Brandts Kniefall. Vitaly Portnikov. 21.12.2025.

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55 Jahre zuvor, im Dezember 1970, kniete der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt während eines Besuchs in Polen vor dem Denkmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto nieder.

Das war eine schockierende Geste, auf die buchstäblich niemand vorbereitet war – weder die Gäste noch die Gastgeber. Bis dahin hatte sich kein Politiker der Welt eine derart offene Reue erlaubt – zumindest nicht in der neueren Geschichte. Die deutsche Gesellschaft spaltete sich hinsichtlich der Geste Brandts fast in zwei Hälften, und dennoch unterstützte die Mehrheit diesen Schritt des Bundeskanzlers nicht. Zwei Jahre später aber gewannen die von Brandt geführten Sozialdemokraten die Parlamentswahlen souverän. Das deutsche Volk erkannte schließlich an, dass der Kanzler – ein entschiedener Antifaschist, der nach dem Zusammenbruch Hitlers in der Uniform der norwegischen Armee nach Deutschland zurückgekehrt war – durch seine unerwartete Entscheidung die deutsche Ehre rettete.

Weniger bekannt an diesem Besuch war die Unterzeichnung eines Vertrags durch Brandt und den polnischen Ministerpräsidenten Józef Cyrankiewicz, der die nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegten neuen Grenzen Polens anerkannte. Somit wurde Brandt der erste Nachkriegskanzler des neuen Deutschlands, der auf Revanchismus und Nostalgie verlorener Gebiete verzichtete – obwohl auf jenen Gebieten, anders als auf den ukrainischen Territorien, die Russland heute beansprucht, tatsächlich Deutsche bis zum Zweiten Weltkrieg gelebt hatten. 

Doch Brandt war überzeugt, dass eine zukünftige gutnachbarschaftliche Beziehung wichtiger sei als historische Nostalgie. Und das wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, als es zwischen der BRD und Polen gar keine gemeinsame Grenze gab: Sie entstand erst nach dem Verschwinden der Deutschen Demokratischen Republik von der politischen Weltkarte. Man kann daher sagen, dass Brandts Vertrag ein Dokument war, das nicht nur für die Polen, sondern auch für die zukünftige deutsche Einheit wichtig war – selbst wenn damals niemand davon zu träumen wagte.

Für mich persönlich wurde dieser Schritt Brandts zu einer Art „Tor nach Deutschland“ – sowohl als Land wie auch als Zivilisation. Ich gehöre zu einem vernichteten Volk. Und noch meine Großmütter erschraken, wenn sie die Laute der deutschen Sprache hörten – was für Menschen, die während des Holocaust ihre Eltern und Verwandten in den Schluchten der Ukraine verloren hatten, nicht verwunderlich ist. 

Doch Brandts mutige Entscheidung überzeugte mich – als ich natürlich davon erfuhr –, dass Deutsche, die sich schämten und bereit waren, gegen das Böse zu kämpfen, immer existiert hatten. Mehr noch: dass Reue für das Böse in Deutschland auf staatlicher Ebene möglich ist – und nicht nur im Gespräch mit einem zufälligen Bekannten.

Heute jedoch denke ich vor allem darüber nach, ob die Tat Brandts sich im russisch-ukrainischen Krieg wiederholen kann. Werden wir eines Tages einen russischen Präsidenten sehen, der in Butscha niederknien kann?

Ich habe erhebliche Zweifel. Die russische gesellschaftliche und politische Kultur erkennt weder Niederlagen noch Entschuldigungen an. Brandt verstand sehr wohl, dass seine Geste die Folge nicht nur einer politischen, sondern auch einer moralischen Niederlage Deutschlands war, sowie der Verbrechen, die Teil dieser Niederlage gewesen waren. Die Russen bemerken ihre Niederlagen nicht. Nicht etwa, weil es keine gäbe – aber Staat, Gesellschaft, Bildungswesen und Geschichtswissenschaft ignorieren sie konsequent. Und ohne ein Gefühl der Niederlage gibt es auch keine Reue: Wofür soll sich ein ewiger Sieger entschuldigen?

Außerdem ist der Kult des „heilsamen Bösen“ Teil dieser Kultur. Iwan der Schreckliche verwandelte den Moskauer Staat in ein degeneriertes Nest der Repression, gilt aber bis heute als einer der größten Monarchen. Dasselbe gilt für den paranoiden Peter I., der Hunderttausende in den Sümpfen von Sankt Petersburg verscharrte, und natürlich für Stalin. 

Die Einstellung zu Stalin ist überhaupt ein erstaunliches Stockholm-Syndrom. Der Mann, der Dutzende Millionen Russen ins Jenseits geschickt hat (und natürlich auch Nicht-Russen, aber sprechen wir jetzt über die Russen), ruft bis heute Bewunderung hervor. Und man soll nicht behaupten, das sei alles Putins Propaganda. Schon zu Sowjetzeiten, als die Macht diese Bewunderung einschränkte, konnten „einfache Leute“ Ihnen privat erzählen, wie wunderbar es unter dem Führer gewesen sei.

Menschen, die das gegen sie selbst gerichtete Böse tolerieren, können die Notwendigkeit, sich für anderen angetanes Böse zu entschuldigen, nicht verstehen. Daher der Holodomor – überall habe es doch Hunger gegeben! Daher die Aneignung der Krim – sie sei doch russisch, und die Krimtataren Verräter. Daher der große Krieg – man hätte eben die Minsker Vereinbarungen erfüllen sollen. Daher Butscha – eine Inszenierung und eine Aufführung. Man sollte daran erinnern, dass in Russland jahrzehntelang genau so über Katyn gesprochen wurde, wobei man die Verantwortung für Stalins Entscheidung, polnische Offiziere zu ermorden, den Deutschen zuschob – und nun kehrt man langsam zu dieser Version zurück.

Die Russen bitten nicht um Entschuldigung. Denn entschuldigen tun sich nur Schwächlinge und Verlierer. Sie haben sich für keines der von ihnen abgeschossenen Zivilflugzeuge entschuldigt – nicht einmal dann, als es notwendig gewesen wäre, um aus der Blockade der Beziehungen mit Aserbaidschan herauszukommen. Sich zu entschuldigen hätte eher im Interesse Putins gelegen, aber selbst da gab er nicht nach.

Also nein: Einen Präsidenten Russlands, der in Butscha niederknien könnte, werden wir nicht erleben. In einem autoritären Russland wird ein solcher Präsident es einfach nicht für möglich halten, sich zu „beugen“, und in einem demokratischen Russland würde man einen solchen Präsidenten schlicht nie wählen. Es geht nicht um Putin, sondern um die Gesellschaft, die ihn hervorgebracht hat.

Dann liegt die Entscheidung bei den Ukrainern. Nach dem Krieg – wann immer das Ende eintreten mag – können wir entweder neben einem Land koexistieren, das hartnäckig die schrecklichen Verbrechen, die am ukrainischen Volk verübt wurden, nicht sehen will und sich dieser Verbrechen sogar rühmen und sie romantisieren wird – „wie Afghanistan“. Oder wir grenzen uns endgültig von diesem Land ab und begreifen, dass irgendeine Versöhnung nur nach Reparationen und Reue möglich ist – und selbst dann nicht sofort.

Ich habe kaum Zweifel, dass die Mehrheit der Ukrainer sich für die erste Variante entscheiden wird. Doch ich würde dennoch die zweite empfehlen.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Брандт на колінах. Віталій Портников. 21.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 21.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Der Elefant im Raum. Vitaly Portnikov. 14.12.2025.

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Wenn ich auf die nächste westliche Verfilmung zum Thema des Nürnberger Prozesses stoße, überkommt mich jedes Mal eine unaussprechliche Scham.

Vom ersten klassischen Film des genialen Stanley Kramer – dem Streifen, in dem Spencer Tracy, Maximilian Schell und sogar die legendäre Marlene Dietrich auftraten – bis zur jüngsten Verfilmung von James Vanderbilt mit Russell Crowe und Rami Malek zieht sich ein zentrales Motiv: der Triumph der Demokratie in der Verurteilung des nationalsozialistischen Bösen, mutige und ehrliche amerikanische Richter, die das Urteil über das Böse und seine Hauptvollstrecker fast als biblische Mission begreifen.

Dass im Sitzungssaal des Tribunals Amerikaner Seite an Seite mit sowjetischen Kollegen saßen, wird im Westen entweder vergessen oder schlicht nicht wahrgenommen. Das ist jener Elefant im Raum, den man lieber gar nicht erwähnt. Im jüngsten Film „Nürnberg“ wird nur beiläufig erwähnt, dass es Präsident Harry Truman gelungen sei, den sowjetischen Führer Josef Stalin von der Durchführung eines solchen Tribunals zu überzeugen. Kein einziger sowjetischer Richter oder Staatsanwalt erscheint im Bild – nur Amerikaner oder Briten. Allerdings gehen die Autoren den sowjetischen Richtern auch nicht aus dem Weg. Es ist ein Film der Trump-Ära, ein Warnfilm: Die Vereinigten Staaten können ebenso unter den Einfluss des Faschismus geraten wie jedes andere Land.

Es bleibt nur zu verstehen, warum.

Der gemeinsame Kampf der Alliierten gegen den Nationalsozialismus, wie wir wissen, endete nicht sofort nach dem Sieg. Nürnberg wurde zur Fortsetzung dieser Zusammenarbeit und wurde von Stalin meisterhaft genutzt, um seine eigenen Verbrechen zu rehabilitieren. Ein unaussprechliches Böses verurteilte ein anderes – und Amerikaner, Briten und Franzosen erwiesen sich als Statisten in diesem stalinistischen Spiel.

Ja, die westliche Justiz wurde in Nürnberg tatsächlich von würdigen Menschen vertreten, über die Bücher geschrieben und Filme gedreht wurden. Über die sowjetischen Teilnehmer des Prozesses weiß man in der Welt weit weniger. Kurz gesagt: Es waren echte Henker und Mörder, Beteiligte an massenhaften Verbrechen und Hinrichtungen.

Mitglied des Tribunals von Seiten der Sowjetunion war General Iona Nikitschenko, eine fast literarische Figur, über die der sowjetische Klassiker Dmitri Furmanow in seinem Buch „Der Aufstand“ über die Niederschlagung bäuerlicher Aufstände schrieb. Der „stille Iona“, wie Furmanow ihn nannte, verurteilte nahezu die gesamte ehemalige oberste Führung der UdSSR zum Tode – Grigori Sinowjew, Lew Kamenew, Jan Rudsutak, Pawel Dybenko und andere. Natürlich handelte es sich um fabrizierte Anschuldigungen, doch mit einer derart blutigen Ernte konnte sich damals jeder sowjetische Richter brüsten. Nikitschenko „zeichnete sich“ dadurch aus, dass er Todesurteile … per Telegraph verkündete – er verdammte Hunderte von Menschen einfach per Telegramm zum Tod, Menschen, die er nicht einmal gesehen hatte, geschweige denn deren Akten gelesen! Wegen übermäßiger Grausamkeit erhielt der General selbst in stalinistischen Zeiten Rügen. Und genau dieser Mensch richtete über Hermann Göring oder Ernst Kaltenbrunner – Verbrecher, von denen er sich höchstens durch die Farbe der Uniform unterschied.

Der wichtigste sowjetische Ankläger im Prozess war der Staatsanwalt der Ukrainischen SSR und spätere Generalstaatsanwalt der Sowjetunion Roman Rudenko. Wie Nikitschenko war auch Rudenko ein raffinierter Metzger – er tötete Angeklagte mit seinem eigenen Revolver. Rudenko, Staatsanwalt des Gebiets Donezk, zerstörte den Donbas buchstäblich und beraubte die Region sogar ihrer Elite aus der postrevolutionären Zeit (und die Früchte seiner „Erfolge“ ernten wir bis heute). Dabei amtierte dieser Mann – mit Blut an den Händen – als Generalstaatsanwalt, sowohl unter Chruschtschow als auch unter Breschnew und leitete sogar den Prozess der Rehabilitierung der Opfer von Repressionen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Göring, hätte man ihn nicht verurteilt, sondern ihm erlaubt, Deutschland zu regieren, genau dasselbe getan hätte.

