Die Saudis haben Trump abblitzen lassen | Vitaly Portnikov. 07.05.2026.

Der amerikanische Präsident Donald Trump musste die Operation „Freiheit“, die darauf abzielte, die ungehinderte humanitäre Durchfahrt von Schiffen durch die Straße von Hormus sicherzustellen, aufgeben, nachdem die Führung Saudi-Arabiens sich geweigert hatte, die Vereinigten Staaten bei der Durchführung dieser Operation zu unterstützen und den eigenen Luftraum, Stützpunkte und Ressourcen zur Verfügung zu stellen, damit die Vereinigten Staaten das Geplante umsetzen könnten. Nicht einmal ein Telefonat des Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump mit dem Kronprinzen Saudi-Arabiens und faktischen Herrscher des Königreichs, Mohammed bin Salman, half.

So waren die Vereinigten Staaten gezwungen festzustellen, dass es keine logistischen Möglichkeiten zur Durchführung der von Donald Trump angekündigten Operation gab. Und sie wurde buchstäblich wenige Stunden nach der Ankündigung ihrer Durchführung durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten eingestellt, obwohl der Verteidigungsminister und der Außenminister der USA die Absicht Washingtons bestätigt hatten, diese Operation fortzusetzen.

Was ist also tatsächlich geschehen? Faktisch schuf die von Donald Trump angekündigte Operation „Freiheit“ Risiken neuer militärischer Zusammenstöße zwischen den Vereinigten Staaten und Iran. Und Saudi-Arabien tritt zusammen mit Pakistan, das weiterhin die Idee von Friedensverhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und Iran unterstützt, für eine möglichst schnelle Lösung jener Probleme ein, die in der Straße von Hormus nach Beginn der amerikanisch-israelischen Operation gegen Iran entstanden sind, und sieht reale Möglichkeiten zur Lösung der Probleme gerade in einer diplomatischen Lösung der Frage.

So beschloss man in Riad, den Vereinigten Staaten die Durchführung einer solchen Operation nicht zu ermöglichen, damit Donald Trump weder Anlass noch Notwendigkeit erhält, die Angriffe auf die Islamische Republik wieder aufzunehmen, was zu einer neuen groß angelegten Energie- und Wirtschaftskrise führen könnte – zusätzlich zu den katastrophalen Umständen, die bereits in der Weltwirtschaft infolge der unüberlegten Handlungen der Vereinigten Staaten gegenüber der Islamischen Republik stattfinden.

Und das zeigt, dass sich jetzt in Bezug auf den Krieg gegen Iran im Nahen Osten und im Persischen Golf zwei Koalitionen herausgebildet haben, von denen jede versucht, die Position des amerikanischen Präsidenten zu beeinflussen.

In einer informellen Koalition befinden sich Israel und die Vereinigte Arabische Emirate. Die Interessen dieser beiden Staaten, die am stärksten unter iranischen Angriffen gelitten haben, sind mit der Fortsetzung der Angriffe auf Teheran verbunden, mit dem Ziel, das bestehende Regime im Land zu stürzen und seine militärischen Möglichkeiten einzuschränken. Außerdem versteht man in Israel sehr gut, dass das Hauptproblem, das mit dem Beginn dieses Krieges verbunden ist – die Zerstörung des nuklearen Potenzials der Islamischen Republik und ihrer Raketenprogramme – noch immer nicht gelöst wurde.

Und es ist völlig offensichtlich, dass die Islamische Republik unabhängig davon, auf welches Abkommen sich die Vereinigten Staaten und Iran jetzt einigen, Möglichkeiten finden wird, eine Atombombe zu schaffen, falls angereichertes Uran auf ihrem Territorium verbleibt und nicht ordnungsgemäß kontrolliert werden kann. Und die Situation, in der jederzeit ein nuklearer Schlag aus Iran gegen Israel erfolgen könnte – nun zum Beispiel dann, wenn die politische Karriere Donald Trumps beendet sein wird –, bleibt die größte Herausforderung für den jüdischen Staat.

Auch die Vereinigten Arabischen Emirate sahen sich damit konfrontiert, dass Iran bereit ist, ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten und den Ruf als sicherer Hafen für Investoren zu untergraben. Und Vertrauen in die iranische Führung haben die Vereinigten Arabischen Emirate nicht.

Saudi-Arabien und Pakistan hingegen hoffen weiterhin auf die Möglichkeit eines gegenseitigen Verständnisses mit dem Regime in Teheran. Außerdem ist man in Saudi-Arabien nach dem Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC der Ansicht, dass die Vereinigten Staaten faktisch den Weg einer Entwertung der wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten des Königreichs eingeschlagen haben, das ohnehin schwierige Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten hatte.

Schon vor Beginn des Krieges im Persischen Golf stießen beide Länder hinsichtlich ihrer Interessen in Staaten wie Jemen und Sudan aufeinander. Und dass Iran die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien während seines Krieges mit den Vereinigten Staaten und Israel unterschiedlich behandelte, wurde für Riad zu einem weiteren Beweis dafür, dass der von den Emiraten gewählte außenpolitische Kurs nur in eine wirtschaftliche und politische Katastrophe führt. Man müsse viel ernsthaftere Sicherheitsgarantien für Saudi-Arabien schaffen, ohne jene Wünsche zu berücksichtigen, die in Washington oder Jerusalem entstehen könnten.

Und jetzt sehen wir, wie diese neue Außenpolitik Saudi-Arabiens beginnt, Wirklichkeit zu werden, was zudem davon zeugt, dass sich auch jene Orientierungspunkte verschieben, von denen sich die Vereinigten Staaten vor Beginn des großen Krieges mit Iran leiten ließen – in Richtung einer Verringerung des Einflusses der Administration Donald Trumps und einer Verringerung der Zahl der Verbündeten im Persischen Golf.

Wie viele Komplimente Donald Trump dem Kronprinzen Saudi-Arabiens und dem Oberbefehlshaber der pakistanischen Armee auch machen mag – völlig offensichtlich ist, dass man nun sowohl in Riad als auch in Islamabad vor allem an die eigenen Interessen denkt und versucht, den Einfluss auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten – und angesichts des Investitionspotenzials Saudi-Arabiens und der persönlichen Verbindungen von Vertretern aus Trumps Umfeld zur Königsfamilie ist dieser Einfluss tatsächlich groß – dafür zu nutzen, vor allem Fragen des eigenen wirtschaftlichen und energetischen Überlebens unter den Bedingungen des andauernden Konflikts zu lösen.

Und das sind völlig andere Beziehungen als jene, die zwischen den Vereinigten Staaten und den Staaten des Persischen Golfs vor Beginn des großen Krieges im Persischen Golf bestanden. Ich würde die Situation mit der Verringerung des Einflusses der Russischen Föderation im postsowjetischen Raum nach Beginn des großen Krieges gegen die Ukraine vergleichen, als die ehemaligen Sowjetrepubliken erkannten, dass Moskau nicht in der Lage war, jene Ziele schnell zu erreichen, die es sich gesetzt hatte, und somit weder Verbündeter noch jene Bedrohung mehr war, mit der die russische Führung vor Februar 2022 assoziiert wurde.

Jetzt erleben auch die Vereinigten Staaten Donald Trumps eine ähnliche Geschichte der Entwertung von Möglichkeiten und Einfluss. Und mit jedem neuen Tag des Konflikts im Nahen Osten wird sich diese Entwertung parallel zur wirtschaftlichen und energetischen Krise in der Welt verstärken.


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Titel des Originals: Саудиты послали Трампа | Виталий
Портников. 07.05.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 07.05.2026.
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Paradeangst. Vitaly Portnikov. 04.05.2026.

https://hromada.us/uk/articles/2026/05/04/parade-fear?fbclid=IwZnRzaARmsHZleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEer-AaVSSrVW2_aTktzQuxQZtvK3SdkIvitA8Q8iMJRLYITX6fXQsIrC0iid4_aem_UiU6IWj7f1SAsEf0PUdsLw

Erstmals seit langer Zeit hat der russische Präsident Vladimir Putin seinen amerikanischen Amtskollegen Donald Trump angerufen – offenbar mit nur einem einzigen Ziel: Möglichkeiten für die sichere Durchführung der Parade am 9. Mai zu schaffen.

Dieser Tag ist längst zum zentralen Datum der putinschen Ideologie geworden – so zentral, dass der Sieg im Zweiten Weltkrieg im heutigen Russland zu einem abstoßenden „Pobedobesije“ (Siegeswahn) verkommen ist. Natürlich begann die Entweihung dieses Datums schon in sowjetischer Zeit, als Ereignisse und ganze Perioden aus der Kriegsgeschichte gestrichen und die Wahrheit der Soldaten durch die Memoiren von Marschällen und Politoffizieren ersetzt wurden. Doch in Putins Zeiten, in denen es praktisch keine Kriegsteilnehmer mehr gibt, in denen selbst die „Kinder des Krieges“ sich dem 90. Lebensjahr nähern, wurde der Sieg im Zweiten Weltkrieg zu einem bequemen Instrument zur Rechtfertigung von Aggression und Verbrechen des tschekistischen Staates gemacht. Und deshalb ist es für Putin so wichtig, dass die Parade stattfindet. Denn was außer dieser Parade vereint die heutigen Russen noch? Alle anderen Feiertage sind längst zu Anachronismen geworden. Selbst der formell wichtigste „Nationalfeiertag“ – der Tag Russlands – wird zur Erinnerung an die Annahme der Souveränitätserklärung durch den Kongress der Volksdeputierten der Russischen Föderation gefeiert – gegenüber… der Sowjetunion. Und natürlich kann in einem modernen Russland, das von Sowjetnostalgie geprägt ist, niemand erklären, was an diesem Tag eigentlich gefeiert wird.

Doch auch mit der Parade am 9. Mai in diesem Jahr klappt es nicht besonders gut. Dass ukrainische Drohnen und Raketen Moskau erreichen können, ist für Putin offensichtlich. Seine paranoide Fixierung auf die eigene Sicherheit ist ebenfalls bekannt – man erinnere sich nur an den langen weißen Tisch aus der Zeit der Coronavirus-Pandemie, an dem Putin seine Gäste empfing, oder an die wochenlangen Quarantänen, die russische Beamte durchlaufen mussten, bevor sie sich mit dem von der Pandemie verängstigten Präsidenten treffen durften. Und deshalb möchte Putin nicht auf der Tribüne stehen und auf eine Luftalarmmeldung warten.

Die Parade wurde ohnehin bereits stark verkleinert. Es wird keine Militärtechnik geben – und im Kreml wird nicht einmal verborgen, dass man mögliche ukrainische Angriffe fürchtet. Auch die Kadetten militärischer Akademien und Schulen, die traditionell an der Parade teilnahmen, werden fehlen. Es ist sogar unklar, ob Putin selbst anwesend sein wird. Dennoch möchte er unbedingt demonstrieren, dass die Parade unter allen Umständen und unter Beteiligung des Oberbefehlshabers stattfinden wird.

Im vergangenen Jahr organisierte der Kreml die Anreise von Staatschefs aus Zentralasien und versuchte faktisch, sie zu einem „lebenden Schutzschild“ für Putin zu machen. In diesem Jahr gibt es bisher keine Informationen darüber, wer nach Moskau kommen will. Der einzige Politiker aus der Europäischen Union, der seine Bereitschaft zur Teilnahme erklärt hat, ist der slowakische Ministerpräsident Robert Fico. Doch bislang ist unklar, wie er in die russische Hauptstadt gelangen soll, nachdem eine Reihe von Ländern bereits angekündigt hat, seinem Flugzeug den Überflug zu verweigern, falls er zur Parade reisen will. Zudem ist fraglich, ob Putin selbst nach dem warmen Gespräch Ficos mit Volodymyr Zelenskyy überhaupt mit ihm sprechen möchte, nachdem dieser betont hat, dass es kein Friedensabkommen ohne die Ukraine geben könne.

Bleibt also der Anruf bei Trump. Doch auch hier ist alles kompliziert. Der amerikanische Präsident will nichts von einer russischen Unterstützung bei seinen Verhandlungen mit Iran hören und kann der Ukraine nicht einfach vorschlagen, auf Angriffe gegen Russland zu verzichten, während weiterhin regelmäßig tödliche russische Attacken stattfinden. Putin muss etwas anbieten, das wie ein Kompromiss aussieht – zumindest in den Augen Trumps.

Das Paradoxe an der Situation ist, dass Putin keine Kompromisse suchen will. Er möchte einfach nur die Parade sicher durchführen – und am 10. Mai den Krieg fortsetzen, der dann nicht mehr an für ihn wichtige Daten gebunden ist. Die zentrale Frage ist: Wozu braucht die Ukraine das alles?


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Titel des Originals: Парадний страх. Віталій Портников. 04.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 04.05.2026.
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Trump weist Iran zurück | Vitaly Portnikov. 03.05.2026.

Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, hat die neuen Vorschläge Irans zur Beendigung des amerikanisch-iranischen Krieges endgültig abgelehnt.     Man kann Trump verstehen, denn die neuen Vorschläge des Ayatollah-Regimes sahen überhaupt keinen Verzicht Irans auf sein Atomprogramm vor.

Die Iraner versprachen lediglich, die Passage von Schiffen durch die Straße von Hormus freizugeben, während die Vereinigten Staaten im Gegenzug ihre eigene Seeblockade aufheben sollten. Danach sollten Verhandlungen über die Beendigung des amerikanisch-israelisch-iranischen Krieges sowie über Parameter beginnen, die die Nuklearprojekte der Islamischen Republik regeln sollten.

Offensichtlich wären die Amerikaner in einer solchen Situation erneut in das bekannte Spiel der iranischen Verhandlungsführer geraten, Zeit zu gewinnen und keine klaren Antworten auf die Frage zu geben, ob sie bereit sind, auf angereichertes Uran zu verzichten. Trump hätte wie jemand ausgesehen, der den Krieg im Austausch für die Bereitschaft Irans beendet, den Welthandel wieder freizugeben.

