Putin ignoriert Zelensky | Vitaly Portnikov. 15.06.2026.

Der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, erklärte während seines Besuchs der Kyiv-Petscherska Lawra, die in der vergangenen Nacht von den russischen Besatzern bombardiert worden war, dass er dem russischen Präsidenten Putin vorgeschlagen habe, sich während des G7-Gipfels im französischen Évian-les-Bains zu treffen. Und dass bei den Verhandlungen zwischen den Präsidenten Russlands und der Ukraine der Präsident der Vereinigten Staaten sowie europäische Staats- und Regierungschefs anwesend sein sollten.

Der Präsident Russlands reagierte erwartungsgemäß nicht auf diesen Vorschlag seines ukrainischen Kollegen, und Zelensky wertete als Antwort den erneuten massiven Angriff der Russen auf Kyiv und andere ukrainische Städte.

Aus diplomatischer Sicht wirkt schon die Idee eines Treffens während des G7-Gipfels ziemlich merkwürdig. Denn bekanntlich wurde der Präsident Russlands nach der Annexion der Krim und dem Beginn des Krieges im Donbas aus diesem prestigeträchtigen internationalen Klub ausgeschlossen. Selbst als der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, während seiner ersten Amtszeit im Oval Office versuchte, Putin zum G7-Gipfel einzuladen, löste dies eine derart scharfe Reaktion der übrigen Mitglieder des Klubs aus, dass nicht nur die Einladung an Putin, sondern sogar das Treffen selbst abgesagt werden musste.

Damit stellt sich die Frage, ob der französische Präsident Emmanuel Macron überhaupt bereit gewesen wäre, den russischen Staatschef in sein Land einzuladen, selbst wenn Volodymyr Zelensky eine solche Variante mit Donald Trump abgesprochen hätte. Schließlich ist Trump nicht der Gastgeber dieses Treffens. Und die Reaktion des Élysée-Palastes auf diese Idee Zelenskys kennen wir bis heute nicht.

Offensichtlich wäre auch für Putin eine solche Variante eines Treffens mit dem ukrainischen Präsidenten inakzeptabel gewesen. Es hätte bedeutet, dass nicht der Gastgeber des Gipfels, der Präsident Frankreichs, sondern der Präsident der Ukraine den Präsidenten der Russischen Föderation zur Teilnahme am G7-Gipfel einlädt. Und Emmanuel Macron käme Zelensky lediglich entgegen. Wäre da nicht der Wunsch Zelenskys gewesen, hätte niemand Putin in die Französische Republik eingeladen.

Offensichtlich ist dies ganz sicher nicht das Format einer Begegnung mit dem ukrainischen Präsidenten, das dem russischen Diktator überhaupt in den Sinn kommen würde. Meiner Ansicht nach denkt Putin jedoch grundsätzlich nicht über die Möglichkeit eines Treffens mit Zelensky nach.

Wenn er in seinen öffentlichen Auftritten oder während Telefonaten mit Trump immer wieder sagt, er sei bereit, sich mit Zelensky in Moskau zu treffen, dann hält er dies für einen vollkommen risikofreien Zug, denn sein ukrainischer Kollege wird ganz sicher nicht in die russische Hauptstadt reisen. Auf diese Weise kann er zugleich wie jemand erscheinen, der zu einem Treffen bereit ist, und gleichzeitig jede Möglichkeit einer tatsächlichen Begegnung mit Volodymyr Zelensky zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges ausschließen.

Ich bin weiterhin der Ansicht, dass das Treffen der Präsidenten Russlands und der Ukraine während des wiederbelebten Normandie-Formats in Paris im Jahr 2019 nicht nur das erste, sondern auch das letzte Treffen des russischen und des ukrainischen Präsidenten war.

Putin brach die Kontakte zum Vorgänger Volodymyr Zelenskys, Petro Poroshenko, genau deshalb ab, weil er von seinem ukrainischen Gegenüber nicht die Kapitulation der Ukraine erhielt. Er erwartete, dass Zelensky die Fehler Poroshenkos korrigieren würde, nachdem er den vorherigen ukrainischen Präsidenten bei den Wahlen 2019 besiegt hatte.

Als Zelensky Putin zeigte, dass er nicht zur Kapitulation bereit war, verlor der russische Staatschef das Interesse an ihm und begann stattdessen mit den Vorbereitungen für einen Machtwechsel in der Ukraine sowie für einen Blitzkrieg, der in Kyiv eine Marionettenführung unter Viktor Janukowytsch und natürlich Viktor Medwedtschuk an die Macht bringen sollte.

Haben sich Putins Vorstellungen darüber geändert, inwieweit er sich mit Zelensky einigen könnte? Meiner Ansicht nach haben sie sich bis heute nicht geändert und könnten sich auch in Zukunft nicht ändern. Selbst wenn wir uns vorstellen, dass zwischen Russland und der Ukraine in fernerer Zukunft die Möglichkeit einer Einstellung der Kampfhandlungen und eines Einfrierens des Krieges entsteht, müssten sich die Präsidenten dafür keineswegs persönlich treffen.

Denn wie wir sehen, wurden die Vereinbarungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran unter Vermittlung Dritter getroffen, und Donald Trump hat sich mit keinem Vertreter der iranischen politischen Führung getroffen.

Damit eine solche Möglichkeit jedoch in absehbarer Zeit entsteht, muss man Putin weniger zu einem Treffen auffordern, als vielmehr Schritte unternehmen, die eine Fortsetzung des russischen Krieges gegen die Ukraine unmöglich machen. Dazu gehören die weitere Zerstörung des militärisch-industriellen Komplexes der Russischen Föderation, ihrer Erdölraffinerien und ihrer Erdölhäfen.

Dazu gehört die Stärkung der ukrainischen Luftverteidigung, die verhindern würde, dass ukrainische Städte und Ortschaften in den kommenden Monaten und Jahren dieses zermürbenden Krieges weiter zerstört werden. Und dazu gehört die endgültige Aufhaltung der russischen Truppen an der ukrainischen Front, was dem Präsidenten der Russischen Föderation die Hoffnung auf die Besetzung weiterer ukrainischer Gebiete nehmen würde. Genau diese Faktoren schaffen perspektivisch die Möglichkeit eines Einfrierens dieses Krieges, den Putin bereits 2014 gegen die Ukraine begonnen hat und der 2022 in seine heiße Phase überging.

Und wenn sich solche Umstände tatsächlich als günstig für unser Land erweisen, wird Volodymyr Zelensky Putin nicht immer wieder zu einem Treffen einladen und sein Friedensstreben mit solchen Erklärungen demonstrieren müssen. Dann wird der Präsident der Russischen Föderation selbst ein wirksames Verhandlungsformat initiieren, das zu einer Aussetzung der Kampfhandlungen führt und der Ukraine die Möglichkeit gibt, sich in den Jahren danach in eine Festung zu verwandeln, die sich gegen einen möglichen neuen Angriff der Russischen Föderation mit oder ohne Putin verteidigen kann.

Dies ist die historische Perspektive der Ukraine für die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Und in dieser historischen Perspektive muss es möglicherweise überhaupt nicht zu einem Treffen zwischen dem russischen und dem ukrainischen Präsidenten kommen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Путін ігнорує Зеленського | Віталій Портников. 25.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 15.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Der Orden des Weißen Adlers. Vitaly Portnikov. 14.06.2026.

Орден Білого Орла. Віталій Портников. 14.06.2026.

Die unerwartete Zuspitzung der ukrainisch-polnischen Beziehungen vor dem Hintergrund der Entscheidung von Präsident Volodymyr Zelensky, einer Militäreinheit den Namen „Helden der UPA“ zu verleihen, hat mich vor allem durch ihre Surrealität erschreckt, die über die Grenzen klassischer Politik hinausgeht – wobei man sich fragen muss, wo man heutzutage überhaupt noch klassische Politik findet. Ja, mich hat vor allem überrascht, dass ausgerechnet der Orden des Weißen Adlers ins Zentrum der Ereignisse geraten ist.

Im Gegensatz zu vielen, die heute mit den Polen polemisieren, sehe ich in der offiziellen Reaktion Warschaus nichts Außergewöhnliches. Meiner Ansicht nach hat das Außenministerium jedes Landes das volle Recht, politische Bewertungen von Handlungen eines Partnerstaates vorzunehmen, die mit dessen Interpretation historischer Erinnerung zusammenhängen. Der Partnerstaat kann diese Hinweise zur Kenntnis nehmen, ist aber keineswegs verpflichtet, daraus Konsequenzen zu ziehen. Das ist ein gewöhnliches politisches Signal: Bei uns wird die Vergangenheit anders wahrgenommen als bei euch. 

Mehr noch: Ich würde mir wünschen, dass auch das ukrainische Außenministerium ähnlich reagiert, wenn in irgendeinem Land Objekte oder Militäreinheiten nach Personen oder Formationen benannt werden, die möglicherweise an der Ermordung von Ukrainern, an antiukrainischer Propaganda und Ähnlichem beteiligt waren. 

Gleichzeitig müssen auch wir uns darüber im Klaren sein, dass die Welt ihre eigene Vorstellung vom Wert dieser Menschen oder Organisationen für das historische Gedächtnis eines bestimmten Landes haben kann. Genau das ist die zivilisierte Praxis internationaler Beziehungen.

Die surreale Situation beginnt erst mit den Drohungen des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki, Präsident Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Denn dies ist keine persönliche Auszeichnung für eine konkrete Person. In der Person Zelenskys zeichnete der polnische Präsident Andrzej Duda alle Ukrainer aus, die gegen die russische Invasion kämpften und ihr Land zugleich in einen Schutzschild für Polen verwandelten. 

Ja, eine solche Auszeichnung ist eine Ehre für den Präsidenten der Ukraine. Aber noch mehr ist sie eine Ehre für Polen, dass der Präsident eines gegen denselben Feind kämpfenden Landes bereit war, sie anzunehmen. 

Und mit Verlaub: Dieser Orden ist keine Frage des Prestiges Zelenskys, sondern eine Frage des Prestiges des Ordens des Weißen Adlers selbst. Denn als der polnische Präsident den ukrainischen Präsidenten auszeichnete, zeichnete er jeden ukrainischen Soldaten aus, der niemals nach Hause zurückkehren wird oder seinen Kampf für die Zukunft der Ukraine und Polens fortsetzt, jede ukrainische Frau, die ihre Kinder unter Beschuss großzieht, jedes Kind, das seinen Unterricht in einer unterirdischen Schule absolviert. 

Ist euch das, meine lieben polnischen Freunde, wirklich nicht genug? Wollt ihr daran nicht teilhaben? Ich bin überzeugt, dass ihr es wollt – schließlich war die polnische Hilfe für die Ukrainer und die Ukraine beispiellos. Und nun geht es um einen Orden!

Die weitere Entwicklung dieser Geschichte wirkt noch seltsamer. Das Ordenskapitel hat getagt, und nun müssen wir auf die Entscheidung von Präsident Nawrocki warten, der zu dem Schluss kommen soll, ob dem Präsidenten der Ukraine der Orden aberkannt wird oder nicht. Die Bedingung lautet: den Namen der Militäreinheit zu ändern. 

Dabei versteht jeder sehr gut, dass die Aberkennung des Ordens eine rein innerpolnische Angelegenheit wäre, die sich auf Zelensky weder innenpolitisch noch international in irgendeiner Weise auswirken würde. Sollte Zelensky jedoch um des Ordens oder guter Beziehungen zu seinem polnischen Kollegen willen den Namen der Einheit ändern, würde dies für ihn tatsächlich zu einem innenpolitischen Problem werden. Was sollte er also wählen?

Ich diskutiere bewusst weder die Frage der UPA noch die Frage Wolhyniens. Das ist – wie jedes Erbe, das mit dem Tod Tausender Menschen auf beiden Seiten verbunden ist – ein Thema für ernsthafte und wichtige Diskussionen. Und übrigens nicht nur für Historiker, sondern auch für Politiker. 

Ich spreche ausschließlich über ein anderes historisches Problem der polnischen Politik: über die Unfähigkeit, rechtzeitig innezuhalten, über jene Megalomanie, die daran hindert, die eigenen Möglichkeiten und die eigene Bedeutung realistisch einzuschätzen.

Ukrainer und Polen verbindet keineswegs der Orden des Weißen Adlers auf der Brust des Präsidenten der Ukraine, sondern das Bewusstsein einer gemeinsamen Gefahr. Hätten beide Völker dieses Bewusstsein bereits zur Zeit der Adelsrepublik besessen, wären Ukrainer und Polen vielleicht gemeinsam nicht unter die Herrschaft Moskaus geraten.

Ukrainer und Polen trennt keineswegs das historische Erbe. Sie trennt das Unverständnis vieler polnischer Politiker gegenüber der einfachen Tatsache, dass Polen im Falle einer Niederlage der Ukraine erneut nicht überleben wird und dass ihm keine Vereinigten Staaten helfen werden. 

Im Ernst: Wenn wir heute beobachten, wie die Vereinigten Staaten die Interessen Israels schlicht ignorieren, um sich mit dem Iran zu verständigen, ist es dann wirklich so schwer, sich vorzustellen, was geschehen wird, wenn an Israels Stelle Polen steht und an der Stelle des Iran Russland, das die Ukraine erobert hat?

Es ist höchste Zeit, sich endlich zusammenzuschließen. Wir werden noch Gelegenheit haben, über die schwierige Vergangenheit des polnischen und des ukrainischen Volkes zu diskutieren – vorausgesetzt, Polen und die Ukraine bleiben auf der politischen Landkarte der künftigen Welt erhalten. 

Aber selbst dann müssen wir einander eine einfache Sache sagen: Nicht die Ukrainer werden das historische Gedächtnis der Polen bestimmen, und nicht die Polen werden das historische Gedächtnis der Ukrainer bestimmen. 

Wir können diskutieren, Einschätzungen austauschen – aber wir sollten nicht erwarten, dass die ukrainischen und polnischen Pantheons jemals deckungsgleich sein werden. Und gerade deshalb muss man sich immer an jene Menschen erinnern, die selbst in dunklen Zeiten für die polnisch-ukrainische Verständigung gearbeitet haben, und auf sie stolz sein.

Übrigens bin ich der Meinung, dass auch diese Menschen ihren Anteil am Orden des Weißen Adlers erhalten haben, als Präsident Duda ihn Präsident Zelensky verlieh.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Орден Білого Орла. Віталій Портников. 14.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 14.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Über die ukrainische Identität, die „Mindich-Tonbänder“ und die Zukunft. Vitaly Portnikov beim DOU Day 2026. 09.06.2026.

Jurij Fedorenko: DOU ist vor allem eine Community, deshalb werde ich versuchen, unser Gespräch anhand von Fragen aufzubauen, die Menschen in den sozialen Netzwerken gestellt haben, und Sie werden darauf antworten.

Ich möchte mit einer Frage beginnen, die etwas verschwörungstheoretisch ist und lautet ungefähr so: Derzeit gibt es wieder eine neue Runde von Gesprächen über Frieden, irgendeinen Waffenstillstand und so weiter. Gleichzeitig gibt es so viele Angriffe auf Volodymyr Zelensky wie noch nie. Natürlich kommen sie nicht aus dem Nichts. Da sind Mindich, Yermak, jetzt Mendel. Das sind natürlich Menschen ganz unterschiedlichen Kalibers. Dennoch: Wie stehen Sie zu der Theorie, dass dies möglicherweise die koordinierte Arbeit von jemandem ist, beispielsweise der Vereinigten Staaten von Amerika, die den ukrainischen Präsidenten sehr gern austauschen würden?

Portnikov: Ehrlich gesagt kommentiere ich keinen Unsinn.

Jurij Fedorenko: Nächste Frage.

Portnikov: Ich denke, man muss eigentlich ausführlich über den Prozess selbst sprechen, weil es verschiedene Prozesse gibt, die von Menschen ohne kritisches Denkvermögen zu einer einzigen Sache zusammengefügt werden, die ihnen verständlicher erscheint.

Während des letzten massiven Angriffs auf Kyiv – weil man in einer solchen Nacht viel freie Zeit hat – hörte ich die Erinnerungen des bekannten russischen Schriftstellers Roman Gul über das Jahr 1917. Es gibt ein Projekt, das meine Kollegen von Radio Liberty und Radio Free Europe bereits 1967 gemacht haben, als sie die letzten Zeugen des Oktoberputsches und der Februarrevolution im Russischen Reich befragten. Ich höre mir das aufmerksam an, wie die Wiederkehr von Prozessen überhaupt aussieht.

Warum interessiert mich Gul? Weil er ein typischer russischer Offizier war, der alle Karrierestufen eines russischen Offiziers durchlaufen hatte – bis hin zum Dienst in der Garde von Hetman Skoropadsky hier in Kyiv, ganz wie in Bulgakows Roman. Genau dieser Typ russischen Offiziers.

Er war später ein Schriftsteller der Emigration und verstand die Abläufe deshalb sehr gut. Besonders interessierte mich, wie er den Prozess der Verbrüderung zwischen russischen und deutschen Soldaten zwischen Februar und Oktober 1917 beschrieb.

In Russland hatte eine Revolution stattgefunden. Die Führer dieser Revolution – Alexander Kerensky, Miliukow und andere – sagten, man müsse einen demokratischen Staat aufbauen, gleichzeitig aber das Land gegen die deutsche Armee verteidigen. Wie Sie wissen, erklärten die Bolschewiki dagegen, der Krieg müsse sofort beendet werden.

Der deutsche Generalstab verbreitete unter den russischen Soldaten Literatur und Zeitungen, die täglich in Berlin auf Russisch gedruckt wurden. Darin hieß es: „Die russischen Soldaten sind Geiseln eurer Führer – Kerensky und der anderen. Die Deutschen wollen Frieden. Kommt, verbrüdert euch mit den Deutschen.“

Russische Soldaten sprangen aus den Schützengräben, liefen zu den deutschen Stellungen und umarmten dort die Deutschen.

Die Offiziere, unter ihnen auch Gul, sagten: „Hört mal, in Deutschland hat es doch gar keine Revolution gegeben. Dort gibt es den Kaiser, den Generalstab, strenge Disziplin. Wenn ein deutscher Soldat den Schützengraben verlässt, dann weil ihm ein deutscher Offizier das befohlen hat.“

Die russischen Soldaten antworteten: „Was macht das schon für einen Unterschied? Wir wollen, dass der Krieg endet. Wir haben es satt, hier in den Schützengräben zu sitzen. Jetzt wird Land verteilt werden, und wir werden leer ausgehen.“

Nun, es lief übrigens alles genau so, wie es der deutsche Generalstab geplant hatte. Das Russische Reich verschwand von der politischen Landkarte der Welt.

Wir sehen heute einen sehr ähnlichen Prozess. Wenn wir aus dem Kreml hören, dass der Krieg sofort pausiert würde, sobald die ukrainischen Truppen das Gebiet der Oblast Donezk verlassen, dann ist das ungefähr dasselbe Szenario. Menschen sollen glauben, dass es einen Weg zur Beendigung des Krieges gibt und dass die ukrainische Führung diesen Weg nicht gehen will. Und die Russen gewinnen dabei in jedem Fall.

„Wir verlassen die Oblast Donezk nicht. Also gibt es einen klaren Weg, den Krieg zu beenden, aber Zelensky will das nicht.“ Das ist ungefähr dasselbe Szenario, das Russland während des Wahlkampfs 2019 spielte.

Das war tatsächlich ebenfalls ein russisches Szenario: „Die ukrainische Führung will den Krieg nicht beenden. Wählt einen guten Präsidenten, und der Krieg endet.“

„Und wenn die ukrainische Führung plötzlich doch dem Rückzug aus der Oblast Donezk zustimmt – auch gut. Dann bekommen wir befestigte ukrainische Städte. Und von diesen neuen Positionen aus erobern wir nach 30 oder 90 Tagen – was macht das für einen Unterschied – weitere Gebiete, etwa in den Regionen Kharkiv oder Poltava oder anderswo“. Ein völlig durchschaubares Szenario.

Ich möchte Sie daran erinnern: Das sind dieselben Menschen. Die Urenkel oder Ururenkel jener Soldaten, die damals aus den russischen Schützengräben sprangen. Heute sitzen sie sowohl in ukrainischen als auch in russischen Schützengräben. Es sind keine anderen Menschen. Es sind Menschen aus genau derselben Geschichte.

Jurij Fedorenko: Mit Verlaub, natürlich spricht niemand ernsthaft davon, dass Russland den Krieg beenden möchte. Deshalb habe ich die Frage ja als verschwörungstheoretisch bezeichnet. Es geht darum, ob Sie irgendwelche Anzeichen dafür sehen, dass eine Reihe politisch bedeutsamer Ereignisse gezielt zu einer Kette zusammengefügt wird.

Portnikov: Ich habe Ihre Frage verstanden. Genau deshalb versuche ich zu erklären, dass das zwei Dinge sind, die nichts miteinander zu tun haben. Da gibt es diesen Prozess. Und da gibt es den Prozess der Degeneration des staatlichen Verwaltungssystems, der 2019 begonnen hat und sich mit jedem weiteren Jahr dieser Regierung an den Hebeln der Macht verstärkt.

Und man muss eine einfache Sache verstehen. Dieser Prozess ist nicht natürlich. Erinnern Sie sich, wie hoch Zelenskys Zustimmungswerte im Januar 2022 ungefähr waren?

Jurij Fedorenko: Nicht besonders hoch.

Portnikov: Wenn es keinen großen Krieg gegeben hätte – wann wären dann Wahlen gewesen?

Jurij Fedorenko: Im vergangenen Jahr.

Portnikov: Es gäbe heute einen völlig anderen Präsidenten. Es wäre zu einer Bereinigung der Machtstrukturen von Dilettantismus gekommen. Die Menschen, die Sie heute unter Ermittlungen sehen, wären ohnehin unter Ermittlungen geraten. Nur nicht unter ihrer eigenen Regierung. Korruptionsgeschäfte wären definitiv untersucht worden.

Dafür gibt es Demokratie: um den Fäulnisprozess zu stoppen, der selbst im besten politischen System einsetzt, wenn es zu lange an der Macht bleibt. Menschen, die lange an der Macht bleiben, werden entweder zu Monstern oder verlieren einfach den Kontakt zur Realität.

Das betrifft nicht nur Zelensky. Im Vergleich etwa zu den Regierungschefs selbst der demokratischsten Länder – Angela Merkel, Benjamin Netanyahu oder anderen – ist Zelensky noch gar nicht so lange an der Macht.

Jurij Fedorenko: Oder Orbán.

Portnikov: Oder Orbán. Ganz genau. Darum geht es. Es ist offensichtlich: Wenn es in einem Land eine Regierung gibt, die an der Macht bleibt, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, sich selbst zu verbessern, und zugleich unabhängige Antikorruptionsorgane existieren, dann passieren solche Dinge. Dafür braucht es keine Verschwörung. 

Es genügt, dass eines von zwei Modellen existiert. 

  • Entweder gibt es eine effektive Regierung und unabhängige Antikorruptionsorgane.
  • Oder es gibt eine ineffektive Regierung mit autoritären Tendenzen.

Verstehen Sie? Das ist die Formel. Und dann darf es keine unabhängigen Antikorruptionsorgane geben. Dann gibt es ein autoritäres Regime, eine Diktatur. Dann sitzt niemand irgendwo im Gefängnis. Keine Verschwörungen, keine dumme Konspirologie. Alles ist wunderbar.

Hier haben wir aber ein Hybridsystem. Einerseits eine Regierung, die seit 2019 keinerlei Versuch unternimmt, effektiv zu werden, weil sie nicht weiß, wie das geht, und nicht einmal weiß, was das bedeutet. Andererseits gibt es unabhängige Antikorruptionsstrukturen.

Jurij Fedorenko: Versuche gibt es schon.

Portnikov: Keinen einzigen. Und andererseits gibt es unabhängige Antikorruptionsstrukturen. Übrigens hat die Regierung sehr wohl verstanden, was zu tun wäre. Sie wusste von Anfang an, was passieren würde. Deshalb versuchte sie, die unabhängigen Antikorruptionsstrukturen von der korrupten Machtvertikale abhängig zu machen. Das ist ihr nur dank der Bemühungen des ukrainischen Volkes nicht gelungen. Später bot man genau diesem Volk dann die freie Ausreise aus dem Land an, nachdem man das Alter der Menschen analysiert hatte, die sich den Machenschaften dieser Regierung tatsächlich widersetzten.

Man sagte gewissermaßen: „Auf Wiedersehen, ukrainisches Fernsehen. Auf Wiedersehen. Ihr könnt ruhig wegfahren, wenn ihr unter 25 seid. Ihr müsst hier nicht sitzen und mit Pappschildern protestieren. Geht lieber in Warschau demonstrieren.“

Die Regierung ist also klug, aber ineffektiv.

Jurij Fedorenko: Schwer, dagegen zu argumentieren.

Portnikov: Versuchen Sie es doch.

Jurij Fedorenko: In dem, was Sie sagen, taucht oft die These auf, dass seit 2019 alles unausweichlich auf den Krieg zugelaufen sei.

Portnikov: Nein. Auf den Krieg lief alles seit 1991 unausweichlich zu.

Jurij Fedorenko: Dass er aber genau dann ausbrach, als er ausbrach, sei das Ergebnis von Inkompetenz und davon, dass das Land von Unprofessionellen regiert werde.

Portnikov: Nein, das sage ich nie. Ich sage immer, dass 2019 das Tor zum großen Krieg wurde, weil Russland die Wahlergebnisse in der Ukraine falsch einschätzt hat. Nicht allein wegen einer inkompetenten Regierung. Das ist ein Teil des Problems, aber nicht der wichtigste Teil.

Jurij Fedorenko: Sie sagen jedoch oft im Vergleich zwischen Zelensky und Poroshenko, dass Zelensky kindische Fehler macht. Zum Beispiel, dass Poroshenko Medvedchuk gewissermaßen an der Leine hielt und damit für Putin simulierte, seine Interessen würden berücksichtigt usw.

Aber worauf ich hinauswill: Es schien doch einen Trend zu geben, dass die Ukraine kulturell und wirtschaftlich in die Tasche Russlands zurückfiel. Wenn man sich die Musikcharts ansieht, wenn man sieht, was 2021 wirtschaftlich geschah – Monobank wäre beinahe von Alfa Group gekauft worden.

Portnikov: Hören Sie, ich möchte mir diese dumme Propaganda nicht einmal eine Minute lang anhören. Gerade nach der Revolution der Würde 2014 wurden Entscheidungen über Quoten für ukrainische Inhalte im Rundfunk getroffen. Und das zu einer Zeit, als der Mann, der später Präsident der Ukraine wurde, in einer russischsprachigen Fernsehserie mitspielte. Wie hieß sie noch? Achtung!

Jurij Fedorenko: Diener des Volkes.

Portnikov: Bravo! Nicht einmal Hilfe aus dem Publikum nötig. Gerade nach 2014 wurden die tatsächlichen Voraussetzungen für die Entwicklung des ukrainischen Kinos geschaffen.

Jurij Fedorenko: Sie meinen also, der Trend verlief in die richtige Richtung?

Portnikov: Genau damals wurde das Gesetz über die ukrainische Sprache verabschiedet. Zelensky wollte dieses Gesetz revidieren. Das sagte er während seines Wahlkampfs. Dieser Wahlkampf wurde zur Hälfte auf Russisch geführt. Warum erzählen Sie sich selbst Märchen und möchten, dass andere daran glauben – zumal hier junge Leute sitzen, die 2019 vielleicht noch gar nicht bewusst wahrgenommen haben, was geschah?

Jurij Fedorenko: Aber sehen Sie, der eine ließ Medvedchuk nicht verhaften, der andere versprach, das Gesetz abzuschaffen.

Portnikov: Hören Sie, Sie sind Journalist, und dennoch führen Sie mit mir eine völlig stammtischhafte Diskussion. Wissen Sie, warum mich das aufregt? Ich arbeite gerade wie Julia Lambert. Kennen Sie Julia Lambert aus Somerset Maughams „Theater“? Sie lief mit einem roten Schal über die Bühne, um eine Konkurrentin auszustechen. Und alle starrten auf den Schal.

Dieser Schal ist nicht rot, sondern blau-gelb. Aber wir sind in der Ukraine. Warum sollten wir mit einem roten Schal herumlaufen? Hier funktioniert auch ein blau-gelber Schal.

Ich gehe von einer einfachen Formel aus. Die Führung eines Landes kann schlecht sein. Sie kann bei Entscheidungen Fehler machen. Aber sie muss professionell und politisch sein.

Darauf muss eine parlamentarisch-präsidentielle Republik beruhen, deren Rettung übrigens ebenfalls das Ergebnis der Revolution der Würde von 2013–2014 war.

Erstens: die Subjektivität des Parlaments. Gesetze müssen im Parlament entstehen und nicht im Büro des Präsidenten. Parlamentarier müssen eigenständige Träger des Gesetzesinitiativrechts sein. Sie müssen die Interessen ihrer Wähler vertreten und nicht die von Oligarchen oder sich an einer einzigen Person orientieren, die kommt und ihnen erklärt, wie sie zu leben und was sie zu tun haben.

Von 2010 bis 2014 war diese Person Viktor Yanukovych. Seit 2019 ist diese Person Volodymyr Zelensky. Genau das bedeutet den Zusammenbruch der parlamentarisch-präsidentiellen Republik.

Zweitens: In einer parlamentarisch-präsidentiellen Republik ist der Regierungschef der Premierminister, der von einer Koalition vorgestellt wird, die von den Abgeordneten des Parlaments gebildet wird. Dieser Premierminister trägt unmittelbare Verantwortung gegenüber den Bürgern und den Parlamentariern für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Er tritt mit einem Entwicklungsprogramm für das Land auf, verteidigt dieses Programm. Und wenn dieses Programm nicht umgesetzt wird, setzen die Abgeordneten ihn ab.

Unter ukrainischen Bedingungen wissen seit 2019 die Menschen, die für Minister stimmen, nicht einmal, wer diese Leute sind. Sie bekommen Listen aus dem Präsidentenbüro und stimmen einfach für irgendwelche Unbekannten. Für Menschen, die man schlicht per Lotterie gefunden hat. So wie man Mendel per Lotterie gefunden hat. Und so suchte man auch viele Minister.

Drittens: Der Präsident muss als Oberbefehlshaber der Streitkräfte, als jemand, der unter unseren Bedingungen tatsächlich für den Erhalt des Landes verantwortlich ist, freie Hände und Zeit haben, um sich mit Außenpolitik und Verteidigung zu befassen. Und seine Beamten im Büro sollten nicht Konflikte zwischen Ministern und Abgeordneten lösen, sondern ihm dabei helfen. Und übrigens: Je mehr Zelensky sich jetzt damit beschäftigt, desto mehr Ergebnisse gibt es.

Worin bestand die Logik der politischen Prozesse, die nach 2014 begannen?

Es gab politische Parteien, deren Anhänger und Mitglieder eigene Ansichten hatten. Diese Parteien hatten die Prüfung des Maidan bestanden. Die Menschen, die ins Parlament gewählt wurden, hatten die Prüfung des Maidan bestanden. Unter ihnen gab es sehr effektive Menschen, sehr ineffektive Menschen, Menschen, die buchstäblich von der Straße ins Parlament kamen. Menschen mit gewisser politischer Erfahrung.

Aber worin bestand die Idee? Diese Menschen standen für ihre Überzeugungen ein. Ministerposten wurden von Politikern besetzt. Nicht von Beamten, denn ein Beamter kann kein Minister sein. Ein Berufsdiplomat kann kein Außenminister sein. Nur unter unseren Bedingungen kommt so etwas vor. Ein General kann kein Verteidigungsminister sein. Ein Beamter kann kein Verteidigungsminister sein. Das muss ein Politiker sein. So funktioniert die demokratische Welt.

Sie sehen doch, dass Außenminister aus allen Ländern der Welt zu uns kommen. Wer von ihnen ist Berufsdiplomat? Zu uns kommen Verteidigungsminister. Wer von ihnen ist Berufssoldat? Also sind alle Idioten, und nur wir allein wissen, wie man ein System aufbaut?

