Putins letzte Chance | Vitaly Portnikov. 04.08.2025.

Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, plant, angesichts möglicher Sanktionen gegen die Russische Föderation und deren Energiepartner, seinen Sonderbeauftragten Keith Kellogg nach Kyiv und einen anderen Sonderbeauftragten, Steve Witkoff, nach Moskau zu entsenden. Wie bekannt ist, sollte Witkoff bereits heute in Moskau sein. Doch sein Flugzeug kehrte in die Vereinigten Staaten zurück, nachdem der Trump-Beauftragte im Nahen Osten verweilte.

In Washington behauptet man, die russische Führung selbst wolle Witkoff in der russischen Hauptstadt empfangen. Vom Kreml gibt es jedoch keine Bestätigung für ein solches Interesse. Offensichtlich möchte die amerikanische Administration den russischen Präsidenten zu Zugeständnissen im Hinblick auf ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges bewegen – und das vor der Einführung neuer Sanktionen. Und das nicht einmal deshalb, weil Trump diese Sanktionen nicht verhängen möchte, sondern weil der US-Präsident selbst ernsthafte Zweifel an deren Wirksamkeit äußert.

Und wenn diese Sanktionen tatsächlich in Kraft treten und wir feststellen, dass weder die Volksrepublik China noch Indien bereit sind, Trumps Forderungen zu berücksichtigen und weiterhin Öl aus der Russischen Föderation kaufen, dann wird sich zwangsläufig die Frage stellen: Welche weiteren Druckmittel hat der Präsident der Vereinigten Staaten überhaupt noch? Und wie könnte Trump den russisch-ukrainischen Krieg noch beeinflussen?

Es wird dann offensichtlich, dass alle Trumps Aussagen darüber, er könne den Krieg schnell durch Verhandlungen mit Putin und Zelensky beenden – und wenn diese Verhandlungen kein Ergebnis brächten, könne er entweder die Hilfe für die Ukraine einstellen, falls diese keinen Frieden wolle, oder die Ukraine bewaffnen und Russland sanktionieren, falls Russland keinen Frieden wolle – entweder ein Bluff waren oder ein Ausdruck tiefgreifenden Unverständnisses des US-Präsidenten für internationale Politik.

Trump würde so als hilfloser Führer erscheinen – im Kontrast zu einem starken, aggressiven Sieger Putin, der den Krieg trotz amerikanischen Drucks fortsetzt. Natürlich möchte der Präsident der Vereinigten Staaten eine solche vorhersehbare Demütigung vermeiden.

Und so könnte Steve Witkoff mit einem sogenannten „Letzte-Chance-Besuch“ nach Moskau geschickt werden. Nur ist es natürlich die letzte Chance für Trump, nicht für Putin. Der russische Präsident, der demonstrativ alle Ultimaten seines amerikanischen Amtskollegen ignoriert und ihn seit der Verkündung von Trumps erstem 50-Tage-Ultimatum nicht einmal erwähnt hat, könnte sich dem Besuch des US-Sonderbeauftragten nach Moskau verweigern – sofern er nicht überzeugt ist, dass nicht er es ist, der Zugeständnisse machen soll, sondern Trump bereit sein muss, Putins Bedingungen zur Kapitulation anderer Staaten zu akzeptieren. Damit erscheint die Mission von Steve Witkoff von vornherein zum Scheitern verurteilt – falls sie überhaupt stattfindet.

Eine andere Lage ergibt sich mit der Mission von Keith Kellogg. Bislang hatte der Sonderbeauftragte des US-Präsidenten für die Ukraine de facto keine echte Rolle im Verhandlungsprozess. Weder war Kellogg bei Gesprächen zwischen der amerikanischen und der ukrainischen Delegation zu sehen, noch bei Verhandlungen zwischen den Amerikanern und den Russen. Seine Hauptfunktion bestand darin, auf internationalen Konferenzen unterwegs zu sein und Europäer sowie Ukrainer zu beruhigen. Nicht einmal westliche Politiker suchten den Kontakt zu ihm, da sie wussten, dass er keinen realen Einfluss auf Trumps Entscheidungen hatte.

Doch nun, da sich die Eskalation zwischen den Vereinigten Staaten und Russland verschärft – Trump spricht davon, dass Atom-U-Boote bereits in der entsprechenden Region stationiert sind –, was auf die Gefahr eines ernsthaften strategischen Konflikts zwischen Russland und den USA hinweist, möglicherweise sogar mit einem Austausch nuklearer Schläge zwischen den beiden Supermächten, könnte Kellogg tatsächlich eine bedeutendere Rolle spielen. Zumindest in der Phase, in der Donald Trump nicht die Nähe Putins sucht, sondern versucht, Druck auf seinen russischen Kollegen auszuüben. Dieser Druck könnte weniger durch neue Sanktionen auf Russland ausgeübt werden – die auf absehbare Zeit kaum Wirkung zeigen dürften – als vielmehr durch die Fortsetzung der Hilfe für die Ukraine.

Wie ich bereits sagte: Der realistische Weg zur Beendigung des Krieges zwischen Russland und der Ukraine in den 2020er oder 2030er Jahren, vielleicht erst nach Trumps Ausscheiden aus dem Weißen Haus, führt über effektive Unterstützung für die Ukraine. Durch die Stärkung des ukrainischen Widerstands gegen die russische Aggression – die mit Wladimir Putin fortgesetzt wird, jedoch ohne den Druck, den Russland ausüben könnte, wenn diese Unterstützung ausbliebe.

Daher sollte die Forderung an die Vereinigten Staaten jetzt nicht in erster Linie nach neuen Sanktionen gegen Russland und seine Energiepartner lauten, sondern nach einer Unterstützung für die Ukraine in Milliardenhöhe – im Umfang von Dutzenden oder Hunderten Milliarden Dollar. Notwendig ist ein neues Gesetz des US-Kongresses über ein entsprechendes Hilfspaket, das es ermöglicht, amerikanische Rüstungsbetriebe auszulasten und gleichzeitig in die ukrainische Rüstungsindustrie zu investieren. Dazu sollte die Genehmigung für Angriffe mit Langstreckenraketen auf strategische Ziele in der Russischen Föderation kommen – mit dem Ziel, russische Militärfabriken und Flugplätze zu zerstören. Ebenso wie eine mögliche Zerschlagung der russischen Öl- und Raffinerieindustrie als solcher.

Denn wenn Russland nichts mehr liefern kann und seine Raffinerien brennen, werden China und Indien schlicht nichts mehr zu kaufen haben. Dann müsste Peking Russland direkt finanziell unterstützen, damit es den Krieg gegen die Ukraine überhaupt noch weiterführen kann. Und es ist mehr als fraglich, ob der chinesische Staatschef Xi Jinping wirklich bereit ist, einfach Geld für Russland auszugeben – so wie es die Vereinigten Staaten bislang für die Ukraine getan haben.

Und ohne eine solche effektive militärische Hilfe – die in erster Linie echte Hilfe sein muss, nicht etwa Kredite oder Abmachungen über seltene Erden – braucht man nicht darauf zu hoffen, dass der russisch-ukrainische Krieg erfolgreich und mit einer Niederlage Putins endet. Das alles muss Keith Kellogg von den ukrainischen Führungspersönlichkeiten zu hören bekommen.

Eine realistische, ernsthafte und wirksame Unterstützung über die kommenden Jahre des russisch-ukrainischen Kriegs hinweg. Sie sollte womöglich die gesamte Amtszeit Donald Trumps umfassen, damit der amtierende US-Präsident seinem Nachfolger wirksame Druckmittel gegen Putins Russland – oder seine Nachfolger, die zweifellos seine aggressive Politik im postsowjetischen Raum fortsetzen werden – hinterlässt. Und das nicht nur gegenüber der Ukraine, sondern womöglich auch gegenüber anderen Ländern des postsowjetischen Raums sowie Zentraleuropas.

Wenn Amerika den Krieg stoppen will, muss es viel Geld ausgeben. Wenn Amerika im Krieg leben will, muss es bei der Hilfe sparen.

Wer gern trinkt – dem schenk gut ein / Ой хто п’є – тому наливайте.

Ob vom Herrn geschenkt,
oder von der heil’gen Bär’bel,
an meinem Tisch die Gäste,
die ich so sehr ersehnte.

Refrain:
Wer gern trinkt – dem schenk gut ein,
wer nicht mag – der lass es sein.
Wer sein Gläschen leert im Nu,
dem bringt Glück das Leben zu. (2×)

Ob vom Herrn geschenkt,
oder von der heil’gen Sonntag,
an meinem Tisch die Gäste,
die ich mir wünscht’ so lang schon.

Refrain.

O Onkel Panas,
bau dein Häuschen gleich bei uns!
Dann wird fröhlich eingeschenkt,
mal bei dir und mal bei uns.

Refrain.

Schwäne kamen, ließen sich nieder,
auf dem Bohlenboden wieder.
Trinkt der Gastgeber mit Lust,
trinken Gäste – wie’s sein muss.

