Die USA teilen die Ukraine | Vitaly Portnikov. 10.12.2025.

Jeden Tag, vor dem Hintergrund des Verhandlungsprozesses, der zwischen der amerikanischen und der ukrainischen Delegation stattfindet – und möglicherweise, nebenbei bemerkt, laufen auch Konsultationen zwischen den Russen und den Amerikanern –, gibt es Hinweise darauf, wie die Vereinigten Staaten sich im Prinzip die Zukunft der Ukraine und das Ende des russisch-ukrainischen Krieges vorstellen. Und heute ist eine neue Idee aufgetaucht, ein neues Modell zur Beendigung des Krieges. Wobei man es eigentlich nicht „neu“ nennen kann. Es ist eher ein neues altes Modell, das seit den ersten Tagen des Beginns des großen russisch-ukrainischen Krieges diskutiert wird. Und wir können dieses Modell grundsätzlich besprechen – vor allem, um zu begreifen, wie realistisch all diese Vorschläge, die der Westen jetzt zur Beendigung des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine vorlegt, überhaupt sind.

Es geht also um den sogenannten Koreakrieg mit einer demilitarisierten Linie entlang der Front. Genau darüber schreibt die Washington Post in ihrem Text. Zwei Entflechtungs-Zonen. Die eine Zone – das ist eine demilitarisierte Zone, in der es überhaupt keine schweren Waffen geben wird. Die andere Zone – das ist eine Zone, in der jede Art von Waffen erlaubt ist, außer schweren. Also eine Zone ohne Waffen und eine Zone ohne schwere Waffen. 

Natürlich muss man sich klar machen, dass all diese Zonen – wie Sie verstehen – auf dem Territorium der Ukraine liegen würden. Und bis zu einem gewissen Grad entspricht das auch den Vorstellungen des russischen Präsidenten Putin, der ja ebenfalls ständig davon spricht, dass er auf dem Gebiet der Ukraine Pufferzonen sehen möchte. All das ist also im Grunde auch die Idee von Pufferzonen – nur nicht zwischen dem eigentlichen Territorium der Russischen Föderation und dem Territorium der Ukraine, sondern zwischen Gebieten, die von Russland besetzt sind, und Gebieten, die von der legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert werden. Das sind also zwei Ideen, die jetzt als Varianten zur Diskussion gestellt werden, wie der russisch-ukrainische Krieg enden soll.

Reden wir nun darüber, wie diese zwei Zonen überhaupt aussehen sollen. Also, wie realistisch es ist, zu glauben, dass sie so existieren können. Und wer wird diese Zonen kontrollieren? Das ist ja ebenfalls eine sehr gute Frage. Wenn das zwei demilitarisierte Zonen sind, die sich beide auf Gebiet befinden, das von der legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert wird, dann entsteht sofort die Frage nach dem Status dieser Zonen und danach, wer sie in der Realität kontrollieren wird. Es gibt demilitarisierte Zonen auf der Koreanischen Halbinsel, nach deren Vorbild die Amerikaner diese zwei demilitarisierten Zonen vorschlagen. Und im Prinzip sind das menschenleere Zonen, wie Sie wissen. Dort gibt es nur Truppen.

Das bedeutet, wie Sie verstehen, dass wir in dieser Situation darüber sprechen, dass uns angeboten wird, ein riesiges Gebiet der Ukraine von seiner Bevölkerung zu säubern, damit es einfach ein Territorium ist, auf dem sich ausschließlich irgendwelche Kontrolltruppen befinden, die überwachen, was zwischen Russland und der Ukraine geschieht. Und natürlich stellt sich immer auch die Frage, wie diese beiden Zonen so kontrolliert werden sollen, dass russische Truppen nicht jederzeit, in jedem ihnen passenden Moment, in sie eindringen können. Auch das ist – würde ich sagen – ein ziemlich merkwürdiger Blick auf ein koreanisches Finale des Krieges in der Ukraine.

Ich sollte Sie daran erinnern, dass schon der Vergleich an sich ziemlich seltsam ist, weil es auf der Koreanischen Halbinsel – wie Sie verstehen – einen Krieg innerhalb eines einzigen Staates gab. Das war im Grunde ein innerstaatlicher Konflikt, ein Bürgerkrieg. Und in beiden Fällen wurden die zwei Teile der Koreaner von Verbündeten unterstützt, die auf der einen Seite auf Seiten der koreanischen Kommunisten standen – das waren die Sowjetunion und die Volksrepublik China – und auf der anderen Seite auf der Seite des Südens, man könnte sagen des demokratischen Südens, aber nennen wir es ehrlicher: des antikommunistischen Südens. Denn der erste Präsident Südkoreas, Syngman Rhee, war ein ziemlich autoritärer Mensch, wenn auch – ich würde sagen – deutlich näher an einer demokratischen Ordnung Koreas als sein Gegenspieler, der kommunistische Diktator Kim Il-sung, wie wir heute ganz genau verstehen.

Und die Teilung Koreas selbst, das Waffenstillstandsabkommen – das, nebenbei bemerkt, ohne Beteiligung des südkoreanischen Präsidenten Syngman Rhee zustande kam, ich möchte Sie daran erinnern –, Südkorea hat dieses Abkommen nie unterzeichnet. Die Vereinigten Staaten haben es für Südkorea unterschrieben. Im Grunde können wir also sagen, dass dieser Waffenstillstand implizit davon ausging, dass sich beide Koreas eines Tages nach dem Waffenstillstand wieder zu einem einzigen Staat vereinen würden, dass dafür nur die Zeit noch nicht gekommen sei. Und beide Koreas betrachteten praktisch bis zu diesem Jahr – als der heutige nordkoreanische Diktator Südkorea offiziell zu einem „anderen Staat“ erklärte – das Territorium des jeweils anderen Koreas als das eigene Territorium, nur eben als besetzt: aus Sicht Pjöngjangs von den Amerikanern und aus Sicht Seouls von den Kommunisten. Und Sie wissen, dass jeder Bürger der Demokratischen Volksrepublik Korea, wenn er aus dem Norden flieht und im Süden ankommt, automatisch Bürger Koreas wird – weil er als jemand gilt, der von einem Gebiet geflohen ist, das von Kommunisten besetzt ist.

Bei uns und den Russen handelt es sich aber nicht um einen Bürgerkrieg, sondern um einen zwischenstaatlichen Konflikt, der von einer Seite eine Verletzung des Völkerrechts darstellt, indem sie das Territorium einer anderen Seite besetzt – was in der Situation mit Korea nicht der Fall war. Und es stellt sich immer eine sehr wichtige Frage: Wie sieht der weitere Ausweg aus einer Pufferzonen-Situation aus? Verstehen Sie, wenn wir eine Pufferzone schaffen, die Kontrolle Russlands über ukrainische Territorien anerkennen, und zwischen den besetzten Gebieten und der Ukraine selbst diese Pufferzone auf ukrainischem Boden errichten, während diese von Russland besetzten Gebiete völkerrechtlich weiterhin ukrainisches Territorium bleiben, Russland sie aber als eigenes Territorium betrachtet, ja mehr noch: Russland der Meinung ist, dass sich jenseits der Pufferzone Gebiete befinden, die verfassungsmäßiger Bestandteil der Russischen Föderation sein müssten, nur „von den Ukrainern besetzt“ – womit könnte eine solche Situation denn bitteschön enden, außer mit einem Krieg zwischen zwei Staaten?

Das Einzige, was diese Situation mit Korea gemeinsam hat, ist, dass Russland selbst den ukrainischen Staat nicht als reale politische Einheit anerkennt und seine Territorien als eigene ansieht. Das heißt, wenn Sie so wollen, gibt es in dieser Geschichte „eine Korea“ – das ist Russland –, nicht die Ukraine, die sich überhaupt nicht als Teil Russlands betrachtet und sich nicht Russland anschließen will. Genau deshalb verwundert mich die Idee dieser zwei Pufferzonen entlang der Kontaktlinie so sehr.

Und stellen Sie sich jetzt vor, dass in dieser Situation, wenn man sich die Karte ansieht, die die Medien derzeit veröffentlichen, Saporischschja praktisch schon in der zweiten Pufferzone liegt, in der Zone ohne schwere Waffen. Stellen Sie sich vor, wie das Leben in einem regionalen Zentrum aussieht, in dem es nicht einmal ernsthafte Truppen gibt – und gegenüber steht eine bis an die Zähne bewaffnete, aggressive russische Armee. Das ist ebenfalls ein sehr ernstzunehmender Punkt, den man im Kopf behalten sollte. Und Saporischschja ist keineswegs die einzige Stadt, die sich praktisch an den Grenzen dieser Zonen wiederfindet. Noch eine ganze Reihe großer ukrainischer Städte würde in so einer Grauzone mit völlig unklaren Perspektiven landen.

Und ich habe noch eine Frage, die ich gerne stellen würde: Wer hat überhaupt gesagt, dass sich die Russische Föderation bereit erklärt, dieser Zonen-Idee zuzustimmen? Wir hören doch die ganze Zeit vom Präsidenten Putin, dass er überhaupt nur dann irgendwelche Gespräche über einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front beginnen kann, wenn die ukrainischen Truppen das Gebiet der Region Donezk verlassen haben. In letzter Zeit – zumindest während seines Besuchs in Indien – spricht Putin bereits von der sogenannten „Befreiung Neurusslands“ als Kriegsziel im russisch-ukrainischen Krieg.

Und mich würde sehr interessieren zu verstehen, ob Trump und seine Unterhändler, wenn sie über diese Pufferzonen sprechen, die – wenn man auf die Karte schaut – genau entlang der Linie verlaufen sollen, auf der sich jetzt russische und ukrainische Truppen befinden, ihre Pläne mit Präsident Putin abgestimmt haben. Inwieweit verstehen sie, dass Putin überhaupt nicht die Absicht hat, den Krieg unter solchen Bedingungen zu beenden? Denn das ist kein Krieg um irgendwelche Pufferzonen oder Teile der Regionen Donezk, Luhansk, Cherson oder Saporischschja – das ist ein Krieg um die Ukraine. Und die Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja sind nur deshalb in diese Zange des Aggressors geraten, weil es Regionen waren, die die russische Armee einnehmen konnte.

Wie wir jetzt sehen, operiert die russische Armee weiterhin auf dem Gebiet der Regionen Charkiw, Dnipropetrowsk und Sumy. Und es gab Zeiten, da war sie in einer deutlich größeren Zahl ukrainischer Regionen: in der Region Tschernihiw, in der Region Schytomyr, im Gebiet Kyiv, im Gebiet Mykolajiw. Und wie hängt das alles mit dem angeblichen Wunsch zusammen, ausschließlich fünf ukrainische Regionen und Sewastopol an die Russische Föderation anzugliedern? Das scheint mir eine nicht schlechte Frage zu sein, auf die man eine Antwort finden sollte.

Was soll die Ukraine im Gegenzug für ihr Einverständnis mit einer solchen territorialen Aufteilung und für die faktische Zustimmung zur Aufgabe ihrer Territorien auf unbestimmte Zeit erhalten? Denn offensichtlich wäre die Ukraine, wenn ein solches Abkommen tatsächlich unterzeichnet würde, verpflichtet, sich damit einverstanden zu erklären, dass sie ihre Territorien nicht mit Gewalt zurückerobern kann. Natürlich stünde unter einem solchen Abkommen auch eine Unterschrift russischer offizieller Vertreter. Aber wir wissen eines ganz genau: Anders als wir können die Russen jederzeit ihre Verpflichtungen brechen, sobald sie ihnen nicht mehr gefallen.

Es gibt außerdem die Idee, dass die Ukraine bereits im Jahr 2027 der Europäischen Union beitreten soll. Offensichtlich könnten die Vereinigten Staaten dazu beitragen, die Opposition des ungarischen Premierministers Viktor Orbán zu beseitigen. Orbán sagt ständig, dass er ein entschiedener Gegner sei, der den EU-Beitritt der Ukraine niemals zulassen werde. Aber wir verstehen, dass dies aus seiner Sicht leere Rhetorik ist, die vor allem mit den Parlamentswahlen in seinem Land zusammenhängt und mit Orbáns Wunsch, der seit vielen Jahrzehnten eine echte Korruptions-Vertikale in Ungarn anführt, an der Macht zu bleiben und so Verantwortung zu vermeiden.

Diese Wahlsituation in Ungarn kann, sollte die US-Regierung wirklich wollen, dass die Ukraine Mitglied der EU wird, auf zwei Wegen enden. Der eine Weg besteht darin, dass Orbán die Wahlen verliert und der neue ungarische Premierminister kein Veto gegen den Beitritt der Ukraine zur EU einlegt. Der zweite Weg: Trump wird Druck auf Orbán ausüben und ihn dazu zwingen, auf sein Veto zu verzichten, das Orbán nach Abschluss der Parlamentswahlen in seinem Land ohnehin weit weniger brauchen wird.

Aber ich verstehe nicht so recht, wie man einen EU-Beitritt der Ukraine im Jahr 2027 erreichen will, wenn jetzt das Jahr 2025 zu Ende geht und man sich fragen muss, welches Tempo die Verhandlungen zwischen der Ukraine und der EU haben müssten, damit wir es schaffen, 2027 beizutreten. Und wie groß wären dann unsere wirtschaftlichen Verluste – vor allem in den Bereichen der ukrainischen Industrie? Sehr vieles müsste geschützt werden, wenn wir die Verhandlungen innerhalb von zwei Jahren durchziehen wollen. Können Sie sich vorstellen, wie viele Zugeständnisse wir in einer solchen Situation unseren Nachbarn machen müssten?

Und natürlich stellt sich eine riesige Frage, wie realistisch das überhaupt ist. Mir scheint, dass in diesen Vorschlägen weniger Realität steckt als vielmehr der Blick der Vereinigten Staaten auf die EU als eine Organisation, in die man aufgenommen wird, indem man einfach die Hand hebt. Das klingt zwar nach einer guten Idee, ist aber in Bezug auf das Tempo eines EU-Beitritts völlig unrealistisch. Ich würde mich gern irren.

Dann gibt es noch einen weiteren Punkt. Für Russland würde ein EU-Beitritt der Ukraine bedeuten, dass die gesamte Ukraine hinter der Pufferzone faktisch von Russland abgeschnitten ist und alle Pläne des russischen Präsidenten, sein Imperium auf unsere Kosten und in unseren Grenzen wiederherzustellen, gescheitert wären. Da stellt sich für mich die Frage, ob Putin sich in absehbarer Zeit damit einverstanden erklären wird – und welche Einflussinstrumente Witkoff und Kushner gegenüber Putin überhaupt haben sollen, um ihn zu dieser Zustimmung zu bringen.

Der nächste Punkt sind die Sicherheitsgarantien. Die Washington Post beschreibt sie als ähnlich Artikel 5 (des NATO-Vertrages). Das heißt: Wenn Russland dieses Friedensabkommen verletzt, müssen die Vereinigten Staaten der Ukraine helfen, dieses Abkommen unterzeichnen, es im Kongress ratifizieren. Die europäischen Staaten werden ihre eigenen Abkommen mit separaten Sicherheitsgarantien unterzeichnen. Es geht darum, dass die USA und die europäischen Länder auf jede russische Aggression mit entschlossenen Maßnahmen reagieren.

Aber wieder ist nicht sehr klar, wie diese Sicherheitsgarantien genau aussehen sollen. Besonders nach all den Zweifeln in Europa, ob die Vereinigten Staaten überhaupt bereit sind, europäische Länder zu verteidigen. Und wenn wir über zukünftige Sicherheitsgarantien sprechen, die Artikel 5 der NATO ähneln, müssen wir uns eine ziemlich grundlegende Frage stellen: „Funktioniert Artikel 5 der NATO überhaupt? Sind wir sicher, dass Artikel 5 funktioniert und die europäischen NATO-Staaten tatsächlich schützt?“

Meiner Meinung nach ist das derzeit die wichtigste Frage, auf die wir eine Antwort suchen müssen. Denn wenn die Vereinigten Staaten nicht bereit sind, Europa zu verteidigen, dann ist ganz egal, welche Abkommen sie mit der Ukraine über unseren Schutz unterzeichnen – in einem kritischen Moment wird der Präsident der Vereinigten Staaten, und das muss nicht unbedingt Trump sein, sagen, dass er wegen der Ukraine kein Risiko eingehen und keinen nuklearen Krieg zwischen den größten Nuklearmächten der Welt riskieren wird. Stattdessen wird er versuchen, mit der Russischen Föderation eine gemeinsame Sprache zu finden. Das ist also ein ziemlich wichtiger Punkt.

Diese Diskussionen über die Begrenzung der ukrainischen Armee dauern fort. Wie wir verstehen, sind sie alle ziemlich ernst, was die Debatte betrifft. Sie wissen, dass die Vereinigten Staaten wollen, dass die ukrainische Armee auf 600.000 Soldatinnen und Soldaten reduziert wird. Die europäischen Länder bestehen für die Ukraine auf der Zahl von 800.000 Soldaten. Soweit ich verstehe, wird sich die Russische Föderation weder mit der einen noch mit der anderen Zahl einverstanden erklären.

Und wieder habe ich eine wichtige Frage: Welche Instrumente haben die amerikanischen Vermittler überhaupt, um den russischen Präsidenten dazu zu zwingen, selbst einer 600-tausendköpfigen ukrainischen Armee zuzustimmen? Worin besteht derzeit die Idee der Ukrainer, wenn sie in den Verhandlungen mit den Amerikanern darauf beharren? Sie sagen, sie könnten sich mit 600.000 Angehörigen der ukrainischen Streitkräfte einverstanden erklären, wollen aber, dass es keine Beschränkungen für andere Sicherheitsstrukturen gibt, sagen wir, für die Nationalgarde der Ukraine, die man durch jene Hunderttausende von Menschen aufstocken könnte, die ansonsten in den Streitkräften dienen würden. Aber auch ein solcher Schachzug ist – würde ich sagen – für Moskau absolut inakzeptabel.

Nun zu den territorialen Tauschgeschäften, einem wichtigen Teil dieser Verhandlungen. Trotz der Tatsache, dass es auf der Karte, die wir in den Medien sehen, um eine Trennlinie entlang der aktuellen Demarkationslinie geht, an der sich jetzt die ukrainischen und russischen Truppen befinden – eine Art provisorische Demarkationslinie, eine Frontlinie –, läuft die Hauptdiskussion um die Region Donezk und das Tempo des Gebietsverlustes dort. Während viele Beobachter meinen, dass die russische Armee in diesem Tempo noch mehrere Jahre auf dem Gebiet der Region Donezk weiter vorrücken könnte, heißt es in der Trump-Administration, dass die Ukraine dieses Gebiet ohnehin innerhalb der nächsten sechs Monate verlieren werde. Und deshalb sei es jetzt besser, sich mit dem Verlust dieses Gebietes abzufinden, um zusätzliche Opfer zu vermeiden.

Auch hier verwenden amerikanische Unterhändler, wenn sie vom Abzug ukrainischer Truppen aus der Region Donezk sprechen, den Begriff „demilitarisierte Zone“ – eine Zone, aus der die ukrainischen Truppen abgezogen werden und in die keine russischen Truppen einrücken sollen. Aber das Hauptproblem liegt doch nicht in der Militarisierung oder Demilitarisierung, sondern in der Frage, unter wessen Souveränität dieses Gebiet stehen wird. Welche Flagge über den Rathäusern von Slowjansk oder Kramatorsk wehen wird: die Flagge der aggressiven Russischen Föderation oder die Flagge des rechtmäßigen Staates, der Anspruch auf dieses Gebiet hat? Das ist, wie Sie verstehen, das eigentliche Kernproblem, das gelöst werden muss.

Es lassen sich viele historische Parallelen finden. Erinnern Sie sich: Nach dem Ersten Weltkrieg gab es auch Teile deutschen Territoriums, die de facto demilitarisiert waren und nicht zu Deutschland gehörten, aber gleichzeitig auch nicht Teil anderer Staaten wurden. Das beste Beispiel ist die Freie Stadt Danzig und der Korridor über polnisches Gebiet dorthin. All diese genialen Konstruktionen endeten, wie Sie wissen, im Zweiten Weltkrieg, der genau auf den Straßen von Danzig begann.

Nun ein weiterer, sehr wichtiger Punkt: der mit dem Kernkraftwerk Saporischschja verbundene. Es gibt die Forderung, dass dieses Kraftwerk von der russischen Besatzung befreit wird. Und die Amerikaner beanspruchen die Rolle, dort sozusagen die Aufsicht zu übernehmen – das heißt, es soll unter amerikanische Verwaltung gestellt werden. Ich halte es für durchaus möglich, dass man in Kyiv dieser Idee sehr positiv gegenübersteht. Denn wenn sich auf dem Gelände des Kernkraftwerks Saporischschja eine amerikanische Verwaltung befindet, begrenzt das die Möglichkeiten der Russischen Föderation, reale militärische Aktionen gegen die Ukraine zu führen, erheblich – weil sie dann gegen amerikanisches Personal und amerikanische Sicherheitskräfte gerichtet wären. Und im Grunde genommen wäre das dann eine amerikanische Basis, wenn auch keine militärische, aber eine Basis auf ukrainischem Boden.

Aber wieder stellt sich mir die Frage, was der russische Präsident wohl von der Idee hält, dass auf dem Gebiet der Region Saporischschja, die in der russischen Verfassung „Region Saporischschja der Russischen Föderation“ heißt, ein Kernkraftwerk steht, von dem das russische Personal abgezogen wurde und an dessen Stelle amerikanisches Personal eingesetzt wird. Aus welchem Grund bitte schön? Ich bin absolut sicher, dass sich der russische Präsident niemals mit einer solchen Idee einverstanden erklären wird. Und ich verstehe nicht so recht, warum das überhaupt diskutiert wird und welche Instrumente, ich wiederhole mich hier schon zum x-ten Mal während dieser Sendung, welche Instrumente die amerikanische Administration überhaupt haben soll, um die Russen zu zwingen, auf das Kernkraftwerk Saporischschja auch noch zugunsten der Amerikaner zu verzichten. Wie will Putin das den Russen erklären? „Wisst ihr, wir haben das Kernkraftwerk Saporischschja befreit, und jetzt sitzen dort die Amerikaner“?

Nun zur Frage der Finanzierung. Die Trump-Unterhändler schlagen der Ukraine vor, 100 Milliarden Dollar aus eingefrorenen russischen Vermögenswerten in Europa zu erhalten. Ohne die Europäer ist dieses Problem aus einem einfachen Grund nicht zu lösen. Damit dieses Geld ausgezahlt werden kann, muss das europäische Zentralverwahrungsinstitut in Belgien, in dem sich der Löwenanteil dieser Mittel befindet, klare Garantien bekommen, dass Belgien im Falle eines Gerichtsverfahrens, das Russland gegen dieses Verwahrungsinstitut oder gegen Belgien führen könnte, die möglichen finanziellen Verluste kompensieren kann.

Bislang gibt es weder von Seiten der Vereinigten Staaten noch vonseiten der Europäischen Union einen klaren Mechanismus, wie Belgien diese potenziellen Verluste kompensiert werden könnten. Der belgische Premierminister Bart De Wever – übrigens ebenfalls ein rechtspopulistischer Politiker vom Schlage Trumps, ein ultraflämischer, rechtsnationalistischer Politiker – hat heute wörtlich gesagt, dass er die Konfiszierung der russischen Vermögenswerte in diesem Verwahrungsinstitut für einen ganz gewöhnlichen Diebstahl aus dem Staatshaushalt eines Landes hält, mit dem weder Belgien noch die gesamte EU sich im Kriegszustand befinden. „Und das“, sagte er, „ist dasselbe, wie in die Botschaft eines souveränen Staates auf belgischem Boden einzudringen – vielleicht sogar in die Botschaft eben dieses Russlands – und dort einfach Möbel und anderes Eigentum zu stehlen.“ Wie wir sehen, verteidigt die Regierung Belgiens in Brüssel weiterhin die Unmöglichkeit einer solchen Entscheidung. Und ich verstehe nicht so recht, wie man dieses Hindernis überwinden will.

Es ist also offensichtlich auch hier ein amerikanischer Einfluss erforderlich. Gleichzeitig ist völlig klar, dass Russland sehr hart auf die Konfiszierung dieser Vermögenswerte reagieren wird. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat heute bereits betont, dass Russland auf eine solche Entscheidung eine Antwort vorbereitet. Überhaupt ist völlig unklar, wie Moskau reagieren wird, wenn sich herausstellt, dass nicht Ursula von der Leyen, sondern Donald Trump der Hauptinitiator und Motor hinter der Konfiszierung russischen Geldes war. Das ist ebenfalls eine interessante Frage.

