Der vor wenigen Tagen verstorbene selbsternannte Heiler und Hellseher aus der Zeit der Perestroika, Anatoli Kaschpirowski, soll in Sankt Petersburg beigesetzt werden – unter Ausschluss selbst seiner engsten Freunde.
Wann die Abschiedszeremonie stattfinden und wo Kaschpirowski beigesetzt wird, weiß niemand. Ein folgerichtiges Schicksal für einen der berüchtigtsten Hochstapler der Vergangenheit, der Tausende Menschen anzog und dessen pseudowissenschaftliche Hypnosesitzungen im Zentralfernsehen der Sowjetunion ausgestrahlt wurden.
Wenn es überhaupt markante Symbole der Perestroika gab, die deutlich machten, was in den Jahren der kommunistischen Diktatur tatsächlich mit der sowjetischen Gesellschaft geschehen war, dann waren es natürlich Anatoli Kaschpirowski und Allan Tschumak. Allerdings hielten beide einander für Scharlatane.
Kaschpirowski war zweifellos ein künstlerisch begabter Mensch. Doch es ist klar, dass er ohne die Unterstützung der damaligen sowjetischen Führung niemals auf die Fernsehbildschirme gelangt wäre und sein Publikum nicht mit seinen im Grunde auf die Forderung hinauslaufenden Aussagen hypnotisiert hätte, sich der Hypnose zu unterwerfen.
Als die Perestroika zu Ende war, fand Kaschpirowski weiterhin Verständnis bei den neuen Moderatoren führender Fernsehshows im ganzen Land. Dabei ging es nicht nur um Russland, sondern auch um den postsowjetischen Raum. Bekanntlich boten sowohl Andrei Malachow als auch Dmitri Gordon dem schon beinahe in Vergessenheit geratenen Hellseher eine Plattform.
Doch offensichtlich waren nicht sie die Urheber von Anatoli Kaschpirowskis Erfolg während der Perestroika. Es waren jene Kuratoren von der Lubjanka, die sich sowohl um die Karriere des Hellsehers kümmerten als auch ihre künftigen Vertreter in der Politik auf die Bühne brachten, darunter Wladimir Schirinowski. Es war keineswegs Zufall, dass Kaschpirowski Abgeordneter der ersten Staatsduma wurde, und zwar ausgerechnet für Schirinowskis Partei, in deren Fraktion sich zahlreiche zwielichtige Gestalten jener Jahre wiederfanden.
Wer war Schirinowski in Wirklichkeit? Wie eng seine Verbindungen zum KGB der UdSSR waren, ist meines Erachtens durch die gesamte politische Tätigkeit dieses Mannes deutlich geworden, den der Kreml dazu benutzte, die extravagantesten Pläne der russischen Führung an der Gesellschaft zu erproben – Pläne, die inzwischen Wirklichkeit geworden sind.
Und Kaschpirowski? Kaschpirowski war ungefähr vom gleichen Schlag, nur auf einem anderen Gebiet. Politisch gesehen war er geradezu Schirinowskis Hellseher. Denn es ist wohl kein Zufall, dass ein Mann, der in der Ukraine geboren wurde und bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion den größten Teil seines Lebens gerade in diesem Land, in Kyiv, verbracht hatte, in den 20er-Jahren des 21. Jahrhunderts die russische Aggression gegen die Ukraine unterstützte und schließlich in Wladimir Putins Heimatstadt starb – von seinen eigenen Landsleuten praktisch vergessen.
Gerade Kaschpirowskis politische Orientierung, seine Verbindungen zu Schirinowskis LDPR und seine politischen Äußerungen, die keinerlei Zweifel daran ließen, wem seine Sympathien tatsächlich galten, können heute Aufschluss darüber geben, woher jener Mann auf dem sowjetischen Fernsehbildschirm überhaupt kam, der beschlossen hatte, Krankheiten mit dem Klang seiner Stimme heilen zu können.