Refrain

Trink es aus, trink es aus,
dann bist du beschwipst.
Schlaf dich aus, schlaf dich aus,
bis du wieder fit bist.

Refrain.

Warum zittert mir die Hand,
und ich trink nicht wie bekannt?
Irgendwo im Glas ein Loch –
weg die Schnaps, kein einz’ger Tropf.

Refrain

Auf das Wohl dem ganzen Haus,
allen hier geht Glück nicht aus.
Fluch dem Neid, der heimlich brennt,
weil er uns das Glück nicht gönnt.

Refrain.

Na dann los, dann los,
schenk nur langsam, schenk bloß!
Na dann los, dann los,
schenk nur langsam, schenk bloß!

Refrain


Чи це мені Господь дав,
чи свята Варвара.
коло мого столу гості,
які я бажала.

Приспів:
Ой хто п'є - тому наливайте,
хто не п'є - тому не давайте,
хто покаже в чарці дно,
тому щастя і добро. (2)

Ой чи мені Господь дав,
чи свята неділя.
Коло мого столу гості,
які я хотіла.

Приспів.

Ой дядько Панас,
ставте хату коло нас.
Будем пити та гуляти,
то у тебе то у нас.

Приспів.

Налетіли лебіді,
сіли на помості.
Бо як випʼють хазяї,
то і вип'ють гості.

Приспів.

Пий до дна, пий до дна,
то будеш пяненька.
Спи до дня, спи до дня,
будеш здоровенька.

Приспів.

Чогось ручечка трясеться,
і горілочка не п'ється.
Десь у денці дірка,
витекла горілка.

Приспів.

На здоровячко тому,
а хто в цьому домі.
На погибель ворогам,
що завидують нам.

Приспів.

Ну давай,давай,
помаленько наливай.
Ну давай,давай,
помаленько наливай.

Приспів.

„Der Völkermord geht weiter – aber nicht in Gaza“. Gorgona Bobrovytska. 

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In der The Times erschien heute ein Artikel von Niall Ferguson, der sich mit der Heuchelei westlicher Politiker befasst, die ihre Beliebtheit durch pathetische Unterstützung für Gaza steigern, während sie den tatsächlichen Völkermord in der Ukraine praktisch ignorieren. So etwas in einer britischen Zeitung zu drucken, ist mutig – der Text wird vielen nicht gefallen. Der Artikel ist eine Reaktion auf die Absicht einiger Regierungen, Palästina als eigenen Staat anzuerkennen. Falls es euch interessiert – hier einige Auszüge in meiner amateurhaften Übersetzung:

„Unsere Unterstützung für diese beiden Demokratien ist bestenfalls zwiespältig, schlimmstenfalls heuchlerisch. 22 Monate nach dem Massaker an Unschuldigen durch die Hamas und den Palästinensischen Islamischen Dschihad – blutige Auswüchse der Islamischen Republik Iran – schließen sich westliche Liberale den Iranern und Hamas-Apologeten an, indem sie Israel scheinheilig und fälschlich des Völkermords bezichtigen.

Dazu kommt, dass die Regierungen Frankreichs, Großbritanniens und Kanadas ankündigen – im Fall Frankreichs sogar bedingungslos – im September auf der UN-Generalversammlung Palästina als Staat anzuerkennen… und dann ihre fromme Aufmerksamkeit dem Präsidenten Volodymyr Zelensky zuwenden und ihn der mangelnden Härte gegenüber der Korruption bezichtigen – obwohl westliche Unternehmen weiterhin vom Handel mit dem weitaus korrupten faschistischen Regime Putins profitieren, und der kontinuierliche Strom westlicher Waffenlieferungen in die Ukraine vom internen Kompetenzgerangel in Washington abhängt.**

Diese Haltung lässt sich unter einer Überschrift zusammenfassen: „Neue Kapitulationshaltung“ (defeatism). Es ist die moralische Pose von Politikern und Publizisten, denen es wichtiger ist, ihre verworrene Ethik zu inszenieren, als Demokratien dabei zu helfen, autoritäre Regime zu besiegen.

Der Begriff „Statusüberzeugungen“ (luxury beliefs – ich habe noch keine gute Entsprechung um es zu übersetzen gefunden) stammt von dem brillanten jungen Psychologen Rob Henderson. Er beschreibt damit absurde Ideen, die sich progressive Menschen leisten können – „Schafft die Polizei ab!“, „Öffnet alle Grenzen!“, „Ein Mann kann eine Frau sein!“ – weil sie selbst weitgehend vor den realen Konsequenzen solcher Vorstellungen geschützt sind. Die Anschuldigung des Völkermords gegen Israel sowie die Anerkennung eines nicht existenten Staates sind Statusüberzeugungen westlicher Außenpolitik – geäußert als Reaktion auf irreführende Fotos auf den Titelseiten und manipulierte Todesstatistiken – vollständig losgelöst von strategischer Realität.

Beginnen wir mit der falschen Behauptung, Israel begehe in Gaza einen Völkermord – eine Behauptung, die seit langem vom Iran und seinen Stellvertretern erhoben wird, mittlerweile jedoch beinahe täglich von linken Politikern sowie zunehmend auch von rechten Populisten wiederholt wird – und von liberalen Medien wie der BBC bis zur New York Times verstärkt wird. Diese Behauptung wird rasch zum Konsens.

Im März dieses Jahres bestätigte die ukrainische Regierung, dass seit Beginn des Krieges 19.456 ukrainische Kinder aus den besetzten Gebieten nach Russland verschleppt wurden. Die Yale-Labor für humanitäre Forschung schätzt die Zahl sogar auf 35.000. Dem Institute for the Study of War zufolge nutzt Russland mindestens 43 Kindereinrichtungen im ganzen Land, davon mindestens 32 als Umerziehungslager. Russische Quellen belegen, dass viele dieser Kinder zur Adoption freigegeben werden – in einem Prozess, der ihnen ihre ukrainischen Namen und Herkunftsorte raubt. Ukrainische Jugendliche laufen zudem Gefahr, zwangsweise russifiziert und anschließend in der russischen Armee gegen ihre eigenen Landsleute eingesetzt zu werden.

Die israelische Regierung hat nicht die Absicht, palästinensische Zivilisten zu töten. Die russische Regierung hingegen hat genau das zur Absicht. In den letzten Monaten erlebte die Ukraine einen beispiellosen Anstieg an Raketen- und Drohnenangriffen auf zivile Ziele.

Laut der UN-Mission zur Überwachung der Menschenrechte in der Ukraine war der Juni der tödlichste Monat für Zivilisten seit drei Jahren: 232 Tote und 1.343 Verletzte. Russland verübte im Juni zehnmal so viele Angriffe wie im selben Monat des Vorjahres. In der ersten Jahreshälfte 2025 wurden insgesamt 6.754 Zivilisten getötet oder verletzt – 54 % mehr als im gleichen Zeitraum 2024. Seit dem Beginn der Invasion im Februar 2022 hat die UN mindestens 13.580 zivile Todesopfer dokumentiert, darunter 716 Kinder.

Ich wünschte, all jene – auch ein gewisser prominenter britischer Historiker – die täglich Klickraten mit Schlagzeilen über Gaza erzeugen, würden sich einmal Gedanken über den echten Völkermord machen, der in Osteuropa stattfindet. Doch der Guardian vom Freitag zeigt die verdrehten Prioritäten des liberalen Bewusstseins. Die Hauptschlagzeile: „Mathematik des Hungers: Verursachte Israel eine Hungersnot in Gaza?“ Darunter: „Justin Timberlake spricht über seine Borreliose-Diagnose“, „Zelensky fordert ‚Regimewechsel‘ in Russland nach Angriff auf Kyiv mit 16 Toten“ und „Protestierende in Kyiv feiern Abstimmung zur Wiederherstellung der Antikorruptionsbehörden.“

Richtig: Die Ukraine ist eine Demokratie. Die Bürger können protestieren und eine Änderung der Regierungspolitik fordern. Dasselbe gilt für Israel – dort finden Proteste gegen Netanjahu häufiger statt als Luftalarm. Und Gaza? Seit März wagen es einige mutige Einwohner zu protestieren – gegen Mord und Korruption durch die Hamas. Doch diese Proteste werden mit Gewalt und Einschüchterung beantwortet – und bleiben wirkungslos.

