Trump beschuldigt Zelensky erneut | Vitaly Portnikov. 15.01.2026.

Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, hat den ukrainischen Staatschef Volodymyr Zelensky erneut beschuldigt, nicht bereit zu sein, ein sogenanntes Friedensabkommen mit der Russischen Föderation zu unterzeichnen.

Für solche Vorwürfe gibt es keine objektiven Gründe. Zelensky hat wiederholt seine Bereitschaft erklärt, mit Donald Trump zu verhandeln, während der russische Machthaber Putin seine tatsächliche Beteiligung an den sogenannten Friedensgesprächen praktisch eingestellt hat.

Während der letzten Wochen versucht Russland, die ukrainische Energieinfrastruktur zu zerstören, um die friedliche ukrainische Bevölkerung erfrieren zu lassen – worauf der Präsident der Vereinigten Staaten praktisch nicht reagiert.

Es gibt keinerlei reale Gründe zu glauben, dass Präsident Putin den Vorschlägen zustimmt, die von den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ukraine abgestimmt wurden.

Trump bleibt jedoch seinem Ansatz treu, den er buchstäblich seit den ersten Tagen seiner Präsidentschaft im Weißen Haus verfolgt: Russland aus seiner Sicht attraktive Bedingungen für einen Ausstieg aus dem Krieg anzubieten und gleichzeitig Druck auf die Ukraine auszuüben, damit sie einem für die ukrainische Staatlichkeit inakzeptablen Kompromiss zustimmt.

Gleichzeitig gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass die Kompromisse, zu denen Trump Zelensky zu bewegen versucht, den russischen Präsidenten Putin interessieren, der weiterhin in Kategorien der Zerstörung der ukrainischen Staatlichkeit und einer endgültigen Kapitulation – offenbar nicht nur der Ukraine, sondern auch des Westens vor Moskau – denkt.

Trump hätte sich längst davon überzeugen können, dass der Versuch, gleichzeitig auf Russland und auf die Ukraine Druck auszuüben, zu keinerlei realen Ergebnissen führt. Schon deshalb, weil Russland in diesem Krieg der Aggressor und die Ukraine das Opfer ist. Und aus der Sicht eines Führers eines demokratischen Staates – und Trump betont weiterhin seine demokratischen Überzeugungen, was man zumindest an seiner Reaktion auf die Proteste im Iran sehen kann – hätten die Vereinigten Staaten weiterhin die Ukraine unterstützen und Druck auf Russland ausüben müssen. 

Doch ein solcher Ansatz gibt aus der Sicht des amerikanischen Präsidenten und seines engsten Umfelds offenbar keine Chance, mit dem Kreml zu einer Einigung zu kommen. Dabei zeigt ein Jahr von Trumps Präsidentschaft im Oval Office, dass auch der gegenteilige Ansatz – gleichzeitig auf Russland und auf die Ukraine Druck auszuüben und dabei von guten Beziehungen zu Putin zu sprechen – nicht funktioniert.

In Wirklichkeit hängen Trumps Äußerungen vielleicht gar nicht damit zusammen, dass wir uns in einer weiteren höllischen Schleife des sogenannten Friedensprozesses befinden. Und vielleicht auch nicht damit, dass Trump versucht, seine Unfähigkeit zu verbergen, Putin derzeit tatsächlich zu einem Kriegsende zu zwingen, weshalb er – wie gewohnt – Zelensky beschuldigt, nicht zu einem angeblichen Deal bereit zu sein, der in Wahrheit gar nicht existiert.

Die Aussagen des amerikanischen Präsidenten könnten vielmehr mit einem bevorstehenden Treffen mit dem ukrainischen Staatschef in Davos zusammenhängen. Amerikanische Journalisten haben Trump danach gefragt, und er sagte, ein solches Treffen sei möglich, da auch er am Weltwirtschaftsforum in der Schweizer Stadt teilnehmen werde.

Wir erinnern uns jedoch, dass das Treffen zwischen Trump und Zelensky nicht als bloßes Protokollereignis geplant war. Bei diesem Treffen sollten die Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ukraine Sicherheitsgarantien für unser Land vereinbaren oder zumindest eine Entscheidung über die Beteiligung der USA am Wiederaufbau der Ukraine treffen.

Beide Dokumente wirken in der Tat ziemlich absurd. Wenn die Vereinigten Staaten gegen einen NATO-Beitritt der Ukraine sind und damit nicht bereit wären, die Ukraine vor russischer Aggression zu schützen, wird auch kein Ersatz für Artikel 5 der NATO die Russen davon überzeugen, dass die USA wirklich bereit wären, sich auf einen echten Konflikt mit einer Atommacht einzulassen.

Jegliche Sicherheitsgarantien der Vereinigten Staaten würden höchstwahrscheinlich rein zeremonieller Natur sein und die Amerikaner zu nichts verpflichten. Dasselbe gilt für Fragen des wirtschaftlichen Wiederaufbaus der Ukraine. Denn solange die Kampfhandlungen nicht beendet sind, ist es absurd, über eine Beteiligung der USA daran zu sprechen.

Um zu verstehen, welchen Umfang der Wiederaufbau und die Investitionen haben müssten, muss erstens der Krieg beendet sein, und zweitens muss klar sein, welche Sicherheitsgarantien die Ukraine tatsächlich hat und ob der russisch-ukrainische Konflikt nicht schon wenige Jahre nach seinem Ende oder seiner Aussetzung wieder aufflammt. Das würde selbstverständlich jeden ernsthaften Investor abschrecken – sowohl auf staatlicher als auch auf privater Ebene.

Es könnte also sein, dass Trump keinem dieser Dokumente zustimmen will, dass er davor zurückschreckt, der Ukraine auch nur vage Sicherheitsgarantien zu geben, um nicht in einen Konflikt mit Putin zu geraten und den russischen Präsidenten nicht von Absprachen über ein Ende des Krieges gegen die Ukraine – und nicht nur über wirtschaftliche Beziehungen zwischen den USA und Russland – abzuschrecken.

Denn wir sehen, dass die Sondergesandten des US-Präsidenten, Steve Witkoff und Jared Kushner, die sich erneut in die russische Hauptstadt begeben wollen, mit Putin vor allem über wirtschaftliche Zusammenarbeit sprechen. Tatsächlich könnte die Wiederaufnahme dieser wirtschaftlichen Zusammenarbeit Trump sogar mehr interessieren als das Ende des Krieges.

Und natürlich hat Trump auch seine eigenen Vorstellungen davon, wie eine Beteiligung am Wiederaufbau aussehen sollte. Wir erinnern uns an die vielen Skandale rund um das sogenannte Mineralienabkommen. Heute erwähnt der amerikanische Präsident dieses Dokument kaum noch – offensichtlich brauchte er es nur, um seine angeblichen Erfolge in den Beziehungen zur Ukraine und die Rückzahlung jener Gelder zu demonstrieren, die die Ukrainer noch dem vorherigen US-Präsidenten Joseph Biden schulden – dem Mann, der die Ukraine in den ersten Jahren der großen russischen Invasion gerettet hat, der nicht von Undankbarkeit sprach und den ukrainischen Präsidenten nicht dafür beschuldigte, keinen zweifelhaften und in Wahrheit nicht existierenden Friedensvertrag mit Russland unterzeichnen zu wollen, den Donald Trump sich in seinem Kopf ausgedacht hat. Doch jetzt gibt es einen anderen Präsidenten und andere geopolitische Realitäten.


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Titel des Originals: Трамп знову звинувачує Зеленського | Віталій Портников. 15.01.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 15.01.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Trump bereitet einen Schlag gegen den Iran vor | Vitaly Portnikov. 14.01.2026.

Donald Trump ruft die Bürger der Vereinigten Staaten und der mit den USA verbündeten Länder dazu auf, das Gebiet des Iran zu verlassen, und sagt den iranischen Demonstranten, sie sollten durchhalten und sogar staatliche Institutionen besetzen. „Hilfe ist schon unterwegs“, sagt der amerikanische Präsident. Viele sind der Ansicht, dass diese Worte die Unvermeidlichkeit eines Schlages gegen das iranische Regime in den kommenden Tagen bedeuten.

Derzeit verstärken sich die Proteste im Iran mit jedem Tag, mit jeder Stunde. Es wird von schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und den iranischen Sicherheitskräften berichtet. Genaue Informationen gibt es nicht, da im Iran das Internet faktisch abgeschaltet ist. Einige Nachrichtenagenturen nennen jedoch die Zahl von bis zu 12.000 Demonstranten, die in ihrem Kampf gegen das Regime getötet worden sein sollen. Und trotz allem ebbt der Protest nicht ab.

