Ein anderer Donald Trump | Vitaly Portnikov. 19.10.2026.

Інший Дональд Трамп. Віталій Портников. 19.10.2026.

Schon während seiner ersten Amtszeit im Oval Office kritisierte Donald Trump Europa für den Kauf russischen Gases und betonte, dass dadurch eine gefährliche Abhängigkeit vom Kreml entstehen würde. Es gibt bekannte A ML ufnahmen, auf denen deutsche Minister zu sehen sind, die über diese Worte des amerikanischen Präsidenten lachen. Heute erscheint dieses Lachen als hervorragender Beleg für Kurzsichtigkeit und mangelndes strategisches Denken. Schließlich war Berlin davor gewarnt worden, dass die Fertigstellung der Nord-Stream-Pipelines keineswegs dazu führen könnte, Putin in große Geschäfte mit Europa einzubinden, sondern zu einem großen Krieg in Europa.

Doch derjenige, der damals auf die Gefahren der Energieabhängigkeit hinwies, verhandelt heute unter völlig veränderten Umständen mit Putin über die Lieferung russischen Dieselkraftstoffs auf die Weltmärkte. Mehr noch: Medienberichten zufolge soll die Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen nach Europa und die Nutzung des ukrainischen Gastransportsystems für diese Lieferungen zu einer wichtigen Bedingung für die Beendigung des Krieges werden.

Es entsteht der Eindruck, als würde diese Entscheidungen bereits ein anderer Donald Trump treffen – ein ganz anderer Mensch als jener, der den Europäern von den Gefahren einer Abhängigkeit von Russland erzählte. Aber warum hat sich die Haltung des amerikanischen Präsidenten gegenüber russischen Energieträgern so stark verändert? Vielleicht, weil er die Aussicht auf eine Bündelung der Kräfte und eine amerikanische Beteiligung am russischen Geschäft erkannt hat? Vielleicht erscheint eine solche Abhängigkeit gar nicht mehr als so große Abhängigkeit, wenn man nicht nur von russischen Energieträgern abhängig ist, sondern auch von amerikanischen Gewinnen aus deren Verkauf?

Doch welche Motive Donald Trump auch immer haben mag, sie dürften sich kaum auf die Beendigung des Krieges auswirken oder die Einnahmen Russlands beeinflussen.

Erstens, weil die Europäer offenbar der Ansicht Trumps zugestimmt haben – jenes Trumps, der sie davon überzeugte, sich aus der Energieabhängigkeit zu lösen, und nicht jenes Trumps, der ihnen nun anbieten könnte, diese Abhängigkeit wiederherzustellen. Der Verzicht auf russisches Gas – zumindest auf Pipelinegas – erfolgte in einem Tempo, mit dem selbst die Europäer nicht gerechnet hatten. Und selbst wenn man sich vorstellt, dass der Krieg endet und die Sanktionen gegen Russland gelockert werden: Wer sagt denn, dass Europa auf die Diversifizierung seiner Gaslieferungen verzichten wird? Schließlich hatte Trump recht: All diese Gaspipelines erwiesen sich als eine regelrechte Falle, mit deren Hilfe Putin Europa seine Bedingungen diktieren wollte – und möglicherweise noch immer diktieren will.

Zweitens: Russland hatte all das bereits. Es hatte eine Monopolstellung auf dem europäischen Markt, die durch jahrzehntelange Bemühungen sowjetischer und russischer Politiker und Energiefachleute aufgebaut worden war. Und es gab das ukrainische Gastransportsystem, das in der Lage war, größere Mengen russischen Gases zu transportieren, das in die europäischen Länder geliefert wurde.