Ein palästinensischer Staat ist reine Fantasie. Genau das macht die Anerkennung Palästinas durch Frankreich, Großbritannien und Kanada zu einem Paradebeispiel für Statusüberzeugungen. Denn nichts, was einem funktionierenden Staat ähnelt, existiert aktuell. Und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich daran in absehbarer Zukunft etwas ändert. Vor 30 Jahren, in den Oslo-Abkommen, stimmte Israel einer palästinensischen Selbstverwaltung zu – laut Premier Rabin einem „palästinensischen Gebilde, das kein Staat ist“. Ehud Barak ging im Jahr 2000 in Camp David noch weiter – doch Jassir Arafat verließ den Verhandlungstisch. Haben die Palästinenser seither ihre Argumente für Eigenstaatlichkeit gestärkt? Nein. Die Palästinensische Autonomiebehörde ist ein Widerspruch in sich; sie wird von Palästinensern verachtet und besitzt keine Autorität. Die Hamas genießt weiterhin breite Unterstützung – in Gaza, und laut manchen Umfragen sogar mehr auf der Westbank. Auf die Frage, ob die Entwaffnung der Hamas zur Beendigung des Krieges befürwortet wird, antworteten 64 % der Einwohner Gazas mit Nein. Die wahre Natur der Hamas offenbarte sich am 7. Oktober 2023 – ein Ereignis, das von den meisten Israelis, die ich kenne, als Beleg dafür gesehen wird, dass den Palästinensern das Recht auf Selbstverwaltung entzogen werden sollte, anstatt ihnen eines zu geben. Neun von zehn Palästinensern leugnen weiterhin die Verbrechen vom 7. Oktober.

Kennzeichnend für Statussymbole ist, dass sie extrem teuer sind. Dasselbe gilt für Statusüberzeugungen. Der Glaube, Israel begehe Völkermord, ebenso wie der Glaube westlicher Führer, dass man Palästina auf Knopfdruck zum Staat machen könne – ist eine Vorstellung wie eine Hermès-Handtasche. Der Glaube an einen Frieden zwischen Russland und der Ukraine ohne harten wirtschaftlichen und militärischen Druck auf Moskau ist wie eine Patek-Philippe-Uhr. (Diese Analogien zu Luxusgütern – wo man für das Etikett zahlt, weil es „alle machen“ – sind schwer ins Deutsche zu übertragen.)

Wer seine Energie auf Statusüberzeugungen verwendet, übersieht, wie sehr man damit autoritären Regimen hilft, den Westen zu besiegen. Und man merkt auch nicht, wie sehr sie wiederum euch helfen – über soziale Medien, deren Manipulation sie bestens beherrschen – damit ihr ihre nützlichen Idioten seid. Was ihr auch seid.“

Der Artikel ist unter anderem mit einem Foto aus Tschassiw Jar illustriert:

„Das ukrainische Tschassiw Jar wurde durch russische Bombardements zerstört. Russland hat mindestens 12.580 ukrainische Zivilisten getötet.“

Übrigens: Fergusons historische Bücher gibt es auch auf Ukrainisch. Ich hatte allerdings mal eine Kritik an seiner „Zivilisation“, weil er die Ukraine darin durch eine russische Brille betrachtete und nicht verstand, dass wir schon immer ein Teil Europas waren – in jeder Hinsicht. Aber das ist, meiner Meinung nach, ein verbreitetes Problem unter westlichen Historikern.

Schüler Sobtschaks | Vitaly Portnikov. 03.08.2025.

https://zbruc.eu/node/122067?fbclid=IwQ0xDSwL8T6xleHRuA2FlbQIxMQABHo71A0Hk9-uk8bUt0SW7fe_qgimiVjKCmfyeNSYRI2ms2d4nLeu3di8WV_qV_aem_V_ebpYc34OI_SC2kyVFH7A

Wenn ich in meinen Erinnerungen an die ersten Jahre der Unabhängigkeit der Ukraine meinen Kollegen erzähle, wie ich nach Sankt Petersburg reiste, um den damaligen Bürgermeister Anatoli Sobtschak zu interviewen, wie dieses Interview von seinem Stellvertreter Wladimir Putin unterbrochen wurde, der mit seinem Chef irgendeine dringende Angelegenheit besprechen wollte – Sobtschak aber dennoch die Zeit fand, mir zu sagen, dass die Ukraine nur dann ihre territorialen Grenzen würde wahren können, wenn sie partnerschaftliche Beziehungen zu Russland aufrechterhalte –, und wie der damals anwesende Vizebürgermeister, den ich zum ersten und letzten Mal sah, bis er zu einem der höchsten Amtsträger Russlands aufstieg, zustimmend mit dem Kopf nickte, dann halten viele das für eine Legende oder eine Projektion meiner heutigen Erfahrung auf die Ereignisse vor dreißig Jahren. Schließlich – so denkt man – konnte Putin doch unmöglich schon damals, als niemand sich seine politische Karriere auch nur vorstellen konnte, von einer Besetzung ukrainischer Gebiete geträumt haben!

Doch nun wurden in Deutschland zuvor verschlossene Archive des Auswärtigen Amtes veröffentlicht, darunter ein Vermerk des damaligen deutschen Generalkonsuls in Sankt Petersburg, Eberhard von Puttkamer. Und dieser Diplomat ist nun mein wichtigster Zeuge. Denn im Jahr 1994 berichtet er dem Auswärtigen Amt exakt das, was mir damals Sobtschak und Putin sagten. Sie bezeichneten die Krim, die Ostukraine und Nordkasachstan als ewige Bestandteile des russischen Staates, die für Russland nie Ausland gewesen seien. Und wie man sieht, war sich Putin seiner Überzeugung so sicher, dass er nicht einmal gegenüber einem westlichen Diplomaten versuchte, seine Ansichten über die „russischen Gebiete“ zu verbergen.

Später, als er Präsident wurde, bezeichnete er die Ukraine – bereits Anfang der 2000er – offen als künstlichen Staat. Das sagte er sowohl in Gesprächen mit dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush als auch mit dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Und diese wiederum gaben Putins Position an andere westliche Führungspersönlichkeiten weiter.

Die Frage ist also nicht, wann Putin „den Verstand verlor“, zu glauben begann, dass das ukrainische Volk nicht existiere, und von der Besetzung der Ukraine träumte. Die Antwort ist einfach: Er dachte das schon immer.

Wenn er über russisch-ukrainische Beziehungen, Partnerschaft oder Respekt gegenüber der ukrainischen Staatlichkeit sprach – log er. Er hatte damals schlicht nicht die Mittel, seine politischen Vorstellungen umzusetzen. Selbst nach seiner Wahl zum Präsidenten Russlands konnte er sie nicht sofort verwirklichen. Aber fast sofort begann er mit einer Reihe von Spezialoperationen zur Unterwerfung der Ukraine und zur Diskreditierung ihrer Institutionen. Praktisch unmittelbar begann er vom neuen „Gazprom“-Chef Alexei Miller zu verlangen, ein Pipeline-System zu errichten, das es Russland ermöglichen würde, auf das ukrainische Gastransportsystem zu verzichten. Das war nicht nur ein Mittel, um Druck auf die ukrainische Führung auszuüben, sondern auch eine Vorbereitung auf mögliche militärische Aktionen – für den Fall, dass sie notwendig würden.

Putin als Persönlichkeit formte sich im Milieu der Mitarbeiter des sowjetischen KGB – eines wahren chauvinistischen Kerns des damaligen Imperiums, besonders seines russischen Teils. Schon in den 1980er Jahren dachten die sowjetischen Tschekisten über den Abbau des kommunistischen Regimes nach, um aus der Sowjetunion ein neues russisches Imperium zu machen – mit Privatbesitz und Dominanz der russischen Nation. Auf der Lubjanka verschlang man die Romane von Pikul. Es ist schwer vorstellbar, dass in Sankt Petersburg – wo Putin geboren wurde und diente, wo auch seine späteren Weggefährten wie Nikolai Patruschew geformt wurden – weniger chauvinistische Stimmungen geherrscht hätten. Im Gegenteil: Die Stadt war einst Hauptstadt des Imperiums, und das Leben dort spielte sich vor der Kulisse von Zarenschlössern und den Villen der vernichteten Aristokratie ab. Die KGB-Leute träumten davon, in diese Villen nicht nur als Herren, sondern als Erben des Imperiums zurückzukehren, das ihre Väter verloren hatten.

Die Machtübernahme unter Bedingungen des Verlustes von 14 Republiken war für sie eine Katastrophe. Die Rückgewinnung dieser Territorien wurde für sie zur Lebensaufgabe. Ohne die vollständige imperiale Ausdehnung waren Macht und Reichtum für sie weder süß noch ausreichend.

Und Sobtschak? – Die Thesen, die ich von ihm in Sankt Petersburg hörte, äußerte er auch mehrfach öffentlich. Putins Worte über das „Geschenk der Bolschewiken an die Ukraine“ (so bezeichnete er bei seiner Rede zur Annexion der Krim die östlichen Regionen der Ukraine), sind eine direkte Kopie der Interviews, die der frühere Bürgermeister von Sankt Petersburg in den 1990er Jahren gab.

Doch heute, mehr als dreißig Jahre später, frage ich mich: Wer war eigentlich wessen Schüler? Hat Putin tatsächlich von Sobtschak dessen chauvinistisches Programm übernommen? Oder war es nicht vielmehr Sobtschak selbst – sensibel gegenüber den Stimmungen der lokalen KGB-Leute – der aufmerksam auf den KGB-Mann Putin hörte, nachdem dieser sein Stellvertreter, vielleicht sogar sein Betreuer im Bürgermeisteramt geworden war? War Putin wirklich Schüler – oder waren sie gegenseitig Lehrer?

