Die geheime Beisetzung Kaschpirowskis | Vitaly Portnikov. 04.10.2026.

Der vor wenigen Tagen verstorbene selbsternannte Heiler und Hellseher aus der Zeit der Perestroika, Anatoli Kaschpirowski, soll in Sankt Petersburg beigesetzt werden – unter Ausschluss selbst seiner engsten Freunde.

Wann die Abschiedszeremonie stattfinden und wo Kaschpirowski beigesetzt wird, weiß niemand. Ein folgerichtiges Schicksal für einen der berüchtigtsten Hochstapler der Vergangenheit, der Tausende Menschen anzog und dessen pseudowissenschaftliche Hypnosesitzungen im Zentralfernsehen der Sowjetunion ausgestrahlt wurden.

Wenn es überhaupt markante Symbole der Perestroika gab, die deutlich machten, was in den Jahren der kommunistischen Diktatur tatsächlich mit der sowjetischen Gesellschaft geschehen war, dann waren es natürlich Anatoli Kaschpirowski und Allan Tschumak. Allerdings hielten beide einander für Scharlatane.

Kaschpirowski war zweifellos ein künstlerisch begabter Mensch. Doch es ist klar, dass er ohne die Unterstützung der damaligen sowjetischen Führung niemals auf die Fernsehbildschirme gelangt wäre und sein Publikum nicht mit seinen im Grunde auf die Forderung hinauslaufenden Aussagen hypnotisiert hätte, sich der Hypnose zu unterwerfen.

Als die Perestroika zu Ende war, fand Kaschpirowski weiterhin Verständnis bei den neuen Moderatoren führender Fernsehshows im ganzen Land. Dabei ging es nicht nur um Russland, sondern auch um den postsowjetischen Raum. Bekanntlich boten sowohl Andrei Malachow als auch Dmitri Gordon dem schon beinahe in Vergessenheit geratenen Hellseher eine Plattform.

Doch offensichtlich waren nicht sie die Urheber von Anatoli Kaschpirowskis Erfolg während der Perestroika. Es waren jene Kuratoren von der Lubjanka, die sich sowohl um die Karriere des Hellsehers kümmerten als auch ihre künftigen Vertreter in der Politik auf die Bühne brachten, darunter Wladimir Schirinowski. Es war keineswegs Zufall, dass Kaschpirowski Abgeordneter der ersten Staatsduma wurde, und zwar ausgerechnet für Schirinowskis Partei, in deren Fraktion sich zahlreiche zwielichtige Gestalten jener Jahre wiederfanden.

Wer war Schirinowski in Wirklichkeit? Wie eng seine Verbindungen zum KGB der UdSSR waren, ist meines Erachtens durch die gesamte politische Tätigkeit dieses Mannes deutlich geworden, den der Kreml dazu benutzte, die extravagantesten Pläne der russischen Führung an der Gesellschaft zu erproben – Pläne, die inzwischen Wirklichkeit geworden sind.

Und Kaschpirowski? Kaschpirowski war ungefähr vom gleichen Schlag, nur auf einem anderen Gebiet. Politisch gesehen war er geradezu Schirinowskis Hellseher. Denn es ist wohl kein Zufall, dass ein Mann, der in der Ukraine geboren wurde und bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion den größten Teil seines Lebens gerade in diesem Land, in Kyiv, verbracht hatte, in den 20er-Jahren des 21. Jahrhunderts die russische Aggression gegen die Ukraine unterstützte und schließlich in Wladimir Putins Heimatstadt starb – von seinen eigenen Landsleuten praktisch vergessen.

Gerade Kaschpirowskis politische Orientierung, seine Verbindungen zu Schirinowskis LDPR und seine politischen Äußerungen, die keinerlei Zweifel daran ließen, wem seine Sympathien tatsächlich galten, können heute Aufschluss darüber geben, woher jener Mann auf dem sowjetischen Fernsehbildschirm überhaupt kam, der beschlossen hatte, Krankheiten mit dem Klang seiner Stimme heilen zu können.

Es ging nicht nur darum, die Aufmerksamkeit des Publikums irgendwie von den Problemen, die während der Perestroika entstanden waren, auf im Fernsehen übertragene Hypnosesitzungen umzulenken. Man musste Menschen finden, die sich die Gesellschaft unterwerfen und die Aufgaben erfüllen konnten, die sich die sowjetischen Tschekisten schon damals gestellt hatten.

Sowohl Schirinowski als auch Kaschpirowski waren genau solche Menschen, die auf unterschiedliche Weise an die Erfüllung dieses wichtigen Auftrags herangingen. Doch bei Kaschpirowski funktionierte es nicht besonders gut. Praktisch sofort wurde klar, dass er ein Scharlatan war, der nur eine relativ kleine Gruppe von Menschen ohne jegliche Vorstellung von Wissenschaft und Bildung für sich interessieren konnte, und dass aus ihm kein ernst zu nehmender öffentlicher Politiker oder gesellschaftlicher Führer werden würde. Obwohl Kaschpirowski selbst sich natürlich völlig anders einschätzte.

Gerade deshalb wurde er von denen, die ihn ins Zentralfernsehen gebracht hatten, praktisch sofort aus dem Kreis der Symbole der Perestroika entfernt. Der Fernsehführung versuchte man nicht länger zu erklären, wie wichtig Kaschpirowskis Sitzungen für die Beruhigung der sowjetischen Gesellschaft seien. Und in all den folgenden Jahren seiner Tätigkeit konnte der ausgediente Hellseher seine paranormalen Fähigkeiten in keiner Weise mehr unter Beweis stellen.

