Zelensky hat sich mit Trump geeinigt | Vitaly Portnikov. 26.01.2026.

Der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, erklärte auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit den Staats- und Regierungschefs Polens und Litauens, dass die Sicherheitsgarantien der Vereinigten Staaten für die Ukraine zu hundert Prozent abgestimmt seien. Kyiv warte nun von den amerikanischen Partnern lediglich auf Zeit und Ort, um diese Entscheidungen zu den Sicherheitsgarantien zu unterzeichnen.

Dabei betonte der ukrainische Präsident, dass es sich um Garantien handeln werde, die sowohl vom US-Kongress als auch von der Werchowna Rada der Ukraine ratifiziert würden. Damit würden sie nicht von einem möglichen Wechsel des Präsidenten der Vereinigten Staaten abhängen, sondern die Ukraine zu einem wichtigen Verbündeten der USA machen.

Zelensky sprach auch über den europäischen Teil der Sicherheitsgarantien, der damit verbunden sein soll, womit sich konkret die sogenannte Koalition der Freiwilligen befassen wird, ebenso wie mit dem Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union.

Diese Nachrichten klingen zweifellos ermutigend. Allerdings kennen wir bislang keine konkreten Details darüber, wie die Sicherheitsgarantien der Vereinigten Staaten für die Ukraine aussehen werden – selbst dann nicht, wenn sie vom US-Kongress ratifiziert werden – und in welchem Maße die Vereinigten Staaten bereit sein werden, sich auf Grundlage dieser neuen Vereinbarungen zwischen der Administration von Präsident Trump und dem Präsidialamt von Präsident Zelensky am Schutz der Ukraine zu beteiligen.

Offensichtlich ist auch, dass der Beitritt zur Europäischen Union ein wichtiger Bestandteil des wirtschaftlichen Wiederaufbaus der Ukraine ist, jedoch kaum eine ernsthafte Sicherheitsgarantie für unser Land darstellt. Anders verhält es sich mit der Koalition der Freiwilligen. Dabei handelt es sich um die Möglichkeit der Stationierung von Truppen aus NATO-Mitgliedstaaten auf ukrainischem Territorium.

Doch wird Russland dem zustimmen? Während der jüngsten Gespräche in Abu Dhabi, so berichten westliche Medien, erörterten die ukrainische und die russische Delegation gerade die Frage einer Friedensmission. Moskau spricht sich jedoch dagegen aus, dass Soldaten aus NATO-Mitgliedstaaten an einer solchen Mission beteiligt sind. Die Ukraine hingegen ist gerade daran interessiert, dass sich ihre eigenen Verbündeten auf ihrem Territorium befinden.

Wie derzeit berichtet wird, verändern sich in den NATO-Staaten die Stimmungen hinsichtlich der Ausgestaltung eines europäischen Friedenskontingents in der Ukraine. Früher ging man davon aus, dass Soldaten aus Ländern wie Großbritannien oder Frankreich erst nach dem Ende der Kampfhandlungen und ausschließlich im Rahmen eines entsprechenden Friedensabkommens zwischen Russland und der Ukraine auf ukrainischem Boden erscheinen könnten. Heute erscheint jedoch offensichtlich, dass jedes Friedensabkommen, das mit Russland geschlossen werden könnte, eine solche Präsenz nicht vorsehen würde, da Moskau das Auftauchen von NATO-Soldaten auf ukrainischem Territorium automatisch als eine hybride Aufnahme der Ukraine in das Bündnis betrachten würde – etwas, wogegen sich Russland weiterhin entschieden stellt.

Nun wird in europäischen politischen Kreisen die Möglichkeit diskutiert, ein solches Kontingent ohne Zustimmung der Russischen Föderation zu entsenden. Natürlich ist dies mit Risiken verbunden. Doch es war auch zuvor klar, dass europäische Truppen sich kaum mit Zustimmung Russlands auf ukrainischem Territorium würden aufhalten können. Selbst Soldaten eines Landes wie der Türkei könnten kaum eine Legitimierung Moskaus für eine Stationierung in der Ukraine erhalten, da die Türkei eines der wichtigsten Mitglieder des Nordatlantischen Bündnisses ist. Und auch gute persönliche Beziehungen zwischen dem Präsidenten dieses Landes, Recep Tayyip Erdoğan, und dem russischen Präsidenten Putin ändern nichts an dieser einfachen Tatsache.

Somit kann die Suche nach Sicherheitsgarantien auf zwei parallelen Wegen verlaufen. Einer dieser Wege besteht in Verhandlungen mit Russland selbst und in der Suche nach Sicherheitsmodellen, die von der Russischen Föderation als ausreichend anerkannt würden, um einem Ende der Kampfhandlungen zuzustimmen. Der andere Weg könnte gerade darin bestehen, dass westliche Staaten nicht auf den Wunsch oder die Ablehnung Moskaus Rücksicht nehmen, bestimmte Truppen oder etwa Militärbasen auf ukrainischem Territorium zu sehen, sondern davon ausgehen, dass gerade ihre Präsenz die Unmöglichkeit eines erneuten Angriffs der Russischen Föderation auf die Ukraine gewährleisten würde, falls es jetzt gelingt, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden.

Bislang sehen wir jedoch das Wichtigste nicht: In welchem Maße ist Russland überhaupt bereit, diesen Krieg zu beenden, und inwiefern verkürzt die Gewährung von Sicherheitsgarantien an die Ukraine – etwa durch dieselben Vereinigten Staaten – den Weg zur Beendigung der Kampfhandlungen? Denn in Moskau beginnt man zu begreifen, dass nach dem Ende des Krieges jener Teil des ukrainischen Territoriums, den die Russen nicht erobern konnten, sich immer stärker in den Westen integrieren wird.

Schließlich wird ein Zeitpunkt kommen, an dem Russland die Ukraine schlicht nicht mehr angreifen kann, weil dies einen automatischen Konflikt mit den NATO-Staaten oder sogar mit den Vereinigten Staaten bedeuten würde. Deshalb muss man sich die Sicherheitsgarantien ansehen, die zwischen Zelensky und Trump abgestimmt wurden und die bei einem künftigen Treffen der Präsidenten unterzeichnet werden könnten.

Allein die Tatsache, dass Zelensky von einer parlamentarischen Ratifizierung dieser Sicherheitsgarantien spricht, sollte in Russland bereits ernsthafte Besorgnis auslösen, dass die Vereinigten Staaten tatsächlich bereit sind, die Ukraine im Falle eines erneuten russischen Angriffs zu schützen – wenn auch nicht zwingend durch die Präsenz eigener Truppen, so doch durch wirksame militärische Hilfe, einschließlich der Lieferung von Langstreckenwaffen, von deren Bereitstellung sich das Pentagon derzeit zurückhält, da man im Weißen Haus glaubt, dies könne den von Washington vermittelten Friedensprozess zwischen Moskau und Kyiv gefährden.

Doch wer wird in einem solchen Fall Putin zwingen, den Krieg zu beenden, und welcher Mechanismus dieses Zwangs soll existieren – außer dem anhaltenden wirtschaftlichen Druck auf den russischen Präsidenten, den er bislang nicht als ausreichend erachtet, um über eine Einstellung der Kampfhandlungen an der russisch-ukrainischen Front und der barbarischen Angriffe auf die ukrainische zivile Infrastruktur nachzudenken? Genau diese Frage bleibt bislang unbeantwortet.

Die Antwort auf diese Frage könnte nach meiner Auffassung erklären, wie echte Sicherheitsgarantien für die Ukraine aussehen müssen und wie weit die Vereinigten Staaten, Großbritannien und die Mitgliedstaaten der Europäischen Union bei der Gewährung solcher Sicherheitsgarantien zu gehen bereit sind.

Derzeit sprechen wir lediglich über einen Plan, ein Dokument zu unterzeichnen und es in den Parlamenten beider Länder zu ratifizieren. Ein ziemlich ambitionierter Plan, der jedoch zumindest aus Sicht der Absichten wichtig ist.

Die zentrale Frage, auf die die Beteiligten dieser Vereinbarungen eine Antwort geben müssen, bleibt jedoch die nach den Instrumenten für ein reales und nicht nur papiernes Ende des russisch-ukrainischen Krieges – ein Ende, nach dem all diese Sicherheitsgarantien, die derzeit zwischen Trump und Zelensky abgestimmt werden und die nach Angaben des ukrainischen Präsidenten faktisch bereits unterschriftsreif sind, auch tatsächlich in Kraft treten können, zu dem Zeitpunkt, den die Vertreter beider Präsidialadministrationen festlegen werden.


