Was ist der Grund für unseren Kampf und Widerstand? LB.ua. Kirilo Danilchenko. 21.02.2026.


Ukrainische Soldaten an der Front. Facebook-Seite des Generalstabs der ukrainischen Streitkräfte.

https://lb.ua/society/2026/02/21/723303_chomu_mi_voyuiemo_chinimo_opir.html?fbclid=IwZnRzaAQGYbtleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEemROQkxAcieOWaB4eChdzXSC6tN7ZSuF5LoIvi0n3jHZo31VqIMMsQxou6rE_aem_OfBU3SbCNeUdpbNecZTidA

Es kam kürzlich ein Mann in einem Facebook-Kommentar zu mir und sagte: „Ich verstehe nicht, warum ihr das macht? Warum leistet ihr so erbitterten Widerstand? Ist das irgendeine instinktive Geschichte – zu versuchen zu überleben und nicht in einen Keller in der ‚DNR‘ zu geraten?“

Der Mann hat einfach im Schulunterricht gefehlt, wo erklärt wurde, dass Menschen keine Instinkte haben, sondern nur Reflexe. Gleichzeitig sitzt er selbst „instinktiv“ in den USA. So eine Geschichte. Da es aber vielen unklar ist, sprechen wir es einmal aus.

Es gibt keinerlei Interessen Europas in der Ukraine oder in Russland, für die wir hier kämpfen. Das ist Unsinn, Verschwörungstheorie. Die Interessen Europas in Russland sind: Deutschland, das in Mulino (RF) beim Aufbau eines Ausbildungszentrums für Militärangehörige half, wo 100.000 Personen pro Jahr ausgebildet werden; der Verkauf von Perücken, Kutschen und Schmuck an Geliebte gegen Öl, Getreide und Hanf. In welchem Jahrhundert das auch immer geschieht. Weckt mich in 100 Jahren, und ich sage: Russland liefert Rohstoffe nach Europa und kauft Luxus und Technologien. Europa wollte, dass in Mailand die Geliebten von Funktionären von „Einiges Russland“ herumhüpfen und dass russische Neureiche in London ganze Stadtviertel aufkaufen. Aber dem „Opa“ war nach „Action“ und „historischen Ländereien“ zumute. Europa ist gezwungen zu reagieren.

Die derzeit völlig erwartbare Reaktion besteht darin, Ressourcen denen zu geben, die wissen, wie man den Gegner vernichtet. Einen Gegner, der Gebiete erobern will, die heute Bestandteil der Europäischen Union sind (und „historische russische Ländereien“ sind auch Finnland, die baltischen Staaten und Polen). Fallen wir, muss man an der Ostflanke nicht nur kanadische Brigaden und polnische Divisionen stationieren, sondern Infrastruktur aufbauen, Wohnungen für Militärangehörige errichten – das sind Billionen Euro. Aber das heißt nicht, dass wir für die Interessen Europas kämpfen. Wir haben unsere eigenen Interessen.

Und unser Interesse ist sehr einfach. Unser Interesse ist, nicht in ein System zu geraten, in dem man für einen „falschen“ Witz in eine Strafkolonie kommt oder auf eine Flasche gesetzt wird. Nicht in ein System, in dem Konkurrenten direkt beim Kreml vor den Augen ihrer Freundin ermordet werden und die Mörder ruhig nach Tschetschenien fliehen. Nicht in ein System, in dem politischen Konkurrenten Gift in den Körper gerieben wird und man höhnisch lacht: „Beweist es doch, zeigt es.“

Dort kann es übrigens sogar wohlhabender sein. Mit dem Mutterschaftskapital für das zweite Kind kann man eine Wohnung kaufen, so etwas gibt es bei uns nicht. Dort verdienen CNC-Arbeiter in der Rüstungsindustrie 150.000–200.000 Rubel – 1.500–2.000 Dollar. Früher oder später werden die Russen viel Geld ins besetzte Mariupol bringen, eine Verbindung mit dem Hafen aufbauen, vielleicht die Metallurgie nicht wiederherstellen, aber sich eine Schwerindustrie ausdenken, die Menschen mit Fernsehen „programmieren“ und sie durch Gesichtserkennungstechnologie und Kontrolle ihrer Aktivitäten im Internet überwachen. Jetzt, da Telegram und andere YouTubes blockiert sind, werden sie irgendein „Tscheburnet“ erschaffen, in dem sie Sternchen dafür vergeben, wie gut du Putin schmeichelst.

Und bis dahin spielen sie „Civilization VII“, siedeln das halb zerstörte Mariupol mit Leibeigenen aus depressiven Regionen an, wo der Frühling im Mai beginnt. Den Einheimischen geben sie ein Dutzend Wohnungen und versprechen günstige Hypotheken. Das Fernsehen wird ihnen sagen, wen sie lieben sollen. Und wer die Ukraine zu sehr liebt, wird in den „Keller“ verschleppt – zu brutalen Verhören und Misshandlungen.

Erkläre ich es verständlich? Deshalb leisten wir so erbitterten Widerstand. Die jahrelange Front bei Awdijiwka hat uns – neben der Schaffung „äußerster Spannung“ – die Möglichkeit gegeben, Produktion zu verlagern, einen Teil der aktiven Bevölkerung in sichere Gebiete zu bringen, ihnen Ruinen, „Wartende“-Rentner zur Last ihres Rentenfonds und mit Minen verseuchtes Gebiet zu hinterlassen. Überflutete Minen, zerstörte Überführungen und Billionen für den Wiederaufbau. Geblieben sind nur diejenigen, die keiner weiteren Propaganda mehr bedürfen. Aber Kinder, wirtschaftlich aktive Bevölkerung, Maschinen oder Produktionsstrassen – das ist nicht geblieben, geblieben sind nur Ruinen.

Außerdem haben wir Erfahrung gewonnen, und Europa hat gesehen, dass russische

 Luft- und Weltraumstreitkräfte nur ein schöner Name sind: Sie werfen Gusseisen aus 50 km Entfernung und sind nicht in der Lage, eine MiG-29 abzuschießen, die von unserer Seite dasselbe „Gusseisen“ abwirft. Das heißt, zumindest auf strategischer Ebene herrscht Gleichstand in der Luft, und auf See gibt es gar keine Chancen. Also muss man die Landstreitkräfte und Drohnen entwickeln.

Russland muss alles entwickeln – wenn der Kreml vorhat, nicht nur gegen die Ukraine Krieg zu führen. Es braucht eine umfassende Reform der Streitkräfte, die unmöglich ist, während man mit uns Krieg führt. Das Geld wird nicht reichen. Man muss die nukleare Abschreckung ausbauen und atomgetriebene U-Boote bauen, versuchen, die Flotte wiederherzustellen, und sich gegen Drohnen verteidigen.

Europa erfüllt seine Aufgaben, wir erfüllen unsere. Wir müssen den besetzten Donbass in einem Zustand hinterlassen, der eine schnelle militärische Nutzung unmöglich macht. Damit Russland das Gebiet nicht stabilisieren, ideologisch festigen und als Ausgangspunkt für weitere Expansion – etwa Richtung Belarus, Georgien, Kasachstan oder die baltischen Staaten – nutzen kann. Und natürlich bis an die Linie des Dnipro vorzurücken. Das brauchen wir nicht. Deshalb ist ein Verlassen von Gebieten für uns ausgeschlossen. Sobald wir ein Gebiet aus irgendeinem Grund verlassen, werden die Russen hineingehen: zuerst mit Polizeieinheiten und Fernsehen, und dann wird es sein wie mit der Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands. Und die Welt wird sagen: „Wollt ihr etwa einen Atomkrieg? Sie versprechen, nicht weiterzugehen, man muss ihnen glauben.“

Deshalb ist alles einfach. Vielleicht sind es für manche Instinkte oder sie haben keine Erklärung, aber ich habe eine. Ich will nicht in eine Diktatur. Ich will nicht raten, welcher meiner Posts oder welches Wort mich in Foltergefängnis bringt. Ich will kein Gift einer tropischen Kröte in der Unterwäsche, wenn ich Korruption untersuche. Ich will nicht im „Keller“ landen, während angepasste Mitläufer Hypotheken und staatliche Prämien kassieren und sich jahrzehntelang mit demselben, künstlich verjüngten Herrscherporträt zufriedengeben.

Wenn man uns zwingen kann, den Festungsgürtel zu verlassen, kann man uns auch zwingen, Saporischschja zu verlassen. Dann ließe sich etwa bei Belgorod und Kursk eine „Pufferzone“ einrichten und behaupten:  „Ihr wollt doch nicht, dass die Ukrainer wieder, vor Wut rasend, unsere Infrastruktur angreifen? Warum tun sie das nur, wir haben doch nur bei Frost ihre Heizkraftwerke zerstört, und sie sind so unmenschlich.“ Das ist ein Weg ins Nichts.

Wir handeln wie ein Immunsystem: Was eindringt, wird nicht willkommen geheißen, sondern mit Abwehrreaktionen beantwortet, mit Fiber und Abwehrstoffen. Wir bilden im freien Gebiet Leukozyten und Phagozyten aus und schicken sie über die Frontlinie. Und dort explodieren aus irgendeinem Grund Gauleiter und Raketen werden dorthin gelenkt, wo es nötig ist. Vielleicht werden sie in Europa hergestellt, ebenso wie viele Millionen Granaten und Millionen Drohnen. Ihr habt doch selbst davon gesprochen, es „wie die Großväter“ zu machen? Ihr wolltet doch europäische Territorien und wieder die Stiefel im Finnischen Meerbusen waschen?

So ist es eben: Toleranz darf man nicht mit einem Zustand verwechseln, in dem ein Organismus nicht mehr reagieren oder sich wehren kann. Ja, wir führen einen schweren Krieg. Ja, es ist schwer für uns. Ja, wir haben Hunderttausende Verwundete und Versehrte. Aber wir haben keine Wahl – es ist, als dringe ein Virus in uns ein, das unsere eigenen Kräfte gegen uns wenden will, indem es eine alternative Geschichte verbreitet und dafür einen „ewigen Zaren“ als Preis für vermeintliche Stabilität anbietet.

Unsere Hoffnung ist, ihnen finanziell die Grundlage zu entziehen, damit sie keine Massenrekrutierung mehr finanzieren können. Sie dagegen setzen darauf, dass uns Infanterie fehlt und Soldaten abspringen. Der Kern des Ganzen ist: Ein alter Machthaber wollte als „Wiedervereiner verlorener Gebiete“ in die Geschichte eingehen. Und es gab im Land keine politische Kraft mehr, die ihn hätte aufhalten können – das politische System war zuvor weitgehend ausgeschaltet worden.

Keine Freimaurer, Reptiloiden oder raffinierten EU-Pläne verlängern den Krieg. Wir verlassen kein Territorium, weil das den nächsten Krieg für uns schwerer und für sie leichter machen würde. Wer nicht glaubt, dass es erneut zu einem Krieg kommen kann, sollte sich ansehen, wie lange die Teilungen der polnisch-litauischen Adelsrepublik vorbereitet wurden – trotz unterzeichneter „ewiger“ Friedensverträge: rund 150 Jahre.

Der physische Tod der Patruschews und Putins oder ein wirtschaftlicher Zusammenbruch auf das Niveau der Neunziger – das ist heute das reale Ende des Krieges. Ihr könnt das akzeptieren oder bestreiten, aber so stehen die Dinge im Jahr 2026. Euch fällt es leichter – ich habe alles 2014 akzeptiert und lebe seit vielen Jahren damit.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Чому ми воюємо і чинимо опір? LB.ua.
Кирило Данильченко. 21.02.2026.

Autor: Kirilo Danilchenko
Veröffentlichung / Entstehung: 21.02.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Ein Gespräch, auf das ihr nicht vorbereitet seid. Pylyp Dukhliy . 18.02.2026.

https://www.facebook.com/share/p/18PJkrkuJQ/?mibextid=wwXIfr

Töten ist zur Norm unseres Lebens geworden. Töten wird zur Voraussetzung unseres Überlebens und zur Bewahrung unserer Identität als Nation. Wir töten nicht nur, wir freuen uns über diese Tötungen, und die Menschen, die sie begehen, erhalten zusätzliche Privilegien, Prämien, Ränge, Anerkennung und gesellschaftlichen Respekt.

Wir sind zu einer Nation von Tötenden geworden. Und solange neben uns Unmenschen leben, sind wir gezwungen, Tötende zu bleiben. Wir sind gezwungen, ein inneres Narrativ zu formen, das auf die Bereitschaft zur Vernichtung anderer Menschen ausgerichtet ist. Entweder wird das Teil unserer Mentalität, unseres Lebens – oder wir verschwinden als Nation.

Wir werden zu Exporteuren des Todes. Unsere Erfahrung, unsere Bewaffnung haben einen hohen Wert und sind weltweit gefragt, weil wir derzeit weltweit führend bei Innovationen im Bereich der massenhaften Tötung von Menschen sind.

Ich schreibe das ohne jede negative Konnotation, als Feststellung einer Tatsache. Im Kontext dieses Beitrags ist ein „Tötender“ nicht jemand, der das Gesetz bricht, sondern jemand, der einem anderen Menschen das Leben nimmt.

Was ich oben schreibe, ist eine sehr grausame Realität.

In der Psychologie gibt es den Begriff der moralischen Trauma. Um nicht in sie hineinzufallen, hat unsere Gesellschaft unbewusst bestimmte Narrative und Schutzmechanismen entwickelt. Ihr Ziel ist es, sich vom Aggressor abzugrenzen, eine Polarität zwischen „wir“ und „sie“ zu schaffen – und je stärker diese Polarität, desto stärker der Schutz vor moralischer Trauma.

Sie sind Aggressoren, die gekommen sind, um zu töten, zu vergewaltigen und Verbrechen auf fremdem Boden zu begehen – aus Eigennutz, zur Unterhaltung, zur eigenen Größe. Wir sind Verteidiger, die gezwungen sind zu töten, um sich selbst zu schützen. Die Entmenschlichung der Russen ist ein Instrument.

Wir sind zu Spezialisten darin geworden, Polaritäten zu schaffen, Spaltung als Schutzmechanismus zu nutzen. Dazu gehören Sprache, Kultur, Dekolonisierung, die Heroisierung der Kämpfer der Verteidigungskräfte – selbst wenn das nicht immer der Realität entspricht – und so weiter.

Wenn wir das nicht tun, diese Grenzziehung nicht schaffen, werden wir in eine kollektive moralische Trauma fallen und die Waffen niederlegen.

