Stimmen aus Russland, die ein Übermaß an Entmenschlichung zeigen. Ekaterina Barabasch.

https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=pfbid0TkXgVZTryrmPprQmejDqz3iXnrTXynH2GGPkMX74WW1gLfHtkgWkEokxt3SnHUzPl&id=100002149696508

Bei den Berliner Filmfestspielen wurde der Film „Intercepted“ der ukrainischen Regisseurin Oksana Karpovich gezeigt. Eineinhalb Stunden abgehörte Telefongespräche zwischen russischen „Soldaten“ aus der Ukraine und ihren Familien. Die Zitate sind nicht alle wortgetreu, aber ich gebe die Essenz so genau wie ich kann wieder.

„Mama, ich habe die Folter so sehr genossen! Ich kann dir sagen, welche Folterungen ich kennengelernt und mitgemacht habe“ (und erzählt. Sorry – ich kann es nicht wiederholen). – Sohn, das ist normal. Ich würde auch high werden, wenn ich dort hinkäme, was sonst?“ Ohne Kommentar. Kein Kommentar wird dem gerecht, was wir hören. Das Publikum ist schockiert. Nach dem Ende des Films herrscht eine Minute lang Stille. Dann steht das Publikum auf und gibt stehende Ovationen. Selten schafft man es, in anderthalb Stunden ein solches Bild der Welt zu sehen. Von der russischen Welt.

„Nein, ich bin nicht verbittert – ich töte nur Nazis. Gestern sind wir spazieren gegangen, eine Frau mit zwei Kindern kam uns entgegen – also haben wir sie umgebracht. – Das ist richtig, sie sind unsere Feinde. – Ja, ich habe kein Mitleid mit ihnen. Es ist ihre Entscheidung. Sie hätten fliehen können wie die anderen. – So ist es richtig, ihr brauchet kein Mitleid zu haben. Tötet sie.“

„Hast du die NATO-Stützpunkte dort gesehen? – Nein. – Lüg mich nicht an – es gibt dort auf Schritt und Tritt NATO-Stützpunkte, sagen sie uns im Fernsehen. – Sieh nicht fern, Mama, das ist nicht wahr. – Was meinst du mit „nicht wahr“? Natürlich ist es wahr. Deshalb haben sie euch dorthin geschickt, um uns vor der NATO zu schützen. Ihr seid Helden. Sagt das euren Freunden. – Es gibt kaum noch Freunde. Sie wurden alle getötet. – Ich bin stolz auf dich und deine Freunde.“

„Weißt du, diese verdammten Khokhols ( spöttisch über Ukrainer) leben so gut – besser als wir, wirklich. – Das ist verständlich – der Westen unterhält sie, sie haben Angst, es zu verlieren, und sie kämpfen dafür – warum dollstem die sonst kämpfen?“

„Ich bringe dir und den Kindern so viele Klamotten mit – wir sind jetzt hier in einer Wohnung, sie haben alles liegen lassen. Es ist eine sportliche Familie – zehn Paar Turnschuhe, alles Markenware. Ich habe alles eingesammelt und in meinen Rucksack gestopft. Die Jungs bringen es mit dem Lastwagen weg, aber ich habe keinen Lastwagen. – Du bist ein guter Mann, du machst alles für Familie, du bringst alles ins Haus. Übrigens, Sofja geht dieses Jahr in die Schule – vielleicht könntest du irgendwo einen Computer auftreiben?“

In diesen Gesprächen sind die Stimmen aus Russland viel interessanter als die Stimmen der Besatzer. Bei diesen ist alles klar – sie sind gekommen um etwas wegzunehmen, zu töten, zu foltern. Aber es sind die Stimmen der Frauen – Mütter, Ehefrauen, Freundinnen -, die ein Maß an Entmenschlichung zeigen, das nur in einer anti-utopischen Fantasie möglich scheint. Diese liebenden Stimmen fordern mehr Tötungen, damit ihre Liebsten früher nach Hause kommen können. Diese Stimmen wünschen den Ukrainern den Tod. Diese Stimmen bitten darum, die Kinder nicht zu verschonen. „Mama, warum sind wir hierher gekommen?! Die Menschen haben gelebt, und jetzt ist das halbe Land mit Leichen übersät. Warum nur?! – Wage es nicht, das zu sagen. Das sind doch gar keine Menschen. Kämpf weiter.“

Das ist „Mutter Heimat“.

„Mutter Russland“.


На Берлинском фестивале показали фильм украинской режиссерки Оксаны Карпович „Intercepted“ (букв. – „перехваченное“. Полтора часа перехваченных телефонных разговоров российских „солдат“ из Украины с семьями. Цитаты не все точные до слова, но суть передаю самым точным образом.

«Мам, мне так понравилось пытать! Я ⁠тебе ⁠могу рассказать, про какие пытки я узнал и в каких ⁠участвовал» (и рассказывает. Простите — не могу повторить). ⁠— Сынок, это нормально. Я бы, если ⁠бы туда попала, тоже ловила бы кайф, а как иначе?» Это без комментариев. Никакой комментарий не окажется адекватным услышанному. В зале — шок. Тишина целую минуту после окончания фильма. Потом зал встает и устраивает овацию. Редко удается вот так, за полтора часа, увидеть картину мира. Русского мира.