Deshalb kritisierte ich übrigens 2015 oder 2014 den Block Petro Poroshenko dafür, dass sie statt Politiker in die Regierung zu schicken, Experten dorthin schickten. Erinnern Sie sich, die Älteren erinnern sich daran: die ganze Geschichte mit Minister-Experten, mit Ausländern. Ich sagte, das sei falsch, denn wenn ihr einen Minister entsendet, dann muss das euer politischer Akteur sein. Warum? Weil der Wähler bei der nächsten Wahl verstehen muss, warum zum Teufel er für euch stimmen soll.

Und was geschah? Die Volksfront, die faktisch die Reformen sicherstellte, entsandte Politiker. Den Menschen gefielen die Ergebnisse dieser Reformen nicht. Und deshalb verlor die Volksfront praktisch gerade wegen dieser schmerzhaften Reformen ihre Zustimmung zugunsten populistischer Kräfte. Der Block Petro Poroshenko stand etwas abseits dieses Prozesses wirtschaftlicher Reformen, weil er sich am Präsidenten orientierte, und blieb dadurch im Parlament in Form der Europäischen Solidarität erhalten.

Aber das ist ein falscher Ansatz. Der Ansatz muss sein, dass ihr politische Verantwortung tragt und dass die Menschen, die für euch stimmen, ähnliche Ansichten haben wie ihr.

Jetzt Frage Nummer eins: Welche politischen Ansichten hatte das Projekt ‚Diener des Volkes‘ überhaupt, wenn sich dort gleichzeitig ukrainische Patrioten, prorussische Akteure und schlicht Leute ohne jede politische Vorgeschichte fanden? Und welche verdammten politischen Ansichten hatten diejenigen, die für diesen ganzen Unsinn gestimmt haben?

Jurij Fedorenko: Auf dem Parteitag? Ich schließe nicht aus, dass sie direkt in diesem Raum beschlossen haben: Libertarismus. Solche Werte.

Portnikov: Und wissen Sie, was das ist?

Jurij Fedorenko: Natürlich ironisiere ich, weil es offensichtlich ist, dass es dort keine ideologische Plattform gibt. So wie es sie übrigens bei einem Haufen politischer Projekte in der Ukraine nicht gibt. Wenn man Populismus nicht als ideologische Plattform zählt.

Portnikov: Ich denke, es gibt völlig klare ideologische Plattformen. Wir kennen die ideologische Plattform der Europäischen Solidarität. Wir kennen die ideologische Plattform von Batkivshchyna. Wir kennen die ideologische Plattform der OPZZh. Das sind alles ideologische Plattformen. Man kann sie erklären.

Aber wenn du einem Menschen aus irgendeiner kleinen Stadt, der die Serie Diener des Volkes gesehen hat und möchte, dass alles so wird wie in der Serie, sagst, deine ideologische Plattform sei Libertarismus, dann erklär ihm zuerst, was Libertarismus ist.

Wenn du Abgeordnete der Werchowna Rada wählst, die man danach nach Truskavets bringt, um ihnen zu erklären, wie man auf Knöpfe drückt – welche Effektivität willst du dann von der Regierung? Welche Effektivität willst du vom Parlament?

Verstehen wir denn wirklich nicht, dass wir uns selbst betrügen können, dass wir versuchen können, uns den Menschen anzupassen, die dort jetzt irgendwelche Entscheidungen treffen, aber trotzdem nichts daraus wird? Man kann keinen Staat aus Scheiße und Stöcken zusammenbasteln. Das erkläre ich seit vielen Jahren.

Jurij Fedorenko: Es fällt schwer, Ihren Thesen nicht zuzustimmen.

Portnikov: Ich möchte trotzdem Argumente hören und keine verschwörungstheoretischen Fragen.

Jurij Fedorenko: Dann das letzte, für Sie wohl irritierende Argument. Ein Freund von mir, der bei der Weltbank arbeitet, sagt: Wenn man in der aktuellen Regierung die Zahl der Menschen zählt, die auf Groysmans Listen standen, welche Regierung der nationalen Einheit brauchen Sie dann noch?

Portnikov: Ich habe die Situation bereits erklärt. Sie müssen nicht auf Menschen schauen, die auf irgendwelchen Listen standen, sondern auf Menschen, die diese politischen Kräfte vertreten, für die Bürger gestimmt haben. Also spucken Sie Ihrem Bekannten von der Weltbank ins Gesicht und erklären Sie ihm einfach, dass er nicht versteht, was Politik ist. Fragen Sie ihn, wie er mit einem solchen Politikverständnis überhaupt bei der Weltbank arbeiten kann. Er ist doch wahrscheinlich ein Ukrainer, der bei der Weltbank arbeitet?

Jurij Fedorenko: Ja.

Portnikov: Na also. Ich denke, wenn er Deutscher oder Franzose wäre, würde er Ihnen diesen Unsinn nicht erzählen, denn eine Regierung der nationalen Einheit sieht nicht so aus, dass man einen Beamten sucht, der auf irgendeiner Liste stand. Sondern es bedeutet, dass es politische Kräfte gibt, die in der Werchowna Rada vertreten sind, und diese politischen Kräfte gemeinsam, gemeinsam eine Regierung politisch verantwortlicher Akteure bilden.

Jurij Fedorenko: Denken Sie nicht einfach, als Idee, dass man das philosophischer betrachten sollte? In dem Sinn: Klar, Sie erzählen, wie es idealerweise sein sollte, fast so, wie man es uns im Rechtskundeunterricht beigebracht hat.

Portnikov: Haben Sie den Rechtskundeunterricht geschwänzt?

Jurij Fedorenko: Gott bewahre. Aber es ergibt sich so, dass das Modell einer entwickelten westlichen Demokratie beschrieben wird. Und wir sehen doch, wie leicht es auch in der westlichen Welt zerstört wird, etwa durch einen Trump.

Portnikov: Sehen Sie, mich interessiert im Moment das Modell westlicher Demokratie überhaupt nicht. Ich sage eine sehr einfache Sache: Wir brauchen ein Modell zum Überleben des Staates. Denn die Frage, ob der ukrainische Staat in einigen Jahren auf diesem Territorium existieren wird, ob das ukrainische Volk überhaupt als Nation existieren wird, ist nicht entschieden. Sie ist nicht entschieden. Also müssen wir darüber nachdenken, welche effektiven Mechanismen es zur Rettung gibt.

Nur denkt die überwiegende Mehrheit der Menschen, die übrigens ebenfalls an der Macht sind, aus irgendeinem Grund, das sei eine Art Vorstellung, die irgendwann endet, Putin beruhigt sich, und dann renovieren sie ihre Kooperative „Dynasty“, werden dort leben, das Leben genießen und Reichtum anhäufen. Nein, das wird nicht passieren.

  • Erstens wird er sich nicht beruhigen.
  • Zweitens kann man ihn mit diesem Führungsstil des Staates nicht beruhigen.
  • Drittens: Wenn du siehst, dass du schon seit vielen Jahren versuchst, irgendeine Lösung für das Problem zu finden, und keine findest, dann braucht es vielleicht doch wieder irgendeine Hilfe aus dem Saal?

Das ist nicht einmal nur die Frage einer Regierung der nationalen Einheit. Sie übertreiben ebenfalls meine Beschäftigung mit einer Regierung der nationalen Einheit. Ich spreche vor allem von einer effektiven Regierung. Minister in einer Regierung, die zur Berichterstattung ins Präsidentenbüro gehen, sind an sich schon eine ineffektive Regierung.

Dort können effektive Beamte geben, aber sie tragen keine Verantwortung. Keiner dieser Minister hat vor, ins Parlament gewählt zu werden. Er denkt nicht über seine politische Karriere nach. Sie können es einfach nicht verstehen.

Jurij Fedorenko: Einer hat es vor.

Portnikov: Wer denn?

Jurij Fedorenko: Fedorov.

Portnikov: Ach, heute hat er es vor, morgen nicht. Und man müsste auch noch herausfinden, welche politischen Ansichten dieser Fedorov eigentlich hat. Er wird noch ein paar Monate im Verteidigungsministerium arbeiten und dann dorthin gehen, wohin alle vorherigen Minister gegangen sind.

Jurij Fedorenko: Er arbeitet sehr lange als Minister an einem Ort.

Portnikov: Für Digitalisierung?

Jurij Fedorenko: Ja, das ist doch so etwas wie ein ukrainischer Rekord in der Amtszeit.

Portnikov: Hören Sie, das ist doch ein virtuelles Ministerium, worüber reden wir? Hier geht es um echte militärische Hardware. Es ist leicht, Minister eines Ministeriums zu sein, das irgendeine App fürs Smartphone erstellt, die existieren kann oder auch nicht. Aber schaffen Sie bitte Möglichkeiten in einer Situation, die mit Drohnen verbunden ist.

Wenn Sie keine Diia-App haben, können Sie ganz ruhig irgendwelche anderen Apps benutzen. Aber wenn Sie keine Drohnen haben, die russische Drohnen abschießen, dann werden Ihre Häuser bald alle zerstört sein, und Sie werden keinen Ort mehr haben, an dem Sie Diia benutzen können.

Mensch, Sie reden ja wie Kinder. Glauben Sie ernsthaft, dass das Überleben dieses Landes von virtuellen Apps abhängt? Das Überleben dieses Landes hängt von Militärtechnologien ab, von Wettbewerb im Bereich der Militärtechnologien, von Wettbewerb – und nicht davon, dass irgendeine Firma, die von weiß Gott wem, einem ehemaligen russischen Staatsbürger, geführt wird, die Produktion von Raketen und Drohnen monopolisiert. Bitte seien Sie realistisch.

Jurij Fedorenko: Sehen Sie, Ihre Passage über Drohnen ist rhetorisch sehr stark. Aber wenn man präzise ist: Hier im Untergeschoss minus eins gibt es eine ganze Expo von Military-Unternehmen. Und wenn man sie fragt, wird jedes sagen – nicht nur FirePoint, und vor allem nicht FirePoint, sondern viele kleine private Unternehmen, die tatsächlich Dinge herstellen, die das Schlachtfeld beeinflussen –, dass dieser Markt ohne irgendeine Verordnung 235 oder 275, mit der sich derselbe Fedorov befasst hat, unmöglich gewesen wäre.

Portnikov: Sind Sie Lobbyist für Fedorovs politische Interessen oder was? Was machen Sie gerade? Ich erkläre Ihnen eine einfache Sache. Offenbar hören Sie nicht, worüber ich spreche.

Fedorov ist kein politischer Akteur. Er vertritt keine politische Partei. Verstehen Sie nicht, worüber ich spreche? Wenn Fedorov Politik machen will, ist das wunderbar. Er wird ein politisches Projekt gründen und Politik betreiben. Aber das hat nichts mit seinem derzeitigen Zustand in der Regierung zu tun, verstanden?

Jurij Fedorenko: Er hat noch nicht angefangen.

Portnikov: Wenn Sie meinen, dass unser Gespräch für politische Agitation zugunsten eines Ministers in der Regierung genutzt werden sollte, welche Ambitionen er auch immer haben mag, welche persönlichen Beziehungen er auch immer haben mag – nein. Sie haben mir ein falsches Beispiel genannt, weil ich Ihnen politische Verantwortung erklärt habe, und Sie hören mich nicht, weil Sie irgendwelche eigenen Aufgaben haben.

Jurij Fedorenko: Wer war denn ein solcher eigenständiger Politiker in der letzten Regierung Groysman, zum Beispiel? Nur damit wir den Unterschied verstehen.

Portnikov: Avakov. Er vertrat die Volksfront. Aber wieder: Aber warum verbeißen Sie sich ständig in die Jahre 2014 bis 2019? Das ist auch eine erstaunliche Manier. Reden wir doch darüber, was damals war. Oder vielleicht sollten wir darüber sprechen, was jetzt ist?

Jurij Fedorenko: Sie sagen doch, es gebe nichts zu besprechen.

Portnikov: Ich sage Ihnen eine einfache Sache. Entweder sprechen wir darüber, wie man heute die Führung des Landes richtig aufbaut, weil Sie verstehen müssen, dass diese zerstörerischen Prozesse weitergehen werden, sie werden noch viel stärker an Fahrt aufnehmen. Diesen Prozess bekommt man nicht mehr in die Flasche zurück. Er wird das System staatlicher Verwaltung weiter zerstören, aber er wird auch die Gesellschaft zerstören.

Sie können stundenlang all diesen Unsinn über das Jahr 2014 erzählen, darüber, was mit Poroshenko war. Das hat jetzt keinerlei Bedeutung. Zumal Sie, entschuldigen Sie, mit einem Menschen sprechen, der von 2014 bis 2019 genau darüber gesprochen hat: über Poroshenkos Fehler, über Konflikte zwischen dem BPP und der Volksfront, über das, was bei Yatsenyuks Rücktritt geschah. Ich habe mich ausschließlich damit beschäftigt und darüber gesprochen, was geschah, als Samopomich, Batkivshchyna und die Radikale Partei die Regierungskoalition verließen. Das war ich.

Jurij Fedorenko: Ehrlich gesagt weiß ich das alles nur von Ihnen.

Portnikov: Weil Sie sich nicht für Politik interessieren. Weil Ihr Problem dasselbe ist wie das von Zelenskys ganzer Gesellschaft: Sie interessieren sich für nichts, kommen im Jahr 2026, um irgendein Interview zu führen, auf das Sie überhaupt nicht vorbereitet sind. Sie interessieren sich nicht einmal dafür, was in diesem Land in den letzten zehn Jahren passiert ist. Und Sie glauben aus irgendeinem Grund, dass ich Sie mit verliebten Augen ansehen werde. Mir gefällt dieser Gesprächsstil nicht, sagen wir es so, und ich werde nicht allen Ihren Thesen zustimmen.

Das ist inkompetent, lieber Kollege. Journalismus verlangt Vorbereitung, Kompetenz, Kenntnis der Fakten, zumindest ein Verständnis dafür, warum Sie mit einem Menschen sprechen und was er getan hat. Und zwar nicht aus sozialen Netzwerken, nicht aus Propaganda und Agitation, die von verschiedenen Idioten über mich verbreitet wird, die dafür ihre Silberlinge im Telegram-Raum bekommen. Sondern wenn es real ist: Es ist doch einfach, zu lesen oder anzusehen, was ich 2014 gesagt habe, um mir nicht etwas vorzuwerfen, was ich nicht getan habe. Wenn ich eine andere Orientierung habe, was wollen Sie dagegen tun?

Jurij Fedorenko: Ich weiß nicht einmal, was ich Ihnen antworten soll.

Portnikov: Sie können Fragen erfundener Nutzer vorlesen.

Jurij Fedorenko: Nur eine kleine Bemerkung, Sie müssen darauf gar nicht reagieren. Dass dort steht, ich sei Programmdirektor bei UT2, ist überhaupt ein postironischer Witz.

Portnikov: Hier haben viele Menschen Posten, die postironische Witze sind.

Jurij Fedorenko: Ja, also ehrlich gesagt bin ich kein Journalist.

Portnikov: Das sehe ich. Und sie sind keine Politiker, und sie sind keine Staatslenker. So leben Sie. Aber ich habe einen Vorschlag. Nehmen wir Fragen aus dem Saal. Vielleicht können wir diese Situation irgendwie entspannen.

Jurij Fedorenko: Nein, lassen Sie mich sie ebenfalls entspannen. Wir geben noch jemandem aus dem Saal das Wort. Sehen Sie, wir leben heute in einer neuen Renaissance. Viele Menschen wechseln im Laufe ihres Lebens ihre Karriere. Ich verstehe, dass Sie viel länger im Journalismus tätig sind, als ich überhaupt existiere.

Portnikov: Und wie lange existieren Sie?

Jurij Fedorenko: Seit 1990.

Portnikov: Na, dann sind Sie ja schon ein großer Junge.

Jurij Fedorenko: Ja. Und Menschen sind im Laufe ihres Lebens oft gezwungen, ihre berufliche Laufbahn zu ändern.

Portnikov: Warum? Weil sie ihre vorherigen Aufgaben nicht bewältigen?

Jurij Fedorenko: Zum Beispiel, weil jemand zehn Jahre als Programmierer gearbeitet hat und dann Soldat wird. Und vielleicht wird er später ausgemustert und will nicht wieder Programmierer werden. Die Arbeit ändert sich. Oder jemanden hat man einfach zum Präsidenten gewählt.

Portnikov: Soldat zu sein ist kein Beruf, sondern eine Pflicht. Ein Mensch, der Soldat wird, wechselt nicht den Beruf. Er entscheidet sich, das Land zu verteidigen, oder wird mobilisiert, um das Land zu verteidigen. Das ist etwas anderes. Das ist ein schlechtes Beispiel.

Jurij Fedorenko: Ja, aber ich bin seit 2022 mobilisiert. Im Dienst mache ich nicht das, was ich im zivilen Leben gemacht habe. Deshalb wäre Ihr Angriff auf mich beleidigend gewesen, aber …

Portnikov: Ich hatte gar nicht vor, Sie zu beleidigen.

Jurij Fedorenko: … wenn ich Journalist wäre.

Portnikov: Nein. Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch sich auf ein Gespräch mit seinem Gegenüber vorbereiten sollte. Ich mache das sogar im Privatleben. Stellen Sie sich vor: Ich versuche immer, etwas über Menschen herauszufinden. Erstens, damit ich nicht später erfahre, dass dieses Mädchen eigentlich ein Junge ist. Das ist eine wichtige Sache. Oder umgekehrt. Das kann ja auch passieren.

Zweitens, damit ich Menschen keine Vorschläge mache, die sie beleidigen könnten.

Drittens, damit ich weiß, ob da drei Kinder sind. Für manche ist das heutzutage sogar ein Trumpf. Und so weiter.

Deshalb verlange ich immer Respekt – nicht vor dem Beruf, sondern vor der Person. Es geht nicht um den Beruf. Betrachten Sie es so: Meine eigene Schuld war, dass ich mich nicht auf das Gespräch mit Ihnen vorbereitet habe.

Jurij Fedorenko: Ich würde diese Zeit einfach nur ungern auf Reflexionen über …

Portnikov: Über sich selbst?

Jurij Fedorenko: … die Vorbereitung verwenden, ja. Obwohl das natürlich angenehm ist. Aber offen gesagt würde ich lieber aus einer anderen Perspektive sprechen. Ich habe eine Frage, um das Thema zu wechseln.

Sie sagen oft, dass es in der Ukraine eine Spaltung der Identität gibt. Es gibt eine ukrainische Identität, eine bedingt prorussische oder postsowjetische und die größte Gruppe, der im Grunde alles egal ist.

Wenn wir über die Zivilgesellschaft sprechen: Was muss getan werden, damit der proukrainische Teil größer wird? Mit dem prorussischen Teil ist wahrscheinlich schwer etwas zu machen. Das ist sehr energieaufwendig.

Portnikov: Warum schwer? Wir haben Putin, der mit dem prorussischen Teil alles macht und den Menschen zeigt, wie sehr sie sich geirrt haben.

Aber ernsthaft: Ich denke, dass die Unterschiede in den regionalen Identitäten überhaupt keine Neuigkeit sind. Ich sehe darin überhaupt kein Problem. Ich habe immer geglaubt, dass das ein Reichtum der Ukraine ist. Dass die Bessarabien anders aussieht als Galizien, die Bukowina anders als die Sloboschanschtschyna. Das ist doch dasselbe wie in jedem europäischen Land.

Nehmen wir Italien. Norditalien und Süditalien sind verschiedene Welten. Aber überall leben Italiener.

Oder Bayern und Nordrhein-Westfalen. Das sind verschiedene Welten, aber überall leben Deutsche.

Unser Problem besteht nicht darin, dass Ukrainer unterschiedlich sind. Unser Problem besteht darin, dass wir die Unabhängigkeit im Zuge der Degeneration eines Imperiums erhalten haben. Deshalb gibt es viele Menschen, die sich einerseits als Ukrainer betrachten, andererseits aber im imperialen Raum geblieben sind.

Und zwar nicht nur in dem Sinne, dass sie sich für Russen hielten, sondern im Raum jenes künstlich erzeugten Minderwertigkeitskomplexes, den das Imperium hier immer gefördert hat, damit die Ukrainer glauben, dass alles wirklich Große, Bedeutende und Nicht-Provinzielle nur auf Russisch möglich sei, während auf Ukrainisch nur Borschtsch und Hopak existieren.

Und genau das ist das Problem. Denn die Prorussischkeit, die es bei uns gab, bedeutete nicht, dass diese Menschen sich als ethnische Russen betrachteten. Sie hielten sich lediglich für minderwertig gegenüber den Russen.

Und so war es praktisch bei allen Völkern des Imperiums, vielleicht mit Ausnahme der baltischen Völker. Und genauso geschieht es heute weiterhin mit den Völkern Russlands.

Übrigens: Wenn wir über die Völker Russlands sprechen, benutzen wir noch immer das Vokabular der Russen. Wir wollen Russen beleidigen und sagen: „Das sind Mordwinen.“

Entschuldigen Sie, aber der Staat der Mordwinen war viel besser auf den Widerstand gegen die Goldene Horde vorbereitet als die Fürstentümer von Rus. Sie kämpften noch jahrzehntelang weiter. Sie hatten legendäre Anführer, die gegen die Horde kämpften. Wie jeder Staat, der kämpft, litten sie stärker als die Slawen. Deshalb gibt es heute weniger von ihnen, und deshalb besitzen sie keine staatliche Einheit mehr.

Oder wenn wir Burjaten als irgendwelche Wilden darstellen. Dabei umfasst eine buddhistische Enzyklopädie auf Burjatisch siebzig oder achtzig Bände. Aber die Russen haben immer die Vorstellung verbreitet, die Burjaten seien Wilde, obwohl ihre Zivilisation zur selben Welt der Goldenen Horde gehörte – einer Zivilisation mit Staatsverwaltung, die später von Moskau kopiert wurde.

Und dann kommen sie hierher und töten uns. Natürlich ist es für uns einfacher zu denken – und den Russen angenehmer –, dass Burjaten hier töten, während die Russen doch ein zivilisiertes Volk seien.

Beachten Sie: Das ist ein imperiales Erbe, das bis heute in den Köpfen vieler Ukrainer existiert.

Deshalb denke ich nicht, dass wir ein Problem eines Identitätskonflikts haben. Das Problem besteht darin, dass wir viele Menschen haben, die glaubten, Ukrainer als Nation und politische Nation unterschieden sich nicht von Russen, Polen, Deutschen oder Franzosen. Und eine große Zahl von Menschen, die sich gegenüber dem „großen Bruder“ minderwertig fühlten. Und ich wiederhole: Das betraf nie nur die Ukrainer.

Seit meiner Kindheit glaubte ich, dass meine Aufgabe darin besteht, die Ukrainer davon zu überzeugen, dass sie denselben Platz in der Zivilisation einnehmen wie jedes andere Volk Europas oder Asiens.

Umso mehr, als ich Menschen meiner eigenen jüdischen Herkunft sah, die sich ebenfalls den Russen gegenüber minderwertig fühlten, nach Israel auswanderten und dort Porträts von Puschkin verehrten.

Das erschien mir seltsam. Wenn du in einem jüdischen Staat leben willst und gleichzeitig ein Mensch bist, dessen Landsleute Einstein, Spinoza oder – entschuldigen Sie – Jesus Christus sind, warum solltest du dann einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber einem Volk haben, das Deutsche einladen musste, um ihm Universitäten und Akademien zu gründen?

Dasselbe hat mich bei den Ukrainern erstaunt. Warum solltet ihr euch diesem Volk gegenüber minderwertig fühlen, wenn es hier eigene Universitäten gab, eigene Wissenschaftler, eigene Bildhauer, eine eigene Sophienkathedrale zu einer Zeit, als es dort überhaupt noch nichts gab?

Und nochmals: Das bedeutet nicht, dass ich Russen schlecht behandle. Jedes Volk durchläuft zu seiner Zeit seine eigenen Entwicklungsphasen. Aber warum Minderwertigkeit?

Und das Wichtigste ist nicht, regionale Unterschiede zu überwinden. Das Wichtigste ist, die Minderwertigkeit und die Orientierung an dieser Minderwertigkeit zu überwinden. Und ich denke, dass der große Krieg dafür Möglichkeiten schafft.

Ich bin sogar der Ansicht, dass wir 2019 bereits eine einheitliche politische Nation hatten. Ich denke, die Wahl Zelenskys mag aus Sicht politischer Führung fragwürdig erscheinen. Aber für Zelensky stimmten Menschen in Uzhhorod, in Ivano-Frankivsk, in großer Zahl ebenso wie in Kharkiv und Odesa. So etwas hatte es vorher nicht gegeben.

Bei Poroshenko war es ähnlich, aber er gewann bereits im ersten Wahlgang, und im Osten stimmten deutlich weniger Menschen für ihn.

Deshalb sahen wir in den Jahren 2014–2019 bereits eine Nation, die die regionalen Unterschiede mehr oder weniger überwunden hatte. Jetzt müssen wir an der Qualität dieser Nation arbeiten.

Und selbstverständlich hat der Krieg nicht nur die russlandorientierte Bevölkerung deutlich reduziert. Er hat auch die Zahl jener Menschen verringert, die sich für ethnische Russen hielten, ohne es zu sein.

Und übrigens: Auch das ist keine Neuigkeit. In den Volkszählungen des Russischen Reiches werden Sie sehen, dass in den ukrainischen Städten angeblich überhaupt keine Ukrainer lebten. Das war eine Manipulation. Denn man fragte die Menschen nicht nach ihrer Herkunft, sondern nach ihrer „Muttersprache“. Und wenn jemand sagte, seine Sprache sei großrussisch, wurde er als Russe eingetragen.

Erst jetzt beginnen wir, dieses Erbe tatsächlich zu überwinden. Und ich denke, wir tun das erfolgreich.

Wenn es uns gelingt, den Staat zu bewahren, werden wir eine Nation bewahren, die in ihren regionalen Erscheinungsformen unterschiedlich sein wird, aber in ihrem Verständnis der eigenen Gleichwertigkeit einheitlich.

Im Grunde hängt alles, was ich mein ganzes berufliches und außerberufliches Leben getan habe, damit zusammen: mit dem Versuch, die Ukrainer davon zu überzeugen, dass sie nicht schlechter sind als andere.

Und ich möchte Sie davon überzeugen, dass dies Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre keine einfache Aufgabe war. Heute ist sie einfacher geworden, weil die Menschen sich nicht mehr schämen. Noch vor zehn Jahren sahen wir Menschen, die sich schämten, in der Öffentlichkeit ihre eigene Sprache zu sprechen.

Es geht nicht darum, wer auf den Straßen von Kyiv, Odesa oder Kharkiv Russisch spricht. Gott sei Dank. Es geht darum, dass es peinlich war, Ukrainisch zu sprechen. Es ging darum, dass die Vorstellung, ukrainische Kultur sei russischer Kultur unterlegen, ukrainische Musik russischer Musik, ukrainischer Film russischem Film, überhaupt nicht infrage gestellt wurde.

Und das war immer so: Dort Mosfilm, hier irgendein Dovzhenko-Studio. Dort Bella Achmadulina und Andrei Wosnessenski, hier irgendein Drach oder Pavlychko, Lina Kostenko. Wie bitte?

Während all meiner Jahrzehnte in Moskau bin ich auf dieser russischen Ebene damit konfrontiert worden. Mit dem völligen Verständnis: Hier haben wir das echte Land, den echten Staat, die echte Zivilisation – und das dort ist Provinz.

Die Russen verweigerten den Ukrainern immer die Zugehörigkeit zu einer urbanen Kultur. Die meisten Ukrainer stimmten dem zu, vielleicht mit Ausnahme der Westukraine.

Ich möchte, dass ein Ukrainer in eine große Stadt kommt und sich dort zu Hause fühlt und nicht als Gast. Und ich muss Ihnen sagen: Dass Kyiv in den Jahren der Sowjetmacht ukrainisiert wurde, war eine der Voraussetzungen dafür, dass wir die Unabhängigkeit ausrufen und verteidigen konnten.

Ich versichere Ihnen: Ohne Kyiv wäre dasselbe passiert wie 1917 bis 1920, als Kyiv nicht nur kaum Ukrainer hatte, sondern politisch russlandorientiert war. Auch das ist kein großes Geheimnis.

Jurij Fedorenko: Es gibt die These, dass die ukrainische Gesellschaft heute sehr angespannt und erschöpft ist. Und ich spreche jetzt nicht von unserem Gespräch, sondern allgemein.

Portnikov: Wir haben doch ein gutes Gespräch. Die Leute konnten sich wenigstens ein wenig von den Belastungen der letzten Tage erholen.

Jurij Fedorenko: Eben. Weil die Gesellschaft angespannt und erschöpft ist, gibt es sehr viele sogenannte Schlammschlachten, Cancel Culture und ähnliche Dinge. Vielleicht auch deshalb, weil es keinen normalen politischen Prozess gibt. Wenn so etwas geschieht, hört man oft Aufrufe, die scharfen Kanten zu glätten, weil jetzt nicht die Zeit dafür sei, weil Krieg herrsche und so weiter.

Aber vielleicht ist gerade dieser Zustand unserer gewissen Zersplitterung förderlich dafür, dass die Situation als Beschleuniger wirkt, um viele Dinge schnell zu lösen, die nie wirklich ausgesprochen wurden. Was denken Sie darüber?

Portnikov: Erinnern Sie sich daran, dass ich darüber schon seit 2022 spreche. Als Sie wieder von einer Regierung der nationalen Einheit sprachen, wollte ich gerade solchen Prozessen vorbeugen. Denn die Aufteilung von Verantwortung zwischen verschiedenen politischen Kräften hätte es ermöglicht, Verantwortung zu teilen und viele Probleme zu vermeiden.

Und übrigens: Als der Präsident im Februar 2022 mit den Vorsitzenden der Parlamentsfraktionen zusammentraf, sagte er ihnen im Grunde genau das. Er sagte es Petro Poroshenko ins Gesicht, er sagte es Yulia Tymoshenko ins Gesicht: „Lasst uns alles vergessen, was war. Lasst uns gemeinsam das Land retten.“

Kaum hatten sich die Russen aus der Umgebung von Kyiv zurückgezogen, war das alles vergessen. Man beschloss, dass jetzt alles gewonnen sei. Ein Weltführer, ein Führer der Moderne, ein Führer des Widerstands. Und das war ein Fehler.

Wie man diesen Fehler jetzt korrigieren kann, ist eine gute Frage. Aber darüber werden wir jetzt nicht sprechen, denn der Fehler ist bereits gemacht worden. Vielleicht wurde dieser Fehler aufgrund des naiven Glaubens gemacht, man könne den Krieg bald beenden. Aber er endet nicht.

Jetzt sage ich Ihnen, wer die Aufgabe hat, solche Prozesse abzufedern, solange es keine Wahlen gibt.

  • Erstens: freie Medien. Der Telemarathon muss beendet werden.
  • Zweitens: die Zivilgesellschaft. Die Gesellschaft muss auf Dinge reagieren, die Reizpunkte schaffen.
  • Drittens: Konsens. Wir müssen verstehen, dass wir einen legitimen Präsidenten und ein legitimes Parlament haben. Wir sollten nicht darüber nachdenken, wie wir sie ersetzen können, sondern wie sie effektiv arbeiten können.

Wiederum: Jemand mag einem gefallen oder nicht gefallen. Das spielt keine Rolle. Sie besitzen ein legitimes Mandat. Das ist Demokratie.

Wir müssen zur Idee eines Regierungswechsels zurückkehren – zumal es im Parlament ohnehin keine echte Mehrheit gibt –, zu einer effektiven Koalition, zu einer Koalition patriotischer Kräfte, wenn Sie so wollen. All das kann geschehen.

Wenn unsere Legitimität darauf beruht, dass wir die Legitimität des Präsidenten, des Parlaments, der vom Parlament gebildeten Regierung und der unabhängigen Antikorruptionsinstitutionen respektieren, dann ermöglicht uns genau das, unter Kriegsbedingungen voranzukommen. Ein anderes Rezept gibt es nicht.

