Krieg: die Unsicherheit der Unsicherheit. Vitaly Portnikov. 05.04.24.

WSJ: Macron sprach mit Biden und Scholz über einen Strategiewechsel des Westens im Krieg in der Ukraine. Bild: Ludovic MARIN / AFP/Ostnachrichten

https://www.sestry.eu/statti/viyna-neviznachenist-neviznachenosti

Mit jeder neuen Information über die Erklärung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron über die Möglichkeit von NATO-Truppen in der Ukraine wird klar, dass dies keine spontane Ankündigung war, um dem Februar-Gipfel zur Ukraine in Paris mehr Gewicht zu verleihen, oder gar ein Versuch eine Führungsrolle unter den europäischen Staats- und Regierungschefs zu erlangen. Und es war nicht einmal ein Versuch die ukrainische Frage im innenpolitischen Kontext vor den Wahlen zum Europäischen Parlament zu nutzen, die immer eine Demonstration des Einflusses von Marine Le Pen und ihren Anhängern sind.

Es war ein Versuch, die Taktik radikal zu ändern, die demonstrative Nichtbeteiligung des Westens am Konflikt mit Russland durch eine Politik der strategischen Unsicherheit zu ersetzen, die Putin dazu bringen soll, über die Folgen seines Handelns in der Ukraine nachzudenken und eine Eskalation des Konflikts und ein direktes Aufeinandertreffen mit westlichen Ländern zu befürchten. Es ging nicht um Einschüchterung, sondern darum, eine Situation der Unsicherheit zu erzwingen – dieselbe Situation, in der sich die westlichen Staats- und Regierungschefs befinden, wenn sie sich fragen, ob der Kremlchef bereit ist Atomwaffen einzusetzen oder die Grenzen der baltischen Staaten oder Polens in einem entscheidenden Moment zu überschreiten.

Doch Macron stieß weder bei US-Präsident Joseph Biden noch bei Bundeskanzler Olaf Scholz auf Verständnis. Sowohl auf der Ebene der bilateralen Konsultationen als auch auf der Ebene des Gipfels in Paris. Der französische Präsident hörte von seinen Partnern, dass sie keine Ungewissheit zulassen wollten.

Im Gegenteil, es muss eine absolute Gewissheit geben. Putin muss sicher sein, dass die westlichen Länder keinen direkten Konflikt mit Russland wollen, dass sie nicht wollen, dass der Krieg auf russisches Territorium verlagert wird. Sie helfen der Ukraine nur dabei, sich gegen den Aggressor zu wehren. Das ist alles. Das waren die Aussagen auf dem Gipfel in Paris. Deshalb sagt US-Außenminister Anthony Blinken, Washington sei gegen Angriffe auf russische Ölraffinerien. Und Bundeskanzler Olaf Scholz weigert sich nach wie vor, Taurus zu liefern, um nicht den Eindruck eines direkten Konflikts zu erwecken.

Auf diese Weise wird Putin, der keine roten Linien kennt, klar, dass er es mit dem Westen zu tun hat, der zahlreiche rote Linien hat. Ein direkter Konflikt mit Russland, Angriffe auf russisches Territorium, Verlagerung des Krieges auf russisches Territorium…

Es gibt rote Linien, aber es gibt keine strategische Unsicherheit. Strategische Unsicherheit bleibt Putins Monopol.

Auf diese Weise tappen die westlichen Politiker in eine echte Falle. Präsident Biden unterstützt die Ukraine, will ihr Hilfe zukommen lassen und sieht sie in der NATO. Er spricht sich jedoch gegen die Verlagerung des Krieges auf russisches Territorium aus und betont, dass eine Bedingung für den Beitritt der Ukraine zum Bündnis der Sieg über Russland sein muss. Wie soll dieser Sieg aussehen, wenn der Krieg ausschließlich auf ukrainischem Territorium geführt werden soll? Wie kann ein Land mit 30 Millionen Einwohnern, das sich seit zehn Jahren in einem Konflikt mit Zerstörung der Infrastruktur und Verlusten an Menschenleben befindet, ein Land mit 130 Millionen Einwohnern besiegen, in dem – aus Sicht des Westens Frieden herrschen sollte? Und auch die Versuche, die Wirtschaft zu schädigen – wir wissen, dass keine Drohne eine Ölraffinerie vollständig zerstören kann, aber eine Rakete kann das Wasserkraftwerk Dnipro zur Hälfte zerstören – irritieren die westlichen Partner der Ukraine.

Wie und wo kann man also gewinnen? Allein dadurch, dass man die russische Armee von ukrainischem Boden vertreibt? Aber wenn diese Armee über Ressourcen auf dem Territorium ihres eigenen Staates verfügt, warum sollte sie es dann so eilig haben, diesen zu verlassen?

Macron versucht sich aus dieser Falle zu befreien. Zumindest durch die Schaffung neuer Umstände im Krieg. Und es ist nicht so, dass die Russen dadurch nicht beunruhigt wären – sie sind im höchsten Maße beunruhigt. Die Äußerungen des französischen Präsidenten wurden im Kreml mit Hysterie aufgenommen, und Wladimir Putin begann erneut mit Atomwaffen zu drohen. Und neulich haben die Verteidigungsminister Russlands und Frankreichs zum ersten Mal seit eineinhalb Jahren miteinander gesprochen. Wie wir also sehen, versetzt schon die Andeutung einer möglichen Präsenz von NATO-Truppen Moskau in Angst und Schrecken. Aber die westlichen Führer wollen Putin nicht erschrecken. Und sie wollen ihn nicht einmal zwingen, an die Zukunft zu denken.

