„Ich sehe beim russischen Führungskreis keinen Willen zu einer Massenmobilisierung“ – Vitaly Portnikov. 06.12.2025.

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„Ich sehe beim russischen Führungskreis keinen Willen zu einer Massenmobilisierung“ – Vitaly Portnikov. 06.12.2025.

„Die russische Führung hat eine Söldnerarmee geschaffen und damit den Protest in der russischen Gesellschaft minimiert“. Diese Meinung äußerte der Journalist, Publizist und Moderator Vitaly Portnikov in der Sendung des Fernsehsenders Espreso.

„Ich sehe bislang beim russischen Führungskreis keinen Willen, zu einer Massenmobilisierung überzugehen. Sie haben eine Söldnerarmee geschaffen und damit den Protest in der russischen Gesellschaft minimiert. Denn man sagt: ‚Wie reagieren sie denn nicht auf diese Menge von Opfern?‘ Erstens war für die Russen die Zahl der Opfer aus Sicht der Wahrnehmung der Realität niemals besonders wichtig. Aber das ist dennoch eine besondere Situation, die sich sowohl vom Zweiten Weltkrieg als auch von Afghanistan unterscheidet. Denn in diesen Kriegen fragte man die Menschen nicht, ob sie dienen wollten oder nicht. Und bei ihren Verwandten, bei den Angehörigen, gab es immer eine Frage an das Regime: Warum habt ihr sie dorthin geschickt? Nun, während des Zweiten Weltkriegs stellte sich diese Frage nicht – da stellte sich die Frage nach der Zahl der Opfer, allgemein danach, warum die sowjetischen Marschälle den Krieg wie Schlachter führten. Aber dass die Menschen das Vaterland verteidigen, dass ein Aggressor gekommen ist – das weckte bei niemandem Zweifel. Und deshalb gab es auch keinen solchen Konflikt darüber, dass jemand zwangsweise mobilisiert wurde“, betonte er.

Mit Afghanistan war die Situation bereits anders – dorthin schickte man Wehrpflichtige. Und das gefiel den Menschen absolut nirgendwo.

„Und selbst wenn sie nicht protestierten, entstand dadurch eine gewisse Kluft zwischen ihnen und dem Regime. Denn man sah doch: Es starben 18- bis 19-jährige Jungen, meine Altersgenossen, die dort überhaupt nicht dienen wollten. Und das größte Grauen bestand damals darin, überhaupt zur Armee zu kommen und nach Afghanistan geschickt zu werden. Dabei fehlte es an Soldaten. Gerade in der Zeit des Afghanistan-Krieges wurde die Entscheidung gefällt, dass Studenten nicht mehr die Möglichkeit haben würden, erst ihr Studium abzuschließen und dann – wie es vorher üblich war – in die Streitkräfte zu gehen. Stattdessen sollten sie in die Armee eintreten, sobald sie das wehrpflichtige Alter erreichten. Mit 18 Jahren – du hattest gerade dein erstes oder zweites Studienjahr beendet – und dann gingst du in die Armee, und man konnte dich nach Afghanistan schicken. Und das hat, wie Sie verstehen, sehr vielen Menschen das Leben zerstört“, erzählte er.

Vitaly Portnikov wies darauf hin, dass heute eine völlig andere Situation bestehe, da man Geld für die Unterzeichnung eines Vertrags anbiete.

„Das ist übrigens auch eine Folge des Tschetschenien-Krieges. Denn während des Tschetschenien-Krieges sah die russische Führung, dass die Gesellschaft äußerst negativ reagierte, wenn Wehrpflichtige nach Tschetschenien geschickt wurden. Das führte zu Massenprotesten. Das führte zur Gründung des Komitees der Soldatenmütter. Und schließlich entschied man, dass Wehrpflichtige nicht in Kampfgebieten dienen dürfen. Deshalb wurden sie in diesem Krieg nur dann eingesetzt, als es zu einer Situation in der Oblast Belgorod kam – nicht einmal in der Oblast Kursk. Denn das ist gewissermaßen kein Kampfgebiet. Dort ist jemand hineingekommen, dort gab es irgendwelche Saboteure, jemand bewachte etwas – das war es dann aber auch. Was die Mobilisierung betrifft, ist es jetzt anders. Wenn man den Menschen Geld zahlt und sie sich für dieses Geld freiwillig zum Dienst bereit erklären, einen Vertrag unterschreiben – und so ein Mensch stirbt –, wie wird das in der Gesellschaft wahrgenommen? Überhaupt nicht. Nun, das ist eben ein riskanter Beruf mit gutem Gehalt. Er wollte ein gutes Gehalt, ich wollte kein gutes Gehalt – ich lebe, aber er hat mit seinem Leben oder seiner Gesundheit bezahlt. Nun, das eben für Geld. Warum sollten wir Putin dafür Vorwürfe machen? Putin hat ihn ja nicht dorthin gezwungen. Er hat ihm Geld angeboten“, sagte er.

Wenn aber plötzlich nach diesen vier Jahren eines solchen Krieges nach diesen Regeln kein Geld mehr gezahlt würde und man stattdessen einfach mobilisieren würde, könnte das zu einer völlig anderen Reaktion der Gesellschaft führen. Dann würde der Krieg tatsächlich russisch werden.

„Die Menschen würden beginnen zu fragen: ‚Sagen Sie bitte, wofür haben wir vier Jahre lang gekämpft? Wir haben gekämpft, gekämpft, gekämpft, gekämpft – und nicht zu Ende gekämpft.‘ Und jetzt sind wir gezwungen, eine Massenmobilisierung auszurufen. Vielleicht sollte man dann unsere politische Führung fragen, unsere Generäle: Warum konnten sie in vier Jahren die Ukraine mit dieser großen Armee nicht besiegen, sodass sie jetzt noch zusätzlich Menschen mobilisieren müssen, die sich nach vier Jahren gar nicht damit beschäftigen wollen? Und das ist übrigens genau die Frage, die Wladimir Putin die ganze Zeit auch Donald Trump stellt: Wenn du das in vier Jahren nicht lösen kannst, was willst du dann überhaupt? Und genau diese Fragen würden dann schonungslos aufkommen, sobald eine Massenmobilisierung beginnt. Deshalb glaube ich, dass sie nach Mechanismen suchen werden – aber so, dass es nicht wie eine offene Mobilisierung aussieht. Denn, wie gesagt, sie haben die Erfahrung Afghanistans, sie haben die Erfahrung des Tschetschenien-Krieges und sie haben die Erfahrung ihrer eigenen Mobilisierung während des russisch-ukrainischen Krieges, als die Menschen nicht einmal einen Tag abgewartet haben. Erinnern Sie sich an die Schlangen an der georgischen Grenze, an allen Grenzen? Das war für sie eine ziemlich deutliche Lehre. Umso mehr in Mosskau, wo die russische Wirtschaft hinterherhinkt. Kaum jemand möchte, dass Menschen, die einen wichtigen Teil dieser Wirtschaft ausmachten, das Land verlassen – wenn sonst im Land alles passt“, fügte er hinzu.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Не бачу в російського керівництва бажання йти на масову мобілізацію, – Портников. 06.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 06.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Trump lässt die Europäer fallen | Vitaly Portnikov. 08.12.2025.

Nach der Veröffentlichung der Strategie der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten, die die Absichten des Präsidenten des Landes, Donald Trump, und seines Teams in Bezug auf ihre Haltung zur Welt widerspiegelt, die die Vereinigten Staaten umgibt, herrscht bei vielen in Europa – bei Politikern ebenso wie bei Beobachtern und gesellschaftlichen Akteuren – echte Verzweiflung.

Es genügt, einen Blick auf die Titelseiten der europäischen Zeitungen zu werfen, um zu verstehen, wie sehr diese Strategie die Europäer tatsächlich erschreckt hat. Denn zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg verabschieden sich die Vereinigten Staaten auf staatlicher Ebene faktisch von der Idee der euroatlantischen Integration – jener Idee, die über viele Jahrzehnte hinweg den Kern der Sicherheit sowohl der Vereinigten Staaten als auch der europäischen Länder gebildet hat.

Gerade diese Idee half den Vereinigten Staaten, zum wichtigsten Hüter der Demokratie in der modernen Welt zu werden und im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion standzuhalten. Eben diese Idee nährte die Hoffnungen der Europäer auf die Zukunft.

Und was ist nun aus diesen Hoffnungen geworden? Nun, erstens muss man verstehen, dass die Veröffentlichung dieser Strategie an sich keine besondere Sensation darstellt. Die Vorstellung davon, wie die Administration Trump und ihre Unterstützer zu Europa stehen würden, wurde bereits auf der Münchner Sicherheitskonferenz klar artikuliert, als der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, J. D. Vance, eine Rede über die künftigen außenpolitischen Vorstellungen der neuen Administration hielt.

Zweitens kann man nicht sagen, dass Europa der Administration Trump auf Grundlage dieser Strategie völlig gleichgültig sei. Es interessiert sie – nur eine andere Europa. Ein Europa, in dem ultrarechte populistische Kräfte an die Macht kommen sollen. Wenn man so will: Orbáns Groß-Europa.

Das ist freilich schwer vorstellbar. Es wäre so, als hätten in den 1920er- und 1930er-Jahren die Präsidenten der Vereinigten Staaten den Machtantritt Benito Mussolinis oder Adolf Hitlers gefördert. Doch man muss die Wahrheit sagen: Schon damals gab es in den Vereinigten Staaten nicht wenige Politiker und Geschäftsleute, die offen mit ultrarechten, faschistischen, nationalsozialistischen Ideologien auf dem europäischen Kontinent sympathisierten und es für normal hielten, dass ihr Land – das man schon damals als Vorbild demokratischer Reformen betrachtete – mit Hitler-Deutschland und dem faschistischen Italien zusammenarbeitete.

Erst der Zweite Weltkrieg, in dem die Vereinigten Staaten auf der Seite der Alliierten gegen Berlin und Rom kämpften, machte diese Sympathien praktisch tabu und begrub die politischen Karrieren jener, die mit Faschismus und Nationalsozialismus sympathisiert hatten.

Doch inzwischen sind acht Jahrzehnte vergangen. Wir sehen, dass die Impfung gegen ultrarechte Herrschaft nicht mehr wirkt – und keineswegs nur in den Vereinigten Staaten. Schließlich erschien der Slogan „Wir können es wiederholen“ gerade in der Russischen Föderation genau zu dem Zeitpunkt, als Russland sich endgültig in einen klassischen faschistischen Staat verwandelte, dessen Machthaber ungeschickt versuchen, die Praktiken Hitlers und Mussolinis zu kopieren.

Warum sollte das Gleiche nicht auch in den Vereinigten Staaten geschehen können? Dafür gibt es eine recht einfache Antwort: Eine faschistische oder allgemein ultrarechte Diktatur ist eben eine Diktatur – keine Demokratie. Ein ultrarechter Politiker kann sich in einer demokratischen Gesellschaft, dort, wo es Wahlen gibt, nicht dauerhaft an der Macht halten.

Und um die Macht eines ultrarechten Politikers zu sichern – das ist ein Gesetz der Geschichte –, braucht es erstens die vollständige Abschaffung realer Wahlpraktiken, und zweitens einen großen, möglichst siegreichen Krieg. Genau dieses Gesetz der Geschichte wurde durch die Praxis Benito Mussolinis in Italien und Adolf Hitlers in Deutschland anschaulich demonstriert. Und genau dieses Gesetz wird auch durch das Handeln von Wladimir Putin belegt.

Zunächst nutzte er die Früchte der liberalen Wirtschaftsreformen in Russland in den 1990er-Jahren, und nachdem die brutale Diktatur der russischen Tschekisten etabliert worden war, erlaubte er sich einen großen Krieg gegen die Ukraine. All dies sind Elemente der Machterhaltung und der Zementierung des Regimes.

Wie stellt man sich eine solche Entwicklung in den Vereinigten Staaten vor? Es ist klar, dass Donald Trump die elektorale Demokratie nicht zerstören kann – und vermutlich auch gar nicht wirklich zerstören will. Ebenso ist klar, dass ein großer, umfassender Krieg mit Hunderttausenden oder Millionen gefallenen Amerikanern auf dem Schlachtfeld – und solche Handlungen würden den Ultrarechten tatsächlich beim Machterhalt helfen – das Letzte ist, was Donald Trump wollen würde, der sich selbst als Friedenspolitiker wahrnimmt, der Amerika von allen möglichen Kriegen befreit.

Und genau darin besteht der Widerspruch. Der Krieg ist der Schlüssel zu seinem politischen Erfolg und zum Machterhalt der Ultrarechten. Gleichzeitig ist er aber auch die größte Geißel dieser ultrarechten Bewegung, die von der Idee lebt, dass sich die Vereinigten Staaten in keinerlei ernsthafte Konflikte einmischen sollen.

Deshalb sollte man diese Strategie auch nicht allzu sehr dramatisieren. Gerade deshalb, weil wir es hier mit einer Übergangsherrschaft zu tun haben. Donald Trump hat kein reales Rezept zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Amerikaner in der Tasche. Bekannt ist, dass er dafür sprichwörtlich nichts in der Tasche hat. 

Und es ist völlig unklar, wie die Republikaner künftig Wahlen gewinnen wollen, wenn es einerseits keine reale wirtschaftliche Verbesserung geben wird und sich andererseits die politischen Ansichten Trumps und seines Teams immer weiter von den politischen Ansichten der Mehrheit der Amerikaner entfernen werden – und zwar keineswegs nur von denen der demokratischen Wählerschaft. 

Wie wir sehen, kann hier ohnehin keine Rede von Sympathie für Trump sein, sondern auch viele unentschlossene Wähler verfolgen die politischen Praktiken des Präsidenten und seines Teams mit Entsetzen. Und mit der Zeit werden sich immer mehr republikanische Wähler sowohl von Trump als auch vom Trumpismus und von MAGA abwenden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass nicht eines Tages etwa J. D. Vance Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte. Doch J. D. Vance würde – wie jeder Anpassungspolitiker – Präsident als Anti-Trumpist werden, der alle Praktiken seines Vorgängers geißeln und ausrotten würde, so wie Nikita Chruschtschow einst mit seinem Idol und Förderer Josef Stalin verfuhr, dem er bis zu seinem Erscheinen auf dem Posten des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der KPdSU praktisch seine gesamte politische Karriere verdankte.

Welche Schlussfolgerung ist also aus all dem zu ziehen? Ja, Trump mag die Europäer im Stich lassen wollen – aber das Wichtigste ist, dass er es in der Praxis nicht wird tun können. Der Verzicht auf eine reale Zusammenarbeit mit Europa wird nicht gelingen. Es wird den Vereinigten Staaten auch nicht gelingen, echte Verbündete weder der Russischen Föderation noch der Volksrepublik China zu werden, die aufrichtig an der Schwächung des geopolitischen Einflusses Amerikas interessiert sind – und das keineswegs nur in Europa und nicht einmal nur im asiatisch-pazifischen Raum, sondern auch in Lateinamerika.

Wir leben nicht im 19. Jahrhundert. Überall dort, von wo Amerika sich zurückzieht, kommt China selbstbewusst nach. Und auch diese Gesetzmäßigkeit müssen wir verstehen.

Deshalb sollte man, anstatt sich Asche aufs Haupt zu streuen und sich über die Tatsache zu wundern, dass es den Ultrarechten gelungen ist, in dem für die Demokratie wichtigsten Land der Welt an die Macht zu kommen, einfach die Tendenzen abwarten, die wir heute auf der amerikanischen politischen Bühne beobachten, und begreifen, dass wir es in jedem Fall mit politischen Todgeweihten zu tun haben. Wichtig ist nur, selbst nicht unterzugehen, während sich die Ultrarechten in Amerika in politische Leichen verwandeln.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Трамп кидает европейцев | Виталий Портников. 08.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 08.12.2025.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Trump ist erneut von Zelensky enttäuscht | Vitaly Portnikov. 08.12.2025.

Donald Trump ist erneut vom ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky enttäuscht, der – seinen Worten zufolge – die jüngsten Vorschläge im Zusammenhang mit einer friedlichen Regelung in der Ukraine möglicherweise nicht akzeptieren werde.

Allerdings wirken die Kommentare Donald Trumps, gelinde gesagt, seltsam. Er erklärt, dass die russische Seite dieser Initiative zugestimmt habe. Dabei haben wir aus dem Kreml bislang keinerlei offizielle Bestätigungen dafür gehört, dass die Russische Föderation dem in Moskau von den Sondergesandten Trumps, Steve Witkoff und Jared Kushner, präsentierten Friedensplan zustimmt.

Wie bekannt ist, hat der Berater des Präsidenten der Russischen Föderation, Juri Uschakow – und er war der einzige Beamte, der die Gespräche zwischen dem russischen Präsidenten Putin und den amerikanischen Vertretern offiziell kommentiert hat – betont, dass es in den Vorschlägen der Vereinigten Staaten Punkte gebe, denen Moskau zuzustimmen bereit sei, und Punkte, die man in der russischen Hauptstadt nicht akzeptiere. Damit gibt es schlicht niemanden, der den Umstand bestätigen könnte, dass Russland dem amerikanischen Friedensvorschlag zugestimmt habe.

Ebenso erstaunlich ist die Behauptung Trumps, dass die amerikanischen Vorschläge von ukrainischen Vertretern angenommen worden seien, die an den Konsultationen mit Witkoff und Kushner teilgenommen hätten. Denn Beamte können keine Entscheidungen anstelle von Staatsoberhäuptern treffen. Was würde Trump selbst sagen, wenn ein Untergebener – etwa der Außenminister oder der Sondergesandte Witkoff – irgendwelchen Vorschlägen zustimmen würde, ohne dass er selbst überhaupt Einsicht in den Inhalt des Dokuments gehabt hätte?

Allerdings kann ich mir durchaus vorstellen, dass so etwas bei Trump tatsächlich passieren könnte, denn es entsteht der Eindruck, dass der amerikanische Präsident Dokumente schlicht nicht bis zum Ende liest. Doch zumindest mit dem wesentlichen Inhalt der Vorschläge muss man ihn vor der endgültigen Entscheidung zwangsläufig vertraut machen. Trump ist verpflichtet zu wissen, was er unterschreibt, selbst wenn er es nicht liest.

Doch darum geht es eigentlich gar nicht. Die entscheidende Frage ist, dass Trump nicht behauptet, Zelensky habe die Vorschläge abgelehnt, weil ihm der Inhalt des amerikanischen Plans nicht gefalle. Seine Vorstellung ist vielmehr, dass Zelensky dieses Dokument gar nicht gelesen habe. Und möglicherweise bezieht er sich dabei auf den Umstand, dass Umerow und Hnatow gerade heute in London den ukrainischen Präsidenten über die Ergebnisse ihrer Gespräche mit Kushner und Witkoff informieren sollen.

Auf diese Weise sind Trumps Aussagen eine Art Druck auf Zelensky, damit dieser den Vorschlägen zustimmt, selbst wenn sie von ukrainischer Seite nicht akzeptiert werden.

Die Aufgabe der ukrainischen Vertreter bestand natürlich nicht darin, den Vorschlägen des Sondergesandten des Präsidenten der Vereinigten Staaten und dessen Schwiegersohn zuzustimmen oder sie abzulehnen, sondern darin, sich mit diesen Vorschlägen vertraut zu machen, eigene Vorschläge zu unterbreiten und anschließend selbstverständlich zu speziellen Konsultationen mit dem Präsidenten der Ukraine sowie mit den führenden Politikern der europäischen Staaten zu fliegen. Diese werden sich übrigens gerade heute mit Zelensky treffen und die Situation rund um den Friedensplan besprechen.

