Wenn kommt der Frieden | Vitaliy Portnikov @gvlua. 31.05.24

.

Korrespondent. Hier eine Meldung, die vor kurzem in unseren Medien erschienen ist, unter Berufung auf die amerikanische Presse, einschließlich der Times und der Washington Post, wenn ich mich nicht irre, in der es heißt, dass es Anfang Juni in Italien ein G7-Treffen geben soll und dass die Vereinigten Staaten und die Ukraine ein Sicherheitsabkommen unterzeichnen werden. Ich würde gerne von Ihnen hören, um was für ein Abkommen es sich handeln könnte, was es bedeutet, denn in derselben Publikation heißt es auch, dass die Beziehungen zwischen Kiew und Washington angespannter denn je sind.

Portnikov. Wissen Sie, ich denke, wir müssen diesen ganzen Zyklus von Sicherheitsabkommen, die zwischen der Ukraine und westlichen Ländern ausgehandelt werden, als einen Zyklus von Unterstützungsabkommen betrachten. Es handelt sich dabei nicht um Sicherheitsabkommen im eigentlichen Sinne des Wortes. Wir wissen, dass es sich bei Sicherheitsabkommen um Vereinbarungen handelt, in denen sich ein Land bereit erklärt, sich im Falle eines Angriffs auf ein anderes Land an dessen Verteidigung zu beteiligen. Das ist der so genannte Artikel Fünf der NATO, und deshalb sind wir so erpicht darauf, solche Sicherheitsgarantien zu erhalten, damit die Ukraine Mitglied des Nordatlantischen Bündnisses wird. Zwischen dem NATO-Beitritt und den Abkommen, die jetzt unterzeichnet werden, könnte es eine Zwischenstation geben. Das bedeutet, dass Länder wie die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich und Frankreich, also Nuklearländer, der Ukraine unabhängige nukleare Garantien und generell Garantien für ihre Beteiligung an der Verteidigung des Landes geben, bis die Ukraine der NATO beitritt. Es bedeutet, dass es eine reduzierte Version der NATO geben wird, die unserem Land helfen wird, im Kampf gegen die russische Aggression zu überleben, sowohl in diesem Fall als auch in dem, der sich in Zukunft wiederholen könnte. Bisher sehen wir nicht, dass unsere westlichen Verbündeten bereit sind, solche Verpflichtungen zu unterzeichnen, und die Abkommen, die derzeit unterzeichnet werden, einschließlich des Abkommens, das von den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ukraine unterzeichnet werden soll, sind Unterstützungsabkommen. Es handelt sich dabei um Garantien für finanzielle Unterstützung, so dass wir nicht sechs Monate lang abwarten müssen, was der Kongress beschließt oder nicht beschließt, und dass es eine klare Vereinbarung darüber gibt, welches Geld die Ukraine im Falle einer militärischen Gefahr von den Vereinigten Staaten erhalten wird. Wie die Situation der weiteren Unterstützung während der militärischen Operationen zu betrachten ist. Aber wir können sagen, dass alle diese Unterstützungsvereinbarungen schwarz auf weiß einen einfachen Satz sagen: Und Sie werden allein kämpfen. Und das ist das Wesentliche an dieser Situation, in der sich die Ukraine befindet. Wir befinden uns einfach in einer Situation, in der wir ein Land besiegen müssen, das die vierfache Bevölkerungszahl und ich habe vergessen, wie viel größer das Territorium ist, das genutzt werden kann um militärische Ziele zu platzieren, die für ukrainische Drohnen oder andere Geräte, die russische Militäranlagen, Flugplätze oder Stützpunkte zerstören könnten, unzugänglich sind. Das ist die Realität, und mit dieser Realität können wir noch viele Jahre lang leben. Aber, wie Sie zu Recht sagen, diese Realität ändert sich. Nun haben wir gesehen, dass der Präsident der Vereinigten Staaten geneigt sein könnte, Verwendung der amerikanische Waffen auf dem russischen Territorium zuzulassen. Wir sprechen jetzt ausschließlich über die Grenzgebiete, aber das ist wichtig, denn wenn wir die Grenzgebiete treffen könnten, hätte die russische Offensive auf Charkiw einfach nicht stattgefunden, sie hätten ihre Anstrengungen nicht dort konzentrieren können. Das ist der eine Punkt, und der andere ist ziemlich ernst, und dieser Punkt ist, dass die Tatsache, dass eine solche Entscheidung der Vereinigten Staaten, noch bevor sie öffentlich gemacht wird, ein ernsthaftes Signal an andere Länder senden wird, an die Europäer, an jene Länder, die vielleicht auch darüber nachdenken, ob sie uns die Erlaubnis geben mit unseren Waffen auf dem souveränen Territorium Russlands zuzuschlagen oder nicht. Und, sagen wir, die europäischen Länder denken vielleicht schon darüber nach, den Einsatz ihrer Waffen nicht nur an den Grenzen, sondern auf dem gesamten Hoheitsgebiet der Russischen Föderation zuzulassen. Man kann eine Militäranlage, einen Flugplatz, Raketenträger, zum Beispiel Flugzeuge, zerstören, und die militärischen Fähigkeiten der Russischen Föderation, die jetzt durch alle Bemühungen sowohl der russischen als auch der chinesischen Wirtschaft energisch wiederhergestellt werden, reduzieren.

Und ein weiterer wichtiger Punkt in dieser Situation ist meines Erachtens, dass, wenn die Vereinigten Staaten aktiver werden, auch andere Länder anfangen über zusätzliche Lieferungen von Ausrüstung nachzudenken. Die Vereinigten Staaten erlauben zum Beispiel, dass ihre Ausrüstung russisches Territorium trifft, und Deutschland erlaubt, dass seine Tauros-Raketen das besetzte Gebiet der Ukraine treffen, und Schweden erlaubt der Ukraine, die Träger für Tauros zu bekommen, die wir immer noch nicht haben, obwohl wir seit Monaten darüber reden, ob der deutsche Bundeskanzler uns Tauros geben wird oder nicht. Aber selbst wenn Olav Scholz diese Entscheidung jetzt schon treffen würde, könnten wir diese Tauros nicht abschießen. Wir könnten sie einfach in ein Museum schicken. Das bedeutet, dass wir die Solidarität der Vereinigten Staaten, Schwedens und Deutschlands brauchen, um die politische und militärische Logistik des Vorgehens der Ukraine in ihrem Krieg mit Russland zu lösen.

Jeder Schritt zur Erhöhung des Einsatzes erhöht einerseits zweifellos unsere Chancen, die russische Aggression abzuschrecken, aber andererseits, und das muss man auch verstehen, erhöht er die Risiken für den Westen und bringt das näher, was auch ein ausgedehnten Krieg in Europa sein kann, ein großer Krieg, in dem europäische und russische Städte brennen werden und in dem Hunderttausende von Menschen sterben werden.

Wir müssen auch verstehen, dass durch den Krieg Russlands mit der Ukraine eine solche Situation in Europa unausweichlich werden kann und wir zur Peripherie eines großen Krieges der gegenseitigen Zerstörung werden. Jetzt versuchen die Parteien, dies zu verhindern. Wir müssen uns jedoch darüber im Klaren sein, dass dies aus Sicht des Westens nur dann hätte verhindert werden können, wenn der Krieg auf ukrainischem Gebiet geführt worden wäre. Jeder weitere Schritt mag vielen wie ein Risiko erscheinen. Und so werden wir sehen, inwieweit der Westen bereit ist, dieses Risiko einzugehen, wohl wissend, was folgen kann. Und inwieweit sind die Russen übrigens bereit, neue Risiken einzugehen. Denn auch Moskau könnte der Meinung sein, dass es statt eines großen Krieges in Europa besser wäre, den Krieg mit der Ukraine zu beenden. Dies ist auch eine Entscheidung, die Wladimir Putin und sein Gefolge möglicherweise treffen müssen, denn sie wollten einfach nur für die Wiederherstellung der Sowjetunion kämpfen, und es stellt sich heraus, dass sie sich auf eine gewaltsame Konfrontation mit Ländern einlassen müssen, deren Territorien sie jetzt nicht brauchen. Und das sind auch die Gedanken, die sie haben könnten.

Korrespondent. Aber wir haben schon oft gehört, dass Imperien nicht so einfach aufhören, und dass nichts Putin in seinen Bemühungen aufhalten kann.

Portnikov. Der Preis kann es zum aufhören bringen, wie ich Ihnen schon oft gesagt habe. Die Zerstörung seiner Ressourcen. Denn ein Vernichtungskrieg ist, wenn er in eine Richtung geht, eine Geschichte, und wenn er in beide Richtungen geht, eine andere Geschichte. Wenn man nicht genug Flugzeuge, Flugplätze oder Militärfabriken hat, dann muss man aufhören, nicht weil man es will, sondern weil man nicht mehr weitermachen kann, wissen Sie? Auch Imperien hören auf, wenn sie nicht mehr genug Ressourcen haben. Darauf müssen wir uns mit unseren Verbündeten konzentrieren, denn es gibt kein anderes Mittel um diesen Krieg in den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts zu beenden, nur die Zerstörung der Ressourcen Russlands: wirtschaftlich, militärisch und demografisch.

Korrespondent. Was meinen Sie, wie die internationale Gemeinschaft in diesem Zusammenhang die Äußerungen Putins in Taschkent, in Usbekistan aufnimmt, als er ganz konkret über kleine europäische Länder sprach, die sehr dicht besiedelt sind. Er hat nicht von Atomwaffen gesprochen, aber es ist sehr vielsagend, dass diese kleinen Länder mit einer großen Bevölkerungsdichte sehr stark leiden können.

Portnikov. Es ist eine Beeinflussung der europäischen Gesellschaft, es ist Angstmacherei. Stellen Sie sich vor, Sie leben in der Stadt Köln. Neben dieser wunderschönen Kathedrale. Und diese Stadt wurde während des Zweiten Weltkriegs fast zerstört. Sie wissen, dass von Ihrer schönen Stadt nur Dom und ein paar andere Objekte übrig geblieben sind, wenn wir über die Infrastruktur des alten Kölns sprechen, können Sie sich die Fotos aus der Vergangenheit ansehen und verstehen, was während des Zweiten Weltkriegs passiert ist. Und Sie wissen, dass der amerikanische Stützpunkt Ramstein nicht weit von Köln entfernt ist, oder? Welche Erinnerungen haben Sie in Ihrem Kopf? Das ist es, womit Putin handelt. Er bedroht die Europäer: „Sie können unsere militärischen Einrichtungen treffen. Wir haben sie irgendwo in einem großen Abstand zu bewohnten Gebieten. Wenn ihr zuschlagt, verlieren wir den Stützpunkt, und wenn wir eure Militäreinrichtung angreifen, verliert ihr die Stadt, weil ihr alles so nah habt. Selbst wenn wir nicht versuchen zivile Ziele zu zerstören, werdet ihr trotzdem sterben, einfach weil ihr Kollateralschäden bei unserer Zerstörung feindlicher Ziele der Vereinigten Staaten sein werdet, nicht einmal europäischer Ziele.“ Ich denke, wenn es einen Krieg zwischen Russland und den Vereinigten Staaten gibt, wird er höchstwahrscheinlich auf dem europäischen Kontinent stattfinden.

Korrespondent. Zur Ernsthaftigkeit der Absichten Frankreichs. Glauben Sie, die Franzosen haben bereits beschlossen, ihre Truppen in die Ukraine zu schicken? Denn heute wurde bekannt, dass Macron möglicherweise beschließt, nächste Woche Militärausbilder zu entsenden. Ja, es ist noch keine Präsenz französischer Truppen auf dem Territorium der Ukraine, aber dennoch. Die Ankündigung ist sehr ernst, und es ist schwer zu glauben oder nicht. Denn wir wollen glauben, dass unsere Partner endlich zu unseren Verbündeten werden. Ist Frankreich bereit, ein vollwertiger Verbündeter zu werden?

Portnikov. Natürlich handelt es sich bei den Ausbildern nicht um Truppen. Aber die Tatsache, dass wir davon sprechen können, dass das ukrainische Militär von ausländischen Partnern auf ukrainischem Gebiet ausgebildet wird, ändert natürlich die Situation, denn es ist eine Sache, eine bestimmte Anzahl von Leuten zur Ausbildung in westliche Länder zu schicken, und eine andere, dass Leute, die in der Lage sind, das ukrainische Militär auszubilden, auf unserem Territorium erscheinen. Was die Armee betrifft, so hat Präsident Macron klar die Bedingungen genannt, unter denen er einen Militäreinsatz in Betracht ziehen kann. Hier geht es um die Existenz des ukrainischen Staates selbst. Und so weit sind wir noch nicht, denn der Feind übt derzeit nur auf etwa 20 Prozent des ukrainischen Territoriums die operative Kontrolle aus. Wir müssen beurteilen, was eine Bedrohung für die Existenz des ukrainischen Staates darstellt. Wie hoch ist der Prozentsatz des Territoriums unter der effektiven Kontrolle des Feindes – 70, 90, 54? Nun, das ist auch eine ziemlich ernste logistische Frage, ich mache keine Scherze, es ist eine Frage der Einschätzung, die von den Führern der westlichen Länder so oder so getroffen werden wird. Und der zweite Punkt ist, dass die ukrainische Regierung ihre westlichen Verbündeten offiziell bitten sollte, Truppen in das Gebiet zu entsenden, das zum Zeitpunkt ihres Einsatzes unter der Kontrolle der rechtmäßigen ukrainischen Behörden bleiben wird, das ist alles.

Korrespondent. Unser Stammzuschauer schreibt: Wie kann Amerika darüber nachdenken, Hilfe zu schicken oder nicht? Amerika hat der Ukraine Unverletzlichkeit garantiert, als es ihr Atomraketen und strategische Flugzeuge abnahm. Wie lange kann dies toleriert werden? Das Budapester Memorandum ist kein Lappen, es ist ein internationales Dokument.

Portnikov: Wir müssen aufhören, über das Budapester Memorandum zu sprechen, denn unsere Mitbürger verstehen nicht, dass dieses Memorandum keine gemeinsame Garantie der Atomwaffenstaaten war, dass sie keine Atomwaffen gegen die Ukraine einsetzen würden. Und es gibt in diesem Memorandum kein Verfahren, wie andere Garantiegeber handeln können, wenn einer der Garantiegeber das Land angreift, für das die Garantie gegeben wurde. Das steht dort einfach nicht. Es heißt, dass die Unterzeichner des Memorandums Konsultationen miteinander führen können. Das ist der erste Punkt. Zweitens möchte ich, dass wir unseren Infantilismus in der Frage der Atomwaffen ablegen. Ich glaube nicht, dass wenn die Ukraine Atomwaffen hätte, das unseren Konflikt mit der Russischen Föderation unmöglich gemacht hätte. Wir würden nur sicher sein, dass in diesem Konflikt keine Atomwaffen eingesetzt werden. Aber wie wir wissen, kann es auch zwischen Nuklearstaaten zu Konflikten kommen. Wir konnten übrigens den Angriff des Iran auf Israel beobachten, einen massiven Angriff, der, wenn er erfolgreich gewesen wäre, fast die gesamte Infrastruktur Israels zerstört hätte. So massiv ist er gewesen. Israel hat inoffiziell Atomwaffen. Hat das die Sicherheitslage in Bezug auf das Vorgehen des Iran irgendwie verändert? Es gibt also keinen Grund zur Übertreibung und Fetischisierung der Atomwaffen , das ist die erste Sache. Und zweitens, als wir unsere Unabhängigkeit erklärten und unsere Führer (ich denke, es war überhaupt nicht richtig, dass das Land der GUS beitrat, aber das ist eine andere Geschichte), sprachen unsere Führer darüber mit der Führung der Vereinigten Staaten und anderer westlicher Länder. Man hat ihnen klar gesagt, dass die ehemaligen Sowjetrepubliken sich trennen könnten, wenn sie garantieren, dass die Atomwaffen in einem Zentrum bleiben. Im Großen und Ganzen war das der Preis dafür, dass die Ukraine überhaupt ihre Unabhängigkeit erlangte. Aber es gab noch einen anderen Punkt, den alle vergessen. Nachdem wir die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten gegründet hatten, beschlossen wir, dass der Nuklearkoffer in den Händen von zwei Personen liegt: dem Präsidenten der Russischen Föderation und dem Oberbefehlshaber der gemeinsamen Streitkräfte der GUS, Marschall Jewgeni Schaposchnikow. In diesem Fall hätte der Oberbefehlshaber der GUS die Entscheidung über den Einsatz von Atomwaffen nur in Absprache mit den Führern der anderen GUS-Mitgliedstaaten treffen können. Wir sahen dieses Abkommen als eine Falle, die uns daran hinderte, unsere eigenen Streitkräfte aufzubauen und unsere eigene Souveränität zu erlangen. Und wir weigerten uns, an den gemeinsamen Streitkräften der GUS-Staaten teilzunehmen, und schufen unser eigenes Verteidigungsministerium. Die Soldaten, die sich auf ukrainischem Territorium aufhielten, haben einen Treueeid auf die Ukraine geleistet, so dass wir im Grunde genommen aus diesem Abkommen ausgestiegen sind und auf die gemeinsame Kontrolle über die Atomwaffen verzichtet haben. Ich weiß nicht, ob wir das Richtige getan haben, aber das ist eine Frage für unsere Landsleute. Wir könnten auch in Frieden in einem Land leben, das Teil der russischen Einflusssphäre wäre. Wir würden gemeinsame Streitkräfte mit Russland haben. Unser Präsident hätte immer noch ein Sperrpaket für den Einsatz von Atomwaffen durch Russland. Wir wären einfach ein Satellitenstaat Russlands gewesen. Wir hätten russische Rubel gehabt, denn es war auch eine gemeinsame Währung vorgesehen. Wir hätten eine gemeinsame Bank, wir hätten alles gemeinsam, aber wir wären ein quasi-unabhängiger Staat. Für die Unabhängigkeit muss bezahlt werden. Und leider zahlen wir jetzt einen ziemlich hohen Preis für unsere Unabhängigkeit, aber jedes europäische Land, das für seine Unabhängigkeit gekämpft hat, hat Prüfungen durchgemacht, sehr oft mehr als die Ukraine heute. Wir sind nur ein Land, das Ende des 20. Jahrhunderts unabhängig geworden ist. Alle anderen Länder hatten das schon vorher, und zum Glück gab es damals noch keine Atomwaffen. Aber es gab Bürgerkriege und Kriege mit anderen Staaten. Wenn Sie sich eine Karte von Europa ansehen, werden Sie feststellen, dass es eine Karte der zerbombten Städten ist. Sie alle, von Lissabon bis Wladiwostok. Überall gab es Kriege und Leid. Und wir haben einfach gehofft, dass das im 21. Jahrhundert nicht passieren würde. Wir müssen uns jedoch sagen, dass das 21. Jahrhundert ein schreckliches Jahrhundert sein wird. Unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit müssen wir das so sehen. Wir leben in einem solchen Jahrhundert, vielleicht wird das 22. Jahrhundert besser sein.

Korrespondent. Die menschliche Geschichte ist in Bewegung. Alle 100 Jahre wird es gefährlicher, weil die Waffen immer leistungsfähiger werden.

Portnikov. Und was wird passieren, wenn künstliche Intelligenz auf dem Stuhl des Befehlshabers der Streitkräfte sitzt? Wie viele lebende Menschen werden einfach sterben, ohne irgendeine Entscheidung dieser künstlichen Intelligenz auch nur zu bemerken. Das liegt alles in der Zukunft.

Korrespondent. In Ihrer vorherigen Antwort haben Sie etwas gesagt, das ich für sehr wichtig halte: Welchen Teil des Territoriums kann unser Staat verlieren, aber dennoch seine Unabhängigkeit bewahren. Was denken Sie, und für den Westen? Nun, für uns innerhalb des Staates ist alles klar, mehr oder weniger. Gibt es für unsere Partner, die wir als unsere Verbündeten im Westen bezeichnen wollen, Ihrer Meinung nach akzeptable Grenzen für den Verlust von ukrainischem Territorium, aber die Erreichung des Friedens in Europa?

Portnikov. Um das zu verstehen, müssen wir an einen Punkt kommen, an dem jedem klar wird, dass die Grenzen in Europa nicht stabil sind. Wie ich schon sagte, leben wir immer noch in der Logik des zwanzigsten Jahrhunderts, auch wenn wir das neunzehnte haben. Gerade heute, während wir uns auf die Sendung vorbereiteten, hat die Republika Srpska, ein Teil von Bosnien und Herzegowina, eine Kommission für eine friedliche Trennung von der Föderation Bosnien und Herzegowina eingesetzt. Das war nach der Unterzeichnung des Dayton-Abkommens zu erwarten. Damit steht ein weiterer Staat in Europa kurz vor dem Zusammenbruch, und das kann auch zu einem neuen militärischen Konflikt führen, und zwar einem großen. Wir müssen nur verstehen, dass es statt der europäischen Integration des westlichen Balkans einen großen Krieg auf dem westlichen Balkan geben könnte, der parallel zu den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten stattfinden wird. Es könnte bereits 2024 oder sogar 2025 Krieg geben. Das ist der Prozess. Und wenn Sie und ich sagen, unser Hauptziel ist es, die Grenzen zu erhalten, dann können wir natürlich dafür kämpfen. Aber wir und andere Länder, die sich in der gleichen Situation befinden wie wir – Georgien, Moldawien, Bosnien, vielleicht noch ein anderes Land – müssen immer entscheiden, ob sie die technischen Voraussetzungen haben, diese Grenzen zu halten. Das heißt, wenn wir wissen, dass wir kein politisches Instrument haben, um Russland aus den von ihm besetzten Gebieten zu vertreiben, dann müssen wir entscheiden, mit welchem militärischen Instrument wir dies erreichen wollen. Wenn zum Beispiel Sarajevo nicht weiß, ob es die militärischen und politischen Mittel hat, die bosnischen Serben in einem gemeinsamen Staat zu halten. Sie müssen entscheiden, ob sie die militärischen Mittel haben, um sie zu halten, und ob sie bereit sind, nach dem blutigen Krieg in Bosnien, an den wir uns alle sehr gut erinnern, wieder zu kämpfen, und so weiter und so fort. Ich denke also, dass die Ordnung in den nächsten Jahrzehnten höchstwahrscheinlich so aussehen wird. Viele europäische Länder im postsowjetischen Raum und im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien werden international anerkannte Grenzen haben, aber keine Kontrolle über sie ausüben können. Und hier stellt sich eine weitere Frage. Können sie in einer solchen Situation in die Europäische Union und die NATO aufgenommen werden? Jetzt lautet die Antwort eindeutig nein. Nein, das können wir nicht zulassen. Ich denke, wir müssen die Antwort ändern. Ja, sie können. Sie können aufgenommen werden, wenn sie eine effektive Kontrolle über dieses Gebiet ausüben, in dem es eine rechtmäßige Regierung gibt. Und wir können zusammenarbeiten, um die gemeinsame Sicherheit an der Kontaktlinie zwischen den kontrollierten und den nicht kontrollierten Gebieten zu gewährleisten. Nach dem Modell von, relativ gesehen, Zypern. Wenn wir zu dieser Situation kommen, wird sich der ukrainische Staat für die nächsten Jahrzehnte auf diese Weise entwickeln. Und ich hoffe, dass, wenn wir in einer solchen Situation noch NATO-Mitglieder werden, es keinen neuen Krieg geben wird. Und wir werden auf die Wiederherstellung unserer Grenzen mit politischen Mitteln warten, solange es dauert, bis sich die Russische Föderation selbst ändert, oder bis die Krise in der Russischen Föderation vorbei ist. Oder wir werden, Sie wissen schon, 40-50 Jahre im Wartesaal der NATO und der EU leben. Also, auch das ist eine Perspektive.

Korrespondent. Wie sind unsere Aussichten für die NATO jetzt? Denn nach Informationen der britischen Zeitung Ze Telegraph wurde der ukrainische Präsident Volodymyr Zelenskyy gewarnt, in diesem Jahr nicht auf einzelne NATO-Mitglieder zuzugehen, um die Mitgliedschaft der Ukraine im Bündnis zu unterstützen. Außerdem haben wir Anfang dieser Woche Aussagen von Scholz gehört, dass er am Vorabend der groß angelegten Invasion in der Ukraine ein Gespräch mit dem russischen Präsidenten Putin geführt hat, in dem er ihm sagte, dass die Ukraine in den nächsten 30 Jahren keine Chance auf einen NATO-Beitritt hat. Und es klang eigentlich, gelinde gesagt, ziemlich traurig für uns. Es hat schon lange auf sich warten lassen. Denkt Europa wirklich daran, diese Aussichten für uns so lange aufzuschieben?

Portnikov. Es stellt sich auch die Frage, wie lange der Krieg dauern wird. Könnte der militärische Konflikt zwischen Russland und der Ukraine so lange andauern? Das mag sein. Wir wissen es nicht, denn dieser Krieg hat keine Aussicht auf ein politisches Ende. So etwas gibt es nicht. Er kann endlos weitergehen, das ist auch absolut realistisch. Ich spreche nicht von einem Krieg hoher Intensität. Ich denke, dass ein Krieg hoher Intensität früher oder später eingestellt werden kann. Wenn ein Krieg hoher Intensität ohne eine politische Lösung ausgesetzt wird, beginnt ein Krieg niedriger Intensität. Das ist einfach das Leben. Aber es gibt hier noch eine andere Frage. Ich gebe zu, dass es unter den NATO-Ländern niemals einen Konsens über die Aufnahme der Ukraine geben wird, wenn diese Aufnahme mit der Androhung eines nuklearen Konflikts einhergeht. Aber wir können auf andere Verfahren warten, auf eine Art reduzierte NATO, auf Sicherheitsgarantien, die uns die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich und Frankreich geben werden, wir müssen nach Optionen suchen, nach Sicherheitsgarantien von einzelnen NATO-Ländern, nach Sicherheitsgarantien für das Gebiet der Ukraine, das jetzt von der rechtmäßigen ukrainischen Regierung kontrolliert wird. Als wir anfingen darüber zu reden, ging das, so würde ich sagen, in rhetorischen Parolen unter, aber jetzt müssen sich die Ukrainer endlich sagen, dass dies eine militärische Situation für viele Jahre ist. Und wenn wir keinen unkonventionellen Ausweg aus der Situation finden, sollten all diejenigen, die sich entscheiden, auf ukrainischem Boden zu bleiben, und ich kann mir vorstellen, dass es jedes Jahr weniger werden, das Wort „Frieden“ vergessen. Und ich glaube, dass wir den Frieden verdienen, und deshalb müssen wir gemeinsam mit unseren westlichen Verbündeten nach diesen Nichtkonventionellen Optionen suchen. Nur sie, nur ihr politischer Wille kann der Ukraine erlauben, auf der politischen Landkarte der Welt zu bleiben.

Der kleine Staat mit der kleinen Bevölkerung kann einer nuklearen Supermacht nicht standhalten, die von ihren Fähigkeiten her nur mit einem einzigen Land auf der Welt verglichen werden kann, und das sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn man die Fähigkeit Russlands unterschätzt die Menschheit innerhalb von 48 Stunden zu vernichten, kann uns das einen grausamen Streich spielen. Deshalb brauchen wir die Unterstützung derjenigen Länder, die eine echte Sicherheitsalternative zu Russland und seinen Bestrebungen darstellen.

Korrespondent. Sie sagten, dass die Grenzen sich bewegen, Grenzen haben sich in allen Jahrhunderten bewegt, und jetzt treten wir auch in eine Periode der Geschichte ein, in der sie sich wirklich verändern können. Aber wir haben auch unseren Feind, die Russische Föderation. Glauben Sie, dass sie eine Grenze haben, wann sie aufhören?

Portnikov. Ja, wenn es ihnen an militärischen, finanziellen und demographischen Ressourcen fehlt und wenn sie Probleme mit der sozialen Stabilität haben.

Korrespondent. Es geht also nicht um Territorien, wirklich nicht.

Portnikov. Ihr Programm vom Territorium her ist ziemlich offensichtlich, es ist die Sowjetunion. Wenn Sie sich für ihre territorialen Programme interessieren, brauchen Sie nur ein Geographie-Lehrbuch der UdSSR von 1990 in die Hand zu nehmen, und Sie werden dort den gesamten Plan Putins sehen, er ist nicht mit neuer Tinte geschrieben, er ist da. Wir wissen nur nicht, welche Rolle bestimmte Republiken in diesem neuen Staat spielen werden. Wenn Sie wollen, kann ich es Ihnen erklären: Die Ukraine und Weißrussland werden einfach Teil dieses einen Staates, weil dort ein einziges Volk lebt, und einige Länder wie Aserbaidschan, Armenien oder Georgien werden innerhalb dieses neuen Staates autonom, ebenso wie Tatarstan und Jakutien. Entweder wird ein föderaler Staat geschaffen oder eine Art konföderiertes Gebilde, denn, wissen Sie, die Sowjetunion hatte drei Sitze in den Vereinten Nationen. Putin möchte vielleicht bis zu 12 Sitze haben, warum sollte er die Souveränität zerstören, er kann eine kleine Marionetten-Ukraine schaffen, Weißrussland als Marionette belassen, alle zu Marionetten machen und sie zu einem Superstaat vereinen, der eigentlich ein einziger Staat sein wird, aber nominell eine Union souveräner Staaten. Warum auch nicht, wenn es überall russische Truppen gibt. Erinnern Sie sich, als es diesen berühmten Kozak-Plan für die Republik Moldau gab, war eigentlich vorgesehen, dass die Republik Moldau territoriale Integrität erhält, aber die russische Armee würde praktisch überall auf dem Gebiet sein. Jetzt heißt es, dass Georgien eine Konföderation mit Abchasien und Südossetien angeboten wird. Ich glaube das nicht, aber ich bin sicher, dass eine solche Konföderation aus Sicht Russlands nur möglich ist, wenn die russischen Truppen in ganz Georgien Bewegungsfreiheit haben. Und das war’s. Das ist sehr einfach. Und ich denke, wenn man den Russen diese Position zugesteht, bedeutet das leider, dass man die Staatlichkeit für die Zukunft verliert. Tatsächlich bleiben die baltischen Staaten bestehen, aber wenn es die Ukraine nicht gibt, wird den baltischen Staaten das gleiche Schicksal drohen. Die baltischen Staaten sind Mitglieder der NATO und der Europäischen Union, und niemand wird sie angreifen. Aber ich möchte Sie noch einmal daran erinnern, dass, wenn ein solcher Staat oder ein solches Gebilde entsteht, von Uschhorod bis Wlidiwostok, mit Aschgabat und so weiter, dann wird es absolut unumkehrbare politische Veränderungen in Europa geben. Denn die Europäer werden Angst vor einem solchen Staat an ihren Grenzen haben. Russland wird der geopolitische Hegemon Europas werden. Und die europäischen Wähler selbst können auch in den baltischen Staaten Leute an die Macht bringen, die bereit sind, mit Moskau zu verhandeln. Schauen Sie sich die erste Runde der Präsidentschaftswahlen in Litauen an. Wenn meine litauischen Kollegen sagen, dass es das erste Mal war, dass so viele Menschen in Litauen für Leute gestimmt haben, die offen pro-russische Ansichten vertreten. Warum machen Sie das? Weil es beängstigend ist. Denn der Krieg findet bereits an den Grenzen statt. Aber es besteht immer noch die Hoffnung, dass Russland verlieren wird. Und stellen Sie sich vor, es gibt einen Krieg an den Grenzen und Russland ist der Sieger. Es wird immer mehr Menschen geben, die so denken. Sogar in den Ländern, die zurzeit ultra-radikal eingestellt sind.