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Titel des Originals: Зеленський домовився з Трампом | Віталій Портников. 26.01.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 26.01.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Gefangen im Schatten von Nord Stream. Ilya Novikov. 25.01.2026.

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Das Hamburger Untersuchungsgefängnis hat – gemessen an seiner unangenehmen Funktion – ein ziemlich schönes Gebäude. Wenn man nur danach urteilt, nimmt es unter allen ähnlichen Einrichtungen, in denen ich je war, selbstbewusst den zweiten Platz ein, gleich nach dem Gebäude der Verwaltung des FSB in der Oblast Kirow – dort handelt es sich um ein regelrechtes Schloss im Stil der „englischen Gotik“ mit Turm, Spitzbogenfenstern und Zinnen an den Mauern. Aber den FSB muss man ohnehin vom Wettbewerb repressiver Architektur disqualifizieren – wegen Betrugs: Während das Hamburger Untersuchungsgefängnis von Anfang an als Gefängnis gebaut wurde, ließ der Kaufmann und Mäzen Bulitschow das fantasievolle Schloss 1911 für sich selbst errichten. 1919 kam dann die Tscheka, warf Bulitschow buchstäblich auf die Straße, und seitdem lebt sie in seinem Haus, ändert gelegentlich ihren Namen – mal NKWD, mal KGB –, bleibt aber immer sie selbst. Deshalb hat das FSB-Gebäude offiziell verloren, und das Hamburger Gefängnis hat gewonnen. Und das ist das Einzige Gute, das man über dieses Gefängnis sagen kann.

Denn dieses Gefängnis steht in Hamburg am Tschaikowski-Platz, und seit zwei Monaten wird dort der Ukrainer Serhij Kusnezow festgehalten, den Italien im November 2025 auf Ersuchen Deutschlands ausgeliefert hat. Serhij wird beschuldigt, die Sprengung von „Nord Stream“ im September 2022 verübt zu haben. Nach der Version der deutschen Ermittlungsbehörden soll gerade Serhij die Gruppe von Tauchern angeführt haben, die Sprengladungen mit Zeitzündern an der russischen Gaspipeline angebracht haben. Über die Ereignisse selbst und über die deutsche Version kann man in offenen Quellen lesen. Für uns ist das Entscheidende, was jetzt mit Serhij geschieht, was wir für ihn tun können und warum dies nicht nur für ihn und seine Familie wichtig ist.

Serhij Kusnezow befindet sich nach seiner Auslieferung in einem Zustand der Informationsisolation, der dadurch erreicht wird, dass man ihn in einer Abteilung für Terroristen und „andere gefährliche Personen“ unterbringt, obwohl sich der gegen ihn erhobene Verdacht nicht auf Gewalt gegen Menschen bezieht, sondern ausschließlich auf fremdes Eigentum. Telefonate mit seiner Ehefrau und seinen Kindern sind „mangels technischer Möglichkeiten“ nicht erlaubt. Frei sprechen darf er nur mit seinen deutschen Anwälten. Bei seinen Treffen mit seiner Frau sind stets Beamte der Bundespolizei aus Berlin anwesend sowie ein Dolmetscher, der alle Gespräche simultan für sie übersetzt. Dasselbe gilt für uns – für die Anwälte aus der Ukraine, die bevollmächtigt sind, ihn vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu vertreten. Der ukrainische Konsul konnte Serhij erstmals erst am 14. Januar sehen.

Neben den Einschränkungen der Kommunikation wird Serhij auch durch alltägliche Probleme belastet, die man uns als „Missverständnisse“ oder „technische Gründe“ erklärt. Doch sie ließen sich bei entsprechendem Willen so leicht lösen, dass mit jeder weiteren Woche ohne Veränderungen die Überzeugung wächst, dass sie für Serhij bewusst künstlich geschaffen werden. Vor allem betrifft das die Ernährung. Kusnezow ist Veganer, und während des Auslieferungsverfahrens in Italien versprach die italienische Staatsanwaltschaft im Namen Deutschlands dem Gericht, dass im Falle seiner Auslieferung seine Ernährungsbedürfnisse respektiert würden. In der Praxis erhält er jedoch nur einmal täglich ein vegetarisches Mittagessen, während Frühstück und Abendessen gewöhnlich sind – wer will, isst, wer nicht will, lässt es bleiben. Der tägliche Hofgang beträgt eine Stunde – doch seine eigenen Winterstiefel, die zusammen mit ihm aus Italien ankamen, werden ihm bis heute nicht aus dem Lager ausgehändigt: Wer im Januar frische Luft schnappen will, soll eben in Hausschuhen spazieren gehen. Das mag wie Kleinigkeiten erscheinen, die sich nicht mit echter Folter in russischer Gefangenschaft vergleichen lassen. Aber Deutschland ist bislang noch nicht die Oblast Rostow. Bei mir und meinen Kollegen entsteht der klare Eindruck, dass durch maximale – für diese Kategorie von Fällen untypische – Isolation und durch künstliche Einschränkungen bewusst Druck auf Serhij ausgeübt wird, genau in dem Rahmen, der unter europäischen Bedingungen möglich ist. Von Serhij erwartet man, dass er Aussagen macht oder eine Kooperationsvereinbarung unterschreibt, die bestätigen würden, dass „Nord Stream“ auf Anordnung der ukrainischen Führung beschädigt wurde. Serhij weigert sich, dies zu tun, und der deutschen Staatsanwaltschaft bleiben nur sechs Monate ab dem Zeitpunkt der Auslieferung – diese Frist läuft im Mai ab. Die Zeit arbeitet nicht für sie, wenn sie keine Aussagen von Serhij erhalten oder ihre Position nicht auf andere Weise stärken. Bislang reichten den Ermittlern indirekte Beweise aus, damit ein Gericht die Untersuchungshaft als Sicherungsmaßnahme genehmigte. Doch die Hürde für den Eintritt in das Hauptverfahren ist höher, und ohne ein Geständnis des Angeklagten ist sie schwer zu überwinden.

Damit kommen wir zur Frage, welche Bedeutung der Fall Serhij Kusnezow für die Ukraine insgesamt hat. Die deutsche Gesellschaft war in ihrer Haltung zu uns und zu unserem Krieg nie einheitlich. Sowohl vor als auch nach Februar 2022 suchten und fanden prorussische Teile der deutschen Politik Wege, Russland zu helfen – nicht zuletzt auch sich selbst. Zwar haben wir in letzter Zeit von vielen deutschen Amtsträgern, beginnend beim Bundeskanzler, gehört, dass die Inbetriebnahme von „Nord Stream“ ein strategischer Fehler gewesen sei und Deutschland letztlich mehr Probleme als Vorteile gebracht habe, doch diejenigen, die diese Pipeline und andere russische Themen lobbyistisch vorangetrieben haben, sind größtenteils nirgendwo verschwunden. Zum Zeitpunkt der Explosion im September 2022 lieferte „Nord Stream“ kein Gas – im Rahmen seiner strategischen Manöver hatte Putin die Pipeline damals vorübergehend gestoppt. Doch sowohl im Betrieb als auch im Stillstand blieb sie eine strategische russische Waffe, bei deren Schaffung, Aufladung und Ausrichtung Deutschland selbst mitgeholfen hatte. Weder politische noch juristische Verantwortung dafür hat irgendein Politiker oder Beamter übernommen.

Deshalb hat die Verurteilung Serhij Kusnezows für sie eine so große Bedeutung. Von zwei Ereignissen – der Inbetriebnahme von „Nord Stream“ und seiner Sprengung – war eines mit Sicherheit ein Verbrechen, das andere entsprechend ein nützliches Ereignis. Wir verstehen, dass das Verbrechen gegen die Ukraine, gegen Deutschland und gegen Europa das erste war. Sollte jedoch ein deutsches Gericht urteilen, dass im Gegenteil das zweite ein Verbrechen gewesen sei, würde dies in gewisser Weise jene Amtsträger schützen, die beim Bau von „Nord Stream“ geholfen haben. Gleichzeitig gäbe es Putin und seinen europäischen Freunden einen Vorwand, die Rechnung für die Zerstörung der Pipeline in die endgültige Bilanz einzubeziehen – auch im Zusammenhang mit eingefrorenen russischen Vermögenswerten. Russland und seine Freunde sind an einer Verurteilung Kusnezows und – über ihn – der Ukraine interessiert. Wir hingegen sind an seiner wirksamen Verteidigung und seiner schnellstmöglichen Freilassung aus dem Gebäude am Platz des Komponisten Tschaikowski interessiert.