Zu einem markanten Symbol wurde seine Reise in die besetzte Geburtsklinik von Budjonnowsk, wo Kaschpirowski Schamil Bassajew traf und versuchte, ihn zu hypnotisieren. Bassajew schnaubte nur skeptisch, blickte dem Staatsduma-Abgeordneten aus der Banditenfraktion in die Augen und fragte ihn, warum es denn nicht funktioniere. Im Grunde war dies Kaschpirowskis letzter Auftritt in der russischen Politik. Danach machte er höchstens noch mit seinen letzten Äußerungen zur Unterstützung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine von sich reden.

Doch allein die Tatsache, dass Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen während Kaschpirowskis Fernsehsitzungen den Fernseher einschalteten und glaubten, er könne ihnen bei ihrer Genesung helfen, zeigt bereits, dass der zu Sowjetzeiten verbreitete Mythos vom gebildetsten und lesefreudigsten Land der Welt an diesen Fernsehsitzungen zerbrach; dass die Sowjetunion trotz ihrer gesamten äußeren Fassade in Wirklichkeit ein Land finsterer Unwissenheit und des Glaubens an Wunder geblieben war. Und gerade diese finstere Unwissenheit sollte es den Tschekisten schon bald ermöglichen, die Kontrolle über das Land zu erlangen, während Wladimir Putin rasch alle Ansätze des Wandels beseitigen und Russland zurück in die stalinistische Vergangenheit führen konnte.

Gerade Putin erwies sich als jener Kaschpirowski und Schirinowski in einer Person, der die Aufgaben in die Tat umsetzen konnte, die das Komitee für Staatssicherheit der UdSSR seinen Agenten bereits Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre gestellt hatte.

Vielleicht ist es also durchaus symbolisch, dass Kaschpirowski ausgerechnet in der Heimatstadt jenes Mannes heimlich beigesetzt werden soll, der zum Hypnotiseur für Millionen Russen wurde – für Menschen, die zur leichten Beute dessen wurden, der nicht versuchte, sie mit seiner Stimme zu heilen, ihnen dafür aber ein politisches Programm anbot, das für eine unaufgeklärte Gesellschaft leicht verständlich war.


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Titel des Originals: Тайные похороны Кашпировского | Виталий Портников. 04.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 04.10.2026.
Originalsprache: ru
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Der baltische Weg. Vitaly Portnikov. 06.09.2026.

Балтійський шлях. Віталій Портников. 06.09.2026.

Eine Sendung mit einer bekannten estnischen Politikerin und Diplomatin im Moskauer Studio von Radio Liberty ließ keinen Skandal erwarten – bis zu dem Moment, als einer der Zuhörer die Gästin nach den autoritären Tendenzen in der Entwicklung Estlands vor dem Krieg fragte. Die Reaktion fiel sehr scharf aus – die Gästin fasste diese Frage als Provokation auf, zu einem Zeitpunkt, als die offizielle russische Propaganda buchstäblich auf Schritt und Tritt über die Ereignisse in Estland log.

Doch diese Reaktion ändert nichts an der Wahrheit: Zum Zeitpunkt der sowjetischen Besetzung waren Estland und die benachbarten baltischen Länder Lettland und Litauen keine Demokratien, sondern klassische autoritäre Regime mit aufgelösten Parlamenten, verhafteten politischen Gegnern und einem verkommenen öffentlichen Leben. Alle Entscheidungen wurden in jedem dieser Länder von einer einzigen Person getroffen, die von der Richtigkeit ihrer Einschätzungen überzeugt, häufig nicht in der Lage war, das Ausmaß der Bedrohungen einzuschätzen, und vor allem daran interessiert war, die eigene Macht zu erhalten.

Natürlich begann die Zeit von Konstantin Päts in Estland, Antanas Smetona in Litauen und Kārlis Ulmanis in Lettland den Zeitgenossen im Vergleich zu all dem Grauen, das nach der bolschewistischen und der nationalsozialistischen Besetzung begann, als ein wahrhaft goldenes Zeitalter zu erscheinen – zumal Päts und Ulmanis als Geiseln des sowjetischen Regimes einen qualvollen Tod starben. Aber auch das ändert nichts an der Tatsache, dass die Gefahr unterschätzt und die Absichten des Kremls nicht verstanden wurden. Beispiele für Fehler lassen sich viele anführen, und der wichtigste davon war die Zustimmung zur Einrichtung sowjetischer Stützpunkte in den baltischen Ländern bereits 1939. Nach der sowjetischen Besetzung setzte sich die Auffassung durch, dass die baltischen Staatschefs schlicht keine Chance gehabt hätten, sich Stalins Diktat zu widersetzen. Aber offen gesagt leisteten sie auch nicht allzu viel Widerstand, weil sie glaubten, der sowjetische Diktator werde sie vor Hitler schützen – die Möglichkeit, zu einer deutschen Provinz zu werden, erschien 1939 als eine wesentlich ernstere Bedrohung als die Verwandlung in eine Sowjetrepublik. Infolgedessen befanden sich die Besatzungstruppen bereits vor der Besetzung in den Ländern, die später besetzt werden sollten. Das war eine echte Falle, und die Staatschefs wurden davor gewarnt, doch sie hatten sich daran gewöhnt, alternative Standpunkte nicht zu beachten.

Ein weiterer großer Fehler war die Legitimierung der Besetzung. Der lettische Präsident Kārlis Ulmanis etwa forderte seine Landsleute auf, „auf ihren Plätzen zu bleiben“, und betonte, dass auch er selbst auf seinem Platz als Staatsoberhaupt bleibe. Das entsprach nicht der Wahrheit – Ulmanis verlor seine Macht und war gezwungen, die Marionettenregierung Lettlands zu bestätigen. Dennoch galt er formal weiterhin als Staatsoberhaupt, bis zu den Pseudowahlen zum sogenannten Volkssaeima, das schließlich den Beschluss über den Beitritt zur UdSSR fasste.