Was tat Putin, als er gerade erst an die Macht gekommen war? Zunächst ersetzte er die Führung von Gazprom um den einflussreichen Mitbegründer des Konzerns Rem Wjachirew. Anschließend beauftragte er den neuen Gazprom-Chef Alexej Miller, der den Konzern inzwischen fast ebenso lange leitet, wie Putin Russland regiert, mit der Ausarbeitung eines Plans zum Bau sogenannter Umgehungspipelines – also eines Unterwassernetzes, das es ermöglichen sollte, auf die Dienste des ukrainischen Gastransportsystems zu verzichten. Und ungefähr zur selben Zeit begann die russische Propaganda, das mythische Bild eines Ukrainers zu erschaffen, der russisches Gas stiehlt und den man durch die Unterbrechung der Lieferungen erpressen kann. So begannen Putin und Miller, sich darauf vorzubereiten, auf die ukrainischen Dienstleistungen zu verzichten.

Mit anderen Worten: All das, was Trump Putin heute im Gegenzug für die Einstellung der Kampfhandlungen in der Ukraine und gemeinsame Energieprojekte anzubieten bereit ist, hatte Putin bereits. Und all das hat er für die Kontrolle über die Ukraine geopfert. Denn Putins politische Prioritäten unterscheiden sich erheblich von denen Trumps. Trump glaubt weiterhin an die Macht des Profits. Putin hingegen ist überzeugt, dass Profit mit Gewalt erwirtschaftet wird – genau das beweist er während seiner gesamten Herrschaft in Russland.

Deshalb wird aus den amerikanischen Vorschlägen an die Russen, Europäer und Ukrainer nichts werden. Putin will die Ukraine, und er ist überzeugt, dass er auf diese Weise auch ohne die Hilfe von Gazprom und Trump die Kontrolle über Europa erlangen wird – mit Gewalt. Die Ukrainer wiederum waren bereit, den Betrieb des Gastransportsystems sogar während des Krieges aufrechtzuerhalten, doch das hat uns nicht vor dem Krieg bewahrt.

Die Europäer haben einfach der Logik Donald Trumps vertraut, der sie vor fast zehn Jahren davon überzeugte, sich aus der Energieabhängigkeit von Russland zu lösen. Die Logik dieses „ersten“ Donald Trump gefiel uns allen besser.


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Autor/Kanal: Інший Дональд Трамп. Віталій Портников. 19.10.2026.
Veröffentlichung: 19.10.2026.
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Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Trump rettet Gazprom | Vitaly Portnikov. 18.10.2026.

Die Regierung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, versucht nach Angaben der New York Times, die Lieferungen russischen Erdgases nach Europa über das ukrainische Gastransportsystem wieder aufzunehmen.

Vertreter der amerikanischen Regierung behaupten bei den Verhandlungen mit Moskau, dass dies einen erheblichen wirtschaftlichen Anreiz für den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, darstellen würde. Eine solche Entscheidung würde ihn zu ernsthaften Verhandlungen über die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges bewegen.

Im Rahmen einer friedlichen Lösung sollen die Europäer wieder größere Mengen russischen Erdgases kaufen und die Ukraine die Kapazitäten ihres Gastransportsystems zur Verfügung stellen, über das erst seit Kurzem kein russisches Gas mehr an europäische Verbraucher geliefert wird.

Sollten diese Informationen offiziell bestätigt werden, würde dies eine revolutionäre Kehrtwende in der amerikanischen Energiepolitik bedeuten. Schon während seiner ersten Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten erklärte Donald Trump sowohl öffentlich als auch bei vertraulichen Treffen mit europäischen Staats- und Regierungschefs, dass die russischen Gaslieferungen nach Europa reduziert werden müssten und dass der Bau von Gaspipelines wie Nord Stream die Energieabhängigkeit Europas und insbesondere Deutschlands vom Kreml nur verstärke.

Bekannt ist ein öffentlicher Auftritt des Präsidenten der Vereinigten Staaten, bei dem er eine ganze Reihe durchaus logischer Argumente vorbrachte, die seiner Meinung nach Berlin dazu bewegen sollten, sich aus dieser Abhängigkeit zu lösen. Die Kamera zeigte in diesem Moment nicht nur Trump, sondern auch Vertreter der deutschen Regierung, die sich ganz offen über die Worte des amerikanischen Präsidenten lustig machten. Die Szene mit Trumps Rede ist für immer zu einem Sinnbild der politischen Kurzsichtigkeit der deutschen Führung unmittelbar vor der groß angelegten Invasion der Russischen Föderation in die Ukraine und dem faktischen Verzicht Europas auf russische Energieträger geworden.