Kürzlich stieß ich zufällig auf YouTube auf eine Sendung, die am letzten Tag des Augustputsches 1991 ausgestrahlt wurde. Während in Moskau die KPdSU verboten wurde, in Kyiv die Unabhängigkeit ausgerufen wurde, empfingen in Sankt Petersburg Sobtschak und Putin amerikanische Geschäftsleute. Die Rollen in diesem Fernsehbericht waren perfekt verteilt. Sobtschak sprach über ein demokratisches Russland, und Putin erklärte, wie attraktiv die Wirtschaftsprojekte seien, die die nördliche Hauptstadt Russlands den amerikanischen Gästen zu bieten habe.

Dreißig Jahre später wird Putin dieselbe Inszenierung mit Trumps Vertreter Steven Witkoff wiederholen, den man nächste Woche erneut in Moskau erwartet. Putin handelt immer berechenbar. Und er hat niemals seine revanchistischen Ansichten oder Geschäfte aufgegeben.

Deshalb bin ich überzeugt: Er wird von der Ukraine unter keinen Umständen ablassen. Es gibt kein Argument, das ihn dazu bewegen könnte, seine Ansprüche auf unser Land aufzugeben.

Putin setzt heute in die Realität um, wovon er und seine KGB-Kollegen bereits vor über dreißig Jahren träumten. Und deshalb muss man ihn stoppen, nicht mit ihm verhandeln.

Erfolgreicher Angriff auf Russland | Vitaly Portnikov. 02.07.2025

Die Raffinerien in den Regionen Samara und Rjasan, militärische Betriebe, Militärflugplätze,  lodernde Flammen über der Russischen Föderation. Dies ist einer der größten Angriffe ukrainischer Drohnen auf das Gebiet des feindlichen Landes in den letzten Monaten. Ein Angriff, der bestätigt, dass ukrainische Drohnen empfindliche Ziele für die russische Wirtschaft und Rüstungsproduktion treffen können. Und Russland ist dagegen völlig machtlos.

So kann, wie ich bereits mehrfach betont habe, der Abnutzungskrieg nicht nur ein Krieg Russlands gegen die Ukraine sein, sondern auch ein Krieg der Ukraine gegen Russland. In den letzten Monaten gab es kaum Berichte über ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien. Damit ist nun eine weitere symbolische rote Linie überschritten worden, die möglicherweise nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem Beginn des sogenannten Dialogs zwischen amerikanischen und russischen Beamten entstanden war – ein Dialog, der vom ersten Tag an, seit Trump ihn initiiert hatte, zum Scheitern jeglicher möglicher Vereinbarungen zwischen den Präsidenten der USA und Russlands verurteilt war.

Ja, in diesem Dialog – sowohl zwischen Trump und Putin selbst als auch zwischen den Delegationen beider Länder – konnte Washington Kyiv zu Zurückhaltung bei Angriffen auf Ziele in der Russischen Föderation aufrufen. Doch wie man sieht, hat Donald Trump inzwischen weder Illusionen über Putins Wunsch, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden, noch eine Vorstellung davon, welche realen Mittel dem US-Präsidenten überhaupt zur Verfügung stehen, um Einfluss auf den Präsidenten der Russischen Föderation auszuüben.

Der gesunde Menschenverstand beginnt dort zu siegen, wo man ihn kaum erwartet hätte. Und so haben die ukrainischen Streitkräfte erneut die Möglichkeit erhalten, empfindliche Ziele der russischen Wirtschaft und Rüstungsproduktion anzugreifen – zumal Russland selbst bei der Wahl seiner Angriffsziele keinerlei Zurückhaltung zeigt.

Für die Russische Föderation, ihren Präsidenten und die Streitkräfte ist der Luftterror gegen die Zivilbevölkerung eine der Hauptaufgaben in diesem Zermürbungskrieg. Natürlich will Russland auch ukrainische Infrastrukturen und militärische Produktionsstätten zerstören. Doch für den russischen Präsidenten bleibt das Hauptziel der Luftterror gegen die Bevölkerung: Erstens, um die Ukrainer zur Kapitulation zu zwingen, und zweitens, um möglichst viele Menschen aus der Ost- und Südukraine und schließlich auch aus den zentralen Regionen des Landes zur Flucht zu bewegen.

Man kann sagen, das ist Putins eigentliche Strategie: die Schaffung einer sogenannten Pufferzone und ein demografischer Sieg über das ukrainische Volk – etwas, das stets Ziel jeder russischen imperialen Regierung war. Und Putin sieht sich bekanntlich als Erbe gerade dieser Imperialisten.

Wie soll man auf diesen dreisten Luftterror reagieren? Auf das Ziel, die Geschichte des ukrainischen Volkes auf seinem eigenen ethnischen Boden zu beenden, auf die Überzeugung, dass der ukrainische Staat abgeschafft und sein Territorium der Russischen Föderation einverleibt werden könne? Nur durch Schläge gegen das russische Territorium selbst, nur durch Zerstörung der russischen Wirtschaft, nur durch die Umwandlung des Lebens der Bürger der Russischen Föderation in dasselbe harte Kriegsleben, das heute jeden ukrainischen Haushalt erreicht hat.

Je weniger Möglichkeiten Russland hat, sein Öl zu verkaufen, desto größer werden die Probleme für den russischen Haushalt und den militärisch-industriellen Komplex des Landes. Je mehr russische Rüstungsbetriebe brennen, desto weniger Möglichkeiten hat die russische Armee, ihren schändlichen Vormarsch auf fremdem Boden fortzusetzen. Je mehr russische Militärflugplätze zerstört werden, desto weniger russische Flugzeuge können in Richtung Ukraine starten und Putins Befehl zum Luftterror gegen die Zivilbevölkerung unseres Landes ausführen.

Daher hängt das Ende des Krieges genau von einem harten Widerstand gegen die Russische Föderation in den kommenden Jahren des ukrainischen Kampfes gegen die russische Aggression ab. Es gab, gibt und wird in absehbarer Zeit kein anderes Rezept zur Beendigung dieses Krieges geben – denn Putin hat keinerlei Interesse an einem diplomatischen Dialog, weder mit dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky noch mit dem US-Präsidenten Donald Trump. Trump, den Putin nutzt, um seinen Krieg fortzusetzen und den Einfluss der Vereinigten Staaten in der Welt zu schwächen – ein gemeinsames Ziel des russischen Präsidenten und des Staatschefs der Volksrepublik China, Xi Jinping, Putins wichtigem Verbündeten in diesem permanenten Abnutzungskrieg.

Aber wenn man in Peking die Flammen auf russischen Raffinerien sieht und versteht, dass auch das Territorium Russlands unter dem langjährigen Abnutzungskrieg leiden kann – selbst wenn Putin gewisse Erfolge im Kampf gegen unseren Staat erzielt –, dann sind die Chinesen durchaus in der Lage, diese Erfahrung auf ihr eigenes Schicksal zu übertragen. Und sie könnten begreifen, dass eine künftige Aggression – etwa gegen Taiwan oder im Südchinesischen Meer – ebenfalls zu Drohnenschlägen gegen chinesische Wirtschafts- und Rüstungsanlagen führen wird. Auch das würde das Territorium der Volksrepublik China in ein Gebiet der Brände verwandeln. Und das ist gewiss nicht das, was Xi Jinping in seinem Land sehen möchte.

Daher sind ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien, auf den russischen militärisch-industriellen Komplex und auf militärische Einrichtungen der Russischen Föderation auch eine notwendige Medizin für China – um dessen Führung die Gefahren eines Angriffskrieges gegen andere Staaten bewusst zu machen. So leisten die ukrainischen Streitkräfte mit der Zerstörung des wirtschaftlichen, energetischen und militärischen Potenzials Russlands notwendige Aufklärungsarbeit für autoritäre Regime: Sie zeigen die Konsequenzen ihres Handelns – sowohl für die eigene Wirtschaft als auch für die eigene, vom Chauvinismusvirus befallene Bevölkerung.

Nur auf diese Weise – und auf keine andere – kann in den kommenden Jahren der Weg zum Erfolg der Ukraine im Widerstand gegen die russische Aggression verlaufen.

Valery Zaluzhny – über die Wurzeln der Identität, die Kraft der Einheit und die wichtigsten historischen Lehren für die Ukrainer. 27.07.2025.

https://vogue.ua/article/leaders/valeriy-zaluzhniy-pro-koreni-identichnosti-silu-yednosti-y-naygolovnishi-istorichni-uroki-dlya-ukrajinciv-60251.html

Kampfgeneral und ehemaliger Oberbefehlshaber der Streitkräfte, heute Botschafter der Ukraine im Vereinigten Königreich, Valery Zaluzhny, denkt in seiner Kolumne über die Wurzeln der Identität, die Kraft der Einheit und die wichtigsten historischen Lektionen nach, die die Ukrainer gerade jetzt lernen müssen.

