Seoul verschärft den Konflikt mit der Ukraine | Vitaly Portnikov. 29.09.2026.

Der Leiter der ukrainischen Botschaft in Südkorea, Andriy Vieshkin, wurde ins Außenministerium des Landes einbestellt, um ihm die harte Haltung mitzuteilen, die die südkoreanische Regierung in dem Konflikt weiterhin einnimmt, der mit einem Austausch von Erklärungen zwischen den Präsidenten der Ukraine und Südkoreas, Volodymyr Zelensky und Lee Jae-myung, auf der Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen begonnen hatte.

Wie bekannt ist, teilte der ukrainische Präsident mit, dass zwei Soldaten der Demokratischen Volksrepublik Korea, die gemeinsam mit russischen Truppen gekämpft hatten und von den ukrainischen Verteidigungskräften gefangen genommen worden waren, an Seoul übergeben wurden. Der Präsident Südkoreas beschuldigte Kyiv, Informationen offengelegt und sogar Verrat begangen zu haben, und sprach von schwerwiegenden Folgen solcher Äußerungen des ukrainischen Präsidenten.

Es wurde darüber gesprochen, Volodymyr Zelensky habe beschlossen, eine Vertraulichkeitsvereinbarung mit Südkorea um der PR willen zu verletzen. Wobei nicht ganz klar ist, worin hier die PR bestehen soll, wenn die ukrainische Regierung Kriegsgefangene aus Pjöngjang an Seoul übergibt, ohne dass diese Übergabe für die Ukraine selbst irgendwelche realen Ergebnisse bringt. Das könnte man eher als eine Art Wohltätigkeit bezeichnen.

Gleichzeitig wissen wir natürlich nicht, in welcher Form eine südkoreanisch-ukrainische Vereinbarung überhaupt bestand – oder ob es sie überhaupt gab. Man darf nicht vergessen, dass Informationen darüber, dass Bürger der DVRK nach Südkorea übersiedeln wollten, sowohl in ukrainischen als auch in südkoreanischen Medien kursierten. Unbekannt war lediglich die Tatsache selbst, dass diese Menschen an Seoul übergeben worden waren.

Viele sagen, dadurch könne eine Gefahr sowohl für die ehemaligen Soldaten selbst als auch, was noch wichtiger sei, für ihre Angehörigen in Nordkorea entstehen. Auch diese Behauptung hält keinerlei Kritik stand.

  • Erstens verfügt die nordkoreanische Agentur über andere Möglichkeiten, von der Übergabe eigener Staatsbürger an Seoul zu erfahren, als durch die Rede des ukrainischen Präsidenten auf der Sitzung der UN-Generalversammlung.
  • Zweitens haben Menschen, die von der ukrainischen Armee gefangen genommen wurden, aus Sicht des offiziellen Pjöngjang bereits Verrat begangen. Sie haben keinerlei Recht, sich dem Feind zu ergeben.

Daher ist die Annahme, dass es derzeit Angehörige dieser ehemaligen Kriegsgefangenen gibt, die sich noch in Freiheit befinden oder überhaupt noch am Leben sind, gelinde gesagt naiv. Das entspricht nicht der Logik des Verhaltens des nordkoreanischen Regimes seit dem ersten Tag seiner Gründung. Und heute ist dieses Regime möglicherweise sogar noch härter als zu Zeiten des Begründers der nordkoreanischen kommunistischen Diktatur, Kim Il-sung.

Warum äußert Lee Jae-myung dann derart scharfe Vorwürfe gegenüber Volodymyr Zelensky, und hätte Kyiv auf diese Vorwürfe so reagieren sollen? Nun, zunächst einmal müssen wir eine wichtige Sache verstehen.

In Südkorea herrscht praktisch seit den ersten Tagen der Gründung dieses Staates ein erbitterter innenpolitischer Kampf zwischen zwei gegensätzlichen Lagern. 

  • Das eine orientiert sich vorbehaltlos an den Vereinigten Staaten. 
  • Das andere versucht, eine Verständigung mit Peking und Pjöngjang zu finden.