Und plötzlich erklärt derselbe Mann den Europäern, dass sie mehr Gas aus Russland kaufen sollten und dass dies angeblich helfen werde, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden. Dabei begann Wladimir Putin diesen Krieg in seiner heutigen Form gerade erst, nachdem der Bau des letzten Strangs der Nord-Stream-Pipeline abgeschlossen worden war. Damit hätte Russland für die Lieferung seiner Rohstoffe an europäische Verbraucher auf die Dienste des ukrainischen Gastransportsystems verzichten können.

Natürlich stellt sich die Frage, warum Donald Trump, der sich viele Jahre lang gegen die Energieabhängigkeit Europas von Russland ausgesprochen hat, nun energisch auf eben dieser Abhängigkeit besteht und dabei die Beendigung des russischen Krieges gegen die Ukraine als Vorwand benutzt. 

Möglicherweise deshalb, weil in den früheren Varianten dieses energiepolitischen Spiels für die Vereinigten Staaten kein Platz vorgesehen war, während nun im Zuge der Verhandlungen zwischen dem Sonderbeauftragten des Präsidenten der Russischen Föderation, Kirill Dmitrijew, und den Vertretern des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Steve Witkoff und Jared Kushner, eine mögliche Beteiligung amerikanischer Investoren erörtert werden könnte.

Wir wissen bereits von zahlreichen solchen Vereinbarungen zwischen Moskau und Washington, bei denen es vor allem darum geht, dass Personen aus dem Umfeld der amerikanischen Regierung an Gewinnen aus den Wirtschaftsbeziehungen mit Russland interessiert sind. Und es ist durchaus möglich, dass die Wiederaufnahme des Energietransits nach Europa Teil eines solchen gemeinsamen Projekts sein könnte. Genau deshalb dürften solche Vereinbarungen für die Europäer selbst keineswegs überzeugende Garantien ihrer eigenen Energiesicherheit darstellen.

Ja, hätten wir noch gestern erfahren, dass die Vereinigten Staaten an einem Konzern beteiligt sein würden, dessen Ziel die Lieferung russischen Erdgases an europäische Länder wäre, hätte dies durchaus wie eine zusätzliche Sicherheitsgarantie für den europäischen Kontinent aussehen können. Doch angesichts der gegenwärtigen Atmosphäre in den Beziehungen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin kann die Beteiligung von Personen aus dem Umfeld der amerikanischen Regierung an irgendwelchen Energieprojekten mit Russland bei denjenigen, die sich Gedanken über die Zukunft des europäischen Kontinents machen, nur Besorgnis auslösen.

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Umstand, der auf die Gründe für diesen bewussten Positionswechsel Donald Trumps und der ihm nahestehenden Personen hinweist. Dabei könnte es nicht nur um Gewinne gehen, sondern auch um das Interesse an politischen Veränderungen auf dem europäischen Kontinent. Die Trump-Regierung ist bekanntlich ein politischer Förderer ultrarechter und antieuropäischer Kräfte, die nach ihrer Niederlage im Zweiten Weltkrieg in ganz Europa eine politische Revanche anstreben. 

Vertreter genau dieser Kräfte – die übrigens nicht nur von Washington, sondern auch von Moskau unterstützt werden – sind ebenfalls am Scheitern des europäischen Projekts interessiert. Sie sprechen ständig davon, wie wichtig billiges russisches Gas für die Entwicklung der europäischen Wirtschaft sei und dass der Verzicht auf russische Energieträger auf dem gesamten europäischen Kontinent ernsthafte wirtschaftliche Probleme verursacht habe. Dies ist die Position der ultrarechten Partei Alternative für Deutschland, die derzeit die populärste politische Kraft des Landes ist.