Derzeit haben der ukrainische Ombudsmann und die Konsulate unsere Hinweise zur Situation Serhijs aufgegriffen. Wahrscheinlich wird dies ein langwieriger Fall sein, und ich werde in nächster Zeit noch über unsere Arbeit schreiben. Für eine effektivere Zusammenarbeit mit unseren staatlichen Stellen wäre öffentliche Aufmerksamkeit für diese Situation sehr hilfreich. Schließen Sie sich an, wer will und kann.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Ilya Novikov
Veröffentlichung / Entstehung: 25.01.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Held von Davos. Vitaly Portnikov. 25.01.2026.

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Donald Trump wurde nicht zur Hauptfigur des Forums in Davos, obwohl er offensichtlich genau auf diese Rolle gesetzt hatte, als er sich bereit erklärte, an der prestigeträchtigen internationalen Konferenz in den Alpen teilzunehmen. Schon allein deshalb nicht, weil alle Thesen, mit denen sich der amerikanische Präsident an die Europäer wandte, noch bevor er das Podium des Forums betrat, vollkommen vorhersehbar gewesen waren.

Zum Haupthelden des Forums in Davos wurde jedoch für viele überraschend der kanadische Premierminister Mark Carney. Natürlich versuchten auch andere, mit ihm zu konkurrieren – der Präsident Frankreichs, der Bundeskanzler Deutschlands, sogar der Präsident der Ukraine. Doch auch in den Reden der europäischen Staats- und Regierungschefs lag eine bekannte Vorhersehbarkeit: Es war klar, dass Macron Trump scharf entgegnen würde, Merz über die Verantwortung Europas sprechen würde und Zelensky, der am letzten Tag des Forums vor allem zu einem Treffen mit seinem amerikanischen Amtskollegen erschienen war, den Europäern ihre Schwäche vorwerfen und Unterstützung für die Ukraine einfordern würde.

Doch nur Carney erwies sich als jemand, der nicht einfach eine politische Rede hielt, sondern eine echte konzeptionelle Vision der Zukunft präsentierte – genau dadurch unterscheiden sich übrigens Reden von Staatsmännern von Reden gewöhnlicher Politiker. Carneys Rede kontrastierte so stark mit der Rede Trumps, dass dies sogar dem amerikanischen Präsidenten selbst auffiel, der in seiner ihm eigenen Art die Einladung des kanadischen Premierministers in den neu geschaffenen „Friedensrat“ zurückzog.

Es mag seltsam erscheinen, dass gerade ein nicht-europäischer Politiker mit einem Konzept zur Antwort auf die Rückkehr des Imperialismus in seiner schlimmsten Form auftrat. Doch auch das wäre eine Vereinfachung. Erstens war Carney nicht nur Gouverneur der Zentralbank Kanadas, sondern auch der Zentralbank Großbritanniens. Zweitens ist „Europa“ nicht nur Geografie, sondern auch ein System von Werten. Und aus dieser Perspektive sind Kanada, Grönland, Australien oder Neuseeland – geografisch weit von Europa entfernt – gerade europäische Länder. Russland hingegen, das einen großen Teil des Kontinents einnimmt, hatte zu Europa stets nur ein indirektes Verhältnis.

Es mag ebenso überraschend wirken, dass ein professioneller Banker mit einer staatsmännischen Konzeption auftrat. Doch gerade erfolgreichen Bankern ist systemisches Denken eigen, das ihnen hilft, sich im richtigen Moment über laufende Prozesse zu erheben. Natürlich gibt es auch bei uns eine solche Erfahrung. 2004 wurde unser Präsident ebenfalls ein ehemaliger Chef der Nationalbank. Und ja, man kann über die zahlreichen politischen Fehler sprechen, die Viktor Juschtschenko beging und die letztlich zum vorzeitigen Ende seiner Karriere führten. Doch niemand wird dem dritten Präsidenten der Ukraine heute das staatsmännische Denken absprechen – die Fähigkeit, Prozesse zu beurteilen, die erst unter seinen Nachfolgern „wirksam wurden“, von denen sich einige als unfähig erwiesen, Risiken selbst einen Tag vor Beginn der Katastrophe zu erkennen.

Und ja, auch unsere historische Erfahrung zeigt, wie gefährlich es ist, allein einem großen Raubtier gegenüberzustehen. Dann wird man zu einer bequemen Beute, die, wenn sie nicht zerstört wird, zumindest ausgeraubt und gedemütigt wird. 2014 griff Putin die Ukraine an, die eine direkte Grenze zu mehreren Mitgliedern der Europäischen Union und der NATO hat. Und sofort wurde betont, dass der Westen unter keinen Umständen einen direkten Konflikt mit Putin eingehen werde.

Im Jahr 2026 jedoch lösten selbst Trumps Aussagen über die Möglichkeit einer Annexion des weit von Europa entfernten Grönlands einhellige Verurteilung durch praktisch alle Staaten des Kontinents aus. Und das deshalb, weil Grönland ein autonomer Teil des dänischen Staates ist. Stellen wir uns nun vor, Grönland wäre unabhängig und hätte sich keinem Bündnis angeschlossen. Was, glauben Sie, wäre dann sein Schicksal?

Gerade deshalb liegt im Aufruf des kanadischen Premierministers zur Bündelung der Kräfte eine historische Chance für die Ukraine. Imperialistischen Begehrlichkeiten können nur große zwischenstaatliche Zusammenschlüsse wirksam entgegentreten – möglicherweise sogar neue, nicht jene, die heute funktionieren. Und übrigens: Schon die bloße Existenz solcher Zusammenschlüsse und ihre Bereitschaft, auf Herausforderungen zu reagieren, werden früher oder später zu einer Entwertung imperialistischer Gelüste führen und jene Politiker begraben, die Träger aggressiver Ideologien sind.

Das ist zugleich die Antwort an jene in der Ukraine, die gerne von der „Schwäche Europas“ sprechen, fragen, ob die Ukraine ein Bündnis mit den Europäern wirklich brauche, und Ähnliches. Meiner Ansicht nach hat Mark Carney mit seiner Rede in Davos für uns eine klare und unmissverständliche Perspektive aufgezeigt: Wenn wir früher oder später nicht in Europa sind, dann werden wir früher oder später in Russland sein.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Герой Давосу. Виталий Портников. 25.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 25.01.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Trump will Weltpräsident werden | Vitaly Portnikov. 24.01.2026.

Der außenpolitische Dienst der Europäischen Union hat in einem vertraulichen Bericht für die Mitgliedstaaten dieses internationalen Zusammenschlusses erklärt, dass man in der EU über die übermäßige Konzentration von Befugnissen im Friedensrat besorgt sei, der kürzlich von Präsident Donald Trump während des Internationalen Wirtschaftsforums in Davos ins Leben gerufen wurde.

Trump hat bekanntlich die Satzung des Friedensrates unterzeichnet und lädt weiterhin Staats- und Regierungschefs zahlreicher Länder in dieses Gremium ein – ebenso wie er Einladungen wieder zurückzieht, wie es bereits im Fall des kanadischen Premierministers Mark Carney geschehen ist.

Dabei sollte man jedoch daran erinnern, dass der Friedensrat auf Grundlage eines entsprechenden Beschlusses des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen geschaffen wurde, um zur Stabilisierung der Lage im Gazastreifen beizutragen. Die Schaffung eines solchen Rates ist Teil der Vereinbarungen über eine Waffenruhe im Nahen Osten und über die schrittweise Wiederherstellung einer stabilen Situation in der Region.

Nun aber wird über den Friedensrat als über eine Organisation gesprochen, die Verbesserungen in einer ganzen Reihe internationaler Konflikte erreichen und generell – wie es heißt – für die Herstellung des Friedens auf der ganzen Welt arbeiten soll. Eine solche Möglichkeit hat der entsprechende Beschluss des UN-Sicherheitsrates diesem Rat jedoch keineswegs eingeräumt. Es ging ausschließlich um den Gazastreifen.