Korrespondent. Und wir wollten das Thema Ihres viel beachteten Gesprächs mit der russischen Oppositionellen, der Journalistin Latynina, ansprechen. Viele Ukrainer haben dieses Interview in den sozialen Medien gepostet. Sie haben darüber gesprochen und ihre Meinung geäußert. Und ich möchte Sie fragen, was Ihrer Meinung nach einen solchen Aufruhr und eine solche Welle der Empörung ausgelöst hat. Denn Ukrainer sind empört.

Portnikov. Ich denke, dass den Menschen nicht gefiel, was sie an Erzählungen hörten. Übrigens habe ich versucht, dies Frau Latynina vor diesem Treffen in der Sendung zu erklären, als ich einen Blog über ihre Aussagen vorbereitete. Wir wollen nicht hören, dass wir uns in einem Bürgerkrieg befinden. Das ist es, wovon wir von verschiedenen Seiten immer wieder überzeugt werden. Übrigens überzeugen sie uns seit 2014. Wir würden uns uns in einem Bürgerkrieg befinden. Ein Bürgerkrieg zwischen Russen und Ukrainern. Denn wir sind eine Nation und Partner im Imperium. Ein Bürgerkrieg in der Ukraine selbst. Und ich denke, das ist ein sehr gefährliches Narrativ. Weil er im Großen und Ganzen weiterhin das Bild der Ukraine als ein zweites Russland zeichnet. Letztere ist vielleicht einfach demokratischer als erstere und kämpft jetzt um ihre Souveränität, nicht weil die Ukrainer ein anderes Volk sind, sondern weil sie in einer anderen Gesellschaftsordnung leben wollen. Relativ gesehen sind wir wie Taiwan, aber wir sind nicht Taiwan im Verhältnis zu China, wir sind Korea, verstehen Sie? Wir sind ein anderes Volk. Wir waren keine Partner dieses Imperiums, nun ja, es gab einige Ukrainer, die Partner waren, aber diese Ukrainer haben, wie ich schon oft erklärt habe, ihre Identität aufgegeben, was die wichtigste Voraussetzung für eine Partnerschaft war. Ich weiß gar nicht, ob eine Selbstvergewaltigung als Partnerschaft angesehen werden kann, wissen Sie? Ich habe etwas Erstaunliches gesehen, als Yulia ihre Version unserer Sendung nannte: Napoleon ist ein Verräter an Korsika. Und viele Menschen der russisch-sowjetischen Geschichtsklitterung amüsieren sich köstlich darüber . Auch wenn wir über eine Person sprechen, die nie Französisch gelernt hat. Wir sprechen von einem Menschen, der in Frankreich schikaniert wurde, als er als junger Mann dorthin zog, weil er kein Französisch konnte und nicht richtig sprechen konnte. Dieser Mann ist in Einsamkeit, in Mobbing, in absoluter Respektlosigkeit aufgewachsen und wurde zum Kaiser der Franzosen, weil er sich an all denen rächen wollte, die ihn so behandelt haben. Wie die Russen sagen, ein Mensch mit natonalminderheitlicher Herkunft. Das ist Napoleon Bonaparte, aber um Kaiser von Frankreich zu werden, musste er sein Heimatland verraten. Und das ist mehreren unserer Landsleute passiert, erinnern Sie sich? Und die Russen haben keine Empathie dafür, wissen Sie? Ich hatte gehofft, dass Napoleon Bonaparte wenigstens bei ihnen Empathie hervorrufen würde, dass sie verstehen würden, wie einsam und schwarze die Seele dieses weltberühmten Mannes war. Aber auch Napoleon Bonaparte ruft bei ihnen keine Empathie hervor. Dieser Erfolg, dass ein Mensch Menschen zu Hunderttausenden töten kann, übertrumpft die eigenen Erfahrungen.

Korrespondent. Mir scheint, dass eine der nicht weniger wichtigen Folgen dieses Gesprächs darin besteht, dass Sie später in einem Ihrer Interviews auf dem YouTube-Kanal des Rashkin-Reports teilweise und ausführlich darüber gesprochen haben. Ich hörte ihm aufmerksam zu, und da zog ich für mich diesen Schluss. Ich würde gerne auch von Ihnen wissen, warum diese russische Welt in unseren Köpfen bleibt und nicht verschwindet. In der idealen Ukraine hätte wahrscheinlich niemand verstanden, wer Julia Latynina ist und warum wir alle als Land darüber diskutieren müssen, wie Portnikov sie in ihre Schranken verwiesen hat. Es ist doch so, dass wir nicht wissen sollen, wer sie ist, aber wir kennen alle diese russischsprachigen Sprecher. Sie erscheinen immer noch auf allen YouTube-Kanälen, und sobald sie erscheinen, werden sie angehört, was bedeutet, dass das Publikum sie aus irgendeinem Grund noch braucht.

Portnikov. Ich denke, dass wir nur noch mit einem Bein im russischsprachigen Informationsraum stehen. Die Frage ist nicht einmal, ob Yulia Latynina hier bekannt gewesen wäre oder nicht. Natürlich kann es sein, dass einige russische Oppositionelle in Polen oder der Tschechischen Republik gesehen oder gehört werden, wenn es um russische Ereignisse geht. Aber das sind definitiv nicht die Leute, die uns sagen, wie Polen oder Tschechen leben sollen. Erinnern Sie sich noch daran, als es einen Fernsehsender namens Dozhd gab, der anfing, über die politische Situation in Lettland zu berichten? Und der Nationale Rat für elektronische Medien der Republik Lettland sagte zu ihnen: Sagt ihr uns, wie wir in Lettland leben sollen? Dann auf Wiedersehen. Das ist die Frage, die ganz einfach ist. Denn dort gibt es einen anderen Informationsraum, sogar den russischsprachigen Raum in Lettland, glauben Sie mir als jemand, der seit seiner Kindheit, seit seiner Schulzeit, in der lettischen Presse publiziert hat. Selbst der russischsprachige Raum in Lettland unterscheidet sich von dem russischsprachigen Raum in Russland. Die russischsprachigen Zuschauer oder Leser in Lettland haben ihre eigenen Autoritäten, berühmte Journalisten, Meister des Journalismus. Aber das sind nicht die Meister des russischen Journalismus. Meine Kollegin Tatjana Fasta, die eine Meisterin des lettischen russischsprachigen Journalismus ist, dort Zeitungen und Zeitschriften herausgibt, hat ein großes Renommee, sie ist niemandem in Russland bekannt, aber sie ist all jenen in Lettland bekannt, die sich für das Leben in ihrem eigenen Land interessieren, verstehen Sie? Dies ist ein abgeschlossener Informationsraum. Und in unserem Land ist dieser Raum nicht luftdicht, denn wir brauchen immer noch entweder die Zustimmung oder die Verurteilung von Leuten aus Russland. Das ist der Trick. Und genau das habe ich versucht ihnen zu erklären. Russen selbst nehmen die Ukraine auch durch den russischsprachigen Kommunikationsaum wahr. Deshalb haben sie auch eine verzerrte Vorstellung davon, was wir denken und was wir nicht denken. In dieser Hinsicht bin ich, glaube ich, einer der wenigen Menschen, die sowohl Ukrainisch als auch Russisch öffentlich sprechen. Denn in der Tat mache ich von Zeit zu Zeit einen Schritt mit einem Fuß aus den ukrainischsprachigen Informationsraum, aber es gibt Sprecher, die mit beiden Füßen im russischsprachigen Raum stehen. Wir sind nicht so sehr an ihnen interessiert, aber die Russen waren schon immer an ihnen interessiert, so sind die Menschen nun einmal.

Korrespondent. Ich denke, dass diese Debatte mit Latynina ein wichtiger Schritt zur Abtrennung des ukrainischen Informationsraums sein kann, zumindest gegenüber der Russischen Föderation.

Portnikov. Ich würde sagen, dass die Russen Gäste in unserem Informationsraum sein sollten, keine Herren. Ich sehe keine Tragödie darin, mit einem Russen über Russland zu sprechen. Ich spreche oft mit Ilja Ponomarjow auf Sendung, obwohl er eigentlich ein Mensch ist, der voll und ganz in unsere Welt integriert ist, aber ich spreche mit ihm immer in erster Linie über Russland. Was ist mit Russland? Wie sehen diese Russen aus der RDC ihre Zukunft? Und was ist mit den Völkern Russlands? Es ist logisch, wenn es von einem Experten, einem ehemaligen Abgeordneten der Staatsduma, kommt. Aber andere Leute versuchen immer, uns nicht zu sagen, wie sie leben, sondern wie wir leben sollen, in was für einem Krieg wir uns befinden, was wir tun sollen, wer uns Waffen geben soll und wer nicht, wie wir uns gegenüber den besetzten Gebieten verhalten sollen, wie wir uns nicht verhalten sollen. Und die ganze Zeit möchte ich sagen: Hört zu, vielleicht sagt ihr uns, wie die Dinge in eurem Land sind, nicht wie die Dinge in unserem Land sind? Wir werden irgendwie in der Lage sein, unsere eigene Agenda zu formulieren. Egal in welcher Sprache. Aber sie verstehen das nicht, weil wir für sie immer noch eine Provinz Kyiv sind. Das ist es, worum es hier geht.

Spezialoperation „Legitimität“. Vitaly Portnikov. 29.05.24.

https://ru.krymr.com/a/vitaliy-portnikov-spetsoperatsiya-legitimnost-putin-zelenskiy/32970131.html

Der russische Staatschef hat sich den russischen Propagandisten angeschlossen, die die Legitimität von Volodymyr Zelensky als Präsident der Ukraine in Frage stellen. Auf einer Pressekonferenz in Taschkent gab Wladimir Putin eine lange Interpretation der einschlägigen Artikel der ukrainischen Verfassung, die seiner Meinung nach die Übertragung der Macht vom Präsidenten auf den Parlamentspräsidenten nach fünfjähriger Amtszeit vorsehen. Natürlich erwähnte Putin nicht die Tatsache, dass dieselbe Verfassung Artikel über die Krim, Sewastopol und andere von Russland besetzte und annektierte Regionen der Ukraine enthält. Er scheint sich für die ukrainische Verfassung nur unter dem Gesichtspunkt zu interessieren, die Lage im Nachbarland zu destabilisieren.

Natürlich kann man darüber diskutieren, was die ukrainischen Behörden noch hätten tun sollen, damit es keine Zweifel an der Legitimität des amtierenden Staatschefs am Ende seiner fünfjährigen Amtszeit gibt. Man sollte jedoch bedenken, dass es sich hier um ein rein innenpolitisches Problem in der Ukraine handelt. Wäre beispielsweise das Verfassungsgericht angerufen worden, hätten westliche Politiker dessen Entscheidung als zusätzliches Argument für die Legitimität der Befugnisse der ukrainischen Regierung herangezogen, während Putin unabhängig von der Entscheidung des Gerichts diese als „vorhersehbar“ und „von den westlichen Kuratoren“ der Ukraine diktiert bezeichnet hätte.

Denn Putin ist sich absolut sicher, dass nur er über die Legitimität der Macht in der ukrainischen Verfassung streiten kann, und im Übrigen auch über die Legitimität seiner eigenen Macht.

Haben wir schon vergessen, dass Putin durch die Manipulation der russischen Verfassung, die berühmte „Annullierung von Friesten“, die Möglichkeit erhielt, als Präsident Russlands „wiedergewählt“ zu werden? Dass in Wirklichkeit nicht Zelensky, sondern Putin, der bereits die fünfte Amtszeit auf dem Präsidentenstuhl sitzt, auch dank der Abwertung des Grundgesetzes seines eigenen Landes, der eigentliche Usurpator der Macht ist.

Aber ich möchte Sie daran erinnern, dass Putin die ukrainische Verfassung immer so interpretiert hat, wie es ihm passte. Und vielleicht ist es gerade diese Freiheit im Umgang mit der Gesetzgebung anderer, die uns in Zukunft helfen wird, aus den zahllosen juristischen Fallen herauszukommen, die der russische Präsident auf dem Weg zu einer möglichen Rückkehr zu den Prioritäten des Völkerrechts gestellt hat.

In Taschkent hat Putin über die Legitimität des ukrainischen Parlaments gesprochen. Im Jahr 2014 war er sich des genauen Gegenteils sicher – Viktor Janukowitsch, der aus der Ukraine geflohen war, war „legitim“ und die Entscheidung des Parlaments, den Präsidenten abzusetzen, war null und nichtig. Ich möchte jedoch daran erinnern, dass Janukowitsch seine Zustimmung zu der Vorlage über die Ernennung von Serhij Aksjonow zum neuen Vorsitzenden des Ministerrats der Krim übermittelt hat, nachdem er aus dem Amt entlassen worden war.

Diese Zustimmung durchlief nicht die entsprechenden rechtlichen Verfahren, sie wurde nicht vom Präsidenten, sondern von einem einfachen Bürger unterzeichnet. Dementsprechend war und ist sie rechtlich null und nichtig – und folglich bleiben auch alle nachfolgenden Entscheidungen der neuen Autonomieregierung, die als Vorwand für die Annexion der Halbinsel gedient haben, rechtlich null und nichtig. Die Einsetzung alternativer Regierungsorgane in anderen besetzten Gebieten der Ukraine, die Abhaltung von Pseudo-Referenden und viele andere Maßnahmen der Besatzungsbehörden sind in keiner Weise mit den Artikeln der ukrainischen Verfassung vereinbar.

Die Verfassung ist kein Dokument, aus dem man Artikel herausziehen kann, die Wladimir Putin gefallen – auch wenn er selbst offensichtlich nicht so denkt. Und wenn es darum geht, den ukrainischen Rechtsbereich mit den Normen der Verfassung in Einklang zu bringen, kann ich dem russischen Präsidenten einen einfachen rechtlichen Mechanismus anbieten: die Einstellung der Feindseligkeiten und den Abzug der Besatzungstruppen aus dem gesamten in der ukrainischen Verfassung genannten Gebiet.

Und dann können auf diesem Gebiet neue Präsidentschafts- und Parlamentswahlen abgehalten werden – und Wladimir Putin, der eingefleischte Verfassungsrechtler, muss sich nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, ob Wladimir Zelensky legitimiert ist.

„Vier Quellen und ein Besuch in Belarus. Warum spricht Putin über „Verhandlungen“ mit der Ukraine? Vitaly Portnikov. 25.05.24.


Die russischen und Belorussischen Staatschefs Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko bei einem Treffen in Minsk. Belarus. 24. Mai 2024

https://www.radiosvoboda.org/a/ukrayina-putin-viyna/32963382.html

Unmittelbar nachdem die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf vier Quellen aus dem inneren Kreis Putins die Information verbreitet hatte, dass der russische Staatschef angeblich zu Friedensgesprächen mit der Ukraine bereit sei, sprachen Wladimir Putin selbst und sein Sprecher Dmitri Peskow von der Möglichkeit solcher Gespräche, wenn auch in einem etwas anderen Ton. Wir haben es also mit einer geplanten Informationskampagne zu tun, deren Ziele verstanden werden sollten.

Ich muss gleich sagen, dass ich keinen Quellen aus dem Umfeld von Wladimir Putin Glauben schenke. Ich bin mir sicher, dass die Korrespondenten einer seriösen Agentur die Wahrheit sagen und dass hochrangige russische Beamte, vielleicht sogar Mitglieder des russischen Sicherheitsrates, tatsächlich mit ihnen gesprochen haben. Die Beamten im Kreml sind jedoch anders als Beamten im Weißen Haus oder im Elysee-Palast. Keiner von ihnen wird mit einem Auslandskorrespondenten sprechen, solange sie keine Anweisungen von oben erhalten. Und die Aufgabe der Gesprächspartner der Reuters-Journalisten war es, den Hintergrund für Putins Besuch in Minsk und seine Äußerungen zu den Verhandlungen vorzubereiten.

Diese Äußerungen lassen keinen Zweifel daran, dass Putin, wie auch Peskow, die Verhandlungen als Kapitulation der Ukraine begreift. Selbst wenn man davon ausgeht, dass der russische Staatschef ein Ende des Krieges – also der „Sonderoperation“ – andeutet, soll dieses Ende gleichzeitig die Voraussetzungen für eine neue „Sonderoperation“ schaffen, wenn Russland dazu bereit ist. Nicht umsonst spricht Peskow also – wieder einmal – von Verhandlungen, um die Ziele der „Sonderoperation“ zu erreichen. Und zu diesen Zielen gehört, wie wir wissen, nicht nur die Anerkennung des russischen Status der besetzten Gebiete durch die Ukraine, sondern auch die Entmilitarisierung der Ukraine.

Das wirklich Neue an Putins Äußerungen ist sein Versuch die Legitimität der ukrainischen Regierung, mit der er angeblich verhandeln will, in Frage zu stellen. Das war auch zu erwarten; ich hatte keinen Zweifel daran, dass die russische Propaganda nach dem 20. Mai ständig von der Illegitimität des Präsidenten Zelenskyy schwadronieren würde. Ich habe jedoch nicht erwartet, dass Putin selbst der Hauptpropagandist sein würde.

Der russische Staatschef behauptet nun, der Friedensgipfel in der Schweiz werde nur einberufen, um die Legitimität des ukrainischen Präsidenten zu bestätigen. Offensichtlich war dies das Letzte, woran Zelensky dachte, als er sich an die Schweizer Bundespräsidentin Viola Amherd mit dem Vorschlag wandte, eine solche Konferenz abzuhalten. Putin scheint jedoch die Führer des Globalen Südens zu überzeugen versuchen: Ihr braucht nicht dorthin zu fahren, sie wollen euch nur als Statisten benutzen, um die Legitimität eines anderen zu bestätigen. Und dieses Signal zeigt, dass der Hauptgrund, warum Putin überhaupt von den Verhandlungen gesprochen hat, darin besteht, nicht nur die Legitimität des ukrainischen Präsidenten in Frage zu stellen, sondern auch den Sinn des Forums in der Schweiz.

Und der russische Staatschef versucht es natürlich auch. Und er ist nicht der Einzige. Gerade als Putin sich auf den Weg nach Minsk machte, überzeugte der chinesische Außenminister Wang Yi den brasilianischen Chefberater des Präsidenten, Celso Amorim, von den Aussichten der chinesischen Vorschläge zur Beendigung des „Konflikts“ in der Ukraine.

Und ich muss sagen, es ist ihm gelungen – jetzt haben die chinesischen Vorschläge für das „Einfrieren“ des Konflikts, denen Putin bei seinem Besuch in Peking zugestimmt hat, auch brasilianische Unterstützung, einen gemeinsamen Plan zwischen China und Brasilien und eine weitere Alternative zur ukrainischen Vision.

Putin macht also keine Vorschläge für Friedensverhandlungen, er erzeugt Chaos, um den Krieg fortzusetzen.

Putin zerstört Charkiw | Vitaliy Portnikov. 25.05.24.

Zunächst einmal möchte ich allen Einwohnern von Charkiw mein aufrichtiges Beileid aussprechen. In erster Linie denjenigen, die ihre Angehörigen und Freunde während des russischen Angriffs auf das „Epizentrum“ von Charkiw und das Zentrum dieser ukrainischen Stadt verloren haben. Neue Opfer, neue Zerstörung, neues Vergnügen für Putins Serienmörder. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass dies sicherlich nicht der letzte Angriff auf Charkiw war. Und das ist, gelinde gesagt, nicht das erste Mal. Erst kürzlich haben wir über den Angriff auf das Charkiwer Verlagshaus Vivat gesprochen, bei dem Menschen ums Leben kamen und Bücher verbrannt wurden. Und nun ein Angriff auf einen großen Supermarkt und ein weiterer Angriff auf Wohngebiete. Natürlich können diese Aktionen Putins nicht als spontan angesehen werden. Wie jeder Serienverbrecher weiß auch der russische Führer genau, was er tut und woran er interessiert ist.

Das erste, was er erreichen will, ist, die Ukrainer davon zu überzeugen, dass nur Verhandlungen zu seinen Bedingungen, nur die Kapitulation der Ukraine vor Russland, die Zivilbevölkerung unseres Landes vor weiteren Toten, vor weiteren Bombardierungen durch Putins Armee schützen können. Und natürlich tut Putin das dort, wo es leichter ist, in unmittelbarer Nähe der russischen Grenze. Schließlich sind andere große Städte in der Ukraine weiter von der russischen Grenze entfernt als Charkiw, und sie können nur durch massive Raketenangriffe zerstört werden, was länger dauern würde als die Versuche Charkiw zu zerstören.

Das zweite wichtige Motiv des russischen Führers hängt mit seinem Versuch zusammen, die ukrainische Bevölkerung einzuschüchtern. Wir müssen erkennen, dass die Putins Ziele nach dem 24. Februar 2022 sich geändert haben. Im Februar 2022 konnte er sich sicher sein, dass die Bevölkerung der Ukraine seine Banditenarmee mit Beifall begrüßen würde. Aber im Laufe der Jahre hat selbst Putin erkannt, dass die Ukrainer russische Truppen auf ihrem Land nicht willkommen heißen, dass sie diese Truppen bekämpfen werden, dass die Ukraine Putin nirgendwo zwischen Uschhorod und Charkiw sehen will. Und deshalb betrachtet Putin jetzt die gesamte ukrainische Bevölkerung von Charkiw bis Uschhorod als illoyal. Der Plan für diese Einschüchterung ist ganz einfach. Putin will die Bedingungen für ein normales Leben der Ukrainer zerstören und sie dazu bringen, ihre Heimatstädte zu verlassen. Die Menschen sollten aus den östlichen und südlichen Regionen der Ukraine, die den Angriffen der russischen Armee näher sind, zuerst in die zentralen und nördlichen Regionen und natürlich in die westlichen Regionen der Ukraine und dann in die Länder des Westens ziehen. Putin träumt immer noch von der Möglichkeit, dass ukrainische Gebiete der Russischen Föderation beitreten. Jetzt aber ohne die Bevölkerung. Putin und seine eigenen Landsleute, die das aggressive Vorgehen ihres Anführers gutheißen, brauchen die Bevölkerung der Ukraine nicht mehr. Und die ukrainischen Truppen können diese Aggression des russischen Führers nur stoppen, wenn die Welt begreift, was die russischen Ziele sind. Es handelt sich hier nicht um einen Territorialkonflikt und auch nicht um den Wunsch Russlands, seine politischen Ansprüche zu sichern und seinen Appetit auf die Regionen anderer Völker zu befriedigen. Und genau das ist der nationale Völkermord, der an jedem Tag der russischen Aggression erdacht, geplant und tatsächlich durchgeführt wird.

Putins drittes wichtiges Ziel ist bereits taktischer Natur – er will demonstrieren, dass keine Erklärungen der internationalen Gemeinschaft Russland in seinem weiteren Vorgehen an der russisch-ukrainischen Grenze beeinflussen werden. Wie wir bereitet sich Putin auf den Friedensgipfel in der Schweiz vor. Er ist sich bewusst, dass viele Staatschefs und diplomatische Vertretungen aus der ganzen Welt zu diesem internationalen Treffen zusammenkommen und ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges fordern werden. Putin zeigt ihnen absolute Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Treffen und ihren Forderungen. Er überzeugt sie davon, dass man von Russland das nicht verlangen sollte, wozu man es nicht zwingen kann. Vielmehr soll die Ukraine aufgefordert werden vor Russland zu kapitulieren.

Und genau darum geht es übrigens bei den Plänen, die jetzt im Informationsraum der Diplomatie der Länder des so genannten globalen Südens auftauchen. Pläne, die Putin gutheißt. Denn sie entsprechen seinem Konzept eines möglichen Einfrierens des Konflikts, um neue Ressourcen zu sammeln und neue Anstrengungen zu unternehmen, um die ukrainischen Gebiete in Zukunft weiter zu besetzen.

Ein weiterer wichtiger Faktor, der tatsächlich mit den Angriffen auf Charkiw und andere ukrainische Städte zusammenhängt, ist die Fortsetzung des demografischen Krieges mit der Ukraine. Dies ist nicht die erste Phase eines solchen Krieges. Es hat fast das gesamte 20. Jahrhundert gedauert. Der Holodomor, der Zweite Weltkrieg und die Hungersnot nach dem Krieg sind allesamt Etappen des demografischen Krieges des russischen Imperiums gegen das ukrainische Volk. Versuche, sich eines wichtigen geopolitischen Konkurrenten der Russen zu entledigen, der ihr Monopol auf das Gebiet des ehemaligen Russischen Reiches in Frage stellt. Dieser Krieg hat nicht einen einzigen Tag aufgehört, und jetzt sehen wir seine neuen Akkorde. Wenn es Putin gelingt, die ukrainischen Städte zu zerstören, bedeutet dies, dass die Bevölkerung der Ukraine mit jedem Jahr dieses Zermürbungskrieges abnehmen wird. Es wird bereits gesagt, dass die Bevölkerung in den großen Städten im Osten der Ukraine abnimmt. Die Bevölkerung der Ukraine selbst ist auf 28-30 Millionen Menschen geschrumpft. Es heißt, dass nach dem Krieg in der Ukraine nicht mehr als 25 Millionen Menschen leben werden. Und das unter der Voraussetzung, dass der russisch-ukrainische Krieg in den nächsten Jahren beendet wird. Und die Voraussetzungen dafür sind, zumindest für Putin, nicht gegeben und werden durch die Zurückhaltung des Westens auch nicht geschaffen.

Daher sollte uns dieses neue Verbrechen in Charkiw an Putins alten Plan erinnern, den Plan, das ukrainische Volk zu vernichten und die Ukraine zu besetzen, mit der anschließenden Annexion ihres Territoriums an die Russische Föderation. Dieser Plan muss erkannt werden, und die Person, die ihn entwickelt hat, muss gestoppt und bestraft werden.

Fünfte Inauguration und verlorene Posten. Vitaly Portnikov. 08.05.24.

https://ru.krymr.com/a/vitaliy-portnikov-pyataya-inauguratsiya-putina-razbitoye-koryto/32937704.html

Wladimir Putins Amtseinführung könnte durchaus als „zweite Amtseinführung im Krieg“ bezeichnet werden – wenn wir uns an die Amtseinführung im Jahr 2018 erinnern, die mehrere Jahre nach der Besetzung und Annexion der Krim stattfand. Natürlich könnte ein aufmerksamer Beobachter argumentieren, dass alle Amtseinführungen Putins auf die eine oder andere Weise nach Kriegen und Repressionen stattfanden – der Krieg in Tschetschenien und der Krieg in Georgien, die Zerstörung unabhängiger Medien und die Liquidierung von Yukos… Jede neue Amtszeit war die wahrhaftigste Verstärkung der autokratischen und aggressiven Absichten des russischen Präsidenten und seines inneren Kreises. Und doch war es die Amtseinführung 2018, die zeigte, dass sich die Situation in und um Russland unwiderruflich verändert hatte.

Damals war Putins gesamtes politisches Programm auf die „Krim“-Agenda und die „Einnahme“ von Land ausgerichtet. Zum ersten Mal versuchten die vermeintlichen Hauptgegner der Wahlen nicht einmal, eine Meinungsverschiedenheit mit dem Präsidenten vorzutäuschen, sondern unterstützten im Gegenteil bereitwillig die Besetzung der Krim. Auch die „Präsidentschaftswahlen“ selbst, die zum ersten Mal auf der annektierten Krim stattfanden, wurden von den russischen Behörden als „zweites Referendum“ über die Annexion der Halbinsel wahrgenommen.

Putin „erhielt“ dann 92 Prozent der Stimmen auf der Krim, und die internationale Gemeinschaft – und natürlich die Ukraine – erkannte die Legitimität der „Präsidentschaftswahl“ auf der Krim nicht an.

Im Jahr 2018 hätte man meinen können, dass Russland den Punkt, ab dem kein Wiederkehr möglich war, bereits überschritten hat und in Bezug auf territoriale Ansprüche gegenüber seinen Nachbarn und den Grad des Autoritarismus den Tiefpunkt erreicht hat. Nun müssen wir erkennen, dass es einen offensichtlichen Unterschied zwischen Autoritarismus und Totalitarismus gibt, den man erst bemerkt, wenn man sich in der totalitären Ära befindet.

Im Jahr 2018 wurde immer noch über die Nichtzulassung von Alexej Nawalny zu den Präsidentschaftswahlen diskutiert, Ksenia Sobtschak wurde von den Behörden als „liberaler Speuler“ nominiert, und sogar Grigori Jawlinski stand auf dem Wahlzettel.

Im Jahr 2024 starb Nawalny in einer Strafkolonie; eine Teilnahme an den Wahlen kommt nicht einmal für so „untypische“ Kandidaten wie Sobtschak oder Jawlinski in Frage; Wladislaw Dawankow, Putins wichtigster „alternativer“ Gegner von den Neuen Leuten, unterstützt den Krieg. Und die „Wahlen“ auf der Krim – bereits die zweiten – sind im Vergleich zu den „Wahlen“ in den besetzten Gebieten der Festland-Ukraine, dem großen Krieg und der Annexion neuer Gebiete bereits in den Hintergrund getreten.

Wenn das Russland des Jahres 2018 ein „postkrim“ Russland war, dann ist das Russland des Jahres 2024, da bin ich mir sicher, ein Russland des Krieges. Und in einem solchen Russland legte Wladimir Putin seinen Amtseid ab.

Vor diesem Hintergrund würden wir natürlich sehr gerne verstehen, wie seine Amtseinführung im Jahr 2030 aussehen wird. Viele Menschen, da bin ich mir sicher, wollen das ganz und gar nicht. Und Putin will das übrigens auch nicht. Er will gar nicht mehr Präsident Russlands bleiben. Putins Karriere ist wie ein Märchen. Die „bettelarme alte Frau“ vom KGB, die von dem „Goldfisch“ aus dem Kreml zur „Adligen“ und „zufälligen“ Präsidentin Russlands gemacht wurde, will nun „Herrscherin des Meeres“ werden und die Sowjetunion wiederherstellen.

Ich glaube, Putin möchte im Jahr 2030 als Oberhaupt eines neuen Unionsstaates vereidigt werden, und in der ersten Reihe bei seiner Zeremonie möchte er nicht die Chefs des russischen Parlaments und der Regierung sehen, sondern die Oberhäupter der „Unionsrepubliken“, die ihre Souveränität aufgegeben haben und „in ihren Heimathafen zurückgekehrt sind“. Wie die Krim.

Damit es nicht zu einer solchen Einweihung kommt und Putin am Boden liegt, muss Russland, da bin ich mir sicher, den Krieg mit der Ukraine verlieren und weitere Versuche aufgeben, die Nachkriegsgrenzen zu revidieren und das Völkerrecht zu ändern. Andernfalls wird sich die Situation von Jahr zu Jahr verschlimmern, und im Jahr 2030 riskieren wir nicht die sechste reguläre Amtseinführung von Wladimir Putin, sondern den Dritten Weltkrieg.

Friedensgipfel und Verhandlungen mit Russland | Vitaliy Portnikov. 02.05.24.