Ein weiterer Teil des Wiederaufbaus der Ukraine soll durch Investitionen der Vereinigten Staaten erfolgen. Und überraschend ist daran nun der Vorstandschef des Finanzgiganten BlackRock, Larry Fink, beteiligt, der einen Entwicklungsfonds für die Ukraine auflegen soll, der 400 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau unseres Landes mobilisieren soll. Das ist natürlich eine gigantische Summe. Die Einbindung Larry Finks ist keine Fantasie. Warum? Weil unsere Unterhändler heute zum ersten Mal diese Gruppe zusammengebracht haben, die sich mit dem Wiederaufbauplan für die Ukraine befassen soll. Mit dabei waren Scott Bessent, der Finanzminister der Vereinigten Staaten,

Das ist wichtig, denn Scott Bessent ist einer der kompromisslosesten Gegner Russlands im wirtschaftlichen Bereich und spricht ständig von der Notwendigkeit, harte Sanktionen gegen die Russische Föderation zu verhängen. Wie bekannt, ist er ein Befürworter solcher Sanktionen, die die russische Wirtschaft zerstören würden – nicht nur im Hinblick auf die Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland, sondern auch, weil Bessent Russland offensichtlich als Energiekonkurrenten ausschalten möchte, wenn nötig durch die Zerstörung seiner Wirtschaft. Anders als Kushner und Witkoff betrachtet Bessent Russland als Konkurrenten und nicht als Einnahmequelle. Und das ist eine sehr richtige Position, weil die Zerstörung der russischen Wirtschaft – verbunden mit der Unmöglichkeit ihrer Wiederherstellung im kommenden Jahrzehnt – das Beste ist, was Europa passieren kann.

Also: Bessent, Larry Fink und Jared Kushner nahmen an diesem Gespräch teil – das ist also eine Art Dreiergruppe, die sich mit Investitionen und Wiederaufbau befasst. In dieser Hinsicht kann man sagen, dass dies eine wichtige Trump-Formel ist.

Es gibt ja die berühmte Idee, wonach Länder, die Handel treiben und prosperieren, nicht gegeneinander Krieg führen. Das ist eine völlig verrückte Idee. Denn Deutschland begann den Zweiten Weltkrieg nach einem drastischen wirtschaftlichen Aufschwung in den 1930er Jahren, und China wird gerade wegen seines wirtschaftlichen Aufschwungs zu einer immer größeren militärischen Bedrohung. Solange China nicht prosperierte, war es keine militärische Bedrohung für die USA. Aber gut – im Moment denkt Trump eben, was er denkt.

Was ist also die Idee? Trumps Unterhändler arbeiten mit den europäischen Verbündeten an einem Paket aus Sicherheitsgarantien und wirtschaftlichen Anreizen, das attraktiv genug sein soll, damit die Ukrainer bereit sind, die bittere Pille zu schlucken – nämlich den Verzicht auf jenen Teil der Region Donezk, den Russland nicht erobern konnte. Das ist die Trump-Formel des Friedens.

Aber ich wiederhole: Es gibt für mich eine Frage, die völlig offen bleibt. Wo ist in diesem Plan Putin? Denn der überwiegende Teil dieser Punkte setzt überhaupt kein Interesse Putins voraus. Ich bin sogar der Meinung, dass Putin diesen Friedensplan nicht vorgeschlagen hat, um den Krieg zu beenden, sondern um die Destabilisierung der Ukraine zu fördern, um schnell größere Gebiete zu erobern, die die russische Armee einnehmen könnte. 

Offensichtlich hält Putin sich jetzt für nahe an seinem Ziel – gerade deshalb hat er ja begonnen, von „Neurussland“ zu sprechen. Und jetzt schlägt man ihm eine bittere Pille vor: Anstatt die Ukraine einzunehmen, den Prozess der Wiederherstellung seines Imperiums auf unsere Kosten zu starten und eine politische Hegemonie über Europa aufzubauen, soll er sich mit einem kleinen Teil der Region Donezk zufriedengeben und möglicherweise die Möglichkeit verlieren, seine Truppen weiter vorrücken zu lassen – zumindest wegen der Präsenz einer amerikanischen Administration im Kernkraftwerk Saporischschja.

Das Entscheidende, was ich verstehen möchte, ist: Warum glauben Bessent, Trump, Witkoff, Kushner, Rubio – all diese Leute –, dass sie, wenn sie Zelensky unter Druck setzen und selbst wenn die Ukrainer gegen eine solche Entscheidung nicht protestieren sollten, automatisch auch Putins Zustimmung bekommen werden? Und was werden sie tun, wenn Putin sie mit all ihren bereits von ihnen selbst und von Zelensky gebilligten Vorschlägen zum Teufel schickt? Das ist die Frage, auf die ich keine Antwort habe. Und wenn es darauf keine Antwort gibt, können wir feststellen, dass das alles kein wirklicher Friedensprozess ist.

Wir analysieren dieses Thema so detailliert, weil Sie hier reale Vorstellungen darüber sehen, wie die Amerikaner das Ende des russisch-ukrainischen Krieges in der aktuellen Phase sehen.

Kommentieren Sie, was Sie über dieses koreanische Modell eines Endes oder Einfrierens des russisch-ukrainischen Krieges denken. Und ich werde jetzt auf Fragen antworten, die während dieser Sendung gestellt wurden, während wir miteinander gesprochen haben.

Frage. Stellen wir uns vor, die Ukraine macht irgendwelche Zugeständnisse. Putins Truppen nehmen diese Gebiete ein, bleiben aber nicht stehen, sondern gehen weiter. Was wird Trump in dieser Situation tun?

Portnikov. Genau das ist doch die Frage Nummer eins, mit der wir uns hier beschäftigen.

  • Erstens: Putins Truppen dürften diese Gebiete gar nicht einnehmen. Es soll ja eine demilitarisierte Zone sein.
  • Zweitens: Es müssten solche Sicherheitsgarantien existieren, die vorsehen, dass, wenn russische Truppen weiter vorrücken, die Streitkräfte des Westens eingreifen.

Das heißt, Russland könnte in eine Situation gebracht werden, in der es sich mit direkter westlicher Intervention konfrontiert sieht und sich schriftlich mit allem einverstanden erklärt, was passieren wird – so zumindest die Idee Trumps. Aber ich wiederhole: Ob wir solche Sicherheitsgarantien haben werden oder nicht, weiß ich nicht, weil wir bislang keine konkreten Ergebnisse gesehen haben, außer dem, was es ohnehin schon gibt.

Frage. Welchen Sinn haben waffenfreie Zonen im Zeitalter der Drohnenkriege?

Portnikov. Auch das ist eine sehr gute und berechtigte Frage. Aber wenn Sie waffenfreie Zonen haben und dort auch Glasfaserleitungen und sämtliche Infrastruktur vorhanden sind, bedeutet das, dass es für die reguläre russische Armee deutlich schwieriger wird, diese Zonen zu durchqueren, wenn sie eine echte Invasion durchführen möchte und nicht nur Drohnenangriffe. Und außerdem muss jedes Waffenstillstandsabkommen auch ein Verbot von Raketenbeschuss und Drohnenangriffen beinhalten. Das wäre dann gleichbedeutend mit jeder anderen Form von Eingriff auf ukrainischem Territorium und würde eine westliche Reaktion im Rahmen jener Sicherheitsmechanismen erfordern, die beschlossen werden müssten und die jetzt von amerikanischen und ukrainischen Unterhändlern diskutiert werden könnten.

Frage. Glauben Sie wirklich, dass während des Krieges bei Wahlen die Mehrheit der Ukrainer Zelensky wieder als Präsidenten sehen möchte? Bemerken Sie nicht, wie negativ die Menschen in der Ukraine über ihn denken?

Portnikov. Ich wiederhole, dass ich das so sehe – und vor allem, dass man das in Zelenskys Umfeld so sieht. Die Frage ist ja nicht, was ich denke, sondern dass Zelensky Wahlen während des Krieges viel leichter gewinnen kann als nach dem Krieg. Vieles wird von der Liste der Kandidaten abhängen, die gegen Zelensky antreten. Es ist ein Unterschied, ob im Wahlzettel ein General Valery Zaluzhny steht oder nicht; oder ob Zelensky beispielsweise mit einem Jurij Bojko auf dem selben Wahlzettel steht. Sind Sie sicher, dass die Bevölkerung, die Zelensky mit Negativität begegnet, dann für Bojko oder irgendeinen ähnlichen Kandidaten stimmen wird?

Natürlich hat Zelensky ein negatives Image, aber Umfragen zeigen, dass er immer noch realistisch in die zweite Runde einer Präsidentschaftswahl einziehen und dort gegen eine ganze Reihe von Politikern gewinnen würde. Ich weiß nicht, wie das nach der „Mindych-Affäre“ aussieht; das muss man sich gesondert anschauen. Aber ich wiederhole: Ich sage nicht, dass Zelensky die Wahl auf jeden Fall gewinnt. Ich sage etwas Einfacheres: Während des Krieges wird es für ihn leichter sein zu gewinnen als danach. Das ist alles, was ich sage.

Frage. Wie stehen Sie zu Forderungen, das Wahlrecht für Bürger zu verbieten, die vor oder während der Vollinvasion ins Ausland gegangen sind?

Portnikov. Jede Diskriminierung ukrainischer Bürger nach ihrem Wohnort ist eine Einschränkung ihrer Wahlrechte. Zumal der Staat selbst diese Menschen zum Verlassen des Landes aufgefordert hat, und ihr Verbleib im Land eine solche Belastung für die ukrainische Wirtschaft geschaffen hätte, dass sie wahrscheinlich sehr viel schneller zusammengebrochen wäre – und wir heute auf dem Gebiet der Russischen Föderation leben würden.

Den Menschen, die ausgereist sind und die von den Regierungen anderer Länder unterhalten wurden, muss man danken, dass sie nicht zum raschen wirtschaftlichen Zusammenbruch der Ukraine beigetragen haben. Sie scheinen einfach nicht zu verstehen, dass in der Situation einer praktisch zerstörten ukrainischen Wirtschaft – sie existiert faktisch nicht mehr – und einer zerstörten ukrainischen Energiewirtschaft – die es ebenfalls nicht gibt –, dass alles, was Sie sehen, Ruinen sind. Man kann so tun, als merke man nicht, dass man unter Ruinen lebt, aber glauben Sie mir, wir leben inmitten wirtschaftlicher Trümmer. Die Hälfte unseres Staatshaushalts wird von Gebern finanziert.

Wenn die Geber im Jahr 2026 kein Geld finden, um dieses Haushaltsloch zu schließen, werden Sie alles mit eigenen Augen sehen. Dann brauchen Sie mich nicht mehr. Sie werden sehen, wie die staatliche Gelddruckmaschine angeworfen wird, wie eine Hyperinflation beginnt und all Ihre Ersparnisse sich in Null verwandeln. Und Sie werden in Ihrem weiteren Leben keine wirtschaftlichen Perspektiven mehr haben. Das ist absolut real.

Deshalb sollte man jeder Person, die das Land in dieser Situation verlassen hat – ich meine nicht Wehrpflichtige, ich spreche von Frauen mit Kindern und älteren Menschen – dankbar sein, dass sie gegangen ist. Ganz zu schweigen von denjenigen, die von besetzten Gebieten weggegangen sind. Wollen Sie die bestrafen? Sie sind nicht auf den besetzten Gebieten geblieben, und Sie wollen ihnen ihr Wahlrecht entziehen? Was ist das für ein Unsinn?

Es gibt aber noch eine andere Frage. Es ist völlig unklar, wie die Ukraine überhaupt das Wahlrecht der Menschen im Ausland praktisch gewährleisten könnte – selbst wenn Wahlen während des Krieges stattfinden sollten. Ich glaube allerdings, dass es weder Wahlen noch ein baldiges Kriegsende geben wird. Und wir verschieben dieses Thema wahrscheinlich in die 2030er Jahre dieses Jahrhunderts, wenn eine reale Diskussion entstehen wird.

Aber nehmen wir an, alles ginge schneller. Ich verstehe nicht, wie wir die Stimmabgabe der Menschen gewährleisten sollen, die sich im Ausland befinden. Wo haben wir dafür die Kapazitäten? Wie lange soll diese Stimmabgabe dauern, nach welchen Regeln? All diese Millionen Menschen, die die Ukraine verlassen haben und sie in nächster Zeit noch verlassen könnten – Sie wissen, dass die Zahl der Menschen, die aus der Ukraine ausreisen, steigt –, wie viele von ihnen werden in unseren Botschaften und Konsulaten wählen können, und wie viele werden ihr Wahlrecht nicht ausüben können, weil es in ihrer Nähe schlicht kein Wahllokal geben wird? Das ist die Frage, die ich gerne beantwortet sähe.

Frage. Kann der Vatikan irgendwie die Meinung der Bewohner des Weißen Hauses beeinflussen?

Portnikov. Nein, kann er nicht.

Frage. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Kurs der Vereinigten Staaten nach Trumps Amtszeit polar ändert, oder werden sie weiter nach rechts driften und damit die Radikalisierung der politischen Kräfte in Europa vorantreiben?

Portnikov. Das wird davon abhängen, wie sich die Lage in der amerikanischen Wirtschaft entwickelt. Die Amerikaner wählen ökonomisch. Sie schauen in erster Linie darauf, wie sich ihr Wohlstand während der Amtszeit dieses oder jenes Präsidenten verändert.

Die derzeitigen Umfragewerte Trumps lassen den Republikanern praktisch keine Chancen, nicht nur ihren Kandidaten ins Präsidentenamt zurückzubringen, sondern überhaupt auch Zwischenwahlen zum Kongress zu gewinnen. Aber bis dahin kann sich vieles in der Wirtschaft verändern, in die eine oder andere Richtung, unter dem Einfluss objektiver oder subjektiver Umstände. Und wenn die amerikanische Wirtschaft im Jahr 2028 hinterherhinkt – wofür es viele Voraussetzungen gibt –, dann könnten die Republikaner die Macht für Jahrzehnte verlieren.

Aber Sie müssen bedenken, dass der Demokrat, der in einer solchen Situation an die Macht kommt, ein radikaler Linker sein könnte. Und die Herrschaft eines radikal linken Präsidenten der Vereinigten Staaten könnte Ihnen nicht weniger schrecklich erscheinen – vielleicht sogar schrecklicher – als die eines radikal rechten Kandidaten. Auch das ist absolut möglich.

Frage. Haben Sie die neue nationale Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten gelesen? Kann man sie als Eingeständnis deuten, dass die USA ihren globalen Einfluss verlieren und bereit sind, Einflusssphären mit anderen geopolitischen Akteuren zu teilen?

Portnikov. Verstehen Sie, ich sehe in dieser Strategie der USA nicht den Wunsch, Einflusssphären mit anderen geopolitischen Akteuren zu teilen. Ich sehe darin eher das Fehlen eines Interesses der USA an Einfluss überhaupt. Ich sehe eine Rückkehr der USA ins 19. Jahrhundert, als sie ihre Haupt-Einflusssphäre primär in Lateinamerika sahen.

Das Problem ist, dass das Trump-Team nicht für Europa und seine Sicherheit verantwortlich sein will. Es lehnt die euroatlantische Solidarität ab und ist der Meinung, dass Europa die Initiative selbst übernehmen soll. Das ist eine grundlegende Veränderung im Vergleich zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ich glaube aber nicht, dass diese Strategie umgesetzt werden wird, weil sie eine Sammlung politisch-phantastischer Ideen ist. Das ist das, was mir daran am wichtigsten erscheint. Ich würde dieses Dokument nicht allzu ernst nehmen, wenn gesagt wird: „Oh, das werden sie jetzt offiziell tun.“ Ich verstehe nicht, was sie da „offiziell tun“ sollen.

Im 19. Jahrhundert konnte man lateinamerikanische Länder damit einschüchtern, dass die USA nicht mehr mit ihnen handeln würden – und das bedeutete den Zusammenbruch für eine lateinamerikanische Regierung. Heute können diese Länder sich an China wenden. Im 19. Jahrhundert konnte man nach einer US-Intervention irgendeinen Diktator in den Präsidentensessel setzen, der dann 40 Jahre lang regierte und mit den USA befreundet war. Heute muss man freie Wahlen durchführen, bei denen völlig unklar ist, wer gewinnt. Deshalb ist dieses Dokument tot geboren.

Frage. Gab es in der Geschichte schon einen Präzedenzfall, dass man einem Angreiferland Vermögenswerte weggenommen und als Reparationen an das angegriffene Land gegeben hat?

Portnikov. Es gab Millionen solcher Fälle. Nur wurden die Länder, denen man das Geld weggenommen hat, lm Krieg besiegt. Deutschland nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg. Es hat Reparationen gezahlt – einmal und ein zweites Mal – und Eigentum abgegeben. Ganze Fabriken und Werke, Geld; all das wurde weggenommen. Wovon reden wir hier eigentlich?

Aber Deutschland war besiegt. Auf seinem Territorium standen die Truppen der Alliierten, die das alles durchsetzen konnten. Und heute kann man Russland Geld nicht deshalb abnehmen, weil es besiegt wurde, sondern weil es aus irgendeinem verrückten Grund beschlossen hat, sein Geld im Westen zu parken, während es sich auf eine Aggression gegen die Ukraine vorbereitete. Auch das ist, nebenbei bemerkt, in gewisser Weise Schizophrenie – aber sei’s drum.

Frage. Warum schließen Sie aus, dass die Russische Föderation in einem wirtschaftlichen Kollaps steckt, nur gute Miene zum bösen Spiel macht und sich deshalb auf diese Abkommen einlassen könnte?

Portnikov. Doch, das schließe ich keineswegs aus. Ich sage die ganze Zeit: Wir kennen den Zustand der russischen Wirtschaft nicht. Wenn sie in einem katastrophalen Zustand ist und Putin sehr genau versteht, dass er nicht weiter Krieg führen kann, dann wird er jetzt versuchen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, um möglichst viele ukrainische Territorien kampflos zu bekommen und den Krieg zu beenden, bevor er neue Kräfte sammeln muss, um die Ukraine später noch viel heftiger anzugreifen als bisher.

Er könnte also durchaus daran interessiert sein, den Krieg auszusetzen, damit die russische Armee sich darauf vorbereitet, den Rest des ukrainischen Territoriums zu erobern. Das sage ich die ganze Zeit. Aber ich weiß es nicht. Und Sie wissen es auch nicht. Vielleicht befindet sich die Russische Föderation in einem wirtschaftlichen Kollaps, vielleicht aber reicht die russische Wirtschaftskraft für einen Krieg mit der Intensität, die wir heute sehen, noch drei bis vier Jahre. Wir wissen es nicht. Das ist der Punkt.

Manche sind der Meinung, es seien noch drei bis vier Jahre, andere meinen, es sei jetzt schon am Ende. Es gibt keinerlei objektive Daten, die eindeutig für die eine oder andere Sicht sprechen würden. Leider. Ich stelle das einfach fest.

Frage. Ich höre Ihnen schon lange zu – als Stimme einer vielleicht unangenehmen, aber realistischen Interpretation der Ereignisse. Sagen Sie: Wo zeigt sich hier überhaupt irgendeine konstruktive Analyse für die Bevölkerung?

Portnikov. Ehrlich gesagt mache ich meine Arbeit nicht „für die Bevölkerung“. Ich mache sie für Menschen, die Bürger der Ukraine sein wollen.

Ein konstruktives Szenario für einen Bürger der Ukraine besteht darin, das Land zu verteidigen. Darin, zu wollen, dass seine Kinder und Enkel als Ukrainer aufwachsen. Darin, nicht an den Wohlstand zu denken – Wohlstand kann man in jedem Land der Welt finden –, sondern am Wunsch festzuhalten, Ukrainer in der Ukraine zu bleiben, und all jene Prüfungen zu bestehen, durch die alle europäischen Völker einmal hindurchgegangen sind, die heute reich und friedlich sind.

Damit ein Pole Pole bleiben konnte, ein Franzose Franzose und ein Deutscher Deutscher, wie viel Blut ist geflossen, wie viele Bürgerkriege und Konflikte gab es, wie viele Städte lagen in Trümmern, wie viele ganze Regionen sind entvölkert worden, wie viele Kirchen und Häuser wurden zerstört. Die europäische Geschichte ist übervoll von Blut und Opfern, weil die Menschen sie selbst bleiben wollten.

Für die Bürger der Ukraine habe ich viele konstruktive Szenarien. Für die „Bevölkerung“ der Ukraine habe ich in den nächsten Jahrzehnten keine konstruktiven Szenarien – weil es sie in der Realität nicht gibt. So wie ich auch für die Bevölkerung Europas keine konstruktiven Szenarien habe.

Aber für diejenigen, die Bürger sein wollen, die bereit sind zu kämpfen, die verstehen, dass das Leben darin besteht, die eigene Würde, das eigene Bewusstsein, die eigene Identität zu verteidigen – für die habe ich Millionen Szenarien. Solche Menschen werden überleben, selbst wenn für die „Bevölkerung“ in diesem 21. Jahrhundert kein einziges konstruktives Szenario existiert.

Diese Zeit ist nicht für die „Bevölkerung“. Sie haben sich schlicht im Jahrhundert geirrt. Ich weiß allerdings nicht, in welches Jahrhundert man Sie versetzen müsste, damit Sie sich nicht irren – denn die kommenden Jahrhunderte werden noch schrecklicher sein als die vergangenen. Wissenschaft und Technik entwickeln sich. Verstehen Sie das nicht? Das ist immer ein Weg zur Tragödie. Je höher das Niveau wissenschaftlicher Entwicklung ist, desto stärker leidet die Bevölkerung. Was dachten Sie denn? Wozu Wissenschaft da ist – um fernzusehen oder TikTok zu scrollen? Nein. Wissenschaft bedeutet neue Möglichkeiten für Massenmorde, epidemiologische Angriffe, Drohnen.

Und wir stehen erst am Anfang einer technologischen Wende, die der Bevölkerung neues, riesiges Leid bringen wird. Aber ich wiederhole: Ich spreche nicht von der „Bevölkerung“, sondern von denen, die in dieser Situation überleben, siegen und Ukrainer auf ukrainischem Boden bleiben wollen. Ob man das ein konstruktives Szenario nennen kann, weiß ich nicht – aber ich bin überzeugt, dass es für einen Menschen nichts Konstruktiveres gibt, als ein Mensch zu bleiben.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: США ділять Україну | Віталій Портников. 10.12.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: <span itemprop="dateCreated"10.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Derkatsch wurde zum Helden Russlands | Vitaly Portnikov. 10.12.2025.

Der ehemalige Abgeordnete der Werchowna Rada der Ukraine und heutige Mitglied des Föderationsrates der Föderalen Versammlung Russlands, Andrij Derkatsch, ist zum Helden der Russischen Föderation ernannt worden. Das ist wohl die höchste Auszeichnung, die ein Überläufer aus Kyiv erhalten kann. Keiner der deutlich ranghöheren ukrainischen Funktionäre, die nach 2014 in die russische Hauptstadt geflohen sind, wurde mit etwas auch nur annähernd Vergleichbarem wie dem Goldenen Stern geehrt, den Andrij Derkatsch erhalten hat.

Allerdings ist auch keiner der ukrainischen Flüchtlinge Mitglied der oberen Kammer des russischen Parlaments geworden. Und das zeigt, dass Andrij Derkatsch kein gewöhnlicher Flüchtling ist. Er ist kein bloßer Einflussagent wie der ehemalige Präsident der Ukraine Viktor Janukowytsch oder der frühere Premierminister Mykola Asarow oder andere hochrangige ukrainische Beamte, die in den Jahren 2010–2014 am Abbau der ukrainischen Staatlichkeit beteiligt waren.

Er ist jener eigentliche Resident, der ihre Tätigkeit kontrollieren konnte und seinen Einfluss selbst nach dem Maidan der Jahre 2013–2014 bewahrte. Es lohnt sich daran zu erinnern, dass gerade Andrij Derkatsch der Organisator einer groß angelegten Propagandakampagne war, die sich gleichzeitig gegen zwei Präsidenten richtete – gegen den Präsidenten der Ukraine Petro Poroschenko und gegen den Präsidenten der Vereinigten Staaten Joseph Biden. Und solche Verdienste konnten im Kreml selbstverständlich nicht unbeachtet bleiben.

Als nach Februar 2022 der weitere Aufenthalt des Residenten auf dem Territorium der Ukraine riskant wurde, holte man Derkatsch nicht nur an seinen Dienstort zurück, sondern ernannte ihn auch zum Mitglied der Föderalen Versammlung der Russischen Föderation – zu einem Mitglied genau jenes Föderationsrates, der Putin bereits zweimal die Genehmigung zum Einsatz von Truppen auf dem Territorium der Ukraine erteilt hatte.

Dabei sollte man sich daran erinnern, dass Andrij Derkatsch – im Gegensatz zu dem anekdotischen Dmitri Rogosin, dem man den Posten eines sogenannten Senators aus einer der besetzten Regionen der Ukraine anbot – Mitglied des Föderationsrates als Vertreter eines ganz realen Subjekts der Russischen Föderation wurde. 

Und das lässt darüber nachdenken, welches Ausmaß die Tätigkeit des Föderalen Sicherheitsdienstes Russlands auf ukrainischem Territorium erreicht hatte. Denn Moskau konnte es sich leisten, als aktiven Verbindungsoffizier einen langjährigen Abgeordneten der Werchowna Rada der Ukraine zu nutzen, der über Verbindungen praktisch in alle politischen Lager verfügte.

Denn Derkatsch wurde bekannt als jemand, der den ersten Maidan 2004 unterstützte, und die ihm gehörenden Medien übertrugen die Ereignisse aus der Perspektive der Aufständischen. Und das offenbar ebenfalls keineswegs zufällig, sondern um seinem eigenen Protegé das weitere Eindringen in die ukrainische politische Elite zu erleichtern. Und nebenbei bemerkt – auch die Kontrolle über die ukrainische Energiewirtschaft.

Denn Andrij Derkatsch war einer von denen, die nicht nur die entsprechenden Ressorts leiteten, sondern auch genau den Standort jedes strategischen Objekts, jeder Turbine kannten. Und wir wundern uns darüber, wie zielgenau russische Raketen und Drohnen die ukrainische Energieinfrastruktur zerstören – sie zerstören sie deshalb so präzise, weil die Einsätze dieser Raketen und Drohnen von Menschen gesteuert werden, die diese Energieinfrastruktur früher selbst geleitet haben.