Jurij Fedorenko: Manche Menschen, die Ihnen in sozialen Netzwerken geschrieben haben, erwähnten, dass Sie Kanäle auf Russisch betreiben. Ich kenne Ihre Position dazu und weiß, dass Sie sich dort nicht an ein ukrainisches Publikum wenden, sondern an ein ausländisches.

Aber es gibt die Meinung, dass wir in dieser kognitiven Auseinandersetzung mit Russland das Potenzial nicht vollständig nutzen, dass die Mehrheit der Ukrainer Russisch spricht. Glauben Sie, die Ukrainer könnten im Bereich der Kommunikation mehr tun oder etwas anders machen?

Portnikov: Sie meinen also, ob wir effektiver auf Russisch arbeiten könnten?

Jurij Fedorenko: Ich weiß nicht. Russen überzeugen, einschüchtern, dekonstruierten. Viele erinnern sich etwa an Ihr mediales Duell mit Yulia Latynina, in dem Sie einen brillanten intellektuellen Sieg errungen haben. Vielleicht müsste es mehr davon geben.

Portnikov: Weil Julia sich – genau wie Sie – nicht vorbereitet hatte. Und sie ist angeblich Journalistin. Sie sind ja keiner. Aber sie ist angeblich Journalistin. Auch sie hatte sich nicht vorbereitet. Heute bereitet sich niemand mehr auf irgendetwas vor. Wie soll man da leben? Keine Ahnung.

Aber ernsthaft: Es geht nicht um die Sprache. Ich denke, dass sprachliche Barrieren in elektronischen Medien bald ganz verschwinden werden. Es geht darum, mit Russen nicht auf Russisch zu sprechen, sondern in einer Begriffswelt, die sie verstehen.

Ich habe früher immer erklärt – als ich ungefähr gleich viel in polnischen, ukrainischen und russischen Medien veröffentlichte –, dass für manche moralischen Fragen zwei Worte für einen polnischen Leser reichen, für einen ukrainischen Leser ein Satz genügt, während man für einen russischen Leser einen ganzen Absatz schreiben muss.

Denn in Russland wurde nie ausreichend durchgearbeitet, was moralisch gut und was schlecht ist. Die Russen sind historisch in stärkerem Maße von der Fähigkeit abgeschnitten worden, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie wurden auch von der Kirche entfremdet – so seltsam das klingt –, als Folge der Reformen Nikons, der Altgläubigenbewegung und vieler anderer Dinge. Dafür gibt es viele Gründe.

Wenn ich heute etwas auf Russisch mache, weiß ich genau, an welches Publikum ich mich richte.

Wenn ich etwas über Kasachstan oder Usbekistan produziere, sehe ich die Menschen vor mir, die das in Kasachstan oder Usbekistan sehen werden – nicht in Russland und nicht in der Ukraine.

Natürlich schauen sich das auch einige Ukrainer oder Russen an. Aber sie sehen es dann wie ein ausländisches Produkt. Das erkenne ich sogar an den Statistiken solcher Beiträge.

Außerdem hatte ich nie Illusionen über die Größe meines russischen Publikums. Selbst damals nicht, als mir Menschen auf den Straßen Moskaus aus Respekt vor meiner Arbeit Bier spendierten. Selbst als ich Kolumnist führender russischer Medien war. Denn alles, was ich sage, widerspricht dem russischen Mainstream. Und das ist bis heute so.

Was glauben Sie: Wie groß ist der Anteil des Publikums meines russischsprachigen Kanals, der tatsächlich aus Russland kommt?

Jurij Fedorenko: In Prozent?

Portnikov: Ja.

Jurij Fedorenko: Wahrscheinlich 30 Prozent. Sie stellen die Frage so, als wäre es wenig. Sonst hätte ich 70 gesagt.

Portnikov: Wenig. Etwa 15 Prozent. Und von diesen 15 Prozent konzentrieren sich 90 Prozent auf Moskau und Sankt Petersburg. Die restlichen zehn Prozent kommen aus den nationalen Republiken.

In einer Stadt wie Wologda oder Nowosibirsk braucht mich niemand. Und das war nie anders. Dabei bin ich jemand, der sein ganzes Leben auf dem russischen Markt gearbeitet hat.

Stellen Sie sich nun einen gewöhnlichen Menschen vor – Sie sind 36, richtig? –, der nie in Russland gelebt hat, der überhaupt nicht weiß, wie Russen denken, der mit Russen nur die Sprache gemeinsam hat. Und selbst da sprechen wir von unterschiedlichen Aussprachen, wie amerikanisches und britisches Englisch.

Und dieser Mensch spricht mit seinem ukrainischen Akzent und seinem ukrainischen Begriffssystem zu Russen.

Ihn werden nur jene Russen hören, die ohnehin Anhänger der Ukraine sind. Die Russen, die keine Anhänger der Ukraine sind, werden schon beim ersten falschen Akzent weitergehen.

Deshalb bin ich nicht sicher, ob wir mit Russen überhaupt viel erreichen können. Wir sollten mit den ehemaligen Sowjetrepubliken arbeiten. Vielleicht mit bestimmten nationalen Gemeinschaften in Russland.

Mit Russen kann man nur arbeiten, wenn man ihre Psychologie versteht. Und nur dann, wenn es in Russland eine Krise gibt, die eine Reaktion von außen notwendig macht, wenn Russen tatsächlich etwas außerhalb ihres Informationsraums hören wollen.

Sie können sich sogar anschauen, was die sogenannten „guten Russen“ selbst tun. Die meisten von ihnen verwenden Begriffe, die uns fremd sind. Die populärsten von ihnen unterstützen die Ukraine im Grunde nicht besonders stark. Stimmt doch, oder?

Je weniger Unterstützung für die Ukraine, desto größer die Popularität. Auch das sagt etwas aus.

Als ich meinen russischsprachigen Kanal gründete, richtete ich ihn an das Publikum, das ich immer hatte. Das ist das Vermächtnis von Taras 

„Von der Moldau bis zum Finnen
Auf allen Zungen schweigt es still,
Weil jeder nur im Glücksgefühl
Des Segens Gottes will beginnen!“

Mit diesen Menschen kann ich vorerst noch Russisch sprechen. Vorerst. Denn die junge Generation hört mich auch in Usbekistan, Lettland oder Georgien nicht mehr. Die jungen Leute dort kennen die russische Sprache oft gar nicht mehr.

Das ist einfach meine letzte Chance, mit jener Generation zu sprechen, die mir seit den 1990er Jahren folgt. Ich habe bei diesem Publikum wenigstens einen Namen, der seit vierzig Jahren bekannt ist. Wie man heute von null an mit diesem Publikum sprechen soll, weiß ich nicht. Das ist für mich selbst eine gute Frage.

Jurij Fedorenko: Kurz gesagt: Mit allen, mit denen man noch reden kann, reden ohnehin schon Sie. Also müssen sich andere keine Sorgen machen.

Portnikov: Nein. Das eigentliche Problem ist ein anderes. Ich habe diese Arbeit viele Jahre lang in Russland selbst gemacht. Das ist kein Scherz.

Und Russland hat ein Problem: Die Russen akzeptieren Menschen, die außerhalb des russischen Raums stehen, nicht als Autoritäten, an denen man sich orientieren könnte. Das ist imperiale Logik.

Ich verstehe deshalb Wolodja Solowjow sehr gut, wenn er durch sein Studio rennt, eines meiner Zitate zeigt und schreit: „Ihr habt doch immer gesagt, er sei der Klügste! Ihr habt gesagt, er sei der Klügste! Aber er ist ein Schwein, ein Schurke, ein Dreckskerl, ein Perverser!“ Kann man solche Wörter hier verwenden? Nun, das ist eben seine Definition.

Aber das bedeutet doch, dass ich dort einmal den Ruf hatte, der Klügste zu sein. Und nun muss man ständig erklären, dass ich ein Dreckskerl sei. Nun gut. Dann arbeiten wir eben weiter.

Wenn Medvedchuk im russischen Fernsehen auftritt, liest er meine Texte absatzweise vor. Wenigstens wissen sie dort, von wem die Rede ist.

Dmytro Gordon besitzt vielleicht eine ähnliche Bekanntheit, weil er mit russischen Unterhaltungskünstlern gearbeitet hat. Aber selbst das ist eine äußere Bekanntheit.

Ansonsten weiß ich es nicht. Es wäre so, als wollten wir jetzt irgendeinen Moderator aus dem russischen Fernsehen in unseren Informationsraum integrieren, den niemand kennt, und erwarten, dass wir ihm vertrauen. Verstehen Sie?

Die russischen Moderatoren, die später bei uns Sendungen führten – Savik Shuster, Yevgeny Kiselyov und davor Dmitry Kiselyov –, waren uns bereits aus dem russischen Fernsehen bekannt, weil wir diese Sender gesehen hatten. Wären uns heute russische Moderatoren interessant?

Jurij Fedorenko: Nein.

Portnikov: Nun. Das ist die Antwort auf die Frage.

Jurij Fedorenko: Eine Minute europäischer Nachrichten. Einer Ihrer regelmäßigen Zuschauer sagt, dass Sie in den letzten Monaten aufgehört haben, in jeder zweiten Sendung zu sagen, Europa stehe unmittelbar vor einem Rechtsruck. Dann kamen Orbáns Niederlage in Ungarn und die Niederlage von Chega in Portugal. Ist das nur eine kleine Schwankung oder besteht Hoffnung, dass sich der Trend ändert?

Portnikov: Ich glaube nicht, dass sich der Trend geändert hat. Derzeit sind die ultrarechten Politiker in Frankreich die beliebtesten – sowohl Jordan Bardella als auch Marine Le Pen, wenn man auf die Präsidentschaftswahlen schaut. Nigel Farages Partei hat die Kommunalwahlen im Vereinigten Königreich gewonnen. Ich sehe bislang keine Trendwende.

Wenn ich über Orbáns Niederlage spreche, muss ich nicht aufspringen und schreien: „Aber insgesamt gibt es doch einen Rechtsruck!“ Ich bewerte die jeweiligen aktuellen Ereignisse.

Die Alternative für Deutschland ist weiterhin die populärste politische Partei des Landes. Es gibt unterschiedliche Trends.

Ich kann erklären, warum ich das derzeit weniger betone. Die Ultrarechten wissen nicht, was sie mit Donald Trump anfangen sollen. Sie haben sich an ihm orientiert, und nun überschüttet er sie mit einem „goldenen Regen“. Nun ja, goldenen im übertragenen Sinn.

Jurij Fedorenko: Ich verstehe.

Portnikov: Für Leute wie Marine Le Pen, Giorgia Meloni oder Nigel Farage ist das schwierig. Sie präsentierten sich als Botschafter Trumps und der Freundschaft mit Amerika. Nun stellt sich heraus, dass Trumps Amerika nicht besonders daran interessiert ist, mit ihnen befreundet zu sein. Es will überhaupt nicht mit Europa befreundet sein, egal wie dieses Europa aussieht.

Die Frage ist, ob sie sich neu gruppieren können, um ihre Wähler davon zu überzeugen, dass sie Lösungen für die schwierigen Probleme ihrer Länder finden können, auch ohne dieses Einvernehmen mit Trumps Amerika.

Zweitens: Die Wirtschaftskrise, die auf uns zukommt und die die Europäer möglicherweise mit Trumps Handlungen im Iran verbinden werden, könnte die Position der Ultrarechten ebenfalls schwächen. Aber das wissen wir noch nicht, denn diese Krise steht erst vor der Tür. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt.

Jurij Fedorenko: Nächste Frage. Bevor ich sie vorlese, möchte ich etwas sagen. Dieses Bedürfnis, Ihnen in bestimmten Thesen zu widersprechen, die Sie äußern – ich denke die ganze Zeit darüber nach, woher das bei mir kommt. Es kommt daher, dass klar ist: Die Ukrainer haben 2019 nachlässig gewählt. Ich habe übrigens genauso gewählt wie Sie.

Portnikov: Woher wissen Sie, wie ich 2019 gewählt habe?

Jurij Fedorenko: Übrigens habe ich 2014 anders gewählt als Sie.

Portnikov: Und wie haben Sie 2010 gewählt?

Jurij Fedorenko: Im Sinn von Yanukovych oder Tymoshenko? Natürlich für Tymoshenko.

Portnikov: Sehen Sie, jetzt werden Sie dafür von neunzig Prozent der Leute gehasst werden.

Jurij Fedorenko: Nun, 2010 war eben nicht 2014. Ich hatte einmal eine Dozentin für Politikwissenschaft, die sagte, der politische Kompass der Ukrainer bestehe darin, zwischen Chaos und Willkür zu wählen. Ich war immer konsequent. So wie Sie ein konsequenter Mensch sind, bin ich ein konsequenter Wähler des Chaos gegen die Willkür.

Worauf ich hinauswill: Vieles gefällt uns nicht, aber vieles lässt sich unter den heutigen Bedingungen auch nicht machen. Wir können beliebig oft sagen: Warum haben die Ukrainer 2019 so gewählt?

Portnikov: Das sagen doch Sie. Ich spreche darüber, wie man die Situation heute korrigieren kann, nicht darüber, wie man sie 2019 hätte korrigieren sollen.

Jurij Fedorenko: Gut. Aber wie korrigiert man sie heute? Bedeutet das, dass diejenigen, die jetzt Entscheidungen treffen, etwas ändern müssen?

Portnikov: Hören Sie mir überhaupt zu? Ich habe Ihnen das doch alles erklärt.

Jurij Fedorenko: Und was können wir tun? Weiter Druck ausüben? Einen neuen „Papp-Maidan“ organisieren?

Portnikov: Gibt es derzeit Gründe für einen Papp-Maidan? Nein. Wenn es Gründe geben wird, müssen wir nichts organisieren. Die Ukrainer sind ein Volk, das selbst entscheidet, wenn es um Einschränkungen seiner Rechte oder seines Einflusses auf die Macht geht.

Der Papp-Maidan war ein spontanes Ereignis. Viele Menschen, darunter auch solche, für die man 2019 gestimmt hat, glauben, so etwas könne organisiert werden. Das glauben sie nur deshalb, weil sie die Ukrainer und ihre Psychologie nicht verstehen. Ich verstehe sie.

Deshalb war ich 2013 einer der wenigen, die sagten: Wenn Yanukovych das Assoziierungsabkommen mit Europa ablehnt, wird es eine schwere Krise geben. Alle demokratischen Politiker sagten damals zu mir: „Nein. Die Leute sind durch den Maidan von 2004 geimpft. Sie werden nicht mehr auf die Straße gehen.“

Ich war überzeugt, dass sie auf die Straße gehen würden. Sie kannten das ukrainische Volk nicht.

Genauso sagte ich den Menschen, die auf Zelensky setzten und glaubten, er werde später nur irgendeine Fraktion im Parlament schaffen, um Tymoshenko daran zu hindern, die Macht zu monopolisieren, dass er die Wahl gewinnen werde.

Sie erklärten mir damals, ich sei ein Idiot. „Wie stellst du dir vor, dass die Ukrainer einen Fernsehkomiker zum Präsidenten wählen? Bist du verrückt?“

Unsere Gesellschaft ist so stark fragmentiert, dass diejenigen, die Entscheidungen treffen, oft überhaupt nicht verstehen, wie die Massen denken.

Im Jahr 2004 wussten die Organisatoren des Maidan nicht einmal, wie viele Menschen kommen würden.

Ich erinnere mich an den 1. Dezember 2013. Wir standen auf irgendeinem Lastwagen. Ich sah Turtschynow, Klitschko, Jazenjuk und Tjahnybok. Natürlich freuten sie sich über die große Beteiligung. Aber sie waren schockiert. Niemand hatte mit einer Million Menschen gerechnet.

Und auch der Papp-Maidan entstand, weil die Menschen einen instinktiven Widerwillen gegen Ungerechtigkeit besitzen. Verstehen Sie? Millionen Menschen kann man nicht bezahlen. Das versteht Putin nicht.

Man kann solche Menschenmengen nicht kaufen. Sie kommen entweder von selbst oder gar nicht. Und sie kommen nur deshalb, weil die Ukrainer etwas in sich tragen, das genau so funktioniert.

Vielleicht ist das das Erbe der alten Veche-Kultur von Kyiv, die später in die politische Kultur des Großfürstentums Litauen überging. Dieses Prinzip des „Nie pozwolimy“. Das müsste man erforschen. Das ist keine Genetik, sondern ein historischer Prozess.

Übrigens ist das ähnlich wie ein großes Problem des jüdischen Volkes. Wir sitzen hier und sprechen. Ich habe sogar versucht, dem Publikum das Mikrofon zu geben. Aber alle sitzen still da.

Wissen Sie, wie ein Vortrag vor einem israelischen Publikum aussieht? Du sagst die ersten drei Sätze, dann stehen zwei Leute auf und sagen: „Meinen Sie das ernst? Halten Sie sich für den Klügsten? Warum erzählen Sie uns diesen Unsinn?“

Als ich anfing, in Israel aufzutreten, wusste ich nicht einmal, was ich tun sollte. Ich dachte: „Vielleicht sollte ich hier gar nicht auftreten. Vielleicht sollte ich einfach weglaufen. Aber andererseits bin ich Jude. Wie kann es sein, dass ich nicht vor Juden sprechen kann?“ Ich musste umlernen.

Das ist einfach eine andere Einstellung zur Realität. Und sie unterscheidet sich grundlegend von Russland. Wenn Sie also fragen: „Was sollen wir tun?“, dann versichere ich Ihnen: Das Volk wird selbst tun, was notwendig ist.

Unsere Aufgabe besteht darin, die Menschen vor falschen Einschätzungen der Situation zu bewahren, ihnen korrekte Informationen zu geben, den Zerfall des Staates zu verhindern und zu verhindern, dass man die Menschen gegen ihren Staat aufhetzt.

Wir müssen verstehen, dass Zelensky nicht nur eine Person, sondern auch eine Institution ist. Wenn Zelensky selbst entscheidet, zurückzutreten, dann ist das sein Recht. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass uns von außen ein Präsident aufgezwungen wird. Verstehen Sie? Das sind die Dinge, die uns beschäftigen sollten.

Jurij Fedorenko: Ich habe eine Frage aus der Kategorie „Was kann man noch tun?“. Bitte hören Sie sie bis zum Ende, denn ich fürchte, sie könnte Sie triggern.

„Welcher politischen Partei werden Sie sich bei den nächsten Wahlen anschließen?“ Natürlich sind Sie Journalist. Sie wollten nie in die Politik gehen und so weiter. Aber Sie haben einmal gesagt, dass Sie davon träumen, Europaabgeordneter der Ukraine zu sein.

Portnikov: Damit man mich endlich in Ruhe lässt. Denn wenn wir Europaabgeordnete wählen, werde ich fünfundsiebzig Jahre alt sein.

Jurij Fedorenko: Gibt es dort denn eine Altersgrenze?

Portnikov: Nein. Ich hoffe einfach, dass man mich dann in Ruhe lässt.

Jurij Fedorenko: Ich wollte fragen, ob Sie heute – obwohl es weder einen Wahlprozess noch einen politischen Prozess gibt – irgendwelche potenziellen Machtzentren sehen, die sich vielleicht zu einer Kraft entwickeln könnten, die die Ukraine schneller in die Europäische Union bringt oder Ihnen zumindest theoretisch die Möglichkeit gäbe, einmal ins Europäische Parlament gewählt zu werden.

Portnikov: Wozu sollte ich das wollen? Glauben Sie wirklich, dass mein Ziel darin besteht, Europaabgeordneter zu werden? Das ist lediglich ein schönes Bild.

Jurij Fedorenko: Eigentlich habe ich die Frage nur über Sie formuliert. Gemeint war: Wer bringt uns am schnellsten in die Europäische Union?

Portnikov: In die Europäische Union bringen uns die Erfüllung der Kopenhagener Kriterien und das Ende des Krieges. Sonst nichts. Solange wir den Krieg nicht beendet, die Kontrolllinie oder Grenze nicht rechtlich geregelt und die Kopenhagener Kriterien nicht erfüllt haben, wird es keinen EU-Beitritt geben.

Das ist eine Geschichte von mindestens zehn bis fünfzehn Jahren. Auch wenn ich mir wünschen würde, dass es schneller geht.

Jurij Fedorenko: Die Aber wer soll das tun?ChatGPT kann keinen Staat regieren. Sie sagen, die derzeitige Mannschaft sei dazu nicht fähig.

Portnikov. Unklar. Warten wir das Ende des Krieges ab. Der Krieg kann noch zehn Jahre dauern. Wir wissen nicht, wie lange er weitergeht. Wir wissen nicht, wann es wieder einen Wahlprozess geben wird.

Derzeit gibt es keine objektiven Voraussetzungen für ein Ende des Krieges. Warum diskutieren wir also irgendeinen Unsinn?

Ich kann Ihnen sofort aufzählen, wie viele politische Kräfte mir seit Anfang der 2000er Jahre sichere Listenplätze angeboten haben. Eins. Zwei. Drei. Vier.

Jurij Fedorenko: Wie hießen sie? War es in 90er?

Portnikov: Seit der Orangenen Revolution 2004 ungefähr. In den 1990ern hat mir niemand damit auf die Nerven gegangen, weil ich nicht ständig hier war. Damals bot man mir diplomatische Posten an, Beraterstellen, Botschaften und solchen Kram.

Die Parteien hießen: Batkivshchyna. UDAR. Volksfront. Europäische Solidarität. Und?

Ich hätte seit zwanzig Jahren Abgeordneter sein können. Wozu brauche ich das? Ich habe nicht einmal eine juristische Ausbildung.

Jurij Fedorenko: Er hat eine.

Portnikov: Wer, Sie?

Jurij Fedorenko: Ich auch nicht. Ich meinte ihn.

Portnikov: Zelensky hat eine juristische Ausbildung.

Jurij Fedorenko: Na ja, das ist offensichtlich auch ein Witz.

Portnikov: Er hat eine juristische Ausbildung. Das ist kein Witz, sondern eine biografische Tatsache.

Ich wollte mein ganzes Leben lang kreative Arbeit machen. Und das Wichtigste ist etwas anderes: Ich wollte immer die öffentliche Meinung beeinflussen.

Beeinflusst ein Abgeordnetenmandat die öffentliche Meinung? Sie kennen 95 Prozent der Abgeordneten nicht, die Sie wählen. Und viele dieser Abgeordneten kennen nicht einmal sich selbst.

Stellen Sie sich vor, mit wie vielen Legislaturperioden ich in meinem Leben gearbeitet habe. Angefangen bei den Volksdeputierten der Sowjetunion, mit der letzten Einberufung des Kongresses der Volksdeputierten der Sowjetunion. Danach kamen die Volksdeputierten der Russischen Föderation, danach die Abgeordneten der Werchowna Rada der Ukraine.

Und wenn heute irgendein Abgeordneter sagt, er komme nicht in meine Sendung – obwohl ich das inzwischen gar nicht mehr brauche –, dann sage ich ihm: „Gut. Wir werden sehen, was du in vier Jahren singst, wenn dich niemand mehr einlädt und ich der Einzige bin, der noch hören will, was du über dein Leben denkst.“

Einfluss bedeutet nicht ein Abgeordnetenmandat. Einfluss bedeutet beharrliche Arbeit am Aufbau eigener Möglichkeiten: einer Marke, eines Netzwerks, gesellschaftlichen Vertrauens. Vielleicht möchte ich ein nationaler Führer sein und nicht Abgeordneter der Werchowna Rada oder des Europäischen Parlaments?

Jurij Fedorenko: Bei Ihnen ist das klar. Ich fragte eigentlich nach den Menschen, die heute da sind.

Portnikov: Heute gibt es keine politischen Prozesse.

Jurij Fedorenko: Aber Sie sagen doch selbst, an der Spitze eines Ministeriums müsse ein professioneller Politiker stehen. Dann benennen wir doch, wer in unserer politischen Landschaft potenziell so jemand sein könnte.

Portnikov: Sehen Sie, real wird das folgendermaßen funktionieren. Der Krieg wird enden. Die Menschen werden von der Front zurückkehren. Das sind etwa eine Million Menschen. Dann wird klar werden, wen die Gesellschaft als Träger von Gerechtigkeit betrachtet.

Diese Menschen – ganz andere Menschen als jene, die heute in Umfragen auftauchen – werden politische Projekte bilden, abhängig davon, welche Aufgaben der Staat dann haben wird.

Hören Sie auf, Politik zu betreiben, während über dem Staat eine tödliche Gefahr schwebt. Wir müssen mit der Regierung, dem Parlament und dem Präsidenten, die wir heute haben, bis zum Ende der Kampfhandlungen kommen. Erst danach sollte man über die politische Landschaft nachdenken. In genau dieser Reihenfolge.

Hören Sie auf mit diesem Unsinn. Ich meine das ernst. Schauen Sie sich doch die Umfragen an. Ich versichere Ihnen: Schon eine Woche nach dem Ende des Krieges werden die Umfragen völlig anders aussehen.

Menschen, denen heute vertraut wird, werden plötzlich nur noch fünf Prozent Vertrauen besitzen. Bei anderen wird es umgekehrt sein. Alles wird anders sein. Überstürzen Sie nichts.

Ein Teil der Menschen, die Sie heute für zukünftige politische Führer halten, wird auswandern. OSogar einige der Minister, von denen Sie vielleicht glauben, dass sie politische Akteure der Zukunft werden, werden das Land verlassen. Sie werden zu dem Schluss kommen, dass Politik hier aussichtslos ist und man lieber in Deutschland oder Polen Geschäfte macht.

Wir wissen nicht einmal, was passieren wird. Überstürzen Sie nichts. Konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche.

Die reale, existenzielle Situation sieht heute sehr einfach aus: Die Russen haben verstanden, dass sie mit den Ukrainern nicht auf demselben Kontinent leben wollen. Das ist das, was man die endgültige Lösung der ukrainischen Frage nennen könnte.

Übrigens denke ich dabei immer an ein Beispiel, das ich einmal in einem Buch über David Ben-Gurion gelesen habe. Der spätere erste Ministerpräsident Israels kam zu einem Weltkongress der Zionisten in den Vereinigten Staaten.

Als er den Saal betrat – ungefähr so einen wie diesen hier –, saßen die Delegierten in verschiedenen Bereichen: Juden aus dem Nahen Osten, Juden aus den Vereinigten Staaten und Juden aus Europa. Ben-Gurion selbst war in Polen geboren, lebte damals aber bereits im Mandatsgebiet Palästina.

Als er den Saal betrat, sah er die europäischen Juden nicht. Weil sie nicht mehr da waren. Sie waren bereits verbrannt worden. Die Geschichte des europäischen Judentums war zu Ende.

An den Plätzen, an denen sonst die europäischen Juden saßen, saßen nun amerikanische Juden. Nicht weil sie zahlreicher geworden wären, sondern weil ihr Anteil größer geworden war.

Genau in einer solchen Situation befinden wir uns heute. Gott bewahre, dass eines Tages der Präsident des Weltkongresses der Ukrainer einen Saal betritt und an den Plätzen, auf denen gewöhnlich Vertreter aus der Ukraine sitzen, nur noch Ukrainer aus Kanada und den Vereinigten Staaten sitzen.

Wir können diesem Zustand gefährlich nahe kommen. Wenn wir das überwinden, können wir über alles Weitere sprechen. Wenn nicht, werden wir über völlig andere Herausforderungen und Probleme sprechen müssen. Wir müssen das überwinden.

Das ist nicht einfach nur eine Idee. Das ist ein historisches Bild, das bereits existiert hat. Und ich versichere Ihnen: Putin und sein gesamtes Umfeld verstehen sehr wohl, dass die Erhaltung der Ukrainer als Nation für das russische Imperiumsprojekt eine weitere tödliche Gefahr in der Zukunft darstellen würde. Wenn sie den Krieg gewinnen, werden sie das nicht zulassen. Deshalb müssen wir alles tun, damit sie verlieren oder zumindest ihre Ziele nicht erreichen.

Viele Menschen glauben das nicht. Mich wundert, warum sie es nicht glauben. In der Sowjetzeit lebten hier etwa fünfzig Millionen Menschen. Im ersten postsowjetischen Jahrzehnt etwa vierzig Millionen.

Heute leben so viele Menschen in Usbekistan, wo es früher zehn Millionen waren. Das sind völlig andere Größenordnungen.

Die Ukrainer aber zählen heute vielleicht fünfundzwanzig bis dreißig Millionen. Und stellen Sie sich vor, die Offensive geht weiter. Wie viele Menschen werden noch nach Europa gehen? Wie viele werden sterben? Und vor allem: Wie viele Menschen werden sich in den besetzten Gebieten zu Russen erklären?

Vielleicht ist das für manche unwichtig. Für mich ist es wichtig. Ich möchte einfach, dass die Ukrainer erhalten bleiben.

Und für mich ist das eine viel wichtigere Aufgabe als die europäische Integration.

Denn wenn es keinen Staat gibt, keine Nation, kein ukrainisches Volk – und dabei geht es nicht um Blut, ich habe keinen Tropfen ukrainischen Blutes –, dann spielt es keine Rolle mehr, welcher Organisation dieser Staat beitritt oder nicht beitritt.

Und wir sprechen die ganze Zeit über politische Projekte. Ich kann mir vorstellen, dass Menschen in der Regierung oder in der Opposition in solchen Kategorien denken. Natürlich tun sie das. Ich kenne sie alle. Sie denken ständig darüber nach, wie in einem alten Witz. Sie können an nichts anderes denken.

Aber wir sollten über etwas Ernsteres nachdenken als über den nächsten Wahlzyklus.

Jurij Fedorenko: Apropos etwas Ernsteres. Zum Abschluss möchte ich Sie nicht nach politischen, sondern nach wirtschaftlichen Projekten fragen.

Sie haben Israel erwähnt, das ebenfalls lange Zeit in einem existenziellen Krieg oder Konflikt mit seinen Nachbarn lebte, aber immer auch viel Aufmerksamkeit auf die wirtschaftliche Komponente legte. Ich versuche im Leben Optimist zu sein und würde sehr gern noch zu meinen Lebzeiten echten wirtschaftlichen Wohlstand in der Ukraine erleben.

Portnikov: Vorsicht, nicht die Möbel zerlegen!

Jurij Fedorenko: Aber sehen Sie: Wie bekannt ist, war ich kein besonders guter Schüler. Das haben Sie vorhin bereits festgestellt. Aber ich erinnere mich aus dem Wirtschaftsunterricht, dass nicht so sehr die absoluten Zahlen wichtig sind, sondern die Wachstumsraten.

Und da die Lage in der Welt heute ziemlich turbulent ist, entstehen daraus auch Chancen. Vielleicht können Sie historische Beispiele nennen, in denen selbst unter so schwierigen Bedingungen wirtschaftliche Fortschritte erzielt wurden, die später einen strategischen Vorteil brachten?

Portnikov: Zunächst muss ich Sie in Bezug auf Israel enttäuschen. Israel war in den ersten Jahrzehnten seiner Unabhängigkeit nicht einfach nur ein armes Land. Es war im Wesentlichen ein sozialistisches Land.

Die Landwirtschaft war fast sozialistisch organisiert. In den Kibbuzim besaßen die Menschen überhaupt kein Eigentum. Nicht wie in den sowjetischen Kolchosen, sondern wirklich gar keines.

Daneben gab es landwirtschaftliche Gemeinschaften, in denen die Menschen ebenfalls kein Land besaßen, sondern sich zusammenschlossen, um gemeinsam etwas zu tun. Höchstens das kleine Haus gehörte ihnen.

Die Gewerkschaften waren der wichtigste Kontrolleur und faktisch sogar Eigentümer eines großen Teils der Industrie. Es war ein armes Land. Niemand dachte an Reichtum. Die Menschen kamen dorthin, um Juden zu sein, um sich – wenn Sie so wollen – vor dem Schock dessen zu retten, was während des Zweiten Weltkriegs geschehen war.

Das Israel, das wir heute wirtschaftlich kennen, begann sich nicht einmal nach dem Sieg im Sechstagekrieg zu entwickeln, sondern erst nach dem Friedensvertrag mit Ägypten, der eine Illusion von Stabilität schuf.

Und gerade jetzt, angesichts dessen, was mit dem Iran geschieht, angesichts des Gazastreifens und vieler ungelöster Probleme, kann diese Illusion von Stabilität wieder zerstört werden. Ich weiß nicht, wie sich das weiterentwickeln wird.