So wurde der Nürnberger Prozess, der in einem speziellen überrechtlichen Verfahren zur Verurteilung nationalsozialistischer Verbrecher organisiert wurde, zugleich zum Triumph bolschewistischer Verbrecher. Die Welt sah, dass man millionenfach töten kann – und später ungerührt auf dem Richterstuhl sitzen und jene zum Tode verurteilen, die analoge Verbrechen begangen hatten.

Darin lag tatsächlich die wichtigste Lehre von Nürnberg: Es geht nicht um Verbrechen und Werte, sondern darum, wer siegt. Wären Hitlers und Mussolinis Verbündete im Krieg die Partner Roosevelts und Churchills gewesen, würde ich einen Petersburger Prozess mit Stalin und Molotow auf der Anklagebank nicht ausschließen – und ehrliche amerikanische Richter würden vor Beginn der Sitzungen den Nationalsozialisten die Hände schütteln. Fantasmagorie? Aber worin unterscheidet sich Molotow von Ribbentrop, Beria von Himmler, Rosenberg von Schdanow? In nichts.

Gerade die Straflosigkeit des Bösen, mehr noch – sein Triumph, seine Popularität und seine Fähigkeit, sich nicht zu verteidigen, sondern andere zu verurteilen –, hat gezeigt, dass ein Psychopath und Mörder für den Erfolg einfach nur einen anderen Psychopathen besiegen muss. Genau das hat die Rückkehr des Wahnsinns auf die politische Bühne in unserer Zeit begünstigt – denn anders konnte es gar nicht sein.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Слон у кімнаті. Віталій Портников. 14.12.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 14.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Skandalöse Wahl von Merz | Vitaly Portnikov. 06.05.2025.

Der Vorsitzende der deutschen Christdemokraten, Friedrich Merz, wurde im zweiten Wahlgang zum Bundeskanzler gewählt, als seine Kandidatur im Bundestag zur Abstimmung gestellt wurde, wo die gerade erst gebildete Große Koalition aus Christdemokraten und Sozialdemokraten eine unbestreitbare Mehrheit hat. Es stellte sich heraus, dass Merz nur wenige Stimmen fehlte, um das Amt des Kanzlers zu übernehmen.

So etwas hat es in der politischen Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Beobachter, die sich an die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erinnern, erinnerten sich sofort an die erste Wahl des Bundeskanzlers, als Konrad Adenauer seine eigene Stimme abgeben musste, damit seine Kandidatur den Bundestag passieren konnte. Aber damals reichten die Stimmen. Und so mussten die deutschen Politiker fieberhaft nach einem schnellen Ausweg aus der entstandenen Situation suchen.

Nach geltendem Recht konnte der Bundestag nach der ersten gescheiterten Abstimmung erst einige Tage später, am Freitag, erneut darüber abstimmen. Und so wäre das Land ohne eine neu gebildete Regierung geblieben.

Übrigens gab niemand eine Garantie, dass Friedrich Merz auch im zweiten Wahlgang gewinnen würde. Im dritten Wahlgang wäre der Erfolg sicher gewesen, denn für den Gewinn in diesem Wahlgang braucht der Kandidat nur eine einfache Mehrheit.

Aber das wäre natürlich ein ziemlich schwerer und demütigender Start für den neuen Chef der deutschen Regierung gewesen.  Dass aus der Situation sofort herausgekommen werden musste,

waren sich praktisch alle einig, sowohl Vertreter der Koalition als auch Vertreter der Opposition. Es fanden sich Stimmen, um die geltenden Regeln für die Abstimmung über die Kandidatur des Bundeskanzlers zu ändern. Deshalb konnte die wiederholte Abstimmung bereits wenige Stunden nach dem Scheitern von Friedrich Merz stattfinden, und er erhielt schließlich das gewünschte Ergebnis und leistete seinen Amtseid als neuer Bundeskanzler Deutschlands. 

Es ist jedoch offensichtlich, dass die Erinnerung an dieses erste Scheitern für immer ein wichtiger Bestandteil nicht nur seiner politischen Karriere bleiben wird, sondern auch der deutschen Geschichte selbst, die die erste Niederlage eines Kanzlers in einer Koalition erlebte, die scheinbar keine Probleme mit der Abstimmung über einen neuen Regierungschef haben sollte.

Doch schon vor der Wahl von Friedrich Merz wurde von schweren internen Konflikten in der CDU gesprochen, wo die Figur des Bundeskanzlers, der an die Macht in der Partei kam, vor dem Hintergrund ziemlich langwieriger innerparteilicher Spannungen der letzten Jahrzehnte, nicht jedem zusagt. Denn die ganze Zeit, als Angela Merkel die Bundesregierung und die CDU führte, war Friedrich Merz in der Politik überhaupt nicht aktiv.

Ein Grund, gegen Friedrich Merz zu stimmen, könnte auch bei einigen Abgeordneten der SPD bestanden haben, die dem neuen Regierungschef möglicherweise nicht verziehen haben, dass seine Partei bei einer der Abstimmungen im Bundestag die Dienste der rechtsextremen Alternative für Deutschland in Anspruch genommen hat.

Dadurch wurde die unsichtbare Mauer zwischen dieser rechtsextremen Partei, die verzweifelt von Trumpisten unterstützt wird, und dem gesamten demokratischen politischen Kräftefeld Deutschlands zerstört. Ein Kräftefeld, das übrigens auch ziemlich seltsam ist, da auch die Linke eine Rolle spielt, die die Nachfolge der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands antrat, die in den Ostgebieten des Landes während des Bestehens der pro-sowjetischen Deutschen Demokratischen Republik regierte.

Daher werden wir wahrscheinlich in den nächsten Jahren nicht erfahren, wer im ersten Wahlgang nicht für Friedrich Merz gestimmt hat – ob seine Parteifreunde, die mit der Figur des Parteivorsitzenden unzufrieden sind, oder Koalitionspartner aus der SPD. Aber es ist klar, dass Friedrich Merz bereits bei seiner Wahl eine gewisse Schwäche der Unterstützung gezeigt hat seitens derer, die die Stütze der neuen Bundesregierung sein sollten. 

Deshalb müssen diejenigen, die von einem neuen starken Kanzler Deutschlands sprechen, die tatsächlichen politischen Möglichkeiten von Friedrich Merz im neuen Bundestag realistisch einschätzen. Und sich nicht wundern, wenn sich der neue Regierungschef in vielen Ansätzen zu Grundsatzfragen als deutlich vorsichtigerer Politiker erweist, als es aus seinen Reden und Erklärungen hervorgeht.

Und von Friedrich Merz wird jetzt viel erwartet, und zwar, dass Deutschland eine treibende Kraft bei der Aufrüstung Europas werden und zusammen mit Frankreich und Großbritannien eine Linie von Staaten bilden wird, die die Sicherheit des europäischen Kontinents gewährleisten können, falls die Vereinigten Staaten unter Donald Trump endgültig auf ihre Rolle als Garant für die Sicherheit der europäischen Länder in ihrem Widerstand gegen die russischen Ambitionen verzichten. 

Und natürlich muss Deutschland auch im Hinblick auf die Aufrüstung der Europäischen Union eine entscheidende Rolle spielen, indem es in seinen eigenen militärisch-industriellen Komplex investiert, der noch nicht einmal einen Teil seines möglichen Potenzials erreicht hat.

Und natürlich erwartet man von Deutschland eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der Ukraine im andauernden russisch-ukrainischen Krieg, da es offensichtlich wird, dass der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, zumindest derzeit ein offensichtliches Fiasko in seinen Versuchen erlitten hat, den russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht einmal dazu zu bewegen, den Krieg mit der benachbarten Ukraine zu beenden, sondern zumindest einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front über einen ausreichend langen Zeitraum zu erklären, der für die Suche nach einem aus Sicht des Kremls nicht existierenden Weg zu Frieden notwendig ist.

Kurz gesagt, das ist nur der außenpolitische Teil der Aufgaben, und es gibt auch schwierige innenpolitische Probleme der Bundesrepublik, mit denen die rechtpopulistische Alternative für Deutschland erfolgreich spekuliert, die, wie ich bereits sagte, jetzt auch die Unterstützung amerikanischer Rechtsextremer genießt, die die ersten Monate des Aufenthalts von Donald Trump im Weißen Haus genießen und ihr Bestreben nicht verbergen, Europa nach dem Vorbild der trumpistischen Amerika umzugestalten, oder, um es einfacher auszudrücken, nach dem Vorbild des Europas der schrecklichen dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts.

Wenn all diese Probleme keine Lösung finden, wenn keine Führungspersönlichkeiten gefunden werden, die das Ausmaß der Gefahr verstehen, die für den europäischen Kontinent zwischen Donald Trump und Wladimir Putin entstanden ist, dann erwarten Europa natürlich schwierige Zeiten. Und Mäßigung und Vorsicht, auch wenn man nicht genügend Kräfte im Bundestag hat, sind hier, gelinde gesagt, keine guten Ratgeber. 

Gipfel der „Koalition der Entschlossenen“: Ergebnisse | Vitaly Portnikov. 27.03.2025.

Das heutige Treffen ist ein Eiltermin, gewidmet den Ergebnissen des Gipfels der Koalition der Entschlossenen, der in der französischen Hauptstadt stattfand, unter Beteiligung der Staats- und Regierungschefs westlicher Staaten, unter Beteiligung des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky, aber ohne Beteiligung von Vertretern der Vereinigten Staaten. Und das ist ein Format, das wir bereits mehrfach beobachtet haben, sowohl während des vorherigen Gipfels in Paris als auch während des Gipfels in London. Aber jetzt kann man sagen, dass dies bereits ein eher institutionalisiertes Format der Unterstützung der Ukraine ist.

Dieses Format kann eine Alternative sein, falls die Vereinigten Staaten unter der Führung von Donald Trump irgendwann beschließen, die militärische Unterstützung der Ukraine aufzugeben und den Austausch von Geheimdienstinformationen mit unserem Land einzustellen. Wenn Donald Trump einfach den Appetit verliert, den Prozess der Suche nach Wegen zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges abzuschließen. Bereits jetzt spricht der amerikanische Präsident davon, dass er gesehen hat, dass Wladimir Putin Zeit bei der Lösung des Konflikts verzögert, und dies kann auch aus der Sicht von Leuten wie Trump doppelten Konsequenzen haben.

Einerseits muss man möglicherweise stärker auf Putin drücken, andererseits muss man möglicherweise zu dem Schluss kommen, dass es keine großen und schnellen Erfolge bei der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges geben wird. 

Die ersten großen Pressekonferenzen der beiden Führer, die man als Motor dieser Entschlossenen Koalition bezeichnen kann, haben bereits stattgefunden, das ist der Präsident der Französischen Republik Emmanuel Macron und der britische Premierminister Keir Starmer. Welche wichtigsten Schlussfolgerungen kann man ziehen, bevor man ausführlich über diese Äußerungen des französischen Präsidenten und des britischen Premierministers berichtet? 

Erstens: Die Europäische Union beabsichtigt nicht, Sanktionen gegen die Russische Föderation aufzuheben, den Druck auf die Russische Föderation zu verringern, mehr noch, es könnte sogar um eine Verschärfung der europäischen und britischen Sanktionen gehen.

Warum ist das wichtig? Denn in diesen Verhandlungen zwischen der russischen und der amerikanischen Delegation, die erst im Rahmen von Telefongesprächen zwischen den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation, und später auch in dem Format, in dem sich amerikanische und russische Beamte zweimal in Riad trafen, stattfand, begann Russland, von den Amerikanern zu verlangen, dass sie die Sanktionen gegen Moskau aufheben. Und unter diesen Sanktionen spielen die Sanktionen, die von der Europäischen Union verhängt wurden, die Hauptrolle. Zum Beispiel geht es um Sanktionen im Zusammenhang mit der Aufhebung des Zugangs zu SWIFT für die Rossselchosbank, die wichtigste russische Institution, die sich gerade mit finanziellen Operationen im Bereich der Landwirtschaft befasst, aber durch die, wie wir verstehen, Russland auch andere finanzielle Interessen fördern kann.