Der ukrainische Präsident hat das genaue Datum des Friedensgipfels in einem luxuriösen Schweizer Ferienort bekannt gegeben, und der ukrainische Außenminister hat in seinem Interview die Möglichkeit von Friedensgesprächen mit der Russischen Föderation im Anschluss an den Gipfel nicht ausgeschlossen. Für viele ukrainische Journalisten und Bürger ist die vom Leiter des ukrainischen Außenministeriums erwähnte Idee, Friedensgespräche mit Russland zu führen, bereits eine Sensation und wird aktiv diskutiert. Ich muss jedoch sagen, dass in den Worten von Dmytro Kuleba keine Sensation steckt. Die ukrainische politische Führung hat zuvor betont, dass die Ergebnisse des in der Schweiz stattfindenden Friedensgipfels es der ukrainischen Führung erlauben, auf Unterstützung für die Friedensformel von Volodymyr Zelensky zu hoffen und auf der Grundlage dieser Unterstützung zu hoffen, dass die am Gipfel teilnehmenden Länder bereit sein werden, diese Bedingungen für Friedensgespräche mit der Russischen Föderation zu erörtern, deren Vertreter zum zweiten Friedensgipfel eingeladen werden. Jenseits dieser Überlegungen stellt sich die Frage, was geschehen wird, wenn die Russische Föderation sich weigert an Konferenzen teilzunehmen, die unter Beteiligung der ukrainischen politischen Führung initiiert wurden, und stattdessen ihre eigenen Bedingungen vorlegt, die bisher die Bedingungen für die Kapitulation der Ukraine vor der Russischen Föderation waren. Im Großen und Ganzen sind die Punkte der von Volodymyr Zelensky vorgeschlagenen Friedensformel auch Bedingungen für eine Kapitulation, nur eben von der Russischen Föderation gegenüber der Ukraine. Einige Experten vergleichen diese Friedensformeln in der Schweiz sogar mit der Teheraner Konferenz von US-Präsident Franklin Roosevelt, dem britischen Premierminister Winston Churchill und dem Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Bolschewiki, dem Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare der Sowjetunion, Joseph Stalin, und betonen sarkastisch, dass der deutsche Reichskanzler Adolf Hitler zu diesem Treffen nicht eingeladen war. Der Unterschied zwischen dem Friedensgipfel in der Schweiz und der Konferenz in Teheran besteht jedoch darin, dass die Teilnehmer in Teheran davon überzeugt waren, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg verloren hatte, und bereit waren so lange zu kämpfen bis ihre Soldaten die Hauptstadt des Deutschen Reiches einnehmen, und darüber hinaus waren Stalin, Roosevelt und Churchill bereit, jeden Preis zu zahlen, um sicherzustellen, dass ihre Soldaten für eine solche Offensive bereit waren. Und im Großen und Ganzen sollte nicht vergessen werden, dass die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich diesen Preis in erster Linie in Form von Menschenleben von Bürgern der Sowjetunion festsetzten, weil sie wussten, dass Josef Stalin Millionen von Menschenleben nicht verschonen würde, um die auf der Konferenz von Teheran gestellten Aufgaben zu erfüllen. In der Folgezeit gingen diese Berechnungen der amerikanischen und britischen Führung in vielen Schlachten in Erfüllung. Auch in der Schlacht um Berlin starben Millionen von Sowjetbürgern, darunter auch Ihre Angehörigen. So wurde der Preis des Sieges nicht festgesetzt, und man glaubte, dass jede beliebige Anzahl von Leichen in Kauf genommen werden könnte um Hitlerdeutschland zu vernichten und den Sieg in seiner Hauptstadt zu feiern. Natürlich nur mit diejenigen, die diesen verheerenden Krieg überleben würden. Es ist nicht verwunderlich, dass viele sowjetische und russische Schriftsteller feststellten, dass die Sowjetunion den Zweiten Weltkrieg zwar gewonnen, aber eigentlich verloren hatte, weil die Sowjetunion jahrzehntelang ein demografisch zerstörter und technologisch rückständiger Staat blieb. Das heutige Russland ist der Erbe dieses Sieges, der sich als Niederlage entpuppte. Und auch die Ukraine als ehemalige Sowjetrepublik ist ein Erbe dieses geradezu vernichtenden Sieges, bei dem die Demokratien eine Diktatur benutzten um eine andere Diktatur zu besiegen. Ich glaube, dass wir heute in einer Welt leben, in der der Wert des menschlichen Lebens viel höher ist. Die Situation in der Russischen Föderation selbst ändert sich jedoch nicht. Wir sehen, dass Russlands kriminelle Regierung bereit ist jeden Preis zu zahlen um der zivilisierten Welt zu beweisen, dass das künftige Russland ausschließlich innerhalb der Grenzen der Sowjetunion von 1991 existieren soll.

Wie können wir also auf die Kapitulation dieses Staates hoffen, der versucht, immer mehr seiner Bürger in den Fleischwolf des seit langem andauernden russisch-ukrainischen Krieges zu schicken, und der gleichzeitig versucht, alles in der Ukraine zu zerstören, was seine Raketen, Drohnen und Bomben erreichen können? Es gibt eine Antwort auf diese Frage. Selbst wenn wir uns vorstellen, dass der Verhandlungsprozess zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine in der Zukunft stattfinden wird, und wir wissen nicht, wie diese Zukunft aussieht, es könnten die zwanziger, vielleicht die dreißiger Jahre des 21. Jahrhunderts sein. Und in diesem Zusammenhang ist es notwendig, die ukrainische Verhandlungslatte festzulegen. Dies ist die Messlatte für Verhandlungen, die uns Zelenskys Friedensformel bietet. Und es gibt eine russische Verhandlungslatte. Wenn wir diese Verhandlungspunkte vergleichen, werden wir feststellen, dass es keine Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine geben kann, dass beide Mächte tatsächlich daran interessiert sind, den jeweils anderen zu vernichten. Der Maßstab für die Ukraine ist die Rückkehr unseres Landes zu den Grenzen von 1991. Das ist die russische Anerkennung unseres Rechts auf Souveränität und politische Wahl. Es geht auch um Reparationen für all die Zerstörungen, die Russland in der Ukraine angerichtet hat. Sie kann nur durch den Zusammenbruch und die Kapitulation Russlands sowie den vollständigen Verzicht auf die eigene politische, historische und staatliche Existenz erreicht werden, denn die russische Staatlichkeit beruht auf dem klaren und unmissverständlichen Verständnis von Millionen seiner Bürger, dass die Ukraine ein integraler Bestandteil der russischen Geschichte, Zivilisation und letztlich der territorialen Integrität Russlands ist, wie es die russischen Chauvinisten sehen. Das russische Kriegsprogramm besteht also darin, den ukrainischen Staat zu zerstören, alles zu zerstören, was zerstört werden kann. Die Vertreibung aller ukrainischen Bürger, die versuchen sich als Ukrainer zu identifizieren, aus dem Hoheitsgebiet der Ukraine. Es ist die physische Vernichtung dieser Bürger und Aktivisten der ukrainischen Nationalbewegung gemäß den Listen, die vom Föderalen Sicherheitsdienst und dem russischen Auslandsgeheimdienst mit Hilfe ukrainischer Kollaborateure erstellt wurden. Dieses Kapitulationsprogramm schließt auch jede Möglichkeit von Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine in absehbarer Zeit aus. Die Ukraine will, dass Russland verliert und gedemütigt wird. Russland will siegen und die Ukraine zerstören. Hier gibt es keine Verhandlungsplattform. Das heißt aber nicht, dass wir diese Forderung nicht stellen sollten. Denn wenn wir diese Förderungen nicht stellen, wird die Welt die Bedingungdn als realistische politische Verhandlungsplattform wahrnehmen, die vom Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, vorbereitet und von seiner Gefolge und seinem Volk unterstützt werden. Je überzogener also die diplomatischen Forderungen der Ukraine für solche Verhandlungen sind und je größer die internationale Unterstützung für diese überzogenen Forderungen ist, desto realistischer ist es, dass wir bei den Verhandlungen mit Russland mehr oder weniger günstige Bedingungen bekommen, auch wenn diese Verhandlungen nicht zu Lebzeiten der heutigen ukrainischen Bürger stattfinden, sondern von den Enkeln und Urenkeln derjenigen geführt werden, die heute in der kriegsgebeuteten Ukraine leben. Diese Option ist durchaus möglich, denn meiner Meinung nach wird der Krieg zwischen Russland und der Ukraine höchstwahrscheinlich ohne Verhandlungen enden, sondern als Ergebnis der vollständigen Erschöpfung der Ressourcen an Fähigkeiten sowie der sozialen und demografischen Ressourcen beider Kriegsparteien und der Verwandlung beider kriegführender Staaten in ein Gebiet der Hoffnungslosigkeit. Und es ist uns sehr wichtig, dass die Ukraine nicht zu so einem Territorium wird, in dem sie Zugang zu westlichen Ressourcen hat, in dem sie die Möglichkeit hat sich selbst vom schwersten Krieg mit Russland zu erholen, und deshalb müssen wir uns darum bemühen, dass diese Punkte unserer Friedensvorschläge, die jetzt vorliegen, von der zivilisierten Welt unterstützt werden. Je mehr westliche Staats- und Regierungschefs – und ich meine westlich, denn der globale Süden ist, offen gesagt, irrelevant – zu dieser Konferenz kommen und unsere Punkte unterstützen, desto mehr können wir darauf hoffen, dass die Ukraine, die jahrzehntelang von westlichen Dollars und Euros leben muss, in Zukunft wirtschaftliche Unterstützung für den Wiederaufbau einer Wirtschaft erhält, die von russischen Aggressoren zerstört wurde und in den kommenden Jahren noch zerstört werden wird. Es liegt also eine diplomatische Logik dahinter. Die diplomatische Logik der Zukunft. Dies ist die Logik der finanziellen Unterstützung für die Ukraine mit ihrer ruinierten Wirtschaft. Das ist die Logik der politischen Unterstützung für die Ukraine, wenn sich die Ukraine und Russland an den Verhandlungstisch setzen. Das ist die Logik einer gerechten Lösung für ein Problem, wenn es tatsächlich Möglichkeiten für diese gerechte Lösung gibt.

Ein Beispiel ist ganz einfach. Lettland, Litauen und Estland wurden 1940 von der Sowjetunion besetzt. Im Jahr 1991 erlangten diese Länder ihre Unabhängigkeit zurück. Die Mehrheit der lettischen, litauischen und estnischen Bürger, die sich der Besatzung ausgesetzt sahen, sind schon lange tot. Viele Menschen gingen ins Exil und erlebten kein unabhängiges Lettland, Litauen und Estland. Aber die Emigrantenregierungen aller drei Länder arbeiteten weiter. Sie hatten Botschaften in vielen westlichen Ländern und forderten die Wiederherstellung ihrer Unabhängigkeit. Nicht nur die Demokratisierung der Sowjetunion, die stärkere Achtung der Sprache und so weiter. Nein, der Abzug der Besatzungstruppen und die Wiederherstellung der Unabhängigkeit. Aus der Sicht der einfachen Sowjetbürger erschien dies damals als absoluter politischer Wahnsinn. Aber es sind verrückte Dinge passiert. Man muss die Welt nur aus einer historischen Perspektive betrachten. Sie müssen verstehen, dass 50 Jahre für die Geschichte wie ein Augenblick sind. Man muss ausschließlich in Jahrhunderten denken. Und dann werden Sie den ukrainischen Sieg, den wir wollen, in einer realen Perspektive sehen. Aus der Perspektive von Menschen, die heute noch nicht geboren sind, aber morgen auf ukrainischem Boden geboren werden. Und ihre Kinder und vielleicht auch Enkel werden diesen Sieg auf diesem Territorium feiern, wo sich ein unabhängiger ukrainischer Staat befinden wird, und die Rückgabe des gesamten Territoriums der ehemaligen ukrainischen SSR in den Grenzen von 1991 von Russland fordern, das bereits zu solchen Verhandlungen fähig sein wird, oder von Russland, das zu diesem Zeitpunkt ein brodelndes Konglomerat von schwierigen interethnischen Beziehungen und ziemlich komplexen Umweltkatastrophen sein wird. Und in diesen Gebieten werden wir auch nach 50 Jahren diejenigen, die im Jahren von 14 oder 22 Jahren Bürger der Ukraine waren, sowohl ihre Nachkommen, als Bürger betrachten, und alle anderen werden als Staatenlose betrachtet, die sich einem Einbürgerungstest unterziehen und eine Prüfung in ukrainischer Sprache und Kenntnis der ukrainischen Geschichte ablegen müssen, denn ich hoffe, dass diese Ukraine der Zukunft nicht russischsprachig sein wird wie die heutige Ukraine, die im Großen und Ganzen immer noch ein zweisprachiges Land ist. Und das wird ein absolut logischer Ausweg aus dieser Situation sein, in die die Ukraine geraten ist, weil sie die Gefahr aus Russland unterschätzt hat. Wer also fragt, warum dies notwendig ist. Das brauchen wir für die ferne Zukunft. Und was kann in Zukunft sein? Das hängt vom Verlauf der militärischen Operationen ab. Wenn wir erkennen, dass Russland nicht mit uns verhandeln will, dass es unsere Positionen angreifen will, dass seine Idee die Zerstörung des ukrainischen Staates und des ukrainischen Volkes ist, und dass es nichts gibt, was diese Idee beeinflussen kann, und außerdem kann Russland jetzt in seiner Offensive mehr und mehr auf die Hilfe des chinesischen Kommunismus zählen, der in Bezug auf seine eigenen Ambitionen unbesiegbar ist, dann müssen wir alles tun, um Moskau und Peking vor unseren Toren aufzuhalten. Der Hauptverhandler für die Ukraine ist nicht das Außenministerium , sondern das Verteidigungsministerium, nicht ein ukrainischer Politiker oder Diplomat, sondern ein ukrainischer Soldat. Nur davon wird abhängen, wie groß das Territorium der Ukraine in den nächsten Jahrzehnten sein wird, wie viele Menschen dort leben werden und ob die Ukraine in diesen Jahrzehnten in Sicherheit leben wird oder ob die Bürger jahrelang von Luftangriffen geweckt werden und sich fragen, was auf ihrem leidgeprüften, brennenden Land noch alles zerstört wurde. Und inwieweit es uns gelingt, die russische Armee heute, im nächsten Jahr, im übernächsten Jahr und in den folgenden Jahren des Krieges in ihren Offensivaktionen zu stoppen, hängt davon ab, wo und wie dieser Krieg enden wird. Wenn es keine politische Grundlage für Verhandlungen gibt – und wir haben uns bereits darauf geeinigt, dass es keine gibt -, dann kann der Krieg nur in einem Waffenstillstand enden, nach welchem neue Kämpfe beginnen können. Oder nicht beginnen. Wenn Sie und ich verstehen, wie wichtig es ist, die westlichen Länder in diesen Prozess einzubeziehen, dann müssen wir auch verstehen, dass die Ukraine nach einem Waffenstillstand mit Russland, und sei er auch noch so kurz, ein Zeitfenster hat, das sie nutzen muss. Von daher ist das wirklich wichtige Ereignis heute nicht die Ankündigung eines Friedensgipfels oder das Gerede über Verhandlungen, die nicht stattfinden werden, sondern die Worte des französischen Staatspräsidenten Emanuel Macron, dass er im Falle eines Zusammenbruchs der ukrainischen Front die Entsendung französischer Truppen in die Ukraine in Betracht ziehen könnte, wenn Kyiv ihn darum bittet. Dies ist in der Tat ein weiterer politisch revolutionärer Moment, der zeigt, dass die westlichen Länder nicht daran interessiert sind, dass der ukrainische Staat von der politischen Landkarte der Welt verschwindet, und dass ihnen dies nicht gleichgültig ist, wie es in 1918-1920 war, als die erste ukrainische Unabhängigkeit leider in einem Fiasko endete. Damals befanden sich auch Truppen aus westlichen Ländern auf dem Territorium der Ukraine, aber sie zogen ab, und viele der Soldaten aus diesen westlichen Ländern standen auch unter dem Einfluss der bolschewistischen Propaganda, die zur Wiederherstellung des russischen Reiches eingesetzt wurde. Die Bolschewiki haben alle Mittel genutzt, um die Situation in den Streitkräften, die die Erhaltung der ukrainischen Unabhängigkeit hätte gewährleisten können, zu ihren Gunsten zu verändern. Sie wissen das alles sehr gut. Ich glaube, ich werde von Menschen gehört, die noch durch die Straßen von Jeanne Labour gegangen sind und sich daran erinnern, wie diese französische Kommunistin die Soldaten des französischen Korps von Odesa überzeugte und tatsächlich dazu beitrug, diese Stadt unter die Kontrolle des Russischen Reiches zu bringen, so wie Wladimir Putin jetzt davon träumt. Aber es gibt keine Jeanne Labour mehr. Natürlich gibt es Marine Le Pen, aber sie geht nicht an den Ufern von Odessa spazieren, und sie wirbt nicht um französische Matrosen, denn die sind noch nicht dort. Im Großen und Ganzen ist dies also auch ein wichtiges Signal. Dies ist ein Zeichen dafür, dass der Westen erkannt hat, dass die Erhaltung des ukrainischen Staates ein wichtiger Punkt für das Fortbestehen des Westens ist. Um einen direkten Zusammenstoß zwischen den westlichen Ländern und Russland zu vermeiden. Um einen verheerenden Atomkrieg zu vermeiden, der mit dem Tod von zig Millionen Europäern und der Verwandlung Europas in eine zivilisatorische Ödnis enden wird. Inwieweit kann das sein? Das kann es immer sein. Wenn eine Waffe an der Wand hängt, muss sie irgendwann schießen. Dies ist ein Gesetz des Theaters, das auch ein Gesetz der Politik ist. Wenn es Atomwaffen gibt und es keine wirkliche Reaktion auf Atomwaffen gibt, außer der Angst, dann wird es immer jemanden geben, irgendeinen Politiker, der diese Angst überwindet und diese Waffen zur Einschüchterung einsetzt und so weiter. Und wir wissen sehr wohl, dass Wladimir Putin zu dieser Kohorte von Politikern gehört, die bereit sind, in dieser Richtung zu handeln. In diesem Sinne ist dies also auch ein sehr wichtiger Punkt. Wir haben mehrere Momente. Wir haben einen Moment, in dem wir unsere diplomatische Formel verkünden und wollen, dass sie von mehreren Staatsoberhäuptern diskutiert wird. Wir sehen, dass sich die Russische Föderation aktiv gegen diese Formel wehrt. Wir sehen, dass die Volksrepublik China sich aktiv in das Spiel eingeschaltet hat. Und die Volksrepublik China schlägt bereits eine alternative Konferenz vor, bei der sich Russland und die Ukraine ohne Vorbedingungen an den Verhandlungstisch setzen und den Status quo, der jetzt zwischen den beiden Kriegsparteien besteht, festlegen sollen. Das heißt, ohne internationale Unterstützung für Gerechtigkeit. Gerade unter dem Gesichtspunkt der Position der Konfliktparteien. Und dies wird eine Ausweichmöglichkeit für Russland sein, wenn es merkt, dass seine Offensive auf ukrainische Stellungen ins Stocken geraten ist. Jetzt ist der Kreml überhaupt nicht an Verhandlungen interessiert. Der Kreml ist nur daran interessiert zu erfahren, bis zu welchem Punkt die russischen Streitkräfte in der Ukraine vordringen können und welche weiteren Teile der ukrainischen Regionen annektiert und der Russischen Föderation angegliedert werden können. Denn für Moskau ist die Frage der Annexion die Frage dieses Territoriums, mit dem der Verhandlungsprozess mit einer Ukraine beginnen wird, die nicht erobert werden kann. Mit dieser Ukraine, die nicht erobert werden kann, möglicherweise aber noch mehr zerstört werden kann. Aber es könnte ein Zeitpunkt kommen, an dem Russland erkennt, dass es nicht mehr weiterkommt, dass es keine Kraft mehr hat, aber auch keine politische Niederlage eingestehen will. Und in dieser Situation werden die Russen natürlich verkünden, dass sie zu Gesprächen ohne Vorbedingungen bereit sind. Anthony Blinkin war in Peking und warnte Peking vor den Folgen seiner Zusammenarbeit mit der Russischen Föderation. Am selben Tag war eine Delegation der Terrororganisation Hamas in Peking, um sich mit hochrangigen chinesischen Politikern zu treffen, und die amerikanische Delegation wurde nicht einmal über dieses Treffen informiert. Das ist eine regelrechte Mißachtung. Und die Chinesen machen auch keinen Hehl daraus, warum sie das tun. Der Minister für Staatssicherheit der Volksrepublik China betonte kürzlich in einem Artikel in einer der führenden chinesischen Zeitungen, dass für Peking die Politik des Chaos das Wichtigste sei und dass diejenigen, die Angst vor dem Chaos hätten, verlieren würden. Und Wladimir Putin ist zu demselben Schluss gekommen. Man muss verstehen, dass Länder wie Russland, die keinen ernsthaften wirtschaftlichen Vorteil gegenüber anderen haben, die keine moderne Armee haben, die eine westliche Armee wirklich besiegen kann, denn es ist eine Sache, in der Ukraine zu kämpfen, zumal wir sehen, was mit den russischen Truppen in der Ukraine seit fast zweieinhalb Jahren geschieht, wo sie in all dieser Zeit vorgerückt sind. Die einzige wirkliche Möglichkeit, ihren Einfluss geltend zu machen, besteht also darin, Chaos zu säen. Peking hat auch nicht viele Möglichkeiten, wie wir es verstehen. Denn die gesamte Wirtschaft des Landes hängt von der Zusammenarbeit mit der westlichen Welt ab. Und um seinen Einfluss zu demonstrieren, muss auch China Chaos säen. Und das ist der zweite Punkt, der in dieser ganzen Geschichte sehr wichtig ist.

Der dritte Punkt in dieser ganzen Geschichte, den wir ebenfalls im Auge behalten müssen, ist, dass sich die Situation dahingehend ändert, dass auch die westlichen Führer beginnen, eine rote Linie nach der anderen zu überschreiten, und wir müssen diese Gelegenheit, rote Linien zu überschreiten, nutzen. Weil diese Überschreitung der roten Linien es uns im Großen und Ganzen erlaubt, uns auf unsere eigene Sicherheit zu verlassen. Was ist das Konzept des Westens? Dass Russland früher oder später die Nutzsigkeit dieses Krieges erkennt und sich an den Verhandlungstisch setzt. Im Großen und Ganzen ist das genau das, was die Ukraine denkt. Je ernster unsere politische Position ist, desto mehr wird Russland die Hilflosigkeit seiner Bemühungen erkennen und sich an den Verhandlungstisch setzen. Dies ist ein falscher Standpunkt. Russland kümmert sich nicht um die Welt, in der es sich befindet, und die gesamte russische Geschichte hat dies bewiesen. Deshalb sollte unsere Position wie folgt lauten: Die Frage ist nicht, wann Russland sich an den Verhandlungstisch setzt, vielleicht nie. Die Frage ist, wie stark unsere Position sein wird, um die russischen Truppen zu stoppen und eine bestimmte Position festzulegen. Präsident Zelensky nannte einmal als mögliche Verhandlungsformel die Formel, mit der das so genannte Seeabkommen unterzeichnet wurde, als sich die russischen und ukrainischen Minister nicht einmal miteinander trafen, sondern mit dem Präsidenten von Türkei und mit dem Generalsekretär der Vereinten Nationen. Ich vermute, dass dies in einigen Jahren die Formel für einen russisch-ukrainischen Waffenstillstand sein könnte, wenn die Ukraine, Russland und der Westen erkennen, dass es keinen Weg gibt, mehr zu erreichen. Aber auf jeden Fall wird dieser Waffenstillstand, wie ich schon oft gesagt habe, auf hohem diplomatischen Niveau und unter Aufrechterhaltung der Erwartungen in der ukrainischen Gesellschaft erreicht werden, die noch jahrzehntelang bestehen werden. Und nicht die Ukrainer sollten für diesen Waffenstillstand bezahlen, sondern unsere westlichen Partner, auch mit Sicherheitsgarantien, mit der Beitritt der Ukraine zur NATO, denn er ist die einzige wirkliche Garantie dafür, dass der Krieg in der Ukraine nicht in ein paar Jahren wieder beginnt und Hunderttausende von ukrainischen Menschenleben fordert, und der Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union. All dies sollte ein integraler Bestandteil der Aufrechterhaltung der Sicherheit der Ukraine sein. Wenn Emmanuel Macron davon spricht, dass sich die Ukraine seinem Programm französischer Truppen in unserer Region anschließen kann, dann wäre es vielleicht besser, Sicherheitsgarantien zu geben als Truppen zu stationieren. Das ist auch eine gute Frage, und ich denke, die Antwort darauf ist

ganz einfach. Wenn es NATO-Truppen oder NATO-Länder in der Ukraine gäbe, hätte dies den russisch-ukrainischen Krieg nicht beendet. Aber wenn die Ukraine Mitglied der NATO wäre, würde dies dem russisch-ukrainischen Krieg ein Ende setzen. Denn das würde Wladimir Putin eine rote Linie vor Augen führen. Es gibt eine rote Linie, die die russischen Truppen nicht überschreiten können, denn dann handelt es sich bereits um einen nuklearen Konflikt. Und hier stellt sich eine gute Frage, inwieweit der russische Präsident zu einem solchen Atomkonflikt bereit ist. Ich gebe zu, dass eine solche Bereitschaft irgendwann einmal eintreten wird. Auch das ist eine absolut realistische Einschätzung der Lage. Wir wissen nicht, wie Russland nach einigen Jahren des Krieges aussehen wird. Das ist auch eine ganz offensichtliche Sache, man kann sehen, dass sich die ganze Situation in Russland ändert, dass sich die russische Führung entwickelt, weil sie sehr unzufrieden ist mit denen, die sie daran gehindert haben, ihr Projekt der Sowjetunion wiederherzustellen erfolgreich zu verwirklichen. Aber heute können wir feststellen, dass die politische Führung Russlands nicht bereit ist für einen nuklearen Konflikt. Das bedeutet, dass der Beitritt der Ukraine ein realistisches Rezept für das sein könnte, worüber wir hier sprechen.

Warum nicht jetzt verhandeln, fragt mich einer der Zuhörer. Wie viele Kinder werden im Laufe der Jahre noch zu Waisen werden?

Es ist unmöglich, eine Vereinbarung zu treffen, weil die Russische Föderation diese Vereinbarungen einfach nicht will. Die Russische Föderation hat ein einfaches Programm: die Zerstörung der ukrainischen Staatlichkeit. Dmitri Medwedew, der stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrates der Russischen Föderation, hat klar gesagt, wie man verhandeln soll. Die vollständige Ablehnung der Eigenstaatlichkeit der Ukraine, die Beschlagnahmung ihres gesamten Territoriums, die letzte Sitzung der Werchowna Rada der Ukraine, die den Beitritt der Ukraine zur Russischen Föderation proklamiert. Natürlich gibt es keinen ukrainischen Präsidenten, keine Regierung und kein Parlament, die darüber verhandeln könnten, denn sie haben kein entsprechendes Mandat des ukrainischen Volkes. Das Niveau solcher Vereinbarungen ist nicht in der ukrainischen Verfassung verankert. Die ukrainischen Bürger haben keinen einzigen Führer gewählt, der sagen kann: Es wird keine Ukraine mehr geben. Daher kann ich Ihnen nicht sagen, wie viele Kinder verwaist sein werden, weil wir mit Ihnen in einem langen Konflikt leben. Und dieser Konflikt steht erst am Anfang, und er kann sowohl für die Ukrainer als auch für die Russen verheerende Opfer mit sich bringen. Ja, dies ist ein Krieg der gegenseitigen Zermürbung zwischen zwei Völkern, von denen jedes ein Gebiet beansprucht, auf das das andere Anspruch erhebt. Das ist die Realität. Es gibt keine andere Realität, und wir werden sie vielleicht jahrzehntelang nicht haben, wir müssen für den Wandel kämpfen. Es ist also möglich, keine Einigung zu erzielen, sondern den Feind an einer bestimmten Linie zu stoppen, an der die ukrainischen Truppen jahrzehntelang stehen werden, so wie es im Nahen Osten der Fall ist. Dies ist das einzige Rezept für das Überleben der ukrainischen Nation in den 2030er Jahren dieses Jahrhunderts. Denn dies werden Jahre der Krisen und Kriege für die ganze Welt sein. Der Krieg in der Ukraine ist nur der Startschuss für die Vernichtung von Millionen von Menschen in verschiedenen Regionen der Welt. Sie und ich werden Zeugen von Kriegen werden, die die Welt noch nie gesehen hat. Machen Sie sich auf Bilder gefasst, die selbst Filmemacher, die utopische Filme gedreht haben, nicht gesehen haben. Aber wir können in der Ukraine Frieden schaffen. Wenn wir Mitglied der NATO werden. Wir müssen den NATO-Ländern sofort und schonungslos diese einfache Wahrheit vermitteln, dass der Beitritt der Ukraine zur NATO der einzige Weg ist, diesen barbarischen Krieg zu beenden. Aber die NATO-Länder sind, wie Sie wissen, noch nicht bereit für diese Einsicht. Ich erinnere Sie an den letzten NATO-Gipfel in Vilnius, wo die Ukraine sich auf diese Situation gehofft hat. Und der Präsident der Ukraine hat darauf bestanden, aber es ist nicht geschehen. Und ich glaube nicht, dass dies auf dem NATO-Gipfel in Washington geschehen wird. Aber wir müssen diese Linie umsetzen, da stimme ich zu.

Frage: Sie sagten, Ihre Vision vom Ende des Krieges sei die Erschöpfung der Parteien. Es stellt sich jedoch die Frage: Wie kann Russland erschöpft werden, wenn es von China unterstützt wird, das die Ideologie höher bewertet als die Wirtschaft?

China unterstützt Russland sehr behutsam. Er unterstützt Russland auf eine Art und Weise, die keine Sanktionen gegen seine Unternehmen nach sich ziehen wird. So sind die Möglichkeiten der Unterstützung Russlands durch China auch aufgrund der Abhängigkeit der Volksrepublik China von der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Westen begrenzt. Und wenn der US-Außenminister Anthony Blinkin sagt, dass wenn China die militärische und technologische Zusammenarbeit mit der Russischen Föderation nicht einstellen wird, werden die Vereinigten Staaten selbst Maßnahmen ergreift, dann weiß er, wovon er spricht. Die Vereinigten Staaten können mit China in der Sprache politischer Warnungen sprechen, oder sie können in der Sprache wirtschaftlicher Stationen sprechen. Ich möchte daher noch einmal darauf hinweisen, dass die Vereinigten Staaten China wirtschaftlich ernsthaft schaden können und dass der Präsident der Volksrepublik China, Xi Jinping, keinen Schaden anrichten möchte. China wird also mit Russland zusammenarbeiten, aber wird es dies mit voller Kraft tun? Nein, nicht in einer Weise, die ihm angelastet werden kann. Durch Nordkorea, durch einige Güter mit doppeltem Verwendungszweck, heimlich, aber das ist nicht die richtige Arbeit. Wenn der Westen hinter uns steht, können wir überleben, denn der Westen braucht sich nicht zu verstecken. Niemand kann Sanktionen gegen den Westen verhängen, denn er ist die stärkste Wirtschaftsmacht der Welt, aber er kann es gegen China, er kann es gegen Russland Sanktionen verhängen. Es ist also nicht nur ein Zermürbungskrieg zwischen der Ukraine und Russland, es ist ein Zermürbungskrieg zwischen Demokratien und Diktaturen. Und derjenige, der diesen Krieg gewinnt, wird der Herr der Zukunft sein, und die Ukraine ist nur ein Vorposten, eine Festung in diesem Krieg. Und wir müssen uns über unsere Rolle im Klaren sein, denn wir haben immer diese Situation.

Frage: Die NATO ist in erster Linie ein Wirtschaftsbündnis, und in der NATO muss man seinen Beitrag zahlen.

Absolut, aber die Ukraine gibt jetzt viel mehr Geld für ihren Militärhaushalt aus, als der in den NATO-Vorschriften festgelegte Prozentsatz. Wäre die Ukraine also NATO-Mitglied, wäre sie ein Beispiel für alle anderen NATO-Länder. Wir müssen uns daran erinnern, wie viel von unserem eigenen Haushalt, vom gesamten BIP, die Ukraine derzeit für militärische Bedürfnisse ausgibt. Auch das ist ein sehr wichtiger Punkt.