Donald Trump hatte bereits zuvor versprochen, die Regierungsstrukturen des Iran anzugreifen, falls diese Demonstranten töten sollten. Jetzt hat er eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Ernsthaftigkeit dieser Absichten zu beweisen. Gleichzeitig ist unklar, welche Form eine Operation der Vereinigten Staaten gegen den Iran annehmen würde und zu welchen Folgen sie führen könnte.

Denn es ist offensichtlich, dass Trump – wie auch im Fall Venezuelas – nicht beabsichtigt, amerikanische Bodentruppen in einer Operation gegen das Regime der Ajatollahs einzusetzen. Es geht ausschließlich um Schläge aus der Distanz, also um Raketenangriffe auf die Islamische Republik mit dem Ziel, ihre Führung und Vertreter des höchsten Militärkommandos zu vernichten.

Allerdings wurden bereits während des zwölfwöchigen Krieges Israels gegen den Iran – an dem übrigens auch die Vereinigten Staaten beteiligt waren, indem sie Objekte der Islamischen Republik bombardierten, auf denen möglicherweise nukleares Material gelagert wurde – zahlreiche Vertreter des obersten militärischen Führungskreises des Iran getötet. Das führte jedoch nicht zum Sturz des Regimes, sondern lediglich zu einer Verschärfung der Repressionen gegen seine Gegner.

Jetzt versucht die Führung der Islamischen Republik, ihre Anhänger für den Kampf gegen die Demonstranten zu mobilisieren und provoziert damit faktisch einen Bürgerkrieg im Iran selbst. Wir haben in den Straßen von Teheran und anderen iranischen Städten bereits Tausende von Menschen gesehen, die bereit sind, das Regime zu verteidigen – ein Regime, das ein treuer Verbündeter der Volksrepublik China und der Russischen Föderation ist. Daher ist es noch zu früh, anzunehmen, dass Raketenangriffe der Vereinigten Staaten gegen den Iran tatsächlich zum Zusammenbruch des Regimes der Islamischen Republik führen werden.

Wozu sie jedoch führen könnten, ist eine Destabilisierung des Öl- und Energiemarktes. In dieser Hinsicht entspricht eine amerikanische Operation den Interessen eines anderen Akteurs dieses Spiels und zugleich eines Verbündeten des Iran – Putin. Denn ein Anstieg der Ölpreise würde dem russischen Präsidenten helfen, die Ressourcen zu erhöhen, die er zur Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges und zur Stabilisierung des russischen Staatshaushalts benötigt, der unter den jüngsten Energiesanktionen des amerikanischen Präsidenten und dem deutlichen Rückgang der Ölpreise leidet.

In dieser Situation lassen sich natürlich auch die Sorgen der Länder am Persischen Golf verstehen. Wie berichtet wird, haben die Führer einiger dieser Staaten den Präsidenten der Vereinigten Staaten bereits gewarnt, dass ein Schlag gegen den Iran die Lage destabilisieren und sich auch auf die amerikanische Wirtschaft auswirken könnte. Und der Zustand der amerikanischen Wirtschaft ist für Donald Trump vor den Kongresswahlen im November dieses Jahres tatsächlich ein äußerst ernstes Problem.

Denn sollte die Regierung in diese Wahlen mit einer deutlichen Verschlechterung des Lebensstandards der Amerikaner gehen, kann Trump sicher sein, dass die Republikaner die Wahlen zum Repräsentantenhaus verlieren und womöglich sogar den Senat einbüßen werden. Und dann müsste Donald Trump sich bereits 2027 vom Oval Office verabschieden – möglicherweise unter skandalösen, krisenhaften Umständen.

Somit kann jeder außenpolitische Fehler für Donald Trump schwerwiegende innenpolitische Konsequenzen haben. Und genau deshalb wählt der amerikanische Präsident derzeit zwischen mehreren schwierigen Optionen einer Einmischung in die iranischen Ereignisse.

Natürlich würde er gern die Demonstranten unterstützen und der Existenz eines der grausamsten autoritären Regime der heutigen Welt ein Ende setzen. Gleichzeitig kann er es sich jedoch nicht leisten, eine Destabilisierung des Ölmarktes und eine Verschlechterung der Lage der amerikanischen Wirtschaft zu riskieren – zu einem Zeitpunkt, da die große Mehrheit der Amerikaner seine außenpolitische Linie, zumindest im Zusammenhang mit dem russisch-ukrainischen Krieg, nicht unterstützt und an der Wirksamkeit seiner innenpolitischen Erfolge zweifelt.

Was in den kommenden Tagen geschehen wird, lässt sich natürlich schwer vorhersagen. Doch eines kann man sagen: So wie in Venezuela wird es im Iran nicht laufen – schon allein deshalb, weil es sich um ein ideologisiertes Regime handelt, das nicht an eine einzelne Person gebunden ist. Und auch in Venezuela, wie wir sehen, hat das von Hugo Chávez geschaffene Regime das Verschwinden von Nicolás Maduro und seiner Frau überlebt.

Selbst wenn man sich vorstellt, dass ein Teil der Führer der Islamischen Republik bei Raketenangriffen ums Leben kommt – selbst wenn darunter der greise Ajatollah Chamenei wäre –, bedeutet das nicht, dass die Teilnehmer und Veteranen der Islamischen Revolution von 1979 sowie ihre Nachkommen freiwillig die Macht an ihre Gegner abgeben würden. Erstens, weil sie die Folgen des Zusammenbruchs ihres grausamen und repressiven Regimes sehr wohl kennen, und zweitens, weil sie möglicherweise noch über genügend Kräfte verfügen, um ihre Feinde zu beseitigen und das Regime auch nach amerikanischen Angriffen zu erhalten.

Und das Wichtigste: Der Iran verfügt noch über einen ausreichenden Bestand an ballistischen Raketen, um auf einen Schlag gegen seine Führung zu reagieren. Selbst wenn ein solcher Gegenschlag das Territorium Israels oder benachbarter Länder treffen sollte, die den Vereinigten Staaten eine solche Operation ermöglichen, würde dies die regionale Stabilität nur weiter verschlechtern und Donald Trump in einen weitaus ernsteren und längeren Krieg hineinziehen, als es die kurze Spezialoperation wäre, auf die der amerikanische Präsident heute noch hofft.


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Titel des Originals: Трамп готується вдарити по Ірану | Віталій Портников. 14.01.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 14.01.2026.
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Gegen Timoschenko wurde ein Anfangsverdacht erhoben | Vitaly Portnikov. 14.01.2025.

Das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft haben über die Zustellung einer Verdachtsmitteilung an die Anführerin einer der Parlamentsfraktionen informiert. Offensichtlich handelt es sich um die Vorsitzende der Fraktion „Batkiwschtschyna“ und ehemalige Regierungschefin der Ukraine, Julia Timoschenko.

Natürlich weist Julia Timoschenko alle Vorwürfe zurück, nennt sie eine Abrechnung mit politischen Konkurrenten und eine Vorbereitung auf Wahlen. Allerdings wäre es unter den Umständen, dass auch führende Vertreter der derzeitigen Regierung – darunter Abgeordnete der Partei „Diener des Volkes“ – ebenfalls Verdachtsmitteilungen erhalten haben, eine große Übertreibung zu behaupten, dass gerade die Regierung die Handlungen des Nationalen Antikorruptionsbüros steuere.

Andererseits hat gerade Julia Timoschenko immer wieder vor der Gefahr gewarnt, dass die neuen Strukturen, die in der Ukraine nach dem Maidan 2014 geschaffen wurden, ebenso wie bereits bestehende staatliche Unternehmen, unter der Aufsicht von Aufsichtsräten stehen, die aus ausländischen Staatsbürgern gebildet sind. Und aus dieser Perspektive können die Vorwürfe des Nationalen Antikorruptionsbüros in ihr eigenes Bild davon passen, wie sich politische Prozesse entwickeln, und zu einem zusätzlichen Anlass werden, über eine angebliche „äußere Steuerung“ der Ukraine zu sprechen.

Doch das Wichtigste scheint mir der politische Prozess selbst zu sein, den wir beobachten. Und hier geht es nicht so sehr um die Verantwortung Julia Timoschenkos, sondern um die Verantwortung der Wähler, die anonyme Personen ins Parlament wählen oder bereit sind, eine unprofessionelle Führung des Staates hinzunehmen.

Das NABU betont, dass sich die Situation im Zuge der Suche nach Menschen entwickelte, die bereit waren, gemeinsam mit „Batkiwschtschyna“ abzustimmen, nachdem es zur sogenannten Krise im Parlament gekommen war. Diese Krise hängt vor allem damit zusammen, dass Abgeordnete der Regierungsmehrheit ihre Tätigkeit im Parlament nicht als Vertretung eigener politischer Überzeugungen verstanden, sondern als eine Art Geschäft. 