Und das, obwohl zu Beginn des Krieges der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran überhaupt keine Probleme mit der Straße von Hormus bestanden. Zu den Hauptzielen dieses Krieges gehörte, wie in Erinnerung zu rufen ist, die Forderung der Vereinigten Staaten an Iran, auf sein Atomprogramm zu verzichten sowie auf sein Raketenprogramm, das sich, wie wir gesehen haben, erfolgreich entwickelte und zu massiven Angriffen nicht nur auf Israel, sondern auch auf Länder des Persischen Golfs führte. Den Krieg im Austausch für die Freigabe der Straße von Hormus zu beenden, würde daher faktisch bedeuten, anzuerkennen, dass die Vereinigten Staaten diesen Krieg verloren haben – und das ist offensichtlich nicht das, was Donald Trump will.

Damit stellt sich die Frage, wie es weitergehen wird. Der Präsident der Vereinigten Staaten hat die Wahl zwischen einer Wiederaufnahme der Kampfhandlungen und der Fortsetzung der Seeblockade gegen Iran. Den Äußerungen Donald Trumps nach zu urteilen, neigt er eher zur zweiten Option. Der US-Finanzminister Scott Bessent betonte heute, dass die Seeblockade so effektiv sei, dass Iran bereits nicht mehr in der Lage sei, seine eigenen Soldaten zu bezahlen. Eine Fortsetzung der Blockade könnte somit zum Zusammenbruch des Regimes führen oder dazu, dass Vertreter der Revolutionsgarden zustimmen, auf das Atomprogramm zu verzichten – sofern dies vom Obersten Führer, Ayatollah Mudschtaba Chomeini, gebilligt wird, der seit Beginn des Krieges zwischen den Vereinigten Staaten, Israel und Iran weder gesehen noch gehört wurde.

Die Iraner haben ihre eigenen Kalkulationen. Sie gehen davon aus, dass sie noch einige Monate durchhalten können und dass ein dramatischer Einbruch der Weltwirtschaft infolge der Energiekrise zu einer vernichtenden Niederlage der Republikanischen Partei bei den Zwischenwahlen zum US-Kongress führen wird. Danach werde Trump sich nicht mehr um den Krieg mit Iran kümmern können, da er in eine politische Konfrontation mit seinen Gegnern geraten werde, die darauf abzielen, ihm das Leben im Oval Office zu erschweren und alles zu tun, um zu verhindern, dass ein Republikaner erneut Präsident der Vereinigten Staaten wird.

Nur wenige zweifeln daran, dass im Falle einer Kontrolle des Kongresses durch die Demokraten im Herbst dieses Jahres die Vereinigten Staaten eine Phase intensiver politischer Konfrontation erleben werden. Genau daran ist die Islamische Republik interessiert.

So beobachten wir derzeit eher einen Wettbewerb zweier Zermürbungskriege. Die Vereinigten Staaten hoffen, dass ihre Blockade Iran erschöpfen und die Führung des Landes zur Kapitulation zwingen wird. Die Führung der Islamischen Republik hingegen hofft, dass die Blockade der Straße von Hormus zu einem politischen Zusammenbruch der Republikaner und zu ernsthaften Problemen für Donald Trump führen wird.

Es gibt hier auch eine Dimension, die mit Israel zusammenhängt. Die Iraner hoffen, dass, wenn es Israel in den kommenden Monaten nicht gelingt, reale Ziele im Krieg gegen Iran zu erreichen – insbesondere die Zerschlagung des Atomprogramms –, dies zu einer politischen Niederlage des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu und seiner politischen Verbündeten bei den kommenden Parlamentswahlen führen wird.

Sowohl Trump als auch Netanyahu gleichzeitig in Schwierigkeiten zu bringen, ist für die iranische Führung natürlich ein politischer Traum. Und ich habe keinen Zweifel, dass auch Irans Verbündete diese politische Krise als zentrales Ziel betrachten.

Doch unter den Verbündeten gibt es unterschiedliche Vorstellungen über den weiteren Verlauf der Ereignisse. Russland, dessen Präsident Vladimir Putin kürzlich den iranischen Außenminister Abbas Araghchi traf, könnte der Ansicht sein, dass die weitere Entwicklung ihm hilft, die Einnahmen aus dem Verkauf seines eigenen Öls zu steigern. Es ist offensichtlich, dass in einer solchen Situation russische Energieressourcen zu einer letzten Hoffnung für viele Länder werden, die zuvor auf Öl aus den Staaten des Persischen Golfs und aus Iran gesetzt hatten. Daher wird Putin die Führung der Islamischen Republik dazu ermutigen, keine Zugeständnisse zu machen und die Bemühungen zur Destabilisierung der Lage in den Vereinigten Staaten und im Westen fortzusetzen.

Ein anderer Verbündeter Irans jedoch, China unter der Führung von Xi Jinping, steht bereits jetzt vor eigenen wirtschaftlichen Problemen infolge des Ausbleibens von Öllieferungen aus den Staaten des Persischen Golfs und aus Iran. Xi Jinping wünscht sich einerseits eine politische Niederlage von Donald Trump und den Vereinigten Staaten, andererseits aber möchte er ein Gleichgewicht bewahren, das es der chinesischen Wirtschaft ermöglicht, die Folgen des Ausfalls arabischen und iranischen Öls nicht in vollem Umfang zu spüren.

ЄAus dieser Perspektive kann man sagen, dass die Ziele Russlands und Chinas nicht identisch sind. Zudem ist offensichtlich, dass man auch in Teheran nicht daran interessiert ist, die Situation bis zum Zusammenbruch der eigenen Macht zu treiben. Denn auch die Geduld der iranischen Gesellschaft hat ihre Grenzen.


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Titel des Originals: Трамп послав Іран | Віталій Портников. 03.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 03.05.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Trump überlässt Europa Putin | Vitaly Portnikov. 02.05.2026.

Das Pentagon hat den Abzug von 5.000 amerikanischen Soldaten aus Deutschland bestätigt, was einer Brigade entspricht – vor dem Hintergrund eines öffentlichen Streits zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, und dem deutschen Bundeskanzler, Friedrich Merz, der es gewagt hatte, Zweifel an der Wirksamkeit des amerikanischen Ansatzes im Krieg mit Iran zu äußern.

Zuvor hatte die US-Regierung die Entscheidung aufgehoben, eine weitere Brigade der amerikanischen Armee in Deutschland zu stationieren – zusätzlich zu den bereits dort befindlichen Truppen. Damit sinkt die Zahl der in Europa stationierten amerikanischen Soldaten auf das Niveau von 2022, also auf den Stand vor der russischen Invasion in die Ukraine.

Man muss verstehen, dass es sich hier keineswegs nur um einen Streit zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem deutschen Bundeskanzler handelt. Zwar hat Donald Trump vermutlich die scharfen Äußerungen von Friedrich Merz als Vorwand genutzt, um die Truppenstärke in Europa zu reduzieren. Tatsächlich aber haben wir es höchstwahrscheinlich mit dem Bestreben der amerikanischen Regierung zu tun, dem russischen Präsidenten Vladimir Putin entgegenzukommen und zu demonstrieren, dass die Vereinigten Staaten Russland nicht als reale Bedrohung betrachten und bereit sind, ihre militärische Präsenz in Europa zu verringern, um so den Sicherheitsbedenken des Kremls Rechnung zu tragen.

Und das ist, wie wir wissen, ernst zu nehmen. Es entspricht jener Strategie der Beziehungen zu Putin, die Trump unmittelbar nach seiner Rückkehr ins Oval Office zu gestalten versucht hat. Vor dem Hintergrund der Ablehnung weiterer Hilfe für die Ukraine – selbst ein Programm über lediglich 400 Millionen US-Dollar wurde inzwischen aus dem Entwurf des neuen amerikanischen Militärhaushalts gestrichen – zeigt dies erneut den Wunsch des amerikanischen Präsidenten, dem Kreml die neue amerikanische Politik gegenüber Europa deutlich zu machen.

Man kann sagen, dass Donald Trump Europa Russland überlässt. Und das ist keineswegs übertrieben. Allein die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten bereit sind, die Zahl ihrer Soldaten in Europa auf das Niveau von 2022 zu reduzieren – und übrigens hat niemand gesagt, dass diese Reduzierung nicht fortgesetzt wird, da Trump auch die Möglichkeit erwägt, amerikanische Truppen aus Italien und Spanien abzuziehen –, zeigt, dass die Verteidigung des europäischen Kontinents für die Vereinigten Staaten keine Priorität mehr ist. Mehr noch: Die Regierung unter Donald Trump scheint nicht zu begreifen, dass zur Aufrechterhaltung der geopolitischen Rolle Amerikas auch ein ausreichendes militärisches Kontingent in Europa und eigene Militärbasen notwendig sind. Ohne eine solche Präsenz werden die Vereinigten Staaten natürlich sowohl gegenüber der Russischen Föderation als auch gegenüber der Volksrepublik China an Einfluss verlieren.

Es bleibt daher die wichtigste Frage, warum Donald Trump all dies tut: Versteht er wirklich nicht, dass seine Maßnahmen zum Abzug amerikanischer Truppen aus Europa den nationalen Interessen der Vereinigten Staaten widersprechen? Oder ist er so sehr von der Möglichkeit neuer Beziehungen zum Kreml fasziniert, dass er diese nationalen Interessen einfach außer Acht lässt?

Wie dem auch sei, wir sehen, dass der amerikanische Präsident von bloßen Drohungen zu realen Maßnahmen übergeht. Und es wird für seinen Nachfolger sehr schwierig sein, nicht nur die amerikanische Präsenz in Europa wiederherzustellen, sondern auch das Vertrauen der europäischen Verbündeten in die Vereinigten Staaten.

Man könnte sagen, dass die Präsenz der Vereinigten Staaten in Europa angesichts der Aufrüstung der europäischen Staaten selbst nicht mehr so entscheidend ist. Doch das ist eine Illusion. Es geht nicht nur um die Anzahl der Truppen oder die Existenz von Militärbasen. Es geht um ein Land, das über ein Atomwaffenarsenal verfügt, das praktisch dem der Russischen Föderation entspricht. Genau darin liegt der Kern der europäischen Sicherheit: dass die Vereinigten Staaten auf dem europäischen Kontinent als nukleare Macht mit Russland konkurrieren können.

Ja, die europäischen Staaten können aufrüsten, sie können ihre Streitkräfte vergrößern. All dies mag schon bald geschehen. Doch die Russische Föderation wird weiterhin – gemeinsam mit den Vereinigten Staaten – die größte Atommacht der Welt bleiben. Und selbst Veränderungen in der modernen Kriegsführung werden diese unbestreitbare Tatsache nicht aufheben.

Die Befürchtung, dass es niemanden geben könnte, der Europa schützt, könnte sowohl die Außenpolitik der europäischen Staaten als auch die Stimmung der Wähler verändern, die nach jemandem suchen werden, der mit Putin verhandelt. Ebenso könnte dies die Absichten der russischen Führung beeinflussen, die erkennen und daran glauben wird, dass die Vereinigten Staaten nicht mehr bereit sind, Kräfte und Ressourcen für die Unterstützung Europas aufzuwenden – Europa also praktisch sich selbst überlassen.

So werden die verantwortungslosen Handlungen des amerikanischen Präsidenten – ganz gleich, ob sie durch den Wunsch motiviert sind, Putin zu gefallen, oder durch persönliche Kränkungen gegenüber Merz oder Meloni – zwangsläufig zu äußerst gefährlichen Konsequenzen führen, sowohl für die europäischen Staaten als auch, ohne jeden Zweifel, für die Vereinigten Staaten selbst. Und natürlich werden sie sich leider auch auf den weiteren Verlauf des russisch-ukrainischen Krieges auswirken. Denn der Abzug amerikanischer Truppen aus Deutschland ist ein Signal an den Kreml – ein Signal, das auch die russische Position in diesem Krieg beeinflusst.


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Titel des Originals: Трамп залишає Європу Путіну | Віталій
Портников. 02.05.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 02.05.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Putin erniedrigt sich vor Trump | Vitaly Portnikov. 30.04.2026.

Der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelenskyy, erklärte den Wunsch des russischen Staatschefs, am 9. Mai 2026 eine Waffenruhe auszurufen, ausschließlich mit dem Versuch, unter für die russische politische und militärische Führung sicheren Bedingungen eine Parade im Zusammenhang mit dem Sieg im Zweiten Weltkrieg abzuhalten.

Bezeichnend ist, dass man im Kreml sagt, für eine solche Waffenruhe müsse sie nicht einmal mit der Ukraine abgestimmt werden. Wie Vladimir Putin es sage, so werde es sein. Doch wir verstehen sehr gut, dass eine Waffenruhe im Krieg eine Entscheidung ist, die von beiden Staaten, die sich im Konflikt befinden, vereinbart wird.

Mit wem also hofft Putin, die Frage seiner Parade zu klären? Wir verstehen, mit wem – mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump. Es ist bekannt, dass das Telefongespräch zwischen dem amerikanischen und dem russischen Führer dieses Mal nicht auf Initiative Trumps zustande kam, der gewöhnlich selbst solche Gespräche vorschlägt, sondern auf Initiative Putins. Wenn der russische Präsident etwas mit seinem amerikanischen Kollegen besprechen wollte, dann gerade die Siegesparade.

Bis zu den Ereignissen bleiben buchstäblich nur noch wenige Tage, und es gibt keine Gewissheit, dass die russische Hauptstadt während der Feierlichkeiten nicht von ukrainischen Drohnen angegriffen wird oder dass ukrainische Schläge die Feierlichkeiten in anderen Städten der Russischen Föderation lahmlegen könnten. Deshalb muss man den amerikanischen Präsidenten bitten, Einfluss auf Kiew zu nehmen.

Es ist daran zu erinnern, dass im vergangenen Jahr in Russland eine Parade unter Beteiligung mehrerer Staatschefs aus Zentralasien stattfand, und man hoffte, dass die Ukraine zumindest aus Respekt vor den hochrangigen Gästen die Sicherheit Putins nicht in Frage stellen würde. Jetzt wird darüber, ob ausländische Gäste an den Feierlichkeiten in der russischen Hauptstadt teilnehmen werden, nichts mitgeteilt.

