Toten am Wegesrand. Holodomor Museum. 18.03.24.

Gemälde von Anna Orion

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„Im Sommer 1933 arbeitete ich für die Südwestbahn und fuhr mit einem Team von Elektrikern von Kiew nach Nishin. Vor dem Bahnhof von Nizhyn gab es eine Anhöhe, und die Lokomotive fuhr schwer schnaufend bergab. Plötzlich wurde das Semaphor geschlossen. Der Zug hielt an.

Es war ein schöner Sommertag. Einer der Arbeiter rief: „Schaut mal, Leute! Was für ein Bild!“ Wir sprangen aus dem Waggon. Nicht weit von der Böschung entfernt war ein Feldweg, der von Kiefern umgeben war… Und am Rande des Weges, an einen Baum gelehnt, saß eine Frau, den Kopf leicht zurückgelehnt. Sie trug ein Kopftuch, ein abgetragenes Kleid und war barfuß. Sie drückte ein Kind an ihre Brust. Ein Junge von etwa 5 Jahren lag auf ihren ausgestreckten Beinen und druckte sich mit dem Kopf an seine Mutter.

Von weitem sahen wir, dass eine Krähe auf dem Kopf der Frau saß und methodisch an ihren Augen pickte. Wir näherten uns, die Krähe flog weg, und wir sahen, dass sie alle tot waren. Nicht weit entfernt saß eine Krähe in den Bäumen.

…Zu dieser Zeit herrschte eine Hungersnot, und die Menschen versuchten auf jede erdenkliche Weise zu überleben. In Kiew begann man, „kommerzielles“ Brot (ohne Karten) zu verkaufen, eineinhalb Laibe pro Person. Und um die Menschen davon abzuhalten, dorthin zu gehen, verboten die Behörden den Verkauf von Fahrkarten in einem Umkreis von 100 km um die Stadt. Die Menschen mussten also laufen, um sich anzustellen und Brot zu kaufen.

Die Schlangen waren 3-7 Tausend Menschen lang, und die Menschen standen tagelang vor den Geschäften. Viele starben an Ort und Stelle, nachdem sie den Brot bekamen oder es nicht bekamen. Die Schwachen und die Toten wurden ständig abtransportiert – irgendwohin außerhalb der Stadt…

Als wir in Nizhyn ankamen, richteten wir uns ein, da wir hier für zwei Monate Arbeit hatten. Ein paar Tage später beschlossen wir, die Stelle in der Nähe des Semaphor zu besuchen, wo wir das „Bild“ gesehen hatten.

Wir kamen und sahen, dass niemand die Toten abtransportiert hatte. Wir sahen zehn weitere Menschen dort sitzen und liegen. Sie alle haben nach Kiew nicht geschafft um da einen Stück Brot zu ergattern.

Am Abend sprachen wir mitanander über die Toten. Und dann wurden wir (einer vor uns war anscheinend ein „Informant“) einer nach dem anderen zum „Kontrollpunkt“ am Bahnhof Nizhyn gerufen und gesagt bekommen: „Redet nicht über die Toten auf der Straße!“ Der „Punkt“, zu dem wir gerufen wurden, hieß „Linienabteilung des ODTOOGPU am Bahnhof Nizhyn“. Das ODTOOGPU ist jetzt wie der KGB…“

Dies sind die Erinnerungen von Iwan Tabatschenko, der zusammen mit Dmytro Boyko in Swenyhorodka, Region Tscherkassy, arbeitete. Ihm übermittelte Tabachenko 1988 sein schreckliches Zeugnis und gab zu, dass er das Bild, das ihm noch immer vor Augen steht, schon immer nachstellen wollte.

Die Tochter von Dmytro Boyko sagt: „Iwan Tabatschenko starb zwei Wochen, nachdem er diese Geschichte geschildert hatte, aber die Idee, sie in einem Gemälde wiederzugeben, hatte mein Vater schon immer. Er hat einen Cousin in Moskau, einen Künstler… Mein Vater erzählte ihm oft von dem Manuskript und bat ihn, ein Bild zu malen. Aber dieses Thema lag seinem Onkel sehr fern, und jetzt verstehen wir auch, warum. Also beschlossen wir, ein Bild bei einem anderen Künstler zu bestellen. Die einzige, die einverstanden war, war die Künstlerin Anna Orion. Die Geschichte ist schwierig und ungewöhnlich für sie, aber als mein Vater sie anrief, hat sie nicht abgelehnt.

Im Jahr 2018 wurde das Gemälde zusammen mit der von Iwan Tabatschenko aufgezeichneten Geschichte in den Fundus unseres Museums übertragen…


«Влітку 1933 року я працював на Південно-Західній залізниці — їхав у складі бригади електриків з Києва до Ніжина. Перед станцією Ніжин був підйом, і паровоз, важко пихкаючи, повз під гору. І раптом – семафор закритий. Потяг – стоп.

Був погідний літній день. Хтось із робітників крикнув: «Дивись, хлопці! Оце картина!» Ми повискакували з вагона. Неподалік від насипу була проїжджа ґрунтова дорога, навколо росли сосни… А край дороги, спершись спиною до дерева, сиділа жінка, трохи закинувши голову. На голові — хусточка, благеньке плаття, босонога. До грудей вона притискала дитя. А на витягнутих її ногах, пригорнувшись головою, лежав хлопчик років 5.

Ще здалеку ми побачили, що на голові жінки сидів ворон і методично клював її очі. Ми підійшли, ворон полетів, і ми переконалися: усі вони мертві. Неподалік на деревах сиділо вороння.

…Тоді був голод, і люди всіляко намагалися вижити. У Києві почали продавати (без карток) хліб «комерційний», півтора буханця в руки. А щоб не йшло туди населення, влада заборонила у радіусі 100 км навколо міста продавати квитки туди. Тому народ йшов пішки, щоб стати в чергу і купити хліба.

Черги були по 3-7 тисяч, люди стояли цілодобово біля магазинів. Багато хто помирав прямо там, отримавши або й не отримавши хліб. Кволих і померлих постійно прибирали — вивозили кудись за місто…

Прибувши у Ніжин, ми облаштувалися, оскільки роботи тут було на 2 місяці. А за кілька днів вирішили відвідати те місце біля семафору, де побачили «картину».

Прийшли та переконалися: ніхто померлих не прибрав. Ми побачили ще чоловік десять — вони сиділи і лежали. Усі не дійшли до Києва за шматком хліба.

Увечері всі ми розмовляли про померлих. А потім (хтось із наших «доніс») нас по черзі викликали до «пункту» на станції Ніжин і сказали: «Не говорити про померлих на дорозі!» «Пункт», куди нас викликали, називався «Лінійне відділення ОДТООГПУ ст. Ніжин». ОДТООГПУ — це як зараз КГБ…»

Це — спогади Івана Табаченка, який працював у м. Звенигородка на Черкащині разом із Дмитром Бойком. Саме йому у 1988 році Табаченко передав свої моторошні свідчення та зізнався, що завжди хотів відтворити на полотні картину, яка і досі стоїть перед очима.

Донька Дмитра Бойка розповідає: «Іван Табаченко помер через два тижні після того, як описав цю історію, однак ідея відтворити її у картині жила з батьком постійно. У нього є двоюрідний дядько у Москві, художник… Батько йому часто розповідав про рукопис і просив намалювати картину. Однак ця тема для дядька дуже далека, і тепер ми розуміємо, чому. Тож ми вирішили замовити картину в іншого художника. Єдина, хто погодилася, — художниця Анна Оріон. Історія для неї важка і незвична, але коли батько їй зателефонував, вона не відмовилася».