Genau darauf sind die Informations- und psychologischen Operationen der Russen ausgerichtet: alles anzugreifen, was Unterschiede zwischen uns und ihnen schafft. Die russische Sprache und Kultur in der Ukraine zu unterstützen. Bei jeder Gelegenheit das Militär, einschließlich der Wehrersatzämter, abzuwerten, „einfache Russen“ als Opfer darzustellen, zu versuchen, von Ukrainern das Bild von Menschen mit niedrigen moralischen Prinzipien zu zeichnen, und so weiter.

Solange der Krieg andauert, ist unsere kollektive Spaltung unser Schutz vor moralischer Trauma, unser Weg, uns von ihnen zu distanzieren. Es ist genau der Ort, an dem der Übergang vom „Tötenden“ im rein linguistischen Kontext zum „Verteidiger“ im Kontext moralischer Rechtfertigung stattfindet.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Social Media
Titel des Originals: Розмова до якої ви не готові. Pylyp Dukhliy . 18.02.2026.
Autor: Pylyp Dukhliy
Veröffentlichung / Entstehung: 18.02.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Trumps größte Niederlage |Vitaly Portnikov. 20.02.2026.

Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, hat möglicherweise die größte Niederlage während seiner gesamten Amtszeit als Staatsoberhaupt erlitten. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hat seine berühmte Entscheidung über Zölle im Handel mit vielen Ländern der Welt aufgehoben und damit faktisch die gesamte Wirtschaftspolitik des amerikanischen Präsidenten, die Einnahmen des US-Haushalts und den Stil der Kommunikation des Präsidenten der Vereinigten Staaten mit anderen Ländern infrage gestellt.

Trump hat diese Entscheidung bereits als beschämend bezeichnet. Er teilte mit, dass er darüber nachdenken werde, wie er diese Zölle auf andere Weise einführen könne. Und tatsächlich bleibt dem Präsidenten der Vereinigten Staaten aus formaler Sicht die Möglichkeit, sich an den Kongress zu wenden, damit seine Vorstellungen darüber, wie sich die wirtschaftlichen Beziehungen der Vereinigten Staaten zu anderen Ländern gestalten sollen, eine rechtliche Grundlage erhalten.

Doch wie wir verstehen, geht es keineswegs nur um Zölle. Entscheidend ist, dass demonstriert wurde, dass Donald Trump in grundlegenden Fragen möglicherweise keine Unterstützung bei der Mehrheit der Richter des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten findet. Bis zu diesem Tag galt der Oberste Gerichtshof vielen als bloßes Instrument in den Händen des Präsidenten. Und die meisten Kritiker Trumps betonten, dass er beispiellose Kontrolle nicht nur über beide Kammern des amerikanischen Kongresses habe, in denen die Republikaner die Mehrheit stellen, sondern auch über die höchste gerichtliche Gewalt. Ganz gleich, wie Entscheidungen der unteren Instanzen ausfielen – wenn eine Sache vor den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten gelange, werde er zwangsläufig auf der Seite des US-Präsidenten stehen.

Solche Schlussfolgerungen stützten Beobachter auf die Tatsache, dass die Mehrheit der Richter am Obersten Gerichtshof von republikanischen Präsidenten ernannt worden ist. So hatten sich eben historische Umstände ergeben. Und es gibt inzwischen auch Richter, die auf Vorschlag Donald Trumps selbst in dieses hohe Amt berufen wurden.

Doch die Realität erwies sich als anders, ich würde sagen als weitaus amerikanischer, als sowohl Befürworter als auch Gegner des amtierenden Präsidenten angenommen hatten. Die Richter sind in erster Linie Juristen geblieben, die weiterhin hoffen, dass die Vereinigten Staaten – wenn man so sagen darf – ein rechtlich sauberes Land bleiben. Ein Land, in dem Entscheidungen der Macht vor allem an Rechtsnormen und geltendes Recht gebunden sind. Und damit wird Donald Trump während seiner gesamten Amtszeit rechnen müssen.

Das bedeutet, dass viele der ehrgeizigen Pläne des Präsidenten für die Zukunft nicht verwirklicht werden, denn bereits in dem Moment, in dem Trump solche Pläne mit seinen engsten Mitarbeitern erörtert, wird offensichtlich sein, dass der Teil davon, der nicht auf einer soliden rechtlichen Grundlage beruht, höchstwahrscheinlich vom Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten aufgehoben wird. Das unterstreicht erneut, dass der Präsident kein Monarch ist und dass er in seinen Entscheidungen vom Geist und Buchstaben der amerikanischen Gesetze abweichen kann – was wiederum, wie wir verstehen, im Falle eines Sieges der Demokraten bei den Nachwahlen zum amerikanischen Kongress im November dieses Jahres günstige Voraussetzungen für die Einleitung eines neuen, bereits dritten Amtsenthebungsverfahrens gegen den Präsidenten der Vereinigten Staaten schaffen würde.

Und selbst wenn man sich vorstellt, dass die Demokraten keine Mehrheit im Senat erringen und dieses Amtsenthebungsverfahren nicht mit einer tatsächlichen Absetzung Trumps endet, würde allein die Geschichte mit Anhörungen im Repräsentantenhaus, Ermittlungen sowie unangenehmen und unbequemen Fragen, die zudem auf Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs beruhen, reale Probleme für die Fortsetzung jener Handlungen schaffen, die Präsident Trump mit seinen eigenen Vorstellungen von Veränderungen in Amerika verbindet.

Man kann also sagen, dass genau heute eine grundlegende Veränderung eingetreten ist. Und nun werden viele in den Vereinigten Staaten aufmerksam beobachten, wie der Präsident tatsächlich auf eine solche – ich würde sagen – schmerzhafte, ernsthafte Herausforderung für seine gesamte politische Karriere und seine zweite Amtszeit reagieren wird.

Natürlich ist dies auch eine ernsthafte Frage im Verhältnis zu anderen Ländern, wie wir sehr gut verstehen. Denn die meisten wirtschaftlichen Abkommen Trumps mit der Welt beruhten gerade auf seiner Zollpolitik. Nun betont man beispielsweise in der Europäischen Union, man werde genau beobachten, wie sich die Administration nach dieser aufsehenerregenden Entscheidung des Obersten Gerichtshofs verhalten und welche praktischen Schritte sie unternehmen werde.

Einige sagen, dass Handelsabkommen wohl kaum revidiert werden, doch alle werden sehr gut verstehen, dass ein solches Druckmittel wie Zölle Trump möglicherweise nicht mehr zur Verfügung steht. Und deshalb werden Handelsabkommen künftig eher auf gutem Willen und gegenseitigem Interesse beruhen und nicht auf jenem wirtschaftlichen Diktat, das Trump vom ersten Tag seiner Präsidentschaft an propagierte – insbesondere an jenem berühmten Tag der „Befreiung Amerikas“ im Rosengarten des Weißen Hauses.

Dies könnte auch gewisse negative Folgen haben. Erinnern wir uns etwa daran, dass Indien den Kauf russischen Öls gerade unter dem Druck von Donald Trumps Zöllen eingestellt hatte. Nun stellt sich die Frage, inwieweit Trump künftig in der Lage sein wird, solche Zölle einzuführen – was freilich nichts daran ändert, dass Amerika auch andere gewichtige Möglichkeiten besitzt, Druck auf jene auszuüben, deren Politik es nicht akzeptiert. Dabei geht es vor allem nicht um Zölle, sondern um Sanktionen.

Wie wir sehen, macht sich Sanktionspolitik tatsächlich bemerkbar, wenn es beispielsweise um Russland geht. Doch Sanktionen bedürfen realer juristischer Begründungen. Und auch das kann zu einer ernsthaften Prüfung für die derzeitige Administration werden. Eine Sache sind Sanktionen gegen aggressive Staaten wie Russland, gegen diktatorische oder autoritäre Regime. Eine andere Sache sind Sanktionen gegen demokratische Länder. Hier bedarf es einer völlig anderen Begründung – sofern Trump überhaupt beabsichtigt, ein solches Instrument einzusetzen.

Wie sich die Situation nun entwickeln wird, kann sich allerdings kaum jemand vorstellen, denn wie so oft während der Präsidentschaft Donald Trumps befinden wir uns erneut auf unbekanntem Terrain.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Головна поразка Трампа| Віталій Портников. 20.02.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 20.02.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Trumps ‚Rat‘: ein Szenario für die Ukraine | Vitaly Portnikov. 19.02.2026.

Donald Trump hat die erste Sitzung des Friedensrates abgehalten, die seine Bereitschaft demonstrierte, die Funktionen dieses Organs nicht nur auf den Nahostkonflikt, sondern auch auf andere weltweite Konflikte auszuweiten. Trump selbst sprach auf der ersten Sitzung des Friedensrates darüber, als er sagte, dass es mit Hilfe seiner Teilnehmer gelingen werde, Frieden im Nahen Osten herzustellen, die Frage des Gazastreifens zu lösen und sich danach auch anderen globalen Konflikten zuzuwenden.

Es sei daran erinnert, dass sich das Mandat des Friedensrates, das vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen genehmigt wurde, in erster Linie auf die Lösung des Nahostkonflikts erstreckt. Und hier kann man sagen, dass es bis zu wirklichen Fortschritten noch sehr weit ist. Insbesondere einer der Hauptpunkte von Trumps Friedensplan – die Entwaffnung der Terrororganisation Hamas – ist weiterhin nicht umgesetzt. Reale Perspektiven für die Entsendung von Friedenstruppen in den Gazastreifen sind nicht erkennbar.

Die israelische Armee behält somit ihre Positionen im Gazastreifen bei, und die zivile Verwaltung, die gemäß Trumps Plan zur Führung und zum Wiederaufbau Gazas eingesetzt wurde, bleibt in ihren Büros in Ägypten und eilt nicht in den Gazastreifen.

Man kann sagen, dass uns ein solcher Ansatz zur Friedensregelung die Möglichkeit gibt zu verstehen, wie der Präsident der Vereinigten Staaten das Ende des russisch-ukrainischen Krieges sieht. Wichtig ist, dass die Seiten sich zumindest auf irgendetwas einigen, während es von geringerer Bedeutung ist, wie sich die Situation weiterentwickelt. Entscheidend ist, dass der Friedensrat funktioniert, Trump selbst als Friedensstifter erscheint und betont, dass er des Friedensnobelpreises würdig sei.

Übrigens schlug auf dieser Sitzung des Friedensrates der Präsident Kasachstans, Kassym-Schomart Tokajew, vor, einen Donald-Trump-Friedenspreis zu schaffen, der jenen verliehen werden soll, die zur Beendigung von Kriegen und Konflikten in der Welt beitragen. Ich weiß nicht, inwieweit es den Präsidenten der Vereinigten Staaten zufriedenstellen würde, statt einer weiteren Auszeichnung – insbesondere des Nobelpreises – die Schaffung eines Trump-Preises zu erleben, mit dem andere Menschen ausgezeichnet werden. Wir werden sehen, inwieweit man in Washington diesem Vorschlag des kasachischen Präsidenten zustimmt und wie dies Trumps eigener Sicht auf seine Rolle in der Geschichte und sein Interesse an Auszeichnungen entspricht.

Wenn wir jedoch ernsthaft sprechen, zeigte die Sitzung des Friedensrates, dass sich die überwiegende Mehrheit der Verbündeten des amerikanischen Präsidenten der Teilnahme an diesem Treffen entzogen hat. Zu der Sitzung, die der Regelung im Gazastreifen gewidmet war, erschien nicht einmal der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu, der stattdessen den Leiter des israelischen Außenministeriums, Saar, entsandte. Die führenden europäischen Staats- und Regierungschefs reisten ebenfalls nicht an. Und der Papst betonte in einer besonderen Erklärung, dass die Schaffung eines solchen Organs mit unklaren Funktionen die Rechte und Pflichten der Vereinten Nationen untergrabe.

Offenbar beunruhigt viele in der Welt die Situation, wonach Trump nicht nur den Friedensrat angeführt hat, sondern auch beabsichtigt, nach dem Ende seiner präsidialen Amtszeit dessen Vorsitzender zu bleiben. Einige meinen sogar, der amtierende amerikanische Präsident wolle damit die Verfassung seines Landes umgehen, sodass sein Nachfolger im Amt – sofern es ein Vertreter der Republikanischen Partei ist – lediglich eines der Mitglieder des Friedensrates wäre, das den Vorschlägen seines Vorsitzenden Donald Trump zustimmt, der gemäß der Satzung des Friedensrates theoretisch dieses Amt lebenslang ausüben könnte.

Aber wenn im Friedensrat keine Führer der wichtigsten Länder der Welt vertreten sind, wenn dort keine Staats- und Regierungschefs der ständigen Mitglieder der Vereinten Nationen teilnehmen – und wir sehen, dass sich nicht nur europäische Staats- und Regierungschefs, sondern auch beispielsweise Russlands Präsident Wladimir Putin, dem Trump demonstrativ eine Einladung geschickt hatte, von der Teilnahme ferngehalten haben –, wie soll dieses Gremium dann die Funktionen der Vereinten Nationen und ihres Sicherheitsrates ersetzen?

Auch Trumps Einladungen wirken im Hinblick auf ihre tatsächliche Umsetzung recht merkwürdig. Trump kann eine Einladung zum Friedensrat aussprechen und sie später wieder zurückziehen, wie es beim kanadischen Premierminister Carney geschah.

Oder Trump kann eine Einladung verschicken, und die amerikanischen staatlichen Institutionen können seinen Vorschlag anschließend erheblich korrigieren. Unter den Staatschefs, denen Trump eine Einladung zur Teilnahme an der Sitzung des Friedensrates geschickt hatte, befand sich auch der belarussische Machthaber Lukaschenko, was übrigens auch einer der Gründe war, weshalb der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, sich weigerte, an diesem Gremium teilzunehmen, falls sowohl Lukaschenko als auch Putin tatsächlich daran beteiligt wären.

Doch als Lukaschenko zustimmte, beschloss, seine Delegation in die Vereinigten Staaten zu entsenden, und sogar betonte, dass seine künftige Teilnahme an einer Sitzung des Friedensrates persönlich erfolgen werde, stellte sich heraus, dass das US-Außenministerium den Mitgliedern der belarussischen Delegation, die an der Sitzung teilnehmen wollten, die Visa verweigerte.

Somit kann man nie sicher sein, dass Trump politische Vorhaben tatsächlich umsetzt. Er kann eine deklarative Initiative ergreifen, die anschließend überhaupt nicht realisiert wird. Davon überzeugte sich Lukaschenko während der Sitzung des Friedensrates. Daher ist es verfrüht zu behaupten, der Friedensrat werde zu einem Organ echter Friedensregelung – ich spreche noch nicht einmal vom russisch-ukrainischen Krieg.