In Wirklichkeit ist all dies nichts weiter als das übliche weiße Rauschen, das der Tätigkeit Donald Trumps im Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten eigen ist. Denn selbst wenn man sich vorstellen würde, dass sein Druck auf Zelensky Wirkung zeigt und der ukrainische Präsident jenen Vorschlägen der amerikanischen Seite zustimmen würde, die den nationalen Interessen der Ukraine entschieden widersprechen – etwa dem Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Teil des Gebiets der Oblast Donezk, der heute von der legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert wird –, bedeutet das noch lange nicht, dass Trump das Ende des Krieges erreichen würde. Denn wie ich bereits vielfach erklärt habe, gibt es beim Präsidenten Russlands keinerlei Interesse an einem solchen Ende des Krieges zu den Bedingungen, die Trump vorschlägt und die nicht das Verschwinden des ukrainischen Staates von der politischen Landkarte der Welt vorsehen. Und ein solches Interesse wird es bei Putin auch nicht geben, solange sich der russische Präsident nicht vom Fehlen wirtschaftlicher und demografischer Ressourcen zur Fortsetzung des Krieges überzeugt hat.

Ohne massiven Druck genau auf Putin, ohne den Kampf um die Zerstörung der russischen Wirtschaft – und nicht mit Träumen vom Geldverdienen in der Zusammenarbeit mit Putin – werden Trump und seine Umgebung sich lächerlich machen. Und das wird für die ganze Welt offensichtlich sein. Diese ihre Schande wird noch in die Geschichte eingehen und ihnen nicht einmal einen zusätzlichen Dollar einbringen.

Allerdings muss dafür, dass Trump und jene inkompetenten Menschen, die den selbstverliebten amerikanischen Präsidenten umgeben, dies begreifen, noch etwas Zeit vergehen – meiner Einschätzung nach jedoch nicht allzu viel. Bis dahin wird Trump weiterhin handeln wie ein Elefant im Porzellanladen und versuchen, nicht auf diejenigen Druck auszuüben, auf die man tatsächlich Druck ausüben müsste, um zumindest in absehbarer Zukunft irgendein konkretes Ergebnis zu erzielen, sondern auf diejenigen, die er zwingen kann, seiner wirren Vorstellung zuzustimmen. Einfach deshalb, weil die Ukraine an der Unterstützung der Vereinigten Staaten interessiert ist.

Doch auch hier ist Trump in seinen Handlungen eingeschränkt, gerade weil er sich zusammen mit seinem Team in einer offensichtlichen politischen Minderheit in den Vereinigten Staaten befindet. Die Ukraine wird sowohl von den Wählern der Demokratischen Partei der Vereinigten Staaten unterstützt, die auf einen Sieg bei den Zwischenwahlen bereits im November des kommenden Jahres hoffen – und damit auf den Beginn des Endes der ruhmlosen Ära Trumps –, als auch von den Wählern der Republikanischen Partei der Vereinigten Staaten, von denen die Mehrheit trotz der Position der Ultrakonservativen aus der postfaschistischen MAGA-Bewegung weiterhin versteht, wo Gut und Böse liegen, und dem russischen Präsidenten Putin sowie Russland in seiner neofaschistischen Ausprägung äußerst ablehnend gegenübersteht.

Bereits im Januar dieses Jahres wird Trump, beunruhigt über das, was mit dem Wahlkampf in seinem Land und der Möglichkeit eines neuen Impeachments geschehen könnte, gezwungen sein, den Meinungen seiner Landsleute deutlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken als heute.

Man kann sagen, dass Trump derzeit die Rolle von Aschenputtel auf dem politischen Ball spielt. Bereits am 1. Januar 2026 wird die Kutsche seiner Popularität beginnen, sich in einen Kürbis zu verwandeln, und sein Umfeld in Ratten, die, wenn sie nicht in alle Richtungen auseinanderlaufen, so zumindest über ein Leben nachdenken werden, in dem es nicht nur Donald Trump selbst nicht mehr geben wird, sondern nicht einmal mehr eine Erinnerung an den amtierenden amerikanischen Präsidenten und seine Möglichkeiten. Und in dieser Situation ist die beste – ich würde sagen: instrumentelle – Handlung, um diesem ständigen Druck Trumps nicht nachzugeben, einfach den Moment abzuwarten, in dem er sich diese unangebrachte Dreistigkeit nicht mehr leisten kann.


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Titel des Originals: Трамп знову розчарований Зеленським | Віталій Портников. 08.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 08.12.2025.
Originalsprache: uk
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Was kommt als Nächstes mit dem „Friedensprozess“ | Vitaly Portnikov. 

In den letzten Wochen und natürlich auch in dieser letzten Woche haben wir ziemlich gründlich den Verhandlungsprozess verfolgt, der im Rahmen der unerwarteten Veröffentlichung in den amerikanischen Medien dieses Friedensplans stattfindet, der – wie wir wissen – buchstäblich vor ein paar Wochen auf den Seiten der amerikanischen Medien erschienen ist und sich als eine sehr unerwartete Entwicklung herausgestellt hat, sogar, wie mir scheint, für die Administration von Donald Trump. Denn alle aktiven Schritte zur Umsetzung dieses Plans begannen genau in dem Moment stattzufinden, als dieser Plan im Portal Axios veröffentlicht wurde.

Und ich habe immer noch die Frage: Was wäre passiert, wenn dieser Plan nicht veröffentlicht worden wäre? Hätten dann solche intensiven Friedensverhandlungen begonnen? Hätte Donald Trump begonnen, sich zu diesem Plan zu äußern und ihn zu unterstützen? Denn wir sehen ja, dass wir es mit einem ziemlich unausgereiften Dokument zu tun haben, das – und das ist das Wichtigste, wie mir scheint – überhaupt nicht abgestimmt worden war, weder mit Kyiv noch mit der Europäischen Union, nicht getestet an der Reaktion der Russen, nicht solcher Leute wie Kirill Dmitriev, sondern solcher, die tatsächlich Entscheidungen treffen. Das heißt, Wladimir Putin.

Und wie sich die Ereignisse entwickelt hätten, wenn es dieses Leak dieses Plans, offensichtlich von Kirill Dmitriev in die amerikanischen Medien, nicht gegeben hätte, wissen wir nicht. Aber jetzt entwickeln sie sich eben so, wie sie sich entwickeln. Und unsere heutige Sendung wird gewissen Ergebnissen dieses Prozesses gewidmet sein, weil es tatsächlich im Verlauf der ganzen Woche solche Zwischenbilanzen gegeben hat.

Ein Versuch, irgendwelche Ergebnisse zu erreichen, war die Reise von Steve Witkoff und Jared Kushner in die russische Hauptstadt. Es gab mehrere Verhandlungsrunden zwischen den amerikanischen Vertretern und der ukrainischen Delegation unter Leitung von Rustem Umjerow. Und gestern, wie wir uns erinnern, schaltete sich auch Volodymyr Zelensky per Videokonferenz in diese Verhandlungen ein. Morgen werden Gespräche mit den europäischen Spitzenpolitikern stattfinden, die Volodymyr Zelensky in London führen wird.

Emmanuel Macron ist offenbar auf der Suche nach neuen Wegen, Druck auf die Russische Föderation auszuüben, erfolglos nach Peking geflogen. Wie man aus der Reaktion des französischen Präsidenten entnehmen kann, hat der Vorsitzende der Volksrepublik China, Xi Jinping, jene Vorschläge, die von den europäischen Führern im Zusammenhang mit der Notwendigkeit der Beendigung des Krieges Russlands gegen die Ukraine unterbreitet werden konnten, nicht ernsthaft aufgenommen.

Was haben wir am heutigen Tag? Auf der einen Seite haben wir optimistische Beteuerungen buchstäblich von allen Seiten. So spricht der Präsident der Ukraine. So sprechen europäische Beamte. So spricht Donald Trump. So spricht Keith Kellogg und andere Vertreter der amerikanischen Administration, dass der Frieden gleichsam ganz nah sei und man buchstäblich in ein paar Wochen ein Ergebnis erreichen könne, dass nur noch einige wenige grundlegende Fragen übrig seien, an denen gearbeitet werde, dass die Distanz zum Frieden noch nie so kurz gewesen sei.

Auf der anderen Seite sehen wir, dass es keinerlei reale Beweise dafür gibt, dass die Russische Föderation diese Verhandlungen überhaupt ernst nimmt. Daher ist vollkommen unklar, mit wem die Ukraine, die Vereinigten Staaten, die Europäische Union überhaupt gedenken, einen Frieden auszuhandeln. In dieser Lage würde ich sagen, dass solche Informationen vor allem die ukrainische Gesellschaft destabilisieren. Und wenn Putin das Ziel dieses pseudo-friedensplanerischen Vorhabens nicht nur darin sah, Sanktionen gegen die Ölunternehmen der Russischen Föderation zu verhindern, sondern auch neue Schritte zur Destabilisierung der Ukraine zu unternehmen, kann man sagen: Das funktioniert.

Denn viele Menschen, die diesem Friedensprozess folgen, wünschen sich irrational, dass der Krieg endet und wollen sich nicht eingestehen, dass wir erst in den ersten Jahren dieses Krieges leben. Und natürlich wollen diejenigen, die überzeugend darlegen, dass der Krieg noch vier Jahre dauern kann, sie nicht nur nicht anhören, sondern nicht einmal hören. Zumal aus der Sicht eines Menschen, der sich in Politik nicht auskennt – und wir müssen im Übrigen daran denken, dass wir von Leuten regiert werden, die sich in Politik nicht auskennen.

„Wenn sich schon solche ernsthaften Führer wie der Präsident der Vereinigten Staaten so intensiv mit diesem Problem beschäftigen, mit dem Präsidenten der Russischen Föderation in Kontakt stehen, mit dem Vorsitzenden der Volksrepublik China in Kontakt stehen – das kann doch kein weißes Rauschen sein.“ Doch, es kann weißes Rauschen sein, wenn das Ziel des Präsidenten der Russischen Föderation, ich würde sagen eines ziemlich starken Taktikers, eben dieses weiße Rauschen ist; dann wird es weißes Rauschen geben.

Wir versuchen uns einzureden, dass das Hauptproblem des Friedensplans zum jetzigen Zeitpunkt – wie übrigens auch die Amerikaner und Europäer sagen – in den territorialen Zugeständnissen und in Sicherheitsgarantien liege. Und man muss kein großer Spezialist sein, um zu verstehen, dass das alles nicht der Wirklichkeit entspricht.

Die territorialen Zugeständnisse konzentrieren sich auf die Frage des Abzugs der ukrainischen Truppen vom Gebiet der Oblast Donezk. Und das soll gewissermaßen zur realen Bedingung für die Einstellung der Kampfhandlungen werden, was an sich schon aus Sicht der russischen Position unlogisch erscheint, denn Russland spricht ja konsequent von der Notwendigkeit, das sogenannte Nazi-Regime in Kyiv zu vernichten.

Wenn die ukrainischen Streitkräfte aus der Oblast Donezk abgezogen werden, und auf allen anderen Abschnitten der Front der Status quo erhalten bleibt, hieße das, dass das sogenannte Nazi-Regime weiter existiert und dass Russland das Wichtigste nicht erreicht hat – die Zerstörung dieses Regimes und die Verwandlung der Ukraine in diesen von ihnen erträumten Satellitenstaat oder gar in ein Gebiet der Russischen Föderation. Dann müsste man eingestehen, dass die Russische Föderation vier Jahre lang für Kramatorsk und Slowjansk Krieg geführt hat.

Ebenso bleibt das Schicksal jener Gebiete der Oblaste Saporischschja und Cherson völlig unklar, die formell von der Russischen Föderation annektiert wurden, sich faktisch aber unter der Kontrolle der ukrainischen Armee befinden – einschließlich der Regionalzentren dieser Pseudosubjekte der Russischen Föderation, Saporischschja und Cherson. Wir müssen daran erinnern, dass diese Städte aus Sicht der russischen Verfassung Regionalhauptstädte russischer Regionen sind. Und Melitopol oder Nowa Kachowka sind die provisorischen Sitze der pseudo-regionalen Verwaltungen dieser Subjekte der Russischen Föderation. Das heißt, es stellt sich heraus, dass man die Truppen aus der Region Donezk abziehen kann – das sei eine Prinzipienfrage –, aber aus anderen annektierten Gebieten die Truppen nicht abzuziehen braucht.

Zwar betonen die Russen sofort, dass es sich um einen eingefrorenen Konflikt handele. Das heißt, sie schließen die Möglichkeit einer Wiederaufnahme des Konflikts zwecks „Befreiung“ dieser Gebiete von den ukrainischen Streitkräften in naher Zukunft nicht aus. Aber dann ist überhaupt nicht klar, von welchen Kriterien sie sich leiten lassen wollen, wenn sie in einem Subjekt der Russischen Föderation den Abzug der Truppen fordern und in anderen dies nicht tun.

Das heißt, wenn wir von einem Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Donbas sprechen, können für mich nur zwei Versionen entstehen, warum Putin davon spricht. Die erste Version ist für mich die offensichtlichste: dass das einzige Ziel des russischen Präsidenten darin besteht, den Präsidenten der Ukraine zu zwingen, offiziell die Tatsache anzuerkennen, dass die ukrainischen Truppen diese Gebiete verlassen, um so die Ukraine zu destabilisieren und ihr gesamtes Territorium im Verlauf der nächsten Monate infolge des Zusammenbruchs von Armee und Gesellschaft zu erobern. Denn der Präsident Russlands hofft auf einen Bürgerkrieg in der Ukraine oder auf eine Destabilisierung, die durch seine verdeckten Agenten ausgelöst wird, die nirgendwohin verschwunden sind.

Ich möchte Sie ebenfalls daran erinnern: Wenn Sie glauben, dass es bei uns keine russische Agentur mehr gibt – natürlich hat sich ein Teil davon gezeigt, als man ihnen 2022 sagte, sie sollten sich zeigen, aber ein Teil der Schläferagenten wird sich zwangsläufig 2026 auf verschiedensten Positionen und Ebenen zeigen, falls tatsächlich unter dem Druck Donald Trumps und seiner wunderlichen Administration die Ukraine dem Abzug der Truppen aus dem Donbas zustimmen sollte. Aber daran glaube ich nicht besonders. Sogar an ein solches Szenario der Ereignisse glaube ich nicht so recht. Destabilisierung ist der Hauptpunkt.

Stellen wir uns vor, dass Putin nicht auf Destabilisierung setzt, sondern tatsächlich den Abzug der ukrainischen Streitkräfte vom Gebiet der Oblast Donezk als Bedingung für einen Waffenstillstand fordern könnte. Warum? Weil wir uns möglicherweise nicht vollständig des Ausmaßes der Probleme bewusst sind, die in der russischen Wirtschaft und in den russischen Streitkräften entstanden sind, und glauben könnten, dass der Präsident Russlands seiner Armee Zeit zur Erholung geben möchte – für einen neuen Schlag gegen die Ukraine.

In dieser Situation wäre die Besetzung eines strategisch wichtigen Gebietes ohne Kampf, mit Festungsstädten, die die russische Armee noch jahrelang unter großen Verlusten erobern könnte, in einer Lage, in der es ihr bereits an Menschen fehlt, die man für Geld rekrutieren kann, während Putin eine allgemeine Mobilmachung zu veranstalten fürchtet, auch ein mögliches Szenario.

Aber man muss verstehen, dass dann ein Abkommen geschlossen würde, das erstens die Ukraine destabilisiert, weil die Ukrainer natürlich nur mit wenig Enthusiasmus akzeptieren werden, dass ihre Armee Gebiete verlässt, für die sie jahrelang gekämpft hat. Zweitens entstünden neue strategische Positionen für die russische Armee. Drittens würde dieses Abkommen ausreichend Klauseln enthalten, die später als ukrainische Vertragsverletzungen interpretiert werden könnten, um einen neuen Angriff der russischen Armee von weitaus komfortableren Positionen aus zu starten als denen, die sie heute einnimmt.

Und außerdem erinnere ich noch einmal daran, dass es selbst in einem solchen Friedensabkommen offensichtlich wäre, dass der Konflikt um die Oblaste Saporischschja und Cherson eingefroren bliebe. Und selbst wenn in irgendeinem Friedensabkommen stünde, dass die Seiten sich verpflichten, dieses Problem auf friedlichem Wege zu lösen, verstehen Sie genau, dass es der Russischen Föderation völlig egal ist, was irgendwo geschrieben steht. Und wenn wir hören, dass, sollte sie diese Bestimmungen des Friedensabkommens verletzen, Donald Trump sehr böse auf sie würde – na, machen Sie sich bitte nicht lächerlich.

Sie haben doch gesehen, wie Donald Trump „böse“ wird. Nichts als offener Spott und Verachtung ruft dieser Mensch beim Präsidenten der Russischen Föderation, bei der politischen und militärischen Führung Russlands hervor. Und wie Putin in Wirklichkeit zu Trump, den Trumpisten und Trumps Umfeld steht, konnte man sehen, als er ganz selbstbewusst zu einem Treffen mit Trumps eigenem Schwiegersohn zu spät kam, der zwei Stunden lang auf ihn warten musste. Und das war eine völlig bewusste Demütigung, denn wir wissen ja bestens, dass Putin ausschließlich vorsätzlich zu spät kommt.

Wenn er irgendwelche Menschen wirklich respektiert und mit ihnen einen ernsthaften Dialog führen möchte, zwingt er sie nicht, im Vorzimmer auf ihn zu warten. Können Sie sich Putin vorstellen, der zu einem Treffen mit Xi Jinping zu spät kommt? Können Sie nicht? Nun, dann müssen Sie den Platz von Kushner und Witkoff auf der politischen Landkarte der Russischen Föderation verstehen – im Vorzimmer vor dem Büro des Präsidenten der Russischen Föderation. Ich bin sicher, dass diese Leute nie und nimmer im Ruheraum des Präsidenten der Russischen Föderation waren und auch nie dort sein werden. Das ist ein „Zarenplatz“, zu dem solche, ich würde sagen, Geschäftemacher seriöse Tschekisten nur in gefrorenem Zustand zulassen, um den Zustand der Leiche zu begutachten. Das ist alles, was man wissen muss.

Aber die Leute beginnen zu glauben. Eine riesige Zahl von Menschen. Vergessen Sie nicht, dass wir es genau mit jener Bevölkerung zu tun haben, die 2019 für illusorische Vereinbarungen mit Russland gestimmt hat. Die überwiegende Mehrheit der Menschen beginnt zu glauben, dass man durch den Verlust von Territorium Frieden erreichen kann. Und genau das ist es, was Putin braucht.

Jetzt zur zweiten Frage, die ebenfalls als ziemlich ernsthaft diskutiert wird – die Frage der Sicherheitsgarantien. Man kann sich einfach nicht auf Sicherheitsgarantien einigen. Was mir ebenfalls wie ein absolut irrealer Bewusstseinsstrom vorkommt. Wir haben doch über die letzten Jahrzehnte stets gesagt, dass die einzige reale Sicherheitsgarantie in Europa der NATO-Beitritt eines europäischen Landes ist. Und wie klug waren unsere Nachbarn, dass sie in jener Zeit, die wir auf das Wählen prorussischer Politiker, Sozialisten, Kommunisten und oligarchischer Parteien in die Werchowna Rada verwendet haben, auf andere Scherereien, mit denen sich die ukrainischen Wähler in den 1990ern und zum Teil in den 2000ern beschäftigt haben – mit Ausnahme der Wahlen nach den beiden Revolutionen, die Wahlen nach Revolutionen zählen ja nicht –, in dieser ganzen Zeit, wie ich sagen würde, eine Stabilität im Verständnis dessen herrschte, was mit uns geschieht.