У 2018 році картину було передано до фондів нашого музею разом з історією, зафіксованою Іваном Табаченком…

Zwei Päpste. Vitaly Portnikov. 17.03.24

https://zbruc.eu/node/117972

Die Äußerungen von Papst Franziskus über die weiße Fahne haben nicht nur in der Ukraine, sondern auch in vielen westlichen Ländern, deren Staatsoberhäupter und Politiker den Thesen des Pontifex öffentlich widersprochen haben, für Ärger und Unverständnis gesorgt. In dieser Diskussion spielt auch der Vergleich von Franziskus mit einem der größten Führer der katholischen Kirche, Johannes Paul II, eine wichtige Rolle. Es scheint niemand daran zu zweifeln, dass der polnische Papst im Krieg Russlands mit der Ukraine auf der Seite des Opfers gestanden hätte und nicht den Schulterschluss mit dem Aggressor gesucht hätte. Und vor allem hätte er uns nicht angeboten, mit einer weißen Fahne an den Verhandlungstisch zu kommen, sondern hätte uns aufgefordert, keine Angst zu haben.

Hinter diesem Vergleich stehen jedoch unterschiedliche Zeiten und unterschiedliche Lebenserfahrungen der beiden Hierarchen. Die Wahl des polnischen Kardinals zum Papst hat gezeigt, dass die katholische Kirche die offensichtliche Tatsache verstanden hat, dass ein großer Teil ihrer Gläubigen – wahre Gläubige, die in Gemeinschaften zusammengeschlossen sind und nicht nur zur Kirche gehen, um eine Kerze anzuzünden – hinter dem Eisernen Vorhang in den offiziell „gottlosen“ Ländern Mitteleuropas lebt. Die Kirchenführer in diesen Ländern ähnelten den ersten Christen. Der ungarische Kardinal Jozsef Mindszenty wurde sowohl von den Nazis als auch von den Kommunisten inhaftiert, und nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands 1956 versteckte er sich fast 15 Jahre lang in der amerikanischen Botschaft in Budapest. Der ukrainische Kardinal und Leiter der UGCC Josyf Slipyj verbrachte 18 Jahre in sowjetischen Gefängnissen und Lagern. Solche Beispiele von Unterdrückung und Mord würden für eine Enzyklopädie ausreichen und belegen, dass die katholische Kirche gegen kommunistische Regime kämpfte, deren Ziel es war, sie an den Rand zu drängen oder, wie im Falle der griechischen Katholiken, ganz zu vernichten. Was sollte ein Pfarrer aus einem kommunistischen Land zu seinen Schäfchen sagen? Natürlich: „Habt keine Angst!“ Denn „Angst“ würde bedeuten, „die Kirche für eine Parteiversammlung zu verlassen“.

Der Zusammenbruch des Kommunismus bedeutete jedoch auch den Beginn von vorhersehbaren Prozessen – Säkularisierung, eine Diskussion über die wahre Rolle der Kirche in der Gesellschaft. Und je mehr sich die Gesellschaften der ehemals kommunistischen Länder ihren europäischen Nachbarn annähern, desto weniger wichtig wird die Rolle der Kirche in diesen Gesellschaften. Und das ist nicht verwunderlich, denn die Kirche hat selbst unbewusst zu diesen Prozessen beigetragen, als sie die Gewissensfreiheit ihrer Gläubigen selbst in den dunkelsten Zeiten bewahrte. Und Gewissensfreiheit bedeutet immer auch Entscheidungsfreiheit.

Deshalb wandte sich die katholische Kirche vorhersehbar der Herde des „globalen Südens“ zu, denn dort befindet sich heute das Zentrum ihrer lebendigen Gemeinschaften. Dieser Prozess begann bereits zu Lebzeiten von Johannes Paul II., der Bergoglio zum Kardinal machte und ihm den Weg zum Papstthron ebnete. Und die Wahl von Franziskus zum Papst war nur eine Bestätigung des Prozesses, denn schon vor dieser Entscheidung des Konklaves hatten Kirchenbeobachter seit mehreren Jahren die Möglichkeit eines Papstes aus Lateinamerika oder Afrika diskutiert.

Doch die lateinamerikanischen Diktaturen und populistischen Regime, in deren Schatten der argentinische Kardinal stand, stellten die Rolle und Autorität der Kirche nicht in Frage, sondern waren stets betont katholisch. Priestern wie Jorge Bergoglio ging es vielmehr darum, die „Kirche des einfachen Volkes“ zu erhalten und Priester und Gläubige vor Repressionen zu bewahren – auch wenn es widersprüchliche Berichte über die Rolle des künftigen Papstes gibt. Doch bei diesem Widerstand wählte jeder seinen eigenen Weg. Kardinal Bergoglio war bekanntlich der geistige Vater der so genannten Eisernen Garde, einer Organisation, deren Anhänger für einen friedlichen Kampf gegen das Regime eintraten, das die Rückkehr ihres Idols, General Juan Perón, an die Macht verhinderte. Die bewaffneten Guerilleros der Montoneros-Bewegung verziehen dem zukünftigen Papst dies nicht und beschuldigten ihn später der Kollaboration mit der Militärjunta. Aber wie wir sehen, war Franziskus in seinen politischen Entscheidungen immer absolut konsequent und hat abrupte Schritte abgelehnt.

Und natürlich wusste der polnische Papst genau, was die Sowjetunion war und was Russland war. Für Karol Wojtyła war Moskau die Hauptstadt des Landes, das Polen nicht erlaubte, ein freier Staat zu sein, und London war die Hauptstadt des Landes, in dem die polnische Exilregierung arbeitete und die Kräfte zur Befreiung des Heimatlandes formte. Für Jorge Bergoglio ist London die Hauptstadt eines Landes, das sich immer noch weigert, die argentinischen Malvinas-Inseln aufzugeben und sie Falkland nennt, und Moskau ist das Zentrum eines Landes von „großer Kultur und Menschlichkeit“, des Landes seines Lieblingsschriftstellers Dostojewski. So kann sich der polnische Papst nur vom argentinischen Papst unterscheiden. Und obwohl der Papst formell im Namen der gesamten katholischen Welt spricht, war Johannes Paul II. die Stimme der vom Kommunismus versklavten Völker Europas im zwanzigsten Jahrhundert, und Franziskus ist die Stimme des „globalen Südens“ im einundzwanzigsten.

Und dies sind sehr unterschiedliche Stimmen.

CAUDILLO. Vitaly Portnikov. 26.11.1999.


Quelle: Getty Images

https://zn.ua/politcs_archive/kaudilo.html

Die ersten 100 Tage von Wladimir Putins als Premierminister Russlands sind sehr aufmerksam beobachten worden: Zeitungsartikel, Berichte von Soziologen über weiteres Wachstum der Umfragewerten des Regierungschefs. Die Artikel führender Journalisten waren in eher mystischen Tönen verfasst: das Phänomen Putin, Putins Geheimnis, Putins Unberechenbarkeit. Es gab auch viele Geschenke von der politischen Elite. Am Vorabend der 100 Tage trafen Juri Luschkow und Jewgeni Primakow gemeinsam mit dem Premierminister zusammen, nachdem sie ihre Unterstützung für die Maßnahmen der Regierung erklärt hatten. Die Presse berichtete sofort, dass Primakow und Luschkow mit Putin vereinbart hätten, seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen 2000 zu unterstützen, wenn im Gegenzug die scharfe Kritik gegenüber „Vaterland“ und „Gesamtussland“ in den kremlnahen Medien abnimmt. Obwohl es keine wirkliche Bestätigung für derartige Vereinbarungen gibt, haben Gouverneure, die beide rivalisierenden Vereinigungen unterstützen, begonnen, Initiativen für die Nominierung eines gemeinsames Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen 2000 zu ergreifen – natürlich sollte dieser Kandidat Putin sein. Auch Anatoli Tschubais hat erklärt, daß er Putin auf jeden Fall helfen wird Präsident von Rußland zu werden – natürlich nur, wenn der Premierminister ihn um Unterstützung bittet. Und nach der Tatsache zu urteilen, dass ein anderer Führer der Union der Rechten Kräfte, Boris Nemzow, ebenfalls seine Unterstützung für Putin erklärt hat, ist dies die gemeinsame Position derjenigen, die in Russland gemeinhin als Liberale bezeichnet werden.