Und wie hätten Sie selbst das Mandat wahrgenommen, wenn Sie nie wirkliche politische Überzeugungen gehabt hätten und nur deshalb ins Parlament gelangt wären, weil Ihr Wähler dem neuen Präsidenten der Ukraine, Volodymyr Zelensky, vertraute und bereit war, für jeden zu stimmen, den er unterstützte? Zelensky selbst hatte vor seiner Wahl keinen einzigen Tag Politik betrieben und konnte daher realistisch nicht wissen, wen er bei den Parlamentswahlen unterstützte und wen nicht.

So war der Wähler bereit, Menschen sein Vertrauen zu schenken, über die er nichts wusste. Diese Menschen wiederum betrachteten ihr Mandat im Parlament als Möglichkeit, zumindest ihre finanziellen Probleme zu lösen oder eine Stelle zu bekommen, die ihnen Zugang zu begehrten politischen Netzwerken eröffnete, die sie selbst ebenfalls nur als Zugang zu finanziellen Ressourcen verstanden.

Wie wir aus den veröffentlichten Materialien sehen, betrachtete Julia Timoschenko ihre Gespräche mit Abgeordneten in erster Linie als politische Aufgabe, als den Versuch, die Mehrheit zu beseitigen, die nach den Parlamentswahlen von 2019 entstanden war. Und wir sehen, dass Menschen, die offensichtlich Teil dieser Mehrheit hätten sein können, nach dem Zerfall des Mechanismus ihrer „Motivierung“ begannen, nach neuen Möglichkeiten zu suchen, um im Parlament zu überleben.

Deshalb wird das, was die Antikorruptionsbehörden berichtet haben, für viele dieser Menschen keine große Überraschung sein. Denn nach genau diesen Regeln existierte der Großteil der von den ukrainischen Bürgern gewählten Abgeordneten all die Jahre der Arbeit der Werchowna Rada.

Natürlich gab es auch in früheren Parlamenten eine sehr ähnliche Situation, und sie wurde nur nicht immer aufgedeckt. Natürlich gibt es auch unter Vertretern der national-demokratischen Kräfte Menschen, die bereit sind, an Korruptionsmachenschaften teilzunehmen. Man sollte sich nicht einbilden, dass politische Überzeugungen vor Korruption schützen. Aber das Vorhandensein politischer Überzeugungen macht einen Menschen, wenn nicht prinzipientreuer, so doch vorsichtiger – weil er an seine politische Zukunft und an die Perspektiven des Landes denkt, in dem er seine politische Tätigkeit fortsetzen will.

Wenn es aber kein geringstes Verständnis dafür gibt, was politische Überzeugungen sind, wenn zuerst politische Projekte geschaffen und danach für sie bequeme ideologische Prinzipien gesucht werden, dann wird das Dasein in der Politik – im Parlament, in Ministersesseln, im Präsidialamt – zu einem idealen Nährboden für Korruption.

Doch ich betone: Die Hauptverantwortung dafür liegt beim ukrainischen Wähler, der, wie bekannt, auch bereit ist, für großzügige Versprechen zu stimmen – eine Form politischer Bestechung, die von einer großen Zahl ukrainischer Bürger als Norm des politischen Lebens betrachtet wird.

Und jetzt beginnt all das vor unseren Augen wie ein Mechanismus auseinanderzufallen. Und ich möchte daran erinnern: Wenn wir den Weg der europäischen Integration weitergehen, wird immer mehr davon auseinanderbrechen.

Oder die Ukraine bleibt eine Provinz Russlands – selbst nach diesem schrecklichen Krieg. Denn genau diese Haltung zur Politik, bei der Bürger ihre eigene Verantwortung für den politischen Prozess delegieren und glauben, dass die Mächtigen besser wissen, wie Probleme zu lösen sind, ist typisch für autoritäre Regime im postsowjetischen Raum – ohne Wettbewerb, ohne echte Kontrollmechanismen der Bürger über die Macht und natürlich ohne wirklichen Kampf gegen Korruption.

Damit die Ukraine nicht zu einem solchen Staat wird – trotz aller Opfer, die die Ukrainer gebracht haben und weiterhin bringen –, damit die ukrainische Staatlichkeit Bestand hat, muss man alle alten Mechanismen des Funktionierens politischer Strukturen überwinden, sowohl in der Legislative als auch in der Exekutive, und verstehen, dass alle Vorwürfe, die durch ein Urteil bestätigt werden müssen, in Gerichtsverfahren unter Berücksichtigung der gesamten Tragweite des Prozesses betrachtet werden müssen, den wir jetzt beobachten und auch in den kommenden Monaten und Jahren beobachten werden.

Denn wenn man das Ausmaß der korrupten Abhängigkeit der ukrainischen Macht erkennt – insbesondere nachdem ihr fast eine tödliche Dosis Unprofessionalität injiziert wurde –, wird all dies wie eine Schneelawine immer weiter anwachsen, die vom höchsten Berg unseres Landes auf den ukrainischen Wähler zurast.


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Titel des Originals: Тимошенко вручили підозру | Віталій Портников. 14.01. 2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 14.01. 2025.
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Solowjow wurde als Hund bezeichnet | Vitaly Portnikov. 13.01.2026.

Der russische Botschafter in Armenien, Sergej Kopyrkin, wurde ins Außenministerium dieses Landes einbestellt, um ihm im Zusammenhang mit feindseligen Äußerungen, die auf einem der Kanäle des russischen Staatsfernsehens gefallen waren, Protest zu übermitteln. Es geht natürlich um die Aussagen des Fernsehmoderators Wladimir Solowjow, der dazu aufgerufen hatte, eine sogenannte „militärische Spezialoperation“ in Armenien zu beginnen.

Diese Aufrufe Solowjows haben in Jerewan besondere Empörung ausgelöst. Der stellvertretende Sprecher des armenischen Parlaments, Ruben Rubinian, verglich Solowjow mit einem Hund, dessen Bellen den Karawanen nicht daran hindern dürfe, sich in die richtige Richtung zu bewegen.

Empörung über Solowjows Äußerungen ist auch in den Ländern Zentralasiens zu hören – bisher allerdings nur auf der Ebene einzelner Abgeordneter. So forderte der kirgisische Abgeordnete Dostan Bekeschew die Führung seines Landes auf, Wladimir Solowjow wegen seiner Aufrufe zu möglichen „Spezialoperationen“ in Zentralasien zur Persona non grata zu erklären. Und der usbekische Abgeordnete Babur Bekmurodow riet dem russischen Fernsehmoderator sogar, lieber mit seiner Nachtigall zu spielen (Wortspiel auf seinen Namen Solowjow und eine spöttische Anspielung auf sein eigenes Propagandageschwätz), statt mit Aussagen aufzutreten, die das internationale Recht verletzen.

Dabei muss man eine einfache Sache verstehen. Solowjow hat lediglich das ausgesprochen, worüber in den höchsten Kreisen der russischen politischen Führung schon lange gesprochen wird. Man kann sagen: Was Putin im Kopf hat, hat Solowjow auf der Zunge. Denn der abgebrühte russische Propagandist versucht vor allem, der russischen Obrigkeit zu gefallen.

Es interessiert ihn überhaupt nicht, was die Führungen der postsowjetischen Staaten darüber denken, wie seine Äußerungen in Jerewan, Bischkek oder Taschkent kommentiert werden. Das Hauptziel der russischen politischen Führung ist die sogenannte „Korrektur des Fehlers von 1991“, also die Rückkehr der heutigen Russischen Föderation zu den Grenzen der Sowjetunion.

Beim FSB kann man sich bis heute nicht damit abfinden, dass die Zerschlagung des Parteiapparats und seine faktische Ersetzung durch Leute aus dem System des sowjetischen KGB nur dazu geführt hat, dass der ehemalige KGB heute lediglich jenen Teil des Territoriums der Sowjetunion kontrolliert, der zum Zeitpunkt des Zerfalls des kommunistischen Imperiums die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik war. Dabei wissen wir sehr genau, dass man an der Lubjanka mit der Kontrolle über die gesamte Sowjetunion gerechnet hatte. Deshalb war die Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepubliken eine so bittere Überraschung für die Tschekisten. Deshalb wird Wladimir Putin den Zerfall der Sowjetunion später als die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Deshalb wird der russische Präsident schon in seiner Zeit als Vizebürgermeister von Sankt Petersburg – man stelle sich das vor, bereits 1991 – den Bolschewiki vorwerfen, sie hätten durch die Schaffung der Unionsrepubliken selbst die Voraussetzungen für den Zerfall des einst durch den Bürgerkrieg zusammengeschweißten Imperiums geschaffen.