Und selbstverständlich erschöpft sich die Sache nicht in Derkatsch allein. Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass auch im heutigen Ukraine weiterhin Offiziere des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation aktiv sind, die sich erfolgreich als Patrioten, als Staatsdiener tarnen können – um dann später in Moskau als Abgeordnete der Staatsduma Russlands oder desselben Föderationsrates aufzutauchen und von Wladimir Putin den Goldenen Stern des Helden der Russischen Föderation zu erhalten.

Und ich habe keinerlei Zweifel daran, dass es hier bei Weitem nicht nur um die Ukraine geht, sondern auch um andere ehemalige Sowjetrepubliken. Denn Moskau betrachtet diese Länder nicht als echte Staaten, sondern nimmt sie als eine Art Anhängsel wahr, als Räume, in denen sich die Offiziere des Föderalen Sicherheitsdienstes Russlands wie zu Hause fühlen sollen, wo die Sicherheitsdienste dieser Staaten keinerlei Recht haben, sich für die Tätigkeit von FSB-Offizieren oder des Auslandsgeheimdienstes der Russischen Föderation zu interessieren – nicht als fremde Spione, sondern, entschuldigen Sie, als Vorgesetzte.

Die Geschichte um Andrij Derkatsch ist eines der deutlichsten Beispiele für genau diese Wahrnehmung. Ein Mann, dessen Vater einst Leiter des Sicherheitsdienstes der Ukraine war und der selbst eine glänzende politische Karriere im ukrainischen Parlament machte, hat seine prorussischen Ansichten nie besonders verborgen. Er stand an der Spitze der Vereinigung für die Ukraine, Belarus und Russland, er war einer der wichtigsten Lobbyisten der Interessen der Russisch-Orthodoxen Kirche auf ukrainischem Boden.

Doch unter den anderen russischen Einflussagenten in Kyiv, unter den prorussischen Politikern, die jahrelang, jahrzehntelang die Unterstützung von Dutzenden Millionen Ukrainern genossen, sah das nicht wie staatsfeindliche Tätigkeit aus, sondern einfach wie ein ganz normaler Bestandteil eines respektablen politischen Spektrums.

Und genau darin liegt wohl das ganze Problem. Wenn es eine enorme Zahl von Menschen gibt, für die ihr eigener Staat nur ein vorübergehendes Gebilde ist, das früher oder später der für sie „eigentlichen“ Russischen Imperium weichen soll. Wenn es Politiker gibt, die daran arbeiten, dass ihre eigenen Staaten verschwinden und Russland auf ihrem Boden als Metropole erscheint. Wenn all das nicht als Gefahr für die nationale Sicherheit wahrgenommen wird, sondern lediglich als eine andere Position innerhalb des eigenen politischen Lebens – dann können die Folgen einer solchen Haltung gegenüber der Residentur und der Arbeit zur Destabilisierung der ehemaligen Sowjetrepubliken entweder ein umfassender Krieg sein, wie wir ihn jetzt auf ukrainischem Territorium erleben, oder eine politische Krise und der Zusammenbruch der Staatlichkeit. So, wie es übrigens in Belarus geschehen ist, von dessen realer Staatlichkeit kaum mehr geblieben ist als das Titelbild mit dem abstoßenden Alexander Lukaschenko.

Deshalb muss man sich immer vergegenwärtigen: Wenn wir uns für die politische Aktivität eines prorussischen Politikers interessieren oder für die Bereitschaft, für ihn zu stimmen – eines prorussischen Wählers –, dann ist diese Geschichte keine Geschichte über Politik. Es ist eine Geschichte über Residententätigkeit und über eine vollkommen bewusste Arbeit, die auf den Abbau des eigenen Staates durch dessen eigene Bürger gerichtet ist.

Und genau darin liegt wohl eine der größten Tragödien der Entwicklung der Staatlichkeit auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetrepubliken in den letzten Jahrzehnten.


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Titel des Originals: Деркач стал героем России | Виталий Портников. 10.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 10.12.2025.
Originalsprache: ru
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Der Kreml lobt Trump | Vitaly Portnikov. 10.12.2025.

Der Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, äußerte sich wohlwollend über die jüngsten Aussagen des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, zur Ukraine und betonte, dass man im Kreml den zentralen Thesen dieser Erklärungen zustimme.

Dabei geht es natürlich sowohl um den NATO-Beitritt der Ukraine als auch um territoriale Fragen und um die Durchführung von Wahlen in der Ukraine. Der russische Außenminister Sergej Lawrow unterstrich sogar, dass Donald Trump angeblich der einzige Politiker im Westen sei, der die eigentlichen Ursachen des russisch-ukrainischen Konflikts verstehe.

Man könnte dies als zweifelhafte Komplimente des Kremls an den amerikanischen Präsidenten bezeichnen. Denn Putin und sein Umfeld scheinen längst begriffen zu haben: Wenn man gute Beziehungen zu Donald Trump haben will, muss man ihm angenehme Worte sagen und jeder seiner Positionen zustimmen. Und genau das sind eben jene Positionen, mit denen der Kreml ohne jedes Zögern einverstanden sein kann.

In Russland ist man tatsächlich seit Jahrzehnten dagegen, dass die Ukraine Mitglied des Nordatlantikpaktes wird. Es könnte die Frage entstehen: Warum eigentlich? Denn es geht hier nicht um irgendwelche Sicherheitsprobleme Russlands selbst – darüber hat übrigens auch Donald Trump nicht nur einmal gesprochen. Es geht in erster Linie darum, dass Putin freie Hand behalten will, um auch in Zukunft, falls dieser Krieg mit dem Fortbestehen der ukrainischen Staatlichkeit enden sollte, erneut eine Aggression gegen unser Land starten zu können.

Es lohnt sich daran zu erinnern: Als Finnland oder Schweden in die NATO aufgenommen wurden, gab es im Kreml keinerlei politische Hysterien deswegen. Einfach deshalb, weil in Moskau niemand Anspruch auf das Territorium Finnlands oder Schwedens erhebt – auf ukrainisches Gebiet jedoch sehr wohl. Und natürlich würde sich die russische Führung gern diese Bewegungsfreiheit bewahren.

Wenn nach dem Ende des russisch-ukrainischen Krieges alles mit vagen Sicherheitsgarantien vom Typ des Budapester Memorandums enden sollte, dann würde Russland davon ausgehen, dass es seine Aggression jederzeit wiederholen kann. Und das ist nicht nur Putins außenpolitische Haltung – genau an solchen politischen Leitlinien hielt sich die russische Führung praktisch seit dem 24. August 1991.

Was die territorialen Fragen betrifft, so würde man in Russland natürlich gern sehen, dass sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in den europäischen Hauptstädten – und vor allem in Kyiv – dem russischen Status der Krim, Sewastopols sowie der Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja zugestimmt wird. Man würde sich wünschen, dass Donald Trump die Führung der Ukraine zwingt, die Verfassung ihres eigenen Staates zu ändern und die Erwähnung dieser ukrainischen Regionen daraus zu streichen.

Und die Haltung Donald Trumps, der bereits mehrfach die Möglichkeit einer Anerkennung des russischen Status der besetzten ukrainischen Gebiete durch die Vereinigten Staaten nicht ausgeschlossen hat, kann dem Kreml natürlich nur gefallen. Auch wenn wir gleich festhalten müssen: Es gibt zum heutigen Zeitpunkt keinerlei reale rechtliche Grundlagen, die zu einer solchen Entscheidung führen könnten.

Auch das nächste Thema ist von großer Bedeutung: die Wahlen in der Ukraine. Wenn Donald Trump davon spricht, dass dort, wo es keine Wahlen gibt, auch keine Demokratie existiert, dann übersieht er offenbar die Tatsache, dass Wahlen in der Ukraine nicht deshalb nicht stattfinden, weil man sie in Kyiv nicht will, sondern weil Moskau seine fortgesetzte Aggression gegen unser Land betreibt – weil es auf dem Territorium der Ukraine buchstäblich keinen sicheren Ort gibt. Wie soll man einen Wahlkampf führen? Wie soll man zur Wahl gehen? Was wären das überhaupt für Wahlen?

Doch diese Worte des amerikanischen Präsidenten gefallen dem russischen Präsidenten selbstverständlich. Putin hat bekanntlich nicht nur einmal von der angeblichen Illegitimität der ukrainischen Macht gesprochen, davon, dass er nicht wisse, mit wem er Friedensabkommen unterzeichnen solle, davon, dass sich die Führung in Kyiv an die Macht klammere und den Krieg nur deshalb fortsetze, um diese Macht nicht abzugeben. Und genau dieses Narrativ wurde übrigens schon 2019 von der russischen Propaganda und den ihr nahestehenden Oligarchen benutzt.

Und wer war damals Präsident der Vereinigten Staaten? Richtig – Donald Trump. Warum sollte das Duo Trump–Putin nicht dasselbe propagandistische Spiel auch 2025 oder 2026 wiederholen, wenn es ihnen 2019 bereits gelungen ist? In einer solchen Situation wirken die Komplimente an Trump nicht nur wie der Versuch, dem amerikanischen Präsidenten zu gefallen, sondern auch wie eine reale Demonstration der Annäherung amerikanischer Positionen an die russischen.

Und hier stellt sich bereits eine Frage an die amerikanische Gesellschaft selbst, von deren überwältigender Mehrheit die Ukraine in ihrem Widerstand gegen die russische Aggression unterstützt wird: Wie konnte es dazu kommen, dass die Positionen des Präsidenten der einst wichtigsten demokratischen Nation der modernen Welt nun mit den Positionen und Narrativen des Präsidenten eines der autoritärsten Staaten der Gegenwart übereinstimmen – eines Mannes, der seit Langem keine ehrlichen Wahlen mehr abhält, seine politischen Gegner in Gefängnissen umbringen lässt und eine derart willkürliche Justiz organisiert hat, die jemanden für 10–15 Jahre ins Gefängnis werfen kann – nur wegen eines gewöhnlichen Beitrags in sozialen Netzwerken, in dem die korrupte und banditische russische Macht oder die russische Aggression gegen die Ukraine kritisiert wird?

Es scheint, als schwäche dies die Positionen der Vereinigten Staaten selbst. Es wirkt befremdlich, wenn ihr Präsident nach Verständigung mit einem autoritären Diktator sucht und über die Möglichkeit einer fruchtbaren wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation spricht – und gleichzeitig schwere Vorwürfe gegen jene erhebt, die während des Kalten Krieges Verbündete der Vereinigten Staaten waren, die Amerika unterstützten, als ihm die Sowjetunion tatsächlich drohte.

Und man sollte daran erinnern, dass dies ein wertebasierter Bund war. Und genau diese Werte wurden den Europäern – und uns – von den Vereinigten Staaten angeboten. Dass Amerika selbst auf diese seine Werte verzichten und sich in seiner Sicht auf die moderne Welt der Russischen Föderation des Tschekistenoffiziers Putin annähern würde, war selbst vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar.

Und dies wirkt sich selbstverständlich ernsthaft auf die außenpolitischen Positionen der Vereinigten Staaten aus. Um Amerika tatsächlich wieder groß zu machen, müsste man sich vor allem von all dem lossagen, was der Präsident dieses Landes, Donald Trump, in den öffentlichen Raum hineinträgt.


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Titel des Originals: Кремль вихваляє Трампа | Віталій Портников. 10.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 10.12.2025.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Warum Putin von „Noworossija“ gesprochen hat Vitaly Portnikov. 09.12.2025.

https://vilni-media.com/2025/12/09/chomu-putin-zhadav-pro-novorosiiu/?fbclid=IwZnRzaAOmpRxleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEeXrVBINT9cVaiJA9eAGeLS0Ye12UpriC2KLyohX-mdXMGzVZaBMpxMjM33SI_aem_k97Ri1YSin-mQTBzcEIfxA

Vor dem Hintergrund der fortgesetzten Verhandlungen, die angeblich zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges führen sollen, erwähnte der russische Präsident auf einer Pressekonferenz in Neu-Delhi die Unvermeidlichkeit der „Befreiung“ des Donbass und „Noworossijas“ durch seine Truppen.

Auf den ersten Blick mag diese Erklärung überraschen. Denn bis vor Kurzem sprach Putin ausschließlich von der Notwendigkeit des Abzugs der ukrainischen Truppen aus dem von Kyiv kontrollierten Gebiet der Region Donezk und bezeichnete dies sogar als Hauptbedingung für die Beendigung des Krieges. Genau darüber sprechen die amerikanischen Gesandten mit dem russischen Präsidenten, mehr noch – sogar Donald Trump selbst hat wiederholt die Idee eines Abzugs der ukrainischen Truppen aus dem Donbass unterstützt und betont, dass die Russen dieses Gebiet „sowieso erobern werden“. Und nun taucht plötzlich im Wortschatz Putins das scheinbar schon vergessene „Noworossija“ wieder auf – der Appetit, wie man weiß, kommt beim Essen!

Warum also begann Putin gerade jetzt wieder von „Noworossija“ zu sprechen? Erstens betrachtet der russische Präsident jegliche Verhandlungen mit ihm als ein Zeichen von Schwäche. Und umso mehr empfindet er die Suche nach einem Kompromiss als Schwäche. Wenn die Amerikaner tatsächlich bereit sind, Druck auf die Ukrainer auszuüben und von ihnen den Abzug der Truppen aus dem Donbass zu verlangen, warum sollte man dann nicht auch andere ukrainische Gebiete in die Liste seiner Neujahrswünsche aufnehmen?

Zweitens wirkt der Begriff „Noworossija“ in politischer Hinsicht ausreichend verschwommen und eröffnet dem russischen Präsidenten enorme Möglichkeiten für neue Forderungen. Man kann selbstverständlich die besetzten und annektierten Gebiete der Regionen Cherson und Saporischschja zu „Noworossija“ erklären und dann nicht nur den Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Donbass, sondern auch aus diesen Regionen verlangen. Man kann sogar darauf verzichten, auf einem sofortigen Truppenabzug zu bestehen, und sich mit der Formulierung eines vorübergehend eingefrorenen Konflikts zufriedengeben, während man betont, dass Russland diese Territorien früher oder später ohnehin zurückholen werde – möge das Damoklesschwert des Krieges weiterhin über den Köpfen der Ukrainer hängen, selbst in jener beinahe fantastischen Situation, in der es gelingen sollte, einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front zu erreichen.

Doch bei entsprechendem Wunsch lässt sich das Gebiet „Noworossijas“ auch erweitern, denn Putin hatte nicht zufällig bereits in seiner Rede zur Annexion der Krim die „Geschenke der Bolschewiki“ an die Ukraine hervorgehoben. Auch in seiner Ansprache an die Russen in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 2022 sprach der russische Präsident von der Notwendigkeit der Selbstbestimmung der „Völker der Ukraine“. Welche Völker sollen das sein? Etwa ein „Volk des Donbass“! Solche „Völker“ lassen sich schließlich in jeder von Russland besetzten ukrainischen Region erfinden – genau mit dem Ziel, sie für einen „unabhängigen Staat“ zu erklären und anschließend zu annektieren. Genau dies war auch Putins Blitzkriegsplan: die legitime ukrainische Macht in Kyiv zu beseitigen und seine Marionetten Viktor Janukowytsch und Viktor Medwedtschuk zu zwingen, eine Reihe von „Referenden“ in bestimmten Regionen durchzuführen – eben in jenem „Noworossija“. In jenem „Noworossija“, von dem in Russland bereits im August 1991 die Rede war. Denn schon Putins politischer Lehrmeister Anatolij Sobtschak sprach von den „Geschenken der Bolschewiki“, und der Kreml gab sowohl unter Jelzin als auch unter Putin Millionen Rubel für die Unterstützung prorussischer Kräfte und Stimmungen im Osten und Süden der Ukraine aus. Die Möglichkeit einer Annexion wurde niemals vergessen – man hoffte nur, dass sie leicht und schnell verlaufen würde.

Den großangelegten Annexionsplan von 2014 musste Putin, wie bekannt, aufschieben. Auch sein Blitzkrieg von 2022 scheiterte, doch das bedeutet keineswegs, dass Putin seinen Plan aufgegeben hätte. Er hat ihn lediglich aufgeschoben und entschieden, dass das Instrument zur Annexion ukrainischer Gebiete nicht mehr der Blitzkrieg, sondern ein jahrelanger Abnutzungskrieg sein werde. Und an „Noworossija“ erinnerte er jetzt, weil er entschieden hat, dass die Amerikaner „wanken“ und man von ihnen nun alles verlangen könne.

Und wie steht es dann um den Friedensprozess, von dessen Wiederbelebung in den letzten Wochen so viel die Rede ist? Gar nicht. Putins jüngste Erklärungen zeigen gerade, dass für ihn ein echter Friedensprozess in der Realität überhaupt nicht existiert und dass er die Besuche amerikanischer Gesandter ausschließlich dazu benutzt, Zeit zu gewinnen, den Krieg fortzusetzen und seine territorialen sowie politischen Forderungen weiter zu verschärfen.


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Titel des Originals: Чому Путін згадав про «Новоросію» Віталій Портников. 09.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Volodymyr Zelensky kündigt Wahlen an | Vitaly Portnikov. 09.12.2025.

Wir haben gerade erfahren, dass der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, seine Bereitschaft zu baldigen Präsidentschaftswahlen in der Ukraine erklärt hat und mitgeteilt hat, dass er die zuständigen Strukturen und die Abgeordneten der Fraktion „Diener des Volkes“ beauftragt, entsprechende Gesetzesinitiativen vorzubereiten, um das Gesetz über Wahlen während des Kriegsrechts zu ändern.

Ich erinnere daran – wie Sie wissen –, dass in einer Situation, in der das Kriegsrecht verhängt ist, gemäß der ukrainischen Gesetzgebung keine Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in der Ukraine durchgeführt werden dürfen. Und so können wir im Prinzip davon sprechen, dass es, um Wahlen abzuhalten, tatsächlich notwendig ist, entweder die entsprechende Gesetzgebung zu ändern oder das Kriegsrecht aufzuheben. Da es unmöglich ist, das Kriegsrecht während eines Krieges aufzuheben, ist die einzige reale Möglichkeit die Änderung des Gesetzes, die es erlauben würde, Präsidentschaftswahlen während des Kriegsrechts abzuhalten.

Viele mögen von einer solchen Änderung der Position von Volodymyr Zelensky überrascht sein. In Wirklichkeit haben wir es jedoch mit einem, wie ich sagen würde, recht gut begründeten politischen Spiel zu tun, das der Präsident der Ukraine mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten spielt. Der Präsident der Vereinigten Staaten sagte in seinem Interview mit der Zeitschrift Politico, dass er unzufrieden sei, dass in der Ukraine schon so lange keine Wahlen abgehalten werden, und dass „sie sich als Demokratie betrachten. Aber was ist das für eine Demokratie ohne Wahlen?“ Dabei ignoriert er die Tatsache, dass sich die Ukraine bereits fast im vierten Jahr in einem realen Kriegszustand mit der Russischen Föderation befindet, während dessen auf dem Territorium, auf dem die Kampfhandlungen stattfinden – und seien wir ehrlich, sie finden auf dem gesamten Territorium der Ukraine statt, Raketen fliegen bis in die Region Transkarpatien, wie Sie wissen –, gerade deshalb bei uns keinerlei Präsidentschafts- oder Parlamentswahlen durchgeführt werden können. Und nicht etwa deshalb, weil irgendjemand – der Präsident, die Parlamentarier oder die Bürger unseres Landes – diese Wahlen nicht abhalten wollte.

Und nun antwortet Zelensky Trump völlig klar, dass er bereit ist für Wahlen, für deren Durchführung. Aber dafür ist es nötig, nicht nur entsprechende Änderungen in der Gesetzgebung vorzunehmen, sondern auch die Sicherheit während der Wahlen zu gewährleisten. Ich erinnere Sie daran, dass Zelensky sich gleichzeitig an die amerikanischen und europäischen Partner mit dem Vorschlag gewandt hat, die Sicherheit für die Zeit der Wahlen zu garantieren.

Und was bedeutet das in Wirklichkeit? Das bedeutet, den ukrainischen Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zu geben, frei zu wählen. Die Bedingungen für eine freie Stimmabgabe hängen nicht so sehr von Wahlkampf und Wahltag selbst ab, sondern vielmehr von den Umständen, unter denen diese Wahlkampagne und die Wahlen stattfinden werden. Denn wenn zu diesem Zeitpunkt die russischen Streitkräfte ihre Angriffe auf die Stellungen der ukrainischen Armee fortsetzen, bedeutet das, dass die Bürger der Ukraine, die in den Streitkräften der Ukraine dienen, weder die Möglichkeit haben werden, sich mit den Kandidaten zu treffen, noch ihre Wahlprogramme zu lesen, noch sich Debatten im Fernsehen oder in den sozialen Netzwerken anzusehen.

Wenn die Raketen- und Drohnenangriffe auf das ukrainische Territorium fortgesetzt werden, kann es keine reale Wahlkampagne geben, weil es in einer solchen Situation unmöglich ist, eine große Anzahl von Menschen zu einem Wahlkampfauftritt des einen oder anderen Präsidentschaftskandidaten zu versammeln.

Die Menschen werden keinen Zugang zu elektronischen Medien haben, wenn Russland weiterhin die ukrainische Energieinfrastruktur zerstört. So werden die Menschen keinen Strom haben, um Fernseher oder Computer einzuschalten und zu erfahren, was die Kandidaten für das Amt des Präsidenten der Ukraine vorschlagen.

Auch die Wahlen selbst können nicht in einer Situation stattfinden, in der jederzeit Luftalarm ausgelöst werden kann, weil unter diesen Bedingungen nicht nur der Wahlvorgang unterbrochen wird, sondern auch die Wahlkommissionen gezwungen wären, die Wahllokale zu verlassen. Damit könnte die Sicherheit der Stimmzettel und des gesamten Wahlprozesses nicht garantiert werden.

Und das sind nur die ersten Beispiele, die einem in den Sinn kommen, wenn wir über Wahlen während des Kriegsrechts sprechen. Denn das ist kein Kriegsrecht, das eingeführt wurde, weil der Präsident und das Parlament es so wollten. Dieses Kriegsrecht besteht während eines echten Krieges, der – ich wiederhole – auf dem gesamten Territorium der Ukraine stattfindet. Auf dem gesamten Territorium.

Damit hat sich Volodymyr Zelensky an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, gewandt – an den Mann, der Wahlen in der Ukraine abgehalten sehen will – mit der Bitte, zu helfen, diese Wahlen durchzuführen.

Diese Wahlen können übrigens auch im Interesse eines anderen großen Demokraten aller Zeiten und Völker liegen. Ich meine den Freund von Präsident Trump, den Präsidenten Russlands, Putin. Präsident Russland Putin sagt die ganze Zeit, dass unser Präsident nicht legitim sei und er nicht wisse, mit wem er das Friedensabkommen unterzeichnen solle, das er mit den Emissären von Präsident Trump erörtert. Er verstehe nicht, wie man ein Referendum durchführen könne, das er von der Ukraine fordert. Unter solchen Bedingungen sei das einfach eine Sackgasse, sagt Putin.

Wunderbar. Jetzt kann Trump Putin anrufen und ihm vorschlagen, die Kampfhandlungen auf dem Territorium der Ukraine bis zum Zeitpunkt der Durchführung der Präsidentschaftswahlen einzustellen – vielleicht gleichzeitig mit Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in unserem Land, vielleicht auch nur mit Präsidentschaftswahlen.

Wenn die Kampfhandlungen, sagen wir, für einen Zeitraum von 60 bis 90 Tagen eingestellt würden, hätte die Ukraine alle Möglichkeiten, einen Wahlkampf und die eigentlichen Wahlen durchzuführen. Wenn Putin nicht bereit ist, die Kampfhandlungen einzustellen, dann haben der Präsident der Vereinigten Staaten und unsere europäischen Verbündeten die Möglichkeit, uns selbst Bedingungen zu schaffen, unter denen wir die Wahlen abhalten können.

Das wäre die Schließung des Himmels über der Ukraine mit Hilfe der amerikanischen und europäischen Luftwaffe, die russische Raketen und Drohnen sowie ihre Abschussorte in Russland zerstören würde, um unseren demokratischen Prozess nicht zu stören. Das wäre die Möglichkeit von Schlägen gegen die Stellungen der russischen Truppen durch die US-Luftwaffe, damit sie unseren ukrainischen Soldaten nicht im Weg sind, wenn sie sich Wahlkampfkundgebungen anhören oder daran teilnehmen wollen. Wir werden wählen, und die Amerikaner werden kämpfen. Warum nicht? Wenn ihr Präsident so ein großer Anhänger der Demokratie ist. Das ist sozusagen die Frage.

Aber Sie verstehen natürlich, dass ich das alles sarkastisch meine. Nichts davon wird geschehen. Präsident Trump hat offensichtlich weder den Wunsch, am Schließen des Himmels über der Ukraine mitzuwirken, noch daran, russische Stellungen zu bombardieren, um seinen Freund zur Vernunft zu bringen, mit dem er so gern von wirtschaftlichen Projekten träumt.

