. Jetzt sprechen Sie wie Trump.

Kasparov. Was hat Trump damit zu tun, das verstehe ich nicht. Gott sei Dank habe ich viele dissidente Freunde. Schauen Sie sich an: Der Iran tritt dort in eine Kommission ein…

Portnikov. Für Menschenrechte, das ist einfach Wahnsinn.

Kasparov. Das ist in Wirklichkeit eine Parodie. Die meisten Institutionen, die heute existieren, funktionieren nicht. Das ist gerade diese klare historische Parallele: Wenn Institutionen aufhören zu funktionieren, entsteht eine Krise. Der Völkerbund funktionierte nicht – es kam zum Krieg. Tatsächlich gilt: Sobald ein System internationaler Beziehungen sich erschöpft, entsteht eine Krise, die leider immer tragisch durch Krieg gelöst wurde. Jetzt befinden wir uns im Grunde in einer Kriegsperiode. Und solche Kriege, wenn wir die Geschichte seit dem Dreißigjährigen Krieg nehmen, sind lang. Deshalb ist das fünfte Kriegsjahr – im Prinzip dauern diese Kriege, man nehme den Zweiten Weltkrieg, den sechs Jahre dauerte. Diese Kriege dauern lange, denn es muss sich ein neues Gleichgewicht bilden. Jetzt schaffen wir im Grunde ein neues Gleichgewicht.

In diesem Sinne hat Trump einen gewissen Nutzen, er ist ein Bulldozer. Ein Bulldozer räumt alles weg, aber im Prinzip räumt er das weg, was ohnehin nicht mehr funktioniert. Natürlich kann das auch tragisch sein, er kann auch ein Wohnhaus wegräumen, in dem Menschen wohnen. Aber im Prinzip war Trump in gewisser Weise unvermeidlich, weil das, was wir bei Obama und Biden gesehen haben, ein Versuch war, zu bewahren, was nicht funktionierte. Putin erhob sich doch real unter Obama, genau dann begann Putin außer Kontrolle zu geraten und roch Blut. Das war wieder der Versuch, zu bewahren, was nicht funktioniert.

Portnikov. Lassen Sie uns anschauen, was nicht funktioniert. Funktioniert die NATO oder funktioniert auch sie schon nicht mehr?

Kasparov. Was funktioniert nicht?

Portnikov. Die UNO funktioniert nicht. Funktioniert die NATO oder funktioniert sie nicht? Ich will verstehen, was nicht funktioniert.

Kasparov. Das habe ich schon in Halifax gesagt: Eine solche Organisation gibt es nicht. Es gibt sie einfach nicht. Nein. Deshalb sagte ich, als sie mit ihren 75 Jahren kamen: Das ist das Rentenalter, 75 Jahre, verstehen Sie? Einfach aus und vorbei.

Portnikov. Und die Europäische Union, funktioniert sie oder funktioniert sie nicht? Auch eine Frage.

Kasparov. Ja, sie funktioniert. Aber wiederum, wofür wurde sie geschaffen? Sie wurde unter Bedingungen geschaffen, in denen Europa vollständig auf irgendwelche militärischen Vorbereitungen verzichtet hatte. Die Europäische Union ist eine Organisation, die sich mit Finanzen, gesellschaftlich-sozialen Programmen befasst; selbst politisch ist es dort schon schwieriger, weil es Konsens gab. Militärisch, dieses Wort kannte man dort einfach nicht. Das Problem besteht darin, dass Europa jetzt innerhalb seiner eigenen Strukturen, die für Krieg nicht angepasst waren, umgebaut werden muss. Übrigens, es wird umgebaut. Es läuft ein Prozess der Formierung dessen, was Deutschland, Polen, die baltischen Staaten, die skandinavischen Länder zu tun versuchen. Und in Wirklichkeit reagiert Europa doch. Wiederum: Man hat der Ukraine einen Kredit gegeben, obwohl man natürlich alle russischen Gelder hätte nehmen müssen, aber nun, was soll man jetzt machen? Natürlich hat Belgien, mit Frankreich hinter seinem Rücken, riesige Interessen, alles klar. Und natürlich wurde laviert. Aber Merz hat den Kredit doch durchgedrückt, es wird Geld gegeben, die Ukraine kämpft, das heißt, Europa ist in diesem Fall aufgewacht. Das Potenzial ist doch da.

Portnikov. Das heißt, die europäischen Institutionen sind doch lebensfähiger als die euroatlantischen. Sie haben, ich versuche zu sagen, nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Kasparov. Deshalb wenden wir uns an Europa, weil es nur hier handlungsfähige Institutionen gibt. Und…

Portnikov. Sagen Sie mir bitte: Wenn Ihrer Meinung nach die NATO nicht funktioniert, welche Sicherheitsgarantien kann es dann in der Welt überhaupt für mittlere Staaten geben, von denen der Premierminister Kanadas, Michael Carney, sprach? Zelensky bespricht mit Trump die ganze Zeit Sicherheitsgarantien.