Der vorherige Präsident Südkoreas, Yoon Suk Yeol, war ein Anhänger eben dieser vorbehaltlosen Orientierung. Deshalb verkaufte Südkorea während seiner Amtszeit, obwohl es keinerlei gesetzliche Möglichkeiten hatte, die Ukraine militärisch zu unterstützen, seine Waffen an die Vereinigten Staaten oder an europäische Länder wie Polen. Und die Vereinigten Staaten übergaben uns dann südkoreanische Artilleriegeschosse, während Polen durch den Kauf koreanischer Militärtechnik die Möglichkeit erhielt, uns Militärtechnik anderer Herkunft zu übergeben.

Südkorea selbst hat der Ukraine nie etwas geliefert und kann dies auch nicht. Man muss sich jedoch darüber im Klaren sein, dass Yoon Suk Yeol dies nicht nur aus Respekt vor dem ukrainischen Kampf tat, sondern auch deshalb, weil er gute Beziehungen zur Administration des Präsidenten der Vereinigten Staaten Joseph Biden aufbauen wollte, die versuchte, der Ukraine zu helfen. Um gute Beziehungen zur Administration von Präsident Donald Trump aufzubauen, ist es in Südkorea keineswegs notwendig, dies zu tun.

Darüber hinaus ist Yoon Suk Yeols Nachfolger Lee Jae-myung ein Vertreter völlig entgegengesetzter politischer Kräfte. Während sein Vorgänger versuchte, die Beziehungen zu Washington auszubauen und sich faktisch mit Peking überwarf, eine regelrechte diplomatische Blockade Pjöngjangs schuf und betonte, dass jede Verbesserung der Beziehungen erst nach einer Denuklearisierung Nordkoreas möglich sei, versucht Lee Jae-myung, die Beziehungen zum Staatschef der Volksrepublik China, Xi Jinping, zu verbessern – dieser kommt ihm dabei übrigens entgegen – und versucht, sich mit Kim Jong-un zu treffen. Dieser hat es jedoch nach der drastischen Wende seiner eigenen Außenpolitik und der Abkehr von der Idee der sogenannten friedlichen Wiedervereinigung des Vaterlandes nicht besonders eilig, solchen Vorschlägen für ein Treffen mit dem südkoreanischen Staatschef zuzustimmen.

Der Präsident Südkoreas nutzte also die Tribüne der UN-Generalversammlung dazu, die Änderung seines eigenen außenpolitischen Kurses zu legitimieren, und zwar so, dass die Opposition ihm daraus keinen Strick drehen kann. Denn sie wartet nur darauf, dass er dort landet, wo vor ihm praktisch alle früheren südkoreanischen Präsidenten der vergangenen Jahrzehnte gelandet sind: im Gefängnis. Zumal Lee Jae-myung bereits vor seiner Wahl zum Präsidenten Südkoreas Korruptionsermittlungen durchlaufen hat und nur deshalb gewählt werden konnte, weil bestimmte Ermittlungen eingestellt wurden – und es könnte sich herausstellen, dass dies keineswegs für immer der Fall ist.

Seine Politik, die auf dem Versuch beruht, sich wieder Peking und Pjöngjang zuzuwenden, ist für Lee Jae-myung also ziemlich schwierig umzusetzen. Er ist sich vollkommen darüber im Klaren – zumindest kann er das so sehen –, dass Kim Jong-un, wenn er erfährt, dass seine Staatsbürger dank Vereinbarungen zwischen Südkorea und der Ukraine nach Seoul gelangt sind, sehr wütend sein und keine Beziehungen zu ihm aufbauen wollen wird.

Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Kim Jong-un hat ohnehin nicht vor, Beziehungen zu Lee Jae-myung aufzubauen. Lee Jae-myung erinnert mich in dieser Situation gerade an Volodymyr Zelensky im Jahr 2019, der glaubte, er könne sich mit dem Präsidenten der Russischen Föderation Putin treffen und mit ihm tatsächlich irgendetwas vereinbaren. Nein, nein und noch 300.000 Mal nein. Die Wende in der Außenpolitik Nordkoreas hin zur Konfrontation mit dem Süden und dazu, ihn zu einem feindlichen Staat zu erklären, den man, wenn sich die Gelegenheit bietet, vernichten kann, hat bereits stattgefunden.

Und kein Lee Jae-myung wird diese Wende noch ändern können. Zumindest nicht bis zu dem Zeitpunkt, an dem in Pjöngjang in der Residenz des Staatschefs ein neuer Mensch auftaucht. Und darauf kann man noch viele Jahrzehnte warten.