Und dieser Punkt bezüglich der russischen Forderungen wurde zu einem der Punkte zur Erreichung einer Einigung über einen Waffenstillstand am Schwarzen Meer. Ich verstehe bis zum Ende nicht ganz, warum jetzt die Schwarzmeer-Getreideinitiative wieder aufgenommen werden soll und so den Russen die Möglichkeit zur Kontrolle von Handelsschiffen gegeben wird, die in ukrainische Häfen fahren, unter dem Vorwand der Kontrolle, ob sie keine militärischen Güter befördern. Wir erinnern uns, dass, als diese Schwarzmeer-Getreideinitiative funktionierte, die Russen künstlich eine riesige Warteschlange für den Zugang zu ukrainischen Häfen geschaffen haben, wodurch die Entwicklung der ukrainischen Wirtschaft gebremst wurde. Es geht nicht um Fracht, wie wir verstehen, sondern um den Wunsch, irgendwie auf die ukrainischen wirtschaftlichen Möglichkeiten zu reagieren.

Und die Europäer sagten am Tag nach den Verhandlungen in Riad klar, dass keine Sanktionen gegen die Russische Föderation gelockert werden können, bis die russischen Soldaten das souveräne Territorium der Ukraine verlassen haben. Und das wurde heute auf diesem Gipfel bestätigt. 

Ein zweiter sehr wichtiger Punkt ist, dass der Kontingent der Europäer auf ukrainischem Boden nicht ausgeschlossen, sondern eher umformatiert wurde, und er wird weiterhin diskutiert, und darüber sprachen auch der französische Präsident und der britische Premierminister.

Die dritte Idee ist, dass die Europäer Russland zu echten Verhandlungen auffordern werden, wobei sie auch die These von Präsident Trump verwenden, dass Russland die Verhandlungen in die Länge zieht. 

Der vierte Punkt ist, dass die Abwesenheit der Vereinigten Staaten nicht bedeutet, dass die Vereinigten Staaten nicht über den Verlauf der Ereignisse auf solchen Treffen informiert werden. Vor dem Gipfel in Paris führte der französische Präsident Emmanuel Macron ein Telefongespräch mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, und dies ist bereits ein sehr wichtiger Punkt.

Dass jede Aufhebung von Sanktionen gegen Russland von den Verbündeten der Ukraine ausgeschlossen wird, sagten sowohl der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky als auch der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz, der dieses Amt bald an den neuen Chef der deutschen Regierung Friedrich Merz übergeben wird, der Russland gegenüber härter eingestellt ist als Scholz. Das ist, was die Führer Frankreichs und Deutschlands sagten.

Emmanuel Macron betonte, dass die Situation, obwohl sie sich derzeit in einer entscheidenden Phase befindet und Verhandlungen begonnen haben, das Ziel der Europäer absolut klar ist: Frieden zu gewinnen und die Ukraine in die beste Verhandlungsposition zu bringen. Und auch sicherzustellen, dass der durch Verhandlungen erzielte Frieden für alle Europäer solide und dauerhaft ist. Das ist die gemeinsame Schlussfolgerung der Vertreter von einunddreißig Ländern, die sich zusammen mit dem NATO-Generalsekretär getroffen haben, um diese Entschlossene Koalition zu bilden. Macron betonte, dass die Ukraine die Möglichkeit und den Mut hatte, die Idee eines vom amerikanischen vorgeschlagenen dreißigtägigen Waffenstillstands zu akzeptieren. Nach dieser ukrainischen Entscheidung gab es keine wirkliche Antwort Russlands, sondern neue Bedingungen für einen teilweisen Waffenstillstand, mit gleichzeitig stattfindend  stärkeren Angriffen. Macron teilte mit, dass er und Starmer diese Koalition der Unterstützer der Ukraine gemeinsam koordinieren werden, dass die Zahlungen zur Stärkung der ukrainischen Armee erhöht werden und die Sanktionen gegen Russland beibehalten werden.

Die Verbündeten wollen es der Ukraine finanziell ermöglichen, den Kauf von Artilleriemunition zu erhöhen, es wird  deutlich betont, was in der Situation im Zusammenhang mit weiteren Maßnahmen geschehen wird, die die Sanktionen gegen Russland verschärfen sollen. Und was die Friedenstruppen, die er als Kräfte zur Beruhigung der Lage bezeichnet, betrifft, betonte er, dass diese Kräfte an bestimmten strategischen Orten stationiert werden können, die im Voraus mit den Ukrainern vereinbart wurden, falls ein Waffenstillstand erzielt wird. Diese Kräfte werden keine Friedenstruppen sein, sie sind nicht dazu bestimmt, an der Frontlinie präsent zu sein und nicht dazu bestimmt, die ukrainische Armee zu ersetzen.

Diese Kräfte sollen die langfristige Unterstützung kennzeichnen und eine abschreckende Wirkung gegen eine mögliche russische Aggression haben. Falls es keine Einigkeit der Länder der Koalition der Entschlossenen in dieser Frage gibt, werden dies nur Kräfte weniger Mitgliedstaaten der Koalition sein. 

Der französische Präsident sagte, er habe festgestellt, dass die Teilnehmer solcher möglichen Kräfte zwar die amerikanische Unterstützung für den europäischen Einsatz in der Ukraine wünschen, aber auch ein Szenario ohne Washington vorbereiten wollen, auch wenn sie die Vereinigten Staaten weiterhin als zuverlässigen Verbündeten betrachten werden.

Und noch eine interessante Erwartung in dieser Replik. Der französische Präsident hofft, dass der Chef der Volksrepublik China eine sehr aktive Rolle zugunsten des Friedens in der Ukraine spielen kann. Das ist eine Aussage, die, wie ich sagen würde, darauf hinweist, dass die Vorstellung, dass die Europäer unbedingt die Anwesenheit der Amerikaner, die amerikanische Unterstützung, sogar die logistische Unterstützung, fordern werden, nicht mehr die wichtigste für die Bildung solcher Kräfte ist. Und wenn es keine Friedenstruppen sind, muss man sich dessen auch bewusst sein, brauchen sie keine Zustimmung Russlands.

Um solche Kräfte zu stationieren, genügen die Ukraine und die Zustimmung der Ukraine zur Bereitschaft dieser Länder, die an einer solchen Koalition teilnehmen werden. 

Über Sanktionen. Macron betonte, dass jetzt nicht die Zeit für die Aufhebung von Sanktionen ist und dass für deren Aufhebung eine endgültige friedliche Regelung erzielt werden muss. Somit stimmen die Europäer, soweit ich verstehe, der amerikanischen Idee nicht zu, dass für jede, selbst noch so kleine Konzession an den Kreml mit einer teilweisen Aufhebung von Sanktionen bezahlt werden muss. Mehr noch, die Teilnehmer dieser Koalition der Entschlossenen haben sich darauf geeinigt, den Druck auf Russland, auch auf seine Tankerflotte, aufrechtzuerhalten und zu verstärken. 

Ich möchte daran erinnern, dass die Sanktionen gegen die Tankerflotte der Russischen Föderation die Abschiedssanktionen des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Joseph Biden, waren, man könnte sagen, sein Abschiedsgeschenk an die Ukraine, für die er in diesen drei Jahren des großen russisch-ukrainischen Krieges so viel getan hat. Aber jetzt kann man sagen, dass Russland seine Öllieferungen nach China und Indien wieder aufgenommen hat. Es liefert derzeit eine beispiellos große Menge Öl an die Länder des globalen Südens. Die größte, kann man sagen, historisch gesehen. Es hat die Vereinigten Arabischen Emirate bei den Öllieferungen nach Indien überholt und nimmt den ersten Platz bei den Öllieferungen in dieses Land ein. Und dies erhöht natürlich den russischen Haushalt und die russischen Währungsreserven, die, wie jetzt betont wird, 650 Milliarden Dollar erreicht haben. Das ist eine beispiellos hohe Zahl für die Fortsetzung des Angriffskrieges gegen die Ukraine und die Umwandlung dieses Krieges in einen langwierigen Krieg. So gesehen, sind neue Sanktionen, neue Schläge gegen die Tankerflotte der Russischen Föderation ein wichtiger Teil dieses Kampfes. 

Dann die Sicherheitsgarantien, die aus Macrons Sicht unter drei wichtigen Bedingungen, auf drei Säulen, gewährleistet werden müssen. Erstens: eine starke ukrainische Armee mit einer gemeinsamen französisch-britischen Mission, die nach Kyiv fahren soll, um zu verstehen, welche Bedürfnisse die ukrainische Armee hat und was getan werden kann, um sie weiter zu unterstützen. Also, eine solche französisch-britische Mission wird gebildet, und ihre Vertreter werden bald in der ukrainischen Hauptstadt sein. Zweitens: Friedenstruppen, die, wie ich bereits erwähnt habe, nicht an der Konfliktlinie stationiert werden, sondern Unterstützung in strategischen Gebieten und Regionen der Ukraine anbieten. Und drittens: ein breiterer Schub zur Wiederaufrüstung Europas und die Darstellung einer europäischen Sichtweise auf den Frieden, einschließlich der Forderungen in allen Friedensverhandlungen, die auch eine Antwort auf die Erfolge Russlands in den letzten Jahren sein werden, einschließlich des Aufbaus zusätzlicher russischer Truppen, einschließlich atomarer, wie wir wissen, auf dem Gebiet der Republik Belarus. Das ist so eine Idee.

Macron antwortete auf die Worte des amerikanischen Vermittlers Steve Witkoff, der sich zweimal mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen hat und es nicht gescheut hat, in seinen Äußerungen in Interviews mit rechtsextremen amerikanischen Propagandisten die Narrative der russischen Propaganda über Europa zu wiederholen. Und wir wissen, dass es dort ziemlich ernsthafte Bemerkungen von Witkoff gab, dass Europa überhaupt nicht in der Lage sei, irgendeine Sicherheit mit seinem Potenzial zu gewährleisten.

Macron sagte deutlich: „Wir müssen auf das Beste hoffen, aber uns auf das Schlimmste vorbereiten“. Das ist im Allgemeinen jetzt die Haltung der zivilisierten Welt gegenüber der rechtsextremen und wirtschaftlich arroganten Administration von Donald Trump. Zu hoffen, dass sich die Vereinigten Staaten den europäischen Friedenstruppen anschließen, aber in gleichem Maße müssen die Europäer wissen, was zu tun ist, wenn dies nicht der Fall ist.

USA. Macron nennt die Vereinigten Staaten natürlich einen zuverlässigen Verbündeten, lobte erneut die Initiativen von Präsident Trump zur Beendigung des Krieges, räumt aber ein, dass die Positionen der Vereinigten Staaten und Frankreichs in Bezug auf die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges abweichen können, was nicht bedeutet, dass Europa nicht in der Lage sein sollte, seine eigenen Interessen zu schützen. Macron, wie ich Ihnen zu Beginn unseres heutigen Gesprächs erzählt habe, sprach vor dem Gipfel in Paris mit Donald Trump und teilte mit, dass er in den nächsten Stunden wieder mit dem amerikanischen Präsidenten sprechen wird, da er der Ansicht ist, dass, wenn Russland dem Vorschlag der Vereinigten Staaten für einen dreitägigen Waffenstillstand nicht zustimmt, dies den Vereinigten Staaten ein realistisches Bild davon vermitteln wird, wie die wahre Position Russlands ist.