Wir haben es also zum ersten Mal seit langer Zeit mit einer demonstrativen Konsolidierung der russischen politischen und wirtschaftlichen Elite zu tun. Diese Konsolidierung wird durch den Premierminister selbst gefördert, der kurz vor seinem 100-Tage-Jubiläum erklärte, dass eine Entprivatisierung unzulässig sei. Putins Erklärung ist nicht nur eine Reaktion auf die Äußerungen von Jewgeni Primakow, der sich für eine Überprüfung der Privatisierungsergebnisse ausgesprochen hat. Sie ist auch eine Garantie für das Eigentum, die Unverletzlichkeit und die Sicherheit der bestehenden Elite, eine Garantie für die Aufrechterhaltung des Status quo im Falle von Veränderungen im politischen Leben des Landes. Indem er es wagte, über seine wirtschaftlichen Ansichten zu sprechen, hat Wladimir Putin – nach drei Monaten Militärkampagne – einmal mehr bewiesen, dass es ihm mit der Rolle des Nachfolgers von Boris Jelzin ernst ist

Ein neuer Staat

Deshalb sollten Jelzins Worte, er ernenne nicht nur einen neuen Premierminister, sondern eine Person, die von ihm bei den Präsidentschaftswahlen unterstützt werde, endlich ernst genommen werden. Als Jelzin diese Ankündigung machte, hielten die meisten Analysten – und natürlich auch die meisten Bürger der Russischen Föderation – dies für eine weitere Laune von „Opa“ – es gab nicht wenige Personen, die er als Nachfolger ankündigte! In den letzten Monaten hat der Präsident jedoch nicht nur bewiesen, dass er Putin vertraut, sondern auch, dass es nicht so sehr um eine bestimmte Person geht, sondern um die Schaffung einer neuen Staatlichkeit, die sich von der Jelzinschen Staatlichkeit der Vergangenheit stark unterscheidet. Wenn Putin nicht bis zu den Präsidentschaftswahlen durchhält – und es wird von Tag zu Tag offensichtlicher, dass er das tun wird -, dann wird jemand anderes für die Schaffung dieser Staatlichkeit zuständig sein. Aber sein Wesen wird sich nicht von Putins Wesen unterscheiden.

Dieser Staat wird sich in der Tat stark von Jelzins Staat unterscheiden. Ungefähr so, wie Jelzin von 1989 sich von Jelzin von 1999 unterscheidet, ungefähr so, wie die berühmten amerikanischen Reden des in Ungnade gefallenen Jelzin sich von seiner ebenso berühmten Istanbuler Rede unterscheiden, die letzte Woche verlesen wurde. Jelzin, der Präsident der RSFSR, war subversiv, revolutionär, zerstörerisch. Er verteidigte die Ehre des russischen Volkes, die nach Jahrzehnten der bolschewistischen Schmach wiederhergestellt werden musste. In Istanbul verteidigte Jelzin die Handlungen der Staatsstruktur, die er bereits aufgebaut hatte – er verteidigte sie nicht weniger heftig, als er die sowjetische Vergangenheit angegriffen hatte. Es ist diese Struktur, die Jelzin Putin überlässt. Aber auch sie wird nur das Fundament für den Staat sein, in dem die Russen in den nächsten Jahrzehnten leben müssen.

Es wird ein Staat sein, in dem sich die Regierung nicht auf den Enthusiasmus des aktiven Teils der Gesellschaft verlassen wird, wie es Jelzin Anfang der 1990er Jahre tat, sondern auf die Geheimdienste und die Armee, auf Menschen, die schon in den Prozessen des letzten Jahrzehnts eine entscheidende Rolle gespielt haben, die aber, der revolutionären Unsicherheit überdrüssig, beschlossen haben, sie durch restaurative Stabilität zu ersetzen. Dieser Staat wird eine geschlossene Elite haben, sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Die Opposition wird die prinzipiellen Entscheidungen der Regierung begrüßen und nur die einzelnen Details oder die Methoden zur Umsetzung dieser Entscheidungen kritisieren. Die Rechte der Eigentümer werden durch die Weigerung des Staates die Ergebnisse der Privatisierung zu überprüfen, und durch die führende Rolle der Behörden und der ihnen nahestehenden Unternehmer in den wirtschaftlichen Prozessen gesichert werden. Die föderale Regierung wird den regionalen Gebietskörperschaften genau so viele Befugnisse entziehen, wie sie benötigt, wobei die regionale Führung die volle Verantwortung für die Situation vor Ort behält. Der Separatismus wird für einige Zeit zu einem historischen Phänomen werden.

In diesem Staat wird es keine Redefreiheit geben. Nach außen hin wird alles erhalten bleiben – nichtstaatliche Schriftmedia und Fernsehsender, freier Zugang zum Internet. Aber jeder wird die Reden des Präsidenten auf fast die gleiche Weise kommentieren, auch in Internetpublikationen. Der Westen wird natürlich Geld bereitstellen, um die Demokratie in Russland zu unterstützen, für die Aktivitäten von Menschenrechtsorganisationen, die ihre Bulletins in kleinen Auflagen drucken werden, hauptsächlich für westliche Sponsoren.

Die ehrlichsten Journalisten werden über Kultur schreiben. Die professionellsten werden über Wirtschaft schreiben. Die Nicht-Journalisten werden über Politik schreiben.

Die Mehrheit der Bevölkerung wird sich für all das nicht interessieren. Die Mehrheit wird sich sicher sein, dass sie ein starkes Russland aufbauen, das bereit ist, Terrorismus, Korruption und Wirtschaftskrise zu beenden. Die Perestroika-Demokratie wird als eine Zeit der Enttäuschung in Erinnerung bleiben. Aber die Behörden werden behaupten, dass in dieser Zeit die Grundlagen für ein neues, starkes Russland gelegt wurden. Die Kritik vom Westen wird nach außen hin spöttisch wahrgenommen werden – jetzt haben sie Angst vor unserer Stärkung. Aber bei den Verhandlungen wird man geduldig erklären, dass Russland, wenn man auf die Härte der Macht verzichtet, in die Hände von Revanchisten und Kommunisten geraten könnte. Und sonst würde sich die Marktwirtschaft in Moment erfolgreich entwickeln. Der Westen wird glauben, dass genau diese Marktwirtschaft den Russen in Zukunft Freiheit bringen wird.

Ein Caudillo wird gebraucht

Wenn man sich dieses Modell genau ansieht, beginnt man zu verstehen, warum Wladimir Putin als Nachfolger ausgewählt wurde. Er ist ein anschauliches Beispiel für einen nicht-charismatischen Politiker, so dass die Medien, die versuchen, seine Persönlichkeit zu propagieren, erklären, dass der russische Premierminister weder Charme noch Charisma hat, aber eine sehr starke Präsenz! Ich wage zu behaupten, dass jede Person, die das Amt des russischen Premierministers innehat und Präsident des Landes werden soll, eine sehr starke Wirkung auf die Öffentlichkeit ausübt. Ich würde gerne die Präsenz von Putins Präsenz während seiner Jahre beim KGB sehen – dort hätte man ihn definitiv wegen einer solchen Präsenzwirkung aus dem Dienst geworfen.

Jelzin – sei es der Präsident selbst, sei es der innere Kreis des Präsidenten – hat sich nicht für eine Persönlichkeit entschieden, sondern für die Struktur eines autoritären Staates. Ein nicht-kommunistischer, nicht-demokratischer, nicht-faschistischer, nicht-nationalsozialistischer Staat. Sagen wir es mal so: ein nationaler. Ein solcher Staat wurde in Spanien von Francisco Franco aufgebaut, dem berühmten Caudillo, der sich nur radikaler politischer Strömungen bediente, um seine Macht zu erhalten. Der Francismus ließ der Demokratie keine Chance, tolerierte aber die unterschiedlichen Ansichten und Positionen innerhalb der Anhänger des Regimes, errichtete – zumindest nach dem Zweiten Weltkrieg – keinen „Eisernen Vorhang“ zwischen seinem Land und der Außenwelt, schuf schließlich die Grundlage für die Existenz einer Mittelschicht in Spanien, die wiederum eine Voraussetzung für den Übergang zur Demokratie ist. Wenige Jahre nach Francos Tod war Spanien also bereits ein demokratisches und sich dynamisch entwickelndes Land. Der Caudillo selbst war übrigens ein Mann ohne Glanz und erschien an der Spitze des spanischen Staates – ganz zu schweigen von der Dauer seiner Herrschaft – eher aufgrund einer Verkettung zufälliger Umstände und Machtgier, als aufgrund außergewöhnlicher persönlicher Qualitäten.