Und es ist klar, dass der brutale Krieg gegen die Ukraine Teil von Putins Bemühungen ist, diesen sogenannten Fehler von 1991 zu korrigieren. Denn Russland ging genau zu dem Zeitpunkt zu aktiven Kampfhandlungen gegen das Nachbarland über, als klar wurde, dass es – wenn auch in ferner Zukunft – objektive Möglichkeiten für einen Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union und zur NATO gibt und damit die Möglichkeit, ukrainische Gebiete einfach in die Russische Föderation einzugliedern, ohne einen ernsthaften Konflikt mit dem Westen, nicht mehr bestehen würde.

Seit 1991 versuchte Russland, die ehemaligen Sowjetrepubliken in einer Art geopolitischem Kühlschrank zu halten. Entweder sie schlossen sich prorussischen Projekten wie der OVKS oder der Eurasischen Wirtschaftsunion an oder bewahrten zumindest Neutralität. Sobald man in Moskau sah, dass eine ehemalige Sowjetrepublik in Richtung Westen driftete, verwandelte sie sich sofort in einen „Staat mit Handicap“, in ein Land mit unklaren Grenzen.

So war es in Moldau und Georgien. Russland hielt jahrzehntelang eine geopolitische Falle im Südkaukasus für Armenien und Aserbaidschan aufrecht. Sobald klar wurde, dass eine ehemalige Sowjetrepublik reale politische Alternativen bekam, begann sofort wirtschaftlicher oder sogar militärischer Druck.

Man kann sagen, dass der große Krieg Russlands gegen die Ukraine die Kulmination dieses Drucks ist. Doch erinnern wir uns an die Kriege in Moldau und Georgien schon in den 1990er Jahren. Erinnern wir uns an den Karabach-Konflikt, an die Konflikte in Zentralasien, an den Krieg Russlands gegen Georgien 2008 – und wir verstehen, dass der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, der 2014 mit der Okkupation und Annexion der Krim begann, die Kulmination jahrzehntelanger Bemühungen des Kremls ist, den Einfluss und die Souveränität der Nachbarstaaten zu zerstören und Bedingungen für ihre spätere Einverleibung zu schaffen.

Und selbst wenn Putin heute nicht mehr die Kräfte für solche Schritte hat, so sind die Wünsche doch geblieben. Und je weniger Zeit und Möglichkeiten für die vollständige Unterwerfung der Ukraine bleiben und je brutaler der Krieg gegen dieses Land wird, desto größer werden zumindest die propagandistischen Ambitionen des Kremls.

Deshalb beleidigt Wladimir Solowjow die Nachbarstaaten Russlands ganz bewusst und beruft sich dabei auf amerikanische Aktionen in Lateinamerika. „Wenn Trump das darf, dann dürfen wir es erst recht. Denn im Unterschied zu Trump haben wir unsere Nachbarländer nie als wirkliche Staaten betrachtet.“ Genau das lässt sich aus den beleidigenden Aussagen Solowjows herauslesen.

Deshalb ging der Fernsehmoderator auch bewusst auf diese Provokation ein – in dem Wissen, dass er damit die Menschen in den Nachbarstaaten Russlands beleidigt. Aber dafür wird es Putin gefallen und all jenen, die versuchen, den russischen Präsidenten davon zu überzeugen, dass seine Pläne, Russland wieder in die Sowjetunion zu verwandeln und ihn selbst zum Imperator eines prorussischen Reiches zu machen, früher oder später Wirklichkeit werden – notfalls durch neue blutige Kriege im postsowjetischen Raum.


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Titel des Originals: Соловьева назвали собакой | Виталий Портников. 13.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 13.01.2026.
Originalsprache: ru
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Die USA beschuldigen Russland | Vitaly Portnikov. 13.01.2025.

Bei der Sitzung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, die auf ukrainische Initiative nach dem Einsatz der Rakete „Oreschnik“ gegen das Gebiet der Region Lwiw in der Ukraine einberufen wurde, verurteilte die stellvertretende ständige Vertreterin der Vereinigten Staaten im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, Tammy Bruce, Russland für diesen Angriff.

„Dank der Führung von Präsident Trump befinden wir uns heute näher an einer Vereinbarung als jemals zuvor seit Beginn des Krieges. Dennoch setzt Russland seine neuen Angriffe auf die Ukraine fort, startet die nuklearfähige Rakete Oreschnik und richtet diese auf Gebiete der Ukraine, die nahe an den Grenzen zu Polen und zur NATO liegen“, sagte die Diplomatin und betonte, dass „dies eine weitere gefährliche Eskalation des Krieges zu einem Zeitpunkt ist, an dem die Vereinigten Staaten mit Kyiv, anderen Partnern und Moskau daran arbeiten, den Krieg durch Verhandlungen und Vereinbarungen zu beenden“.

Die Erklärung von Tammy Bruce ist die erste offizielle Reaktion der Vereinigten Staaten auf den Abschuss der Oreschnik-Rakete durch die Russische Föderation auf das Gebiet der Region Lwiw. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten weder der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump, noch Außenminister Marco Rubio, noch irgendeiner der hochrangigen amerikanischen Beamten die russischen Fähigkeiten oder ihre Eskalationsschritte im Krieg erwähnt. Hätte es die Sitzung des Sicherheitsrates, auf die die Ukraine gedrängt hatte, nicht gegeben, hätten wir womöglich auch diese Reaktion der US-Vertreterin im Sicherheitsrat nicht gehört.

Daraus lässt sich eine einfache Schlussfolgerung ziehen: In Washington hofft man weiterhin – entgegen jeder Logik – auf Vereinbarungen mit dem russischen Präsidenten Putin. Denn während Putin die Oreschnik gegen ukrainisches Gebiet nahe der polnischen Grenze einsetzt, also nahe der NATO, während Putin durch Raketenangriffe versucht, die ukrainische Energieinfrastruktur in der kältesten Phase des Winters zu zerstören, während russische Spitzenpolitiker neue Drohungen gegen die Ukraine und gegen europäische Staaten ausstoßen, erklären amerikanische Diplomaten, der Weg zu einer Einigung habe sich verkürzt und es gebe nun reale Chancen auf Vereinbarungen zur Beendigung des Krieges.

All diese Aussagen widersprechen, wie wir verstehen, dem gesunden Menschenverstand. Wäre der Weg zur Beendigung des Krieges wirklich kurz, würde Putin nicht versuchen, die Ukraine und Europa einzuschüchtern. Wäre der Weg zur Beendigung des Krieges kurz, würde Russland nicht versuchen, die ukrainische Energieversorgung zu zerstören. Wäre der Weg zur Beendigung des Krieges kurz, würde man in Moskau nicht davon sprechen, dass die Ziele der sogenannten „Spezialoperation“, die nun schon fast vier Jahre andauert, erreicht werden müssten, sondern man würde nach Kompromissen durch Verhandlungen suchen.

Sogar auf derselben Sitzung des Sicherheitsrates, bei der die amerikanische Diplomatin Russlands Positionen verurteilte, rechtfertigte der ständige Vertreter der Russischen Föderation beim UN-Sicherheitsrat, der berüchtigte Wassilij Nebensja, die Handlungen Russlands und drohte mit der Fortsetzung der Angriffe auf die Ukraine – das heißt, er bestätigte faktisch die Notwendigkeit einer weiteren Eskalation durch die russische politische Führung.

Man kann also feststellen, dass Putin seine Taktik fortsetzt, die er seit dem ersten Tag von Donald Trumps Rückkehr ins Oval Office verfolgt. Er streitet sich nicht persönlich mit Trump, ist bereit zu Gesprächen mit dem amerikanischen Präsidenten und sogar bereit, ihn selbst anzurufen, wenn er an einer Lockerung der US-Sanktionen gegen Russland oder an der Blockierung der Bemühungen des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky interessiert ist. Aber abgesehen von persönlichen Komplimenten gegenüber Trump ist Putin nicht bereit, irgendwelche konkreten Schritte zu unternehmen, die zum Ende des russisch-ukrainischen Krieges führen könnten. Im Gegenteil: Er nutzt Trumps Präsenz im Weißen Haus, um den Krieg fortzusetzen – trotz der Tatsache, dass es ihm nicht gelingt, die seit 2014 laufende Sanktionsmaschine Washingtons gegen Russland zu stoppen.

Damals sprach der Präsident der Vereinigten Staaten Barack Obama vom kumulativen Effekt der Sanktionen. Jetzt, im Jahr 2026, beginnen Beobachter zu glauben, dass die amerikanischen Sanktionen endlich Wirkung zeigen und ernste Probleme für die russische Wirtschaft sowie den Öl- und militärisch-industriellen Komplex verursachen könnten. Doch wann genau diese Sanktionen Putin tatsächlich zwingen werden, den Krieg zu beenden, weiß heute niemand – denn niemand kennt den wirklichen Zustand der russischen Wirtschaft und niemand weiß, wie lange Putin bereit ist, diesen Zustand zu ignorieren, solange ihm noch Ressourcen für den Krieg gegen unser Land zur Verfügung stehen.

