
Балтійський шлях. Віталій Портников. 06.09.2026.
Eine Sendung mit einer bekannten estnischen Politikerin und Diplomatin im Moskauer Studio von Radio Liberty ließ keinen Skandal erwarten – bis zu dem Moment, als einer der Zuhörer die Gästin nach den autoritären Tendenzen in der Entwicklung Estlands vor dem Krieg fragte. Die Reaktion fiel sehr scharf aus – die Gästin fasste diese Frage als Provokation auf, zu einem Zeitpunkt, als die offizielle russische Propaganda buchstäblich auf Schritt und Tritt über die Ereignisse in Estland log.
Doch diese Reaktion ändert nichts an der Wahrheit: Zum Zeitpunkt der sowjetischen Besetzung waren Estland und die benachbarten baltischen Länder Lettland und Litauen keine Demokratien, sondern klassische autoritäre Regime mit aufgelösten Parlamenten, verhafteten politischen Gegnern und einem verkommenen öffentlichen Leben. Alle Entscheidungen wurden in jedem dieser Länder von einer einzigen Person getroffen, die von der Richtigkeit ihrer Einschätzungen überzeugt, häufig nicht in der Lage war, das Ausmaß der Bedrohungen einzuschätzen, und vor allem daran interessiert war, die eigene Macht zu erhalten.
Natürlich begann die Zeit von Konstantin Päts in Estland, Antanas Smetona in Litauen und Kārlis Ulmanis in Lettland den Zeitgenossen im Vergleich zu all dem Grauen, das nach der bolschewistischen und der nationalsozialistischen Besetzung begann, als ein wahrhaft goldenes Zeitalter zu erscheinen – zumal Päts und Ulmanis als Geiseln des sowjetischen Regimes einen qualvollen Tod starben. Aber auch das ändert nichts an der Tatsache, dass die Gefahr unterschätzt und die Absichten des Kremls nicht verstanden wurden. Beispiele für Fehler lassen sich viele anführen, und der wichtigste davon war die Zustimmung zur Einrichtung sowjetischer Stützpunkte in den baltischen Ländern bereits 1939. Nach der sowjetischen Besetzung setzte sich die Auffassung durch, dass die baltischen Staatschefs schlicht keine Chance gehabt hätten, sich Stalins Diktat zu widersetzen. Aber offen gesagt leisteten sie auch nicht allzu viel Widerstand, weil sie glaubten, der sowjetische Diktator werde sie vor Hitler schützen – die Möglichkeit, zu einer deutschen Provinz zu werden, erschien 1939 als eine wesentlich ernstere Bedrohung als die Verwandlung in eine Sowjetrepublik. Infolgedessen befanden sich die Besatzungstruppen bereits vor der Besetzung in den Ländern, die später besetzt werden sollten. Das war eine echte Falle, und die Staatschefs wurden davor gewarnt, doch sie hatten sich daran gewöhnt, alternative Standpunkte nicht zu beachten.
Ein weiterer großer Fehler war die Legitimierung der Besetzung. Der lettische Präsident Kārlis Ulmanis etwa forderte seine Landsleute auf, „auf ihren Plätzen zu bleiben“, und betonte, dass auch er selbst auf seinem Platz als Staatsoberhaupt bleibe. Das entsprach nicht der Wahrheit – Ulmanis verlor seine Macht und war gezwungen, die Marionettenregierung Lettlands zu bestätigen. Dennoch galt er formal weiterhin als Staatsoberhaupt, bis zu den Pseudowahlen zum sogenannten Volkssaeima, das schließlich den Beschluss über den Beitritt zur UdSSR fasste.
Man kann natürlich der Ansicht sein, dass die baltischen Diktatoren keine Wahl hatten – doch das stimmt nicht. Die lettische Armee war beispielsweise größer und stärker als die finnische Armee – aber um sich zum Widerstand zu entschließen, brauchte es einen nationalen Konsens, der in einem demokratischen Land wesentlich leichter zu erreichen ist. Deshalb gelang es den Finnen auch, sich unter weitaus ungünstigeren Bedingungen zu verteidigen. Ulmanis und der estnische Präsident Päts waren jedoch der Ansicht, dass Widerstand keinen Sinn haben würde. Der litauische Präsident Smetona, der das Land 14 Jahre lang allein regiert hatte und als Führer der Nation galt, forderte dagegen tatsächlich, zu kämpfen – nicht vom Volk, sondern von seinen Mitstreitern. Doch er erhielt keine Unterstützung von seinem eigenen Regime und entschied sich zur Emigration. Der amtierende Präsident Litauens Antanas Merkys wiederum handelte wie Ulmanis und legitimierte die Besatzungsregierung.