So entsteht der Eindruck, dass Donald Trump die Befugnisse des Rates faktisch eigenmächtig ausweitet. Zudem entscheidet gerade Trump darüber, wer der Führung des Friedensrates angehören soll. Wie bekannt ist, hat er ein Exekutivkomitee gebildet, in dem seine engsten Vertrauten und sogar Familienangehörige vertreten sein werden, wie Steve Witkoff oder Jared Kushner, während alle übrigen Staats- und Regierungschefs der Welt diesem Rat als ständige oder nichtständige Mitglieder angehören sollen.

Wie ebenfalls bekannt ist, verlangt Trump für eine ständige Mitgliedschaft eine Milliarde US-Dollar – was ebenfalls weit über das Mandat hinausgeht, das der Friedensrat vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen erhalten hat. Und vor allem ist unklar, welche konkreten Befugnisse der Friedensrat überhaupt haben soll.

Donald Trump sagt, dass die Mitglieder des Rates, sobald dieser endgültig gebildet sei – bislang gehören ihm ja noch nicht die führenden und einflussreichsten Staaten der Welt an –, alles tun könnten, was sie wollten. Den Europäern bereitet jedoch nicht nur diese Aussage Sorgen, sondern auch die Befürchtung, dass Trump sich gerade hinter den Möglichkeiten des Friedensrates verstecken und in dessen Namen Handlungen vornehmen könnte, die weder auf Ebene des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen abgestimmt werden können noch etwa mit den NATO-Verbündeten vereinbar wären.

Dann würde sich herausstellen, dass Trump über einen Club ganz anderer Staats- und Regierungschefs verfügt, die nicht durch entsprechende Bündnisverpflichtungen mit den Vereinigten Staaten verbunden sind, aber bereit wären, jedem neuen Vorschlag des amerikanischen Präsidenten zuzustimmen. Denn wozu bräuchte Trump im Friedensrat, der sich dem Wesen nach mit der Regelung der Lage im Gazastreifen befassen sollte, den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko?

Und dabei ist dies bei Weitem nicht die einzige Figur, die Fragen aufwirft. Auch die Einladung an Wladimir Putin, der bislang noch nicht zugestimmt hat, aber zynisch versprach, Trump eine Milliarde Dollar aus den in den Vereinigten Staaten beschlagnahmten – genauer gesagt eingefrorenen – russischen Vermögenswerten zur Verfügung zu stellen, ist ein weiteres Zeichen für die große Besorgnis jener Länder, die nicht in einer neuen Struktur gemeinsam mit dem russischen und dem belarussischen Präsidenten sitzen möchten.

Es könnte jedoch noch einen anderen Grund geben, warum Trump den Friedensrat überhaupt benötigt. Dieser liegt möglicherweise weniger in den außenpolitischen Ambitionen des amerikanischen Präsidenten – denn auch als Staatsoberhaupt kann er Maßnahmen ergreifen, die keinerlei Abstimmung mit Belarus oder Russland erfordern – sondern vielmehr im innenpolitischen Bereich. Denn Trump schafft im Grunde eine neue Struktur, der er, wenn er es möchte, lebenslang vorsitzen kann. Vorerst sagt er zwar, dass er sich einer solchen Notwendigkeit nicht sicher sei.

Damit würden wir jedoch einen bereits bekannten Weg einschlagen, der in einer ganzen Reihe von Staaten erprobt wurde und kaum als demokratisch bezeichnet werden kann. Das Staatsoberhaupt bestimmt einen Nachfolger, der das Präsidentenamt übernimmt, während es selbst eine neue oder andere Position einnimmt, die es ihm ermöglicht, reale Machtbefugnisse auszuüben. 

So handelte Wladimir Putin, als er nach zwei Amtszeiten als Präsident der Russischen Föderation Dmitri Medwedew auf den Präsidentensessel setzte, selbst jedoch faktisch der uneingeschränkte Herrscher des Landes blieb. So handelte auch Nursultan Nasarbajew, als er Kassymschomart Tokajew als Präsidenten Kasachstans vorschlug, selbst jedoch als oberster Führer und Vater der Nation sowie als Sekretär des Sicherheitsrates Kasachstans im Amt blieb und auch in dieser Funktion versuchte, alle wichtigen Machtinstrumente zu behalten. Eine solche Idee könnte auch Trump kommen – oder jemand könnte sie ihm nahelegen.

Natürlich lässt sich die amerikanische Verfassung nicht auf eine einzelne Person zuschneiden, selbst wenn diese Person gerne ein drittes oder sogar viertes Mal Präsident bleiben würde, worüber Trump kürzlich in sozialen Netzwerken geschrieben hat. Doch andererseits: Wenn man sich vorstellt, dass ein von Trump unterstützter Kandidat der Republikanischen Partei neuer Präsident der Vereinigten Staaten wird, während Trump selbst lebenslanger Vorsitzender des Friedensrates bleibt und damit das Zentrum realer Macht nach Mar-a-Lago verlagert, während der neue Präsident der Vereinigten Staaten von ihm in den Friedensrat eingeladen wird und dort als eine Art weiterer „Bezirksparteisekretär“ verbleibt, gemeinsam mit anderen eingeladenen Staats- und Regierungschefs abstimmt – mit dem einzigen Privileg, dass die Vereinigten Staaten für ihre ständige Präsenz in dieser Struktur keine Milliarde Dollar zahlen müssten.

Damit hätten wir ein Zentrum paralleler Macht. Zumal Donald Trump in der Lage sein könnte, die vollständige Kontrolle über die Republikanische Partei zu behalten, die weiterhin auf seine Popularität und sein Charisma setzen würde.

Natürlich wirkt all dies zum jetzigen Zeitpunkt eher wie politische Fantasie. Doch vieles von dem, was Donald Trump bereits gesagt hat, und vieles von dem, was er bereits getan hat oder noch im Januar 2025 zu tun beabsichtigte, wirkte ebenfalls wie reine politische Fantasie – und ist dennoch Realität geworden.

Deshalb würde ich das Bestreben des Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht außer Acht lassen, jede neue Struktur unter seiner Führung als Instrument zur Stärkung und Verlängerung seines eigenen Einflusses und seiner eigenen Machtbefugnisse zu nutzen. Zumal wir wissen, wie ähnliche Modelle von anderen Herrschern bereits genutzt wurden, um ihre politische Karriere – sagen wir – auf außer­konstitutionellem, aber für ihre Mitbürger sehr realem und greifbarem Wege fortzusetzen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Трамп хочет быть всемирным президентом | Виталий Портников. 24.01.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 24.01.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Hüte deine Wut, Freundin, von Jugend an. Marina Ponomarenko.

Hüte deine Wut, Freundin, von jung an.
Gieß sie manchmal wie genügsame Sukkulenten.
Wird die Welt zerspringt und zerfetzt sein,
Wird deine Wut dein Gerüst in diesen Momenten.

Deine Wut wird groß sein, rein und roh,
Sie wird dich schützen wie eine Rüstung.
Du wirst sie essen als wär's Brot,
Und sie in den steifen Fingern drücken.

Du knetest daraus den Drachen, der Feinde verbrennt.
Er verteidigt deine heimatlichen Straßen und Plätze.
Dein Preis dafür wird zwar immens,
Ohne Wut wär es noch immenser.

Darum ist deine Wut kostbarer als Gold,
Glaub an sie wie an eine Gottheit.
Drum hüte sie, von Jugend so hold,
Von Anfang bis in die letzte Zeit.

2022


Змолоду бережи свою лють, подруго
Поливай її іноді, як невибагливі сукуленти
Коли світ стане розбитим і подраним,
Твоя лють буде тобі скелетом

Твоя лють буде велична, чиста, істинна
Вона захистить тебе, наче панцир
Ти будеш її замість хліба їсти
І переминать задубілими пальцями

Зліпиш із неї дракона, що палитиме ворога
І боронитиме твої рідні вулиці й площі
Твоя лють тобі обійдеться дорого,
Та без неї вийшло б іще дорожче

І тому твоя лють цінніша за золото
Вір у неї, наче у бога, подруго
І тому бережи свою лють змолоду
Змолоду - і до останнього подиху.

2022


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Art der Quelle: Gedicht
Titel des Originals: Змолоду бережи свою лють, подруго
Autor: Marina Ponomarenko
Veröffentlichung / Entstehung: 2022
Originalsprache: uk
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Verhandlungen in Abu Dhabi: erste Ergebnisse | Vitaly Portnikov. 24.01.2026.