Kasparov. Das sind keinerlei Garantien. Hören Sie, in Budapest wurden alle Garantien gegeben. Alles, alles ist klar. Jetzt trollt der Iran die Amerikaner ironischerweise und sagt: „Ihr habt der Ukraine doch Garantien gegeben.“ Garantie bedeutet eine Veränderung der allgemeinen Situation in der Welt, in Wirklichkeit.

Portnikov. Das ist eine gute Antwort.

Kasparov. Heute hat die Ukraine die Geopolitik verändert. In Wirklichkeit, ich sage es ja, es findet die Schaffung eines neuen Koordinatensystems statt. Wie es aussehen wird, weiß ich nicht. Natürlich wird dafür eine nukleare Komponente nötig sein, aber die gibt es auch in Europa. Es würde mich nicht wundern, wenn morgen im Prinzip auch in Deutschland und Polen der Prozess der Schaffung einer solchen nuklearen Komponente beginnt. Ich hoffe, dass es dazu nicht kommt. Aber mir scheint, dass das Ergebnis des ukrainischen Krieges, das sich bereits abzeichnet und für Putin negativ sein wird, doch eine neue Sicherheitsstruktur schaffen muss; denn wenn Putin sein Potenzial verliert und Russland zusammenbricht, bleibt China.

Nun, bei China ist doch nicht alles so einfach. Alle sagen: Taiwan wird jetzt erobert. Aber dort gibt es ja nicht nur Amerika, dort gibt es unter anderem Japan. Und wir sollten nicht vergessen, dass es ein Land ist, das eine große Erfahrung mit den Chinesen hat, eine besondere. Und wie viel Zeit Japan brauchen wird, um eine Atombombe zu bauen, wenn es das will.

Portnikov. Einige Monate, denke ich.

Kasparov. Eben. Deshalb – wieder braunsche Bewegung, wieder, entschuldigen Sie, benutze ich diese Begriffe, Chaos – aber daraus zeichnen sich gewisse Konturen ab. Und wieder ist der Gravitationspunkt der Sammlung die Ukraine, der ukrainische Krieg; ich sage doch, er ist zur Hauptfront des weltweiten Kampfes von Freiheit und Tyrannei geworden. Mir scheint nur, dass dieser Krieg in Wirklichkeit auch mit dem Krieg im Nahen Osten verbunden ist. Hier ist es komplizierter, weil viele Menschen deswegen, wie man sagt, hysterisch werden. Aber im Prinzip, wenn man hinschaut, kämpft Israel mit derselben Koalition.

Portnikov. Die gegen die Ukraine kämpft.

Kasparov. Im Grunde sind die Feinde dieselben. Natürlich ist Russland heute dort weniger sichtbar, obwohl das von Anfang an, seit der Gründung dieser Organisation, der PLO, im Grunde alles Moskau war. Man hat sie 1964 in Moskau geschaffen.

Portnikov. Paradoxerweise wollen die Ukraine und Israel selbst nicht anerkennen, dass das hier bereits ein gemeinsames Problem ist; sie werfen es wie eine heiße Kartoffel hin und her.

Kasparov. Das erste Problem mit Israel ist das Problem Netanyahu. Und ich denke, dass er insgesamt ein gesondertes Thema ist; leider hat Israel einen Führer, der insgesamt auch andere Spiele spielt. Ich bin überzeugt, dass er in Trumps erster Amtszeit das Bindeglied zwischen Putin und Trump war. Und jetzt versucht er die ganze Zeit, irgendeine Zwischenvariante zu finden.

Portnikov. Löst es in Ihnen keinen inneren Schrecken aus, dass nun so große Hoffnungen auf die Vernunft der Länder gesetzt werden, die den Zweiten Weltkrieg verloren haben – Deutschland und Japan –, als Gegengewicht zum faktischen Fehlen von Vernunft bei den Siegerländern?

Kasparov. Vielleicht ist das eine neue Lehre der Geschichte, das ist paradox, aber ich sage ja, die Welt besteht überhaupt aus Paradoxien. Dass in der neuen Sicherheitskonfiguration in Asien und Europa Deutschland und Japan eine wichtige Rolle spielen können, das klingt natürlich für unsere Generation seltsam.

Portnikov. Seltsam, ja, aber das ist doch eine Tatsache.