Wir wissen nicht, ob die baltischen Staatschefs Stalin hätten aufhalten können – doch unter den Bedingungen demokratischer Gesellschaften und eines ehrlichen Dialogs mit der Nation, bei einer Bündelung der Kräfte der baltischen Länder – die ein Bündnisabkommen unterzeichnet hatten, das jedoch niemals umgesetzt wurde – hätten sie wesentlich bessere Chancen gehabt. Zumindest hätten sich die baltischen Länder möglicherweise einfach nicht in Sowjetrepubliken verwandelt, was die Möglichkeit einer demografischen Besetzung in den Nachkriegsjahren ausgeschlossen hätte. Doch all das sind Annahmen. Die Geschichte nahm einen anderen Verlauf.
Und für die Ukrainer ist das Wichtigste, nicht erneut auf diesen Weg zu geraten. In einer Gesellschaft, von deren Angehörigen ein großer Teil in der Zeit des sowjetischen Autoritarismus aufgewachsen ist, gibt es bis heute kein klares Verständnis dafür, dass ein Regime persönlicher Macht immer ein Weg zu Fehlern und Niederlagen ist. Ja, es kann auch erfolgreiche Entscheidungen geben, wie bei einer Lotterie. Doch wenn es kein System der gegenseitigen Kontrolle gibt, wenn es keine alternativen Meinungen gibt, wenn schon das Verständnis nationaler Einheit als Suche nach einem Kompromiss und der richtigen Entscheidung fehlt, ist der Zusammenbruch vorhersehbar. Und ja, in einem solchen Herrschaftssystem leben wir bereits seit vielen Jahren – und können bis zum Ende des Krieges darin leben, der in diesem Fall keineswegs unbedingt zu unseren Gunsten enden wird.
Und nein, kompetente Entscheidungen, ein funktionierendes Parlament und eine verantwortungsbewusste Regierung lassen sich nicht durch effektvolle Auftritte, Zeitschriftencover und den Glauben an die eigenen Fähigkeiten ersetzen. All das kann kurzfristig Wirkung zeigen – und führt anschließend zu wachsendem Misstrauen und neuen Fehlern. Kein Applaus kann ein System funktionierender Staatsführung ersetzen – selbst wenn einem sämtliche Parlamente Europas und der Kongress applaudieren. Natürlich kann man diesen Applaus in Friedenszeiten zum Bestandteil des eigenen Images machen – zusammen mit Straßen und Versprechungen. Aber im Krieg entscheiden nur der Soldat und das Eisen. Wenn es an Menschen und Waffen fehlt, wenn falsche Entscheidungen getroffen werden, wenn Professionalität durch Loyalität ersetzt wird und Loyalität zu Korruption führt, werden Applaus und Versprechungen nicht helfen.
Die baltischen Länder verloren ihre Freiheit für lange 50 Jahre, doch nach deren Wiederherstellung erinnerten sich ihre Bürger dankbar an ihre letzten „eigenen“ Präsidenten und beschlossen, sich nicht auf den autoritären Charakter ihrer Regime zu konzentrieren. Wenn die Ukraine standhält, werden wir über die Fehler und nicht über die Erfolge des sechsten Präsidenten der Ukraine sprechen – am Charakter des ukrainischen Volkes habe ich keinen Zweifel.
Aber das ist weitaus besser, als in einem Gefängnis der Tschekisten getötet und ein halbes Jahrhundert später mit der Aura des letzten Staatschefs eines freien Landes in Erinnerung gerufen zu werden.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Essa
Titel des Originals: Балтійський шлях. Віталій Портников. 06.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung/ Entstehung: 06.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.