Für die damalige spanische Elite, die den Bürgerkrieg gewonnen hatte – eine bunte Mischung aus verärgerten Militärs, Monarchisten (Anhänger zweier jahrhundertealter rivalisierender Dynastien), Faschisten und respektablen Konservativen – war er einfach sehr bequem, da der Sieg einer dieser Gruppen und die Inthronisierung einer ihrer Führer automatisch die Beseitigung aller anderen von der Bildfläche bedeutete. Und Franco, der erklärte, er habe „keine anderen Feinde als die Feinde Spaniens“, garantierte zumindest die Illusion eines Kompromisses und das Überleben aller Gewinner, so wie Putin, der für ein starkes Russland eintritt, die Koexistenz und das Überleben aller Gewinner des letzten reformistischen Jahrzehnts garantiert – natürlich nur, wenn die vom Regime vorgeschlagenen Spielregeln akzeptiert werden. Die Leichtigkeit, mit der Politiker vom Kaliber Tschubais diese Spielregeln akzeptieren („Ich fange an, Dinge zu sehen“, sagt Anatoli Tschubais), macht deutlich, dass die Demokratie in Russland in naher Zukunft nur für „professionelle“ Oppositionelle wie Grigori Jawlinski von Interesse sein wird. Dieser Politiker mit offenkundig sozialdemokratischen Ansichten entpuppt sich im Ergebnis als Liberaler – denn er spricht von der Notwendigkeit mit den Tschetschenen zu verhandeln, auch wenn dieser Gedanke von der unterwürfigen russischen Gesellschaft abgelehnt wird -, wird aber vom Westen propagiert, der sich der Kriminalität und Unmoral dessen, was im Nordkaukasus geschieht, sehr wohl bewusst ist. Aber Jawlinski stört niemanden: Mit seinen 8-10 Prozent der Stimmen wird er immer als wandelndes Beispiel für Demokratie gebraucht werden – „wir hören sogar auf diejenigen, die uns auffordern, die Interessen Russlands zu verraten“. Aber Politiker wie Luschkow oder Primakow werden entweder die Entscheidung des Kremls akzeptieren oder sich aus der großen Politik zurückziehen – in Luschkows Fall könnte dies auch ein öffentlichkeitswirksames Anti-Korruptionsverfahren unmittelbar nach der unvermeidlichen Moskauer Wirtschaftskrise im nächsten Jahr bedeuten.

P.S. Kurz gesagt, Russland wird das neue Jahrtausend in der Tat anders beginnen als vor der Perestroika und ganz anders als nach der Perestroika. Und die Ukraine? Lassen Sie mich gleich anmerken, dass unser Land dank der Besonderheiten seiner geographischen Lage die Chance hatte, eine Autoritäsierung seines Staatsapparates zu vermeiden. Aber sie konnte diese Chance aufgrund der bekannten Umstände ihrer historischen Entwicklung nicht nutzen. Wenn wir also die Parallelen fortsetzen, wird das ukrainische Regime dem portugiesischen Regime zur Zeit Francos – dem Salazar-Regime – stark ähneln. Das Regime ist farblos, konservativ, schlafwandlerisch provinziell. Ein Regime mit einer reichen Elite und einem armen Volk. Aber – freundlich zum Westen, obwohl wirtschaftlich abhängig vom „großen Nachbarn“ – Spanien.

Wie es weitergeht, können Sie in jedem Geschichtsbuch nachlesen….

„Degradation, Repressionen und Krieg“. Was bedeuten Putins „Wahlen“ in Russland? Vitaly Portnikov. 16.03.24.

Fotocollage mit einem kombinierten Bild von Leonid Breschnew und Wladimir Putin in einer Person.

https://www.radiosvoboda.org/a/vybory-putin/32864140.html

Westliche Kommentatoren, die ihren Zuschauern und Lesern über die so genannten Präsidentschaftswahlen in Russland berichten, verwenden Beispiele aus berühmten utopischen Romanen, um die russische Realität zu beschreiben. Der Text einer der niederländischen Veröffentlichungen trägt den Titel: „1984“ Orwells 1984 wird in Russland Realität“.

„Freiheit ist Sklaverei. Krieg ist Frieden. Unwissenheit ist Macht“. Der junge Wissenschaftler beschreibt, wie sich George Orwells berühmte Slogans zunehmend in seinem Umfeld widerspiegeln. Der Mann, der selbst einer ethnischen Minderheit angehört, lebt in einem russischen Regionalzentrum. Er spricht unter der Bedingung der Anonymität, weil er bereits mehrmals den FSB aufsuchen musste. „Je länger der Krieg andauert, desto schwieriger wird es, sich selbst treu zu bleiben. Es gibt immer mehr Themen, die gefährlich werden“, sagt er.

Ein vertrautes Bild, nicht wahr? Die meisten Informationen aus Russland haben mit dieser Angst vor den Sicherheitsdiensten und der Zukunft zu tun.

Putin und der „vorläufige Nachvolger“

Aber wann hat es in diesem Land das letzte Mal nicht nur faire, sondern auch konkurrenzfähige Wahlen gegeben?

Im Juni 1996 berichtete ich für Radio Svoboda über die Ergebnisse der russischen Präsidentschaftswahlen. Die Hauptkonkurrenten waren Boris Jelzin und Gennadi Sjuganow.

Trotz des Interesses der Eliten an einem Sieg Jelzins, der Sympathie der Medien und seiner starken Stellung in Moskau konnte niemand den Sieg des amtierenden Präsidenten garantieren. In dieser Nacht verlor ich meine Stimme, so oft musste ich auf Sendung gehen.

Aber das war die letzte Wahl, bei der meine Stimmbänder während der russischen Präsidentschaftswahlen bedroht waren. Denn seit der letzten Wahl im Jahr 2000 stand der Sieger schon vor der Wahl fest. Und es war immer Wladimir Putin. Na ja, fast immer. Denn einmal war es Dmitri Medwedew. Aber auch an seinem Sieg zweifelte niemand, denn er war der offizielle „Interims-Nachfolger“, der von Putin selbst ausgewählt worden war.

„Degradierung der Macht und der Gesellschaft“

Ich habe mich immer gefragt, warum viele meiner Freunde in Russland dieses Modell der permanenten Macht nicht alarmierend fanden. Zu Beginn von Putins Herrschaft gab es im Büro von Radio Svoboda ein humorvolles Plakat, das Putin selbst und seine engsten Mitarbeiter im Alter von 70-80 Jahren zeigte (und damals waren sie noch relativ jung), eine Parodie auf das Politbüro zu Leonid Breschnews Zeiten. Aber jetzt sieht das Plakat überhaupt nicht mehr wie ein Scherz aus, denn die Leute, die der Künstler gezeichnet hat, sehen genauso aus wie auf diesem Plakat und regieren Russland weiterhin.

Die lange Regierungszeit Putins ist ein fast lehrbuchhaftes Beispiel für die bekannte These, dass ein endloser, unbegrenzter Verbleib an der Macht nur mit der Degradierung sowohl des Herrschers als auch der Gesellschaft, die diesen Zustand akzeptiert, enden kann. Alles begann mit der Hoffnung auf „neue Gesichter“, den Kampf gegen die Oligarchen und die Wiederherstellung der Ordnung im Land, und der neue junge Präsident verblüffte die Öffentlichkeit mit seinen „unpolitischen“ Äußerungen und seinem Verhalten als „einfacher Mann“.

Und alles endete mit „1984“ von Orwell. Mit Degradation, Repressionen und Krieg.

Eine gedämpfte Kerze. Svitlana Kmyta. Übersetzung Yevhenia Komarova.

Du wirst leeren Häusern erzählen, was war mit uns beiden.

Vögel singen nicht, Lippen ohne andere Lippen erkalten,

Ohne Deinen belebenden Küssen meine Haut verwelkt.