Nun, all diese Länder sind der NATO beigetreten. Aber jetzt habe ich eine Frage: Hat irgendjemand eine Garantie, dass im Falle eines Angriffs Russlands, dieser nuklearen Supermacht unserer Zeit, des größten Atomstaates der heutigen Welt und einzigen solchen nuklearen Superstaates in Europa, eine andere große nukleare Supermacht – die Vereinigten Staaten –, die sich nicht in Europa befindet, bereit sein wird, die europäischen Länder vor diesem Ansturm zu verteidigen?

Bis zum Erscheinen Donald Trumps im Oval Office im Jahr 2025 waren sich alle absolut sicher, dass die euroatlantische Solidarität funktioniert. Selbst die erste Amtszeit Donald Trumps, ebenfalls völlig nicht auf den Nutzen der NATO ausgerichtet, hat den Europäern das Vertrauen in den morgigen Tag erhalten. Vielleicht, weil es den russisch-ukrainischen Krieg nicht in einem solchen Ausmaß gab. Und als Donald Trump damals von der Notwendigkeit sprach, dass die NATO-Staaten das Bündnis finanzieren und ihre Beiträge erhöhen müssten, sprach er selbst von Solidarität in dieser Frage.

Jetzt aber, wenn wir die Nationale Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten aufmerksam lesen, können wir Lettland, Litauen, Estland und Polen keine Garantie geben, dass die Vereinigten Staaten für sie kämpfen werden, falls Russland sie angreift. Und Russland weiß das. Wir sehen, dass die Idee Donald Trumps selbst, die Idee der ultrarechten politischen Kräfte in den USA, die man vor hundert Jahren postfaschistisch oder faschistisch genannt hätte – nennen wir die Dinge bei ihrem Namen –, darin besteht, die Vereinigten Staaten nicht einmal in den Anfang des 20., sondern ins 19. Jahrhundert zurückzuführen, als Lateinamerika die einzige Interessenssphäre der Vereinigten Staaten war.

Und das funktioniert heute ebenfalls nicht, weil die Vereinigten Staaten damals der einzige wirtschaftliche Hegemon des Kontinents waren, während heute China eine vollständige wirtschaftliche Alternative zu den Vereinigten Staaten in Lateinamerika ist. Und jene Länder, die ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Amerika zurückfahren, werden automatisch ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China ausbauen.

Wenn wir also von der amerikanischen Kanonenbootdiplomatie des 19. Jahrhunderts sprechen, müssen wir immer daran denken, dass diese militärische Diplomatie erstens durch die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Vereinigten Staaten und die Expansion ihrer Unternehmen abgesichert war, für die es heute eine Alternative gibt, und zweitens dadurch, dass sich die Vereinigten Staaten damals überhaupt nicht um Demokratie scherten und bereit waren, jede Diktatur zu unterstützen, die ihren Interessen entsprach, und sogar neue Staaten zu schaffen, die ihren Interessen entsprachen. So ist Panama auf der politischen Landkarte der Welt entstanden.

Heute funktioniert das nicht. Heute gilt: Selbst wenn man die Ukraine tatsächlich erobern und irgendeine Form der Kontrolle über sie etablieren möchte – was früher den Prinzipien der amerikanischen Politik nicht entsprach; früher befreiten die Amerikaner von Diktaturen, wie im Irak –, aber wer weiß, wie es unter Trump sein wird, so muss man in jedem Fall dort freie Wahlen abhalten. Und freie Wahlen führen längst nicht zwingend jene Administration an die Macht, die einem gefällt, zumal man selbst mit eigenen Händen alle Instrumente der „Soft Power“ zerstört hat. Auch das funktioniert also nicht.

Aber nochmals: Wenn die NATO als Sicherheitsgarant für Europa, zumindest für Mitteleuropa, nicht mehr funktioniert, welche Sicherheitsgarantien sollen uns dann die Amerikaner geben? Langstreckenraketen? Geld für eine neue Verteidigung, das sie uns jetzt nicht geben wollen, während wir Krieg führen? Was soll es geben, das die größte nukleare Supermacht der Menschheitsgeschichte von einem neuen Angriff abhält, wenn die andere Supermacht nicht mit ihr Krieg führen will, sich vor einem Atomkrieg fürchtet?

Und das betrifft nicht nur Trump. Was soll es in der Ukraine geben, das die putinsche Russische Föderation derart erschrecken würde, die sich überhaupt nicht um Verluste schert und mit kühler Gelassenheit auf ukrainische Angriffe auf Belgorod oder andere russische Städte blickt, diese Angriffe als direkten Beweis für die Russen wertend, dass die Ukraine eine Quelle der Instabilität ist und der Krieg mit ihr fortgesetzt werden müsse, bis dieser Staat, der den Russen nicht erlaubt, friedlich zu leben und Neujahr zu feiern, liquidiert ist?

Deshalb muss man die Wahrheit sagen: Unter Bedingungen, in denen die Vereinigten Staaten nicht vorhaben, real an der Verteidigung ihrer Verbündeten und Partner teilzunehmen, sind all ihre Sicherheitsgarantien ausschließlich auf dem Papier. Es existieren in der Realität keinerlei Sicherheitsgarantien, die die Ukraine vor Russland schützen könnten. Mit zwei Ausnahmen: Entweder der direkte Kriegseintritt der Vereinigten Staaten mit möglichem Einsatz eines nuklearen Faktors in diesem Krieg, oder die wirtschaftliche und politische Destabilisierung der Russischen Föderation mit der Erzeugung einer inneren Krise von solcher Kraft, dass die Russen eine gewisse Zeit mit diesen Problemen beschäftigt sein werden.

Das ist keine Garantie dafür, dass es keinen Krieg Russlands gegen die Ukraine geben wird. Es ist eine Garantie für eine Pause im Krieg Russlands gegen die Ukraine, für die Dauer dieser komplizierten innenpolitischen Periode wird Russland nicht gegen die Ukraine kämpfen. Aber wenn es sich erholt und wieder in einen „normalen“ Zustand kommt, wird es sich erneut auf die Eingliederung dieses Territoriums vorbereiten. Damit darüber niemand Zweifel habe.

Das Einzige, was wir vielleicht in dieser Zeit tun können, ist, ein hinreichend starker Staat zu werden, Mitglied der NATO und der Europäischen Union zu werden, falls sich diese russische Krise hinzieht, sodass es weder Trump noch Trumpismus mehr geben wird und diese Ideologie selbst verurteilt sein wird und sich die Vereinigten Staaten zu ihren Werten zurückbesinnen – aber das alles sind Hoffnungen, keine Prognosen.

Also liegen die Probleme der Friedensvereinbarung in Wirklichkeit nicht darin. Das Problem der Friedensvereinbarung, Freunde, besteht darin, dass überhaupt dieses idiotische Friedensabkommen diskutiert wird. Während darüber gesprochen werden müsste, die Feuerpause entlang der Front zu erreichen. Ich wiederhole noch einmal das, was ich in allen Sendungen gesagt habe und nicht müde werde zu wiederholen: Wenn Sie hören, dass jemand ein Friedensabkommen verhandelt, müssen Sie das als Diagnose verstehen, dass der Krieg weitergehen wird. Die einzige Möglichkeit zu verstehen, dass der Krieg zu Ende geht, ist die Bereitschaft der Parteien, die Einstellung des Feuers an der russisch-ukrainischen Front zu diskutieren.

Nicht unbedingt entlang der aktuellen Frontlinie. Die Russische Föderation kann als Bedingung für einen Waffenstillstand ebenfalls den Abzug der ukrainischen Streitkräfte etwa aus den Oblasten Donezk, Saporischschja und Cherson fordern. Und wir können dagegen sein. Wir können fordern, dass die russischen Truppen sich von irgendwo zurückziehen, und sie können sich weigern und erklären, dass sie das nicht tun werden.

Aber die Logik darf nicht die Logik eines Friedensvertrages sein. Das ist genau das, was man in der Ukraine, wie mir scheint, überhaupt nicht verstehen wollte, weil man die ganze Zeit sagte: „Wie? Wir stellen das Feuer ein, und dann greifen sie uns wieder an.“ Ja, natürlich. Es kann eine Serie russisch-ukrainischer Kriege der 20er bis 40er Jahre dieses Jahrhunderts geben.

Das hier kann nur der erste Krieg sein. Die Ukraine kann in eine Phase wie Israel eintreten – mit ewigen Kriegen, ständigen Mobilmachungen, Eroberungen ukrainischer Gebiete, Befreiungen ukrainischer Gebiete. All das ist möglich, aber wir können jetzt nicht in die Geschichte schauen. Die Israelis wussten 1948, als sie um ihre Unabhängigkeit kämpften, nicht, was 1956 oder 1967 sein würde. Und jeder Krieg stellte die Existenz des jüdischen Staates als solchen infrage.

Vielleicht werden irgendwann unsere Kinder oder Enkel einen Krieg gewinnen, der einen Punkt hinter die Frage der Existenz der Ukraine setzt. Und dann wird niemand mehr an der Stabilität der Existenz unseres Staates zweifeln. Aber möglicherweise vergehen bis dahin Jahrzehnte. Vielleicht ist das die Aufgabe der Enkel der heutigen Ukrainer.

Viele Ukrainer haben gesagt, sie wollten „zu Ende kämpfen“ und diesen Krieg nicht ihren Enkeln hinterlassen. So wird es nicht sein. Sie werden den Krieg Ihren Enkeln hinterlassen. Erfinden Sie sich da nichts. Ihre Aufgabe ist es, den Enkeln etwas zu hinterlassen, für das sie kämpfen können.

Dabei sind selbst ungünstige Bedingungen eines Waffenstillstands – Bedingungen eines Waffenstillstands. Und Gespräche über Frieden können sich jahrelang hinziehen. Es ist wie mit den Wiederaufbaukonferenzen für die Ukraine, die 2022 begonnen haben. Auf alle Fragen, warum wir über Wiederaufbau sprechen, wenn wir nicht einmal das Jahrzehnt wissen, in dem der Krieg endet – Jahrzehnt, nicht Jahr –, winkten alle nur ab, weil es natürlich wichtig war, auf einer Tribüne in der italienischen Schweiz aufzutreten. Ein wunderbarer Ort, ich liebe ihn sehr, aber ich hätte nie gedacht, dass man dorthin fahren müsse, um über den Wiederaufbau eines Landes zu diskutieren, in dem ein Krieg tobt, der nicht einmal ein vermutetes Endjahr hat. Darin liegt der Kern.

Dies ist also der Hauptpunkt: Dass wir in diesen Wochen nicht zur Konkretion übergegangen sind. Wir diskutieren weiterhin Artikel, die nichts mit der Einstellung des Feuers zu tun haben: territoriale Fragen und Sicherheitsgarantien. Das hat nichts mit einem Waffenstillstand zu tun. All das muss später diskutiert werden. Die Neutralität der Ukraine, Fragen des Wiederaufbaus, die Frage der territorialen Integrität, die Frage des Status der annektierten Gebiete, jegliche anderen humanitären oder politischen Fragen müssen erst nach dem Schweigen der Waffen diskutiert werden.

Mehr noch: Es wäre völlig logisch, dass das Feuer eingestellt wird, der Kriegszustand aufgehoben wird, Wahlen gemäß der ukrainischen Gesetzgebung ausgerufen werden und nach deren Durchführung Friedensverhandlungen mit denjenigen stattfinden, die von der Bevölkerung ein neues Mandat erhalten haben.

Denn diese Menschen werden im Wahlkampf – sowohl der neue Präsident der Ukraine als auch die Abgeordneten – ihren Mitbürgern klar sagen, welche Ideen sie während des Friedensprozesses vertreten werden. Das wird so etwas wie ein Referendum darüber sein, wie die ukrainische Gesellschaft die Fortsetzung der Ereignisse tatsächlich sieht. Und auch Russland wird darauf schauen.

So wie die Ukraine 2019 ihre Präsidentschafts- und Parlamentswahlen abgehalten hat und man in Moskau sie wie ein Referendum verstanden hat. Falsch verstanden. Und wir wissen übrigens jetzt, wie, denn einer der russischen Befehlshaber hat sich verplappert, dass sie sich geirrt hätten, als sie glaubten, dass 70 % der Bevölkerung für sie seien und 30 % gegen sie und dass sie die Ukraine leicht einnehmen würden.

Und wie haben sie das gerechnet? Glauben Sie, das sei eine Frage der Soziologie? Nein. Das ist eine Frage der Interpretation der Präsidentschaftswahlen. Wähler von Präsident Zelensky wurden als Menschen wahrgenommen, die sich eine Einigung mit Russland wünschen und apriori mit einer Kapitulation vor Russland einverstanden seien. Und 30 % der Wähler von Petro Poroschenko wurden als unerwünschte „Banderisten“ angesehen, die nach der Eroberung der Ukraine durch die russischen Streitkräfte und dem Einmarsch der Nationalgarde einfach vernichtet würden. Diese Menschen tauchten, wie Sie verstehen, in jenen Listen auf, die die russische Seite vor der Eroberung ukrainischer Gebiete zusammengestellt hatte. Das ist alles. Alles ganz einfach. „30 Prozent werden wir physisch vernichten, 70 % akzeptieren uns als Befreier, und Zelensky wird als jemand gesehen, der ihre Wünsche verraten hat.“

Das war eine völlig falsche Stimmenzählung, denn die überwiegende Mehrheit der Zelensky-Wähler wollte keine Kapitulation in einem Krieg mit Russland. Sondern sie glaubten – genauso wie der amtierende Präsident selbst, mit seinem völligen Unverständnis der Realität –, dass man mit Putin verhandeln könne. Verhandeln, nicht kapitulieren. Sich auf vorteilhafte Bedingungen einigen, nicht kapitulieren. Derjenige, der Serien verkaufen will, möchte, dass sein Film im Kino gezeigt wird und nicht, dass das Filmmaterial unterwegs verbrannt wird. Das ist nur ein Sprichwort.

Kurz gesagt, um es einfach zu formulieren: Man hätte das prorussische Publikum zählen müssen – die Wähler von Boiko und, sagen wir, damals von Wilkul, ich glaube, er war auch Präsidentschaftskandidat von der OPPOSITIONSPLATTFORM – Für das Leben und vom Oppositionsblock. Und die übrigen Wähler, die für Zelensky stimmten, einschließlich Zelenskys Wähler im ersten Wahlgang, musste man natürlich mit den Wählern Poroschenkos zusammenzählen. Und dann wären es 70 zu 30 gewesen, aber in umgekehrter Verteilung. Doch die Russen haben das nicht getan.

Und genau darin liegt auch jetzt eine Gefahr, wie Sie verstehen. Wenn in jener Situation, von der ich mit Ihnen spreche, bei den Präsidentschaftswahlen für einen Menschen gestimmt wird, der sagt, er sei in der Lage, sich mit Putin zu einigen, und dass lediglich der vorherige Präsident Zelensky sich in Wahrheit als Anführer einer „Kriegspartei“ herausgestellt habe und so weiter – wenn für einen solchen Menschen gestimmt wird, dann wird es keinen Friedensprozess geben, ich verspreche es Ihnen – sondern Krieg.

Das heißt, ein realer Friedensprozess wird nur dann stattfinden, wenn ein Mensch gewinnt, der sagt, dass eine Kapitulation vor Russland unmöglich ist, dass er auf klaren patriotischen Positionen steht, dass er mit Putin sprechen kann, aber nur dann, wenn die ukrainischen Interessen berücksichtigt werden. Mit einer solchen Person kann Moskau einen gewissen Kompromiss finden, weil es sehen wird, wie die Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung tatsächlich eingestellt ist – nämlich nach vier Jahren Krieg nicht auf die Knie vor dem Moskauer gottgleichen Machthaber gefallen ist.

Aber ich garantiere Ihnen nicht, dass die Ukrainer logisch wählen werden. Und ich garantiere Ihnen nicht, dass Russland die Wahlergebnisse korrekt interpretieren wird. Auch nach den Wahlen kann es also Krieg geben und keinen Friedensprozess – aber es gibt eine Chance. Es gibt eine Chance.

Doch erneut: Wir sprechen mit Ihnen über die Logik eines Waffenstillstands. Und bis zu einer solchen Logik ist es derzeit noch sehr, sehr weit. Und was wird dann nötig sein? Es wird Zeit vergehen müssen, bis offensichtlich wird, dass diese Verhandlungen über ein Friedensabkommen wie ein Luftballon platzen müssen. Und dann wird in dieser Situation eine ganz konkrete Neuorientierung der Politik stattfinden. Ich kann Ihnen nicht sagen, welche, das heißt, ich kann Ihnen nicht sagen, wie Trump handeln wird. Aber höchstwahrscheinlich wird er versuchen, noch mehr Druck auf Putin auszuüben, damit Putin seine – wie soll ich sagen – komfortablen Friedensbedingungen akzeptiert.

Für uns ist es wichtig, dass Trump gezwungen ist, auf die Ergebnisse jener Meinungsumfragen zu achten, die es jetzt in Bezug auf die Ukraine sowohl unter Republikanern als auch unter Demokraten gibt, und zu begreifen, dass er, wenn er eine putinsche Position einnimmt, einfach die Zwischenwahlen verlieren wird – und das ist der Weg zum Impeachment. Ich glaube nicht wirklich, dass er mit Blick auf die Mehrheit den Senat verlieren wird, aber das Repräsentantenhaus in einer solchen Situation – leicht.

Wir brauchen, dass Trump, indem er versucht, Putin dazu zu zwingen, komfortable Bedingungen zu akzeptieren, so starken Druck auf Russland ausübt, dass Russland am Ende so sehr geschwächt sein wird, dass es bereit ist, auch nicht-komfortable Bedingungen zu akzeptieren. Aber all das ist eine Perspektive, die nicht nahe liegt.

Das ist also eine Analyse dieser ersten Woche. Natürlich werden wir mit Ihnen zu den Gesprächen über die zukünftige Entwicklung zurückkehren. In der nächsten Woche wird es europäische Treffen geben, wir werden sehen, wie die europäischen Partner auf all diese Schritte der Amerikaner reagieren.

Wir werden versuchen, die Fragen zu beantworten, die jetzt in dieser Sendung gestellt werden.

Frage. Zurzeit ertönen häufig Appelle und konkrete Vorschläge zu Veränderungen bei uns und bei den Partnern. Meistens in der Formulierung: Entweder wir verändern uns, oder wir gehen zugrunde. Sind wir jetzt wirklich so nahe am Kollaps?

Portnikov. Das ist eine Frage dessen, was man unter Kollaps versteht. Ehrlich gesagt ist die Lage an der Front natürlich schwierig, aber so schwierig ist sie schon in den letzten vier Jahren. Natürlich haben wir Probleme mit der Staatsführung, aber Probleme mit der Staatsführung haben wir seit mindestens sechs Jahren. Und das ist noch eine optimistische Zahl. Natürlich haben wir Probleme in den Beziehungen zu den Partnern, weil sie derzeit viele instrumentelle Fragen nicht lösen können, etwa die Frage der Finanzierung der Ukraine im Jahr 2026. Aber sie versuchen, das zu tun, sie suchen nach Wegen. Und ich bin sicher, dass diese Wege gefunden werden, denn wiederum will in Europa niemand, dass die russische Armee an die Grenzen Europas kommt.

Aber hier stellt sich eine ziemlich ernste Frage. Was muss passieren, damit wir von Kollaps sprechen? Die russische Armee befindet sich immer noch in Pokrowsk und versucht, die Stadt einzunehmen. Wir haben das Jahr 2025. Es sind fast vier Jahre Krieg vergangen. Wie Sie sich erinnern, waren die Russen sicher, dass sie die Oblast Donezk innerhalb weniger Wochen einnehmen würden. Selbst wenn wir uns vorstellen, dass sie Pokrowsk erobern – niemand hat gesagt, dass es leicht wird, das nächste strategische Zentrum im Donbas einzunehmen.