Nun wende ich mich an die Erklärungen des britischen Premierministers Keir Starmer, ebenfalls sehr wichtige Erklärungen. Starmer sagte, dass Russland die Verhandlungen künstlich in die Länge zieht, wobei er sich erneut mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump einig ist, dass es mit dem Waffenstillstand spielt. Starmer erinnerte daran, dass, nachdem die Ukraine einem sofortigen dreißigtägigen Waffenstillstand zugestimmt hatte, ich möchte Sie noch einmal daran erinnern, dass dies eine amerikanische Initiative war, Russland dieses Angebot unbeantwortet lässt und die Bombardierung der Ukraine verstärkt. Und als es um die Wiederaufnahme der Schwarzmeer-Initiative ging, stellte Russland neue Bedingungen und Verzögerungen auf, die Präsident Trump richtig charakterisierte. „Wir haben uns in Paris darauf geeinigt, dass es klar ist, dass die Russen Zeit gewinnen wollen“. Starmer nannte dies einen Filibuster, dies ist ein bekannter Trick im amerikanischen Senat, wenn Debatten in die Länge gezogen werden, um keine Entscheidung zu treffen. „Sie spielen Spiele und gewinnen Zeit. Das ist Klassiker aus Putins Lehrbuch, aber wir können es ihm nicht erlauben, die Verhandlungen so lange hinauszuzögern, wie sie ihr illegales Eindringen fortsetzen.“

Starmer teilte mit, dass der britische Verteidigungsminister später ein neues Treffen der Kontaktgruppe für Verteidigungsfragen der Ukraine leiten wird. Und das wird bereits am 11. April sein, um mehr militärische Hilfe zu ermöglichen und die Ukraine bei der russischen Aggression zu unterstützen. „Nach Kyiv werden französische, britische und deutsche Generalstabschefs, möglicherweise Verteidigungsminister, kommen, um zu besprechen, wie die ukrainische Armee in Zukunft unterstützt werden kann. Europa, das zusammen mobilisiert und den Friedensprozess unterstützt, und es mobilisiert sich in einem Ausmaß, das wir seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben, mit der Unterstützung von Partnern aus der ganzen Welt. Wir sind entschlossen, einen gerechten und soliden Frieden zu sichern, denn wir wissen, dass er für die Ukraine und Europa insgesamt lebenswichtig ist. Und lebenswichtig für Großbritannien.“

Ich glaube, dass weder Wladimir Putin noch Donald Trump eine solche Reaktion der Europäer erwartet haben, und beide kühnen Präsidenten werden sich mit dieser unerwarteten Realität auseinandersetzen müssen.

Als er darüber sprach, wie die russisch-europäische Operation zur Unterstützung der Ukraine aussehen wird, sagte Starmer, dass er keine starre Frist setzen wolle, aber man müsse sehen, wie sich dies in den nächsten Tagen und Wochen und nicht in Monaten entwickeln wird. Und es muss zu dieser Operation übergegangen werden, wobei die wichtigste Aufgabe darin besteht, auf die Umsetzung eines Friedensabkommens vorbereitet zu sein, wie auch immer seine genaue Form aussehen mag.

Starmer stimmte Präsident Trump zu, der einen soliden Frieden in der Ukraine wünscht, aber was sich unterscheidet, ist, ob die Europäer bereit sind, einzugreifen und die Frage zu beantworten: wenn es dieses Mal eine Vereinbarung gibt, warum wird die einen soliden Frieden garantieren, wenn die vorherigen Vereinbarungen in der Vergangenheit nicht eingehalten wurden. „Und jetzt gibt es eine wichtige politische Führung, die das stärkste Europa seit sehr langer Zeit zeigt. Wenn wir diese Führung, unterstützt durch operative Pläne, sicherstellen können, dann ist dies die beste Chance, das Ergebnis zu erzielen, das wir alle wollen.“

Mehr noch, Starmer sagt sogar, dass das britische Parlament die Entscheidung über den Einsatz britischer Truppen in der Ukraine ratifizieren könnte. „Wenn wir uns in irgendeinem Szenario langfristig einsetzen, muss das Parlament ein Wort dazu haben.“- sagt Starmer. Er betont, dass die Situation noch nicht in diesem Stadium ist, aber jetzt ist gerade die Phase der Umwandlung des politischen Impulses in operative Pläne, wobei verschiedene Optionen geprüft werden um dann mit den Führern der Streitkräfte zur nächsten Arbeit überzugehen.

Das sagt sehr viel aus, denn wie Sie verstehen, wenn die Initiative bereits an das Parlament weitergegeben wird, ist dies eine sehr wichtige Änderung der Stimmung der europäischen Führer, die gesetzgeberische Entscheidungen, gesetzgeberische Genehmigungen, die Möglichkeit des Einsatzes europäischer Truppen in der Ukraine von den dazu bereiten Länder. Und Starmer spricht erneut über die führende Rolle Frankreichs und Großbritanniens. „Eine ganze Reihe von Ländern haben mich und Macron gebeten“, sagt Starmer, „die führende Rolle zu übernehmen, und sie werden sich auf das Vorantreiben dieser Bemühungen und die nächsten Phasen konzentrieren“.

Das ist eine Botschaft an Putin, dass dies ein Friedensabkommen sein wird, wenn es zustande kommt, das geschützt wird. Das ist auch ein sehr wichtiger Punkt. 

Starmer wurde übrigens nach der französischen und britischen nuklearen Abschreckung gefragt. Es ist bekannt, dass derzeit viele europäische Länder darüber sprechen, dass diese nukleare Abschreckung eine Alternative zur amerikanischen sein könnte. Starmer ist vorsichtiger als der Präsident Frankreichs, Emmanuel Macron, der bekanntermaßen vorgeschlagen hat, französische Atomstreitkräfte auf dem Gebiet anderer Länder zu stationieren. Starmer sagt, dass das nukleare Potenzial Großbritanniens bereits für die NATO verwendet wird, aber es sei wichtig und gut für die Verteidigung und Sicherheit Europas, wenn Frankreich und Großbritannien in Fragen der Verteidigung und Sicherheit eng zusammenarbeiten. 

Ich möchte daran erinnern, dass wir über den Gipfel der Koalition der Entschlossenen sprechen, der in Paris zu Ende gegangen ist. Ein sehr wichtiges Ereignis für die Ukraine, denn Teilnehmer dieses Gipfels war auch der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky. Wir sprechen mit ihnen in den ersten Minuten, nachdem dieser Gipfel zu Ende gegangen ist und die Pressekonferenzen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron und des britischen Premierministers Keir Starmer stattgefunden haben, die die wichtigsten, würde ich sagen, Motoren dieses Treffens waren. Und Sie wissen, dass die vorherigen Gipfel, die schließlich zur Gründung dieser Koalition der Entschlossenen führten, eine große Überraschung für den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, und für den russischen Präsidenten Putin waren, und man kann sagen, dass sie ihre Pläne in Bezug auf die Sichtweise, wie sich die Situation entwickeln wird, wie die europäische Reaktion aussehen wird, etwas verändert haben.

Gerade in diesem Moment hat die Pressekonferenz des ukrainischen Präsidenten begonnen. Was sagt Volodymyr Zelensky auf dieser Pressekonferenz? Er sagt, dass es wichtig ist, dass keine Sanktionen gegen Russland aufgehoben werden, bevor ein gerechter Frieden vereinbart ist. Und der ukrainische Präsident begrüßte neue Unterstützungspakete für die Ukraine.

Sie wissen, dass selbst während des Aufenthalts des ukrainischen Präsidenten in Paris, während seiner Gespräche mit Emmanuel Macron, zwei Milliarden an Hilfe von Frankreich für die Ukraine angekündigt wurden. Derzeit wird ein umfassenderes Hilfspaket in der Europäischen Union diskutiert.

Zuerst gab es eine sehr ehrgeizige Zahl von 40 Milliarden Dollar, sie ist leider noch nicht angenommen, aber jetzt wird eine höhere Summe diskutiert, als die 5 Milliarden Dollar, die zuvor von der Europäischen Union bereitgestellt wurden, und trotz des Widerstands von Ländern wie Ungarn könnte diese neue große Summe bald genehmigt werden, zumindest können wir darauf hoffen.

Zelensky begrüßte auch die neuen Unterstützungspakete für die Ukraine und fügte hinzu, dass es eine umfassendere Vision dafür gibt, wie die Ukraine in Zukunft unterstützt werden kann. Das ist auch ein wichtiger Punkt. Während dieser Pressekonferenz fragten Journalisten Zelensky nach der Rolle der USA im Friedensprozess. Und er sagte, dass dies eine sehr wichtige Rolle sei.

Das sagen natürlich jetzt alle, um die Beziehungen zu Trump und seinem Umfeld nicht zu verletzen. Und auf jeden Fall ist es eine Tatsache, dass die Vereinigten Staaten eine sehr wichtige Rolle in diesem Krieg spielen, sie setzen die militärische Hilfe für die Ukraine fort, sie tauschen Geheimdienstinformationen mit der Ukraine aus, und es ist wichtig, damit die Ukrainer nicht zu Zielscheiben im Putins blutigem Schießstand werden.

Zelensky betont jedoch, dass Putin keinen Frieden will und Europa und Amerika spalten will. „Sein Kreml-Mechanismus funktioniert schon lange, er spaltet Europa, er spaltet die Europäische Union, er spaltet die Vereinigten Staaten von Amerika von Europa, und die Vereinigten Staaten von innen, im Hinblick auf die Unterstützung oder Nichtunterstützung der Ukraine“.

Dann wird Zelensky nach den Aussichten auf die Unterzeichnung eines neuen Abkommens über mineralische Rohstoffe zwischen den Vereinigten Staaten und der Ukraine gefragt. Sie wissen, dass im Internet sogar Varianten dieser Vereinbarung auftauchen, die ich als ziemlich sensationell und ziemlich kontrovers bezeichnen würde, die von dem Wunsch der Trump-Administration sprechen, buchstäblich die gesamte ukrainische Wirtschaft zu kontrollieren. Wir wissen nicht, wie realistisch diese Vertragsvarianten sind, ob sie von der ukrainischen Seite unterzeichnet werden können und ob es sich überhaupt um ein abgestimmtes und nicht um ein vorgeschlagenes Dokument handelt.

Aber was sagt Zelensky? „Die USA haben ihren Ansatz zu der Vereinbarung geändert, die ursprünglich als Rahmenvereinbarung und dann im Detail unterzeichnet werden sollte. Jetzt wollen die Vereinigten Staaten eine vollständige Vereinbarung erzielen.

Also arbeiten die Juristen derzeit an dieser Vereinbarung. Ich möchte die Vereinigten Staaten nicht mit dem Gefühl zurücklassen, dass die Ukraine gegen eine solche Vereinbarung ist. Wir haben ständig unseren Wunsch gezeigt und positive Signale gesendet.“ Gleichzeitig betont der ukrainische Präsident jedoch, dass es derzeit keine Pläne für seinen erneuten Besuch in Washington gibt und daher völlig unklar ist, wie und wann diese Vereinbarung unterzeichnet wird, wenn sie überhaupt unterzeichnet wird.

Das heißt, man kann sagen, dass es derzeit keinen Grund gibt anzunehmen, dass man von einer realen Vereinbarung zwischen den Vereinigten Staaten und der Ukraine sprechen kann, die auf dem Tisch liegt. Es gibt natürlich eine Situation im Zusammenhang damit, wie diese amerikanisch-ukrainische Vereinbarung aussehen wird. Zelensky betont jedoch, dass es keine endgültige Version dieser Vereinbarung gibt und dass die Ukraine in dieser Situation zukunftsorientiert handelt.

Das ist auch ein sehr wichtiger Punkt in den Erklärungen des ukrainischen Präsidenten auf dieser Pressekonferenz, die jetzt in Paris nach diesem wichtigen Gipfel der Koalition der Willigen stattfindet. Wie Sie sehen, sind dies Momente, die für die Ukraine sehr wichtig sind, um die Ukraine in dieser Situation zu unterstützen.

Ich denke, es wird viele verschiedene Fragen geben, die mit den zukünftigen Aktivitäten der Europäer in dieser Richtung zusammenhängen. Für uns ist es sehr wichtig, wie Sie verstehen, dass die Europäer uns wirklich weiterhin unterstützen, und zwar in Bezug auf konkrete Maßnahmen und nicht auf Erklärungen. Denn wir haben viele europäische Erklärungen gehört, aber nicht immer konkrete Maßnahmen gesehen.

Jetzt werde ich versuchen, einige Fragen zu beantworten, die während dieser Sendung gestellt wurden.

Frage. Kehren wir zu dem Prozess vor Trumps Amtsantritt zurück, also zur Angemessenheit? 