Die ersten trilateralen Verhandlungen zwischen der Ukraine, Russland und den Vereinigten Staaten sind nach zwei Tagen Diskussionen in Abu Dhabi zu Ende gegangen. Und hier ist natürlich die wichtigste Nachricht das Verhandlungsformat selbst, zu dem übrigens Donald Trump seit den ersten Tagen seiner Zeit im Oval Office tendierte: Die Amerikaner sind nicht nur Vermittler zwischen Moskau und Kyiv, sondern sitzen gemeinsam mit der russischen und der ukrainischen Delegation an einem Tisch und können zumindest unmittelbar beobachten, wie der tatsächliche Verhandlungsprozess abläuft.

Was die Ergebnisse dieser Gespräche betrifft, so gibt es allerdings bislang noch viele Unklarheiten. Bereits mit einer offiziellen Erklärung meldete sich der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, zu Wort. Er betonte, dass sich die Gespräche vor allem auf mögliche Parameter zur Beendigung des Krieges konzentriert hätten. „Es gibt ein Bewusstsein für die Notwendigkeit einer amerikanischen Überwachung und Kontrolle des Prozesses der Beendigung des Krieges sowie der Einhaltung realer Sicherheitsgarantien“, unterstrich Zelensky. Allerdings ist dabei von entscheidender Bedeutung, wer einer solchen amerikanischen Überwachung zustimmt – nur die Ukraine oder sowohl die Ukraine als auch Russland.

Die amerikanische Seite habe laut Zelensky Fragen möglicher Formate zur Festschreibung der Parameter des Kriegsendes sowie der dafür notwendigen sicherheitspolitischen Voraussetzungen angesprochen. Doch erneut wissen wir nichts über die russische Reaktion. Wir wissen lediglich – und auch darauf wies Zelensky hin –, dass die Seiten vereinbart haben, in ihren Hauptstädten über jeden einzelnen Aspekt der Verhandlungen Bericht zu erstatten und die weiteren Schritte mit ihren jeweiligen Staats- und Regierungschefs abzustimmen.

Auch die Vertreter der Streitkräfte haben eine Liste von Fragen für ein mögliches nächstes Treffen festgelegt. Sollte es eine Einigung darüber geben, weiterzumachen – und die Ukraine hat ihre Bereitschaft dazu bereits betont –, könnten weitere Treffen stattfinden, möglicherweise sogar schon in der kommenden Woche.

Nach der Rückkehr der Delegationen in ihre Hauptstädte ist zudem zu erwarten, dass deren Vertreter nach Konsultationen mit den Präsidenten ihrer Länder entsprechende Stellungnahmen abgeben werden. Von amerikanischer Seite gab es bislang keinerlei Kommentare, was allerdings auch durch den enormen Zeitdruck erklärt werden kann, unter dem sich die amerikanischen Unterhändler befinden. Denn nach den Gesprächen in Abu Dhabi reisten Steve Witkoff und Jared Kushner weiter nach Israel, um dort Gespräche mit dem Premierminister des Landes, Benjamin Netanjahu, zu führen.

Auch dies ist eine äußerst komplizierte Situation, in der die amerikanischen Unterhändler parallel zur Lösung der schwierigen Fragen des russisch-ukrainischen Krieges auch komplexe Probleme der Regulierung der Lage im Nahen Osten erörtern müssen. Zumal sich Israels Vorstellungen über die Parameter einer solchen Regelung in den vergangenen Wochen von jenen unterscheiden, die Donald Trump vertritt. Dies betrifft unter anderem die Struktur der sogenannten Friedensratsinitiative, die – aus anderen Gründen als im ukrainischen Fall – ebenfalls für den israelischen Premierminister und seine Regierung nicht akzeptabel ist.

Kehren wir jedoch zu den russisch-ukrainisch-amerikanischen Gesprächen zurück, so sehen wir bereits jetzt, dass es zahlreiche Gerüchte geben wird. Sowohl die ukrainische als auch die russische Delegation erklären im Grunde, dass die Verhandlungen nicht schlecht verlaufen seien und dass es gewisse Ergebnisse gebe. Doch welche Ergebnisse genau?

So tauchte bereits die Nachricht auf, dass der Präsident Russlands angeblich bereit sei, Reparationen an die Ukraine zu zahlen, insbesondere für den Wiederaufbau der ukrainischen Energieinfrastruktur auf Kosten der Russischen Föderation selbst.

Das wirkt jedoch äußerst merkwürdig vor dem Hintergrund der schrecklichen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur, die buchstäblich während der Verhandlungen weitergehen. Denn genau in jener Nacht, als sich die Delegationen auf die nächste Verhandlungsrunde in Abu Dhabi vorbereiteten, führte Russland erneut Angriffe auf Energieobjekte in der Ukraine durch.

Daraus ergibt sich eine durchaus logische Frage: Wenn Putin tatsächlich bereit ist, perspektivisch beim Wiederaufbau der ukrainischen Energieinfrastruktur zu helfen und dafür russisches Geld zu zahlen, warum erhöht er dann selbst die Rechnung für sich – und was verlangt er im Gegenzug von der ukrainischen Delegation für die Begleichung dieser Rechnung? Schließlich verstehen wir, dass es keinerlei reale Instrumente gibt, um den russischen Machthaber zu Reparationen zu zwingen, außer dem Druck des Westens. Und wir wissen nicht, wie wirksam dieser Druck derzeit ist, ebenso wenig wie wir wissen, ob Putin selbst tatsächlich bereit ist, zur wirtschaftlichen Erholung der Ukraine beizutragen.

Deshalb ist die wichtigste Frage bei diesen Verhandlungen natürlich der Preis des Friedens, die Ernsthaftigkeit möglicher Sicherheitsgarantien und inwieweit diese Sicherheitsgarantien von der Russischen Föderation selbst akzeptiert würden.

Noch gestern Abend berichteten Journalisten, dass die russisch-amerikanisch-ukrainischen Gespräche an der Territorialfrage festgefahren seien. Russland bestehe weiterhin darauf, dass die ukrainischen Truppen jenen Teil der Oblast Donezk verlassen müssten, der derzeit von den legitimen ukrainischen Institutionen kontrolliert wird und in dem sich ukrainische Streitkräfte befinden. Gleichzeitig solle der Konflikt in den Gebieten der Oblaste Cherson und Saporischschja „eingefroren“ werden – also ohne Verzicht Russlands auf seine territorialen Ansprüche auf jene Teile der Oblaste Saporischschja und Cherson, die künftig unter ukrainischer Kontrolle bleiben würden.

Derzeit ist davon jedoch, wenn wir über die russisch-ukrainisch-amerikanischen Gespräche sprechen, überhaupt keine Rede mehr. Die Seiten äußern sich nicht zur Territorialfrage – weder in Kyiv noch in Moskau.

Natürlich ist zu erwarten, dass in einigen Stunden neue Informationen auftauchen werden, insbesondere in Form von Kommentaren aus dem Kreml, etwa von offiziellen Vertretern der russischen Führung, und möglicherweise auch von Stellungnahmen der Delegationen Russlands und der Ukraine.

Von amerikanischer Seite erwarte ich hingegen keine konkreten Details, da wir bereits Erfahrungen mit früheren Kommentaren von Steve Witkoff haben, der in der Regel einfach von positiven Ergebnissen jeglicher Gespräche spricht, an denen er beteiligt ist. Sollten nun entsprechende positive Kommentare Witkoffs erscheinen – und ich denke, sie werden bald erscheinen –, werden sie weder den Einschätzungen ukrainischer noch russischer Quellen widersprechen.

Und wir verstehen sehr gut, dass die Russen Informationslecks deutlich sorgfältiger kontrollieren als die Amerikaner und die Ukrainer. Wenn russische offizielle Nachrichtenagenturen beschlossen haben zu berichten, dass die Verhandlungen nicht schlecht verlaufen seien und man nicht sagen könne, sie seien ergebnislos gewesen, dann bedeutet das, dass der Kreml zumindest an einer Fortsetzung dieses Verhandlungsprozesses interessiert ist.

Und nun stellt sich die wichtigste Frage: Ist der Kreml daran interessiert, in den kommenden Wochen – oder zumindest Monaten – ein reales Ergebnis zu erzielen? Oder geht es weiterhin um Putins Taktik der Verzögerung der Verhandlungen, um Trump nicht zu provozieren? Oder hat Putin begonnen zu begreifen, dass er ohne neuen Druck seitens des Westens und insbesondere der Vereinigten Staaten nur noch begrenzte Möglichkeiten hat, Zeit zu schinden? All das werden wir schon sehr bald sehen.