Man kann natürlich der Ansicht sein, dass die baltischen Diktatoren keine Wahl hatten – doch das stimmt nicht. Die lettische Armee war beispielsweise größer und stärker als die finnische Armee – aber um sich zum Widerstand zu entschließen, brauchte es einen nationalen Konsens, der in einem demokratischen Land wesentlich leichter zu erreichen ist. Deshalb gelang es den Finnen auch, sich unter weitaus ungünstigeren Bedingungen zu verteidigen. Ulmanis und der estnische Präsident Päts waren jedoch der Ansicht, dass Widerstand keinen Sinn haben würde. Der litauische Präsident Smetona, der das Land 14 Jahre lang allein regiert hatte und als Führer der Nation galt, forderte dagegen tatsächlich, zu kämpfen – nicht vom Volk, sondern von seinen Mitstreitern. Doch er erhielt keine Unterstützung von seinem eigenen Regime und entschied sich zur Emigration. Der amtierende Präsident Litauens Antanas Merkys wiederum handelte wie Ulmanis und legitimierte die Besatzungsregierung.

Wir wissen nicht, ob die baltischen Staatschefs Stalin hätten aufhalten können – doch unter den Bedingungen demokratischer Gesellschaften und eines ehrlichen Dialogs mit der Nation, bei einer Bündelung der Kräfte der baltischen Länder – die ein Bündnisabkommen unterzeichnet hatten, das jedoch niemals umgesetzt wurde – hätten sie wesentlich bessere Chancen gehabt. Zumindest hätten sich die baltischen Länder möglicherweise einfach nicht in Sowjetrepubliken verwandelt, was die Möglichkeit einer demografischen Besetzung in den Nachkriegsjahren ausgeschlossen hätte. Doch all das sind Annahmen. Die Geschichte nahm einen anderen Verlauf.

Und für die Ukrainer ist das Wichtigste, nicht erneut auf diesen Weg zu geraten. In einer Gesellschaft, von deren Angehörigen ein großer Teil in der Zeit des sowjetischen Autoritarismus aufgewachsen ist, gibt es bis heute kein klares Verständnis dafür, dass ein Regime persönlicher Macht immer ein Weg zu Fehlern und Niederlagen ist. Ja, es kann auch erfolgreiche Entscheidungen geben, wie bei einer Lotterie. Doch wenn es kein System der gegenseitigen Kontrolle gibt, wenn es keine alternativen Meinungen gibt, wenn schon das Verständnis nationaler Einheit als Suche nach einem Kompromiss und der richtigen Entscheidung fehlt, ist der Zusammenbruch vorhersehbar. Und ja, in einem solchen Herrschaftssystem leben wir bereits seit vielen Jahren – und können bis zum Ende des Krieges darin leben, der in diesem Fall keineswegs unbedingt zu unseren Gunsten enden wird.

Und nein, kompetente Entscheidungen, ein funktionierendes Parlament und eine verantwortungsbewusste Regierung lassen sich nicht durch effektvolle Auftritte, Zeitschriftencover und den Glauben an die eigenen Fähigkeiten ersetzen. All das kann kurzfristig Wirkung zeigen – und führt anschließend zu wachsendem Misstrauen und neuen Fehlern. Kein Applaus kann ein System funktionierender Staatsführung ersetzen – selbst wenn einem sämtliche Parlamente Europas und der Kongress applaudieren. Natürlich kann man diesen Applaus in Friedenszeiten zum Bestandteil des eigenen Images machen – zusammen mit Straßen und Versprechungen. Aber im Krieg entscheiden nur der Soldat und das Eisen. Wenn es an Menschen und Waffen fehlt, wenn falsche Entscheidungen getroffen werden, wenn Professionalität durch Loyalität ersetzt wird und Loyalität zu Korruption führt, werden Applaus und Versprechungen nicht helfen.

Die baltischen Länder verloren ihre Freiheit für lange 50 Jahre, doch nach deren Wiederherstellung erinnerten sich ihre Bürger dankbar an ihre letzten „eigenen“ Präsidenten und beschlossen, sich nicht auf den autoritären Charakter ihrer Regime zu konzentrieren. Wenn die Ukraine standhält, werden wir über die Fehler und nicht über die Erfolge des sechsten Präsidenten der Ukraine sprechen – am Charakter des ukrainischen Volkes habe ich keinen Zweifel.

Aber das ist weitaus besser, als in einem Gefängnis der Tschekisten getötet und ein halbes Jahrhundert später mit der Aura des letzten Staatschefs eines freien Landes in Erinnerung gerufen zu werden.


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Titel des Originals: Балтійський шлях. Віталій Портников. 06.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung/ Entstehung: 06.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Der schwarze Oberst. Vitaly Portnikov. 05.01.24.

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Der ehemalige sowjetische Volksdeputierte Viktor Alksnis wurde in den Tagen der berühmten Abgeordnetenkongresse der Gorbatschow-Ära als „schwarzer Oberst“ bezeichnet, und dieser Spitzname, der zu einer Zeit geprägt wurde, als man sich noch an die Diktatur der „schwarzen Obersten“ in Griechenland erinnerte, war bei Alksnis so beliebt, dass er seinen eigenen Telegrammkanal danach benannte – ja, er erlebte die Tage der Telegrammkanäle und starb am 1. Januar 2025.

Dieser Text ist jedoch kein Nachruf auf Alksnis, der in Russland, wo er die meiste Zeit seines Lebens lebte und sogar Mitglied der Staatsduma war, oder in Lettland, wo er viel früher als bei uns zu einer unerwünschten Person erklärt wurde, kaum in Erinnerung geblieben ist. Alksnis‘ Leben ist einfach eine Erinnerung daran, dass das Grauen, in dem wir heute leben, viel früher begann als im Jahr 2022 oder sogar im Jahr 2014. Außerdem hat dieses Grauen nie aufgehört.