Was ist jedoch tatsächlich geschehen? Wir haben gesehen, dass nun ein spezielles Organ existiert, in dem Staats- und Regierungschefs darum wetteifern, wer den amerikanischen Präsidenten besser lobt. Gerade die Erklärungen zugunsten Donald Trumps, gerade seine eigenen Deklarationen über seine friedensstiftende Rolle bildeten den Hauptinhalt dieser Sitzung.

Und die nächste Frage: Sollte man sich der Teilnahme an solchen Sitzungen wirklich verweigern? Wenn man eigene politische Interessen verwirklichen will, kann man sogar die Instrumente des Friedensrates nutzen, um zumindest bestimmte Parameter der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten voranzubringen. So erschienen auf der Sitzung des Friedensrates sowohl der armenische Premierminister Nikola Paschinjan als auch der Präsident Aserbaidschans Ilham Alijew, die Treffen mit führenden amerikanischen Beamten abhielten. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Regelung des armenisch-aserbaidschanischen Konflikts aus Trumps Sicht eine seiner wichtigsten Errungenschaften ist. Und eben dieses Bestreben des amerikanischen Präsidenten, als Friedensstifter zu erscheinen, kann man nutzen.

Deshalb weiß ich nicht, inwieweit es für die Ukraine künftig sinnvoll ist, sich der Teilnahme an Sitzungen des Friedensrates zu enthalten, falls wir weiterhin eingeladen werden. Reale politische Konsequenzen – außer der Notwendigkeit, über die friedensstiftende Rolle des amerikanischen Präsidenten zu sprechen, was der Präsident der Ukraine ohnehin tut – ergeben sich daraus bislang nicht. Aber es entstehen erneut Möglichkeiten, die Führung der US-Präsidialverwaltung an unsere Probleme zu erinnern.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: „Рада“ Трампа: сценарій для України |
Віталій Портников. 19.02.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 19.02.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Die Ukraine wird zu einem „Referendum“ gedrängt | Vitaly Portnikov @Питання. 19.02.2026.

Olena Trybushna. Heute läuft der zweite Tag der nächsten Runde der sogenannten Friedensverhandlungen. Die Kulissen haben sich etwas verändert. Jetzt gehören zu den Kulissen wieder Medinsky, ein Liebhaber pseudohistorischer Theorien, und ein gewisser Galuzin, Lawrows Stellvertreter. Genau sie hat der Kreml nun geschickt, um Verhandlungen zu imitieren. Galuzin, der als putinscher Falke gilt, erklärte vor der Reise in einem Interview mit russischen Propagandisten erstens, Russland sei bereit, am Tag der Abstimmung in der Ukraine dafür zu sorgen, dass es keine Angriffe gebe, falls Kyiv Wahlen abhalte. Zweitens äußerte er eine weitere alte Kreml-Drohung: Russland sei angeblich bereit, mit den USA über eine UN-Außenverwaltung in der Ukraine zu sprechen. Wenn wir Medinsky in der Rolle eines Kreml-Verhandlers bereits gesehen haben, ist Galuzin bekannt dafür, die harte Linie des Kremls gegenüber der Ukraine zu unterstützen – ein Mann, der wiederholt Moskaus Position zu den neuen sogenannten territorialen Realitäten vorangetrieben und darauf bestanden hat, dass jede Regelung nur unter der Bedingung möglich sei, dass die Ukraine die besetzten Gebiete anerkennt. Auf die Bühne tritt er so abrupt erst jetzt in Genf. Hat sich hier in der Sache etwas geändert oder nur Kulissen und Schauspieler? Die Verhandlungen in Genf sind das Thema, mit dem ich beginnen möchte. Es ist natürlich riskant, Sie zu fragen, ob Sie von diesem Treffen etwas Neues erwarten – Sie haben den Verhandlungen ja längst eine Diagnose gestellt. Aber ich möchte dennoch mit Ihnen über bestimmte Erklärungen, über eine gewisse Erneuerung der Teilnehmer sprechen, damit die Leute keine neuen Illusionen und Erwartungen entwickeln. Ich fange mit der Donbas-Frage an. Formal sagen alle, dass die Verhandlungen wegen ihr ins Stocken geraten sind. Und gestern sagt Zelensky dem Medium Axios, dieses Problem könne nur bei einem persönlichen Treffen zwischen ihm und Putin gelöst werden, und er habe sein Team angewiesen, dieses Treffen zu organisieren. Wie haben Sie das aufgenommen? Denn für mich – wissen Sie – auf den ersten Blick sieht das aus wie das, was vor dem Krieg war: Putin in die Augen schauen, sich irgendwo in der Mitte treffen und „ich kann ihn überzeugen“. Ist das nicht jetzt wieder so eine Geschichte?

Portnikov. Nein, ich bin mir nicht sicher, dass Zelensky heute so naiv ist wie 2019. das kann sein diplomatisches Spiel sein: „Ich bin zu gewissen Kompromissen bereit, zu einer Vereinbarung, aber das muss auf Präsidentenebene besprochen werden. Die Verhandler besprechen das nicht.“ Für Putin wird das natürlich völlig uninteressant sein, aus einem einfachen Grund. Erstens stellt er die Donbas-Bedingung gar nicht deshalb, damit man ihm den Donbas gibt, wie Sie verstehen, sondern damit er den Krieg fortsetzen kann. Das ist einfach so ein Mittel, um den Krieg fortzusetzen und die Ukraine zu destabilisieren. Zweitens hat er nicht vor, sich mit Zelensky zu treffen. Sie sagen doch ganz klar, sie wollten in der Ukraine eine Außenverwaltung einführen und Wahlen durchführen, um eine Führung zu wählen, mit der man einen Friedensvertrag unterschreiben kann. Und das ist ihre ganze Idee. Mit Zelensky wollen sie sich nicht einmal treffen – sie wollen auch überhaupt nichts mit ihm unterschreiben. Und das ist ihre bewusste Wahl, weil sie die ganze Zeit darauf warten, dass das ukrainische Volk irgendeine Person wählt, die in der Lage ist, vor Moskau zu kapitulieren. Das ist ihr Verständnis von „Einigung“. Wie Sie wissen: 2014 warteten sie auf eine Kapitulation von Poroschenko – sie bekamen sie nicht. 2019 warteten sie auf eine Kapitulation von Zelensky – sie bekamen sie nicht. Jetzt warten sie auf eine neue Kapitulation.

Olena Trybushna. Aber sie sehen doch die Liste von Menschen, die potenziell Anspruch auf das höchste Amt im Staat erheben könnten. Ich sehe dort niemanden, bei dem selbst die Russen einen Menschen sehen könnten, der kapituliert. Oder rechnen sie damit, dass das mit dem Moment zusammenfällt, in dem die Kapitulation schon das Volk der Ukraine verlangen wird, das von Raketenangriffen und Krieg erschöpft ist?

Portnikov. Na klar. Und genau deshalb schlagen sie die Außenverwaltung vor. Und was ist Außenverwaltung? Außenverwaltung bedeutet, dass irgendein hoher UN-Kommissar oder jemand anderes entscheidet, wen man zu Wahlen zulässt und wen nicht. Sagen wir, an den Wahlen dürfen keine Menschen teilnehmen, die in Kriegsverbrechen verwickelt sind: Donetsk oder Nowa Kachowka beschossen haben, Befehle für Angriffe auf russisches Territorium gegeben haben. Welcher Zaluzhny, welcher Budanov – das sind Kriegsverbrecher. Nachdem eine neue Führung der Ukraine gewählt ist, soll diese neue Führung sie vor Gericht stellen.

Und wie dachten Sie? Haben Sie vielleicht vergessen, dass nach der Einigung der Sowjetunion mit Finnland über die Wahrung seiner Souveränität nach dem Zweiten Weltkrieg eine der Forderungen Moskaus war, jene finnischen Politiker vor Gericht zu stellen, die während des Winterkrieges Ende der 1930er Jahre gegen die Sowjetunion gekämpft hatten? Und das wurde getan. Ja, die Finnen taten alles, um das Schicksal dieser Menschen zu erleichtern. Sie saßen ihre Strafen in Finnland ab, darunter auch Präsident Risto Ryti, ein echter Nationalheld Finnlands. Heute sind sie hoch geehrt im nationalen Pantheon. Aber sie landeten im Gefängnis. Es gab einen Prozess gegen sie – als gegen Kriegsverbrecher. Genau dasselbe plant Moskau für die ukrainische Führung. Das ist die Idee der Außenverwaltung. Und Sie können sagen: „Das ist Unsinn, das wird nie passieren.“ Ja, das ist Unsinn, aber es ist Teil ihrer politischen Pläne. Sie leben in dieser Logik. Wir werden das doch nicht nicht wahrnehmen. Das ist der erste Punkt.

Der zweite Punkt ist, dass Putin mit diesen Verhandlungen Hütchenspiel betreibt. Als bekannt wurde, dass Medinsky erneut zum Leiter der russischen Delegation ernannt wurde, sagte ich sofort: Das bedeutet, dass die Verhandlungen in einer Sackgasse landen werden. Und sie sind in einer Sackgasse gelandet.

Olena Trybushna. Das passierte am zweiten Tag.

Portnikov. Ja, das passierte am zweiten Tag, weil das sehr leicht vorherzusagen ist. Was macht Putin? Er ernennt zuerst irgendwelche Generäle als Delegation, die technische Fragen besprechen. Und alle freuen sich sehr: „Oh, konstruktiv, kein Medinsky, technische Fragen.“ Und am Ende stellt sich heraus: Diese technischen Fragen bedeuten für sich genommen gar nichts. Na gut, Admiral Kostjukow traf General Budanov, sie besprachen technische Fragen: „Hier stehen eure Truppen, dort unsere. Hier irgendein Monitoring, Kontrolle, damit niemand schießt. Lasst uns entscheiden, ob es internationale Beobachter gibt oder ob wir es selbst können. Welche internationalen Beobachter? Lasst uns entscheiden. Hier eine Kontrolllinie, dort eine Kontrolllinie.“ Wunderbar. Das sind Profis. Das können sie ruhig besprechen. Aber welche Bedeutung hat das, wenn Putin den Krieg gar nicht beenden will? Es gibt technische Details. Man kann sie umsetzen, wenn es eine politische Entscheidung gibt, den Krieg zu beenden – und die gibt es nicht. Und wenn klar ist, dass alle technischen Details besprochen sind, lässt man Medinsky in die Arena, und er fängt an, an die russische Sprache, die russische Kirche, russische Erde, Wahlen zu erinnern. 

Und dann kann Putin zu Trump sagen: „Siehst du, wir haben alle technischen Fragen bereits besprochen. Ich habe gezeigt, dass ich den Krieg beenden will. Meine Generäle sind gekommen und haben ernsthaft mit ihnen gesprochen. Das sind keine ernsthaften Leute. Wenn wir ihnen elementare politische Dinge sagen, die man – so scheint es – in ein, zwei Schritten lösen könnte: Parlament zusammenrufen und abstimmen. Das ist nicht einmal über den Krieg, Donald, das sind Kleinigkeiten: russische Sprache, Kirche, überhaupt das Menschliche. Sie wollen nicht, weil sie den Krieg fortsetzen wollen. Du verstehst doch, dass Zelensky den Krieg fortsetzen will, um an der Macht zu bleiben – weil, wenn es Wahlen gibt, jagen ihn die Ukrainer davon, denen sein korruptes Regime längst zuwider ist. Also bitte, setz ihn unter Druck, damit er sich nicht an die Macht klammert, damit er Wahlen abhält, damit eine konstruktive Person erscheint, die all jene bestraft, die den Krieg fortsetzen wollen – denn ich will nicht, ich habe ihn auch gar nicht beginnen wollen.“ Das ist die ganze Logik.

Und Trump folgt faktisch diesem, würde ich sagen, Drehbuch und sagt: „Die Ukraine darf keine Zeit verlieren, die Ukraine muss den Plan und die Chance nutzen.“ Trump ist längst in diese Falle geraten. Denn wenn Trump weiter darauf bestanden hätte, dass zuerst ein Waffenstillstand nötig ist und erst danach ein Friedensabkommen, wäre alles anders. Erstens gäbe es keine Verhandlungen, und alle würden verstehen, dass Putin völlig unkooperativ ist. Zweitens: Wenn es einen Waffenstillstand gäbe, könnte Medinsky jedes Mal ruhig seine Forderungen wiederholen. Niemand würde darauf achten – weder wir noch die Amerikaner.

Und so verstehen Sie, warum Trumps Irritation noch zunimmt. Ich kann es Ihnen erklären. Je weniger Perspektiven diese Verhandlungen haben, desto stärker werden die Stimmen selbst in Trumps eigener Partei, die sagen: „Du siehst doch, Putin will keinen Frieden – gib ihnen Tomahawks. Auf Putin muss man nicht nur mit Sanktionen drücken, man muss seine strategischen Objekte zerstören. Dann spricht er anders.“ Und Trump will das nicht, weil er fürchtet, dass Tomahawks und die Zerstörung strategischer Objekte Russlands den Weg zu den wirtschaftlichen Deals versperren, über die Witkoff und Dmitrijew verhandeln. Das ist ihm das Wichtigste. Er nutzt den Krieg, um Russland vom Energiemarkt zu verdrängen. Und zugleich will er, dass die Ukraine Zugeständnisse macht, um Russland danach von China zu lösen – wenn Russland nicht mehr auf dem europäischen Energiemarkt und nicht einmal auf dem Markt des globalen Südens präsent ist, nicht einmal in Indien.

Das ist ein einfacher Plan. Und wenn man ganz ehrlich ist: Dieser Krieg interessiert ihn überhaupt nicht. Er empfindet ihn einfach als Instrument zur Lösung seiner wirtschaftlichen Interessen. Er nutzt die russische Aggression gegen die Ukraine als Vorwand, Russland vom Energiemarkt zu verdrängen, und das Ende des Krieges betrachtet er als Prozess, der ihm erlauben wird, dieses durch Energiedruck geschwächte Russland China wegzunehmen. Welche Bedeutung hat in dieser Gleichung die Ukraine? Null. Sie kümmert in seiner Administration – unter denen, die diese Verhandlungen führen – niemanden, wirklich gar nicht. 

Einige Leute, die wirklich wollen, dass Russland verliert, nutzen Trumps Wünsche, um Druck auf Russland auszuüben. Nehmen wir den Finanzminister Bessent: Er will im jeden Fall, dass Russland verliert. Und er sagt Trump: „Hören Sie, wir haben doch so eine wunderbare Möglichkeit. Wir können Energiesanktionen gegen sie verhängen und statt russischem Öl unser und venezolanisches Öl verkaufen. Wozu brauchen wir Russland?“ Sie nutzen einfach Trumps Wunsch, seine Gier, um Russland zu treffen. Oder Außenminister Rubio, der ebenfalls im jeden Fall will, dass Russland fällt: Er nutzt bestimmte Wünsche Trumps, um den Druck auf Moskau zu erhöhen. Erinnern Sie sich, wie er das Treffen in Budapest nach dem Gespräch mit Lawrow platzen ließ? Das war auch sein Spiel. Er sprach mit Lawrow, ging zu Trump und sagte: „Und worüber wollen Sie mit Putin überhaupt reden?“ Aber das ist nur dann möglich, wenn sie Trumps Gier und Selbstverliebtheit nutzen können, um zu verhindern, dass Putin sie nutzt.