Und der Präsident der Russischen Föderation, wie wir verstehen, hat keinerlei Wunsch, den russisch-ukrainischen Krieg in absehbarer Zeit zu beenden. Ukrainische Wahlen interessieren ihn in erster Linie deshalb nicht, weil er das Territorium, das heute ukrainischer Staat ist, als uraltes Territorium Russlands betrachtet, das von der Russischen Föderation einverleibt werden soll. Und auf diesem Territorium sollen dann nicht Wahlen des Präsidenten der Ukraine stattfinden, sondern Wahlen des Präsidenten Russlands, also Putins. Wie Sie wissen, gibt es auch in Russland keine Präsidentschaftswahlen. Es gibt die Wahl Putins, Liliputins.

Kurzum, nach dieser Erklärung des Präsidenten der Ukraine kann niemand mehr behaupten, dass die Ukraine und ihre Führung nur deshalb Krieg führen, weil sie Wahlen fürchtet. Und dieser Trumpf der russischen Propaganda, den die Trumpisten und andere Vertreter der rechtspopulistischen Kräfte in den USA und Europa mit so großer Freude nutzen, funktioniert jetzt nicht mehr. Das ist völlig offensichtlich.

Jetzt ist natürlich interessant, was Präsident Trump dazu sagen wird. Ob er überhaupt etwas sagen wird. Aber auch das ist eine ganz gute Frage im Lichte der Meldungen, wonach Trump Zelensky angeblich Zeit bis Weihnachten gegeben habe, um den sogenannten Vorschlägen der Vermittler zuzustimmen, die den Abzug der ukrainischen Truppen aus der Region Donezk im Austausch gegen bedingte amerikanische Sicherheitsgarantien für die Ukraine vorsehen, die – wie wir verstehen – durch keinerlei Verpflichtungen dieser Administration rechtlich abgesichert sind. Einer Administration, die uns nicht vor ihrem geliebten Russland schützen will, sondern mit diesem Russland Geschäfte machen möchte, die für die Familie Trump und seinen engsten Kreis vorteilhaft sind. Das ist die ganze Geschichte.

Deshalb glaube ich, dass das ein richtiger Schritt von Zelensky ist. Und Sie können fragen: „Und was ist, wenn doch etwas passiert? Das ist doch eine Falle. Zelensky baut sich selbst eine Falle.“ Nein, Zelensky riskiert in dieser Situation, ich sage es Ihnen ehrlich, überhaupt nichts. Wenn jemand als Ergebnis dieser Erklärung gar nichts riskiert, dann ist das Volodymyr Zelensky. Ich kann erläutern, warum.

Selbst wenn wir uns vorstellen, dass mit Putin „etwas passiert“, und er sich – wie in russischen Märchen – überschlägt, in Dmitri Medwedew oder Valentyna Matwijenko verwandelt und sagt: „Macht Wahlen, wir stoppen den Krieg für 90 Tage“, dann hätte Zelensky bei solchen Wahlen mehr Chancen zu gewinnen als bei irgendwelchen späteren Nachkriegswahlen, falls es überhaupt in absehbarer Zeit zu Nachkriegswahlen kommen sollte. Ich glaube nicht, dass ich erklären muss, warum. Aber ich erkläre es trotzdem.

Welche freie Konkurrenz kann es bei solchen Wahlen geben, wenn unser Fernsehmarathon immer noch weiterläuft? Es ist generell unklar, wer von den realen Konkurrenten von Volodymyr Zelensky unter diesen Bedingungen überhaupt als Präsidentschaftskandidat antreten könnte. Realistisch betrachtet – es ist ja weiterhin Krieg. Ja, einige der derzeitigen aktiven Politiker können sich um das Amt bewerben und mit scharfen Erklärungen gegen Zelensky auftreten, aber auch sie werden nicht soweit gehen, den außenpolitischen Kurs des Präsidenten zur Verteidigung des ukrainischen Territoriums grundsätzlich in Frage zu stellen.

Niemand wird sagen: „Wählt mich zum Präsidenten, ich schenke Putin die Region Donezk.“ Oder? Es ist kaum anzunehmen, dass Valery Zaluzhny von seinem Posten als Botschafter in Großbritannien zurücktritt, um an den Wahlen teilzunehmen, oder dass Kyrylo Budanow seinen Posten als Chef des militärischen Nachrichtendienstes verlassen wird. Oder dass mitten im Krieg Andrij Bilezkyj von der Front weggeht. All das wird nicht passieren. Höchstwahrscheinlich wird es eine Art „bedingten“ Wahlkampf, an dem sogenannte „Spoiler“ von Volodymyr Zelensky teilnehmen.

In jedem Fall hat Zelensky bei solchen Wahlen mehr Chancen zu gewinnen als bei irgendeiner späteren. Deshalb kann er die Durchführung solcher Wahlen faktisch während des Kriegsrechts vorschlagen. Und übrigens wird das auch bedeuten, dass er seine Verpflichtungen erfüllt, denn er hatte einerseits 2019 gesagt, dass er nur für eine Amtszeit antreten werde, und andererseits nach Beginn des großen Krieges erklärt, dass er während des Krieges kandidieren werde, dass er die Ukraine im Krieg nicht verlassen werde. Nun gut, sehr ehrenwert.

Und wenn sich herausstellt, dass Trump die Sicherheit der Ukraine während der Wahlen nicht gewährleisten kann – und er kann sie eben nicht gewährleisten –, und wenn Putin nicht bereit ist, die Kampfhandlungen während der Wahlen einzustellen – und er wird nicht bereit sein, die Kampfhandlungen während der Wahlen einzustellen –, sagen Sie mir dann bitte: Was riskiert Volodymyr Zelensky? Meiner Meinung nach gar nichts. Er riskiert überhaupt nichts. Darin besteht ja die Besonderheit der aktuellen Situation, die völlig offensichtlich ist.

Also denke ich, dass sich die Situation weiterentwickeln wird, und jetzt werden wir auf die amerikanische Reaktion warten. Der Präsident hat auf dieser Pressekonferenz viele Erklärungen abgegeben. So sagte er zum Beispiel, dass er zu einem Waffenstillstand im Energiesektor bereit sei. Auch das ist ein Vorschlag an Putin: „Du beendest die Angriffe auf unsere Energieinfrastruktur, und wir beenden die Angriffe auf die Energieinfrastruktur des russischen Ölraffineriesektors der Russischen Föderation.“ Das ist wirklich eine ernsthafte Geschichte, die jetzt ebenfalls Gegenstand von Verhandlungen sein kann, wenn Putin so sehr Wahlen bei uns oder bessere Bedingungen für die Arbeit seines Ölraffineriesektors möchte. Es ist also alles sehr einfach.

Noch ein wichtiger Punkt, der auf dieser Pressekonferenz erklärt wurde: dass die Ukraine derzeit nicht über genügend Kräfte und Unterstützung verfügt, um die Krim zurückzuerobern. Das bedeutet, dass die Ukraine die Krim und andere besetzte Gebiete nicht mit militärischen Mitteln zurückholen wird. Auch das ist ein Vorschlag, an der bestehenden Frontlinie stehen zu bleiben. Und noch eine wichtige Erklärung von Zelensky zur NATO: Die Ukraine will tatsächlich der NATO beitreten, aber in Kyiv weiß man ganz genau, dass weder die Vereinigten Staaten noch mehrere andere Länder die Ukraine heute in der Allianz sehen. Auch das ist eine völlig nüchterne Einschätzung.

Dabei müssen wir uns daran erinnern, dass dies nicht erst seit der Amtszeit von Präsident Trump so ist, sondern bereits seit der Präsidentschaft von Barack Obama. Der letzte Präsident, der, wie bekannt, auf eine reale euro-atlantische Integration der Ukraine drängte, war Präsident George W. Bush junior. Doch es gelang ihm nicht, die damaligen Führer Deutschlands und Frankreichs, Angela Merkel und Nicolas Sarkozy, von der Notwendigkeit zu überzeugen, der Ukraine einen Mitgliedschaftsplan zu geben. Und schon der nächste US-Präsident, Barack Obama, stand – wie auch seine beiden Nachfolger – wie Sie sehen, der Idee der Aufnahme der Ukraine in die NATO ohne wirklichen Enthusiasmus gegenüber.

Ja, Präsident Joseph Biden sagte, dass darüber die NATO entscheiden müsse und nicht Russland, aber wie Sie gesehen haben, wollte auch er mit der euro-atlantischen Integration der Ukraine nicht eilen, wenn auch nicht so demonstrativ wie Donald Trump. Aber erinnern wir uns an das faktische Fiasko des NATO-Gipfels in Vilnius, als Biden und andere Staats- und Regierungschefs der NATO-Länder durch Zelenskys öffentliche Erklärung zur Haltung der anderen Länder gegenüber dem Beitritt der Ukraine zur Allianz brüskiert wurden.

So haben wir es mit Erklärungen zu tun, die einerseits die konstruktive Haltung Zelenskys zeigen, seine Bereitschaft zu weiteren Gesprächen mit den Amerikanern, und andererseits die Hilflosigkeit der Amerikaner selbst offenlegen sollen. Ich halte das für sehr wichtig.

Sie verstehen ja, dass eine Zustimmung zu Trumps Idee, die ukrainischen Truppen von dem Territorium abzuziehen, das sie verteidigen und das die Russen in elf Jahren – entschuldigen Sie, nicht in vier – nicht erobern konnten (Sie erinnern sich, wie wir deren Diversanten aus Kramatorsk und Slowjansk vertrieben haben), nicht nur eine Demütigung des ukrainischen Souveräns wäre, sondern auch eine bedingungslose Übergabe von Festungsstädten an die Streitkräfte der Russischen Föderation, die sie – selbst wenn sie sich mit dem aktuellen Tempo vorwärtsbewegten – nur in einigen Jahren einnehmen könnten, wenn überhaupt.

Aber auch mit Trump müssen wir uns nicht zerstreiten. Und Trump eilt, verstehen Sie, nicht nur wegen dieser Friedensnobelpreis-Geschichte, über die wir die ganze Zeit sprechen. Es gibt noch einen sehr wichtigen Punkt: Die Zeit läuft davon. Wenn nach ne Weihnachten keine konkreten Vereinbarungen zustande kommen – und ich denke, dass es keine geben wird, schon allein deshalb, weil nicht nur die Ukraine nicht bereit ist, Territorien abzugeben, sondern vor allem auch Russland nicht bereit ist für einen „unrealistischen Frieden“ –, wenn also keine wirklichen Vereinbarungen erzielt werden und die Amerikaner nach den Weihnachtsfeiertagen Anfang Januar an die Arbeit zurückkehren, dann beginnt de facto der Wahlkampf. Und Trump wird es in der Wahlkampagne viel schwerer fallen, die Tatsache zu ignorieren, dass die überwältigende Mehrheit der amerikanischen Wähler – sowohl unter den Demokraten, die er so hasst, als auch unter den Unentschlossenen, und vor allem unter den Republikanern – aufrichtig mit der Ukraine sympathisiert, unseren gerechten Kampf unterstützt sehen möchte und die gleiche Russland aufrichtig hasst, in das Trump abwechselnd einen Freund oder seinen Schwiegersohn schickt, um irgendwelche Geschäfte für sein Umfeld auszuhandeln.

Darum also diese unglaubliche Hektik, darum dieses Zittern, darum diese langen Gespräche über die Ukraine. Aber beachten Sie wiederum: Das Thema Ukraine lässt Trump nicht los. Dieses lange Politico-Interview, auf das ich mich schon mehrfach bezogen habe und auf das Zelensky reagieren muss, handelt zu 70 % von der Ukraine. Sie verstehen, dass dies das letzte Thema ist, über das Trump mit Journalisten sprechen möchte, weil er keine Worte findet, um seine Sympathien für das russische Regime zu kaschieren. Er würde am liebsten über alles Mögliche sprechen, nur nicht darüber.

Und das ist wirklich eine schwierige Situation, denn in der Außenpolitik fällt bei Trump alles buchstäblich auseinander. Thailand und Kambodscha führen wieder Krieg. Kein Friedensnobelpreis. In Afrika, wo erst kürzlich eine weitere Friedensvereinbarung unterzeichnet wurde, haben die Kämpfe wieder begonnen. Noch schlimmer – kein Friedensnobelpreis. Im Nahen Osten gibt es eine Situation, die zu einem neuen Konflikt führen kann. Schon heute hat einer der israelischen Minister, Mikhai Schekli, geschrieben, dass der Krieg mit Syrien unausweichlich sei. Kein Friedensnobelpreis.

Und wenn morgen tatsächlich irgendeine militärische Aktivität im Raum Venezuela beginnt, wissen wir überhaupt nicht, welche Konsequenzen das für die Vereinigten Staaten haben wird, denn es ist nur scheinbar so, dass man alle einschüchtern und politische Probleme lösen kann, selbst wenn es um ein so autoritäres und usurpatorisches Regime geht wie das von Nicolás Maduro. Die Realität kann viel komplizierter sein, als es scheint. Wie Sie verstehen, liebe Freunde.

Deshalb also das Bedürfnis, Zelensky schnell „in die Schranken zu weisen“ und ihn daran zu erinnern, dass er kein Demokrat sei, dass er sich an der Macht festklammere, dass es in der Ukraine keine Wahlen gebe. Während es in Russland angeblich ganz tolle Wahlen gibt, die ganze Demokratie tanzt bei diesen Wahlen Kamarinskaja, also eine Jahrmarktsnummer. Wir wollen jetzt nicht über Russland sprechen, aber das Wesen ist, wie mir scheint, völlig klar. Und jetzt muss man einfach abwarten, wie die Welt reagiert, wie Trump auf diesen Vorschlag reagieren wird, die Sicherheit der Präsidentschaftswahlen in der Ukraine zu garantieren.

Übrigens noch ein Punkt, den ich einfach erwähnen möchte. Er kann in dieser Situation natürlich nicht der wichtigste sein, aber er ist einfach lustig: Zelensky sagte, es sei leichter, das Präsidialamt aufzulösen, als dessen Leiter zu ernennen. Es gab viele solcher Fragen von Journalisten, aber der Krieg ist viel wichtiger.

Nachdem Andrij Jermak das Präsidialamt der Ukraine in eine Art Parallelregierung unseres Landes verwandelt hatte, die versuchte, sowohl die Werchowna Rada als auch die tatsächliche, legitime Regierung zu ersetzen, verstehe ich, dass es Zelensky einfach nicht gelingt, jemanden zu finden, der diese Institution leiten möchte. Denn jeder Mensch, der diese Institution leiten möchte, versteht nicht wirklich, welche Funktionen er haben wird.

Das ist, wie mir scheint, die wichtigste Frage: Welche Funktionen wird der neue Leiter des Präsidialamtes haben? Wird er einfach ein Bürokrat sein, der den Präsidenten mit Büromaterial versorgt und seine Logistik bei inner- und außenpolitischen Treffen organisiert? Oder soll er ein neuer Jermak sein, der verpflichtet ist, das Präsidialamt wieder in eine Art zweite Regierung zu verwandeln, die nach ihren Befugnissen wichtiger ist als Parlament und legitime Regierung?

Ich denke, dass die Menschen, mit denen Volodymyr Zelensky sich trifft, auf eine Antwort auf diese Frage warten: „Was willst du von mir? Dass ich ein Kanzleimitarbeiter bin oder dein Favorit? Wie siehst du die Rolle des Chefs des Präsidialamtes? Die beiden vorherigen Leiter waren keine Kanzleimitarbeiter. Sie waren deine Favoriten. Was soll der dritte tun?“

Und ich entnehme den Erklärungen von Volodymyr Zelensky, dass er in dieser Frage nicht entschieden ist und deshalb auch keine Möglichkeit hat, eine passende Kandidatur zu finden, weil alle verstehen, dass dieses Gebiet ein Minenfeld ist. Du kommst, um dich mit Büroarbeit zu beschäftigen, und der Präsident sagt: „Wo ist die Kontrolle über die Regierung? Wo ist die Kontrolle über das Parlament? Andrij hat das so großartig organisiert, und was machst du? Ist für mich wichtig, wie viele Blätter Papier auf meinem Tisch liegen? Dafür haben wir dich ernannt?“ Oder umgekehrt: Du leitest das Präsidialamt, lässt den Premierminister und den Parlamentspräsidenten zu dir kommen und sagst: „So, jetzt arbeiten wir hier zusammen. Bitte legen Sie dar, was Sie zu tun vorhaben.“ Und die sagen: „Warum sollen wir Ihnen Rechenschaft ablegen? Wir sind Speaker und Premier. Wer sind Sie?“ Und der Präsident sagt: „Haben wir dich etwa ernannt, damit du hier wieder eine Usurpation der Macht im Präsidialamt aufbaust? Brauche ich so ein Präsidialamt? Ich brauche, dass man mich organisatorisch unterstützt.“

Darüber spricht man natürlich nicht offen. Sie verstehen, dass man solche Fragen zumindest unter dieser Führung um Zelensky nicht direkt stellen kann: „Volodymyr Oleksandrowytsch, was soll ich sein, ein Bürokrat oder Ihr engster Günstling? Was wollen Sie? Wollen Sie ein Präsident sein, wie es in der Verfassung steht, oder so, wie Sie es bisher waren?“ Und deshalb hat der Präsident mit dieser Situation in gewissem Sinne recht. Es ist wirklich leichter, das Präsidialamt abzuschaffen und sich einen Favoriten in einer anderen Struktur zu suchen.

Damit hat der Präsident in der Tat recht. Aber er hat auch in einem anderen Punkt recht, wenn er sagt, dass diese Frage im Vergleich zu dem, was mit Trumps Erpressung, mit den Forderungen nach Abtretung von Territorien geschieht, nicht so wichtig ist, wie sie es unter anderen Umständen wäre. Aber allein Zelenskys Erklärung ist ein interessanter politischer Schritt.

Und nun beantworte ich die Fragen, die während dieser Sendung eingegangen sind.

Frage. Scheint es Ihnen nicht, dass Trump die Maske ablegt und eine Koalition mit Russland eingeht, in der er Einflusszonen mit Russland aufteilt?

Portnikov. Ich glaube nicht, dass es für Trump so einfach wäre, Einflusszonen mit Russland aufzuteilen. Zunächst einmal, weil Russland im Moment keinerlei eigenständige Einflusszonen hat. Russland selbst ist eine Einflusszone der Volksrepublik China. Damit Russland irgendwelche realen Einflusszonen hätte, müsste es diesen Krieg gewinnen – wirklich gewinnen und nicht so, wie Trump vorschlägt, dass es sich mit dem Gestohlenen zufriedengibt. Es müsste gewinnen wie ein Henker, der die Ukraine als Opfer erhält.

Ich bin natürlich der Meinung, dass Trump möchte, dass die Ukraine diesen Krieg zu erniedrigenden Bedingungen beendet, weil er sicher ist, dass ein großes Land ein kleines unbedingt besiegen muss. Ich erinnere Sie daran, dass Trump ein Politiker ultrarechter Prägung ist, ein Mensch mit chauvinistischen, imperialistischen, antidemokratischen Ansichten. Ein Mensch wie aus den 1930er Jahren des 20. Jahrhunderts, der einfach geschlafen, geschlafen, geschlafen, geschlafen, geschlafen, geschlafen hat. Dann kam jemand – ich weiß nicht, Elon Musk – küsste diese Schlafende, und sie wachte auf. Sie hat 100 Jahre geschlafen und versucht nun, die ganze Welt in eine schreckliche Vergangenheit zurückzuwerfen. Aber das ist nur ein Wunsch. In die Vergangenheit zurückzukehren ist sehr schwer.

Frage. Bei einem kürzlich stattgefundenen Treffen von US-Emissären in Russland soll letzteres einige Umgehungsmöglichkeiten für Trumps Sanktionen erwirkt haben. Stimmt das?

Portnikov. Ich habe von einer solchen Information nicht gehört, obwohl es tatsächlich bestimmte Ausnahmen von den Sanktionen gibt, die Donald Trump gegen die wichtigsten russischen Ölgesellschaften Rosneft und Lukoil verhängt hat. Diese Ausnahmen wurden an einigen Stellen gemacht – sowohl bei den Lukoil-Tankstellen als auch bei den Raffinerien, etwa in Bulgarien und in Ungarn. Aber das sind nicht jene grundlegenden Veränderungen, die Russland erlauben würden, die gewaltigen Gewinne aus diesen Unternehmen wiederzuerlangen, die es vor Inkrafttreten der Sanktionen erzielt hat.

Frage. Hat Trump Zelensky zwei Wochen Frist für die Unterzeichnung des Abkommens gesetzt?

Portnikov. Das ist unklar. Sie verstehen ja, dass das alles irgendwelche Informationsquellen sind, die lediglich über die Wünsche des Präsidenten der Vereinigten Staaten berichten. Aber hier gibt es einen Trick, verstehen Sie? Trump kann sagen, dass Zelensky etwas innerhalb von zwei Wochen unterschreiben muss. Doch man braucht zwei Unterschriften: die von Zelensky und die von Putin. Selbst wenn Zelensky zustimmt, wird Putin nicht unterschreiben. Trump ist daran interessiert, dass Zelensky nicht zustimmt – und das ist sein gemeinsames Interesse mit Putin –, damit sie beide die Ukraine der Friedensunwilligkeit beschuldigen können. Das ist ihre Hauptidee. Und vielleicht ist das, was Witkoff und Kushner mit Putin besprechen: „Wie stellen wir die Ukraine und Europa als Narren hin, die keinen Frieden wollen, während wir ihn angeblich wollen? Sie wollen keine Wahlen, aber wir wollen sie.“

Und Sie können fragen: „Riskieren Trump und Putin etwas, wenn Zelensky alle Bedingungen akzeptiert, und Putin ihn einfach wegschickt und sagt, es werde keine Vereinbarung geben?“ Nein, sie riskieren nichts, denn die Annahme solcher ungerechter Bedingungen – wie dem Abzug der ukrainischen Truppen aus der Region Donezk, der russischen Sprache, der russischen Kirche, all dieses Kauderwelschs, das sie uns anbieten – kann, wie Sie verstehen, zu einer inneren politischen Destabilisierung in unserem Land führen. Und Putin ist grundsätzlich an Destabilisierung interessiert, weil er hofft, dass diese Destabilisierung seiner Bande, die sich „Streitkräfte Russlands“ nennt, helfen wird, noch weiteres bedeutendes Territorium der Ukraine zu besetzen. Darauf zielt seine Rechnung ab, nicht darauf, dass Putin und Zelensky etwas unterschreiben.

Frage. Es ist interessant, worüber Trump „singen“ wird, wenn Zelensky wiedergewählt wird. Wird er dann sagen, die Wahlen seien illegitim?

Portnikov. Wie können Wahlen illegitim sein, deren Sicherheit er selbst gewährleisten will? Wenn Wahlen stattfinden, werden amerikanische Beobachter kommen. Am Himmel werden amerikanische Flugzeuge sein. Das werden legitime Wahlen sein. Und übrigens hat Trump im Politico-Interview bereits die Vermutung geäußert, dass Zelensky solche Wahlen gewinnen könnte. Ich sage es Ihnen ja auch: Bei solchen Wahlen kann Zelensky gewinnen. Das sind Wahlen ohne Konkurrenz. Die Teilnehmer befinden sich in ungleichen Informationsbedingungen. Also ich weiß nicht, was Trump dann sagen wird.

Auf jeden Fall: Kann bei solchen Wahlen ein prorussischer Kandidat gewinnen? Stellen wir uns vor, Zelensky verliert gegen irgendjemanden – Zaluzhny, Budanow, Poroschenko. Wer auch immer antritt. Und die Menschen beschließen einfach, gegen Zelensky zu stimmen. Sie werden ja nicht für jemanden stimmen, der sagt: „Wir müssen zu Putin gehen und ihm die Füße küssen.“ Ein solcher Politiker wird bei den Wahlen nicht auftreten. Oder denken Sie etwa, dass irgendein verrückter Arestowytsch die Wahlen gewinnen wird? Das ist doch nicht ernsthaft.

Frage. Warum sind Sie sich so sicher, dass Zaluzhny nicht an hypothetischen Wahlen teilnehmen wird? Laut Umfragen würde Zaluzhny selbst bei laufendem Fernsehmarathon die Wahlen gegen Zelensky gewinnen.

Portnikov. Weil Zaluzhny ein Staatsbeamter ist. Und in einer Situation, in der Krieg herrscht, ist es für einen Staatsbeamten, noch dazu einen ehemaligen General, der – sagen wir – in den Ruhestand entlassen wurde, nicht „comme il faut“, sein Amt zu verlassen, um nicht mehr für sein Land zu arbeiten, sondern an die Präsidentschaft zu denken. In der Nachkriegszeit kann man selbstverständlich aus dem Staatsdienst ausscheiden und an Wahlen teilnehmen. Ich spreche ja von der Vorstellung, es gäbe nur 60-90 Tage, in denen das Kriegsrecht ausgesetzt würde. Das wäre nicht das Ende des Krieges, sondern nur 60 Tage, in denen nicht geschossen würde. Und in dieser Zeit sagt der Botschafter in Großbritannien: „Ich will nicht Botschafter sein, ich will für das Präsidentenamt kandidieren.“ Denken Sie selbst nach. Ich sage nicht, dass das völlig ausgeschlossen ist, aber eine solche Entscheidung könnte Zaluzhnys Popularität mindern.

Und noch einmal: Was würde es in dieser Situation für Trump oder Putin bedeuten, wenn Zaluzhny die Wahl gewinnt?