Und die westlichen Länder selbst sind nicht in Gefahr, ihre Hauptaufgabe besteht darin, zu helfen, aber nicht die Gefahr eines direkten Konflikts zu schaffen. Und obwohl die Geschichte aller Kriege uns lehrt, dass es diese Sicht der Situation ist, das den Appetit des Aggressors anheizt und schließlich zu einem direkten Konflikt führt, will sich niemand an die Geschichte erinnern.

Mit Ausnahme von Präsident Macron.

Säuberung der Admirale. Vitaly Portnikov. 03.04.24.

Wladimir Putin beobachtet gemeinsame Übungen der Nord- und der Schwarzmeerflotte vom Kreuzer Marschall Ustinow aus im Schwarzen Meer vor der Küste der Krim, 9. Januar 2020.

https://ru.krymr.com/a/vitaliy-portnikov-chistka-adniralov-chernomorskiy-flot-rf/32889163.html

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu stellte die neuen Chefs der russischen Marine, der Nordflotte und der Schwarzmeerflotte vor. Eigentlich waren die auf diese Posten ernannten Admirale bereits als Kommandeure tätig, aber Moskau zog es vor, die Personalentscheidungen von Wladimir Putin nicht bekannt zu geben. Und ich denke, es ist klar, warum. Allein die Tatsache, dass die Flottenchefs komplett ausgewechselt wurden, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die russische Marine während des russisch-ukrainischen Krieges ihre Ineffizienz und mangelnde Modernität unter Beweis gestellt hat. Eines der Hauptargumente für Putins Aggression – die Kontrolle über die Krim und Sewastopol – wurde in Frage gestellt.

Das Verbleibs der Schwarzmeerflotte in Sewastopol war immer eines der wichtigsten politischen Ziele der Russischen Föderation – nicht nur zu Zeiten Putins, sondern auch zu Zeiten Jelzins. Der erste russische Präsident verschob sogar seinen Besuch in der ukrainischen Hauptstadt und weigerte sich, den so genannten „großen Vertrag“ zwischen Russland und der Ukraine zu unterzeichnen, solange keine Einigung über den Verbleib der Schwarzmeerflotte in Sewastopol erzielt worden war. Der dritte russische Präsident, Dmitri Medwedew, weigerte sich, mit Viktor Janukowitsch über einen Gasrabatt zu verhandeln, ohne den Aufenthalt der Flotte auf der Krim zu verlängern und ihre Einsatzbedingungen zu ändern. Und am Ende hat Russland die Krim besetzt und annektiert.

Sewastopol wurde als Hauptstützpunkt für die Beherrschung des gesamten Schwarzen Meeres angesehen. Doch schon der erste große Krieg hat gezeigt, dass diese Pläne gescheitert sind. Die Schwarzmeerflotte ist nicht in der Lage, den ukrainischen Handel zu stören, und Sewastopol wird ständig aus der Luft angegriffen – so sehr, dass das Hauptquartier der Schwarzmeerflotte und andere Einrichtungen von Büros zu Zielscheiben geworden sind. Russland musste dringend einen Teil seiner Flotte in eine offensichtlich unvorbereitete Bucht in Noworossijsk verlegen und eine Reserveflotte in Ochamchira, im besetzten Abchasien, neu aufbauen.

Es ist klar, dass in dieser Situation die Verantwortung bei den Führern der russischen Marine und der Schwarzmeerflotte hätte liegen müssen, nicht bei Putin mit seinen Blitzkriegsplänen und seinem mangelnden Verständnis dafür, wie sich die Welt verändert hat. Und dies, obwohl die russische Schwarzmeerflotte auch in der Vergangenheit nur gegen Schwächere kämpfen konnte – und wenn sie auf Widerstand stoßte, ging sie sicher unter. Aber die russische Führung hat, wie wir wissen, ein seltsames Verhältnis zur Geschichte.

Die Frage ist nun, welche Aufgaben Putin dem neuen Befehlshaber der russischen Marine, Alexander Moiseyev, und dem neuen Befehlshaber der russischen Schwarzmeerflotte, Sergey Pinchuk, stellen wird. Wird er verlangen, zumindest das zu erhalten, was noch übrig ist, oder die Fähigkeiten der Flotte im Schwarzen Meer wiederherzustellen, Handelswege zu blockieren und die Angriffe auf Odessa, Ismail und andere ukrainische Häfen zu verstärken?

Da ich Putins Größenwahn kenne, neige ich eher zur zweiten Option. Und das bedeutet, dass sich die russische Schwarzmeerflotte sich weiterhin in Gefahr bringen und Schiffe verlieren wird. Zumal die neuen „Bauernopfern“, die für Putins nächste Enttäuschungen verantwortlich sein werden, bereits ernannt sind.

In Jenseits. Mikhail Yudovsky.

Wenn im Jenseits, am himmlischen Tisch

Setzt man Mörder zusammen mit Opfern,

Gehe ich, ob mit Flügeln beschwingt,

Ob mit Hufen ganz traurig klopfend.

Bin natürlich kein Engel, kein Satan,

Ich bin Mensch, von der Menschheit ein Teil.

Und ich suche im himmlischen Spiegel

Spiegelbild meines irdischen Seins.

Und in meinem derzeitigen Wahn sage ich:

Ja, ich werd mich nicht rechen.

Kehre aber den Rücken dem Tisch,

Wo verziehen wird jedes Verbrechen.

Und vor Liebe und Kummer hell leuchtend

Wie ein wandernder Sonnensplitter

Gehe ich zu Geschwistern mir teuren

Und die nehmen mich in ihre Mitte.


Если там, за небесным столом,

сядут рядом убийцы с убитыми,

я уйду — хоть махая крылом,

хоть стуча обреченно копытами.