Aber es ist wichtig, das Wesen dieses Ansatzes zu verstehen. Hätten wir dem Präsidenten Südkoreas und seiner Regierung Anlass geben sollen, den Konflikt weiter zu verschärfen? Vielleicht hätten wir ihnen diesen Anlass nicht gegeben, wenn wir nicht gesagt hätten, der Präsident Südkoreas habe die Vertraulichkeitsvereinbarung erfunden. In Seoul wird dies als offene Unterstützung Kyivs für jene südkoreanischen Oppositionskräfte wahrgenommen, die Lee Jae-myung angreifen und darauf hoffen, dass seine Herrschaft und die Herrschaft seiner Partei früher enden als bei den nächsten regulären Wahlen.

Und gerade ein solcher Versuch, am Rande der UN-Generalversammlung die Position des südkoreanischen Präsidenten zu untergraben, könnte die anhaltend harte Reaktion Seouls ausgelöst haben.

Was sollte Kyiv in dieser Situation tun? Nun, zunächst einmal muss man sich darüber im Klaren sein, dass es ohnehin keine ernsthafte militärische Hilfe aus Südkorea geben wird, solange Lee Jae-myung an der Spitze des Landes steht. Es gibt hier also nichts zu riskieren. Und all diese Geschichten darüber, dass wir kurz vor einer neuen Waffenlieferung aus Seoul gestanden hätten, sind eher Wunschdenken als eine reale Situation, die unter dieser Administration entstehen könnte.

Davon sprechen Menschen, die sich schlicht nie ernsthaft mit der südkoreanischen Politik beschäftigt haben. Und wir wissen, dass wir erhebliche Probleme mit außenpolitischer Expertise haben, erst recht, wenn sich damit Amateur-Experten befassen. Daran haben wir uns bereits gewöhnt.

Zweitens ist es offensichtlich, dass man sich mit Südkorea auch in einer Zeit, in der es eine Verständigung entlang der Achse Peking–Moskau–Pjöngjang sucht, nicht überwerfen sollte. So oder so kann die Regierung wechseln, und es können Menschen an die Macht kommen, die bereit sind, uns indirekt zu helfen.

Der Krieg liegt noch vor uns, auch ein Machtwechsel in Südkorea liegt noch vor uns. Und die Situation wieder in Ordnung zu bringen bedeutet, es denjenigen leichter zu machen, die nach dem derzeitigen südkoreanischen Präsidenten und seiner auf Verständigung mit China ausgerichteten Administration kommen werden.

Übrigens ist an dem, was ich sage, nichts sensationell. Denn als Yoon Suk Yeol, der sich heute wegen Machtmissbrauchs und des Versuchs, im Land das Kriegsrecht zu verhängen, im Gefängnis befindet, seine Macht verlor, betonten praktisch alle Experten, die sich mit Südkorea beschäftigten, bereits damals, dass eine neue Administration unter Lee Jae-myung angesichts seiner bekannten Positionen der Ukraine nicht helfen und all jene Programme indirekter Unterstützung zurückfahren werde, die unter der vorherigen Administration bestanden hatten. Ebenso wurde betont, dass sich der neue Präsident Südkoreas, der für seinen Wunsch bekannt ist, die Beziehungen zur Volksrepublik China und zu Nordkorea zu verbessern, in seinen Ansätzen – darunter auch hinsichtlich des russisch-ukrainischen Krieges – diametral von seinem Vorgänger unterscheidet.

Was bereits in jenen Tagen offensichtlich war, als die Opposition in Südkorea den Versuch eines Militärputsches durch Yoon Suk Yeol und seine Mitstreiter vereitelte, wurde auf der Sitzung der UN-Generalversammlung vollkommen offensichtlich, transparent und verständlich.

Hätte Volodymyr Zelensky dem Präsidenten Südkoreas keinen Anlass gegeben, wäre die Einstellung der Hilfe einfach ohne Skandal erfolgt, und es wäre schwieriger gewesen, sie gegenüber der südkoreanischen Opposition zu erklären. Aber das ist ganz sicher kein Problem der ukrainischen, sondern der südkoreanischen Innenpolitik und jenes ewigen Kampfes, der jeden Präsidenten ins Gefängnis bringt oder ihn unter der Last der von seinen Gegnern erhobenen Vorwürfe dazu zwingt, sein Leben durch Selbstmord zu beenden.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Сеул загострює конфлікт з Україною | Віталій Портников. 29.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 29.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Guterres fuhr zu Putin | Vitaly Portnikov. 23.10.24.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres ist in Kasan zum Brics-Gipfel und zu einem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eingetroffen. Zuvor hatte Moskau berichtet, der UN-Generalsekretär habe eine Einladung zum Brics-Gipfel erhalten. Das Sekretariat des Chefs der Organisation der Vereinten Nationen bestätigte jedoch nicht die Möglichkeit seiner Teilnahme an dieser Veranstaltung, dennoch ist aber Guterres in Kasan. 