Frage. Wie bewerten Sie die Chancen von Julija Tymoschenko, neue Präsidentin zu werden? Sie könnte doch mit dem Slogan auftreten: „Unter mir war alles gut, es gab keinen Krieg, genug von Dilettanten und Korruption. Ich kann verhandeln.“

Portnikov. Jeder Politiker kann so reden – aber nach dem Krieg, ich betone: nicht während des Kriegsrechts. Wie Sie gesehen haben, ist die politische Unterstützung für Julija Tymoschenko derzeit minimal. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ihre Partei unter den aktuellen Bedingungen die Grenze für den Einzug ins Parlament überwinden könnte. Aber nochmals: Wenn der Krieg endet, kann sich das alles ändern, und selbst Tymoschenkos Popularität kann steigen. Und was sie dann sagen wird, wird wichtig sein. Aber sie müsste während des Krieges zur Präsidentin gewählt werden, wenn die Frage im Raum steht: Wie wollen Sie diesen Krieg tatsächlich beenden? „Verhandeln können“ ist schön – das haben wir schon von zwei vorherigen Präsidenten gehört. „Wollen Sie den Donbass abgeben?“ Es ist also nicht einfach, in solchen Bedingungen gegen einen amtierenden Präsidenten zu gewinnen, der im Krieg kandidiert.

Das ist das Phänomen von Franklin Roosevelt. Warum war Roosevelt vier Amtszeiten hintereinander Präsident? Weil Krieg war, und selbst die Kandidaten der Republikanischen Partei hatten keinerlei Chancen – keine –, weil er gerade als Kriegspräsident wiedergewählt wurde. Das ist die Logik der Gesellschaft. Die Logik der Gesellschaft ist sehr einfach – ich betone sie erneut. Nach dem Krieg werden Kriegspräsidenten in der Regel nicht wiedergewählt. Während des Krieges werden sie meist wiedergewählt, wenn Wahlen stattfinden. Aber ich glaube, dass es überhaupt keine Wahlen geben wird. Ich sage es noch einmal.

Frage. Auf welche Kriterien bei einem Kandidaten sollte man achten, um wirklich einen würdigen Präsidenten zu wählen?

Portnikov. Das ist eine Geschichte für die Nachkriegszeit. Aber im Grunde geht es um Professionalität, ein politisches Programm, ein klares Verständnis, wie das Land sich entwickeln soll, und darum, dass dieses Verständnis mit Ihrem eigenen übereinstimmt.

Frage. Was hindert Putin in Wahrheit daran, die Kampfhandlungen einzustellen, hier ein georgisches Szenario nach Absprache mit den USA umzusetzen und die Ukraine politisch zu übernehmen?

Portnikov. Ich kann Ihnen das sehr einfach erklären, aber Sie müssen es verstehen und akzeptieren. Ein georgisches Szenario ist hier unmöglich, weil Putin die Existenz der Georgier als eigenständige Nation anerkennt, die Teil der russischen Einflusszone und sogar des russischen Imperiums sein kann, ohne dass die Georgier zu Russen werden. Ukrainer sind aus Sicht Putins und der russischen Chauvinisten kein eigenständiges Volk und damit kein Subjekt der Staatlichkeit. In der Vorstellung der russischen Chauvinisten betrifft das nur zwei Völker auf dem Gebiet des ehemaligen Zarenreichs: Ukrainer und Belarussen. Aus Sicht Putins und all jener, die ihn unterstützen, haben gerade Ukrainer und Belarussen keine politische Subjektivität. Sie sind keine Völker, sondern Bestandteile einer „einzigen russischen Nation“, so wie es bis 1917 in den russischen Schulbüchern hieß: das russische Volk aus Großrussen, Kleinrussen und Weißrussen.

Deshalb braucht Putin die Ukraine nicht „politisch einzunehmen“. Verstehen Sie das. Er muss sie liquidieren. Die Masken sind hier längst gefallen. Putin braucht keine Präsidentschaftswahlen der Ukraine auf ukrainischem Territorium, er braucht Präsidentschaftswahlen Russlands. Denken Sie logisch. Versuchen Sie, das zu begreifen. Wenn Putin eine „gute, loyale Ukraine“ gebraucht hätte, hätte er sich 2014 ganz anders verhalten. Er hätte erklärt, dass in Kyiv ein Staatsstreich stattgefunden habe, während die legitime Macht – Präsident Viktor Janukowytsch, Premier Mykola Asarow, die ganze Regierung und, ich versichere Ihnen, die Hälfte des Parlaments – gezwungen gewesen sei, nach Charkiw zu fliehen. Dass dies nun die legitime Hauptstadt der Ukraine sei, in die russische Truppen einrücken. Und dass dies jene Ukraine sei, die Russland anerkenne, mit der es einen großen Vertrag geschlossen habe – mit einem legitimen Präsidenten der Ukraine. Wer könnte sagen, dass dieser Präsident illegitim ist? Wer? Und dann gäbe es eine Doppelherrschaft: In Charkiw Präsident Janukowytsch, in Kyiv der amtierende Präsident Oleksandr Turtschynow.

Selbst dass ukrainische Parlament unter solchen Umständen einen Beschluss fassen könnte, einen neuen Parlamentspräsidenten und amtierenden Präsidenten zu wählen, wäre schon das schwierig gewesen. Und selbst wenn es einen Beschluss gegeben hätte, verstehen Sie, dass die Teilnehmer dieses Quorums aus der Partei der Regionen einfach nach Charkiw geflohen wären.

Doch Putin handelte völlig anders. Dobkin und Kernes waren bereits in Russland, als Janukowytsch zum „Abgeordnetenkongress“ nach Charkiw kam. Und sie haben Janukowytsch abblitzen lassen, nachdem sie aus Russland mit Instruktionen zurückgekehrt waren. Kernes war vollständig an der russischen Leine. Alle sagen immer, dass ihn Kolomojskyj eingeschüchtert hätte. Nein. Kolomojskyj war damals überhaupt noch kein Faktor, als Kernes Janukowytsch bereits fallenließ. Verstehen Sie?

Und so hätte es zwei Ukrainen gegeben: eine auf dem Gebiet der Regionen Donezk und Luhansk sowie der Krim. Und möglicherweise wäre es dann gelungen, unter diesem Vorwand noch Teile der Region Odessa oder der Region Charkiw zu erobern. Sie verstehen, welch ein Chaos in den Köpfen der Sicherheitsstrukturen und der Armee geherrscht hätte, wenn der Oberbefehlshaber sich in Charkiw befunden hätte. Ich erinnere mich noch, in welcher Angst ich war, als ich sah, dass Janukowytsch nach Charkiw fliegt, denn ich wusste, dass es 2004 genau so ein Szenario für Kutschma gab: Fahr nach Charkiw, erkläre Janukowytsch zum Präsidenten, halte dort eine Sitzung der Werchowna Rada ab. Kutschma hat sich einfach geweigert.

Doch all das ist nicht geschehen. Sie haben ja gesehen: Putin hat die Krim annektiert, statt dort eine alternative Ukraine zu schaffen. Dann hat er die Unabhängigkeit von DNR und LNR proklamiert und begann, sie zu russifizieren. Als er die Regionen Cherson und Saporischschja besetzte, wo die Mehrheit der Bevölkerung ethnische Ukrainer sind, begann er, sie zu russifizieren, erklärte diese Menschen zu Russen, obwohl es in Donezk einen großen Anteil ethnischer Russen gab – nicht die Mehrheit, aber viele –, während es in den Regionen Cherson und Saporischschja praktisch keine gab. Und? Hat das irgendjemand an seiner Haltung geändert?

Verstehen Sie also ein für alle Mal: Ein georgisches Szenario ist hier unmöglich, weil dies nicht Georgien ist. Ja, wenn es der Ukraine gelingt, sich zu behaupten und sie das Territorium nicht vollständig einnehmenp können, werden sie versuchen, auf jenem Gebiet, das sich ihrer Kontrolle entzieht, ein georgisches Szenario zu konstruieren – aber erst dann, wenn sie sich überzeugt haben, dass sie die Ukraine nicht liquidieren können. Dieser existenzielle Konflikt zwischen dem ukrainischen und dem russischen Volk dauert in Wirklichkeit seit der Perejaslawer Rada an – oder, wenn Sie so wollen, zwischen den Ukrainern selbst, denn es gibt Gogols „Malorossija“ und Schewtschenkos Ukraine. Zwei Zivilisationen in einem Land. Welche Georgien? Die Georgier waren sich stets einig, dass sie Georgier sind. Es gab weder bei den Führern der Demokratischen Republik Georgien, noch beim Dichter Galaktion Tabidse, noch bei Stalin, Berija oder Ordschonikidse Zweifel daran. Verstehen Sie? Ja, sie wollten, dass Georgien eine Autonomie im Rahmen Russlands ist, aber sie waren sicher, dass sie Georgier sind. Sie sprachen bis zum Lebensende Stalins untereinander im Kreml Georgisch, wenn keine Russen in der Nähe waren. Das sind verschiedene Dinge. Ich hoffe, ich habe es erklärt.

Frage. Stimmen Sie zu, dass Europa – ob es will oder nicht – seine globale Rolle, die es vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg innehatte, wiedererlangen und entschlossen alle „blödsinnigen Eskapaden“ der Amerikaner zurückweisen muss?

Portnikov. Ja, dem stimme ich vollkommen zu. Wie auch Putin und Xi Jinping bin ich der Meinung, dass die Amerikaner nur dank des Ersten und Zweiten Weltkriegs zu den Führern Europas wurden, dass ihre geopolitische Rolle überbewertet ist und dass wir uns hier in Europa immer auf diese amerikanische Rolle eingelassen haben, weil wir unsere gemeinsame euro-atlantische Solidarität im Blick hatten. Wenn es aber keine Solidarität gibt, gibt es auch keine geopolitische Rolle Amerikas. Es ist für Europa einfach leichter, gemeinsam mit den Vereinigten Staaten nicht nur deren Eskapaden zurückzuweisen, sondern auch die der Russen und der Chinesen. Ich bin der Meinung, dass Europa hätte „aufwachen“ müssen, verstehen, dass es bereits ein einziger Organismus ist, und sowohl die amerikanischen als auch die russischen Ansprüche begrenzen, im Bewusstsein, dass beide Länder von gleichartigen, ultranachigstischen rechtspopulistischen Führern geleitet werden. Denn die Ideologien von Trump und Putin ähneln sich sehr. In diesem Punkt stimme ich Ihnen völlig zu.

Frage. Was muss Europa tun, damit die Europäische Union nicht zerfällt und das vereinte Europa zu einem weiteren geopolitischen Zentrum der Welt wird?

Portnikov. Erstens muss es den Aufstieg der rechtsextremen, populistischen, antieuropäischen Kräfte in Europa sowie der ultralinken, ebenfalls antieuropäischen populistischen Kräfte in Europa bekämpfen. All das sind genauso antieuropäische Kräfte wie der Trumpismus, eine antiamerikanische Ideologie. Verstehen Sie? Aber dafür muss man alles tun, damit der russisch-ukrainische Krieg in einem Fiasko für die Russische Föderation endet. Man muss gemeinsam daran arbeiten, Russland zu schwächen, seine Wirtschaft zum Einsturz zu bringen, Russland in jenen „zahnlosen Papiertiger“ zu verwandeln, von dem Trump sprach – und nicht in ein Land, das Europa seine Bedingungen diktieren will.

Der Schlüssel liegt in Moskau, verstehen Sie, wie immer. Der Schlüssel zu einem starken Europa liegt in Moskau. Wenn Russland schwach ist und keine aggressiven Tendenzen zeigt, wird Europa stark sein. So war es immer. Die Stärkung Russlands – im 18., 19. und 20. Jahrhundert, zur Zeit von Zar Alexander und zur Zeit Stalins – bedeutete stets die Schwächung Europas, weil Russland nicht Teil des europäischen Konzerts sein will. Es will nicht einmal Dirigent des europäischen Orchesters sein. Es will Gendarm bei diesem Konzert sein. Verstehen Sie? Und ein Gendarm wird im Orchester nicht gebraucht. Man muss ihn aus dem Saal hinauswerfen und ihn draußen stehen lassen – am besten in Handschellen.

Frage. Könnte Zelenskys Erklärung ein Rat der europäischen Partner gewesen sein, um Trump seine Vorwürfe zu nehmen, die Ukraine könne nicht als demokratischer Staat gelten?

Portnikov. Erstens hat Zelensky mit dieser Erklärung die Europäer selbst in eine schwierige Lage gebracht. Zweitens kennen Sie Zelensky schlecht, wenn Sie glauben, er könne sich eine solche Kombination nicht selbst ausdenken. Aber jetzt ist es natürlich interessant, wie sich die Ereignisse entwickeln werden. Sie verstehen, dass auch gegen Zelensky Leute spielen, die ihre eigenen Kombinationen schmieden können. Und wir wissen noch nicht, welcher Gegenzug erfolgen wird. Warten wir ab, was weiter auf diesem Schachbrett passieren wird. Und ich bleibe bei Ihnen, damit wir diese Züge weiter gemeinsam analysieren können.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Зеленський оголошує вибори | Віталій Портников. 09.12.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Trumps Interview: das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 09.12.2025.

In seinem Interview mit der Zeitschrift Politico betont der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, erneut, dass die Ukraine gezwungen sein werde, die Bedingungen eines Friedensabkommens mit der Russischen Föderation zu akzeptieren, die mit dem Verlust ukrainischen Territoriums verbunden sein könnten. Er unterstreicht, dass er vom ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky enttäuscht sei, der zum Zeitpunkt seines Gesprächs mit dem Journalisten angeblich die neuen Vorschläge der Vereinigten Staaten noch nicht gelesen habe. Er fordert die Ukraine zu Wahlen auf, weil er betont, dass man in einem Land, in dem es keine Wahlen gibt, nicht von Demokratie sprechen könne, und er kritisiert Europa scharf, das sich seiner Ansicht nach in keine besonders gute Richtung entwickle.

Das ist das, was der ukrainische Leser in den Nachrichtenagenturen lesen kann und was der Zuschauer auf dem Fernsehbildschirm oder in den sozialen Netzwerken sieht. Doch wer die tatsächliche Videoaufzeichnung des Interviews von Donald Trump sieht oder das Protokoll seines Gesprächs mit dem Journalisten von Politico liest, erkennt, dass der Präsident der Vereinigten Staaten keinerlei klar formulierte Gedanken zur russisch-ukrainischen Kriegssituation äußert.

Wie so oft bei Donald Trump greift er dann, wenn er versucht, seine tatsächlichen Wünsche zu verschleiern – nicht einmal seine Absichten, sondern eben seine Wünsche –, auf verschwommene, aufdringliche Floskeln und Feststellungen zurück, die wir während seiner Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten längst auswendig gelernt haben. Etwa in der Art, dass es diesen Krieg überhaupt nicht gegeben hätte, wenn er Präsident der Vereinigten Staaten gewesen wäre.

Doch was man eindeutig feststellen kann, wenn man all dieses weiße Rauschen analysiert, das Donald Trump in diesem Gespräch – wie übrigens in all seinen anderen Gesprächen – produziert, ist seine aufrichtige Überzeugung, dass Russland die Ukraine allein deshalb besiegen müsse, weil es größer sei. Dabei erklärt Trump jedoch nicht, warum Russland sie in den vergangenen vier Jahren nicht besiegt hat, warum er diese Frage überhaupt an den russischen Präsidenten Putin adressiert und warum die Vereinigten Staaten zugleich ihre Unterstützung für die Ukraine nicht einstellen werden. Und auch hier kann Donald Trump nicht erklären, weshalb.

Wir wissen jedoch warum. Weil sich die Mehrheit seiner Wähler für eine solche Unterstützung ausspricht. Und genau an diese Wähler denkt Donald Trump immer aufdringlicher, wenn vom Jahr 2026 die Rede ist. Und gerade vor diesen Wählern versucht er seine Sympathien für Russland und seine offensichtliche Antipathie gegenüber der Ukraine zu verbergen, weil er weiß, dass die überwältigende Mehrheit dieser Wähler die Haltung seiner eigenen Administration, die faktisch dem russischen Präsidenten Putin entgegenkommt, nicht unterstützt.

Im Fall Europas hingegen zügelt sich Trump überhaupt nicht mit seinen Bewertungen und Aussagen – offenbar weil er möglicherweise Umfragen kennt, die zeigen, dass seine Wähler weder besondere Sympathien noch besonderes Interesse an Europa haben. Seine Äußerungen sind, wie ich sagen würde, schlichtweg dumpf, reaktionär, konservativ – solche, die sich früher niemals ein Präsident einer großen Macht erlaubt hätte. Vielleicht hätte sich ein gewöhnlicher Bürger, ein Wähler Donald Trumps, solche Beleidigungen gegenüber den Europäern erlaubt – aber nur nach ein paar Krügen Bier in einer Kneipe. Ich erinnere daran, dass der Präsident der Vereinigten Staaten selbst mit Alkohol nichts zu tun hat. Er ist ein überzeugter Abstinenzler – und er ist stolz darauf.

Ich glaube, dass gerade Trumps Antipathie gegenüber Europa auch erklärt, warum er im russisch-ukrainischen Krieg im Grunde die Seite Russlands und nicht die der Ukraine eingenommen hat. Ihm gefällt Orbáns Europa, und das betont er ganz offen. Ihm gefällt eine Welt, in der ultrarechte Politiker regieren – eine Welt, die uns an die 1930er-Jahre des 20. Jahrhunderts in Europa oder an jüngere Zeiten in Lateinamerika erinnert. Trump verbirgt auch seine Sympathien für den heutigen Präsidenten Argentiniens, Milei, nicht, dessen Politik uns an die beschämende Epoche der argentinischen Militärjuntas erinnert.

Die Ukraine jedoch – ebenso wie die Mehrheit der europäischen Länder – ist tatsächlich ein demokratischer Staat, ein Staat, in dem die Ultrarechten, anders als im Russland Putins, das ständig das Thema sogenannter traditioneller, genauer gesagt neofaschistischer, neonazistischer Werte instrumentalisiert, keinen Durchbruch erzielt haben. Und hierin liegt der Hauptpunkt, ich würde sagen, der ideologischen Verhärtung Donald Trumps.

Er ist sich völlig bewusst, wie weit er von den europäischen Werten entfernt ist, die von der Ukraine geteilt werden, die Mitglied der Europäischen Union werden möchte. Er sieht, wie die Ukrainer jahrzehntelang dafür kämpfen, dass ihr Land sich gerade dieser liberalen, demokratischen, souveränen und freien Europa annähert. Während sein persönliches Ideal Diktaturen und harte Regime sind, die den Bürgern keine andere Alternative lassen, als ihren durchgedrehten Führern Beifall zu klatschen. Und – so paradox es klingt – der Präsident des größten demokratischen Staates der Welt klatscht gemeinsam mit diesen unterdrückten Massen Beifall.

Ich erinnere an den Applaus Donald Trumps für den Präsidenten Russlands, Putin, als dieser lässig aus seinem Flugzeug auf dem Flugfeld von Anchorage stieg, um sich mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten zu treffen und Donald Trump erneut genüsslich ins Gesicht zu spucken. Und manchmal scheint es mir, dass wir bald dieses Anspucken nicht mehr im übertragenen, sondern im wortwörtlichen Sinne erleben werden – mit jenem, wie ich sagen würde, offensichtlichen Maß an Verachtung. Der Präsident der Russischen Föderation und seine Gefolgsleute behandeln Donald Trump und das Team des amerikanischen Präsidenten – in dem Geschäftsleute mit Anhängern ultrarechter politischer Ansichten konkurrieren, den schrecklichsten Ansichten in der Geschichte der Menschheit, mit denen es in Sachen Grauen nur noch die ultralinken politischen Ansichten aufnehmen können, die tatsächlich zu einer Alternative zum ultrarechten Vektor in der Entwicklung der Vereinigten Staaten werden könnten. Und dann wird vielleicht niemand mehr glauben, dass allein die Ultrarechten die einzige Katastrophe der Menschheitsgeschichte gewesen seien.

Und dann stellt sich die Frage: Was soll man mit diesen Aussagen Trumps anfangen? Was soll man mit seinem Druck auf den Präsidenten der Ukraine, Volodymyr Zelensky, anfangen? Was soll man mit seinen ständigen Versuchen anfangen, die Ukraine dazu zu zwingen, auf eigenes Territorium zu verzichten? Was soll man mit seinen ständigen Vorwürfen anfangen, dass wir keine Wahlen durchführen können, während Trump keinerlei reale Möglichkeiten hat, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden, und sich lediglich in der für ihn typischen selbstverliebten Demagogie ergeht?

Gar nichts soll man tun. Man sollte sich daran erinnern, dass es keinerlei Bedingungen gibt, unter denen die Russische Föderation in absehbarer Zukunft beabsichtigt, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden. Folglich wird es in den nächsten Jahren möglicherweise überhaupt kein Friedensabkommen zwischen Russland und der Ukraine geben. Und wenn es doch zu einer Plattform für einen Waffenstillstand zwischen den beiden verfeindeten Ländern und Völkern kommen sollte, dann wird dies das Ergebnis einer gegenseitigen Erschöpfung dieser Feinde und ihrer Unfähigkeit sein, den Krieg fortzusetzen – und Russland als den Aggressor in diesem Krieg betrifft das in erster Linie.

Trump kann also sagen, was immer er will, die ukrainische Führung von allem Möglichen zu überzeugen versuchen – doch die Schlüssel zum Arbeitszimmer des Präsidenten der Russischen Föderation, Putin, hatte, hat und wird er in absehbarer Zeit nicht haben. Deshalb muss man diesen Bewusstseinsstrom genau als das behandeln, was er ist: ein Bewusstseinsstrom, der die Hilflosigkeit, Irrationalität, Betrügerei und Kurzsichtigkeit des Präsidenten der Vereinigten Staaten tarnt. Und man muss sich darüber im Klaren sein, dass diese Person mit jedem Monat des amerikanischen Wahlkampfs immer mehr daran interessiert sein wird, die Macht zu bewahren – in erster Linie als Mittel zur Bewahrung der eigenen Sicherheit und Freiheit.

Ja, auch Trump denkt an seine eigene Freiheit – nicht nur wir –, und er wird in seinem Druck auf die Ukraine immer vorsichtiger werden, weil er immer stärker um seine eigenen Wähler buhlen wird, die mit seinem offen antiukrainischen – und nennen wir die Dinge beim Namen – damit auch antiamerikanischen Verhalten unzufrieden sind.

All das ist also wie ein Gewitter. Man muss es einfach abwarten – und sich natürlich keine überflüssigen Illusionen über die Möglichkeit eines Endes des russisch-ukrainischen Krieges machen, denn davon hängt es nicht ab, weder heute noch bislang, und selbst nicht von Trump, auch wenn wir hoffen wollen, dass sein wirtschaftlicher Druck auf Russland früher oder später Wirkung zeigen wird. Es hängt von Putin ab, der an diesem neuen ausführlichen Interview Trumps über den russisch-ukrainischen Krieg allerdings nicht teilgenommen hat.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Інтерв’ю Трампа: головне| Віталій Портников. 09.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung vonViktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Zelensky in London: Das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 06.12.2025.

Heute ist im Prinzip ein sehr komplizierter Tag, was den sogenannten Friedensplan des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, und alle Verhandlungen darum herum angeht. Ihr wisst, dass heute der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, in London war und mit europäischen Führern über die Situation gesprochen hat: mit dem Premierminister des Vereinigten Königreichs, Keir Starmer, der Gastgeber dieses Gipfels war, mit dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz und mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Man kann sagen, dass dies nicht einfach nur die Staatschefs der wichtigsten Länder Europas und des europäischen Teils der NATO und der Europäischen Union sind – im Fall Deutschlands und Frankreichs – sondern dass sie heute die wichtigsten Verbündeten der Ukraine in Westeuropa sind; in Zentraleuropa bleibt natürlich die Republik Polen der wichtigste Verbündete.

Aber es wird offensichtlich, warum jetzt all diese Verhandlungen Zelenskys mit den europäischen Führern stattfinden und warum sie fortgesetzt werden. Denn von London ist Volodymyr Zelensky nach Brüssel weitergereist, zu Gesprächen mit den Spitzen der Europäischen Kommission und des Europäischen Rates, Ursula von der Leyen und António Costa.

Ihr wisst, dass es jetzt darum geht, wie die Finanzierung der Ukraine für das kommende Jahr 2026 aussehen wird, wie die europäischen Länder dem ukrainischen Haushalt helfen werden. Das ist eine sehr schwierige Frage, umso mehr, als Ursula von der Leyen zum Beispiel eine überzeugte Anhängerin des sogenannten Reparationenkredits ist. Und in London traf Volodymyr Zelensky Emmanuel Macron, dessen Land zum Beispiel gegen diesen Reparationenkredit ist. Und so muss man nach einer Lösung suchen, wie diese ganze Situation in der nächsten Zukunft aussehen wird.

Aber ich möchte gleich sagen, dass meiner Meinung nach jetzt sowohl vor dem Hintergrund dieser Treffen mit den Europäern als auch vor dem Hintergrund der Erklärungen Zelenskys absolut klar wird, warum diese Treffen überhaupt stattfinden und was die Amerikaner in Wirklichkeit vom ukrainischen Präsidenten wollen.