All diese Kämpfe entlang der gesamten Frontlinie bringen ebenfalls keine Ergebnisse, sondern sind eher psychologischer Druck und eine Demonstration der Möglichkeiten der russischen Armee. Wir wissen, je breiter die Front, desto schwerer ist es, an ihr zu kämpfen, wenn man im Angriff ist. Auch das sind völlig objektive Dinge. Und außerdem wollte ich immer fragen: Was ändert sich für den ukrainischen Staat und seine Existenz tatsächlich, wenn – stellen wir uns das vor – die Russen nach mehreren Jahren unserer Verteidigung noch einen Teil des ukrainischen Territoriums im Osten erobern? Zu Ruinen verwandelt – sie verwandeln es in Ruinen.

Das heißt, ich sehe daran nichts Gutes, aber ich frage, ob das ein Kollaps ist? Nein, das ist kein Kollaps. Je mehr Russland in der Ukraine Krieg führt, desto näher kommt es selbst zwei Dingen: seinem eigenen wirtschaftlichen Kollaps – ich sage nicht, dass der unbedingt 2026 oder 2027 eintreten wird, aber er wird eintreten, und er wird im Übrigen unumgänglich und irreversibel sein. Man soll nicht glauben, dass der russische Staat nach diesem Kollaps einfach zack – und sich wieder erholt. Nein. Und zweitens der Notwendigkeit, den Krieg auf eine europäische Front auszuweiten, denn die Russen verstehen sehr gut, dass solange uns die Europäer unterstützen, all ihre Anstrengungen vergeblich sind. Und inwieweit die Russen in der Lage sein werden, ihre Anstrengungen auszuweiten, das ist bereits eine gute Frage. Und wie Europa reagieren wird, ebenfalls.

Frage. Glauben Sie, dass die Ukraine nach dem Krieg einen ähnlichen Weg wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vor sich haben könnte – mit einem raschen wirtschaftlichen Wachstum und Wiederaufbau?

Portnikov. Nein, das glaube ich nicht. Beide Teile Deutschlands, die zwischen West und Ost geteilt waren, hatten klare Sicherheitsgarantien von zwei größten Nuklearsupermächten in der Geschichte der Menschheit. Von zwei Ländern, die in der Lage sind, die Menschheit zu vernichten. Die Bundesrepublik Deutschland von den Vereinigten Staaten von Amerika. Andere Garanten dieses Regimes – zunächst der Besatzung, später der Sicherheitsgarantien – waren im Übrigen weitere Atommächte: Frankreich und Großbritannien. Die Deutsche Demokratische Republik erhielt Sicherheitsgarantien von einer anderen riesigen nuklearen Supermacht, der Sowjetunion. Und selbst dann, erinnern Sie sich, fühlte sich West-Berlin, das sich im Zentrum der DDR befand, aber von den westlichen Alliierten kontrolliert wurde, bis zur endgültigen Klärung seines Status, die sich über dreißig Jahre hinzog, nicht besonders sicher.

Die Ukraine ist im besten Fall – West-Berlin. Aber weder Ost- noch Westdeutschland, weil es heute keine Sicherheitsgarantien gibt, die die normale Entwicklung von Investitionen in die Ukraine gewährleisten würden. Und sowohl der Westen als auch der Osten wollten beide Teile Deutschlands zu Schaufenstern ihres Systemkonflikts machen – so weit, wie es jedem von ihnen gelang. Selbst Ostdeutschland sah viel besser aus als die anderen sogenannten sozialistischen Länder, gerade weil es als Schaufenster gebraucht wurde.

Aber diejenigen, die selbst in West-Berlin Geld investierten, waren sich ihrer Investitionen keineswegs sicher. Sie verstanden, dass sie in ein Schaufenster investierten, aber wie lange dieses Schaufenster existieren würde, wusste niemand. Ganz zu schweigen davon, dass sie ihr Geld aus diesen Investitionen in der Bundesrepublik selbst absichern konnten.

So ist es auch hier: Man kann natürlich die Ukraine entwickeln, unter der Bedingung, dass das ganze Geld daraus nicht in der Ukraine ist und nicht verloren geht. Aber das ist eine ganz andere Sache als die Entwicklung der Ukraine selbst. Daher habe ich keine besonders optimistischen Prognosen bezüglich dieses simplen Punktes, den wir diskutieren. Ich würde natürlich gern sehen, dass sich die Ukraine so entwickelt, aber dafür gibt es keine objektiven Voraussetzungen.

Wird das von Sicherheitsgarantien abhängen? Ja, wenn sie entstehen, wenn wir genau wissen, dass die Ukraine ihre Unabhängigkeit und Souveränität garantiert, dass die Russen uns nie wieder angreifen. In diesem Fall können wir ohne jeden Zweifel auf ein rasches wirtschaftliches Wachstum hoffen. Und unter Berücksichtigung der Besonderheiten des korrupten Systems der ukrainischen Staatsführung und der sowohl vertikalen wie horizontalen Korruption in der ukrainischen Gesellschaft können wir innerhalb von 20–25 Jahren bestimmt Niveau Rumäniens erreichen. Na gut, 30 Jahre.

Frage. Trump und seine Helfershelfer verhalten sich faktisch wie Agenten Putins. Wann wird die Elite der USA endlich angemessen darauf reagieren?

Portnikov. Eine gute Frage. Danke dafür. Ich glaube nicht, dass Trump und seine Administration sich wie Agenten Putins verhalten. Ihre gesamte Ideologie ist die Ideologie des amerikanischen Isolationismus, die in der Zwischenkriegszeit – zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg – absolut Mainstream war. Und übrigens sympathisierten viele amerikanische Unternehmer und Politiker damals aufrichtig mit Adolf Hitler und Benito Mussolini.

Niemand hat sie als Agenten Hitlers oder Mussolinis betrachtet. Das war ihre Ideologie: Dass Europa selbst mit seinen Problemen fertig werden müsse, dass eine starke Hand nötig sei, dass Hitler Deutschland aus wirtschaftlichen Ruinen herausgeführt habe. Und vor allem, dass dies nicht die Sphäre amerikanischen Einflusses sei. Was hätten die USA in Europa verloren? Gibt es starke wirtschaftliche Staaten, muss man mit ihnen Handel treiben, und die Europäer sollen ihre Probleme selbst lösen.

Wenn wir sehen, dass sie meinen, ihre Hauptaufmerksamkeit müsse dem Wettbewerb mit China gelten und dass für den Erfolg dieses Wettbewerbs mindestens die Neutralität Russlands notwendig sei – wie aus ihrer Nationalen Sicherheitsstrategie hervorgeht –, verhalten sie sich vollkommen adäquat. Das ist einfach ihre Ideologie.

Man darf Ideologie nicht mit Agententätigkeit verwechseln. Ich sehe bislang nichts inadäquates in ihrem Handeln, gemessen an dieser Ideologie. Ich würde sogar sagen, dass sie sich gezwungen sehen, sich zurückzuhalten, weil das der amerikanischen Gesellschaft nicht sehr gefällt.

Frage. Mit welcher Wahrscheinlichkeit in Prozent schätzen Sie eine chinesische Aggression im Pazifik unter der Präsidentschaft Trumps ein, und wie ist Ihre Prognose hinsichtlich seiner Reaktion?

Portnikov. Trump wird nicht mit China Krieg führen. Man sollte sich darüber keine Illusionen machen. Doch ich bin mir nicht sicher, dass Xi Jinping derzeit bereit ist zu einer realen Aggression gegen Taiwan, aus einem einfachen Grund: Das könnte wirtschaftliche Folgen haben, die für die chinesische Wirtschaft sehr gefährlich wären. Gerade die Gegner Chinas in aller Welt könnten diese Gelegenheit nutzen, um China wirtschaftlich zu isolieren. Denn wenn eine wirtschaftliche Isolation Chinas heute zu ernsten sozialen Problemen und Erschütterungen führte, ohne eine logische Erklärung zu haben, dann wäre im Falle eines Angriffs auf Taiwan sehr leicht zu erklären, warum die Menschen schlechter leben: „Wegen des Krieges Chinas gegen Taiwan, wir können mit einem Aggressorland nicht handeln.“

Es wäre wie mit Russland. Sie verstehen sehr gut, dass – hätte vor dem großen Angriff Russlands auf die Ukraine jemand von den deutschen Politikern gesagt: „Wir schließen Nord Stream und werden niemals wieder Gas aus Russland beziehen“, das im deutschen Publikum milde gesagt auf Unverständnis gestoßen wäre. Gut, Sie wollen kein Gas über Nord Stream beziehen. Aber es gibt doch das ukrainische Gastransportsystem. Das ist doch billiges Gas.

Der Krieg verändert alles. Ein Krieg zwingt jede Gesellschaft, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Die Ukraine unterscheidet sich nur darin, dass unsere Führer diese unpopulären Entscheidungen nicht treffen wollen und nicht darin, dass die Gesellschaft während des Krieges nicht bereit wäre.

Frage. Wenn die Ukraine zuerst ausblutet, wie könnte der Prozess der Russifizierung ablaufen? Werden gleich von Anfang an Erschießungen und Filtrationslager direkt in den Höfen und Häusern eingerichtet?

Portnikov. Nein, so wird das nicht sein. Es wird Referenden in jeder ukrainischen Oblast geben – über die Ausrufung der Unabhängigkeit oder den Anschluss an die Russische Föderation. So, wie es in den besetzten Gebieten geschieht. Sie sehen ja das Szenario. Ich nehme übrigens an, dass man im ersten, zweiten, vielleicht dritten Jahr sogar erlauben wird, die ukrainische Sprache als Unterrichtssprache in den Schulen zu wählen – und sie dann verbieten wird.

In dieser Zeit werden die Gebiete von illoyaler Bevölkerung „gereinigt“ – ebenfalls auf rein wirtschaftlichem Wege. Man wird Ihnen einfach sagen, dass Sie, wenn Sie Ihre Wohnung verkaufen, Eigentum besitzen wollen, Bürger der Russischen Föderation sein müssen. Nach einem, zwei Jahren wird alles klar sein. Und diejenigen, die diese Pässe annehmen, werden loyal sein, weil das ihre Entscheidung ist. Eine wirtschaftliche – man muss ja irgendwie leben. Und mit der Wahl des Passes wird auch die Wahl der Sprache kommen: „Nun, in unserem Land gibt es eine Sprache. Was soll man da machen? Jetzt ist es Russland, wir können nichts tun.“

Die Menschen, die damit nicht einverstanden sind, werden entweder ausreisen oder getötet. Sind Elemente eines Partisanenkampfes möglich? In manchen Gebieten ja, in manchen nein. Das hängt vom Grad der Nähe der jeweiligen Region zur russischen Zivilisation als solcher ab.

Frage. Wie schätzen Sie den durchschnittlichen Bildungsstand der Amerikaner ein? Es wirkt so, als ob sie ein ziemlich dummes Volk wären.

Portnikov. Das sagen Bürger eines Landes mit unglaublich klugen Entscheidungen bei Wahlen in den Jahren 2019 oder 2010 – da quillt der Bildungsgrad direkt heraus. Das nennt man: „Wenn meine Kuh schon muht, sollte deine schweigen.“ Ich kann manchmal einfach nicht anders – diese kindliche Selbstgewissheit freut mich fast.

Natürlich verwandeln sich Wahlen weltweit, wenn man ehrlich spricht, heute in einen Wettstreit neuer Informationstechnologien. Es ist überhaupt nicht überraschend, dass Donald Trump TikTok so sehr gefällt. Natürlich kann man in dieser Situation sagen, dass heute Menschen an Wahlprozessen teilnehmen, die sich früher wenig für Politik interessiert haben, die nur dank der sozialen Netzwerke zu Wahlen kommen. Natürlich. So ist es. Aber der amerikanische Wähler hat sehr oft für Leute gestimmt, deren Wahl Ihnen unverständlich wäre, und hat aus wirtschaftlichen Gründen gewählt, ist sehr oft übers Ohr gehauen worden. Sehr oft haben amerikanische Wahlen zur Großen Depression geführt. Amerikanische Wahlen haben einen wirtschaftlichen Charakter, der in erster Linie mit dem aktuellen Lebensstandard im jeweiligen Moment zusammenhängt. Sie basieren, wie Sie wissen, auf einigen wenigen Bundesstaaten, die ihre Parteipräferenzen nicht festgelegt haben.

Denn die Vereinigten Staaten sind in Wirklichkeit zwei politische Staaten in einem. Und es gibt einige Bundesstaaten, die einfach nicht entscheiden können, zu welchem dieser politischen Staaten sie gehören. Das hat nichts mit Intelligenz zu tun, das ist eine Frage der Orientierung und wirtschaftlichen Präferenzen.

Frage. Warum wird manchmal die Frage einer Wiederwahl Trumps aufgeworfen? Ist das überhaupt möglich?

Portnikov. Nein, das ist nicht möglich. Aber Folgendes ist möglich: Wenn bei den Wahlen 2026 die Demokraten die Kontrolle über beide Häuser des Kongresses erhalten, können sie Donald Trump des Amtes entheben – ihm also ein Impeachment aussprechen. Juristisch gesprochen: Wenn dieses Impeachment stattfindet, kann der Vizepräsident, J. D. Vance, neuer Präsident der Vereinigten Staaten werden. Wenn die Demokraten auch für den neuen Präsidenten Gründe für ein Impeachment finden, dann wird der Vizepräsident der Vereinigten Staaten der Vizepräsident, der vorher im Kongress gewählt wurde. Das wird ein Senator oder Kongressabgeordneter der Demokraten sein. Und auf diese Weise wird ein Demokrat schon vor den Wahlen 2028 Präsident der Vereinigten Staaten.

Aber im Moment habe ich viele Fragen. Erstens: Wird es überhaupt zu einem Impeachment des Präsidenten Trump kommen? Zweitens: Wird man auch dem Vizepräsidenten Vance, falls er Präsident wird, ein Impeachment aussprechen können? Drittens: Werden die Demokraten überhaupt die Kontrolle über beide Kammern des Kongresses erhalten? Wissen Sie, man sollte nicht „Hopp“ sagen, bevor man gesprungen ist. Das sind alles offene Fragen.

Aber wenn die Demokraten 2026 die Kontrolle zumindest über eine Kammer des Kongresses erlangen – das Repräsentantenhaus – und dort alle politischen Initiativen Trumps rigoros blockieren, dann wird Präsident Trump zur „lame duck“, zur lahmen Ente. Und alle werden bereits darüber nachdenken, wer der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein wird. Und die Republikaner werden eine real neue Person suchen, die nach dieser Phase des Trumpismus bei den Wahlen gewinnen kann.

Ich bin nicht einmal sicher, dass das J. D. Vance sein wird, oder überhaupt eine Person, die Trump unterstützen wird. Das ist ebenso möglich. Wir wissen nicht, wie das „Zeitalter Trump“ enden wird. Es kann enden, während Trump im Amt ist. So ist es mehr als einmal gewesen.

Frage. Wer von den europäischen Spitzenpolitikern kann heute zum Führer bei der Schaffung einer antirussischen Militärkoalition Europas werden?

Portnikov. Sie suchen ständig irgendwelche Führer, dabei ist ein gesellschaftlicher Bedarf nötig, verstehen Sie? Denn ein Führer erscheint dank eines gesellschaftlichen Bedarfs. Winston Churchill war eine Kompromissfigur, die nur deshalb Premierminister Großbritanniens wurde, weil die Konservativen, als der Zweite Weltkrieg begann, eine Regierung der nationalen Einheit bilden wollten, um zu zeigen, dass sie die Fehler der vorherigen Periode verstanden hatten. Aber die Labour-Partei wollte nicht, dass diese Regierung vom anerkannten Führer der Konservativen, Neville Chamberlain, geführt wird, der damals Premierminister Großbritanniens war.

Und alle brauchten eine zufällige Figur, die unter den Konservativen kein besonderes Ansehen genoss, nicht einmal die Partei führte – die Partei wurde von Chamberlain geführt – und die auch bei den Labour-Leuten keinen großen Autorität als ernsthafte Figur hatte. Und so konnten sie in diese Regierung ihren eigenen Führer, Clement Attlee, den anerkannten Führer der Labour-Partei, als Vizepremier entsenden.

Aber der gesellschaftliche Bedarf, die Bereitschaft der Briten zum Widerstand, hat aus Churchill „Churchill“ gemacht – eine sehr widersprüchliche Figur, die ihre Ansichten darüber, wie man sich in kritischen Situationen zu verhalten habe, mehrmals geändert hat.

So auch hier: Wenn es einen Bedarf europäischer Gesellschaften zum Widerstand geben wird, wird eine Gruppe von Politikern entstehen, die zu einem solchen Widerstand bereit ist. Dafür braucht man keinen einzelnen Führer. Wenn es einen solchen gesellschaftlich-elektoralen Bedarf nicht geben wird, werden Politiker erscheinen, die bereit sind, sich mit Russland zu einigen – dafür braucht man ebenfalls keinen Führer.

Nicht Führer machen Geschichte. Geschichte machen bewusste Völker. Das muss jeder verstehen, der immer noch einen „guten Zaren im Büro“ sucht. Geschichte wird von den Völkern geschrieben, nicht von denen, die an die Spitze bestimmter Nationen treten, wenn diese ihr eigenes Bild der Zukunft erarbeitet haben. Das muss man sich immer vor Augen halten.

Die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte ist praktisch minimal. Maximal ist der Bedarf der Menschen nach bestimmten Prozessen. Auch wenn die Biografien der Menschen, die zu Ausdrucksfiguren dieser Prozesse werden, natürlich sehr groß sind – es ist offensichtlich und interessant, wie sich Menschen an diese Bedürfnisse anpassen.

Und es gibt Menschen, die einfach ihrem Volk gefallen wollen. Nun, dann kann es sein, dass von diesem Volk am Ende nichts übrig bleibt. Hoffen wir, dass das nicht mit uns geschieht.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: fЩо далі із «мирним процесом» | Віталій Портников. 07.12.2025., falls bekannt]
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 07.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Die Großväter des Krieges. Jaroslaw Nyschtschyk.

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Eines der Phänomene in den Streitkräften der Ukraine, das Militärhistoriker noch erforschen werden, sind die Großväter.

Ja, die Großväter. Diese netten ländlichen und städtischen Männer im Alter von 55+. Nicht immer haben sie Enkel – aber daran wird der Status eines „Großvaters“ auch nicht gemessen.

Ein Großvater ist ein Mann, der das Leben bereits gesehen hat. Zu Hause ist er erschöpft von schwerer Arbeit, von Lebensproblemen, von einer glücklichen Ehe, in der er seine Frau fürchtet.

Den Einzug in die Armee nahm er ziemlich philosophisch: „Heh.“ Als man ihn in den Kleinbus des Wehramtes setzte, schrie er nicht über die ganze Straße: „Leute, helft mir, rettet mich!“ Denn er ist ein Großvater und kein Clown.

Dann kommt der Moment, in dem der Großvater die Pixeluniform anzieht. Und dann geschieht ein Wunder. Seine Gesundheit wird dadurch nicht besser. Aber das letzte Mal trug er eine Uniform, als er zwanzig war. Die Uniform steht für jene Zeit, als er jung war, gesund und den Frauen gefiel. Und nun hat er die Aufmerksamkeit der Frauen wiedergewonnen.