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Titel des Originals: Перемовини в Абу-Дабі: перші підсумки | Віталій Портников. 24.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 24.01.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Scheinverhandlungen statt Frieden. Vitaly Portnikov. 24.01.2026.

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Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass bei echten Verhandlungen ein verbrecherischer Beschuss der Zivilbevölkerung ein Anlass wäre, diese Verhandlungen abzubrechen und weitere diplomatische Demarchen zu setzen.

Das Problem besteht jedoch darin, dass das, was wir heute beobachten, keine echten Verhandlungen sind, sondern der Versuch der Ukraine und ihrer europäischen Verbündeten, der Administration Trump nicht die Möglichkeit zu geben, Kyiv mangelnden Friedenswillen vorzuwerfen, sich aus dem Prozess zurückzuziehen und sogar die Hilfe für die Ukraine einzustellen.

In Wirklichkeit führen wir die Verhandlungen also mit den Amerikanern. Die Russen sind dort lediglich Staffage, und sie haben dieselbe Aufgabe wie wir: allein durch ihre Präsenz Trump von ihrer Friedfertigkeit zu überzeugen. Dass man in Washington es vorzieht, den Beschuss der Ukraine während der Verhandlungen nicht zu bemerken, liegt bereits im Gewissen der amerikanischen Teilnehmer.

Und zum Schluss: Wird es irgendwann echte Verhandlungen mit Russland geben? Objektive Voraussetzungen dafür sind in den kommenden Jahren praktisch nicht vorhanden – selbst im Fall einer erheblichen Schwächung des wirtschaftlichen und militärischen Potenzials des Gegners. Wahrscheinlicher ist, dass wir es mit einem allmählichen Abklingen des Krieges zu tun haben werden, und unsere Hauptanstrengungen müssen auf Maßnahmen gerichtet sein, die auf die Erschöpfung der russischen Ressourcen abzielen.

Die Teilnahme an einem simulierten Verhandlungsprozess, um einen Verzicht der USA auf Druck gegenüber Moskau zu verhindern, ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Maßnahmen.


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Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 24.01.2026.
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Deutsche Übersetzung von [Dein Name oder „Viktoriya Limbach“], veröffentlicht auf uebersetzungenzuukraine.data.blog.


Witkoff – Putin: das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 23.01.2026.

Nach den wie immer stundenlangen Gesprächen mit dem russischen Präsidenten Putin gaben die amerikanischen Vertreter Steve Witkoff und Jared Kushner keinerlei Erklärungen ab und flogen weiter zu den Verhandlungen der Arbeitsgruppen der russischen, ukrainischen und amerikanischen Seite in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Konkreter äußerte sich hingegen der außenpolitische Berater des Präsidenten der Russischen Föderation, Juri Uschakow – ein Politiker, der für seine Beteiligung an der Ausarbeitung des sogenannten Friedensplans bekannt ist, den Moskau vor allem benötigt, um neue antirussische Sanktionen zu verhindern und die Kontrolle über seine derzeit im Westen eingefrorenen Vermögenswerte zu behalten. Er betonte, dass es ohne eine Lösung der Territorialfragen keinerlei reale Fortschritte im sogenannten Friedensprozess geben werde.

Damit lässt sich feststellen, dass auch Monate nach Beginn einer neuen Etappe der Suche von Präsident Donald Trump nach Wegen aus dem russisch-ukrainischen Krieg – und ungeachtet der Aussagen des amerikanischen Präsidenten, Putin wolle Frieden – der Kreml an seiner Position festhält und vor allem den Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Gebiet der Oblast Donezk fordert, das derzeit von der legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert wird.

Natürlich kann dies nicht nur eine Verzögerungstaktik bedeuten, sondern auch den Versuch Moskaus, Wege zur Destabilisierung der Ukraine zu finden, um die Führung unseres Landes unter dem Druck nicht nur Putins, sondern auch Trumps zu erniedrigenden territorialen Zugeständnissen zu zwingen. Moskau hofft offenbar, dass ein solcher Schritt zumindest in Teilen der ukrainischen Gesellschaft eine scharfe Reaktion auslösen, zum Zerfall der Streitkräfte der Ukraine führen und es Russland ermöglichen würde, einen größeren Teil des ukrainischen Territoriums ohne besondere Anstrengungen zu erobern.

Das heißt, Putin hofft weiterhin auf einen Revanchismus nach dem Scheitern seines Blitzkriegs von 2022. Und da seine Armee ihm das Gewünschte nicht liefern kann, sucht er nach politischen Schritten, um einen solchen Revanchismus umzusetzen.

Gleichzeitig muss betont werden, dass sich in der Position Moskaus gewisse instrumentelle Veränderungen abzeichnen, die vor allem damit zusammenhängen, dass Putin versteht, dass er dem amerikanischen Präsidenten Trump etwas als Beweis seiner angeblichen Friedfertigkeit anbieten muss. Dazu gehören auch die Gespräche, die derzeit in Abu Dhabi stattfinden.

Wir wissen bislang nicht genau, wie realistisch bei diesen Verhandlungen ein direkter Kontakt zwischen der russischen und der ukrainischen Delegation sein kann. Auch wenn man ehrlich sagen muss, dass dies praktisch nichts entscheidet. Denn in der bisherigen Situation des russisch-ukrainischen Krieges haben Ukrainer und Russen bereits mehrfach direkt miteinander gesprochen – sowohl 2022 als auch 2025. Das führte lediglich zu Zeitverzögerungen seitens der russischen Delegation und zur Präsentation politischer Ultimaten im Namen Präsident Putins.

Jetzt könnte sich die Situation ändern, weil der Kreml zum Leiter der russischen Delegation bei diesen Arbeitsgruppengesprächen Admiral Igor Kostjukow ernannt hat, den Chef der Hauptverwaltung des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation. Wenn man sich die Geschichte der sowjetischen und russischen Nachrichtendienste vor Augen führt, handelt es sich dabei um das GRU – die militärische Aufklärung –, die eine der wichtigsten Rollen in der Machtvertikale spielt, wenn es um die Streitkräfte der Russischen Föderation geht. Denn Putin versucht als professioneller Tschekist im Umgang mit Generälen gerade auf solche Nachrichtendienstler zu setzen, aus deren Reihen auch er selbst stammt. Aus dieser Sicht ist die Autorität des Admirals – des ersten Vertreters der Marine an der Spitze des Militärgeheimdienstes – für den Kreml unbestreitbar.

Dass Putin ausgerechnet den Chef der Hauptverwaltung des Generalstabs der Streitkräfte Russlands zu den Verhandlungen entsendet, kann mit mehreren Umständen zusammenhängen. Erstens wollte Putin offenbar, dass dem Leiter des Büros des Präsidenten der Ukraine, General Budanov, der vor seiner Ernennung die ukrainische Militäraufklärung leitete, ein Gegner gegenübersteht, der die Schritte des neuen Leiters der Administration von Volodymyr Zelensky verstehen kann. Medinski hingegen würde Budanov hier offensichtlich unterlegen sein. Deshalb entsendet man den Chef der militärischen Aufklärung.

Zweitens möchte Putin Trump damit ein erhöhtes Interesse an der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges demonstrieren. An der Spitze der Delegation, die mit Amerikanern und Ukrainern sprechen wird, steht nun nicht mehr irgendein Medinski, der in diesem Leben praktisch nichts entscheidet und eher eine Putin-Marionette ist, die lediglich zuvor in der Präsidialadministration formulierte Ultimaten verliest. Stattdessen handelt es sich um eine Person, die zumindest in der Lage ist, ein eigenes Spiel zu entwickeln und sich anschließend mit dem Präsidenten der Russischen Föderation abzustimmen – jemand aus dem Kreis derjenigen, denen man im Kreml als „Eigenen“ vertraut und nicht als bloßem Servicepersonal, zu dem all diese Berater und Assistenten des russischen Präsidenten zweifellos zählen.