Portnikov. Ich glaube nicht. Ich glaube nicht, dass man zur Angemessenheit zurückkehren kann, wenn keine Angemessenheit vorhanden ist. Hier gibt es eine völlig andere Frage. Was wird Donald Trump tun, wenn er sieht, dass der Prozess von Russland in die Länge gezogen wird, dass er keine schnellen Erfolge erzielen kann? Wie werden seine weiteren Schritte aussehen? Wird er tatsächlich die Sanktionen gegen die Russische Föderation verschärfen, um Wladimir Putin zu zwingen, reale Entscheidungen für den Frieden in der Ukraine zu treffen? Denn der amerikanische Präsident verfügt über zahlreiche sanktionsbezogene Instrumente. Das bedeutet nicht, dass sie zu einem schnellen Erfolg oder zu schnellen Ergebnissen führen werden. Nein. Ich glaube das nicht. Ich habe Ihnen schon oft gesagt, dass sich die Sanktionsinstrumente Trumps nicht von den Sanktionsinstrumenten Bidens unterscheiden und dass dies ein langwieriger Prozess ist. Wenn Trump jedoch die Sanktionen gegen Russland verschärft, bedeutet dies für Putin, dass seine Flitterwochen mit Trump vorbei sind, dass der amerikanische Präsident nicht mehr die Person ist, die zu einer Art partnerschaftlichen Beziehung mit ihnen neigt und glaubt, dass die russisch-chinesische Zusammenarbeit beendet werden kann. Das will Putin offensichtlich nicht. Sie sehen, dass er eine Politik verfolgt, um freundschaftliche Beziehungen zu Trump zu pflegen. Aber es kann auch eine andere Variante geben, eine viel weniger angemessene, bei der Trump einfach an diesen Verhandlungen teilnimmt, dem zustimmt, dass sie so lange dauern, aber keine Sanktionen gegen die Russische Föderation verschärft und den Status quo beibehält.

Frage. Nun zum Status quo. Sagen Sie bitte, wie wird die Situation aussehen, wenn das Hilfspaket endet, das wir Präsident Biden verdanken?

Portnikov. Präsident Trump muss sich in dieser Situation entscheiden, wie Sie verstehen. Das ist eine sehr ernste Angelegenheit. Denn Sie müssen sich bewusst sein, dass Trump entweder die Hilfe für die Ukraine fortsetzen oder neue Rahmenbedingungen für diese Hilfe im Rahmen von Lend-Lease oder ähnlichem finden muss. Aber er muss neue Pakete militärischer Hilfe für die Ukraine initiieren. Wenn die Vereinigten Staaten solche neuen Hilfspakete nicht initiieren, werden die Vereinigten Staaten selbst aus dem Verhandlungstisch ausscheiden. Welchen Sinn hätte das dann für die Russen und die Ukrainer, worüber sollten sie dann mit amerikanischen Beamten sprechen? Denn der ganze Sinn der Anwesenheit der Amerikaner am Verhandlungstisch besteht darin, dass sie der Ukraine helfen, ein Gleichgewicht in diesem Krieg zu erreichen. Und wenn die Vereinigten Staaten keine militärische Hilfe leisten, keine Geheimdienstinformationen austauschen, ist es einfach ein Provinzland, mit dem man nicht rechnen muss. Die Russische Föderation ganz sicher, denn der Handel der Vereinigten Staaten mit Russland ist geringfügig, keine Zölle, keine Maßnahmen beeinflussen die amerikanisch-russische Wirtschaft. Auf die russische Wirtschaft wirkt sich nur die allgemeine Situation im Zusammenhang mit den westlichen Sanktionen als solchen aus. Die Amerikaner können hier allein nichts ändern. Und dann ist da die Frage. Also kehren wir zur Angemessenheit zurück, wenn klar wird, dass der Verhandlungsprozess zwischen den Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation nicht zu irgendwelchen konkreten kurzfristigen Ergebnissen führt, sondern sich nur in Zeiten der Trump-Präsidentschaft bemerkbar machen kann. Wenn Trump dabei weiterhin der Ukraine helfen wird, wird man es dann Angemessenheit nennen. Alles andere ist, wie Sie verstehen, keine Angemessenheit. Und das muss man sich klar machen, wenn wir über die Fortsetzung dieses Prozesses sprechen.

Hier eine weitere Erklärung von Zelensky auf der Pressekonferenz. Er sagte, das Treffen der Koalition der Entschlossenen habe die klare Botschaft vermittelt, dass Russland die Größe der ukrainischen Streitkräfte nicht diktieren kann. Es herrschte Einigkeit darüber, dass eine starke ukrainische Armee ein wesentlicher Bestandteil jeder künftigen Sicherheitsinfrastruktur sein würde. Und sie sagen, es sei sehr wichtig, dass die Vereinigten Staaten dieselbe Haltung einnehmen. Und dieses Treffen ist in dieser Hinsicht ein Signal an die Vereinigten Staaten. Zu den konkreten Friedenstruppen, die in der Ukraine eingesetzt werden könnten, sagte Zelensky, dass es viele Vorschläge von führenden Politikern gebe und dass es diesbezüglich viele Bedenken gebe. Zelensky wies jedoch darauf hin, dass Treffen geplant seien, die wichtig seien, um zu verstehen, wie man in dieser Frage vorankommen könne, wie etwa der französisch-britische Besuch in Kyiv. Das heißt, Zelensky bestätigte die Informationen, die wir bereits besprochen haben, die wir von Premierminister Starmer und Präsident Macron gehört haben. Zu den Vorteilen des Treffens zählte Zelensky die Verpflichtungen zur zukünftigen Drohnenproduktion und ein klares politisches Signal zu Sanktionen.

Nun komme ich zu Ihren Fragen zurück.

Frage. Wie stehen Sie zu den Informationen über die Pläne Russlands, die ukrainische Frage bis 2026 zu beenden?

Portnikov. In Russland gab es viele Pläne, die ukrainische Frage bis zu einem beliebigen Jahr zu beenden. Im Allgemeinen besteht der tatsächliche Plan Russlands darin, den ukrainischen Staat zu demontieren und die Gebiete des ehemaligen ukrainischen Staates als Regionen an die Russische Föderation anzugliedern. Sie müssen verstehen, dass selbst wenn die Russische Föderation darüber nachdenkt, dass ehemalige sowjetische Republiken wie Aserbaidschan, Armenien oder Usbekistan als autonome Gebiete wie Tatarstan oder Burjatien in ihren Bestand aufgenommen werden könnten, gibt es für Belarus und die Ukraine keinen solchen Platz im zukünftigen russischen Imperium Putins. Diese Staaten werden als Regionen an den russischen Staat angegliedert und werden durch die Vertreibung derjenigen Bewohner, die an ihrer Identität festhalten, vollständig russifiziert, vielleicht von Belarus weniger, aus der Ukraine mehr. Aber Putin verweigert dem ukrainischen und belarussischen Volk das Recht auf Existenz bis zur physischen Vernichtung derer, die sich als Ukrainer und Belarussen betrachten. Das sind Russen, die Menschen müssen das verstehen, diejenigen, die es nicht verstehen, werden vernichtet und vertrieben. Aber das bedeutet nicht, dass sie es schaffen werden, denn Gewalt wird mit Gewalt begegnet. Und der Westen stimmt dieser Haltung des neonazistischen Putin-Regimes gegenüber der Ukraine nicht zu. Auch wenn dieses neonazistische Putin-Regime rechtsextreme Anhänger in der zivilisierten Welt gefunden hat.

Frage. Wird das Signalgate die allgemeine politische Situation in den USA und damit die Situation in der Ukraine beeinflussen?

Portnikov. Ich glaube nicht, dass diese Geschichte die Situation in der Ukraine beeinflussen wird. Aber die Tatsache, dass diese Situation die völlige Unzulänglichkeit und Unprofessionalität der Menschen zeigt, die Donald Trump in seiner Regierung versammelt hat, scheint mir nicht erklärt werden zu müssen. Denn Sie sehen ganz deutlich, dass der Berater des Präsidenten der Vereinigten Staaten für nationale Sicherheit die höchste amerikanische Führung in einem Messenger versammelt und Pläne militärischer Operationen bespricht, die, wenn sie veröffentlicht würden, das Leben und die Effektivität der Operation für das amerikanische Militär gefährden könnten. Und in dieses Gespräch mischt sich eine zufällige Person, ein Journalist, ein. Natürlich haben Menschen, die eine solche Vorstellung von Geheiminformationen haben, kein Recht, ihre Ämter zu bekleiden, selbst wenn sie solche Ämter bekleiden. Das Vertrauen in ihre Kompetenz ist sehr gering. Ich möchte Sie daran erinnern, dass im Prinzip alle diese Leute, selbst als Donald Trump sie ernannte, sozusagen als politische Selbstmörder galten, außer Vizepräsident JD Vance, den man einfach nicht schnell loswerden kann, weil er Vizepräsident ist. Aber alle anderen können jederzeit durch andere Personen auf ihren Posten ersetzt werden, wenn sie die persönliche Sympathie von Donald Trump verlieren. Offensichtlich bereitet dieser Skandal dem Donald Trump keine Freude, und das muss man auch wissen. Und ich gehe davon aus, dass die Ergebnisse dieses Skandals, die Ergebnisse der Untersuchung, unter dem Druck des Senats, denn viele republikanische Senatoren sind damit unzufrieden, und nicht nur die Demokraten, die natürlich mit großen Augen diesen Festival der Unprofessionalität betrachten, den es im Weißen Haus noch nie gegeben hat, nicht einmal während der ersten Präsidentschaft Trumps. So kann dies selbst in dieser Situation die Zusammensetzung der Regierung tatsächlich beeinflussen, aber wir müssen verstehen, dass das einzige wirkliche Kriterium für Donald Trump, für die Menschen, die im öffentlichen Dienst tätig sind, die persönliche Loyalität zu ihm und die Bereitschaft ist, aufrichtige Komplimente an den amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu äußern. Im Leben interessiert ihn nichts außer Komplimenten und Geld. Man sollte also nicht denken, dass der Austausch von Beamten in der amerikanischen Regierung zu Effizienz und Kompetenz führen wird. Und die Menschen, die effizient und kompetent sind, wie zum Beispiel Rubio, werden alles tun, um ineffizient und inkompetent zu erscheinen, um ihre Ämter zu behalten. Effizienz und Kompetenz sind ein Todesurteil für jeden, der heute in der amerikanischen Regierung ist. Das muss man auch wissen. Aber der Umgang mit Geheiminformationen ist ein ernstes Problem, ich werde das nicht bestreiten.

Frage. Besteht die Gefahr eines ernsthaften Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran, der Trump von dem Thema des Abschlusses des Krieges zwischen Russland und der Ukraine ablenken wird?

Portnikov. Erstens gibt es Multitasking. Multitasking kann darauf hindeuten, dass vor dem Hintergrund großer Kriege dieser iranisch-amerikanische Krieg nicht der einzige große Krieg während der Präsidentschaft Trumps sein könnte. Wir könnten Zeugen globaler Konflikte mit Millionen von Toten werden. Das bedeutet nicht, dass Trump gleichzeitig seine Bemühungen zur Beilegung des Krieges zwischen Russland und der Ukraine einstellen wird. Mehr noch, ein Schlag gegen den iranischen Verbündeten und mögliche Aktionen Russlands zum Schutz der Interessen des Iran könnten zu einem stärkeren Druck auf Russland führen, beispielsweise an der ukrainischen Front. Man sollte nicht denken, dass China und Russland den Iran im Stich lassen werden, wenn es zu gewaltsamen Aktionen seitens der Amerikaner kommt, denn das würde ihre untergeordnete Rolle in der Weltpolitik unterstreichen. Sie werden sich jetzt zu Zeiten Trumps nicht mit einer solchen untergeordneten Rolle einverstanden erklären, und der Krieg um den Iran könnte Formen annehmen, mit denen Trump jetzt auch nicht rechnet. Jetzt rechnen schon viele nicht mehr mit der Reaktion des Gegners auf die einen oder anderen Aktionen. Jetzt handeln alle unüberlegt. Ich glaube also nicht, dass das unbedingt miteinander zusammenhängt, vielleicht sogar noch mehr, russisch-ukrainischer Krieg wird, nicht nur für die vereinigten Staaten, sondern auch für Russland ins Hintergrund rücken.

Frage. Könnte die Entschlossenheit der europäischen Staats- und Regierungschefs, ihre Armeen auszubauen, und die Gleichgültigkeit der amerikanischen Regierung Trump gegenüber der europäischen Sicherheit Russland dazu bringen, in naher Zukunft einen kleinen europäischen Staat anzugreifen?