Oberst Alksnis, der Enkel eines Brigadiers aus dem Bürgerkrieg – er hat sogar die nach seinem Großvater benannte Militärschule absolviert -, begann in der Perestroika-Ära, sich politisch zu engagieren. Aber welche Art von Politik? Er wurde einer der Organisatoren der Lettischen Interfront, kurz nachdem die Lettische Volksfront gegründet worden war. Man könnte sich fragen, warum ein Berufsoffizier sich in der Politik engagieren wollte und warum Alksnis sich in seiner Uniform weiterhin so sicher fühlte, selbst als er Generalsekretär Gorbatschow von der Tribüne des Volkskongresses aus angriff. Jetzt verstehe ich, warum. Weil der Oberst von KGB-Leuten unterstützt wurde, die ihm klar machten, dass er nicht zu befürchten hatte. Die KGB-Leute brauchten Alksnis‘ Interfront, sie waren daran interessiert, die Lage entlang der gesamten sowjetischen Grenzen von Estland bis Usbekistan zu destabilisieren, und sie schürten Konflikte, wo sie nur konnten. Und Alksnis arbeitete eindeutig an dieser Destabilisierung, an der Schaffung der Voraussetzungen für eine echte Diktatur der „schwarzen Oberste“.

Damals habe ich das nicht verstanden und sogar versucht, Alksnis selbst zu fragen. Einmal habe ich ihn am Rande eines Kongresses gefragt, der Oberst war immer ein sehr offener Mensch, warum er seinen eigenen Oberbefehlshaber so heftig kritisiert. Alksnis antwortete gereizt, dass ich solche Fragen seinen anderen Kollegen, Generälen und Marschällen, nicht stelle, obwohl auch sie mit Gorbatschow nicht zufrieden seien. Da wurde ich ärgerlich und sagte, dass diese Generäle und Marschälle Russen seien und für ihr Land kämpften. Und Alksnis ist Lette, und wenn er Gorbatschow vorwirft, er sei „weich“ gegenüber seinem eigenen Volk und Land, dann werde ich sprachlos.

Der „schwarze Oberst“ wurde weiß, verlor sein ganzes Charisma und begann zu schreien, dass all diese Nationalisten, wenn sie versuchten, sich von der Union zu trennen, die Hälfte ihres Territoriums verlieren würden. Später erfuhr ich, dass Alksnis und andere Führer der Sojus-Fraktion mit diesem Konzept zum Vorsitzenden des Obersten Sowjets der UdSSR, Anatoli Lukjanow, gingen. Damals kam die Idee auf, rebellische Republiken zu „erziehen“, indem man sie zu Krüppel-Ländern machte. Damals begann Moskau, die nationale Frage und den „Schutz der Russen“ (Russischsprachige) als Hauptinstrument seines Einflusses in der Sowjetunion und im postsowjetischen Raum einzusetzen. Und dieses einfache Konzept wurde von allen – Gorbatschow, Jelzin, Putin, Medwedew – hartnäckig umgesetzt. Und Alksnis blieb auch nach dem Zusammenbruch der UdSSR ein Agent des Unfriedens und der Destabilisierung. Er war es, der die Gesetzesänderungen initiierte, die die Ausstellung russischer Pässe für Bewohner der de facto von Russland kontrollierten Gebiete ermöglichten – später wird Moskau seine Präsenz in Moldau oder seine Aggression gegen Georgien mit dem Schutz russischer Bürger erklären! Er war es, der im April 2005 in Simferopol die „Rückgabe der Krim an Russland“ forderte – eines der offensichtlichen Signale an das „orange“ Kyiv. Interessant ist jedoch, dass alle diese Äußerungen und Handlungen von Alksnis, die bis ins Jahr 1989 zurückreichen, als Äußerungen eines Randständigen wahrgenommen wurden, der niemals an die Macht kommen würde. Warum also sollte man ihm Aufmerksamkeit schenken?

Aber die Aufgabe von Menschen wie Alksnis ist es nicht, an der Macht zu sein, sondern den Weg für andere zu ebnen. Schließlich starb Alksnis in dem Russland, das er sich seit der Perestroika erträumt hatte – aggressiv, rabiat, bereit zu Krieg und Zerstörung. Und vielleicht hätte er, wenn er noch ein paar Jahre gelebt hätte, nicht nur  den Angriff auf die Ukraine, sondern auch den Angriff auf Lettland erlebt, wer weiß. Und die Frage ist nicht einmal, ob dies die Art von Land ist, die er aufbauen wollte, die Frage ist, ob dies die Art von Land ist, die seine Kuratoren aus Lubjanka wollten. Deshalb mussten die Äußerungen von Alksnis vom ersten Tag an ernst genommen werden. Er sprach von einem Staatsstreich in der Sowjetunion, und tatsächlich fand im August 1991 ein Putschversuch statt. Er sprach von der Abspaltung von Gebieten aus „unartigen“ Republiken, und wir leben immer noch mit offenen Wunden. Er versprach einen Angriff auf die Krim – und der Angriff fand statt.

Und Alksnis hat sich nicht mit dem Begriff „schwarzen Oberst“ geirrt. Nur war der „schwarze Oberst“ gar nicht er.

Der wahre „schwarze Oberst“ war Putin.

Die sowjetische Ukraine: eine gefälschte Unabhängigkeit | Vitaliy Portnikov. „Die gestohlene Welt“. Teil 4. 13.10.24.

Wir befinden uns im Projekt „Die gestohlene Welt“. Was war die sowjetische Ukraine, deren Werchowna Rada am 24. August 1991 die Unabhängigkeit unseres Landes proklamierte? War sie ein Staat oder nur eine Nachahmung von Staatlichkeit? 