Я, конечно, не ангел, не бес,

я лишь кроха в хлебах человечества.

Я ищу в зазеркалье небес

отраженье земного отечества.

А пока повторяю в бреду:

да, не мне это право отмщения,

но я встану и молча уйду

от стола, где царит всепрощение.

И возникну, светясь от любви

и от горечи, солнечным катышком —

там, где братья и сёстры мои

мне кивнут, усадив меня рядышком.

Europa versank im Schweigen. Oleksandr Oles

Als die Ukraine für ihr Lebensrecht 

Mit Peinigern kämpfte, allein verzweifelnd, 

Da half ihr keiner in diesem Gefecht – 

Europa versank im Schweigen. 

Als die Ukraine in ungleicher Schlacht 

Verblutend, die Augen sich ausweinte, 

Da kam keine Rettung durch freundliche Macht – 

Europa versank im Schweigen. 

Als die Ukraine, in Ketten gelegt, 

Verwundet, den Acker bestellte für Feinde, 

Sich hatten die Felsen vor Schrecken bewegt –  

Europa versank im Schweigen.  

Als die Ukraine das blutige Korn 

Für Peiniger erntete, selbst am Hinscheiden, 

Und Worte ihr gingen vor Hunger verlorеn – 

Europa versank im Schweigen.  

Als die Ukraine zum Friedhof verkam, 

Und Leben verdammte vor bitterem Leiden, 

Verspürte  Erbarmen ein Dämon sogar – 

 Europa versank im Schweigen.


Коли Україна в нерівній борьбі

Вся сходила кров’ю і слізьми стікала

І дружної помочі ждала собі,

Європа мовчала, Європа мовчала …

Коли Україна за право життя

З катами боролась, без сил знемагала,

І ждала лишень одного співчуття,

Європа мовчала, Європа мовчала…

Коли Україна в залізнім ярмі

Робила на пана і в ранах орала

Коли ворушились і скелі німі,

Європа мовчала…

Коли Україна кроваві жнива

Зібрала для ката, сама ж погибала

Від голоду навіть згубила слова,

Європа мовчала, мовчала, мовчала…

Коли Україна життя прокляла

Уся Україна могилою стала,

Скотилась сльоза навіть в демона зла,

Європа мовчала, Європа мовчала..

Zwei Jahre Bucha: Konsequenzen | Vitaliy Portnikov. 31.03.24.

Der zweite Jahrestag der Tragödie von Bucha erinnert uns an eines der wichtigsten Ereignisse des russisch-ukrainischen Krieges. Ein Ereignis, das unsere Einstellung zu diesem existenziellen Konflikt, den Verlauf des Krieges und unser Verständnis davon, wie dieser Krieg enden könnte, grundlegend verändert hat. Viele Menschen bringen die Tragödie von Bucha auch mit dem Scheitern der ersten russisch-ukrainischen Konsultationen in Verbindung, die vor Kriegsende in Belarus und der Türkei stattfanden.

Meiner Meinung nach gab es jedoch keine wirkliche Chance, dass diese Gespräche zu einem konkreten Ergebnis führen könnten. Das zeigt die Reaktion der russischen Propagandisten auf die Vorschläge ihrer eigenen russischen Delegation bei den Gesprächen in Istanbul. Und die Tatsache, dass die Delegation selbst aus Personen bestand, deren Einfluss auf die Entscheidungen der russischen politischen Führung, auf die Entscheidungen von Präsident Wladimir Putin, gleich Null war.

Was war also die eigentliche Aufgabe der russischen Delegation bei den Konsultationen mit den ukrainischen Teilnehmern in der Türkei? Man könnte sagen, eine Falle zu stellen. Die ukrainische Führung zu zwingen den Friedensbedingungen zuzustimmen, die zu einer Explosion der Unzufriedenheit in der ukrainischen Bevölkerung geführt hätten. Damals glaubte Wladimir Putin fest, dass der Blitzkrieg mit Hilfe der Ukrainer selbst durchgeführt werden könnte, die ihre eigene Regierung stürzen würden, weil sie mit den Bedingungen des Friedens mit Russland unzufrieden waren. Und so glaubte der Kreml, dass diese faktische Ausschaltung der ukrainischen staatlichen Institutionen, Russland helfen würde das gesamte ukrainische Territorium, das Wladimir Putin in der ersten Phase des russischen Großangriffs auf die Ukraine unter die Kontrolle seiner Armee stellen wollte, problemlos zu besetzen.

Die ukrainische Führung ist jedoch nicht in diese Falle getappt, die ukrainische Gesellschaft hat Reife bewiesen, und der Kreml hat beschlossen die Idee der russisch-ukrainischen Verhandlungen, wenn nicht für immer, so doch zumindest für einen sehr langen Zeitraum, aufzugeben.

Generell denke ich, dass der russisch-ukrainische Krieg einer jener Kriege sein wird, die nicht am Verhandlungstisch enden, weil die Ukraine für die russische Führung kein Staat ist, sondern ein Teil des Territoriums des so genannten historischen Russlands, also eine separatistische Bildung, die früher oder später beseitigt werden muss. Und so wird das einzige wirkliche Ergebnis des Krieges, wenn Russland seine ehrgeizigen Pläne nicht umsetzt, sein tatsächliches Ende sein, ein Waffenstillstand ohne eine formale Beendigung des Krieges, weil keine der beiden Seiten, oder eine von ihnen einfach nicht genug Ressourcen haben wird um weiter zu kämpfen. Und Sie und ich sollten hoffen und darauf hinarbeiten, dass die Russische Föderation in diesem Krieg die Partei ist.