Portnikov. Was ist die nahe Zukunft? Derzeit konzentrieren sich alle Bemühungen der russischen Armee auf die ukrainische Richtung. Russland verfügt im wahrsten Sinne des Wortes über keine zusätzlichen Kräfte. Und das konnten Sie daran sehen, wie Russland im Kaukasus agierte, als es nach dem zweiten Karabach-Krieg praktisch nicht an der Entwicklung der Ereignisse in der Region teilnahm, trotz der Anwesenheit seines Friedenstruppenkontingents in Karabach. Und man sollte nicht denken, dass Russland Karabach nicht zu einer Basis seines Einflusses machen wollte. Es wollte, konnte es aber nicht mehr. Ganz zu schweigen davon, dass Russland keine Rolle beim Sturz des Regimes von Baschar al-Assad in Syrien gespielt hat, obwohl von der Stabilität dieses Regimes nur noch die Stabilität der russischen Militärbasen in Syrien übrig geblieben ist, die ein sehr wichtiger logistischer Knotenpunkt für die russischen Truppen sind, die in Afrika eingesetzt werden und Russland so zu einer Weltmacht machen, nicht nur zu einem Staat im postsowjetischen Raum. Zu einem Land, das in der Lage ist, Amerikaner und Franzosen aus Afrika zu vertreiben. Und deshalb war Russland an diesen Basen interessiert, aber was konnte es tun? Es gab nichts, was es hätte tun können. Das ist es, was ich Ihnen sagen will. Um ein europäisches Land angreifen zu können, muss Russland erst den Krieg in der Ukraine beenden. Und wir verstehen sogar den Zeitplan. Es braucht Zeit, um den Krieg in der Ukraine zu beenden. Und danach wird es ein oder zwei Jahre, anderthalb Jahre dauern, bis die russischen militärischen Fähigkeiten wiederhergestellt sind. Und es gibt ein Zeitfenster für einen Angriff auf ein kleines europäisches Land. Das ist Donald Trumps Aufenthalt im Weißen Haus, denn es könnte sich herausstellen, dass Trumps Nachfolger als Präsident der Vereinigten Staaten eine andere Haltung gegenüber Russland und Europa und der NATO haben wird.  Denken Sie daran, dass Joseph Biden nach dem Ausscheiden von Donald Trump aus dem Amt damit begonnen hat, Amerika in die zivilisierte Welt, in die Rolle der Vereinigten Staaten in Europa zurückzuführen. Der nächste amerikanische Präsident könnte genau das tun. Vor allem vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Bewährungsprobe, die Trumps Wählerschaft in den kommenden Jahren erwartet, die für all diese Menschen schwierig sein wird. Es könnte sein, dass der Angriff bis Ende 2028 eingeleitet wird und der Krieg in der Ukraine spätestens Ende des 25. oder Anfang des 26. endet. Irgendwann zwischen Ende 26 und Anfang 2027 werden dann günstige Bedingungen für einen Angriff auf z.B. die baltischen Staaten und Polen entstehen.  

Frage. Könnte es eine Art Vereinbarung zwischen China und dem Iran geben, eine militärische Aktion in Taiwan zu starten und gleichzeitig die Vereinigten Staaten anzugreifen? 

Portnikov. Ich kann Ihnen versichern, dass niemand die Vereinigten Staaten angreifen wird, denn niemand wird sich erlauben, eine große Atommacht mit einem Präsidenten wie Trump anzugreifen. Aber die Möglichkeit eines Angriffs auf Taiwan ist real. Aber auch hier stellt sich die Frage: Meinen Sie nicht, dass unter diesen Umständen, dass niemand weiß, wie Trump sich im Falle eines Angriffs auf Taiwan verhalten wird: von jeglichen Maßnahmen absehen oder sie zur Konfrontation mit China nutzen? Würde das nicht neue Bedingungen schaffen, die uns die Möglichkeit einer neuen Qualität der Beziehungen zwischen Taiwan und China aufzeigen würden – ich spreche sehr vorsichtig. Ich glaube nicht wirklich an eine solche Entwicklung, aber es ist nun einmal so, dass die Weltpolitik sich stark verändert. Die Vereinigten Staaten haben nie ausdrücklich gesagt, wie sie im Falle eines Angriffs Chinas auf Taiwan handeln würden. Aber es ist für jeden, auch auf Taiwan, völlig offensichtlich, dass sich die Energie und die Essenz der Handlungen von Donald Trump von der Energie und der Essenz der Handlungen von Joseph Biden unterscheiden werden. Nur in welche Richtung, das kann niemand genau sagen. Wir befinden uns also im Prinzip an einem solchen Wendepunkt der Weltpolitik, nicht nur in Bezug auf Europa, nicht nur in Bezug auf die Ukraine, sondern zweifellos auch in Bezug auf die gesamte asiatisch-pazifische Region.

Frage. Was Paris und London ist alles klar, sie übernehmen die Führung in Europa. Und was ist mit Deutschland?

Portnikov. Ich denke, Deutschland wird sich dieser Führung anschließen, wenn Friedrich Merz Bundeskanzler wird. Das wird in wenigen Tagen passieren, wenn der neue Deutsche Bundestag seine Arbeit aufnimmt. Und es wird eine neue Koalition gebildet, die nicht einfach zu bilden wird, das sage ich gleich dazu. Aber ich hoffe, dass diese Koalition aus Christdemokraten und Sozialdemokraten funktionieren wird, denn eine andere Möglichkeit gibt es für beide Parteien nicht. Die andere Möglichkeit sind vorgezogene Neuwahlen. Das würde nur die Positionen der rechtsextremen, arroganten Alternative für Deutschland stärken, die im Kreml und im Weißen Haus unterstützt wird. Und wenn Friedrich Merz die Regierung leitet, wobei er durch die Entscheidung dieses Bundestages, der bereits seine Amtszeit beendet, einen großen Spielraum in Bezug auf den Verteidigungsetat und neue Hilfen für die Ukraine hat, dann wird sich Friedrich Merz dieser Führung anschließen und dabei die finanziellen Möglichkeiten Deutschlands nutzen, die Großbritannien und Frankreich nicht haben. Und das muss man klar verstehen. Weil Großbritannien und Frankreich nicht über solche Möglichkeiten verfügen wie Deutschland, dann könnte dieses Dreieck von größter Bedeutung für die Gewährleistung der Sicherheit Europas sein. Ich möchte, dass Sie sich dessen bewusst sind. Und warum das jetzt nicht geschieht, liegt daran, dass Bundeskanzler Olaf Scholz, der an diesem Gipfel teilgenommen hat, tatsächlich an einer der letzten internationalen Treffen seiner politischen Karriere teilnimmt. Seine Amtszeit als Bundeskanzler endet bereits. Und natürlich erwarten alle den neuen Bundeskanzler der Bundesrepublik, um zu verstehen, wie sich diese Situation darstellen wird. Aber Sie verstehen, dass der neue Bundeskanzler Deutschlands unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen an die Macht kommt. All die Zölle Trumps auf die Automobilindustrie sind ein sehr schwerer Schlag für die deutsche Wirtschaft. Ich möchte, dass Sie sich daran erinnern, als einen sehr wichtigen Punkt, an den wir denken müssen, wenn wir darüber sprechen, wie sich die Situation entwickeln wird, wie viel Unvorhersehbarkeit uns noch die Präsidentschaft von Donald Trump und der russisch-ukrainische Krieg bringen werden. 

Aber was vorhersehbar ist, ist, dass wir versuchen werden, die Wahrheit herauszufinden, sie zu analysieren und zu verstehen. Und deshalb freue ich mich sehr, dass Sie heute an dieser Sendung teilgenommen haben.Moskau zeigt keinerlei wirklichen Wunsch, diesen Krieg in absehbarer Zeit zu beenden.

Und wie kann dieser Krieg Ihrer Meinung nach beendet werden? Nur wenn die ukrainischen Streitkräfte den Russen zeigen, dass ihr Wunsch, die ukrainische Staatlichkeit zu liquidieren und zu demontieren, unbegründet ist. Daher bleibt die Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte unsere wichtigste Aufgabe.

Österreichisches Szenario für Europa. Was ist von den deutschen Wahlen zu erwarten? Vitaly Portnikov. 15.02.2025.

https://www.radiosvoboda.org/a/vybory-u-nimechchyni-dosvid-avstriyi/33316065.html?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTEAAR2WIx32db4_0z74BQD870KwT_onFuBF36nDpxs_TUy0KVCZLfx2auB5ww4_aem_xIRdvlR7W0dSKCZADZzn2g

Wenige Tage vor den schicksalhaften Parlamentswahlen in Deutschland versuchen viele zu verstehen, wie das politische Bild des europäischen Kontinents aussehen wird, wenn rechtsextreme politische Kräfte in den Parlamenten der führenden europäischen Länder an Boden gewinnen.

Die Alternative für Deutschland liegt bei den anstehenden Wahlen bereits auf dem zweiten Platz, und terroristische Anschläge in deutschen Städten – der jüngste in München fand kurz vor der viel beachteten Münchner Konferenz statt und wurde von US-Vizepräsident J.D. Vance in seiner Rede auf dem Forum erwähnt – stärken ihre Chancen. Aber kann die extreme Rechte wirklich an Macht gewinnen?

Eine gewisse Antwort auf diese Frage liefert die Situation in Österreich, wo es seit langem keine „Brandmauer“ zwischen der rechtsextremen österreichischen Freiheitlichen Partei (AfD) und anderen politischen Kräften im Land gibt. Die Rechtsextremen waren an vielen Regierungen beteiligt und hatten dort führende Positionen inne. Das erste Auftreten von ihren Vertretern in der Regierung des konservativen Wolfgang Schüssel führte zu einer regelrechten politischen Blockade durch die Europäische Union, aber später wurden rechtsextreme Minister als normal behandelt, und niemand war überrascht, als Karin Kneissl, die Leiterin des diplomatischen Kontingents der FPÖ, den russischen Staatschef zu ihrer Hochzeit einlud und mit Wladimir Putin vor den Fernsehkameras tanzte. Und nach dem Beginn des großen Krieges gegen die Ukraine zog Kneissl schließlich nach Russland.

Letztes Jahr fand in Österreich jedoch ein wahrhaft historisches Ereignis statt: Die FPÖ zog nicht nur erneut ins Parlament ein, sondern gewann auch die Wahl, wobei ihr Vorsitzender Herbert Kieckl seine Bereitschaft erklärte, neuer österreichischer Bundeskanzler zu werden.

Andere politische Kräfte versuchten, dies zu verhindern und begannen Verhandlungen zur Bildung einer wackeligen Koalition aus drei Parteien, die jedoch scheiterten. Daraufhin änderten die österreichischen Konservativen ihre Position und erklärten sich bereit, in die Regierung mit der FPÖ als Juniorpartner einzutreten, mit Kieckle als Bundeskanzler. Doch auch diese Verhandlungen scheiterten.

„Es ist gut möglich, dass die Propagandamaschine der FPÖ die Schuld für ihr Fiasko allein den Konservativen und anderen Kräften des ‚Systems‘ in die Schuhe schieben kann. Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass es nach der spektakulären Leistung der letzten Tage irgendeine Partei geben wird, die in naher Zukunft bereit ist, eine Koalition mit der FPÖ einzugehen. Für Kikl selbst wird das alles offenbar nicht ohne Folgen bleiben. Als er für das Amt des Parteivorsitzenden 2021 nominiert wurde, äußerten viele Parteifunktionäre die Befürchtung, dass er aufgrund seiner radikalen Haltung für dieses Amt nicht geeignet sei“, so ein Kolumnist des Wiener Kurier

Und die Irish Times hat bereits auf die Probleme der Konservativen hingewiesen, die versucht haben, eine gemeinsame Sprache mit Kickle zu finden.

„Es ist eine Sache, die Macht mit der rechtsextremen Freiheitlichen Partei Österreichs zu teilen, und eine ganz andere, eine untergeordnete Position in einer Koalition zu akzeptieren, die von ihrem populistischen kriegstreiberischen Führer als Kanzler angeführt wird. Dies wäre die erste rechtsextreme Regierung in Österreich, seit die FPÖ in den 1950er Jahren von ehemaligen Nazis gegründet wurde“, heißt es in der Publikation.

Jetzt suchen die österreichischen Politiker wieder nach Möglichkeiten für eine neue breite Koalition ohne die FPÖ, da sie wissen, dass die Alternative Neuwahlen und neue Unsicherheit wären. Eine Schlussfolgerung lässt sich aus dieser Situation jedoch schon jetzt ziehen.

Vereint für die Demokratie

Es geht nicht um „Brandmauern“ zwischen rechtsextremen oder linksextremen Parteien und allen anderen Vertretern des politischen Spektrums. Es geht in erster Linie um die Unvereinbarkeit von Ansätzen und Werten.