Schauen wir uns die Fakten an, um zu verstehen, wie die russischen Bolschewiken diese spezielle Operation durchführten, um die echte ukrainische Staatlichkeit durch eine falsche zu ersetzen. Eine, die ihren Interessen dienen sollte. 

Die ukrainische Staatlichkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand als Ergebnis der Reaktion des ukrainischen Volkes auf den Untergang des Russischen Reiches. Dieser Untergang fand im Februar 1917 vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs statt. Unmittelbar danach rief die Zentrale Rada in Kyiv, ein gewähltes Gremium, das die Interessen der gesamten Bevölkerung der damaligen Ukraine vertrat, die Ukrainische Volksrepublik aus, zunächst als eine autonome Republik innerhalb eines künftigen demokratischen Russlands. Es wurde jedoch bald klar, dass die russische Bevölkerung selbst nicht zu echten Verhandlungen mit Kyiv bereit war. Und dass die Macht in Petrograd an radikale Kräfte überging, die kaum bereit waren, die nationalen Bestrebungen des ukrainischen Volkes zu respektieren. 

Nach dem Oktoberputsch in der damaligen Hauptstadt des Russischen Reiches verkündete die Zentrale Rada die Unabhängigkeit der UPR, was den Bolschewiki erwartungsgemäß nicht gefiel. Und sie griffen zu ihren klassischen Methoden. Sie verlangten, dass die bolschewistische Minderheit in der Zentralen Rada Kyiv verlässt, nach Charkiw umzieht, einer Stadt an der Grenze zu den russischen Provinzen, die bereits von den Bolschewiki kontrolliert wurden, und sich dort zur Ersatzregierung der Ukrainischen Volksrepublik erklärt.

Die Bolschewiki behaupteten wie immer, dass sie die Interessen der Arbeiter und Bauern vertraten, und die Leute in Kyiv, die die Mehrheit in der Rada stellten, konnten diese Interessen unmöglich vertreten. Die Bolschewiki mussten dieses Experiment jedoch schnell wieder aufgeben, und zwar aus dem einfachen Grund, dass sie mit Deutschland Frieden schließen mussten, um die Macht in Petrograd zu behalten. Und eine der Bedingungen für diesen Frieden war, dass das bolschewistische Russland die Unabhängigkeit der Ukrainischen Volksrepublik anerkannte. Damit hatte die Existenz einer alternativen Regierung dieser Republik keinen Sinn mehr. 

Aber die Geschichte der Ukrainischen Volksrepublik selbst sowie die Geschichte des ukrainischen Staates von Hetman Skoropadskyi und auch die Geschichte Deutschlands, das damals die Idee der ukrainischen Souveränität in seinem Kampf gegen das bolschewistische Russland unterstützte, waren nicht sehr einfach. Und nach der Revolution in Deutschland beschlossen die Bolschewiki, dass es nun an der Zeit sei, die ukrainische Staatlichkeit zu ersetzen. Aber wie konnten sie das tun? Immerhin hatten sie bereits die Unabhängigkeit der Ukrainischen Volksrepublik anerkannt und waren später zu diplomatischen Gesprächen mit dem ukrainischen Staat von Hetman Skoropadsky bereit. Eine Delegation aus Petrograd unter der Leitung eines bekannten Bolschewiken aus Bulgarien und Rumänien, Christian Rakovsky, der nach dem Oktoberputsch in Sowjetrussland zu arbeiten begann, besuchte sogar Kyiv. 

Und die Bolschewiki beschlioßen, den bereits eingeschlagenen Weg fortzusetzen und eine alternative Regierung der Ukrainischen Volksrepublik zu bilden, wenn auch auf russischem Territorium, da es zu diesem Zeitpunkt einfach keine bolschewistischen Truppen in der Ukraine gab. Also wurde die bolschewistische Regierung in Kursk ausgerufen. Doch selbst die Bolschewiki erkannten, dass eine ukrainische Regierung in einer russischen Stadt darauf hindeutete, dass es sich um eine Marionettenregierung handelte. Die bolschewistische Kommunistische Partei der Ukraine selbst wurde in Moskau gegründet, aber es handelte sich um eine Partei, nicht um eine Regierung, was sich irgendwie noch erklären lässt. Und die bolschewistische Führung beschloß: Lasst die Kommissare, die sich als ukrainische Minister ausgeben werden, in die Stadt Sudzha in der Provinz Kursk ziehen, die damals gemäß einem Abkommen zwischen Sowjetrussland und dem ukrainischen Staat als Stadt auf neutralem, entmilitarisiertem Gebiet galt. Die Bolschewiki beschlossen sofort, dass Sudscha und das Gebiet um die Stadt herum Teil der Ukraine werden sollten. Als ob die bolschewistische Regierung auf ukrainischem Territorium zu agieren beginnen würde, später wurde sie gezwungen, nach Belgorod und bald darauf nach Charkiw umzuziehen, das von bolschewistischen Truppen erobert wurde. 

Und so begann die Geschichte einer anderen Ukraine, der Sowjetukraine. Derselbe Christian Rakovsky, der einige Monate zuvor die russische Delegation bei den Verhandlungen mit den Ministern der Regierung von Hetman Skoropadsky geleitet hatte, wurde zum Regierungschef der Sowjetukraine und zum Außenminister dieser Regierung ernannt. 

Wir sehen also, dass die Idee einer alternativen Regierung dieses Mal einfach mit Gewalt funktioniert. Den bolschewistischen Truppen, die aus dem Gebiet Sowjetrusslands kamen, gelang es, das gesamte Gebiet zu besetzen, das zu einem unabhängigen ukrainischen Staat hätte werden können. Sie benannten die Ukrainische Volksrepublik, zu deren Regierung sie sich in der Region Kursk zu ausriefen, in Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik um. So begann die Geschichte dieses quasi unabhängigen Staates, der später an die Sowjetunion angegliedert werden sollte. 