Ein dritter Punkt könnte – wenn auch eher als Hoffnung – damit zusammenhängen, dass Russland tatsächlich ernsthaft Sicherheitsfragen erörtern wollte und dass Putin die ukrainischen Angriffe auf seine Raffinerien und die damit verbundenen Verluste wirklich beunruhigen. In diesem Fall könnte Russland einen gewissen Schritt in Richtung eines sogenannten Energie-Waffenstillstands unternehmen. Und nicht etwa, weil Putin plötzlich Mitgefühl für das Leid der Ukrainer entwickelt hätte, die er in diesem kalten Winter einzufrieren versucht. Sondern weil Militärs Putin berichten könnten, dass mit Blick auf die ukrainische Energieinfrastruktur bereits das meiste dessen getan wurde, was möglich war, und dass weitere Verluste nun vor allem den Öl- und Raffineriekomplex Russlands treffen würden – also genau jenen Bereich, den Putin benötigt, um den Krieg in den kommenden Jahren fortzusetzen und die Situation bis 2029 hinauszuzögern, wenn die Vereinigten Staaten einen neuen, berechenbareren Präsidenten haben werden, mit dem man über die vollständige Kontrolle Russlands über den postsowjetischen Raum verhandeln könnte.

Dass Putin trotz dieser vier Jahre Krieg weiterhin auf ein solches Szenario hofft, ist wohl die eigentliche, zentrale Veränderung im Verhandlungsprozess. Doch wir werden sehen, was in diesen zwei Tagen in Abu Dhabi tatsächlich geschieht, um zu verstehen, wie erfolgreich es Putin nun gelingt, Zeit zu schinden, um den Krieg unter dem wachsamen, aber – wie ich sagen würde – nicht besonders realistischen Blick Donald Trumps fortzusetzen.


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Titel des Originals: Віткофф – Путін: головне | Віталій Портников. 23.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 23.01.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Die zerbrochene Welt. Kolumne von Vitaly Portnikov. 23.01.2026.


Silhouette von Donald Trump während seiner Rede in Davos. Foto: Evan Vucci/AP.

https://slawa.tv/91203607/zlamanij-svit-kolonka-vitaliya-portnikova?fbclid=IwZnRzaAPgzsJleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEetVJbHbLIR_CXBa7OculclnFQ7_AZmLnPRvV7Z04mvqf-XKKa5rUTSB7iG0o_aem_jtZvWQOjZulkK_otHz46HA

Schon allein die Teilnahme des amerikanischen Präsidenten Donald Trump am Wirtschaftsforum in Davos veranlasste Beobachter dazu, das Treffen in den Schweizer Bergen als sensationell zu bezeichnen und die Rede des US-Präsidenten als eine neue Botschaft aus Washington zu erwarten.

In Wirklichkeit habe ich persönlich jedoch keinerlei Sensation gesehen – aus einem ganz einfachen Grund: Die Thesen, die Trump über Europa vortrug – und beachten Sie, dass sich der Hauptpathos seiner Rede gerade gegen Europa richtete und nicht etwa gegen Russland oder China –, haben wir bereits ein Jahr zuvor auf der Münchner Sicherheitskonferenz vom amerikanischen Vizepräsidenten J. D. Vance gehört.

Trump wiederholte lediglich in konzentrierterer Form, in seiner typischen spöttischen Manier und rund um die Grönlandkrise all jene Vorwürfe und Beleidigungen, die nicht nur Teil seiner persönlichen Weltsicht sind, sondern auch Teil jener Ideologie, deren Ausnutzung ihm bereits zweimal zum Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten verholfen hat. Und natürlich kann man diese Ideologie als Trumpismus bezeichnen – nur wurden ihre Thesen zum ersten Mal nicht von einem amerikanischen, sondern von einem russischen Politiker von der Tribüne der Münchner Konferenz bereits im fernen Jahr 2007 vorgetragen.

Dieser Politiker – und der Patriarch dieser neuen Ausprägung einer uns aus dem vergangenen Jahrhundert nur allzu gut bekannten Ideologie – war selbstverständlich Putin, der Hüter der sogenannten traditionellen Werte und ein eifriger Kritiker Europas.

Das sollte niemanden überraschen. Ein geeintes Europa irritiert den russischen Präsidenten, weil dieses Projekt ihn daran hindert, zum „Gendarmen Eurasiens“ zu werden. Es hindert ihn daran, ehemalige Sowjetrepubliken zu annektieren. Es hindert ihn daran, sich als Herr des Kontinents zu fühlen. Es reizt ihn auch deshalb, weil Europa nach dem Zweiten Weltkrieg in die Moskauer Einflusssphäre „eingedrungen“ ist, sich nicht scheute, die einst vom Kreml besetzten baltischen Staaten aufzunehmen und nun auch noch der Ukraine, Moldau und Georgien den Kandidatenstatus verliehen hat – also auf das angeblich „angestammte“ Territorium von Zaren und Generalsekretären „übergegriffen“ hat.

Gäbe es die Europäische Union nicht, wäre es für Putin sehr viel leichter, mit einzelnen europäischen Staaten „Verständigung zu finden“ und dort autoritäre Regime zu fördern. Und selbstverständlich stünde der russische Soldat längst in all seinen ehemaligen Besitzungen – selbst wenn das den Vereinigten Staaten nicht gefallen hätte.

Doch auch Trump braucht die EU aus ähnlichen Gründen nicht: Mit jedem einzelnen europäischen Staat ließe sich ein eigener wirtschaftlicher Dialog führen, man könnte erpressen und einschüchtern. Und am Ende ließe sich Europa schlicht und einfach aufteilen wie nach dem Zweiten Weltkrieg: Dir der Osten, mir der Westen, und irgendetwas an der Peripherie – Xi Jinping.

Wenn Trump also sagt, er liebe Europa, sollte man sich sofort daran erinnern, wie er während seiner ersten Amtszeit den Brexit aktiv unterstützte, lokale Populisten förderte und den Briten besondere Beziehungen versprach, falls sie die EU verlassen würden – und wie er nun beinahe neue Zölle gegen diesen „besonderen Verbündeten“ eingeführt hätte, nur weil London ihn in der Grönlandkrise nicht unterstützte. Gestern noch war Großbritannien stolz darauf, eigene – und nicht europäische – Abkommen mit Washington schließen zu können. Morgen könnte es zum Opfer der Weigerung werden, solche Abkommen einzugehen. Also ja, Trump liebt Europa – aber nur ein zersplittertes und machtloses.

Und ja, in der Welt dreht sich derzeit tatsächlich alles um Europa, das sich in ein Zentrum von Demokratie, Liberalismus und Zukunftshoffnung verwandelt hat. Antieuropäische Reden werden – man beachte das – ebenfalls von europäischen Tribünen gehalten. Und genau in Europa tobt der größte Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg – und vom Ausgang dieses Krieges wird abhängen, ob die Welt endgültig „zerbricht“ oder ob es gelingt, sie zu reparieren, selbst gegen den Willen von Trump, Putin und Xi. Und man muss verstehen: Wenn Europa verliert und die Demokratie verfällt, werden die Sieger unweigerlich untereinander in Streit geraten und einen Dritten Weltkrieg unvermeidlich machen. Nur könnten sie dann ebenfalls auf unserem Kontinent Krieg führen.

Viel wird jedoch davon abhängen, ob es den Europäern gelingt, sich nicht nur zu vereinen – wie es übrigens ein nicht-europäischer Staatschef, der kanadische Premierminister Mark Carney, von der Tribüne des Forums aus forderte –, sondern auch die Herausforderung anzunehmen, zu der sie der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, aufgerufen hat. Und ebenso wichtig ist es, den triumphalen Vormarsch der Populisten – sowohl der ultrarechten als auch der ultralinken – über den Kontinent zu verhindern. Zumal einige dieser Totengräber Europas von Putins Unterstützung und Geld leben, andere von Trumps Unterstützung und Energie. Und es gibt auch jene, die es schaffen, sich gleichzeitig Gönner in Moskau und in Washington zu sichern.

Viktor Orbán, der heute gemeinsam mit Trump im sogenannten Friedensrat sitzt, aber auch nichts dagegen hätte, an Putins Seite zu stehen, ist dafür ein lehrbuchhaftes Beispiel. Doch die größte Gefahr ist keineswegs Orbán selbst, sondern die „Orbanisierung“ Europas – und genau das wäre das Finale aller Bemühungen um seine Einigung, Eigenständigkeit und Fähigkeit, Bedrohungen zu widerstehen.