Olena Trybushna. Aber wie kann man gleichzeitig Russland vom Energiemarkt verdrängen – das heißt, Russland faktisch auf den Weg einer Niederlage schicken, weil es mit diesem Geld den Krieg finanziert – und gleichzeitig hoffen, mit Russland Handel zu treiben und diese 12-Billionen-Deals gemeinsam mit Russland zu verdienen? Das sind doch gegensätzliche Ideen?

Portnikov. Nein, nicht gegensätzlich. Wenn Russland nicht mehr ausschließlich an seine Energiemöglichkeiten gebunden ist, wird es Kompensation für die verlorenen Öl- und Gaseinnahmen verlangen. Deshalb ist eine der Bedingungen Russlands für ein Ende des Krieges – wie Lawrow sagte, nicht ich habe mir das ausgedacht, ich zitiere Lawrow – die Wiederherstellung wirtschaftlicher Beziehungen zu den Vereinigten Staaten.

Olena Trybushna. Aber kann Russland überhaupt Einnahmen aus Energie ersetzen – als Modell, wie dieser Staat überhaupt existiert? Vielleicht können sie unter anderen Bedingungen gar nicht existieren.

Portnikov. Die Einnahmen aus Energie machten im letzten Jahr nicht mehr als 20% des russischen Haushalts aus. Natürlich kann man sie bereits ersetzen. Die Frage ist: wie. Wenn sie keine echten Ersatzquellen finden – wie ersetzen sie es jetzt? Durch Ausplünderung der Bevölkerung und der Unternehmen. Lange können sie das nicht tun. Aber wenn man ihnen Reserven zurückgibt, wenn Sanktionen aufgehoben werden, wenn sie so oder so irgendwelche wirtschaftlichen Projekte mit den Vereinigten Staaten in der Arktis entwickeln können, wenn sie amerikanisches Kapital zu ihren Energieobjekten zulassen, um das für Trump attraktiv zu machen, dann haben sie Möglichkeiten. Das ist wie mit venezolanischem Öl: Sie können ihre Ölförderung an Amerikaner übergeben und die Einnahmen teilen. So hält sich das venezolanische Regime: Es fördert Öl, aber verkaufen tun es die Vereinigten Staaten. Aber sie bekommen auch Geld, wie Sie verstehen, und viel. So auch die Russen.

Olena Trybushna. Aber das ist doch ein Imperium. Ein riesiges, großartiges, „großes“ Land. Das wäre erniedrigend.

Portnikov. Deshalb muss man 12 Billionen anbieten. Genau. Damit das große Imperium auf Augenhöhe mit den Vereinigten Staaten handelt. Aber ich wiederhole: Es gibt dafür eine Bedingung. Man muss den imperialen Ambitionen Russlands zustimmen und ihnen die Kontrolle über den postsowjetischen Raum geben. Ohne das wird nichts geben. Das ist es, was sie Trump anbieten: „Lasst uns die Ukraine gegen 12 Billionen Dollar eintauschen.“

Olena Trybushna. Wird Trump zustimmen? Kann man ihm so etwas verkaufen?

Portnikov. Nein – man kann es nicht, er hat Zwischenwahlen. Er kann das nicht tun. Die Mehrheit der Amerikaner unterstützt die Ukraine. Er kann das nicht offen tun. Er muss beweisen, dass die Ukraine keinen Frieden will. Das ist nicht einfach.

Olena Trybushna. Ich möchte noch einmal auf diese Aussage zur UN-Außenverwaltung in der Ukraine zurückkommen. Sie sagten, wir könnten das als Unsinn ansehen. Vielleicht ist es wirklich Unsinn – aber können die Russen diese Idee denselben Amerikanern verkaufen? Sie sind doch jetzt damit nach Genf gekommen.

Portnikov. Wir wissen nicht, womit sie nach Genf gekommen sind. In Wahrheit hätten sie nach Genf mit allem Möglichen kommen können.

Olena Trybushna. Das war einfach eine Erklärung dieses Galuzin unmittelbar vor den Verhandlungen.

Portnikov. Das Außenministerium macht viele Erklärungen – sowohl bei Verhandlungen als auch vor Verhandlungen. Das ist ihre Artillerievorbereitung, Sie wissen das doch. Sie bombardieren vor den Verhandlungen, sie machen verschiedene Aussagen. Das ist Einschüchterung. Das erscheint mir völlig offensichtlich. Aber ich glaube nicht, dass man den Amerikanern so eine Idee verkaufen kann, weil die Amerikaner können nicht zustimmen, dass die Ukraine keine Souveränität hat. Ganz zu schweigen davon, dass – entschuldigen Sie – Außenverwaltung ist eine Entscheidung, die wo genehmigt werden muss, wissen Sie?

Olena Trybushna. In der UNO wahrscheinlich – also im UN-Sicherheitsrat.

Portnikov. Glauben Sie, dass Großbritannien und Frankreich kein Veto gegen eine solche Resolution einlegen würden – selbst wenn die Amerikaner sie unterstützen? Was müsste passieren, damit Großbritannien und Frankreich so etwas unterstützen? Lassen wir Trump einmal beiseite: Was müsste passieren?

Olena Trybushna. Sie werden das nie unterstützen.

Portnikov. Wie sollten Macron oder Starmer dazu stehen? Für beide wäre das das Ende ihrer politischen Reputation. Das ginge nur, wenn Trump Macron aus dem Élysée-Palast entführen würde wie Maduro und den „Übergangspräsidenten“ Frankreichs zwingen würde, all seine Launen zu erfüllen – ich bin nicht sicher, ich scherze natürlich – also ist das Unsinn. Noch einmal: Wenn wir anfangen zu diskutieren, ob sie es den Amerikanern verkaufen können oder nicht – welche Bedeutung hat das, wenn es rechtlich nicht umzusetzen ist? Welche Bedeutung überhaupt? Vieles, was wir besprechen, ist rechtlich nicht umzusetzen. Es ist unmöglich, eine Außenverwaltung einzuführen. Es ist unmöglich, ein Referendum über die territoriale Integrität der Ukraine durchzuführen, worüber Zelensky ständig spricht. Das ist juristisch unmöglich. Zelensky kann kein Referendum initiieren. Er hat überhaupt keine Rechte dafür. Theoretisch kann die Werchowna Rada ein Referendum initiieren. Aber wiederum die Frage: Was bedeutet „zur territorialen Integrität“, denn die Logik der Verfassung sagt, es geht ausschließlich um Vergrößerung, nicht um Verkleinerung des Territoriums. Man kann nicht gleichzeitig Referendum und Präsidentschaftswahlen durchführen – das ist gesetzlich verboten. Man darf keine Referenden, keine Wahlen unter Kriegsrecht abhalten. Man kann das Kriegsrecht nicht aufheben, solange Raketenangriffe und Kämpfe weiter laufen. Wie stellen Sie sich das vor? Dass die Werchowna Rada jetzt zusammentritt und das Kriegsrecht nicht verlängert? Wie soll das gehen? Das ist also alles eine Frage, verstehen Sie? Wir hören Aussagen nicht nur eines stellvertretenden Außenministers in Russland, sondern auch unseres eigenen Präsidenten, die mit der Realität nichts zu tun haben. Und wenn Sie denken, dass die Leute, die solche Aussagen machen, wissen, dass das mit der Realität nichts zu tun hat, dann irren Sie.

Olena Trybushna. Sie meinen, bei Zelensky weiß man, dass man kein Referendum durchführen kann? Sie haben doch 2019 die Rada aufgelöst.

Portnikov. Ich denke, nein. Ich denke, sie wissen es nicht. Ich denke, sie sprechen mit irgendwelchen Juristen, die ihnen erzählen, was sie hören wollen. So funktioniert Macht in einem Land mit Ein-Mann-Herrschaft. Verstehen Sie wirklich nicht, dass niemand Zelensky etwas sagen kann, was er nicht hören will? Und wenn jemand es kann, heißt das nicht, dass Zelensky es hören wird. Er ist so – so ist er gemacht. Er ist dieser Typ Mensch. Haben Sie nie mit solchen Chefs gearbeitet?

Olena Trybushna. Na ja, wenn er aus Trotz alles umgekehrt macht, wenn er unter Druck steht – das meinen Sie?

Portnikov. Nein, ich glaube nicht, dass Zelensky unter Druck alles genau umgekehrt macht. Alles genau umgekehrt macht unter Druck Putin. Wissen Sie, für einen russischen Beamten ist die ideale Situation, um seinen Posten zu behalten, wenn jemand Druck macht, ihn zu entlassen – Putin macht das dann nie. Das ist ein Typ Führungspersönlichkeit. Aber es gibt einen anderen Typ: Wenn ein Mensch dich hört und dich nicht hört. Du sagst es ihm, und er tut dir vielleicht nicht einmal etwas Schlechtes dafür an. Du hast nur deine Meinung gesagt. Aber er hört keine Meinungen, die nicht mit seinem Weltbild übereinstimmen. Solche Menschen kennen wir in der Politik: so war Gorbatschow. Man konnte ihm alles sagen – er hörte nur das, was er sich selbst vorstellte. So war Juschtschenko. Das ist ein Psychotyp. Das ist weder gut noch schlecht – das kommt in der Politik vor. Und daher haben bei solchen Menschen immer jene Erfolg, die ihnen sagen, was sie hören wollen. Weil sie ihnen beweisen: „Du bist nicht allein so.“ Und jedes Mal, wenn wir solchen Menschen in der Politik begegnen, können wir ihre Personalpolitik nicht verstehen. Erinnern Sie sich, wie wir mit weit offenen Augen auf Gorbatschows Personalpolitik schauten: Warum ernennt er diese Leute? Wie ist das überhaupt passiert? Er hat ja alle Mitglieder des Staatlichen Notstandskomitees (GKChP) selbst ernannt. Er hat selbst den Vizepräsidenten der Sowjetunion ausgewählt, der ihn später beinahe umgebracht hätte. Und als er ihn ernannte, dachten alle: „Mein Gott, wie kann das sein? Warum? Er schien doch kein dummer Mensch zu sein.“ Und erinnern Sie sich, wie wir über Juschtschenkos Personalpolitik staunten? Über viele – sogar innerhalb seiner eigenen Administration, seines Sekretariats. Und genauso ist es bei Zelensky. Davon kann man nicht wegkommen. Wenn ein Mensch so ist, wird er sich nicht ändern – selbst wenn er scheinbar ein hohes Amt bekleidet. Verstehen Sie: Das Amt des Generalsekretärs des ZK der KPdSU war ein Amt, für das man eine solche harte Schule des Machtapparats, einen solchen Kampf durchlaufen musste, dass kein Amt des Präsidenten der Ukraine damit vergleichbar ist – zumal der Präsident der Ukraine dennoch elektoral gewählt wird. Man kann ans Volk appellieren. Dort gab es kein Volk. Und trotzdem blieb der Mensch absolut auf sich selbst fixiert. Absolut. Das ist ein narzisstischer Persönlichkeitstyp, übrigens auch bei Trump. Und Zelensky ist auch so. Einen anderen Zelensky wird es nicht geben.

Olena Trybushna. Wenn Zelensky überzeugt ist, dass er dieses Referendum durchführen kann – ich schließe sogar nicht aus, dass sie sich irgendeinen juristischen Weg ausdenken, es zu machen. Erinnern Sie sich, wie sie gleich nach Zelenskys Sieg die Werchowna Rada aufgelöst haben – sie fanden einen Weg, fanden durch das Verfassungsgericht. Und hier, vermute ich, könnten sie irgendeinen Mechanismus finden – vielleicht juristisch nicht ganz sauber, aber ich glaube, sie würden ihn anwenden. Sieht es nicht so aus, dass man uns mit diesem Referendum – sowohl die Amerikaner als auch die Russen – in eine Falle treiben könnte? Da ist die Donbas-Frage. Zelensky will sie dem Volk überlassen. Die Russen sagen: „Ja, gebt den Donbas ab, und dann ist alles vorbei.“ Und Trump sagt: „Ja, lasst uns das Territoriumsproblem endlich lösen.“ Zelensky bringt die Donbas-Frage in ein Referendum. Die Menschen gehen in die Kabinen – dort, wo dich keine Demoskopie fragt und niemand sieht – und sie können unterschiedliche Entscheidungen treffen. Wenn auf einmal  50% plus eine Person dafür stimmen: „Na gut, geben wir den Donbas ab“ – in der Hoffnung, dass dann alles endet.

Portnikov. Auf unrechtmäßige Weise sogar, ja?

Olena Trybushna. Ja, sogar auf unrechtmäßige Weise. Wenn man die Situation dahin bringt – und dann haben wir dieses Ergebnis: 50% plus eine Person stimmten dafür, den Donbas abzugeben. Was passiert weiter unter solchen Umständen?

Portnikov. Ich weiß nicht. Das wäre eine politische Katastrophe für Putin. Er müsste danach in sein Büro gehen und sich erschießen.

Olena Trybushna. Putin würde sich vermutlich auch etwas ausdenken, um sich herauszuwinden.

Portnikov. Nein, er glaubt einfach, dass es kein Referendum geben wird und dass nichts davon stattfinden wird. Denken Sie selbst nach: Er führt den Krieg seit vier Jahren. Wann würde dieses Referendum stattfinden? Dann wären es, grob gesagt, schon fünf. Wie viele Menschen sind schon gestorben?

Olena Trybushna. Etwa eine Million.

Portnikov. Ich spreche von Russen.

Olena Trybushna. Von Russen.

Portnikov. Die Wirtschaft ist ruiniert. Und das alles für ein paar Städte im Donbas.

Olena Trybushna. Ich verstehe, dass das absurd klingt.