Es ging nicht nur darum, die Aufmerksamkeit des Publikums irgendwie von den Problemen, die während der Perestroika entstanden waren, auf im Fernsehen übertragene Hypnosesitzungen umzulenken. Man musste Menschen finden, die sich die Gesellschaft unterwerfen und die Aufgaben erfüllen konnten, die sich die sowjetischen Tschekisten schon damals gestellt hatten.
Sowohl Schirinowski als auch Kaschpirowski waren genau solche Menschen, die auf unterschiedliche Weise an die Erfüllung dieses wichtigen Auftrags herangingen. Doch bei Kaschpirowski funktionierte es nicht besonders gut. Praktisch sofort wurde klar, dass er ein Scharlatan war, der nur eine relativ kleine Gruppe von Menschen ohne jegliche Vorstellung von Wissenschaft und Bildung für sich interessieren konnte, und dass aus ihm kein ernst zu nehmender öffentlicher Politiker oder gesellschaftlicher Führer werden würde. Obwohl Kaschpirowski selbst sich natürlich völlig anders einschätzte.
Gerade deshalb wurde er von denen, die ihn ins Zentralfernsehen gebracht hatten, praktisch sofort aus dem Kreis der Symbole der Perestroika entfernt. Der Fernsehführung versuchte man nicht länger zu erklären, wie wichtig Kaschpirowskis Sitzungen für die Beruhigung der sowjetischen Gesellschaft seien. Und in all den folgenden Jahren seiner Tätigkeit konnte der ausgediente Hellseher seine paranormalen Fähigkeiten in keiner Weise mehr unter Beweis stellen.
Zu einem markanten Symbol wurde seine Reise in die besetzte Geburtsklinik von Budjonnowsk, wo Kaschpirowski Schamil Bassajew traf und versuchte, ihn zu hypnotisieren. Bassajew schnaubte nur skeptisch, blickte dem Staatsduma-Abgeordneten aus der Banditenfraktion in die Augen und fragte ihn, warum es denn nicht funktioniere. Im Grunde war dies Kaschpirowskis letzter Auftritt in der russischen Politik. Danach machte er höchstens noch mit seinen letzten Äußerungen zur Unterstützung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine von sich reden.
Doch allein die Tatsache, dass Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen während Kaschpirowskis Fernsehsitzungen den Fernseher einschalteten und glaubten, er könne ihnen bei ihrer Genesung helfen, zeigt bereits, dass der zu Sowjetzeiten verbreitete Mythos vom gebildetsten und lesefreudigsten Land der Welt an diesen Fernsehsitzungen zerbrach; dass die Sowjetunion trotz ihrer gesamten äußeren Fassade in Wirklichkeit ein Land finsterer Unwissenheit und des Glaubens an Wunder geblieben war. Und gerade diese finstere Unwissenheit sollte es den Tschekisten schon bald ermöglichen, die Kontrolle über das Land zu erlangen, während Wladimir Putin rasch alle Ansätze des Wandels beseitigen und Russland zurück in die stalinistische Vergangenheit führen konnte.
Gerade Putin erwies sich als jener Kaschpirowski und Schirinowski in einer Person, der die Aufgaben in die Tat umsetzen konnte, die das Komitee für Staatssicherheit der UdSSR seinen Agenten bereits Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre gestellt hatte.
Vielleicht ist es also durchaus symbolisch, dass Kaschpirowski ausgerechnet in der Heimatstadt jenes Mannes heimlich beigesetzt werden soll, der zum Hypnotiseur für Millionen Russen wurde – für Menschen, die zur leichten Beute dessen wurden, der nicht versuchte, sie mit seiner Stimme zu heilen, ihnen dafür aber ein politisches Programm anbot, das für eine unaufgeklärte Gesellschaft leicht verständlich war.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Тайные похороны Кашпировского | Виталий Портников. 04.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 04.10.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.