Frage: Sagen Sie uns bitte, warum Russland Ihrer Meinung erst nach dem Winter mit dem Beschuss der Energieinfrastruktur begonnen hat und nicht während des kalten Wetters? Ihre Meinung ist sehr interessant. Denn es gibt Möglichkeiten, denn das Luftabwehrsystem ist erschöpft, und Russland hat die Möglichkeit, die manövrierfähigen Heizanlagen der Ukraine zu zerstören.

Damals, als Russland darüber nachdachte, dies zu tun, hatte es keine solchen Möglichkeiten. Ich möchte Ihnen auch sagen, dass diese Angriffe noch nicht zu einem Energiekollaps in der Ukraine führen. Dadurch wird der ukrainische Energiesektor nicht zerstört. Vielleicht steckt hinter dem Angriff Russlands auf diese manövrierfähigen Wärmekraftwerke auch der Gedanke, die Fähigkeiten der ukrainischen Streitkräfte zu verringern. Die russische Armee bereitet sich auf eine groß angelegte Offensive gegen die Ukraine vor. Und das ist in etwa das, was wir jetzt tun, wenn wir die russische Ölraffinerien zerstören, denn Sie müssen verstehen, dass, wenn die Kraftstoffpreise in Russland steigen, wenn Russland weniger Öl verkauft, als es verkaufen sollte, hat es jetzt die Wahl zwischen der Versorgung der Armee und der Bevölkerung mit Öl und dem Verkauf ins Ausland. Und gleichzeitig erhält man durch den Verkauf von Öl ins Ausland die dringend benötigten Devisen, die dann benötigt werden, um der Armee und der Bevölkerung Geld zu geben. Jedes Land bereitet sich also auf einen militärischen Kampf mit dem anderen vor. Dies ist ein Zermürbungskampf, der nicht einen einzigen Monat, nicht einen einzigen Tag anhält. Besonders wenn man sich auf eine Offensive vorbereitet.

Frage. China hat in seiner Geschichte viele Revolten erlebt, und ich glaube nicht, dass die Ideologie für die chinesische Führung wichtiger ist als die Wirtschaft. Die chinesischen Kommunisten werden die wirtschaftlichen Beziehungen zum Westen nicht opfern.

Ich glaube auch, dass die chinesischen Kommunisten die wirtschaftlichen Beziehungen zum Westen nicht opfern werden. Aber wer glaubt, dass für Kommunisten die Wirtschaft wichtiger ist als die Ideologie, hat noch nie im Kommunismus gelebt. Wir haben gesehen, wie die sowjetischen Kommunisten die Sowjetunion zum Zusammenbruch gebracht haben, weil ihnen die Ideologie wichtiger war als die Wirtschaft. Und für die chinesischen Kommunisten ist die Wirtschaft nur dann wichtig, wenn sie ihre ideologischen Interessen nicht beeinträchtigt. Sonst wären diese Menschen keine Kommunisten, der Kommunismus ist immer ein Dogma. Wenn man das Dogma aufgibt, verliert man die Macht. Ich verstehe nicht, warum Sie an diesem Phänomen, wie eine kommunistische Ideologie aussieht, zweifeln. In dieser Hinsicht scheint es mir also logisch, darüber nachzudenken, was in unserem Leben geschieht.

Der Kampf wird nicht aufhören, bis wir das faschistische Moskau vollständig besiegt haben“, schreibt ein Nutzer.

Das glaube ich auch. Wir werden bis zum vollständigen Sieg über den russischen Totalitarismus kämpfen, aber der Kampf kann viele Formen annehmen und viele Jahrzehnte dauern. Selbst wenn wir einen vollständigen und endgültigen Sieg nicht im Jahr 2025, sondern im Jahr 2125 erringen. Es wird trotzdem ein Sieg sein. Der Sieg ist eine historische Sache. Der Gewinner ist derjenige, der einen historischen Sieg erringt, dieser Staat. Und das, denke ich, sollte auch unser Ziel sein. Wenn wir in 50-60 Jahren einen Tag haben, an dem wir sagen: wir haben endlich gesiegt, wir haben alles zurückbekommen, wir haben uns darauf geeinigt, dass Russland seine Schuld zugegeben hat und Reparationen zahlt, dann macht das den Sieg nicht kleiner. Daran sollten wir immer denken. Japan und die Sowjetunion haben nach dem Zweiten Weltkrieg kein Friedensabkommen geschlossen, weil Japan auch nach seiner Kapitulation nicht akzeptiert hat, dass es die Kurilen, die in Japan als nördliche Gebiete bezeichnet werden, verloren hat. Es gibt kein Friedensabkommen zwischen Japan und der Russischen Föderation. So enden Kriege oft. Auch der russisch-ukrainische Krieg kann in dieser Phase so enden. Aber es wird 50 Jahre, 70 Jahre dauern, und Ihre Kinder oder Enkelkinder sehen, wovon Sie sprechen. Wir müssen uns heute auf eine lange historische Strecke einstellen. Ich will es noch einmal sagen. Und was die ukrainischen Behörden jetzt vorlegen, ist praktisch eine Jahrhundertformel. So sollten wir ihn auch behandeln.

Aber wie wird der Krieg enden, wann wird er enden? Wie wird die Kontrolle der ukrainischen Behörden über das ukrainische Gebiet aussehen? Und wie viele Menschen werden bis zu unserem endgültigen Sieg in diesem Gebiet leben? Das ist eine ganz andere Frage, die in anderen Sendungen diskutiert werden kann. Und wenn die Ukraine überlebt, wird sie gewinnen.

Die Hilfe ist da. Wie geht es weiter? | Vitaliy Portnikov @Bereza_Boryslav. 24.04.24.

Beresa. Nun, Joe Biden unterzeichnete ein Gesetz, das der Ukraine, Israel und Taiwan Hilfe gewährt, und in den Sümpfen begann das Gejammer. Wir hatten eine seltsame Situation. Aus irgendeinem Grund waren viele Ukrainer besorgt darüber, ob Biden das Gesetz unterschreiben würde oder ob der Senat darüber abstimmen würde. Und das geschah, nachdem der Kongress seine Stimmen abgegeben hatte. Ich verstehe nicht, warum es so eine Hysterie gab, vielleicht kannst du es erklären. Und die nächste Hilfe der USA für die Ukraine ist nur eine weitere Etappe, seien wir ehrlich. Ja, es geht um eine Menge Geld, aber dies ist nur eine weitere Etappe. Und wir müssen dafür sorgen, dass diese Hilfe nicht die letzte bleibt. Was wird die Regierung tun, was sollten wir alle tun und worauf sollten wir uns konzentrieren?

Portnikov. Erstens weiß ich nicht, warum jemand Angst vor einer Abstimmung im Senat hatte, geschweige denn vor der Unterschrift des Präsidenten. Im Prinzip hätte es einige Probleme geben können. Hätten sich die Senatoren gestern nicht darauf geeinigt, dass der Gesetzesentwurf nicht geändert werden soll, und ich möchte Sie daran erinnern, dass die Abstimmung zu diesem Thema im Senat 50 zu 48 war. Wenn, sagen wir, das Ergebnis anders ausgefallen wäre, hätten mehrere Senatoren für die Notwendigkeit von Änderungen gestimmt. Und dann wäre eines der Gesetze des Pakets geändert worden, um zum Beispiel die humanitäre Hilfe für die Bevölkerung in Gaza zu erhöhen, worauf Senator Sandars bestanden hat. Dann wären diese vier Gesetzentwürfe an das Repräsentantenhaus zurückgegangen, wo sie in einer Woche erneut geprüft worden wären. Wir wissen nicht, inwieweit die Republikaner bereit gewesen wären, über einen Gesetzesentwurf abzustimmen, der die Änderungen in der Höhe der humanitären Hilfe vorsieht. Damit würde sich in Bezug auf die Möglichkeiten der Hilfeleistung alles sehr schnell wieder ändern. Dass der Senat so abgestimmt hat, ohne Aussprache, nach einem verkürzten Verfahren und mit nur wenigen Senatoren, die nicht so viel gesprochen haben, wie es normalerweise der Fall wäre, diesen Gesetz zu verabschieden. Senat trat am Mittwoch zusammen, um den Gesetz zu verabschieden, und er wurde am Dienstag verabschiedet. Dies erforderte ein sehr energisches Vorgehen des Mehrheitsführers der Demokraten, Chuck Schumer, und des Minderheitsführers der Republikaner, Mitch McConnell. Sie mussten den Widerstand ihrer Kollegen überwinden. Die Senatoren sind, wie Sie wissen, nicht mit Mitgliedern des Repräsentantenhauses gleichzusetzen, sie sind Leute, die eine viel größere Bevölkerungsmenge vertreten, sie haben ernsthafte politische Karrieren, sie sind in der Regel Veteranen der amerikanischen Politik. Es gab dort einige Vertreter der Republikanischen Partei, wie Senator Wentz, der generell gegen die Hilfe für die Ukraine ist. Es war eine komplizierte Situation, um ehrlich zu sein. Es ging darum, den Prozess zu verzögern. Im Prinzip gab es also Optionen, aber ich war der Meinung, dass es einen gemeinsamen Willen gab. All diese Konsultationen, die der Präsident Biden mit demSprecher Johnson, mit Schumer, mit McConnell, mit McCain hatte, mussten auf die eine oder andere Weise zu einem positiven Ergebnis führen. Ich denke, du hast bemerkt, dass der Senat während der Osterferien tagte. Für Senator Schumer zum Beispiel, der als erster Jude Mehrheitsführer im Senat ist, ist dies ein absolut unglaublicher Moment. Dennoch unterbrach er die Ferien der Senatoren. Er hat den Senat sogar gezwungen, an den Tagen zu arbeiten, die als Feiertage vorgesehen waren. Es bestand also durchaus der Wunsch, die Frage der Hilfe so schnell wie möglich zu klären. Aber es stimmt, dass dies im Prinzip das letzte amerikanische Hilfspaket sein könnte. Das könnte es sein. Ich weiß nicht, wie offensichtlich das jetzt ist, denn alles wird von den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten abhängen, davon, wie der Kongress aussehen wird. Denn die Frage ist nicht einmal, wer der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein wird. Die Frage ist, ob der nächste US-Präsident, ob Donald Trump oder Joseph Biden, in der Lage sein wird Entscheidungen im Kongress durchzusetzen, die auf die eine oder andere Weise mit der Hilfe zusammenhängen werden. Denn auch dieser Kongress verlangt vom Präsidenten der Vereinigten Staaten etwas, was es im Prinzip nicht gibt. Es ist eine Strategie für den Sieg der Ukraine. Wie lange die Vereinigten Staaten unserem Land Unterstützung gewähren werden. Es geht um 62 Milliarden, und was ist mit dem nächsten Haushaltsjahr? Wie lange kann das so weitergehen? Ein Jahr, zwei Jahre, fünf Jahre? Denn der Westen weiß im Prinzip nicht, wie man aus dieser Situation herauskommt, und wir wissen es auch nicht. Da alles nicht vom Westen und nicht von uns abhängt, sondern, sagen wir, von der Widerstandskraft Russlands, davon, wie weit Präsident Wladimir Putin diesen Zermürbungskrieg geplant hat. Wie lange wird Russland über wirtschaftliche, soziale und demografische Ressourcen verfügen? Ich glaube nicht, dass irgendjemand jetzt weiß, was man mit dieser Krise anfangen soll, außer sie zu überleben. Ich erwarte also keine konkrete Strategie von Präsident Biden. Ich denke, solange der Westen glaubt, dass das Ende des Krieges am Verhandlungstisch stattfinden wird, kann es auch nicht anders sein. Es sollten Verhandlungen geben, wie Biden sie sieht, als Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland, bei denen die Ukraine in einer starken Position sein wird, oder Verhandlungen, wie Trump sie sieht, dass er eine Einigung mit Putin erzielt und damit das Ende erreicht ist. Solange die Politiker in dieser Illusion leben, wird der Westen keine Strategie zur Bewältigung der Ukraine-Krise haben. Weil der Westen sie klassisch wahrnimmt, und auch wir nehmen sie bis zu einem gewissen Grad klassisch wahr. Es gibt gravierende Unterschiede in unserer Wahrnehmung, in der russischen Wahrnehmung und in der westlichen Wahrnehmung. Denn wir spielen ein Nullsummenspiel, sowohl wir als auch die Russen. Der Westen ist sich aber sicher, dass es irgendwie notwendig sein wird, eine Einigung zu erzielen, aber es ist nicht klar, wie, insbesondere für den Westen. Deshalb befinden wir uns im Grunde genommen in einem politischen Sackgasse. Und es kann passieren, dass wir aus dieser Sackgasse im Prinzip nicht herauskommen. Auch das muss man verstehen. Und aus militärischer Sicht ist das eine ganz andere Analyse. Mit anderen Worten: Die Hilfe soll der Ukraine helfen, zumindest die Aggression der russischen Truppen abzuwehren, die möglicherweise im Begriff sind, neue Regionen der Ukraine zu erobern. Vielleicht zwingt das Wladimir Putin dazu, seine Pläne zu ändern. Die Hilfe sollte es der Ukraine ermöglichen, neue Luftabwehrsysteme sowohl für die Armee als auch für die Zivilbevölkerung zu bekommen. Denn wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Pläne von Wladimir Putin, die Ukraine in ein Land, dass nicht für Leben geeignet ist, zu verwandeln, weiter umgesetzt werden, wenn es keine Luftverteidigung gibt. Wir sehen, wie sich die Bemühungen um die Zerstörung von Charkiw intensiviert haben. Ich denke, dass das mit den Grenzstädten ständig passieren wird, es wird sich verschärfen, er wird eine so genannte Sanitärzone schaffen, erstens, um es leichter zu machen, diese Sanitärzone in der Zukunft einzunehmen, und zweitens, um von dieser Sanitärzone, wenn sie eingenommen ist, weiterzuziehen, um neue Sanitärzonen zu schaffen, das ist aus seiner Sicht eine praktische Salamitaktik. Das einzige wirkliche Argument gegen diese Taktik sind also Luftabwehrsysteme da, wo sie in der Regel wirksam sind. Wir wissen, wie schwierig es ist, dies in Charkiw zu tun, aber es ist einfacher, dies in Städten zu tun, die weiter von der Frontlinie und von der Staatsgrenze zur Russischen Föderation entfernt sind. Ich denke, dass hier nicht viel von den ukrainischen Behörden abhängt. Denn die ukrainische Regierung kann sich für die ukrainischen Interessen einsetzen, die ukrainische Regierung kann auf den Standpunkt ihrer Verbündeten hören, aber wir haben ein globales Problem, das nicht von der ukrainischen Regierung abhängt, wie ich schon einmal gesagt habe, sondern davon, wie der Westen die Lösung der Probleme sieht. Und solange der Westen diese Situation mit Standardlösungen lösen will, hängt im Prinzip nichts von der ukrainischen Regierung oder der ukrainischen Gesellschaft ab, denn diese ukrainische Regierung kann nur die westliche Regierungen zu überzeugen versuchen, uns zu helfen. Wenn man objektivere Informationen, wie sie Mike Johnson im letzten Monat erhalten hat, darüber erhält, was wirklich passiert, könnte sich die Situation hinsichtlich der Bereitschaft bestimmte Gesetzesentwürfe zur Abstimmung zu stellen ändern. Ich glaube jedoch, dass die wichtigste Frage, auf die die westlichen Politiker keine Antworten haben, die ist, was als nächstes kommt. Wenn einer von ihnen auch nur versucht, in dieser Frage Fortschritte zu machen, wie es Emmanuel Macron getan hat, Russland zu sagen, dass man, wenn es so weitergeht, sogar eigene Truppen in die Ukraine schicken könnte, dann beginnt sofort eine große Hysterie. Das heißt, dieses Konzept: „Wir müssen nichts tun, damit Russland uns nicht einmal verdächtigt, einen direkten Konflikt mit ihm zu haben“. Ich spreche jetzt über den eigentlichen Kern dieser ganzen Situation. Deshalb hat Olaf Scholz gesagt, er könne Taurus nicht geben, und er hat es heute wieder gesagt. Denn alle Politiker, selbst diejenigen, die Donald Trump dazu überredet haben, der Ukraine zu helfen, schließen die Möglichkeit einer Präsenz ihrer Truppen in der Ukraine aus. Genau das hat David Cameron, der ehemalige Premierminister und jetzige Außenminister des Vereinigten Königreichs, gesagt. Er sagte, dass es hier keine britischen Truppen geben würde, und das ist jemand, der offensichtlich einen echten Einfluss auf Trump hatte, weil er wusste, wie er mit ihm reden musste. Es gibt noch viele weitere Beispiele dafür. Wenn wir zum Beispiel über das Luftverteidigungssystem sprechen, warum kann Jordanien iranische Raketen abschießen, die auf seinem Territorium auf Israel zufliegen, ohne Angst zu haben, und wir sprechen über Dutzende von Raketen und Drohnen, Hunderte. Und Polen will nicht eine einzige russische Rakete abschießen. Auch dies ist eine bezeichnende Situation. Es gibt also bestimmte Axiome, Axiom Nummer eins. Ein Konflikt zwischen einem Atomblock und einer Atommacht ist unmöglich, und wir müssen alles tun, um ihn zu vermeiden. Axiom Nummer zwei. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine sollte auf dem international anerkannten Territorium der Ukraine stattfinden und nicht die Grenzen der Ukraine überschreiten. Die Russische Föderation muss in Frieden leben, damit sie nicht den Verdacht hat, dass der Westen mit ihr im Krieg ist. Dies ist Axiom zwei, das über Axiom eins hinausgeht. Axiom drei. Der Krieg muss am Verhandlungstisch beendet werden. Der einzige Unterschied in den Axiomen besteht darin, ob die Ukraine in einer starken oder in einer schwachen Position an diesem Verhandlungstisch sitzen sollte. All diese Axiome sind nicht wahr. Und wir leben in denen. Und alle diese Axiome, diese drei Regeln für die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges, machen ihn erstens zu einer russischen Sonderoperation auf dem Territorium der Ukraine und lassen zweitens nicht die geringste Aussicht auf ein Ende dieses Krieges in absehbarer Zeit zu. Es besteht weiterhin die Möglichkeit, diesen Krieg von einem Krieg hoher Intensität in einen Krieg niedriger Intensität umzuwandeln. Vorausgesetzt, die Russische Föderation verfügt nicht über die militärischen und demografischen Ressourcen um diesen Krieg fortzusetzen, was noch in weiter Ferne liegt. Wenn der Russischen Föderation Ende 2024 oder Anfang 25 die Reserven ausgehen, wenn sie nur das Geld ausgeben muss, das sie einnimmt, wenn sie die Rekrutierung nicht mit dem Geld, das sie einnimmt, finanzieren kann, vorausgesetzt, dass Wladimir Putin keine echte Mobilisierung durchführen will, dann wird der Krieg weniger intensiv sein, er wird nicht enden und es wird keine Verhandlungen geben, er kann weniger intensiv sein. Im Übrigen habe ich bereits gesagt, dass ich den Eindruck habe, dass wir in den Augen Russlands die Station von Minsk, was die Realität der Verhandlungen angeht, durchgefahren sind. Das müssen auch diejenigen verstehen, die uns ermutigen, mit Moskau zu verhandeln. So sehen die Russen heute jeden Verhandlungsprozess, selbst wenn er beginnt. Die Minsker Station, so wie sie aussah, war eine Verhandlung über einen Konflikt in einem souveränen Staat, bei der Russland vorgab, ein Vermittler in diesem Konflikt zu sein, zusammen mit anderen vermittelnden Staaten, Frankreich und Deutschland. Aber gleichzeitig wurde die Souveränität der Ukraine nicht geleugnet. Und die Tatsache, dass die Oblaste Donezk und Luhansk ukrainische Gebiete sind, hat dazu geführt, dass Russland an die Geschichte der Besetzung der Ostukraine genauso herangegangen ist, wie an die Geschichte der Besetzung Transnistriens. Sie erkennen Transnistrien immer noch als integralen Bestandteil der Republik Moldau an. Aber sie kontrollieren dieses Gebiet. Und das war Minsk. Wir haben sozusagen das Stadium der georgischen Verhandlungen nach dem Krieg von 2008 bereits hinter uns gelassen, als Russland einen bestimmten Teil des ukrainischen Territoriums zu unabhängigen Staaten erklärte und die Frage ihrer Abspaltung von der Ukraine nicht diskutiert wurde, wohl aber die Frage des Einfrierens des Konflikts. Das war während der Verhandlungen in Istanbul, die von der Russischen Föderation simuliert wurden. Das ging ziemlich schnell, in ein paar Wochen. Damals war Russland bereit, mit der Ukraine als souveränem Staat zu sprechen, allerdings unter der Bedingung, dass die Ukraine die tatsächliche Kontrolle über die von Russland besetzten Gebiete Donbas und Krim aufgibt. Genauso wie Georgien nach den Friedensgesprächen 2008 die tatsächliche Kontrolle über die Gebiete Abchasien und Südossetien aufgegeben hat. Diese Station wurde bereits durchlaufen. Wir nähern uns jetzt der dritten Station, wenn wir über die Verhandlungen sprechen. Das ist der Punkt, an dem Russland die Ukraine als eine rebellische Provinz betrachtet, die kein Staat ist und keine Anzeichen von Staatlichkeit aufweist. Aber mit einer solchen Provinz, weil sie mit Hilfe ihrer Kämpfer einen Krieg gegen die Metropole führt, wie Russland unsere Streitkräfte wahrnimmt, kann ein Waffenstillstand geschlossen werden. Diese Station ist geografisch, sie heißt Chassawjurt. Es handelt sich um den Frieden, den Russland einst mit Tschetschenien geschlossen hat. Es wird so getan, als ob es ein Verhandlungsgegenstand wäre, aber in Wirklichkeit wird die Ukraine als rebellische Provinz betrachtet, die früher oder später zerstört werden muss. Sie wird zerstört. Ich glaube, dass wir über so etwas nicht verhandeln können, denn wir sind ein souveräner Staat, und wir sollten nur dann verhandeln, wenn wir als souveräner Staat betrachtet werden und man bereit ist, unsere Integrität innerhalb international anerkannter Grenzen anzuerkennen. Diese anderen Verhandlungsversuche werden lediglich einen bestimmten Waffenstillstand zu Folge haben, der über kurz oder lang zum Zusammenbruch unseres Staates führen wird. Eher früher als später. Und das muss man einfach verstehen. Deshalb betone ich immer wieder, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine nicht am Verhandlungstisch beendet werden kann. Und keine Hilfe von 62 Milliarden oder 150 Milliarden, kein Gerede darüber, uns alle modernen Waffen zu Verfügung zu stellen, die der Westen hat, und man hat es nicht vor, wird diesen Konflikt lösen. Denn wir können den Feind von unseren Grenzen, auch den international anerkannten, vertreiben, wenn man uns eine Menge moderner Waffen gibt. Aber dann werden uns genau diese Leute, die uns diese Waffen geben werden, an Händen und Füßen festhalten, damit wir die Staatsgrenze der Russischen Föderation nicht überschreiten, Gott bewahre, denn sonst wird es einen Atomkrieg geben, und sie wissen immer noch nicht, was sie im Falle eines nuklearen Bombardements der Ukraine tun werden. Sie haben auch auf diese Frage keine Antwort. Es gibt weder strategische Unsicherheit noch strategische Gewissheit. Russland hingegen hat eine strategische Ungewissheit. Russland selbst weiß nicht, ob es einen Atomschlag durchführen wird oder nicht. Und der Westen hat keine Ahnung, wie er reagieren wird. Entweder mit bewaffneten Mitteln oder durch die Verschärfung von Sanktionen oder durch die Aufnahme von Personen in die Sanktionsliste, die direkt an der Zerstörung einer bestimmten ukrainischen Stadt oder der ukrainischen Armee in einigen Positionen beteiligt sein werden. Und das wollen sie natürlich mit aller Macht verhindern. Wenn wir also vorstellen, dass wir den Feind aus allen besetzten Gebieten vertrieben haben, bedeutet das nicht, dass dieser Feind in den kommenden Jahren keine Kräfte sammeln wird, um uns erneut anzugreifen. Es bedeutet einfach nichts. Sicherheit kann man nicht kaufen, und das ist ein wichtiger Punkt. Für kein Geld. Die Vereinigten Staaten haben nicht das Geld, um ukrainische Sicherheit zu kaufen. Die gesamte Europäische Union verfügt nicht über so viel von Geld. 60 Milliarden, 50 Milliarden, 300 Milliarden lösen dieses Problem nicht. Denn Sicherheit lässt sich, wie die Liebe, nicht mit Geld kaufen. Sicherheit wird, wie die Liebe, nur durch gegenseitiges Engagement erwirkt. Es ist nicht wie beim einfachen Sex: Wenn man verliebt ist, heiratet man und geht gegenseitige Verpflichtungen ein. Und wenn man befriedigt werden will, dann befriedigt man seine Leidenschaft eben auf dem Heuboden. Im Prinzip kann man sogar Geld geben, wenn man das will. Aber es löst nicht das Problem der gegenseitigen Verpflichtungen. Man schuldet nichts und ihm wird auch nichts geschuldet. Man küsst sich, läuft weg und vergisst. Das ist unser Verhältnis zum Westen. Ich denke, wir sollten auf der Ehe bestehen. Nur die Ehe, nur gegenseitige Verpflichtungen geben der Ukraine eine Chance, auf der politischen Landkarte der Welt im 21. Jahrhundert zu bestehen. Eine weitere Chance ist natürlich der Zusammenbruch Russlands. Natürlich wird das auch für uns eine Katastrophe sein, denn der Zusammenbruch Russlands, von dem viele sprechen, der Bürgerkrieg in diesem Land, der Kampf zwischen den Regionen wird die Ukraine in ein Hotel für Bürger der Russischen Föderation verwandeln. Und unsere Verbündeten werden uns Geld dafür zahlen, dass wir Millionen von Bürgerkriegsflüchtlingen in Lagern auf unserem Territorium unterbringen. Wir werden so tun, als wären wir die Türkei Europas, so wie die Türkei syrische Flüchtlinge aufnimmt, so werden wir russische Flüchtlinge aufnehmen, und die Entwicklung der Ukraine wird völlig abgewürgt werden. Und wieder sagen unsere Bürger, die mir jetzt zuhören: „Aber wir werden das niemals zulassen.“ Keiner wird Sie fragen.

Beresa. Nein, ich verstehe genau, wie das passieren kann, sehr gut.

Portnikov. Und ich sage das nicht als ein Theoretiker. Ich bin jemand, der die Flüchtlingslager in Mazedonien, dem heutigen Nordmazedonien, zusammen mit Präsident Bill Clinton besucht hat, der extra nach Mazedonien gereist ist, um zu zeigen, wie die Vereinigten Staaten Mazedonien unterstützen. Und hier muss man eine einfache Sache verstehen. Mazedonien hatte einen ernsten Konflikt mit den örtlichen Albanern, sogar einen militärischen Konflikt, es war ein kurzer Krieg. Und natürlich wurden die einheimischen Albaner in dieser Situation vom Kosovo aus unterstützt. Dies war ein komplizierter Prozess während des Zerfalls Jugoslawiens. Und für die ethnischen Mazedonier war es ganz offensichtlich, dass die Zahl der ethnischen Albaner in dem Gebiet zunahm. Für Mazedonien, wie die lokale Presse es damals nannte, Hotel Mazedonien, für die mazedonische Nation war das eine Katastrophe. Aber es konnte nichts unternommen werden. Denn die Vereinigten Staaten und die EU-Länder sagten: „Ihr wollt Stabilität und Sicherheit. Ihr wollt, dass wir euch vor Belgrad verteidigen. Sie möchten die Verhandlungen mit Griechenland fortsetzen. Nun, es tut uns leid, wir können diese Flüchtlingen nirgendwo anders hinschicken, wir müssen sie bei Ihnen unterbringen. In eurem Land, nicht in Albanien“. Ich erinnere mich daran, weil ich monatelang über all das berichtet habe. Und ich verstehe sehr gut, wie das sein wird. Aber wie gesagt, das ist eine Fantasiesituation. Mit Russland ist bis jetzt nichts passiert, während die Bevölkerung dort mehr Erwartungen an unseren Zusammenbruch hat als wir an ihren. Was müssen wir also tun? Wir müssen unser Sicherheitsmodell schützen. Hilfe ist gut. Das Fehlen einer strategischen Vision für die Beendigung des Krieges, die Formel, dass die Bedingung für den Beitritt der Ukraine zur NATO ihr Sieg über Russland sei, die Präsident Zelensky bei seinem letzten Besuch in Washington von Präsident Biden zu hören bekam, ist jedoch eine falsche Formel.

Beresa. Unser Zuschauerin fragt: Ist es möglich, dass die US-Hilfe mit einem Angriff auf Kyiv in naher Zukunft zu begründen ist? Frau Zuschauerin, und alle, die dasselbe fragen. Ein Angriff auf Kyiv ist aus vielen Gründen unmöglich. Und das nicht nur, weil die Russen nicht stark genug sind, und nicht nur, weil sie in den Richtungen, die nach Kyiv führen, nichts bewegen könne ohne das jemand sehen würde. Und nicht, weil es an diesen Orten keine Konzentration der russischen Streitkräfte gibt und sie ihre Truppen nicht sammeln können. Dafür gibt es viele Gründe. Ein Angriff auf Kyiv ist eine russische Desinformationskompnie, die schon seit Monaten im Spiel ist. Hören Sie nicht auf Informationsquellen, die Informationen verbreiten, die nicht wahr sind, nicht auf offizielle Quellen, die Sie überprüfen können. Okay, man muss ukrainischen Quellen nicht glauben. Aber es gibt amerikanische, britische und deutsche Quellen. Sie wären die ersten gewesen, die es gesehen hätten und die ersten, die geschrien hätten: „Seht her, sie haben dort Kräfte konzentriert.“

Portnikov. Ich bin generell dagegen, dass wir die russischen Fähigkeiten überbewerten. Das ist schon in Ordnung. Russland hat seine eigenen Fähigkeiten. Wir können sie sehen. Wir sehen die Konzentration von Truppen in bestimmten Gebieten. Wir sehen die Rekrutierung von Soldaten in die russische Armee für Geld und Versuche, die Zahl dieser Soldaten auf eine bestimmte Zahl zu bringen. 300.000 oder 400.000. Wir sehen, wo all diese Menschen konzentriert sind. Aber wir müssen ganz klar verstehen, dass die Russen ihre Grenzen haben. Es gibt demographische Beschränkungen. Sie haben natürlich ein riesiges Mobilisierungspotenzial. Aber auf jeden Fall sind sie jetzt eher in der Offensive. Sie verheizen gerade eine Menge Leute. Auf jeden Fall müssen sie monatelang Leute ausbilden, und das geschieht jetzt in ganz bestimmten Gebieten. Vor allem im Osten der Ukraine. Nicht einmal im Süden. Und hier liegt die Hauptkonzentration ihrer Gruppierung. Um Kyiv oder einen anderen Ort in der Ukraine anzugreifen, muss man eine große Anzahl von Truppen in diesem Gebiet konzentrieren. Warum hat der Blitzkrieg überhaupt nicht stattgefunden? Weil es eine schizophrene Vorstellung gab, dass Kyiv in drei Tagen eingenommen werden könnte. Wie viele Truppen waren dort? Im Kiewer Sektor befanden sich 36.000 Mann. Und für die Einnahme einer Stadt mit eineinhalb bis zwei Millionen Einwohnern nach den Regeln der Militärwissenschaft braucht man mindestens 150.000 Mann. Denn erstens muss man das Gebiet durchqueren, und zweitens muss man auf der Straße kämpfen. Und selbst die seriösesten, bestausgebildeten Armeen der Welt haben immer wieder vor Millionenstädten Halt gemacht, wie wir schon das Beispiel der israelischen Armee vor Beirut erwähnt haben, die dort monatelang stand und nicht einmarschiert ist.