Hier muss man dem ukrainischen Außenministerium zustimmen, das daran erinnert, dass der UN-Generalsekretär die Teilnahme am Friedensforum in der Schweiz abgelehnt hat, aber die Einladung von Wladimir Putin angenommen hat. Dieser Kontrast verdeutlicht die wahre politische Position des UN-Generalsekretärs. An dem Friedensforum nahmen führende Persönlichkeiten aus zahlreichen Ländern, Dutzende von Präsidenten, Premierministern und Außenministern teil. Die meisten UN-Mitglieder waren in die Schweiz gekommen, um sich an der Suche nach Wegen zur Beendigung des blutigsten Krieges in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg zu beteiligen. Antonio Guterres selbst lehnte es jedoch ab, an diesem Forum teilzunehmen und schickte stattdessen seinen stellvertretenden Generalsekretär. 

Der Brics-Gipfel kann sich nicht mit einer so großen Anzahl von Staatschefs rühmen. Und man kann auch nicht sagen, dass diese regionale Bundniss in irgendeiner Weise wirtschaftliche und politische Vorschläge macht, die zumindest die Volkswirtschaften ihrer eigenen Mitglieder betreffen. Vielmehr kann man von einer Art Club der Staatsoberhäupter sprechen, dessen einziger Zweck darin besteht, die eigenen wirtschaftlichen und politischen Fähigkeiten zu demonstrieren, auch wenn die meisten Staatsoberhäupter sehr wohl wissen, dass ihre wirtschaftliche Entwicklung ausschließlich von realen Kontakten mit den Ländern abhängt, deren Staatsoberhäupter nicht auf dem Brics-Gipfel anwesend sind, nämlich den Ländern der Gruppe der Sieben. 

Es stellt sich jedoch die Frage: Wenn es Antonio Guterres so ernst ist mit einem internationalen Forum, an dem die Staats- und Regierungschefs der UN-Mitgliedstaaten teilnehmen, warum hat er dann beschlossen, nicht in die Schweiz zu reisen, sondern eine Einladung Russlands anzunehmen? Und das in einer Situation, in der die russische Führung weiterhin einen aggressiven Krieg in der Ukraine führt, den der UN-Generalsekretär selbst wiederholt verurteilt hat. 

Wenn es um den Krieg im Nahen Osten geht, stellt sich Antonio Guterres ebenfalls auf die Seite derjenigen, die zur Aggression bereit sind. Es ist kein Zufall, dass das israelische Außenministerium den UN-Generalsekretär kürzlich zur Persona non grata im jüdischen Staat erklärte und damit auf die ständigen Bemühungen des Chefs der Vereinten Nationen reagierte, die Maßnahmen Israels zum Schutz seines Territoriums und seiner Bürger vor terroristischen Angriffen und Aktionen der Terrororganisationen Hamas und Hisbollah, die bekanntermaßen vom Iran unterstützt werden, und am 7. Oktober 2023 einen nicht erklärten Krieg mit Israel begannen, der sich in der Geiselnahme friedlicher Zivilisten ausdrückte, gleichzusetzen. 

Doch, wie wir sehen, hält Antonio Guterres nicht nur an seinen Positionen fest, sondern auch an seinen Sympathien. Wie Sie wissen, wird an dem Gipfeltreffen in Kasan nicht nur der Präsident der Russischen Föderation teilnehmen, gegen den der internationale Gerichtshof in Den Haag einen Haftbefehl erlassen hat, sondern auch der Präsident des Iran, dessen Land die Hamas und die Hisbollah aktiv unterstützt, um die Lage im Nahen Osten zu verschärfen. Die Tatsache, dass der UN-Generalsekretär in Gesellschaft von Führern terroristischer Staaten sein wird, die Terrorgruppen bei der Bekämpfung von Zivilisten unterstützen, scheint den Chef der Vereinten Nationen nicht im Geringsten zu stören. 