Und aus dieser Sicht ist nicht entscheidend, dass die Vereinigten Staaten russische Handlungen gelegentlich selbst auf höchster Ebene verurteilen. Und nicht einmal, dass Präsident Donald Trump, der aus für niemanden nachvollziehbaren Gründen weiterhin von seinen guten Beziehungen zu Putin spricht – obwohl dieser sich offen über seinen amerikanischen Kollegen lustig macht –, von Zeit zu Zeit Enttäuschung über Putins Verhalten äußert. Der eigentliche Punkt ist: Der Verhandlungsprozess mit dem russischen Präsidenten treibt Putin zu härteren und entschlosseneren Maßnahmen gegen die Ukraine. Das muss jeder verstehen, der die heutige Politik verfolgt.

Das ist Ausdruck der russischen politischen Kultur. Wenn Russen sehen, dass man mit ihnen verhandeln will, sind sie überzeugt, dass sie noch brutalere Schritte gegen den Feind unternehmen müssen, um ihn zur Kapitulation zu zwingen.

Für den Westen sind Verhandlungen Teil einer Kultur, die Kriege und das Töten von Menschen beenden kann – und das hat auch Donald Trump selbst oft gesagt. Für Putin sind Verhandlungen ein Zeichen von Schwäche und ein Anlass, die Eskalation fortzusetzen und weiter zu töten, um das angegriffene Land zur Kapitulation und seine Verbündeten zur Einstellung der Hilfe zu zwingen.

Und man sollte nicht glauben, dass Putin aus diesem Verhandlungsprozess nicht schon Ziele erreicht hätte. Er hat sie erreicht. Dazu gehört, dass die Vereinigten Staaten – worauf Trump und seine Administration stolz verweisen – die Hilfe für die Ukraine eingestellt haben und uns nun Waffen nur noch verkaufen. Das ist einer der größten Fehler des „neuen alten“ amerikanischen Präsidenten. Dazu gehört auch, dass durch amerikanische Bemühungen die eingefrorenen Vermögenswerte der Russischen Föderation nicht beschlagnahmt wurden. Wie bekannt, überzeugten amerikanische Diplomaten die Europäer davon, dass ein solcher Schritt den erfundenen Friedensplan Trumps gefährden würde – einen Plan, den Russland ohnehin nicht umzusetzen gedenkt. Dazu gehören schließlich auch die Spaltungen unter den Verbündeten in der Frage der Beendigung des Krieges sowie die Notwendigkeit, Donald Trump ständig zu schmeicheln, damit er nicht auf die Seite seines russischen Amtskollegen wechselt.

Man kann daher klar sagen: Eine der Ursachen für Putins Brutalität und Beharrlichkeit ist gerade der von Donald Trump initiierte Verhandlungsprozess. Trumps Wunsch, mit dem russischen Präsidenten zu sprechen und Putin aus der internationalen Isolation herauszuführen, ist entscheidend. Trump glaubte offenbar, dass die Weigerung von Präsident Joe Biden, nach Beginn des groß angelegten Krieges gegen die Ukraine mit Putin zu sprechen, der Grund dafür sei, dass Putin den Krieg fortsetze – während ein Dialog ihn zum Aufhören bewegen würde.

Nun, wie in so vielen anderen Fällen hat Trump einen grundlegenden und schweren Fehler begangen – dessen Folgen wir heute alle zu spüren bekommen.


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Titel des Originals: США звинувачують Росію | Віталій Портников. 13.01.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 13.01.2025.
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Das „Oreschnik“-Signal | Vitaly Portnikov. 12.01.2025.

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Ein weiteres barbarisches Bombardement Kyivs und anderer ukrainischer Städte durch die Russen – und in diesem Fall ist das Wort „barbarisch“ keine pathetische Übertreibung, denn es geht um den Versuch, Millionen Menschen auf dem Höhepunkt der Winterkälte Heizung und Wasser zu nehmen – wurde von einem Schlag mit dem berüchtigten russischen „Oreschnik“ gegen die Region Lwiw begleitet.

Es ist bereits der zweite derartige Angriff nach dem demonstrativen Schlag auf Dnipro. Offensichtlich war der erste Angriff dazu gedacht, zu zeigen: Russland verfügt über ein Waffensystem, das den Luftabwehrsystemen, die die Ukraine schützen, nicht unterliegt. Aber wozu dann der zweite?

Meiner Ansicht nach ist das in letzter Linie der Versuch, die Ukrainer einzuschüchtern. Die Ukrainer werden mit dem gesamten Arsenal an Mitteln, das Putin zur Verfügung steht, zur Kapitulation gezwungen – und der „Oreschnik“ spielt dabei längst nicht die Hauptrolle, verglichen mit dem menschenfresserischen Wunsch, Kyiv oder Odesa „einzufrieren“. Aber die Europäer will Putin erschrecken.

Ich habe bereits mehrfach gesagt, dass Putin ein schnelles Ende des Krieges nicht weniger, vielleicht sogar mehr wünscht als Trump oder die Ukrainer. Er kann sich der schwierigen Lage seiner Wirtschaft und der enormen Verluste der russischen Armee an der ukrainischen Front nicht entziehen. Doch der russische Machthaber will, dass der Krieg zu seinen Bedingungen endet – zu Bedingungen der Kapitulation der Ukraine.

Und Putin kann durchaus glauben, dass gerade die Europäer mit ihrer Bereitschaft, der Ukraine zu helfen, diesen Traum verhindern. Die Entscheidung der EU, der Ukraine einen Zuschuss von 90 Milliarden Dollar zu gewähren – Gelder, die es der Ukraine ermöglichen werden, die nächsten zwei Jahre durchzuhalten – war für den russischen Präsidenten eine unangenehme Überraschung. Ebenso wie die Bereitschaft der führenden europäischen Länder, weiterhin über ein eigenes Militärkontingent auf ukrainischem Boden zu diskutieren.

Zwar ist derzeit noch von einer Stationierung dieser Truppen erst nach einem Friedensabkommen und einem Waffenstillstand die Rede. Doch niemand weiß, wie sich die Situation entwickeln wird, wenn endgültig klar wird, dass Putin gar keinen Frieden will. Deshalb muss der russische Präsident dafür sorgen, dass die Europäer bis dahin eingeschüchtert sind und nicht einmal mehr von irgendeiner militärischen Präsenz zu träumen wagen.

Und natürlich ist das auch ein Signal an Trump – damit der amerikanische Präsident nicht einmal daran denkt, irgendwelche Friedensbedingungen mit Volodymyr Zelensky und den europäischen Führern abzustimmen. Er soll begreifen: Verhandelt werden muss nur mit Putin und ausschließlich zu dessen Bedingungen. Und Zelensky sowie die Europäer sollen einfach über das informiert werden, worauf sich Putin und Trump geeinigt haben, und gezwungen werden, diesen Vorschlägen zuzustimmen. Andernfalls – Krieg und „Oreschnik“.

Ich behaupte natürlich nicht, dass Putin blufft. Den Gegner zu unterschätzen – und erst recht seine Unberechenbarkeit und Verbissenheit – ist ein direkter Weg in Niederlage und Zusammenbruch. Putins Handlungen und Absichten müssen als reale und ernste Bedrohung verstanden werden. Und als Drohung.

Aber auch Drohungen kann man unterschiedlich begegnen. Man kann sich fürchten und versuchen, auf den Bedingungen des Aggressors zu einem Einvernehmen zu kommen. Oder man kann eigene Signale der Stärke finden – zumal Putin auf solche Signale in der Regel keine wirkliche Antwort hat.

Er konnte seinem Verbündeten Baschar al-Assad, der aus Syrien Hals über Kopf nach Moskau fliehen musste, nicht helfen. Er konnte auch seinem Verbündeten Nicolás Maduro nicht helfen, der sich vor Gericht in New York wiederfand. Und erinnern wir uns daran, wie er 2014 seiner jämmerlichen Marionette Viktor Janukowytsch nicht helfen konnte, als dieser bis nach Rostow davonlief.

Wenn man also mit Putin in der Sprache von Druck, Sanktionen und der Zerstörung seiner Energiekonzerne spricht – dann versteht er das.

Wenn er jedoch sieht, dass man versucht, mit ihm zu verhandeln – dann startet er den „Oreschnik“ nahe den europäischen Grenzen.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Сигнал «Орєшніком». Віталій Портников. 12.01.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 12.01.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Die ukrainische Flagge über Kupjansk | Vitaly Portnikov. 12.01.2025.