Ist es möglich, darunter die wütende Trauer nicht zu bemerken?

Jedes Mal in sich Gute und Böse vom Neuen bemessen,

Dem lieblosen Schicksal leise flüstern den lieblichsten Namen der Welt?

Stille schluckend, vor Liebe vergehen und Leere verspüren.

Du wirst Vögeln erzählen, wie war‘s mit uns früher,

Die so stumm sind geworden, dass niemand und nimmer sie hört.

Aber unsere Liebe – sie glimmt in Erinnerung wie Gottesflamme,

Überwindet den Krieg und die Finsternis, beide Verdammten,

Wo die Kerze der unseren Zartheit bestreitet den Tod.


Притишена свіча

ти порожнім оселям розкажеш, що сталось між нами

не співають птахи і вуста не зігріті вустами

без живильних цілунків пустеля – вся шкіра моя –

як під нею журбу неприборкану не помічати?

власні зло і добро починати щомиті спочатку

шепотіти до долі безрідної рідне ім’я

палко потайки скніти під небом ковтаючи тишу

ти розкажеш птахам те, що сталося з нами раніше

занімілим аж так, щоб ніколи ніхто не почув,

але пам’ять тепліє тобою як відданість Божа

що пітьму подолає, що відстань війни переможе

там, де ніжність між нами Господь запалив як свічу

Die Formel der Zerstörung der Ukraine | Vitaly Portnikov. 14.03.24

Der stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrates der Russischen Föderation und ehemalige Präsident Russlands Dmitri Medwedew hat seine eigene russische Friedensformel vorgelegt, sozusagen als Antwort auf die von der ukrainischen Führung propagierte Friedensformel. Diese so genannte Medwedew-Friedensformel, die russische Friedensformel, ist natürlich keine Friedensformel oder gar eine Formel für einen Sieg Russlands im Krieg. Sie ist eine Formel für die Zerstörung der Ukraine. Sie enthält viele widersprüchliche Punkte, aber wenn man sie alle auf einen Nenner bringt, wird absolut klar, dass der ukrainische Staat aufhören zu existieren muss, sein Territorium muss mit der Russischen Föderation wiedervereinigt werden, und vorher muss es von Russland ausgeraubt werden. Denn Dmitri Medwedew verlangt von der ukrainischen Führung nicht nur eine Entscheidung über den Beitritt zur Russischen Föderation, sondern auch die Bereitschaft zur Zahlung von Reparationen an russische Bürger, die an der Front gefallen sind, sowie an alle, die während des russisch-ukrainischen Krieges Verluste erlitten haben.

Mit anderen Worten, für Dmitri Medwedew und seine Landsleute sind die Bewohner des Territoriums der heutigen Ukraine Bürger zweiter Klasse, die um des Reichtums derjenigen willen beraubt werden müssen, die sich an Putins Krieg gegen unser Land beteiligt haben. Und das ukrainische Territorium wiederum soll der Russischen Föderation angegliedert werden, damit deren Bürger diese eroberten und zerstörten Gebiete weiter ausplündern können. Und genau das ist das eigentliche Programm der russischen politischen Führung für den Krieg gegen die Ukraine.

Wir haben immer wieder erklären müssen, dass es nicht darum geht, die Gebiete der Krim, von Donezk, Luhansk, Cherson oder Saporischschja an die Russische Föderation anzugliedern. Es geht nicht einmal um den Wunsch den gesamten Osten und Süden der Ukraine an die Russische Föderation anzugliedern. Und übrigens auch nicht um den Wunsch, die gesamte Ukraine an die Russische Föderation anzugliedern. Es geht um ein politisches Programm, das die Rückkehr der Russischen Föderation zu den Grenzen der Sowjetunion von 1991 bedeutet. Gleichzeitig kennen wir im Prinzip das Datum, an dem die politische Führung der Russischen Föderation diese Grenzen erreichen will. Das ist das Jahr 2030, d.h. die nächsten Präsidentschaftswahlen in der Russischen Föderation. Und Wladimir Putin, der in wenigen Tagen als Führer Russlands in Anführungszeichen wiedergewählt wird, will 2030 als Führer eines wiederhergestellten Imperiums, einer Art Russischer Union, antreten. Und er will diese Wahlen auf dem gesamten Gebiet der ehemaligen Sowjetunion abhalten, innerhalb der im 20. Jahrhundert verlorenen Grenzen. Dies ist der politische und militärische Plan, den die Führung der Russischen Föderation umzusetzen versucht.

Übrigens glaube ich manchmal, dass Dmitri Medwedew deshalb so aktiv Propaganda betreibt, weil er vielleicht hofft, als Nachfolger von Wladimir Putin aufzutreten, nicht als Präsident der Russischen Föderation, wie er es bisher war, sondern als Oberhaupt dieses neuen imperialen Staates mit Grenzen von Uschhorod bis Aschgabat.

Der Krieg mit der Ukraine ist nur ein Teil des ehrgeizigen, menschenverachtenden Plans Russlands. Es ist jedoch völlig klar, dass Russland ohne einen Sieg über unser Land und ohne die Integration des gesamten Territoriums, ich betone des gesamten Territoriums der Ukraine, in die Russische Föderation praktisch keine Möglichkeiten hat, andere ehemalige Sowjetrepubliken zur Aufgabe ihrer Staatlichkeit zu zwingen. Wie wir sehen, kann man nicht einmal den Chef des Besatzungsregimes in Belarus, den arroganten Alexander Lukaschenko, dazu zwingen.

In dieser Situation ist der Krieg mit der Ukraine zu einer wirklich existenziellen Aufgabe für den russischen Präsidenten Wladimir Putin, seine Mitarbeiter und das russische Volk geworden, das Putins Vorstellung von den Grenzen des eigenen Staates teilt. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass der heldenhafte Widerstand der Ukrainer gegen die russischen Pläne das gesamte Entwicklungsprogramm des russischen Staates blockiert hat, das von den Tschekisten in den 1990er Jahren verabschiedet wurde, nachdem die Sowjetunion auf schändliche Weise von der politischen Weltkarte verschwunden war und als eines der widerlichsten und abscheulichsten Gebilde der Menschheitsgeschichte in Erinnerung blieb.

Auf diese Weise bringt Dmitri Medwedew zum Ausdruck, was diese Leute wirklich wollen. Sie wollen das gesamte Gebiet der Ukraine an die Russische Föderation angliedern. Und hier sollte man sich keine Illusionen machen, Russland wird sich nicht mit irgendwelchen separaten Regionen zufrieden geben, weder mit der Krim noch mit dem Donbas. Das ist nur ein Sprungbrett für die weitere Zerstörung der gesamten Ukraine. Und wenn es den Russen gelingt, eine andere ukrainische Region zu erobern, wird dies auch ein Sprungbrett für die Eroberung neuer ukrainischer Regionen sein. Das ist die Formel.

Das zweite Ziel dieser tollwütigen Bande ist es, die Ukraine auszurauben. Auch das ist für sie sehr wichtig. Schon allein deshalb, weil sie, als sie schließlich begannen die Russische Föderation selbst zu kontrollieren, feststellten, dass der größte Teil des Besitzes bereits von den Oligarchen aus Jelzins Zeiten abgeschrieben worden war. Diese Putin-Bande, zu der natürlich auch Dmitri Medwedew gehört, blieb sozusagen mit den Resten vom Stehtisch zurück. Und so brauchen sie neue Gebiete zum Plündern, wobei sie die Vertreter anderer russischer Raubclans fernhalten.

Schauen Sie sich an, was auf der Krim oder im Donbass passiert, denn dort agieren die Verbündeten von Wladimir Putin, denn sie sind die Hauptverantwortlichen für die Ausplünderung der besetzten Gebiete.

Und das dritte wichtige Ziel der Russen ist es, den Westen zu demütigen und ihn zu zwingen, ihre Eroberungen zu legitimieren. Dies hängt mit dem Wunsch zusammen Russlands Zukunft als einen wichtigen Einflusspol in der Welt zu sehen, den Putin aufbauen will, Russland als ein Land zu sehen, das Europa einschüchtern und somit kontrollieren wird.