Beresa. Sie schätzten die möglichen Verluste.

Portnikov. Weil sie natürlich die möglichen Verluste abgeschätzt haben. Die Russen mussten dasselbe tun. Aber wir wissen, dass Putin, als er Truppen nach Kyiv schickte, davon ausging, dass es keinen Widerstand gegen diese Truppen geben würde. Er schickte Paradebataillone, die einfach in Kyiv einmarschieren sollten, das ohne Widerstand zurückgelassen werden würde. Und dann wären die russische Polizeikräfte gekommen und hätten die Städte von politisch unzuverlässigen Bürgern gesäubert. Das ist das, was drei Tage ausmacht. Mehr war nicht nötig. Jedem ist klar, dass zur Einnahme von Kyiv ganz andere Dinge erforderlich sind. Erstens, die Konzentration einer großen Gruppe auf dem Territorium von Belarus. Zweitens die Konzentration einer großen Gruppierung im Norden der Ukraine in der Nähe der Grenzen der Russischen Föderation. Drittens, eine ernsthafte Bombardierung Kyivs mit Raketen und Drohnen, um seine Infrastruktur vor der Offensive zu zerstören. Diejenigen, die die Stadt verteidigen würden, hätten keine Möglichkeit des infrastrukturellen Widerstands. Kein Strom, kein Wasser, kein dies und kein das. Auch dies ist angesichts des Vorhandenseins von Luftabwehrsystemen nicht sehr praktikabel. Mit anderen Worten: Es gibt viele Aufgaben, die vor der Zerstörung von Kyiv und vor seiner Einnahme gelöst werden müssen. Vielleicht können wir die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Dämme des Kiewer Meeres mit Raketen bombardiert werden könnten. Aber das muss auch geschehen und wirksam sein. Und noch einmal: Es muss eine Gruppierung geben, eine lebendige Gruppierung. Derzeit ist diese Gruppierung auf dem Territorium der Republik Belarus nicht präsent. Daher können wir die Situation anders beurteilen. Im Prinzip verstehen wir, was die russische Armee tun will. Was sind ihre Pläne für die kommenden Monate? Sie will die gesamte Region Donezk und Luhansk einnehmen. Sie könnten versuchen, die Regionen Saporischschja und Cherson zu erobern. Einfach deshalb, weil es sich um die Gebiete handelt, die jetzt in der so genannten russischen Verfassung genannt werden. Sie will versuchen, die Gebiete in der Region Charkiw und darüber hinaus zurückzuerobern, aus denen die Russen im Jahr 2022 vertrieben wurden. Warum? Erstens, weil es ein Sprungbrett für weitere Offensiven ist. Zweitens, weil es genau solche Eroberungen sind, die es ermöglichen, über das Chasawjurt zu sprechen, von dem ich bereits erzählt habe. Das ist der Weg zu einem Waffenstillstand, wenn er nötig ist. „Da wir alle unsere verfassungsmäßigen Territorien zurückerobert haben, werden wir, wenn wir Charkiw erobern, dort schnell ein Referendum abhalten und es annektieren. Und der Rest des Gebiets ist natürlich auch russisch, aber dort gibt es eine Konzentration von Kämpfern, gefährlichen Elementen, Terroristen. Und jetzt haben wir weder die Möglichkeit noch den Wunsch, sie zu zerstören, denn das wunderbare russische Volk wird große Verluste erleiden. Und wir werden eine Zeit lang Pause machen, damit Russland wieder zu Kräften kommt, aber unser gesamtes Gebiet wird von der russischen Armee kontrolliert. Dort gibt es ein friedliches, glückliches Leben.“ Auf jeden Fall zielt diese Idee und die Idee, Kyiv oder andere ukrainische Regionen zu erobern, eindeutig darauf ab, die gesamte Ukraine zu erobern und eine militärische Präsenz in Uschhorod zu errichten, denn das ist ein echter Weg, das europäische Projekt neu zu gestalten. Aber das ist ein Wunsch. Und das ist die politische Realität. Wir müssen verstehen, dass wir es nicht mit Marschall Schukow zu tun haben, sondern mit Marschall Beria, dass dies ein Mann ist, der politisch handelt. So sind sie jetzt politisch eingestellt. Im Prinzip ist das alles kalkuliert. Wladimir Wladimirowitsch Putin ist kein hochentwickelter Computer oder eine künstliche Intelligenz. Er ist eine Lubjanka-Amöbe. Und es ist leicht zu berechnen, was er will. Wenn er schwer zu berechnen wäre, hätte er schon längst mehr erreicht. Denn wenn man jedem, der diese Sendung schaut die Aufgabe stellen würde – und wir sind keine Leute mit präsidialen Ämtern -: „Wie kann Russland in drei Schritten seinen vollen Einfluss auf die Ukraine etablieren?“, hätte jeder von uns eine bessere Option gefunden, als es Putin und seine Gefolgschaft gefunden haben. Sogar mehr als eine Option. Aber wenn man mit euch nicht Schach spielen will, sondern euch nur mit einem Messer, einer Kettensäge, was immer sie zur Hand haben, in Stücke schneiden will, dann wisst ihr im Grunde, was er als nächstes tun wird und wie ihr sich dagegen wehren können. Ihr wisst, dass ihr es nicht mit einem komplizierten Plan zu tun habt, sondern mit einem Messer, einer Kettensäge und eventuell einer Kalaschnikow, einem Marschflugkörper, einer ballistischen Rakete, einer Drohne, aber nur mit diesem Arsenal. Ihr wisst auch, dass ihr es mit Geld zu tun haben werden, mit einer gewissen Menge davon. Und wieder mit dem Axiom, dass, wenn man euch einen Koffer voller Geld, oder fünf Koffer geben wird, ihr das akzeptieren musst, weil alle prostituieren, alle, hir kommen wir wieder zurück zur Liebe. Wenn man das alles nicht glaubt, denkt man, dass alle Menschen keine Werte, keine Ideen, keine Identität und nur Geld und Waffen haben. All dies wird in einem wunderbaren Buch namens Banditski Petersburg beschrieben. Oder sogar in ein paar Büchern. Über all diese Menschen, über ihre Mentalität. Ich habe viele Male mit diesen Leuten gesprochen, ich erinnere mich an alles, was sie mir immer gesagt haben, von der heute vergessenen Teeparty mit Sobtschak und Putin in Smolny im Jahr 1991 oder 1992 bis zu meinen Gesprächen mit diesen Leuten im Jahr 2013, meinen letzten derartigen Gesprächen, als ich noch mit denen reden und mir diesen ganzen Unsinn anhören konnte. Und außer der Situation hat sich nichts geändert, aber da ich von Menschen spreche, von den Plänen von Menschen, über die ich nicht nur theoretisiere, die ich gesehen habe, mit denen ich gesprochen habe, mit denen ich den größten Teil meiner Jugend und meines jungen Erwachsenenlebens verbracht habe, glaube ich nicht, dass ich mich in ihren Plänen und Hoffnungen irre. Und gerade weil sie solche Idioten sind, scheitern sie. Sie waren sich absolut sicher, dass es keine amerikanische Hilfe geben würde.

Beresa. Glaubst du, sie waren sicher, dass wir keine Hilfe bekommen würden? Aber es war ein großer Fehler, das zu glauben. Weil alles 50:50 stand.

Portnikov. Der einzige von ihnen, der einigermaßen realistisch dachte, war Dmitri Midwedew, der sagte, dass die Amerikaner uns sowieso helfen würden. Aber er war einer der wenigen, und die meisten waren sich sicher, dass nichts passieren würde. Wenn wir jetzt die Geschichte der Hilfe analysieren, sprechen wir sofort über die Entwicklung von Mike Johnson.

Beresa. Was hat die Entwicklung von Mike Johnson beeinflusst?

Portnikov. Die Informationen, die er erhielt.

Beresa. Informationen, Kommunikation mit religiösen Persönlichkeiten. Er ist sehr religiös, wirklich.

Portnikov. Richtig, wir sprechen von einer Person, die sich an Werte hält.

Beresa. Ja, und er kann unter dem Druck der Tatsachen Entscheidungen ändern.

Portnikov. Richtig, und Informationen, die sich auf seine Wertvorstellungen auswirken. Oder nehmen wir Donald Trump, der auch mit David Cameron und Anzhei Duda gesprochen hat und danach bei diesem Thema vorsichtiger geworden ist, warum? Donald Trump ist vielleicht kein Mann der Werte, aber er ist ein Mann, der glaubt, dass er Verbündete braucht, dass er die Interessen der Menschen berücksichtigen muss, mit denen er zusammenarbeiten will. Das ist ein geschäftlicher Ansatz. Aber das sind immer noch die Ansätze von Leuten, die etwas zählen und sich in einer bestimmten Welt sehen, wie Johnson als Mann der Werte und Trump als Mann der Geschäftsabsprachen, der die Interessen potenzieller Verbündeter berücksichtigen muss, wenn sie nicht im Widerspruch zu seinen Interessen stehen. Wenn Sie also mit David Cameron, den Sie seit Jahren kennen, zu Mittag essen und er sagt: „Donald, im Prinzip wird dir dadurch nichts Schlimmes passieren. Im Gegenteil, du wirst die Sympathie jener republikanischen Wähler bekommen, die glauben, dass wir der Ukraine und Israel helfen müssen, und stell dir vor, was das Ergebnis wäre, wenn du den Sieg Israels blockierst“.

Beresa. Und dann wurde ihm auch noch das Argument genannt, dass er die Unterstützung derjenigen bekommen könnte, die für Nikki Haley stimmen wollten, die sich bei den Republikanern für die ukrainische Frage eingesetzt hatte. Und es ist bereits offiziell bekannt, dass sie eine Umfrage zu diesem Thema durchgeführt haben und eine Umfrage ergab, dass es eine große Nachfrage nach einer solchen Entscheidung unter den Republikanern gibt. Deshalb gibt es ja auch solche Veränderungen. Und du hast gesehen, was er danach gesagt hat: „Jonson hat alles gut gemacht, und es gibt keinen Grund, Druck auf ihn auszuüben“. Wir haben Trump als Präsident der Vereinigten Staaten erlebt. Er ist ein klassisches Beispiel für einen Pragmatiker. Ja. Putin ist ein klassisches Beispiel für einen Zyniker. Das ist kein Pragmatismus, sondern Zynismus. Das ist der Glaube, dass man alles mit Gewalt und Geduld erreichen kann. Dass es keine anderen Methoden gibt.

Beresa. Sag mir bitte, du hast mehrmals gesagt, dass dies die Option Chasawjurt ist. Ich habe eine Frage. Nur weil ich es mit meinen eigenen Augen gesehen habe. Warum Russland das Abkommen unterzeichnet hat, ist mir klar. Sie haben sich eine Auszeit genommen um aufzurüsten, um an ihren Fehlern zu arbeiten, um die Armee neu zu besetzen. Warum haben die Tschetschenen dem zugestimmt? Sie wussten, dass Russland die Vereinbarungen verletzen würde. Und sie haben es trotzdem unterzeichnet. Was hat sie zur Unterzeichnung bewogen?

Portnikov. Erstens: Es war ein langer Krieg, ein Zermürbungskrieg. Und zweitens: die Delegitimierung der Macht. Vor Chasowjurt wurde Dschochar Dudajew getötet. Sie unterzeichneten das Hassovyurt-Abkommen nicht mit dem rechtmäßigen Präsidenten der Tschetschenischen Republik Itschkeria, sondern mit dem stellvertretenden Präsidenten der Tschetschenischen Republik Itschkeria, Zemenkhan Mendarbiyev, der kein Mandat des Volkes hatte und für den es wichtig war, den Krieg auszusetzen, um zumindest Wahlen für einen rechtmäßigen Präsidenten abzuhalten. Das war die Logik des Augenblicks. Und sie haben Dudajew nicht zufällig getötet, denn sie haben Dudajew getötet als sie diese Version des Abkommens vorbereiteten. Und wenn ich jetzt übrigens sage, dass der Auftakt dazu ein Versuch sein wird, Zelensky zu delegitimieren und zu vernichten, dann glaube ich auch, dass das ein echter Teil dieses Plans ist. Wenn es ein Attentat auf Zelensky gibt, bedeutet das, dass Russland sich auf so etwas vorbereitet. Sie werden nicht versuchen, ein solches Abkommen mit Zelensky zu unterzeichnen. Sie würden ein solches Abkommen mit dem stellvertretenden Präsidenten der Ukraine unterzeichnen wollen. Und auch hier wird man mir sagen, dass ich Zelensky auf eine Art Podest stelle. Auch Dschochar Dudajew war kein Musterbeispiel für Demokratie. Er war der erste Präsident im postsowjetischen Raum, der das Parlament auflöste. Er war die erste Person im postsowjetischen Raum, die in Tschetschenien ihre eigene Ein-Mann-Herrschaft errichtete. Und der Krieg Tschetscheniens mit Russland hat Dudajew praktisch die gleichen Möglichkeiten gegeben, die wir jetzt in der Ukraine erleben, nämlich seine eigene Macht zu stärken und praktisch jede Opposition mit seinen eigenen Entscheidungen, die nicht immer zeitnah und kompetent sind, zu nivellieren. Das stimmt, aber wir sprechen hier nicht über die Persönlichkeit von Dzhokhar Dudayev oder die Persönlichkeit von Volodymyr Zelensky. Allerdings lassen sich hier gewisse Parallelen erkennen. Hier geht es um den Kampf der Russischen Föderation gegen die Institutionen der vom Volk gewählten Führer der Entitäten, mit denen sie Krieg geführt hat. Im Falle der tschetschenischen Republik Itschkeria handelte es sich um eine selbsternannte Unabhängigkeit, in unserem Fall ist es eine legitime Unabhängigkeit. Ein echter Staat, der international anerkannt ist. Die Tschetschenen haben eine solche Anerkennung nicht erreicht. Aber auf jeden Fall wurden beide Führer vom Volk gewählt und genossen großes Vertrauen in der Bevölkerung. Und die Vernichtung von Dudajew, der zum Zeitpunkt seines Todes sehr viel weniger populär war, so wie Zelensky heute sehr viel weniger populär ist als zum Zeitpunkt seiner Wahl, gab den Russen die Möglichkeit, ein solches Abkommen, einen Waffenstillstand, zu schließen. Daher kann dies auch eine der wichtigen Voraussetzungen für den Abschluss eines solchen Friedens sein. Ich denke nicht, dass wir dem unbedingt zustimmen müssen. Ich sage nur, was Putin oder Patruschew durch den Kopf gehen könnte, wenn sie über eine Konfliktlösung nachdenken.

Beresa. Sag mir bitte, wie die Ukraine darauf reagiert hat, dass Victoria Sparts, eine Senatorin aus Indiana, einen Änderungsantrag gegen die Ukraine eingebracht hat, was vielen in der Ukraine nicht gefallen hat. Wenn ich es lese, verstehe ich, was die Leute fühlen. Dann betrachte ich das Verhalten von Bernie Sanders, dem unabhängigen Senator aus Vermont. Er ist sehr beliebt, ein Star der Linken, ein Star der Freepalistain. Übrigens ist er ein Nachkomme polnischer Juden, die nach dem Holocaust in die Vereinigten Staaten ausgewandert sind, und eine Person, die sich selbst als jüdisch bezeichnet. Und so wie er Israel bekämpft , habe ich bei niemanden sonst in diesem Senat so gesehen. Er tut es mit aller Macht, systematisch, und er hat übrigens versucht, die Hilfe für Israel einzustellen. Er hat auf Zeit gespielt.

Portnikov. Und auf diese Weise könnte er es versäumt haben, der Ukraine zu helfen.

Beresa. Ja, und das verstehen wir alle. Dann habe ich angefangen zu lesen, was israelische Quellen dazu sagen. Und sie sagen, dass man mit ihm kommunizieren muss, dass man herausfinden muss, wer ihn beeinflusst, dass man ihn überzeugen muss. Zwei unterschiedliche Ansätze. Glaubst du, dass eine große Anzahl von Republikanern die Ukraine nicht unterstützt und dagegen gestimmt hat? Ist es notwendig, mit allen zu kommunizieren? Ich spreche nicht von Marjorje Taylor Green. Dies ist eine klinische Geschichte, wir verstehen hier alles. Sie arbeitet nur für eine Person, sie konzentriert sich auf ihn und arbeitet ihre Rolle ab. Aber müssen wir mit den anderen zusammenarbeiten, mit Lobbyisten, religiösen Führern, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, der lokalen Diaspora, mit all denen, die immer Einfluss auf die Meinung nehmen. Und auch mit den Wählern. Oder ist das etwas, das nach der Wahl passieren wird?

Portnikov. Nein, nein, nein, so funktioniert das nicht. Man muss in der realen Politik, wenn wir über die Politik der Vereinigten Staaten von Amerika und anderer Länder sprechen, mit den Machthabern zusammenarbeiten. Das Problem ist, dass die Menschen in der Ukraine eine Person und ein paar Manager neben ihr als Machthaber wahrnehmen und die Abgeordneten nicht als Subjekte der Macht betrachten. Denn am Ende werden sie so abstimmen, wie man es ihnen sagt. Das ist unsere Logik. Warum mit Kongressabgeordneten reden? Wir müssen mit Biden, mit Trump sprechen. Und das ist nicht so einfach. Amerikanische Wähler stimmen nicht für anonyme Leute wie die Ukrainer, nur weil sie jemanden mögen und dieser jemand ihnen gesagt hat, sie sollen für diese und jene Person stimmen. Natürlich ist der Einfluss von Donald Trump auf die Amerikaner sehr groß, aber wir haben gesehen, dass, als Donald Trump anfing einige seiner anonymen Unterstützer für den Kongress zu nominieren, viele von ihnen verloren haben. Ganz einfach, weil die Wähler sie nicht kannten. Das gilt vor allem für den Senat, wo es für eine unbekannte Person sehr schwierig ist, in den Senat zu kommen, das ist etwas Unglaubliches. Man muss also mit den Kongressabgeordneten zusammenarbeiten, man muss ihre Wähler dazu bringen, ihnen Briefe zu schreiben, man muss mit ihren Assistenten zusammenarbeiten, man muss Briefings für sie vorbereiten, man muss Analysen für sie erstellen, für alle, die dagegen stimmen oder zögern. Denn diese Menschen wählen oft so, weil sie einfach unwissend sind. Sie haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen. Victoria Sparts ist sich dessen natürlich bewusst. Das ist ein Diskussionsthema, würde ich sagen, eine ernsthafte Diskussion, eine Erklärung, wo ihre Prioritäten liegen, wo sie falsch liegt, wo sie sich irrt. Aber man muss auch mit Victoria Spars so reden, dass sie ihren eigenen Wählern ihre Stimme angemessen verkaufen kann. Das Gleiche gilt für den Umgang mit Abgeordneten. Ihre Werte, ihre Aufgaben. Übrigens, ich weiß nicht mehr, wo und in welcher Ausgabe, aber Andriy Yarmak hat einen Artikel über die Ukraine als Land des Bibelgürtels und der christlichen Werte veröffentlicht. Und viele Leute waren überrascht, dass er das geschrieben hat, aber andererseits ist das der richtige Ansatz, und wir sprechen hier über die Position vieler republikanischer Kongressabgeordneter. Dies geschieht nicht durch das Verfassen von Artikeln, die man schreibt und morgen wieder vergisst. Dies geschieht durch systematische, ernsthafte Arbeit. Wo es ein bestimmtes Glaubenssystem gibt, muss man eine Person mit ähnlichen politischen Ansichten schicken. Damit ihn jemanden, der ihm nahe steht, überzeugen konnte. Für mich war es einmal eine gewisse politische Lektion, als König Hassan II. von Marokko beschloss, dass er Kontakte zu Kuba, der Republik Kuba von Fidel Castro, braucht. Wen, glaubst du, hat der marokkanische König nach Kuba geschickt, um in seinem Namen mit Fidel Castro zu verhandeln?

Beresa. Wenn es ein Marokkaner war, weiß ich es ehrlich gesagt nicht, ich kann nur raten, es musste ein Militär sein.

Portnikov. Nein, es war der Generalsekretär der marokkanischen Partei des Fortschritts und des Sozialismus, Genosse Ali Yato, also der Kommunistischen Partei Marokkos. Und wie du verstehst, hatte Genosse Ali Yato keine ernsthafte Position inne, spielte keine ernsthafte Rolle.

Beresa. Aber er stand geistig den Kubanern nahe, die im Paradigma der Kommunistischen Partei und der Zukunft des Kommunismus lebten.

Portnikov. Es kam ein Mann aus Marokko, ein Kommunist. Er sagte: „Wir wollen Beziehungen zu euch aufbauen“. Das ist viel effektiver, als wenn ein Prinz käme. Man konnte mit dem Genossen Ali Yato eine Zigarre rauchen und über die Arbeiterbewegung sprechen. Das ist eine andere Ebene. Aber wenn wir glauben, dass wir ausschließlich als Regierung agieren und die Opposition an den Rand drängen und Menschen mit anderen politischen Ansichten ausgrenzen. Wir verstehen, dass die derzeitige Regierung keine politischen Ansichten hat. Sie sind einfach nicht gebildet. Das ist der Grund, warum wir dieses Ergebnis haben. Wir können nur auf das Beste hoffen, sozusagen.

Beresa. Erinnerst du dich noch daran, wie die Kommunistische Partei in der Türkei gebildet wurde?

Portnikov. Sie war schon vorher da. Oder meinst du, als Mustafa Kemal ihre Führung zerstörte? Er gründete seine eigene kommunistische Partei, und als Wladimir Lenin ihm türkischen Kommunisten schickte, versenkte er das Schiff im Bosporus. Ich erinnere mich an diese Geschichte. Aber auf jeden Fall ist dies ein Spiel der Überzeugung. Das ist ein absolut logisches Spiel.

Beresa, ich habe ein paar enge Freunde, die in Kontakt mit Victoria Spars stehen. Sie sind amerikanische Staatsbürger, und ich habe sie gefragt: „Bitte sagen Sie mir, was sie von der Ukraine hält“. „Sie hat eine positive Einstellung zur Ukraine“, sagte er, und er sagte: „ich habe mit ihr gesprochen, sie hat Fragen an Ihre Regierung“. Und ich sage: „Okay, aber sie projiziert ihre Haltung gegenüber der Regierung auf den Staat, und das ist so falsch“. Er sagt: „kommuniziert mit ihr, arbeitet mit ihr zusammen“. Ein anderer Freund von mir, ein religiöser Jude, hat mit ihr kommuniziert. Und er sagte: „sie ist ein Naturtalent, sie sagt, dass der Ukraine geholfen werden muss, aber sie hat ihre eigenen Ansichten, die wirklich von dem überlagert werden, was in ihrem Bezirk passiert“. Und das Interessanteste ist, dass er sagt, wo sie an der Oberfläche liegt, wo man mit ihr zusammenarbeiten und maximale Ergebnisse erzielen kann. Das ist ein Plus von einer Stimme, sie gilt als der Star ihrer Partei. Sie wollte ihre politische Karriere jetzt beenden. Es ist nicht wie bei Mariana Bezugla, die sich irgendwo einschleusen will, sich einschleust, und niemand nimmt sie auf. Hier ist es anders, sie will gehen, und sie sagen, nein, die Partei braucht dich, du kannst gewinnen, du sammelst Stimmen, wir brauchen dich. Das ist interessant.

Portnikov. Wir müssen auch eine wichtige Sache verstehen, die meiner Meinung nach hier nicht immer verstanden wird. Sie hat ihre zivilisatorische Wahl getroffen. Ihre ethnische Herkunft ist sicherlich eine wichtige Sache, aber eine Person kann ihre ethnische Herkunft entweder als wichtigen Teil ihrer Identität betrachten oder nicht. Daran ist nichts Schlechtes oder Kriminelles. Identität ist etwas, das sich im Laufe des Lebens verändern kann. Ein Mensch lebt nicht unbedingt sein ganzes Leben lang mit einer Identität. Die Identität verändert sich unter dem Einfluss der eigenen Wahl und unter dem Einfluss der Lebensumstände. Oder sie ändert sich nicht. Ich habe sehr viele ethnische Ukrainer gesehen, die sich entweder für eine sowjetische oder später für eine russische Identität entschieden haben. Sie standen mir nahe. Und sie waren sehr überrascht, dass ich immer eine ukrainische Identität gewählt hatte, zumindest politisch und kulturell. Diese Menschen können sehr lange in der Liste geführt werden. Ein Mensch, der mit einer doppelten Identität lebt, ist auch normal. Das sind alles verschiedene Varianten der Norm. Ein Staat kämpft um die Identität seiner Bürger. Zum Beispiel kämpft die Republik Irland um die Identität von Joseph Biden. Die Iren freuen sich, dass Joseph Biden sich weiterhin als Ire, als Amerikaner irischer Abstammung, bezeichnet, obwohl er kein reinrassiger Ire ist. Aber Donald Trump erwähnt fast nie seine irische Abstammung, die fast die gleiche ist wie die von Joseph Biden, und er erwähnt sie auch nie. Er ist kein Ire, aber Joseph Biden ist politisch gesehen ein Ire. Erinner dich an die Geschichte, als ein BBC-Korrespondent Biden nach den US-Präsidentschaftswahlen ansprach und sagte: Sagen Sie unseren Zuschauern wenigstens zwei Worte, Herr Präsident, und Joseph Biden sagte zwei Worte: „ich bin Ire. Ich bin Ire ist eine Identität.

Beresa. Übrigens ist bei dem von mir erwähnten Bernie Sanders die gleiche Geschichte wie Victoria Spears. Er hat sich entschieden, solche Positionen zu vertreten.

Portnikov. Und es gibt Tausende, wenn nicht Millionen von Juden in den Vereinigten Staaten von Amerika, die solche Positionen vertreten.

Beresa. So wie eine große Anzahl von Juden in der Ukraine.

Portnikov. Es gibt nicht so viele Juden in der Ukraine, aber es ist trotzdem eine Tatsache. Israel hat immer für seine Diaspora in Amerika gekämpft, in dem Bewusstsein, dass es Millionen von Menschen gibt, die die gleichen Positionen wie Israelis haben, und dass es Juden gibt, die andere Positionen haben. Das ist normal. Und wir werden mit einer millionenschweren ukrainischen Diaspora leben, die nur wachsen wird, wenn dieser Krieg weitergeht. Und wir müssen verstehen, dass es in der Zukunft eine Situation geben kann, in der es, relativ gesehen, 25-30 Millionen Ukrainer in der Ukraine geben wird. Und dort, im Westen, in Europa, in den Vereinigten Staaten, wird es 25-30 Millionen Ukrainer geben, vielleicht 20, vielleicht 15, das ist immer noch eine Frage der Geburtenrate, richtig? Und diese Ukrainer können andere Positionen vertreten als die Hauptbevölkerung der Ukraine. Wenn diese Menschen ihre ukrainischen Pässe behalten und wählen gehen, werden ihre Stimmen darüber entscheiden, wie die Bevölkerung in der Ukraine selbst leben wird. Außerdem können die Stimmen dieser Menschen viel fortschrittlicher und genauer sein als die der ukrainischen Bevölkerung. Die in der Ukraine lebenden Menschen werden ein für alle Mal die Möglichkeit verlieren, die Ukraine in den Dreck zu ziehen. Das könnte passieren. Übrigens das, was mit der Bevölkerung der Republik Maldova passiert ist. Gäbe es keine Diaspora, würde die Republik Maldova ausschließlich von Kommunisten und prorussischen Kräften regiert werden. Die pro-demokratischen Kräfte in der Republik Moldau haben nur dank der ausländischen Bürger der Republik Moldau gewonnen. Die ukrainische Diaspora ist also die einzige Chance für die Ukraine nicht in die russische Einflusssphäre zurückzufallen, keine Populisten zu wählen, keine Idioten zu wählen, denn die Bevölkerung, die hier bleiben wird, wird durch den Krieg traumatisiert sein, wird eine Überlebensbevölkerung sein, wird schnelle Lösungen wollen, wird für den erstbesten Gauner stimmen, und wird wieder Bedingungen für das Verschwinden der Ukraine von der politischen Landkarte der Welt schaffen. Und die ukrainische Bevölkerung, die sich in anderen Ländern aufhalten wird, wird, wenn sie ihre ukrainische Identität, ihre Staatsbürgerschaft und ihren Wunsch, an politischen Prozessen teilzunehmen, beibehält, die Ukraine so sehen wollen, wie sie in den Ländern ist, in denen sie zu leben wünschen. Diese Menschen können die Herrscher über die Geschicke der Ukraine werden. Ich verstehe, dass dies für diejenigen, die in der Ukraine geblieben sind, unangenehm klingt. Aber das mag eine historische Tatsache sein, denn die gesamte europäische Geschichte spricht dafür. Ich will damit sagen, dass die Iren in den Vereinigten Staaten von Amerika, die Italiener in den Vereinigten Staaten von Amerika oder die Juden in den Vereinigten Staaten von Amerika ihre Nationalstaaten beeinflusst haben, sie haben sie auf unterschiedliche Weise beeinflusst. Dies ist bei der Bevölkerung, die sich dafür entschieden hat, in den Ländern ihres ständigen Wohnsitzes zu bleiben, oft nicht der Fall. Auch das ist ein sehr wichtiger Punkt, den wir nicht vergessen dürfen.

Beresa. Der Bericht des US-Außenministeriums über die Menschenrechte in dem von der Regierung kontrollierten Gebiet der Ukraine listet Menschenrechtsprobleme auf, die von Verstößen gegen die Redefreiheit bis hin zu Korruption auf höchster Ebene in der Regierung reichen. Es gibt viele Themen, und zum Beispiel wird der Fernsehmarathon als ein Problem erkannt, das der Regierung eine enorme Kontrolle über die Medien verschafft hat, nicht nur bei der Berichterstattung über den Krieg, sondern auch bei der Durchsetzung ihrer eigenen Agenda, was, gelinde gesagt, demokratischen Standards widerspricht. Es gibt eine Vielzahl anderer Berichte über das Fehlen eines unabhängigen Gerichts und alles andere. Sag mir bitte, dass die Ukraine trotz der Beobachtungen Amerikas Geld erhalten hat. Ist dies geschehen, weil sie dem Staat und nicht der Regierung Geld gegeben haben? Es stellt sich also die Frage, was wir als nächstes tun sollten und welche Schlussfolgerungen wir aus diesem Bericht ziehen sollten. Denn der Bericht wurde zeitgleich mit der Abstimmung im Senat an die Öffentlichkeit gebracht.