Die Kämpfer der Brigade „Chartija“ haben die Flagge über dem Rathaus der ukrainischen Stadt Kupjansk gehisst und setzen die Säuberung der Stadt von den russischen Invasoren fort. Das hat eine symbolische Bedeutung vor dem Hintergrund des bekannten Berichts des Chefs des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation und Leiters der sogenannten „Spezialoperation“ in der Ukraine, General Waleri Gerassimow, der noch vor einigen Monaten dem russischen Präsidenten Putin die Einnahme von Kupjansk gemeldet hatte. Doch es kam anders als gedacht. Es stellte sich heraus, dass die Ressourcen der ukrainischen Streitkräfte – zumindest zum heutigen Zeitpunkt – ausreichen, um diesen aggressiven Versuchen der Russen entgegenzutreten.

Kupjansk ist für Putin nicht einfach nur eine weitere Stadt in der Region Charkiw. Es ist ein Beweis dafür, dass Russland in Regionen außerhalb der sogenannten Annexionzone Gebiete erobern kann. Und es ist die Vorbereitung auf eine neue Annexion. Man sollte daran erinnern, dass russische Truppen Kupjansk im Jahr 2022 nach der Besetzung zum „zeitweiligen Gebietszentrum“ der Region Charkiw erklärten – nicht zufällig. Kupjansk sollte zur Basis für ein weiteres Scheinreferendum werden.

Ohne das mutige Handeln der ukrainischen Streitkräfte habe ich keinen Zweifel, dass die gefälschten Referenden, die in den Regionen Saporischschja und Cherson stattfanden und zur Ausrufung der besetzten Gebiete dieser ukrainischen Regionen als „unabhängige Staaten“ mit anschließender Annexion durch Russland führten, ebenso in Kupjansk durchgeführt worden wären. Und natürlich hätte die Russische Föderation bei allen Verhandlungen danach nicht nur Ansprüche auf die Gebiete der Regionen Donezk, Luhansk, Cherson, Saporischschja und der Autonomen Republik Krim erhoben, sondern auch auf das Gebiet der Region Charkiw und selbstverständlich die Übergabe der Gebietshauptstadt Charkiw verlangt – unter dem Vorwand, dass die Bewohner der Region Charkiw für einen eigenen unabhängigen Staat und dessen Anschluss an Russland gestimmt hätten.

Natürlich hat das nichts mit internationalem Recht oder gesundem Menschenverstand zu tun. Doch wir haben längst gelernt, dass der russische Präsident weder innerhalb des internationalen Rechts handelt noch sich für gesunden Menschenverstand interessiert – ihn interessiert ausschließlich Macht. Und seitdem im Oval Office ein Präsident der Vereinigten Staaten sitzt, der bereit ist, mit Putin sogar über den russischen Status der besetzten Krim und sogar über den Abzug ukrainischer Truppen aus jenen Gebieten der Region Donezk zu sprechen, die von der legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert werden – was hätte Putin davon abhalten sollen, auch noch die Region Charkiw zu fordern?

Doch wie wir sehen, wurden diese Pläne der russischen Besatzer in den Jahren 2022–2023 von den Verteidigungskräften der Ukraine vereitelt. Und Gerassimow suchte lange nach Möglichkeiten, eine neue Offensive in der Region Charkiw zu beginnen.

Kupjansk sollte die Stadt werden, in der erneut eine regionale Besatzungsverwaltung ihre Arbeit aufnehmen würde – eine Stadt, in der ein neues Referendum über die Ausrufung eines „unabhängigen Staates Region Charkiw“ und dessen Beitritt zur Russischen Föderation vorbereitet worden wäre.

Genau das, so scheint mir, sind Putins Pläne für das neue Jahr 2026. Nein, nicht das Ende der Kampfhandlungen. Nein, nicht irgendwelche Vereinbarungen mit Donald Trump über einen Waffenstillstand – sondern ein neues Referendum und neue Ansprüche auf eine weitere ukrainische Region.

Das ist die Logik von Putins Abnutzungskrieg: nicht nur seine barbarischen Angriffe auf ukrainische Städte, nicht nur der Versuch, die Ukrainer zu erfrieren und ihnen die Energieinfrastruktur zu nehmen, nicht nur Forderungen nach Übergabe von Gebieten, die Moskau nicht kontrolliert – sondern auch neue Referenden, neue Annexionen und natürlich neue Föderationssubjekte in der russischen Verfassung.

Ein Imperium wie Putins Staat kann seinen eigenen Bürgern seinen Sinn nur beweisen, wenn es sein Territorium erweitert. Das rechtfertigt die Verschärfung des Totalitarismus, neue Kriege gegen Nachbarstaaten und auch die Verschlechterung des Lebens der einfachen Russen. Denn was zählt der Lebensstandard, wenn das Territorium wächst? Davon wurden die Russen überzeugt – seit den ersten Jahrzehnten des Moskauer Zarenreiches, des Russischen Imperiums und der Sowjetunion. 

Und schließlich ist Putin zu dem zurückgekehrt, wozu der russische Staat immer existierte: nicht damit die Menschen gut leben, nicht damit sie Zukunftsperspektiven haben, sondern um neue Gebiete zu erobern, die Nachbarn zu vertreiben, sich an ihrer Stelle anzusiedeln und all in Zerstörung und Rückständigkeit zu stürzen.

Dass das in Kupjansk zumindest heute nicht gelingt, ist eine echte Heldentat der ukrainischen Verteidigungskräfte, eine echte Heldentat der Chartija und aller anderen ukrainischen Soldaten, die für die Region Charkiw kämpfen. Es ist der Beweis dafür, dass alle Putinschen Bemühungen zur territorialen Ausdehnung und Annexion letztlich vergeblich sind.

Und selbst wenn Donald Trump weiterhin amerikanische Journalisten davon zu überzeugen versucht, dass die Ukraine keine Karten in der Hand habe und ihre einzige Karte darin bestehe, dass der amerikanische Präsident jederzeit bereit sei, Putin anzurufen und ihm sogar zu applaudieren, wie es in Anchorage geschehen ist – in Wahrheit ist die wichtigste Karte der Ukraine ganz etwas anderes. Es ist nicht Trump mit seinen widersprüchlichen Ideen und seiner völligen Missachtung des internationalen Rechts, die sich praktisch während seines gesamten Aufenthalts im Oval Office zeigt. Die wichtigste Karte der Ukraine sind ihre Streitkräfte und ihre Bürger, die bereit sind, für die Existenz und Rettung des ukrainischen Staates zu kämpfen.

Und genau das kann Putin offenbar nicht einrechnen. Denn ein russischer Präsident, der seine eigenen Landsleute zu Menschen gemacht hat, die keinen Einfluss auf die Ereignisse in ihrem eigenen Land haben, glaubt, dass es mit den Ukrainern genauso kommen wird – und dass jene Gebiete, die er Russland einverleiben will, früher oder später in die Hände seiner Armee fallen. Und diese Armee ist sogar bereit, Putin schon vorab von Erfolgen zu berichten – nur um dann festzustellen, dass sie sich selbst getäuscht hat. Und die ukrainische Flagge über dem Rathaus von Kupjansk ist ein guter Beweis für dieses Fiasko der Gerassimow’schen Lügen und Propaganda.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Український прапор над Куп’янськом | Віталій Портников. 12.01.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 12.01.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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1418: die Zahl von Putins Niederlage | Vitaly Portnikov. 12.01.2025.

„Ich habe im Krieg keine Tagebücher geführt. Doch 1418 feurige Tage und Nächte werde ich nicht vergessen.“

Diese Worte, mit denen die sogenannten Memoiren des Generalsekretärs des Zentralkomitees der KPdSU Leonid Breschnew, „Kleines Land“, begannen, kennt jeder, der die sowjetische Epoche durchlebt hat. Denn Breschnews Memoiren wurden im Fernsehen und im Radio vorgelesen und sogar in der Schule behandelt.

Damit verlieh der damalige Führer des sowjetischen Staates den 1418 Tagen, während derer der Zweite Weltkrieg auf dem Territorium der Sowjetunion tobte, eine zusätzliche sakrale Bedeutung. Und dieses Datum ist für viele bis heute sakral. Darüber spricht man heute in der Ukraine, darüber sprechen russische Propagandisten, darüber spricht man auch im Westen.

Nach 1418 Tagen war der Zweite Weltkrieg in Europa beendet. Das nationalsozialistische Deutschland hatte vor den Alliierten kapituliert. Die Truppen der Sowjetunion, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten standen auf deutschem Territorium, und die Regierung Deutschlands war gezwungen, den Widerstand einzustellen.