Es ist also ein ziemlich einfacher und erschreckender Plan, der nur durch ukrainischen Widerstand und die Beteiligung des Westens an diesem Widerstand vereitelt werden kann. Andernfalls warten dunkle Zeiten auf uns alle.

Nach Hause. Svitlana Kmyta. Übersetzung Yevhenia Komarova.

Dir begegnen in diesem und anderen, weiteren Leben,

zwischen Welten, im Leiden vergehenden ohne Vergeben.

Mein Herz wird Dich immer begleiten, beleuchtend die Wege.

Dir zu Hause wieder begegnen.

Dir begegnen, wo Erde zum Kloß wird im Hals zum Ersticken,

wo die Uhren des Lebens mit wilder Geschwindigkeit ticken,

wo Du wartest, im Schweigen verhüllt, auf mich ohne Ende.

Dir zu Hause wieder begegnen.

Wo die Wurzeln sind zäh, wie von alten Akazienbäumen,

werden wir beide wieder geboren, wie wir es erträumen.

Trotz Verluste und Müdigkeit werden wir nicht aufgeben –

uns zu Hause wieder begegnen.

Trotz Nachrichten und Nächte, die weiter nur düsterer werden,

wie man leben und lieben kann, werden wir nimmer verlernen.

In den finstersten Zeiten die Liebe uns führt durch das Leben –

uns zu Hause wieder begegnen.


Додому

знов зустріти тебе між скалічених лихом світів тих

щоб тобі світляком нерозумного серця світити

бути поруч у цьому житті і в наступних потому

місце зустрічі – вдома

де земля – ком у горлі і пісня померхла у місті

там де вік у безсмертя короткий – від звістки до звістки

там де ти мене ждеш та про мене не скажеш нікому

місце зустрічі – вдома

де коріння чіпке – мов коріння жилавих акацій

ми відродимось вкотре – нам стане сил перечекать ці

втрат сипучі піски і граніти тяжкої утоми

місце зустрічі – вдома

хоч стрічки кулеметні й новинні

все довше і ближче

та при часі такім нас учити любити облиште

пам’ять вчить як любити щомиті і палко до скону

місце зустрічі – вдома

Einhundert Jahre in die Zukunft. Vitaly Portnikov. 10.03.24.

https://zbruc.eu/node/117922

Kommentatoren, die sich mit den Verbrechen Russlands in der Ukraine befassen, neigen dazu, immer wieder denselben offensichtlichen Satz auszusprechen: Wie kann das alles im einundzwanzigsten Jahrhundert passieren?

Aber von welchem einundzwanzigsten Jahrhundert sprechen wir, wenn es um Russland geht? Glauben wir wirklich, dass sich die Zivilisation in verschiedenen Teilen der Welt nach den gleichen Gesetzen entwickelt und dass alle zur gleichen Zeit zu den gleichen Schlussfolgerungen und Werten kommen? Und warum vergleichen wir das Russland des 21. Jahrhunderts mit dem Westen unserer Zeit?

Russland ist ein Dauerfrostland, nicht nur in Bezug auf das Klima, sondern auch in Bezug auf Geschichte, Politik, wirtschaftliche und kulturelle Prozesse. Als in Europa die großen blutigen Revolutionen begannen, die schließlich zum Verschwinden des Feudalismus und zur Einführung der Gleichheit führten, gab es in der Moskau eine Bauernrevolte nach der anderen. Bauernaufstand deshalb, weil es in Russland nie Städte im europäischen Sinne, Zentren gleichberechtigter Bürger, Zentren der Freiheit und der Möglichkeiten, gab. Das Land selbst entstand aus der Diktatur Andrej Bogoljubskij in Wladimir am Kljasma. Peter der Große führte kosmetische Reformen durch, aber die Leibeigenschaft wurde im Reich erst dann abgeschafft, als sie in Europa bereits vergessen war. Verfassungen waren in Russland bis zum Zusammenbruch der Romanow-Dynastie nicht erlaubt, und die bolschewistische Verfassung war natürlich eine Fiktion, was bedeutet, dass Russland nie eine echte Verfassung hatte. Das lässt die Geschichte dieses Landes herzzerreißend erscheinen: „Einfrieren des Lebens“ vor den Revolutionen von 1905-1917, ein starker Schub, „Normalisierung“, ein neues „Einfrieren“ bis zur Perestroika von Gorbatschow, ein weiterer Schub, „Normalisierung“ und ein neues Einfrieren. Gleichzeitig liest sich das russische Geschichtsbuch wie die Geschichte eines anderen Landes, umgeschrieben von einem nicht ganz so fleißigen Schüler. Die russischen Revolutionen ähneln den französischen Revolutionen, nur mit der Publizistik von Lenin und Trotzki anstelle der Enzyklopädie von Voltaire und Diderot. Stalin, der „Rote Kaiser“ georgischer Abstammung, der die Unabhängigkeit seines Heimatlandes zerschlug, „spielt“ einen echten Kaiser – den korsischen Napoleon, dessen Herrschaft auch den nationalen Wettkämpfen Korsikas ein Ende setzte. Und wie nicht anders zu erwarten, entdeckt dieses Russland, das in der Vergangenheit eines anderen steckt, fast hundert Jahre nach Hitler den Nationalsozialismus, und sein neuer, zufällig an die Macht gekommener Herrscher versucht sein Bestes um den Gründer des „Tausendjährigen Reiches“ zu imitieren, der sich über die globale Ungerechtigkeit ärgerte. Die Krim ist eine Neuauflage des österreichischen Anschlusses. Der Donbas ist ein weiteres Sudetenland. Die Ukraine ist ein Versuch die Tschechoslowakei zu zerstören und Lukaschenko in der Rolle des Mussolini einzusetzen. Selbst Putins Rhetorik erinnert so sehr an Hitler, dass der Witz in den sozialen Medien dazu einlädt, zu erraten, von welchem der beiden Verbrecher das Zitat stammt. Die Russen sind also nicht im einundzwanzigsten, sondern im zwanzigsten Jahrhundert angekommen und haben sich, wie immer bei ihnen, genau das Modell ausgesucht, dem sie folgen könnten – viel Blut, Pathos und Hass.

Dass sich die Ukraine in dieser Situation so sehr von Russland unterscheidet, erklärt sich gerade dadurch, dass die Zeiträume unseres historischen „Einfrierens“ etwas kürzer waren. Die ukrainischen Länder haben die Goldene Horde nicht kopiert, wie es Wladimir, Rostow und Moskau taten. Sie wurden Teil des Moskauer Reiches mit der Erfahrung politischer, genauer gesagt parlamentarischer, Kultur und freier Städte. Ja, die Sowjetzeit war in der Ukraine und in Russland zeitlich praktisch identisch, aber unsere westlichen Gebiete wurden erst in den 1940er Jahren von den Bolschewiken erobert. Und vor allem waren Galizien, Bukowina und Transkarpatien bis dahin nie Teil des Russischen Reiches gewesen, und ihre Annexion war ein fataler Fehler Stalins, sonst hätten wir Weißrussland und nicht die Ukraine auf unserem Gebiet gehabt. Aus diesem Grund haben die alten Erfahrungen der Bewohner der zentralen Ukraine in Verbindung mit den jüngsten Erfahrungen der Bewohner der westlichen Regionen zu einem scheinbar unvorhersehbaren Ergebnis geführt: Die Ukraine, die konservativste der Sowjetrepubliken, überholte Russland in der politischen Entwicklung innerhalb eines Jahrzehnts nach der Wiedererlangung ihrer Unabhängigkeit und bewegte sich weiterhin rasch auf die Gegenwart zu, während Russland selbst wieder einmal glücklich in der Vergangenheit eines anderen feststeckte.

Die Russen haben ein berühmtes Sprichwort: „Man muss in Russland lange leben“ – das heißt natürlich, dass man nur so die Veränderungen sehen kann. Und ich bin neugierig zu erfahren, warum? Um zu sehen, wie die Kulisse eines Kolchosstücks über die Französische Revolution durch einen schlechten Film über das Deutsche Reich ersetzt wird und der Enkel des Mannes, der die Guillotine bediente, seinen Finger jetzt näher an den „roten Knopf“ hält? In Russland zu leben bedeutet, nie die Chance zu haben, die Gegenwart zu erleben. Und deshalb kann ich als jemand, der viele Jahre in Russland gelebt und gearbeitet hat, mit Überzeugung sagen, dass es überhaupt keinen Sinn hat, in Russland zu leben.