Auch die Geschichte der Sowjetunion ist recht interessant. Es sei nämlich daran erinnert, dass Josef Stalin, der Generalsekretär des Zentralkomitees der bolschewistischen Partei und gleichzeitig Volkskommissar für Nationalitäten in der bolschewistischen Regierung, überhaupt keine Sowjetunion oder Unionsrepubliken haben wollte. Er schlug Wladimir Lenin vor, ein Sowjetrussland zu schaffen, das alle von den Bolschewiki eroberten Sowjetrepubliken als autonome Staaten umfassen sollte. Ukraine, Weißrussland, Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Lenin war von Stalins Vorschlag nicht sonderlich angetan, wurde sich von Christian Rakovski umgestimmt. Der Vorsitzende des sowjetischen Ministerrats der Sowjetukraine wollte seine Position als Führer eines angeblich unabhängigen Landes nicht verlieren. Er wollte ein Land führen und nicht irgendeine russische Provinz. Er versuchte, Lenin davon zu überzeugen, dass die Ukraine wie andere von den Bolschewiki besetzte Länder ein formell unabhängiger Staat in der neuen Union neben Sowjetrussland bleiben soll. Und Lenin stimmte Rakovskis Vorschlag zu. „Es mag mehrere Republiken geben, aber es wird eine bolschewistische Partei geben, und das Zentralkomitee dieser Partei wird die gesamte Macht im Lande haben. Eigentlich der Generalsekretär dieser Partei. Und dann wird es keine Rolle spielen, ob diese Republiken Unionsrepubliken oder autonome Republiken heißen, denn alle grundlegenden Entscheidungen werden in Moskau im Zentralkomitee getroffen.“ So entstand die Sowjetunion, mit Wladimir Lenin als erstem Regierungschef. 

Aber Stalin war nie damit einverstanden, dass die so genannten Unionsrepubliken irgendwelche Befugnisse haben sollten. Als Lenin starb, beschlioß er, dass die Sowjetunion anders aussehen soll. Schließlich hatte die Sowjetunion nur wenige Gründerstaaten. Sowjetrussland, Sowjetukraine, Sowjetweißrussland und die Transkaukasische Föderation, zu der Aserbaidschan, Armenien und Georgien gehörten. Vor diesem Hintergrund schien es, dass jeder der Gründer ein Mitspracherecht in dieser Sowjetunion haben sollte. Stalin führte eine breit angelegte Kampagne, um mehrere ehemalige Autonomien aus dem Gebiet Sowjetrusslands zu entfernen. Auf diese Weise entstanden die zentralasiatischen Unionsrepubliken. Heute sind das die Staaten Zentralasiens. Es gab immer mehr Republiken. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs gab es bereits 16 davon. Und damit verschwand die Rolle der Sowjetukraine oder des sowjetischen Weißrusslands als Gründer der Sowjetunion einfach von der politischen Tagesordnung. Stalin betrieb eine echte Marginalisierung der Sowjetrepubliken. In dieser marginalisierten Form haben sie während der gesamten Zeit Stalins, Chruschtschows und Bereschnews existiert. 

Man kann sagen, dass der Status der Unionsrepubliken fast dem der russischen Regionen entsprach. Sie hatten keine wirklichen politischen Rechte. Dies ist eine Imitation der Staatlichkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschloss Stalin sogar, dass die Ukrainische SSR und die Weißrussische SSR, die während des Krieges am meisten gelitten hatten, neben der Sowjetunion Mitglied der Vereinten Nationen werden sollten. Doch selbst Stalins westliche Verbündete, die diesem Vorschlag zustimmten, erkannten, dass es sich dabei um ein abgekartetes Spiel handelte, dass die ständigen Vertreter der Ukrainischen SSR und der Weißrussischen SSR bei den Vereinten Nationen alle Anweisungen des Außenministeriums der Sowjetunion befolgten und dass der Außenminister der Sowjetunion Mitglied des Zentralkomitees der Partei war und ohne die Anweisungen des Generalsekretärs des Zentralkomitees keine Entscheidungen treffen konnte. 

So wurde die Ukraine innerhalb weniger Jahre nach der bolschewistischen Okkupation der Ukraine, einige Jahre nach der Bildung der bolschewistischen Alternativregierung, zu einer Dekoration. Über die tatsächlichen Funktionen dieses Staates  braucht man nicht zu sprechen. Der Punkt ist, dass die Zuständigkeit dieses Staates bestimmte Möglichkeiten nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch kultureller Art umfasste. Einfach ausgedrückt: während die Behörden Sowjetrusslands alle ukrainischen Schulen im Kuban oder auf der Krim an einem Tag beseitigen könnten und niemand an diese Behörden appellieren könnte um eigenen kulturellen Interessen zu schützen, war es viel schwieriger, alles Ukrainische in der Ukraine selbst zu zerstören. Deshalb folgte in der Geschichte der sowjetischen Ukraine auf die Welle der Ukrainisierung eine Welle der Russifizierung. Auf die Welle der Russifizierung folgte ein neuer Versuch der Ukrainisierung. Und so ging es durch alle Jahrzehnte des Bestehens der Sowjetukraine. Es war ein Kampf zwischen denjenigen, die diesem Quasi-Staat zumindest einige nationale Funktionen erhalten wollten, und den Chauvinisten, denen es lieber wäre, wenn es diesen Staat nie gegeben hätte, und die sich damit abfinden müssten, dass er in der Sowjetunion die gleiche, ich würde sagen, folkloristisch demonstrative Funktion hatte, wie Belarus, Usbekistan oder Estland. 