Nur der slowakische Ministerpräsident Robert Fico erklärte, er wolle an der Parade teilnehmen, und geriet sofort in einen echten diplomatischen Skandal, als seinem Flugzeug der Überflug über den Luftraum von Ländern verweigert wurde, die ihre eigene Würde und ihren Ruf achten und nicht dazu beitragen wollen, dass der Chef der slowakischen Regierung ein aggressives Land besucht, das mit seinem Verhalten im Grunde das Vorgehen des hitlerschen Reiches nachahmt und nicht jener Länder, die im Zweiten Weltkrieg gesiegt haben.

Andere ausländische Führer könnten derzeit unsicher sein, ob sie sich in der russischen Hauptstadt tatsächlich sicher fühlen würden. Auch Putin selbst fühlt sich nicht sicher, denn es ist bereits bekannt, dass die Parade ohne Militärtechnik und ohne die Teilnahme von Kadetten militärischer Akademien stattfinden wird.

Damit ist die russische Führung nicht in der Lage, das Wichtigste zu demonstrieren, was seit der Entscheidung über die regelmäßige Durchführung solcher Paraden noch unter dem Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU, Leonid Brezhnev, ihr Inhalt war – Stärke zu zeigen und Kontinuität zu demonstrieren.

Diese Parade wird, anders als alle vorherigen, eher dazu abgehalten, daran zu erinnern, dass das Ritual des 9. Mai noch existiert und die wichtigste ideologische Klammer des widerwärtigen neofaschistischen Putin-Regimes bleibt.

Doch Ritual ist Ritual – Sicherheit ist, wie wir verstehen, für Putin weit wichtiger. Erinnern Sie sich an den langen weißen Tisch, an dem der russische Staatschef während der Coronavirus-Pandemie saß und alles tat, um nicht von der Pandemie erfasst zu werden. Erinnern Sie sich daran, wie vorsichtig Putin generell mit seiner eigenen Sicherheit umgeht.

Jeder, der wenigstens einmal gesehen hat, wie der Konvoi des Präsidenten der Russischen Föderation durch die Straßen der russischen Hauptstadt fährt, wie Stunden zuvor die Moskauer Straßen gesäubert werden, wie der Verkehr angehalten wird, wie mit unglaublicher Geschwindigkeit Fahrzeuge vorbeirasen, in denen man nicht einmal weiß, ob Putin sich darin befindet, versteht, wie ausgeprägt die Paranoia dieses Mannes ist.

Und nun auf der Parade zu stehen und zu befürchten, dass er im nächsten Moment auf eine Drohne trifft – das ist es, was Putin mit aller Kraft zu verhindern versucht. Und die einzige Person, die ihm seiner Meinung nach die Teilnahme an diesem Ritual sichern und zugleich verhindern kann, dass er im Bestattungsinstitut landet, ist der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump. Vor ihm ist Putin gezwungen, sich zu erniedrigen. Doch hier stellt sich die Frage: Inwieweit kann Trump in der Lage, in der er sich infolge der Ereignisse im Nahen Osten befindet, überhaupt noch jemandem Bedingungen für eine Waffenruhe diktieren?

Offensichtlich könnte die ukrainische Führung an einer langfristigen Waffenruhe an der russisch-ukrainischen Front interessiert sein, von der Donald Trump übrigens seit seinem Einzug ins Oval Office gesprochen hat. Offensichtlich könnten wir mit den Russen eine gegenseitige Energie-Waffenruhe in Betracht ziehen, die garantieren würde, dass die Ukraine ihre Energieinfrastruktur wieder aufbauen kann, ohne im nächsten Winter neue Angriffe der Russischen Föderation befürchten zu müssen. Doch all dies interessiert Putin, der – wie wir verstehen – an der Fortsetzung des Krieges interessiert ist, nicht. Ihn interessiert ausschließlich die Frage der Siegesparade.

Und hier, wenn Trump tatsächlich seinem Partner im Kreml helfen möchte, seine abscheulichen Rituale fortzusetzen, sollte er nicht darüber nachdenken, den Wunsch des russischen Präsidenten nach einer kurzfristigen Waffenruhe zu loben, sondern ihn zu genau jener Waffenruhe zu zwingen, auf der Trump seit seinem ersten Telefongespräch mit dem russischen Führer nach seiner Rückkehr an die Macht in den Vereinigten Staaten bestanden hat.

Doch auch hier stellt sich erneut die Frage: Wenn man in Kyiv den Forderungen des amerikanischen Präsidenten möglicherweise keine allzu große Bedeutung beimisst, wird Putin, der weiterhin enge Kontakte zu seinen iranischen Verbündeten pflegt, zu grundlegenden Zugeständnissen gegenüber Donald Trump bereit sein?


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Titel des Originals: Путін принижується перед Трампом | Віталій Портников. 30.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.04.2026.
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Trump schockiert das Pentagon und greift Merz an | Vitaly Portnikov. 01.05.2026.

Amerikanische Medien betonen, dass man im Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten von der Erklärung von Donald Trump über einen möglichen Abzug amerikanischer Truppen aus Deutschland schockiert war.

Diese Erklärung kam völlig überraschend, denn in den Vereinigten Staaten gibt es keinerlei konkrete Pläne zur Reduzierung der militärischen Präsenz in diesem Land. Ein Abzug der US-Truppen aus Deutschland wäre heute ein schwerer logistischer Schlag für die amerikanische Armee selbst – umso mehr vor dem Hintergrund einer möglichen Fortsetzung des Krieges mit Iran.

Da stellt sich die Frage, warum Donald Trump überhaupt solche Aussagen macht. Die Antwort ist recht einfach: Der Präsident der Vereinigten Staaten versucht, den Bundeskanzler Friedrich Merz zu bestrafen, nachdem dieser es gewagt hatte, die Handlungen Donald Trumps im Krieg mit der Islamischen Republik zu kritisieren.

Der Bundeskanzler hatte darauf hingewiesen, dass die Vereinigten Staaten in diesen Krieg ohne ernsthafte Konsultationen mit ihren Verbündeten eingetreten seien, dass es keinen klaren strategischen Plan für die Fortsetzung des Krieges gebe und dass Iran die Verhandlungen recht geschickt führe und damit die Vereinigten Staaten demütige.

All das konnte dem amerikanischen Präsidenten natürlich nicht gefallen, der weiterhin darauf beharrt, dass in dem, was einige als Krieg bezeichnen – ich zitiere hier den Präsidenten selbst aus Gesprächen mit Journalisten – alles nach Plan verlaufe, dass die Amerikaner bereits einen militärischen Sieg errungen hätten und dass Trump sich lediglich wünschen würde, dass dieser Sieg größer ausfalle.

So versucht der Präsident der Vereinigten Staaten schlicht, die Tatsache zu verschleiern, dass praktisch keines der Ziele, mit denen dieser Krieg begründet wurde – die Zerstörung des iranischen Atomprogramms sowie seiner Möglichkeiten zu Raketenangriffen auf Israel und andere Länder des Nahen Ostens – erreicht worden ist. Stattdessen ist eine neue, nicht minder ernste Bedrohung entstanden: die Fortsetzung der Blockade der Straße von Hormus, die zu schwerwiegenden energie- und wirtschaftspolitischen Folgen für die ganze Welt führen kann – und zu einem echten politischen Fiasko für Donald Trump vor dem Hintergrund steigender Öl- und Treibstoffpreise in den Vereinigten Staaten. Man kann sagen, dass sich dies bereits jetzt abzeichnet.

Und Trump – wie jeder Führer, der nicht möchte, dass andere über die Realität sprechen – konnte die Erklärung von Merz nicht gefallen. Der amerikanische Präsident wartete einige Tage und begann dann, dem Bundeskanzler vorzuwerfen, er erfülle seine Aufgaben schlecht und hätte sich stärker mit der Situation in der Ukraine befassen können. Dabei wissen wir, dass gerade der deutsche Bundeskanzler – im Gegensatz zum Präsidenten der Vereinigten Staaten – auf eine Fortsetzung der Hilfe für die Ukraine drängt und auf den letzten Gipfeln der Europäischen Union ein echter Motor entsprechender Entscheidungen war.

Trump versucht jedoch offensichtlich, die derzeitige Unpopularität des Bundeskanzlers in Meinungsumfragen in Deutschland auszunutzen. Und möglicherweise auch, der rechtsextremen politischen Kraft Alternative für Deutschland zu helfen – im Rahmen der Unterstützung, die Donald Trump und sein Vizepräsident JD Vance ultrarechten politischen Kräften auf nahezu dem gesamten europäischen Kontinent gewähren.

Merz hat seine scharfen Einschätzungen zur Situation rund um den Krieg mit Iran inzwischen etwas korrigiert und ruft Teheran dazu auf, weitere Angriffe auf Israel und die Länder des Persischen Golfs einzustellen sowie auf die Möglichkeit des Besitzes von Atomwaffen zu verzichten. Doch kaum ist anzunehmen, dass diese Korrektur der Position des deutschen Bundeskanzlers Donald Trump zufriedenstellen wird.

Die wichtigste Frage ist, ob die Vereinigten Staaten tatsächlich bereit sind, ihre Truppen aus Deutschland – und nicht nur aus Deutschland – abzuziehen. Denn bei einer der letzten Begegnungen mit Journalisten wurde der Präsident der Vereinigten Staaten gefragt, ob er ebenso bereit sei, amerikanische Truppen auch aus Italien und Spanien abzuziehen. Trump antwortete darauf, dass auch dies in Betracht gezogen werden könne, da diese Länder den Vereinigten Staaten in ihrem Krieg mit Iran nicht helfen wollten und Spanien sich schlicht „schrecklich“ verhalten habe.

Doch die entscheidende Frage ist, wie sehr die Vereinigten Staaten selbst darauf angewiesen sind, ihre Truppen auf dem europäischen Kontinent zu stationieren. Eine nüchterne Analyse der globalen Lage zeigt, dass sowohl die europäischen Länder ein Interesse an der Fortsetzung der euro-atlantischen Solidarität und der Präsenz amerikanischer Truppen haben sollten, als auch die Vereinigten Staaten selbst aus rein logistischen Gründen Militärbasen in Europa benötigen – vorausgesetzt, sie wollen eine einflussreiche Supermacht bleiben, und zwar nicht nur auf dem europäischen Kontinent.

Die zentrale Frage ist, inwieweit Donald Trump selbst sich dessen bewusst ist. Inwieweit seine Bereitschaft, diejenigen zu bestrafen, die sich seinen Vorstellungen von der Realität nicht unterordnen – diejenigen, die das Recht ihrer Staaten auf Souveränität verteidigen und eigene Bewertungen der politischen Lage abgeben –, mit seiner Vorstellung davon vereinbar ist, wie sich die Beziehungen zu solchen Ländern und ihren Führern entwickeln sollten.

Am wichtigsten ist zu verstehen, ob Donald Trump die Abhängigkeit der Sicherheit der Vereinigten Staaten vom Konzept der europäischen und euro-atlantischen Solidarität begreift. Wenn man die Aussagen des amerikanischen Präsidenten nüchtern analysiert, erkennt man,     dass er nicht nur politisch, sondern selbst geografisch kaum Grundkenntnisse hat – und möglicherweise nicht versteht, wie sich die Schließung der einen oder anderen Militärbasis in Europa, insbesondere der bekannten Basis Ramstein Air Base, auf die Verteidigungsfähigkeit der Vereinigten Staaten auswirken könnte.

Und noch eine wichtige Frage: Gibt es im Umfeld von Donald Trump überhaupt kompetente Fachleute, die dem amerikanischen Präsidenten die Risiken seiner wenig sachkundigen Entscheidungen erklären könnten – und dabei auch gehört werden? Wir verstehen sehr gut, dass die Hoffnungen auf den US-Verteidigungsminister Pete Hegseth eher gering sind.

Und damit stellt sich die Frage: Wer kann ernsthaft, kompetent und vor allem mit Autorität mit einem Menschen sprechen, der niemandem zuhört – außer sich selbst?


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Araghchi ist zu Putin geflogen | Vitaly Portnikov. 27.04.2026.

Der iranische Außenminister Abbas Araghchi ist vor dem Hintergrund von Berichten über neue iranische Vorschläge für Präsident Donald Trump in Sankt Petersburg eingetroffen, um Gespräche mit Wladimir Putin und Serge Lawrow zu führen.

Allein die Tatsache dieser Treffen zeigt, dass Teheran versucht, seine Ansätze zur Beendigung der Krise im Nahen Osten mit Moskau zu koordinieren. Und damit befinden sich die Schlüssel zu den iranischen Vorstellungen darüber, wie der Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran enden soll, in der Tasche Wladimir Putins, der seinerseits – ebenso wie die iranischen Führer – seine Vorstellungen über das Geschehen mit dem Vorsitzenden der Volksrepublik China Xi Jinping abstimmen kann.

Und wir verstehen sehr gut, was Putin, die Iraner und Xi Jinping derzeit tatsächlich interessiert: die Öffnung der Straße von Hormus – allerdings so, dass dabei die eigenen politischen und wirtschaftlichen Interessen gewahrt bleiben.

Der Vorschlag der Iraner an Trump zeugt genau davon. Die iranische Führung versucht dem amerikanischen Präsidenten zu erklären, dass eine Einigung über die Beseitigung von Atomwaffen und des Raketenprogramms Irans derzeit nicht erreicht werden kann. Deshalb müsse zunächst die Straße von Hormus geöffnet werden – durch Verzicht sowohl auf die iranische Blockade dieses Handelswegs als auch auf die amerikanische Blockade iranischer Schiffe – und erst danach sollten Verhandlungen darüber geführt werden, was mit dem Atomprogramm geschehen soll.

Im Grunde hat Araghchi von Putin einiges zu lernen. Der russische Präsident führt seit mehreren Monaten völlig sinnlose und gegenstandslose Verhandlungen mit der Ukraine vor dem Hintergrund fortgesetzter militärischer Handlungen gegen das Nachbarland.