Aber was die Bedeutung von Bucha betrifft, so geht es nicht um Verhandlungen an sich. Dies ist ein Beweis dafür, dass sich das moderne Russland in Bezug auf das Verhalten seiner Bürger und seiner Führung endgültig von der europäischen Zivilisation verabschiedet hat. Die russische Reaktion auf den Terroranschlag im Krokus-Rathaus hat dies übrigens erneut gezeigt. Niemals in der sowjetischen oder gar in der modernen russischen Geschichte war man stolz darauf Teilnehmer an Terroranschlägen zu foltern, abgetrennte Ohren zur Schau zu stellen oder die Ergebnisse von Schlägen auf Menschen zu demonstrieren, die schwerer Verbrechen beschuldigt wurden. Dies war nicht der Fall während der Repressionen Stalins, dessen Organisatoren versuchten das normale Aussehen der von ihnen Getöteten und Gefolterten zu gewährleisten, bevor sie der Öffentlichkeit vorgeführt wurden. Auch nicht während der Tschetschenien-Kriege, als die Ergebnisse von Folter und Schlägen auch nicht gezeigt wurden.

Aber jetzt ist es sozusagen zum Mainstream geworden. Und es wurde zuerst in Bucha demonstriert, wo Russland ganz demonstrativ, kaltblütig und in dem Wissen, dass die Medien diese Informationen erfahren würden, die Zivilbevölkerung der Ukraine getötet und gefoltert hat.

Dies ist eine absolut bewusste Politik der Einschüchterung der Bevölkerung, eine Demonstration von Gewalt, eine Demonstration für jedermann, dass die russischen Sicherheitskräfte jedes Verbrechen gegen ihre Feinde begehen können und dass Zivilisten unter den Verurteilten sein können. Deshalb wird jeder Widerstand gegen ihre Aktionen, jeder Versuch sich irgendwie in die Entscheidungen der politischen Führung Russlands mit Wladimir Putin an der Spitze einzumischen zu Mord, Folter und Leid führen – dies ist eine bewusste Taktik der Einschüchterung.

Ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Taktik ist, dass die Zivilbevölkerung der Ukraine die Gebiete verlassen muss, die von der russischen Armee besetzt werden. Die Menschen sollten Angst vor russischen Panzern und russischer Infanterie haben. Sie müssen wissen, dass sie keine Möglichkeit haben, zu entkommen, wenn Russen kommen.

Auch dies geschieht absichtlich. Die Russen wollen die Gebiete des so genannten historischen Russlands von illoyalen Menschen säubern. Bucha und andere Gebiete in der Region Kiew wurden bewusst so ausgewählt, dass bei den nächsten Operationen der russischen Streitkräfte auf ukrainischem Gebiet – und Wladimir Putin hatte keinen Zweifel daran, dass diese Operationen fortgesetzt werden würden – die Bevölkerung ihre Häuser verlässt und so der russischen Führung die Möglichkeit gibt, die besetzten Gebiete künftig mit russischen Bürgern zu besiedeln, die dem russischen Präsidenten und seinem menschenfeindlichen Regime treu ergeben sind.

Auch das ist kein neuer Ansatz. So hat das Moskauer Fürstentum und später das Zarenreich seit den ersten Momenten seiner territorialen Ausdehnung gehandelt. Angefangen mit der Verbrennung von Rjasan, bei der die Bevölkerung des Fürstentums vertrieben, genauer gesagt, vernichtet und so durch Moskauer ersetzt wurde, bis hin zur Verbannung der Völker der Sowjetunion aus ihren historischen Heimatorten zu Stalins Zeiten.

Russland, das zum demonstrativen Stalinismus zurückgekehrt ist, ist überzeugt, dass illoyale Bevölkerungsgruppen entweder vernichtet oder vertrieben werden müssen. Nicht umsonst sprechen die Leiter der kollaborativen Verwaltungen in den von Russland besetzten Gebieten davon, diejenigen zu vertreiben, die weiterhin die Position vertreten, dass diese Gebiete ein integraler Bestandteil der Ukraine sind.

Aber gleichzeitig hat Bucha den Ukrainern gezeigt, dass sie keine andere Wahl haben, als sich der russischen Aggression zu widersetzen. Dass es eine Entscheidung zwischen Leben und Tod ist. Die Menschen, die unter Besatzung geraten, sind in der Realität von Zerstörung, Raub und Vergewaltigung bedroht, denn dies ist die offizielle Politik der Russischen Föderation unter der Führung von Präsident Putin. Eine Politik, die, wie wir sehen, von der russischen Bevölkerung toleriert wird. Und dies ist das wichtigste Ergebnis dessen, was wir über Bucha und Russland erfahren haben.

Ein Jahr der Inhaftierung von Gershkovich und Putins Äußerungen zur Ukraine. Was haben sie gemeinsam? Vitaly Portnikov. 30.03.24

Transparente mit dem Bild des Journalisten Evan Hershkovich während eines Baseballspiels in New York, 13. Juni 2023

https://www.radiosvoboda.org/a/evan-hershkovych-ssha-putin/32884530.html

Am 29. März erinnerten die amerikanischen Medien ihre Landsleute an das Jahr, das der Journalist Evan Gershkowitz in einem russischen Gefängnis verbrachte. Das Wall Street Journal veröffentlichte einen „leeren Leitartikel“ und stellte fest, dass es sich um einen Artikel handelt, der der Inhaftierter Journalist schreiben könnte.

Anlässlich des Jahrestages der Verhaftung von Evan Herschkowitsch haben seine Kollegen ein spezielles Projekt vorbereitet, das sich mit seiner Zeit im Gefängnis beschäftigt. US-Präsident Joseph Biden, der den Journalisten in seinen öffentlichen Reden immer wieder erwähnt, versprach ebenfalls, sich für die Freilassung von Gershkovich einzusetzen.