Israel steht erneut vor äußerst schwierigen Prüfungen, die sich ebenfalls auf seine Wirtschaft auswirken können. Es gibt bereits enorme wirtschaftliche Probleme.

Bei uns ist es ähnlich. Damit unsere Wirtschaft sich entwickeln kann, müssen wir zuerst das Sicherheitsdefizit überwinden. Denn wenn wir klar verstehen, dass der Krieg vorbei ist, Russland aber vor der Tür steht und niemand weiß, was in einem Jahr sein wird – wer wird dann hier investieren? Wer wird sein Geld hier aufbewahren? Wie sollen langfristige Investitionsprojekte entstehen?

Deshalb muss man – so seltsam es klingt – nicht mit der Wirtschaft beginnen. Es ist wie im Nahen Osten. Heute ist klar, dass die Vereinigten Arabischen Emirate ein Sicherheitsdefizit bekommen werden. Sie werden sehen, wie ihr wirtschaftlicher Aufstieg dadurch ernsthafte Probleme bekommen kann. So etwas kann passieren.

Unsere Nachbarn haben kein Sicherheitsdefizit. Warum wurde Polen zu einer der zwanzig größten Volkswirtschaften der Welt? Weil dort Sicherheit herrscht. Es gibt zusätzliche Arbeitskräfte. Die Regierungen waren talentierter.

Aber das Entscheidende ist: In Polen kann man sicher investieren. Das ist die Frage Nummer eins. Damit muss man anfangen.

Jurij Fedorenko: Oder man wartet darauf, dass sich die Sicherheitslage überall um uns herum ebenfalls verschlechtert. Stellen Sie sich vor: Überall herrscht bereits der Dritte Weltkrieg, während die Ukraine ihn schon seit zwölf Jahren führt. Und  hier ist es stabiler.

Portnikov: Das heißt, Sie möchten in einem Zustand wie die Tschechoslowakei im Zweiten Weltkrieg leben? Dort gab es auf ihrem Territorium größtenteils keine aktiven Kampfhandlungen. Überall tobte der Weltkrieg, aber sie war bereits von Deutschland besetzt. Wollen Sie das?

Jurij Fedorenko: Eigentlich wollte ich eher nach den Perspektiven der ukrainischen Rüstungsindustrie fragen. Sie ist teilweise chaotisch, teilweise versteht sie aber die Anforderungen moderner Kriegsführung besser als jeder andere auf der Welt. Das ist doch eine Expertise, für die man weltweit eigentlich bezahlen müsste.

Portnikov: Aber man bezahlt nicht dafür.

Jurij Fedorenko: Noch nicht.

Portnikov: Die Frage ist, dass sich militärtechnologische Entwicklungen jedes Jahr verändern können. Wenn die Amerikaner in einen Krieg mit dem Iran eintreten, der sich als nicht besonders modern herausstellt, werden sie sich anpassen. Und dann werden sie mit unserem militärisch-industriellen Komplex konkurrieren.

Wie jedes arme Land haben wir nur einige Monate Vorsprung. Wenn wir nicht beweisen, dass wir dazu fähig sind, werden reichere und stärkere militärisch-industrielle Komplexe diesen Platz einnehmen.

Deshalb glaube ich nicht besonders daran. Ich glaube an Kooperationen. Ich glaube an die Synchronisierung von Maßnahmen, an Synergien. Aber dass wir mit den Vereinigten Staaten oder China im militärisch-industriellen Bereich konkurrieren können, daran glaube ich nicht.

Nehmen wir einen kritischen Moment. Der Iran schickt seine Drohnen gegen arabische Staaten. Diese könnten sich kurzfristig für ukrainische Technologien interessieren. Und selbst dann nur, wenn wir beweisen, dass unsere Technologien tatsächlich iranische Drohnen zerstören. Wenn die Iraner ihre Drohnen weiterentwickeln, sind wir möglicherweise sofort wieder aus dem Spiel.

Jurij Fedorenko: Unsere Hersteller können ihre Drohnen allerdings deutlich schneller weiterentwickeln als amerikanische Produzenten.

Portnikov: Zum jetzigen Zeitpunkt.

Jurij Fedorenko: Genau. Zum jetzigen Zeitpunkt. Dann folgt daraus doch, dass der Staat viel schneller Exportmöglichkeiten öffnen müsste.

Portnikov: Natürlich. Hier kommen wir zu spät. Aber wenn wir über die globale wirtschaftliche Entwicklung sprechen, werden wir ohne die Überwindung des Sicherheitsdefizits nichts erreichen. Das ist die ehrliche Antwort. Oder anders gesagt: Das Risiko bleibt bestehen. Verstehen Sie? 

In Deutschland oder Frankreich können Sie einen Rentenvertrag für zwanzig Jahre abschließen. Dadurch werden Sie zum wichtigsten Investor Ihrer eigenen Volkswirtschaft. Sie können mit vierzig Jahren eine Million Dollar in einen Rentenvertrag einzahlen, und dieses Geld arbeitet dann zwanzig Jahre lang für die deutsche Wirtschaft.. Wer ist der wichtigste Investor Deutschlands?Dieser zukünftige deutsche Rentner. 

Und bei uns? Können Sie sich vorstellen, Geld für zwanzig Jahre in Hrywnja anzulegen? Und was bekommen Sie nach 20 Jahren? Einen Kettenbrief? Das ist die Antwort.

All das muss überwunden werden. Der wichtigste Investor der ukrainischen Wirtschaft sollte der Ukrainer selbst werden – ebenso wie der wichtigste Garant der Stabilität seines Landes und seiner wirtschaftlichen Entwicklung. Solange das nicht geschieht, wird nichts geschehen.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Про українську ідентичність, «плівки
Міндіча» і майбутнє. Віталій Портников на
DOU Day 2026. 09.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.06.2026.
Originalsprache: [uk/ ru/ en]
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Zelensky fordert Abramowitschs Geld | Vitaly Portnikov. 09.06.2026.

Der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, schlug dem Premierminister Großbritanniens, Keir Starmer, während ihres jüngsten Treffens in London vor, die fast 2,5 Milliarden Pfund, die der russische Oligarch Roman Abramowitsch aus dem Verkauf des Fußballclubs Chelsea erhalten hat, für die Bedürfnisse des ukrainischen Luftverteidigungssystems zu verwenden, insbesondere für den antiballistischen Schutz der Ukraine.

Zelensky betonte, dass er Starmer direkt auf die Möglichkeit angesprochen habe, dieses Geld zu übertragen, das Abramowitsch bislang für keinerlei Zwecke freigegeben habe. Und dieser Vorschlag von Volodymyr Zelensky wurde, so könnte man sagen, zum logischen Ergebnis des jüngsten Treffens des ukrainischen Präsidenten mit dem russischen Oligarchen in Kyiv.

Zelensky scherzte sogar, Abramowitsch habe dieses Geld nicht zu dem Treffen mitgebracht. Er sagte ihm, dass die Ukraine dieses Geld brauche. Wir wissen nicht, ob der ukrainische Präsident und der russische Oligarch während Abramowitschs jüngster geheimnisvoller Reise nach Kyiv miteinander scherzten. Aber die Tatsache, dass Zelensky jetzt über Abramowitschs Geld spricht, sagt vieles aus.

Erstens zeigt sie, dass die Hoffnungen, die möglicherweise bestanden hatten, Abramowitsch könne als Vermittler zwischen Moskau und Kyiv auftreten und die Bereitschaft des russischen Präsidenten Putin beeinflussen, Verhandlungen aufzunehmen, die mit einer Einstellung der Kampfhandlungen enden könnten, sich nicht erfüllt haben, weil sie sich auch gar nicht erfüllen konnten. Einen realen Einfluss Abramowitschs auf Putin mit dem Ziel, den russischen Staatschef zur Beendigung des russischen Krieges gegen die Ukraine zu bewegen, gibt es nicht. Und wahrscheinlich hat es einen solchen Einfluss auch nie gegeben.

Aber die Wahrheit ist: Roman Abramowitsch hat mit diesem Einfluss im Jahr 2022 erfolgreich gehandelt. Dank seiner eigenen Beteiligung am Verhandlungsprozess zwischen Russland und der Ukraine gelang es ihm, für einige Zeit insbesondere Sanktionen der Vereinigten Staaten gegen ihn zu vermeiden und auf diese Weise sein eigenes Geld zu schützen – und möglicherweise auch das Geld hochrangiger russischer Funktionäre, die bis heute die Dienste von Roman Abramowitschs Unternehmen zur Sicherung ihrer Vermögenswerte nutzen können.

Obwohl Abramowitschs Vermittlerrolle schon damals zweifelhaft erschien, ist es, wie wir sehen, bis heute nicht gelungen, die Mythologie seines Einflusses zu zerstören. Und auf diese Mythologie greift Putin in den richtigen Momenten selbst zurück. Denn wir verstehen sehr gut, dass der russische Oligarch ohne die Zustimmung des russischen Präsidenten, ohne Rücksprache mit ihm, niemals die ukrainische Hauptstadt besucht, sich niemals mit Volodymyr Zelensky und anderen ukrainischen Führungspersönlichkeiten getroffen hätte.

Und wenn die Information zutrifft, dass Putin während dieser Reise Abramowitschs nach Kyiv selbst mit dem Vorsitzenden der Parlamentsfraktion der in der Ukraine regierenden Partei „Diener des Volkes“, David Arachamija, gesprochen hat, dann kann man überhaupt zu dem Schluss kommen, dass der Präsident der Russischen Föderation daran interessiert war, Abramowitschs Vollmachten zu bestätigen.

Nur worin bestanden diese Vollmachten? Darin, dass Abramowitsch der Ukraine die Kapitulationsforderungen des russischen Präsidenten überbrachte, der überzeugt ist, dass man nun auch in Kyiv die Notwendigkeit einer solchen Kapitulation erkennen müsse? Oder bestanden seine Vollmachten im Gegenteil darin, die Vorschläge des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky zur Möglichkeit einer Wiederaufnahme des Verhandlungsprozesses zwischen den beiden Staaten anzuhören?

Unabhängig davon, ob wir jemals die Wahrheit darüber erfahren werden, was sich während Roman Abramowitschs Aufenthalt in der ukrainischen Hauptstadt tatsächlich abgespielt hat oder nicht, muss man verstehen, dass sowohl der Verlauf des Verhandlungsprozesses als auch das, was während des Gesprächs zwischen Abramowitsch und Zelensky besprochen wurde, von beiden Seiten diametral entgegengesetzt interpretiert werden wird – unabhängig davon, was tatsächlich bei diesen Gesprächen geschah, zumindest wenn es um die russische Interpretation geht.

Was die ukrainische Interpretation betrifft, so können wir erneut auf eine Überschätzung der Einflussmöglichkeiten Abramowitschs stoßen. Eine solche Überschätzung beobachten wir ständig. Sie betrifft keineswegs nur Abramowitsch, sondern auch die Mythologie von unzufriedenen russischen Eliten, die Druck auf den Präsidenten der Russischen Föderation ausüben könnten, die ihn dazu bewegen könnten, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden, die realistischer eingestellt sein könnten als Putin und mit denen Putin – und das ist das Wichtigste – rechnen müsse.

Dass es in den russischen Eliten unterschiedliche Stimmungen geben kann, daran zweifle ich nicht. Ich zweifle jedoch daran, ob es sich überhaupt um Eliten handelt oder lediglich um Werkzeuge in den Händen jenes Mannes, den der Föderale Sicherheitsdienst Russlands auf den höchsten Posten brachte, als die Tschekisten die Macht im Land endgültig übernahmen und bis heute an der Spitze genau dieser Machtvertikale stehen – und nicht einer Machtvertikale, in der sich Oligarchen wie Roman Abramowitsch oder Banker wie Elwira Nabiullina befinden. Man kann sagen, dass all diese Menschen lediglich Werkzeuge in den Händen der Tschekisten sind.

Die Ansichten über Vergangenheit und Zukunft bei den Tschekisten und ihrem heutigen Führer Putin können jedoch noch sehr lange übereinstimmen. Zumindest solange Putin weiterhin versucht, ihr Imperium in den Grenzen der Sowjetunion von 1991 wiederherzustellen – was eines der wichtigsten politischen Ziele der Lubjanka praktisch seit dem Moment ist, als die Sowjetunion von der politischen Landkarte der Welt verschwand. Erinnern wir uns daran, dass Putin dieses Ereignis schon vor langer Zeit als die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet hat.

Und auch aus dieser Perspektive muss man das verstehen. Wenn Sie den Einfluss Roman Abramowitschs und seine Fähigkeit, Putins Positionen zu beeinflussen, tatsächlich überschätzen, können Sie versuchen, ihn mit der Beschlagnahmung seines eigenen Geldes einzuschüchtern, in der Hoffnung, dass 2,5 Milliarden Pfund oder irgendein anderer Betrag jene Summe sind, die Abramowitsch davon überzeugen wird, Putin gewissenhafter zu vermitteln, dass Frieden notwendig ist.

Aber die Frage ist nicht, wie viel Geld Abramowitsch verlieren muss, damit er erkennt, dass Frieden notwendig ist. Vielleicht erkennt er das auch ohne Putin sehr gut. Die Frage ist vielmehr, inwieweit Putin bereit ist, auf die Ratschläge Abramowitschs oder irgendeines anderen russischen Oligarchen hinsichtlich seines politischen Kurses zu hören.

Denn Putin hat seit Beginn der 2000er Jahre bewusst ein solches tschekistisches Regime geschaffen, das keine oligarchischen Ratschläge benötigt und in dem sich die Oligarchen, die gerade dank ihrer Kuratoren von der Lubjanka erfolgreich geworden sind, daran erinnern sollten, wer sie in Wirklichkeit sind, und den Tschekisten nicht länger auf die Nerven gehen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Зеленський вимагає гроші Абрамовича |Віталій Портников. 09.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Abramowitsch traf sich mit Zelensky | Vitaly Portnikov. 07.06.2026.

Der russische Geschäftsmann, der nach Kyiv gekommen war, sich mit dem Präsidenten der Ukraine, Volodymyr Zelensky, und anderen ukrainischen Führungspersönlichkeiten getroffen und Informationen an den russischen Präsidenten Putin übermittelt hatte, stellte sich als Roman Abramowitsch heraus. Darüber berichtete die Zeitung Financial Times. Später bestätigte auch Volodymyr Zelensky selbst diese Information.

Allerdings liegt in dem Namen des Geschäftsmanns keine besondere Sensation. Die Zuschauer meiner Live-Sendung auf diesem Kanal, jener Sendung, die unmittelbar nach der Veröffentlichung der Information über den Besuch eines russischen Geschäftsmanns in der ukrainischen Hauptstadt durch Präsident Putin stattfand, erinnern sich daran, dass ich die Vermutung geäußert hatte, eben Abramowitsch könne dieser Geschäftsmann gewesen sein. Später nannte auch der ukrainische Parlamentsabgeordnete Oleksij Hontscharenko den Namen Abramowitsch.

Machen wir uns nichts vor, selbst ohne besondere Informationen ist es nicht besonders schwer zu verstehen, dass niemand außer Abramowitsch als Vermittler zwischen der russischen und der ukrainischen Führung auftreten kann, ohne die Folgen eines solchen Besuchs fürchten zu müssen. Schließlich war es gerade Abramowitsch, der an den Verhandlungen des Jahres 2022 teilnahm. Man konnte ihn sogar in Istanbul während der Kontakte zwischen der russischen und der ukrainischen Delegation sehen. Er sprach mit dem Präsidenten der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan.

Später tauchte die Information auf, dass gerade die ukrainische Führung vorgeschlagen habe, die Verhängung von Sanktionen gegen Roman Abramowitsch aufzuschieben. Das war vor dem Hintergrund der Informationen, dass dieser Oligarch möglicherweise derjenige sei, der in seinen Fonds Gelder russischer Führungspersonen, darunter Putins selbst, verwalte, durchaus bedeutsam.

Wie bekannt, stimmte Großbritannien den Vorschlägen aus Kyiv damals nicht zu. Die Vereinigten Staaten kamen den ukrainischen Vorschlägen hingegen entgegen. Möglicherweise deshalb, weil auch sie selbst daran interessiert waren, ihre Beziehungen zum Kreml in jener Phase der russisch-ukrainischen Konfrontation nicht zu verschärfen, oder weil sie glaubten, dass die Demonstration eines gewissen Verständnisses für russische Interessen Putins Bereitschaft fördern würde, den Krieg zu beenden. Nun, wir erinnern uns gut daran, dass sich dies als weiterer Fehler sowohl Kyivs als auch Washingtons erwies.

Die Sensation ist also nicht Abramowitsch. Die Sensation ist die Tatsache selbst, dass ein russischer Geschäftsmann – und Abramowitsch ist nicht einfach nur ein Geschäftsmann, sondern einer der aktiven Akteure im Umfeld Putins – in die ukrainische Hauptstadt kommen, mit Präsident Volodymyr Zelensky und dem Fraktionsvorsitzenden der Regierungspartei Diener des Volkes, Davyd Arachamija, sprechen kann, der ebenfalls für seine Kontakte zu Abramowitsch bekannt ist; dass Arachamija die Möglichkeit hatte, kurz mit dem Präsidenten der Russischen Föderation, Putin, selbst zu sprechen, was ebenfalls auf das Interesse des russischen Staatschefs am Verhandlungsprozess hindeuten könnte. Welche Auslegung er dem Besuch eines seiner wichtigen Vertreter später auf dem Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum auch gegeben haben mag.

Aus diesem Kontakt kann man also den Schluss ziehen, dass Moskau und Kyiv – selbst wenn sie die Ergebnisse dieser Mission jetzt öffentlich machen – tatsächlich zu Verhandlungen und zur Suche nach Wegen für ein Treffen zwischen den Präsidenten der Ukraine und der Russischen Föderation neigen.

Natürlich kann man dem zustimmen, aber man darf das Wichtigste nicht vergessen. Die Vorstellungen Zelenskys und Putins über die Gründe und den Inhalt eines solchen Treffens können diametral entgegengesetzt sein. Denn der ukrainische und der russische Präsident leben in völlig unterschiedlichen Welten, deren Realität sich voneinander unterscheidet wie die Realität auf dem Mars und die Realität auf der Venus.

Und ehrlich gesagt gibt es kaum Anlass zu glauben, dass ihr Verständnis der Realität – selbst wenn wir darin übereinstimmen, dass Zelensky sie im Hinblick auf das tatsächlich Geschehende angemessener wahrnimmt – in den kommenden Monaten oder sogar Jahren irgendwie harmonisiert werden könnte. Zumindest sehe ich eine solche Perspektive nicht.

Abramowitsch selbst betonte, als er der Financial Times seine Eindrücke vom Treffen mit Zelensky schilderte, dass der ukrainische Präsident seiner Meinung nach gerade auf seine eigene Ausstrahlung setze, darauf, dass ein persönliches Treffen der Staatsführer all die schwierigen Fragen lösen könne, die sich zwischen Russland und der Ukraine angesammelt haben.

Falls diese Einschätzung der Wirklichkeit entspricht – wobei wir nicht vergessen dürfen, dass es für Abramowitsch wichtig ist, den Inhalt seiner Gespräche herunterzuspielen –, wäre auch das keine Sensation. Denn wir wissen, welche Vorstellungen Zelensky zu Beginn seiner Präsidentschaft von seinen eigenen Möglichkeiten hatte. Letztlich führten diese Vorstellungen dazu, dass sein erstes und bislang letztes Treffen mit dem russischen Präsidenten im Wesentlichen mit einem persönlichen Konflikt endete und beim russischen Präsidenten den ernsthaften Wunsch weckte, Zelensky durch jemanden zu ersetzen, der seine Anweisungen und Wünsche erfüllen würde – also durch Medwedtschuk oder Janukowytsch.

Aber der Kern liegt nicht einmal darin, wie sehr Zelensky auf seine persönlichen Möglichkeiten im Umgang mit dem russischen Präsidenten setzt. Abramowitsch selbst sagt, dass ein solcher Ansatz weder bei Putin noch bei Trump funktioniert. Die Frage ist vielmehr, dass Zelensky auch ohne jedes Vertrauen auf seine persönliche Ausstrahlung oder seine eigenen Fähigkeiten glauben kann, dass Putin nun, da die Russische Föderation die Ergebnisse ukrainischer Angriffe auf ihre Infrastruktur sieht, zumindest den festen Wunsch entwickeln könnte, den Krieg entlang der Frontlinie einzufrieren, um dadurch alles zu tun, um jene Ölraffinerie-Infrastruktur oder jene militärischen Betriebe zu bewahren, die noch nicht unter die Schläge ukrainischer Drohnen geraten sind. 

Und so könnte er durch seine Treffen mit Abramowitsch oder anderen russischen Vermittlern, die noch auftreten mögen, Putin zu einem rationaleren Blick auf die Zukunft bewegen.

Putin hingegen kann eine völlig andere Vorstellung vom Sinn eines Treffens haben. Er kann glauben, dass Zelensky schließlich erkannt habe, dass Russland den Krieg nicht beenden werde, bevor die Ukraine endgültig zerstört ist; dass die Intensivierung der Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt und andere große ukrainische Städte Zelensky davon überzeugen müsse, dass selbst dann, wenn die russische Armee auf ukrainischem Boden nicht wesentlich vorankommt, zumindest Raketen- und Drohnenangriffe sowohl die ukrainische Infrastruktur – soweit davon überhaupt noch etwas übrig ist – als auch die Wohnviertel ukrainischer Städte zerstören und damit die Voraussetzungen für eine demografische Katastrophe schaffen werden.

Und so kann Putin einen Vermittler zu Zelensky schicken, um zu verstehen, inwieweit der ukrainische Präsident letztlich zu dem bereit ist, was Putin seit seinem ersten und bislang einzigen Treffen mit seinem ukrainischen Kollegen in Paris erwartet: zur Kapitulation der Ukraine zu Putins Bedingungen.

Natürlich bleiben beide enttäuscht. Zelensky versteht nicht einmal, warum er vor Putin kapitulieren sollte, wenn er sieht, wie Ölraffinerien, Ölhäfen und militärische Betriebe der Russischen Föderation beschossen werden und wie russische Soldaten bei Offensiven auf ukrainischem Boden sterben. Und Putin versteht überhaupt nicht, warum er seine Angriffe einstellen sollte, wenn er sieht, dass Zelensky reden möchte und damit seiner Ansicht nach Schwäche zeigt.

Nun stellt sich die Frage: Was wird als Nächstes geschehen?

Nach diesem Besuch Roman Abramowitschs in der ukrainischen Hauptstadt und nach den entsprechenden Erklärungen Putins auf dem Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum – unabhängig davon, ob es den Brief Zelenskys gegeben hätte oder nicht – wurde die offensichtliche Weigerung des russischen Präsidenten deutlich, irgendwelche Kompromisse mit der Ukraine einzugehen.

Zelensky, der glaubt, dass Angriffe auf die Ölraffinerie- und Militärinfrastruktur Russlands Putin zwingen müssten, den Krieg zu beenden, wird selbstverständlich Anweisungen geben, die Angriffe zu intensivieren. Und Putin, der überzeugt ist, dass Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainische Städte Zelensky zur endgültigen Kapitulation seines Landes zwingen werden, wird Anweisungen zur Ausweitung solcher Angriffe erteilen.

Das ist alles.

Das ist die klassische Sackgasse des russisch-ukrainischen Krieges. Für uns übrigens keine schlechte, denn eine schlechte Sackgasse wäre es, wenn Russland unsere Städte und unsere Infrastruktur zerstören würde, wir aber keine Möglichkeit hätten, darauf zu antworten und lediglich auf Luftverteidigungsmittel warten würden, um uns zu schützen.

Dies hingegen ist eine Sackgasse, die beide kriegführenden Länder in Trümmer verwandelt und uns dadurch eine Chance zum Überleben gibt, bis die russische politische Führung die Aussichtslosigkeit der Zerstörung der Ukraine als Instrument ihrer Kapitulation erkennt.

Etwas anderes als eine Verstärkung der Angriffe auf beiden Seiten sollte jedoch niemand von diesem Verhandlungsprozess erwarten.

Nun zur nächsten Frage. Kann unter solchen Umständen künftig eine Chance auf echte Verhandlungen zwischen Moskau und Kyiv entstehen? Natürlich. Und hier können Roman Abramowitsch oder jeder andere russische Vermittler tatsächlich eine Rolle spielen.

Diese Chance wird jedoch erst dann entstehen, wenn Russland real keine Möglichkeiten mehr haben wird, nicht nur seine Armee weiter auf ukrainisches Territorium vorrücken zu lassen, sondern auch weitere Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainischen Boden durchzuführen; oder wenn die ukrainischen Angriffe auf Russland so schwerwiegend werden, dass Putin vor die Alternative gestellt wird, entweder die Angriffe auf die Ukraine einzustellen oder Atomwaffen als weiteres Argument einzusetzen, um die Ukraine zur Kapitulation zu zwingen.

Wenn offensichtlich wird, dass der Einsatz von Atomwaffen ein gefährlicherer Ausweg aus der Situation wäre als die Suche nach Möglichkeiten, den Krieg zumindest vorübergehend auszusetzen – schon allein, um Reserven für einen späteren Angriff aufzubauen –, dann könnte eine reale Möglichkeit für Verhandlungen und für die Aussetzung der Kampfhandlungen entstehen, für die Zeit, in der sie tatsächlich eingefroren wären, bis Russland wieder militärisch-technische sowie finanzielle und demografische Möglichkeiten zur Wiederaufnahme des Krieges erhält.

Dabei sage ich sofort: Das Entstehen solcher Möglichkeiten wird keineswegs automatisch bedeuten, dass der Krieg wieder beginnt. Denn das wird dann bereits davon abhängen, wie stark und wie bereit zu neuem Widerstand die Ukraine und Europa zu dem Zeitpunkt sein werden, an dem man in Moskau zur Wiederaufnahme der Kampfhandlungen bereit ist.

All dies liegt allerdings in ferner Zukunft. Denn bevor man darüber nachdenken kann, wann und unter welchen Bedingungen der russisch-ukrainische Krieg wieder aufflammen könnte, muss zunächst der Krieg gestoppt werden, der heute stattfindet.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Абрамович зустрівся з Зеленським | Віталій Портников. 07.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 07.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Der Skandal zwischen Polen und der Ukraine wegen der UPA. Die Erklärungen von Wałęsa und Nawrocki, Zelenskys Orden. Vitaly Portnikov. 30.05.2026.

Andrij Smolij: Unverhofft und unerwartet sind wir wieder in irgendeinen diplomatischen Skandal mit Polen geraten, wieder rund um die ungelösten Fragen aus unserer gemeinsamen jüngeren Vergangenheit. Ich meine natürlich das 20. Jahrhundert. Und diesmal begann alles damit, dass Präsident Zelensky beschloss, einem Zentrum der Spezialoperationskräfte den Namen der Helden der UPA zu verleihen.

Für die Ukraine schien das eine eher unauffällige Angelegenheit zu sein. Wahrscheinlich hätte niemand darauf geachtet. Aber in Polen hat man darauf geachtet. Zunächst erklärte der ehemalige Präsident und Held der Samtenen Revolution der späten 1980er Jahre in Polen, Lech Wałęsa, er sei zutiefst empört und werde aus Protest irgendein Abzeichen mit der ukrainischen Flagge nicht mehr tragen. Danach griff der amtierende Präsident Polens, Karol Nawrocki, die Geschichte auf und sagte, er werde alles tun, um Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Das ist die höchste staatliche Auszeichnung der Republik Polen.

Dazu kamen noch irgendwelche Protestnoten von israelischer Seite, die sich gegen die Umbettung von Andrij Melnyk richten.

Kurz gesagt, das ist nun diese Geschichte. Und man sollte wohl vorsichtig auf all das reagieren. So scheint es mir jedenfalls. Aber was sehen wir in dieser Geschichte? Hat Präsident Zelensky vielleicht etwas überstürzt getan, ohne es ausreichend zu durchdenken? Obwohl das schwer zu glauben ist. Oder wird es nie einen besseren Zeitpunkt geben, um diese unsere, ich weiß nicht, bereits eiternden Wunden der ungelösten Geschichte freizulegen, und man muss das einfach Schritt für Schritt tun? Ich weiß nicht, wie ich das bis zum Ende beurteilen soll.

Portnikov: Glauben Sie wirklich, dass Präsident Zelensky, als er dieses Dekret unterschrieb, auch nur eine Minute lang daran dachte, dass dies zu irgendeinem Konflikt mit Polen führen könnte? Für ihn war das irgendeine Standardhandlung, irgendeine Umbenennung, die Verleihung eines Namens an eine militärische Einheit zu Ehren der Ukrainischen Aufstandsarmee, die Teil dessen ist, was ich die militärische Ikonostase der Ukraine nennen würde. Wenn es in Lwiw oder anderen Städten Straßen der Helden der UPA gibt …

Andrij Smolij: Hundert Dokumente zur Unterschrift. Er hat einfach unterschrieben, unterschrieben und gar nicht darauf geachtet?

Portnikov: Vielleicht hat wirklich niemand darauf geachtet, denn die Idee der Ukrainischen Aufstandsarmee als Beispiel für Heldentum und als Objekt ukrainischer Glorifizierung existiert ja nicht erst seit gestern. Deshalb war die polnische Reaktion nicht vorhersehbar. Denn wenn man in Polen einfach nicht auf diese Geschichte aufmerksam geworden wäre? Wenn man sie einfach nicht bemerkt hätte? Hätte das passieren können? Ja, das hätte passieren können. Dann hätte es keinen Skandal gegeben.

Es gibt offensichtliche Dinge in den ukrainisch-polnischen Beziehungen, die man verstehen muss. Beide Länder haben völlig unterschiedliche Vorstellungen von historischer Erinnerung. Das ist eine offensichtliche Tatsache. Genau deshalb arbeiten in solchen Ländern Historikerkommissionen. Sie klären schwierige Fragen, versuchen gemeinsame Nenner zu finden, gemeinsame Initiativen vorzuschlagen, nicht das zu suchen, was trennt, sondern das, was verbindet.

Es gibt einen einfachen Unterschied: Wir sagen Polen niemals, wie es etwas zu nennen hat. Polen versucht uns dagegen sehr oft zu sagen, wie wir etwas nennen sollen. Das ist der Unterschied im Ansatz. Ich halte das für falsch. Das ist der Kernpunkt.

Nein, es geht nicht um die Ukrainische Aufstandsarmee, ihre historische Rolle oder ihre Bewertung in Polen. Polen hat jedes Recht, jeden beliebig zu bewerten. Es ist ein souveräner Staat. Polen ist gerade deshalb ein souveräner Staat, weil es diese Möglichkeiten hat. Es ist ein großes Glück, dass Polen Anfang des 20. Jahrhunderts auf die politische Landkarte der Welt zurückkehrte.

Das polnische Volk erhielt endlich diese Möglichkeit. Ich habe mich immer darüber gefreut – sowohl über das Wunder an der Weichsel als auch über die Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit und schließlich über den Übergang dieses Staates aus der Kategorie sowjetischer Satelliten zu einem unabhängigen europäischen Staat. Dafür muss man Lech Wałęsa und seiner historischen Rolle danken. Und das ist eine viel wichtigere historische Rolle als das, was er jetzt über die historischen ukrainisch-polnischen Beziehungen sagt.

Aber man muss verstehen, dass auch die Ukraine seit den 1990er Jahren in einen solchen Status überging. Zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk sowie den Staaten gab es immer unterschiedliche Bewertungen bestimmter historischer Persönlichkeiten. Und zwar nicht nur der Helden der UPA.

Bohdan Chmelnyzkyj ist für die Ukrainer ein Mensch, der den Grundstein für ihre nationale Unabhängigkeit gelegt hat. Für die Polen ist er jemand, der faktisch begann, die Adelsrepublik zugunsten des Moskauer Zarenreiches zu zerstören. Das sind, wie Sie verstehen, völlig unterschiedliche Bewertungen derselben Persönlichkeit.