Ich wurde 1973 in einer gewöhnlichen ukrainischen Stadt in eine gewöhnliche ukrainische Familie geboren. Ich erinnere mich gut an meine Kindheit. Irgendwie – im Gegensatz zur Jugend – schien sie sehr lange zu dauern. Vielleicht deshalb, weil wir die Kinder jener Eltern waren, die nach einem großen und grausamen Krieg geboren wurden und für das Land beinahe die einzige Hoffnung auf die Zukunft darstellten. Unsere Eltern, so schien es, glaubten fest an diese Zukunft und folgten deshalb unbeirrbar dem staatlichen Plan. So kamen wir zur Welt – die zukünftigen Erbauer des Kommunismus. Unsere Kindheit war tatsächlich lang, denn vor dem erwarteten leuchtenden Morgen musste man erst erwachsen werden.

Vielleicht habe ich auch deshalb so warme Erinnerungen an jene Jahre, weil – wie Wassyl Oleksandrowytsch Suchomlynskyj sagte – „die Jahre der Kindheit vor allem die Erziehung des Herzens sind“. Nach seiner Theorie wird die Persönlichkeit gerade in jungen Jahren geformt, entwickeln sich moralische Qualitäten, emotionale Intelligenz und Mitgefühl. Auch ich bin so herangewachsen, habe mich langsam unter dem Einfluss dieser fernen Welt voller Farben und Emotionen entwickelt und verändert.

In unserer Familie sprachen alle Ukrainisch. Aber meine erste Wyshywanka zog ich erst als Erwachsener an. Damals, in dem Städtchen, in dem ich aufwuchs, wurden viele ukrainische Lieder gesungen. Es gab genug Literatur und Zeitschriften auf Ukrainisch. In dem bescheidenen Haus meines Großvaters, in dem ich meine Kindheit verbrachte, erinnere ich mich an kein einziges russisches Buch – außer an die Schulbücher meiner Mutter über russische Literatur. Diese Bücher waren mir später sogar von großem Nutzen.

Die Großstadt, in der meine Eltern lebten, war jedoch anders. Wir, die Ukrainisch sprachen, waren dort wie Fremde. In der Militärsiedlung „musste man die Sprache lernen“. Die russische Sprache kam durch die Straße zu mir. Aber damals dachte ich nicht viel darüber nach. Es waren einfach Freunde, mit denen wir Fußball spielten, bis das erste Blut floss, und mit denen wir unsere Nachbarn herausforderten. Dafür brauchte man die Sprache – ihre Sprache.

Später, im Jahr 2015, als ich einen geheimdienstlichen Lagebericht studierte, erinnerte ich mich an diese Sprache und unsere Straßenfußballmannschaft. In unserem besetzten Gebiet „spielten“ fast alle mit, die uns einst die „große russische Sprache“ beibrachten. Aber es geht jetzt nicht um sie. Es geht um uns – um die, die die Ukraine sind. Um zu verstehen, wer wir sind und was wir für andere bedeuten, möchte ich noch eine Geschichte erzählen. Es ist die Geschichte einer wunderbaren Frau, die auf der Krim geboren wurde, dort aufwuchs, heute in Kyiv lebt und während des ganzen Krieges unermüdlich der Front hilft. Sie ist etwas jünger als ich, aber weiser. Einmal sagte sie zu mir: „Weißt du, ich habe erst als Teenager begriffen, dass ich in der Ukraine lebe – als ich meinen ukrainischen Pass bekam.“ Heute sind sowohl sie als auch ich und Millionen völlig unterschiedlicher Menschen Ukrainer. Und gerade wir, verschieden in Herkunft, Geburtsort, Glauben und sogar Hautfarbe, bilden heute ein wirklich großes Konzept – den Staat Ukraine. Denn der Staat – das sind wir.

Wenn wir also über unser Land und seine Rolle heute sprechen, sprechen wir letztlich über uns selbst – Menschen, die im Staat Ukraine vereint sind. Es gibt nichts Abstraktes, das das Konzept eines Staates ersetzen könnte. Alles, was darin existiert, sind wir. Wir, die wir heute leben. Und genau wir tragen Verantwortung für das Heute – und für das, was morgen kommt.

Was also bedeuten wir alle gemeinsam für die Welt? Vielleicht ist es besser, der Welt zunächst zu erzählen, welche Lektionen wir in diesen extrem schweren Jahren gelernt haben. Wir haben das Recht, darüber zu sprechen – weil wir den blutigsten Krieg des 21. Jahrhunderts überlebt haben. Weil wir alleine kämpfen und standhalten – gegen den grausamsten Feind seit dem Faschismus. Einen Feind, der über Jahrzehnte hinweg in Millionen seiner Bürger Hass auf uns gesät hat – mit einer Propaganda, der wohl nur ein moderner Goebbels ebenbürtig wäre. Also:

Lektion 1

Wir haben uns nicht täuschen lassen. Denn wir sind das Volk und der Staat. Wir haben uns in der kalten Nacht des 24. Februar 2022 nicht vernichten lassen – deshalb existieren wir noch und kämpfen weiter. Nicht ein abstrakter Staat hat das getan, sondern wir, das ukrainische Volk. Vertrau auf Gott, aber sei selbst wachsam: Eine Gesellschaft, die Sicherheit will, muss bereit sein, dafür zu zahlen.

Lektion 2

Die Größe und Stärke des Feindes ist nicht immer so, wie sie sich seine Anführer und Propagandisten vorstellen. Der Geist, der den Körper in den Kampf reißt, ist das einzige Maß für Stärke – selbst im Zeitalter des Hightech-Krieges.

Lektion 3

Ein Nachbar, der dir in der Not hilft, hilft in erster Linie sich selbst. Kommt er nicht zur Hilfe, ist er ein Teil deines Problems. Mit Nachbarn muss man befreundet sein. Und gegen jene, die keine Freunde sein wollen, muss man sich verteidigen können.

Lektion 4

Ein Feind, der dich auf dem Schlachtfeld nicht brechen konnte, wird es im Hinterland versuchen – mit derselben Kraft, aber hinterhältiger. Mit denselben Absichten wird er auch deinen Nachbarn angreifen, der dir hilft.

Lektion 5

Im Krieg gibt es keine Wunder. Manche Gesetze des Krieges sind Tausende Jahre alt, andere entstehen gerade jetzt. Nur sie bestimmen den Verlauf des Krieges. Um das zu verstehen, muss man manchmal einen hohen Preis zahlen. Unkenntnis schützt nicht vor Niederlage.

Lektion 6

Wer vom Sieg träumt, muss auch bereit sein, ihn allein zu erringen. Nicht immer ist dein Sieg im Interesse deiner Verbündeten. Wer nicht ums Überleben kämpft, handelt stets aus Eigennutz. Und: Eine Waffe, die keinen Nutzen bringt, wird nicht eingesetzt. Was für eine Waffe das ist, sage ich nicht.

Lektion 7

Der wertvollste Rohstoff im Krieg sind Menschen. Nicht nur, weil man sie nicht schnell ersetzen kann – sondern weil man sie mental verlieren und untauglich machen kann. Der Feind arbeitet ununterbrochen daran – nicht nur auf dem Schlachtfeld.

Lektion 8

Wenn du allein gegen einen überlegenen Feind kämpfst, frage dich: Welchen Sieg kannst du jetzt erringen – und welchen in der Zukunft? Entscheidungen brauchen ihren Moment. Nicht alles ist für das Jetzt bestimmt.

Lektion 9

Deine Freunde und Verbündeten denken nicht immer so wie du. Manchmal brauchen sie Zeit, um selbst einfache Dinge zu begreifen. Wie Timothy Snyder sagte: „Unsere Aufgabe ist es, das, was für uns offensichtlich ist, auch für andere offensichtlich zu machen.“ Manchmal ist das ein Streit – selbst um den gemeinsamen Feind. Es ist Zeit, Freundschaft zu festigen und die Wahrheit zu erklären.

Lektion 10

Jeder Tag im Krieg ist entweder eine neue Lektion – oder der Tod. Es ist besser, diese Lektionen ohne Krieg zu lernen. Sonst bleibt nur, sie anhand derer zu studieren, die sie überlebt haben.

Trotz aller Schwierigkeiten kämpfen wir weiter – gemeinsam. Während wir unsere Pflicht erfüllen, werden verschiedenste Szenarien und Zukunftsentwürfe entworfen. Vom Kriegsende bis hin zu möglichen Wahlen. Diese kommen oft von Menschen, die selbst Teil unserer Gesellschaft sind. Menschen, die wenigstens versuchen sollten, etwas zu verändern. Doch wir stehen noch. Und solange wir stehen, sind wir von großer Bedeutung für die Welt.

Wir haben uns vereint – und dadurch Stärke erlangt. Und damit auch Subjektstatus. Ich stelle mir das Erstaunen und die Enttäuschung sowohl westlicher als auch ukrainisch-sowjetischer Politiker der 1990er und 2000er Jahre vor. Auch die alten Generäle staunten. Aber wir haben es geschafft. Und heute sprechen wir mit lauter Stimme über uns – denn man hört uns bis ans andere Ende des Planeten. Wir haben heute ein Recht auf Wahlfreiheit. Wir, die einfachen Ukrainer, die noch vor Kurzem mal in die eine, mal in die andere Richtung blickten. Unsere Kraft eröffnet heute die Chance, eine neue Weltordnung zu gestalten – nicht totalitär und unipolar, sondern mit Aussicht auf demokratische Werte. Diese Chance geben wir.