Übrigens treten auch ultralinke politische Kräfte in Deutschland mit ähnlichen Parolen auf. Auch sie bestehen auf der Notwendigkeit, die Energiebeziehungen zur Russischen Föderation wieder aufzunehmen und erneut russisches Erdgas zu beziehen. Das Argument, dass eine solche Entscheidung nicht nur der deutschen Wirtschaft helfen, sondern auch den russisch-ukrainischen Krieg beenden könnte, indem die Ukraine zu einer Pufferzone für den Gastransit zwischen Russland und den europäischen Ländern gemacht würde, könnte den politischen Aufstieg jener Parteien zusätzlich befördern, die bereit sind, sich die Vorschläge Donald Trumps und Wladimir Putins aufmerksam anzuhören.

Und der Vorschlag, russisches Erdgas zu einem Faktor der Stabilisierung der Lage auf dem Kontinent zu machen, könnte weniger zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges führen – denn wir verstehen, dass solche Pläne Wladimir Putins aggressive Begehrlichkeiten nur weiter steigern – als vielmehr zu besseren Wahlchancen für jene Parteien, die schon heute von vielen Beobachtern als Totengräber des europäischen Projekts betrachtet werden.

Und dann könnten wir die Suche nach Vereinbarungen zwischen der Trump-Regierung und der Putin-Regierung als den Aufbau einer gemeinsamen politischen Inszenierung verstehen, die nicht nur zur Kapitulation der Ukraine vor den russischen Waffen führen, sondern auch Europa zu Grabe tragen soll.


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Titel des Originals: Трамп спасает Газпром | Виталий Портников. 18.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 18.10.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Nord-Stream-Prozess: Ukrainischer Veteran in Deutschland angeklagt. Ilya Novikov. 03.07.2026.

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Die deutsche Staatsanwaltschaft hat die Anklageschrift gegen den ukrainischen Veteranen Serhij Kusnezow bestätigt. Ihm wird vorgeworfen, im September 2022 die russische Unterwasser-Gaspipeline Nord Stream gesprengt zu haben. Das Verfahren wurde an das Landgericht Hamburg übergeben; es wird erwartet, dass der Prozess im Herbst dieses Jahres beginnt und mehrere Wochen dauern wird.

In der endgültigen Fassung lautet die Anklage wie folgt: § 11 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 VStGB in der Fassung vom 26.06.2002; § 305 Abs. 1 StGB; § 308 Abs. 1 StGB in der Fassung vom 13.11.1998; § 316b Abs. 1 Nr. 2, Abs. 3 StGB; § 25 Abs. 2 StGB; § 52 StGB – „Verbrechen gegen die Regeln der Kriegsführung, Zerstörung von Bauwerken, Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, Störung des Betriebs wichtiger Infrastruktureinrichtungen, begangen durch eine Gruppe von Personen“.

Auf uns und unsere deutschen Kollegen wartet eine schwierige Aufgabe, und wir haben keinesfalls vor, die Verteidigungsstrategie oder unsere Pläne zur Vorlage von Beweismitteln vorzeitig offenzulegen.

Vorerst zwei Beobachtungen.

Erstens: Im Vergleich zu dem Tatverdacht, auf dessen Grundlage Serhij Kusnezow aus Italien ausgeliefert wurde, ist aus der Anklageformel § 88 des Strafgesetzbuches der Bundesrepublik Deutschland („Verfassungsfeindliche Sabotage“) verschwunden. Das war vorhersehbar, weil das Bundesgericht, das im Dezember über die Beschwerde gegen Serhijs Festnahme entschied, Zweifel daran geäußert hatte, dass diese rechtliche Einordnung angesichts der von der Staatsanwaltschaft dargestellten tatsächlichen Umstände zutreffend sein könne. Für uns ist das wichtig, weil damit ein wesentlicher Teil der Argumentation jener deutschen rechten Politiker entfällt, die von Anfang an behaupteten, dies sei beinahe ein Kriegsakt der Ukraine gegen Deutschland gewesen und deshalb müsse die Bundesrepublik ihre Unterstützung für uns einstellen und zur Freundschaft mit Putin zurückkehren. Natürlich werden sie andere Parolen finden, aber zumindest steht nun fest, dass selbst die deutsche Staatsanwaltschaft dies – auch formal – nicht mehr so bewertet.