In der Ukraine gibt es den Orden Bohdan Chmelnyzkyj. Es ist schwer vorstellbar, dass ein solcher Orden in Polen existieren könnte, oder? Kaum ein Pole würde sich wünschen, mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj ausgezeichnet zu werden. Ich sage Ihnen noch mehr: Auch ich selbst würde nicht besonders gerne mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj ausgezeichnet werden, wie Sie wahrscheinlich verstehen.

Aber ich verstehe sehr gut ethnische Ukrainer, die gerne einen solchen Orden auf ihrer Brust tragen würden. Die Geschichte ist einfach komplizierter, als sie uns erscheint.

Andrij Smolij: Ich denke, sogar Taras Hryhorowytsch Schewtschenko hätte einen solchen Orden nicht besonders gewollt.

Portnikov: Taras Hryhorowytsch Schewtschenko hätte den Orden Bohdan Chmelnyzkyj ganz sicher nicht gewollt. Er hätte ihn niemals angenommen. Niemals.

Aber auch hier gilt: Es gibt unterschiedliche Ukrainer. Das ist eine Besonderheit jeder Nation. Sie haben Schewtschenko völlig zu Recht erwähnt, denn Schewtschenko, im Unterschied zu mir ein ethnischer Ukrainer, hasste Chmelnyzkyj als historische Figur, ich würde sagen, vielleicht sogar mehr als ich. Und er hatte das Recht dazu.

Gleichzeitig haben Menschen das volle Recht, Bohdan Chmelnyzkyj anders zu betrachten und seine historische Rolle im Kontext aller späteren Ereignisse zu bewerten.

Andrij Smolij: Wissen Sie, Herr Vitaly, vor etwa zwanzig Jahren hörte ich oft von Historikerkollegen, die irgendwie an diesem Dialog beteiligt waren: „Lasst uns in Ruhe. Wir werden das mit den polnischen Kollegen schon irgendwie klären und euch dann sagen, wie es steht.“

Aber heute funktioniert das einfach nicht mehr. Ganz gleich, wie hervorragend ein Historiker ist und wie erfolgreich eine akademische Konferenz verläuft. Jetzt wurden diese Treffen wieder aufgenommen, und das ist großartig. Aber wir verstehen auch, dass irgendein Influencer auf TikTok zehn Millionen Aufrufe sammeln kann, völligen Unsinn und Unwissenheit vermischt mit Xenophobie verbreitet – und zehn Millionen Menschen sehen das. Damit wird alles zunichtegemacht, woran Historiker zwei Jahre lang gearbeitet haben. Das ist eine neue Situation. Wir können nicht einfach sagen: „Die Historiker werden sich schon einigen.“

Portnikov: Nein, sehen Sie, zweifellos kann ein TikTok-Influencer alles Mögliche tun. Er kann Ihnen sogar zeigen, wie man in der eigenen Wohnung ein Raumschiff baut und zum Mars fliegt.

Aber wir sprechen hier über Staatspolitik. Das ist nicht einfach ein gesellschaftlicher Konflikt. Gesellschaften können sich auf TikTok, Facebook oder sonst irgendwo beliebig über historisches Erbe austauschen.

Jetzt handelt es sich um einen Konflikt auf staatlicher Ebene, weil Präsident Karol Nawrocki sich eingeschaltet hat. Er sagt, sein ukrainischer Kollege habe eine falsche Entscheidung getroffen. Am 6. Juni will er dem Kapitel des Ordens des Weißen Adlers die Frage vorlegen, Zelensky diesen Orden abzuerkennen.

Dabei müssen wir verstehen: Zelensky erhielt diesen Orden nicht als Privatperson und nicht aufgrund persönlicher Verdienste gegenüber Polen, sondern als Präsident eines Landes, das weiterhin faktisch Europas Schild gegen die russische Invasion ist – vor allem Polens Schild. Denn wenn die Ukraine zusammenbricht, wird Polen an seinen Grenzen genau das bekommen, was es nie bekommen wollte.

Dann wird es weder um den Weißen Adler noch um Zelensky gehen. Dann beginnt für das polnische Volk ein ganz anderes Leben – ein Leben, das ich dem polnischen Volk keinesfalls wünsche. Als Journalist würde ich natürlich gerne sehen, wie die Menschen darauf reagieren würden. Ich möchte nur nicht, dass all das auf Kosten der Ukraine geschieht.

Deshalb sage ich: Wenn wir anfangen zu erklären: „Lasst uns dem Präsidenten der Ukraine, den wir für den mutigen Widerstand des ukrainischen Volkes gegen die russische Aggression ausgezeichnet haben, diesen Orden wieder wegnehmen – praktisch für die Fortsetzung dessen, was einst die polnischen Aufstände unter dem Motto ‚Für unsere und eure Freiheit‘ begonnen haben –, lasst uns ihm den Orden wegnehmen, weil er eine falsche Entscheidung über die Benennung einer ukrainischen Militäreinheit getroffen hat.“

Wunderbar. Ich freue mich sehr. Das ist politische Schizophrenie auf staatlicher Ebene. Schizophrenie auf staatlicher Ebene.

Dabei bin ich der Meinung, dass der Präsident Polens und auch der Ministerpräsident Polens – der sich übrigens ebenfalls nicht gerade begeistert dazu geäußert hat – ruhig mit einer Erklärung auftreten können, in der sie eine solche Entscheidung verurteilen. Und damit sollte alles enden. Er hat eine Entscheidung getroffen, sie hätten eine völlig andere Entscheidung sehen wollen. Sie haben diese Entscheidung verurteilt, und dann arbeitet man weiter. So sollte das funktionieren, wenn man sich überhaupt einmischen will.

Obwohl ich noch einmal sage: Ich halte es keineswegs für notwendig, dass man in irgendeinem anderen Land erklärt, wen und wie man auszeichnen soll. Das ist ein imperialer Ansatz, der Russland eigen ist. Erinnern Sie sich übrigens: Es ist nicht das erste Mal, dass es eine solche Geschichte gibt. Seinerzeit verurteilte man in Warschau Viktor Juschtschenko, der Stepan Bandera den Titel Held der Ukraine verliehen hatte. Erinnern Sie sich?

Andrij Smolij: Ja.

Portnikov: Ja. Auch damals gab es einen riesigen Skandal. Aber wiederum: Juschtschenko war Präsident der Ukraine. Er entscheidet selbst, wen er auszeichnet. Übrigens erinnere ich mich nicht, dass damals die Frage gestellt wurde, Juschtschenko irgendwelche polnischen Orden abzuerkennen. Ich weiß nicht, ob er sie hatte oder nicht, aber so war diese Geschichte.

Wir sprechen ja nicht über Persönlichkeiten, sondern über das staatliche Verhältnis zur Geschichte. Dieses staatliche Verhältnis zur Geschichte findet nicht auf TikTok statt. Und gerade der Staat müsste sich um einen Dialog auf staatlicher Ebene kümmern. Das sollte keine gesellschaftliche Historikerkommission sein. Dann können Präsidenten bei sich irgendein historisches Forum schaffen oder die Außenminister.

Wie Sie wissen, leitete ich einst den ukrainischen Teil des ukrainisch-polnischen Forums für Zusammenarbeit, schon, wenn ich mich nicht irre, während der Präsidentschaft von Andrzej Duda. Auf polnischer Seite wurde dieses Forum von dem bekannten polnischen Historiker und Fachmann für polnisch-ukrainische Beziehungen, Jan Malicki, geleitet. Und wenn wir uns trafen – Vertreter der Ukraine, Polens, gesellschaftliche Akteure, Historiker, Diplomaten, Leiter von Hochschulen –, diskutierten wir viele solcher schmerzhaften Probleme, darunter auch historische Fragen. Wir traten mit Initiativen auf, suchten Wege, die verbinden.

Übrigens lud uns Doktor Malicki auf einen Friedhof in Warschau ein, auf dem Veteranen der Ukrainischen Volksrepublik begraben sind, die nach 1920 gezwungen waren, die Ukraine zu verlassen. Sie hatten zusammen mit polnischen Truppen in der Armee von Symon Petljura und Józef Piłsudski gekämpft. Wir fuhren übrigens gemeinsam nach Wolhynien, nach Luzk, und sprachen ebenfalls darüber, wie wichtig es ist, diese gesellschaftlichen Verbindungen wiederherzustellen, wie wichtig es ist, Verständigung wiederherzustellen.

Das ist also alles mühsame Arbeit, verstehen Sie, für Menschen, die sehr genau verstehen, wie groß das Niveau dieser historischen Probleme ist, die zwischen Ukrainern und Polen keineswegs mit dem Zweiten Weltkrieg erschöpft sind. Und sie verstanden, dass das keine Arbeit für ein Jahr und nicht für ein Jahrzehnt ist. Wichtig ist nur, daraus keinen politischen Konflikt zwischen Staaten zu machen. Das ist wichtig. Das ist der Fehler.

Genauso halte ich es für einen Fehler der ungarischen Seite, bereits der neuen ungarischen Regierung, die Frage der europäischen Integration der Ukraine lösen zu wollen, indem man irgendwelche ultimative Forderungen stellt, die die ukrainische Regierung erfüllen müsse. Aber diese Fragen hängen nicht mit der europäischen Integration der Ukraine zusammen, sondern ausschließlich mit den ungarisch-ukrainischen Beziehungen aus Sicht der ungarischen Regierung darauf, wie die Rechte nationaler Gemeinschaften gewährleistet werden sollen, insbesondere der Ungarn in Transkarpatien. Das ist ebenfalls kein konstruktiver Ansatz, wie wir verstehen. Ein konstruktiver Ansatz wäre, für die europäische Integration der Ukraine zu kämpfen und dann gemeinsam in der Europäischen Union faktisch alles Mögliche zu tun, damit Menschen gleiche Rechte haben. Nicht wahr?

Ich sage das die ganze Zeit. Ich verstehe auch das nicht. Ich erinnere immer daran: Wenn es der Ukraine irgendwann gelingt, der Europäischen Union beizutreten, bedeutet das, dass alle ethnischen Ungarn in einer geopolitischen Vereinigung leben. In der Slowakei, in Rumänien, in Ungarn, in der Ukraine – alle ethnischen Ungarn leben ohne Grenzen in einer Vereinigung, haben freie Möglichkeiten, sich zu bewegen, Arbeit zu finden, Ungarisch zu sprechen, an ungarischen Einrichtungen in Ungarn zu lernen, wenn sie das möchten, oder an ukrainischen in der Ukraine. Es gibt kein Trianon mehr. Trianon ist vorbei. Aber Sie sehen ja, dass die Regierung in Budapest die ganze Zeit einen anderen Weg geht.

Andrij Smolij: Mir scheint, dass selbst die ungarische Minderheit, die heute in der Ukraine, in Transkarpatien, in diesen kompakten Siedlungsgebieten lebt, wo sie die Mehrheit bildet, keine großen Probleme hat, nach Ungarn hin und zurück zu fahren. Sie hat keine Probleme damit, in Ungarn zu studieren.

Portnikov: Natürlich, aber es gibt eine Grenze. Zwischen der Europäischen Union und der Ukraine gibt es eine Staatsgrenze. Wenn die Ukraine Mitglied der Europäischen Union wird, wird es keine Grenze geben.

Andrij Smolij: Das stimmt.

Portnikov: Das hat große Bedeutung, verstehen Sie? Wenn Sie von Ungarn in die Ukraine so fahren werden, wie Sie von Ungarn in die Slowakei fahren, ohne überhaupt zu bemerken, dass dort einmal eine Grenze war. Das hat psychologisch und emotional enorme Bedeutung, glauben Sie mir. Ich schaue einfach auf Tirol, sagen wir, das nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Italien und Österreich geteilt wurde.

Dort lebt im italienischen Tirol ein großer Teil der deutschsprachigen Bevölkerung, Menschen, die sich als Tiroler verstehen. Wie Sie verstehen, hielten sich diese Menschen vor dem europäischen Projekt für von den Tirolern in Österreich abgeschnitten. Dieses Gefühl gibt es heute nicht mehr. Mehr noch, sogar die Integration mit Italien selbst hat sich in diesem Teil verstärkt, weil die Menschen sich nicht bedroht fühlen: Sie steigen ins Auto und fahren in den anderen Teil Tirols. Sie sind italienische Staatsbürger. Das passt ihnen völlig. Sie haben dort ihr eigenes Leben in Italien, aber sie können jederzeit Tiroler sein. EU Region Tirol. Fertig.

Genau so wird das in Europa gelöst. Warum sollten wir also nicht in Europa sein? Warum braucht Budapest künstliche Hindernisse zu errichten, um das zu bremsen? Ich verstehe das nicht, wenn sie wirklich an die Ungarn in Transkarpatien denken.

Andrij Smolij: Nun, die Ungarn in Transkarpatien, wiederum, wer in diesen Regionen war, weiß, dass es dort manchmal schwierig ist, irgendwelche Aufschriften etwa auf Ukrainisch zu finden, was für einen ukrainischen Bürger einfach unbequem ist, wenn er sich im Staat Ukraine befindet.

Portnikov: Ich verstehe das. Aber in Tirol, in Italien, können Sie ebenfalls möglicherweise keine Aufschrift auf Italienisch finden, Menschen, die Italienisch sprechen, kann man dort ebenfalls möglicherweise nicht finden. Zumindest in ländlichen Gegenden. Davon sprechen wir doch nicht. So ist es an Orten mit einer großen Konzentration nationaler Gemeinschaften. Wobei wiederum Tirol als Teil Italiens, dieses Südtirol, schon mehr als 100 Jahre existiert. Und das hat, sozusagen, die Sprachdisziplin nicht beeinflusst. Nein, wahrscheinlich kennen die Menschen Italienisch, aber sie benutzen es irgendwie nicht besonders.

Andrij Smolij: Aber sehen Sie, im Großen und Ganzen haben wir keine historischen Probleme mit Ungarn. Obwohl es in Wirklichkeit im 20. Jahrhundert sehr, sehr vieles gab, wofür man den Ungarn, der ungarischen Regierung, Rechnungen stellen könnte. Sie stand Versuchen der Ukrainer, auf diesen Gebieten Unabhängigkeit auszurufen und sich in Richtung Unabhängigkeit zu bewegen, sehr, sehr, sehr feindlich gegenüber, im Vergleich etwa zu denselben Slowaken oder Tschechen.

Aber andererseits, wenn man diese Situation überträgt und wieder zu den Polen zurückkehrt: Vielleicht hindert uns tatsächlich, dass wir im Dialog mit den Polen ständig in die Rolle eines gewissermaßen jüngeren Bruders geraten, historisch gesehen.

Portnikov: Ich denke, das Problem liegt nicht nur darin, sondern darin, dass die Symbiose zwischen Ukrainern und Polen dennoch viel länger und dichter ist als die zwischen Ukrainern und Ungarn. Der ukrainisch-ungarische ethnische Kontakt fand auf einem vergleichsweise kleinen Territorium statt. Wenn man sich dagegen die Präsenz der Ukrainer im Königreich Ungarn, sogar in Österreich-Ungarn, und die Präsenz der Ukrainer in der Adelsrepublik ansieht, ist das eine völlig besondere Geschichte. Eine Geschichte, die sich über Jahrhunderte erstreckt.

Die Geschichte der Beziehungen zwischen dem Großfürstentum Litauen und der Krone. Die Geschichte der Übergabe ukrainischer Länder an die Krone. Die Geschichte des Chmelnyzkyj-Aufstandes. Das alles ist gemeinsame Geschichte der Ukraine und Polens. Staatliche Geschichte. Geschichte der Nachbarschaft von Völkern, ihrer zivilisatorischen Konkurrenz. Das ist immer so. Das ist einfach eine viel größere Nähe in allen Fragen.

Und man kann auch nicht sagen, dass dies auf dem gesamten Gebiet der heutigen Ukraine so war. Und man kann auch nicht sagen, dass es sich nur auf Galizien beschränkte. Galizien und Wolhynien – das ist im Grunde die Geschichte der letzten Jahrhunderte. Aber eine solche Symbiose gab es auch in der Großen Ukraine, wo sowohl Ukrainer als auch Polen lebten. Und lange Zeit war dieses Gebiet ebenfalls Teil der Adelsrepublik und davor des Großfürstentums.

Diese Symbiose reicht einfach tief. Und das ist, würde ich sagen, sowohl Freundschaft als auch Feindschaft und die Suche nach irgendeiner Zusammenarbeit. Das ist einfach eine so lange und komplizierte Geschichte, dass es in einer solchen langen und komplizierten Geschichte nicht nur eine Farbe geben kann, weiß oder schwarz.

Andrij Smolij: Wenn man, wissen Sie, dennoch über diese Diskussion nicht zwischen Historikern und Intellektuellen spricht, sondern über das, was als normale Reaktion gewöhnlicher Menschen auf das geschieht, was gerade rundherum passiert, insbesondere diese Verleihung des Namens der Helden der UPA und die Reaktion der Polen, dann sagen sehr viele meiner Bekannten, vernünftige Menschen, dass – und wieder höre ich diesen Satz – die Polen Imperialisten seien, sie seien um nichts besser als die Russen. Ich denke, in Moskau ist man sehr zufrieden.

Portnikov: Ich denke, Menschen können gekränkt sein, aber man muss sich immer erinnern: Die Ukraine hat nur eine Wahl. Entweder Teil Europas werden oder Teil Russlands werden. Das heißt, wir werden entweder irgendwie den Dialog mit unseren europäischen Nachbarn – mit Polen, der Slowakei und Ungarn – aufrechterhalten müssen, oder uns damit abfinden müssen, dass es das ukrainische Volk nicht geben wird, dass es Teil Russlands sein wird.

Übrigens werden die Polen dann ganz sicher nichts diktieren. Dann werden hier Atomwaffen stehen. Dann werden wir auf jede Frage sagen: „Hören Sie, Drohnen und Atomwaffen werden Sie gehorsam machen. Wir werfen einfach eine Atombombe auf Warschau, und Sie werden verstehen, was normales Leben bedeutet.“ Das, was es in der Sowjetunion gab, nicht wahr?

Das heißt, wenn Sie wollen, dass Ihnen niemand aus Polen oder Budapest etwas diktiert: Koffer, Bahnhof, Russland. Nicht einmal Koffer und Bahnhof sind nötig. Ihr Territorium kann Teil Russlands werden, und mit diesem großen Staat werden Sie allen anderen alles diktieren. Wenn es natürlich gelingt.

Wenn wir aber wollen, dass hier die Ukraine bleibt, dann haben Sie wiederum eine einfache Wahl. Entweder suchen Sie den Dialog mit Warschau oder Budapest, einen unangenehmen, schwierigen Dialog. Es kann tatsächlich sehr unangenehm sein, solche imperialen Ambitionen zu sehen. Sie können auch in Ungarn als imperial gelten. Ungarn war ebenfalls Teil eines Imperiums, wie wir wissen. Oder wir kämpfen allein gegen Russland. Oder wir einigen uns ebenfalls mit ihm darauf, dass wir Russland sind. Denn wie Sie sehen, will Russland uns im Unterschied zu Polen nicht als Ukraine anerkennen. Das ist ein großer Unterschied.

Wenn Ihre Bekannten sagen, die Polen seien genauso wie die Russen, erinnern Sie sie an eine einfache Sache. Die Polen glauben, zumindest in der jetzigen Phase dieser Geschichte, dass die Ukrainer ein Recht auf Existenz haben. Die Russen glauben in der jetzigen Phase dieser Geschichte, dass die Ukrainer kein Recht auf Existenz haben. Wenn sich dieser Nenner ändert, kann man darüber sprechen.

Aber ich garantiere Ihnen, dass sich dieser Nenner nie wieder ändern wird. Die Russen haben alle Schlüsse gezogen, die sie ziehen mussten, ob das ukrainische Volk auf den Ländereien existieren darf, die sie für die Ländereien des historischen Russlands halten. Damit ist im Dialog des ukrainischen und des russischen Volkes, kann man sagen, für unser Jahrhundert endgültig ein Punkt gesetzt. Alles, finita la commedia. Das heißt, entweder wehren wir uns, und dann einigen wir uns mit Polen und Ungarn, oder wir wehren uns nicht, und dann spucken wir schon als Russen auf Polen und Ungarn vom Glockenturm unserer lieben Basilius-Kathedrale. Aber ich denke, die überwältigende Mehrheit der Ukrainer will ein solches Schicksal nicht, oder?

Andrij Smolij: Umso mehr löst das im Prinzip den Streit überhaupt auf eine andere Weise. Der Streit zwischen Ukrainern und Polen ist beendet, weil es keine Ukrainer mehr gibt. Sie sind zu Russen geworden.

Portnikov: Sie sind zu Russen geworden und haben ebenfalls zugestimmt, dass die UPA Feinde sind. Aber diese Polen, diese Feinde Russlands, sind noch größere Feinde als die Kämpfer der UPA.

Andrij Smolij: Eine solche Alternative.

Portnikov: Es gibt ein wunderbares Ende des Films. Das Ende des Films „Sintflut“ von Jerzy Hoffman. Erinnern Sie sich? Er endet damit, dass Polen, Ukrainer und Krimtataren sich nicht miteinander einigen konnten und infolgedessen überall das Russische Imperium herrschte. Erinnern Sie sich an dieses Ende? Genau ein solches Ende kann es auch jetzt geben.

Andrij Smolij: Diesen Film von Hoffman habe ich irgendwie nicht gesehen, deshalb kann ich dazu nichts sagen. Aber mir scheint, dass dieser Gedanke bei den Polen, bei polnischen Intellektuellen, schon mindestens seit Jahrzehnten existiert: dass die Ukraine außerordentlich wichtig ist, beginnend mit Giedroyc.

Portnikov: Natürlich. Nicht einfach, dass die Ukraine wichtig ist, sondern dass es wichtig ist, sich mit der Ukraine zu einigen. Und wir müssen immer daran erinnern, dass die Frage nicht darin besteht, was uns trennt, sondern was uns verbindet.

Andrij Smolij: Sehen Sie, Herr Vitaly, bedeutet das nicht auch, dass es für die Ukrainer wünschenswert wäre, sozusagen, ihren eigenen ukrainischen Giedroyc zu haben, der von Zeit zu Zeit daran erinnert – vielleicht gibt es solche Menschen in Wirklichkeit auch –, der auch uns daran erinnert, dass Polen für die Ukraine ebenfalls kein unwichtiges Land ist?

Portnikov: Hören Sie, wir brauchen keinen ukrainischen Giedroyc, und zwar aus einem einfachen Grund. Giedroyc sagte den Polen im Grunde, dass Ukrainer, Belarussen und Litauer existieren und dass man mit ihnen als souveränen Nationen neben Russland zu tun haben werde. Bei uns in der Ukraine gibt es niemanden, der glauben würde, dass Polen nicht existieren. Nicht wahr?

Andrij Smolij: Das stimmt.

Portnikov: Das ist der Hauptunterschied. Giedroyc hat tatsächlich die Sicht der Polen auf die europäische Zukunft verändert. Obwohl man sagen muss, dass seine politische Linie heute bis zu einem gewissen Grad ein Fiasko erlitten hat. Ich glaube nicht, dass die Außenpolitik Polens die Politik Giedroycs ist. Dennoch veränderte dies wirklich den Blick eines großen Teils der polnischen Emigration, als Giedroyc Ukrainer, Belarussen und Litauer als souveräne Völker behandelte, die in souveränen Staaten leben werden, weil sie bis dahin faktisch als eine Art Anhängsel Russlands wahrgenommen wurden. Und einige meinten, es werde ein demokratisches Russland geben, das diesen Völkern irgendwelche Rechte geben werde. So sah das in der öffentlichen Meinung aus. Und Sie wissen, dass nicht wenige polnische Intellektuelle noch lange in dieser Illusion lebten. Sie waren, würde ich sagen, kulturelle Russophile. Und Giedroyc ging, kann man sagen, gegen diese Tendenz vor und siegte. Und die Geschichte bewies, dass er recht hatte.

Bei uns aber gab es niemals irgendeinen Gedanken, dass Polen kein Recht auf Unabhängigkeit, Souveränität, auf echte Unabhängigkeit habe. Ich möchte Sie daran erinnern, dass selbst in den 1980er Jahren, als es Solidarność gab, hier in Kyiv unter Intellektuellen diese Sympathie und Solidarität mit den Polen viel stärker zu spüren war als irgendwo in Russland. Ich habe das einfach mit eigenen Augen gesehen. Diese Unterstützung für Polen, dieses Interesse an Polen, sie existierten immer in unserer Gesellschaft.

Was soll uns ein Giedroyc bringen? Vielleicht brauchen wir Menschen, die über die Notwendigkeit gegenseitigen Respekts zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk sprechen. Nun, das sagen viele. Auch ich gehöre zu den Menschen, die ständig daran erinnern.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Скандал між Польщею та Україною через УПА. Заява Валенси та Навроцького, орден Зеленського. Віталій Портников. 30.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Putins Auftritt in Petersburg: das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 05.06.2026.

Heute trat der Präsident der Russischen Föderation, Putin, auf der Plenarsitzung des Internationalen Wirtschaftsforums in Petersburg auf. Dieser Auftritt Putins wird immer als einer der programmatischen in seiner politischen Tätigkeit betrachtet. Gerade diesem Auftritt gibt er, würde ich sagen, großen Vorrang vor seinen anderen öffentlichen Auftritten, weil es ein Auftritt vor einem sorgfältig ausgewählten internationalen Publikum ist und vor allem vor Investoren in die russische Wirtschaft – jenen, die sozusagen geblieben sind und die der russische Präsident davon zu überzeugen versucht, weiterhin Geld in Russland zu investieren, in einer Situation, in der es mit jedem Jahr des Eroberungskrieges der Russischen Föderation gegen die Ukraine immer weniger Menschen gibt, die sich an solchen Investitionen beteiligen wollen.

Doch diesmal wurde die Tagesordnung von Putins Auftritt durch den Brief des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky bestimmt. Viele fragten: „Wozu überhaupt einen solchen Brief mit Beleidigungen an die Adresse des russischen Präsidenten schreiben, mit der Erinnerung an sein Alter und zugleich mit Appellen, den Krieg zu beenden?“ Ihnen kann man antworten, wozu. Weil Zelensky Putin in diesem Informationskrieg zuvorkam und den Informationseffekt des gestrigen Treffens des russischen Machthabers mit den Leitern von Nachrichtenagenturen verschiedener Länder der Welt aufhob.

Und heute musste Putin während seines Auftritts auf der Plenarsitzung ziemlich lange auf Zelenskys Brief antworten. Putin nannte diesen Brief erwartungsgemäß ein Papierchen, auf das man nicht achten müsse. Obwohl sein Pressesprecher Peskow nach Putins Auftritt übrigens sagte, man nehme dieses Dokument im Kreml ernst, und Zelensky erneut Putins Vorschlag übermittelte, in die russische Hauptstadt zu kommen – während Putin selbst erklärt hatte, er sehe keinen Sinn in einem Treffen mit Zelensky.

Und das ist eine sehr wichtige Sache, denn in diesem Informationskrieg ist aus Sicht der Außenwelt, vielleicht vor allem Trump, sehr wichtig, wer als Erster ein Treffen ablehnt. Putin sagte gestern, er sei bereit, sich sogar mit Zelensky zu treffen, ungeachtet der Illegitimität des ukrainischen Präsidenten aus seiner Sicht. Zelensky rief Putin zu einem direkten Treffen und zum Stopp des Krieges auf. Putin sagte, er sehe keinen Sinn darin, sich mit dem ukrainischen Präsidenten zu treffen, und hat sich damit selbst verraten, was seine eigenen Absichten und Wünsche betrifft.

In dieser Situation verstehen wir sehr gut, dass der Präsident der Russischen Föderation sich gewissermaßen selbst bloßgestellt hat. Obwohl dies wiederum davon abhängt, wie Trump ihre möglichen Verhandlungen tatsächlich bewerten wird. Gerade eben, während unseres Gesprächs, sagte er, die Präsidenten Russlands und der Ukraine sollten das untereinander klären, und er sei derjenige, der ihnen geholfen habe, eine Position zu einem möglichen Treffen einzunehmen. Das heißt, bislang hat Trump Putins Weigerung, sich mit Zelensky zu treffen, nicht bemerkt.

Nun zu diesem Treffen selbst. Ich denke, dass es viele Kommentatoren geben wird, die meinen werden, Zelensky habe mit seinem, ich würde sagen, ironischen Brief an Putin, der den russischen Präsidenten und seine Mitstreiter sehr verärgert hat – der Berater des Präsidenten der Russischen Föderation Medinski nannte ihn erwartungsgemäß einen Brief des KWN-Teams (Klub der Witzigen und Einfallsreichen) aus Krywyj Rih –, irgendein mögliches Treffen mit dem Präsidenten der Russischen Föderation zunichtegemacht.

Alles, was Putin gestern und heute sagt – und dazu muss man nüchtern stehen –, zeigt, dass der russische Präsident sich mit niemandem treffen will, den Krieg nicht beenden will, dass er auf einen mehrjährigen Abnutzungskrieg gesetzt hat und dass wir jetzt nur in den ersten Jahren dieses Krieges leben. Und das alles muss man mit kühlem Kopf betrachten und verstehen, welch lange Strecke noch bis zu jenem Tunnel vor uns liegt, an dessen Ende vielleicht irgendwann Licht aufleuchten wird. Aber das bedeutet nicht, dass die Ukraine diesen Tunnel nicht näher bringen und dieses Licht nicht einschalten kann.

Denn ich erinnere die ganze Zeit daran, dass der einzige reale Weg zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges in absehbarer Perspektive, sagen wir in den 2020er Jahren des 21. Jahrhunderts, die Zerstörung des russischen Ölraffineriekomplexes, der russischen Ölhäfen und des russischen militärisch-industriellen Komplexes ist. Bis dahin ist es bislang noch sehr, sehr weit, denn trotz der ukrainischen Schläge gegen die russische Ölbranche geben die internationale Lage in der Welt, die Blockade der Straße von Hormus, die Fortsetzung der Lieferungen russischen Öls auf den Weltmarkt und der Verzicht der Vereinigten Staaten auf Beschränkungen dieser Lieferungen Russland reale Einnahmen, die es für den weiteren Krieg gegen die Ukraine über Jahre hinweg nutzen kann. Und das sind ganz konkrete Summen für Jahre, nicht für Monate.

Wenn dieses Geld jedoch weniger wird, wenn die Ölraffinerien tatsächlich aufhören zu arbeiten und nicht innerhalb einer Woche repariert werden können, wenn aus den Ölhäfen kein Öl geliefert wird, wenn die Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes aufhören, Waffen zu produzieren, wenn die logistischen Wege der Russischen Föderation blockiert werden und auf diese Weise ein realer Treibstoffmangel in der Russischen Föderation beginnt, der dort das normale Leben stoppt und die russische Wirtschaft in die Knie zwingt – in dieser Situation wird der Krieg, wie Sie verstehen, nicht in Jahren, sondern in Monaten enden. Eine sehr einfache Formel: Wenn es gelingt – in Monaten; wenn es nicht gelingt – Jahre des Abnutzungskrieges. Das ist die ganze Realität der 2020er und vielleicht auch der 2030er Jahre des kriegerischen 21. Jahrhunderts. Mir scheint, dass das absolut verständlich ist.

Was Putins Reaktion auf Zelenskys Brief betrifft: Er war tatsächlich beleidigt. Er versuchte tatsächlich zu erklären, dass sein Alter kein Problem für die weitere Erfüllung seiner Pflichten als Präsident der Russischen Föderation sei. Das bedeutet, dass Zelensky bei Putin diesen Komplex gesehen hat, der versteht, dass er seinen eigenen Landsleuten wie ein alter Opa erscheint, nicht einmal wegen des Alters – Trump ist, milde gesagt, auch nicht jung –, sondern wegen der Zeit, die er das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation innehat. Denn im Grunde regiert Putin in der Vorstellung der Menschen Russland seit den letzten 26 Jahren.

Und in dieser Situation sind bereits Generationen von Russen herangewachsen, die keinen anderen Herrscher als Putin kannten. Und es fällt ihnen sehr schwer zu glauben, dass er so effektiv ist, wenn sie sehen, wie er vor ihren Augen altert und das Gefühl für die Realität verliert. Und heute konnten sie sich übrigens auch davon überzeugen, als Putin erzählte, wie wunderbar die russische Wirtschaft wachse, wie sich das Leben der Menschen verbessere, was, wie Sie verstehen, nicht mit derRealität übereinstimmt.