Leben muss man in der Ukraine.

CNN: Putin bereitete einen Atomschlag vor|Vitaly Portnikov. 09.03.24

Der US-Fernsehsender CNN berichtet unter Berufung auf Quellen in der Regierung von Präsident Joseph Biden, dass die Vereinigten Staaten Ende 2022 ernsthaft besorgt waren, dass die Russische Föderation einen Atomschlag gegen die Ukraine durchführen könnte, um sich einen Vorteil in dem Krieg zu sichern, den Wladimir Putin im Februar 2022 gegen unser Land begonnen hat. Als die Regierung im Weißen Haus eine solche Bedrohung für möglich hielt, stützte sie sich sowohl auf Analyseelemente als auch auf so genannte sensible Informationen, d. h. Informationen aus Geheimdienstquellen. Insbesondere wurden Gespräche zwischen hochrangigen russischen Beamten abgehört, die ernsthaft die Möglichkeit eines Atomschlags erörterten. Der Grund dafür war die Befürchtung, dass Russland, das zu dieser Zeit einige seiner besetzten ukrainischen Gebiete verlor, Atomwaffen einsetzen könnte um weitere Verluste zu verhindern. Darüber hinaus waren die Vereinigten Staaten besorgt über Äußerungen des russischen Verteidigungsministers Sergej Schoigu, von dem bekannt war, dass er die Verteidigungsminister mehrerer westlicher Länder gewarnt hatte, die Ukraine bereite den Einsatz einer so genannten schmutzigen Bombe vor. Die Vereinigten Staaten sahen diese Warnungen des russischen Militärchefs als Vorbereitungen für den eigenen Einsatz von Atomwaffen an, allerdings in einer Form, die es ermöglichen würde die Ukraine dafür verantwortlich zu machen.

Damals nahmen sie die Drohung sehr ernst. Es fanden regelmäßig Sitzungen des Nationalen Sicherheitsrates der Vereinigten Staaten statt. Darüber hinaus wurden die Kontakte zwischen den Vereinigten Staaten und China und Indien verstärkt. Und diese Länder gaben, wie Sie wissen, Erklärungen über die Unzulässigkeit eines Atomkriegs ab, was aus Sicht der Vereinigten Staaten den russischen Präsidenten Wladimir Putin beeinflussen und ihn davon abhalten sollte eine Entscheidung zu treffen, die die moderne Welt verändern würde.

Und nun müssen wir darüber nachdenken, ob Wladimir Putin zu dieser Besessenheit zurückkehren könnte. Erstens müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass es für den derzeitigen Präsidenten der Russischen Föderation keine roten Linien gibt. Wladimir Putins Stimmung könnte sich gerade deshalb geändert haben, weil die Offensive der ukrainischen Truppen in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine gestoppt wurde. Und Moskau entschied, dass es einen Teil des ukrainischen Bodens, den der Kreml als Sprungbrett für eine weitere Besetzung ukrainischer Gebiete betrachtet, auch ohne den Einsatz von Atomwaffen halten kann. Außerdem wissen wir nicht, inwieweit die Erklärungen Indiens oder Chinas die Pläne des russischen Präsidenten Wladimir Putin wirklich beeinflusst haben. Und ob der russische Präsident einen Militärschlag der Vereinigten Staaten fürchtet, wenn Atomwaffen auf dem Territorium eines nicht-nuklearen Staates, nämlich der Ukraine, eingesetzt werden. Und ob sich die Pläne von Wladimir Putin ändern werden, wenn Donald Trump die US-Präsidentschaftswahlen im November dieses Jahres gewinnt und Putin glaubt, dass der neue amerikanische Präsident im Falle des Einsatzes von Atomwaffen gegen die Ukraine keine harten, energischen Maßnahmen ergreifen wird.

Auf jeden Fall sollten sich die Ukrainer der ernsten Bedrohung bewusst sein, die ihnen im Krieg mit der Russischen Föderation droht. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Ukraine ihre Bemühungen um die Rückeroberung ihrer Gebiete von den russischen Invasoren nicht fortsetzen sollte. Es bedeutet aber auch nicht, dass die Ukrainer davon ausgehen sollten, dass die Russische Föderation in einem Krieg mit der Ukraine unter keinen Umständen Atomwaffen einsetzen kann, dass ein solches Vorgehen des russischen Präsidenten unter keinem Gesichtspunkt möglich ist.

Es ist dieselbe Illusion wie 2014 zu glauben, dass Wladimir Putin keine regulären russischen Truppen einsetzen würde um seine Stellungen im Donbas und auf der Krim zu halten, und 2022 zu glauben, dass ein sogenannter russischer Großangriff auf die Ukraine unmöglich ist.

Wie der polnische Premierminister Donald Tusk zu Recht sagte, lebt Europa nicht mehr in der Nachkriegszeit, sondern in der Vorkriegszeit. Und die gesamte zivilisierte Welt muss sich auf einen verheerenden großen Krieg im 21. Jahrhundert vorbereiten, der in die Geschichte eingehen könnte, so wie der Erste und der Zweite Weltkrieg in die Geschichte des 20.

Und die einzige Frage ist, ob und welche Art von Atomwaffen in einem solchen Krieg eingesetzt werden? Es könnten nicht nur die taktischen sondern auch strategische Atomwaffen sein, was die Entwicklung der menschlichen Zivilisation in den kommenden Jahrzehnten des turbulenten 21. Jahrhunderts beenden könnte.

Aber auch beim Einsatz taktischer Atomwaffen gibt es Varianten. Ist eine Atommacht, selbst die Russische Föderation, bereit, Atomwaffen auf dem Territorium eines nicht-nuklearen Staates einzusetzen? Dies ist vor allem für die nächsten Phasen des russisch-ukrainischen Krieges relevant. Würden die Atommächte auf einen solchen Einsatz mit einem Militärschlag oder neuen Sanktionen gegen einen solchen Staat reagieren? Werden die Vereinigten Staaten, die Volksrepublik China und Indien im Falle des Einsatzes von Atomwaffen durch die Russische Föderation gegen einen Nicht-Atomwaffenstaat eine einheitliche Haltung einnehmen usw. All dies sind natürlich Optionen, die derzeit auf den Sitzungen verschiedener Sicherheitsräte in den Vereinigten Staaten, den europäischen Ländern und der Volksrepublik China ernsthaft diskutiert werden.

Die Tatsache, dass der Westen jetzt ernsthaft über die Vorkriegszeit spricht, über die Möglichkeit, dass westliche Truppen in das Gebiet der Ukraine einmarschieren, bedeutet, dass die westlichen Regierungen über sensible Informationen über neue Pläne der Russischen Föderation verfügen, die für das Schicksal Europas noch schockierender und tragischer sein könnten als die Pläne, die Ukraine anzugreifen. Und diese Sicherheitskrise verschärft sich mit jedem neuen Tag des russisch-ukrainischen Krieges und lässt keinen Raum für Optimismus, nicht einmal den geringsten. Der Optimismus ist am 24. Februar 2022 gestorben. Und es ist nicht bekannt, wann er auf den europäischen Kontinent zurückkehren wird, damit die Menschen aufatmen und zumindest auf eine klare, friedliche Zukunft hoffen können. Die wirkliche Antwort auf den Wunsch der Russischen Föderation, Atomwaffen auf dem Territorium der Ukraine einzusetzen, kann jedoch nur die Aufnahme der Ukraine in die NATO oder zumindest eine Einladung zum Beitritt zum Nordatlantischen Bündnis mit der Ausdehnung der Sicherheitsgarantien zumindest auf das von der rechtmäßigen ukrainischen Regierung kontrollierte Gebiet sein.