Portnikov. Wir alle wissen sehr wohl, dass unsere europäische und sogar euro-atlantische Integration für viele Jahre in Vergessenheit geraten kann, wenn die Ukraine kein Land hat, das sich an die offensichtlichen Standards hält. Und wir werden im Wartesaal der Europäischen Union bleiben, der seit Jahrzehnten von der Türkei und jetzt von Serbien besetzt wird, ganz gleich, was wir tun. Und natürlich wird es immer Fragen geben, ob wir nach dem Krieg finanzielle Unterstützung erhalten. Jetzt wird uns als Opfer geholfen. Aber wir werden noch andere Hilfen brauchen, um die Wirtschaft wieder aufzubauen, Investitionen. Wer gibt Hilfen oder investiert in ein Land, in dem es keine unabhängige Justiz gibt? Kein Idiot wird investieren. Wer wird einen Staat ernst nehmen, der keine Eigentumsgarantien hat? Und die Garantien des Eigentums sind unabhängige Medien. Denn Sie wissen, dass die Behörden das Gericht kontrollieren können, dass sie Ihnen Ihre Fabrik, Ihren Laden oder eine andere Produktion oder ein anderes Geschäft wegnehmen werden, und danach werden Sie nicht einmal in der Lage sein, öffentlich darüber zu berichten, weil die Regierung und die Medien die Kontrolle haben, also sitzen Sie natürlich da und warten in diesem Empfangsraum, bis sie Sie aufrufen. Das ist ein großes Problem. Ich denke, wir wissen bereits, was in dem Bericht des Außenministeriums der Vereinigten Staaten steht. Das ist nichts Neues. Wir sprechen seit dem ersten Tag über diesen Fernsehmarathon. Es war vom ersten Tag an eine Kartellabdprache. Ich habe dies schon viele Male gesagt. Die Bereitschaft der Regierung, Oligarchen die Möglichkeit zu geben, Geld aus dem Staatshaushalt der Ukraine zu erhalten. Wir haben eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, die ab 24. Februar 2022 verpflichtet sein sollte, den Standpunkt des Staates zu verbreiten und die Öffentlichkeit mit gesellschaftlich wichtigen Informationen zu versorgen. Dies ist etwas anderes. Wenn andere Sender ihre Nachrichtensendungen abschalten wollten, konnten sie sie einfach abschalten. Es war möglich, die militärische Zensur einzuführen, von der ich seit 2014 spreche und die die Übertragung von für die nationale Sicherheit sensiblen Informationen einschränken. Ich spreche nicht von Berichten über den Chervinsky-Prozess, sondern über den Standort der militärischen Produktion oder einiger sensibler Einrichtungen. Ich spreche nicht davon, dass die Adressen der ukrainischen Militärunternehmen in den staatlichen Registern der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Wir brauchen keine Journalisten, keinen Marathon, wenn wir in einer solchen Idiotie leben. Aber der Marathon selbst hat nichts mit der Gewährleistung der Informationssicherheit des Landes zu tun. Das hat nur mit dem korrupten Abkommen zwischen dem Staat Ukraine und seinen reichsten Leuten zu tun, deren Namen schon lange bekannt sind. Und übrigens ist es erstaunlich, dass in dieser Situation sowohl die Leute, die mitgemacht haben, als auch die Leute, denen gesagt wurde, ihr werdet nicht hier sein, weil wir euch nicht kontrollieren können, und die Leute, die nicht mitmachen wollten, gibt, oder? Wir wissen, dass es sich dabei um eine Umverteilung handelte, dass Kolomoisky, Finchuk, Firtasch und Ljowotschkin gerne in dieses System eingebunden waren. Und Poroschenkos Sender und der Sender Espresso wurden nicht nur von der Teilnahme am Marathon, sondern auch von der digitalen Ausstrahlung ausgeschlossen. Achmetow hat das Fernsehgeschäft ganz aufgegeben und sich nicht an diesem Plan beteiligt. Wenn sie also nicht hätten mitmachen können und nichts passiert wäre, dann ist das eine gute Frage. Und das ist es, was das Außenministerium sagt und was die Botschafter der Gruppe der sieben wiederholt gesagt haben. Das beeindruckt hier niemanden. Warum? Weil die Regierung darauf vertraut, dass dem ukrainischen Staat geholfen wird, egal was er tut. Das ist sicherlich richtig, aber das wird nicht ewig so bleiben, und auch das müssen wir verstehen. Es ist unmöglich, Belarus des Lukashenkos mit dem Geld der Vereinigten Staaten, der EU und des Vereinigten Königreichs aufzubauen. Es ist nicht möglich. Lukashenkos Belarus wird nur mit dem Geld der Russischen Föderation aufgebaut.

Beresa. Ich möchte noch zwei Punkte hinzufügen, die mir aufgefallen sind. Du erklärst mir, dass es noch bis jetzt keine so harte öffentliche Enthüllung gegeben habe, weil sie hofften, dass sich die Situation in der Ukraine im 2023 verbessert. Die Situation mit Einschränkungen der Meinungsfreiheit, auch für Medienvertreter, einschließlich Gewalt oder Gewaltandrohung gegen Journalisten. Es kommt zu ungerechtfertigten Verhaftungen oder Verfolgungen von Journalisten sowie zu Zensur. Und mir wurde gesagt, dass der Verfolgung von Journalisten besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird m, zum Beispiel der Überwachung von Journalisten des SZND des SBU für Bigus Info, zum Beispiel Yuriy Nikolov, zum Beispiel die Geschichte jetzt, wo die Abteilung für Gegenwehr einem Journalisten unter dem Kommando der Abteilung, der TCC, eine Vorladung zur Militärdienst als Strafe zustellt, nicht um die Pflicht zu erfüllen sondern als Strafe

Portnikov. Ich musste erröten und davon erzählen, wie ich in meiner Wohnung ein Abhörgerät gefunden habe, und wir wollten wissen, was es war. Und jeder versteht, was dies war. Und bis jetzt haben wir diese offizielle Antwort noch nicht erhalten? Zwei Jahre. Auch das spricht Bände.

Beresa. Es sagt viel aus, wenn der Präsident in seiner Pressekonferenz sagt: „Was auch immer Sie wollen, die Person, die den Befehl zum Ausspionieren von Journalisten gegeben hat, ist entlassen worden. Es interessiert mich nicht, wer das angeordnet hat“. Nun, ja, in der Tat, der Befehl interessiert ihn nicht. Drei Personen könnten ihn erteilt haben. Der Befehl könnte von Jarmak, Tatarow oder Zelensky gegeben worden sein.

Portnikov. Auf jeden Fall ist die Frage nicht, dass der Präsident nicht interessiert ist. Das Problem ist, dass es das amerikanische Außenministerium interessiert, wie sich herausstellte.

Beresa. Das ist sehr interessant. Es ist auch für das US-Außenministerium von Interesse. Und wir können sehen, dass, wenn unsere Regierung jetzt keine Konsequenzen zieht, sich das Rad weiterdrehen wird. Ich hoffe, dass sie klug genug sind, um Schlussfolgerungen zu ziehen. Aber ich bin mir nicht sicher. Ich bin mir nicht sicher, denn es gab bereits Beispiele. Ist die Weigerung des Außenministeriums, Pässe auszustellen, ein Versuch, Druck auf die Dienstverweigerer auszuüben?

Portnikov. Soweit ich weiß, gibt es bereits einen Beschluss des Ministerkabinetts?

Bereza. Der Beschluss des Ministerkabinetts, habe ich etwas verpasst, kannst du das bitte erklären?

Portnikov. Nun, ja, es gibt einen Beschluss des Ministerkabinetts, wonach es verboten ist, männlichen ukrainischen Staatsbürgern im Alter von 18 bis 60 Jahren im Ausland Pässe auszustellen. Es ist nicht mehr das Außenministerium, es ist eine echte Resolution.

Beresa. Aber der Beschluss wurde nicht öffentlich gemacht, er war zunächst geheim. Das Problem ist, dass das nicht funktionieren wird. Das Problem ist, dass das Hauptziel darin bestand, diese Menschen zu motivieren in die Ukraine zu kommen um in den Streitkräften zu dienen. Das funktioniert einfach nicht. Und hier geht es nicht um Schuld oder Unschuld, sondern um loose-loose, auf beiden Seiten. Als ich übrigens die Warteschlangen sah, habe ich mich gefragt, wie sie alle weggekommen sind, es gab riesige Schlangen. Und wenn unsere europäischen Partner sagen, dass es in Europa etwa 900.000 Männer im wehrfähigen Alter gibt, von denen etwa 500.000-600.000 unrechtmäßig die Ukraine verlassen haben, dann macht das zweieinhalb bis drei Milliarden Dollar aus, wenn wir berücksichtigen, dass jeder von ihnen etwa 5.000 Dollar für die Ausreise bezahlt hat. Nun werden diese Menschen nicht zurückkommen, das ist uns klar, aber das wird sie zwingen, sich schneller in diese Gesellschaften zu integrieren. Dann stellt sich die Frage: Was kommt zuerst, die Gerechtigkeit oder das Gesetz?

Portnikov. Ich denke, dass dies in erster Linie für die innenpolitische Agenda gedacht ist. Das ist sozusagen die Ausnutzung des Rechtsempfindens. Ich glaube auch, dass es verfassungswidrig und illegal ist, egal was wir sagen, und dass es Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und so weiter geben kann. Aber auch hier gilt: Jede Entscheidung der Behörden muss…

Beresa. Das kann es nicht. Ich habe mich heute mit dem EGMR beraten. Der EGMR sagt, dass es in der Konvention keinen direkten Verweis auf eine solche Formel gibt. Das Einzige, worüber man sich beschweren kann, ist also der Eingriff in das Privatleben. Da gibt es Punkte, aber es ist sehr schwer zu beweisen. Daher kann der EGMR nicht speziell wegen der Ablehnung angerufen werden. Aber wenn zum Beispiel eine Person einige Dokumente erhalten sollte und ihr dies verweigert wurde. Jemand ist gestorben oder etwas anderes. Das ist bereits ein Eingriff.

Portnikov. Erbschaft und so weiter, richtig? Nicht der Reisepass selbst.

Beresa. Ja, nicht für den Pass, aber es kann passieren. Nach der Rechtsprechung des EGMR sagen sie ja, dann kann man einen Antrag stellen.

Portnikov. Das ist ein anderes Thema. Menschen, die nach dem Ausbruch des Krieges die Grenzen der Ukraine verlassen haben, werden höchstwahrscheinlich in europäischen Ländern unter einer vorübergehenden Asyl leben, die in Kraft ist. Und jetzt sagen europäische Beamte, dass die ukrainischen Entscheidungen ihre Gesetze in keiner Weise beeinflussen werden. Aber eine befristete Aufenthaltserlaubnis wird im Prinzip, wenn eine Person arbeitet, einen festen Arbeitsplatz hat und so weiter, in ein paar Jahren zu einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung in der Europäischen Union. Eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung in der Europäischen Union wiederum wird in einigen Jahren zu einem Reisepass. Vielleicht hatten einige Menschen vor, zurückzukehren, und stellen nun fest, dass sie sich ihr Leben außerhalb der Grenzen der Ukraine aufbauen müssen. Das ist alles, was passieren wird. Wir verstehen, dass eine Person, die die Ukraine nach dem Februar 2022 verlassen hat, einen völlig anderen Lebensweg gewählt hat. Einige Menschen wollten das Ende des Krieges abwarten. Die Menschen, die ausgereist sind, um die Kriegsende abzuwarten, dachten wie viele in der Ukraine, dass der Krieg nur 5-6 Monate dauern würde und sie dann zurückkehren würden. Man ist sich jetzt darüber im Klaren, dass der Krieg vielleicht nicht in 5-7 Jahren zu Ende ist. Und dass eine Person, die ins Ausland gegangen ist, im Prinzip ihr Leben aufbauen muss, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass das Land, das sie verlassen hat, ein Kriegsgebiet ist, vielleicht für viele Jahre ihres Lebens, des Lebens ihrer Kinder. Wer den Krieg verlassen hat, versteht, dass er den endlosen Krieg verlassen hat. Es handelt sich um unterschiedliche Kriege. Ein bestimmter Teil der ukrainischen Gesellschaft beschloss, in diesem Krieg zu leben, Widerstand zu leisten, zu kämpfen und seine Kinder als künftige Soldaten der ukrainischen Armee aufzuziehen, die an neuen Konflikten mit der Russischen Föderation teilnehmen würden. Das ist das Leben im Krieg, das Leben unter Beschuss, das Leben unter Todesgefahr, das Leben unter Stress, Krankheit, das Leben in Krisen und Infrastrukturproblemen, aber das ist das Leben von Menschen, die glauben, dass die Existenz der Ukraine solche Opfer wert ist. Und das ist völlig normal. Aber wir wissen immer, dass es in jedem Krieg Menschen gibt, die glauben, dass sie ein völlig anderes, friedliches Leben führen müssen, für die die Identität nicht so wichtig ist, oder die glauben, dass ihre Identität, einschließlich der ukrainischen Identität, außerhalb der Grenzen eines kriegerischen, zerrissenen Landes, das in ständiger Konfrontation mit dem Feind um seine Zukunft kämpft, zuverlässig geschützt wird. Das sind zwei Konzepte, die jede Nation im Laufe der Menschheitsgeschichte begleitet haben. Heute haben wir über Israel gesprochen. In Israel gibt es 6 Millionen Juden. Und als Israel gegründet wurde, gab es dort viel weniger jüdische Menschen, weil klar war, dass es in Israel nicht nur um harte Arbeit geht sondern um Tod, Blut, Tränen über Jahrzehnte, dass, wenn man ein Kind hat, dieses Kind in der israelischen Armee dienen wird. Es besteht die Gefahr des Todes, es besteht die Gefahr des Raketenbeschusses, des Stresses, der Krise – all das ist wahr. Das ist eine Entscheidung, aber eine große Zahl von Juden lebt in anderen Ländern, in denen Frieden herrscht, wo sie aber ihre Identität nicht so gut bewahren können. Dort gibt es eine Erinnerung an Pogrome und den Holocaust. Es ist die Entscheidung eines jeden Menschen. Jede Entscheidung wird von einem Menschen getroffen. Der Unterschied zwischen Menschen und Tieren besteht darin, dass sie immer ihre eigene Wahl treffen können. Und diese Entscheidung steht vielleicht nicht im Einklang mit der Verfassung oder dem moralischen Empfinden der Gesellschaft, in der sie leben, oder mit religiösen Normen. Das ist die Stärke der menschlichen Zivilisation im Allgemeinen. Es ist die individuelle Wahl eines jeden. Und das ist es, was es uns einerseits ermöglicht, uns zu vereinigen und Nationen und Staaten zu schaffen, und was es andererseits anderen ermöglicht, zu überleben und Bürger anderer Länder oder Einwohner anderer Länder zu werden, die Identität zu wechseln, wie ich bereits gesagt habe. So sieht es objektiv aus. Es wird nicht anders aussehen, denn die menschliche Natur ist nun einmal so. Niemand hat jemals geschafft , die menschliche Natur zu bekämpfen, mit Ausnahme totalitärer Staaten, die einfach ihre Grenzen geschlossen haben, starke Sicherheitskräfte geschaffen haben, die mit geschlossenen Büssen durch die Straßen fahren und all jene abführen, die den Behörden nicht gefallen. Im Prinzip ist das effektiv, es hat Möglichkeiten für militärische Siege in der Sowjetunion geschaffen. Aber es gab auch Menschen in der Sowjetunion, wie wir wissen, außerhalb des offiziellen Mythos, die versuchten, nicht in der sowjetischen Armee zu sein, die Bestechungsgelder gaben, die irgendwo hin flohen, es gab Menschen, die als Kriegsgefangene nach Amerika gingen oder in europäischen Ländern blieben und nicht in die Sowjetunion zurückkehren wollten. Es gab auch eine Million Möglichkeiten, jede davon anders. Selbst in so geschlossenen, brutalen Gesellschaften wie der UdSSR gab es auch die Wahlmöglichkeiten. Wenn der Mensch keine individuelle Wahl hätte, wäre die Menschheit völlig anders, sie wäre schon längst verschwunden. In diesem Sinne haben wir also eine Wahl. Die Menschen, die jetzt im Ausland sind, haben eine andere Wahl. Jeder, der sich in der Ukraine aufhält, sollte bedenken – und das ist wichtig -, dass sich die Ereignisse so entwickeln können, dass auch er sich im Ausland wiederfindet. Das kann jedem passieren. Auch trotz unserer Wahl, denn dies ist ein Krieg und wir wissen nicht, wie er sich in den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts entwickeln wird. Es kann eine neue Situation mit einem neuen Krieg geben, wie Sie verstehen. Dieser Krieg kann enden und ein neuer kann bald beginnen. Deshalb ist es grundsätzlich in unserem Interesse, dass der Staat rechtmäßig ist, denn wenn jemand gegen Ihren Nachbarn, den Sie vielleicht verachten, unrechtmäßig vorgeht, müssen Sie daran denken, dass dieser Staat morgen genauso gegen Sie vorgehen wird, entweder auf seinem Territorium oder auf dem Territorium, auf dem Sie gezwungen sein werden, Ihr Leben oder das Leben Ihrer Kinder zu retten. Auch darüber müssen wir uns im Klaren sein. Ein Rechtsstaat ist entweder für alle da oder für niemanden. Und alle Elemente eines illegalen Handelns des Staates schaffen die Bedingungen für das Verschwinden des ukrainischen Staates und der ukrainischen Nation selbst. Wenn jemand illegale Handlungen damit rechtfertigt, dass er in einem Krieg handelt und der Krieg alles aufhebt, müssen Sie immer daran denken, dass dies ein klarer und absolut unvermeidlicher Weg in den Abgrund ist. Sobald Sie den Weg des Rechtsbruchs einschlagen und dies auf keinen Widerstand stößt, werden Sie sofort neue und neue Normen brechen. Und über etwas anderes rede ich nicht. Es ist immer noch ein korrupter, völlig korrupter Staat, in dem all diese Beschlüsse, Entscheidungen der Behörden, Gesetze immer mit genügend Geld kompensiert werden, um das zu tun, was für den Bürger bequem ist. Der ukrainische Staat existiert auf dieser Grundlage. Seine Königin ist die Korruption. Boryslav hat völlig zu Recht die Zahlen genannt, die offensichtlich in den Taschen der ukrainischen Beamten gelandet sind. Als Ergebnis all dieser Machenschaften. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Einkünfte der an verschiedenen Pyramiden beteiligten Personen durch die neuen Gesetze um ein Vielfaches erhöhen werden. Wenn die Einkünfte korrupter ukrainischer Beamter, die sich aus all dem ergeben, in den Staatshaushalt der Ukraine fließen würden, dann bräuchten wir keine amerikanische und europäische Hilfe. Darüber bin ich mir absolut im Klaren. Und wozu führt die Marginalisierung der Bevölkerung, um das zu verstehen? Sie führt zu dem, was wir erleben. Die russische Korruption, die russische Ausgrenzung der Bevölkerung hat die Armee hervorgebracht, die jetzt auf uns zukommt. Putin hat seine Landsleute ganz bewusst zu Bettlern gemacht, die in den meisten Teilen des Landes keine Chance haben, ein normales Leben zu führen. Und die einzige Chance ist, irgendwo in den Krieg zu ziehen, egal wo, wo das Geld bezahlt wird. Entweder er kehrt aus dem Krieg mit Geld zurück, das er sonst nie in seinem Leben verdienen würde, nie in seinem Leben, weil es solche Möglichkeiten in Russland nicht gibt. Oder, wenn er im Krieg fällt, wird zumindest seine Familie so leben, wie sie es zu seinen Lebzeiten nie getan hätte. Wenn es aber ein anderes Staatsart in Russland gäbe, in dem die Menschen normal leben könnten, in dem es keine Korruptionspyramiden gäbe, dann gäbe es keine Armee auf unserem Territorium, an unseren Grenzen, weil niemand auf die Idee käme, gegen uns in den Krieg zu ziehen. Das ist die Antwort darauf, wie ein Staat, der das Gesetz bricht, der korrupte Vertikale schafft, der den Interessen einer Person dient, zu einem Monster wird. Die Stärke der Ukraine war immer, dass wir dank des Identitätskonflikts in unserem Land und dank der, ich würde sagen, nicht vertikalen, sondern horizontalen Korruption immer ein Land geblieben sind, in dem diese Willkür durch den Widerstand der Bevölkerung kompensiert wurde. Und das ist eine sehr wichtige Sache, die man sich merken sollte. Und jetzt, in einer Zeit des Krieges, in der die Menschen absolut keinen Widerstand leisten werden und ihr Instinkt für Gerechtigkeit für populistische Zwecke genutzt wird, können wir schneller als wir denken zu dem Staat werden, mit dem wir uns im Krieg befinden. Wir sind bereits auf dem Weg dorthin, denn die derzeitige Struktur der ukrainischen Regierung erinnert mich sehr an das Ungarn von Viktor Orban. Noch gibt es unabhängige Medien, aber der Informationsraum wird bereits von den Behörden kontrolliert. Die meisten Menschen beziehen ihre Informationen aus Klatsch und Tratsch in anonymen Telegrammkanälen und verlieren den Bezug zur Realität völlig. Natürlich will der Staat diese Menschen, die den Bezug zur Realität verloren haben, ermutigen, ihren Staatdpflucht zu erfüllen. Das ist Schizophrenie. Man kann mit der Gesellschaft nicht wie mit kleinen Kindern reden, und Erwachsene müssen alternative Informationen erhalten, ihre eigenen Schlüsse ziehen, ihre eigenen Vorstellungen – und nicht die eines anderen – darüber haben, was die Zukunft der Ukraine für sie und ihre Kinder und ihre Familien bereithält. Das allein ist noch keine Garantie für einen Sieg, denn um zu gewinnen, müssen wir überleben, das Überleben des ukrainischen Staates und der ukrainischen Nation unter den schwierigsten Bedingungen der letzten Jahrzehnte.

Beresa. Was soll ich dazu sagen? Es ist wünschenswert, dass so viele Menschen wie möglich dies verstehen. Dann wird es nicht möglich sein, russische Szenarien in der Ukraine umzusetzen, um einen Staat nach diesem Schema aufzubauen, aber irgendetwas sagt mir, dass ein solcher Aufbau auf jeden Fall mit einem Scheitern enden wird, vorzugsweise für diejenigen, die bauen, und nicht nur für den Staat.

Portnikov. Weil es für den Staat in einem Zusammenbruch enden kann. Weil wir jetzt künstlich diese Trennlinien zwischen denen aufbauen, die jetzt ihre Pflicht erfüllen und dem Rest der Gesellschaft. Es ist völlig klar, dass wir dank dieser Leute überhaupt in diesem Land leben können , und gleichzeitig schafft ein Teil der Gesellschaft eine Spaltung, die sie so gerne bedienen wollen. Das ist einfach eine Art mentale Katastrophe. Diese Menschen leben hier, weil diese Menschen dienen und ihr Leben opfern, und sie verachten sie trotzdem.

Beresa. Ist es nicht eine Katastrophe, wenn die Leute mit Stolz sagen: ‚Ich bin ein Wehrdienstverweigerer‘? Es wird ein Lied gesungen: aufgewacht, verweigert, geduckt, verbogen, so ähnlich.

Portnikov. Das ist nicht normal, das ist natürlich eine Perversion, aber im Großen und Ganzen findet diese Perversion immer noch statt, weil alle diese Begriffe offiziell verwendet werden. Und das ist eine Schande für die Leute, die jetzt nicht bei der Armee sind. Wo doch eigentlich alles ganz klar hätte sein können. Bei militärischen Handlungen ist nie jeder in der Armee. Schon der Begriff „alle werden dienen“ ist absolut falsch, denn wenn alle dienen und niemand Steuern zahlt, gibt es keine Armee mehr. Man muss das einfach verstehen. Welcher Teil der Menschen dient, welcher Teil der Menschen arbeitet, welcher Teil der Menschen wird demobilisiert, welcher Teil der Menschen wird mobilisiert und kommt, um seinen Platz einzunehmen. Dies ist ein Prozess, bei dem niemand respektlos behandelt werden sollte. Es gibt eine geschlechtsspezifische Aufteilung der Menschen, die für mich völlig unverständlich ist. Jahrzehntelang haben wir für die Gleichstellung von Männern und Frauen gekämpft. Nun bin ich überrascht, dass Menschen ihr Geschlecht benutzen, um jemandem vorzuwerfen, dass er etwas nicht tut. Ich glaube, dass in einem normalen Land, das sich im Krieg befindet, wie die Ukraine oder Israel, Frauen und Männer gleichberechtigt in den Streitkräften dienen sollten. Es sollte keine geschlechtsspezifischen Einschränkungen geben. Je mehr Frauen in den Streitkräften der Ukraine sind, die jetzt vielleicht keine Arbeit finden, die jetzt vielleicht keine Steuern zahlen können, desto mehr Möglichkeiten hat die Wirtschaft, zu überleben und die Streitkräfte zu unterhalten. Ich beziehe mich dabei nicht auf ihre Kampftätigkeit. Bei den Streitkräften geht es nicht nur darum, aufl der Front zu sein. Dies ist eine große Anzahl von Funktionen. Die Pflicht, den Staat zu verteidigen, kann nicht vom Geschlecht abhängen, vor allem, wenn ein Staat mit dreißig Millionen Einwohnern gegen einen Staat mit hundert dreißig Millionen Einwohnern Krieg führt. Wir haben Frauen und Männer. Von 18 bis 60 gibt es keinen Unterschied. Wenn ein Mann in Mutterschaftsurlaub gehen kann, kann er ein Kind großziehen. Wenn ein Kind nicht von einer Familie aufgezogen werden kann, kann der Staat es aufziehen. Das ist die Realität. Wenn wir in der Unwirklichkeit spielen wollen, können wir jede beliebige Formel erfinden, dass einige im Krieg sind, andere arbeiten, weil sie Frauen sind. Einige können nicht ins Ausland gehen, und wenn sie es tun, sind sie Wehrdienstverweigerer, während andere gehen können und zurückkommen und ihre Fotos von ihren Reisen und Ausflügen veröffentlichen, weil sie Frauen sind. Wenn ich eine Frau bin, warum sollte ich dann nicht in Paris Urlaub machen? Und wenn ich in Paris einen Mann sehe, einen ukrainischen Mann mit ukrainischem Pass, dann bedeutet das, dass er ein schurkischer Verweigerer ist. Und ich arbeite hier an der Kosmetikfront. Wir können das sehen. Das ist etwas Unglaubliches. Das ist übrigens der Grund, warum ich seit dem 24. Februar 2022 nicht mehr ins Ausland gereist bin, um bei diesem ganzen Unsinn, der sowohl vom Staat als auch von der Gesellschaft kommt, nicht mitzumachen. Aber ich bin mir sicher, dass ich am Prozess des sozialen Abbaus beteiligt bin. Ich habe keine Zweifel.

Beresa. Wissen Sie, ich bin vielleicht nicht in der Lage, es richtig zu machen, möchte ich hinzufügen. Ich fahre ins Ausland, ich fahre nach Straßburg, ich fahre nach Brüssel, ich treffe mich mit verschiedenen Politikern, ich überzeuge, ich versuche, etwas zu erreichen. Und manchmal geht das sogar sehr schnell und erfolgreich, und manchmal braucht es leider sehr viel Arbeit. Und ich bin nicht der Einzige, der so arbeitet, aber ich kehre immer wieder in die Ukraine zurück und höre: Wir sind hier geblieben, und sie sind dorthin gegangen und haben dort ein leichtes Leben. Ich habe viele Menschen gesehen, die kein einfaches Leben haben, um es gelinde auszudrücken. Sie arbeiten hart. Ich will nicht sagen, dass es für sie komplizierter ist als in den Schützengräben, aber sie essen auch kein Manna vom Himmel. Und ich glaube, dass wir uns um gegenseitiges Verständnis bemühen müssen. Das ist sehr wichtig. Denn ich erinnere mich an die Geschichte des Elsass in Frankreich, Sie kennen die Geschichte im Zweiten Weltkrieg. Zunächst einmal galt das Elsass in Frankreich lange Zeit als Verräter,es gab eine SS-Einheit aus dem Elsass – das war eine große Geschichte, und außerdem haben sie sich wegen des Elsass ein neues Format ausgedacht, um die Nation zusammenzunähen, denn die Nation war gespalten. Wir haben jetzt nicht das Elsass, wir haben den Donbas, aber wir haben neue Lücken, und zum Beispiel die Lücke zwischen denen, die in der Ukraine gedient haben, und denen, die es nicht getan haben – das ist ein großes Problem. Die Regierung schafft, anstatt diese Probleme zu lösen, neue, und das macht mir am meisten Sorgen. Und um, wie du sagst, der Agenda in der Ukraine willen, um Quotenpunkte zu bekommen, wird ein weiterer Keil getrieben. Die Menschen werden das nicht sofort verstehen, aber irgendwann, wenn sie es verstehen, wird es zu spät sein. Ich erinnere mich übrigens daran, dass man mir, als ich vor einer groß angelegten Invasion gewarnt habe, gesagt hat: „Du bringst das Boot ins Wanken, du versuchst, dein Rating zu erhöhen, du willst Punkte bekommen, du bist in der Kriegspartei, ich habe alles gehört und dachte, was haben Sie im Kopf? Ich sage Ihnen nur zwei Dinge: Packen Sie einen Notfallkoffer, damit Sie ihn zur Hand haben, damit Sie Ihre Kinder und Ihre Frau schicken können, um sie zu retten, das ist die erste Sache. Und zweitens: Nutzen Sie die Zeit, um sich trainieren, was immer Sie brauchen. Ich veröffentliche einige Briefe an mich. Übrigens sagten die Leute dort: „Danke, dass Sie das gesagt haben, wir haben es nicht geglaubt, aber wir haben vorsichtshalber unseren Koffer gepackt. Und sie verließ Irpin, hatten Glück. Aber sie schreiben: Unsere Nachbarn hatten kein Glück, sie haben es nicht geglaubt. Sie sagten, das sei alles Unsinn und die Politiker würden die Temperatur erhöhen. Das Problem ist, dass es kein gemeinsames Verständnis dafür gibt, wie man im Land weiterleben kann. Und die Behörden, anstatt dieses Verständnis zu entwickeln, schauen nicht einmal in diese Richtung. Das könnte ein Thema für eine andere Sendung sein. Und jetzt habe ich eine Frage an dich. Sage mir das bitte. Vor dem Hintergrund all dieser Geschehnisse erleben wir den Beginn eines globalen, mächtigen Wirtschaftskriegs zwischen den USA und China. Wir haben bereits gesehen, dass die Vereinigten Staaten den ersten Schlag gegen Tiktok geführt haben. Wir wissen, dass China sehr besorgt über Elektroautos ist. Amerika will die Einfuhr chinesischer Autos in die Vereinigten Staaten beschränken. Übrigens wirkt sich das jetzt auch sehr stark auf Europa aus, so dass Europa seinen Markt auch gegen China verteidigt. China betrachtet dies als den Beginn eines Krieges. Es gibt auch Sanktionen gegen Banken. Wozu kann das führen, wenn wir es durch das Prisma unseres Krieges betrachten? Und wie wird China darauf reagieren? Denn viele sagen, dass China mit Waffenlieferungen oder Hilfe für Russland reagiert. Ist das eine Fehleinschätzung?

Portnikov. Ich glaube, das ist ein Missverständnis, denn die Vereinigten Staaten versuchen tatsächlich pppChina zu beeinflussen, damit es dem russischen militärisch-industriellen Komplex nicht hilft. Aber sehen wir mal, der US-Außenminister ist jetzt in Shanghai eingetroffen. Und es wird sich zeigen, wie sich die Beziehungen dort entwickeln, wie diese ganze Geschichte verläuft. Es handelt sich nämlich um einen langen Prozess, der in gewisser Weise mit dem US-Wiederwahlkampf und der Einschätzung der chinesischen Führung hinsichtlich der politischen Entwicklung in Amerika zusammenhängt. Was wollen sie generell erreichen, ein Abkommen mit dieser Regierung, solange sie im Amt ist, wenn sie glauben, dass es eine andere geben wird, oder einfach die Wahlen und die weitere Entwicklung abwarten?