Ein weiterer wichtiger Moment, der mit Putins Verhalten während dieses Auftritts verbunden ist, ist sein Versuch, Trump zu gefallen. Putin appellierte die ganze Zeit an Trump. Putin versuchte zu zeigen, dass gerade er wolle, dass die Vereinigten Staaten Garanten im Friedensprozess seien. Aber der böse Zelensky, der in seinem Brief geschrieben hatte, dass die Versprechen von Anchorage keineswegs unbedingt erfüllt werden müssten, ignoriere Trump und wolle irgendwelche Garantien von den Europäern. „Was soll das denn? „– sagte Putin. „Waffen von den Vereinigten Staaten wollen sie, aber als Sicherheitsgaranten wollen sie sie nicht sehen“.

Nun, das wirkte, milde gesagt, schmeichlerisch. Es wirkte wie die Affen aus Kiplings Märchen, die zur Schlange rannten und sich bei ihr darüber beklagten, dass irgendein anderer Affenstamm sie einen schrecklichen Wurm genannt habe. Erinnern Sie sich an diese Kindergeschichte? So sah Putin aus, der sehr hoffte, Trump werde bemerken, dass Zelensky ihm nicht mit dem gebührenden Respekt begegne – im Unterschied zu ihm, Putin. Denn Putin spielte auf diesem Podium auch das Überbringen von Grüßen an Trump und alles Mögliche aus.

Die Idee ist also sehr klar. Verhandlungen will er keine, sich mit Zelensky wollte und will er nicht treffen, aber zugleich will er sich auch nicht mit den Amerikanern streiten. In dieser Situation gibt es, wie Sie verstehen, ein riesiges Problem damit, dass der Präsident der Russischen Föderation tatsächlich weiterhin auf einen Abnutzungskrieg setzt und glaubt, dass die Zeit für ihn arbeitet und nicht für die Ukraine. Und übrigens betrachtet er die Bedrohungen völlig unrealistisch, denn heute sagte Putin etwa auf derselben Pressekonferenz, dass der Drohnentreffer in Petersburg ausschließlich medialen Effekt gehabt habe und keine Bedeutung gehabt habe, obwohl wir wissen, dass das nicht stimmt. Er sagte, diese Drohnen müssten abgeschossen werden, und zugleich betonte dieses geniale Kremlwesen, dass Russland im Unterschied zur Ukraine über einen vollständigen Produktionszyklus verfüge, die Ukraine aber nicht.

Aber hier gibt es eine gute Frage: Ist das sicher ein Vorteil? Denn wenn die Ukraine keinen eigenen Produktionszyklus hat, gibt es an ihrem Territorium nichts zu zerstören. Um diese Drohnen und jene Raketen zu zerstören, die die Ukraine erhält, müsste man einen Krieg mit Europa und den Vereinigten Staaten beginnen. Und die Ukraine muss, um das zu zerstören, was Russland produziert, Schläge gegen russische Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes führen. Das bedeutet, dass die Russische Föderation nicht genug Potenzial hat, ihre Waffen dort zu produzieren, wo ukrainische Drohnen und vielleicht auch Raketen sie nicht erreichen können.

Und natürlich machte Putin all das wütend, dass er im Grunde die Hälfte seines Panels damit verbringen musste, Zelensky auf seinen Brief zu antworten. Und er sagte, an seine Militärs gewandt: „Arbeitet, Brüder.“ Das war ein Pathos, würde ich sagen, das dem Präsidenten der Russischen Föderation in der Regel nicht eigen ist.

Und Sie wissen, dass der Präsident der Ukraine bereits auf diesen Auftritt Putins geantwortet hat. Er betonte, Russland wähle erneut den Krieg, Putin wolle ihn nicht beenden, Putin wolle nicht anerkennen, dass sein Krieg nur ihm und jenen gefalle, die Geld aus ihm herausziehen. Und Zelensky versprach, dass ganz Russland unter ständigem Feuer stehen werde, weil er mit dem Sicherheitsdienst der Ukraine neue Spezialoperationen gegen die Russische Föderation abgestimmt habe.

Und hier, wie Sie verstehen, wird vieles nicht so sehr davon abhängen, was Zelensky sagen wird, sondern von der Wirksamkeit jener neuen Operationen des Sicherheitsdienstes der Ukraine gegen die Russische Föderation, die wir in den nächsten Tagen oder Wochen beobachten oder nicht beobachten können. Denn die einzige reale Antwort auf all diese Erklärungen Putins können ausschließlich Schläge gegen den Ölraffineriekomplex der Russischen Föderation und gegen den militärisch-industriellen Komplex der Russischen Föderation sein. Die schrittweise Zerstörung der Wirtschaft Russlands, sodass es ihr nicht gelingt, sich in den nächsten Jahrzehnten zu erholen.

Russland ohne Wirtschaft ist der Schlüssel zu einer freien, gerechten Welt. Nicht zum Frieden, sondern zur Welt. Ich denke, alle Nachbarn Russlands verstehen das sehr gut und bereiten sich genau auf eine solche Entwicklung der Ereignisse vor. Und das sind nicht nur die europäischen Nachbarn Russlands, das sind auch Russlands Nachbarn in Zentralasien, die von seinem Zusammenbruch träumen. Das ist auch die Volksrepublik China, die auf diese Weise die Russische Föderation in ein Protektorat der Volksrepublik China verwandeln wird.

Übrigens beantwortete Putin heute eine Frage zu China und lachte darüber, dass Russland als Protektorat Chinas bezeichnet werde. Er erzählte, wie wichtig der technologische Export Russlands in die Volksrepublik China sei. Er erzählte, dass Russland sich bereits die Öl- und Gasabhängigkeit überwunden habe und dass, wenn früher etwa 50 Prozent des föderalen Haushalts durch Öl und Gas gebildet wurden, es jetzt nur noch 20 seien. Und Sie wissen, dass auch das eine spekulative Zahl ist, aus dem einfachen Grund, dass sie nicht die indirekten Einnahmen der Russischen Föderation aus der Öl- und Gasindustrie widerspiegelt, die Arbeitsplätze, die durch diese Industrie entstehen, den Dienstleistungssektor, der gerade diese Industrie bedient. Auch daran muss man sich erinnern: Das ist, kann man sagen, eine Übertreibung des realen Verlaufs der Ereignisse.

Aber man sollte noch an eine Sache erinnern. Trotz all seiner Gespräche über Frieden spricht Putin erneut von der Unveränderlichkeit der Ziele der sogenannten speziellen Militäroperation. Dass diese Ziele bereits zu Beginn der speziellen Militäroperation und dann im Juni 2024 festgelegt worden seien.

Was ist Juni 2024? Ich erinnere Sie daran. Das ist Putins Auftritt vor dem Kollegium des Außenministeriums der Russischen Föderation, auf den sich Vertreter der russischen Nomenklaturgruppe seit dieser Zeit, fast schon seit zwei Jahren, berufen. Das sind vor allem die Forderungen an die Ukraine, ihre Truppen aus dem Gebiet der Donezker Oblast abzuziehen.

Ich verstehe es so, dass sich zu diesem Gebiet jetzt noch das Gebiet der Saporischschja- und der Cherson-Oblast der Ukraine hinzugesellt hat, die von der Russischen Föderation annektiert und entgegen allen Normen des Völkerrechts in die Verfassung der Russischen Föderation eingetragen wurden.

Das ist der neutrale Status der Ukraine und Garantien dieses neutralen Status. Im Grunde ist das die Verwandlung der Ukraine in ein russisches Protektorat. Und wir sehen, dass es den Russen selbst zwei Jahre nach dieser Rede Putins vor dem Kollegium des Außenministeriums der Russischen Föderation nicht gelungen ist, bei der Erfüllung dieses Kriegsziels auch nur einen Schritt voranzukommen, aber Putin hält hartnäckig daran fest. Wiederum deshalb, weil er in einer imaginären Welt leben will.

Gestern sahen wir eine völlig unglaubliche Erklärung des Präsidenten der Russischen Föderation, warum seine Oreschnik-Komplexe auf dem Gebiet des besetzten Donbas und in Garagen von Bila Zerkwa niedergegangen sind. Es stellte sich heraus, dass die Russen all das absichtlich getan hätten, sogar absichtlich jenes Gebiet bombardiert hätten, das sie kontrollieren. Und Putin will wirklich, dass man das glaubt.

In dieser Situation, wie wir sehr gut verstehen, konnte niemand der Idee zustimmen, dass die Russische Föderation absichtlich mit der Oreschnik auf Scheunen und auf ihr eigenes kontrolliertes Gebiet geschossen habe. Nicht auf ihr eigenes Gebiet aus Sicht des Völkerrechts, sondern auf eigenes Gebiet, das von russischen Truppen kontrolliert wird. Aber Putin erklärte, dass auf diese Weise sowohl Bila Zerkwa als auch der besetzte Donbas von den Russen als eine Art Übungsplatz genutzt worden seien.

Heute gibt es, wie ich finde, einen noch besseren Satz. Man kann solche Zitate des lügnerischen Putin sammeln und dann mit ihnen operieren: „Die Russische Föderation geht bewusst auf eine Abkühlung der Wirtschaft ein, um ihrer Gesundheit willen.“ Das heißt, die Russische Föderation arbeitet selbst daran, dass ihre Wirtschaft in die Knie geht, denn nur auf Knien, in einer solchen Haltung, ist die russische Wirtschaft gesund. Zuerst stand ganz Russland von den Knien auf, jetzt geht ganz Russland auf die Knie. Das ist so eine körperliche Übung hin und her. Es ist klar, wozu sie nötig ist. Und ich denke, das zeigt im Prinzip auch, dass Putin die Probleme der Wirtschaft erkennt.

Er erkennt übrigens auch an, dass ukrainische Angriffe auf die Infrastruktur tatsächlich ein Problem für Russland sind und tatsächlich Probleme für die russische Wirtschaft schaffen. Aber für Putin bedeutet das nur eines: das Luftverteidigungssystem der Russischen Föderation zu stärken. Und trotz dieser Abkühlung der russischen Wirtschaft sieht Putin zugleich keine Probleme für sie.

Das ist die Logik oder Unlogik seiner heutigen Rede zu Zelenskys Brief und zu den russisch-ukrainischen Verhandlungen. Übrigens ist ein wichtiger Teil dieser Antwort die unerwartete Erzählung über irgendeinen russischen Geschäftsmann, der, wie sich herausstellt, in Kyiv war, nachdem ihn die ukrainische Seite zu Verhandlungen eingeladen hatte.

Das ist eine weitere ziemlich phantasmagorische Geschichte. Natürlich wäre es wünschenswert, auch dazu einen Kommentar aus Kyiv zu erhalten. Trotzdem taucht irgendein von Putin nicht namentlich genannter russischer Geschäftsmann auf. Auch Juri Uschakow, der außenpolitische Berater des Präsidenten der Russischen Föderation, wollte seinen Namen später nicht nennen. Und dieser Geschäftsmann sagt Putin, er habe von der ukrainischen Seite eine Einladung erhalten, nach Kyiv zu irgendwelchen Verhandlungen über ein mögliches Ende des Krieges zu kommen.

Und Putin sagt ihm irgendwelche seltsamen Dinge: „Na, fahr hin, ich kann es dir ja nicht verbieten.“ Wie, du kannst nicht? Du kannst es wohl. Was ist das denn für ein Mensch, dem du eine Reise in die Hauptstadt eines dir feindlichen Staates nicht verbieten kannst? Und wenn du bereit bist, dieser Reise zuzustimmen, dann bedeutet das, dass sie für dich selbst notwendig ist.

Und dieser Mensch fährt also nach Kyiv, führt dort angeblich irgendwelche Konsultationen, und dann, als er zurückfliegt, passiert die Geschichte mit Starobilsk. Putin beginnt, diesen Menschen zu fragen: „Wie kann das sein? Sie wollen doch Frieden und töten Kinder.“ Und damit endet alles.

Absolute Phantasmagorie. Es stellt sich also heraus, dass es außer Kushner und Witkoff, die entweder nach Russland fahren oder nicht nach Russland fahren – wir haben heute dazu zwei widersprüchliche Kommentare erhalten: Der Pressesprecher des Präsidenten der Russischen Föderation Peskow sagte, sie fahren nicht, und der Berater des Präsidenten der Russischen Föderation Uschakow sagte, sie fahren –, also fahren sie oder fahren sie nicht? Es gibt irgendeinen anonymen russischen Geschäftsmann, der versucht, mit Putin die Frage seiner eigenen Reise nach Kyiv und der Verhandlungen mit der ukrainischen Führung über für Putin grundsätzliche Probleme zu lösen. Und Putin stimmt dem zu.

Auch das ist eine völlig seltsame Geschichte. Seltsam ist, dass Putin beginnt zu sagen: „Wir haben solche nichtöffentlichen Kontakte mit der ukrainischen Führung, aber wenn Zelensky Briefe schreibt, dann mache ich diese Kontakte öffentlich.“ Nun, auch das ist eine sehr seltsame Sache. Denn du selbst hast gestern öffentlich erzählt, wie du den Verhandlungsprozess mit der Ukraine aufbauen willst, welche Verhandlungsbedingungen es gibt, welche Forderungen du an die Ukraine stellst, welche Rolle die Vereinigten Staaten haben sollen. Du hast das alles beim Treffen mit Journalisten aus verschiedenen Ländern der Welt erzählt. Zelensky hat dir einen offenen Brief geschrieben, der sich inhaltlich in Bezug auf Vorschläge durch nichts von dem unterscheidet, was du auf der Pressekonferenz vor Journalisten gesagt hast.

Also machst auch du diesen Dialog öffentlich, und er macht diesen Dialog öffentlich. Ihr beide tut das. Warum hast du beschlossen, über die Reise deines sogenannten Geschäftsmannes in die ukrainische Hauptstadt zu erzählen? Man kann sich natürlich vorstellen, dass dieser Geschäftsmann der bekannte Oligarch Roman Abramowitsch ist, der 2022 am Verhandlungsprozess beteiligt war und, so scheint es, sowohl während der Verhandlungen in Minsk als auch während der Verhandlungen in der Türkei. Und die ukrainische Seite war an seiner Teilnahme an diesen Verhandlungen interessiert, unter anderem, weil man hoffte, Abramowitsch könne Putin auch in Fragen der Freilassung von Gefangenen aus russischer Gefangenschaft beeinflussen.

Mir scheint, dass all das übertrieben war. Zugleich nutzte Abramowitsch diese Kontakte in Kyiv, um vor allem den Sanktionen der Vereinigten Staaten zu entgehen und so nicht nur seine Vermögenswerte zu bewahren, sondern auch mögliche Gelder Putins und anderer russischer Beamter, die auf seinen eigenen Konten untergebracht sind. Aber das sind alles Annahmen dessen, was wir wirklich nicht wissen: welche Person tatsächlich mit dieser Vermittlungsmission nach Kyiv gefahren sein könnte und ob es diese Person überhaupt gab. In Wirklichkeit ist auch das eine Frage, die in dieser Situation nicht einfach zu beantworten ist.

Was bleibt nun, wenn wir verstehen, dass es einen Abnutzungskrieg gibt? Russland erschöpfen, erstens, und dann die öffentliche Meinung verändern. Nun, schauen Sie: Auch wenn Präsident Trump heute sagt, Zelensky und Putin müssten den Krieg selbst untereinander klären, entwickeln sich die politischen Realitäten in den USA inzwischen in eine ganz andere Richtung.

Das Repräsentantenhaus des amerikanischen Kongresses hat mit Stimmenmehrheit ein Gesetz zur Unterstützung der Ukraine angenommen. Ein ziemlich großes Gesetz, das im Grunde ein Gesetz der Solidarität mit unserem Land ist, in dem sowohl von der Wiederherstellung von Lend-Lease als auch von der Wiederherstellung der Militärhilfe die Rede ist, von Geld für die Ukraine und für unsere NATO-Verbündeten zur Herstellung von Waffen für die Ukraine und von Hilfe für die baltischen Staaten, die die nächsten Opfer russischer Aggression werden könnten, sowie von der großen Rolle der Vereinigten Staaten in der NATO.

Ich erinnere Sie daran, dass all dies dasselbe Repräsentantenhaus des amerikanischen Kongresses verabschiedet hat, in dem die Republikaner die Mehrheit der Stimmen haben. 18 Republikaner – das ist eine große Zahl – schlossen sich den Demokraten in dem Wunsch an, die historische Rolle der Vereinigten Staaten wiederherzustellen, die im letzten Jahr im Grunde zertreten wurde. Und das ist die Stimmung der amerikanischen Gesellschaft, das ist die Stimmung des amerikanischen Volkes. Man braucht daran nicht zu zweifeln, dass die Amerikaner so denken.

Und der Sprecher des Repräsentantenhauses Mike Johnson. Wir wissen von seinen engen Verbindungen zu Trump. Wir erinnern uns, wie er das vorherige Gesetz zur Hilfe für die Ukraine nicht zur Abstimmung im Repräsentantenhaus stellte, bis er von Trump grünes Licht erhielt. Damals fand sich kein einziger Republikaner, der Demokraten in dem Versuch unterstützt hätte, das Gesetz zur Hilfe für die Ukraine ohne Zustimmung des Sprechers zur Abstimmung im Repräsentantenhaus zu bringen. Jetzt aber haben die Republikaner die Mehrheit, und ein solches Gesetz ist durchgegangen.

Natürlich kann die Frage entstehen, wie die Situation mit der weiteren Entwicklung der Ereignisse grundsätzlich aussehen soll. Ja, ich bin weit davon entfernt zu glauben, dass ein solches für die Ukraine sehr wichtiges Gesetz in den Vereinigten Staaten tatsächlich vollständig verabschiedet werden kann, denn dafür müsste es im Senat zur Abstimmung gestellt werden. Und im Senat muss es natürlich vom Vorsitzenden der republikanischen Mehrheit zur Abstimmung gestellt werden. Dort kann man seinen Willen nicht umgehen. Und diese Person wird dieses Gesetz kaum ohne Zustimmung von Präsident Trump zur Abstimmung stellen.

Selbst wenn man sich eine solche phantasmagorische Situation vorstellt, in der der Vorsitzende der republikanischen Mehrheit im Senat seine Absichten nicht mit dem Weißen Haus abstimmt und das Gesetz in den Senat geht, und ich bin sicher, dass es im Senat Republikaner geben wird, die ebenfalls die Demokraten unterstützen, und das Gesetz wird angenommen werden. Präsident Trump kann dagegen sein Veto einlegen, weil er meinen wird, dass dies seine herzlichen Beziehungen zu Präsident Putin verschlechtert.

Zugleich aber verstehen wir, dass die Situation aus Sicht der öffentlichen Meinung vor den Wahlen zum amerikanischen Kongress, diesen berühmten Zwischenwahlen, überzeugend aussehen wird.

Dass sich die Stimmung vieler Republikaner so verändert, zeigt, dass sie gezwungen sind, mit der Sichtweise ihrer Wähler zu rechnen. Und wenn sie für die Begrenzung der präsidialen Befugnisse im Krieg gegen den Iran stimmen und wenn sie für Hilfe für die Ukraine stimmen, bedeutet das, dass sie den Atem dieser Wahlen im Rücken spüren und verstehen, dass sie reale Möglichkeiten haben, alles zu tun, um den Wählern zu gefallen, und dass sie glauben können, dass nicht mehr die Unterstützung Trumps, sondern gerade die Stimmung der Wähler ihnen die Wiederwahl garantieren kann.

Und das bedeutet, dass Trump bereits im Herbst in einer völlig anderen Situation sein könnte – selbst mit dem derzeitigen Kongress, der seine Amtszeit noch zu Ende führen wird. Und das ist eine wichtige Sache, an die wir uns ebenfalls erinnern müssen, wenn wir diese ganze Situation diskutieren.

Ich beantworte einige Fragen, die während dieser Übertragung gestellt wurden.

Frage: Kann man in Putins Erklärungen überhaupt irgendwelche Hinweise darauf sehen, was er tatsächlich zu tun beabsichtigt, oder ist das einfach weißes Rauschen?

Portnikov: Ja, in Putins Erklärungen kann man reale Hinweise darauf sehen, was er zu tun beabsichtigt. Er beabsichtigt weiterzukämpfen. Er beabsichtigt, Raketenschläge gegen Kyiv und andere Städte und Dörfer der Ukraine zu führen. Er beabsichtigt, Armadas von Drohnen in die Ukraine zu schicken. Er ist zu einem mehrjährigen Abnutzungskrieg bereit. Das sind seine realen Absichten.

Aber Absichten und Möglichkeiten sind nicht dasselbe. Bisher sehen wir in seinen Erklärungen keine Hinweise auf die Notwendigkeit einer allgemeinen Mobilmachung, die aus Sicht russischer Generäle die Besetzung neuer ukrainischer Gebiete beschleunigen sollte. Und es ist eine große Frage, inwieweit das die Situation wirklich verändern kann, wenn wir doch verstehen, dass der Krieg jetzt immer technologischer wird.

Frage: Welche Veränderungen erwarten Sie im Krieg nach dem Erscheinen unserer ballistischen Raketen im Sommer oder Herbst?

Portnikov: Noch einmal: Wichtig ist, inwieweit wir entweder mit Ballistik oder mit Drohnen oder mit irgendwelchen anderen nichtballistischen Raketen einen realen Schlag gegen den Ölraffineriekomplex der Russischen Föderation, gegen den militärisch-industriellen Komplex der Russischen Föderation und gegen die russische Logistik führen können. Wenn wir einen realen Schlag führen können, wird sich die Zeit, in der der Krieg weitergeht, verkürzen. Wenn wir es nicht können, wird sie sich nicht verkürzen. All das ist sehr einfach. Natürlich können ballistische Raketen dabei helfen, wenn sie tatsächlich erscheinen. Aber wenn Sie von Sommer oder Herbst sprechen, wissen Sie selbst nicht, ob sie im Sommer oder im Herbst verfügbar sein werden. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass wir heute wissen, wann genau das geschehen wird.

Frage: Müssen die Ukrainer die Europäer wirklich vor einem Krieg auf ihrem eigenen Territorium warnen, wenn ein solcher Krieg derzeit wenig wahrscheinlich erscheint? Oder sollte man sie nicht umgekehrt dazu ermutigen, uns Waffen zu übergeben, statt sie bei sich zu horten?

Portnikov: Wir müssen die Europäer nicht vor einem Krieg auf ihrem eigenen Territorium warnen. Tatsache ist jedoch, dass russische Raketen- und Drohnenangriffe auf europäische Länder, die an die Ukraine grenzen, durchaus möglich sind. Und das kann in verschiedenen Situationen geschehen. Die Arbeit russischer Sabotage, die übrigens heute zu einer Explosion im rumänischen Hafen Constanța geführt hat, ist ebenfalls Teil der Aggression. Darüber haben übrigens auch der Präsident Rumäniens, Nicușor Dan, und die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen gesprochen. Auch das kann Teil eines solchen Spiels sein.

Ich halte Raketen- oder Drohnenschläge gegen das Territorium von NATO-Mitgliedstaaten keineswegs für so unmöglich. Denn aus logischer Sicht: Wenn wir verstehen, dass die Russische Föderation in dieser Situation tatsächlich die Notwendigkeit einer Skalierung des Krieges erkennen kann, dass die Russische Föderation versteht, dass die Waffen, mit denen die Ukraine tatsächlich gegen sie kämpft, aus Europa kommen und dass man mit der Ukraine nichts erreichen kann, ohne die Europäer einzuschüchtern – warum glauben Sie dann nicht, dass gegen irgendwelche militärischen Objekte in Europa ein Schlag geführt werden kann? Denn aus Sicht der Russen können solche Schläge die Europäer dazu zwingen, auf weitere Hilfe für die Ukraine zu verzichten.

Was die Tatsache betrifft, dass die Europäer Waffen bei sich horten: Sie horten diese Waffen ohnehin und übergeben uns nicht so viel, wie sie für ihre Sicherheit brauchen. Von unseren Erklärungen ändert sich die Menge der Waffen, über die die Europäer verfügen, nicht. Das hätten Sie bemerken können. Die Europäer haben uns sehr lange, sagen wir,     Waffen der älteren Generation nur dann übergeben, wenn man ihnen neue Waffen gibt. So machten es alle unsere Nachbarn. Und wir haben sie keineswegs mit irgendeinem russischen Angriff eingeschüchtert. Ihnen kam nicht einmal der Gedanke, irgendwelche Waffen zu übergeben, damit sie weniger Waffen im Arsenal haben. Man gab ihnen Waffen neuer Generation, neue Flugzeuge, irgendwelche anderen neuen Rüstungen – dann gaben sie uns etwas ab. Gab man ihnen nichts, gaben sie nichts ab. So wird es auch weiter sein. Erfinden Sie also nichts. Niemand wird euch etwas geben, das sich derzeit in den Beständen der Armeen Europas, der NATO oder der Vereinigten Staaten befindet. Wenn sie ihre Bestände aufgefüllt haben, geben sie euch etwas. Haben sie sie nicht aufgefüllt, geben sie euch nichts. Ob Sie darüber sprechen oder nicht sprechen, ist egal, denn so funktioniert die Armee.

Frage: Glauben Sie, dass eine Treibstoffblockade der besetzten Krim den Kreml zu einer Waffenruhe drängen kann?

Portnikov: Nein. Eine Treibstoffblockade der besetzten Krim wird den Kreml nicht zu einer Waffenruhe drängen, weil ihm die Krim egal ist. Und weil alternative Wege für die Lieferung von Treibstoff auf die Krim organisiert werden können, über die Krimbrücke, sagen wir, oder irgendwie noch per Fähre. Aber Russland wird keine Waffenruhe ausrufen. Glauben Sie mir, die Perspektive einer Waffenruhe im russisch-ukrainischen Krieg liegt heute bei null.

Eine Waffenruhe kann nicht infolge einer Treibstoffblockade der Krim eintreten, sondern nur infolge dessen, dass der Treibstoff in Russland selbst verschwindet, in Moskau, in anderen Regionen, wenn die Wirtschaft stehen bleibt. Wenn uns das gelingt, können erste Skizzen von Verhandlungen über eine Waffenruhe beginnen. Aber nur in dieser Situation. Die Probleme irgendeiner konkreten russischen Region oder besetzten Region werden nicht zu einer Änderung von Putins Linie führen. Verstehen Sie das.

Putin ist auf einen langen Krieg eingestellt und wird daran festhalten, solange er genug Menschen und Geld hat. Und so viele Jahre, wie Menschen und Geld reichen werden, so lange wird der Krieg weitergehen, selbst wenn sich der vierjährige Krieg in einen achtjährigen verwandelt. Ob Russland infolge unserer Schläge Ressourcen dafür hat, ist eine gute Frage.

Frage: Wie wahrscheinlich ist eine Mobilmachung in Russland im Herbst nach den Wahlen?

Portnikov: Mobilmachung und Wahlen haben überhaupt nichts miteinander zu tun. In Russland gibt es keine Wahlen. Es gibt eine Deklaration. Die Entscheidung darüber, welche Prozentsätze diese oder jene politische Kraft aus Putins Taschenparteien erhält, wird im Büro des stellvertretenden Leiters der Präsidialverwaltung der Russischen Föderation Sergej Kirijenko einige Monate vor den Wahlen getroffen. Und diese Prozentsätze werden anschließend der Zentralen Wahlkommission übermittelt, die dann die entsprechenden Resultate präsentiert. Wahlen gibt es in Russland nicht. In dieser Situation denke ich also, dass wir uns bewusst sind, inwieweit Putin grundsätzlich von irgendwelchen Wahlergebnissen unabhängig ist.

Zugleich kann er über Mobilmachung nachdenken, allein schon deshalb, weil seine eigenen Generäle Druck auf ihn ausüben können. Aber Mobilmachung in Russland außerhalb von Verträgen ist für die russische Wirtschaft ziemlich gefährlich und riskant.

  • Erstens wird ihre Abkühlung weitergehen. Und so viel Putin auch sagen mag, dass Abkühlung Gesundheit bedeutet – das ist, wie Sie verstehen, reine Demagogie.
  • Zweitens müssen wir uns ebenfalls bewusst sein: Eine enorme Zahl von Menschen wird Russland einfach verlassen, um einer möglichen Mobilisierung zu entgehen. Denn die meisten Menschen im wehrfähigen Alter in Russland wollen, wie Sie verstehen, überhaupt nicht an der ukrainischen Front sterben. Das würde einen weiteren Abfluss Hunderttausender Menschen aus der russischen Wirtschaft bedeuten, die auf die eine oder andere Weise dazu beitragen, dass sie sich noch über Wasser hält.

Ich kann mir also nicht sehr gut vorstellen, dass wir diese Massenmobilmachung so leicht und ohne Probleme für die Russische Föderation selbst sehen werden.

Und sagen Sie bitte: Sind Sie sicher, dass Putin in dem heutigen technologischen Krieg diese große Mobilmachung braucht? Ich habe keine solche Sicherheit, ehrlich gesagt. Wenn er zwischen einer Vertragsarmee, die für Geld kämpft, und einer Armee von Mobilisierten wählen muss, die noch ausgebildet werden müssen und überhaupt keinen Wunsch haben werden zu kämpfen, wird Putin natürlich die Armee der für Geld mobilisierten Vertragssoldaten wählen.

Aber darin liegt ein anderes, ziemlich ernstes Problem: Putin weiß absolut nicht, was er tun soll, wenn diese Mobilisierten nach Hause zurückkehren. Auch das ist also eine sehr wichtige Frage, an die man denken muss. Wenn diese riesige Armee von Lumpenproletariern, die großes Geld erhielten und es außerhalb der Mobilisierung auf Vertragsbasis nicht erhalten werden, ins friedliche Leben zurückkehrt, und unter ihnen ist ein großer Teil Krimineller, dann kann in der Russischen Föderation eine ernste Sicherheitslage entstehen.

Übrigens gibt es einen neuen Kommentar Trumps im Zusammenhang mit den Verhandlungen. Trump hält es für möglich, dass der Konflikt in der Ukraine bald seinem Ende entgegengehen könnte. Er sagte, dass er selbst, Vizepräsident Vance und andere Vertreter des Weißen Hauses aktiv an der Regelung beteiligt seien. Und als er über Zelenskys Brief sprach, sagte er, er solle sich mit Putin einigen, und „er habe die Situation bis zu diesem Stadium gebracht. Ich hoffe, dass alles geregelt wird.“

Dieser Kommentar Trumps, den wir zu Beginn unseres Gesprächs vorläufig zitiert haben, bedeutet also nicht, dass der Präsident der Vereinigten Staaten sich einfach vom Verhandlungsprozess und vom Prozess der Regelung der Situation im russisch-ukrainischen Krieg abgrenzt. Nein, er will sagen, dass er bereits die Bedingungen geschaffen habe, unter denen Putin und Zelensky sich untereinander einigen können. In Wirklichkeit gibt es keine solchen realen Vereinbarungen, aber Trump will hoffen, dass es sie gibt.

Eine weitere interessante Nachricht des heutigen Tages ist übrigens das Treffen Putins mit dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder am Rande des Internationalen Wirtschaftsforums in Petersburg. Wie Sie wissen, wird Schröder von Putin als Vermittler bei den Verhandlungen mit der Europäischen Union vorgeschlagen. Putin trollt die Europäer damit offen. Und wenn man ihn daran erinnert, dass Schröder, nachdem er das Amt des Bundeskanzlers verlassen hatte, hochbezahlte Positionen in einer ganzen Reihe russischer Unternehmen innehatte, antwortet er darauf, dass Schröder in Wirklichkeit ein herausragender Staatsmann sei und keineswegs sein Einflussagent. Obwohl Sie sehen, dass Schröder wie ein Hündchen auf diese Putin-Foren kommt, sich mit ihm trifft und, milde gesagt, nicht wie ein Mensch aussieht, dem irgendein realer westlicher Politiker ernsthaft vertrauen könnte. Auch das ist eine völlig offensichtliche Sache. In dieser Situation, wie wir verstehen, ist das einfach Spott über Europa.