Iran, das bekanntlich vor Beginn des Krieges der Vereinigten Staaten und Israels die Straße von Hormus nicht geschlossen hatte, kann auf diese Weise ebenfalls endlos über die Beseitigung seines Atomprogramms verhandeln und in dieser Zeit eine Atombombe entwickeln, da Verhandlungsführer dem durch Konsultationen in komfortablen Hotels kaum entgegenwirken können.

Unklar ist, ob der amerikanische Präsident diesem Vorschlag zustimmen wird, nachdem er der iranischen Führung erneut drei Tage eingeräumt hat, um zu irgendeiner Form von Vereinbarung zu gelangen. Einerseits ist klar, dass Trump von der iranischen Führung nicht die Zustimmung zu allen Forderungen der Vereinigten Staaten erreichen kann, schon weil unklar ist, wer überhaupt auf seine Forderungen nach Abschaffung des Atomprogramms und Reduzierung des Raketenpotenzials in Iran antworten soll. Trump selbst räumt ein, dass die iranischen Führer „seltsame Leute“ seien und nicht klar sei, mit wem dort überhaupt verhandelt werden könne.

Das ist jedoch logisch. Nach dem Tod von Ali Khamenei, der durch einen direkten Treffer der israelischen Streitkräfte in seiner eigenen Residenz getötet wurde, existiert möglicherweise kein einheitliches Machtzentrum mehr in Iran, da niemand den Gesundheitszustand des designierten Nachfolgers kennt. Und keiner der höchsten militärischen Führer Irans ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte und kann daher keine direkten Befehle sowohl an die Armee als auch an das Korps der Islamischen Revolutionsgarden erteilen.

Daher können Verhandlungsführer beliebig lange zu Treffen mit ihren amerikanischen Gesprächspartnern reisen, während Entscheidungen weiterhin in einem engen Kreis der kollektiven iranischen Führung diskutiert werden, die über keine entsprechenden Vollmachten verfügt, wohl aber in der Lage ist, die Straße von Hormus für zivile Schiffe zu öffnen. Genau das liegt in den Händen des Korps der Revolutionsgarden und der Führung der iranischen Armee. Dafür ist eine Anordnung des obersten Führers Mojtaba Khamenei gewissermaßen nicht erforderlich.

Wenn Trump glaubt, die Straße von Hormus mit Gewalt öffnen zu können, wird er sich in derselben Situation wiederfinden wie zum Zeitpunkt der Ausrufung des Waffenstillstands mit der Islamischen Republik. Dann stellt sich die Frage, wozu dieser Waffenstillstand überhaupt ausgerufen wurde. Etwa, damit Iran seine militärischen Möglichkeiten stärken und eine Operation zur Zerstörung der Ölressourcen der Länder des Persischen Golfs sorgfältiger vorbereiten kann – was selbstverständlich zu einer noch größeren wirtschaftlichen und energetischen Krise führen würde als jene, die wir ohnehin bald aufgrund der Blockade der Straße von Hormus beobachten werden?

Unklar ist auch, ob in den Vereinigten Staaten ein Verständnis dafür besteht, dass die Straße von Hormus tatsächlich militärisch geöffnet werden kann, wenn Iran sie in den Wochen seit Beginn des Waffenstillstands mit noch größerer Hartnäckigkeit und mit größeren Möglichkeiten vermint als in den ersten über 40 Tagen des Krieges zwischen den Vereinigten Staaten, Israel und der Islamischen Republik. Denn derzeit kann niemand das Korps der Revolutionsgarden an dieser Verminung hindern.

Somit kann Trump trotz aller Drohungen nur darauf hoffen, dass die Blockade iranischen Öls die Führer des Korps der Revolutionsgarden und der iranischen Armee dazu zwingt, seinen Bedingungen zuzustimmen – möglicherweise ohne zu verstehen, dass ihnen dazu die entsprechenden Vollmachten fehlen. Und so verhandelt er mit einem Phantom.

Oder er wird sich mit den iranischen Bedingungen abfinden müssen: Öffnung der Straße von Hormus im Austausch für langfristige Verhandlungen über die Beseitigung des iranischen Atomprogramms. In diesem Fall würden wir eine echte Kapitulation der Vereinigten Staaten von Amerika beobachten – nicht nur gegenüber der Islamischen Republik Iran, sondern auch gegenüber der Volksrepublik China und der Russischen Föderation.

Das würde bedeuten, dass sich die Machtzentren in der heutigen Welt stark in Richtung China verschieben. Und Trump würde im Mai nach Peking reisen – sofern man ihn dort mit so geschwächten Positionen überhaupt empfangen will –, was ihn seinerseits dazu zwingen könnte, vielen Forderungen des Vorsitzenden der Volksrepublik China und Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Xi Jinping zuzustimmen. Und als Verlierer möchte Trump selbstverständlich nicht in der chinesischen Hauptstadt auftreten.

Der Präsident der Vereinigten Staaten steht damit vor einer äußerst schwierigen Entscheidung in einer Sackgasse, in die er sich – offen gesagt – selbst manövriert hat – durch Inkompetenz, Abenteurertum und die Auswahl von Personal, das die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht vollständig begreift. Und dieses Team von Dilettanten tut derzeit selbstverständlich alles Mögliche und Unmögliche, um die Folgen seines inkompetenten Eingreifens in die Verteidigungs- und Außenpolitik der Vereinigten Staaten noch zu verstärken.

Ja, die Absichten waren gut: das nukleare Potenzial Irans zu zerstören. Doch die Folgen sprechen weniger für die Zerstörung dieses Potenzials als vielmehr für die Zerstörung der Weltwirtschaft – und damit auch der amerikanischen Wirtschaft.


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Titel des Originals: Аракчи прилетел к Путину | Виталий
Портников. 27.04.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 27.04.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Schießerei im Hotel Washington Hilton | Vitaly Portnikov. 26.04.2026.

Die Schießerei im Hotel Washington Hilton während des traditionellen Abendessens der beim Weißen Haus akkreditierten Journalisten unter Teilnahme von Präsident Donald Trump und Vertretern seiner Administration steht heute zweifellos auf den Titelseiten der Weltpresse.

Die Menschen sehen Aufnahmen, auf denen Trump und sein Vizepräsident JD Vance sofort aus dem Saal evakuiert werden, in dem das Abendessen stattfand. Sie sehen, wie sich Vertreter der Administration, des diplomatischen Korps und Journalisten unter den Tischen verstecken. Und das ruft natürlich enorme Emotionen hervor, erzeugt Verschwörungstheorien, etwa dass ein solcher Anschlag zur Verbesserung von Trumps Ratings hätte stattfinden können, die sich in letzter Zeit tatsächlich kritischen Werten annähern.

Aber man sollte sich daran erinnern, dass Anschläge auf führende amerikanische Politiker und sogar Präsidenten keine Ausnahme in der politischen Geschichte Amerikas sind. Nicht nur Trump, als er Kandidat für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten war, wurde mit solchen Anschlägen konfrontiert. In der Nähe desselben Hotels Washington Hilton wurde 1981 ein Anschlag auf den damaligen Präsidenten Ronald Reagan verübt, bei dem sowohl der Präsident selbst als auch Vertreter seiner Administration und seines Sicherheitspersonals verletzt wurden.

Reagan kämpfte mehrere Wochen lang zunächst um sein Leben und dann um seine Genesung. Und die Person, die diesen Anschlag verübte, ließ sich von keinerlei politischen Motiven leiten, sondern wollte lediglich die Aufmerksamkeit einer Schauspielerin erregen, die für den gescheiterten Attentäter des amerikanischen Präsidenten wichtig war.

Und das sind nur Ereignisse der letzten Jahrzehnte. Wie wir wissen, gab es in der politischen Geschichte der Vereinigten Staaten auch Präsidenten, die Anschlägen mit tödlichem Ausgang zum Opfer fielen: James A. Garfield, Abraham Lincoln, William McKinley, John F. Kennedy bereits im 20. Jahrhundert. Und jedes Mal veränderten solche Anschläge tatsächlich die politische Geschichte der Vereinigten Staaten.

Doch jetzt können wir von einem Vorfall sprechen, der kaum mit ernsthaften Folgen für Donald Trump hätte enden können. Zwar sahen auch frühere Anschläge auf Präsidenten nicht wie sorgfältig vorbereitete Pläne aus, sondern waren eher amateurhaft und vielleicht gerade deshalb für die Attentäter erfolgreich.

Außerhalb dieser ganzen Geschichte bleibt jedoch die Tatsache, dass die politische Atmosphäre in den Vereinigten Staaten heute von Hass und Konfrontation überfüllt ist. Und sehr oft werden dieser Hass und diese Konfrontation vom amtierenden Präsidenten selbst erzeugt, der sich in erster Linie als Präsident seiner politischen Basis versteht, nicht einmal der gesamten Republikanischen Partei, sondern ihres ultrarechten radikalen Flügels, bekannt unter dem lauten Namen Make America Great Again – ein Name, der vor dem Hintergrund des tatsächlichen Rückgangs des geopolitischen Einflusses der Vereinigten Staaten und der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in diesem Land für Jahre, vielleicht sogar für lange erfolglose Jahrzehnte, heute eher wie ein Hohn auf die Amerikaner wirkt.

Präsident aller Amerikaner zu werden, ist äußerst schwierig. Unter den amerikanischen Präsidenten gab es sowohl jene, die nach ihrem Wahlsieg eine breite Vereinigung ihrer Mitbürger anstrebten, als auch jene, die bewusst für eine Spaltung der Gesellschaft eintraten, in der Hoffnung, mit den Stimmen ihrer eigenen Basis für eine zweite Amtszeit wiedergewählt zu werden.

Trump gehört weder zur ersten noch zur zweiten Gruppe von Präsidenten. Seine politische Karriere endet bereits 2029. Und schon jetzt wirkt der Präsident der Vereinigten Staaten müde von den Verpflichtungen, die er mit fast 80 Jahren erfüllen muss – Verpflichtungen, die ihm vielleicht echte Befriedigung verschaffen, sich aber ernsthaft auf seinen Gesundheitszustand und seine Wahrnehmung der Realität auswirken, eine Wahrnehmung, die sich mit jeder weiteren Woche seiner Präsidentschaft verschlechtert.

Wozu also braucht Trump diese Strategie der Spaltung der Amerikaner, die sich in Jahren gesellschaftlicher Konfrontation bemerkbar machen kann? Möglicherweise ist der amtierende amerikanische Präsident der Ansicht, dass, wenn es ihm nicht gelingt, eine Person ins Amt des Staatsoberhauptes zu bringen, die er selbst den Republikanern benennt, jeder neue Führer der Vereinigten Staaten – aus welcher politischen Partei auch immer – Trump nicht vor möglichen Anklagen schützen wird, die erscheinen könnten, nachdem er das Weiße Haus verlassen hat.

Vereinfacht gesagt: Die einzige Person, die Donald Trump heute selbst für sogar erfundene Verbrechen begnadigen kann, ist Trump selbst. Und im Jahr 2029, wenn der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten das Weiße Haus verlässt, wird Trump nicht mehr im Oval Office sein, und ein neuer Präsident könnte der Meinung sein, dass gerade Gerechtigkeit gegenüber seinem Vorgänger ihm ein völlig neues politisches Renommee verschaffen kann und übrigens die Amerikaner gerade durch das Gefühl vereinen kann, dass auch ehemalige Präsidenten für ihre Handlungen verantwortlich gemacht werden können – sowohl für jene während ihrer Amtszeit als auch davor.

Also braucht Trump einen loyalen Nachfolger. Ein loyaler Nachfolger kann nur dann entstehen, wenn die radikale Gruppierung Make America Great Again weiterhin die Kontrolle über die Republikanische Partei behält und dieser traditionellen konservativen Formation nicht die Möglichkeit gibt, zu den traditionellen Werten des amerikanischen Volkes zurückzukehren, eine Partei moderater zentristischer Konservativer zu werden und nicht eine Partei von Radikalen, die bereit sind, Amerika im Sumpf zu versenken, um das Überleben von Donald Trump, seiner Familie und seines engsten Umfelds zu sichern.

Und natürlich kann eine solche Kalkulation nicht anders, als nicht nur zu dreisten politischen Fehlern zu führen, die bereits zum Stil der zweiten Amtszeit Donald Trumps im Oval Office geworden sind. Ein solcher politischer Stil ist ein Stil der Spaltung, der wie Motten vom Licht Menschen mit unausgeglichener Psyche anziehen kann, die bereit sind zu schießen bei jeder Situation, die nicht in ihre Vorstellung von politischem Wettbewerb passt. So dass es in den kommenden Jahren noch viele solcher Schießereien geben könnte.


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Titel des Originals: Стрілянина в готелі Washington Hilton |
Віталій Портников. 26.04.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 26.04.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Budanovs Aussagen: das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 23.04.2026.

Die Ukraine wird nicht einmal auf einen Millimeter ihres Territoriums verzichten, betonte der Leiter des Präsidialamtes, Kyrylo Budanov, während seines Auftritts auf dem Kyiver Sicherheitsforum. Damit wies Budanov erneut die Forderungen der Russen zurück, die im Verlauf des Verhandlungsprozesses auf der Notwendigkeit bestehen, die ukrainischen Truppen aus den Gebieten der Regionen Donezk und Luhansk abzuziehen.

Budanov räumte die Tatsache von Meinungsverschiedenheiten zwischen den Positionen der Seiten ein, betonte jedoch, dass Verhandlungen genau dafür existieren, damit ihre Teilnehmer über solche Differenzen sprechen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Verhandlungsprozess zwangsläufig zu einem Ergebnis führen kann. Damit ein Ergebnis erzielt wird, muss die Ukraine nach Ansicht des Leiters des Präsidialamtes ein starker Partner sein, denn nur mit Starken wird in dieser Welt gerechnet.