Beresa. Dann wollen wir hoffen, dass die amerikanische Strategie ein Verständnis dafür hat, wie man das Gewünschte erreichen kann, und dass China seine Hilfe für Russland reduziert. Außerdem reagieren die chinesischen Banken bereits und einige von ihnen führen keine Geschäfte mehr mit Russland durch, auch nicht in Yuan. Übrigens sind das große chinesische Banken. Das Einzige, was mich interessiert, ist, wie man Einfluss darauf nehmen kann, ob China Russland als potenzielle Rohstoffbasis betrachtet, die es nicht nur besitzen, sondern vollständig kontrollieren will. Deshalb füllt es ihn mit seinen eigenen Waren und erhält im Gegenzug Rohstoffe. Oder ist das eine falsche Sichtweise?

Portnikov. Ich denke, das ist ein separates Thema. Wir können noch eine Stunde lang über die russisch-chinesischen Beziehungen sprechen. Ich denke, es geht hier nicht um Rohstoffe, sondern um die Tatsache, dass Russland für China auf die eine oder andere Weise ein Verbündeter bei der Schwächung des Westens und der Schaffung der Welt ist, die Xi Jinping vor Augen hat. Wir müssen bedenken, dass China kein demokratisches Staat ist, sondern ein Land, das von der Kommunistischen Partei regiert wird. Und Xi Jinping hat nicht genau das gleiche Wertesystem wie Mike Johnson, sondern ein anderes. Und das ist der Grund, warum er nicht die Wirtschaft leitet.

Die Hilfe und eine Wendung im Krieg | Vitaly Portnikov @|gorYakovenko. 23.04.24.

Yakovenko. Ich werde nicht originell sein. Ich möchte auf den vergangenen Samstag zurückkommen. Meiner Meinung nach ist das ein historisches Ereignis. Nach monatelangen Verzögerungen und Schikanen Kräften des amerikanischen Kongresses, die die Hilfen für die Ukraine blockieren wollten, wurde das Gesetz verabschiedet. Ich habe mehrere Fragen in diesem Zusammenhang. Ich werde die Fragen sofort stellen, und Sie werden sie in der Reihenfolge beantworten, die Sie für richtig halten.

Frage eins. Warum hat Michael Johnson seine Meinung geändert und es zur Abstimmung gestellt? Es gibt mehrere Versionen, und ich würde gerne Ihre Interpretation dazu hören. Zweitens. Inwieweit wirkt sich das auf die Ereignisse des 4. November aus, inwieweit schmälert es Trumps Chancen ins Weiße Haus zu kommen. Frage drei. Inwieweit wird dies aus Ihrer Sicht dazu führen, dass das Wettrüsten, das bereits im Gange ist, sich beschleunigt. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten steigen die Militärausgaben auf der ganzen Welt, auf allen Kontinenten, sprunghaft an. Der gigantische Anstieg der Ausgaben. Und wer wird in diesem Wettrüsten zusammenbrechen? Beim letzten Wettrüsten ist die Sowjetunion zusammengebrochen. Wird es diesmal zu einer Wiederholung kommen? Im Falle Russlands können wir die Zahlen separat durchgehen. Ich bitte Sie.

Portnikov. Man kann viel darüber sagen, warum es eine solche Entwicklung in den Ansichten des Sprechers gab, aber für mich ist es ziemlich offensichtlich. Bei der Abstimmung über die Hilfen für Israel, die Ukraine und die pazifischen Verbündeten der Vereinigten Staaten hat sich ganz klar bestätigt, dass jeder von den Republikanern nominierte Speaker Angst hätte, einen Gesetzentwurf zur Abstimmung zu bringen, der Hilfen für die Ukraine enthielt, weil die Mehrheit der Kongressabgeordneten der Republikanischen Partei selbst unter solch außergewöhnlichen Umständen gegen diese Hilfen stimmen würden. Es gab die Illusion, die sich als völlig falsch herausstellte, dass es sich um ein paar Trumpistische Kongressabgeordnete handelte, die Johnson an der Gurgel hatten und das wäre der Grund, warum er die Frage der Hilfe nicht zur Abstimmung stellen will. Dass er um seine Position fürchten würde, denn wenn über seinen Rücktritt abgestimmt wird, wird er keine Mehrheit der republikanischen Stimmen bekommen. Es reicht sogar aus, dass drei Leute ihn nicht unterstützen. Und diese drei Leute sind bereits dafür, dass er nicht mehr Sprecher ist. Und viele sagten, dass die Demokraten einen schweren Fehler gemacht haben, als sie Kevin McCarthy nicht unterstützten. Wenn sie Kevin McCarthy unterstützt hätten, wäre alles in Ordnung gewesen. Und eine Abstimmung zugunsten der Ukraine hätte schon längst stattgefunden, und all diese Probleme wären nicht aufgetreten. Die Ursache der Probleme erwies sich als viel schwerwiegender. Und es stellte sich heraus, dass Johnson die Situation viel besser verstanden hatte als diejenigen, die ihn kritisierten. Die Wurzel des Problems war, dass die Wahl von Kevin McCarthy eine tiefe Krise in der Republikanischen Partei aufgedeckt hatte, eine Krise, die nicht erst seit heute andauert, eine Krise, von der man im Grunde sagen kann, dass es eine amerikanische Partei in der Tradition der, sagen wir mal, Reagan-Ära gibt. Und Michael Johnson begann zu sagen, dass er selbst ein Republikaner der Reagan-Ära ist, obwohl er bis jetzt nie ein Republikaner der Reagan-Ära war, sondern ein Republikaner der Trump-Ära. Denn es gibt eine andere, von Trump privatisierte Republikanische Partei, eine Partei, die genau dann mit einem Erfolg bei Präsidentschaftswahlen rechnen kann, wenn sie Trump nominiert. Eine Partei, deren Wähler sich mehrheitlich zu Trump und seinen Ideen hingezogen fühlen. Die große Mehrheit der Wähler. Und ich denke, dass die Republikaner, die die Hilfe für die Ukraine nicht unterstützt haben, nur die Meinung dieser überwältigenden Mehrheit zum Ausdruck brachten. Aber die republikanische Elite, die die Ukraine unterstützt hat, das sind alles Ausschussvorsitzende, Veteranen des politischen Lebens des Landes, Veteranen der Partei, Leute mit ernsthaftem politischem Hintergrund, ernsthaftem Ruf, sie repräsentieren nicht die Mehrheit der Republikanischen Partei. Das hat übrigens die Geschichte der Kampagne von Niki Haley gezeigt. Dies ist eine sehr gute Illustration dessen, was geschieht. Das war’s. Es wurde also deutlich, dass Michael Johnsons größte Angst nicht sein eigener Rücktritt oder die Tatsache war, dass zehn Republikaner unter der Führung des Marjorie Taylor Greene gegen die Hilfe für die Ukraine stimmen würden, sondern dass eine solche Abstimmung eine Spaltung zeigen würde. Alles, was er in diesen sieben Monaten tun musste, war es zu wagen, eine solche Demonstration zu machen. Er hat sich im Grunde genommen gegen die Interessen seiner eigenen Partei gestellt. Dieses Votum für die Ukraine liegt nicht im wahltaktischen und politischen Interesse der Republikanischen Partei der Vereinigten Staaten. Das ist die Wahrheit. Sie können sich ausdenken, was Sie wollen, aber dieses Abstimmungsverhalten spricht für sich selbst, und jede andere Gesetzgebung, die wir sehen, macht diese Krise nicht deutlicher. Und es ist eine tiefe Krise, denn sie zeigt, wie viele Menschen in den Vereinigten Staaten Russland immer noch als Hüter traditioneller Werte sehen. Und Wladimir Putin wäre ein Mann, der diese Werte der Familie und der traditionellen Werte verteidigt. Russland spekuliert die ganze Zeit darauf und es funktioniert. Es ist keine Ukraine-Geschichte, denn im Großen und Ganzen ging es vielen Republikanern, die dagegen gestimmt haben, nicht um die Ukraine, sondern entweder um die Interessen der Vereinigten Staaten, dass sie aufhören sollten, Milliarden von Dollar für die Ukraine auszugeben, oder um Leute, die Isolationisten sind. Das ist eine so offensichtliche Kombination von Idioten und Russophilen, kann man das sagen?

Yakovenko. Ich würde sagen, dass Wahlstudien im Allgemeinen zeigen, dass Trumps Wählerschaft größtenteils aus Menschen ohne Hochschulabschluss und mit einem ziemlich niedrigen Bildungsniveau besteht. Weiße Männer und hauptsächlich das, was man früher Arbeiter nannte. Landwirte, Arbeiter.

Portnikov. Und diese Menschen, die in ihrem Land immer in der demografischen Mehrheit waren, finden sich nun in der demografischen Minderheit wieder. Er kann im Allgemeinen nur aufgrund des Wahlsystems in den Vereinigten Staaten erfolgreich sein, denn der Trick ist, dass Trump die Wahl gewinnen kann…. Sie haben gefragt, ob seine Chancen gestiegen oder gesunken sind. Das wissen wir nicht, weil alles von einigen wenigen Swing States abhängt, aber ich will damit sagen, dass es unwahrscheinlich ist, dass Trump die Volksabstimmung gewinnt, was die Anzahl der Wähler angeht, die für ihn stimmen werden. Das ist ihm noch nie gelungen. Diese demografische Minderheit kann also nur auf diese Weise gewinnen. Allerdings ist diese demografische Minderheit gleichzeitig die Mehrheit der republikanischen Wähler. Das Wichtigste, was in diesen Monaten passiert ist, ist also, dass Michael Johnson eine politische Entscheidung getroffen hat. Er selbst sagt, er habe eine enorme Menge an Informationen gelesen, die darauf hindeuteten, dass er der Ukraine helfen müsse Russland abzuwehren und diese tiefe Krise in der Republikanischen Partei zu demonstrieren. Es gibt eine weitere Person, von der ebenfalls alles abhängt. Es ist Donald Trump, denn Donald Trump hätte, wenn er diese Abstimmung nicht komplett zum Scheitern gebracht hätte, dafür sorgen können, dass noch mehr Republikaner nicht für die Hilfe für die Ukraine gestimmt hätten, wenn er eine passende Erklärung abgegeben hätte. Er machte aber die gegenteilige Aussage, er sagte, man müsse die Ukraine nicht allein lassen, man könne Geld leihen, aber man müsse sie nicht verlassen. Er sprach davon, dass die Vereinigten Staaten in der Lage seien, Ländern, die Hilfe benötigen Geld zu leihen, und er unterstützte Michael Johnson, als bereits klar war, dass der Sprecher bereit war, diese Gesetzesentwürfe einzubringen. Er hat all das getan. Die Gründe dafür könnten meiner Meinung nach auch unterschiedlich sein. Erstens hat sich Donald Trump mit einer Reihe von westlichen Politikern getroffen, für die er möglicherweise Sympathien hegt. Es begann alles mit Viktor Orban, dann kam David Cameron, dann Andrzej Duda. Sie haben mit Trump gesprochen. Und das sind Menschen, auf die er in Bezug auf politische Gemeinschaften in der Zukunft zählen kann, Menschen, auf deren Umfeld er im Falle eines Wahlsieges in Europa aufbauen möchte. Sie könnten ihm Argumente geliefert haben, die für ihn von Interesse waren. Nun, und das ist das Wichtigste, Trump ist ein politisches Tier. Wenn er erkennen würde, dass diese Hilfe keine Auswirkungen auf sein Wahlergebnis haben würde, dass eine große Zahl von Republikanern diese Hilfe wollte und dass sie sich mit der Frage der Hilfe für Israel nach dem iranischen Angriff befassen mussten, und dass die republikanischen Wähler sagten, dass man der Ukraine Geld geben muss, weil sonst die Hilfe für Israel gebremst würde. Und wieder sagen viele Europäer, nicht ohne Grund, dass dies das letzte Hilfspaket der USA sein könnte, dass dies das Ende sein könnte. Denn wenn es einen Wechsel des Präsidenten der Vereinigten Staaten gibt, wenn der Kongress komplizierter als jetzt wird, weiß man nicht, ob der Präsident diese Initiativen ergreifen wird. Und es ist nicht bekannt, ob er eine Mehrheit im Kongress bekommen könnte. Und natürlich wird sich wieder die Frage stellen: „Jetzt haben wir 62 Milliarden Dollar gegeben, und es hat sich nicht viel geändert, es wird weiter gekämpft. Russland kontrolliert weiterhin einen Teil des ukrainischen Territoriums. Mehr Ukrainer sind ins Ausland gegangen. Noch mehr Infrastruktur wird zerstört, die Ukraine wird zu einem unbewohnbaren Gebiet. Geben wir weitere 60 Milliarden Dollar, was ist jetzt? Deshalb hat der Kongress den Präsidenten der Vereinigten Staaten übrigens um eine Strategie gebeten, in der dargelegt werden soll, wie der Krieg beendet werden soll und wie die Vereinigten Staaten sicherstellen wollen, dass ihre Hilfe tatsächlich dazu verwendet wird, das Blatt in diesem Krieg zu wenden. Und ich hoffe, dass wir in 45 Tagen irgendeine Art von Strategie sehen werden. Aber auch hier stellen wir fest, dass es sie nirgendwo gibt. Wenn keine mutige Maßnahmen ergriffen werden, werden diese 62 Milliarden Dollar das Schicksal all der anderen Milliarden erwarten. Es ist so, dass ein Jahr vergehen wird, das neue Jahr in den Vereinigten Staaten beginnt und die Frage aufkommen wird, dass die Ukraine erneut Hilfe derselben Art und desselben Umfangs benötigt.

Yakovenko. Nun, es wird alles davon abhängen, was im Jahr 2024 auf dem Schlachtfeld und darüber hinaus passiert. Dies ist ein wichtiger Punkt, den Sie angesprochen haben. Das ist genau die Strategie, mit der die Trumpisten das Weiße Haus verspotteten und verhöhnten, wenn sie fragten: „Ihr bittet um Geld, aber wofür?“ Dies sind die ständigen Fragen, die die republikanischen Abgeordneten dem Weißen Haus gestellt haben. „Haben Sie überhaupt einen Plan für die Ukraine und wozu brauchen Sie diese 60 Mrd.?“ Ich habe eine Frage. Was, glauben Sie, wird die Hauptidee dieses Dokuments sein?

Portnikov. Ich denke, dieses Dokument wird zeigen, dass es keine wirkliche Strategie gibt. Weil es sie einfach nicht gibt. Und aufgrund von Ansätzen, die in den letzten mehr als zwei Jahren auf den russisch-ukrainischen Krieg angewandt wurden. Ich würde sogar sagen, zehn Jahre. Wir können uns einfach darauf verlassen, dass der Westen die Ukraine so lange als Festung gegen Russland aufrechterhält, wie Russland den Willen hat, seine militärischen Aktionen fortzusetzen. Das ist so, als würde man einen Patienten künstlich beatmen und ihm immer neue Medikamente verabreichen, ohne damit zu rechnen, dass der Patient jemals wieder aufstehen wird. Das ist die Strategie des Westens gegenüber dem russisch-ukrainischen Krieg. Das ist absolut sinnlos.

Yakovenko. Ein Gedankenexperiment. Sagen wir einfach, heute gabs eine Überraschung. Unerwartete Nachrichten. Plötzlich wurde bekannt, dass der Nachname des Präsidenten der Vereinigten Staaten Portnikov lautet. Wie wird die Strategie aussehen? Welche Buchstaben wird die Strategie enthalten?

Portnikov. Ich bin ein Republikaner der Reagan-Ära, ich kann wie Johnson klingen. Ich habe eine klare Vorstellung davon, was getan werden muss. Ich verstehe natürlich, dass in einem Krieg zwischen einem großen Land mit 120 Millionen Einwohnern und einem kleinen Land mit einer zerrütteten Wirtschaft und 30 Millionen Einwohnern die Zeit nicht auf der Seite des kleinen zersplitternden Landes mit einer schrumpfenden Bevölkerung und einer zerfallenden Infrastruktur steht. Wenn man einem großen Land die Möglichkeit geben will, jede erdenkliche Möglichkeit zu bekommen, um Nachbarland zu tyrannisieren und zu zerstören, kann man natürlich Militärhilfe leisten, kann man Erklärungen abgeben. Sie können tun, was Sie wollen, aber die Zeit ist nicht Ihr Verbündeter. Meine Strategie habe ich also schon seit geraumer Zeit umrissen. Ich bin der Meinung, dass die Einstellung, dass die Ukraine diesen Konflikt allein ausfechten müsse und der Westen solle ihr mit Geld und Waffen helfen, die Situation nur verlängert, indem die Kämpfe auf unbestimmte Zeit fortgesetzt werden, und dass eine demografische, soziale und wirtschaftliche Katastrophe für das ukrainische Volk fast unvermeidlich ist. Wir reden jetzt noch nicht einmal über den Staat. Der Staat kann gerettet werden, aber können die Menschen gerettet werden? Ich bin von diesem Ansatz nicht überzeugt. Als Folge des russisch-ukrainischen Krieges werden sich andere Menschen und andere Nationen auf diesem Gebiet niederlassen. Denn all dies wird so geschehen, also ist dies kein richtiger Ansatz. Der nächste Punkt, den ich ebenfalls für absolut falsch halte. Man rechnet damit, dass die Russische Föderation Verhandlungen mit der Ukraine führen will, wenn sie sich in einer schwachen militärischen Opposition befindet, womit westliche Politiker in den Jahren 2022 und 2023 gerechnet haben. Das ist ein absolut falscher und gefährlicher Ansatz, denn das ist eine Station, die wir im politischen Leben Russlands schon lange durchlaufen haben. Noch 2014 betrachtete Russland die Ukraine als einen souveränen Staat, der unter dem Einfluss westlicher Länder stand, und erwartete Revanche in diesem Staat, und tat zwischen 2014 und 2019 alles, um entweder diese Revanche oder die politische Schwächung dieses Staates zu erreichen. Nach 2019 haben im Grunde unumkehrbare Veränderungen im politischen Denken Russlands begonnen, die es Putin und seinem Gefolge erlauben, die Ukraine nicht als souveränen Staat zu sehen, sondern als rebellische Provinz, die zerstört und bestraft werden muss. Wir haben also in unserem politischen Leben und in unseren Beziehungen zu Russland die Station Minsk bereits hinter uns gelassen, wenn wir von russischem Denken sprechen, und wir nähern uns rasch der Station Chasawjurt. Das ist für mich ziemlich offensichtlich. Es mag meinen Landsleuten nicht klar sein, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass dies genau der Plan ist, den Putin und seine Leute im Sinn haben. Wenn man den Krieg stoppt, dann ist es so, wie es mit Tschetschenien war. Wenn ich also die ganze Zeit sage, dass der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky ein Kandidat für die Vernichtung durch die russischen Sicherheitsdienste ist. Eine solche Aufgabe ist gestellt, nach Ablauf seiner fünfjährigen Amtszeit wird Russland alles tun, um ihn zu töten. Mir wird gewöhnlich vorgeworfen, dass ich für Zelensky arbeite, dass Zelensky mich dafür bezahlt, dass ich sage, dass er getötet wird, dass er für Putin bequem ist. Und wie Sie wissen, bin ich kein politischer Unterstützer von Volodimir Zelensky. Ich habe wiederholt gesagt, dass die Ergebnisse der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019 und dieser erstaunliche Block von Menschen mit sanften Herzen, die von rosa Ponys und einer Versöhnung mit Russland träumen, mit offenkundigen Feinden der Ukraine, die Zelensky an die Macht gebracht haben, und das ein direkter Weg zum Krieg ist. Das sagte und sage ich auch, und hier liegen die Probleme nicht bei Zelensky selbst, sondern bei der öffentlichen Stimmung. In diesem Fall geht es nicht um Zelensky selbst, sondern um die Institution des Präsidentenamtes. Im Fall von Dschochar Dudajew ging es nicht um die Persönlichkeit Dudajews, sondern darum, die Institution des Präsidenten der tschetschenischen Republik Itschkeria zu delegitimieren, damit ein russischer Beamter ein bequemes Abkommen mit einem Mann unterzeichnen konnte, der kein gewähltes Staatsoberhaupt war, mit Zelimkhan Jandarbijew, der später, wie Sie sich erinnern, ebenfalls eliminiert wurde. Ich glaube, dass diese Technologie bereits jetzt von Russland auf die Ukraine angewendet werden kann. Und der Westen meint die Zeit zu haben über den Verhandlungsprozess nachzudenken. Was ich also tun würde. Ich habe bereits gesagt, dass ich die Ukraine in die NATO einladen würde, wenn ich möchte, dass dieser Krieg beendet wird, und nicht auf unbestimmte Zeit weitergeht. Und ich würde der Ukraine Sicherheitsgarantien für das Gebiet geben, das von der rechtmäßigen ukrainischen Regierung kontrolliert wird. Ja, wenn ich Präsident der Vereinigten Staaten wäre, würde ich es tun. Ich würde denken, dass meine Landsleute besser geschützt werden, wenn der Krieg aufhört, wenn Russland genau versteht, dass es keine neuen Gebiete absorbieren kann. Ja, ich würde wahrscheinlich keine amerikanischen Truppen in die Ukraine entsenden, aber ich würde zumindest deutlich machen, dass jede Unterbrechung der roten Linie, sagen wir der Demarkationslinie zwischen ukrainischen und russischen Truppen, zu einer militärischen Antwort der Vereinigten Staaten und anderer NATO-Länder auf eben diesem Gebiet führen könnte. Ich würde anfangen NATO-Stützpunkte in der Ukraine einzurichten, zumindest im südwestlichen Teil der Ukraine. Ich würde westliches Militärpersonal nach einer Einladung zur NATO hier stationieren. Wenn das nicht geschieht, sage ich noch einmal, wird sich nichts ändern. Es werden gerade Dutzende von Milliarden amerikanischer Dollar ausgegeben, um den Vormarsch der russischen Truppen aufzuhalten. Ich glaube, dass das ukrainische Militär, das diesen ganzen Alptraum heldenhaft erträgt, dazu in der Lage sein wird, aber es wird nicht in der Lage sein, neue russische Bombardierungen der ukrainischen Infrastruktur abzuschrecken, weil wir ohnehin nicht genug Luftabwehrsysteme haben, um das zu tun. Sie werden nicht in der Lage sein, neue russische Angriffe auf friedliche ukrainische Städte abzuwehren. Das Militär wird nicht in der Lage sein, den Exodus der Bevölkerung aus Orten, an denen sie nicht leben kann, aufzuhalten. Wir sehen jetzt, dass Russland methodisch Charkiw zerstört. Wir können sehen, dass das, was der Präsident der Russischen Föderation kürzlich versprochen hat, eintritt. Die Schaffung der Sanitärzonen. Und wenn in dieser Sanitärzone aus der Sicht von Wladimir Putin eine riesige Methropolie, eine Millionenstadt fällt, diese Millionenstadt lebensunfähig gemacht werden sollte, sie sollte als Stadt, in der Menschen leben können, praktisch zerstört werden. Das wird passieren, und ich denke, wenn das mit Charkiw gelingt, dann werden die russischen Truppen die nächste Stadt zerstören. Es geht um Sumy, um Odesa, man muss nur auf die Karte schauen. Genau das wird passieren. Je länger wir diese Sicherheitsgarantien des Westens an die Ukraine nach hinten schieben, desto mehr ukrainische Städte werden sich in eine Wüste verwandeln, desto mehr ukrainische Bevölkerung wird gezwungen sein aus dem Osten und Süden des Landes in die Mitte und in den Westen zu ziehen, und aus der Mitte und dem Westen über die Grenzen der Ukraine hinaus. Das ist eine objektive Realität, es gibt keine andere Realität. Ich halte es für absolut unehrenhaft, nicht einmal moralisch, sondern politisch, zu glauben, dass die Ukraine allein einen Krieg hoher Intensität über viele Jahre hinweg aushalten kann. Das ist eine Illusion. Nichts von alledem wird geschehen. Die Ukrainer werden einfach ausharren und dahinschmelzen. Ja, auch Russland kann Probleme haben. Ich glaube, dass sich Russland, Weißrussland und die Ukraine als Folge dieses Krieges, wenn er noch viele Jahre andauert, in ein totales Gebiet der Armut und Hoffnungslosigkeit verwandeln werden. Aber ich fühle mich dadurch nicht besser. Wenn mein Land Teil dieses Gebiets der Hoffnungslosigkeit wird, macht mich das nicht glücklich, verstehen Sie? Ich würde mir wünschen, dass wir uns anders entwickeln, dass wir Mitglieder der Europäischen Union werden, dass wir eine Produktionsbasis haben, dass wir eine ausreichende Bevölkerung haben. Ist Ihnen überhaupt klar, was heute passiert, was morgen passieren wird? Wir haben das Wehrpflichtalter bereits auf 25 Jahre gesenkt. Wir haben viermal weniger junge Menschen im Alter von fünfundzwanzig Jahren als Männer über vierzig, denn dies ist die Generation der Neunziger, die in den Neunzigern geboren wurde. Es ist klar, dass der Tod dieser Menschen, ihre Verstümmelung und so weiter dazu führen werden, dass wir auch in diesem Segment keine Bevölkerungsreproduktion haben werden. Aber wenn wir eine wirkliche Mobilisierung wollen, eine wirkliche Erhöhung des Mobilisierungspotenzials, dann wird das Wehrpflichtalter in der Ukraine auf zwanzig Jahre gesenkt. Das wird passieren, wenn dieser Krieg noch jahrelang andauert. Das ist die Realität und diese Realität wird dazu führen, dass die Reproduktion der ukrainischen Bevölkerung durch diesen Krieg einfach ausgesetzt wird, auch das ist nichts Neues. Das ist genau das, was die Sowjetunion mit vielen Völkern der Sowjetunion gemacht hat, als sie sie als Kanonenfutter in den Schmelzofen des Zweiten Weltkriegs warf. Ich behaupte übrigens nicht, dass die ukrainische Führung dies tut. Ich behaupte, dass das Vorgehen Russlands zu solchen Ergebnissen führt, denn hier geht es um einen Krieg zwischen einem Land mit 120 Millionen Einwohnern und einem Land mit 30 Millionen Einwohnern. Diese Bevölkerungszahl wird sich verringern, nicht erhöhen. Stellen wir uns vor, dass das alles fünf, sieben, acht Jahre andauert. Dieser Krieg geht weiter, wird fortgesetzt und schließlich durch eine Art von Waffenstillstand beendet. Wie viele Menschen werden wir zu diesem Zeitpunkt haben und wie viele Menschen werden im Jahr 2050 hier leben? Stellen wir uns vor, das schöne Russland der Zukunft hat unsere international anerkannten Territorien zurückgegeben, die Gerechtigkeit ist nach unserem Verständnis wiederhergestellt, die Ukraine ist in Lugansk und Donezk, Simferopol, überall, aber wer wird da leben? Russland hat bereits eine große Zahl von Menschen, die in diesen Gebieten lebten, vernichtet und sie als Kanonenfutter für den Krieg gegen ihre eigenen Landsleute benutzt. Viele Menschen werden in diesen Kriegsjahren nach Russland ziehen, weil es absolut sinnlos ist, dort zu leben. Das freie Territorium wird den gleichen Prozess des Bevölkerungsverlustes haben. Wie können wir bei der geringen Bevölkerungsdichte, die wir vor Beginn der intensiven Phase des Krieges hatten, als wir etwa 35-37 Millionen Menschen hatten, überhaupt in einer noch geringeren Bevölkerungsdichte leben? Wie können wir in einem solchen Gebiet leben, es entwickeln, seine Lebensfähigkeit erhalten, wenn selbst jetzt, nach optimistischen Schätzungen, bei uns noch 30 Millionen Menschen leben, und jedes neue Kriegsjahr diese Zahl natürlich um weitere Millionen verringert. Ich frage mich nur. Nochmals: Wie wir das sehen, interessiert mich überhaupt nicht. Warum bin ich nicht an der Meinung der ukrainischen Gesellschaft interessiert? Die ukrainische Gesellschaft ist daran gewöhnt zu überleben. Die ukrainische Gesellschaft ist eine postsowjetische Gesellschaft, und wie so oft in postsowjetischen Gesellschaften ist die Vorstellung vom Horizont einer solchen Gesellschaft nicht sehr hoch. Die Ukrainer haben so in all den Jahren vor dem Krieg gelebt, als keine Drohnen über ihre Köpfe flogen, als keine Raketen ihre Häuser bombardierten, als sie mit der Gewissheit schlafen gingen, dass sie morgens in ihren Betten aufwachen würden, was heute für keinen ukrainischen Bürger mehr garantiert werden kann. Natürlich, die Menschen leben in heute. Niemand denkt am Montag darüber nach, was am Dienstag, geschweige denn am Mittwoch passieren wird. Aber Menschen, die sich jenseits der ukrainischen Grenzen befinden, könnten doch darüber nachdenken? Daher basiert die Strategie selbst auf der Tatsache, dass „wir der Ukraine mehr Waffen geben werden, damit die Ukraine in die Offensive geht, aber wir werden ihr keine Flugzeuge geben, denn es soll keine Eskalation geben. Sie wird in die Offensive gehen, sie wird den Landkorridor zwischen Rostow und der Krim durchbrechen und in einer starken Position in die Verhandlungen mit Russland gehen“. Das ist einfach idiotisch, denn man muss in diesem Fall davon ausgehen, dass sich Russland dafür interessiert, was auf der Krim ist, dass es sich überhaupt dafür interessiert, ob Menschen dort gibt oder nicht, dass es sich überhaupt für all diese Korridore interessiert. Selbst wenn die russische Armee nicht vorrücken kann, wird Russland nicht daran gehindert Angriffe auf ukrainisches Territorium zu starten, wenn sie über genügend Raketen und Drohnen verfügt. Warum sollte es überhaupt zu solchen Verhandlungen kommen? Woher kommt eigentlich dieser Eindruck, dass Putin und Co. eine Ahnung vom Wert des menschlichen Lebens haben? Sie könnten aufgehalten werden, wenn es in der russischen Gesellschaft Widerstand gäbe, aber die russische Regierung hat genau den Punkt getroffen, den die russische Gesellschaft erwartet: einen Eroberungskrieg. Etwas, das Millionen von Russen immer geeint und zu einem Monument zusammengeschweißt hat. Das, womit sie aufgewachsen sind, worauf das Moskauer Fürstentum, das Moskauer Zarentum, das Russische Reich, die Sowjetunion überhaupt erst gegründet wurde. Ich habe immer gesagt, wenn Russland anders wäre, wenn es sich nicht von imperialen, sondern von anderen Werten leiten ließe, dann wären die ukrainischen Gebiete nicht Teil des Russischen Reiches gewesen, sondern die russischen Gebiete wären Teil des Ukrainischen Reiches gewesen, es wäre einfach anders. Aber es war in der Geschichte, wie es war, denn das ist es, was Russland eint. Deshalb kotzt es mich an, wenn Julia Nawalnaja immer wieder sagt, das sei Putins Krieg mit der Ukraine, und die Russen wollten diesen Krieg nicht. Das ist nicht wahr. Dies ist nicht einmal ein Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Dies ist der Krieg Russlands um Gebiete, die jeder russische Chauvinist für die seinen hält. Es ist nicht einmal ein Krieg mit der Ukraine. Dies ist ein Krieg zur Wiederherstellung des Staates, der als Russland galt und vor 1991 innerhalb der Grenzen der UdSSR existierte. Und sie glauben, dass Russland diesen Staat wiederaufbauen wird. Ich glaube, dass es sich auf dem Weg dorthin selbst vernichten wird. Aber ich will auf keinen Fall, dass die nationalen Kräfte des ukrainischen Volkes auf diesem Weg erschöpft werden. Ich verstehe, dass es den Franzosen, den Deutschen, den Italienern und sogar den Amerikanern egal ist, dass sie es vielleicht empirisch betrachten, dass sie einen politischen Prozess betrachten, der abgeschlossen werden kann. Mir ist klar, dass viele russische Liberale sich vielleicht nicht dafür interessieren, weil sie nur zusehen, wie die heldenhafte Ukraine gegen die russische Bedrohung kämpft, aber sie sind alle Vertreter von Nationen mit 120 Millionen Menschen, sie können sich diesen Luxus leisten. Und in dem Moment denke ich darüber nach, was ich erleben würde, wenn ich ein ethnischer Ukrainer wäre. Und ich würde erkennen, dass jeder Tag dieses Alptraums nicht einmal den Staat, sondern meine Nation, eine Nation, die im Vergleich zu vielen anderen großen Nationen der Welt nicht sehr groß ist, der historischen Perspektive, der demografischen Perspektive beraubt wird. Das kann ich mir gut vorstellen. Das ist dasselbe, was jüdische Politiker während des Holocausts erlebt haben, als einer von ihnen als Mitglied der Londoner Emigrantenstrukturen der polnischen Exilführung in London sogar Selbstmord beging. Weil er versuchte, den britischen und amerikanischen Behörden zu erklären, was wirklich mit den Juden geschah, und sie es abtaten und ihm klar wurde, dass sein Volk einfach nur sterben wird. Das war das Ergebnis, nicht nur er starb, die europäischen Juden verschwanden von der Landkarte Europas. Es gibt eine wunderbare Geschichte über David Ben Gurion, der nach dem Zweiten Weltkrieg zum Zionistischen Weltkongress in die Vereinigten Staaten kam. Und plötzlich sah er, dass die Hälfte des Saals von amerikanischen Juden belegt war und die Hälfte des Saals von Juden aus dem zukünftigen Israel, und die Plätze der europäischen Juden waren leer, weil wir nicht mehr da waren. Natürlich kann man sagen: Hier sitze ich, woanders sitzt jemand anderes, Zelensky sitzt auf der Bankova. Wir sind keine Repräsentanten einer Nation, verstehen Sie, wir sind Fragmente eines zerstörten Volkes, und ich will nicht, nachdem ich diese Erfahrung gemacht habe, die Gleichgültigkeit der zivilisierten Welt gegenüber unserem Schicksal in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts, die Gleichgültigkeit all dieser Völker, von denen viele einfach nur bei unserer Vernichtung mitgemacht haben und viele einfach nur gleichgültig waren. Auf der politischen Landkarte Europas gab es zwei Nationen, die ihre Juden gerettet haben. Es waren die Albaner, die nur ein paar Leute zu retten hatten, und die Bulgaren, die zumindest die Juden auf dem international anerkannten Territorium Bulgariens zu retten vermochten. Sie konnten die Juden in den besetzten Gebieten nicht retten, aber zumindest in diesem Gebiet haben sie alle gerettet. Ich kann mich vor ihnen nur verbeugen. Und das war’s. Und warum sollte ich mit dieser historischen Erfahrung und dem Wissen um all das Leid der nationalen Ukrainer in Russland und im Russischen Reich im XX Jahrhundert, das zu Millionen von Opfern während des Holodomor führte. Denken Sie daran, dass die Ukrainer all dies bereits erlebt haben und bereits reduziert wurden. Ohne die Hungersnot in den dreißiger Jahren gäbe es nicht 40 Millionen Ukrainer, sondern 80 Millionen, verstehen Sie das? Und jetzt erleben wir wieder die gleiche Katastrophe. Und ich muss vor Präsident Bidens Strategien schreiben. Ich bin sicher und war sicher, dass es von Anfang an notwendig war, Russland ein klares Signal zu geben, dass der Westen die Zerstörung der Ukraine, ihrer Staatlichkeit, ihrer Bevölkerung nicht mit Worten, sondern mit Taten verhindern wird. Die ständige Hysterie über die Tatsache, dass dies nicht unser Konflikt ist, wir sind überhaupt nicht daran beteiligt, wir werden keine Truppen einführen. Wir wollen keine direkte Konfrontation mit der Russischen Föderation. Nein, nein, nein, nein. Es ist alles für Putin ja-ja-ja-ja, verstehen Sie? Das ist, wie wenn Sie eine Vergewaltigung mit ansehen. Haben Sie Mitgefühl mit dem Opfer? Ja. Sie können ihr sogar ein Messer zuwerfen, damit sie sich gegen einen schwer bewaffneten Vergewaltiger wehren kann. Vielleicht sogar eine Waffe. Vielleicht hat sie ja Glück und erschießt ihn, während er es versucht. Aber Sie sagen ganz klar: „Ich habe damit nichts zu tun. Ich stehe nur hier und habe Mitgefühl. Ich stehe da und habe Mitgefühl. Nun, hoffen wir, dass das Opfer stark genug ist. Falls nicht, werden wir eine schöne Rede vor einem offenen Grab halten, wir wissen, wie man das macht. Ich verstehe, dass man historische Vorwürfe gegen Ukrainer aufstellen kann. In diesen dreißig Jahren ist die ukrainische Gesellschaft sicherlich hinter ihren nationalen Staatszielen zurückgeblieben. Sie hat sich 1994, 2010 immer wieder auf verschiedene Weise mit Moskau verbündet. Im Jahr 2004 hat nur der Aufstand diese Entscheidung verhindert. Im Jahr 2019 wollten die meisten Ukrainer nicht der NATO beitreten, selbst als die Gefahr über ihren Köpfen schwebte, sie wollten nicht nach oben schauen, selbst als alles offensichtlich war. Natürlich können wir den Wählern von Leonid Kutschma, den Wählern von Viktor Janukowitsch, den Wählern von Wladimir Zelenski große Vorwürfe machen.