Der Großvater macht sich eine Modellfrisur, der Großvater bringt seinen Bart in Ordnung. Der Großvater läuft niemals schmutzig herum wie ein Penner. Der Großvater verweigert niemals eine Aufgabe. Wenn Großväter eine Stellung halten, dann nimmt man sie nur ein, wenn die Großväter gefallen sind, denn das Motto der Großväter in den Streitkräften lautet: „Dorthin kommen wir noch – aber zurück nicht mehr, die Gesundheit ist nicht mehr wie früher.“

Drei Großväter, denen man Essen, Trinken und Munition auf die Stellung bringt, können eine Kompanie von Vertragssoldaten im Alter von 18 bis 24 ersetzen.

Der Großvater isst immer bedächtig. Er hastet nie. Er wird niemals sagen, dass irgendein Essen nicht schmeckt. Besonders gute Geschmacksnoten verleihen 25 Gramm. Ich habe noch keinen einzigen Großvater gesehen, der ein Säufer war. Großväter betrinken sich nicht. Großväter ziehen ihre 25 Gramm „für die Gesundheit“.

Aber im Leben eines Großvaters kann während des Dienstes auch eine schreckliche Zeit kommen. Der Großvater beginnt traurig umherzugehen. Der Großvater weint nachts oft ins Kopfkissen. Er spricht mit niemandem darüber, und fertigt den Politoffizier jedes Mal barsch ab.

Der Großvater ist bald 60. Das Höchstalter für den Militärdienst. Der Großvater, der sich nicht vor Gleitbomben und FPV-Drohnen fürchtete, hat Angst, zu seiner Liebsten zurückzukehren, mit der er 40 Jahre in einer glücklichen Ehe lebt. Denn das ist kein Kommandeur – dort kann man auch eine körperliche Zurechtweisung bekommen. Die Liebste wird ihn nicht dafür loben, dass der Großvater seine 25 Gramm trinkt und auf seine Gesundheit achtet.

Der Großvater wird keine lustigen Fahrten mehr auf starken Fahrzeugen machen, der Großvater wird nicht mehr durch die Waldstreifen laufen und die Jungs antreiben. Der Großvater ist kein „Herr Feldwebel“ mehr, er ist jetzt:

„Mykola, verdammt nochmal, geh Schweinestall sauber machen.“

Der Großvater wird sich nicht mehr mit Komplimenten an jede Tankstellenbedienung heranmachen, deren Namen er an allen frontnahen Tankstellen kennt.

Er ist jetzt nicht mehr Bart, Eber, Casanova, Schamane, Orkhund, Schädel, Granit, Bestie, Der Graue, Der Kalte, Der Junge, Der Goldene, Liebling, Der Hübsche.

Er wird jetzt wieder einfach Großvater Mykola sein (ersetzen Sie den Namen nach Belieben).

Jetzt wird ihn der junge Kamerad nicht mehr „Opa“ nennen.

Und dann weinen die Großväter auch.


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Art der Quelle: Social Media
Autor: Jaroslaw Nyschtschyk
Veröffentlichung / Entstehung: 07.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach, veröffentlicht auf uebersetzungenzuukraine.data.blog.


Die Belaweschskaja-Puschtscha. Vitaly Portnikov. 07.12.2025.

https://zbruc.eu/node/123074?fbclid=IwZnRzaAOid6tleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEeHaJ0QJiZoVi4dV5SiY7Mem1ed4MK4F1pRBsuX0aEbQXzgPPbQGktJL0urow_aem_sGYdt10GHhiRkYIZLwxQ7Q

Am 7. Dezember 1991 trafen sich die Staats- und Regierungschefs der Ukraine, der Russischen Föderation und von Belarus in der Regierungsresidenz in der Belaweschskaja-Puschtscha, um der Existenz der Sowjetunion ein Ende zu setzen.

Aus heutiger historischer Perspektive erscheint eine solche Entscheidung logisch und nahezu unvermeidlich. Doch praktisch niemand – selbst nach dem ukrainischen Referendum vom 1. Dezember – konnte daran glauben, dass es tatsächlich dazu kommen würde. Ich erinnere mich gut daran, wie nach den ersten Meldungen über die Unterzeichnung des Abkommens zur Gründung der GUS Kollegen aus verschiedenen Hauptstädten der damals noch bestehenden Unionsrepubliken mich anriefen und fragten, was dort eigentlich passiert sei. Und die wichtigste Stadt, in der niemand verstand, was geschehen war, war Moskau.

Die russische Propaganda bezeichnet unseren ersten Präsidenten Leonid Krawtschuk üblicherweise als den Haupttotengräber der Sowjetunion. Doch daran ist kein Körnchen Wahrheit. Denn Leonid Makarowytsch flog nach Minsk keineswegs, um die Sowjetunion zu Grabe zu tragen, sondern im Gegenteil, um Boris Jelzin zu erklären, dass die Ukraine nach dem Referendum vom 1. Dezember keinerlei Absicht und keinerlei Möglichkeit habe, im Bündnis zu bleiben oder sich irgendeiner erneuerten Reinkarnation dieses Bündnisses anzuschließen. Was sollte daran Besonderes sein? Schließlich waren zuvor bereits die drei baltischen Staaten aus der Sowjetunion ausgeschieden, deren Wiederherstellung der Unabhängigkeit vom Staatsrat der UdSSR offiziell anerkannt worden war. Und niemand war der Ansicht gewesen, dass das „Abfallen“ von drei Republiken das Ende der Sowjetunion bedeuten würde.

Doch mit der Ukraine war die Geschichte eine völlig andere. In Moskau wollte man hartnäckig nicht glauben, dass die Ukraine „tatsächlich“ aus der Sowjetunion austreten würde – genauso hartnäckig, wie man sich nach 2014 nicht damit abfinden wollte, dass die Ukraine nicht mehr an der Tätigkeit der GUS teilnimmt und Einladungen zu Gipfeltreffen der Organisation nicht nur an Poroschenko, sondern auch an Zelensky weiter verschickte. Jelzin sagte seiner Beraterin Galina Starowoitowa, dass „Michail Sergejewitsch das irgendwie regeln wird“, sollte das ukrainische Referendum zugunsten der Unabhängigkeit ausgehen. Selbst nach dem erfolgreichen Referendum betrachtete man es in Moskau weiterhin lediglich als zusätzlichen ukrainischen Trumpf bei den Verhandlungen über einen erneuerten Unionsvertrag.

Jelzin, der nach dem 1. Dezember erkannte, dass Gorbatschow überhaupt nichts mehr „regeln“ würde, flog nach Minsk gerade deshalb, um herauszufinden, unter welchen Bedingungen die Ukraine auch künftig Teil der Union bleiben wolle – und das ist kein Scherz. Vor der Reise traf sich Jelzin eigens mit Gorbatschow, um seine bevorstehende Begegnung mit Krawtschuk zu besprechen – und nach diesem Gespräch stellte er fest, dass „ohne die Ukraine der Unionsvertrag jeden Sinn verliert“.

Aber genau darin lag das Problem: In Moskau waren alle überzeugt, dass die Ukraine diesem Vertrag auf jeden Fall beitreten würde – Jelzin musste lediglich klären, unter welchen Bedingungen. Doch in der Belaweschskaja-Puschtscha erwartete den russischen Präsidenten eine Überraschung: Krawtschuk erklärte ihm unmissverständlich, dass er nach dem 1. Dezember vom ukrainischen Volk kein Mandat für die Unterzeichnung eines neuen Unionsvertrages habe. Einfach gesagt: Die Ukraine ist nun ein unabhängiger Staat – genau das konnte man in Moskau partout nicht begreifen! So fand in der Belaweschskaja-Puschtscha in Wahrheit ein Treffen des Staatschefs eines unabhängigen Staates mit den Führern zweier Unionsrepubliken innerhalb der UdSSR statt. Auch das muss man verstehen: Die Parlamente Russlands und von Belarus hatten keine Akte über die Unabhängigkeit verabschiedet (der Oberste Sowjet der BSSR hatte der Souveränitätserklärung den Status eines Verfassungsgesetzes verliehen), und es hatte keine Referenden über die Unabhängigkeit gegeben. Von allen Führern, die sich bei Minsk versammelt hatten, war nur Krawtschuk der Leiter eines neuen, international anerkannten Staates.

Und genau an diesem Punkt setzte ein anderer Mechanismus in Gang, den Jelzin ebenfalls im Vorfeld mit seinen Mitstreitern besprochen hatte – die Entscheidung über die Auflösung der Union und die Schaffung eines neuen zwischenstaatlichen Gebildes. Für Jelzin, in dessen Umfeld es eine große Gruppe von Befürwortern der russischen Unabhängigkeit unter Führung des damaligen Staatssekretärs der RSFSR Gennadi Burbulis gab, war dies eine gute Gelegenheit, sich endlich endgültig des ihm lästig gewordenen Gorbatschow zu entledigen. Und vor allem – das ist das Wichtigste –, das sagte mir Jelzin, als wir uns wenige Wochen vor den Ereignissen in Belaweschje trafen: „Mit der Ukraine bin ich Präsident eines europäischen Staates, ohne die Ukraine bin ich Präsident eines asiatischen. Und ich möchte kein Präsident eines asiatischen Staates sein.“

Und ja, Jelzin war überzeugt, dass es sich nur um eine kurze Periode von Zugeständnissen handeln würde und dass er am Ende tatsächlich Präsident eines neuen Unionsstaates werden würde – nur ohne Gorbatschow und mit Ukraine.

Nun zur für uns wichtigsten Frage: Warum ging Krawtschuk auf dieses Abkommen ein? Schließlich hätte er Belarus ohne jede Entscheidung verlassen können, indem er Jelzin – als einem Unterhändler Gorbatschows – einfach mitteilte, dass es keine Ukraine im erneuerten Bündnis geben werde, und Jelzin und Schuschkewitsch viel Erfolg bei der Ausarbeitung eines neuen Unionsvertrags wünschte. Doch das lässt sich leicht aus der Perspektive des Jahres 2025 sagen. Damals aber, im Dezember 1991, hatte Krawtschuk möglicherweise keine Gewissheit über die Loyalität der eigenen Armee und der übrigen Sicherheitsstrukturen – und auch nicht über seine Fähigkeit, die Unabhängigkeit im Falle eines Drucks aus Moskau zu verteidigen. Er erhielt die Möglichkeit, Gorbatschow von Jelzin zu trennen und das Unionszentrum zu paralysieren. Hätte er sich geweigert, die Vereinbarung zu unterzeichnen, hätte er sie hingegen vereint.

Was danach geschah, wissen wir gut. Die Gemeinschaft verwandelte sich nicht in einen neuen Unionsstaat, und Russland gab seinen Wunsch nicht auf, die Ukraine zu erobern und sie im Rahmen seines eigenen imperialen Projekts zu bewahren. Die Vereinbarung von Wiskuli verwandelte sich in einen aufgeschobenen großen Krieg, in dessen ersten Monaten Leonid Krawtschuk starb.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Пуща. Віталій Портников. 07.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 07.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Die Amerikaner erpressen Zelensky | Vitaly Portnikov. 07.12.2025.

Zu den ukrainischen Unterhändlern, die in diesen Tagen in den Vereinigten Staaten Gespräche mit dem Sonderbeauftragten von Präsident Donald Trump, Steve Witkoff, sowie mit Trumps Schwiegersohn Jared Kushner geführt haben, hat sich heute auch Präsident Volodymyr Zelensky dazugeschaltet, der im virtuellen Format mit den amerikanischen Vertretern die wichtigste Frage im Zusammenhang mit dem nebulösen Friedensabkommen erörterte, das dem Krieg Russlands gegen die Ukraine ein Ende setzen soll.

Die Hauptthemen dieser Gespräche waren, wie die Publikation Axios betonte, die in den letzten Wochen nahezu die wichtigste Quelle zu diesem Friedensplan geworden ist, die Fragen der Territorien und der Sicherheitsgarantien.

Bekanntlich hat der russische Präsident Putin bereits mehrfach betont, dass man über irgendeine Waffenruhe und ein Ende der Kampfhandlungen nur dann sprechen könne, wenn die Streitkräfte der Ukraine jenen Teil des Gebiets der Donezker Region verlassen, der bis heute von der legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert wird.

Gerade die Diskussion über den Abzug der ukrainischen Truppen aus der Donezker Region erscheint mir in erster Linie als der Versuch Putins, die innenpolitische Situation in der Ukraine zu destabilisieren und Bedingungen für eine Ausweitung der russischen Besatzungszone zu schaffen – keineswegs nur auf dem Gebiet der Donezker Region. Denn sich vorzustellen, dass Putin den Krieg allein um des Erwerbs eines Teils der Donezker Region willen beenden möchte, ist derzeit wenig realistisch.

Doch wie bekannt, haben wir in den letzten Tagen vom russischen Präsidenten auch von der „Befreiung“ der sogenannten Noworossija gehört. Das kann auch auf eine Steigerung der Ansprüche Putins hinweisen, der fordern könnte, dass die ukrainischen Truppen ebenfalls die Gebiete der Saporischschja- und der Cherson-Region verlassen – und sogar auf eine Ausweitung der Ansprüche auf die gesamte linksufrige Ukraine, die ebenfalls ohne große Probleme zur Noworossija erklärt werden könnte. Aus der Sicht der ideologischen Ansätze Putins kann jede ukrainische Region als „bolschewistisches Geschenk“ an die Ukraine deklariert und somit von der Russischen Föderation vereinnahmt werden.

Wie Putin in dieser Richtung weiter handeln wird, wissen wir nicht. Aber wir sehen, dass auch die Amerikaner nicht besonders bereit sind, den Abzug der ukrainischen Truppen aus der Donezker Region einfach als die beste Entwicklungsmöglichkeit anzuerkennen. Und es werden offenbar irgendwelche alternativen Vorschläge vorbereitet, die aus meiner Sicht vom russischen Präsidenten nicht akzeptiert werden dürften.

Ganz zu schweigen davon, dass Putin kaum mit der bloßen faktischen Anerkennung der Kontrolle der Russischen Föderation über die Krim, den Donbas und andere annektierte ukrainische Regionen zufrieden sein wird. Putin wird von Trump und den europäischen Staats- und Regierungschefs verlangen, die Tatsache seiner Besatzung auch juristisch anzuerkennen – was aus Sicht der derzeit in den Vereinigten Staaten geltenden Gesetzgebung kein amerikanischer Präsident tun kann. Und ganz zu schweigen von der mangelnden Bereitschaft europäischer Staats- und Regierungschefs, den Ergebnissen einer Besatzung zuzustimmen, die sie an die entsprechenden Handlungen der Diktatoren Adolf Hitler und Josef Stalin erinnern würden, die zu Beginn des Zweiten Weltkriegs entschlossene Verbündete waren. Man sollte überhaupt nicht glauben, dass die Europäer dem zustimmen könnten.

Doch wie wir sehen, gehen territoriale Verhandlungen weiter. Das heißt, sowohl Witkoff als auch Kushner halten weiterhin daran fest, dass gerade in der Lösung dieser Frage tatsächlich ein Schlüssel zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges liege. Ich sage gleich: Eine solche Lösung, die mit der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges verbunden wäre, existiert nicht.

Eine weitere schwierige Frage, auf die die Amerikaner möglicherweise eine Antwort suchen, diese aber kaum finden werden, ist die Frage der Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Volodymyr Zelensky will reale Garantien. Doch nachdem die neue Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten veröffentlicht wurde, ist überhaupt nicht mehr klar, ob es diese realen Garantien gibt.

Früher gingen wir davon aus, dass die reale Garantie für die Sicherheit der Ukraine unser Beitritt zur NATO sei und damit die Anwendung von Artikel 5 des Nordatlantikvertrags auf uns, der eine gemeinsame Verteidigung der Partnerstaaten für das Land vorsieht, das angegriffen wird. Doch nun ist offensichtlich, dass die Vereinigten Staaten alles daransetzen, sich ihrer Verantwortung für die Sicherheit des europäischen Kontinents zu entledigen. Und heute wird niemand in den Vereinigten Staaten selbst klar sagen können, ob Washington tatsächlich bereit wäre, beispielsweise die baltischen Staaten oder Polen zu verteidigen, falls diese Länder von den Streitkräften der Russischen Föderation angegriffen würden.

Und wenn sich herausstellt, dass Artikel 5 nicht mehr als ein so unumstößlicher Beweis für Sicherheit erscheint, wie er es über all die Jahrzehnte des Bestehens des Nordatlantischen Bündnisses war – bis zum letzten Wahlsieg Trumps bei den Präsidentschaftswahlen in den USA –, dann stellt sich die Frage: Wie sollen die Sicherheitsgarantien für die Ukraine aussehen, wenn sich die Vereinigten Staaten entschieden gegen einen Beitritt unseres Landes selbst zur Nordatlantischen Allianz aussprechen? Und können wir tatsächlich auf eine klare Entscheidung hoffen, die impliziert, dass die Vereinigten Staaten im Falle eines neuen Angriffs der Russischen Föderation auf die Ukraine bereit wären, gemeinsam mit der Ukraine unsere Souveränität zu verteidigen?

Ich sage gleich: Wenn es in Washington überhaupt einen solchen Willen gegeben hätte, hätte eine solche Entscheidung bereits 2014 oder 2022 getroffen werden können, als demokratische Präsidenten – Barack Obama oder Joe Biden – an der Spitze der Vereinigten Staaten standen. Doch die letzte Person, die eine solche Entscheidung treffen wird, ist ein republikanischer Präsident und Isolationist nach seinen ideologischen Dogmen – Donald Trump.

Somit gibt es keine realen Garantien, die einen neuen Beginn des russisch-ukrainischen Krieges verhindern könnten – abgesehen vielleicht von der Bewaffnung der Ukraine mit modernen Waffen und der Umwandlung unseres Landes in eine echte Festung, bei deren Angriff der Feind schwere und bereits unvermeidliche Verluste erleiden würde.

Doch es stellt sich die Frage, inwieweit man jetzt auf eine solche Bewaffnung der Ukraine hoffen kann und wie viel Zeit dafür benötigt wird, damit in der Russischen Föderation kein Zeitfenster für einen neuen, noch ernsthafteren und aggressiveren Angriff auf die Ukraine entsteht, falls sich in den 2020er-Jahren dieses Jahrhunderts die Möglichkeit einer Waffenruhe an der russisch-ukrainischen Front ergeben sollte.

Und nun verstehen wir, dass Zelensky mit seinen amerikanischen Gesprächspartnern Fragen erörtert, auf die es in Wirklichkeit keine Antworten gibt. Denn die einzige Frage, die ukrainische und amerikanische Unterhändler eigentlich erörtern müssten, lautet: Wie kann man den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, zu einem Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front zwingen, um danach ein Gespräch über die Bedingungen eines Friedensabkommens zwischen Russland und der Ukraine zu beginnen? Und solche Gespräche können 10 oder auch 25 Jahre andauern – wie wir es aus der Erfahrung aller früheren Konflikte kennen.

Da aber gerade ein solcher Ansatz derzeit mit den Amerikanern nicht angewandt wird, verdient alles, was wir heute beobachten, eine klare und verständliche Bezeichnung: weißes Rauschen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Американці шантажують Зеленського | Віталій Портников. 07.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 07.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Wie die Ukraine bewahren | Vitaly Portnikov @LookThatIsTheArtist. 06.12.2025.

Für mich ist es eine große Herausforderung, Ihnen in den Räumlichkeiten dieser Ausstellung zu begegnen. Erst vor Kurzem, buchstäblich vor ein paar Tagen, traf ich mich mit einer Kollegin, einer schwedischen Analystin, die sich jetzt intensiv mit der Ukraine beschäftigt. Sie hat die ukrainische Sprache gelernt, liest ukrainische Bücher. Und all das nach vielen Jahren Arbeit in Russland, in Moskau. Und sie sagte mir, es sei für sie sehr wichtig zu verstehen, worin sich die Ukraine, die ukrainische Welt, letztlich von der russischen Welt unterscheidet.