Budanov erkannte faktisch an, dass der Verhandlungsprozess derzeit eingefroren ist, da die Hauptakteure dieses Prozesses auf amerikanischer Seite in einen anderen Verhandlungsprozess eingebunden sind – den amerikanisch-iranischen. Und tatsächlich ist es derzeit schwer vorstellbar, dass Steve Witkoff und Jared Kushner, die auf die Entwicklung der Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran warten, sich dem russisch-ukrainischen Track zuwenden würden. Dennoch erwartet Budanov weiterhin die Ankunft amerikanischer Verhandlungsführer in der ukrainischen Hauptstadt.

Diese Ankunft wurde bekanntlich mehrfach angekündigt. Allerdings wurden die Ankündigungen nicht Realität, schon deshalb, weil offenbar in Washington niemand mit einer derart langen Dauer des Konflikts im Nahen Osten gerechnet hatte. Ebenso wenig hatte man mit dem Fehlen einer realen Lösung durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, für das Problem gerechnet, das nach Beginn des Krieges der USA und Israels gegen den Iran entstanden ist.

Möglicherweise kommt gerade der Zustand fehlender Verhandlungen der russischen Seite entgegen. Bekanntlich hat gestern der Pressesprecher des Präsidenten der Russischen Föderation, Dmitry Peskov, erneut in propagandistischer Form die Möglichkeit eines Treffens zwischen den Präsidenten Russlands und der Ukraine zurückgewiesen. Peskov betonte, dass Putin sich mit Zelensky nur zur sogenannten Finalisierung einer Vereinbarung treffen könne und erklärte zugleich, dass derzeit keinerlei Verhandlungen stattfinden, da der ukrainischen Führung der politische Wille zur Beendigung des Krieges fehle.

Das bedeutet eine recht einfache Sache: Im Kreml geht man weiterhin davon aus, dass das einzige reale Ende des Krieges die Kapitulation der Ukraine vor Russland sein müsse. Und mit dem ukrainischen Präsidenten kann sich der russische Staatschef nur treffen, um diese Kapitulation feierlich in seiner Kreml-Residenz entgegenzunehmen. Und natürlich erinnert ein solcher Ansatz zum Verhandlungsprozess sofort daran, dass all jene Verhandlungen, die wir als Beginn eines neuen Prozesses nach dem Auftreten Donald Trumps im Oval Office betrachteten, in Wirklichkeit nichts anderes waren als ein Theater für einen Akteur, organisiert von Putin, um einen ständigen Dialog mit Donald Trump aufrechtzuerhalten. Die ukrainische Seite war gezwungen, sich diesem Theater anzuschließen, damit der amerikanische Präsident zusammen mit seinen engsten Verbündeten nicht die Möglichkeit hatte, Kyiv mangelnde Konstruktivität bei der Suche nach Wegen zur Beendigung des Krieges vorzuwerfen.

Jetzt, wie wir sehen, ist weder in Moskau noch in Kyiv großes Interesse an dieser Theateraufführung vorhanden. In Moskau versteht man, dass Verhandlungen zwischen Trump und Putin derzeit außerhalb des Kontextes des russisch-ukrainischen Krieges stattfinden können. Und somit benötigt Putin keine Theaterinszenierung, wenn Trump an der Wiederherstellung des Ölgleichgewichts interessiert ist, unter anderem auch durch eine Lockerung der Energiesanktionen gegen die Russische Föderation. In Kyiv wiederum versteht man, dass die amerikanische Administration selbst kein Interesse an Verhandlungen im russisch-ukrainischen Track hat, da sie immer tiefer in den Nahostkonflikt hineingezogen wird und keinerlei schnelle Perspektiven für einen Ausweg aus der Situation in dieser für die Versorgung mit Öl und Erdölprodukten so wichtigen Region sieht.

Gerade deshalb kann der Leiter des Präsidialamtes der Ukraine öffentlich betonen, dass die Ukraine keinem Verzicht auf ihr eigenes Territorium zustimmen wird, obwohl bekanntlich über territoriale Zugeständnisse nicht nur im Kreml mit der ukrainischen Führung gesprochen wurde, sondern auch im Weißen Haus. Sowohl Donald Trump selbst als auch sein Vizepräsident J. D. Vance und andere amerikanische Beamte äußerten öffentlich Unverständnis darüber, warum die Ukraine nicht bereit sei, einen Teil ihres Territoriums zugunsten des Aggressors aufzugeben. Warum Russland und die Ukraine weiter kämpfen – wie sich derselbe J. D. Vance kürzlich inkompetent äußerte – um einige Dutzend Quadratkilometer.

Schon diese Aussagen des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten zeigen die eklatante Inkompetenz von Vertretern der amerikanischen Administration in ihrer Sicht darauf, wie der russisch-ukrainische Krieg beendet werden sollte. Und natürlich hat General Budanov hier recht, wenn er von einer starken Position der Ukraine im Verhandlungsprozess spricht, sofern ein solcher Prozess in den kommenden Monaten oder sogar Jahren des zermürbenden russisch-ukrainischen Konflikts überhaupt wieder Realität wird.

Doch was bedeutet eine starke ukrainische Position? Offensichtlich sind das weitere Schläge der ukrainischen Streitkräfte gegen die Ölhäfen und die Ölverarbeitungsindustrie Russlands, was das russische Potenzial in der kommenden Phase der erbitterten Konfrontation reduziert. Und das ist die Rolle, die die Ukraine bei der Unterstützung ihrer Partner und Verbündeten spielen kann. Insbesondere wenn es um die Bereitstellung von Drohnen geht, die iranische UAVs abfangen – nicht nur in den Ländern des Persischen Golfs, sondern, wie wir sehen, auch für das amerikanische Militär, das ebenfalls auf ukrainische Hilfe angewiesen ist. Und es ist die Fähigkeit, sich nicht mit ultimativen Forderungen abzufinden – nicht nur dann, wenn wir diese Ultimaten aus der Administration des Präsidenten der Russischen Föderation hören, sondern auch dann, wenn sie aus der Administration des Präsidenten der Vereinigten Staaten kommen.

Es ist offensichtlich, dass Aussagen führender ukrainischer Politiker oder Vertreter der Präsidialverwaltung über die Unwilligkeit der Ukraine, auch nur einen Millimeter ihres Territoriums aufzugeben, weder im Kreml noch im Weißen Haus Begeisterung auslösen können. Doch genau eine solche Position verspricht zumindest, dass die Ukraine in der kommenden Phase des Abnutzungskrieges mit Respekt behandelt wird – nicht nur von Feinden, sondern auch von Freunden und Partnern, die weiterhin über Instrumente der Unterstützung im ukrainischen Widerstand gegen die russische Aggression nachdenken müssen.


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Titel des Originals: Заяви Буданова: головне | Віталій Портников. 23.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 23.04.2026.
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Russland nach dem Zusammenbruch: Kasparovs Plan | Vitaly Portnikov. 23.04.2026.

Portnikov. Russisches Taiwan. Und wie der Weg der russischen demokratischen Opposition in der Epoche des Krieges mit der Ukraine und des Vormarsches ultrarechter Kräfte gegen liberale Werte in der ganzen Welt aussehen könnte. Über all das werden wir mit unserem Gast des Kanals „Portnikov Argumente“, Garry Kasparov, sprechen. Guten Tag, Garry.

Kasparov. Ich begrüße Sie, Vitaly. Danke für die Einladung.

Portnikov. Danke, dass Sie zugestimmt haben, mit mir über, wie mir scheint, ziemlich wichtige Themen zu sprechen, die gerade in den letzten Tagen der Sichtweise, mit der Sie auftreten, noch mehr Aufmerksamkeit verschafft haben. Eben diese Idee des russischen Taiwan wird jetzt sehr lebhaft diskutiert, und zwar nicht nur in Kreisen der russischen Opposition, sie wird in der Ukraine diskutiert, sie wird im Westen diskutiert. Und immer entsteht die wichtigste Frage: Wie kann russisches Taiwan exterritorial sein? Nun, letzten Endes ist Taiwan selbst ein Territorium, das man, kann man sagen, den Kommunisten abgerungen hat, wohin die Volksbefreiungsarmee Chinas nicht gekommen ist, wo eine alternative Regierung gebildet wurde und letzten Endes ein echter Staat mit demokratischen Werten. Aber was ist russisches Taiwan ohne einen Tropfen russischer Erde, wenn Sie so wollen?

Kasparov. Nun, tatsächlich verstehe ich die Frage natürlich, sie ist absolut logisch, aber wir sprechen vorerst von einer Metapher. Tatsächlich habe ich die Wortverbindung „russisches Taiwan“ benutzt, um gerade diese Trennung festzuhalten, diese sehr wichtige Trennung, die in Wirklichkeit schon existiert; wieder habe ich Angst, Taiwan zu sagen, man kann auch freies Frankreich sagen, obwohl auch de Gaulle irgendein Territorium hatte,

Portnikov. Er hatte ein Territorium in den Kolonien, ja. Es gab eine territoriale Stütze.

Kasparov. Ja, es gab immer eine territoriale Stütze. Aber in diesem Fall haben wir es meines Erachtens mit einer Situation zu tun, die insgesamt eine unverzügliche Lösung verlangt, nämlich damit, dass bereits Hunderttausende Menschen, mindestens, faktisch aus dem russischen Rechtsraum herausgefallen sind. Ein Teil von ihnen befindet sich weiterhin gewissermaßen zwischen Himmel und Erde, ist nicht bereit, eine prinzipielle Position einzunehmen, aber ein ziemlich großer Teil, und dieser Teil wächst mit jedem Tag, ist der Ansicht, dass alle Verbindungen bereits abgebrochen sind und wir uns im Prinzip auf der Seite der Ukraine befinden. Wir nehmen, jeder so gut er kann, am Krieg teil, helfen. Nun, ich tue insgesamt, wie Sie wissen, ziemlich viel. Denn für uns ist dieser Krieg ein gemeinsamer Krieg. In Russland wird sich nichts ändern, solange die Ukraine nicht siegt. Deshalb müssen heute all unsere Ressourcen, all unsere Möglichkeiten auf die Unterstützung der Ukraine in diesem Krieg eingesetzt werden. Nun also, wie organisiert man diese Unterstützung maximal effektiv? Denn jene Bürger Russlands, die sich in diesem Zwischenraum rechtlicher Art befinden, können im Grunde nicht jenen Archimedischen Punkt finden. Bei mir ist mehr oder weniger alles in Ordnung, ich habe einen kroatischen Pass, ich bin Bürger der Europäischen Union. Aber in diesem Fall haben wir es mit Hunderttausenden Menschen zu tun, potenziell mit Millionen, die diesen Stützpunkt für sich nicht finden können. Und mir scheint, dass gerade die Anschaulichkeit der Idee von Taiwan die Aufmerksamkeit europäischer Politiker darauf lenken soll, dass wir hier eine doppelte Aufgabe lösen. 

Die erste Aufgabe ist, der Ukraine zu helfen, den Krieg zu gewinnen. Und hier ist dieses konzeptionelle Taiwan eine Möglichkeit, Probleme des travel document, Passprobleme, Probleme der Eröffnung von Bankkonten zu lösen. Das heißt, jenen Teil der russischen Gesellschaft heranzuziehen, der, meiner Meinung nach, und das ist offenkundig, natürlich die Beziehungen zu diesem Regime abbrechen möchte. Nun, wohin sollen diese Menschen im Prinzip gehen? Und jenen zu helfen, die schon hier sind, sich zu etablieren, und all das immer organisierter zu machen. Denn neben rein praktischen Fragen gibt es zum Beispiel noch so eine Frage. Wenn wir uns vorstellen, nun, fantasieren wir, dass die Idee des russischen Taiwan funktioniert hat und dort 100.000 russische Ingenieure, Computerfachleute und Finanziers, sehr wahrscheinlich werden gerade diese Leute in den Westen fliehen, beschlossen haben wegzugehen. Dann ist doch völlig offensichtlich, dass das den Kriegsverlauf beeinflussen wird, denn der Krieg wird im Prinzip auf drei Komponenten geführt.

Die erste Komponente ist die menschliche Kraft. Davon hat Putin vorerst genug, obwohl es auch da schon Unterbrechungen gibt. Die zweite sind Geldmittel. Mit dem Geld wird es schlechter, aber vorerst ist es insgesamt auch noch nicht zu Ende. Die dritte sind Köpfe. Der heutige Krieg ist in Wirklichkeit ein Krieg, in dem Köpfe eine immer größere Rolle spielen. Die Ukraine hat das auf glänzende Weise der ganzen Welt gezeigt. Und davon hat Putin viel weniger. Und wenn es gelingt, wenigstens einen Teil davon abzuziehen, dann ist dort jeder Ingenieur, jeder Computerfachmann, der weggegangen ist und Teil des russischen Taiwan geworden ist, minus eine bestimmte Menge von Raketen und Drohnen, die in die Ukraine fliegen, und vielleicht sogar die Herstellung von Drohnen und Raketen auf der anderen Seite. Das ist also, wie mir scheint, eine praktische Komponente.

Die zweite wichtige ist die ideologische Komponente. Wiederum, Kriege werden ja auch ideologisch geführt. Putin hat für sich ein wichtiges Ergebnis erzielt. Er hat die russische Gesellschaft davon überzeugt, dass das ein Krieg gegen Russland ist, gegen ganz Russland. Ich werde hier keinen Streit darüber anfangen, wie viele Menschen ihn unterstützen oder nicht unterstützen. Ich, wie Sie wissen, distanziere mich überhaupt von jener russischen liberalen Opposition, die dort irgendwelche Proteste sucht. Aber es ist völlig offensichtlich, dass es eine gewisse Anzahl von Menschen gibt, denen das sehr missfällt. Doch heute können sie nirgendwohin gehen.