Portnikov. „Und als Ergebnis ziehen wir triumphal in Slawjansk und Kramatorsk ein, Genossen.“ Entschuldigen Sie – das wäre, als ob Stalin, mit dem Putin sich so gern vergleicht, im Zweiten Weltkrieg in – sagen wir – das heutige Wrocław und Szczecin einziehen würde und sagte: „Das war’s, wir haben gewonnen. Wrocław und Szczecin sind unser. Wir geben sie Polen. Mehr brauchen wir nicht. Ein Friedensvertrag ist nötig. Und die Deutschen sollen Wahlen abhalten.“ Wie soll das gehen? Das sieht ziemlich seltsam aus. Sie verstehen doch: Er „verteidigt“ den Donbas aus einem einfachen Grund. Er kann die Idee haben, den Donbas kampflos zu bekommen und dann von neuen Positionen aus den Krieg fortzusetzen – dort, wo wir keine Befestigungen haben. Aber dafür darf man keinen Friedensvertrag unterschreiben. Wenn es aber, wie Sie sagen, ein Referendum gäbe und es positiv für ihn ausginge, müsste er einen Friedensvertrag unterschreiben. Und dann gibt es noch die Frage: Was, wenn die Ukrainer hingehen und nicht für die Übergabe des Donbas stimmen? Dann ist es nicht Zelensky. Dann stellt sich heraus, dass er nicht gegen ein „nazistisches Regime Zelenskys“ Krieg führt. 70% der Ukrainer stimmen dagegen. Was dann? Diese 70% zusammen mit Trump bestrafen?

Olena Trybushna. Dann sieht es so aus, als müssten wir dieses Referendum durchführen – weil in einem Fall Путин sich erschießt, und im anderen…

Portnikov. Dafür gibt es keine rechtlichen Grundlagen. Die Verfassung der Ukraine sieht keine Abstimmungen vor, die mit dem Verzicht auf Territorium verbunden sind. Verstehen Sie: Jedes Referendum hätte ausschließlich konsultativen Charakter.

Olena Trybushna. Vielleicht reicht das.

Portnikov. Wozu dann das alles?

Olena Trybushna. Nun, damit Zelensky diese Entscheidung nicht allein trifft – ihm würde schon einfach …

Portnikov. Zelensky kann ukrainisches Territorium rechtlich nicht abgeben. Das kann auch die Werchowna Rada nicht. Solche Möglichkeiten existieren nicht.

Olena Trybushna. Dann schlägt er Trump also eine Lösung vor, die nicht funktioniert – ein unerfüllbares Versprechen mit diesem Referendum, weil Trump schon damit rechnet, dass wir ein Referendum abhalten.

Portnikov. Die Amerikaner sprechen über eine ganz konkrete Sache. Witkoff und Kushner sprechen über den Abzug der ukrainischen Truppen aus jenen Gebieten der Oblast Donezk, die heute von der ukrainischen Armee kontrolliert werden. Zelensky sagt: „Dann sollen die Russen sich ihre Truppen auch um die gleiche Anzahl Kilometer zurückziehen.“ Aber niemand in den Vereinigten Staaten fordert von der Ukraine, dass sie verfassungsrechtlich auf die Oblast Donezk verzichtet. Es geht um den Abzug von Truppen, nicht um die Abgabe von Territorium. Verstehen Sie: Das sind unterschiedliche rechtliche Mechanismen. Damit man Truppen aus irgendeinem Gebiet der Ukraine zurückzieht, reicht eine Entscheidung des Oberbefehlshabers – man braucht kein Referendum und keinen Verzicht auf Territorium. Wir sprechen über verschiedene Dinge. Ich sage nicht, dass er so eine Entscheidung treffen soll – aber das ist keine Frage des Rechts, sondern eine militärisch-politische, sogar eine militärische.

Olena Trybushna. Ich verstehe. Ich denke nur: Trump ist es egal, wie wir das machen, wie wir die Truppen abziehen. Zelensky hat ihm die Idee verkauft.

Portnikov. Aber Putin ist es nicht egal. Putin ist es nicht egal. Gegen wen kämpfen wir – gegen Trump oder gegen Putin? Sie sprechen so, als hätte Trump die Oblast Donezk okkupiert.

Olena Trybushna. Wir sprechen so, weil Trump uns unter Druck setzt und bestimmte Handlungen verlangt. Und diese Idee mit dem Referendum – so verstehe ich – wurde für ihn ausgedacht als Ausrede: Warum wir das nicht können. Warum Zelensky den Donbas nicht einfach abgeben kann. Weil das Volk dagegen ist. Deshalb wird es ein Referendum geben.

Portnikov. Er schlägt Zelensky nicht vor, den Donbas abzugeben. Er schlägt vor, dort eine Freihandelszone zu schaffen, damit es im Donbas keine Kampfhandlungen gibt. Er schlägt doch nicht vor, den Donbas abzugeben.

Olena Trybushna. Aber Sie haben die Veröffentlichungen letzte Woche gesehen – mit Deadlines im Mai.

Portnikov. Es ist egal, welche Deadlines sie haben. Sie können vor den Zwischenwahlen nicht erklären, dass sie aus den Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine aussteigen, weil sie dort nichts erreichen können – weil ihre Gegner sofort sagen würden, sie seien impotent. Die Gespräche von Witkoff und Kushner darüber, dass Trump sich um nichts mehr kümmern werde, weil er sich auf die Zwischenwahlen konzentriert – das ist gewöhnliche Erpressung. Was heißt „sich auf die Zwischenwahlen konzentrieren“? Ist er ein Wahlkämpfer?

Olena Trybushna. Erpressung von wem? Wen erpressen sie?

Portnikov. Die Ukraine.

Olena Trybushna. Uns – um uns zu zwingen, etwas zu tun.

Portnikov. Irgendwelche Zugeständnisse, die es nicht gibt.

Olena Trybushna. Wird die Situation mit den Wahlen in Amerika selbst – die Kongresswahlen im Herbst – etwas für Amerika und für uns verändern?

Portnikov. Je nach Ergebnis? Natürlich.

Olena Trybushna. Es ist noch schwer vorherzusagen.

Portnikov. Nein, es ist nicht schwer vorherzusagen. Die Demokraten haben alle Möglichkeiten, das Repräsentantenhaus zu gewinnen. Ob sie im Senat gewinnen können, ist eine große Frage. Das wird von vielen Dingen abhängen, insbesondere vom Zustand der amerikanischen Wirtschaft zu dem Zeitpunkt. Die Chancen der Demokraten, den Senat zu gewinnen, sind aktuell nicht besonders groß, aber sie können steigen. Und weiter geht alles sehr einfach: Wenn die Demokraten das Repräsentantenhaus gewinnen, beginnen sie Untersuchungen der Handlungen der Administration, richten Kommissionen ein, laden Minister zu Anhörungen vor – alles, was sie in Trumps erster Amtszeit getan haben, erinnern Sie sich? Sie untersuchten seine Verbindungen zu Russland, Russlands Enmischrb in die Wahlen. So wird es wieder sein, nur wird es andere Dinge betreffen: Epstein-Dokumente, ob alles veröffentlicht ist, Machtmissbrauch, Missbrauch durch diese Migrationspolizei. Es wird eine Million Untersuchungen geben. Die Administration ist darin verstrickt. Am Ende werden die Demokraten Trump ein Impeachment erklären. Dieses Impeachment wird im Senat nicht bestätigt werden, falls dort die Republikaner die Mehrheit behalten, aber Trump wird ausschließlich mit diesen Angelegenheiten beschäftigt sein. Er wird ständig in einem Kampfzustand mit dem Repräsentantenhaus sein, das außerdem seinen Haushalt nicht verabschieden wird, neue Shutdown-Probleme erzeugen wird. Es wird eine Krise geben.

Was passiert, wenn die Demokraten beider Kammern bekommen? Dann erklären sie Trump ein Impeachment und entfernen ihn 2027 aus dem Amt. Das ist es, was dann passiert. Präsident der Vereinigten Staaten wird dann J.D. Vance. Wenn er Kooperation mit Senat und Repräsentantenhaus hinbekommt, bleibt er Präsident bis Januar 2029. Er kann dann fast garantiert als republikanischer Präsidentschaftskandidat aufgestellt werden. Ob er die Wahl gewinnt oder verliert, ist dann unbekannt. Unbekannt ist auch, was er als Präsident tun wird. Wenn er nicht durchhält, gibt es Konflikt, Impeachment gegen den neuen Präsidenten. Dann erhalten Repräsentantenhaus und Senat die Möglichkeit, einen neuen Präsidenten und Vizepräsidenten auf außer-elektoralem Weg bis zur Wahl 2028 zu bestimmen. Es wird wahrscheinlich eine scharfe Krise geben.

Aber ich glaube nicht, dass das real ist, weil ich denke: Wenn Trump impeached wird und J.D. Vance Präsident wird, wird er versuchen, Konstruktivität und Bereitschaft zu zeigen, die Nation zu einen, um die Wahlen zu gewinnen. Aber wieder: All diese Perspektiven sind weit entfernt, weil niemand gesagt hat, dass die Demokraten den Senat gewinnen. Wenn die Demokraten den Senat nicht gewinnen, hält Trump bis 2029 durch, kann aber stark geschwächt sein.

Olena Trybushna. Im besten Fall – verstehe ich richtig – würde das für uns, egal was dort passiert, im besten Fall bedeuten, dass der Druck auf uns nachlässt.

Portnikov. Unbekannt. Es kann unterschiedliche Situationen geben. Die Demokraten werden Druck auf Trump machen, damit Trump uns mehr Hilfe gibt. Sie werden Bedingungen an Hilfe knüpfen, wenn über den Militärhaushalt abgestimmt wird. Genau so war es mit den Javelins, die er uns übrigens unter Druck des Kongresses gab. Und Trump wird stärker Druck auf uns machen, damit wir schneller Zugeständnisse machen – damit er das alles nicht tun muss. Es kann unterschiedliche Situationen geben. Grundsätzlich ist die Situation absolut krisenhaft. In der Welt ist das ein perfekter Sturm. Und mit jedem neuen Schritt schwächt sich der Sturm nicht ab, sondern wird stärker. Haben Sie gemerkt, was auf der Münchner Konferenz passiert ist? Dort geschah ein historisches Ereignis.

Olena Trybushna. Sie meinen die Aussagen Chinas über Japan? Darf ich fragen: Das weckt bei mir Assoziationen – eine Parallele dazu, wie Putin seinerzeit auf derselben Münchner Konferenz seine Vorstellungen von der Welt formulierte. Das erscheint mir ähnlich. Bedeutet das weiter eine ähnliche Kette von Ereignissen, Aggression von China – so wie nach Putins Münchner Rede damals?

Portnikov. Wissen Sie, erstens beunruhigt mich sehr, dass ich solche Dinge nicht vorhersehen kann. Ich habe nicht vorhergesehen, was auf der Münchner Konferenz mit Wang Yi passieren würde. Ich dachte nicht, dass sie so weit gehen würden, потому что das ist einfach schrecklich. Sie drohen von der Tribüne aus direkt einem Verbündeten der Vereinigten Staaten, der durch Abkommen mit den USA geschützt ist.  Und meine Kontakte in Japan überzeugen mich, dass die Japaner nicht nur besorgt sind – sie sind verängstigt und waren es schon vor Wang Yis Aussage. Ich weiß nicht, was jetzt passiert. Das ist wirklich sehr gefährlich. Und warum passiert das überhaupt? Weil man in Peking glaubt, Trump sei ein Schwächling. Sie sehen, wie er sich gegenüber Putin verhält, und glauben, dass er zu nichts fähig ist. Das passiert. Und deshalb erlauben sie sich so etwas. Sie haben sich so etwas nie erlaubt. Und beachten Sie: Sie betreiben dieselben Spekulationen, die Putin gegenüber der Ukraine betrieben hat.

Olena Trybushna. Die Chinesen?

Portnikov. Ja, gegenüber Japan. Putin sagte doch: Die Ukraine wolle Russland angreifen, weil sie in die NATO oder nach Europa wolle. „Dieser Wunsch bedeutet, dass Kyiv Russland angreifen will. Deshalb verlangen wir Sicherheitsgarantien.“ Hier ist es dasselbe. Die japanische Premierministerin sagte eine einfache Sache: Ein chinesischer Angriff auf Taiwan – auf die Republik China in Taiwan – könnte die Lage der nationalen Sicherheit Japans ernsthaft verschlechtern. Japan wird alles tun, um das zu verhindern. Wang Yi interpretiert das so, als habe Japan seine Ansprüche auf Taiwan erneuert, das es bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs besaß. Wie bitte? Das folgt doch überhaupt nicht daraus.

Olena Trybushna. So hat es überhaupt nicht geklungen, ja?

Portnikov. Natürlich nicht. Aber sie wollen so denken, weil die Volksrepublik China – damit wir verstehen.

Olena Trybushna. Vielleicht sucht China einfach einen Vorwand. Und das war er.

Portnikov. Natürlich, sie suchen ständig einen Vorwand, zumindest um die Japaner zu erschrecken.

Olena Trybushna. Bedeutet das, dass weiter ein Angriff auf Taiwan durch China kommen könnte – sogar hybrid – oder auf Japan?

Portnikov. Es kann sowohl ein „Angriff“ auf Japan geben – wirtschaftlicher Druck. Putin hat ja nach seiner Münchner Rede nicht sofort angefangen, mit uns zu kämpfen. Er begann, den Druck zu erhöhen. Er begann in der Tat den Krieg gegen Georgien, aber das sind einfach andere Gewichtsklassen.

Olena Trybushna. China kann auch beginnen, etwas zu tun, um zumindest seine Annahme zu testen, dass Trump ein Schwächling ist und nicht reagieren wird.

Portnikov. Erinnern Sie sich, wann die Präsidentschaftswahlen auf den Philippinen stattfinden?

Olena Trybushna. 2028.

Portnikov. Das ist lange hin.

Olena Trybushna. Das ist lange, das ist nicht bald.

Portnikov. Aber sie sagen schon jetzt, dass China ihre Zwischenwahlen beeinflussen will und so weiter. Es kann dort viel passieren. Das sagte man zumindest letztes Jahr.

Olena Trybushna. Könnte in Asien jetzt der Ausgangspunkt einer globalen Krise liegen? Ihr Beginn?

Portnikov. Ich glaube, Trumps Verhalten in Europa erzeugt eine Katastrophe in Asien. Ich verstehe, dass Trump ein Friedensstifter sein will, aber durch seine Tätigkeit schafft er überall Bedingungen für Krieg. Überall. Das ist geradezu ein Generator von Kriegen – obwohl er angeblich acht beendet hat. Also schauen Sie: Durch seine Gespräche mit Putin, dessen Legitimierung, und dadurch, dass er der Ukraine nicht mehr hilft, uns keine weitreichenden Waffen gibt, verkürzt er die russisch-ukrainische Kriegslaufzeit nicht, sondern verlängert sie und provoziert andere Kriege. Putin zeigt, wie man gezielt Zeit schindet. Wir hören ständig dasselbe: Fortschritt in Verhandlungen. Bald wird alles gut. Witkoff sagt dasselbe über Iran. Wieder wunderbar gesprochen. In zwei Wochen treffen sie sich wieder. In dieser Zeit kann man – entschuldigen Sie – eine Atombombe bauen. Das ist auch eine Frage. Dann sehen Sie, dass Trump das amerikanische militärische Eingreifen, das immer recht effektiv war, durch wirtschaftlichen Druck ersetzt hat. Nun, militärisches Eingreifen gibt es auch. Wir sollten uns nicht selbst belügen. Es gibt Schläge gegen Iran, ja, aber das sind Entscheidungen, die keine Präsenz amerikanischer Truppen erfordern und deshalb punktuell sind. Und auch hier ist unklar, wie effektiv das alles wirklich sein kann.