In einer Welt, die sich unwiderruflich verändert hat, sind wir, die Ukraine, es, die jeden Tag unseren Nachbarn und Europa die Möglichkeit gibt, ihre Sicherheit und Bürger zu retten. Auf unseren Schultern lastet der Frieden Europas. Uns – verlassen, ohne Munition und Geschütze – ist es gelungen, das Rad des wissenschaftlich-technischen Fortschritts in Bewegung zu setzen. Unsere Erfindungen haben nicht nur das Sicherheitsdenken verändert, sondern könnten auch die Menschheit vor neuen Plagen retten. Wir sind offen für jene, die uns nicht im Stich gelassen haben.

Heute haben wir die größte und kampffähigste Armee Europas. Deshalb lässt sich eine neue europäische Sicherheitsarchitektur genau um uns herum – um unsere Tapferkeit, unseren Heldenmut und unsere Innovationskraft – gestalten.

Am Ende kämpfen wir um das Recht auf Leben – für uns und unsere Kinder. Und nur für sie schaffen wir unsere Zukunft. Wie diese aussieht, hängt allein von uns ab. In der Weltgeschichte gibt es viele Beispiele – aber unsere Geschichte schreiben wir gerade jetzt selbst.

Zwischen Druck und Defiziten: Die ambivalente Rückkehr zur Unabhängigkeit der Anti-Korruptionsbehörden in der Ukraine. Vitaly Portnikov. 31.07.2025.

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Die Entscheidung des ukrainischen Parlaments, die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden wiederherzustellen, hat mehrere wichtige Tendenzen aufgezeigt – einige davon sind positiv, andere wiederum geben deutlich Anlass zur Sorge.

Die wichtigste positive Tendenz ist, dass die Regierung gezwungen ist, sowohl auf die Stimme der eigenen Gesellschaft als auch auf die Position der westlichen Partner zu hören. Sie vermeidet unüberlegte Schritte, die das Überleben des Landes im Krieg gefährden könnten. Das ist ein grundlegender Unterschied zwischen der Ukraine und Russland, dessen Präsident es sich leisten kann, sowohl die eigene Gesellschaft als auch die internationale Gemeinschaft zu ignorieren – selbst den US-Präsidenten und dessen Versuche, zumindest einen Waffenstillstand an der Front zu erreichen, behandelt er mit Verachtung.

Doch es gibt auch negative Tendenzen. Die offensichtlichste davon ist das Fehlen nicht nur strategischen, sondern sogar grundlegenden taktischen Denkens seitens der Regierung. Die Reaktion der Gesellschaft und – was ebenso wichtig ist – die der westlichen Partner auf den Angriff auf das Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) war leicht vorhersehbar. Die Unabhängigkeit der Antikorruptionsinstitutionen ist seit Langem eine „rote Linie“ – sowohl für einen erheblichen Teil der ukrainischen Bevölkerung als auch für den Westen.

Ein weiteres alarmierendes Zeichen ist, dass die Gesellschaft nach wie vor eher auf Symbole als auf den Kern des Problems reagiert. Dass die Bestimmungen, welche de facto die Unabhängigkeit der Staatsanwaltschaft untergraben und die Befugnisse der Sicherheitsbehörden im Umgang mit Bürgern erweitern, unverändert geblieben sind, stellt eine weitaus ernstere Bedrohung dar als die Frage der Antikorruptionsinstitutionen. Denn unabhängige Antikorruptionsorgane werden letztlich obsolet, wenn die Ukraine zu einem vollwertigen europäischen Rechtsstaat wird. Doch die repressiven Mechanismen des Sicherheitsapparats bleiben bestehen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Regierung diese komplexe Konstellation bewusst geplant hat – nämlich das eine zurückzugeben und das andere zu behalten. Aber das Ergebnis liegt auf der Hand.

Und noch eine wichtige Beobachtung: Wie bereits die Abstimmung über die Regierung gezeigt hat, existiert keine stabile Mehrheit im Parlament mehr. Die Regierung ist gezwungen, situative Koalitionen zu bilden – entweder mit Vertretern patriotischer und national-demokratischer Kräfte oder mit Überbleibseln der prorussischen Partei „Oppositionsplattform – Für das Leben“ (OPZJ). Auch dies ist angesichts der langwierigen Kriegsjahre mit Russland eine besorgniserregende Entwicklung in Bezug auf eine effektive Staatsführung.

Putin spuckt auf Trumps Ultimatum | Vitaly Portnikov. 31.07.2025.

Ein weiterer terroristischer Angriff Putins auf Kyiv und andere ukrainische Städte ist seine faktische Antwort an den amerikanischen Präsidenten Donald Trump auf die Verkürzung des Ultimatums, das Trump dieser Tage gestellt hat – als aus den 50 Tagen, in denen Putin einen Weg zur Beendigung des russisch-ukrainischen Kriegs finden sollte, plötzlich nur noch 10 wurden.

Die Zahl der Todesopfer in Kyiv infolge dieses kombinierten Angriffs steigt weiter an. Mein aufrichtiges Beileid gilt den Angehörigen der neuen Opfer des russischen Luftterrors. Natürlich nimmt auch die Zahl der Meldungen über Zerstörungen und sonstige Schäden zu, die durch russische Raketen- und Drohnenangriffe verursacht wurden.

Aber das Wichtigste ist, dass Putin nun offen zu neuen terroristischen Angriffen übergeht, anstatt zu versuchen, irgendwelche Verhandlungen mit der ukrainischen Seite zu imitieren. Nach dem ersten Ultimatum Trumps, das von 50 Tagen sprach, in denen Russland ein Verhandlungsformat mit der Ukraine finden und zu einem Waffenstillstand gelangen sollte, dachten viele, dass Putin Angst vor Trump bekommen und sein Aggressionsniveau gesenkt hätte. Aber der russische Präsident, wie ich schon damals sagte, suchte möglicherweise nach einem Modell, wie er den Krieg weiterführen und gleichzeitig wirtschaftliche Bedrohungen durch die Vereinigten Staaten sowie eine Ausweitung der amerikanischen Militärhilfe für die Ukraine vermeiden könnte.

Trump erwartete von Putin konkrete Handlungen. Und ich habe betont: Sobald das Kontingent an Worten, mit denen der russische Präsident die Amerikaner beschwichtigen konnte, erschöpft war, hatte Putin keine Möglichkeit mehr, auf Trumps Ultimatum mit Taten zu reagieren. Denn Trump fordert einen Waffenstillstand, während Putin den Krieg fortsetzen will. Und das Einzige, was dem russischen Präsidenten blieb, war zu schweigen und zu hoffen, dass sein amerikanischer Amtskollege zur Vernunft kommt, ihn anruft oder dass nach Ablauf der 50 Tage einfach nichts passieren würde.

Als sich herausstellte, dass Trump alles sehr wohl bemerkt und verstanden hatte – dass Putin keinen Weg zur Beendigung des Krieges sucht –, als das Ultimatum auf 10 Tage verkürzt wurde, als Trump begann, Sanktionen gegen Russlands Energiepartner zu verhängen und die Ukraine weiterhin amerikanische Unterstützung erhielt, wechselte Putin von Schweigen und Warten zur ihm vertrauten Sprache der Erpressung. Er kehrte zu massiven Angriffen auf Kyiv und andere ukrainische Städte zurück, um zu demonstrieren, dass ihm egal ist, was Trump sagt – denn für ihn, Putin, ist es entscheidend, den eingeschlagenen Kurs fortzusetzen. Einen Kurs, den er bereits 2022 gewählt hatte, als er den Großangriff auf die Ukraine begann, und der nach dem Scheitern des Blitzkriegs in einen langjährigen Abnutzungskrieg überging.

Der russische Machthaber ist weiterhin überzeugt, dass der Westen sich letztlich mit dem Ergebnis dieses Krieges zu seinen Bedingungen abfinden wird – selbst wenn er die Amtszeit eines weiteren US-Präsidenten abwarten muss. Wie viele davon hat es schon gegeben, seit Putin im Kreml sitzt? Die ersten hat er offenbar schon vergessen. Das ist auch der Kernunterschied zwischen einer Diktatur, die keine öffentliche Zustimmung braucht, und einer Demokratie, in der Politiker ständig um die Gunst der Bevölkerung kämpfen. Und genau diesen Unterschied will Putin in seinem Krieg gegen unser Land ausnutzen.