Und wir sprechen immer wieder von der Autorität der Vereinten Nationen, die zum großen Teil darauf zurückzuführen ist, dass die Organisation das Erbe der Vereinbarungen ist, die nach dem Zweiten Weltkrieg getroffen wurden, und dass sie kaum Einfluss auf die Situation in der modernen Welt nehmen kann, wenn eines der Mitglieder des UN-Sicherheitsrates als Aggressor auftritt oder die Aggression von einem der Mitglieder des UN-Sicherheitsrates unterstützt wird, das bekanntlich das Recht hat, gegen alle Entscheidungen des Rates ein Veto einzulegen. Die Glaubwürdigkeit hängt jedoch nicht nur mit der Struktur der Organisation selbst zusammen, deren Reform seit vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, diskutiert wird. Autorität hat auch mit der moralischen Autorität des Generalsekretärs zu tun, und an dieses Paradigma haben sich alle Vorgänger von Antonio Guterres als Generalsekretär der Vereinten Nationen gehalten, auch wenn sie dabei in einen echten Konflikt mit den ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats geraten mussten. Zumindest haben diese Leute daran gedacht, wie ihr Ruf aussehen wird, wenn sie keine Generalsekretäre mehr sein werden, und wie der Ruf der Vereinten Nationen aussehen wird, wenn sie keine Generalsekretäre mehr sein werden. 

Antonio Guterres scheint sich für keine dieser Fragen zu interessieren, was für einen erfahrenen Politiker und ehemaligen Regierungschef eines Mitgliedstaates der Europäischen Union und der NATO, Portugal, sehr merkwürdig ist. Aber ich kann mir vorstellen, dass für den derzeitigen UN-Generalsekretär ein Sitz im Vorstand von Gazprom oder Rosneft nach seiner Pensionierung ein weitaus begehrenswerterer Preis ist als alle Reputationskosten, die mit Antonio Guterres‘ Reisen in terroristische Staaten wie die Russische Föderation oder mit seinen Versuchen verbunden sind, die Aktionen terroristischer Gruppen im Nahen Osten durch die bekannte Technik der Gleichsetzung von Opfern und Aggressoren zu rechtfertigen, eine Technik, die in Moskau oder Teheran immer willkommen ist, und bei jedem anständigen Menschen Verachtung hervorruft.

Israel hat den UN-Generalsekretär zur Persona non grata erklärt. Was soll die Ukraine tun? Vitaly Portnikov. 05.10.24.


UN-Generalsekretär António Guterres bei einem Besuch in Borodyanka, Region Kyiv, wo eine Reihe von Kriegsverbrechen des russischen Militärs dokumentiert wurden. Borodjanka, 28. April 2022

Nach der Erklärung des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres zum iranischen Raketenangriff auf Israel – der erfahrene Diplomat erwähnte den Iran in keiner Weise und verurteilte auch nicht dessen Vorgehen – erklärte der israelische Außenminister Yisrael Katz den UN-Chef zu einer unerwünschten Person im jüdischen Staat.

Der israelische Außenminister Yisrael Katz betonte außerdem, dass António Guterres der „Generalsekretär ist, der das Massaker und die sexuellen Gräueltaten, die von den Hamas-Killern am 7. Oktober begangen wurden, nicht verurteilt hat, und keine Anstrengungen unternommen hat, Hamas zu einer terroristischen Organisation zu erklären“. 

Natürlich könnte dieser beispiellose Umstand durch die besonderen Spannungen zwischen Israel und der UN-Führung im vergangenen Jahr erklärt werden. Aber ich möchte Sie an einen anderen Konflikt erinnern – den großen Krieg in der Ukraine. Der UN-Generalsekretär weigerte sich, am Friedensgipfel in der Schweiz teilzunehmen. Und diese Entscheidung hat mich schon damals etwas überrascht.

Natürlich waren von dem Treffen in den Schweizer Bergen keine praktischen Entscheidungen zu erwarten. Aber ist ein UN-Generalsekretär, der sich weigert, an einem in den letzten Jahren beispiellosen Treffen mit Dutzenden von Präsidenten, Premierministern und Außenministern der meisten UN-Mitgliedstaaten teilzunehmen, nicht seltsam? Und ist es nicht seltsam, dass nach dieser Weigerung, in die Schweiz zu kommen, Informationen vorliegen, wonach der UN-Generalsekretär möglicherweise nach Russland reist, um am BRICS-Gipfel teilzunehmen, der demnächst in Kasan stattfinden wird? Obwohl die Repräsentation bei diesem Treffen offensichtlich geringer ist als beim Friedensgipfel.