Das Forum in Davos zwang alle, die Karten offenzulegen, und zeigte, dass die europäischen Führungskräfte die Realität erkennen. Doch eine Sache ist es, diese Realität zu erkennen – eine ganz andere, zu handeln. Die Antwort auf die Herausforderung von Davos 2026 müssten eben genau solche Taten sein.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Зламаний світ. Колонка Віталія Портникова. 23.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 23.01.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Verhandlungen in Abu Dhabi: Was kommt als Nächstes | Vitaly Portnikov. 22.01.2026.

Zu den Themen, die bei den dreiseitigen Verhandlungen in Abu Dhabi, die morgen und übermorgen stattfinden sollen, erörtert werden könnten, gehört auch die Frage eines energetischen Waffenstillstands. Das heißt: Russland stellt Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur ein, während die Ukraine im Gegenzug Angriffe auf russische Tanker der sogenannten Schattenflotte sowie auf die Ölverarbeitungsinfrastruktur der Russischen Föderation unterlässt.

Doch derzeit ist niemand sicher, dass solche Verhandlungen tatsächlich stattfinden und erfolgreich sein werden. Viel hängt davon ab, mit welchen Botschaften die Sondergesandten des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Steve Witkoff und Jared Kushner, aus der russischen Hauptstadt zurückkehren werden. Ihr Treffen mit dem russischen Präsidenten hat bislang noch nicht begonnen. Beobachter erinnern jedoch daran, dass Putin Witkoff und Kushner ein Format dreiseitiger Verhandlungen vorschlagen könnte, das keine gemeinsame Arbeit aller Delegationen vorsieht. Das heißt, die Amerikaner würden sowohl mit den Russen als auch mit den Ukrainern sprechen und als Vermittler zwischen den Delegationen fungieren, die in Abu Dhabi zusammenkommen.

Welche konkreten Fragen bei diesen Verhandlungen behandelt werden sollen, ist ebenfalls noch unklar. Der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, der das Treffen in Abu Dhabi angekündigt hat, ebenso wie Vertreter des Weißen Hauses, betonte, dass die schwierigste Frage die territoriale sei. Russland besteht weiterhin darauf, dass sich die ukrainischen Truppen aus dem gesamten Gebiet der Oblast Donezk zurückziehen. Das würde bedeuten, auch aus jenen Bezirken, die derzeit vom legitimen ukrainischen Staat kontrolliert werden. Die Vereinigten Staaten schlagen als Kompromiss die Ausrufung einer Freihandelszone auf dem von der Ukraine kontrollierten Teil dieses Gebiets vor.

Dabei sollte man daran erinnern, dass das von der Russischen Föderation besetzte Gebiet der Oblast Donezk nicht von russischen Truppen geräumt werden soll. Dort wird es keine Freihandelszone geben. Und natürlich ist erstens unklar, inwieweit Putin damit einverstanden wäre, dass auf dem Gebiet der Donezk-Region, aus dem die ukrainischen Truppen kampflos abgezogen würden, keine russischen Streitkräfte stationiert wären. Zweitens stellt sich die Frage, ob er nicht versuchen würde, selbst im Falle der Abwesenheit regulärer russischer Truppen dort Einheiten der russischen Nationalgarde zu stationieren – wie sein außenpolitischer Berater Juri Uschakow bereits angedeutet hat. Und drittens ist unklar, inwieweit all dies für Putin überhaupt eine reale Forderung darstellt, die den russisch-ukrainischen Krieg beenden könnte.

Meiner Ansicht nach ist allein die Idee eines kampflosen Abzugs der ukrainischen Truppen aus dem Gebiet der Donezk-Region für Putin ein Versuch, die Lage in unserem Land zu destabilisieren, um anschließend die an die Donezk-Region angrenzenden ukrainischen Gebiete zu erobern. Und ich bin mir nahezu sicher, dass selbst dann, wenn man sich vorstellen würde, die ukrainische Führung gäbe unter dem Druck sowohl des Kremls als auch des Weißen Hauses irgendwelchen Ersatzlösungen nach, die einen Verzicht auf die reale Kontrolle über jene Teile der Donezk-Region beinhalteten, die Moskau nicht besetzen konnte, bei Putin sofort ein Dutzend neuer demütigender Bedingungen entstehen würde.

Hier stellt sich die Frage, ob Trump diesen Bedingungen zustimmen und sie der Ukraine aufzwingen würde, so wie er heute faktisch die Geschichte um die Donezk-Region aufzwingt, oder ob er im Gegenteil wütend auf Putin reagieren und den Druck auf den russischen Präsidenten verstärken würde. Bislang gelingt es Putin jedoch schlicht, Zeit zu gewinnen – unter dem Deckmantel eines Verhandlungsprozesses.

Wir wissen nicht, welche realen Ergebnisse Trump und Zelensky während ihres einstündigen Treffens erzielt haben. Doch offensichtlich wird die Aufgabe für den russischen Präsidenten dadurch erleichtert, dass er sich nicht einmal auf gemeinsame Vorschläge der Präsidenten der Ukraine und der Vereinigten Staaten einlassen muss, sondern Steve Witkoff einfach vorschlagen kann, die Gespräche über diese Vorschläge auf Arbeitsgruppen zu verlagern.

Allein das Format solcher Arbeitsgruppen, die lediglich zwei Tage tagen und nicht in einem kontinuierlichen Konsultationsprozess stehen, erlaubt es nicht zu sagen, dass der russische Präsident an echtem Frieden interessiert ist. Ganz zu schweigen davon, dass die Vorbereitungen für dieses Treffen zeitgleich mit Berichten über mögliche neue russische Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur erfolgen. Das bedeutet, dass für Putin nicht ein energetischer Waffenstillstand wichtig ist, sondern eine energetische Katastrophe in der Ukraine.

Das einzige reale Instrument, um seine Handlungen zu stoppen, ist eine deutlich intensivere Unterstützung der Ukraine – darüber hat Präsident Volodymyr Zelensky heute auf dem Internationalen Wirtschaftsforum gesprochen. Tatsächlich haben die Amerikaner die weitreichenden Raketen nahezu vergessen, obwohl Donald Trump noch vor wenigen Monaten über die Möglichkeit ihrer Lieferung an die Ukraine gesprochen hatte. Wären solche Waffen im ukrainischen Arsenal vorhanden, könnten sie zumindest jene Objekte zerstören, von denen aus die Vernichtung des ukrainischen Energiepotenzials erfolgt.

So jedoch wird der Krieg unter absolut ungleichen Bedingungen geführt: Es geht nicht um militärische Gefechte, sondern um Angriffe auf Infrastruktur. Die Russische Föderation kann zur Verwandlung der Ukraine in ein lebensgefährliches Gebiet das gesamte Spektrum ihrer Langstreckenraketen einsetzen – Iskander, Kinschal und alles, was ihr sonst zur Verfügung steht, einschließlich dessen, was vom militärisch-industriellen Komplex Russlands produziert oder von Verbündeten wie Iran oder Nordkorea geliefert wird.

Den Ukrainern stehen faktisch nur Drohnen zur Verfügung, die zwar Probleme für den russischen Ölverarbeitungskomplex verursachen können, dessen Betrieb jedoch nicht stoppen und auch die Reparatur beschädigter Kapazitäten nicht verhindern. Das ist eine völlig andere Situation als bei der ukrainischen Infrastruktur, die kurz nach jeder Reparatur erneut durch dieselben Raketen zerstört wird. All dies kann bei Putin nicht einmal den Wunsch hervorrufen, über ein Ende der Kampfhandlungen in absehbarer Zukunft nachzudenken.

Putin zieht also keineswegs grundlos Zeit in diesen Verhandlungen mit der Ukraine und den Vereinigten Staaten. Und wenn die Amerikaner bei solchen Gesprächen nicht entschlossener und härter auftreten, sondern weiterhin auf ein konstruktives Verhalten Putins hoffen, wird der russische Präsident natürlich darauf setzen, die Situation bis Januar 2029 hinauszuzögern – bis Donald Trump schließlich das Weiße Haus verlässt und seinem Nachfolger ein ungelöstes russisch-ukrainisches Konflikterbe hinterlässt. Einen Konflikt, den dieser Würdenträger im Wahlkampf – wir haben das inzwischen fast vergessen – versprach, binnen weniger Tage mit einem einzigen einfachen Telefonanruf bei Wladimir Putin zu lösen, mit dem Trump angeblich so hervorragende persönliche Beziehungen pflegt.


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Titel des Originals: Перемовини в Абу-Дабі: що буде | Віталій Портников. 22.01.2026.

Autor / Verfasser / Kanal: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 22.01.2026.
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