Zweitens: Die Anklage wird nicht nur anhand der Vorschriften des Strafgesetzbuches der Bundesrepublik Deutschland formuliert, sondern unter Bezugnahme auf das Völkerstrafgesetzbuch. Dabei handelt es sich um ein eigenständiges Gesetz, das bestimmte Normen und Regeln des humanitären Völkerrechts in das deutsche Recht umsetzt. Für den Fall Serhij Kusnezow bedeutet dies, dass unter anderem die grundlegenden Prinzipien von Krieg und Frieden in einem wesentlich umfassenderen Kontext erörtert werden als in einem gewöhnlichen Strafverfahren vor einem deutschen Gericht. Für die Verteidigung eröffnet dies bestimmte Möglichkeiten und verschafft Spielraum in der Argumentation. Nach unserer Auffassung und der unserer Kollegen könnte eine der zentralen Fragen des Prozesses der Status der russischen Gaspipeline sein, die Putin im Jahr 2022 offen zur Erpressung und Druckausübung gegenüber Europa eingesetzt hat. Die deutsche Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass dies sie nach den Regeln des Seekriegsrechts nicht zu einem rechtmäßigen militärischen Ziel gemacht habe. Viele vertreten jedoch die gegenteilige Auffassung. War sie ein legitimes militärisches Ziel, dann konnte ihre Beschädigung keinen Straftatbestand erfüllen – unabhängig davon, wer an dieser Aktion beteiligt war.

Serhij befindet sich weiterhin in Untersuchungshaft im Hamburger Gefängnis, in der Abteilung für Terrorismusverdächtige. Seine Ehefrau hat ihn am Montag besucht. Die Zelle ist derzeit sehr heiß und stickig. Die Bedingungen seiner Unterbringung sind deutlich schlechter als jene, zu deren Gewährleistung die Bundesrepublik Deutschland rechtlich verpflichtet wäre – selbst dann, wenn sich Deutschland und die Ukraine im Krieg befänden und Serhij ein kriegsgefangener Offizier wäre. Das Recht, beim Gericht eine Überprüfung der Untersuchungshaft zu beantragen, steht der Verteidigung zu, sobald das Hamburger Gericht das Verfahren formell zur Verhandlung zugelassen hat.


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Autor: Ilya Novikov
Veröffentlichung: 03.07.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Gefangen im Schatten von Nord Stream. Ilya Novikov. 25.01.2026.

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Das Hamburger Untersuchungsgefängnis hat – gemessen an seiner unangenehmen Funktion – ein ziemlich schönes Gebäude. Wenn man nur danach urteilt, nimmt es unter allen ähnlichen Einrichtungen, in denen ich je war, selbstbewusst den zweiten Platz ein, gleich nach dem Gebäude der Verwaltung des FSB in der Oblast Kirow – dort handelt es sich um ein regelrechtes Schloss im Stil der „englischen Gotik“ mit Turm, Spitzbogenfenstern und Zinnen an den Mauern. Aber den FSB muss man ohnehin vom Wettbewerb repressiver Architektur disqualifizieren – wegen Betrugs: Während das Hamburger Untersuchungsgefängnis von Anfang an als Gefängnis gebaut wurde, ließ der Kaufmann und Mäzen Bulitschow das fantasievolle Schloss 1911 für sich selbst errichten. 1919 kam dann die Tscheka, warf Bulitschow buchstäblich auf die Straße, und seitdem lebt sie in seinem Haus, ändert gelegentlich ihren Namen – mal NKWD, mal KGB –, bleibt aber immer sie selbst. Deshalb hat das FSB-Gebäude offiziell verloren, und das Hamburger Gefängnis hat gewonnen. Und das ist das Einzige Gute, das man über dieses Gefängnis sagen kann.