So oder so hat sich herausgestellt, dass die Existenz der Unionsrepubliken, die das Recht hatten, sich frei von der Sowjetunion abzuspalten, ein großer Fehler von Wladimir Lenin war. Wenn Putin Lenin diesen Fehler vorwirft, meint er genau das. Hätten die russischen Bolschewiki den Weg der Stalinschen Autonomie beschritten, wäre es für sie aus Sicht der heutigen russischen Chauvinisten viel einfacher gewesen, die Randgebiete des russischen Reiches zu russifizieren und die Völker der Ukraine, Weißrusslands, der baltischen Staaten, Zentralasiens und des Kaukasus sogar der Idee einer echten Unabhängigkeit zu berauben.Doch es kam anders als erwartet. Als die große Krise in der Sowjetunion während Gorbatschows Perestroika und Glasnost begann, stellte sich heraus, dass die Institutionen der Unionsrepubliken recht wirksam für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Länder arbeiten konnten, die zu verschiedenen Zeiten von den russischen Bolschewiken besetzt worden waren. 

Den Anfang machten die baltischen Staaten, die 1940 nach einer Vereinbarung zwischen Hitlers Außenminister Ribinthrop und Stalins Außenminister Molotow von der Sowjetunion besetzt und annektiert wurden. Die Völker der baltischen Staaten beanspruchten ihre Staatlichkeit zurück. Sie erkannten die Legitimität der Institutionen nicht an, die seit dem schwarzen Jahr 1940 auf ihrem Boden bestanden. Damals überquerten russische bolschewistische Truppen ihre Grenzen und zerstörten die rechtmäßigen Behörden in Riga, Kaunas und Talin. 

In der Folgezeit übernahmen andere Republiken der Sowjetunion die gleiche Idee der Souveränität, aber für sie war es schwieriger als für Lettland, Litauen und Estland, weil sie ihre Staatlichkeit nicht mit der gleichen, ich würde sagen, rechtlichen Unmittelbarkeit wiederherstellen konnten wie die baltischen Nationen. 

Die Ukrainische Volksrepublik existierte nur wenige Jahre und wurde von den Entente-Ländern nicht anerkannt. Sie wurde nur von Deutschland anerkannt. Sich also auf das Völkerrecht zu berufen, um die Unabhängigkeit der Ukrainischen Volksrepublik wiederherzustellen, war es nicht so einfach, wie die Ukraine, die am 24. August 1991 existierte, zu einem unabhängigen Staat zu erklären. Dies in der Hoffnung zu verkünden, dass Russland es verstehen wird. Die Entwicklung der Sowjetunion selbst war so komplex und widersprüchlich, dass die Anerkennung der Souveränität der Unionsrepubliken und der Unverletzlichkeit der Grenzen dieser Unionsrepubliken der beste Weg war, um Krieg und Konflikte zwischen den ehemaligen sowjetischen Nachbarn zu verhindern. Und mit diesen Vorschlägen kamen die ukrainische Regierung und das Parlament nach der Erklärung der ukrainischen Unabhängigkeit und nachdem die Ukrainer den Akt der staatlichen Unabhängigkeit ihres Landes am 1. Dezember 1991 bestätigt hatten. 

Die Russen haben jedoch, wie wir sehen können, eine völlig andere Sicht der Dinge. Sie betrachteten die Ukraine nicht als echten Staat, als Sowjetrussland in der UdSSR an sie angrenzte, und sie tun dies auch nach der Zerstörung des sowjetischen Projekts und der Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten nicht, in der die ehemaligen Sowjetrepubliken nun gleichberechtigte Teilnehmer ohne ein Unionszentrum sind. Die Russen hegen weiterhin revanchistische Hoffnungen. Sie glauben, dass die Souveränität der ehemaligen Sowjetrepubliken eine vorübergehende Erscheinung ist, weil Russland einfach nicht die Kraft hat, seine ehemaligen Kolonien zu zähmen und ihnen sein eigenes Modell von Staatlichkeit und Bündnisbeziehungen aufzuzwingen. Und die Hauptaufgabe der Russischen Föderation bestand darin, die Kraft zu finden, ihr wirtschaftliches und vor allem militärisches Potenzial wiederherzustellen. Und als der Kreml zu dem Schluss kam, dass er genug Kraft hatte, und die Ukraine sich weiter als unabhängiger Staat weiterentwickeln und sogar der Europäischen Union und der NATO beitreten wollte, beschloss der russische Präsident Wladimir Putin, zum Modell der ukrainischen Quasi-Staatlichkeit zurückzukehren, demselben Modell, das sein Vorgänger im Kreml, Joseph Stalin, gepflegt hatte. 

Und am 24. Februar 2022 begann ein neuer blutiger großer russisch-ukrainischer Krieg. Der Krieg, in dem Russland das Ziel verfolgt, die Ukraine in den Status eines untergeordneten Territoriums zurückzuversetzen, d. h. das zu tun, was die russischen Bolschewiken vor 100 Jahren, in den 20er Jahren des turbulenten 20. Jahrhunderts geschafft haben.

Derjenige, der „nein“ sagte. Vitaly Portnikov. 28.07.24.

https://zbruc.eu/node/119054?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTEAAR3HXOJaty74BYLwLtQHcLs7xqXDyAQXbhAeBiu83BkfukC7OzDTaYML47U_aem_rUJSj2NRNIKpN11TVagq9g

In Joseph Bidens langer politischer Karriere wird das Wichtigste für mich immer das „Nein“ sein, das er zu Putin sagte, bevor er die Ukraine angriff. Um ehrlich zu sein, war ich immer neugierig darauf, wie sich die Welt entwickelt hätte, wenn 1938 „Nein“ gesagt worden wäre. Wenn Chamberlain und Daladier nicht auf Hitlers Bedingungen eingegangen wären, ihm nicht das Sudetenland überlassen hätten, sondern versprochen hätten, die Tschechoslowakei gegen einen deutschen Einmarsch zu verteidigen.