Ich sagte: „Lassen Sie uns auf dieser Ausstellung treffen. Wenn Sie durch diese Ausstellung gehen, an ihren Artefakten vorbei, an den Zeugnissen der Menschen, durch das Schicksal von Vasyl Stus selbst, werden Sie verstehen, worin der Unterschied besteht und wie sich dieser Unterschied erhalten hat, selbst unter Bedingungen, in denen es schien, als wäre alles verloren. Und die Zivilisation, die ukrainische Zivilisation, irgendwo unter dem Eis der imperialen, der russischen Zivilisation lag. Als ob dem ukrainischen Volk gar nichts anderes übrig geblieben wäre“.

Und heute sehen wir viele unserer Landsleute, die weiterhin fragen: „Welche Bedeutung hat das überhaupt? In welcher Sprache man spricht, welche Geschichte man lernt und wie die Straße heißt, wenn sie bei uns ohnehin gar nicht asphaltiert ist.“ Und ich glaube, dass das Leben von Vasyl Stus eine vollkommen klare und beredte Antwort auf all diese Fragen ist – ebenso wie die Wahl von Vasyl Stus.

Ich erinnere immer daran, wenn wir über das Ukrainische und das Ukrainertum sprechen, dass allein die Wahl des Schicksals eines ukrainischen Schriftstellers, eines ukrainischen Künstlers, letztlich eines ukrainischen Politikers, eben eine Wahl ist und keine Unausweichlichkeit des Schicksals. Letztlich müssen Sie klar verstehen: Jeder, der ukrainischer Schriftsteller oder Politiker wurde, hätte an einem völlig anderen Ort landen können.

Iwan Franko, wie wir mit Ihnen sehr gut verstehen, hätte ein glänzender polnischer Publizist und Dichter sein können. Olha Kobyljanska hätte ihre Werke auf Deutsch schreiben können, ein viel größeres Publikum und sehr viel größeres Interesse in jener Region und in jenem Land haben können, in dem sie lebte. Vasyl Stus hätte auf Russisch schreiben können und wäre dann entweder als Vertreter der sowjetischen Literatur wahrgenommen worden, der aus kultureller Sicht nichts zu verteidigen hat, oder als Dissident, der die Weltkultur mit einem anderen Diskurs der russischen Literatur und Poesie bereichert – wie Brodsky. Und solche Beispiele könnte man in riesiger Zahl nennen.

Und die Außenstehende verstanden nie, warum man das Ukrainische wählen sollte. Viel Unterstützung gab es dafür nicht. Ich erinnere mich, als ich damals in Moskau studierte und der Redaktion der Zeitung „Knižnoje obozrenije“ ein Interview mit Iwan Dratsch vorschlug, sagte der Leiter des Literaturressorts dieser Zeitung, des Lyrikressorts – meiner Erinnerung  nach selbst ein russischer Dichter – zu mir: „Großartige Idee, Vitaly, bitte fahren Sie nach Kyiv, machen Sie ein Interview mit Dratsch. Wir kennen uns sehr gut. Wir waren zusammen auf einer Literatur-Expedition. Ich schätze sein Schaffen so sehr. Ich verstehe nur nicht, warum er auf Ukrainisch schreibt.“ Und mich erinnerte das an die Rezension von Wissarion Belinski zum „Kobsar“ von Taras Schewtschenko. „Alles gut. Nur warum auf diesem Dialekt schreiben?“ Das heißt, es änderte sich gar nichts.

Ich habe so Jahre und Jahrzehnte gelebt, in denen meine Kollegen, die hier in Kyiv arbeiteten, während ich in Moskau arbeitete, mich ständig fragten, warum ich weiterhin auf Ukrainisch schreibe, wo ich doch so wunderbare russische Möglichkeiten und eine russische Karriere habe. Und hier, in Kyiv, schrieben sie weiter auf Russisch. Und für mich war das immer unheimlich. Und ich glaube, wenn ich mich selbst fragte, warum ich weiterhin genau diesen Ansatz für meine eigene schöpferische Arbeit verteidige, stützte ich mich auf die Opferbereitschaft von Menschen wie Vasyl Stus, denen ich natürlich nicht einmal annähernd gleichkomme, aber ich verstand, wofür.

All das, wenn Sie so wollen, könnte eine Traumatisierung sein, mein eigenes kindliches Trauma. Ich wurde in einer Familie geboren, in der man noch Jiddisch sprach. Meine Mutter verstand die Sprache ihrer Großmutter und ihrer Mutter. Und um mich herum existierte diese Kultur weiter. Ältere Menschen sprachen Jiddisch. Im Bücherschrank standen Bücher mit Umschlägen in einem unverständlichen Alphabet. Aber ich selbst beherrschte diese Sprache nicht mehr. Sie war für mich keine Sprache, in der man mit mir spricht. Sie hätte nur eine gelernte Sprache sein können. In dieser Sprache sangen mir meine Großmütter noch Schlaflieder. Aber ich verstand kein einziges Wort dieser Schlaflieder. Und das ist eine unsagbare Tragödie.

Lew Berinsky, einer der Jugendfreunde von Stus im Donezker Gebiet, wuchs in einer Familie auf, in der man Jiddisch sprach. Und als er an die höheren Literaturkurse ging, wo man unmittelbar vor der Perestroika nach jahrzehntelanger Pause beschlossen hatte, wieder eine Gruppe von Literaten zu versammeln, die auf Jiddisch schreiben würden, war er einer der wenigen, die diese Sprache von ihren Eltern kannten und nicht nur gelernt hatten, um jüdischer Schriftsteller zu werden.

Ich weiß nicht, ob Sie verstehen, wie schwer es ist, ein Wort wirklich zu beherrschen, wenn es erlernt ist und nicht mit der Muttermilch aufgenommen wurde. Und darum kann ich nicht sagen, dass ich neidisch war. Nein, ich verstand einfach nicht, wie Menschen, die das Glück haben, ihre Muttersprache von Eltern, Großmüttern und Großvätern zu lernen, so leichtfertig auf diese Sprache verzichten – zugunsten einer fremden.

Warum? Welche Rechtfertigung kann ein Mensch haben, der seine Heimat, seine Familie, seine Sprache aufgibt? Wie fühlt er sich später in diesem Sprachraum, in seinem eigenen Leben, in der Fremde – im buchstäblichen Sinn dieses Wortes? Wo immer du deinen Fuß hinsetzt, ist Fremde. Mit der Sprache, in der deine Eltern mit dir gesprochen haben, kannst du nur noch mit den Wänden sprechen, weil deine Kinder deine Muttersprache nicht verstehen.

Und daraus erwächst diese unglaubliche Opferbereitschaft zur Verteidigung des Ukrainischen, die die gesamte Biografie und das ganze Leben von Stus begleitet. Das ist Opferbereitschaft gegen alle Widerstände. Ich habe vorhin Lew Berinsky erwähnt. Lew Berinsky lebt heute noch in Israel und schreibt weiterhin auf Jiddisch.

Jiddisch ist ganz offensichtlich keine Hauptsprache Israels, das schon zu Beginn der Gründung der Gemeinschaft auf dem alten jüdischen Land das Hebräische zur Sprache der Verständigung all jener machte, die zur Wiederherstellung des Staates kamen. Und mit der Zeit wurde Hebräisch nicht nur zur Sprache jener, die sie aus ideologischen und patriotischen Gründen lernten, sondern zur Sprache der Kinder, die diese Sprache von ihren Eltern und Großeltern hörten. Aber Menschen, die heute in Israel Schriftsteller sehen, die auf Jiddisch schreiben, begegnen ihnen mit Respekt, weil sie Teil der nationalen, kulturellen und literarischen Tradition sind.

Vasyl Stus hingegen musste sein Recht, Ukrainer und ukrainischer Dichter zu sein, dort verteidigen, wo das Ukrainische als zweitklassig galt und wo allein der Status eines ukrainischen Dichters, eines ukrainischen Patrioten, eines Lehrers der ukrainischen Sprache und Literatur schon als Merkmal von Marginalität und Unverständnis dafür galt, wie das Leben „eigentlich“ funktioniert.

Und so können wir uns immer fragen: „Warum diese Besessenheit?“, während andere zu vollkommen, ich würde sagen, mainstreamigen ukrainischen Schriftstellern wurden – Sechziger, vielleicht Siebziger –, aber Bücher veröffentlichten, ins Ausland fuhren, wie man sagt, „nicht den Kopf hinhielten“. Und wir können diesen Menschen heute natürlich ihre Kompromissbereitschaft vorwerfen. Aber wir müssen uns klar sagen: Wenn es diese Kompromissbereitschaft nicht gegeben hätte, buchstäblich seit den 1920er-Jahren des 20. Jahrhunderts, als die Ukraine faktisch von Bolschewiken besetzt war, von russischen Bolschewiken und keinen anderen, und alle ukrainischen Bolschewiken nichts als Helfershelfer dieser Russen waren und keineswegs Vertreter von irgendetwas Eigenständigem – wenn diese Menschen nicht zu Kompromissen bereit gewesen wären, gäbe es keine ukrainische Kultur.

Aber man kann für sich Möglichkeiten für Kompromisse suchen, wenn man in einem ukrainischen Dorf in Galizien oder in der großen Ukraine geboren ist, wie Iwan Dratsch oder Dmytro Pawlytschko, und von ukrainischsprachigen Menschen umgeben ist. Die Menschen sprechen die Sprache Ihrer Gedichte. Niemand, der Sie als Schriftsteller wahrnimmt, kommt auf die Idee, dass Sie mit der Welt in einer anderen Sprache sprechen könnten, weil die Störche mit Ihren Landsleuten in dieser Sprache sprechen. Und darum ist es nur logisch, dass Iwan Dratsch und Dmytro Pawlytschko in ihren Heimatdörfern begraben sind, dort, wo diese Störche weiterhin auf Ukrainisch mit ihnen sprechen.

Lina Kostenko hingegen ist eine Kyiverin. Das ist schon ein Leben in einer anderen Stadt – in einer Stadt, in der das Ukrainische immer mit dem Russischen konkurrierte und verlor. Trotz der Tatsache, dass dies die Hauptstadt der Ukrainischen SSR war, wo das Ukrainische weiterhin als dekorativ erschien und nur nötig war, damit diese Ukrainische SSR funktionierte – nicht mehr und nicht weniger. „Sollen das Ukrainische Radio ruhig auf Ukrainisch senden, aber den Großteil des Äthers werden wir mit Programmen des Allunionsradios füllen, denn das ist qualitativ besser, das ist besser und das ist nicht Provinz.“ Und das war schon ein anderer Level des Widerstands und ein anderer Level der Konflikthaftigkeit, weil der Mensch seine Würde verteidigt. Sie ist eine ukrainische Dichterin in einer im Grunde genommen fast russischsprachigen Stadt.

Na, was heißt „fast russischsprachige Stadt“? Ich bin generell der Ansicht, dass unser riesiger Erfolg, unser riesiger Erfolg im 21. Jahrhundert darin bestand, dass wir Kyiv nicht nur ukrainisch, sondern ukrainischsprachig gemacht haben. Dass Menschen aus den umliegenden Dörfern und Städtchen, die nach Kyiv gezogen sind, irgendwann begannen, sich als Ukrainer zu fühlen und verstanden, dass man vielleicht nicht sofort Ukrainisch sprechen muss, aber wenigstens wie Ukrainer wählen, wie Ukrainer handeln sollte. Ohne Kyiv wäre uns vielleicht gar nichts gelungen.

Und jetzt nehmen wir Vasyl Stus. Russischsprachige Region, Aggression gegen alles Ukrainische, die Überzeugung, dass dies keine Ukraine, sondern im Grunde die Sowjetunion sei, die Wahrnehmung des Ukrainischen als marginal. Und der Grad des Widerstands gegen all dies ist viel höher, weil das von Kindheit an so ist. Denn das Ukrainischsein selbst ist eine Wahl, die dich auf deinem eigenen Land, in deinem scheinbar eigenen Land zu einer verfolgten Minderheit macht – selbst in der Sowjetzeit, als die Ukrainische SSR scheinbar existierte, aber irgendwo unsichtbar ihr zivilisatorisches Arsenal endete.

Und man sagt mir: „Ja hören Sie, man muss doch die Logik verstehen. Donezk ist eine Industriestadt. Sie kann doch nicht so sein wie Kyiv oder Lwiw, und Odessa ist eine Hafenstadt.“ Hören Sie, ich war in Industriestädten, ich war in Birmingham und in Manchester. Ich möchte Sie überzeugen: Das ist England. Dort spricht niemand irgendeine andere Sprache. Dort herrscht dieselbe Kultur wie in London. Ich war in Marseille, das ist eine Hafenstadt. Natürlich pulsiert sie wie jede Hafenstadt in allen Farben. Dort leben Menschen verschiedener Nationalitäten. Dort kann man jeden Tag sehen, wie sich der nationale Charakter der Stadt verändert – wie in Odessa. Aber Marseille ist eines der, ich würde sagen, expressivsten Kulturzentren Frankreichs. Es ist Frankreich. Französischsprachiges Frankreich.

Wer hat gesagt, dass eine Industriestadt zwingend russischsprachig sein muss und ein Hafen „schlechtes Russisch“ sprechen muss, kaum übersetzt aus dem Jiddischen? Ich habe das nie verstanden und werde es nicht verstehen. Aber unter solchen Bedingungen entstehen diese Opferbereitschaft und diese Entschlossenheit, die eigene Würde zu beweisen– und sie schuf das Phänomen Stus und unsere Haltung zu ihm als Phänomen.

Denn ein Mensch, der bereit war, denen eine offene Herausforderung zu stellen, die das Ukrainische für zweitklassig hielten, wurde gestern immer als Randfigur wahrgenommen und heute als Held. Das bedeutet, dass die Ukraine sich verändert hat. Und, wissen Sie, ich erinnere mich sehr gut an meine Gefühle, als ich von Kyiv nach Dnipro gezogen bin, um dort an der Universität zu studieren. Und Dnipro, muss ich Ihnen sagen, ist noch nicht Donezk. Es ist eine Stadt, die immer, ich würde sagen, eine starke Injektion des Ukrainischen hatte, aber damals wurde in Dnipro im Zweig des Schriftstellerverbandes der Ukraine auf Ukrainisch gesprochen – und sonst fast nirgends. Nicht einmal an der philologischen Fakultät, an der ich studierte, nicht einmal im ukrainischen Theater, wenn wir in eine Aufführung gingen – in den Pausen sprachen dann alle Russisch, sowohl an der Universität als auch im Theater.

Ich erinnere mich, dass in diesem Moment im Foyer des Theaters oder in den Hörsaalpausen nur die Leiterin des Lehrstuhls für ukrainische Literatur, Professorin Klawdija Pawliwna Frolowa, meine Mentorin, mit der ich bis heute für diese Lektionen dankbar bin, auf Ukrainisch sprach – und mein Kommilitone aus der ukrainischen Abteilung (ich war in der russischen Abteilung), Taras Slitkowez, der heute in Luzk an der Universität als Dozent arbeitet. Und ich versuchte ständig, von Klawdija Pawliwna zu erfahren, warum denn ihre eigenen Dozenten des Lehrstuhls für ukrainische Literatur, die so wunderbare Vorlesungen über ukrainische Literatur halten, sobald die Vorlesung zu Ende ist, anfangen, mit den Studierenden Russisch zu sprechen.

Ich hörte von ihr eine recht präzise Formulierung, die die gesamte damalige Atmosphäre widerspiegelte: „Du musst sie verstehen. Sie sind Ukrainer.“ Angst. Angst, die im Osten und Süden der Ukraine schon herrschte. Angst davor, dass, wenn du dich als Ukrainer positionierst, dir Türen verschlossen werden; dass man dich eines Verbrechens beschuldigen kann – des Verbrechens, Ukrainer zu sein. Warum sprichst du Ukrainisch? Vielleicht bist du Nationalist? 

Und ich verstand das sehr gut, denn das war die Zeit, in der Menschen allein dafür, dass sie Hebräisch unterrichteten, einfach ins Gefängnis und in Lager geschickt wurden. Ihr einziges „Verbrechen“ bestand darin, Hebräisch zu unterrichten. Man könnte meinen… Aber das ist eine nationalistische Sprache, die Sprache des Zionismus. Man darf Menschen nicht in einer solchen Sprache unterrichten. Nun, höchstens an der KGB-Akademie, irgendwo im Andropow-Institut. Dort ist alles erlaubt, aber ihnen, nicht uns. Übrigens, Ukrainisch hat man dort bis heute nicht zu lehren begonnen, was auch zeigt, wie man zum Ukrainischen steht.

Und dieses Verständnis dessen, was im Osten geschieht, ist bis heute bei mir. Ich war schockiert, als ich zum pädagogischen Praktikum in die Schule kam und sah, dass den Kindern dort ukrainische Literatur auf Russisch unterrichtet wurde. In Kyiv gab es das nicht. Sie wissen das sehr gut. So etwas konnte es nicht geben. Unsere Stunden in ukrainischer Literatur – ob in ukrainischen oder russischen Schulen – waren das Zentrum des Ukrainischen. Keiner von uns zweifelte daran, dass die ukrainische Sprache und Literatur die wichtigsten Fächer unserer Ausbildung waren. Auf diejenigen, die sich vom Unterricht in ukrainischer Sprache und Literatur befreien ließen, wenn das möglich war, schaute man mit Verwunderung – wie auf Fremde oder wie auf Kranke. Nun ja, der Mensch kann nicht zum Sportunterricht gehen und kann auch keine ukrainische Sprache lernen. Was will man machen? Aber dort war es nicht so. Und das muss man verstehen.

Und das hatte später Auswirkungen auf die gesamte politische Geschichte der Ukraine in der Zeit der Unabhängigkeit. Und ein weiteres Problem, das uns immer begleiten wird, wenn wir an Vasyl Stus denken, ist dieses unglaubliche Gefühl der Ungerechtigkeit – nicht nur der Ungerechtigkeit, ich würde sagen, der „unzeitigen“ Ungerechtigkeit. 

Wir verstehen sehr gut, wie viel Ungerechtigkeit gegen Vertreter der ukrainischen (und nicht nur ukrainischen) Kultur in der Sowjetzeit verübt wurde, als alles und jeder vernichtet wurde. Wir können uns die Statistik dessen kaum vorstellen. Wenn wir von der Statistik der 1930er-Jahre sprechen, erinnern wir uns natürlich sofort an den Holodomor, an Millionen von Opfern. Wir erinnern uns an die Repressionen im Parteiapparat, denn hier wurden drei oder vier Zusammensetzungen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Bolschewiki der Ukraine erschossen. Und das war typisch für die gesamte Sowjetunion, denn, soweit ich mich erinnere, waren am Ende der aktiven Phase der stalinistischen Repressionen im Zentralkomitee der KPdSU (VKP(b)) gerade einmal 25 lebende Mitglieder übrig. Stellen Sie sich das vor: 25 lebende Mitglieder von Hunderten, die auf dem Parteitag gewählt worden waren – und alle anderen wurden erschossen. Das war bei uns schlicht der Standard.

Aber wir denken so, um die stalinistischen Repressionen als solche zu illustrieren. Und können Sie sich vorstellen, dass wir praktisch die gesamte Akademie der Wissenschaften verloren haben? Die Mehrheit der Wissenschaftler wurde praktisch vernichtet. Wir haben den damaligen Schriftstellerverband verloren. Die Mehrheit der Schriftsteller wurde vernichtet oder in Lager geschickt. Praktisch die gesamte ukrainische Intelligenz, die nach der bolschewistischen Okkupation der Ukraine noch zu überleben vermocht hatte, wurde in den 1930er-Jahren ausgelöscht.