Denn dieses Gefängnis steht in Hamburg am Tschaikowski-Platz, und seit zwei Monaten wird dort der Ukrainer Serhij Kusnezow festgehalten, den Italien im November 2025 auf Ersuchen Deutschlands ausgeliefert hat. Serhij wird beschuldigt, die Sprengung von „Nord Stream“ im September 2022 verübt zu haben. Nach der Version der deutschen Ermittlungsbehörden soll gerade Serhij die Gruppe von Tauchern angeführt haben, die Sprengladungen mit Zeitzündern an der russischen Gaspipeline angebracht haben. Über die Ereignisse selbst und über die deutsche Version kann man in offenen Quellen lesen. Für uns ist das Entscheidende, was jetzt mit Serhij geschieht, was wir für ihn tun können und warum dies nicht nur für ihn und seine Familie wichtig ist.

Serhij Kusnezow befindet sich nach seiner Auslieferung in einem Zustand der Informationsisolation, der dadurch erreicht wird, dass man ihn in einer Abteilung für Terroristen und „andere gefährliche Personen“ unterbringt, obwohl sich der gegen ihn erhobene Verdacht nicht auf Gewalt gegen Menschen bezieht, sondern ausschließlich auf fremdes Eigentum. Telefonate mit seiner Ehefrau und seinen Kindern sind „mangels technischer Möglichkeiten“ nicht erlaubt. Frei sprechen darf er nur mit seinen deutschen Anwälten. Bei seinen Treffen mit seiner Frau sind stets Beamte der Bundespolizei aus Berlin anwesend sowie ein Dolmetscher, der alle Gespräche simultan für sie übersetzt. Dasselbe gilt für uns – für die Anwälte aus der Ukraine, die bevollmächtigt sind, ihn vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu vertreten. Der ukrainische Konsul konnte Serhij erstmals erst am 14. Januar sehen.

Neben den Einschränkungen der Kommunikation wird Serhij auch durch alltägliche Probleme belastet, die man uns als „Missverständnisse“ oder „technische Gründe“ erklärt. Doch sie ließen sich bei entsprechendem Willen so leicht lösen, dass mit jeder weiteren Woche ohne Veränderungen die Überzeugung wächst, dass sie für Serhij bewusst künstlich geschaffen werden. Vor allem betrifft das die Ernährung. Kusnezow ist Veganer, und während des Auslieferungsverfahrens in Italien versprach die italienische Staatsanwaltschaft im Namen Deutschlands dem Gericht, dass im Falle seiner Auslieferung seine Ernährungsbedürfnisse respektiert würden. In der Praxis erhält er jedoch nur einmal täglich ein vegetarisches Mittagessen, während Frühstück und Abendessen gewöhnlich sind – wer will, isst, wer nicht will, lässt es bleiben. Der tägliche Hofgang beträgt eine Stunde – doch seine eigenen Winterstiefel, die zusammen mit ihm aus Italien ankamen, werden ihm bis heute nicht aus dem Lager ausgehändigt: Wer im Januar frische Luft schnappen will, soll eben in Hausschuhen spazieren gehen. Das mag wie Kleinigkeiten erscheinen, die sich nicht mit echter Folter in russischer Gefangenschaft vergleichen lassen. Aber Deutschland ist bislang noch nicht die Oblast Rostow. Bei mir und meinen Kollegen entsteht der klare Eindruck, dass durch maximale – für diese Kategorie von Fällen untypische – Isolation und durch künstliche Einschränkungen bewusst Druck auf Serhij ausgeübt wird, genau in dem Rahmen, der unter europäischen Bedingungen möglich ist. Von Serhij erwartet man, dass er Aussagen macht oder eine Kooperationsvereinbarung unterschreibt, die bestätigen würden, dass „Nord Stream“ auf Anordnung der ukrainischen Führung beschädigt wurde. Serhij weigert sich, dies zu tun, und der deutschen Staatsanwaltschaft bleiben nur sechs Monate ab dem Zeitpunkt der Auslieferung – diese Frist läuft im Mai ab. Die Zeit arbeitet nicht für sie, wenn sie keine Aussagen von Serhij erhalten oder ihre Position nicht auf andere Weise stärken. Bislang reichten den Ermittlern indirekte Beweise aus, damit ein Gericht die Untersuchungshaft als Sicherungsmaßnahme genehmigte. Doch die Hürde für den Eintritt in das Hauptverfahren ist höher, und ohne ein Geständnis des Angeklagten ist sie schwer zu überwinden.