Ironischerweise schlug der Churchill-Biograf Boris Johnson gerade zu dem Zeitpunkt, als Biden die letzte grundlegende Entscheidung seiner politischen Karriere traf, eine Art „Chamberlain-Plan“ für die Ukraine vor. Die Tore zur Hölle sind also definitiv noch nicht geschlossen, und es wird viele Politiker geben, ehemalige wie aktuelle, die versuchen werden, dorthin zu gelangen. Das Wichtigste ist jedoch Bidens Entscheidung, nicht ihre phantasievollen Pläne.

Befürworter des „Chamberlain-Ansatzes“ in Geschichte und Politik verteidigen die Richtigkeit seiner Position weiterhin damit, dass er dem Vereinigten Königreich Zeit verschafft habe, sich auf einen Krieg vorzubereiten. Das ist nicht wahr. Die einzige Person, der Chamberlain wirklich Zeit, Mut und Möglichkeiten gegeben hat, war Hitler. Die Tschechoslowakei bereitete sich übrigens aktiv auf den Widerstand gegen die Aggression vor. Aber Prag war sicher, dass sie den Feind nur besiegen konnte, wenn sie die Unterstützung ihrer Verbündeten hatte. Und als sie von diesen Verbündeten „Ja“ statt „Nein“ hörten, zögerten sie nicht lange, nicht nur in Bezug auf das Sudetenland, sondern auch in Bezug auf die Umwandlung ihres Staates (bzw. dessen, was davon übrig war) in ein deutsches Protektorat. Und Hitler, der nach fast zwei Jahrzehnten der Beschränkungen gerade begann, die deutsche Rüstungsindustrie aufzubauen, erhielt den militärisch-industriellen Komplex eines Landes zur Verfügung gestellt, das sich heftig auf die Verteidigung vorbereitete. Bald würden all diese Waffen gegen Polen, Frankreich, Großbritannien und die Sowjetunion gerichtet sein… Apropos Sowjetunion. Chamberlain gab Hitler Zeit und Gelegenheit, eine gemeinsame Sprache mit Stalin zu finden. Das Glück des Vereinigten Königreichs und anderer Demokratien bestand gerade darin, dass Hitler größenwahnsinnig war und Stalin ihm im Nichts nachstand. Und wenn Berlin und Moskau sich nicht zerstritten hätten, wofür wäre dann München 1938 ein Symbol gewesen? Ein Symbol für den Tod der Tschechoslowakei oder Frankreichs und Großbritanniens? Genau.

Hätten Chamberlain und Daladier „Nein“ zu Hitler gesagt, hätten sie ihn vielleicht nicht davon abgehalten, die Tschechoslowakei anzugreifen, das ist eine Tatsache. Ich gebe zu, dass der deutsche Führer das Nachbarland oder zumindest einen Teil davon hätte besetzen können. Aber man weiß nicht, wie lange das gedauert hätte. Und vor allem schließe ich nicht aus, dass die Rüstungsindustrie sowohl Deutschlands als auch der Tschechoslowakei durch diesen Krieg erschöpft worden wäre. Hitler hätte vielleicht einfach nicht die Mittel gehabt, um weiter anzugreifen, er hätte nicht wie ein Sieger ausgesehen, Italien und Japan hätten seine Pläne vielleicht eher beobachtet als sich daran beteiligt, und die Sowjetunion hätte davon abgesehen, den Nichtangriffspakt zu unterzeichnen, und sei es nur, weil sie im Falle einer westlichen Intervention auf Seiten der Tschechoslowakei Prag selbst hätte unterstützen können, wie Stalin es Benes versprochen hatte. Vielleicht ein zerstörtes Prag, aber Prag. Und ich erinnere daran, dass die Niederlage Stalins in Finnland die Sowjetunion von groß angelegten Expansionsplänen abhielt, die erst durch das Bündnis mit Hitler und die Entwicklung des Zweiten Weltkriegs wieder in Gang gesetzt wurden. Aber vielleicht hätte es keinen Zweiten Weltkrieg gegeben, wenn Chamberlain und Daladier in München „Nein“ gesagt hätten?

Ja, das ist durchaus möglich. Chamberlain wäre der bedeutendste Politiker seiner Zeit, es gäbe keinen Churchill, die Tschechoslowakei wäre zerstört, aber nicht vernichtet, und Hitler wäre buchstäblich am Anfang seiner Ambitionen gestoppt. Aber was wäre dann passiert? Vielleicht hätte Lord Halifax, der Nachfolger des an Krebs verstorbenen britischen Premierministers, neue Vereinbarungen mit dem Führer angestrebt, im Austausch für das gleiche Sudetenland… Auf jeden Fall ist dies keine Geschichte über den Zweiten Weltkrieg, sondern eine Geschichte über die Tschechoslowakei.

Genauso wie wir jetzt nicht in der Geschichte des Dritten Weltkriegs leben, sondern in der Geschichte der Ukraine.

Jetzt weiß ich, was passiert, wenn man „Nein“ sagt. Ja, es hält den Krieg nicht auf und verwandelt den Wolf nicht in ein Lamm. Aber es erlaubt eine Barriere zu errichten, die die Welt rettet. Eine Barriere, die den Aggressor dazu zwingt, in seiner ersten Offensive stecken zu bleiben, Ressourcen zu verschwenden, Ausrüstung und Menschen zu verlieren und zu vergessen, dass er eigentlich ein Eroberer der Welt sein sollte. Eine Barriere, die allen, die sich hinter der Barriere befinden, Frieden und Ruhe bringt.

Im Jahr 1938 wurde die Tschechoslowakei nicht zu einer solchen Barriere. Im Jahr 2022 wurde die Ukraine zu einer solchen Barriere.