Kasparov. Aber vielleicht liegt darin eine gewisse historische Logik. Das sind Länder, die gelitten haben und durch all das hindurchgegangen sind. Denn heute findet in Deutschland in Wirklichkeit eine Revolution des Bewusstseins statt. Generationen von Deutschen wurden darin erzogen, dass „wir im Prinzip schuldig sind“, dass Krieg schlecht ist, dass selbst Waffenproduktion ebenfalls sehr schlecht ist. Schon der Gedanke, dass deutsche Panzer irgendwann mit Russen in den ukrainischen Steppen kämpfen könnten, wäre nicht einmal in einen Science-Fiction-Film vorgekommen. Jetzt sehen wir in Wirklichkeit, dass in Deutschland eine vollständige Neubewertung stattfindet; ein Prozess läuft. Schmerzliche Prozesse, aber hier erscheint immer eine Möglichkeit, ein Spalt, wenn das System und dieser Phasenübergang stattfindet, es entstehen Spielräume. Deshalb meine ich, dass auch die radikalsten Ideen sich verwirklichen können, sich aber auch nicht verwirklichen können, aber man muss, wissen Sie, das historische Glück beim Schopf packen.

Portnikov. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch, Garry. Und ich hoffe, dass wir jedenfalls nach einiger Zeit sehen werden, inwieweit beliebige unerwartete Ideen rationale und realistische Formen annehmen können.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Россия после краха: план Каспарова |
Виталий Портников. 23.04.2026.

Autor: Vitaly Portnikov,Garry Kasparov
Veröffentlichung / Entstehung: 23.04.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Trump ist bereit, sich mit den Iranern zu treffen | Vitaly Portnikov. 20.04.2026.

Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, spricht von seiner Bereitschaft, sich mit Vertretern der iranischen Führung zu treffen, wenn eine Vereinbarung über die Beendigung des amerikanisch-iranischen Krieges erreicht wird.

Diese Erklärung wirkt natürlich recht kontrastreich vor dem Hintergrund der bisherigen Ziele des Krieges der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran, die mit dem Wunsch verbunden waren, das Regime der Ajatollahs und des Korps der Islamischen Revolutionsgarden zu ersetzen. Und jetzt erklärt sich Trump sogar bereit, sich mit Vertretern dieses Regimes zu treffen.

Aber werden die Iraner selbst auf den Abschluss eines Friedensabkommens eingehen? Die amerikanische Delegation unter Leitung des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, J. D. Vance, ist auf dem Weg nach Islamabad. Doch es gibt keine iranischen Vertreter in der Hauptstadt Pakistans. In Teheran erklärt man, man werde Gesprächen mit den Amerikanern nicht zustimmen, solange die Vereinigten Staaten nicht auf ihre Blockade der Straße von Hormus verzichten. Und bereits jetzt gibt es Berichte, dass der Oberbefehlshaber der pakistanischen Armee, Feldmarschall Asim Munir, Trump gesagt habe, ein Verzicht der Vereinigten Staaten auf eine solche Blockade könne helfen, ein Einvernehmen mit den Iranern zu finden. Und Trump prüft diese Frage.

Sollte der Präsident der Vereinigten Staaten tatsächlich einer Aufhebung der Blockade der Straße von Hormus zustimmen, noch bevor die Iraner auf die amerikanischen Forderungen nach einem Verzicht auf das Atom- und Raketenprogramm reagieren, würde dies ein weiteres Nachgeben des amerikanischen Präsidenten gegenüber iranischen Forderungen bedeuten. 

Ich erinnere daran, dass Donald Trump zuvor einem Ende des Krieges Israels gegen die Terrororganisation Hisbollah zugestimmt hat, nachdem die Iraner betont hatten, dass sie die Straße von Hormus nicht öffnen würden, solange es keinen Waffenstillstand im Libanon gebe.Trump musste nicht nur dieser Entscheidung zustimmen, sondern Israel auch verbieten, Angriffe auf die Positionen der Kämpfer durchzuführen, was eine Diskussion über die israelische Souveränität in diesem Krieg und die Eigenständigkeit der Handlungen des Premierministers dieses Landes, Benjamin Netanjahu, auslöste.

Doch nun wird Trump Entscheidungen nicht für Israel, sondern für Amerika treffen müssen. Und dies vor dem Hintergrund der offensichtlichen Weigerung der Iraner, alle übrigen Forderungen der Amerikaner zu erfüllen. Was ist also für Trump wichtiger: die Umsetzung amerikanischer Forderungen und die Vernichtung des iranischen angereicherten Urans oder die Öffnung der Straße von Hormus?

Die Öffnung der Straße von Hormus ist für den amerikanischen Präsidenten selbst notwendig, der offensichtlich befürchtet, dass eine wirtschaftliche Krise bald die politischen Chancen der Republikaner begraben könnte, und ebenso wie für andere globale Akteure. So erklärte heute der Vorsitzende der Volksrepublik China, Xi Jinping, direkt die Notwendigkeit einer Entblockade der Straße von Hormus – nachdem er zuvor keine derart offenen und harten Erklärungen abgegeben hatte.