Und wenn der UNO-Generalsekretär zu diesem von Wladimir Putin organisierten Gipfeltreffen kommt, ist das eine klare Antwort auf die Frage, ob er in der Lage ist, das Gleichgewicht in den Beziehungen zwischen den UNO-Mitgliedsstaaten zu wahren. Und diese Fähigkeit, ein Gleichgewicht zu finden, ist die größte Herausforderung für den UN-Generalsekretär. 

In der Ukraine wird nach dem Ausbruch des großen Krieges mit Russland oft von der Ineffektivität der UNO gesprochen. Dieser Vorwurf wird jedoch schon seit Jahrzehnten gegen die Organisation erhoben. Um eine Position der Werte und der Achtung des Völkerrechts zu demonstrieren, ist es wichtig, dass der UN-Generalsekretär ein erfahrener Diplomat ist, der in der Lage ist, sich an Prinzipien und Regeln zu halten.

Es hätte den Anschein haben können, dass António Guterres mit seiner langjährigen diplomatischen und staatlichen Erfahrung die richtige Person ist, um die Bedeutung dieser Worte zu verstehen. Es stellte sich jedoch heraus, dass seine eigenen politischen Ansichten für den UN-Generalsekretär wichtiger sind als der Inhalt seiner Position. Die Geschichte der Erklärung zur Persona non grata in Israel ist in der Tat der Höhepunkt einer Situation, in der der UN-Generalsekretär diejenigen, die am 7. Oktober 2023 Zivilisten in dem jüdischen Staat angegriffen haben, nicht eindeutig verurteilt hat.

Die Süddeutsche Zeitung bemerkte damals: „Wenn jemand, der das Amt des Chefdiplomaten der Welt innehat, die Gräueltaten der Hamas nicht von vornherein und in aller Deutlichkeit verurteilt, dann hat er schlicht den Bezug zur Realität verloren. Natürlich hat sich Guterres in seiner Rede gegen die von den Terroristen begangene Gewalt ausgesprochen, aber das ändert nichts an seiner Relativierung des Anschlags.“

Und der Krieg in der Ukraine ist, wie wir sehen können, eine ähnliche Geschichte. Einerseits die Verurteilung der russischen Aggression. Auf der anderen Seite die Abwesenheit vom Friedensgipfel, der politisch wichtig für die Unterstützung der Ukraine war. Das ist eine Neutralität, die an Gleichgültigkeit grenzt. Und diese Gleichgültigkeit kann sich sogar auf bestimmte Ereignisse des russisch-ukrainischen Krieges beziehen. 

Ich möchte Sie an die bekannte Geschichte erinnern, als der UN-Generalsekretär im August 2022 eine Mission zur Untersuchung des Todes ukrainischer Kriegsgefangener in Olenivka einrichtete. Und die unerwartete Entscheidung, sie nur wenige Monate später aufzulösen, angeblich wegen mangelnder Arbeitsbedingungen. Damals war der ukrainische Ombudsmann Dmytro Lubinets zu Recht überrascht: „Die Ukraine hat öffentlich gesagt, dass wir bereit sind, zu helfen, alle Bedingungen zu schaffen, damit die Untersuchung stattfindet. Aber wieder einmal haben wir meiner Meinung nach eine neutrale Position der UN als Vermittler gesehen. Kein einziges Wort der Verurteilung der russischen Seite, die alles getan hat, um diese internationale Mission zu verhindern.“

Vergleicht man diese Aussage mit den Äußerungen des israelischen Außenministers, so zeigt sich ein gewisser gemeinsamer Ansatz – der Ansatz von Vertretern von Ländern, die vom UN-Generalsekretär erwarten, dass er die Angreifer verurteilt und nicht die Augen vor Verbrechen und unkooperativem Verhalten verschließt. Meiner Meinung nach wird Antonio Guterres von dieser Kritik jedoch kaum beeindruckt sein.

Aber sein Nachfolger wird sich Gedanken darüber machen müssen, wie er die Glaubwürdigkeit eines der wichtigsten Ämter in der modernen Welt wiederherstellen und beweisen kann, dass die Grundsätze und Regeln immer noch funktionieren.