In der Tat besteht in der amerikanischen Gesellschaft ein eindeutiger Konsens über die Notwendigkeit der Freilassung von Gershkovich. Selbst der Kommentator Tocker Carlson, der in seinem Gespräch mit Wladimir Putin keine politischen Gefangenen des russischen Regimes erwähnte, erwähnte Gershkovich.

Die Verhaftung von Gershkovich ist zu einem neuen Symbol in den sich verändernden Beziehungen zwischen Russland und dem Westen geworden. Erstens sind amerikanische Journalisten seit vielen Jahrzehnten, vielleicht seit dem Kalten Krieg, nicht mehr in Moskau inhaftiert worden. Der letzte Redner war Nicholas Daniloff, Korrespondent für US News & World Report.

Im September 1986 wurde Daniloff, der gerade seine Arbeit in der Sowjetunion beendete, in Moskau unter dem Vorwurf der Spionage verhaftet. Er wurde jedoch nach 13 Tagen freigelassen, nachdem US-Präsident Ronald Reagan persönlich interveniert hatte. Als Daniloff im Mai 1992 den ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow fragte, warum er verhaftet worden sei, antwortete dieser, dass es sich um eine „übliche Sache des Kalten Krieges“ handele – und definierte damit treffend die Atmosphäre der Beziehungen zwischen Moskau und Washington.

Das ist genau die Atmosphäre, die Putin wieder herstellen will.

Dies ist auch eine Demonstration des Kremls, dass Putin sich über das Weiße Haus hinwegsetzen kann

Im April 2023 kommentierte Daniloff, der heute zu den Meistern des amerikanischen Journalismus zählt, die Verhaftung von Hershkovich. Daniloff sagte, das Wichtigste, was Gershkovich tun könne, sei, so stark wie möglich zu bleiben: „Man muss versuchen, die Sprache einer freien Presse zu sprechen. Das ist nicht leicht zu erreichen. Aber ich hoffe, dass dies eine Position sein wird, die eingenommen werden kann“. Der erfahrene amerikanische Journalist nannte die Verhaftung seines Kollegen ein „Signal der Einschüchterung“.

Aber dies ist nicht nur ein Signal der Einschüchterung. Dies ist auch eine Demonstration des Kremls, dass Putin sich über das Weiße Haus hinwegsetzen kann, dass er nicht Gorbatschow ist. Da der sowjetische Staatschef die Beziehungen zum Weißen Haus nicht völlig zerstören wollte, verbrachte der unter falschen Anschuldigungen festgenommene amerikanische Journalist nur 13 Tage im Gefängnis. Und Gershkovich befindet sich nun schon seit einem Jahr in Haft, obwohl es in seinem „Fall“ keine Fortschritte gegeben hat.

Warum verhält sich Putin auf diese Weise? Es ist die gleiche Logik, die sein Handeln in der Ukraine bestimmt – weil er glaubt, dass er das Recht dazu hat und nichts seine Beziehungen zum Westen retten kann. Der russische Präsident scheint davon überzeugt zu sein, dass er aus einer Position der Stärke heraus handeln muss, aber von Zeit zu Zeit imitiert er den Wunsch, den Journalisten „loszulassen“, ihn auszutauschen. Tatsächlich geschieht jedoch nichts. Dies lässt sich auch mit Putins Äußerungen über Verhandlungen zur Beendigung des Krieges mit der Ukraine vergleichen. Offensichtlich hat der russische Präsident nicht die Absicht, solche Gespräche zu führen, aber er erweckt gewohnheitsmäßig den Anschein, dazu bereit zu sein.

Bedeutet dies, dass Gerschkowitsch nicht nach Hause zurückkehren wird? Um diese Frage zu beantworten, muss man lernen, in der Logik der Erpressung und des Terrors und nicht in der Politik zu denken.

Im November 1979, nach der islamischen Revolution im Iran, wurden amerikanische Diplomaten in diesem Land als Geiseln genommen und verbrachten 444 Tage in Gefangenschaft.

Die Regierung von Präsident Jimmy Carter organisierte eine Sonderaktion zur Befreiung der Geiseln, versuchte einen Weg für Verhandlungen zu finden… Der Tag der Geiselbefreiung fiel jedoch mit dem Amtsantritt des neuen amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan zusammen.

Im Fall Gershkovich könnte Putin auch an die Möglichkeit denken, die politischen Prozesse in den USA zu beeinflussen und diesen Fall für Erpressungen zu nutzen, so wie es Ayatollah Khomeini vor vielen Jahrzehnten getan hat. Und ja, dies ist nicht die Logik der klassischen Politik.

Aber das ist die Logik des klassischen Terrors.

Der Krieg gegen Insekten. Vitaly Portnikov. 31.03.24.

https://zbruc.eu/node/118091

In der derzeit populären Fernsehserie „Das Drei-Körper-Problem“, die auf dem Roman des chinesischen Science-Fiction-Autors Liu Qixin basiert, bezeichnen Außerirdische, die sich auf die Ankunft auf der Erde vorbereiten, die Bewohner des Planeten in einer an die Erdbewohner gerichteten klaren Botschaft als Insekten. Diese Charakterisierung soll die Menschheit lähmen und sie in Erwartung einer schrecklichen Invasion wehrlos machen.