Diese westlichen Sanktionen treffen ja insgesamt auch jene, die diese Verbindungen abbrechen möchten. Das heißt, ich versuche, irgendein anschauliches Konzept zu finden, das den Westen zum Handeln zwingt, denn es gibt die gegenwärtige Frage, aber auch die Frage der Zukunft. In Wirklichkeit muss man auch damit rechnen: Wenn etwas geschieht, die Ukraine siegt – nun, wie werden dann die Veränderungen in Russland verlaufen? Nun, diese Fantasten vom schönen Russland der Zukunft erzählen, wie sie dort Prozesse führen werden. Das alles ist schön zu erzählen. Aber wer wird das machen? All diese heutigen Menschen – man könnte auch versuchen, einen Kern zu bilden, einen solchen Cluster von Menschen, die später vielleicht, sehr viel jüngere, nicht solche wie ich oder Chodorkowski vom Alter her, sondern die, die jetzt bereit sind, auf unsere Seite zu treten – vielleicht kann es gelingen, aus ihnen den Kern jener zu schaffen, die garantieren werden, dass sich Russland doch verändert.

Denn wir sprechen ja in Wirklichkeit von einer vollständigen Veränderung, einem vollständigen Verzicht auf diese traditionelle russische Matrix. Taiwan ist nicht einfach nur ein Konzept, es ist in Wirklichkeit der Verzicht auf Rechtsnachfolge. Russland wurde schließlich Rechtsnachfolger der UdSSR, mit allen daraus folgenden Konsequenzen. Die UdSSR wiederum, auch wenn man das abstritt, wurde Rechtsnachfolger des zaristischen Russland. Das heißt, diese imperiale Rechtsnachfolge reproduziert sich endlos in verschiedenen Variationen. Taiwan ist der Versuch, auch darauf zu verzichten. Ich verstehe, dass das idealistisch ist, selbstverständlich, und man wird darauf zeigen, dass es kein Territorium gibt. Aber letzten Endes, wenn es juristische Rechte gibt, nun ja, irgendeine Insel finden, ich weiß nicht, eine Insel mieten – ich denke, wir werden einen Ort finden. Die Frage ist doch nicht das Territorium, davon gibt es genug in der Welt. Die Frage stößt jetzt, wie man sagt, an die dokumentarische Anerkennung.

Portnikov. „Eine Insel mieten“ erinnert mich daran, dass Sie mit denen, die dieser Idee zustimmen, einfach eine zionistische Idee propagieren werden. Lassen Sie uns einen idealen Staat schaffen und ein Territorium dafür finden. Aber der Zionismus hatte zumindest ein historisches Territorium, man verstand, wohin man zurückkehren konnte.

Kasparov. Erinnern Sie sich, tatsächlich gab es Streit. Das Territorium gab es, aber dennoch wurde alles Mögliche diskutiert. Sogar Madagaskar.

Portnikov. Und Uganda.

Kasparov. In der Anfangsphase war Herzl bereit, verschiedenen Varianten zuzustimmen.

Portnikov. Aber wenn wir ernsthaft sprechen, gibt es noch eine solche Befürchtung. Mir scheint, dass unsere Generation so oder so unter verschiedenen Bedingungen aufgewachsen und geformt worden ist: unter den Bedingungen der Breschnew-Stagnation, unter den Bedingungen der Gorbatschow-Perestroika. Dann begannen die Jelzin-Jahre. Wenn man auf die heutigen jungen Menschen in Russland schaut – für sie ist Putin schon 26 Jahre Präsident, nun, mit einer Unterbrechung für Medwedew, was keine Bedeutung hat. Sechsundzwanzig Jahre Tschekisten-Regime, und davor einige Jahre späte Jelzin-Zeit, die man vor dem Hintergrund des Tschetschenien-Krieges, der Explosionen in der Metro, der Explosionen von Wohnhäusern und all dessen, was man will, auch schwerlich demokratisch nennen kann. Es ergibt sich, dass Menschen, die jetzt 30 bis 40 Jahre alt sind, kein anderes Russland als ein autoritäres überhaupt kennen. Das heißt, im Grunde ist das für sie ein Ticket in eine unbekannte Zukunft. Darin liegt die Sache.

Kasparov. Ich stimme zu. In Wirklichkeit ist das ein sehr wichtiger Punkt. Gerade eben haben Sie die Generationenfrage angesprochen. Auch ich denke darüber nach, bespreche das mit meinen Freunden, Kollegen. Erinnern Sie sich an die neunziger Jahre, an Gaidars Konzept, dass jetzt nichts gelingt, weil das die sowjetische Generation hätten Sowjetmentalität, und dass dann neue heranwachsen würden, die jetzt geboren werden.

Portnikov. Ja, so sage ich, wenn es um die Ukraine geht: Da werden schon neue Kinder geboren, die niemals die sowjetische Ukraine gesehen haben und sogar die prorussische Ukraine nicht gesehen haben. Ja.

Kasparov. Aber bei uns ist heute das Rückgrat dieser sogenannten speziellen Militär­operation, dieses aggressiven Krieges gegen die Ukraine, von Menschen gebildet, Bürgern Russlands, die schon entweder am Ende der Sowjetunion oder überhaupt nach ihrem Zerfall geboren wurden. Das heißt, das sind genau jene Generationen, sogar zwei kann man wohl schon sagen, die nach Meinung Gaidars und der Reformer dieses neue demokratische Russland hätten aufbauen sollen. Herausgekommen ist, was herausgekommen ist. Aber da erinnern wir uns an die neunziger Jahre, Sie haben das richtig gesagt. Sogar jene, die damals ins Leben eintraten, wurden doch sofort vergiftet von den „Liedern über das Wichtigste“. Bruder eins, Bruder zwei. In Wirklichkeit sind das nicht nur die späten Jelzin-Jahre; der Tschetschenien-Krieg begann 1994. Das Fenster der Möglichkeiten, um sich von der imperialen Vergangenheit in Russland zu befreien, war minimal. Ich denke, das waren tatsächlich die Jahre 1991 bis 1993. Genau da gab es ein ganz kleines Fenster nach dem Ende der Konfrontation zwischen Jelzin und dem Parlament, unter Begleitung von Panzern. Ich denke, wir können jetzt nach so vielen Jahren objektiv sagen, dass Russland wieder in die ausgetretene Spur zurückgegangen ist.

Und ich sage immer, dass der wertemäßige Bruch zwischen Russland und der Ukraine das Jahr 1994 ist. Das ist Jelzin, der den Krieg in Tschetschenien beginnt, um Jelzins Null-Rating vom Gefrierpunkt irgendwie anzuheben. Und die Ukraine, in der ein friedlicher Machtwechsel stattfindet, in der Krawtschuk die Wahlen verliert, und zwar gegen den prorussischen Kandidaten Kutschma, und geht. Mir scheint, psychologisch, wenn man auf die Menschen schaut, die, sagen wir, in Charkiw und in Kursk geboren wurden und aufgewachsen sind, nun, einige Hundert Kilometer voneinander. Und klar ist, sie wurden in der Sowjetunion geboren, sie sprachen dieselbe Sprache, lesen dieselben Bücher. Lange Zeit gab es dort in Wirklichkeit nicht einmal eine Grenze, aber psychologisch ist die Ukraine, wie mir scheint, in eine andere Qualität übergegangen, es kam zu einem Machtwechsel.

Diese Formel „Wir sind das Volk“ beginnt für die Bürger bereits verständlich zu werden. Und zehn Jahre später endet Putins Versuch, Janukowytsch aufzuzwingen, mit dem ersten Maidan, und weitere zehn Jahre später bereits mit dem zweiten Maidan und schon einer echten Revolution und einer vollständigen Hinwendung nach Europa. Und in Russland ist in Wirklichkeit dieser Bewegungsvektor in jene Richtung stecken geblieben, weil es keine friedliche Machtübertragung gab. Gerade das, was jetzt in Ungarn geschehen ist, Orbán hat verloren, ist gegangen. Das ist es doch. Man muss doch verstehen, er ist gegangen. Natürlich hat er sehr deutlich verloren, wahrscheinlich hätte er angefangen zu fälschen, wenn die Niederlage geringer gewesen wäre, aber dennoch – so funktioniert Demokratie.

Die Ukraine ist in dieser Frage vollständig demokratisch geworden, und dort sind bereits zwei Generationen. Und wenn man berücksichtigt, dass für diese Freiheit jetzt ein so kolossaler Preis gezahlt wird, dann ist das alles bereits ein Land mit einer anderen Mentalität. Unabhängig davon, in welcher Sprache der Mensch dort denkt. Ich werde nicht einmal sagen, in welcher. In Russland hat sich leider ein völlig anderes Konzept herausgebildet.

Und dennoch gibt es dort wahrscheinlich eine gewisse Zahl von Menschen. Nun, irgendwen vertreten wir ja doch, die anders denken. Es gibt doch Verbindungen mit der übrigen Welt, Verbindungen mit dem Westen, also es gibt doch schon irgendwelche anderen Lebensparameter, die Hoffnung lassen können – ich spreche jedenfalls sehr vorsichtig – Hoffnung darauf, dass der Sieg der Ukraine im Krieg und der Zusammenbruch dieses imperialen Fetischs eine Chance, ich wiederhole, eine Chance zur Veränderung geben können. Und diese Chance wird auch damit verbunden sein, dass jene, die noch bei Verstand sind, verstehen: Die Bedrohung geht für Russland nicht vom Westen aus, sondern vom Osten. Und dass im Prinzip der Verlust riesiger Territorien – nicht zweier Dörfer, sondern Hunderttausender Quadratkilometer – an China, das sie höchstwahrscheinlich ohnehin schon stillschweigend kontrolliert, Realität wird. Deshalb besteht meine Hoffnung auf der Bildung eines gewissen Clusters von Menschen, die verstehen, dass die Wahl einfach sein wird: chinesische Provinz oder Teil Europas. Und für die Zugehörigkeit zu Europa wird man teuer bezahlen müssen.

Portnikov. Haben Sie nicht das Gefühl, dass eine riesige Menge von Menschen Russland bereits als chinesische Provinz wahrnimmt und sagt: Die Reise nach Europa ist zu Ende?

Kasparov. Diese Antiutopie Sorokins wird verwirklicht. Man hat das Gefühl, er hätte besser gar nichts geschrieben. Man hat das Gefühl, dass die russische Literatur es beschrieben hat und es sich nun so zusammenfügt. Wissen Sie, dieser „Tag des Opritschniks“. Genau das haben wir jetzt. Aber vielleicht ist eine Antwort möglich, welche anderen Varianten gibt es überhaupt? Eine solche Variante ist möglich, mehr noch, höchstwahrscheinlich ist sie sogar wahrscheinlicher, aber das bedeutet nicht, dass man nichts tun muss. Es braucht irgendeine, ich sage, grundlegende Idee; und wenn man berücksichtigt, dass auf jener Seite China steht, passt Taiwan auch hier hinein. In Wirklichkeit ist das ein Versuch, diese Situation aufzurütteln, die bisher recht unbeirrt ins Verderben steuert.

Mehr noch, in der Deklaration, die wir veröffentlicht haben, ist klar gesagt, dass es nicht um die Schaffung eines demokratischen Russland geht, eines schönen Russland der Zukunft. Vielleicht werden es Staaten sein, das wird ausdrücklich gesagt. Das heißt, in Wirklichkeit scheint mir das offensichtlich. Russland wird sich im Prozess der Veränderungen nicht in den heutigen Grenzen erhalten können. Das ist für mich, meiner Meinung nach, bereits ein Axiom.

Deshalb wird die territoriale Frage jetzt, wie mir scheint, oft einfach genutzt, um die Idee zu begraben. Gebt eine juristische Grundlage für die Formierung jenes neuen Russland, das heute bereit ist, gemeinsam mit der Ukraine zu kämpfen. Denn der Übergang von der Berliner Deklaration, die einfach nur festhielt, dass ja, die Ukraine unterstützt werden muss, ja, wir stehen auf dieser Seite, aber radikale Dinge gab es dort noch nicht – die Straßburger Deklaration sagt, dass wir auf dieser Seite kämpfen werden. Auch das ist ein wichtiger Übergang. Es ist klar, dass die Zahl der Menschen, die sie unterschreiben werden, höchstwahrscheinlich geringer sein wird als bei der Berliner Deklaration, aber auch das ist keineswegs sicher.

Wenn der Westen bereit ist, die offensichtliche Tatsache anzuerkennen, dass der Krieg mit Russland andauern wird, solange Putin an der Macht ist, dann beginnt er vielleicht zu handeln. Ich sehe hier Beamte der Europäischen Union, wissen Sie, und auf ihren Gesichtern steht dieses Zeichen kognitiver Dissonanz. Das heißt, sie verstehen, dass der Krieg läuft. Mehr noch, Europa bereitet sich auf den Krieg vor. Die deutsche Industrie stellt auf Rüstungsindustrie um. Vom Baltischen Kristall spreche ich gar nicht. Sie bereiten sich real, bereits vielleicht sogar in diesem Jahr auf irgendwelche Provokationen vor. Aber das eine ist die Vorbereitung, und das andere ist, dies anzuerkennen. Wissen Sie, auf ihren Gesichtern steht, ich würde sagen, abergläubischer Schrecken geschrieben.

Portnikov. Nun stellen Sie sich eine andere Sache vor. Diese Beamten haben dieser Idee zugestimmt. Es ist ein juristischer Status entstanden, irgendwelche bedingten Nansen-Pässe, die jenen ausgestellt werden, für die, sagen wir, das Forum des freien Russland bürgt. Und Sie sagen den Menschen damit: „Aber Sie müssen anerkennen, dass Russland ein aggressives Land ist, ein imperialistisches, und Sie müssen anerkennen, dass das Hauptziel darin besteht, der Ukraine im Krieg gegen Russland zu helfen.“

Kasparov. Das ist die einzige Chance, etwas in Russland zu ändern. So wie der Weg, potenziell, dorthin nach Russland über Sewastopol führt.