Nach 1418 Tagen des russischen Krieges gegen die Ukraine können wir hingegen von keinerlei realem Ergebnis sprechen. Wie wir sehen, greifen russische Truppen weiterhin in der Region Donezk an – dort, wo ihre Offensive nicht erst 2022, sondern bereits 2014 begann, als die ersten Saboteure auf Befehl Putins in die Ukraine kamen, um unseren Staat zu destabilisieren und schließlich zu zerstören. Die Ukraine hält den Schlägen der Raketenarmeen der Russischen Föderation stand, zerstört jedoch zugleich selbst den Ölraffineriekomplex und strategische Objekte Russlands.

Doch all das führt nicht zu einem wirklichen Wendepunkt im Krieg. Genau davon spricht der amerikanische Präsident Donald Trump, wenn er seinen russischen Amtskollegen fragt: „Was machst du seit vier Jahren in der Ukraine? Warum tötest du so viele Menschen? Solltest du nicht darüber nachdenken, dieses blutige Gemetzel zu beenden?“

Doch diese Gedanken erreichen ihren Adressaten kaum, denn Putin folgt einer völlig anderen Logik, wie kürzlich einer der führenden russischen Politologen, Fjodor Lukjanow, sagte: „Für die russische Führung ist der Krieg zu einem Zustand geworden, nicht nur zu einem Ziel.“

Im Zweiten Weltkrieg ging es darum, das Regime Hitlers zu vernichten und eine neue Weltordnung zu schaffen. Stalin glaubte, dass diese neue Ordnung zu seinem Vorteil sein würde.

Putin weiß, dass er ein Land führt, das den Wettbewerb mit der zivilisierten Welt verloren hat, das faktisch zu einem Satelliten des benachbarten China wird und das den Vereinigten Staaten und Europa in Friedenszeiten nichts Reales entgegensetzen kann. Doch im Krieg verwandelt sich Russland in einen echten geopolitischen Faktor.

Gerade deshalb ist für Russland heute ein langjähriger Abnutzungskrieg wichtig. Und wenn es ein Kriegsende geben soll, dann nur eines, das die ukrainische Staatlichkeit zerstört und es ermöglicht, anderen Ländern zu drohen – also den Krieg auf andere Fronten auszudehnen.

Wenn wir also sagen, Putin sei an einem schnellen Ende des Krieges durch die Kapitulation der Ukraine interessiert, dann nicht, um Frieden in Europa zu schaffen, sondern um ukrainische Bürger in neue und neue Kriege zu treiben, an denen die Russische Föderation interessiert ist.

Lukjanow erinnert an die jahrzehntelangen Kriege zwischen Russland und Schweden. Man kann auch die Kriege zwischen Russland und dem Osmanischen Reich erwähnen. Oder den Dreißigjährigen Krieg in Europa. Das ist genau jener sogenannte Kriegszustand, der im 21. Jahrhundert völlig anachronistisch und fehl am Platz erscheint. Doch auch die russische Staatlichkeit selbst ist heute anachronistisch.

Deshalb berufen sich ihre Führer so oft auf eine ferne Vergangenheit und blicken nicht in die Zukunft. Deshalb kann der Abnutzungskrieg gegen die Ukraine aus Putins Sicht so viele Jahre dauern, wie nötig sind, um diesen Kriegszustand aufrechtzuerhalten und das Ziel zu erreichen, Russland wieder an die Grenzen der Sowjetunion von 1991 zu führen.

Aus dieser Perspektive sind 1418 Tage Krieg, in denen Moskau seine imperialistischen Ziele nicht erreichen konnte, für den russischen Präsidenten keine sakrale Zahl, kein Zeichen einer Niederlage Russlands und nicht einmal ein neuer Abschnitt, sondern nur der Anfang jener Ereignisse, die beweisen sollen, dass Russland nur im Zustand des Krieges seine Feinde besiegen und ihnen einen Dialog aufzwingen kann.

Und tatsächlich: Noch vor wenigen Jahren, in den ersten Jahren dieses grausamen Krieges, hätte niemand gedacht, dass der Präsident der Russischen Föderation in die Vereinigten Staaten fliegen würde und der Präsident der Vereinigten Staaten dem russischen Führer – einem Kriegsverbrecher und Mörder – applaudieren würde. Doch 2025 haben wir alle diesen Applaus gesehen. 

Auch Putin sah ihn und überzeugte sich davon, dass der Kriegszustand das ist, was ihn zu einem realen Partner Donald Trumps macht. Und jeder neue Monat von Verhandlungen über ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges, die zu nichts Reellem führen, wird den russischen Präsidenten nur noch mehr in der Überzeugung bestärken, dass er die Kampfhandlungen fortsetzen muss, um unser Land zu zerstören und die Ukrainer aus den Grenzen ihres Staates und ihrer ethnischen Gebiete zu verdrängen.

Gibt es einen wirklichen Ausweg aus dieser Situation, die vielen längst völlig ausweglos erscheint und die am 24. Februar 2022 in eine echte Sackgasse geraten ist? Natürlich gibt es ihn. Und ich erinnere immer wieder daran.

Dann, wenn die Russische Föderation ihre realen materiellen und demographischen Ressourcen für die Fortsetzung des Krieges gegen die Ukraine verliert, kann man davon sprechen, dass wir uns in einem Tunnel befinden, in dem Licht erscheint – das Licht eines Friedensprozesses.

Damit dies geschieht, muss – wie ihr versteht – alles getan werden, um wirtschaftlichen und politischen Druck auf Russland auszuüben: die Zerstörung seiner Ölraffinerien, Sanktionen gegen den Ölverkauf, die Festsetzung russischer Tanker. All das arbeitet gegen Präsident Putin und seinen Wunsch, den Kriegszustand über lange, bittere Jahrzehnte aufrechtzuerhalten.

Deshalb sollte man, wenn man über diese 1418 Tage spricht, nicht über Zahlen nachdenken, sondern über die Möglichkeiten weiteren Drucks auf Russland und Putin: über die Zerstörung politischer Autoritäten in der russischen Führung, die an einen Dialog mit den Vereinigten Staaten glauben, über die Zerstörung des wirtschaftlichen – also des energetischen – Potenzials Russlands und natürlich über die Verringerung der Zahl derjenigen, die bereit sind, für Geld Ukrainer zu töten.

Und dann werden wir sagen können, dass wir uns dem Ende des russisch-ukrainischen Krieges nähern.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: 1418: число поразки Путіна | Віталій Портников. 12.01.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 12.01.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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„Wir haben die Chance verloren, unseren eigenen Churchill zu haben“, – Portnikov. 10.01.2026.

https://espreso.tv/suspilstvo-mi-vtratili-mozhlivist-mati-vlasnogo-cherchillya-portnikov?fbclid=IwRlRTSAPRlHZleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEeBh0p-Di-lCwTzahs_zSsYulUP6_670dxr6CcaTRsTuk8pSkSdLcF9rcdfJU_aem_NCZmswQ4uzP7fA4XWhoBwQ#goog_rewarded

Wenn wir über Winston Churchill und seine Rolle bei der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit sprechen, ist es wichtig, eines zu verstehen: Die Initiative ging nicht von ihm aus. Es war nicht Churchill, der nach seinem Amtsantritt als Premierminister beschloss, die Nation zu einen – es war die Initiative seiner Partei. Die Konservative Partei, die im Parlament über eine Mehrheit verfügte und die existenzielle Bedrohung für das Land erkannte, wandte sich an die Labour-Partei mit dem Vorschlag, sich für die gemeinsame Sache zusammenzuschließen.

Die Labour-Partei stimmte zu. Sie stellte jedoch eine Bedingung: Sie sei bereit zu einer Regierung der nationalen Einheit – aber nicht unter der Führung von Neville Chamberlain. Denn gerade er hatte als Premierminister das Land in den Krieg geführt. Seine Weigerung, die Realität zu sehen, seine Unterschätzung der Bedrohung durch Nazideutschland – all das machte ihn zu einer für die nationale Einheit untragbaren Figur. Und so fanden die Konservativen selbst eine Kompromissfigur – eine Person mit der nötigen Erfahrung, Autorität und Vision. Das war Winston Churchill.

Die Geschichte hätte auch ganz anders verlaufen können. Bis zu diesem Zeitpunkt war Churchills politische Karriere praktisch beendet. Er war nicht der Vorsitzende seiner Partei, nicht die Nummer eins auf den Wahllisten. Ohne die Regierung der nationalen Einheit wäre er höchstwahrscheinlich ein einfacher Abgeordneter geblieben. Doch dank der Entscheidung der Eliten und der Bereitschaft zur gemeinsamen Verantwortung erhielt das Land Churchill.

Das ist eine wichtige Analogie für uns. Hätte Volodymyr Zelensky im Jahr 2022 die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit initiiert und dies mit den Führern der politischen Kräfte abgestimmt, hätte die Ukraine eine von allen akzeptierte Figur bekommen. Und genau diese Person hätte unser Churchill werden können. Nicht Zelensky selbst, nicht jemand aus eigenem Ehrgeiz – sondern jene Persönlichkeit, die alle im Kampf ums Überleben vereint hätte. Doch diese Chance wurde verpasst.