Doch die Erklärung des chinesischen Staatschefs könnte nicht nur mit der iranischen, sondern auch mit der amerikanischen Blockade der Meerenge zusammenhängen. Mehr noch: Wie bekannt ist, öffnete der Iran die Straße von Hormus und beschloss erst danach, sie wieder zu kontrollieren, nachdem Trump erklärt hatte, die amerikanische Blockade werde er erst nach Erfüllung seiner Bedingungen aufheben.

Während die Iraner das Argument der Blockade der Straße von Hormus und ihrer enormen globalen Folgen in der Hand haben, verfügt Xi Jinping über andere Argumente. Etwa den Besuch des Präsidenten der Vereinigten Staaten in der Volksrepublik China. Im Weißen Haus hieß es, dieser Besuch sei für den 14. Mai angesetzt, doch es ist unklar, inwieweit man in der chinesischen Hauptstadt den amerikanischen Präsidenten erwartet, solange kein Ausweg aus dem amerikanisch-iranischen Krieg gefunden ist.

Und wenn Peking Donald Trump erneut zu verstehen gibt, dass er kein willkommener Gast Xi Jinpings ist, wird dies eine weitere außenpolitische Niederlage des amerikanischen Präsidenten sein – zu einem Zeitpunkt, an dem er dringend einen Erfolg benötigt. Die Lage entwickelt sich also durchaus dramatisch.

Einerseits ist offensichtlich, dass die Vereinigten Staaten die Frage der Entblockade der Straße von Hormus und der Verringerung des Risikos einer globalen Energie- und Wirtschaftskrise von beispiellosem Ausmaß lösen müssen. Und auch der Iran benötigt ein Friedensabkommen mit den Amerikanern – zumindest, damit die Vereinigten Staaten keinen neuen Zyklus der Zerstörung iranischer Infrastruktur beginnen. Mit solchen Drohungen tritt Donald Trump schließlich ständig auf.

Gleichzeitig ist jedoch klar, dass das Korps der Islamischen Revolutionsgarden nicht bereit ist, Bedingungen zu akzeptieren, unter denen der Iran auf sein angereichertes Uran verzichten würde. Bisher gibt es in Teheran keinerlei Anzeichen für eine Bereitschaft, auf diese amerikanischen Bedingungen einzugehen. Auch hinsichtlich eines Verzichts auf Raketen gibt es in Teheran keinerlei Neigung, dem zuzustimmen. 

Denn die iranischen Führer könnten davon ausgehen, dass Iran ohne Atomwaffen und ohne Raketenarsenal zu einer leichten Beute nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern auch für seine Nachbarn in den Ländern des Persischen Golfs würde, die die iranischen Bombardierungen von Saudi-Arabien, Bahrain, Katar, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten gewiss nie vergessen werden.

All dies erhöht die Spannungen in der Region zusätzlich und zwingt den Iran, über die Notwendigkeit nachzudenken, sein militärisches Potenzial zu erhalten, um seine Nachbarn weiterhin einschüchtern zu können, anstatt als ein Land zu gelten, das sich in seinen aggressiven Absichten leicht stoppen lässt. In dieser Situation ist die Wahl zwischen der Notwendigkeit globaler wirtschaftlicher Stabilisierung und einer neuen Eskalation äußerst schwierig – schon allein deshalb, weil sie kaum zu treffen ist.

Wir sehen, dass der Präsident der Vereinigten Staaten keinen wirklichen Plan hat, wie er aus dieser Situation herauskommen kann, und offenbar darauf hofft, dass sie sich irgendwie von selbst lösen wird, oder dass die Iraner schließlich auf seine Drohungen reagieren, mit denen er erneut auftritt, da auf dem Verhandlungsweg keinerlei Fortschritte zu erkennen sind. So kann man sagen, dass der Präsident der Vereinigten Staaten – und mit ihm die ganze Welt – infolge der unüberlegten Politik der Vereinigten Staaten gegenüber dem iranischen Regime in eine echte Sackgasse geraten ist.

Nun, wie auch in der Frage der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges hat sich auch diese Aufgabe als zu schwer für den ehrgeizigen amerikanischen Präsidenten und sein inkompetentes Umfeld erwiesen. Und niemand kann heute sagen, wie sich die Situation nicht nur in den kommenden Wochen oder Tagen, sondern in den nächsten Stunden entwickeln wird und ob sie zu einer weiteren Eskalationsstufe führt, wie wir sie im Nahen Osten noch nicht erlebt haben.

Währenddessen fliegt das Flugzeug mit Vizepräsident J. D. Vance nach Islamabad, damit die Passagiere dieses Flugzeugs ihre Plätze an einem leeren Verhandlungstisch einnehmen können.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Трамп готовий зустрітись з іранцями | Віталій Портников. 20.04.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 20.04.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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