Olena Trybushna. Welche Strategie wäre für uns jetzt in dieser Situation, in der wir gelandet sind, wenn man uns zu Verhandlungen zwingt, die zu nichts führen und an sich nur eine Verzögerungstaktik sind, das Putin wiederum die Möglichkeit gibt, uns zu erschöpfen, und wir sind gezwungen, in diesem Spiel mitzuspielen, um dieselben Amerikaner nicht zu verärgern. Was sollten wir jetzt tun? Wir sind doch nicht in der Lage, den Tisch umzustoßen und zu gehen. Und warum verschwenden wir dann dort Zeit und Ressourcen – Budanov ist dort einbezogen?

Portnikov. Unser Widerstand ist genau der Umstand, der den Tisch längst umgestoßen hat. Hätten wir wie die Tschechoslowakei 1938 kapituliert, hätte es schon einen Dritten Weltkrieg gegeben, ich versichere Ihnen: die Hälfte Europas wäre längst Ruinen, längst gäbe es Krieg um Taiwan – alles wäre längst da. Sie verstehen doch: Wenn die Tschechoslowakei 1938 zu realem Widerstand bereit gewesen wäre, oder wenn die Verbündeten Polen real geholfen hätten, wenn die Sowjetunion Polen nicht in den Rücken gefallen wäre und Polen zumindest zwei Jahre Widerstand gegen die Wehrmacht hätte leisten können und nicht nur ein paar Wochen – klar, sie konnten nicht, weil sie von allen Seiten faktisch verraten wurden – dann hätte es keinen Zweiten Weltkrieg gegeben, weil Hitler nicht genug Ressourcen gehabt hätte. Diese Ressourcen gab es nicht. Natürlich: Wenn man die Rüstungsfabriken der Tschechoslowakei bekommt, das Gebiet Polens, die Ölfelder Rumäniens, weil die Rumänen dich fürchten… Stalin blieb stehen, damit Sie verstehen: Er blieb stehen, als er rumänische Gebiete in wenigen Kilometern Entfernung von diesen Ölfeldern besetzte. Die Frage ist: warum? Weil er wollte, dass Hitler gegen Großbritannien kämpft. Er wollte es. Er war einfach ein Dummkopf. Er verstand nicht, dass man ihn angreifen würde. Aber das ist schon eine Frage seiner „genialen“ politischen Intuition. Kurz gesagt: Wir haben den Tisch längst umgestoßen. Und der Beweis ist: Europäer und Amerikaner leben friedlich und liegen nicht in Gräbern.

Aber das bedeutet nicht, dass Ukrainer in Gräbern liegen müssen. Um die nächste Periode des russisch-ukrainischen Krieges zu überleben, müssen wir die Beziehungen zu Europa stärken, weil Europa jetzt der Hauptfaktor unseres Überlebens ist. Nicht Amerika. Von Amerika hängt viel ab, aber den entscheidenden Beitrag leisten jetzt europäische Länder. Die Europäer davon überzeugen, dass nur unser gemeinsames Überleben den Frieden auf dem Kontinent sichern kann. Nicht „Überleben auf Kosten der Ukraine“, sondern „Überleben zusammen mit der Ukraine“. Und zugleich sollte man sich natürlich nicht mit den Vereinigten Staaten streiten. Das ist aus jeder Sicht falsch. Erstens, weil Amerika uns trotzdem vieles gibt – Geheimdienstinformationen, Sanktionen gegen Russland, und es verkauft seine Waffen. Warum sollte man sich mit ihm streiten? Man muss alles tun, um den Kontakt zu bewahren – sogar durch Teilnahme an Aufführungen für Trump. Zweitens: Vergessen Sie nicht, dass die überwältigende Mehrheit der amerikanischen Gesellschaft die Ukraine unterstützt und Russland nicht unterstützt. Das ist nicht so, dass Ukrainer dort überwiegend auf Unverständnis stoßen, warum wir kämpfen. Nein, so ist es nicht. Trump und seine Administration repräsentieren eine Minderheit der Amerikaner. Für die Mehrheit ist das einfach kein vorrangiges Thema. Aber dass Amerikaner grundsätzlich solidarisch mit der Ukraine sind – und zwar Wähler beider Parteien – und dass uns nur eine Minderheit nicht unterstützt, gibt Hoffnung auf eine Gesundung der Beziehungen in der Zukunft. Das ist alles. Eine einfache Strategie: unseren Platz in Europa suchen, den Einfluss in Europa stärken, gemeinsam mit Europa für die Schwächung Russlands kämpfen, für die Erschöpfung seines wirtschaftlichen Potenzials und für seinen wirtschaftlichen Zusammenbruch – und die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten bewahren und China daran hindern, Russland offen zu helfen. Denn wenn sie sich so zu verhalten anfangen, weiß man nicht, wie sie sich morgen im russisch-ukrainischen Krieg verhalten. Vielleicht haben sie irgendwann genug von der Äquidistanz.

Olena Trybushna. Geben Ihnen die Logik der Handlungen, Entscheidungen und Aussagen unserer Regierung – im Inland wie nach außen – Anlass zu der Annahme, dass die Regierung die Lage so versteht, wie Sie sie sehen? Und gibt Ihnen das Grund zur Hoffnung, dass wir die nächsten Jahre durchhalten und die Regierung mit einer solchen Sichtweise, Strategie und Zielrichtung handeln wird?

Portnikov. Jede Macht, die über längere Zeit unter kritischen Bedingungen bestehen bleibt und sich nicht erneuert, ist zwangsläufig zur Degeneration ihrer Führungsentscheidungen verurteilt. Auch darüber sollte man keine Illusionen haben. Selbst eine ideale Macht. Auch diese Macht ist nicht ideal. Doch ideal ist Macht grundsätzlich nie. Deshalb spreche ich ständig von der Notwendigkeit einer Regierung der nationalen Rettung: weil ich glaube, dass man eine Macht braucht, in der es Wettbewerb der Entscheidungen und Ansätze gibt – nicht eine Macht, in der Beamten darauf ausgerichtet sind, …

Olena Trybushna. Keine schlechten Nachrichten zu überbringen.

Portnikov. Ja. Weil sie von der Person abhängen, dank der sie überhaupt dort sind. Und die, die nicht abhängen, haben einfach Angst und machen ihre Karriere. Außerdem – entschuldigen Sie – Professionalität ist auch keine Garantie für Integrität. Dieser Herman Haluschtschenko etwa ist kein „Kapitän“ des Clubs der Lustigen und Einfallsreichen. Das ist ein Profi in der Energiewirtschaft. In diesem Fall wäre weniger Professionalität vielleicht sogar besser. Das heißt: Es braucht irgendeine Garantie der Integrität. Die Garantie der Integrität für hochrangige Beamten  ist ihre Bereitschaft, mindestens künftig, durch die Wahlmühlen zu gehen. Deshalb sollten Minister Politiker sein und keine Beamten. Ein Beamter ist von der ersten Person abhängig und bleibt trotzdem nicht professionell, weil er kein Politiker ist – selbst wenn er sein Fach versteht – denn am Ende ernennt ihn dieser Präsident. Er hängt nicht von den Menschen ab. Jetzt, wo es keine Wahlen gibt, muss man Mechanismen zur Erneuerung der Macht suchen. Aber dafür muss der Präsident verstehen, dass die Degeneration des Apparats unvermeidlich ist. Es kann verschiedene Mechanismen geben: runde Tische, reale Konsultationen mit den Führern der Oppositionsfraktionen – reale. Reale Ministerernennungen im Konsens des Parlaments – nicht durch die Mehrheit der „Diener des Volkes“, die vor unseren Augen ebenfalls verschwindet. Zusammenarbeit mit der lokalen Macht – statt zu versuchen, diese lokale Macht durch Leiter von Militärverwaltungen zu ersetzen. Also: die Fähigkeit zu delegieren, statt alles an sich zu ziehen. Denn je mehr die Macht unter solchen Bedingungen alles an sich zieht, desto schneller wird alles scheitern. Ganz zu schweigen davon, dass die Effizienz der Macht auch damit verbunden ist, dass Behörden funktionieren müssen. Jetzt sehen wir, dass das Außenministerium begonnen hat, seine direkten Funktionen zu erfüllen, statt das Präsidialamt zu dienen, nachdem sich der Leiter des Präsidialamts geändert hat. Das sagt schon viel aus. Stellen Sie sich vor, das wäre von Anfang an so gewesen. Man kann hier viel sagen. Und das sind wiederum nicht „meine Ansprüche“. Das ist das Verständnis, dass, wenn das wirklich noch Jahrelang so weitergeht – bei dem Stressniveau, bei der gegenseitigen Abhängigkeit – sich Fehler einfach anhäufen und eine Materialermüdung entsteht. Das Gefährlichste ist – entschuldigen Sie – nicht ein Defizit oder Überschuss an Patriotismus. Das Gefährlichste sind Fehler, die man in der Politik nicht korrigieren kann. Wir wissen das schon aus unserer, wie ich sagte, Lebenserfahrung.

Olena Trybushna. Also die kurze Antwort auf meine Frage: Sehen Sie Gründe für Optimismus in diesem Sinne? Nein, wahrscheinlich, weil Zelensky niemals so delegieren wird, wie Sie es sagen.

Portnikov. Ich kann nicht mit „nein“ oder „ja“ antworten. Wissen Sie, wenn ich „nein“ oder „ja“ antworten könnte, könnte man mit mir einfach zehn Minuten reden und fertig. Ich bin entweder ein vorsichtigerer Mensch oder jemand, der Konstruktionen sucht, um die Psyche der Gesellschaft und der politischen Klasse zu heilen. Vielleicht umsonst, aber ich suche weiter. Ich bin in dieser Hinsicht Diogenes. Zumal die Laterne gerade für die Ukraine, wie Sie wissen, ein absolut aktuelles Thema ist.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Україну схиляють до «референдуму» |
Віталій Портников @Питання. 19.02.2026.

Kanal: @Питання
Veröffentlichung / Entstehung: 19.02.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Zelensky verhängte Sanktionen gegen Lukaschenko. Vitaly Portnikov. 18.02.2026.

Volodymyr Zelensky erklärte die Einführung persönlicher Sanktionen gegen Alexander Lukaschenko – selbstverständlich wegen dessen Unterstützung der russischen Aggression gegen die Ukraine.

Tatsächlich begann diese aktive Unterstützung durch Lukaschenko nicht erst im Jahr 2026 und auch nicht 2025, ja nicht einmal 2022, als er das Territorium von Belarus zur Verfügung stellte, um Putins Invasion zu erleichtern und bei der versuchten Besetzung von Kyiv zu helfen. Lukaschenko arbeitet seit Langem mit Moskau zusammen – gerade mit dem Ziel, den Zusammenbruch der Souveränität des ukrainischen Staates herbeizuführen. Offenbar versteht er nicht einmal, dass eine Annexion der Ukraine zwangsläufig auch zur Annexion von Belarus und zum Verschwinden seines eigenen Regimes führen würde. Doch Lukaschenko ist nicht der erste Diktator, der den Ast absägt, auf dem er sitzt.

Es stellt sich die Frage, warum man in Kyiv diese Sanktionen erst jetzt eingeführt hat. Warum hat sich die Haltung des Präsidialamts von Zelensky gegenüber der belarussischen Opposition geändert? Möglicherweise hängt dies mit den Versuchen zusammen, Lukaschenkos Präsenz auf der internationalen Bühne zu legitimieren – Versuche, die von der Administration des Präsidenten der Vereinigten Staaten aktiv unternommen werden. Wie bekannt ist, treffen sich Sondergesandte der Administration regelmäßig mit Lukaschenko. Trump hat sich wiederholt bewundernd über ihn geäußert und ihn sogar in einen geschaffenen „Friedensrat“ eingeladen. Lukaschenko selbst behauptet, er werde künftig auf höchster Ebene an diesem Rat teilnehmen – das heißt, er rechnet offenbar damit, in die Vereinigten Staaten eingeladen zu werden.

Für die Ukraine wäre eine solche Rehabilitierung des belarussischen Diktators ein direkter Weg zur Rehabilitierung des russischen. Genau deshalb sind die persönlichen Sanktionen gegen Lukaschenko eine weitere Erinnerung daran, welche Rolle der belarussische Staatschef in der russischen Aggression gegen die Ukraine spielt. Eine Erinnerung nicht nur an Trump, sondern auch an die europäischen Staats- und Regierungschefs. Wie bekannt ist, beginnen in Europa ebenfalls Stimmen laut zu werden, die zu Gesprächen mit zuvor isolierten Politikern bereit sind, sobald in den Vereinigten Staaten Versuche einer Annäherung an solche Figuren einsetzen – und das liegt eindeutig nicht im Interesse der Ukraine.

Darüber hinaus sind diese Maßnahmen offensichtlich auch eine Erinnerung an Lukaschenko selbst, dass seine Beteiligung am russisch-ukrainischen Krieg keineswegs erledigt ist, nur weil er Kontakte zur neuen Administration in Washington aufgenommen hat. Schließlich wechseln in Amerika – anders als in Belarus – die Regierungen. Seine Beteiligung an der militärischen Aggression gegen ein Nachbarland wird jedoch ein weiterer Makel in seiner ohnehin beschämenden politischen Biografie bleiben.

Die Frage ist allerdings, wie Trump selbst die Einführung ukrainischer Sanktionen gegen Lukaschenko und den Angriff auf den belarussischen Diktator bewerten wird. Schließlich handelt es sich um einen Mann, dem er persönlich eine Einladung zur Teilnahme am „Friedensrat“ geschickt hat – um jemanden, von dessen Unterstützung für ein gegenseitiges Verständnis zwischen Washington und Moskau er sich ebenfalls etwas versprechen könnte.

Meiner Meinung nach geht Zelensky in diesem Fall kein großes Risiko ein. Es ist nicht vergleichbar mit dem von Putin erfundenen Beschuss seiner Residenz in Waldai, bei dem Trump – wie bekannt – selbst bei einem unbewiesenen Vorwurf in Rage geriet. Im Fall Lukaschenko kann die Ukraine, denke ich, nach eigenem Ermessen handeln – aus einem einfachen Grund: In dem Weltbild, das sich seit Langem im Kopf des amerikanischen Präsidenten gefestigt hat, gibt es die Führer der großen Mächte – und alle anderen. Und eben diese Führer der großen Mächte genießen nach Trumps Verständnis Unantastbarkeit und persönlichen Respekt. Die Liste dieser Führer ist recht kurz: Trump selbst, der Vorsitzende der Volksrepublik China Xi Jinping und Putin.