In gewisser Hinsicht übernahm Valery Zaluzhny vorübergehend diese Rolle im öffentlichen Bewusstsein. Für viele wurde gerade er zu jener Figur des nationalen Widerstands, die man mit Entschlossenheit, Strategie und Verantwortung verband. In ihm sah man damals einen Churchill. Und gerade deshalb hätte seine Rückkehr in die ukrainische Politik während des Krieges ein starkes Signal sein können – ein Zeichen dafür, dass der Präsident bereit ist, Garant der Einheit zu sein und nicht ein alleiniger Akteur.

Doch wir wählten einen anderen Weg. Wir begannen, Volodymyr Zelensky selbst mit Churchill zu vergleichen. Obwohl er im Grunde eine ganz andere Rolle spielt – die von König Georg VI., dem britischen Monarchen in den Kriegsjahren. Erinnert ihr euch, was Georg tat? Er wandte sich an das Volk, gab Signale der Hoffnung, hielt Ansprachen und bewahrte das moralische Zentrum des Landes.

Doch ein Führer, der sich an die Nation wendet, ist nicht immer derjenige, der eine siegreiche Strategie entwickelt. Manchmal muss man die Grenzen seiner eigenen Funktion erkennen und jemanden finden, der ergänzt – nicht ersetzt. Jemanden, der Churchill nicht der Analogie nach, sondern dem Ergebnis nach wird.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Ми втратили можливість мати власного Черчилля, – Портников. 10.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 10.01.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Der ukrainische Sicherheitsdienst nimmt Putins Schule ins Visier | Vitaly Portnikov. 11.01.2026.

Der Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) hat mit Überprüfungen in einem Kloster der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats im Kyiver Stadtteil Holossijiw begonnen, nachdem meine Kollegen dort das Vorhandensein einer Untergrundschule entdeckt hatten, die die Werte der sogenannten „russischen Welt“ propagierte.

Viele sahen allein in der Existenz einer solchen Schule und in den Einstellungen der Eltern, die beschlossen hatten, ihre Kinder nicht einmal nach russischen, sondern sogar nach sowjetischen Lehrplänen und Narrativen zu unterrichten, eine schockierende Nachricht – ein Beweis dafür, dass sich die Gesellschaft im Krieg nicht so schnell verändert, wie wir es uns gewünscht hätten.

Doch meiner Ansicht nach ist dies eher eine gute Nachricht als eine katastrophale Sensation. Denn erinnern wir uns daran, dass noch vor zwölf Jahren, vor der Annexion der Krim und dem Beginn des nicht erklärten Krieges im Donbas, russische und sowjetische Narrative in der ukrainischen Gesellschaft vorherrschten. Es genügte, die führenden Fernsehsender einzuschalten, Radiosender zu hören oder zu lesen, was Journalisten auf von Moskau beeinflussten Internetseiten schrieben, um zu begreifen, wie viel Moskau tat, um seine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft zu propagieren.

Und übrigens endete das auch nach 2014 keineswegs. Mehr noch: Das Verschwinden der russischen Fernsehsender aus dem ukrainischen Äther führte zur Entstehung einer ganzen Reihe prorussischer Kanäle, die unter Beteiligung desselben Viktor Medwedtschuk finanziert wurden. Und wie wir uns gut erinnern, arbeiteten auf diesen Sendern führende Journalisten, die heute noch immer auf dem ukrainischen Medienmarkt tätig sind und Patriotismus spielen, ohne auch nur zu erwähnen, welche zerstörerische Rolle sie damals bei der Vernebelung des Bewusstseins der ukrainischen Gesellschaft gespielt haben.

Und dann das Bildungssystem. Das Bildungssystem blieb jahrzehntelang der ukrainischen Unabhängigkeit hindurch sowjetisch – also im Grunde prorussisch. Dass wir heute nur von einigen Dutzend Kindern und Familien sprechen, zeigt, dass der Einfluss Russlands auf die ukrainische Zivilisation abnimmt.

Doch der Wahrheit halber muss man auch sagen: Der Krieg ändert solche Einstellungen nicht unbedingt – er verschärft vielmehr die Vorstellungen der Menschen darüber, wie sie auf Gefahr reagieren sollen. Krieg erzeugt zunächst den Wunsch nach Rache für Erniedrigung und Leid, und danach beginnt die Suche nach Schuldigen. Und die russische Propaganda wird auch hier alles daransetzen, die Ukrainer dazu zu bringen, die Verantwortung jenen zuzuschieben, die das Land verteidigen, und nicht denen, die es angegriffen haben.

Diese Erfahrung kennen wir leider sehr gut aus dem Jahr 2019, als viele ukrainische Bürger glaubten, nicht Putin, sondern gerade die ukrainische Regierung habe ein Interesse an der Fortsetzung des Krieges – obwohl Putin damals wie heute keinerlei Wunsch hatte, seine Aggression gegen die Ukraine zu beenden, bis zur Zerstörung des ihm verhassten Staates.

Deshalb müssen wir in erster Linie darüber nachdenken, wie wir in Zukunft mit der Gesellschaft arbeiten. Die Fortsetzung des Krieges über viele schwere Jahre ist eine Herausforderung. Das Ende des Krieges – falls es den westlichen Staaten gelingt, Druck auf den russischen Präsidenten auszuüben und ihn zur Einstellung der Kampfhandlungen zu zwingen – ist eine andere.

Denn ein Waffenstillstand würde bedeuten, dass Russland zur Strategie der Provokation und Destabilisierung der Ukraine übergeht, zu politischem und wirtschaftlichem Einfluss, unter Einbeziehung jener westlichen Geschäftsleute und Politiker, die daran interessiert sein werden, gemeinsam mit Russland Geld zu verdienen und die Ukraine eher als Instrument zur eigenen Bereicherung in neuen Geschäften mit dem Kreml zu nutzen. All das sind reale Gefahren.

Die Ausbildung einiger Dutzend Kinder in einem Kloster der russischen Kirche ist gerade ein Zeichen dafür, wie sich die gesellschaftlichen Stimmungen verändern. Wir dürfen nicht vergessen, dass dies ein Kloster einer Kirche ist, die jahrhundertelang von Moskau zur Russifizierung der Ukrainer benutzt wurde, um ihnen einzureden, dass Großrussen, Kleinrussen und Belarussen ein einziges russisches Volk seien. Und man muss daran erinnern, dass gerade in der Russisch-Orthodoxen Kirche diese Idee selbst dann nicht aufgegeben wurde, als die sowjetischen Bolschewiki – erschrocken über das Ausmaß der nationalen Befreiungsbewegung in der Ukraine – der Schaffung einer staatlichen Fassade in Form der Ukrainischen SSR zustimmten.

Daher muss man immer daran denken, dass der Erhalt der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats als mit dem Kreml verbundene Institution auch eine zivilisatorische Gefahr für die Zukunft darstellt. Es wird notwendig sein, alles zu tun, damit diese religiöse Organisation sich endlich nicht nur deklarativ, sondern real von der Moskauer Patriarchie, von der „russischen Welt“ und letztlich von der russischen politischen Führung lossagt, die die Ideologie und das Handeln der Russisch-Orthodoxen Kirche im Grunde schon seit den Zeiten von Peter dem Großen bestimmt. Man muss sich vor diesen Herausforderungen nicht fürchten. 

Der Sicherheitsdienst der Ukraine wird die Identität jener Bürger nicht verändern, denen die ukrainische Staatlichkeit gleichgültig ist. Der Sicherheitsdienst wird auch nicht die Identität jener ändern, die möchten, dass die Ukraine Teil der „russischen Welt“ wird. Nur eine durchdachte staatliche Bildungs- und Medienpolitik kann die Ukrainer in einigen Jahrzehnten zu einer echten, nicht nur deklarierten politischen Nation machen – von Uschhorod bis Charkiw.

Doch bis dahin – und das muss jeder verstehen, der in die ukrainische Zukunft blickt – stehen uns noch viele elektorale Schocks bevor, die unüberwindbar erscheinen werden und nach denen viele glauben werden, dass man sich von der Zukunft der ukrainischen politischen Nation und Identität verabschieden müsse. Das wird nicht geschehen. Bei richtigem Vorgehen werden einige Jahre, die für das Überleben der ukrainischen Nation im Krieg entscheidend sind, gefolgt von einigen Jahrzehnten der Entwicklung, ihre Früchte tragen. Und die Zahl der Menschen, die bereit sind, Untergrundschulen der „russischen Welt“ in Holossijiw zu besuchen, wird nie wieder wachsen.


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Titel des Originals: СБУ взялася за школу Путіна | Віталій Портников. 11.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.01.2026.
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