Ich erinnerte mich an diese Episode in einer großen Ausstellung, die Alla Horska gewidmet war. Genauer gesagt in einem der Säle der Ausstellung, wo zu den Klängen einer Schreibmaschine Dokumente des Staatssicherheitskomitees der Ukrainischen SSR gezeigt werden, die mit der Künstlerin und ihren Genossen in Verbindung stehen und in Vergessenheit geraten sind. Berichte von Treffen, Gesprächen, Protesten. Später werden ähnliche Dokumente der Ermordung und Beerdigung von Alla und dem Gedenken an sie gewidmet sein. Alla Horskas gesamtes kreatives Leben – und ihr Tod – fand im Schatten des KGB statt. Ihr ganzer Kampf um ihre Würde war ein Kampf gegen diese politische Polizei. Und ihre Notizen sind auch dem Kampf gegen Horska und andere ukrainische Intellektuelle gewidmet.

Und „dem Kampf gewidmet“ ist von unserem heutigen Standpunkt aus gesehen. Für die KGB-Genossen war dies nicht einmal ein Kampf, sondern eine Überwachung. So konnten sie die Insekten in der Gemeinschaftsküche mit Verachtung und Ekel betrachten, in der Gewissheit, dass sie sie jeden Moment zerquetschen oder vergiften konnten – man hatte einfach keine Lust, an einem so schönen Frühlingstag vom Stuhl aufzustehen und unnötige Bewegungen zu machen. Am Ende wird diese Kakerlake sowieso nicht fliehen können!

„Der KGB-Saal in der Horska-Ausstellung vermittelt nicht nur ein klares Bild davon, wie der berühmte ukrainische Künstler getötet wurde. Das zeigt auch den Charakter des Regimes, das nach der Besetzung der ukrainischen Gebiete durch die Bolschewiki errichtet wurde. Nein, es war nicht das ukrainische Regime – da sollten wir uns keine Illusionen machen. Im Eigentlich war dies das Regime der „Aliens“, der Fremden, der Außerirdischen – und derer, die ihnen dienen wollten, verschiedene Fedortschuks mit Schrlesten und Stcherbitzkis. Alle anderen konnten unter diesem Regime nur überleben. Dieses Regime behandelte diejenigen, die ein bewusstes und sicheres ukrainisches Bewusstsein hatten und nicht ein verwirrtes und voller Komplexe, mit verständlichem Hass und Verachtung. Es versuchte nicht zu besiegen, nein, es versuchte zu vernichten, wie die Alla Horska gewidmete Ausstellung zeigt: Ihr Werk wurde buchstäblich ruiniert, was die Möglichkeiten angeht, und was sie trotz der Behörden und der Zeit zu schaffen vermochte, wurde zerstört. Und so war es bei fast allen, die sich in erster Linie im ukrainischen und nicht im sowjetischen – also im russischen und pseudoukrainischen – Kontext sahen.

Diese Verachtung kam natürlich nicht erst mit den Bolschewiki auf. Der russische Chauvinist der kommunistischen und Putin-Zeit ist ein Sklave, der sich die Stiefel der aristokratischen Verachtung eines anderen angezogen hat. Ein Sklave, der seine eigenen Herren zerstört hat, aber versucht, sie in einem gestohlenen und zerstörten Haus zu verkörpern, ist das Russland des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts. Und natürlich war es diese sklavische Missachtung, die den Plan für Putins Blitzkrieg im Februar 2022 bestimmte. Bekanntlich bekämpft man keine Insekten, man lässt sie einfach existieren, bis die Geduld zu Ende ist.

Aber genau das ist der grundlegende russische Fehler, auch wenn der Kreml uns weiterhin als ängstliche Käfern betrachtet. Denn was ist von den russischen Chauvinisten und Kollaborateuren in unserem Land übrig geblieben? An wen erinnert man sich nun – an den ehemaligen KGB-Chef Witali Fedortschuk oder an sein Opfer Alla Gorska? Wer war der historische Sieger? Nein, der Käfer ist Fedortschuk, der sich am Ende seines Lebens hinter einer Moskauer Fußleiste versteckt hat! Der Käfer ist Medwedtschuk…

Es ist kein Zufall, dass im Finale der erwähnten Serie eine der Hauptfiguren die Kämpfer gegen die Außerirdischen in das Reich der Insekten führt und sie daran erinnert, dass diese trotz aller Bemühungen der Menschheit weiterleben und gedeihen.

Der Außerirdische hat sich eindeutig den falschen Feind ausgesucht.

Hinter den Halden/ За териконами.

Hinter den Halden, dort hinter den Feldern,
haben sie uns mit Raketen zerschmettert.
Dort, wo der Krieg ist, wo Kanonen donnern,
dort, wo ihr niemals werdet hinkommen.

Dort, wo nur Trümmer und Tod uns umgeben,
dort wird mir keiner mehr Hilfe geben.
Dort, wo die Erde brennt, Rauch in uns schneidet,
dort, wo die Welt sich um uns enger zieht

Refrain
Hinter den Halden, hinter den Halden,
dort hinter Feldern,
hinter den Halden, hinter den Halden,
dort, wo der Krieg ist…
Hinter den Halden, hinter den Halden,
dort hinter Feldern,
hinter den Halden, dort, wo der Krieg,
dort, dort, wo der Krieg ist…

Dort, wo in Trümmern kein Platz mehr zum Sitzen,
dort gibt es keinen Schlaf, nichts mehr zu essen.
Dort war einst Leben – jetzt ist es fort,
dort stirbt mein Bruder im Graben vor Ort…

Dort, wo ihr nicht seid, könnt ihr’s nicht begreifen,
dort, wo wir heute sind, könnt ihr’s nicht greifen.
Dort, wo ein Augenblick dich schon zerbricht,
dort, wo ein feindlicher Panzer dich trifft…

Dort, wo ein Tropfen Wasser wie Perlen erscheint,
dort, wo du siehst, wer noch ein Mensch bleibt,
dort glimmt noch leise ein Funken von Hoffnung,
dort lebt im Denken die Zukunft von morgen…

Refrain
Hinter den Halden, hinter den Halden,
dort hinter Feldern,
hinter den Halden, hinter den Halden,
dort, wo der Krieg ist…
Hinter den Halden, hinter den Halden,
dort hinter Feldern,
hinter den Halden, dort, wo der Krieg,
dort, dort, wo der Krieg ist…

Hinter den Halden, dort hinter den Feldern,
haben sie uns mit Raketen zerschmettert.
Dort, wo der Krieg ist, wo Kanonen donnern,
dort, wo ihr niemals werdet hinkommen.