Lukaschenko erscheint in diesem Zusammenhang eher als Instrument denn als jemand, den Trump als Führer eines für ihn wichtigen Staates betrachtet. Wenn also das Staatsoberhaupt eines Nachbarlandes beschließt, Sanktionen gegen einen solchen Akteur zu verhängen, ist das eine innere Angelegenheit der Ukraine. Es berührt die Vereinigten Staaten nicht und hebt zugleich nicht Trumps Bereitschaft auf, die Kontakte zu Lukaschenko fortzusetzen, falls er dies für notwendig hält.

Die ukrainischen Sanktionen werden selbstverständlich auch keinen Einfluss darauf haben, mit wem der amerikanische Präsident zu sprechen bereit ist oder nicht. Sie könnten jedoch die Haltung der Europäer beeinflussen, sie könnten die künftige Interaktion der Ukraine mit Belarus verändern und daran erinnern, dass Belarus de facto ein von Russland besetzter Staat ist, der von einem Gauleiter geführt wird, der alle Anweisungen Moskaus – zumindest in strategischen Fragen – ausführt.

Es ist zudem daran zu erinnern, dass Russland Lukaschenko bereits seit 1994 in diesen engen Entscheidungskorridor gedrängt hat – auch wenn es Momente gab, in denen dem belarussischen Machthaber schien, er halte Russland am Würgegriff und nicht umgekehrt. All das war von Anfang an eine Illusion. Und schließlich, nach 2020, nach der von Putin meisterhaft konstruierten Falle im Zusammenhang mit den belarussischen Präsidentschaftswahlen – wobei selbst Putin das Ausmaß der Proteste gegen Lukaschenkos Diktatur nicht vorhersehen konnte – verstand Alexander Grigorjewitsch endgültig, dass es für ihn nur noch einen komfortablen Platz im Leben gibt: auf russischen Bajonetten, mit russischer Unterstützung, mit russischem Geld und unter chinesischen Garantien, dass man ihm das Präsidentenamt nicht entzieht.

Es ist offensichtlich, dass unter solchen Umständen von einer souveränen Belarus nicht gesprochen werden kann. Aber dass die belarussische Souveränität früher oder später wiederhergestellt werden könnte, sollte man nicht vergessen – selbst dann nicht, wenn Lukaschenko im von Trump geschaffenen „Friedensrat“ Platz nimmt.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Зеленский ввел санкции против Лукашенко | Виталий Портников. 18.02.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 18.02.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Valery Zaluzhny beschuldigt Zelensky. Vitaly Portnikov. 18.02.2026.

Der ehemalige Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, Valery Zaluzhny, übte in seinem Interview mit der Nachrichtenagentur Associated Press scharfe Kritik an der ukrainischen Führung. Er erklärte, dass gerade die unzureichende Bereitstellung von Ressourcen und die Überarbeitung der Angriffspläne im Jahr 2023 das Scheitern dieser ukrainischen Pläne bestimmt hätten.

Zaluzhny berichtet, dass der erste Plan, der vom ukrainischen Militärkommando gemeinsam mit NATO-Offizieren ausgearbeitet worden war, eine Konzentration auf die Richtung Saporischschja vorsah – mit dem Ziel, das Kernkraftwerk Saporischschja von der russischen Kontrolle zu befreien und zugleich einen Korridor zum besetzten Krim zu durchbrechen. Tatsächlich jedoch wurde die Offensive gleichzeitig in mehreren Richtungen geführt und konnte deshalb schon aus diesem Grund nicht erfolgreich sein.

Der ehemalige Oberbefehlshaber schilderte außerdem einen Vorfall, der der Öffentlichkeit bislang unbekannt war und nicht das Jahr 2023, sondern September 2022 betrifft. Damals wurde in seinem Hauptquartier eine Durchsuchung durch Vertreter des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) durchgeführt. Zaluzhny drohte sogar dem damaligen Leiter des Präsidialamts, Andrij Jermak, dass die Armee diesen Kommandoposten verteidigen werde, falls die Durchsuchungen nicht eingestellt würden.

Beim Sicherheitsdienst selbst heißt es nun, man habe unter der betreffenden Adresse nach einem Stripclub gesucht. Zaluzhny widerspricht dieser Darstellung und erklärt, beim SBU könne man nicht nicht gewusst haben, dass sich unter dieser geheimen Adresse des ukrainischen Militärkommandos kein Stripclub befinden konnte. Es sei Druck auf ihn ausgeübt worden, auch wenn die Motive für diesen Druck im Herbst 2022 nicht ganz klar seien.

Selbstverständlich können diese Vorwürfe Zaluzhnys gegen eine Adresse, die man konkret mit Zelensky oder Jermak in Verbindung bringen könnte, von offiziellen Stellen zurückgewiesen werden. Tatsächlich entspricht eine Durchsuchung des Hauptquartiers Zaluzhnys im September 2022 keinem Motiv der Zweckmäßigkeit – außer einem: belastendes Material zu finden, um später Druck auf den populären Oberbefehlshaber der Streitkräfte ausüben zu können.

Was die Offensive von 2023 betrifft, erinnern wir uns daran, wie sorgfältig sich auch die Russen darauf vorbereitet hatten und welche Befestigungen sie errichteten, die jede Offensive ukrainischer Truppen – in welcher Richtung auch immer – in Frage stellten. Ob jedoch selbst Zaluzhnys ursprüngliche Pläne für einen Durchbruch der russischen Positionen realistisch waren, müssen Militärfachleute beurteilen.

Das Wichtigste an dieser Geschichte ist jedoch die Tatsache, dass Zaluzhny, der weiterhin als Botschafter der Ukraine im Vereinigten Königreich arbeitet, sich erstmals eine so offene Kritik an der politischen Führung der Ukraine unter Volodymyr Zelensky erlaubte – und zwar in Bereichen, die auf einen Zerfall des Systems der Staatsverwaltung in der Ukraine hindeuten könnten. Das dürfte für jeden, der die Entwicklung des Landes seit den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019 verfolgt, kein Geheimnis sein. Letztlich sind all diese Episoden, von denen Zaluzhny spricht, in jedem Fall eine Diagnose eben dieses Zerfalls.

Wenn der Sicherheitsdienst der Ukraine im Jahr 2022 das Büro Zaluzhnys mit dem Ziel durchsucht hat, belastendes Material zu finden, um später die Beziehungen des Präsidialamts zu einem populären Oberbefehlshaber nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, ist das ein offensichtlicher Zusammenbruch der Führungssysteme. In einer Situation, in der es um das Überleben des Staates geht, ist für Apparatschik-Kämpfe kein Platz.

Sollte der Sicherheitsdienst tatsächlich die Adresse eines Kommandopostens mit der ehemaligen Adresse eines Stripclubs verwechselt haben, ist auch das eine Diagnose des Zusammenbruchs der Verwaltung, denn es zeugt von Inkompetenz sowohl der Spezialdienste als auch der Justiz, die solche Durchsuchungen genehmigt.

Letztlich überrascht mich jedoch nichts mehr – nachdem ich etwa zur selben Zeit in meiner Wohnung ein Abhörgerät gefunden hatte, das der SBU später als kein Abhörgerät charakterisierte und das Verfahren mangels Straftat einstellte. Über Professionalität oder Inkompetenz habe ich keine Zweifel – hatte ich übrigens auch nicht, bevor ich dieses Gerät fand. Und falls es Aufzeichnungen gibt, könnten sie meine Gedanken über die Inkompetenz jener festgehalten haben, die den Staat in einem Moment führen, in dem es um sein Überleben geht.

Auch bezüglich der Offensive von 2023 kann man von Inkompetenz bei der Organisation des staatlichen Führungssystems sprechen – unabhängig davon, welche Pläne es gab und welches Schicksal sie ereilte. Es ist offensichtlich, dass sich die zivile Führung, die keinerlei reale Verbindung zu militärischen Planungen hat, nicht in das Handeln der Militärführung einmischen darf, die ihre weiteren Offensiven plant. Die Aufgabe der zivilen Führung besteht darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Armee in einem Krieg um das Überleben des Staates ihre Funktionen erfüllen kann.

Wir haben wiederholt darüber gesprochen, dass die Einmischung der zivilen Führung in die konkrete Arbeit des Militärs für demokratische Staaten untypisch ist und eher ein Zeichen inkompetenter Autokratien darstellt – mit gravierenden Problemen und Opfern als Folge. Das ist keine Neuigkeit und zieht sich durch die gesamte Geschichte.

Selbst in sowjetischen Schulen – nachdem der Stalinismus offiziell verurteilt worden war – sprach man darüber, wie der damalige Oberste Befehlshaber der Streitkräfte der Sowjetunion versuchte, sich in die konkrete Arbeit der Militärs einzumischen und wie professionelle Militärs mit Stalin über die Zweckmäßigkeit bestimmter Entscheidungen streiten mussten, weil seine Eingriffe oft zu katastrophalen Situationen an der Front führten.

Praktisch dasselbe gilt für die Beziehungen deutscher Generäle und Feldmarschälle zu dem ehemaligen Gefreiten und späteren Reichskanzler Deutschlands, Adolf Hitler. Und eigentlich hätte man aus diesen historischen Erfahrungen Schlussfolgerungen ziehen können – schließlich versuchten weder der Präsident der Vereinigten Staaten Franklin Roosevelt noch der britische Premierminister Winston Churchill, sich in die konkrete Arbeit der Militärs einzumischen. Doch die Menschheit zieht niemals Lehren aus ihren Fehlern.

Das Thema, wie die Ukraine in den letzten Jahren überhaupt geführt wurde, ist jedoch ein eigenes Kapitel. Ich denke, ernsthaft darüber sprechen kann man erst nach dem Ende des Krieges. Wenn das ukrainische Volk in der Lage sein wird, ein Führungssystem zu schaffen, das den Anforderungen eines demokratischen Prozesses entspricht, wird ein neues ukrainisches Parlament – sofern es nicht erneut von Populisten beherrscht wird – verpflichtet sein, Kommissionen einzusetzen, die untersuchen, wie die Vorbereitung auf den Krieg mit Russland verlief und was in den Kriegsjahren mit den Handlungen der zivilen und militärischen Führung geschah.

Allerdings habe ich erhebliche Zweifel, dass dies geschieht. Denn es ist auch eine Frage der Qualität der ukrainischen Gesellschaft und ihrer Fähigkeit, richtig und kompetent zu wählen – statt sich jeder schillernden populistischen Agenda anzuschließen.

Nicht weniger interessant ist die Frage, warum Zaluzhny sich entschloss, mit einer so deutlichen Kritik an der ukrainischen politischen Führung aufzutreten. Hält der General seine politische Arbeit als Leiter der diplomatischen Vertretung der Ukraine im Vereinigten Königreich für beendet? Oder meint er, dass diese Kritik kein Anlass für das Ende seiner Tätigkeit ist? Charakterisiert er die Situation als eine, die zu Präsidentschaftswahlen führen könnte, bei denen Zaluzhny weiterhin als Hauptkonkurrent des amtierenden Präsidenten Volodymyr Zelensky gilt – sofern dieser für eine zweite Amtszeit kandidiert?

Und noch ein interessanter Punkt aus diesem Interview: Er bestätigt, dass der amerikanische Präsident Donald Trump nach Möglichkeiten sucht, Zelensky bei den nächsten Präsidentschaftswahlen loszuwerden. Denn Trumps Antipathie gegenüber Zelensky ist nicht erst seit 2025 bekannt, sondern – würde ich sagen – seit 2019, als Trump versuchte, Zelensky dazu zu bewegen, an der Suche nach Dokumenten mitzuwirken, die seinen damaligen Hauptgegner bei den Präsidentschaftswahlen, Joseph Biden, kompromittieren sollten.

Gemeint ist der Anruf, den der bekannte amerikanische Politstratege Paul Manafort bei Zaluzhny tätigte. Manafort ist seit langem mit Trump verbunden und war nicht nur an der Wahlkampagne des amtierenden amerikanischen Präsidenten beteiligt, sondern auch an der Wahlkampagne von Präsident Viktor Janukowytsch. Zaluzhny betonte jedoch, dass er eine Zusammenarbeit mit Manafort ablehnte und keinen Kontakt mit ihm aufnahm, als dieser versuchte, sich mit dem Botschafter der Ukraine im Vereinigten Königreich in Verbindung zu setzen und seine Dienste anzubieten. Zaluzhny sagte den Journalisten von Associated Press, er komme ohne Manaforts Dienste aus und benötige sie nicht.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Залужний звинувачує Зеленського |
Віталій Портников. 18.02.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 18.02.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Verhandlungen, die den Frieden in die Ferne rücken. Vitaly Portnikov. 17.02.2025.

https://vilni-media.com/2026/02/17/peremovyny-shcho-viddaliaiut-myr/?fbclid=IwZnRzaAQC2npleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEes3-z1ZnRDVnz9B48ZslGx7q7kH1_EmrpMxld-ikfjBI9I1mBFifRL5Hr_6Q_aem_ndhAeST4gjkFnMLZp-yQLQ

Die Münchner Konferenz, auf der sich die Staats- und Regierungschefs traditionell über die Zukunft austauschten – und sehr viel Zeit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine widmeten – fand buchstäblich nur wenige Tage vor Beginn einer weiteren Verhandlungsrunde zwischen den ukrainischen, russischen und amerikanischen Delegationen statt.

Viele betrachten allein die Tatsache solcher Verhandlungen bereits als Fortschritt und als Verdienst Donald Trumps. Doch wirklichen Sinn haben nur Verhandlungen, die ein Ergebnis versprechen. Verhandlungen, die auf dem Wunsch der Seiten beruhen, Frieden zu erreichen – während Putin offenbar lediglich versucht, Zeit zu gewinnen. Und selbst während der Diskussionen in München musste der US-Außenminister Marco Rubio einräumen, dass man in Washington nicht weiß, ob Putin tatsächlich Frieden will.