Ganz zu schweigen davon, dass Peking in den letzten Tagen signalisiert hat, Russland zu unterstützen – ungeachtet etwaiger Ultimaten Donald Trumps. Mit chinesischer Rückendeckung, mit dem Kauf russischen Öls – dessen Umfang sich aus politischen Gründen sogar erhöhen könnte – und mit der Lieferung von Bauteilen für russische Waffen, die für Terrorangriffe auf Kyiv, Dnipro, Odesa, Charkiw, Lwiw und andere ukrainische Städte und Dörfer verwendet werden, die von selbstverliebten und niederträchtigen Kreml-Greislingen angegriffen werden – mit dieser Hilfe kann Russland glauben, noch viele Jahre Krieg führen zu können. Denn es wird sowohl Geld als auch Stahl geben.

Dieses kaltblütige Töten friedlicher Einwohner Kyivs, diese gezielte Zerstörung ukrainischer Städte – das ist die wahre Antwort des Präsidenten der Russischen Föderation und, nebenbei gesagt, auch des Vorsitzenden der Volksrepublik China an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Einen Präsidenten, den sie verachten, und ein Land, das sie – gerade während der Präsidentschaft Donald Trumps – seiner ernsthaften globalen Einflussmöglichkeiten in Europa und Asien berauben wollen.

In Europa durch die Zerstörung der Ukraine und durch das Schaffen von Bedingungen, unter denen europäische Wähler selbst nach Politikern Ausschau halten werden, die auf eine Verständigung ihrer neuen Führung mit Moskau hoffen. In Asien sehen wir ebenfalls, wie die Volksrepublik China agiert, indem sie versucht, den Einfluss der Vereinigten Staaten sowohl politisch als auch durch das Schüren von Konflikten zu schwächen.

Doch natürlich stellt sich die Frage: Wie soll die Antwort der zivilisierten Welt aussehen? Die Antwort ist klar: Unterstützung für die Ukraine in diesem langwierigen, zermürbenden Krieg. Nach dem heutigen Angriff muss man nicht mehr erklären, wie dringend die Ukraine eine Verstärkung ihres Luftabwehrarsenals braucht – nicht in zwei oder drei Jahren, sondern sofort. Denn die Angriffe des Feindes werden mit jedem neuen Tag und Monat dieses Krieges zunehmen. Es muss auch nicht mehr bewiesen werden, wie wichtig es für die Ukraine ist, über Mittel zur Zerstörung russischer Technik auf russischem Staatsgebiet zu verfügen – damit all diese Raketen und Fabriken in Flammen aufgehen. Und es muss nicht mehr erläutert werden, dass der wirtschaftliche Druck auf Russland und seine Partner intensiviert werden muss.

Dann werden wir – und der Westen – schließlich den Tunnel sehen, in dem es irgendwann gilt, das Licht anzuzünden, um echte Wege zur Beendigung des langjährigen Krieges Russlands gegen die Ukraine und des jahrzehntelangen russischen Terrors zu suchen.

Trumps neue Drohungen | Vitaly Portnikov. 29.07.2025.

Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, hat den endgültigen Zeitraum präzisiert, nach dessen Ablauf er Russland mit Sanktionen zu belegen droht: Es sind 10 Tage. Allerdings äußerte Trump Zweifel daran, dass seine Drohungen tatsächlich Einfluss auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin haben werden, der offenbar entschlossen ist, den Krieg fortzusetzen. Trump zeigte sich unzufrieden darüber, dass der Präsident der Russischen Föderation auf sein vorheriges Ultimatum nicht reagiert habe, versprach jedoch, sämtliche Maßnahmen umzusetzen, die er angekündigt hatte – falls Russland nicht zu Friedensverhandlungen über die Ukraine und zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges bereit sei.

Ich denke, zum ersten Mal hat ein amerikanischer Präsident das anerkannt, worauf ich seit dem ersten Tag, an dem Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten wurde, hinzuweisen versuche: In der Tasche eines US-Präsidenten – ganz gleich welchen – gibt es keinen Zauberstab, mit dem sich der Präsident der Russischen Föderation zwingen ließe, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden. Das hängt in erster Linie mit den Entwicklungen der Weltwirtschaft in den letzten Jahrzehnten zusammen.

Früher konnten amerikanische Sanktionen, insbesondere wenn sie mit europäischen Partnern abgestimmt waren, binnen Stunden das Ende eines Krieges in jeder beliebigen Region der Welt herbeiführen. Doch heute – angesichts einer alternativen Wirtschaft des globalen Südens, allen voran der Volksrepublik China – erlaubt die Weigerung solcher Länder wie China oder Indien, sich an westlichen Sanktionen gegen Staaten zu beteiligen, die das Völkerrecht verletzen, diesen Staaten, westliche Drohungen weitgehend zu ignorieren.

Das bedeutet nicht, dass Länder wie Russland, Iran oder Nordkorea nicht unter westlichen Sanktionen leiden. Natürlich leiden sie darunter, die Lebensbedingungen der Menschen sind schlechter, und es fehlt Geld im Staatshaushalt für die Launen der Führung. Doch gleichzeitig wird dort die militärische Industrie massiv ausgebaut, und es werden neue Pläne zur Destabilisierung der Welt geschmiedet.

Der Iran, der seit Jahrzehnten unter westlichen Sanktionen steht, war in der Lage, eigene Waffen zu entwickeln, um sie in der Anfangsphase des russisch-ukrainischen Krieges an Russland zu liefern. Man kann sagen, dass gerade die Idee der iranischen Drohnen ein Wendepunkt war, der das Wesen des Krieges veränderte und ihn in einen Drohnenkrieg verwandelte.

Russland kann auf Chinas Unterstützung zählen – ganz gleich, welche Sanktionen die Vereinigten Staaten gegen die Öl-Import-Partner der Russischen Föderation verhängen. Natürlich ist uns allen klar, dass andere Länder, die russisches Öl kaufen – zum Beispiel Indien –, sich unter Umständen vom Kauf zurückziehen könnten, um die Beziehungen zu den USA nicht zu belasten. China – eher nicht.

Somit wird der Präsident der Russischen Föderation auch dann noch über zahlreiche Möglichkeiten verfügen, den Krieg gegen die Ukraine fortzusetzen, selbst wenn Donald Trump in zehn Tagen neue Sanktionen gegen Russland verhängt.

Doch uns ist ebenso klar: In der Erklärung des US-Präsidenten steckt auch viel Positives. Denn das Negative bestand nicht darin, dass Trump Putin nicht stark genug unter Druck setzen konnte, um den Krieg zu beenden. Das Negative bestand darin, dass Trump versuchte, sich mit Putin auf unsere Kosten zu einigen – dass er glaubte, man könne Russland alle möglichen Zugeständnisse machen, nur um einen Waffenstillstand an der Front zu erreichen. 

Er war überzeugt, dass der Krieg deshalb nicht ende, weil sowohl Russland als auch die Ukraine sich in dieser Frage unkooperativ zeigten, und machte die Ukraine offen dafür verantwortlich. Er sagte, es sei einfacher, mit dem russischen Präsidenten zu sprechen als mit dem ukrainischen, und drohte mit einem Stopp der Waffenlieferungen.

Praktisch seine gesamte erste Amtszeit im Oval Office war geprägt von dem Versuch, Gründe zu finden, der Ukraine vorzuwerfen, dass sie kein Interesse an der Beendigung des Krieges habe – bis hin zu der Behauptung, die Ukraine verfüge über keine „Karten“ (sprich: keine Optionen), und müsse daher allen Bedingungen zustimmen, die zwischen den Präsidenten der USA und Russlands potenziell vereinbart worden wären.

Inzwischen hat Donald Trump offenbar erkannt, dass nicht Volodymyr Zelensky keine Karten hat, sondern er selbst – dass er nicht weiß, wie er auf den Präsidenten der Russischen Föderation Einfluss nehmen kann, um ihn zum Ende dieses schrecklichen, ungerechten Krieges zu bewegen, den Putin 2014 gegen unser Land begann und der nach dem Scheitern seines Blitzkriegs im Jahr 2022 in einen langwierigen Abnutzungskrieg überging.

Doch diese Einsicht – dass Putin kein Interesse an einem Kriegsende hat, dass es ihm nicht um Frieden, sondern um den Mord an ukrainischen Zivilisten geht – könnte Donald Trump dazu bringen, über Sanktionen hinauszugehen und der Ukraine intensivere militärische Unterstützung zu gewähren. Er könnte erkennen, dass nur die Zerstörung des militärisch-industriellen Komplexes Russlands, Angriffe auf dessen Öl- und Raffinerieindustrie, auf Entscheidungszentren in Moskau und anderen Städten der Russischen Föderation den russischen Präsidenten zumindest zum Nachdenken über ein Kriegsende bewegen könnten.

Die politische Aufgabe von Donald Trump besteht tatsächlich darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen man im Kreml zu begreifen beginnt, dass der Abnutzungskrieg gegen die Ukraine nicht zu den erhofften Ergebnissen führen wird – jenen, auf die Putin gesetzt hat, als er den Übergang vom Blitzkrieg zu einem jahrelangen Krieg beschlossen hat.

Dann, ja, dann könnten wir hoffen, dass die politische Führung Russlands zumindest beginnt, über eine mögliche Pause im russisch-ukrainischen Krieg nachzudenken – wenn auch nur, um Kräfte für neue, nicht weniger zerstörerische Kriege zu sammeln.