Das bedeutet, dass dieses Gebiet keinen Atomschlag erleiden kann, ohne dass das Nordatlantische Bündnis darauf reagiert. Und der russische Präsident Wladimir Putin wird es sich zweimal überlegen müssen, bevor er eine solche Entscheidung trifft.

Die übliche Situation wird sich ändern, wenn Moskau entscheidet, dass ein Atomkrieg mit der NATO möglich ist, bei dem zumindest taktische Atomwaffen auf dem europäischen Kontinent eingesetzt werden. Aber dann würde die Ukraine im selben Boot sitzen wie die Länder Mitteleuropas und andere Staaten, deren Territorium einem taktischen Atomschlag der Russischen Föderation ausgesetzt sein könnte, vor allem auf Militäreinrichtungen, einschließlich der US-Basen auf dem europäischen Kontinent.

Dies wäre eine völlig andere Geschichte und ein völlig anderer Krieg, und zumindest die Ukraine wäre nicht der einzige Staat, der mit Atomwaffen bombardiert würde. So wie wir das verstehen, wird es vielleicht gar nicht dazu kommen, zumindest nicht in den nächsten Jahren, weil Wladimir Putin möglicherweise nicht zu solchen Aktionen bereit ist, und wenn der derzeitige russische Präsident aus dem Amt scheidet, könnte Putins Nachfolger sowohl radikaler zum Einsatz von Atomwaffen bereit sein als auch in den Beziehungen seines Landes zur zivilisierten Welt vorsichtiger sein. Es besteht die Möglichkeit, dass es sowohl zu einem großen Krieg zwischen Russland und der NATO als auch zu einer gewissen Friedensphase kommt, zumindest für mehrere Jahrzehnte der Koexistenz zwischen den beiden Krieg führenden Systemen. Und in dieser Situation ist es natürlich das Wichtigste, die kommenden schwarzen Jahre zu überstehen. Die Jahre, in denen Putin wie besessen auf den roten Knopf schaut, den Knopf des Todes und des Hasses auf die Menschen.

Papst ruft zur Kapitulation auf | Vitaly Portnikov. 09.03.24.

Die Aussage von Papst Franziskus, die Ukrainer sollten die weiße Fahne schwenken, da die Folgen ihrer mangelnden Verhandlungsbereitschaft sonst noch viel schlimmer sein könnten, mag auf den ersten Blick voreilig und unüberlegt erscheinen. Der Papst ist aber kein Mann, der unüberlegte Aussagen macht. Man kann sagen, dass der Pontifex diese Thesen braucht, um sich tatsächlich mit der gemeinsamen Position der Länder des sogenannten globalen Südens zu solidarisieren.

Denn wir beobachten in den letzten Monaten und Wochen, mit zunehmender Intensität eine Tendenz zur Notwendigkeit von Verhandlungen. Dies ist der Grund für die Europareise des chinesischen Sonderbeauftragten Li Hui, der Moskau, europäische Hauptstädte und Kiew besuchte. Und wie chinesische Medienbeobachter feststellten, wiederholte Li Hui während seiner Reise sogar russische Narrative und forderte die Aufhebung der Sanktionen gegen chinesische Firmen, die mit Russland zusammenarbeiten.

Bei den vorangegangenen Konsultationen des chinesischen Sonderbeauftragten in den russischen und ukrainischen Hauptstädten sowie in europäischen Hauptstädten war der Ton der Gespräche wesentlich vorsichtiger. Auch bei seinen Treffen in Moskau, Kiew und Brüssel betonte Li Hui stets die Notwendigkeit von Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine. Die Notwendigkeit solcher Gespräche wurde während seiner Gespräche mit dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan angesprochen, der sein Land als Plattform für solche Konsultationen anbot.

Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass die Länder des so genannten globalen Südens einfach versuchen, die Stimmung zu testen, nachdem die ukrainische Offensive gegen die Stellungen der russischen Besatzer auf den besetzten ukrainischen Gebieten beendet wurde und die russische Offensive auf ukrainisches Gebiet, das unter der Kontrolle der rechtmäßigen Regierung der Ukraine steht, begann. Und diese Stimmungsprobe ist absolut offensichtlich. Nicht nur Papst Franziskus, sondern auch viele Politiker im globalen Süden sagen der ukrainischen Führung und dem ukrainischen Volk, vielleicht nicht ganz so offen, aber doch recht deutlich: „Ihr müsst so schnell wie möglich Verhandlungen mit Russland aufnehmen und den Bedingungen zustimmen, die heute vom Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, gestellt werden, der entschlossen ist, so lange wie nötig zu kämpfen, um euren Staat endgültig zu beseitigen. Sollten diese Liquidierungsversuche also nicht jetzt gestoppt werden, und zwar zu Bedingungen, die für den russischen Präsidenten bequem sind und die die Existenz Ihres Staates ermöglichen, wenn auch nur als Land im Einflussbereich der Russischen Föderation? Denn es ist besser, als Land im Einflussbereich der Russischen Föderation mit den abgelehnten Gebieten zu existieren, als gar nicht zu existieren. Und das ist das politische Programm des Präsidenten der Russischen Föderation. Das ist genau das, was er nach seinen so genannten Wahlen umsetzen wird, und Sie müssen verstehen, dass Sie dann am Ende sein werden. Und wenn ihr das Problem eures Überlebens irgendwie lösen wollt, dann bietet dem russischen Führer einfach eine weiße Fahne an, und vielleicht wird er zustimmen.“

Ich möchte Sie übrigens daran erinnern, dass bis 2022 nicht der Papst dieser Illusion unterlag, auch nicht die Führer des globalen Südens, sondern die große Mehrheit der ukrainischen Bürger, die davon überzeugt waren, dass eine Einigung mit Wladimir Putin möglich sei. Es war dieses kindliche, infantile Vertrauen, das sich in den Ergebnissen der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019 widerspiegelte. Der große Krieg Russlands gegen die Ukraine und die Bereitschaft des russischen Führers, mit Unterstützung der Mehrheit seiner chauvinistischen Bevölkerung die Ukraine zu zerstören, öffnete vielen unserer Landsleute, die einfach nicht an eine solche völlig vorhersehbare Entwicklung glaubten, die Augen.

Aber der globale Süden lebt sein eigenes Leben weiter. Und deshalb sind sie zuversichtlich, dass eine Einigung mit Putin möglich ist und dass Putin nicht gekränkt sein sollte. Die Tatsache, dass der argentinische Papst nach der Europareise des chinesischen Sonderbeauftragten und nach den türkisch-ukrainischen Gesprächen eine solche Erklärung abgab, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich um eine gut durchdachte und gefestigte Position der Länder des globalen Südens handelt, die davon überzeugt sind, dass das Beste, was die Ukraine tun kann, um auf der politischen Landkarte der Welt zu bleiben, die Kapitulation vor Russland ist. Und deshalb erregt die mangelnde Bereitschaft der Ukraine eine Kapitulation zu akzeptieren und mit dem russischen Staatschef zu seinen Bedingungen sogar unter Verstöße gegen das Völkerrecht zu verhandeln, diejenigen so sehr, die davon überzeugt sind, dass alles zu den Bedingungen des Kremls enden wird. Deshalb haben die Worte des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, dass westliche Truppen in der Ukraine stationiert werden könnten, eine so hysterische Reaktion im Kreml und sogar bei vielen westlichen Politikern ausgelöst, die nicht verstehen können, dass wir in einer echten Vorkriegszeit leben, die, wenn es keine konsolidierte Position der zivilisierten Welt gibt, in einem großen Krieg in Europa enden kann, nicht nur auf ukrainischem Boden, ich weiß nicht, ob es der Dritte Weltkrieg sein wird, aber ein Krieg, an den sich die Europäer als eine der größten Herausforderungen in ihrem schwierigen Leben erinnern werden.

Alles, was nicht zur Kapitulation beiträgt, verursacht bei diesen Menschen und Ländern nur Verärgerung. Denn sie wissen selbst, dass sie Russlands Fähigkeit zur ständigen Aggression und zum Aufzwingen seiner Bedingungen gegenüber denjenigen überschätzen, die bereit sind Russlands Wünschen und Russlands Größenwahn zu widerstehen.