Man kann sagen, dass wir uns selbst täuschen, wenn wir versuchen, in Putins „Signalen“ etwas Positives zu finden. Nehmen wir zum Beispiel den Beginn der Gespräche: An der Spitze der russischen Delegation stand plötzlich der Leiter der Hauptverwaltung des Generalstabs der russischen Streitkräfte, Admiral Igor Kostjukow. Dass die russische Delegation erstmals seit 2022 nicht von dem „Ideologen“ Wladimir Medinski angeführt wurde, der als einer der Apologeten des Konzepts der Eroberung ehemaliger Sowjetrepubliken gilt, wurde als Zeichen von Sachlichkeit gewertet. Wenn Militärs Details über Truppenentflechtung, Kontrolle eines Waffenstillstands und Ähnliches diskutieren, könnte das bedeuten, dass Putin es ernst meint. Doch ich konnte von Beginn dieses Prozesses an nicht verstehen, welche Bedeutung all diese Details haben sollen, wenn das Wichtigste fehlt – der politische Wille, die Aggression zu beenden oder zumindest das Feuer einzustellen, vollständig oder auch nur teilweise.

Nun hat Putin Medinski an den Verhandlungstisch zurückgeholt und ihm erneut die Leitung der russischen Delegation anvertraut. Und dieselben Menschen, die im Auftreten von Admiral Kostjukow ein positives Signal sehen wollten, versichern nun, dass Medinski ebenfalls ein gutes Zeichen sei. Seine Rückkehr bedeute angeblich, dass die Militärs sich bereits geeinigt hätten und nun die Zeit für politische Entscheidungen gekommen sei. So, als hätte Medinski diese politischen Fragen nicht schon mehrfach diskutiert.

Ich würde nicht nach einer schwarzen Katze in einem dunklen Raum suchen – vor allem nicht, wenn sie dort nicht ist und nie war. Ja, Putin nimmt an einer „Friedensshow“ für Trump teil, aber er hatte nie die Absicht, diesen Krieg durch Verhandlungen zu beenden. Was der russische Machthaber derzeit wirklich anstrebt, sprach dieser Tage der stellvertretende russische Außenminister Michail Galusin aus, der vorschlug, in der Ukraine eine „externe Verwaltung“ einzuführen, um Wahlen durchzuführen und eine Führung zu wählen, mit der Russland einen Frieden vereinbaren könne!

Wir verstehen sehr gut, dass sich hinter diesen Worten kaum verhüllt die Idee verbirgt, die ukrainische Staatlichkeit zu demontieren, indem die Ukraine in ein „UNO-Protektorat“ verwandelt wird – mit der Möglichkeit russischen propagandistischen Drucks und politischer Unterstützung prorussischer Kräfte. Russische Sprache, russische Kirche und eine prorussische Bande – das ist das russische Rezept zur endgültigen Zerstörung der Ukraine.

Es ist durchaus bemerkenswert, dass man all dies auf „diplomatischem“ Wege erreichen will – sofern man einen solchen Ansatz überhaupt als Diplomatie bezeichnen kann. Die russischen Truppen sind seit vier Jahren nicht in der Lage, die vollständige Kontrolle über die Region Donezk zu erlangen – und Putin nutzt die Verhandlungen, um Washington dazu zu bewegen, Kyiv zum Abzug seiner Truppen aus dem nicht besetzten Teil des Gebiets Donezk zu drängen. Und nun eine neue Idee: Unter dem Vorwand von „Wahlen“ der Ukraine die Souveränität zu entziehen.

Soll man also überhaupt keine Verhandlungen führen? Natürlich haben Verhandlungen keinen Sinn, wenn ihr einziges Ergebnis darin besteht, dem US-Präsidenten die Möglichkeit zu geben zu behaupten, der Prozess gehe weiter und der Frieden sei ganz nah. In Wirklichkeit bringen solche Gespräche den Frieden nicht näher, sondern entfernen ihn nur, weil sie der Administration erlauben, unter dem Vorwand, den inszenierten „Friedensprozess“ nicht zu „blockieren“, auf stärkeren Druck auf Russland zu verzichten. Und genau so – als Prozess der Entfernung vom Frieden – sollte man sie betrachten.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Перемовини, що віддаляють мир. Віталій Портников. 17.02.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 17.02.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Was geschieht in Genf | Vitaly Portnikov. 17.02.2026.

Seit bereits etwa vier Stunden dauern die ukrainisch-amerikanischen Verhandlungen in Genf an. Die neue Runde wird kaum zu einem ernsthaften Durchbruch führen, aber sie wird zeigen, wie sich die Taktik der russischen Delegation verändert hat.

Natürlich geht es um Putins Taktik, nachdem sich den Gesprächen erneut der ehemalige – und nun wieder neue – Leiter der russischen Delegation, Medinski, angeschlossen hat, der vom russischen Präsidenten in der Regel eingesetzt wird, um vor allem ideologische Ansprüche gegenüber der Ukraine vorzubringen. Diese Runde wird auch demonstrieren, wie die Vereinigten Staaten künftig tatsächlich mit dem Verhandlungsprozess umgehen wollen. Zumal offensichtlich ist, dass sie sich in einem echten Zeitdruck befinden.

Denn gleichzeitig mit den Gesprächen mit Russland und der Ukraine führten die amerikanischen Vertreter Jared Kushner und Steve Witkoff auch Verhandlungen mit dem Iran. Diese Konsultationsrunde in Genf ist bereits beendet. Quellen sprechen von einem gewissen Fortschritt, aber auch davon, dass noch viele Details abgestimmt werden müssen.

Man kann also sagen, dass die iranische Führung in den Gesprächen mit den Amerikanern dieselbe Taktik verfolgt wie die Führung der Russischen Föderation. Sie gewinnt Zeit, demonstriert Gesprächsbereitschaft, zeigt jedoch keinerlei Willen, sich auf konkrete Vereinbarungen einzulassen. Und natürlich wissen die Sondergesandten des amerikanischen Präsidenten, dass Donald Trump eigene politische Bedürfnisse im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Wahlkampf in den Vereinigten Staaten hat und dass er reale Ergebnisse sowohl von den ukrainisch-russisch-amerikanischen als auch von den iranisch-amerikanischen Gesprächen erwartet. Sie sind daher gezwungen, unter diesem eigentümlichen Zeitdruck zu handeln, während die Russen es offenbar überhaupt nicht eilig haben.

Für die Russen ist es wichtig zu zeigen, dass der Verhandlungsprozess weitergeht, und auf diese Weise die amerikanische Delegation davon abzuhalten, Trump Berichte vorzulegen, die ihn zu harten Maßnahmen gegenüber Putin zwingen könnten. Offensichtlich ist in diesem Zusammenhang auch der Sondergesandte des russischen Präsidenten, Kirill Dmitrijew, nach Genf gereist.

Was sich bei diesen Gesprächen tatsächlich verändert hat, ist der Versuch der europäischen Länder, auf ihrer Beteiligung zu bestehen. Zum ersten Mal in diesem Verhandlungsprozess sind die Nationalen Sicherheitsberater von vier europäischen Staaten nach Genf gekommen, um eigene Konsultationen mit den amerikanischen Vertretern zu führen. Damit wird erneut unterstrichen, dass ohne Europa – wie es der französische Präsident Emmanuel Macron auf der Münchner Konferenz formulierte – keinerlei Vereinbarungen mit Russland möglich sind.

Die Amerikaner sind sich dessen sehr bewusst. Selbst wenn sie mit Putin über die Aufhebung von Sanktionen, über die Übertragung der in der Europäischen Union eingefrorenen Vermögenswerte der Russischen Föderation oder über Sicherheitsgarantien für die Ukraine sprechen, können solche Entscheidungen nicht ohne Beteiligung europäischer Vertreter getroffen werden. Und selbst wenn amerikanische Vertreter während ihrer Gespräche mit der russischen Delegation etwas versprechen, müssen sie diese Zusagen in jedem Fall mit den Europäern abstimmen.

Aus logischer Sicht stimmt das alles. Doch es hätte nur dann reale Bedeutung, wenn Putin tatsächlich Frieden mit der Ukraine anstreben würde – also Vereinbarungen mit Kyiv zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges. Da der russische Präsident seiner Delegation jedoch – wie bereits mehrfach in den vergangenen nicht nur vier, sondern elf oder zwölf Jahren des Verhandlungsprozesses – in erster Linie aufträgt, Zeit zu gewinnen, interessiert ihn kaum, wie die Amerikaner ihre Positionen mit den Europäern abstimmen.

Mehr noch: Putin könnte sogar daran interessiert sein, dass die Amerikaner in Gesprächen mit Moskau Versprechungen machen, die sie nicht einhalten können, damit die Europäer anschließend Positionen einnehmen, die die Administration Trump zu neuen Kompromissen zwingen – während die Administration Putin die Amerikaner der Unkonstruktivität beschuldigt.

Es sei daran erinnert, dass solche Vorwürfe der Unkonstruktivität bereits vor Beginn der Gespräche in Genf vom russischen Außenminister Lawrow erhoben wurden. Der Leiter des russischen Außenministeriums erklärte, die Amerikaner hielten angeblich die in Anchorage erzielten Vereinbarungen nicht ein – insbesondere übten sie keinen ausreichenden Druck auf die Ukrainer und Europäer aus, eine flexiblere Haltung gegenüber russischen Forderungen einzunehmen, und drängten Russland vom Energiemarkt.

Man kann also sagen, dass dies bereits der Beginn einer neuen Phase der Verzögerungstaktik in den russisch-ukrainischen Verhandlungen ist. Russland gibt sich konstruktiv, betont seinen Wunsch nach Frieden und Vereinbarungen. Doch die Europäer halten Trump angeblich zurück, sodass er gezwungen ist, die Positionen seiner Verbündeten zu berücksichtigen.

Natürlich wird es auch zahlreiche gezielte Informationslecks geben, bevor die Parteien die Gespräche fortsetzen. Vielleicht kennen Sie den Artikel im „Economist“, in dem behauptet wird, die ukrainische Delegation sei in zwei Lager gespalten: Das eine versuche unter amerikanischer Ägide eine raschere Einigung mit Moskau zu erzielen, wozu das Magazin auch den Leiter des ukrainischen Präsidentenbüros, Kyrylo Budanow, zählt. Das andere Lager wolle derzeit jede Vereinbarung vermeiden, in der Erwartung, dass sich die Position der Ukraine in Zukunft verbessern werde. Und der Präsident der Ukraine müsse die Positionen beider Gruppen berücksichtigen.

All das klingt gut – wenn es denn irgendetwas mit dem realen Verlauf der Ereignisse zu tun hätte. Es geht hier nicht einmal um die Kompetenz oder Inkompetenz westlicher Journalisten, die nach Meinungsverschiedenheiten innerhalb der ukrainischen Delegation suchen. Das kann auch einfach die Suche nach Quellen sein, die Wunschdenken verbreiten. Solche Quellen gibt es auch in Kyiv. Entscheidend ist jedoch, dass es wenig Bedeutung hat, welche Positionen einzelne Mitglieder der ukrainischen Delegation einnehmen, solange die russische Delegation keinerlei Interesse an Vereinbarungen hat und den Verhandlungsprozess nutzt, damit Putin den Krieg fortsetzen kann – und nicht nach Genf oder an einen anderen Ort reist, um reale Friedensbedingungen zu suchen.

Das ist meines Erachtens der wichtigste Punkt dessen, was geschieht. Denn wenn wir darüber spekulieren, welche Position die ukrainische Delegation einnimmt, inwiefern Europäer und Amerikaner unterschiedlicher Meinung sind oder zu welchen Zugeständnissen Witkoff und Kushner gegenüber Putin bereit sein könnten, begeben wir uns in eine Situation, in der Russland tatsächlich ein Ende des Krieges anstrebt – in eine alternative Realität. In Wirklichkeit sind die Gespräche in Genf lediglich Teil von Putins Plan zur Fortsetzung des Krieges mit dem Ziel, den Westen von härteren Sanktionen gegen die Russische Föderation abzuhalten.

Und bislang, so muss man sagen, wird dieser Plan weiterhin umgesetzt. Putin bleibt jemand, der am Verhandlungsprozess mit Trump teilnimmt, ihm jedoch nicht das Gewünschte gibt – nicht einmal einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front – und ihm keine Möglichkeit verschafft, gegenüber Russland eine härtere Haltung einzunehmen. Dabei geht es nicht nur um amerikanische Sanktionen, die man durchaus verschärfen könnte und worauf republikanische Senatoren Trump derzeit hinweisen, sondern vor allem um die Lieferung weitreichender Waffen an die Ukraine und um eine umfangreichere militärische Unterstützung für unser Land.

Offensichtlich könnte dies zumindest dazu führen, dass Putin erkennt, dass die Verhandlungen als Instrument der Zeitgewinnung nicht mehr funktionieren – wenn schon nicht zu einer unmittelbaren Änderung seiner Position. Doch bislang sehen wir, dass sich alles eher nach russischer Vorstellung vom Verhandlungsprozess entwickelt als nach der amerikanischen, ukrainischen oder europäischen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Що відбувається у Женеві | Віталій Портников. 27.02.2026.

Autor / Verfasser / Kanal: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 27.02.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Schwarze Brauen, braune Augen/ Чорнії брови, карії очі. 

Schwarze Brauen, braune Augen,
Dunkel wie Nacht und klar wie der Tag,
Braune Augen – Mädchenaugen,
Wer lehrte euch Liebesplag?

Schwarze Brauen, braune Augen,
Bange wird mir, wenn ich euch seh.
Schlaflos lieg ich manche Nächte,
Denk an euch in Leid und Weh.

Seid ihr fern – und doch so nahe,
Leuchtet ins Herz wie Sternenschein.
Tragt ihr Gift in euren Blicken,
Oder seid ihr Heiler mein?

Schwarze Brauen – seidne Bänder,
Immer nur euch schaut ich an.
Braune Augen, Dornenaugen,
Immerzu euch schauen kann.

Braune Augen, habt ihr mich verzaubert?
Welchen Zauber sandtet ihr?
Vor dem bösen Blick, ihr Lieben,
Helft nur ihr – nur ihr allein mir.

Чорнії брови, карії очі,
Темні як нічка, ясні як день,
Карії очі - чарі дівочі!
Де ви навчились зводить людей.

Чорнії брови, карії очі,
Страшно дивитись на вас під час.
Не будеш спати іноді ночі,
Все будеш думать, очі про вас.

Вас і немає, а ви мов тута.
Світите в душу, як дві зорі.
Чи в вас улита яка отрута,
Чи, може, й самі ви знахарі.

Чорнії брови - стрічки шовкові!
Все б тільки вами я любувавсь!
Карі очиці - очі тернові!
Все б я дивився тільки на вас.

Карії очі. Ви поробили,
Наворожили ви щось мені.
Та од пристріту, оченьки милі,
Тільки й поможете ви одні.

🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Lied
Titel des Originals: Чорнії брови, карії очі
Autor: Konstantin Dumitrashek
Veröffentlichung / Entstehung: 1854
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Volkslied-Sammlung
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von KI und Viktoriya Limbach“],
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.