Portnikov. Stellen Sie sich vor, ein Mensch, der auf diese Weise aus Russland emigrieren will, ohne Ihre Ansichten zu teilen, erkennt das völlig ruhig an. Das ist, wissen Sie, wie die Geschichte mit dem Erhalt bulgarischer Pässe durch Bürger Nordmazedoniens. Sie halten sich nicht für Bulgaren. Um einen Pass zu erhalten, musst du eine Prüfung in bulgarischer Geschichte ablegen, sagen: „Ja“, dann mit dem Pass hinausgehen und denken: „Mein Gott, was für Idioten, dass sie glauben, ich hätte tatsächlich ihrer Version der Geschichte zugestimmt.“ Oder wie viele Ukrainer, die Putin und Russland im Grunde unterstützt haben, sind nach 2022 mit dem ukrainischen Pass nach Europa ausgewandert? Für sie war das einfach ein Mittel, um wegzukommen.

Kasparov. Vollkommen richtig. Aber hier gibt es eine Nuance, eine wichtige Nuance. Mit der Unterzeichnung der Deklaration wird der Mensch in Russland ungefähr nach zehn Artikeln des Strafgesetzbuches zum Kriminellen. Man kann noch eine Spende von 10 Euro für die ukrainische Armee-Spende hinzufügen, um das endgültig zu fixieren. Das ist nicht wichtig. Er kappt die Verbindungen zu Russland, weil er bereits ein Krimineller ist. Dort ist jeder Punkt der Deklaration ein Artikel des Strafgesetzbuches. So einfach ist das nicht, verstehen Sie? Einen Weg zurück wird es nicht mehr geben. Das ist nicht, wie Sie über die bulgarische Geschichte sagten: man ist durchgegangen, hinausgegangen. Nein, das ist öffentlich. Deine Unterschrift steht dort mit Familiennamen, mit all diesen Dingen. Dir wird ein neues Dokument ausgestellt, dort bist du ein Krimineller.

Portnikov. Nun, vielleicht ist er bereit, ein Krimineller zu werden, wenn er nur nicht in Russland leben muss, wenn er sich nur, bedingt gesagt, als IT-Fachmann irgendwo im Westen verwirklichen kann.

Kasparov. Gut, er ist weggegangen. Ja, er ist weggegangen, hat alle getäuscht. Er baut für Putin keine Drohnen mehr. Das heißt, rechne mit hundert Drohnen weniger, die in die Ukraine fliegen. Gut. Ja. Er hat uns getäuscht, ist weggegangen, Gott sei Dank ist er weggegangen. Putin ist dadurch schwächer geworden. Wir knüpfen ihm wenigstens eine Ressource ab.

Portnikov. Das ist übrigens eine Veränderung des Ansatzes, denn Sie erinnern sich, dass in der Ukraine, als Menschen vor der Mobilisierung flohen, diese sogenannten Mobiki, man in der Ukraine in der ersten Phase des Krieges sehr unzufrieden damit war, dass der Westen sie aufnimmt. Und im Westen wollten viele sie nicht aufnehmen und sagten: „Warum sollen wir Menschen aufnehmen, die Bürger Russlands sind und vor dem Krieg fliehen?“ Und sie veränderten im Grunde die Mobilisierungspolitik.

Kasparov. Schauen Sie, wir kennen die genaue Zahl der Bürger Russlands nicht, die 2022 davonlaufen, besonders als im September die Mobilisierung ausgerufen wurde; die Zahl schwankt von einer Million bis drei Millionen. Warum sage ich so eine Spannbreite? Weil niemand Buch geführt hat. Natürlich flohen sie in jene Länder, in die man ohne Visum einreisen konnte. Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Armenien. Nach indirekten Daten zu urteilen, war diese Zahl gewaltig, denn welche indirekten Daten? Der starke Anstieg der Immobilienpreise in Taschkent, eine unglaubliche Zahl von Anfragen nach Kreditkarten in Tadschikistan oder das riesige BIP-Wachstum Armeniens. Also, ihrer waren viele. Etwa 75 Prozent – das kann man sagen, ich kenne es aus den Zahlen des Projekts „Kowtscheg“, das Chodorkowski geführt hat – etwa 75 Prozent waren gezwungen zurückzukehren, weil die Dokumente ablaufen. In Wirklichkeit ist genau das Problem, dass dir physisch das Dokument abläuft. Und Putin hat sofort erklärt, dass Dokumente nur dort in Moskau gemacht werden können. Aus, das war’s. Praktisch ist es jetzt schon für fast niemanden mehr möglich, Dokumente zu verlängern. Und er versteht im Prinzip, dass die Menschen in Russland festgehalten werden müssen. Und im Idealfall, ich sage noch einmal, fügen sich diese Menschen in das Konzept ein, aber selbst wenn sie nicht bereit sind, der Ukraine zu helfen, werden sie dort nicht sein. Das ist dennoch die Untergrabung irgendeiner Ressource, die Putin heute hat. Diese Ressource hat er in geringerem Maß als Kanonenfutter und Geld. Und deshalb gilt: Wenn es gelingt, auch nur auf der Ebene einiger Zehntausend Menschen diese herauszuziehen, dann ist das, wie ich meine, minus eine bestimmte Zahl von Raketen und Drohnen, die in die Ukraine fliegen werden. 

Außerdem ist das auch psychologisch ein sehr wichtiger Moment. Denn heute liest man ja, nun ja, im russischen Internet hört man: Was sollen wir tun? Damit es diese Ausrede nicht mehr gibt. Was sollst du tun? Nimm ein Ticket und flieg nach Jerewan, geh dort zur französischen Botschaft, füll die Deklaration aus. Im Grunde musst du antworten – sobald ein solches Thema erscheint, wird das in Wirklichkeit für sehr viele Menschen moralisch ein Problem sein.

Portnikov. Verengt das nicht die Möglichkeit der Wahl? Wenn Sie dem Menschen sagen: Was sollt ihr tun? Ihr müsst euch dieses Regimes entledigen. Und Sie sagen dem Menschen, dass er fliehen muss.

Kasparov. Das Regime – das ist wie Deutschland im Jahr 1943. Natürlich gefällt es mir vielleicht nicht, aber solange die Alliierten nicht kommen, wird nichts geschehen. Nichts kann geschehen. Wir beide kennen die russische Geschichte. In der russischen Geschichte stürzten Zaren, Diktatoren, wie man sagt, nur im Fall eines verlorenen Krieges. Ein verlorener Krieg, sogar ein nicht gewonnener Krieg, ein entfesselter Krieg, ist immer ein Indikator einer tiefen Krise, angefangen beim Livländischen Krieg bis hin zum Krimkrieg des 19. Jahrhunderts, dem Russisch-Japanischen Krieg, dem Ersten Weltkrieg und so weiter.

Deshalb ist für Putin heute, wie wir sehen, ein ziemlich unangenehmer Moment gekommen, denn es raucht ja schon von überall. Gestern lese ich einfach, wissen Sie, so ein höhnisches Lächeln der Geschichte. Der Chef der KPRF sagt voller Angst, dass sich das Jahr 1917 wiederholen könnte. Das heißt, die Nachfolger Lenins sagen voller Entsetzen: Haltet ein, ihr Wahnsinnigen.

Portnikov. Das sind doch wohlhabende Lenins Nachfolger, sozusagen, nicht die aus der Schweiz, sondern die aus Moskauer Restaurants, ja? Warum sollten sie diese verlassen? Das ist gerade verständlich. Aber Sie haben noch vor ganz kurzer Zeit gesagt, dass der Westen im Grunde seine eigenen Werte verrät, wenn er das ukrainische Leid nicht beachtet und sich im Grunde nicht mobilisieren kann. Und nach dieser Ihrer Rede ist die Situation nur noch schlechter geworden, denn die Spaltung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa verstärkt sich mit jedem Tag.

Kasparov. Sie beschuldigen mich doch nicht der Spaltung zwischen…

Portnikov. Nein, ich verstehe nur nicht ganz, welchen Sinn Erklärungen haben, wenn sie danach die Stimmung in die entgegengesetzte Richtung beeinflussen. Nicht die Erklärungen selbst, ich meine die Situation.

Kasparov. Diese Situation ist mir gut bekannt. Erstens muss man einfach reden. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Wir haben keine Zeit für eine ernsthafte Analyse von all dem, aber ja, die Ukraine wurde im Stich gelassen. Und übrigens ist das in erster Linie ein amerikanisches Thema. Europa war ja insgesamt sehr passiv. Wir verstehen doch, dass in Europa ebenfalls eine Generation von Politikern, und die Gesellschaft erst recht, in der Überzeugung aufgewachsen ist, dass Amerika sie immer schützen werde. Europa lebte unter dem amerikanischen Schirm, sozusagen. Und sogar nach 1991 hat sich daran im Grunde nichts geändert. Zumal die UdSSR verschwunden war, entspannte sich der Kontinent.

Das Wachstum der putinschen Aggressivität hing damit zusammen, dass er einfach spürte: Europa ist schwach. Warum sollte man es nicht auf seine Belastbarkeit prüfen? Und das alles beginnt: zuerst Georgien, ich schrieb schon im August 2008, dass die Nächste die Ukraine sein werde. Und als man mich fragte: „Warum denken Sie das?“, sagte ich: „Man muss auf die Karte schauen.“ Das heißt, in Wirklichkeit war offensichtlich, dass Putin seine Handlungen fortsetzen würde. Und die syrische Geschichte, diese schändliche Weigerung Obamas, die Überschreitung der roten Linie, den Einsatz chemischer Waffen, festzuschreiben und Assad einfach eins auf den Hintern zu geben.

Danach kam die Krim; übrigens schrieb ich auch damals, dass es nach Syrien an anderen Orten Folgen geben werde. Die Krim kam ebenfalls. Und wie war die Reaktion auf die Krim? Keine Reaktion gab es auf die Krim. Das heißt, in Wirklichkeit nahm Putin einfach, was man nehmen konnte. Ich meine, ich habe dazu damals einen großen Text geschrieben, vor etwa drei Jahren, er hieß „Geschichte des Verrats“, darüber, wie Amerika unter Biden die Ukraine aufgab. Jetzt habe ich das Gefühl, dass Putins Ultimatum vom Dezember 2021, erinnern Sie sich, als die NATO…

Portnikov. Ja, ihre Basen entfernen sollte.

Kasparov. … im Grunde auf irgendwelchen Abmachungen mit Trump beruhte. Ich bin fast sicher, dass Trump – warum sagt Trump: „Es hätte keinen Krieg gegeben“? Ja weil sie planten, die Ukraine in Wirklichkeit ohne Krieg zu teilen.

Portnikov. Oder bei jenen Konsultationen, die Stoltenberg mit Lawrow nach eigenem Eingeständnis Stoltenbergs führte. Er hat selbst darüber gesprochen.

Kasparov. Genau das hat mir gefehlt, dieses kleine Detail. Das heißt, das bedeutet, dass der Plan höchstwahrscheinlich bereits unter Trump abgestimmt worden war. Deshalb. Und ich denke, das Treffen Bidens mit Putin, das erste in Genf, und dann noch zwei per Telefon, also faktisch drei Gipfel, standen damit in Zusammenhang, dass die Amerikaner eigentlich verstanden, dass Putin das ernsthaft tun würde. Und Putin sagte im Dezember 2021 einfach: „Also, diesen Plan haben wir doch besprochen.“

Und die Ukraine wurde preisgegeben; es ist völlig offensichtlich, dass die amerikanische Administration sich, ebenso wie Europa, darauf vorbereitete, dass Putin in drei Tagen in Kyiv sein würde und ja, dann eine Exilregierung oder vielleicht irgendein Stück erhalten bliebe. Jetzt werden wir wahrscheinlich erfahren – ich hoffe sehr, dass Magyar zu graben beginnt –, was Ungarn vorhatte zu tun, denn mit Sicherheit versuchte Orbán dort ein Stück der Ukraine mit ungarischer Bevölkerung abzubeißen.

Das heißt, die Ukraine wurde einfach ausgeliefert. Es geschah ein Wunder, wie es, wie man sagt, seit altgriechischen Zeiten oft geschah. Freie Menschen verteidigten sich selbst gegen, wie man sagt, alle Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie hielten einfach stand, und die Situation hat sich jetzt verändert.

Trump hat in Wirklichkeit übrigens ebenfalls eine wichtige Sache getan. Er hat Europa geweckt. Tatsächlich denke ich, dass die Situation jetzt viel, viel besser ist als damals, als es diese Unbestimmtheit gab, denn erstens wird Trump nicht lange durchhalten. Die Zwischenwahlen werden die Situation doch verändern. Sie verändert sich, wie mir scheint, insgesamt schon jetzt.

Und in Europa – nun, Europa bereitet sich auf den Krieg vor. Es wäre unmöglich gewesen, sich vorzustellen, dass Europa, das jahrzehntelang in diesem lethargischen Schlaf lebte, sich so zu verhalten beginnen würde. Natürlich ist das nicht ganz Europa. Estland ist das eine, Portugal etwas anderes. Und dennoch sehen wir in Europa diese Veränderungen. Die Ukraine hat in Wirklichkeit die gesamte geopolitische Konstellation verändert.

Deshalb wenden wir uns heute gerade an Europa. Amerika brauchen wir nicht, weil es dort sowieso andere Konstellationen in der Welt geben wird. Und in Europa braucht es heute einen mächtigen Verteidigungswall. Es gibt die Ukraine, die wie ein Felsen vor Putin steht. Aber fügen Sie noch die russische Komponente hinzu, im Prinzip jene Bürger Russlands, die bereits mit Putin brechen wollen, denen aber irgendeine juristische Legitimität fehlt. Und auch das ist dennoch ein Faktor.

Wie viele Russen kämpfen denn heute im Prinzip in Bataillonen? Nun, real einige Hunderte. Ich habe mit Pjotr Rusawin gesprochen. Er, „Chartija“, hat einen Aufruf gemacht, denn es gibt dort nicht nur Ultrarechte, sondern im Prinzip auch liberale Menschen, die ebenfalls irgendetwas tun wollen. Es gibt eine gewisse Nachfrage. Ich weiß nicht, wie viele Menschen bereit sein werden, direkt zu kämpfen. Obwohl Krieg heute ja nicht nur die Frontlinie ist, sondern auch die zweite Linie der Front, die Wand von Drohnen.