Es ist möglich, eine solche Partei in die Regierung „einzubetten“, aber nicht, ihren Vertreter mit der Führung des Landes zu betrauen. Daher sind die demokratischen Kräfte Europas dazu verdammt, Kompromisse zu suchen, um zu verhindern, dass die extreme Rechte die Macht an sich reißt – so geschehen in den Niederlanden und jetzt wieder in Österreich. Und dies wird auch weiterhin in jedem neuen europäischen Land geschehen, denn es hat sich gezeigt, dass die Einigung um der Demokratie willen das Rezept für ihre Rettung ist.

Deutscher Gambit: Wie wird sich die Krise in Berlin auf die Hilfe für die Ukraine auswirken? Vitaly Portnikov. 09.11.24.


Archivbild. Der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky und der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius (rechts) bei einem Besuch der 21st Air Defense Missile Group in Zanitz, wo ukrainische Soldaten den Umgang mit dem Luftabwehrsystem Patriot trainieren, 12. Juni 2024

https://www.radiosvoboda.org/a/kryza-u-nimechchyni-i-dopomoha-ukrayini/33196084.html?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTEAAR3ArvCNOyXRlRGNtbF6N8jELEXOjwhLJ8Mnjg0udU3BIZYytYlhYiMtUMw_aem_VbLnYej-lpMKka6BrzbkYA

Die Regierungskoalition in Deutschland zerbrach gleich am nächsten Tag nach der US-Wahl – ein weiterer Beweis für die dramatischen Veränderungen, die vor uns liegen. Aber auch ohne den triumphalen Sieg Donald Trumps bei den Präsidentschaftswahlen wäre es unwahrscheinlich gewesen, dass die deutschen Politiker ihre Regierung bis zur nächsten Bundestagswahl Ende nächsten Jahres beibehalten. Schließlich waren sich die an der bereits gescheiterten Koalition beteiligten Parteien in ihren Ansichten schon immer alles andere als einig.

Wir brauchen uns gar nicht mit den Einzelheiten aufzuhalten, sondern brauchen uns nur an die Geschichte zu erinnern: Die erste Koalition von Sozialdemokraten und Freien Demokraten endete in einer skandalösen Scheidung, als der Vorsitzende der Freien Demokraten und Außenminister Hans-Dietrich Genscher im Oktober 1982 die Beteiligung an der sozialdemokratischen Regierung verweigerte und eine neue Regierung mit der CDU/CSU-Koalition unter Helmut Kohl bildete.

Seitdem haben die Liberalen immer wieder Koalitionsvereinbarungen mit den Christdemokraten geschlossen und die Sozialdemokraten, abgesehen von den Zeiten der so genannten „Großen Koalition“ von CDU/CSU und SPD, mit den Grünen.

Was die drei Parteien in einer Regierung machen würden, war mir schon bei der Bildung des neuen Kabinetts von Bundeskanzler Olaf Scholz nicht ganz klar. Dieses seltsame Bündnis ließ sich nur mit der Ermüdung vor der Ära Angela Merkel erklären, mit der langjährigen Dominanz der Christlich Demokratischen Union im deutschen politischen Leben.

„Scholz hat das Vakuum selbst geschaffen“

Aber wie jedes Bündnis gegen und nicht für etwas war die deutsche Koalition vom ersten Tag ihres Bestehens an auf Spaltung programmiert. Und auch die Persönlichkeit von Bundeskanzler Olaf Scholz trug nicht dazu bei, die Regierung zu stärken.

„In der Ampelkoalition von Scholz gab es so viele Querelen und Widersprüche, dass sich viele Wählerinnen und Wähler einen härteren Führungsstil des Regierungschefs gewünscht hätten. Diesem Wunsch ist Scholz aber nur selten nachgekommen. In seinen Reden sprach er so kompliziert und technokratisch, dass seine Botschaft beim Publikum einfach nicht ankam. So schuf Scholz selbst ein Vakuum, das von dem Freidemokraten Lindner und anderen unzufriedenen Koalitionspolitikern eifrig ausgenutzt wurde, und sie missbrauchten es. Und auch führende Grünen-Politiker haben offen gesagt, dass eine Mitschuld am Scheitern der Koalition bei Scholz und seinem Führungsstil liegt“, betont der Zeit-Kolumnist.

Wie effektiv wird Deutschland Europa führen?

Doch nach dem Scheitern der Regierung stellt sich die Frage, wie effektiv Deutschland als Führungsmacht in Europa nun sein wird. Und das gilt natürlich auch für die Frage der Unterstützung der Ukraine.

Schließlich wurde die Krise mit dem anschließenden Zusammenbruch der Koalition durch zu Streitigkeiten über die Hilfe für die Ukraine verursacht, der Bundeskanzler bestand auf einer Aufstockung des Budgets für diese Hilfe, während der Finanzminister sagte, dass die Ukraine Taurus (Langstrecken-Raketensysteme) brauche. Daraufhin rief der Vorsitzende der CDU-Opposition, Friedrich Merz, den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky an und fragte ihn, ob die Ukraine Geld oder Waffen brauche.

„Das wird ein verrücktes Rennen, schnallen Sie sich an!“

Die gute Nachricht ist natürlich, dass der CDU/CSU-Block, dessen Kanzlerkandidat Zelensky anruft, die vorgezogene Bundestagswahl gewinnen wird. Und Merz ist ein starker Befürworter der Ukraine.

Die Wahl kann jedoch auch Überraschungen bereithalten, denn wir haben bereits den Anstieg der Popularität der rechtsextremen Alternative für Deutschland und des linksextremen Sarah-Wagenknecht-Bündnisses erlebt. Diese Parteien eint vor allem der Wunsch, die Hilfe für die Ukraine einzustellen. Und das ist für sie ein so zentrales Thema, dass CDU und SPD gerade in diesen Tagen die Fortsetzung der Verhandlungen mit dem Bündnis über die Bildung einer Landesregierung in Sachsen abgelehnt haben. Der Grund dafür sind Differenzen bei der Suche nach Auswegen aus dem russisch-ukrainischen Krieg. Und das auf regionaler Ebene!

So traf sich Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer mit dem Vorsitzenden der Landtagsfraktion der Alternative für Deutschland (AfD), Jörg Urban. Was die Politiker besprochen haben, wurde nicht berichtet, aber solche Treffen sind genau das, was die Öffentlichkeit beunruhigt.

„Wenn die CDU/CSU sich einen Partner für eine künftige Koalition aussuchen muss, wird sie nicht mit der SPD oder den Grünen, sondern mit der AfD eine gemeinsame Basis finden. Zusammen würden sie leicht mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten. Nach den Befürchtungen über eine mögliche Bedrohung der Demokratie in den Vereinigten Staaten droht nun eine ähnliche Entwicklung im mächtigsten Land der Europäischen Union. Das Rennen wird hart werden, schnallen Sie sich an!“, ruft die slowakische Zeitung Aktuality.sk.

Auch wenn ich noch nicht an die Realität einer solchen Union auf föderaler Ebene glaube, sind die Turbulenzen und Unsicherheiten im politischen Leben der „Lokomotive Europas“ vorhersehbar. Und das in einer Zeit, die für die Ukraine und ihren Widerstand von größter Bedeutung ist!

Putins Geiseln. Was ist der Unterschied zwischen Demokratien und Diktaturen? Vitaly Portnikov. 03.08.24.

https://www.radiosvoboda.org/a/zaruchnyky-putina/33062644.html

Der groß angelegte Austausch, der am 1. August stattfand und zur Freilassung von Ausländern und russischen Menschenrechtsaktivisten aus russischen und belarussischen Gefängnissen und Lagern führte, hat weltweit unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen.

Ein Kolumnist der „Times“ schreibt: „Die Reaktion sollte von äußerster Verachtung für eine brutale Regierung geprägt sein, die zynisch westliche Journalisten und andere ‚bequeme‘ Geiseln entführt, um sie gegen Mörder, Waffenhändler und Spione einzutauschen. Und es sollte auch eine Reaktion der Überraschung sein, dass es der Regierung Biden in einer Zeit fast beispielloser Spannungen mit Russland gelungen ist, diesen sehr schwierigen Deal zu machen – und unter anderem eine Reihe mutiger Russen freizubekommen, die ihre Stimme gegen Rechtsmissbrauch und Unterdrückung erhoben haben – und gezwungen waren, mit langen Gefängnisstrafen den Preis dafür zu zahlen.“

Der Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kommt jedoch zu einem gegenteiligen Schluss: „Die Freilassung eines verurteilten Mörders, der, wie das Gericht feststellte, auf Moskauer Weisung einen Tschetschenen in Berlin erschossen hat, ist ein Knackpunkt für jeden, dem so etwas wie Recht und Gerechtigkeit am Herzen liegt. Aber aus rein politischer Sicht ist dieses Abkommen ein fataler Fehler. Sie verstößt gegen die erste Regel im Umgang mit Geiselnehmern: Niemals auf ihre Forderungen eingehen. Wer sich erpressen lässt, wird weiter erpresst, entweder von demselben Erpresser oder von anderen. Für den Kreml ist es nicht schwer, weitere Agenten im Westen zu finden, die bereit sind, in seinem Namen zu töten – schließlich weiß inzwischen jeder, dass Putin seine Mörder nicht im Stich lässt, sondern alles tut, um sie wieder nach Hause zu holen.“

Wer hat also in dieser Debatte Recht? Natürlich ist es schwierig, der Einschätzung zu widersprechen, dass Russlands Staatschef Wladimir Putin ein Mann ist, der eine Geiselsammlung anlegt, um seine Agenten aus dem Gefängnis zu befreien. Aber die Möglichkeit zu verweigern, seine eigenen Bürger und die seiner Landsleute, die sich seinem Regime widersetzen, freizulassen, bedeutet, dass man diejenigen zurücklässt, die es eindeutig nicht verdienen, inhaftiert zu sein.

Demokratische Staaten vs. Diktaturen

Die These, dass man mit Terroristen nicht verhandeln kann, ist eine schöne These, und Putin selbst hat sie beispielsweise bei den tragischen Ereignissen im Theaterzentrum Dubrowka oder in der Schule in Beslan verwendet. Dies endete mit dem Tod vieler Geiseln und sollte eine ernste Lektion für jeden sein, der diese lautstarke, aber eigentlich bedeutungslose Phrase verwendet.

Denn wenn es darum geht, das Leben und die Freiheit von Menschen zu retten, sollte man an die Rettung dieser Menschen denken und nicht an die langfristigen Folgen Ihrer Entscheidung. Das ist der Unterschied zwischen Humanismus und Zynismus. Und das ist es, was demokratische Staaten erfolgreicher macht als Diktaturen. Denn wo eine Diktatur, der das Leben anderer Menschen gleichgültig ist, Schwäche sieht, setzt die Demokratie auf das Vertrauen ihrer Bürger. Und diese Vertrauenskraft ist die wichtigste Garantie für unser Überleben.

Deshalb hat die Freilassung ukrainischer Bürger aus Putins Gefängnissen für den ukrainischen Staat seit den ersten Tagen des Krieges im Jahr 2014 Priorität. Und wir begrüßen weiterhin jeden diesen Austausch und sind froh, wenn unsere Landsleute nach Hause zurückkehren. Deshalb übergibt Israel Hunderte von Personen, die in terroristische Aktivitäten verwickelt sind, im Austausch für das Leben auch nur eines seiner Bürger.

Natürlich wird es immer diejenigen geben, die glauben, dass es akzeptabel ist, das Leben eines anderen Menschen zu opfern, um ein falsches Gefühl von Stärke zu demonstrieren. Doch in Wirklichkeit ist die Achtung vor dem Wert des Lebens unsere Stärke, die uns von der dunklen Welt unterscheidet, die daran gewöhnt ist, mit der Freiheit anderer Menschen zu handeln und den Wert des Lebens anderer Menschen nicht zu spüren.