Bei den Europäern sucht Zelensky in erster Linie Schutz vor dem amerikanischen Druck auf die Ukraine, der damit zusammenhängt, dass der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, im Schnellverfahren den sogenannten Frieden in der Ukraine erreichen will, obwohl es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass Russland dasselbe erreichen möchte. Und der Schlüssel zu diesem Frieden ist aus Sicht Trumps der Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Gebiet der Oblast Donezk der Ukraine – worauf Volodymyr Zelensky, wie wir heute einmal mehr sehen, öffentlich verzichtet hat. Er sagte, dass die Amerikaner zwar einen Kompromiss suchen, es in der territorialen Frage aber keinen Kompromiss geben könne.

Und wieder einmal lasst uns die Situation realistisch betrachten. Warum besteht Trump so sehr auf dem Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Donbass? Weil er auf Putin hört, der sagt, dass alle Gespräche über Frieden nur nach dem Abzug der ukrainischen Armee aus jenem Teil des Territoriums der Oblast Donezk möglich seien, der sich jetzt unter unserer Kontrolle befindet. Und die Amerikaner haben im Grunde begonnen, alle in russischen Narrativen zu sprechen: „Die Ukraine wird dieses Gebiet sowieso verlieren. Warum verzichtet sie nicht gleich darauf? Was ist eigentlich das Problem, auf den Donbass zu verzichten?“ Ich denke, dass dies auch eine der Fragen war, die bei Zelenskys Treffen mit den europäischen Führern diskutiert wurden.

Aber wir müssen uns vor dem Hintergrund dieses Gipfels und dieser Forderungen noch eine andere Frage stellen, eine sehr wichtige. Wozu sagt Putin das überhaupt? Was sind Putins Ziele? Will Putin den Krieg überhaupt auf diese Weise beenden? Braucht er in Wirklichkeit einen Waffenstillstand für Kramatorsk und Slowjansk?

Nein. Putin denkt, wenn man so will, in der Sprache von Fallen, die jede seiner sogenannten Spezialoperationen begleiten. Die Forderung, dass die ukrainische Armee das Gebiet der Oblast Donezk verlassen solle, ist eine Falle, die die Situation grundsätzlich in eine Sackgasse führen soll – so wie zum Beispiel die Annexion der Krim eine Falle war.

Wozu hat Putin das getan? Er hätte doch ganz ruhig nach dem üblichen postsowjetischen Szenario vorgehen können: Selbst nach der Besetzung der Krim hätte er die Krim zur unabhängigen Republik erklären können, dieser Republik militärische Hilfe gewähren, ihre Unabhängigkeit anerkennen oder auch nicht anerkennen – und so eine ernsthafte Destabilisierung in der Ukraine selbst und in den russisch-ukrainischen Beziehungen schaffen. Eine viel stärkere Destabilisierung eines innerukrainischen Konflikts im Zusammenhang mit der Krim, als es infolge der Annexion geschah. Denn es hätte sich immer wieder Politiker gefunden, die gesagt hätten: „Wir müssen uns mit Russland einigen, um die Krim zurückzubekommen, damit Russland als Vermittler zwischen uns und der Krim auftritt – so wie es zwischen Moldau und Transnistrien vermittelt hat und früher zwischen Georgien und Abchasien sowie Südossetien. Nur hat Georgien auf diese Vermittlung verzichtet, und in der Folge hat Russland die Unabhängigkeit Abchasiens und Südossetiens anerkannt. Wir dürfen es nicht so weit kommen lassen. Wir dürfen Putin nicht verärgern.“

Warum ist es nicht so gekommen? Weil Putin dort Einfluss wollte, hier aber eine echte Sackgasse wollte, aus der beide Länder nicht herauskommen. Er wollte die russische Führung, das russische Volk und seine Nachfolger in eine Situation bringen, in der die Antwort klar wäre: „Wie lösen wir das Problem der Krim, auf die die Ukraine Anspruch erhebt? Wenn es die Ukraine nicht mehr gibt, gibt es das Problem nicht.“ Und ihr seht, dass alle russischen Politiker in diese Falle getappt sind – von denen, die Putin dienten, bis zu denen, die in der Opposition zu Putin standen und einst sagten, die Krim sei kein Sandwich. Das ist eine meisterhaft gebaute Falle. Die Eingliederung der Krim ist eine Sackgasse für zwei Völker für immer. Und wenn man zur Krim noch die annektierten Gebiete hinzufügt, dann potenziert sich dieses „für immer“.

Kommen wir zur nächsten Frage. Braucht Putin überhaupt, dass die ukrainischen Truppen einfach den Donbass verlassen? Nein, das braucht er nicht. Er versteht sehr genau, dass, wenn die ukrainischen Truppen einfach den Donbass verlassen würden, das nur eine Situation schaffen würde, die permanent infrage gestellt wäre – selbst wenn es keinen Krieg gäbe. Ich erinnere immer wieder daran: Russland war sich nicht sicher, dass es das Gebiet Kaliningrad endgültig erobert hat, bis 1975. Es gab keine Gewissheit über die bestehenden europäischen Grenzen. Erst die Schlussakte von Helsinki setzte diesen Zweifeln ein Ende. Und wir reden hier über die Sowjetunion, eine Supermacht mit Atomwaffen, die sich sicher war, dass niemand Anspruch auf ihr Territorium erheben würde. Aber nein. Nein.

Den Donbass oder die Oblaste Cherson und Saporischschja einfach ohne Anerkennung zu halten, bedeutet nur, eine weitere Last auf die ohnehin von Sanktionen angeschlagenen russische Wirtschaft zu legen. Das heißt, Russland braucht, damit es diese Gebiete wirklich nutzen kann, die Anerkennung dieser Gebiete, einschließlich durch die Ukraine und den Westen. Und genau darüber verhandelt Russland mit Trump: „Ihr müsst nicht einfach nur die Tatsache anerkennen, dass das jetzt unseres ist. Ihr müsst die Ukrainer und die Europäer dazu zwingen, das ebenfalls anzuerkennen.“

Nun eine besondere Frage: Können wir das überhaupt tun? Volodymyr Zelensky sagt heute, dass dies weder aus Sicht der ukrainischen Gesetzgebung, noch aus Sicht des Völkerrechts, noch aus Sicht der Moral möglich ist. Wiederum: Ich werde den moralischen Kontext nicht diskutieren, denn wenn es um Politik geht, tritt die Moral in der Regel hinter die Aufgaben des jeweiligen Moments zurück. Ganz sicher sind nicht alle politischen Entscheidungen moralisch. Das Völkerrecht erkennt absolut die Möglichkeit an, dass zwei Staaten sich auf eine Änderung von Grenzen einigen – wenn ein Staat akzeptiert, dass ein anderer nun einen Teil seines Territoriums haben wird. Das ist im Völkerrecht schon hunderttausend Mal vorgekommen und kann ein hunderttausendeinstes Mal vorkommen, wenn die Ukraine sich zum Beispiel damit einverstanden erklärt, dass die Krim, die Oblaste Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja nun russische und nicht ukrainische Regionen sind – und entsprechende Änderungen in ihre Gesetzgebung einträgt.

Schließlich wollten ja auch die westlichen Staaten, dass Serbien die Unabhängigkeit des Kosovo anerkennt, das seine autonome Provinz war. Aber Serbien hat nicht die Absicht, das zu tun, und niemand kann es dazu zwingen. Würde es das jedoch tun, würde das eine Änderung des verfassungsmäßig definierten Territoriums Serbiens bedeuten. Auch das muss man verstehen. Aber aus Sicht der ukrainischen Gesetzgebung ist das praktisch unmöglich.

Schauen wir uns die Situation realistisch an. Stellen wir uns vor, man hat uns in die Enge getrieben, und wir haben beschlossen, dass wir es tun. Wie wäre das juristisch umzusetzen? Ganz konkret. Die ukrainische Verfassung sieht keine Möglichkeiten für ein Referendum über die territoriale Integrität vor. Das existiert bei uns einfach nicht. So wie übrigens auch nicht in der Verfassung der Russischen Föderation. Wir sind ein Einheitsstaat. Die Russische Föderation ist ein föderaler Staat. Die Verfassung der Russischen Föderation sieht keine Möglichkeit vor, dass ein Subjekt aus der Russischen Föderation austritt. Schon für Aufrufe, diese Frage zu diskutieren, kann man unter einen entsprechenden Artikel des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation fallen – und das war’s.

Ich kann euch sagen, dass ich seinerzeit während des ersten Tschetschenienkrieges, als absolut klar war, dass Russen und Tschetschenen nicht zusammenleben wollten, vorgeschlagen habe, die russische Verfassung so zu ändern, dass das tschetschenische Problem ohne militärische Krise gelöst werden könnte. Ich schlug vor, ein Verfassungsgesetz über die Möglichkeit des Ausschlusses eines Subjekts aus der Russischen Föderation zu erlassen, mit entsprechenden Änderungen in der Verfassung der Russischen Föderation. Also die Durchführung eines Referendums auf dem Territorium dieses Subjekts mit der Frage, ob dieses Subjekt aus der Russischen Föderation austreten wolle, und die Durchführung eines Referendums auf dem gesamten Territorium Russlands mit der Frage, ob die Bürger der Russischen Föderation den Ausschluss dieses Subjekts befürworten. Wenn beide Referenden mit positivem Ergebnis enden – sagen wir, die Mehrheit der Wähler oder zwei Drittel der Wähler sowohl in der Tschetschenischen Republik als auch auf dem ganzen Territorium der Russischen Föderation stimmen für den Ausschluss des Subjekts aus der Russischen Föderation – dann wird die Tschetschenische Republik aus der Russischen Föderation ausgeschlossen und als unabhängiger Staat anerkannt. Danach werden mit ihr Beziehungen aufgebaut wie mit einem ganz gewöhnlichen unabhängigen Staat – vertraglich, nicht vertraglich, mit Visaregelung, ohne Visaregelung, das spielt keine Rolle. Wichtig ist nur: Es ist nicht mehr Russland.

Ihr könnt euch wohl vorstellen, welches Ausmaß an Skandal nach diesem Text begann und wie mich ganz Russland – wirklich ganz – einen Verräter nannte. Natürlich können nur Nicht-Russen den Russen so „beleidigende“ Ideen vorschlagen. Ich verstand aber sehr genau, dass aus Sicht der Verfassung der Russischen Föderation Tschetschenien niemals unabhängig sein würde und dass Russland gezwungen sein würde, seine Frage der territorialen Integrität zu lösen – und dass diese Kriege zum Zusammenbruch aller Hoffnungen auf russische Demokratie führen würden. Die einzige Möglichkeit waren Verfassungsänderungen.

Genau so ist es hier. Wenn die Ukraine auf ihre von Russland besetzten Gebiete verzichten und akzeptieren wollte, dass diese Besetzung legitim ist, wären Verfassungsänderungen nötig, die diese Regionen aus dem Bestand der Ukraine ausschließen, und Verfassungsänderungen, die die Möglichkeit eines Referendums über den Ausschluss von Regionen aus der Ukraine vorsehen. Und ich weiß nicht einmal, ob es zu diesen Artikeln ein gesamtukrainisches Referendum geben müsste oder nicht. Aber offensichtlich ist das eine Frage von Verfassungsänderungen.

Die Werchowna Rada müsste diese Änderungen mit zwei unterschiedlichen Sitzungen verabschieden. Wie ihr euch erinnert, müssen diese Änderungen vom Verfassungsgericht der Ukraine bestätigt werden. Und erst danach kann die Werchowna Rada die entsprechenden Änderungen in die Verfassung eintragen. Rechnet euch einfach aus, wie viel Zeit das kostet. Und erst danach könnte man ein Referendum durchführen. Wobei wieder einmal absolut klar ist, dass ein solches Referendum sowohl auf dem von der Ukraine kontrollierten Gebiet als auch auf dem Gebiet jener Regionen stattfinden müsste, deren Ausschluss zur Debatte steht – um die Meinung ihrer Bevölkerung zu ihrem Ausschluss zu erfahren. Sagen wir, selbst wenn wir die Situation in diesen Regionen umgehen und davon ausgehen, dass wir dort kein Referendum durchführen können – was auch seltsam wäre, aber nehmen wir es einmal so an – bleibt es immer noch ein Referendum, das zu einem Ergebnis kommen muss.

Und stellen wir uns vor, dass die Mehrheit der Bevölkerung der Ukraine für den Ausschluss der Autonomen Republik Krim, von Sewastopol sowie der Oblaste Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja aus der Ukraine stimmt. Trotzdem müsste die Werchowna Rada wieder zwei getrennte Sitzungen zu diesen Verfassungsänderungen durchführen und die entsprechende Entscheidung des Verfassungsgerichts abwarten. Rechnet euch jetzt einfach aus, wie viel Zeit das alles in Anspruch nehmen würde.

Und nochmals: All das wäre nur möglich, nachdem – und nicht bevor – die Kampfhandlungen beendet sind und das Kriegsrecht aufgehoben wurde. Zuallererst müsste das ukrainische Parlament wieder im Modus der normalen Sitzungen arbeiten und nicht im Modus des Kriegsrechts. Aber es ist absolut offensichtlich, dass das derzeitige ukrainische Parlament das nicht tun kann, denn seine Befugnisse sind zeitlich eigentlich abgelaufen und werden nur im Zusammenhang mit dem Kriegsrecht verlängert. Sobald das Kriegsrecht endet, wird die Werchowna Rada schlicht verpflichtet sein, Neuwahlen auszuschreiben.

Also müsste all das ein Parlament machen, das erst nach diesen Wahlen gewählt wird. Jeder von euch, der sich mit Verfassungsrecht auskennt, wird verstehen, dass es hier um mehrere Jahre geht – selbst wenn die Ukraine einem solchen Schema zustimmen würde. Wenn die Ukraine einem solchen Schema zustimmt; wenn sich eine Mehrheit der Abgeordneten findet, eine verfassungsändernde Mehrheit, um ein Referendumsgesetz zu verabschieden; wenn sich eine Mehrheit der Verfassungsrichter findet, die mit solchen Artikeln in einem Einheitsstaat einverstanden wäre; wenn sich eine Mehrheit der Bürger der Ukraine findet, die für den Ausschluss des Territoriums aus der Ukraine stimmt; wenn sich dann wieder eine Mehrheit der Abgeordneten findet, die diese Entscheidung zweimal umsetzt; und wenn sich eine Mehrheit der Verfassungsrichter findet, die sie ebenfalls anschließend umsetzt.

Versteht ihr überhaupt realistisch, dass man, damit das alles geschieht, neben jeden Abgeordneten, jeden Richter und jeden Bürger, der an einer solchen Abstimmung teilnimmt, einen Bewaffneten mit Maschinengewehr stellen müsste? Da müsste die russische Nationalgarde stehen – nicht nur im Parlament, sondern auch in den Wahllokalen während dieser Abstimmung.

Nun stellt sich die Frage: Weiß Wladimir Putin das etwa nicht? Ist er ein Kind? Nein, er ist kein Kind, er ist Absolvent der juristischen Fakultät der Universität Sankt Petersburg. Ja, natürlich kann man sagen, dass das seine Pseudoausbildung war und seine wirkliche Ausbildung das Institut namens Juri Andropow war, das künftige Tschekisten heranbildete. Aber auch das ist völlig egal. Putin liest aufmerksam alle Expertenvermerke dazu, wie man den einen oder anderen Schritt formal umsetzen kann. Er ist im Übrigen für seinen sogenannten Legalismus bekannt – dafür, dass er alle Schritte genau berechnet, damit sie legal aussehen.

Er hat ja nicht einfach gesagt: „Ich gliedere die Krim ein.“ Das war ein ganzer Ablauf mit einem Pseudoreferendum, mit einem Beschluss der Werchowna Rada der Autonomen Republik Krim, die AJK für unabhängig zu erklären, mit einem entsprechenden Gutachten des Verfassungsgerichts der Russischen Föderation. Auch wenn das nicht allen Artikeln der Verfassung entsprach, hat er es durchgezogen. Das Verfassungsgericht hat damit die Verantwortung übernommen für eine Interpretation der Verfassung Russlands, die im Prinzip die Eingliederung eines Teils des Territoriums eines Landes in ein anderes nicht vorsieht. Es gab einen entsprechenden Beschluss der Föderalen Versammlung der Russischen Föderation. Und wie ihr wisst, hat Putin in beiden Fällen, als es um den Einsatz von Truppen auf ukrainischem Gebiet ging, die Zustimmung des Oberhauses des russischen Parlaments, des Föderationsrats, eingeholt. Er weiß sehr genau, wie Parlamentarismus funktioniert.

Dann könntet ihr fragen: „Wozu macht er das dann?“ Um eine Sackgasse zu schaffen – wir kommen wieder zu meiner These zurück. Er braucht überhaupt kein Ende des Krieges. Er muss den Russen und den Amerikanern demonstrieren, dass es kein anderes Ende dieses Krieges gibt als das Verschwinden der Ukraine von der politischen Weltkarte. Denn diese Ukraine, die es gibt, wird Anspruch auf jene Gebiete erheben, die Russland der Ukraine weggenommen hat.

Ihr könnt sagen: „Aber es gibt doch das Beispiel Finnlands.“ Ja, natürlich gibt es das Beispiel Finnlands, das zweimal auf seine Gebiete verzichtet hat – das zweite Mal im Zuge einer Vereinbarung aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, nicht nur mit der Russischen Föderation, sondern auch mit anderen Alliierten, insbesondere mit Großbritannien. Aber damals galt das Völkerrecht nicht in der heutigen Form. Und die verfassungsrechtlichen Grundlagen Finnlands konnten damals völlig anders aussehen als die der Ukraine. Man müsste die verfassungsrechtlichen Entscheidungen studieren, auf die sich Finnland stützte, als es der Abtretung seiner Gebiete an die Sowjetunion zustimmte. Ich denke, sie konnten in rechtlicher Hinsicht vollkommen anders gestaltet sein. Wir hantieren mit dem, was wir heute haben.

Das heißt: Die Frage lautet nicht „Gebiete an Russland abtreten oder nicht abtreten“. Es ist absolut klar, dass ein Waffenstillstand entlang der Kontaktlinie oder entlang einer anderen Linie de facto bedeuten wird, dass die Kontrolle Russlands über jene ukrainischen Gebiete anerkannt wird, auf denen russische Truppen stehen – wie es im Prinzip schon war. Aber ich wiederhole: Russland ist mit dieser Variante nicht wirklich zufrieden, weil das ein hängender Konflikt ist, der bedeutet, dass Russland keine Gelder in die besetzten Gebiete investieren und sie nicht so ausbeuten kann, wie es gern möchte. Es kann nur alles herausholen und eine Leere hinterlassen. Deshalb will Putin diese Sackgasse schaffen. Das ist der erste Punkt.

Zweitens ist ihm völlig klar, dass eine Destabilisierung der Situation in der Ukraine eine tatsächliche Umformatierung der gesellschaftlichen Stimmung bedeutet. Er kann hoffen, dass die Zustimmung des ukrainischen Volkes zur freiwilligen Abtretung von Territorien bereits ein sehr ernster Schlag gegen, wie ich sagen würde, die gesellschaftliche Stabilität ist. Noch besser wäre es für ihn, wenn die ukrainische Führung einer solchen Abtretung zustimmt, die Ukrainer aber nicht – dann könnte man eine reale Atmosphäre eines Bürgerkriegs und eines Bruchs zwischen den Bürgern der Ukraine und der Regierung schaffen.

Doch das ist noch nicht alles. Die Hauptaufgabe Putins – und da ist er mit Trump völlig im Einklang – liegt eigentlich darin, dass Putin erreichen möchte, dass Zelensky auf Friedensvorschläge verzichtet. Und auch Trump möchte das. Hauptziel ist es, die mangelnde Kompromissbereitschaft der Ukraine und Europas zu demonstrieren – was Putin jetzt tut und die Amerikaner zu tun versuchen: „Wir haben uns mit den Russen praktisch über alles geeinigt. Es fehlt nur noch der gesunde Menschenverstand: Abzug der ukrainischen Armee aus der Oblast Donezk, Neutralität der Ukraine, russische Sprache, russische Kirche. Ist das nicht besser, als wenn Raketen auf euch fallen? Oder doch nicht besser? Und wenn sie das nicht wollen, heißt das, sie wollen die Fortsetzung des Krieges. Na gut, wenn sie das wollen, sollen sie eben kämpfen.“

Was kann der große Friedensfreund aller Zeiten und Völker, der Träger des FIFA-Friedenspreises Donald Trump, da tun? Wie heute der US-Botschafter bei der NATO, Herr Witkoff, sagte – der im Grunde genommen in dieser Geschichte ein Unterstützer der Ukraine ist: „Wenn Trump sehen wird, dass die Ukrainer und die Russen keinen Frieden wollen, dann wird Trump sich aus dieser Situation einfach zurückziehen und sich nicht mehr mit der Beilegung befassen.“

Und vor dem Hintergrund dieser territorialen, wie ich sagen würde, Abrakadabra bleibt noch die Frage der Sicherheitsgarantien, die für mich wiederum ziemlich seltsam bleibt. Ich habe darüber schon gesprochen, und ich spreche darüber, so scheint es, in jeder Sendung mehrfach. Präsident Zelensky sagt, dass die europäischen Sicherheitsgarantien fast abgestimmt seien, aber es gebe keine klaren Antworten darauf, welche konkreten Maßnahmen die Europäer zu ergreifen bereit sind, falls Russland erneut angreift.

Erstens verstehe ich nicht, warum wir ständig über eine „erneute Aggression Russlands“ und den Wiederaufbau der Ukraine sprechen, wenn wir keine blasse Ahnung haben, wann und wie dieser Krieg enden wird. Wenn wir die Sichtweise russischer Politologen akzeptieren, wonach dieser Krieg den Kriegen des 17. und 18. Jahrhunderts ähneln müsse, die Russland unter Peter dem Großen führte – der Nordische Krieg dauerte zum Beispiel 30 Jahre –, dann ist die wichtigste Frage, ob man überhaupt über das Ende eines Krieges reden kann, der als Großer Krieg vier Jahre dauert, als Konflikt aber elf Jahre. Wie können wir erreichen, dass dieser Krieg nicht zu einem Dreißigjährigen Krieg wird, wenn dies die Vorgabe der russischen Führung ist? Wozu von einem neuen Krieg sprechen, wenn wir keine realen Instrumente haben, diesen zu beenden? Wozu vom Wiederaufbau der Ukraine sprechen, wenn sie jeden Tag zerstört wird und Russland ein klares, verständliches Programm für ihre weitere Zerstörung hat? Das verstehe ich nicht. Das ist etwas Merkwürdiges.

Aber es ist völlig offensichtlich, dass die Partner nicht sagen können, welche Maßnahmen sie selbst zu ergreifen bereit sind, denn alle Partner – die Vereinigten Staaten eingeschlossen – haben eine klare Vorgabe: Sie werden nicht wegen eines ehemaligen Teils eines imperialen Territoriums einer Atommacht einen Krieg führen. Sie wollen nicht Schauplatz eines Atomkriegs mit strategischen und taktischen Atomwaffen und dem Tod von Dutzenden Millionen Menschen werden. Punkt. Das wird nicht passieren.

Mehr noch: Wir wissen jetzt nicht einmal, ob die Vereinigten Staaten bereit sind, für Europa zu kämpfen. Wir wissen nicht, ob westeuropäische Staaten und die Amerikaner bereit sind, für Polen oder die baltischen Staaten zu sterben. Das ist unklar. Vielleicht werden wir, wenn eine neue US-Administration ins Amt kommt, im Jahr 2029 auf diese Frage eine Antwort bekommen – oder auch nicht. Aber heute können wir uns nicht einmal der Sicherheitsgarantien sicher sein, die uns früher offensichtlich erschienen. Ihr wisst, dass ich jahrelang über die Notwendigkeit des NATO-Beitritts gesprochen und ukrainische Politiker und politische Kräfte unterstützt habe, die euro-atlantisch orientiert waren. Und ich kann das jetzt nicht mehr mit absoluter Gewissheit sagen. Ich weiß es nicht, und das Interessanteste ist: Niemand weiß es. In dieser Hinsicht herrscht völlige Unklarheit, wie das aussehen wird.

All das, muss ich euch sagen, ist ein ernsthafter Weg zur Destabilisierung der ukrainischen Gesellschaft. Und wir müssen uns selbst einige Axiome vor Augen führen.

Es gibt heute keine realen Friedensverhandlungen. Es gibt das Bestreben, die Ukraine für das Scheitern eines nicht existierenden Friedensprozesses verantwortlich zu machen. Präsident Putin hat den klaren und offensichtlichen Willen, den Krieg gegen die Ukraine fortzusetzen, solange er Geld hat, solange es genügend Menschen gibt, die bereit sind, für Geld zu töten, und solange der militärisch-industrielle Komplex der Russischen Föderation funktioniert.

Nein, Putin führt keinen Krieg um Territorium. Er führt Krieg, damit das Territorium der Ukraine von Russland verschlungen wird und damit es zu Territorium der Russischen Föderation wird. Das ist das Hauptziel dieses Krieges. Mit territorialen Zugeständnissen an Putin kann man sich von diesem Krieg nicht freikaufen, solange er die Kraft hat, weiter Krieg zu führen. Auch das ist eine absolute Realität. Und diese Realität, so scheint mir, beginnt man in Europa immer klarer zu verstehen, wenn wir über die Situation sprechen, die sich im Krieg Russlands gegen die Ukraine entwickelt hat. Auch das ist, so scheint mir, für jeden verständlich – dass es im Prinzip eben so ist.