За териконами, там за полями
Нас били градами, били вогами.
Там, де війна іде і бій гармати,
Там, де ніколи вам не побувати.

Там, де в руїнах все і смерть чатує,
Там, де ніхто мене вже не врятує.
Там, де горить земля і ріже димом,
Там, де зійшовся світ довкола клином.

Приспів:
За териконами, за териконами,
Там за полями,
За териконами, за териконами,
Там, де війна іде…
За териконами, за териконами,
Там за полями,
За териконами, там, де війна,
Там, там, де війна іде…

Там, де в руїнах все і ніде сісти,
Там де немає сну, немає їсти.
Там не було життя, то вже не має
Там у окопах брат мій помирає…

Там, де немає вас, вам не відчути,
Там, де сьогодні ми, вам не збагнути…
Там, де одна лиш мить тебе вбиває,
Там, де ворожий танк нас розбиває…

Там, де ковток води, немов перлина,
Там, де ти бачиш, брат, де є людина,
Там ще залишилась крапля надії,
Там ще живі в думках майбутні мрії!..

Приспів.
За териконами, за териконами,
Там за полями,
За териконами, за териконами,
Там, де війна іде…
За териконами, за териконами,
Там за полями,
За териконами, там, де війна,
Там, там, де війна іде…

За териконами, там за полями
Нас били градами, били вогами.
Там, де війна іде і бій гармати,
Там, де ніколи вам не побувати…

Ein Terroranschlag für Putin. Vitaly Portnikov. 27.03.24.

Ein russischer Polizeibeamter patrouilliert am 23. März 2024 vor der Konzerthalle Crocus City Hall in Krasnogorsk, Region Moskau.

https://ru.krymr.com/a/vitaliy-portnikov-terakt-putina-crocus-city-hall/32879382.html

Der Terroranschlag in Krasnogorsk bei Moskau ist buchstäblich von der ersten Minute an zum Gegenstand von Verschwörungstheorien geworden. Viele sind überzeugt, dass der Kreml ein Interesse an dem Terroranschlag gehabt haben könnte, um die Gesellschaft weiter zu mobilisieren und den Krieg Russlands gegen die Ukraine fortzusetzen. Wladimir Putin selbst und seine Sicherheitskräfte versichern, dass ukrainische und westliche Spezialdienste in den Terroranschlag verwickelt gewesen sein könnten – obwohl es auch in diesem Fall keine Beweise gibt.

Aber es ist durchaus möglich, dass die Situation viel gewöhnlicher aussieht – wir wurden Zeugen von Unprofessionalität und einem banalen Mangel an Ressourcen. Um den Terror zu bekämpfen, braucht man starke und kompetente Spezialdienste. Und was haben die russischen Sicherheitskräfte in den letzten Jahrzehnten getan?

Ihre Hauptenergie wird auf die Bekämpfung von Andersdenkenden und imaginären Gefahren verwendet. Erinnern wir uns daran, wie viele Menschen auf dem Krim auf der Anklagebank saßen – einige unter dem Vorwurf des Extremismus, andere unter dem Vorwurf des Terrorismus. Und wie viele dieser Menschen waren tatsächlich Terroristen und Extremisten?

Dies ist natürlich eine rhetorische Frage. Ich bin sicher, dass keiner der Inhaftierten Terroranschläge vorbereitet hat. Der „Extremismus“ bestand oft in wahrheitsgemäßen Informationen über die Handlungen des Besatzungsregimes auf der Halbinsel. Aber das Leben der Bewohner der Krim oder der russischen Bürger war dadurch doch nicht bedroht, oder?

Der Kampf gegen eine imaginäre Gefahr verwandelt meiner Meinung nach jeden Sonderdienst in eine mittelmäßige politische Polizei, die den Interessen der Behörden dient. Das Hauptaugenmerk eines solchen Sonderdienstes liegt auf der Identifizierung und Bestrafung von Unzufriedenen. Der FSB scheint sich nicht für echte Terroristen zu interessieren, denn diese geben keine Erklärungen über die Korruption des Regimes ab, unterschreiben keine offenen Briefe, halten keine einsamen Mahnwachen ab und gehen nicht zu Nawalnys Beerdigung. Sie bereiten einfach nur einen Terroranschlag vor: Sie kaufen Waffen, rekrutieren Terroristen, arbeiten einen Plan aus, um eine Konzerthalle zu stürmen… Wen würde so etwas interessieren?

Deshalb bin ich sicher, dass das, was in Krasnogorsk geschehen ist, eine direkte Folge der von Wladimir Putin verfolgten Politik ist, das Ergebnis der endgültigen Umwandlung der Sicherheitsdienste in politische Diener des Kremls. Hinzu kommt die verständliche Konzentration auf den Krieg mit der Ukraine, der ebenfalls das Ergebnis von Putins Aggression ist. Erinnern wir uns an die mangelnde Zusammenarbeit mit westlichen Geheimdiensten und das Misstrauen gegenüber deren Informationen. Aus all dem können wir eine Formel für die Anfälligkeit Russlands für terroristische Gefahren ableiten.