Und darum, wenn wir fragen: „Warum waren Pawlo Titschyna oder Baschan oder Rylskyj so verängstigt?“ – wären Sie nicht verängstigt, wenn Sie in einem leeren Haus lebten, in dem alle Wohnungen von ihren eigentlichen Bewohnern verlassen wurden, weil sie entweder erschossen oder in den Gulag geschickt wurden? Und wenn Sie in ein anderes Haus gingen – das Haus der Wissenschaftler, das Haus der Künstler, das Haus der Komponisten – und dort war es genauso? Da kann man sich so erschrecken, dass man nie wieder zu einem normalen psychischen Zustand zurückfindet. Und dass diese Menschen im Alter noch reale, starke Gedichte schreiben oder Symphonien und Gemälde schaffen konnten, ist an sich eine Lebensleistung, dass sie nicht einfach den Verstand verloren haben angesichts all dessen. So paradox das heute klingen mag, aber das wäre zumindest verständlich gewesen.

Stus aber starb im Lager in einer Zeit, als bereits Veränderungen begannen. Aus Sicht unserer Logik hätte niemand mehr sterben dürfen. Darum sind gerade die letzten Opfer des kommunistischen Terrors, ich würde sagen des chauvinistischen Terrors gegen die ukrainische Nation, so erschütternd. Denn wenn wir darüber nachdenken: Wie konnte es passieren? Noch ein Jahr, und Vasyl Stus wäre unter uns gewesen, wäre nicht posthum, sondern zu Lebzeiten Schewtschenko-Preisträger gewesen, hätte im Präsidium des Kongresses der Volksbewegung (Ruch) gesessen. Wie konnte es geschehen, dass er so „unzeitig“ starb? Was für eine Ungerechtigkeit.

Wissen Sie, ich traf Vjatscheslaw Tschornowil und Mychajlo Horyn buchstäblich ein paar Tage nach ihrer Entlassung aus der Kolonie, aus der Haft, um ein Interview mit ihnen zu führen. Und denken Sie nicht, dass das für ein ukrainisches Medium war – nein, für ein Moskauer. Dort konnte man das damals drucken. Hier nicht. Hier waren sie trotz ihrer Freilassung verbotene Personen. Und als ich zu Besuch zu einem der ukrainischen Dissidenten, Herrn Horbal, kam, bei dem Tschornowil und Horyn damals untergekommen waren, sagte Tschornowil zu mir: „Vitaly, wie seltsam. Weißt du, wir saßen in der Kolonie, im Lager, und hatten die ‚Molod Ukrajiny‘ (‚Jugend der Ukraine‘) abonniert. Und in dieser ‚Molod Ukrajiny‘ lasen wir dein Interview mit Akademiemitglied Andrej Sacharow. Und wir konnten nicht begreifen, dass eine Komsomolzeitung ein Interview mit Akademiemitglied Sacharow druckt, während wir in Haft sitzen. Von diesem Moment an wollte ich dich unbedingt sehen und fragen: Wie hast du das überhaupt drucken können?“

Ich habe es einfach drucken können. Als ich das Interview mit Akademiemitglied Andrej Sacharow führte – ich absolvierte damals als Student ein Praktikum in der Redaktion der Zeitung „Prawda“, in der Jugendsprechstunde – habe ich etwas gestohlen. Ich mache das oft, also wundern Sie sich nicht. Ich habe Briefpapier der „Prawda“ gestohlen. Briefpapier der „Prawda“. Auf jedem Blatt stand: Zeitung „Prawda“, Organ des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, und viele, viele Orden. Ich stahl fünf, sechs oder sieben solcher Seiten, ich weiß nicht mehr genau, so viel ich halt nehmen konnte. Dann setzte ich mich an die Schreibmaschine und tippte auf jede Seite das Interview mit Akademiemitglied Andrej Sacharow. Und in dieser Form gab ich es der Redaktion der „Molod Ukrajiny“. Und als sie das sahen, brachten sie es der Zensur und sagten: „Hier ist der Text.“ Der Zensor schaute es an. Und heute kann ich lachen, wenn ich daran denke, aber verstehen Sie, was für eine Zitterpartie das war? Niemals zuvor war in einer Zeitung, die Organ des Zentralkomitees des Komsomol war, ein Interview mit einem Dissidenten gedruckt worden. Und ich dachte mir, wenn ich es auf diese Weise einreiche, gelingt es vielleicht, etwas durchzusetzen.

Ähnlich war es bei mir mit der „Prawda“ und dem Kobzaren-Kongress. Sie wissen, dass hier ein Kobzaren-Kongress stattgefunden hat, den das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Ukraine selbstverständlich verbieten wollte. Man hatte mir erzählt, dass er verboten werden sollte. Ich schrieb einen Artikel über diesen Kobzaren-Kongress, so eine kleine Notiz. Und bevor die „Prawda“ in den Druck ging und die gesamte Zensur schon durch war, aber irgendwo noch kleine Leerstellen blieben, die man in der Regel mit völlig belanglosen Meldungen füllte, lief ich zum verantwortlichen Redakteur dieser Zeitung und sagte: „Ich habe hier ein kleines Stückchen über ein paar Leute, die Liederchen singen.“ Nun, er war aus Tambow. „Liederchen?“ – „Ja, ich bin ein kleiner Junge, ich möchte endlich mal gedruckt werden. Die drucken mich so selten in der ‚Prawda‘“, und ich schaute ihn mit den Augen eines beleidigten Kätzchens an. Nun gut, er bekam Mitleid mit diesem armen Jungen, den niemand liebt und niemand druckt, und druckte meinen Artikel über den Kobzaren-Kongress. Und diese „Prawda“ landete auf dem Schreibtisch von Volodymyr Vassyljowytsch Schtscherbyzkyj. Er sagte: „‚Palast Ukraina‘, los.“ Was ist das? Wie kann das sein? „Es steht doch in der ‚Prawda‘, dass das eine wichtige Sache ist. Wir müssen doch mit der Partei sein und nicht gegen die Partei. Wie kann man gegen die Partei sein?“

Aber warum erzähle ich das alles? Denn fast zur selben Zeit, ein oder zwei Jahre früher, kämpfte Vasyl Stus in einem Straflager bereits mit dem Tod. Er starb praktisch. Man quälte ihn. Wir haben keine Video- und Fotobelege darüber, wie dieses System mit solchen Menschen abgerechnet hat. Aber ich sage Ihnen: Ich hätte in dieser Ausstellung die Fotografie der Zelle veröffentlicht, in der Alexej Nawalnyj gestorben ist. Wenn Sie dieses Foto gesehen haben, auf dem Blut und Erbrochenes zu sehen sind – man konnte die Zelle unmittelbar nach seinem Tod fotografieren. Ein unglaubliches Zeugnis. Einfach ein Zeugnis dieses Systems. Endlich haben wir gesehen, wie das aussieht. Es geht nicht um die Menschen, verstehen Sie, nicht darum, Menschen miteinander zu vergleichen. Menschen können verschieden sein, ihre politischen Ansichten können verschieden sein, aber die Haltung des Systems ist immer dieselbe: im Folterprozess töten, sich an den Qualen ergötzen.

Und da stellt sich immer die Frage: Worin hatte sich ein ukrainischer Dichter vor der russischen – kommunistischen, aber russischen – Macht „verschuldet“, dass man ihn so gequält hat? Was hat er denn im Prinzip getan oder gesagt? Nun, Nawalnyj hat gesagt, Putin sei ein Korruptionär und besitze Paläste, die er gestohlen habe. Und was hat Stus gesagt? Dass die Ukrainer das Recht haben, auf ihrem eigenen Land Ukrainer zu sein? Dass sie auf ihrem eigenen Land Ukrainisch sprechen dürfen? Dass sie ihre Gedanken auf ihrem eigenen Land in ihrer Sprache äußern dürfen? Das schien doch nicht einmal der offiziellen Ideologie zu widersprechen. Es war doch die Ukrainische SSR. Und die Ukrainische SSR war Mitglied der Vereinten Nationen, sozusagen ein souveräner Staat.

In dieser Behandlung von Stus zeigte sich das ganze Wesen, die ganze Verachtung für das Ukrainische und die Ukrainer dieser menschenverachtenden Ordnung. Und, wie Sie sehen, setzt sich das fort und fort, prolongiert sich und prolongiert sich. Wir sprechen heute miteinander zu einer Zeit, in der Ukrainer weiterhin sterben, gerade weil sie Ukrainer sind. Welches andere Motiv gibt es für den Angriff Russlands auf unseren Staat? Wirklich, welches Motiv? Wie soll man das erklären? Weil wir der NATO beitreten wollen? Ich erinnere Sie daran, dass die Krim annektiert wurde, als wir offiziell ein blockfreier Staat waren. Bedrohen wir die Existenz Russlands, der ersten Nuklearmacht der modernen Welt, deren Arsenal größer ist als das der Vereinigten Staaten? Worin haben sich die Ukrainer vor den Russen „verschuldet“, dass die russische Macht uns tötet und die russische Gesellschaft dem keine Beachtung schenkt? Nur darin, dass wir nicht so sein wollen wie sie, nicht das sein wollen, was sie sind. Und das ist die unglaublichste Dimension der Ungerechtigkeit.

Und für mich ist es gerade dies, was zeigt: Wenn wir wollen, dass solche Ausstellungen in hellen Räumen stattfinden, ohne Raketen, ohne Gewalt, und dass man auf diesen Ausstellungen weiterhin Ukrainisch spricht, dann müssen wir in diesem Krieg standhalten. Wir haben, zu unserem großen Bedauern, keine Wahl. Ich verstehe, dass das sehr schwer ist. Ich verstehe, dass es leicht ist, darüber zu sprechen, und schwerer zu handeln als zu reden. Zumal, wenn wir uns bewusst machen, unter welchen Umständen sich die Menschen befinden, die für die Ukraine kämpfen: unter Beschuss, im Winter, in den Schützengraben. Schon im sechsten Jahr, und viele im elften. Aber wir verstehen doch, dass Vasyl Stus bei diesen Menschen und auf ihrer Seite wäre. Letztlich kämpfen sie dafür, dass man ihn nicht vergisst, dass man diese Opferbereitschaft nicht vergisst.

Als ich als Kind Gedichte von Stus auf den Wellen des Ukrainischen Dienstes von Radio Liberty oder der Voice of America hörte oder die nicht verbotenen ukrainischen Schriftsteller und Dichter las und darüber nachdachte, dass ich unbedingt auf Ukrainisch arbeiten müsse, war mir bewusst, dass die Mehrheit der Menschen in meinem eigenen Land mich nicht versteht und mich noch eine ganze Weile nicht verstehen wird. Ich wusste das. Ich erinnere mich, wie wir im Studentenwohnheim der Universität Dnipropetrowsk eine Sendung sahen, die vor der damals populären Jugendserie „Die Besucherin aus der Zukunft“ lief. Übrigens, die Zukunft ist schon eingetreten. So, wie sie dort im Grunde vorhergesagt wurde. Aber diese Sendung war eine Perestroika-Sendung, in der man den Menschen verschiedene scharfe Fragen stellte. Und Reporter gingen auf Menschen in verschiedenen Unionsrepubliken zu und fragten: „Was halten Sie für Ihre Heimat?“ Und alle „normalen“ Menschen antworteten: „Die Sowjetunion.“ Und nur ein Mädchen in Tiflis sagte: „Georgien.“ Und das zeigte man, weil es Perestroika war. Sie war die einzige, die Einzige in der ganzen Sendung. Und all meine Altersgenossen begannen, über sie zu lachen, mit dem Finger auf den Bildschirm zu zeigen und zu sagen: „Was für eine Idiotin sie sei, dass sie nicht einmal imstande sei, ihre Heimat richtig zu benennen. Jeder normale Mensch verstehe doch, dass das die Sowjetunion sei“ – Studenten der Physik, der Biologie, der Philologie.

Und ich saß da und schaute sie an – sie sind Ukrainer. Für sie ist die Heimat die Sowjetunion. Und ich bin Jude. Für mich ist die Heimat nicht die Sowjetunion, sondern die Ukraine. Wie seltsam. Was soll ich tun, wenn ich weiterhin auf Ukrainisch schreiben und sprechen werde, dann werde ich zur Minderheit gehören. Aber andererseits – ich bin Jude, warum sollte ich zur Mehrheit gehören? Aber ich habe eine Chance. Ich hoffe, eines Tages mit eigenen Augen zu sehen, wie aus der Minderheit eine Mehrheit wird – so wie es die Gründerväter Israels gesehen haben, die nicht einmal davon träumen konnten. Und so kann ich etwas Kleines tun, damit das Opfer von Vasyl Stus, sein furchtbarer, ungerechter und grausamer Tod nicht vergeblich war. Und wenn jeder von uns darüber nachdenkt, dass es unsere gemeinsame Aufgabe ist, dass die Ukrainer, die sich als Ukrainer fühlen, zur Mehrheit auf ihrem eigenen Land werden – dann wird das bedeuten, dass Vasyl Stus gesiegt hat. Dann wird das bedeuten, dass es uns gelungen ist, seinen hellsten Traum zu verwirklichen.

Es ist natürlich bitter, dass wir uns diesem Traum durch solche Dornen nähern, durch solche Opfer, durch so viel Blut. Aber das ist nicht das erste Mal in der ukrainischen Geschichte. Und wir haben immer noch die Chance, dass wir uns annähern, ankommen – und niemand die Ukrainer je wieder zwingen wird, zu denen zu werden, die sie nicht sind.

Wir haben noch Zeit für einige Fragen, falls es welche gibt.

Zuschauer. Bitte, Herr Vitaly, vielen Dank für Ihre Vorlesung, dafür, dass Sie die Zeit und Möglichkeit gefunden haben, sich mit uns zu treffen und sowohl Ihre eigene Erfahrung als auch die Erfahrung der Reflexion über das Ukrainertum in der Ukraine mit uns zu teilen. Meine Frage betrifft Ihren Fall mit den Dissidenten. Vielleicht gibt es etwas – sagen wir, aus der Erinnerung – an Ratschlägen, irgendetwas, das Wichtigste, was sie damals im Rahmen dieses Interviews mit Ihnen teilen wollten.

Portnikov. Wissen Sie, ich glaube nicht, dass es in diesem Interview etwas besonders Außergewöhnliches gab, das ich als Inhalt so in Erinnerung behalten hätte. Für mich war wichtig, dass ich überhaupt mit diesen Menschen nicht im Gefängnis spreche. Dass wir über die Ukraine sprechen konnten, über ihre Zukunft, darüber, was zu tun sei. So seltsam es klingt – damals habe eher ich ihnen erzählt als sie mir, weil ich zu den Volksfront-Kongressen im Baltikum gefahren bin, mich mit Aktivisten der Volksfronten von Litauen, Lettland, Estland traf. In Litauen war das Sajūdis (die Bewegung). Genau darüber haben wir mit Vjatscheslaw Maksymowytsch gesprochen. Es begann damals schon. Selbst vor diesen Kongressen besuchte ich ständig die baltischen Länder. Ich wollte den Mechanismus schildern, wie man das überhaupt macht und wie wir in der Ukraine eine Organisation, eine Bewegung schaffen können, die um die Unabhängigkeit kämpft. Darüber sprachen wir. Ich bin mir nicht sicher, dass das im Interview selbst gelandet ist, aber das war damals ein sehr wichtiger Moment für mich.

Übrigens war das für mich auch ein sehr wichtiger Moment des Gesprächs sowohl mit  Vjatscheslaw Tschornowil als auch mit Leonid Krawtschuk. Ich traf Leonid Krawtschuk ungefähr in derselben Zeit. Leonid Krawtschuk war damals Kandidat für das Politbüro und Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei der Ukraine. Das war bereits nach dem Gründungskongress der Volksbewegung. Ich fasse all diese Jahre in meinem Verständnis als etwas Einheitliches zusammen, so wie sich die Ereignisse entwickelten. Und wie Sie sich erinnern, polemisierte Leonid Krawtschuk mit den Führern der Bewegung. Er ging ins Fernsehen, er war der wichtigste Parteipolemiker, aber er erschien wie ein Reformkommunist. Und wieder bestellte man in Moskau bei mir ein Interview mit Krawtschuk als diesem ungewöhnlichen ukrainischen kommunistischen Funktionär, weil alle anderen zu gewöhnlich waren, um es milde zu sagen.

Als ich also zu Leonid Makarytsch kam – das Interview richtete sich an ausländische Journalisten –, sprachen wir während des Interviews Russisch. Es war schließlich das Zentralkomitee der Partei, offensichtlich, welche Sprache man dort sprach. Und am Ende des Interviews fragte ich ihn, wie er zur Entscheidung des Ersten Sekretärs des ZK der Kommunistischen Partei Litauens, Algirdas Brazauskas, stehe, der beschlossen hatte, dass die Kommunistische Partei Litauens aus den Reihen der KPdSU austritt. Leonid Makarytsch sah mich an und fragte: „Ist das für Ausländer?“– „Für Ausländer“, sagte ich. „Das ist die einzig richtige Position, die das Ansehen der Partei rettet“, sagte Leonid Makarytsch.

„Ich denke“, sagte ich auf Ukrainisch, „wir werden miteinander zurechtkommen.“ – „Zweifeln Sie nicht daran“, sagte Leonid Makarytsch. Wir standen auf, gaben einander die Hand und verabschiedeten uns völlig anders, als wir uns begrüßt hatten. Ich verstand alles, er verstand alles.

Und das war der Moment, in dem ich begriff, dass alles schnurstracks auf die Unabhängigkeit zuläuft. Denn als ich nicht Tschornowil oder Dratsch oder Pawlytschko sah, die eine unabhängige Ukraine wollten, sondern einen Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei der Ukraine, der genau wusste, was geschieht, verstand ich, dass nichts mehr das Ereignis aufhalten kann, das eintreten musste.

Im Allgemeinen muss ich Ihnen sagen, dass ich sehr viele Erinnerungen an Menschen habe, die damals diese völlig andere Vision formten und das Recht auf eine Ukraine genau durch ihre Lebenserfahrung und ihre Lebensopferbereitschaft bewiesen. Und dass ich mit allen von ihnen sprechen konnte – mit Tschornowil, mit Horyn. 

Ich erinnere mich für immer daran, wie Horyn während der Menschenkette der Solidarität, erinnern Sie sich, die wir damals durch die ganze Ukraine gebildet haben, auf mich zulief und mir mit kindlicher Begeisterung zurief: „Es hat geklappt, es hat geklappt!“ 

Mit Lewko Lukjanenko und Stepan Chmara. Das waren, ich sage es Ihnen gleich, sehr schwierige Menschen. Zu sagen, es sei leicht gewesen, mit Lukjanenko und erst recht mit Chmara zu sprechen, hieße die Wahrheit sehr stark zu verbiegen. Man wusste immer: Heute hast du gute Beziehungen, und morgen machst du einen Schritt, der ihnen falsch erscheint – und sie werden dir alles sagen und alles über dich schreiben. Aber ich erinnerte stets daran, dass diese Menschen sich das Recht auf eine solche Haltung zur Realität dadurch verdient hatten, dass sie keine Angst vor Herausforderungen hatten. Und davon gab es nicht wenige.