In diesem Sinne müssen wir verstehen, in welch schwieriger Lage wir uns jetzt in diesem russisch-ukrainischen Krieg befinden. Und hier werde ich immer wieder gefragt: „Ja, ich habe das schon eine Million Mal gehört. Was schlagen Sie vor? Sollen wir kapitulieren?“ Ich möchte, dass ihr eine ziemlich einfache Sache versteht. Niemand erwartet unsere Kapitulation. Kapitulation ist wirklich, wenn ihr mit weißer Fahne hinausgeht und sagt: „Wir sind bereit, euch Territorien zu übergeben – diese vier, fünf, sieben Regionen, wir sind bereit, unsere Verfassung zu ändern, die russische Sprache zur Staatssprache zu erklären und in Frieden und Liebe mit euch zu leben.“

Nein, dieses Bedürfnis gibt es nicht. Die russische Führung hat eine klare Schlussfolgerung gezogen: Wenn du die ukrainische Staatlichkeit belässt, dann richtet sich diese Staatlichkeit in jedem Krisenmoment einfach gegen dich und zerstört all deine imperialen Pläne. Das haben sie 1918 erlebt und 1991 erlebt. Man darf nicht naiv sein und glauben, dass sie zum dritten Mal denselben Fehler machen.

Nein, keine ukrainische Kapitulation wird funktionieren, versteht das. Die Ukraine wird von Ukrainern „gesäubert“ – auf die eine oder andere Weise. Ukrainer, die ihre ukrainische Identität verteidigen, werden entweder getötet oder vertrieben. Ukrainer, die bereit sind, sich zu fügen – „zumal wir ja dieselbe Sprache sprechen, was sollst“ –, bekommen russische Pässe und werden auf die neuen Großbaustellen im Fernen Osten und in Sibirien geschickt, wohin das Imperium sie schon mehrfach geschickt hat. Was ist daran neu? Wisst ihr etwa nicht, aus wem die Oblast Tjumen oder die Oblast Amur besteht? Es wird noch ein paar solcher Gebiete geben. Vielleicht mit Namen wie „Kyiv“ oder „Charkiw“ für neu errichtete Siedlungen. Dort wird es keine Ukraine geben. Dort wird einfach Russland sein – mit Verbann­ten, mit Umsiedlern. Diejenigen, die sich zu sehr widersetzen, schickt man „in den Norden“, nach Sibirien, nicht nach Nowosibirsk. Und damit ist alles erledigt.

Das heißt, die reale Frage ist nicht „Friedensprozess“, sondern „Sein oder Nicht-Sein“. Wenn wir standhalten, wird das ukrainische Volk bleiben und der ukrainische Staat bleiben. Ich weiß nicht, auf welchem Territorium, ich weiß nicht, auf welcher demografischen Grundlage. Das kann heute niemand wissen. Diese Frage richtet sich an die Geschichte, nicht an mich. Wenn wir nicht standhalten, wird hier eine russische Wüste sein mit ewig betrunkenen Umsiedlern.

In dieser Situation ist die Unterstützung Europas wirklich sehr wichtig. In dieser Situation ist es sehr wichtig, den Dialog mit den Amerikanern nicht abzubrechen – trotz des Wahnsinns und der Hinterlist ihres Präsidenten und seiner Administration. Aber ihr seht doch, dass die Mehrheit der Amerikaner uns unterstützt. Die überwältigende Mehrheit der amerikanischen Wählerschaft beider Parteien. Wir müssen uns immer daran erinnern, um nicht in Dummheiten zu verfallen, dass Trump und sein Umfeld eine Minderheit des amerikanischen Volkes darstellen. Ja, sie haben sich an die Macht geschlichen. Das kommt oft vor. Aber in ihren Ansichten über die Ukraine und ihre Zukunft spiegeln sie die Vorstellungen einer absoluten Minderheit wider. So wie es in den 1930er Jahren auch nur eine Minderheit war – etwa Henry Ford oder Joseph Kennedy senior –, die Hitler mochte. Es war nie die Mehrheit der Amerikaner. Deshalb müssen wir uns stets vor Augen halten, dass das amerikanische Volk auf unserer Seite ist. Und dieses Volk muss seinen Präsidenten auf unsere Seite zwingen. schon im Januar, wenn der Wahlkampf beginnt, davon bin ich überzeugt, wird er anfangen, sich in unsere Richtung zu bewegen. Man muss nur so weit kommen, ohne ihm einen Anlass zu geben, in hysterische Anfälle zu verfallen.

Das sind, wie ihr versteht, die ersten Fazits dessen, was rund um diesen Friedensprozess geschieht.

Es ist wichtig, das alles zu verstehen – und das sieht man an den Fragen, die während dieser Sendung bereits eingegangen sind.

Frage. Von welcher demografischen Erschöpfung Russlands sprechen Sie, wenn mehr Ukrainer russische Pässe bekommen haben, als Russen an der Front gefallen sind?

Portnikov. Wenn ich von der demografischen Erschöpfung Russlands spreche, meine ich nicht das russische Volk als solches, sondern Menschen, die bereit sind, in den Streitkräften der Russischen Föderation zu kämpfen. Ich meine die Mobilisierungsreserve. Es ist kein Frage der Zahl der Ukrainer, die russische Pässe erhalten haben. Zumal ihr versteht, dass das keine große Bedeutung hat, aus dem einfachen Grund, dass diese russischen Pässe keinen Sinn haben, wenn die Menschen sie auf besetzten Gebieten erhalten. Wenn diese Gebiete befreit werden, hören diese Menschen auf, russische Staatsbürger zu sein. Ich will gar nicht erst davon anfangen, dass ihr weder wisst, wie viele diese Pässe erhalten haben, noch wie viele gefallen sind oder nicht gefallen sind – weil ihr nicht wisst, wie viele Russen an der Front tatsächlich ums Leben gekommen sind. Unter den Ukrainern jedenfalls, die russische Pässe bekommen haben, gibt es nicht so viele, die in den Streitkräften der Russischen Föderation kämpfen wollen – genauso wie in Russland selbst.

Wenn es genug Menschen gäbe, die bereit wären zu kämpfen, und sie bereit wären, ohne Bezahlung zu kämpfen, bräuchte man keine Berufsarmee, die im Grunde eine Söldnerarmee ist, und man müsste keine Angst vor einer Massenmobilisierung haben. Das versteht ihr, denke ich, sehr gut. Es gibt etwas, das Putin besser weiß als wir – und das ihn dazu bringt, sich vor einer massenhaften Mobilisierung zu scheuen, entschuldigt. Und die Zahl der Menschen, die bereit sind zu kämpfen, sinkt – sie gehen zur Neige –, und das Geld für sie geht ebenfalls zur Neige. Ihr seht, dass in vielen Subjekten der Russischen Föderation die regionalen Zuschläge zu den föderalen Zahlungen an Vertrags­soldaten gestrichen werden, weil es schlicht kein Geld gibt. Das ist alles eine Frage der wirtschaftlichen Situation. Deshalb sollte man nicht glauben, dass der Mobilisierungs­vorrat Russlands unerschöpflich ist. Auch das ist eine Realität, die jeder verstehen muss.

Frage. Kann Donald Trump die Vereinigten Staaten bis zu den Neuwahlen irreversibel zerstören?

Portnikov. Nein, das kann er nicht. Um die Vereinigten Staaten irreversibel zu zerstören, müsste ein rechtsextremer Politiker wie Donald Trump eine Diktatur errichten. Ihr seht, dass rechtsextreme Politiker überall dort, wo sie an die Macht kamen, in der Regel eine Diktatur errichtet, das Parlament aufgelöst und es in eine bloße Kulisse verwandelt haben. So war es mit Adolf Hitler, so war es mit Benito Mussolini, so war es mit Wladimir Putin, so lief es bei allen Militärdiktatoren in den lateinamerikanischen Ländern.

Trump tut das nicht. Trump ist jemand, der sich mit der Existenz einer Wahl-Demokratie vollkommen abfindet. Der amerikanische Kongress kann nicht einmal den Haushalt für 2026 verabschieden, weil die Stimmen nicht ausreichen und er nicht gemeinsam mit den Demokraten beschlossen werden kann. Und noch etwas: Damit ein rechtsextremes Regime seine Macht zementieren kann, reicht es nicht, das Parlament aufzulösen und den Menschen die Rechte zu nehmen. Das allein reicht nicht. Das ist der Weg zum Totalitarismus, aber noch nicht der Totalitarismus selbst – das ist nur Autoritarismus. Damit ein autoritäres Regime totalitär und allmächtig wird, braucht es einen großen Krieg, was – wie wir sehen – die Erfahrung mit Hitler, Mussolini, Putin und all den anderen unterstreicht. Selbst die argentinische Junta begann, als sie verstand, dass es nicht reicht, einfach alles autoritär an sich zu reißen, einen Krieg um die Falklandinseln – und verlor ihn. Das ist die Logik.

Trump will, wie wir sehen, Friedensstifter sein, Nobelpreisträger für den Frieden – und nicht jemand, der Kriege entfacht. Zumal das der Ideologie von MAGA widerspricht. Und deshalb ist das schizophren: Eine rechtsextreme Organisation, die keine Kriege will, ist eine totgeborene rechtsextreme Organisation. Die rechtsextreme Ideologie muss mit der Bereitschaft verbunden sein, Millionen Menschen als Kanonenfutter für die Stärkung eines totalitären Regimes zu opfern. Wenn das nicht so ist, dann ist es etwas anderes – eine Art Symbiose, die schneller enden wird, als ihr denkt, weil man die Amerikaner nie dazu bringen wird, für die Verschlechterung ihres eigenen Lebens zu stimmen.

Und ihr seht bereits Trumps Umfragewerte – sogar unter Republikanern, insbesondere unter unentschlossenen Wählern. Diese Werte zeigen im Grunde, dass die Republikaner 2026 und dann 2029 von der politischen Bühne der Vereinigten Staaten in die ewige Opposition abgedrängt werden könnten. Das passt ihnen nicht. Sie wollen, wie jede starke Partei, an der Macht sein. Also werden sie vieles berücksichtigen müssen.

Frage. Was kann Ihrer Meinung nach die Europäische Union zu ihrem eigenen Schutz und zu unserem Schutz tun, falls Trump sich vollständig vom europäischen Kontinent lossagt?

Portnikov. In Wirklichkeit hat die Europäische Union viele Möglichkeiten. Warum wollen Putin und Trump überhaupt die Europäische Union zerstören? Weil es für sie viel einfacher ist, mit jedem einzelnen Staat zu tun zu haben und Druck auf ihn auszuüben. Jeder einzelne Staat ist kein Konkurrent der Vereinigten Staaten. Selbst für die Russische Föderation ist kein europäischer Staat allein ein Konkurrent – sicher nicht im sicherheitspolitischen Sinn. Die Europäische Union jedoch ist ein echter Konkurrent, eine andere Kraft, trotz aller Komplexität des Entscheidungsprozesses in der EU.

Genau deshalb haben in Washington und in Moskau so viele Kräfte für den Brexit gearbeitet. Genau deshalb werden wir Abenteurern wie Nigel Farage und Boris Johnson ewig „dankbar“ sein für das, was sie mit Großbritannien und seinem realen Einfluss in Europa angerichtet haben. Glücklicherweise wächst dieser Einfluss jetzt wieder. Und wir hoffen, dass diese Fehler der Populisten und Abenteurer, die die Briten einfach betrogen haben, eines Tages korrigiert werden. Nicht sofort.

Warum erwähne ich das so? Weil wir in dieser Situation, wie wir verstehen, einen effektiven Reaktionsmechanismus für die Europäische Union brauchen. Vielleicht werden die aktuellen Prüfungen einen solchen Mechanismus hervorbringen. Die Europäische Union hat genug Menschen, genug Ressourcen, genug militärische Stärke, genug Intellekt, um Russland auch ohne Unterstützung der Amerikaner zu widerstehen. Man muss sich einfach damit abfinden, dass man in Zeiten, in denen an der Spitze der Vereinigten Staaten eine rechtsextreme Kraft steht, über eine eigenständige Entwicklung nachdenken muss – und vielleicht zur euro-atlantischen Integration mit Amerika zurückkehren, wenn diese Kraft die Macht abgibt.

Ganz ernsthaft gesagt: Die Europäische Union sollte nicht darauf hören, welche Politiker ihr vonseiten der Amerikaner „empfohlen“ werden, sondern selbst Anstrengungen für politische Veränderungen in Amerika und in Russland unternehmen. Wenn die Amerikaner aufgehört haben, Speerspitze der Demokratie zu sein, muss jemand der amerikanischen Gesellschaft helfen, das Böse loszuwerden. Und das muss das vereinte Europa sein. Doch dafür darf das vereinte Europa nicht der Kontinent Orbáns sein, sondern – grob gesagt – der Kontinent Macrons, Merz’ und Starmers. Das ist alles.

Frage. Merz verliert an Zustimmung. Welche Gefahr ergibt sich daraus für uns?

Portnikov. Merz verliert nicht im Sinne unserer Unterstützung an Zustimmung, sondern aufgrund jener innenpolitischen Probleme, die in der Bundesrepublik Deutschland existieren. Ich sage euch gleich: Jede Regierung in Deutschland, die aus Christdemokraten und Sozialdemokraten besteht – also eine große Koalition, wie sie heute existiert –, ist immer ein riesiges Problem für die Umfragewerte des Bundeskanzlers und beider Koalitionsparteien. Denn in Wahrheit schauen sie in unterschiedliche Richtungen, sind aber gezwungen, gemeinsam zu regieren, um gerade diese „Alternative für Deutschland“ nicht an die Macht zu lassen. Deshalb ist es jetzt zu früh, um zu sagen, wie das alles enden wird. Ich schließe nicht aus, dass es nach den nächsten Wahlen wieder in einer großen Koalition endet – nur dass der Kanzler dann ein Sozialdemokrat sein wird. Auch das ist möglich. Das ist alles nachvollziehbar.

Frage. Was schlagen Sie vor? Wie sehen Sie einen Ausweg aus dieser Situation des Drucks der Vereinigten Staaten?

Portnikov. Ich bin der Ansicht, dass es in absehbarer Zukunft – wenn man ernsthaft spricht – keinen Ausweg aus dieser Lage des russisch-ukrainischen Krieges gibt, im Grunde überhaupt nicht. Seit dem 24. Februar 2022 gibt es keinen Ausweg – nur will niemand den Menschen die Wahrheit sagen. Es gibt lediglich den Weg nach vorn: Widerstand gegen Russland mit der Hoffnung, dass es uns irgendwann gelingt, die feindliche Kraft zu erschöpfen und zu überleben. Und dafür könnten nicht vier, sondern acht Jahre nötig sein. Bedeutet: Wenn es acht Jahre sind, müssen wir Trump politisch überleben, und jetzt müssen wir mit den Amerikanern einen Dialog führen, ihre Unterstützung bewahren, aber keine Entscheidungen treffen, die zur inneren Destabilisierung in unserem Land führen. Was ist daran unverständlich? Und wir dürfen den anderen nicht die Möglichkeit geben, uns selbst zu beschuldigen.

Ich sage ständig, dass wir eine effektive Staatsführung brauchen – die Wiederherstellung einer effektiven Staatsverwaltung – und zumindest eine nationale Solidarität, die den Vereinigten Staaten klar macht, dass es hier niemanden gibt, der bereit wäre, solche Entscheidungen zu treffen. Dass es nicht um Zelenskys Position geht. Wir führen diese Situation ständig auf Zelenskys Position zurück. Aber hier gibt es niemanden, der bereit wäre, eine Kapitulation zu solchen Bedingungen zu akzeptieren. Das ist alles.

Frage. Wäre es nicht besser, der Russischen Föderation beizutreten, wenn alles so schlimm ist?

Portnikov. Nun, genau dazu wird man euch einladen – der Russischen Föderation beizutreten. Nur wollen nicht alle eure Landsleute der Russischen Föderation beitreten. Darin liegt der Punkt. Ihr seid hier in der Minderheit. Wenn ihr der Russischen Föderation beitreten wollt – Koffer, Bahnhof, Russland, wo ist das Problem? Hält euch jemand auf? Ihr seht doch selbst, dass eine große Zahl von Ukrainern russische Pässe erhalten hat. Es gab hier immer Menschen, die Teil Russlands sein wollten, die immer glaubten, dass es die Ukraine gar nicht gibt. Und ich finde, dass es aus Sicht dieser Menschen ehrlich wäre, die Koffer zu packen und nach Russland umzuziehen. Wenn euch die Ukraine nicht gefällt, die die Mehrheit der Bevölkerung hier braucht; wenn ihr wollt, dass es hier Russland gibt, und seht, dass es hier kein Russland gibt – dann packt eure Sachen, macht euch fertig und auf Wiedersehen. Ziehen in eurem angeblich schöne Zukunft – irgendwo weit weg. Aber verdammt, ihr denkt in Territorien. Ihr glaubt, man könne das Territorium mitnehmen, ohne etwas dafür zu tun. Ihr wollt, dass der russische Soldat kommt, dieses Gebiet erobert und euch vergewaltigt. Das ist eure Vorstellung von Glück. Und vielleicht vergewaltigt er euch nicht nur, sondern erschießt euch anschließend, damit ihr keine Anzeige bei der Militärstaatsanwaltschaft stellt. Das ist das Problem mit dem „Beitritt“ zu Russland. Diese Träume, besetzt zu werden, basieren nicht auf einem realen Verständnis von Sicherheit und Gefahr. Das ist meiner Meinung nach völlig klar.

Frage. Wie sollen europäische Regierungen ihren Wählern erklären, dass es sinnvoll ist, der Ukraine Geld zu geben, wenn gleichzeitig in unserem Haushalt 9 Milliarden für eine Straße nach Bukowel vorgesehen sind?

Portnikov. In unserem Haushalt sind keine 9 Milliarden für eine Straße nach Bukowel vorgesehen. Es geht um lokale Haushalte, um die Verteilung der Gelder in lokalen Haushalten und um die kommunale Selbstverwaltung, die wir so sehr haben wollten und die jetzt faktisch von der Zentralregierung eingeschränkt wird. Kann eine kommunale Selbstverwaltung ineffizient sein? Ja, kann sie. Aber die Menschen haben dafür selbst gestimmt. Also baut diese Selbstverwaltung Straßen mit jenen Steuern, die lokale Unternehmen zahlen – einschließlich der Hotels in den Kurorten. Auf der anderen Seite zahlen diese Hotels Steuern in den ukrainischen Staatshaushalt. Ohne diese Steuern gäbe es keinen Haushalt und kein Geld für die ukrainische Armee. Aber alle Europäer wissen sehr genau, dass es einen nationalen Haushalt gibt und einen Haushalt der kommunalen Selbstverwaltung.

Und erklären kann man das sehr einfach. Wenn die Ukraine fällt, wird der russische Soldat an euren Grenzen stehen, möglicherweise diese Grenzen überschreiten, und ihr werdet nicht mehr über 9 Milliarden für die Straße nach Bukowel nachdenken, sondern darüber, wie viel Geld ihr für die Beerdigung eurer von Besatzern vergewaltigten Frau braucht – oder eurer vergewaltigten Tochter. Wenn ihr lieber das Geld für Beerdigungen zählt, dann zählt eben das Geld für Beerdigungen. Kein Problem. Die Beerdigungen werden „auf höchstem Niveau“ sein. Ihr könnt die Deutschen fragen, die all das nach dem Zweiten Weltkrieg gesehen haben. Ihr könnt die Polen fragen, die Ungarn von 1956, sie werden euch alles erzählen; die Tschechen und Slowaken. Alle werden euch alles in allen Details erzählen. Erklären ist also einfach: Ab auf den Friedhof, sucht euch schon mal einen Platz aus. Wobei ihr vielleicht gar kein Grab haben werdet, weil ihr wehrpflichtig seid und im Kampf sterbt oder einfach von Drohnen beschossen werdet – und von euch bleibt nur ein nasser Fleck übrig. Ich meine, so muss man das erklären. Man muss keine Märchen erzählen, dass ihr der Ukraine helft und sie euch dankbar sein müsse. So muss man mit den eigenen Bürgern reden: „Wir geben dieses Geld, damit ihr am Leben bleibt. Solange die Ukraine kämpft, habt ihr eine Chance zu überleben, aufzurüsten, denn wir haben im Moment nicht die Möglichkeit, gegen die modern mit Drohnen ausgerüstete russische Armee zu kämpfen. Wir verlängern einfach euer Leben. Ihr seid jetzt 25 – vielleicht lebt ihr bis 35. Wollt ihr bis 35 leben? Und wenn wir der Ukraine gut helfen, lebt ihr vielleicht bis ins Alter. Und wenn wir aufhören zu helfen und nur sagen: ‚Da gibt es Korruption, riesige Summen für eine Straße nach Bukowel‘, dann erlebt ihr die 30 nicht, ihr werdet zu einer Substanz – zu einem schönen Kreuz auf dem örtlichen Friedhof, wenn es gelingt, euch vom Schlachtfeld zu bergen.“

So muss man sprechen. Wie mit zukünftigen Leichen muss man sprechen – mit der Freude, dass mein Wähler noch lebt und für mich stimmen kann – und dem Wähler erklären, dass er, wenn jemand kommt und sagt: „Stimm für mich, ich werde mich mit Putin einigen, und alles wird gut für dich“, auf den aktuellen Präsidenten der Ukraine zeigen soll, der diesem Wähler als Held des Widerstands so gefällt – und ihn daran erinnern soll, dass Zelensky sich sehr bemüht hat, sich mit Putin zu einigen. Er wollte ehrlich den Krieg stoppen und sich mit Putin einigen. Und was hat er bekommen?

Das heißt, der europäische – und auch der amerikanische – Wähler darf keine Illusionen haben. Man darf sie nicht als Menschen betrachten, die irgendetwas „opfern“. Sie helfen sich selbst – auch in Tschechien. Tschechien ist übrigens schon 1938 von der politischen Landkarte verschwunden, als ob es sie nie gegeben hätte. 1968 kamen sowjetische, de facto russische Truppen und haben ihre Freiheit wie ein Insekt zerquetscht. Man muss einfach mit euren tschechischen Freunden zum Ort der Selbstverbrennung von Jan Palach in Prag gehen und fragen: „Wollt ihr alle hier verbrennen? Oder möchte vielleicht doch jemand am Leben bleiben?“ – und das mit Liebe. „Wie alt ist dein Sohn? Zehn. Glaubst du, dass er in sieben Jahren für Tschechien kämpfen wird? In welcher Einheit wird er dienen? An welcher Front wird er sterben? Was denkst du, mein Lieber?“ Und er sagt: „Aber diese 9 Milliarden für die Straße nach Bukowel…“ – „Na wunderbar, fahr auf dieser Straße, erhol dich in Bukowel, lass dein Geld bei uns, damit wir unsere Armee unterhalten können, wenn wir für dich so eine schöne Straße bauen.“

„Und nach dem Krieg kümmern wir uns um die ukrainische Korruption. Dann wirst du deine Politiker fragen: Warum verhandeln wir mit der Ukraine über den Beitritt zur Europäischen Union, wenn es dort so viel Korruption gibt? Vielleicht sollte sie erst die Korruption bekämpfen? Aber um das zu fragen, musst du, lieber Nachbar in Tschechien, am Leben bleiben. Мёртвые сраму не имут. Fragen musst du dann nicht mehr.“

Mir scheint, das ist ein sehr einfaches Gespräch, ganz „intellektuell“. Alle dachten ja, wir würden scherzen, als wir den Ukrainern erzählten, was sie erwartet – wie groß dieser Krieg sein würde, welche Raketen, welche Millionen Flüchtlinge. Alle sagten: „Ach, der spinnt! Dieser verrückte Portnikov erzählt so etwas. Mein Gott, und bei uns ist heute ein Konzert des ‚95. Quartals‘ – wir werden uns irgendwelchen Blödsinn anhören.“ Na schön, dann hört eben auf eure Komiker, lacht. Viele stimmen ja für Komiker, für Faschisten, für Post-Faschisten, die in Regierungskoalitionen sitzen. Gut, wenn jemand auf den Friedhof will – soll er gehen. Kauft euch schon mal eure letzten Schuhe – die für den Sarg. Aber vergesst nicht, vor den Konsequenzen zu warnen. Mir scheint, das ist alles so einfach – und doch muss man es 155.000-mal erklären.

Und da haben wir schon unseren wunderbaren Trump, der gerade zu reden beginnt und erzählt, was im russisch-ukrainischen Krieg passiert. Genau in diesen Minuten, in denen wir miteinander sprechen, hält der Präsident der Vereinigten Staaten eine neue Rede. Er spricht schon – es ist einfach unmöglich zu verfolgen, was er konkret sagt. „Europa muss sehr vorsichtig sein. Wir wollen Europa so erhalten, wie es ist. Europa bewegt sich in mancher Hinsicht in die falsche Richtung. Wir wollen nicht, dass Europa sich so sehr verändert.“ Was geht dich das an? „Biden“, sagt Trump, „hat der Ukraine 350 Milliarden Dollar gegeben. Wisst ihr, was ich ihnen gegeben habe? Nichts.“ Oh, endlich, endlich. „Na ja, am Anfang habe ich ihnen Javelins gegeben, sie haben Panzer abgeschossen.“ Seht ihr, endlich kommt bei Trump ein freudscher Versprecher. Er hat die ganze Zeit geschrien, Zelensky müsse ihm hundertfünfzigtausendmal danken – und nun stellt sich heraus, dass er der Ukraine nichts gegeben hat, was im Grunde zu beweisen war. Ich finde, das ist ein großartiger Satz. Man müsste ihn in goldenen Lettern irgendwo in Kyiv aufhängen: „Wisst ihr, was ich ihnen gegeben habe? Nichts.“ Großartig.