Es gibt keinen Grund für Verschwörungstheorien. Ich bin mir sicher, dass dies einfach Dummheit, Inkompetenz und Schwäche ist. All das haben sich die Radikalen des Islamischen Staates zunutze gemacht – reale, nicht imaginäre Terroristen. Aber auch danach gibt Putin weiterhin der Ukraine und dem Westen die Schuld an den Geschehnissen, nicht den Terroristen und seinen eigenen Spezialdiensten. Das bedeutet, dass es objektive Bedingungen für neue terroristische Akte in Russland schafft.

Und hier können wir uns Verschwörungstheorien zuwenden. Wenn der russische Präsident diese Bedingungen mit einer solchen Hartnäckigkeit und Bereitschaft schafft, dann ist er vielleicht nicht weniger, wenn nicht sogar mehr, an terroristischen Anschlägen interessiert als der „Islamische Staat“?

Der Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union. Was ist die Lehre aus Bosnien? Vitaly Portnikov. 23.03.24.

https://www.radiosvoboda.org/a/ukrayina-yevrosoyuzu-vstip-bosniya/32874480.html

Auf dem letzten EU-Gipfel haben die Staats- und Regierungschefs der EU beschlossen Beitrittsgespräche mit Bosnien und Herzegowina aufzunehmen. Dies ist auch für die Ukraine eine wichtige Nachricht, da die „Gruppe der Freunde Bosniens“ in der Europäischen Union – Länder wie Österreich, Italien, Ungarn, Slowenien und Kroatien – den Prozess der europäischen Integration der Ukraine und Moldawiens sogar von der Aufnahme von Verhandlungen mit Bosnien abhängig gemacht haben.

Und doch mag diese Tatsache die ukrainischen Leser überraschen. Wie ist es möglich, dass die Verhandlungen mit Bosnien gegen die europäische Integration der Ukraine „eingetauscht“ werden, wenn man bedenkt, dass das Land vor acht Jahren einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt hat und alle Nachbarländer schon seit langem verhandeln? Bedeutet diese Tatsache, dass es ohne den russischen Angriff auf die Ukraine und ohne die Beschleunigung des europäischen Integrationsprozesses der Ukraine und Moldawiens keine Gelegenheit gegeben hätte, Verhandlungen mit Bosnien und Herzegowina aufzunehmen?

Ja, man kann mit Sicherheit sagen, dass ohne diese „Beschleunigung der Geschichte“ die Bosnier noch lange vor der Tür warten müssten. Aber warum?

Denn der Krieg in Bosnien und Herzegowina war viel dramatischer als in anderen Republiken des ehemaligen Jugoslawien. Srebrenica ist zu einem schrecklichen Symbol für die ethnische Säuberung in dem Land geworden, aber wie viele solcher Tragödien haben sich in Kriegszeiten ereignet! Der Krieg hat das Bosnien und Herzegowina des sozialistischen Jugoslawiens zerstört, und an seiner Stelle wurde ein völlig neuer Staat geschaffen – allerdings innerhalb der Grenzen der ehemaligen jugoslawischen Republik.

Ein ungerechter Frieden führt zu Perspektivlosigkeit für ein ganzes Volk

Sowohl die westlichen Friedenstruppen als auch die bosnischen Muslime und Kroaten setzten sich für die Wahrung dieser territorialen Integrität als wichtigstes Prinzip zur Beendigung des Krieges ein. Gleichzeitig musste man jedoch die demografischen Ergebnisse des Krieges, die Tatsache der ethnischen Säuberung, akzeptieren, und innerhalb der wiederhergestellten Bosnien bildete sich ein Staat im Staat, der Republika Srpska. Die internationale Kontrolle wurde eingeführt, um zu verhindern, dass sich die beiden Teile dieses Staates gegenseitig bekämpfen.

Das Ergebnis ist ein praktisch nicht lebensfähiges Land, von dem ein Teil auf die europäische Integration ausgerichtet ist, während der andere auf Moskau sogar mehr als auf Belgrad orientiert ist. Der derzeitige Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, ist für seine guten Beziehungen zu Wladimir Putin bekannt.

Allein seit Februar 2022 hat sich Dodik viermal mit dem russischen Staatschef getroffen.

Gleichzeitig verurteilen seine Kollegen aus Sarajevo, Vertreter der muslimischen und kroatischen Gemeinschaften, die russische Aggression und unterstützen die Ukraine.

Falsche Kompromisse

Die Lehre aus Bosnien sollte uns daran erinnern, dass Frieden sicherlich besser ist als Krieg, aber ein ungerechter Frieden führt zur Perspektivlosigkeit eines ganzen Volkes.

Putin verfügt über ein ganzes Bündel politischer Instrumente, die er einsetzen möchte, um die Entwicklung der Ukraine zu stoppen, selbst wenn die Kämpfe eingestellt werden. Er wählt zwischen Aggression und Besatzung und der Anwendung der bosnischen Erfahrung, wenn dem Land Stagnation und ein Leben an der Peripherie aufgezwungen wird, um im Gegenzug sein Leben zu retten.

Und nun können sich die Ukrainer auf die bosnischen Erfahrungen berufen, denn die Tatsache, dass die Ukraine und Moldawien Bosnien und Herzegowina im Prozess der europäischen Integration voraus waren, ist der beste Beweis für die Fehler, die bei der Lösung des Bosnienkonflikts gemacht wurden.

Deshalb sollten die Freunde Bosniens in der Europäischen Union auch Freunde der Ukraine sein – um die falschen Kompromisse zu verhindern, die für die Bosnier zu einer zivilisatorischen Falle geworden sind.