Aber die Europäer bestehen weiterhin darauf, dass sie zu Verhandlungen mit der Russischen Föderation über die Ukraine bereit sind. Heute trat der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz mit einer solchen Erklärung auf. Er nannte keine realen Details der Bereitschaft der Europäer. Aber so oder so verstehen wir, dass auch die Europäer, wie die Ukrainer, beweisen wollen, dass sie zu Verhandlungen bereit sind.

Frage: Wenn Zelensky Sie gebeten hätte, bei der Abfassung dieses Briefes an Putin zu helfen, was hätten Sie vielleicht hinzugefügt oder gestrichen?

Portnikov: Aber das hat doch überhaupt keine Bedeutung. Sie nehmen diesen Brief die ganze Zeit als irgendeine Plattform für Verhandlungen mit Russland wahr. Dabei ist dieser Brief Spott. Das ist ein satirischer Brief, der darauf abzielte, Putins eigene Tagesordnung zu überlagern. Ich verstehe nicht, warum eine riesige Zahl von Menschen die ganze Zeit denkt, Zelensky habe Putin wirklich ein Treffen vorgeschlagen als Antwort darauf, dass Putin sich mit Zelensky treffen wolle. Ich wiederhole: Ein Treffen Putins mit Zelensky zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges war von Putin nicht geplant, ist nicht geplant und wird in absehbarer Perspektive nicht geplant werden.

Die reale Zukunft ist ein Abnutzungskrieg, der noch lange Jahre dauern kann. Die reale Möglichkeit, diesen Krieg zu verkürzen, sind ausschließlich Schläge gegen das russische Potenzial. Wenn uns das nicht gelingt, wird der Krieg sowohl in den 2020er als auch in den 2030er Jahren dieses Jahrhunderts ohne jede Perspektive auf ein Ende weitergehen, selbst wenn Russland einen neuen Präsidenten haben wird. Verstehen Sie das und nehmen Sie es als Realität der Zukunft an.

Und ich sage die ganze Zeit: „Der Weg liegt nicht in Briefen, der Weg liegt in der Zerstörung des russischen Potenzials.“ Es hat überhaupt keine Bedeutung, was Zelensky in diesem Brief geschrieben hat. Ich denke, Putin hat ihn auch nicht vollständig gelesen, sondern sich die Thesen angesehen. Das Wichtigste ist, dass es Zelensky gelungen ist, Putins Tagesordnung zu überlagern – das ist Informationskrieg. Zelenskys Briefe um etwas zu ergänzen oder etwas aus Zelenskys Briefen zu streichen, ist ganz sicher nicht mein Wunsch, weil ich überhaupt der Meinung bin, dass Informationskriege wenig ändern.

Im Krieg ändert sich nur eines: Eisen und Blut. Alles andere ist Beilage. Man kann die Informationsagenda überlagern. Man kann sie nicht überlagern. Wenn Russland Raketen, Drohnen und Soldaten haben wird, werden Raketen und Drohnen in den nächsten Jahren auf unsere Köpfe fliegen, und Soldaten werden versuchen, durch Kill Zones durchzubrechen, um neue ukrainische Gebiete zu besetzen.

Alles andere ist das, was wir als Zusatz zu dieser tödlichen kritischen Situation besprechen, in der wir bereits seit zwölf Jahren leben. Aus Sicht des großen Krieges vier Jahre, in denen wir vielleicht noch lange Jahre leben können.

Nicht PR, nicht Briefe, nicht Pressekonferenzen – Eisen und Blut bestimmen, wer am Ende dieses riesigen Dramas des 21. Jahrhunderts am Leben bleiben wird und wer das Ende des Krieges, wann immer es stattfinden mag, nicht mehr erleben wird. 

Dabei ist nichts Schlechtes daran, dass man die Informationsagenda des Anführers eines aggressiven Landes überlagert. Wie man es kann, so überlagert man sie. Was macht das für einen Unterschied? Das ist so, als hätten Sie mich gefragt, was ich den Humoresken von Schwanetski, wenn man so will, hinzufügen oder daraus streichen würde. Man muss zuhören. Zuhören und vergessen. Und darüber nachdenken, wozu all das geschrieben wurde.

Das ist doch Beilage zur Politik, verstehen Sie? Während des Krieges ist Politik nicht Wort, sondern Tat. Wenn Zelensky seine Idee von Schlägen gegen Russland in die Tat umsetzt, wird das eine reale Antwort sein. Wenn er sie nicht umsetzt, wird auch das eine Demonstration unserer realen Möglichkeiten sein.

Dasselbe gilt für Putin. Wenn er eine ukrainische Stadt nach der anderen in Ruinen verwandelt und ihre Bevölkerungszahl verringert, wird das Realität sein. Wenn er das nicht kann, wird es eine andere Realität geben.

Eisen, Menschen und Geld – das wird unsere Realität in den 2020er und vielleicht auch in den 2030er Jahren im Krieg mit der Russischen Föderation bestimmen, die bereits 2022 vollständig auf einen Abnutzungskrieg gesetzt hat. Und dieser Abnutzungskrieg geht weiter. Nur haben wir in diesem Krieg bereits bewiesen, dass wir ihn zu zweit spielen können. Das ist es, was sich 2026 geändert hat.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Виступ Путіна у Петербурзі: головне | Віталій Портников. 05.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 05.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Zelenskys Brief und Putins Drohungen | Vitaly Portnikov. 04.06.2026.

Buchstäblich wenige Minuten vor unserem geplanten Treffen in der Sendung – und ich wollte mit Ihnen vor allem über die heutigen Erklärungen des Präsidenten der Russischen Föderation Putin auf der Pressekonferenz in Sankt Petersburg sprechen, bei dem traditionellen Treffen des russischen Präsidenten mit den Leitern führender Nachrichtenagenturen der Welt am Rande des Internationalen Wirtschaftsforums in Petersburg –, erschien ein offener Brief des Präsidenten der Ukraine Volodymyr Zelensky an seinen russischen Kollegen mit dem Vorschlag, ein Treffen abzuhalten und den Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu beenden.

Das ist, wie mir scheint, ein ziemlich wichtiger Brief, weil er zumindest zeigt, wie die Positionen Russlands und der Ukraine zu möglichen Verhandlungen über die Beendigung des Krieges aussehen. Wie ernst man die Drohungen des russischen Präsidenten Putin nehmen kann und wie die ukrainische Verhandlungsposition aussehen könnte, falls der Dialog zwischen Moskau und Kyiv stattfindet. Der Brief von Präsident Zelensky ist ein ziemlich detailliertes Dokument, in dem vieles angesprochen wird, darunter auch die Situation in der Russischen Föderation selbst und die Frage, wie der Verhandlungsprozess aussehen soll.

Aber was unterscheidet, würde ich sagen, die anfänglichen Verhandlungspositionen von Wladimir Putin und Volodymyr Zelensky grundsätzlich? Putin betont während seines Treffens mit Journalisten wiederholt, dass der Verhandlungsprozess ausschließlich auf Grundlage jener Vereinbarungen erfolgen könne, die in Anchorage erzielt wurden. Und die Verhandlungen müssten auf der Grundlage jener Kompromisse stattfinden, die von den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation erreicht wurden. Und die Europäer könnten an den Verhandlungen teilnehmen, aber eben auf Grundlage dieser Positionen.

Dabei haben wir nie im Detail gewusst, was in Anchorage eigentlich erreicht wurde. Wir waren Zeugen der Pressekonferenz, mit der dieses Treffen der Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation endete. Wir sahen, dass Donald Trump während dieses sehr kurzen, für einen amerikanischen Präsidenten ungewöhnlich kurzen Treffens mit der Presse sagte, es seien keine Vereinbarungen erzielt worden, und das Treffen mit Putin verließ.

Dabei verließ er es, würde ich sagen, mitten im protokollarischen Ablauf, als noch eine weitere Verhandlungsrunde der Delegationen stattfinden sollte, als noch ein gemeinsames Abendessen der Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation vorgesehen war. Trump blieb nicht zu diesem Abendessen. Er flog nach Washington und ließ Putin allein in Alaska zurück. Und der Protokolldienst des Präsidenten der Russischen Föderation suchte, würde ich sagen, im Notfallmodus irgendwelche Termine für Putin, die seinen Aufenthalt auf amerikanischem Boden ohne Begleitung von Präsident Trump oder irgendeines anderen amerikanischen Beamten rechtfertigen sollten – Beamte, die Putin nicht einmal am Flughafen verabschieden wollten. Ein unglaublicher Kontrast zu Putins Begrüßung an der Flugzeugtreppe in Anchorage durch Donald Trump persönlich und eine Demonstration der Verärgerung des amerikanischen Präsidenten.

Was ist dort eigentlich geschehen? Worüber haben sie sich geeinigt? Und was ist dieser Geist von Anchorage, auf dem die russische Seite stets bestand und den die amerikanische stets bestritt? Wir wissen es bis heute nicht. Aber wir können annehmen, dass der Geist von Anchorage aus Sicht der Russischen Föderation der Abzug ukrainischer Truppen zumindest aus dem Gebiet der Oblast Donezk ist, aus jenem Teil des Territoriums, der heute von ukrainischen Truppen und der legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert wird.

Und russische Beamte haben wiederholt betont, dass gerade der Abzug der Truppen die Grundlage für Friedensverhandlungen bilden könne. Darin konnte man ausschließlich den Wunsch der Russischen Föderation erkennen, ein befestigtes Gebiet in der Oblast Donezk kampflos einzunehmen, um zur Besetzung weiterer ukrainischer Gebiete überzugehen. Nicht mehr und nicht weniger. Mit der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges hat das keinerlei Bedeutung.

Aber der Präsident der Ukraine sagt in seinem Brief ganz klar: „Selbst wenn Ihnen in Anchorage, in Alaska, etwas versprochen wurde – wir haben gehört, dass Ihnen dort die Lösung bestimmter Fragen versprochen wurde, die die Ukraine und Europa betreffen –, sehen Sie doch selbst: Ukrainische und europäische Fragen werden nicht in Anchorage entschieden.“ Das ist ein völlig klares Angebot, russisch-ukrainische Verhandlungen mit einem leeren Blatt Papier zu beginnen.

Und Zelensky erklärt auch, warum dies seiner Ansicht nach notwendig ist: Vitaly „Der Krieg ist inzwischen auf das Territorium der Russischen Föderation selbst übergegangen. Ihre eigenen Regierungsvertreter, Geschäftsleute und Propagandisten betrachten Sie bereits mit unverkennbarer Ermüdung. Die Welt sieht das. Die Welt ist der Ukraine nicht überdrüssig, Russland jedoch schon – selbst jene Teile der Welt, die Ihnen helfen, Sanktionen zu umgehen und Ihre Wirtschaft über Wasser zu halten. Das können Sie nicht übersehen. Nach 26 Jahren beginnt das Alter seinen Tribut zu fordern. Und je weiter, desto größer wird die Müdigkeit sein, die man Ihnen entgegenbringt“, schreibt Zelensky.

Putin hat im Grunde bereits auf seiner Pressekonferenz darauf geantwortet, indem er betonte, dass die Gerüchte über seinen Tod, also über eine mögliche Niederlage Russlands im Krieg, wie er scherzte, stark übertrieben seien. Und das ist ein völlig klarer Satz. Putin erklärte, dass es für den Beginn von Verhandlungen in der Ukraine keine Notwendigkeit gebe, die Kampfhandlungen einzustellen. „Umso mehr, als Russland sich in der Oblast Saporischschja jeden Tag kilometerweise vorwärtsbewegt. Und gerade deshalb möchte die Ukraine eine Einstellung der Kampfhandlungen.“ Es sei also besser, den Krieg insgesamt zu beenden und nicht die Kampfhandlungen in der Ukraine auszusetzen. Das sind im Prinzip die Erklärungen Putins.

Zugleich können wir sehen, dass Putin trotz aller optimistischen Aussagen über die Beendigung der Kampfhandlungen gezwungen ist, sich dafür zu rechtfertigen, wie eben diese Kampfhandlungen seitens der Russischen Föderation geführt werden. Ich halte Putins sensationellste Aussage während dieser Pressekonferenz für seine Erklärung, Russland habe absichtlich mit der Oreschnik auf eine Scheune in Bila Zerkwa geschossen und absichtlich mit der Oreschnik auf das besetzte Gebiet in der Oblast Donezk geschossen.

Sie wissen, dass die Streitkräfte der Ukraine zuvor betonten, dass die Oreschnik Garagen auf dem Gebiet von Bila Zerkwa getroffen habe und dass eine der Raketen auf dem Gebiet der Oblast Donezk, der sogenannten DNR, niedergegangen sei. Und Putin bestritt dies nicht, sondern begann zu erklären, dass es aus irgendeinem Grund keinen einzigen Test der Oreschnik auf dem Territorium der Russischen Föderation auf einem Übungsplatz gegeben habe. Deshalb teste man sie einfach auf dem Gebiet der Ukraine, um zu verstehen, wie man in städtischer Bebauung schießt. Und deshalb sei die Rakete auf dem Gebiet von Bila Zerkwa und auf dem Gebiet der sogenannten DNR niedergegangen. Auf dem Gebiet Russlands selbst, betonte Putin, sei die Oreschnik nie getestet worden.

Und hier habe auch ich eine ziemlich gute Frage an Putin. Was ist dann eigentlich das Gebiet der sogenannten Donezker Volksrepublik? Wenn in der Verfassung der Russischen Föderation die Donezker Volksrepublik als eines der Subjekte der Russischen Föderation bezeichnet wird, wenn die Russische Föderation verspricht, die Kampfhandlungen an der russisch-ukrainischen Front zu beenden, falls die ukrainischen Truppen das gesamte Gebiet der Donezker Oblast der Ukraine verlassen, Putin aber sagt, dass die Oreschnik auf dem Gebiet Russlands nie getestet worden sei, nachdem sie sozusagen auf dem Gebiet der Donezker Oblast getestet wurde. Was ist dann diese Donezker Volksrepublik? Russland oder nicht Russland?

Gibt es also ein Russland, auf dessen Territorium die Oreschnik nicht getestet werden darf? Und gibt es ein Russland, auf dessen Territorium man mit der Oreschnik schießen kann? Das ist doch wirklich keine schlechte Frage. Genau diese Frage scheint mir die Hauptfrage dieser Pressekonferenz des russischen Präsidenten zum ukrainischen Thema zu sein.

Natürlich sprach Putin wie immer ziemlich lange darüber, wie das Verfahren zur Unterzeichnung von Dokumenten mit der Ukraine aussehen sollte. Er sagte erneut, dass die Russische Föderation Dokumente mit der Ukraine, mit einem legitimen Vertreter der Ukraine unterzeichnen wolle und dass dies keine Laune sei. Dann begann er aber zu sagen, dass in Wirklichkeit verschiedene Menschen im Namen Kyivs ein Abkommen unterzeichnen könnten, darunter der Vorsitzende der Werchowna Rada oder Zelensky selbst. Und dies werde von den Dokumenten abhängen. Und diejenigen zu finden, die Dokumente im Namen der Ukraine unterzeichnen können, wäre möglich, wenn der Wunsch bestünde. Und er nannte das künftige Abkommen mit Kyiv ein Abkommen von historischer Bedeutung.

Also, noch vor Kurzem galt, dass Zelensky kein Abkommen mit Moskau unterzeichnen könne, weil er aus Putins Sicht illegitim sei. Jetzt sieht es so aus, als könne es vom Dokument abhängen, wer was unterzeichnet. Das ist ebenfalls eine völlig erstaunliche Erklärung, wie Sie verstehen, die erneut zeigt, dass Putin für den Fall vorsorgt, dass er tatsächlich etwas mit der Ukraine unterschreiben muss.

In dieser Hinsicht hat sich wenig geändert seit jener Zeit, als Russland versuchte, ukrainische Präsidenten als illegitim darzustellen und zu behaupten, mit ihnen seien keine Vereinbarungen möglich. So war es mit Petro Poroschenko, so war es mit Volodymyr Zelensky. Und dann war Russland gezwungen zuzustimmen, dass man sich einigen und irgendwelche Dokumente mit dem legitimen Vertreter des ukrainischen Volkes, des ukrainischen Staates, unterzeichnen muss. Also mit dem amtierenden Präsidenten. Und ich habe wiederholt gesagt, dass man sich Putins Erpressung nicht beugen sollte, dass es in der Ukraine einen legitimen Präsidenten gibt. Und genau dieser legitime Präsident muss irgendwelche Dokumente unterzeichnen, falls irgendwann in absehbarer Zukunft plötzlich die Perspektive eines Friedensprozesses mit Russland entsteht, die Perspektive der Unterzeichnung irgendwelcher Dokumente während des Verhandlungsprozesses.

Während Putins Pressekonferenz kam erneut das Thema des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder auf. Und in dieser Situation sagte Putin, der Schröder bereits als Vermittler zwischen Russland und der Europäischen Union vorgeschlagen hatte, Schröder sei nicht Putins Freund. Obwohl wir wissen, dass Putin selbst wiederholt über Schröder als seinen Freund gesprochen hat. Schröder hat sich wiederholt der Freundschaft mit Putin gerühmt. Sondern ein Staatsmann, ein Politiker, der eine eigene Position und den Mut habe, diese zu verteidigen. Und einem Vermittler müssten aus Putins Sicht beide Seiten vertrauen, während die Europäische Union Russland eine strategische Niederlage zufügen wolle.

Es ist sehr merkwürdig, in einer solchen Situation von der Europäischen Union Vertrauen zu Schröder zu erwarten, der nicht nur stolz auf seine Verbindungen zu Putin und anderen Vertretern der russischen Kamarilla ist, sondern in Russland auch Gehalt für die Leitung von Energieunternehmen der Russischen Föderation erhielt, an die Putin sich bis heute erinnert. Denn er spricht weiterhin davon, dass der letzte Strang von Nord Stream 2, der von der Bundesrepublik Deutschland nicht zertifiziert wurde, jederzeit in Betrieb gehen könne. Und um ihn für den Betrieb wiederherzustellen, brauche es lediglich eine Entscheidung der Bundesrepublik. Und dass dieser Strang von Nord Stream 2 unter US-Sanktionen stehe, sei nicht zutreffend, da er in Deutschland nicht zertifiziert worden sei und ohne Zertifizierung nicht in Betrieb genommen werden könne.

Aber wie Sie sehen, interessiert Putin das überhaupt nicht. Und das bestätigt im Prinzip auch meine alte Schlussfolgerung: Nachdem Nord Stream 2 fertiggebaut worden war und dieser Strang existierte und Russland im Prinzip seine Gaslieferungen ohne Vermittlung des ukrainischen Gastransportsystems durchführen konnte, fasste Putin die endgültige Entscheidung zum Beginn der sogenannten speziellen Militäroperation in der Ukraine. Denn er glaubte, dass selbst die Stilllegung des ukrainischen Gastransportsystems dem Energietransit Russlands nach Deutschland und in andere europäische Länder kein Ende setzen würde. Und dass dieser zweite Strang nicht zertifiziert war, kümmerte ihn aus für mich unverständlichen Gründen nicht – vielleicht, weil Putin nicht verstand, wie europäische Gesetzgebung funktioniert.

Hier haben Sie also eine weitere Bestätigung der These, dass die Schaffung des endgültigen Modells eines russischen Gastransportsystems, das unter Umgehung des ukrainischen Gastransportsystems existieren kann, zur Tür in den großen Krieg in Europa wurde. Darüber haben wir mit unseren deutschen Kollegen und Freunden wiederholt gesprochen, und daran haben sie nie geglaubt, wiederum aus Gründen, die mir unverständlich sind. Vielleicht glaubten sie, wie auch die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel daran glaubte, dass das Niveau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und des Geldverdienens Putin von radikalen Entscheidungen über einen Angriff auf die Ukraine abhalten würde.

Mir scheint, dass westliche Politiker – und heute ist das vor allem der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump – die Bedeutung von Geld in der Politik überschätzen und nicht verstehen, dass es Menschen gibt, die die Umsetzung ihrer imperialen Ambitionen und geopolitischen Interessen weit über Geld stellen und auf das Leid ihrer Bevölkerung keine Rücksicht nehmen können. Aus dieser Sicht sind sowohl der Präsident der Russischen Föderation, Putin, als auch der Oberste Führer des Iran und der Vorsitzende der Volksrepublik China, Xi Jinping, Verbündete, weil ihnen ihre eigene Bevölkerung gleichgültig ist.

Deshalb scheint mir, dass die Hoffnungen des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky, die Probleme, die in Russland im Zusammenhang mit den ukrainischen Angriffen begonnen haben, vor allem in Bezug auf die russische Bevölkerung, könnten den Präsidenten der Russischen Föderation zu Verhandlungen mit der Ukraine bewegen, völlig vergeblich sind und auf einem Missverständnis der russischen gesellschaftlichen und politischen Realitäten beruhen.

Putin wird niemals wegen der Unzufriedenheit seiner Bevölkerung zu Verhandlungen gehen, denn im Unterschied zur ukrainischen Bevölkerung entscheidet die russische Bevölkerung in ihrem Land buchstäblich nichts und ist kein politisches Subjekt. Und war es auch nie. Vielleicht mit Ausnahme einiger Jahre in den 1990er Jahren des 20. Jahrhunderts, als ihre Stimmabgabe tatsächlich die politische Landschaft der Russischen Föderation bestimmte. Aber diese Zeiten liegen längst hinter uns. Und Putin hat alles Mögliche getan, damit die Russische Föderation niemals zu ihnen zurückkehrt.

Was den Präsidenten der Russischen Föderation meiner Ansicht nach jedoch tatsächlich dazu zwingen kann, den Krieg mit der Ukraine zu beenden, sind Ressourcenprobleme. Die Tatsache, dass der Russischen Föderation die Ressourcen für die Fortsetzung des Krieges fehlen. In diesem Brief von Präsident Zelensky heißt es im Prinzip auch, dass der ukrainische Geheimdienst Daten über die Pläne Russlands hat, den Krieg 2027–2028 fortzusetzen. Diese Information stimmt mit meiner Vorstellung überein, dass die 2020er Jahre des 21. Jahrhunderts für Putin ganz sicher eine Zeit der Fortsetzung des Krieges sind. Es heißt, der ukrainische Geheimdienst habe Daten über Pläne Russlands, Belarus in den Krieg hineinzuziehen.

Zugleich gibt es neben diesen völlig realistischen Einschätzungen dazu, wie viele schwere Jahre der russisch-ukrainische Krieg noch dauern kann, neben Geheimdiensteinschätzungen, die mit dem realen Bild dessen übereinstimmen, was heute geschieht, auch die völlig reale Feststellung, dass die Russische Föderation die Donezker Oblast in diesem Jahr nicht erobern wird und gezwungen sein wird, die Fristen ihrer Besetzung regelmäßig zu verschieben.

In Zelenskys Brief wird erneut betont, dass die Ukraine bereit ist, das Feuer für die Zeit der Verhandlungen vollständig einzustellen, und dass die Vereinigten Staaten von Amerika die Einhaltung der Waffenruhe überwachen könnten. Putin bleibt jedoch ein völlig klarer Anhänger der Idee, dass Verhandlungen auch während laufender Kampfhandlungen stattfinden können.

Wie Sie sich erinnern, wollte auch der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump vor Zelensky Putin vorschlagen, das Feuer für die Zeit der Verhandlungen einzustellen. Natürlich betraf das erste Telefongespräch zwischen Präsident Trump und Präsident Putin Anfang 2025 gerade die Notwendigkeit, russisch-ukrainische Verhandlungen durch eine Waffenruhe an der Frontlinie, an der Kontaktlinie zwischen den Truppen, zu beginnen. Sie wissen, dass Putin diesen Vorschlag des Präsidenten der Vereinigten Staaten konsequent ablehnte.

Danach begann Trump, ihn zu korrigieren. Zunächst sagte er, er habe Putin nie eine bedingungslose Waffenruhe vorgeschlagen. Das heißt, man ging davon aus, dass Russland irgendwelche Bedingungen für eine Waffenruhe stellen könne. Und später sagte der Präsident der Vereinigten Staaten, dass man im Prinzip auch während der Fortsetzung der Kampfhandlungen verhandeln könne.

Und mir scheint, dass gerade diese Idee, die im Wesentlichen eine Kapitulation Trumps vor Putin im Hinblick auf seine eigenen diplomatischen Bemühungen ist, jener Geist von Anchorage ist, auf den sich die Russen ständig berufen, und keineswegs nur das, was ausschließlich den Abzug ukrainischer Truppen aus dem nicht besetzten Teil der Donezker Oblast betrifft. Und daran muss man sich im Prinzip ebenfalls erinnern.

In dieser Hinsicht kann man also nicht sagen, dass wir irgendwelche wesentlichen Veränderungen in der Position der Russischen Föderation sehen. Aber wir sehen, dass Putin ständig von Verhandlungen spricht und dass er weder die Teilnahme des ukrainischen Präsidenten an diesen Verhandlungen noch dessen Unterschrift unter Dokumenten mehr ausschließt. Man kann nicht sagen, dass Zelenskys offener Brief den propagandistischen Effekt von Putins Auftritt in Russland selbst zunichtemachen wird, aber zweifellos wird auch Putin nun mit dieser Realität rechnen müssen.

Seine eigenen Thesen, die er während des Treffens mit den Leitern führender Nachrichtenagenturen äußerte, wie dieses Treffen in Russland selbst genannt wird, auf dem Petersburger Wirtschaftsforum, werden neben der faktischen Antwort von Präsident Zelensky auf die Thesen des Präsidenten der Russischen Föderation stehen. Das ist sicher nicht das, was Putin erreichen wollte. Und natürlich der Satz, dass Russland nicht vorhabe, Europa anzugreifen. Putin lachte sogar über diesen Satz. Aber ich möchte daran erinnern, dass der Präsident der Russischen Föderation über viele Jahre hinweg mit genau diesem Lachen auch auf die Frage antwortete, ob er die Ukraine angreifen werde, ob die Russische Föderation die Krim annektieren werde. Putin hielt sogar ganze Vorträge darüber, wie die Annexion der Krim durch die Russische Föderation auf dem postsowjetischen Raum eine ganze Büchse der Pandora öffnen würde, wenn es Ansprüche auf umstrittene Gebiete von allen gegen alle geben würde.

Aus dieser Sicht würde ich mich als Europäer von Putins Lachen nicht täuschen lassen, sondern mich vielmehr darauf konzentrieren, ein ernsthafteres Sicherheitssystem zu schaffen, um mich vor einem möglichen russischen Angriff zu schützen. Interessant ist auch, dass Putin weiterhin ein Mensch bleibt, der hofft, seine Schmeicheleien an Donald Trump würden ihm helfen, von der Ukraine irgendeine kapitulative Position zu erhalten. Heute sagte er erneut, dass der amerikanische Präsident Donald Trump aufrichtig nach Möglichkeiten zur Regelung der ukrainischen Krise suche, diese sich aber als komplizierter erwiesen habe, als Trump selbst erwartet hatte.

Er sagte, Trumps Vorschläge zur Ukraine könnten die Grundlage für Friedensabkommen sein, aber wir wissen nicht, wie diese Vorschläge Trumps aussehen sollen. Der Präsident der Vereinigten Staaten selbst hat wiederholt bestritten, dass er der Ukraine vorgeschlagen habe, die Donezker Oblast, ihren nicht besetzten Teil, den russischen Truppen zu übergeben.

Am interessantesten bleibt jedoch, dass Putin sogar jetzt weiterhin auf der nationalsozialistischen Gefahr seitens der Ukraine besteht. Darüber sprach er ziemlich lange. Und darüber, dass die Ukraine ein russischsprachiges Land sei. Er sagte, sogar ukrainische Nationalisten sprächen zu Hause Russisch.

Das ist überhaupt eine erstaunliche These, die im Prinzip zeigt, dass dieser Mensch weiterhin in irgendeiner völlig erfundenen Welt lebt. Ich werde jetzt natürlich, wie Sie verstehen, in unserer Sendung nicht bestreiten, dass es in der Ukraine viele Familien gibt, die zu Hause Russisch sprechen können. Menschen auf unseren Straßen sprechen Russisch. Jemand kann tatsächlich auf der Straße oder an öffentlichen Orten Ukrainisch sprechen und zu Hause mit Verwandten Russisch. Solche Fälle gibt es viele. Das kommt in einer Übergangszeit eigentlich immer vor.

Aber warum glaubt er, dass ukrainische Nationalisten Russisch sprechen? Warum sieht er nicht die Situation, in der Ukrainisch natürlich die Alltagssprache einer Familie sein kann, wenn das sogar in den Realitäten der Sowjetzeit so war? In der Sowjetzeit sprachen Menschen zu Hause ebenfalls Ukrainisch. Aber das ist einfach eine völlig erstaunliche Vorstellung von der Welt. Und ich denke, dass genau eine solche Vorstellung von der Welt den Anstoß für Putins Idee gab, Kyiv innerhalb weniger Tage einzunehmen.

Und jetzt ist es für ihn natürlich ein großes Problem, aus dieser Situation herauszukommen. Einerseits, indem er die Ukraine zwingt, Russland Zugeständnisse zu machen, und andererseits sehen wir in all diesen Erklärungen und Drohungen, darunter auch in der Drohung, die Oreschnik in dichter Wohnbebauung einzusetzen, ich betone das, seinen gewissen Wunsch, schneller aus diesem Konflikt herauszukommen – aber vorläufig, sagen wir, klar zu seinen eigenen Bedingungen.

Natürlich ist auch der Satz interessant, was er im Fall von Verhandlungen mit Volodymyr Zelensky sagen würde. Er würde sagen: „Gott sei Dank, dass all das zu Ende ist.“ Ich werde diesen Satz des russischen Präsidenten an den ukrainischen Präsidenten nicht für aufrichtig halten. Aber es ist klar, dass selbst dieser Satz zeigen soll, dass er kein großer Anhänger der Fortsetzung des Krieges ist, wie Zelensky selbst sagt, bis 2027–2028, zumindest in der russischen öffentlichen Meinung. Denn er sieht bereits, dass die Russen tatsächlich beginnen, dieses Krieges müde zu werden, und betont deshalb, dass er selbst sehr gerne möchte, dass er endet.

Er beginnt, die Ukraine zu beschuldigen, den Krieg nicht beenden zu wollen, und erzählt, welche Probleme die Ukraine mit der Armee, mit dem Personalbestand der Streitkräfte, mit Desertion und so weiter und so fort habe. Und auf diese Weise überzeugt er die Russen, dass man einfach Geduld haben müsse. Dieser Mangel an Soldaten in der Ukraine und mögliche russische Angriffe auf die Ukraine mit Hyperschallraketen und so weiter würden die ukrainische Führung dazu zwingen, den Krieg zu seinen, Putins, Bedingungen zu beenden. Dabei ist es erstaunlich, dass dieser Mensch diese Erklärungen buchstäblich am Tag nachdem wir über seiner Heimatstadt und der Stadt, in der jetzt dieses Petersburger Forum stattfindet, Brände aufflammen sahen, abgibt.

Und auch das widerlegt im Prinzip alle Vorstellungen von den Möglichkeiten der russischen Luftverteidigung. Wenn Putin behauptet, die Ukrainer hätten keine Luftverteidigung, während die Russen darüber verfügten, dann macht das natürlich einen guten Eindruck. Wir wissen, dass wir reale Probleme mit einem Mangel an Raketen für Patriots haben. Niemand verheimlicht das. Präsident Zelensky wandte sich sogar mit einem offenen Brief an den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Aber zugleich sehen wir doch die Aufnahmen des Brandes in Sankt Petersburg, den Angriff auf den Kreuzer direkt auf der Reede im Hafen von Kronstadt und die Probleme mit dem Petersburger Ölterminal, einem der wichtigen strategischen Objekte der Russischen Föderation.