Und wissen Sie, was ich mir fürs ganze Leben gemerkt habe? Und das hängt wiederum mit Akademiemitglied Sacharow zusammen. Ich habe mir eine Episode gemerkt, als ein Volksdeputierter der UdSSR aus der Ukraine, Anatolij Kutsenko, so hieß er, in den Sitzungssaal des Obersten Sowjets der Ukrainischen SSR mit einem blau-gelben Abzeichen am Revers kommen wollte. Damals ein blau-gelbes Abzeichen zu tragen, war etwas völlig Unglaubliches. Ich erinnere mich, wie ich vom Gründungskongress der Volksbewegung in der Straßenbahn mit diesem blau-gelben Abzeichen fuhr und alle Fahrgäste mich so ansahen, als wäre ich nackt.

Nie in meinem Leben hatte ich gegen mich gerichtete Blicke so erlebt, nur noch einmal – in Hebron, als ich dort in der Hauptstraße Kaffee trank. Nun ja, es ist klar: Ein Jude in der Hauptstraße von Hebron löst solche Emotionen aus. Aber ein Mensch mit einem ukrainischen Abzeichen in Kyiv dürfte solche Gefühle nicht auslösen. Aber so war es. Und die Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets der Ukrainischen SSR, Valentyna Schewtschenko, warf Kutsenko aus dem Sitzungssaal, was gegen die damalige Gesetzgebung verstieß. Man durfte keinen Volksdeputierten der UdSSR aus dem Sitzungssaal des Obersten Sowjets einer Unionsrepublik verweisen. Auf keinen Fall. Niemand hatte das Recht dazu. Aber sie warf ihn hinaus, weil sie den „Nationalismus“ bekämpfte.

Und auf dem Kongress der Volksdeputierten der UdSSR trat Kutsenko ans Rednerpult und erzählte, dass man ihn hinausgeworfen hatte. „Diese Frau, die dort bei Ihnen im Präsidium sitzt, hat mich aus dem Sitzungssaal des Obersten Sowjets der Ukraine hinausgeworfen. Und ich bin Volksdeputierter der UdSSR aus der Ukraine.“ Und Schewtschenko stand auf und sagte: „Nun ja, ich habe ihn hinausgeworfen, das ist doch ein Bandera-Abzeichen, ein faschistisches.“ Nun, vielleicht hat sie es nicht genau so gesagt. Ich will jetzt nichts über das stenografische Protokoll behaupten.

Und ans Rednerpult eilte der Volksdeputierte der UdSSR aus der Ukraine Rostyslaw Bratun, ein bekannter ukrainischer Dichter. Er verteidigte dieses Abzeichen. Und dieses Recht. „Die blau-gelbe Fahne ist die Fahne unserer Freiheit“, sagte Bratun. Und hier sah ich, wie Akademiemitglied Sacharow aufstand – als Einziger im ganzen Saal – und Bratun applaudierte. Einzig er stand und applaudierte. Und das war ein Anblick, denn alle ukrainischen Abgeordneten saßen. Sie hatten Angst. Und ich dachte: „Was für ein Mensch! Im Prinzip ist das nicht seine Fahne.“ Und er würdigte einfach diese Opferbereitschaft von Bratun und seine Bereitschaft, sich auf die Schießscharte zu werfen.

Und diese Geschichte hatte eine Fortsetzung. Nach einiger Zeit starb Akademiemitglied Sacharow. Nach relativ kurzer Zeit. Man hetzte ihn die ganze Zeit auf diesem Kongress. Sein Herz machte das irgendwann einfach nicht mehr mit. Und ich hatte kurz vor seinem Tod, ein paar Stunden vor seinem Tod, noch mit ihm gesprochen. Ich nahm sein letztes Interview auf. Interessant ist, dass dieses Interview von allen großen Weltmedien gedruckt wurde. CNN nahm es, und es lief auf Band bei CNN. Amerikanische Zeitungen. Alle Zeitungen der Unionsrepubliken nahmen es, außer meiner Heimatzeitung „Molod Ukrajiny“, wo man Angst hatte, so etwas zu drucken. Das letzte Interview von Akademiemitglied Sacharow.

Und dann ging ich zu Valentyna Schewtschenko und sagte zu ihr: „Valentyna Semeniwna, Sie schulden mir etwas. Erinnern Sie sich, wie Sie über die blau-gelbe Fahne schrien und wie Akademiemitglied Sacharow, gegen den man auf diesem Kongress hetzte, applaudierte? Und jetzt ist er tot. Ich habe sein letztes Interview, und alle haben Angst, dieses Interview zu drucken. Geben Sie mir bitte ein Interview – über irgendetwas. Sie sind die Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets der Ukrainischen SSR, und meinen Text kann man nicht einfach nicht bringen.“

Und Valentyna Semeniwna sah mich an und sagte: „Na gut.“ Da verstand ich, dass sie nicht die Person ist, für die sie sich ausgibt. Das waren für mich Entdeckungen – dass in diesen Menschen innerlich etwas anderes war. Sie spielten ihre Rollen, aber sie waren dennoch Ukrainer, also konnte man so mit ihnen reden.

Und das ist ebenfalls – kein „Lehrstück“ über Dissidenten, sondern ein Lehrstück darüber, dass alle alles wussten. Verstehen Sie, unsere Vorstellung, die einen glauben, dass dies die Wahrheit ist, und andere glauben, die Wahrheit sei etwas anderes – das stimmt nicht. Alle wissen, wo die Wahrheit liegt. Nur leben manche nach der Wahrheit, andere nicht. Aber die Vorstellung von der Wahrheit ist bei allen dieselbe. Das wollte ich mit dieser ganzen Geschichte sagen.

Zuschauer. Die Frage wird kurz sein, aber zuerst möchte ich sagen: 

Kraft schenken die Menschen, denen es nicht gleich ist,
wie einst das Bild unsrer Zukunft gezeichnet sein wird.
Sie tragen die Träume, die Würde, den Geist,
der frei ist und Hoffnung in dunkle Zeit gießt.

Ihr Beispiel, ihr Handeln verändert die Zeiten, die Welt,
ihr Wirken lässt Morgen aus Mut neu entstehen.
So wünschen wir Ihnen – von Herzen, von uns, von der Familie –
noch viele glückliche, lichtvolle Jahre zu gehen.

Portnikov. Danke. Setzen wir an dieser Stelle einen Punkt hinter unsere Begegnung.

Zuschauer. Die Frage ist ganz kurz.

Portnikov. Aber es war doch schön. Dramaturgisch. Das war ein schöner Schlusspunkt.

Zuschauer. Eine kurze Frage. Sie haben in einem Interview gesagt, dass Sie irgendwann einmal über das schreiben werden, was Ende der 1980er-Jahre geschehen ist. Und sagen Sie bitte: Ist diese Zeit schon gekommen oder noch nicht?

Portnikov. Natürlich ist sie nicht gekommen. Wie stellen Sie sich einen Journalisten vor, der während eines Krieges Memoiren schreibt? Das ist doch etwas völlig Bizarreres. Über die Vergangenheit schreiben, wenn vor dir die Zukunft liegt. Es kann durchaus sein, dass ich niemals schreiben werde. Wissen Sie, warum? Weil die Menschen beginnen, Memoiren zu schreiben, wenn sie glauben, dass es Zeit ist, Bilanz zu ziehen. Und ich gehöre zu den Menschen, die grundsätzlich niemals Bilanz ziehen. Ich habe vor, immer weiterzugehen, später wird man ein Modell der künstlichen Intelligenz schaffen und sie wird auch ohne mich weitergehen können. Und vielleicht schreibt sie dann die Memoiren.


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Art der Quelle: Vorlesung
Titel des Originals: Як зберегти Україну | Віталій Портников @LookThatIsTheArtist. 06.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 06.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Warum wir trotzdem weiterkämpfen. Vitaly Belkin. 04.12.2025.

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Putin hat erneut offen erklärt, dass es keinen Frieden geben wird. Und wisst ihr was… ich glaube ihm.

Denn dieser Krieg hat nichts mit Logik zu tun.

Nicht mit Abmachungen.

Nicht mit Diplomatie.

Es geht darum, dass man uns auslöschen will – und wir uns stur weigern. Und hier sage ich ehrlich, wie es ist, ohne schöne Parolen und süße Versprechungen:

Ich bin mir nicht sicher, dass wir siegen werden. Nein.

Nicht, weil wir schwach wären – wir sind stärker, als sich irgendjemand vorstellen kann.

Sondern weil dieser Krieg so tief, so zerbrochen und so ungleich ist, dass manchmal selbst der Glaube Risse bekommt.

Aber eines weiß ich ganz точно: Aufgeben dürfen wir nicht.

Nicht, weil wir Helden sind.

Sondern weil es uns einfach nicht mehr geben wird, wenn wir aufgeben.

Die größte Tapferkeit ist nicht, vorwärtszugehen, wenn du dir des Sieges sicher bist. Das ist leicht.

Die größte Tapferkeit ist, weiterzukämpfen, wenn du weißt, dass du verlieren kannst, dass die Chancen minimal sind, dass jeder nächste Schritt der letzte sein kann – und trotzdem weiterzugehen.

Denn wenn du stehenbleibst, werden wir verschwinden.

Einfach nicht mehr da sein.

Keine Sprache.

Kein Zuhause.

Keine Kinder.

Keine Zukunft.

Während irgendwo im Hinterland „Experten“ jene belehren, die sich erst auf den Krieg vorbereiten.

Während einige wegen Strom, Wasser, Müll, Nebenkosten demonstrieren, schauen wir darauf und sagen uns selbst, dass wir andere Maßstäbe für Tragödien haben.

Die Infanterie bewegt sich derweil weiter – eine Bewegung, die niemand sieht.

Sie geht.

Stirbt.

Geht wieder.

Ohne Kameras.

Ohne Pathos.

Ohne Garantie, zurückzukehren.

Ihr werdet uns niemals verstehen.

Und ihr seid nicht schuld – einfach, weil eure und unsere Welt nach unterschiedlichen physikalischen Gesetzen funktionieren.

Unsere ist dort, wo ein gepanzertes Fahrzeug mit einem „Zweihundertsten“ oben drauf vorbeifährt…

und anhält, um zu fragen, ob man dich mitnehmen soll.

Und du nickst einfach, kletterst auf die Panzerung und setzt dich neben den leblosen Körper.

Weil das die Norm ist.

Unsere Norm.

Und wenn der Diktator sagt, dass es keinen Frieden geben wird, schweigen wir.

Nicht, weil wir Angst haben.

Sondern weil wir das längst verstanden haben.

Der Frieden wird uns nicht geschenkt.

Der Frieden wird nicht einfach unterschrieben.

Der Frieden wird nicht von selbst kommen.

Man wird ihn sich herausbeißen müssen.

Schritt für Schritt.

Mit Blut.

Mit Verlusten.

Mit einem Schmerz, den man nicht in Worte fassen kann.

Und selbst wenn in mir Zweifel leben – ich werde trotzdem gehen.

Ich werde trotzdem kämpfen.

Ich werde trotzdem standhalten.

Denn stark sind nicht jene, die sich des Sieges sicher sind.

Stark sind jene, die weiterkämpfen, selbst wenn sie sich des Ausgangs nicht sicher sind.

Es wird keinen Frieden geben? Gut.

Dann werden wir kämpfen, bis er kommt – oder bis es uns nicht mehr gibt.

Und solange wir stehen, haben wir nicht verloren.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Vitaly Belkin
Veröffentlichung / Entstehung: 04.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Die USA könnten die Ukraine verraten | Vitaly Portnikov. 04.12.2025.

Das deutsche Magazin Der Spiegel machte seine Leser mit den Details eines vertraulichen Telefongesprächs zwischen europäischen Staats- und Regierungschefs und Präsident Volodymyr Zelensky bekannt.

Ich würde nicht sagen, dass dieses Gespräch, dessen Inhalt wir nun kennen, eine große Sensation ist, denn es ist genau das, was jeder Beobachter vermuten konnte, der verfolgt, was derzeit in der amerikanischen und europäischen Politik sowie in den Beziehungen zwischen den Ländern der Europäischen Union, Großbritannien und den Vereinigten Staaten – konkret der Administration Donald Trumps – geschieht.

Wie wir sehen, versuchen die europäischen Staats- und Regierungschefs trotz allem, gute Beziehungen zu dieser Administration aufrechtzuerhalten, keinen Streit mit Donald Trump zu provozieren und alles zu tun, um die euroatlantische Solidarität zu bewahren. Gleichzeitig sind sie sich jedoch sehr bewusst über die Inadäquatheit der Menschen, die Anfang 2025 in den Vereinigten Staaten an die Macht gekommen sind, sowie über die Möglichkeit, dass diese Administration sogar in der Lage sein könnte, die Ukraine in unserem Kampf gegen die russische Aggression zu verraten.

Darüber spricht insbesondere der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, der betont, dass die Vereinigten Staaten die Ukraine ohne Sicherheitsgarantien zurücklassen, sie jedoch zu territorialen Zugeständnissen zwingen könnten. Welche konkreten Sicherheitsgarantien seitens der Vereinigten Staaten dabei gemeint sind, präzisiert Friedrich Merz allerdings nicht.

Und genau darin liegt auch ein großes Problem der europäischen und der Weltpolitik. Wir diskutieren Kategorien, denen wir keinen konkreten realistischen Inhalt geben können, und werfen dann unseren Gegnern vor, dass sie nicht bereit seien, solche Kategorien zu akzeptieren.

Denn nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch die Länder der Europäischen Union – insbesondere das nukleare Frankreich – oder die NATO-Staaten, darunter das nukleare Großbritannien, wären durchaus in der Lage, der Ukraine wirksame Sicherheitsgarantien zu geben. Doch die Europäer erwarten diese Sicherheitsgarantien weiterhin gerade von den Vereinigten Staaten und sind unzufrieden damit, dass die Trump-Administration zu solchen Garantien nicht bereit ist.

Ein weiterer offensichtlicher Punkt, der in diesem Gespräch zum Vorschein kommt, ist die Ablehnung der von Donald Trump ausgewählten Vermittler für die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges durch die europäischen Staats- und Regierungschefs. Der finnische Präsident Alexander Stubb, der als einer der Trump am nächsten stehenden europäischen Politiker gilt, der sich regelmäßig mit dem amerikanischen Präsidenten trifft und sogar mit ihm Golf spielt, betont, dass man den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky nicht allein mit Steve Witkoff und Jared Kushner lassen dürfe.

Denn in Europa verstehen alle sehr genau den politischen Stil dieser beiden Geschäftemacher, die vor allem nicht durch politische Kompetenz bekannt sind, sondern durch ihre engen Beziehungen zum amerikanischen Präsidenten Donald Trump und durch die Suche nicht nach politischen, sondern nach finanziellen Lösungen für nahezu jeden Konflikt. Und das betrifft übrigens nicht nur den russisch-ukrainischen Krieg. Es ist bekannt, in welchem Maße sich Kushner für Investitionen in sein eigenes Geschäft im Nahen Osten interessierte, als er einer der zentralen Akteure des fragilen Nahost-Friedensprozesses war.

So kann man festhalten, dass die europäische Unterstützung für die Ukraine weiterhin besteht. Man kann auch sagen, dass es unter den europäischen Staats- und Regierungschefs noch politische Vernunft gibt. Sie sind bereit, die Bemühungen der amerikanischen Administration realistisch einzuschätzen, sie erkennen das Risiko eines Verrats durch diese Administration und die Bereitschaft des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, hinter dem Rücken nicht nur der Ukrainer, sondern auch der Europäer mit dem russischen Machthaber Putin zu verhandeln.

Dieses Verständnis verengt zugleich Trumps Handlungsspielraum. Denn wir verstehen alle sehr gut, dass ohne die Beteiligung Europas – in dem sich unter anderem auch eingefrorene russische Vermögenswerte befinden – über irgendeine realistische Vereinbarung zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges überhaupt nicht gesprochen werden kann.

Ohne die Beteiligung Europas wird die Ukraine in den kommenden Jahren dieses Krieges realistisch nicht in der Lage sein, der russischen Aggression standzuhalten. Denn wir benötigen sowohl den Kauf amerikanischer Waffen – die Trump-Administration hat bekanntlich die direkte Hilfe für die Ukraine eingestellt und verkauft uns Waffen gegen europäisches Geld – als auch den Kauf europäischer Waffen und selbstverständlich die fortlaufende Haushaltsunterstützung für die Ukraine.

Solange unter den europäischen Staats- und Regierungschefs Einigkeit darüber besteht, dass sie der Ukraine in der nächsten Phase der erbitterten russisch-ukrainischen Konfrontation helfen müssen – selbst wenn diese Konfrontation auf Initiative Präsident Putins in den kommenden schwierigen Jahren noch verschärft wird –, kann die Ukraine auf einen wirksamen Widerstand gegen die russische Aggression hoffen und darauf, dass der russische Präsident Putin seine ehrgeizigen Ziele nicht erreichen wird.

Und Putin verbirgt diese Ziele nicht. Auch die Europäer verfolgen die territorialen Ambitionen des russischen Präsidenten sehr aufmerksam und verstehen, dass die vollständige Zerstörung der ukrainischen Staatlichkeit eine direkte Bedrohung für die europäische Sicherheit selbst darstellen würde. Genau aus diesem Blickwinkel unterscheiden sich die Positionen der europäischen Staats- und Regierungschefs zur Zukunft dieses langjährigen russisch-ukrainischen Krieges von den Auffassungen Präsident Trumps und seiner Mitstreiter.

Schon allein deshalb, weil dieser Krieg die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten formell nicht unmittelbar betrifft. Und wie viel ukrainisches Territorium unter russische Kontrolle gerät und wie viel unter Kontrolle der legitimen ukrainischen Regierung verbleibt, könnte tatsächlich nicht nur Jared Kushner oder Steve Witkoff gleichgültig sein, sondern auch Donald Trump selbst.

Das ist natürlich eine falsche Haltung. Wie bekannt ist, kamen Kriege auf amerikanischen Boden stets als Folge großer europäischer Auseinandersetzungen und der Bildung neuer Allianzen. Auch jetzt ist die Situation dafür geradezu ideal.

Während des Zweiten Weltkriegs versuchten die Vereinigten Staaten um jeden Preis, ihre Beteiligung am Krieg in Europa zu vermeiden – und wurden schließlich von Japan angegriffen, das ein Verbündeter des Hitlerreiches war. Heute ist der tatsächliche Verbündete der Russischen Föderation in der Auseinandersetzung der autoritären Regime mit den modernen Demokratien die Volksrepublik China. Deren Vorsitzender Xi Jinping, wie bekannt, erinnert Präsident Donald Trump bereits ziemlich deutlich an sein Interesse an Taiwan und verschlechtert zugleich die Beziehungen zu einem der wichtigsten US-Verbündeten im asiatisch-pazifischen Raum – Japan.

Ganz gleich also, wie sehr die Amerikaner versuchen, einem großen Krieg auszuweichen: Wenn es ihnen nicht gelingt, Russland zu beruhigen und Präsident Putin zum Verzicht auf seine Ambitionen zu zwingen, wird der Krieg unweigerlich auch amerikanischen Boden erreichen. Und der Name Donald Trump wird dann vor allem mit diesen schweren Prüfungen für das amerikanische Volk verbunden sein.

Doch solange wir dieses Verständnis und diese politische Vernunft weder bei Trump noch bei der überwältigenden Mehrheit seiner erstaunlichen Administration sehen, bleibt uns nur die Hoffnung auf die Vernunft der Europäer. Für sie ist die Gefahr eines russischen Revanchismus sowie die aggressiven Pläne Präsident Putins und seines engsten Umfelds geografisch heute weitaus näher als jene Bedrohung, die in den kommenden schwierigen Jahren der Konfrontation über den Vereinigten Staaten von Amerika schweben könnte. Und es ist gut, dass die Europäer bislang dennoch vernünftig bleiben.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: США можуть зрадити Україну | Віталій Портников. 04.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 04.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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