Yakovenko. Entschuldigen Sie, das sind die Vorwürfe, die die ukrainische Gesellschaft sich selbst machen kann, aber wenn wir über die Position der Vereinigten Staaten von Amerika, Europa und so weiter sprechen, ist eine solche Position nicht würdig, denn es ist das gleiche wie zu sagen: sie ging durch den Park in einem kurzen Rock, und deshalb ist sie schuldig. Nun gut, wenn das die Position von US-Präsident Portnikov ist. Ich verstehe überhaupt nicht, warum der Präsident der Vereinigten Staaten, Portnikov, denkt, dass die Aufnahme der Ukraine in die NATO Putin von einem Atomkrieg abhalten wird. Nein, er wird einfach Städte jenseits der Grenze zerstören, unabhängig davon, was dort passiert, ob es dort amerikanische Stützpunkte gibt oder nicht. Das ist meine Meinung. Verstehen Sie den Zustand von Putin und seinem Gefolge. Putin wird den Krieg nicht beenden, er wird diese giftige Paste nicht wieder in die Tube drücken. Ich würde mir wünschen, dass der Präsident der Vereinigten Staaten Portnikov eine Aufgabe aus meiner Sicht formuliert. Diese Aufgabe kann so formuliert werden, wie sie im Zweiten Weltkrieg von der Anti-Hitler-Koalition formuliert wurde. Es hieß: Wir müssen das Dritte Reich vernichten, ohne das wird das Dritte Reich nicht aufhören. Er wird zerstört, eine angemessene Aufgabe ist gestellt. Das Ziel sollte auch heute sein, das faschistische Regime Putins zu zerstören. Solange es nicht vernichtet ist, wird die Bedrohung des ukrainischen Volkes, des kasachischen Volkes, des moldawischen Volkes, des baltischen Volkes nicht beseitigt werden. Putin wird nicht aufhören. Es gab einen point of no return, es gab mehrere points of no return. 2007, als Putin in München Rede hielt, den zweiten Point of no return 14 und den dritten endgültigen Point of no return 22 Jahr 24. Februar. Es wird nicht zu dem Zustand vom 23. Februar 22 zurückkehren. Nein, das wird nicht passieren, also scheint mir, dass nur die Zerstörung dieses Regimes ausreichen wird. Wenn ein solches Ziel geäußert wird, wenn US-Präsident Portnikov oder zum Beispiel derselbe Makaron, der sich vor den Olympischen Spielen zurückgezogen hat, nachdem diese Olympiade vielleicht wie durch ein Wunder ohne Terroranschläge verlaufen, zur Besinnung kommen und ebenfalls etwas sagen werden. Wie auch immer, hier ist die einzig angemessene Lösung. Zerstörung von Putins faschistischem Regime, das ist es, eine andere Meinung kenne ich nicht.

Portnikov. Wir wissen nicht, wie man einen Atomstaat vernichtet, oder?

Yakovenko. Ich weiß. Ich denke, es müssen zwei Schritte sein. Sie haben gerade gesagt, dass Putin nicht in einen Atomkrieg ziehen wird, und er ist wirklich verrückt, aber er ist nicht selbstmörderisch. Er wird nicht in einen Atomkrieg ziehen. Und ich sehe reale Möglichkeiten dafür, aber es braucht den politischen Willen. Dieser politische Wille besteht aus zwei Schritten. Der erste ist, wenn eine solche Aufgabe gestellt wird, sollte die Ukraine eine solche Bewaffnung erhalten, die sie in der Lage versetzt die Besatzungsarmee zu besiegen, vollständig zu besiegen, zu zerstören. Und dann ist da noch eine andere Frage: Natürlich setzt sich die Ukraine kein Ziel, niemand in der Ukraine setzt sich das Ziel, in den Kreml zu gehen und Putin zu stürzen. Ich weiß von innen, wie die russische Gesellschaft beschaffen ist, es gibt keine Mehrheit in ihr, die den Krieg unterstützt. Die Mehrheit des Volkes schert sich überhaupt nicht um die Opfer der Ukraine und um die eigenen Opfer. Sie leben mit dem Gesicht zum Boden gerichtet. Sie überleben, das ist die Mehrheit der Russen, aber es gibt eine ausreichende Anzahl von Russen, die gegen diesen Krieg, gegen Putin sind. Ein bedeutender Teil ist ausgereist. Und unter diesen Menschen gibt es ein paar Zehntausend, die bereit sind, zu den Waffen zu greifen. Wir müssen einen Mechanismus schaffen, mit dem eine große Freiwilligenarmee geschaffen wird, die aus Tschetschenen, Ukrainern, Baschkiren und Tataren, Jakuten besteht, die im Prinzip bereit dafür sind, unter anderem für Geld. Es ist sehr kostspielig. Irgendwo in Polen oder in Rumänien, vielleicht in der Ukraine, sollte eine logistische Struktur geschaffen werden, die diesen Mechanismus schafft, aber dazu ist es notwendig, dieses Ziel überhaupt erst einmal zu formulieren: die Zerstörung des faschistischen Regimes. Zuerst war das Wort, dann die Logistik, und dann eine ganz andere Bewaffnung, die gegeben werden muss.

Portnikov. Kein Präsident der Vereinigten Staaten wird jemals auf eine solche Idee kommen, also müssen wir von dem ausgehen, von dem wir ausgehen können.

Yakovenko. Zuerst war ein Wort. Und Ihr Wort klingt nicht nur auf Russisch, sondern auch auf Ukrainisch, kein Präsident wird es sagen, aber deshalb habe ich das gesagt. Machen wir ein Gedankenexperiment: Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika heißt Portnikov. Das ist es, was ich vorschlage. Mir ist klar, dass dies ein Gedankenexperiment ist, dass dies nicht etwas ist, das Biden reproduzieren kann. Aber zumindest die Idee selbst sollte hineingeworfen werden.

Portnikov. Sie und ich haben unterschiedliche Ansätze in dieser Sache. Ich bestehe darauf, dass die Sicherung der Ukraine durch ihre euro-atlantische Integration viel realistischer und weniger kostspielig ist als der Versuch, ein Regime mit einer effektiven Machtvertikale und einer gleichgültigen Bevölkerung zu stürzen.

Yakovenko. Lassen Sie uns nicht streiten. Ich denke nur, dass dieser Weg nicht zur Rettung der Menschen in der Ukraine führen wird. Da wir uns in einer sehr variablen Situation befinden, ist offenbar die Praxis das Kriterium der Wahrheit und die Tatsache, dass sich die effektive Vertikale innerhalb Russlands im Fall von Prigoschin als unwirksam erwiesen hat. Prigozhins Kampagne hat eindeutig bewiesen, dass diese gesamte Vertikale verrottet ist. Ich habe das Jahr 91 von innen erlebt, ich habe es gesehen, ich hatte direkten physischen Kontakt mit Gesetzeshütern, die innerhalb eines Wimpernschlags ihre Position in das genaue Gegenteil änderten, sofort. Ich habe den Blick in ihren Augen gesehen, wenn sie ihre Position ändern. Diese ganze Große Vertikale wird also zerbröckeln, sobald sie von innen her zusammenstößt, nicht durch die Surowikin-Linie, wenn sie durch Minenfelder geschützt ist, sondern von innen her. Die Kampagne von Prigoschin hat dies eindeutig bewiesen, aber es ist klar, dass wir jetzt im Konjunktiv sprechen.

Ich weiß, dass Sie wie immer nur sehr wenig Zeit haben, deshalb möchte ich Sie zu diesem Wettrüsten befragen, denn wir sehen jetzt, dass es eine wirklich fantastische Geschichte ist. Das Stockholmer Institut hat Daten speziell über das sprunghafte, unglaubliche, beispiellose Rüstungswachstum des letzten Jahrzehnts vorgelegt, als alle Seiten ihre Rüstungsausgaben im Durchschnitt um 10 Prozent erhöhten. Und wir sehen jetzt, dass die Ukraine jetzt der achtgrößte Geldausgeber der Welt ist. Das ist das Ergebnis von Jahr 2023. und es stellt sich die Frage, wer das heute noch tut. Hier ist eine Überlegung. Ich denke, dass die Ukraine nach den Ergebnissen für das 24. Jahr nicht nur gleichziehen, sondern sogar mit amerikanischer Hilfe Russland bei den Rüstungsausgaben übertreffen kann.

Portnikov. Russland gibt nach aktuellen Schätzungen etwa 120 Milliarden für Rüstung aus.

Yakovenko. Die Frage ist, dass die Ukraine im vergangenen Jahr 37 Prozent des BIP für Rüstung ausgegeben hat. Es stellt sich also die Frage, wer in diesem Wettrüsten das schwache Glied sein wird, denn Russland liegt bei den Rüstungsausgaben weltweit an dritter Stelle. Der erste Platz wird mit großem Abstand von den Vereinigten Staaten eingenommen. Dort wird mehr als die Hälfte aller Waffen der Welt hergestellt. Auf Platz 2 China, auf Platz 3 Russland, die Ukraine liegt an achter Stelle, übrigens noch vor Frankreich, Italien und Japan. Es stellt sich die Frage. Wer wird der erste sein, der scheitert, wer wird die Sowjetunion des XXI Jahrhunderts sein?

Portnikov. Die Sowjetunion des XXI. Jahrhunderts wird Russland im Falle eines Zusammenbruchs der Energiepreise sein, wenn es keinen solchen Zusammenbruch gibt, kann Russland noch lange Zeit solches Geld ausgeben. Aber grundsätzlich denke ich, dass wir an der Schwelle zu einem technologischen Durchbruch stehen, von dem man auch nicht weiß, wie er aussehen wird. General Valery Zaluzhny, ehemaliger Kommandeur der ukrainischen Streitkräfte, sagte, dass der Wendepunkt in diesem Krieg mit der neuen Erfindung des Schießpulvers kommen könnte. Und dann hat jemand gesagt, aber was für ein Schießpulver kann erfunden werden? Wir nähern uns dem Zeitpunkt, an dem militärische Operationen höchstwahrscheinlich von künstlicher Intelligenz gesteuert werden. Das ist schon sehr bald der Fall, es ist eigentlich eine Frage von 3-5 Jahren. Ich denke, dieser russisch-ukrainische Krieg, den wir gerade erleben, ist der letzte Krieg des 20. Jahrhunderts. Und weiteres hängt davon ab, wie, wer und wann, wie einst bei den Atomwaffen, wessen Wissenschaftler in der Lage sein werden, den ersten technologischen Durchbruch in Bezug auf die Nutzung der künstlichen Intelligenz zu erzielen? Und wessen Geheimdienst wird in der Lage sein, die Errungenschaften dieser Wissenschaftler als erste zu stehlen, wie es bei der Atombombe der Fall war. Wenn es dem Westen gelingt, einen technologischen Durchbruch zu erzielen und die Rüstung auf die Ebene der Steuerung durch künstliche Intelligenz zu verlagern, dann wird sogar eine Atombombe, die von russischem Territorium aus gestartet wird, genau in die entgegengesetzte Richtung fliegen. Das praktische Ende dieser ganzen Geschichte, wenn man denkt, man kann auf irgendeinen Knopf drücken und sein Befehl wird erfüllt, denn all das wird ganz anders sein. Ich denke also, dass das derzeitige Wettrüsten, bei dem sich die Parteien aus Angst vor der konventionellen Kriegsführung mit konventionellen Waffen bewaffnen, weil das Rezept, dass Atomwaffen Waffen gegen alle Kriege sind, gescheitert ist. Es hat sich gezeigt, dass es möglich ist, einen groß angelegten Krieg ohne den Einsatz von Atomwaffen zu organisieren, wie die russische Erfahrung gezeigt hat. Und wenn wir immer noch glauben, dass Atomwaffen ein Tabu sind, dann weiß man nicht, wo dieser konventionelle Krieg sonst noch geführt werden wird. Aber dies sind die letzten Krämpfe der Welt, in der wir zu leben gewohnt sind. Ich glaube, dass wir in ein paar Jahren in einer anderen technologischen Welt leben werden. Und derjenige, der den ersten Durchbruch schafft, wird der Erste sein. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass es Russland sein wird, angesichts des wissenschaftlichen und technologischen Potenzials Russlands, ich glaube auch nicht, dass es China sein wird. Russland und China werden versuchen, sich diese Fortschritte zunutze zu machen, sie haben ziemlich gute Geheimdienste. Wie wir wissen, waren es immer ihre Geheimdienste und nicht ihre Wissenschaft und ihre Fähigkeit zu denken, die Erfolg gebracht haben.

Yakovenko. Putins berühmtes tsap-tsarap. Er sagt ganz offen, lasst sie erfinden. Ich meine, das ist effektiv. Das ist die Sache, die Geschichte lehrt uns, dass sich gerade damals Stalins tsap-tsarap als sehr effektiv erwiesen hat.

Portnikov. Ich will das nicht bestreiten, aber ich denke, all das muss als Faktor berücksichtigt werden. Auf jeden Fall werden es ganz andere Kriege sein. Sie und ich wissen nicht einmal, in welchem Ausmaß die Menschen in diese Kriege verwickelt werden. Ich fühle mich in gewisser Weise in einer Art Museum in dieser ganzen Geschichte. Weil wir immer wieder über den Ersten Weltkrieg reden und wie ähnlich der Kriegsschauplatz ist, indem wir Begriffe von vor hundert Jahren in Erinnerung rufen. Das sollte alles längst überwunden sein, aber genau das ist Putins und Russlands Wunsch, in die Vergangenheit zu gelangen. Und die Tatsache, dass es sich um Reaktionäre handelt, nicht um Revolutionäre, und dass sie sich von der Vergangenheit inspirieren lassen. Warum habe ich von Chassawjurt gesprochen? Ich bin sicher, dass diese Menschen nicht in der Lage sind, etwas zu erfinden. Sie können nur die Lehren aus der Vergangenheit nutzen und das war’s. Deshalb wird das, was wir jetzt erleben, eines Tages in die Geschichtsbücher eingehen als der letzte Akkord von Kriegen, wo ein Mensch noch eine unabhängige Entscheidung getroffen hat, danach wird es ganz anders sein. Das ist also die Frage, wie das Wettrüsten aussehen wird, denn bis jetzt ist es ein traditionelles Wettrüsten. Aber sie ist sehr schnell. Warum sieht es übrigens so aus? Weil viele Länder wie Nordkorea, Iran, sogar Russland, haben jahrzehntelang nur Waffen produziert. Russland hat nicht produziert, aber es hatte sowjetische Lagerhäuser, das war alles, was die Sowjetunion gemacht hat. Und Nordkorea war weiterhin wie Sowjetunion, so dass es die Russische Föderation mit unzähligen Granaten beliefern konnte, weil es all die Jahrzehnte nichts anderes gemacht hat. Und so ist es auch mit dem Iran. Hier ist es ein perfektes Beispiel. @Wir stehen unter Sanktionen, aber wir produzieren Raketen und Drohnen, und was gibt es sonst noch zu produzieren? Mehr braucht man nicht. Das war’s, den Rest kann man auf dem Basar kaufen“. Das ist die ganze Idee. Und jetzt stellen wir fest, dass die westlichen Länder auch anfangen, all das zu produzieren, aber sie können effizienter und intensiver produzieren, wenn sie investieren und fortschrittliche Technologien für die Produktion konventioneller Waffen einsetzen. Die Erfahrung des 20. Jahrhunderts hat gezeigt, dass es für autoritäre Regime sehr viel schwieriger ist, zu handeln, wenn sie in der Waffenproduktion konkurrieren.

Yakovenko. Wie in unseren Gesprächen üblich, möchte ich Sie bitten, unser Gespräch mit der Beantwortung der Fragen, die ich nicht gestellt habe, abzuschließen.

Portnikov. Ich denke, wir haben den wichtigsten Punkt erörtert, denn das Wichtigste ist jetzt, was nach der ukrainisch-amerikanischen Hilfe geschieht. Ich denke, am Mittwoch wird der Senat endgültig abstimmen, am Donnerstag wird der Präsident das Gesetz unterzeichnen, und in etwa ein oder zwei Wochen werden wir sehen, wie sich die Lage an der Front wirklich verändert, und dann werden wir Schlüsse über die Bereitschaft Russlands ziehen, sich einer Armee zu stellen, die über all diese Waffen verfügt, denn wir sehen, dass Russland sich eindeutig auf ein anderes Ergebnis vorbereitet hat.

Säuberung der Admirale. Vitaly Portnikov. 03.04.24.

Wladimir Putin beobachtet gemeinsame Übungen der Nord- und der Schwarzmeerflotte vom Kreuzer Marschall Ustinow aus im Schwarzen Meer vor der Küste der Krim, 9. Januar 2020.

https://ru.krymr.com/a/vitaliy-portnikov-chistka-adniralov-chernomorskiy-flot-rf/32889163.html

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu stellte die neuen Chefs der russischen Marine, der Nordflotte und der Schwarzmeerflotte vor. Eigentlich waren die auf diese Posten ernannten Admirale bereits als Kommandeure tätig, aber Moskau zog es vor, die Personalentscheidungen von Wladimir Putin nicht bekannt zu geben. Und ich denke, es ist klar, warum. Allein die Tatsache, dass die Flottenchefs komplett ausgewechselt wurden, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die russische Marine während des russisch-ukrainischen Krieges ihre Ineffizienz und mangelnde Modernität unter Beweis gestellt hat. Eines der Hauptargumente für Putins Aggression – die Kontrolle über die Krim und Sewastopol – wurde in Frage gestellt.

Das Verbleibs der Schwarzmeerflotte in Sewastopol war immer eines der wichtigsten politischen Ziele der Russischen Föderation – nicht nur zu Zeiten Putins, sondern auch zu Zeiten Jelzins. Der erste russische Präsident verschob sogar seinen Besuch in der ukrainischen Hauptstadt und weigerte sich, den so genannten „großen Vertrag“ zwischen Russland und der Ukraine zu unterzeichnen, solange keine Einigung über den Verbleib der Schwarzmeerflotte in Sewastopol erzielt worden war. Der dritte russische Präsident, Dmitri Medwedew, weigerte sich, mit Viktor Janukowitsch über einen Gasrabatt zu verhandeln, ohne den Aufenthalt der Flotte auf der Krim zu verlängern und ihre Einsatzbedingungen zu ändern. Und am Ende hat Russland die Krim besetzt und annektiert.

Sewastopol wurde als Hauptstützpunkt für die Beherrschung des gesamten Schwarzen Meeres angesehen. Doch schon der erste große Krieg hat gezeigt, dass diese Pläne gescheitert sind. Die Schwarzmeerflotte ist nicht in der Lage, den ukrainischen Handel zu stören, und Sewastopol wird ständig aus der Luft angegriffen – so sehr, dass das Hauptquartier der Schwarzmeerflotte und andere Einrichtungen von Büros zu Zielscheiben geworden sind. Russland musste dringend einen Teil seiner Flotte in eine offensichtlich unvorbereitete Bucht in Noworossijsk verlegen und eine Reserveflotte in Ochamchira, im besetzten Abchasien, neu aufbauen.

Es ist klar, dass in dieser Situation die Verantwortung bei den Führern der russischen Marine und der Schwarzmeerflotte hätte liegen müssen, nicht bei Putin mit seinen Blitzkriegsplänen und seinem mangelnden Verständnis dafür, wie sich die Welt verändert hat. Und dies, obwohl die russische Schwarzmeerflotte auch in der Vergangenheit nur gegen Schwächere kämpfen konnte – und wenn sie auf Widerstand stoßte, ging sie sicher unter. Aber die russische Führung hat, wie wir wissen, ein seltsames Verhältnis zur Geschichte.

Die Frage ist nun, welche Aufgaben Putin dem neuen Befehlshaber der russischen Marine, Alexander Moiseyev, und dem neuen Befehlshaber der russischen Schwarzmeerflotte, Sergey Pinchuk, stellen wird. Wird er verlangen, zumindest das zu erhalten, was noch übrig ist, oder die Fähigkeiten der Flotte im Schwarzen Meer wiederherzustellen, Handelswege zu blockieren und die Angriffe auf Odessa, Ismail und andere ukrainische Häfen zu verstärken?

Da ich Putins Größenwahn kenne, neige ich eher zur zweiten Option. Und das bedeutet, dass sich die russische Schwarzmeerflotte sich weiterhin in Gefahr bringen und Schiffe verlieren wird. Zumal die neuen „Bauernopfern“, die für Putins nächste Enttäuschungen verantwortlich sein werden, bereits ernannt sind.

Ein Jahr der Inhaftierung von Gershkovich und Putins Äußerungen zur Ukraine. Was haben sie gemeinsam? Vitaly Portnikov. 30.03.24

Transparente mit dem Bild des Journalisten Evan Hershkovich während eines Baseballspiels in New York, 13. Juni 2023

https://www.radiosvoboda.org/a/evan-hershkovych-ssha-putin/32884530.html

Am 29. März erinnerten die amerikanischen Medien ihre Landsleute an das Jahr, das der Journalist Evan Gershkowitz in einem russischen Gefängnis verbrachte. Das Wall Street Journal veröffentlichte einen „leeren Leitartikel“ und stellte fest, dass es sich um einen Artikel handelt, der der Inhaftierter Journalist schreiben könnte.

Anlässlich des Jahrestages der Verhaftung von Evan Herschkowitsch haben seine Kollegen ein spezielles Projekt vorbereitet, das sich mit seiner Zeit im Gefängnis beschäftigt. US-Präsident Joseph Biden, der den Journalisten in seinen öffentlichen Reden immer wieder erwähnt, versprach ebenfalls, sich für die Freilassung von Gershkovich einzusetzen.

In der Tat besteht in der amerikanischen Gesellschaft ein eindeutiger Konsens über die Notwendigkeit der Freilassung von Gershkovich. Selbst der Kommentator Tocker Carlson, der in seinem Gespräch mit Wladimir Putin keine politischen Gefangenen des russischen Regimes erwähnte, erwähnte Gershkovich.

Die Verhaftung von Gershkovich ist zu einem neuen Symbol in den sich verändernden Beziehungen zwischen Russland und dem Westen geworden. Erstens sind amerikanische Journalisten seit vielen Jahrzehnten, vielleicht seit dem Kalten Krieg, nicht mehr in Moskau inhaftiert worden. Der letzte Redner war Nicholas Daniloff, Korrespondent für US News & World Report.

Im September 1986 wurde Daniloff, der gerade seine Arbeit in der Sowjetunion beendete, in Moskau unter dem Vorwurf der Spionage verhaftet. Er wurde jedoch nach 13 Tagen freigelassen, nachdem US-Präsident Ronald Reagan persönlich interveniert hatte. Als Daniloff im Mai 1992 den ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow fragte, warum er verhaftet worden sei, antwortete dieser, dass es sich um eine „übliche Sache des Kalten Krieges“ handele – und definierte damit treffend die Atmosphäre der Beziehungen zwischen Moskau und Washington.

Das ist genau die Atmosphäre, die Putin wieder herstellen will.

Dies ist auch eine Demonstration des Kremls, dass Putin sich über das Weiße Haus hinwegsetzen kann

Im April 2023 kommentierte Daniloff, der heute zu den Meistern des amerikanischen Journalismus zählt, die Verhaftung von Hershkovich. Daniloff sagte, das Wichtigste, was Gershkovich tun könne, sei, so stark wie möglich zu bleiben: „Man muss versuchen, die Sprache einer freien Presse zu sprechen. Das ist nicht leicht zu erreichen. Aber ich hoffe, dass dies eine Position sein wird, die eingenommen werden kann“. Der erfahrene amerikanische Journalist nannte die Verhaftung seines Kollegen ein „Signal der Einschüchterung“.

Aber dies ist nicht nur ein Signal der Einschüchterung. Dies ist auch eine Demonstration des Kremls, dass Putin sich über das Weiße Haus hinwegsetzen kann, dass er nicht Gorbatschow ist. Da der sowjetische Staatschef die Beziehungen zum Weißen Haus nicht völlig zerstören wollte, verbrachte der unter falschen Anschuldigungen festgenommene amerikanische Journalist nur 13 Tage im Gefängnis. Und Gershkovich befindet sich nun schon seit einem Jahr in Haft, obwohl es in seinem „Fall“ keine Fortschritte gegeben hat.

Warum verhält sich Putin auf diese Weise? Es ist die gleiche Logik, die sein Handeln in der Ukraine bestimmt – weil er glaubt, dass er das Recht dazu hat und nichts seine Beziehungen zum Westen retten kann. Der russische Präsident scheint davon überzeugt zu sein, dass er aus einer Position der Stärke heraus handeln muss, aber von Zeit zu Zeit imitiert er den Wunsch, den Journalisten „loszulassen“, ihn auszutauschen. Tatsächlich geschieht jedoch nichts. Dies lässt sich auch mit Putins Äußerungen über Verhandlungen zur Beendigung des Krieges mit der Ukraine vergleichen. Offensichtlich hat der russische Präsident nicht die Absicht, solche Gespräche zu führen, aber er erweckt gewohnheitsmäßig den Anschein, dazu bereit zu sein.

Bedeutet dies, dass Gerschkowitsch nicht nach Hause zurückkehren wird? Um diese Frage zu beantworten, muss man lernen, in der Logik der Erpressung und des Terrors und nicht in der Politik zu denken.

Im November 1979, nach der islamischen Revolution im Iran, wurden amerikanische Diplomaten in diesem Land als Geiseln genommen und verbrachten 444 Tage in Gefangenschaft.

Die Regierung von Präsident Jimmy Carter organisierte eine Sonderaktion zur Befreiung der Geiseln, versuchte einen Weg für Verhandlungen zu finden… Der Tag der Geiselbefreiung fiel jedoch mit dem Amtsantritt des neuen amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan zusammen.

Im Fall Gershkovich könnte Putin auch an die Möglichkeit denken, die politischen Prozesse in den USA zu beeinflussen und diesen Fall für Erpressungen zu nutzen, so wie es Ayatollah Khomeini vor vielen Jahrzehnten getan hat. Und ja, dies ist nicht die Logik der klassischen Politik.

Aber das ist die Logik des klassischen Terrors.