Das heißt, ich bin überzeugt, dass das, um noch einmal auf russisches Taiwan zurückzukommen, eine wichtige Komponente sowohl des ukrainischen Sieges als auch einer potenziellen Umgestaltung Europas in der Zukunft ist. Obwohl ich an den ukrainischen Sieg glaube, an die Fähigkeit Russlands aber, sich in neuer Qualität normal zu materialisieren, weniger glaube.

Portnikov. Wenn Sie sagen, dass man keine ernsthafte Analyse der Situation mit dem Westen durchführen kann, dann kann man es vielleicht doch versuchen, mir scheint, und zwar nicht politisch, sondern vielleicht wird es für Sie einfacher sein, mir das in einem Schachmodell zu erklären, denn ich habe immer das Gefühl, dass jetzt jeder neue Schritt im Westen, jeder neue Zug, zur Verschlechterung der Positionen führt. Die amerikanische Administration macht einen Zug und verschlechtert ihre Position im Nahen Osten. Die Europäer versuchen, sich mit den Amerikanern zu verständigen, machen einen Zug und verschlechtern ihre Position in Amerika. Das ist so eine schlechte Partie. Ich verstehe nicht ganz, welche Züge man jetzt machen kann, um die Position zu verbessern.

Kasparov. Interessant. Ich weiß nicht, inwieweit das hier passt, an irgendwelche höheren Materien zu erinnern. Der erste Satz Gödel. Also, erinnern wir uns.

Portnikov. Das wird schwieriger als eine Schachpartie.

Kasparov. Es wird schwieriger. Gut. Es gibt einen der wichtigsten mathematischen Sätze des 20. Jahrhunderts. In der Mathematik bin ich ein Laie, aber da ich 2006 in Wien zum hundertsten Geburtstag Gödels gesprochen habe, erinnere ich mich daran. Er sagt in vereinfachter Form, dass in jedem System eine Periode eintritt, in der es innerhalb dieses Systems keine Lösung für die Probleme gibt, die das System selbst erzeugt. Deshalb erfolgt automatisch der Übergang auf ein neues Niveau, die Schaffung jenes Systems, in dem die Probleme gelöst werden, die in diesem System unlösbar waren.

Portnikov. In der Politik, scheint mir, kann es auch zu Degeneration kommen. Es kann auch ein neues Niveau geben.

Kasparov. Ich spreche davon, dass insgesamt ein solcher Niveauanstieg stattfindet. Meiner Meinung nach befinden wir uns jetzt gerade in einer solchen Übergangsphase. Das ist so ein Phasenübergang. Im Großen und Ganzen funktionieren alle Komponenten der alten Welt nicht. Was ist die UNO heute? Nun, das ist eine Versammlung von Diktatoren, es ist einfach eine Schande, sich das anzusehen. Dort werden hauptsächlich die Resolutionen gegen Israel verabschiedet. Im Prinzip verstehen wir doch, wie das ist. Jeder verfolgt seine eigene Agenda.

Portnikov. Meiner Meinung nach geschieht das seit 80 Jahren, und niemand hat es bemerkt.

Kasparov. Bis 1991 löste die UNO immerhin die Aufgabe, das Risiko eines Atomkrieges zwischen der UdSSR und den USA zu minimieren. Nach 1991 wurde diese Funktion sinnlos. Deshalb ist die UNO heute ein bodenloses Loch, in dem eine Menge Geld verschwindet, und ihre Beschlüsse zu lesen – das ist zu viel.

Portnikov. Jetzt sprechen Sie wie Trump.

Kasparov. Was hat Trump damit zu tun, das verstehe ich nicht. Gott sei Dank habe ich viele dissidente Freunde. Schauen Sie sich an: Der Iran tritt dort in eine Kommission ein…

Portnikov. Für Menschenrechte, das ist einfach Wahnsinn.

Kasparov. Das ist in Wirklichkeit eine Parodie. Die meisten Institutionen, die heute existieren, funktionieren nicht. Das ist gerade diese klare historische Parallele: Wenn Institutionen aufhören zu funktionieren, entsteht eine Krise. Der Völkerbund funktionierte nicht – es kam zum Krieg. Tatsächlich gilt: Sobald ein System internationaler Beziehungen sich erschöpft, entsteht eine Krise, die leider immer tragisch durch Krieg gelöst wurde. Jetzt befinden wir uns im Grunde in einer Kriegsperiode. Und solche Kriege, wenn wir die Geschichte seit dem Dreißigjährigen Krieg nehmen, sind lang. Deshalb ist das fünfte Kriegsjahr – im Prinzip dauern diese Kriege, man nehme den Zweiten Weltkrieg, den sechs Jahre dauerte. Diese Kriege dauern lange, denn es muss sich ein neues Gleichgewicht bilden. Jetzt schaffen wir im Grunde ein neues Gleichgewicht.

In diesem Sinne hat Trump einen gewissen Nutzen, er ist ein Bulldozer. Ein Bulldozer räumt alles weg, aber im Prinzip räumt er das weg, was ohnehin nicht mehr funktioniert. Natürlich kann das auch tragisch sein, er kann auch ein Wohnhaus wegräumen, in dem Menschen wohnen. Aber im Prinzip war Trump in gewisser Weise unvermeidlich, weil das, was wir bei Obama und Biden gesehen haben, ein Versuch war, zu bewahren, was nicht funktionierte. Putin erhob sich doch real unter Obama, genau dann begann Putin außer Kontrolle zu geraten und roch Blut. Das war wieder der Versuch, zu bewahren, was nicht funktioniert.

Portnikov. Lassen Sie uns anschauen, was nicht funktioniert. Funktioniert die NATO oder funktioniert auch sie schon nicht mehr?

Kasparov. Was funktioniert nicht?

Portnikov. Die UNO funktioniert nicht. Funktioniert die NATO oder funktioniert sie nicht? Ich will verstehen, was nicht funktioniert.

Kasparov. Das habe ich schon in Halifax gesagt: Eine solche Organisation gibt es nicht. Es gibt sie einfach nicht. Nein. Deshalb sagte ich, als sie mit ihren 75 Jahren kamen: Das ist das Rentenalter, 75 Jahre, verstehen Sie? Einfach aus und vorbei.

Portnikov. Und die Europäische Union, funktioniert sie oder funktioniert sie nicht? Auch eine Frage.

Kasparov. Ja, sie funktioniert. Aber wiederum, wofür wurde sie geschaffen? Sie wurde unter Bedingungen geschaffen, in denen Europa vollständig auf irgendwelche militärischen Vorbereitungen verzichtet hatte. Die Europäische Union ist eine Organisation, die sich mit Finanzen, gesellschaftlich-sozialen Programmen befasst; selbst politisch ist es dort schon schwieriger, weil es Konsens gab. Militärisch, dieses Wort kannte man dort einfach nicht. Das Problem besteht darin, dass Europa jetzt innerhalb seiner eigenen Strukturen, die für Krieg nicht angepasst waren, umgebaut werden muss. Übrigens, es wird umgebaut. Es läuft ein Prozess der Formierung dessen, was Deutschland, Polen, die baltischen Staaten, die skandinavischen Länder zu tun versuchen. Und in Wirklichkeit reagiert Europa doch. Wiederum: Man hat der Ukraine einen Kredit gegeben, obwohl man natürlich alle russischen Gelder hätte nehmen müssen, aber nun, was soll man jetzt machen? Natürlich hat Belgien, mit Frankreich hinter seinem Rücken, riesige Interessen, alles klar. Und natürlich wurde laviert. Aber Merz hat den Kredit doch durchgedrückt, es wird Geld gegeben, die Ukraine kämpft, das heißt, Europa ist in diesem Fall aufgewacht. Das Potenzial ist doch da.

Portnikov. Das heißt, die europäischen Institutionen sind doch lebensfähiger als die euroatlantischen. Sie haben, ich versuche zu sagen, nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Kasparov. Deshalb wenden wir uns an Europa, weil es nur hier handlungsfähige Institutionen gibt. Und…

Portnikov. Sagen Sie mir bitte: Wenn Ihrer Meinung nach die NATO nicht funktioniert, welche Sicherheitsgarantien kann es dann in der Welt überhaupt für mittlere Staaten geben, von denen der Premierminister Kanadas, Michael Carney, sprach? Zelensky bespricht mit Trump die ganze Zeit Sicherheitsgarantien.

Kasparov. Das sind keinerlei Garantien. Hören Sie, in Budapest wurden alle Garantien gegeben. Alles, alles ist klar. Jetzt trollt der Iran die Amerikaner ironischerweise und sagt: „Ihr habt der Ukraine doch Garantien gegeben.“ Garantie bedeutet eine Veränderung der allgemeinen Situation in der Welt, in Wirklichkeit.

Portnikov. Das ist eine gute Antwort.

Kasparov. Heute hat die Ukraine die Geopolitik verändert. In Wirklichkeit, ich sage es ja, es findet die Schaffung eines neuen Koordinatensystems statt. Wie es aussehen wird, weiß ich nicht. Natürlich wird dafür eine nukleare Komponente nötig sein, aber die gibt es auch in Europa. Es würde mich nicht wundern, wenn morgen im Prinzip auch in Deutschland und Polen der Prozess der Schaffung einer solchen nuklearen Komponente beginnt. Ich hoffe, dass es dazu nicht kommt. Aber mir scheint, dass das Ergebnis des ukrainischen Krieges, das sich bereits abzeichnet und für Putin negativ sein wird, doch eine neue Sicherheitsstruktur schaffen muss; denn wenn Putin sein Potenzial verliert und Russland zusammenbricht, bleibt China.

Nun, bei China ist doch nicht alles so einfach. Alle sagen: Taiwan wird jetzt erobert. Aber dort gibt es ja nicht nur Amerika, dort gibt es unter anderem Japan. Und wir sollten nicht vergessen, dass es ein Land ist, das eine große Erfahrung mit den Chinesen hat, eine besondere. Und wie viel Zeit Japan brauchen wird, um eine Atombombe zu bauen, wenn es das will.

Portnikov. Einige Monate, denke ich.

Kasparov. Eben. Deshalb – wieder braunsche Bewegung, wieder, entschuldigen Sie, benutze ich diese Begriffe, Chaos – aber daraus zeichnen sich gewisse Konturen ab. Und wieder ist der Gravitationspunkt der Sammlung die Ukraine, der ukrainische Krieg; ich sage doch, er ist zur Hauptfront des weltweiten Kampfes von Freiheit und Tyrannei geworden. Mir scheint nur, dass dieser Krieg in Wirklichkeit auch mit dem Krieg im Nahen Osten verbunden ist. Hier ist es komplizierter, weil viele Menschen deswegen, wie man sagt, hysterisch werden. Aber im Prinzip, wenn man hinschaut, kämpft Israel mit derselben Koalition.

Portnikov. Die gegen die Ukraine kämpft.

Kasparov. Im Grunde sind die Feinde dieselben. Natürlich ist Russland heute dort weniger sichtbar, obwohl das von Anfang an, seit der Gründung dieser Organisation, der PLO, im Grunde alles Moskau war. Man hat sie 1964 in Moskau geschaffen.

Portnikov. Paradoxerweise wollen die Ukraine und Israel selbst nicht anerkennen, dass das hier bereits ein gemeinsames Problem ist; sie werfen es wie eine heiße Kartoffel hin und her.

Kasparov. Das erste Problem mit Israel ist das Problem Netanyahu. Und ich denke, dass er insgesamt ein gesondertes Thema ist; leider hat Israel einen Führer, der insgesamt auch andere Spiele spielt. Ich bin überzeugt, dass er in Trumps erster Amtszeit das Bindeglied zwischen Putin und Trump war. Und jetzt versucht er die ganze Zeit, irgendeine Zwischenvariante zu finden.

Portnikov. Löst es in Ihnen keinen inneren Schrecken aus, dass nun so große Hoffnungen auf die Vernunft der Länder gesetzt werden, die den Zweiten Weltkrieg verloren haben – Deutschland und Japan –, als Gegengewicht zum faktischen Fehlen von Vernunft bei den Siegerländern?

Kasparov. Vielleicht ist das eine neue Lehre der Geschichte, das ist paradox, aber ich sage ja, die Welt besteht überhaupt aus Paradoxien. Dass in der neuen Sicherheitskonfiguration in Asien und Europa Deutschland und Japan eine wichtige Rolle spielen können, das klingt natürlich für unsere Generation seltsam.

Portnikov. Seltsam, ja, aber das ist doch eine Tatsache.

Kasparov. Aber vielleicht liegt darin eine gewisse historische Logik. Das sind Länder, die gelitten haben und durch all das hindurchgegangen sind. Denn heute findet in Deutschland in Wirklichkeit eine Revolution des Bewusstseins statt. Generationen von Deutschen wurden darin erzogen, dass „wir im Prinzip schuldig sind“, dass Krieg schlecht ist, dass selbst Waffenproduktion ebenfalls sehr schlecht ist. Schon der Gedanke, dass deutsche Panzer irgendwann mit Russen in den ukrainischen Steppen kämpfen könnten, wäre nicht einmal in einen Science-Fiction-Film vorgekommen. Jetzt sehen wir in Wirklichkeit, dass in Deutschland eine vollständige Neubewertung stattfindet; ein Prozess läuft. Schmerzliche Prozesse, aber hier erscheint immer eine Möglichkeit, ein Spalt, wenn das System und dieser Phasenübergang stattfindet, es entstehen Spielräume. Deshalb meine ich, dass auch die radikalsten Ideen sich verwirklichen können, sich aber auch nicht verwirklichen können, aber man muss, wissen Sie, das historische Glück beim Schopf packen.

Portnikov. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch, Garry. Und ich hoffe, dass wir jedenfalls nach einiger Zeit sehen werden, inwieweit beliebige unerwartete Ideen rationale und realistische Formen annehmen können.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Россия после краха: план Каспарова |
Виталий Портников. 23.04.2026.

Autor: Vitaly Portnikov,Garry Kasparov
Veröffentlichung / Entstehung: 23.04.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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