Vor diesem Hintergrund selbstbewusst zu sagen, wie Putin, dass „wir keine Probleme mit dem Luftverteidigungssystem haben“ – vielleicht meint er Moskau, aber auch in Moskau brannte, wie Sie gesehen haben, ein Ölverarbeitungsbetrieb vor den Augen der gesamten russischen Hauptstadt. Ja, vielleicht glauben der Kreml, das Verteidigungsministerium und die Verantwortlichen im Zentrum Moskaus, dass sie vor ukrainischen Angriffen geschützt sind. Aber wiederum entwickelt sich der Krieg, wie Sie sehen. Und auch das ist ein wichtiger Moment der Wahrnehmung der Realität durch die Russen selbst und durch die Welt. Denn diesen Angriff auf Petersburg konnten alle anderen nicht übersehen. Und dass Russland unter den Bedingungen des neuen Krieges reale Probleme mit der Luftverteidigung hat, konnten andere ebenfalls nicht übersehen.

Übrigens ist gerade eben ein Kommentar des Kremls erschien, dass man dort den Brief Zelenskys gesehen habe. Putin werde später über ihn informiert. Wenn der ukrainische Präsident den russischen treffen wolle, könne er nach Moskau kommen. Im Prinzip ein erwartbarer Kommentar, der erneut zeigt, dass in der russischen politischen Führung niemand auch nur einen Schritt von jenen Thesen zurückweichen will, die Putin bereits wiederholt in seinen Erklärungen zu einem möglichen Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten geäußert hat.

Wie Sie sehen, wurde dieser Brief einfach zu einem weiteren Anlass, zu wiederholen, dass Zelensky, wenn er es brauche, in die russische Hauptstadt kommen könne. Das sind die Worte von Putins Pressesprecher Peskow.

Andererseits sehen Sie doch, wie schnell, wie operativ der Kreml auf den Brief des ukrainischen Präsidenten antwortet. Sie konnten ihn nicht ignorieren. Und auch das ist eine sehr wichtige Sache im Hinblick darauf, wie sich die Situation um diesen Brief entwickelt. Und ja, sie sind gezwungen, zumindest einen propagandistischen Schlag abzufangen.

Was andere Themen betrifft, würde ich sagen, dass Putin ebenfalls eindeutig versucht, ein Teilnehmer des Iran-Prozesses zu sein. Und er widmete dem Iran viel Raum in diesem Treffen mit Journalisten. Aber mir scheint, dass dies ebenfalls ein ziemlich naiver Wunsch ist, sich Trump als Vermittler zu empfehlen, denn bislang haben keinerlei Vermittlungsbemühungen Putins im Zusammenhang mit dem Iran irgendwelche Wirkung gezeigt, und es gab keine realen Möglichkeiten zu erkennen, dass Putin mit dem Iran tatsächlich etwas lösen kann. Und offensichtlich hat Trump ihm bereits wiederholt gesagt, dass er brauche, „dass du das Problem mit der Ukraine löst, und mit dem Iran werde ich selbst fertig“.

Umso mehr, als Putin keineswegs wie ein Vermittler aussieht, sondern wie ein echter Verbündeter des Iran. Auch während dieses Treffens mit Journalisten sagte er, dass das Volk des Iran seine Geschlossenheit und seinen Willen zum Kampf demonstriert habe. Und dieser Faktor der Geschlossenheit der Iraner müsse berücksichtigt werden, wenn wir das iranische Problem künftig lösen.

Wie Sie verstehen, ist in dieser Situation völlig offensichtlich, dass auch diese Bemühungen Putins kaum zu irgendeinem realen Ergebnis führen werden. Obwohl es für Putin sehr wichtig ist, die Frage seiner Beteiligung am iranischen Konflikt zu lösen.

Er sagt Trump – faktisch ist das an Trump gerichtet: „Ich glaube, dass die iranische Führung und das Volk des Iran uns voll und ganz vertrauen. Und künftig wird der Iran in diese Projekte eingebunden werden können , sobald wir das Anreicherungsniveau für friedliche Zwecke der Kernenergie und für unsere Atomprojekte im Iran gesenkt haben.“ Das ist also die Logik der Situation mit dem Iran, die nicht nur Trump, sondern auch den Iranern nicht besonders gefallen dürfte, die, wie mir scheint, nicht vorhaben, auf die Urananreicherung zu verzichten. Auch das ist ein ziemlich wichtiger Moment.

Das sind also die wichtigsten Punkte dieser Pressekonferenz des russischen Präsidenten und die wichtigsten Punkte des Briefes des Präsidenten der Ukraine an den Präsidenten Russlands.

Ich beantworte einiger Fragen, die während dieser Sendung bereits gestellt wurden.

Zuschauer: Der Text im Brief ist zwar gut geschrieben, aber es ist ein naiver Sinn erkennbar. „Ich schlage Ihnen ein Treffen vor.“ Zelensky glaubt weiterhin, dass es das Ende sein wird, sobald die Führer sich treffen und sich die Hand darauf geben.

Portnikov: Nun, ich weiß nicht, inwieweit Zelensky naiv an etwas glaubt, aber mir scheint, dass dieser Brief auch die Idee hat, den propagandistischen Effekt der Erklärungen Putins zu unterbrechen, der sagt, er sei zu Verhandlungen mit der Ukraine bereit. Putin sagt, er sei zu Verhandlungen mit der Ukraine unter bestimmten Bedingungen bereit. Und in der Ukraine sagt man, dass man selbst zu Verhandlungen bereit sei, und spricht ebenfalls über die eigenen Bedingungen. Und so ist die Welt gezwungen, nicht nur Putins Bedingungen, sondern auch Zelenskys Bedingungen zu diskutieren.

Frage: Ist dieser Brief nicht, sagen wir, an den inneren Adressaten gerichtet?

Portnikov: Nein, ist er nicht, denn jetzt erscheint er auf den Tickerseiten aller größten Nachrichtenagenturen. Sie können selbst nachsehen: Im globalen Kontext wird dieser Brief als Hauptnachricht neben Putins Pressekonferenz präsentiert. Das heißt, Putins Pressekonferenz ist Propaganda. Sie ist auf eine bestimmte Propagierung der russischen Position angelegt. Zelenskys Brief ist Gegenpropaganda. Er ist auf die Propagierung der ukrainischen Position angelegt, die neben der russischen steht. Er sagt klar, warum Zelensky glaubt, dass Putin sich mit ihm treffen und das Problem auf Grundlage eines Kompromisses lösen muss. Obwohl, wiederum, vielleicht gerade Zelenskys Vorstellung, dass Putin auch nur einen Tag lang die innere Situation in Russland kümmert, tatsächlich naiv sein könnte. Aber Zelensky ist nicht der Einzige, der so denkt. Ich weiß nicht, ob er wirklich so denkt.

Frage: Warum sagen Sie ständig, dass die Ukraine nach dem Krieg arm und perspektivlos sein wird? Glauben Sie wirklich nicht an einen Marshallplan für die Ukraine? Wird man die Infrastruktur nicht gerade wiederaufbauen müssen?

Portnikov: Nun, ich halte den Marshallplan überhaupt für eine Geschichte aus ferner Vergangenheit. Ich habe nie gesagt, dass die Ukraine zwangsläufig arm und perspektivlos sein wird. Ich sagte, dass es so sein wird, wenn wir nicht Teil der Europäischen Union werden, und dass dies sehr stark vom Wahlverhalten der ukrainischen Bürger abhängen wird, davon, wen wir künftig zur Führung des ukrainischen Staates in Präsidentschaft und Parlament wählen. Wie schnell wir Gesetze verabschieden werden. Aber wiederum gibt es reale Probleme, die wir lösen müssen.

Eines der Probleme ist die demografische Krise, ein sehr ernstes Problem. Mit jedem neuen Kriegsjahr wird sich diese Krise verschärfen. Wie Sie verstehen, wenn in der Ukraine 15 Millionen Menschen bleiben und eine große Zahl von Menschen nach dem Krieg nicht in die Ukraine zurückkehrt, oder diejenigen zurückkehren, die in Europa keinen Platz für sich gefunden haben und lieber von Sozialleistungen leben werden, als einer Arbeit nachzugehen, kann dies zu einem gewissen Arbeitskräftemangel führen. Sie sehen selbst, wie die Ukrainer zur Idee stehen, Migranten hierherzubringen.

Das zweite Problem ist, wie die ukrainische Wirtschaft umgebaut wird.

Das dritte Problem kann darin bestehen, dass es dann in ganz Europa eine ernsthafte wirtschaftliche Energiekrise geben könnte. Wir wissen nicht, wie das Problem mit der Straße von Hormus gelöst wird. Wir stehen jetzt an der Schwelle der größten wirtschaftlichen Energiekrise in Europa im 21. Jahrhundert. Nicht nur die Ukraine, sondern ganz Europa könnte arm und erfolglos sein. Und vielleicht wird es in Europa kein Geld für die Ukraine geben.

Deshalb gibt es hier eine Million Herausforderungen, die sich mit jedem Jahr verschärfen werden. Aber ich habe immer gesagt: Wenn sich die europäische Wirtschaft entwickelt und die Ukraine Teil Europas wird, dann bedeutet das für uns – sofern Sicherheitsgarantien bestehen – nicht nur wirtschaftlichen Aufschwung. Ich habe Ihnen immer gesagt: Wenn es keine Sicherheitsgarantien gibt, wird kein Mensch hier auch nur einen Dollar investieren. Sie werden hier doch keine Betriebe bauen, die Jahre nach ihrem Bau bombardiert werden. Deshalb gibt es hier sehr viele Bedingungen.

Neben dem Marshallplan gibt es auch noch die Frage der Sicherheit. Wie Sie wissen, waren die Länder Mitteleuropas gezwungen, den Marshallplan abzulehnen, weil sie unter dem sowjetischen Stiefel standen und vor allem keine Sicherheitsgarantien für Investitionen hatten, selbst wenn sie diesem Plan zugestimmt hätten.

Frage: Ist für die Tschekisten die Vernichtung der Ukraine wichtiger als der Erhalt ihres Regimes?

Portnikov: Ich denke, sie können glauben, dass die Vernichtung der Ukraine Teil ihres Regimes ist. Zelensky kann anders denken. Sie können anders denken. Aber sie können glauben, dass die Vernichtung der Ukraine, die Eingliederung ihres ehemaligen Territoriums in Russland, gerade die Möglichkeit schaffen wird, das russische Tschekistenregime zu zementieren, und dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen.

Sie können glauben, dass der weitere Krieg in der Ukraine Risiken für ihr Regime schafft, aber sie können glauben, dass der weitere Krieg in der Ukraine Bedingungen für die Verwandlung Russlands in einen echten totalitären Staat schafft. Die Vorstellung selbst, dass die Fortsetzung des Krieges in der Ukraine zum Zusammenbruch des Tschekistenregimes führen müsse, stützt sich auf nichts außer auf unsere Wünsche. Es gibt heute keine objektiven Gründe anzunehmen, dass dies so ist.

Das bedeutet nicht, dass das Regime nicht fallen wird. Es kann fallen. Aber heute können Sie in keiner Weise beweisen, warum es fallen sollte. Die russische Gesellschaft ist kein Subjekt des politischen Prozesses. Der Machtapparat ist stark genug. Der Krieg kann weitergehen, selbst wenn statt Putin ein anderer Vertreter des Föderalen Sicherheitsdienstes an die Spitze Russlands tritt. Wo haben Sie irgendwelche Beweise dafür, dass mit dem russischen Regime etwas geschieht, das diese Menschen zwingt, über ihre Sicherheit und über den Nichterhalt des Regimes nachzudenken?

Über Geld, ja, weniger Geld. Über die Verringerung des geopolitischen Einflusses, ja, weniger Einfluss. Vielleicht lohnt es sich also, auszuhalten und zumindest noch einige Jahre zu kämpfen, um die Ukraine zu vernichten und all das zurückzuholen? Warum denken Sie nicht, dass sie so denken können? Schließlich wurde das bolschewistische Regime ungefähr zehn Jahre nach seinem Erscheinen anerkannt. Es musste durch einen Bürgerkrieg, durch Hunger, durch die Ermordung von Millionen Menschen gehen.

Aber letztlich wurde es bereits Anfang der 1930er Jahre anerkannt. Das war nicht irgendeine Bande, die die Macht ergriffen hatte, sondern absolut ehrbare Partner der Vereinigten Staaten oder Deutschlands. Die Amerikaner bauten Fabriken, die Deutschen schickten Spezialisten. All das gab es, wie Sie verstehen. Deshalb stellt sich die Frage, warum Sie nicht in diese Richtung denken wollen. Ich meine über ihre Gedanken.

Frage: Vielleicht hat Zelensky diesen Brief absichtlich geschrieben, ohne zu hoffen, dass Putin zustimmt. Vielleicht wurde der Brief geschrieben, um den Eindruck von Gesprächsbereitschaft zu erzeugen und zugleich Putins mangelnde Kompromissbereitschaft offenzulegen?

Portnikov: Nun, ich denke, dass er genau deshalb geschrieben wurde, um die russische Unkonstruktivität zu zeigen und zu demonstrieren, dass die Ukraine zu einem ehrlichen Verhandlungsprozess bereit ist. Russland ist zu einem ehrlichen Verhandlungsprozess aber nicht bereit. Absolut. Ich stimme Ihrer Argumentationslogik dazu zu.

Frage: Kann Putin diesen Brief als Schwäche wahrnehmen und beginnen, noch stärker Druck auszuüben?

Portnikov: Nein, das kann er nicht. Dieser Brief sieht keineswegs wie ein Ausdruck von Schwäche aus. Er sieht gerade wie ein Ausdruck einer völlig klaren ukrainischen Position aus. Zumindest weiß Putin noch nichts von diesem Brief. Er wird nach dem Ende seiner Verhandlungen mit dem Präsidenten Usbekistans, die derzeit stattfinden, davon erfahren. Aber ich glaube nicht, dass Zelenskys Erzählungen darüber, wie Putin die Macht verlieren wird, wie er altert und so weiter und so fort, Putin irgendwie dazu bewegen werden, sich mit Zelensky treffen zu wollen, wie Sie verstehen. In dieser Hinsicht habe ich keinerlei Zweifel, dass dieser Brief bei Putin keinen realen Eindruck hervorrufen wird – weder aus Sicht dessen, dass Zelensky schwach sei und man Druck auf ihn ausüben müsse, noch aus Sicht dessen, dass man den russisch-ukrainischen Krieg beenden und Verhandlungen beginnen müsse.

Aber falls irgendwann noch in den 2020er Jahren dieses Jahrhunderts oder in den 2030er Jahren dieses Jahrhunderts Bedingungen für den Beginn eines russisch-ukrainischen Verhandlungsprozesses und die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges entstehen sollten – ich sage sofort, dass es derzeit keine objektiven Gründe gibt zu glauben, dass dies in absehbarer Zukunft geschehen wird –, dann kann dieser Tag, der 4. Juni 2026, als der Tag betrachtet werden, an dem beide Präsidenten vorgeschlagen haben, einen Verhandlungsprozess einzuleiten, ohne auf die Details dieses Tages einzugehen. Und künftige Historiker, die über das Ende dieses langjährigen Krieges schreiben werden,     könnten dieses Datum besonders hervorheben. Vielleicht wird es so sein.

Aber ich erinnere Sie erneut daran, dass das Wesen der Situation so bleibt, wie es ist. Den Krieg Russlands gegen die Ukraine kann nur ein Mangel an Ressourcen in Russland stoppen. In jeder anderen Ordnung wird der Krieg so viele schwarze Jahre weitergehen, wie Russland Ressourcen haben wird. Und man sollte nicht einmal versuchen, im Kalender der nächsten Jahre ein Datum für sein Ende zu suchen, denn dort gibt es keines. Es gibt einfach keines.

Aber ich sage sofort: Sobald es im Kreml keine Ressourcen mehr gibt, wenn wir operativ die Fabriken der Russischen Föderation treffen können, wenn wir den militärisch-industriellen Komplex der Russischen Föderation zerstören können, wenn wir alle Ölraffinerien der Russischen Föderation zerstören können. Wenn wir die Russische Föderation nicht in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung, sondern in ihrer Existenz stoppen können, dann versichere ich Ihnen, dass der Krieg noch am selben Tag im Jahr 2026 enden wird. Es wird keine 2020er Jahre geben, keine 2030er Jahre. Dieses Jahr wird der Krieg enden. Verstehen Sie? Wenn es kein Geld, keine Waffen und kein Öl gibt, wird der Krieg enden.

All das hängt in Wirklichkeit nicht von Putin ab, sondern von uns, von unseren Streitkräften, denen Sie dabei helfen müssen, so gut Sie können. Von unseren Anstrengungen, von unserer Bereitschaft schließlich, diese einfache Sache zu verstehen. Und hier haben Sie die Plattform dafür. Putin will Frieden, Zelensky will Frieden, und dass sie unterschiedlichen Frieden wollen, nun, das kann unbemerkt bleiben, wenn echte Verhandlungen beginnen. Und echte Verhandlungen beginnen dann, wenn die russischen Ressourcen zu Ende gehen. Das ist alles.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Лист Зеленського і погрози Путіна | Виталий Портников. 04.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 04.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext: Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach, veröffentlicht auf uebersetzungenzuukraine.data.blog.


Zelensky fordert von Trump Luftverteidigung | Vitaly Portnikov. 27.05.2026.

Der Präsident der Ukraine Volodymyr Zelensky wandte sich mit einem Brief an seinen amerikanischen Kollegen Donald Trump sowie an amerikanische Kongressabgeordnete, in dem er das Interesse der Ukraine am Erhalt neuer Raketen für Patriot-Komplexe sowie der Luftverteidigungssysteme selbst unterstrich.

Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass die Russische Föderation plant, ihre Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur fortzusetzen und auszuweiten und es der Ukraine in dieser Situation kritisch an Raketen und Luftverteidigungssystemen fehlt. Zelensky wies in seinem Brief auch auf die Angriffe auf die Ukraine mit der Oreschnik hin und betonte, dass die russischen Angriffe nicht nur eine Frage der Sicherheit der Ukraine, sondern auch eine Frage der globalen Sicherheit seien.

Allerdings wird der amerikanische Präsident seinem ukrainischen Kollegen kaum Gehör schenken. Beim heutigen Treffen mit Journalisten erwähnten weder der Präsident der Vereinigten Staaten selbst noch Außenminister Marco Rubio noch Kriegsminister Pete Hegseth die Ukraine überhaupt, als sie Fragen der Journalisten beantworteten. So, als existiere die Frage des russisch-ukrainischen Krieges überhaupt nicht im politischen Wortschatz Donald Trumps.

Die Pressekonferenz zeigte jedoch etwas anderes: dass sich der amerikanische Präsident im Nahen Osten weiterhin in einer Sackgasse befindet. Er kann keine Möglichkeiten finden, sich mit dem Iran zu verständigen, der seinerseits weiterhin die wichtigste Route für die Lieferung von Öl und Düngemitteln, die Straße von Hormus, blockiert, und zugleich fürchtet er, einen neuen Krieg gegen die Islamische Republik zu beginnen, obwohl er Teheran mit Angriffen droht, falls der Iran den amerikanischen Bedingungen nicht zustimmt.

Unterdessen verschlechtert sich die wirtschaftliche Situation in der Welt und in den Vereinigten Staaten selbst jeden Tag ziemlich ernsthaft. Die Zustimmungswerte Donald Trumps fallen rapide, was seiner Partei bei den Nachwahlen zum amerikanischen Kongress im Herbst eine vernichtende Niederlage drohen könnte.

Und obwohl Trump bei diesem Treffen mit Journalisten betonte, dass ihn die Nachwahlen nicht interessierten, kreisen seine Gedanken in Wirklichkeit nur um sie. Und in dieser Situation hört der russisch-ukrainische Krieg für den amerikanischen Präsidenten natürlich auf, selbst nur eine zweitrangige Frage zu sein, sondern wird überhaupt zu keiner Frage des Interesses mehr, denn jetzt geht es um sein eigenes politisches Überleben und nicht nur um das Überleben der Ukraine.

Andererseits ist Zelenskys Brief gerade deshalb wichtig, weil er es ermöglichen wird, das Interesse der Trump-Administration an unseren Bedürfnissen festzuhalten und seinerseits die Probleme der Ukraine sowie die weiteren Angriffe der Russischen Föderation auf unser Land zu einem Teil des Wahlkampfes in den Vereinigten Staaten zu machen, zu einem Teil der Kritik an jenem politischen Kurs, den Donald Trump nach seiner Rückkehr ins Oval Office gewählt hat.

Und damit kann diese Situation, wenn schon nicht den amerikanischen Präsidenten dazu zwingen, über die Notwendigkeit neuer Luftverteidigungssysteme für die Ukraine nachzudenken, so ihn zumindest dazu bringen, die Lizenz für Russland nicht weiter zu verlängern, die es Moskau faktisch erlaubt, sich der Folgen amerikanischer Energiesanktionen zu entledigen, eigenes Öl an Länder des globalen Südens zu verkaufen und seinen Haushalt zur Fortsetzung des Krieges zu vergrößern.

Was die Luftverteidigungssysteme selbst betrifft, muss man ebenfalls verstehen, wie kritisch sie von der Situation rund um den Iran abhängen. Nachdem die Islamische Republik nicht nur Israel, sondern auch die Länder des Persischen Golfs bombardiert hat, gibt es jetzt, könnte man sagen, eine echte Warteschlange nahöstlicher Verbündeter der Vereinigten Staaten für amerikanische Luftverteidigungssysteme. Und man muss bedenken, dass die amerikanische Administration und die Familie Donald Trumps von diesen Ländern wesentlich stärker abhängen als von der Ukraine und unseren europäischen Verbündeten.

Wenn es gelänge, die Situation mit dem Iran zu regeln, gäbe es zumindest in Ländern wie Saudi-Arabien, Bahrain, Kuwait und Katar keine ernsthaften Befürchtungen, dass Luftverteidigungssysteme ihnen, nun ja, man könnte sagen, bereits gestern und nicht erst morgen benötigt würden. Aber in einer Situation, in der ein Krieg jederzeit beginnen kann, in der die Nachrichtendienste sagen, dass die Information, den Amerikanern sei es gelungen, den Großteil der iranischen Raketen und Drohnen zu zerstören, vorsichtig gesagt übertrieben war, und dass dem Iran tatsächlich noch bis zu 70 % seines Raketenpotenzials zur Verfügung stehen und er bereits die Abschussanlagen wiederherstellt – natürlich wächst dann in Riad oder anderen Hauptstädten der Golfstaaten mit jeder solchen Nachricht das Interesse am Erhalt amerikanischer Luftverteidigungssysteme und Raketen dafür.

Zu unseren Gunsten könnte sich die Situation erst dann ändern und die Voraussetzungen für neue Abwehrraketen schaffen, wenn der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran zumindest irgendwie geregelt wird. Aber die Voraussetzungen dafür sind leider ungefähr genauso groß wie für ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges.

Was soll man in einer solchen kritischen Situation tun? Nun, erstens mit den Europäern zusammenarbeiten, denn die Europäer verstehen, dass der Schutz der Ukraine auch ihr eigener Schutz ist, der Schutz unseres gemeinsamen Kontinents. Und das ist sogar wichtiger, als Donald Trump aus jenem politischen Abgrund herauszuziehen, in den der amerikanische Präsident dank eines der größten politischen Fehler in seiner Geschäfts- und Präsidentenbiografie geraten ist.

Ein weiterer wichtiger Weg ist die Zerstörung russischer Produktionskapazitäten für Raketen und unbemannte Fluggeräte. Denn wenn Russland solcher Möglichkeiten beraubt wird, unter den Bedingungen des Nahostkrieges Raketen aus anderen Ländern zu erhalten, bleiben ihm nur wenige Chancen. Dadurch wird sich zumindest die Intensität des russischen Beschusses in den kommenden Monaten und Jahren des erbitterten russisch-ukrainischen Krieges verringern, und das wird früher oder später den Präsidenten der Russischen Föderation sowie die russische politische und militärische Führung dazu zwingen, nicht einmal über eine Beendigung, sondern zumindest über eine Aussetzung des russisch-ukrainischen Krieges zum Auffüllen ihrer eigenen Arsenale nachzudenken.

Und in einer Situation, in der die Nahostkrise andauert, Russland über Produktionsmöglichkeiten verfügt und die Vereinigten Staaten selbst für den Eigenbedarf einen erheblichen Mangel an Luftverteidigungsmitteln verspüren, davon zu sprechen, dass Trump auf Zelenskys Brief mit irgendeiner realen, ernsthaften Handlung reagieren könnte, wäre eher ein Traum als jenes Ergebnis, mit dem wir rechnen sollten.

Aber an diesen Traum müssen wir nicht nur den amerikanischen Präsidenten erinnern, sondern auch die amerikanische Öffentlichkeit, die begreifen muss, zu welchen Ergebnissen sowohl politische Fehler als auch strategische Fehler hinsichtlich der Gestaltung der Möglichkeiten und Anforderungen des militärisch-industriellen Komplexes der Vereinigten Staaten aus Sicht der Sicherheit geführt haben.


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Titel des Originals: Зеленський вимагає у Трампа ППО | Віталій Портников. 27.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 27.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Zelensky traf sich mit Poroschenko | Vitaly Portnikov. 27.05.2026.

Das Treffen des Präsidenten der Ukraine Volodymyr Zelensky mit den Führern und Vertretern der Parlamentsfraktionen wird möglicherweise als Wendepunkt zur Nutzung demokratischer Instrumente und Mechanismen in die neueste Geschichte unseres Staates eingehen – jener Instrumente und Mechanismen, die für das Überleben und den Sieg der Ukraine notwendig sind, als Rückkehr zur Verfassungsmäßigkeit, die für die effektive Arbeit staatlicher Institutionen erforderlich ist.

Und natürlich kann man selbst in dieser Liste jener politischen Führer, mit denen sich Volodymyr Zelensky traf, gesondert an das Treffen des Präsidenten der Ukraine mit seinem Vorgänger in diesem Amt, Petro Poroschenko, erinnern – schon allein deshalb, weil ein solches Treffen während der gesamten Amtszeit Volodymyr Zelenskys als Präsident der Ukraine praktisch nie stattgefunden hat. 

Es gab höchstens den Händedruck an eben jenem Tag, an dem die große russische Invasion unseres Landes begann. Aber das war eher eine deklarative Geste als eine Diskussion gemeinsamer politischer Handlungen zur Rettung des Staates. Jetzt beginnt diese Situation zumindest so auszusehen, wie sie in einem zivilisierten Staat seit den ersten Tagen dieses großen und endlosen Krieges hätte aussehen müssen.

Viele in der Ukraine – und das sind in der Regel Menschen, deren politische Psychologie durch die sowjetische Erfahrung zerstört wurde – mögen glauben, dass die Monopolisierung der Macht ein Weg zu Erfolg und Sieg sei. Aber um die bekannte Aussage von General Zaluzhny zu paraphrasieren, dass eine kleine sowjetische Armee niemals eine große sowjetische Armee besiegen wird, kann man klar sagen, dass ein kleiner autoritärer Staat niemals einen großen autoritären Staat besiegen wird. Und das bedeutet das Verschwinden der Ukraine von der politischen Karte der modernen Welt. Das bedeutet das Verschwinden des ukrainischen Volkes.

Die Herausforderungen sind groß genug. Über die Notwendigkeit nationaler Einheit spreche ich seit 2022 unermüdlich. Auch wenn dies für jene, die populistische Ideen vertreten, unzulässig erscheinen mochte. Denn eine Injektion von Professionalität und staatsmännischem Denken ist unter Bedingungen, in denen die Wähler für Populisten stimmen, genau dann notwendig, wenn der Staat vor der Gefahr von Zerstörung und Verschwinden steht. Und gerade deshalb ist der Dialog zwischen politischen Kräften, die eine proukrainische Orientierung in unserem politischen Leben vertreten, so wichtig – Kräften, die daran interessiert sind, dass der ukrainische Staat weiter existiert und unter Bedingungen eines langjährigen Krieges standhält, während der Kreml auf dessen Fortsetzung und auf die Erschöpfung der Ukraine setzt, ebenso wie auf die Erschöpfung des Westens.

Genau deshalb wurde offensichtlich, dass jene Mechanismen, die seit 2019 zur Führung des Staates genutzt wurden und schon damals schlecht und ineffektiv funktionierten, jetzt überhaupt aufhören zu funktionieren. Und hier ist es wichtig, den Standpunkt jener zu ignorieren, die das Staatsoberhaupt und seine Anhänger als ihre eigenen Wähler betrachten. Nun ja, letztlich ist es wichtig, Selbstmörder zu ignorieren.

Der Präsident der Türkei Recep Tayyip Erdoğan, der hinsichtlich des Grades seiner autoritären Herrschaft, würde ich sagen, durchaus mit Volodymyr Zelensky konkurrieren kann – ebenso wie hinsichtlich seines Verhältnisses zur Opposition –, fuhr eines schönen Tages über eine Brücke und sah, dass ein Mensch auf dieser Brücke dabei war, Selbstmord zu begehen. Der Präsident hielt seinen Konvoi an, trat zu diesem Menschen und überzeugte ihn davon, es nicht zu tun. Obwohl dieser Wähler vielleicht einst für Präsident Erdoğan gestimmt hatte und dieser ihn seinem Schicksal hätte überlassen können, damit er selbst über sein eigenes Leben entscheidet. Aber ein verantwortungsvoller Politiker ist gerade deshalb verantwortungsvoll, weil er den Selbstmord seines eigenen Anhängers verhindert. Selbst wenn es Millionen solcher Anhänger gibt und sie alle bereit sind, in geschlossenen Reihen in den Abgrund zu marschieren.

Deshalb muss man klar verstehen: Solange in unserem Land die Gefahr des Verschwindens nicht überwunden ist, gibt es in diesem Land keine Wähler, sondern potenzielle Opfer russischer Repressionen und des Terrors. Und die Einheit verantwortungsvoller Politiker muss diese Menschen vor einem beinahe unvermeidlichen Tod retten und ihnen die Möglichkeit geben, in einer absehbaren oder vielleicht auch unabsehbaren Zukunft wieder zu Wählern zu werden – und nicht zu Kriegsopfern, nicht zu Militärangehörigen, nicht zu jenen, die im Hinterland für den Sieg unseres Landes kämpfen. Und genau das ist heute der normale Zustand der ukrainischen Gesellschaft, die sich in einem Krieg befindet, dessen Ende am realen Horizont nicht sichtbar ist.

Obwohl sich natürlich die Intensität der Kämpfe mit der Zeit verringern kann – im Zusammenhang mit der Verringerung russischer Ressourcen. Aber wiederum: Damit sich diese Ressourcen tatsächlich verringern, ist auch eine effektive Arbeit des ukrainischen Staates in den kommenden schwierigen Monaten und Jahren erforderlich.

Dafür muss alles Mögliche getan werden, damit dieser Staat die Unterstützung des Westens nicht verliert. Dabei haben wir uns bereits davon überzeugt, dass auch im Westen Politiker an die Macht kommen können, die am schnellen Verschwinden des ukrainischen Staates oder zumindest an seiner Unterordnung unter den russischen Diktator interessiert sind.

Es ist notwendig, dass die Institutionen professionell arbeiten und Gesetze dann verabschiedet werden, wenn sie der Gesellschaft tatsächlich notwendig sind – und nicht dann, wenn unsere westlichen Verbündeten dies verlangen. Man muss verstehen, dass die Monopolisierung der Macht in einer solchen Situation ein unvermeidlicher Weg in den Abgrund, in den Untergang, in die Katastrophe des Staates und der ukrainischen Nation ist.

Und das wäre absolut unehrenhaft gegenüber jenen, die gefallen sind, während sie die Ukraine gegen diese Invasion verteidigten, gegenüber ihren Familien, gegenüber jenen, die heute als Zeichen des Respekts vor ihrer historischen Rolle erneut in ukrainischer Erde bestattet werden. Diese Gräber werden zerstört werden, wenn der russische Besatzer den ukrainischen Friedhof betritt.

Das ist ein sehr hohes Maß an Verantwortung. Dieses Problem lässt sich nicht durch Monopolisierung, Selbstverliebtheit und Ineffektivität lösen. Es lässt sich nur durch nationale Einheit lösen. Nationale Einheit ist der Weg zur Rettung des Staates.


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Titel des Originals: Зеленський зустрівся з Порошенком | Віталій Портников. 27.05.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 27.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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