Mit diesem großartigen Satz des Präsidenten der Vereinigten Staaten, denke ich, beenden wir unsere heutige Sendung. Wir reden schon fast eine Stunde. Ich glaube nicht, dass das das Ende der ganzen Geschichte ist. Wir werden zu diesem Plan und den Verhandlungen darüber zurückkehren und auch zur Frage der Finanzierung der Ukraine. All das ist keine einfache Situation. Wir können uns natürlich über manche Punkte lustig machen, aber die Lage ist jetzt wirklich sehr schwierig. Und das ist eine Tatsache, die für mich offensichtlich ist. Hoffen wir, dass die nächsten Tage wenigstens zeigen, in welche Richtung sich das alles bewegt.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Зеленський у Лондоні: головне | Віталій Портников. 06.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 06.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von
Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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„Ich sehe beim russischen Führungskreis keinen Willen zu einer Massenmobilisierung“ – Vitaly Portnikov. 06.12.2025.

https://espreso.tv/viyna-z-rosiyeyu-ne-bachu-v-rosiyskogo-kerivnitstva-bazhannya-yti-na-masovu-mobilizatsiyu-portnikov?amp=&fbclid=IwRlRTSAOkn95leHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEe7U-4Xn2SoBsdK5GgbHLExNBnxuNA9yPI8tFalfsuDSlsXzHkok6VBGtLfnA_aem_Q7bv6FNS3dxujr7ihJXDEw

„Ich sehe beim russischen Führungskreis keinen Willen zu einer Massenmobilisierung“ – Vitaly Portnikov. 06.12.2025.

„Die russische Führung hat eine Söldnerarmee geschaffen und damit den Protest in der russischen Gesellschaft minimiert“. Diese Meinung äußerte der Journalist, Publizist und Moderator Vitaly Portnikov in der Sendung des Fernsehsenders Espreso.

„Ich sehe bislang beim russischen Führungskreis keinen Willen, zu einer Massenmobilisierung überzugehen. Sie haben eine Söldnerarmee geschaffen und damit den Protest in der russischen Gesellschaft minimiert. Denn man sagt: ‚Wie reagieren sie denn nicht auf diese Menge von Opfern?‘ Erstens war für die Russen die Zahl der Opfer aus Sicht der Wahrnehmung der Realität niemals besonders wichtig. Aber das ist dennoch eine besondere Situation, die sich sowohl vom Zweiten Weltkrieg als auch von Afghanistan unterscheidet. Denn in diesen Kriegen fragte man die Menschen nicht, ob sie dienen wollten oder nicht. Und bei ihren Verwandten, bei den Angehörigen, gab es immer eine Frage an das Regime: Warum habt ihr sie dorthin geschickt? Nun, während des Zweiten Weltkriegs stellte sich diese Frage nicht – da stellte sich die Frage nach der Zahl der Opfer, allgemein danach, warum die sowjetischen Marschälle den Krieg wie Schlachter führten. Aber dass die Menschen das Vaterland verteidigen, dass ein Aggressor gekommen ist – das weckte bei niemandem Zweifel. Und deshalb gab es auch keinen solchen Konflikt darüber, dass jemand zwangsweise mobilisiert wurde“, betonte er.

Mit Afghanistan war die Situation bereits anders – dorthin schickte man Wehrpflichtige. Und das gefiel den Menschen absolut nirgendwo.

„Und selbst wenn sie nicht protestierten, entstand dadurch eine gewisse Kluft zwischen ihnen und dem Regime. Denn man sah doch: Es starben 18- bis 19-jährige Jungen, meine Altersgenossen, die dort überhaupt nicht dienen wollten. Und das größte Grauen bestand damals darin, überhaupt zur Armee zu kommen und nach Afghanistan geschickt zu werden. Dabei fehlte es an Soldaten. Gerade in der Zeit des Afghanistan-Krieges wurde die Entscheidung gefällt, dass Studenten nicht mehr die Möglichkeit haben würden, erst ihr Studium abzuschließen und dann – wie es vorher üblich war – in die Streitkräfte zu gehen. Stattdessen sollten sie in die Armee eintreten, sobald sie das wehrpflichtige Alter erreichten. Mit 18 Jahren – du hattest gerade dein erstes oder zweites Studienjahr beendet – und dann gingst du in die Armee, und man konnte dich nach Afghanistan schicken. Und das hat, wie Sie verstehen, sehr vielen Menschen das Leben zerstört“, erzählte er.

Vitaly Portnikov wies darauf hin, dass heute eine völlig andere Situation bestehe, da man Geld für die Unterzeichnung eines Vertrags anbiete.

„Das ist übrigens auch eine Folge des Tschetschenien-Krieges. Denn während des Tschetschenien-Krieges sah die russische Führung, dass die Gesellschaft äußerst negativ reagierte, wenn Wehrpflichtige nach Tschetschenien geschickt wurden. Das führte zu Massenprotesten. Das führte zur Gründung des Komitees der Soldatenmütter. Und schließlich entschied man, dass Wehrpflichtige nicht in Kampfgebieten dienen dürfen. Deshalb wurden sie in diesem Krieg nur dann eingesetzt, als es zu einer Situation in der Oblast Belgorod kam – nicht einmal in der Oblast Kursk. Denn das ist gewissermaßen kein Kampfgebiet. Dort ist jemand hineingekommen, dort gab es irgendwelche Saboteure, jemand bewachte etwas – das war es dann aber auch. Was die Mobilisierung betrifft, ist es jetzt anders. Wenn man den Menschen Geld zahlt und sie sich für dieses Geld freiwillig zum Dienst bereit erklären, einen Vertrag unterschreiben – und so ein Mensch stirbt –, wie wird das in der Gesellschaft wahrgenommen? Überhaupt nicht. Nun, das ist eben ein riskanter Beruf mit gutem Gehalt. Er wollte ein gutes Gehalt, ich wollte kein gutes Gehalt – ich lebe, aber er hat mit seinem Leben oder seiner Gesundheit bezahlt. Nun, das eben für Geld. Warum sollten wir Putin dafür Vorwürfe machen? Putin hat ihn ja nicht dorthin gezwungen. Er hat ihm Geld angeboten“, sagte er.

Wenn aber plötzlich nach diesen vier Jahren eines solchen Krieges nach diesen Regeln kein Geld mehr gezahlt würde und man stattdessen einfach mobilisieren würde, könnte das zu einer völlig anderen Reaktion der Gesellschaft führen. Dann würde der Krieg tatsächlich russisch werden.

„Die Menschen würden beginnen zu fragen: ‚Sagen Sie bitte, wofür haben wir vier Jahre lang gekämpft? Wir haben gekämpft, gekämpft, gekämpft, gekämpft – und nicht zu Ende gekämpft.‘ Und jetzt sind wir gezwungen, eine Massenmobilisierung auszurufen. Vielleicht sollte man dann unsere politische Führung fragen, unsere Generäle: Warum konnten sie in vier Jahren die Ukraine mit dieser großen Armee nicht besiegen, sodass sie jetzt noch zusätzlich Menschen mobilisieren müssen, die sich nach vier Jahren gar nicht damit beschäftigen wollen? Und das ist übrigens genau die Frage, die Wladimir Putin die ganze Zeit auch Donald Trump stellt: Wenn du das in vier Jahren nicht lösen kannst, was willst du dann überhaupt? Und genau diese Fragen würden dann schonungslos aufkommen, sobald eine Massenmobilisierung beginnt. Deshalb glaube ich, dass sie nach Mechanismen suchen werden – aber so, dass es nicht wie eine offene Mobilisierung aussieht. Denn, wie gesagt, sie haben die Erfahrung Afghanistans, sie haben die Erfahrung des Tschetschenien-Krieges und sie haben die Erfahrung ihrer eigenen Mobilisierung während des russisch-ukrainischen Krieges, als die Menschen nicht einmal einen Tag abgewartet haben. Erinnern Sie sich an die Schlangen an der georgischen Grenze, an allen Grenzen? Das war für sie eine ziemlich deutliche Lehre. Umso mehr in Mosskau, wo die russische Wirtschaft hinterherhinkt. Kaum jemand möchte, dass Menschen, die einen wichtigen Teil dieser Wirtschaft ausmachten, das Land verlassen – wenn sonst im Land alles passt“, fügte er hinzu.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Не бачу в російського керівництва бажання йти на масову мобілізацію, – Портников. 06.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 06.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Trump lässt die Europäer fallen | Vitaly Portnikov. 08.12.2025.

Nach der Veröffentlichung der Strategie der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten, die die Absichten des Präsidenten des Landes, Donald Trump, und seines Teams in Bezug auf ihre Haltung zur Welt widerspiegelt, die die Vereinigten Staaten umgibt, herrscht bei vielen in Europa – bei Politikern ebenso wie bei Beobachtern und gesellschaftlichen Akteuren – echte Verzweiflung.

Es genügt, einen Blick auf die Titelseiten der europäischen Zeitungen zu werfen, um zu verstehen, wie sehr diese Strategie die Europäer tatsächlich erschreckt hat. Denn zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg verabschieden sich die Vereinigten Staaten auf staatlicher Ebene faktisch von der Idee der euroatlantischen Integration – jener Idee, die über viele Jahrzehnte hinweg den Kern der Sicherheit sowohl der Vereinigten Staaten als auch der europäischen Länder gebildet hat.

Gerade diese Idee half den Vereinigten Staaten, zum wichtigsten Hüter der Demokratie in der modernen Welt zu werden und im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion standzuhalten. Eben diese Idee nährte die Hoffnungen der Europäer auf die Zukunft.

Und was ist nun aus diesen Hoffnungen geworden? Nun, erstens muss man verstehen, dass die Veröffentlichung dieser Strategie an sich keine besondere Sensation darstellt. Die Vorstellung davon, wie die Administration Trump und ihre Unterstützer zu Europa stehen würden, wurde bereits auf der Münchner Sicherheitskonferenz klar artikuliert, als der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, J. D. Vance, eine Rede über die künftigen außenpolitischen Vorstellungen der neuen Administration hielt.

Zweitens kann man nicht sagen, dass Europa der Administration Trump auf Grundlage dieser Strategie völlig gleichgültig sei. Es interessiert sie – nur eine andere Europa. Ein Europa, in dem ultrarechte populistische Kräfte an die Macht kommen sollen. Wenn man so will: Orbáns Groß-Europa.

Das ist freilich schwer vorstellbar. Es wäre so, als hätten in den 1920er- und 1930er-Jahren die Präsidenten der Vereinigten Staaten den Machtantritt Benito Mussolinis oder Adolf Hitlers gefördert. Doch man muss die Wahrheit sagen: Schon damals gab es in den Vereinigten Staaten nicht wenige Politiker und Geschäftsleute, die offen mit ultrarechten, faschistischen, nationalsozialistischen Ideologien auf dem europäischen Kontinent sympathisierten und es für normal hielten, dass ihr Land – das man schon damals als Vorbild demokratischer Reformen betrachtete – mit Hitler-Deutschland und dem faschistischen Italien zusammenarbeitete.

Erst der Zweite Weltkrieg, in dem die Vereinigten Staaten auf der Seite der Alliierten gegen Berlin und Rom kämpften, machte diese Sympathien praktisch tabu und begrub die politischen Karrieren jener, die mit Faschismus und Nationalsozialismus sympathisiert hatten.

Doch inzwischen sind acht Jahrzehnte vergangen. Wir sehen, dass die Impfung gegen ultrarechte Herrschaft nicht mehr wirkt – und keineswegs nur in den Vereinigten Staaten. Schließlich erschien der Slogan „Wir können es wiederholen“ gerade in der Russischen Föderation genau zu dem Zeitpunkt, als Russland sich endgültig in einen klassischen faschistischen Staat verwandelte, dessen Machthaber ungeschickt versuchen, die Praktiken Hitlers und Mussolinis zu kopieren.

Warum sollte das Gleiche nicht auch in den Vereinigten Staaten geschehen können? Dafür gibt es eine recht einfache Antwort: Eine faschistische oder allgemein ultrarechte Diktatur ist eben eine Diktatur – keine Demokratie. Ein ultrarechter Politiker kann sich in einer demokratischen Gesellschaft, dort, wo es Wahlen gibt, nicht dauerhaft an der Macht halten.

Und um die Macht eines ultrarechten Politikers zu sichern – das ist ein Gesetz der Geschichte –, braucht es erstens die vollständige Abschaffung realer Wahlpraktiken, und zweitens einen großen, möglichst siegreichen Krieg. Genau dieses Gesetz der Geschichte wurde durch die Praxis Benito Mussolinis in Italien und Adolf Hitlers in Deutschland anschaulich demonstriert. Und genau dieses Gesetz wird auch durch das Handeln von Wladimir Putin belegt.

Zunächst nutzte er die Früchte der liberalen Wirtschaftsreformen in Russland in den 1990er-Jahren, und nachdem die brutale Diktatur der russischen Tschekisten etabliert worden war, erlaubte er sich einen großen Krieg gegen die Ukraine. All dies sind Elemente der Machterhaltung und der Zementierung des Regimes.

Wie stellt man sich eine solche Entwicklung in den Vereinigten Staaten vor? Es ist klar, dass Donald Trump die elektorale Demokratie nicht zerstören kann – und vermutlich auch gar nicht wirklich zerstören will. Ebenso ist klar, dass ein großer, umfassender Krieg mit Hunderttausenden oder Millionen gefallenen Amerikanern auf dem Schlachtfeld – und solche Handlungen würden den Ultrarechten tatsächlich beim Machterhalt helfen – das Letzte ist, was Donald Trump wollen würde, der sich selbst als Friedenspolitiker wahrnimmt, der Amerika von allen möglichen Kriegen befreit.

Und genau darin besteht der Widerspruch. Der Krieg ist der Schlüssel zu seinem politischen Erfolg und zum Machterhalt der Ultrarechten. Gleichzeitig ist er aber auch die größte Geißel dieser ultrarechten Bewegung, die von der Idee lebt, dass sich die Vereinigten Staaten in keinerlei ernsthafte Konflikte einmischen sollen.

Deshalb sollte man diese Strategie auch nicht allzu sehr dramatisieren. Gerade deshalb, weil wir es hier mit einer Übergangsherrschaft zu tun haben. Donald Trump hat kein reales Rezept zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Amerikaner in der Tasche. Bekannt ist, dass er dafür sprichwörtlich nichts in der Tasche hat. 

Und es ist völlig unklar, wie die Republikaner künftig Wahlen gewinnen wollen, wenn es einerseits keine reale wirtschaftliche Verbesserung geben wird und sich andererseits die politischen Ansichten Trumps und seines Teams immer weiter von den politischen Ansichten der Mehrheit der Amerikaner entfernen werden – und zwar keineswegs nur von denen der demokratischen Wählerschaft. 

Wie wir sehen, kann hier ohnehin keine Rede von Sympathie für Trump sein, sondern auch viele unentschlossene Wähler verfolgen die politischen Praktiken des Präsidenten und seines Teams mit Entsetzen. Und mit der Zeit werden sich immer mehr republikanische Wähler sowohl von Trump als auch vom Trumpismus und von MAGA abwenden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass nicht eines Tages etwa J. D. Vance Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte. Doch J. D. Vance würde – wie jeder Anpassungspolitiker – Präsident als Anti-Trumpist werden, der alle Praktiken seines Vorgängers geißeln und ausrotten würde, so wie Nikita Chruschtschow einst mit seinem Idol und Förderer Josef Stalin verfuhr, dem er bis zu seinem Erscheinen auf dem Posten des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der KPdSU praktisch seine gesamte politische Karriere verdankte.

Welche Schlussfolgerung ist also aus all dem zu ziehen? Ja, Trump mag die Europäer im Stich lassen wollen – aber das Wichtigste ist, dass er es in der Praxis nicht wird tun können. Der Verzicht auf eine reale Zusammenarbeit mit Europa wird nicht gelingen. Es wird den Vereinigten Staaten auch nicht gelingen, echte Verbündete weder der Russischen Föderation noch der Volksrepublik China zu werden, die aufrichtig an der Schwächung des geopolitischen Einflusses Amerikas interessiert sind – und das keineswegs nur in Europa und nicht einmal nur im asiatisch-pazifischen Raum, sondern auch in Lateinamerika.

Wir leben nicht im 19. Jahrhundert. Überall dort, von wo Amerika sich zurückzieht, kommt China selbstbewusst nach. Und auch diese Gesetzmäßigkeit müssen wir verstehen.

Deshalb sollte man, anstatt sich Asche aufs Haupt zu streuen und sich über die Tatsache zu wundern, dass es den Ultrarechten gelungen ist, in dem für die Demokratie wichtigsten Land der Welt an die Macht zu kommen, einfach die Tendenzen abwarten, die wir heute auf der amerikanischen politischen Bühne beobachten, und begreifen, dass wir es in jedem Fall mit politischen Todgeweihten zu tun haben. Wichtig ist nur, selbst nicht unterzugehen, während sich die Ultrarechten in Amerika in politische Leichen verwandeln.


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Titel des Originals: Трамп кидает европейцев | Виталий Портников. 08.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 08.12.2025.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Trump ist erneut von Zelensky enttäuscht | Vitaly Portnikov. 08.12.2025.

Donald Trump ist erneut vom ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky enttäuscht, der – seinen Worten zufolge – die jüngsten Vorschläge im Zusammenhang mit einer friedlichen Regelung in der Ukraine möglicherweise nicht akzeptieren werde.

Allerdings wirken die Kommentare Donald Trumps, gelinde gesagt, seltsam. Er erklärt, dass die russische Seite dieser Initiative zugestimmt habe. Dabei haben wir aus dem Kreml bislang keinerlei offizielle Bestätigungen dafür gehört, dass die Russische Föderation dem in Moskau von den Sondergesandten Trumps, Steve Witkoff und Jared Kushner, präsentierten Friedensplan zustimmt.

Wie bekannt ist, hat der Berater des Präsidenten der Russischen Föderation, Juri Uschakow – und er war der einzige Beamte, der die Gespräche zwischen dem russischen Präsidenten Putin und den amerikanischen Vertretern offiziell kommentiert hat – betont, dass es in den Vorschlägen der Vereinigten Staaten Punkte gebe, denen Moskau zuzustimmen bereit sei, und Punkte, die man in der russischen Hauptstadt nicht akzeptiere. Damit gibt es schlicht niemanden, der den Umstand bestätigen könnte, dass Russland dem amerikanischen Friedensvorschlag zugestimmt habe.

Ebenso erstaunlich ist die Behauptung Trumps, dass die amerikanischen Vorschläge von ukrainischen Vertretern angenommen worden seien, die an den Konsultationen mit Witkoff und Kushner teilgenommen hätten. Denn Beamte können keine Entscheidungen anstelle von Staatsoberhäuptern treffen. Was würde Trump selbst sagen, wenn ein Untergebener – etwa der Außenminister oder der Sondergesandte Witkoff – irgendwelchen Vorschlägen zustimmen würde, ohne dass er selbst überhaupt Einsicht in den Inhalt des Dokuments gehabt hätte?

Allerdings kann ich mir durchaus vorstellen, dass so etwas bei Trump tatsächlich passieren könnte, denn es entsteht der Eindruck, dass der amerikanische Präsident Dokumente schlicht nicht bis zum Ende liest. Doch zumindest mit dem wesentlichen Inhalt der Vorschläge muss man ihn vor der endgültigen Entscheidung zwangsläufig vertraut machen. Trump ist verpflichtet zu wissen, was er unterschreibt, selbst wenn er es nicht liest.

Doch darum geht es eigentlich gar nicht. Die entscheidende Frage ist, dass Trump nicht behauptet, Zelensky habe die Vorschläge abgelehnt, weil ihm der Inhalt des amerikanischen Plans nicht gefalle. Seine Vorstellung ist vielmehr, dass Zelensky dieses Dokument gar nicht gelesen habe. Und möglicherweise bezieht er sich dabei auf den Umstand, dass Umerow und Hnatow gerade heute in London den ukrainischen Präsidenten über die Ergebnisse ihrer Gespräche mit Kushner und Witkoff informieren sollen.

Auf diese Weise sind Trumps Aussagen eine Art Druck auf Zelensky, damit dieser den Vorschlägen zustimmt, selbst wenn sie von ukrainischer Seite nicht akzeptiert werden.

Die Aufgabe der ukrainischen Vertreter bestand natürlich nicht darin, den Vorschlägen des Sondergesandten des Präsidenten der Vereinigten Staaten und dessen Schwiegersohn zuzustimmen oder sie abzulehnen, sondern darin, sich mit diesen Vorschlägen vertraut zu machen, eigene Vorschläge zu unterbreiten und anschließend selbstverständlich zu speziellen Konsultationen mit dem Präsidenten der Ukraine sowie mit den führenden Politikern der europäischen Staaten zu fliegen. Diese werden sich übrigens gerade heute mit Zelensky treffen und die Situation rund um den Friedensplan besprechen.

In Wirklichkeit ist all dies nichts weiter als das übliche weiße Rauschen, das der Tätigkeit Donald Trumps im Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten eigen ist. Denn selbst wenn man sich vorstellen würde, dass sein Druck auf Zelensky Wirkung zeigt und der ukrainische Präsident jenen Vorschlägen der amerikanischen Seite zustimmen würde, die den nationalen Interessen der Ukraine entschieden widersprechen – etwa dem Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Teil des Gebiets der Oblast Donezk, der heute von der legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert wird –, bedeutet das noch lange nicht, dass Trump das Ende des Krieges erreichen würde. Denn wie ich bereits vielfach erklärt habe, gibt es beim Präsidenten Russlands keinerlei Interesse an einem solchen Ende des Krieges zu den Bedingungen, die Trump vorschlägt und die nicht das Verschwinden des ukrainischen Staates von der politischen Landkarte der Welt vorsehen. Und ein solches Interesse wird es bei Putin auch nicht geben, solange sich der russische Präsident nicht vom Fehlen wirtschaftlicher und demografischer Ressourcen zur Fortsetzung des Krieges überzeugt hat.

Ohne massiven Druck genau auf Putin, ohne den Kampf um die Zerstörung der russischen Wirtschaft – und nicht mit Träumen vom Geldverdienen in der Zusammenarbeit mit Putin – werden Trump und seine Umgebung sich lächerlich machen. Und das wird für die ganze Welt offensichtlich sein. Diese ihre Schande wird noch in die Geschichte eingehen und ihnen nicht einmal einen zusätzlichen Dollar einbringen.

Allerdings muss dafür, dass Trump und jene inkompetenten Menschen, die den selbstverliebten amerikanischen Präsidenten umgeben, dies begreifen, noch etwas Zeit vergehen – meiner Einschätzung nach jedoch nicht allzu viel. Bis dahin wird Trump weiterhin handeln wie ein Elefant im Porzellanladen und versuchen, nicht auf diejenigen Druck auszuüben, auf die man tatsächlich Druck ausüben müsste, um zumindest in absehbarer Zukunft irgendein konkretes Ergebnis zu erzielen, sondern auf diejenigen, die er zwingen kann, seiner wirren Vorstellung zuzustimmen. Einfach deshalb, weil die Ukraine an der Unterstützung der Vereinigten Staaten interessiert ist.

Doch auch hier ist Trump in seinen Handlungen eingeschränkt, gerade weil er sich zusammen mit seinem Team in einer offensichtlichen politischen Minderheit in den Vereinigten Staaten befindet. Die Ukraine wird sowohl von den Wählern der Demokratischen Partei der Vereinigten Staaten unterstützt, die auf einen Sieg bei den Zwischenwahlen bereits im November des kommenden Jahres hoffen – und damit auf den Beginn des Endes der ruhmlosen Ära Trumps –, als auch von den Wählern der Republikanischen Partei der Vereinigten Staaten, von denen die Mehrheit trotz der Position der Ultrakonservativen aus der postfaschistischen MAGA-Bewegung weiterhin versteht, wo Gut und Böse liegen, und dem russischen Präsidenten Putin sowie Russland in seiner neofaschistischen Ausprägung äußerst ablehnend gegenübersteht.

Bereits im Januar dieses Jahres wird Trump, beunruhigt über das, was mit dem Wahlkampf in seinem Land und der Möglichkeit eines neuen Impeachments geschehen könnte, gezwungen sein, den Meinungen seiner Landsleute deutlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken als heute.

Man kann sagen, dass Trump derzeit die Rolle von Aschenputtel auf dem politischen Ball spielt. Bereits am 1. Januar 2026 wird die Kutsche seiner Popularität beginnen, sich in einen Kürbis zu verwandeln, und sein Umfeld in Ratten, die, wenn sie nicht in alle Richtungen auseinanderlaufen, so zumindest über ein Leben nachdenken werden, in dem es nicht nur Donald Trump selbst nicht mehr geben wird, sondern nicht einmal mehr eine Erinnerung an den amtierenden amerikanischen Präsidenten und seine Möglichkeiten. Und in dieser Situation ist die beste – ich würde sagen: instrumentelle – Handlung, um diesem ständigen Druck Trumps nicht nachzugeben, einfach den Moment abzuwarten, in dem er sich diese unangebrachte Dreistigkeit nicht mehr leisten kann.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Трамп знову розчарований Зеленським | Віталій Портников. 08.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 08.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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uebersetzungenzuukraine.data.blog
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