Doch wir wissen: Einen neuen Krieg zu beginnen ist viel schwieriger, wenn man selbst nur eine Pause einlegt – selbst mit dem Ziel einer künftigen Aggression. Trumps Amtszeit könnte so in die Geschichte eingehen als die Phase, in der Voraussetzungen geschaffen wurden für seinen Nachfolger im Oval Office, der den russisch-ukrainischen Konflikt tatsächlich beenden kann. Das ist die Aufgabe der kommenden Jahre.

Aber wenn es Trump gelingt, nicht nur auf Russland, sondern auch auf dessen Partner effektiv Druck auszuüben, wenn er demonstriert, dass die Vereinigten Staaten zu wirtschaftlicher – und vielleicht sogar sicherheitspolitischer – Eskalation bereit sind, um den Krieg zu beenden, dann könnten wir schon früher als selbst in den kühnsten und romantischsten Prognosen erwartet eine Pause der Kämpfe an der russisch-ukrainischen Front erleben.

Und so bleibt uns – im Wissen, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine ein langwieriger Prozess dieses konfliktreichen 21. Jahrhunderts ist, vielleicht über die 2020er und 2030er Jahre hinaus –, nur eines: auf das Beste zu hoffen und zu glauben, dass Trumps Drohungen gegen Putin den Weg zu einem echten Ende des russischen Krieges gegen die Ukraine ebnen – und zwar in gar nicht allzu ferner Zukunft.

Der Kreml hat Trump eiskalt abserviert. Vitaly Portnikov. 29.07.2025.

Der Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, betonte, dass der Kreml die Erklärung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump zur Kenntnis genommen habe, wonach er das zuvor gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gesetzte Ultimatum von 50 auf acht oder zehn Tage verkürze. Wie Russland konkret auf Trumps Erklärung zu reagieren gedenkt und ob eine Reaktion Putins selbst möglich sei, dazu äußerte sich Peskow nicht.

Man sollte daran erinnern, dass Peskow, nachdem Trump seine Aussage über die 50 Tage gemacht hatte – die er Russland für Friedensverhandlungen und einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front eingeräumt hatte – betonte, dass Präsident Putin selbst auf diese Worte Trumps reagieren werde. Doch seither sind zwei Wochen vergangen, und der russische Präsident hat die Äußerungen seines amerikanischen Kollegen überhaupt nicht kommentiert.

Nun sehen wir, dass der Kreml nach einem Standardmuster auf Trumps Erklärungen reagiert. Der ehemalige russische Präsident und stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrates der Russischen Föderation, Dmitri Medwedew, betont, dass sich amerikanische Führungskräfte besser um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern und an die Interessen Amerikas denken sollten. Der russische Außenminister Sergej Lawrow nimmt die Aussagen seiner amerikanischen Kollegen nicht ernst, und der Pressesprecher des Präsidenten erklärt, dass man Trumps Aussage zur Kenntnis genommen habe und erinnert an die Wichtigkeit, die Ziele der sogenannten „militärischen Spezialoperation“ zu erreichen, die Putin bereits am 24. Februar 2022 begonnen hat.

Man muss sich vergegenwärtigen: Am 24. Februar 2022 befahl der russische Präsident seinen Streitkräften, die vollständige Kontrolle über das gesamte Territorium der Regionen Donezk und Luhansk zu übernehmen, deren Pseudo-Unabhängigkeit einen Tag vor Beginn dieses schändlichen und ungerechten Krieges anerkannt worden war. Und bis heute sind die russischen Streitkräfte nicht in der Lage, diesen Befehl ihres unfähigen Oberbefehlshabers auszuführen.

Warum also reagiert Putin selbst nicht auf die Erklärungen von Donald Trump? Weil er dem amerikanischen Präsidenten praktisch nichts zu entgegnen hat. Das Vertrauenslimit, das Trump ihm offenbar einst eingeräumt hatte, hat Putin bereits ausgeschöpft. Der russische Präsident nutzte ganze sechs Telefonate mit seinem amerikanischen Amtskollegen, um Donald Trump von seinem Wunsch zu überzeugen, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden. Doch kein einziges Mal stimmte er der zentralen Initiative Trumps zu, nämlich einem Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front. Obwohl Trump diese Idee hartnäckig bereits im allerersten Gespräch mit Putin ansprach und sogar, man kann sagen, nach diesem ersten Gespräch Zugeständnisse an seinen russischen Kollegen machte.

Diese Zugeständnisse kennt jeder ukrainische Bürger ganz genau – sie müssen nicht aufgezählt werden. Allein die Tatsache jedoch, dass Trump überhaupt in einen Dialog mit dem russischen Präsidenten trat und dessen diplomatische Isolation beendete, war ein Erfolg für Putin. Ein Erfolg, den er für Propagandazwecke nutzte – nicht für konkrete Schritte.

Die Aufnahme von Gesprächen zwischen russischen und amerikanischen Delegationen, Gespräche über gemeinsame Wirtschaftsprojekte zwischen den USA und Russland, die Anwesenheit von Wirtschaftsvertretern, die über für beide Seiten vorteilhafte Geschäfte verhandeln sollten – für Trump wie für Putin. Schließlich das Aussetzen der militärischen Hilfe für die Ukraine vor dem sechsten Telefonat zwischen dem US-Präsidenten und seinem russischen Kollegen. All dies hätte aus Trumps Sicht Putin zu konstruktivem Handeln bewegen sollen.

Doch Putin entschied sich offenbar, dass er Trump unbegrenzt schmeichelhafte Dinge erzählen könne, ohne irgendeine Entscheidung zu treffen, die das Ende des russisch-ukrainischen Kriegs betreffen würde. Und genau das bemerkte Trump selbst, der offen sagt, dass die Telefonate mit Putin angenehm seien – offensichtlich deshalb, weil der russische Präsident bereit ist, eine unbegrenzte Menge an Zucker in diese Gespräche zu streuen –, aber Trump keinerlei reale Ergebnisse erzielt. Und das fällt nicht nur seinen engen Mitarbeitern auf, nicht nur seiner Ehefrau, sondern auch Trump selbst.

Um also angemessen auf die neuen Erklärungen des US-Präsidenten und dessen offensichtliche Verärgerung über die Unwilligkeit des russischen Kollegen, den Krieg zu beenden, zu reagieren, müsste Putin entscheiden, was er tatsächlich tun kann, um die Drohungen Trumps zu entschärfen. Doch zu echten Handlungen ist der auf diesen Krieg fixierte russische Führer nicht bereit.

Es gibt aber auch eine andere Erklärung dafür, warum Putin nicht auf Trumps Erklärungen reagiert, sondern stattdessen Peskow oder Medwedew vorschickt. Welche? Putin will verstehen, was Trump tatsächlich zu tun imstande ist, nachdem die einst 50, nun auf 10 Tage verkürzten Fristen des US-Ultimatums abgelaufen sind. Und seine Reaktion könnte davon abhängen, wie konkret und bedrohlich Trumps Maßnahmen für sein Regime sind. Wird es Trump tatsächlich gelingen, Fortschritte bei den sogenannten sekundären Sanktionen gegen die Energiepartner der Russischen Föderation zu erzielen? Werden wirklich die meisten dieser Energiepartner auf den Kauf von russischem Öl verzichten, was dem russischen Haushalt echte Probleme bereiten würde? Werden nicht nur Indien – dessen Energieminister bereits jetzt im Falle amerikanischer Sanktionen von einem Verzicht auf russisches Öl spricht –, sondern auch die Volksrepublik China, der Hauptsponsor des russisch-ukrainischen Kriegs und wichtigster Verbündeter Russlands im Konflikt zwischen dem Kreml-Regime und dem Westen, zu Gesprächen mit den Vereinigten Staaten über russische Energieimporte bereit sein?

Putin wird auch verstehen müssen, in welchem Ausmaß die militärische Unterstützung für die Ukraine wachsen könnte, falls er nicht auf Trumps Ultimatum reagiert. Erst wenn Putin erkennt, dass Trumps Drohungen mit konkreten und gefährlichen Schritten gegen sein Regime verbunden sind, könnte er zu einer Reaktion auf Trumps Erklärungen übergehen und tatsächlich Schritte auf den US-Präsidenten zugehen. 

Sollte sich jedoch zeigen, dass Trumps Drohungen für den russischen Präsidenten keine ernsthafte Gefahr darstellen, dass Putin den Krieg zumindest für eine gewisse Zeit fortsetzen kann, dass er hoffen darf, mit seiner Taktik der Erschöpfung der Ukraine noch gewisse Ergebnisse zu erzielen – dann stellt sich die Frage: Warum reagieren, wenn sich alle davon überzeugen können, dass die Warnungen des US-Präsidenten keinerlei Einfluss auf die militärisch-aggressiven Pläne seines russischen Kollegen haben?

Und genau durch diese Haltung des russischen Präsidenten gegenüber den möglichen Maßnahmen seines amerikanischen Amtskollegen lässt sich das Schweigen Putins zu Trumps Worten erklären.