Damit kommen wir zur Frage, welche Bedeutung der Fall Serhij Kusnezow für die Ukraine insgesamt hat. Die deutsche Gesellschaft war in ihrer Haltung zu uns und zu unserem Krieg nie einheitlich. Sowohl vor als auch nach Februar 2022 suchten und fanden prorussische Teile der deutschen Politik Wege, Russland zu helfen – nicht zuletzt auch sich selbst. Zwar haben wir in letzter Zeit von vielen deutschen Amtsträgern, beginnend beim Bundeskanzler, gehört, dass die Inbetriebnahme von „Nord Stream“ ein strategischer Fehler gewesen sei und Deutschland letztlich mehr Probleme als Vorteile gebracht habe, doch diejenigen, die diese Pipeline und andere russische Themen lobbyistisch vorangetrieben haben, sind größtenteils nirgendwo verschwunden. Zum Zeitpunkt der Explosion im September 2022 lieferte „Nord Stream“ kein Gas – im Rahmen seiner strategischen Manöver hatte Putin die Pipeline damals vorübergehend gestoppt. Doch sowohl im Betrieb als auch im Stillstand blieb sie eine strategische russische Waffe, bei deren Schaffung, Aufladung und Ausrichtung Deutschland selbst mitgeholfen hatte. Weder politische noch juristische Verantwortung dafür hat irgendein Politiker oder Beamter übernommen.

Deshalb hat die Verurteilung Serhij Kusnezows für sie eine so große Bedeutung. Von zwei Ereignissen – der Inbetriebnahme von „Nord Stream“ und seiner Sprengung – war eines mit Sicherheit ein Verbrechen, das andere entsprechend ein nützliches Ereignis. Wir verstehen, dass das Verbrechen gegen die Ukraine, gegen Deutschland und gegen Europa das erste war. Sollte jedoch ein deutsches Gericht urteilen, dass im Gegenteil das zweite ein Verbrechen gewesen sei, würde dies in gewisser Weise jene Amtsträger schützen, die beim Bau von „Nord Stream“ geholfen haben. Gleichzeitig gäbe es Putin und seinen europäischen Freunden einen Vorwand, die Rechnung für die Zerstörung der Pipeline in die endgültige Bilanz einzubeziehen – auch im Zusammenhang mit eingefrorenen russischen Vermögenswerten. Russland und seine Freunde sind an einer Verurteilung Kusnezows und – über ihn – der Ukraine interessiert. Wir hingegen sind an seiner wirksamen Verteidigung und seiner schnellstmöglichen Freilassung aus dem Gebäude am Platz des Komponisten Tschaikowski interessiert.

Derzeit haben der ukrainische Ombudsmann und die Konsulate unsere Hinweise zur Situation Serhijs aufgegriffen. Wahrscheinlich wird dies ein langwieriger Fall sein, und ich werde in nächster Zeit noch über unsere Arbeit schreiben. Für eine effektivere Zusammenarbeit mit unseren staatlichen Stellen wäre öffentliche Aufmerksamkeit für diese Situation sehr hilfreich. Schließen Sie sich an, wer will und kann.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Ilya Novikov
Veröffentlichung / Entstehung: 25.01.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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