Derjenige, der „nein“ sagte. Vitaly Portnikov. 28.07.24.

https://zbruc.eu/node/119054?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTEAAR3HXOJaty74BYLwLtQHcLs7xqXDyAQXbhAeBiu83BkfukC7OzDTaYML47U_aem_rUJSj2NRNIKpN11TVagq9g

In Joseph Bidens langer politischer Karriere wird das Wichtigste für mich immer das „Nein“ sein, das er zu Putin sagte, bevor er die Ukraine angriff. Um ehrlich zu sein, war ich immer neugierig darauf, wie sich die Welt entwickelt hätte, wenn 1938 „Nein“ gesagt worden wäre. Wenn Chamberlain und Daladier nicht auf Hitlers Bedingungen eingegangen wären, ihm nicht das Sudetenland überlassen hätten, sondern versprochen hätten, die Tschechoslowakei gegen einen deutschen Einmarsch zu verteidigen.

Ironischerweise schlug der Churchill-Biograf Boris Johnson gerade zu dem Zeitpunkt, als Biden die letzte grundlegende Entscheidung seiner politischen Karriere traf, eine Art „Chamberlain-Plan“ für die Ukraine vor. Die Tore zur Hölle sind also definitiv noch nicht geschlossen, und es wird viele Politiker geben, ehemalige wie aktuelle, die versuchen werden, dorthin zu gelangen. Das Wichtigste ist jedoch Bidens Entscheidung, nicht ihre phantasievollen Pläne.

Befürworter des „Chamberlain-Ansatzes“ in Geschichte und Politik verteidigen die Richtigkeit seiner Position weiterhin damit, dass er dem Vereinigten Königreich Zeit verschafft habe, sich auf einen Krieg vorzubereiten. Das ist nicht wahr. Die einzige Person, der Chamberlain wirklich Zeit, Mut und Möglichkeiten gegeben hat, war Hitler. Die Tschechoslowakei bereitete sich übrigens aktiv auf den Widerstand gegen die Aggression vor. Aber Prag war sicher, dass sie den Feind nur besiegen konnte, wenn sie die Unterstützung ihrer Verbündeten hatte. Und als sie von diesen Verbündeten „Ja“ statt „Nein“ hörten, zögerten sie nicht lange, nicht nur in Bezug auf das Sudetenland, sondern auch in Bezug auf die Umwandlung ihres Staates (bzw. dessen, was davon übrig war) in ein deutsches Protektorat. Und Hitler, der nach fast zwei Jahrzehnten der Beschränkungen gerade begann, die deutsche Rüstungsindustrie aufzubauen, erhielt den militärisch-industriellen Komplex eines Landes zur Verfügung gestellt, das sich heftig auf die Verteidigung vorbereitete. Bald würden all diese Waffen gegen Polen, Frankreich, Großbritannien und die Sowjetunion gerichtet sein… Apropos Sowjetunion. Chamberlain gab Hitler Zeit und Gelegenheit, eine gemeinsame Sprache mit Stalin zu finden. Das Glück des Vereinigten Königreichs und anderer Demokratien bestand gerade darin, dass Hitler größenwahnsinnig war und Stalin ihm im Nichts nachstand. Und wenn Berlin und Moskau sich nicht zerstritten hätten, wofür wäre dann München 1938 ein Symbol gewesen? Ein Symbol für den Tod der Tschechoslowakei oder Frankreichs und Großbritanniens? Genau.

Hätten Chamberlain und Daladier „Nein“ zu Hitler gesagt, hätten sie ihn vielleicht nicht davon abgehalten, die Tschechoslowakei anzugreifen, das ist eine Tatsache. Ich gebe zu, dass der deutsche Führer das Nachbarland oder zumindest einen Teil davon hätte besetzen können. Aber man weiß nicht, wie lange das gedauert hätte. Und vor allem schließe ich nicht aus, dass die Rüstungsindustrie sowohl Deutschlands als auch der Tschechoslowakei durch diesen Krieg erschöpft worden wäre. Hitler hätte vielleicht einfach nicht die Mittel gehabt, um weiter anzugreifen, er hätte nicht wie ein Sieger ausgesehen, Italien und Japan hätten seine Pläne vielleicht eher beobachtet als sich daran beteiligt, und die Sowjetunion hätte davon abgesehen, den Nichtangriffspakt zu unterzeichnen, und sei es nur, weil sie im Falle einer westlichen Intervention auf Seiten der Tschechoslowakei Prag selbst hätte unterstützen können, wie Stalin es Benes versprochen hatte. Vielleicht ein zerstörtes Prag, aber Prag. Und ich erinnere daran, dass die Niederlage Stalins in Finnland die Sowjetunion von groß angelegten Expansionsplänen abhielt, die erst durch das Bündnis mit Hitler und die Entwicklung des Zweiten Weltkriegs wieder in Gang gesetzt wurden. Aber vielleicht hätte es keinen Zweiten Weltkrieg gegeben, wenn Chamberlain und Daladier in München „Nein“ gesagt hätten?

Ja, das ist durchaus möglich. Chamberlain wäre der bedeutendste Politiker seiner Zeit, es gäbe keinen Churchill, die Tschechoslowakei wäre zerstört, aber nicht vernichtet, und Hitler wäre buchstäblich am Anfang seiner Ambitionen gestoppt. Aber was wäre dann passiert? Vielleicht hätte Lord Halifax, der Nachfolger des an Krebs verstorbenen britischen Premierministers, neue Vereinbarungen mit dem Führer angestrebt, im Austausch für das gleiche Sudetenland… Auf jeden Fall ist dies keine Geschichte über den Zweiten Weltkrieg, sondern eine Geschichte über die Tschechoslowakei.

Genauso wie wir jetzt nicht in der Geschichte des Dritten Weltkriegs leben, sondern in der Geschichte der Ukraine.

Jetzt weiß ich, was passiert, wenn man „Nein“ sagt. Ja, es hält den Krieg nicht auf und verwandelt den Wolf nicht in ein Lamm. Aber es erlaubt eine Barriere zu errichten, die die Welt rettet. Eine Barriere, die den Aggressor dazu zwingt, in seiner ersten Offensive stecken zu bleiben, Ressourcen zu verschwenden, Ausrüstung und Menschen zu verlieren und zu vergessen, dass er eigentlich ein Eroberer der Welt sein sollte. Eine Barriere, die allen, die sich hinter der Barriere befinden, Frieden und Ruhe bringt.

Im Jahr 1938 wurde die Tschechoslowakei nicht zu einer solchen Barriere. Im Jahr 2022 wurde die Ukraine zu einer solchen Barriere.

Der Nachbar. Irina Evsa.

Morgens ein Cappy, abends ein Strohhut,

Schlank, hochgewachsen und so gekleidet,

Dass keinen Makel sich finden tut

Wenn er zum Briefkasten den Weg beschreitet.

Er rümpft seine Nase, wenn Babys weinen

Oder Teenager ihr Spiel beginnen.

Jürgen hat Diagnose, und das bedeutet

Ruhig, solange Tabletten stimmen.

Seine Gesten sind ganz akribisch.

Wissend wer bin ich und woher ich komme

Spricht er mit mir deswegen auf Englisch,

Seine Post aus dem Kasten holend.

Er zögert verlegen: „O Frau Evsa,

Da, wo Missstände und Bosheit herrschen,

Hat das Gewissen gar keinen Wert mehr.“

„Ja“, stimme ich zu, „es ist wahr, selbstverständlich.“

„Die Gegenwart „, seufzt er, „ist voller Sorge,

Blut bedeckt die sakralen Blätter.

Ich kann empfangen, O Frau Evsa, nachts Ihre Träume,

Sie sind erschreckend.

Die Welt ist charmant, aber voller Einflüsse,

Wirklich gefährlich und ganz durchtrieben.

Ich fühl ganz mit euch, nur Raketenbeschüsse

Sind jede Nacht, finde ich, übertrieben.“

Wie ein Desertierter verlässt er die Stellung.

Und will das Gute im Park ersinnen,

Wo duften Forsythien knallend gelbe

Gestochen scharf wie aus Seidenpapier.

Beobachtet Enten, die vorbei schwimmen,

Pustet den Marienkäfer vom Finger

Und denkt: es wendet sich nicht zum Schlimmen,

Man kann sich verstecken, einschlafen, ist sicher.


Утром в бейсболке, а днём в панамке,

Длинный, худой и одетый так, что

в облике нет ни одной помарки

он, выходя, проверяет почту.

Морщится, если младенец плачет

или дурачатся малолетки.

Юрген с диагнозом, это значит —

тих, если вовремя пьёт таблетки.

В жестах его ни одной описки.

Помня, откуда я, кто такая,

он говорит со мной по-английски,

письма из ящика извлекая.

Мнётся и медлит: «О фрау Евса,

там, где рулят беспредел и скверна,

совесть уже не имеет веса».

«Да, — соглашаюсь, — как это верно».

«Явь, — он вздыхает, — полна печали.

Кровь на священный течет пергамент.

Я, фрау Евса, ловлю ночами

все ваши сны, и они пугают.

Мир обаятелен, как бариста,

правда, опасен и слаб умишком.

Я вам сочувствую. Но С-300

каждую ночь — это, фрау, слишком!»

И, дезертиром слиняв с позиций,

Юрген идёт размышлять о благе

в парк, что сквозит желтизной форзиций,

словно нарезанных из бумаги.

Смотрит на уток, плывущих мимо.

Божью коровку сдувает с пальца.

Думает: всё ещё поправимо —

можно тут спрятаться, отоспаться.

„Entsakralisierung“ der Krim-Brücke. Vitaly Portnikov. 05.03.24.

https://ru.krymr.com/a/desakralizatsiya-krymskogo-mosta/32849815.html

Die russische Propaganda spekuliert seit Tagen über das Durchsickern eines Gesprächs zwischen deutschen Bundeswehroffizieren. Die Veröffentlichung des Mitschnitts des Gesprächs hat in der Tat zu einem großen politischen Skandal in Deutschland und zu Diskussionen unter den westlichen Verbündeten geführt. Ich denke, wir können der Meinung von Michael Winiarski, einem Kolumnisten der führenden schwedischen Publikation Dagens Nuheter, zustimmen, der betonte, dass, Zitat: „Putin hat zwei konsequente und übergreifende außenpolitische Ziele: den demokratischen Westen zu spalten und die Unterstützung für die Ukraine zu schwächen. Dank des Abhörskandals, der den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz schockierte, hat er beide Ziele erfolgreich erreicht.“

Und doch könnte die Geschichte des Gesprächs einen weiteren wichtigen Punkt aufgezeigt haben, der in direktem Zusammenhang mit Russlands Krieg gegen die Ukraine steht. Es scheint, dass es für die westlichen Verbündeten der Ukraine keine „heilige“ Brücke von Kertsch (Krim) gibt und dass Diskussionen darüber, wie diese für den Kreml wichtige Infrastruktureinrichtung zerstört werden kann, wie beiläufig geführt werden, ohne dass dies bei irgendjemandem Ablehnung hervorruft. Die Brücke gehört zu den Objekten, die zerstört werden können um den Widerstand der Ukraine erfolgreich zu gestalten und die Fähigkeit Russlands zu verringern seinen aggressiven Krieg gegen den Nachbarstaat zu führen.

Natürlich wird dies auf offizieller Ebene niemand anerkennen – die Diplomatie ist dazu da, innerhalb der Grenzen des Anstands zu bleiben, obwohl Russland diese Grenzen erfolgreich überschreitet und die „roten Linien“ hartnäckig ignoriert. Wichtig ist jedoch auch, was hinter den Kulissen geschieht. Russische Propagandisten, denen das belauschte Gespräch von Vertretern der russischen Sicherheitsdienste angeboten wurde, haben in ihrem Wunsch, ihren Vorgesetzten zu gefallen, das Wichtigste nicht verstanden – sie haben die Brücke von Kertsch (Krim) „entsakralisiert“. Zuvor waren es vor allem ukrainische Politiker und Militärs, die „laut“ über die Möglichkeit der Zerstörung der Brücke sprachen. Jetzt ist klar, dass auch im Westen darüber gesprochen wird. Dass auch der Westen sehr wohl versteht, dass die Brücke keineswegs gebaut wurde, um das Leben der Menschen zu verbessern, sondern um Tod und Hilfe im Krieg zu sichern. Und an dieser Haltung gegenüber der Krim-Brücke und dem Wunsch, sie loszuwerden, bin ich mir sicher, definitiv keine Schuld der deutschen Militärs und keine Schande von Olaf Scholz gibt.

Die Schuld liegt bei Wladimir Putin, der das Völkerrecht zerstört und die Ukraine angegriffen hat.