«Нет, я не озлобился здесь — я просто убиваю нациков. Вчера идем, нам навстречу женщина с двумя детьми — ну мы их и положили. — Ну правильно, они нам враги. — Да, мне их не жалко. Это их выбор. Могли бы уехать, как остальные. — Правильно, не жалей их. Бей».

«Ты там базы НАТО видел? — Не-а. — Не ври мне — там на каждом шагу их базы, нам по телевизору рассказывают. — Не смотри телевизор, мам — там неправду говорят. — Ну как это неправду? Правду, конечно. Вас потому и послали туда, чтобы вы нас от НАТО защищали. Вы герои. Так и передай друзьям. — Не осталось друзей почти никого — всех поубивало. — Я горжусь тобой и твоими друзьями».

«Ты знаешь, эти хохлы злоебучие так хорошо живут — лучше нас, правда. — Ну так понятно — их Запад содержит, они боятся это потерять и за это воюют — а за что еще?»

«Я тебе и детям столько шмоток привезу — мы тут в квартире сейчас, они все бросили, убежали. Спортивная такая семья — одних кроссовок десять пар, и все фирменные. Я все собрал, в рюкзак запихнул. Ребята грузовиками вывозят, а у меня нет грузовика. — Хороший ты у меня, хозяйственный — все в дом. Кстати, Софье в этом году в школу — может, где-нибудь компьютер заберешь?»

В этих разговорах голоса из России намного интереснее, чем голоса оккупантов. С этими-то все ясно — они пришли забирать, убивать, пытать. Но именно женские голоса — матерей, жен, подруг — показывают такую степень дегуманизации, какая возможна, кажется, только в фантазии-антиутопии. Эти любящие голоса просят побольше убивать, чтобы любимые поскорее вернулись домой. Эти голоса желают смерти украинцам. Эти голоса просят не жалеть детей. «Мама, зачем мы сюда приехали?! Жили себе люди, а теперь мы полстраны трупами усеяли. Зачем?! — Не смей так говорить. Они не люди вообще. Воюй дальше».

Родина-мать.

Перемать.

Die Stadt betete zu Gott. Nadia Sukhorukova. 18.02.24.

https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=pfbid02dgimGNuXne4MYBQQMSiQrKtuxJS8uAPi8hLWtwFVwyNiyokYd6gV3gjwtGAKtUrYl&id=100087641497337&mibextid=WC7FNe

Der Himmel kam immer näher. Er senkte sich auf den Boden wie ein Aufzug in Erdgeschoss.

Er fiel direkt auf die Häuser und erstarrte. Er versuchte, Mariupol mit sich selbst zu bedecken.

Es schien uns, dass Gott unser verzweifeltes Gebet erhören musste.

Jemand sagte diese Worte mit Untergangsstimmung, halb geflüstert, halb gestöhnt.

Einige mit Hoffnung zu den grauen Kellerrohren hinaufblickend.

Meine siebenjährige Nichte Varya betete im einem schnellen Tempo und verwechselte dabei Buchstaben und Laute.

Früher lachten meine Mutter und ich über ihre Aussprache. Jetzt hörten wir schweigend zu und glaubten, dass die dem Gott ins Ohr flüsterte.

Er wird sie verstehen. Er wird das lustige Zischen hören und den Krieg beenden.

Ein blauäugiges, blondhaariges, dünnes Mädchen, das an Gott glaubt, wird diese Hölle auf jeden Fall überleben.

Gott wird sie nicht in einer schwarzen Stadt unter russischen Bomben zurücklassen.

Ganz Mariupol hat Ihn angebetet zu sehen, was die Unmenschen auf der Erde tun.

Jedes Mal, wenn russische Flugzeuge flogen, Bodenartillerie oder Schiffskanonen feuerten, Panzer ihre Mündungen auf Eingänge und Fenster richteten, antwortete die Stadt mit Gebet.

Sie stürmte nach oben:

aus den zitternden Wohnungen,

eisigen Kellern,

gesprengten Straßen, blutigen Operationssälen,

seltenen Autos, die sich zwischen Minen bewegten, Gebäuden, die wie riesige Kerzen brannten.

Meine Stadt war in jenen Tagen ein Ort des endlosen Gebets.

Selbst diejenigen, die zu sagen pflegten: „Ich glaube nicht. Es hat keinen Sinn.“

Wir haben den Allmächtigen jede Minute gestört. Tag und Nacht.

Die Naziflugzeuge verwandelten die Stadt erst in Ruinen, dann in Schutt und Asche, dann in Müll.

Wir riefen Gott um Hilfe an.

Wir sprachen über uns selbst, beklagten uns über die Mörder und warteten auf eine Antwort.

Die Granaten schlugen Böden in den Häusern heraus. Sie zerrissen die Menschen. Sie nagten Löcher in den Boden.

Die Druckwelle würgte, warf sich gegen die Wände, warf und zermalmte alles, was sich ihr in den Weg stellte.

Gott hat nicht reagiert.

Ich war wütend auf ihn.

Ich verstand nicht, warum er nicht sofort bestraft.

Warum funktioniert das Gesetz des Bumerangs nicht?

Und gestern habe ich in den Himmel von Wilhelmshaven geschaut.

Es war derselbe wie in Mariupol vor dem Krieg.

Ein ruhiger Sternenhimmel.

Ich dachte: Vielleicht konnte man uns in Mariupol nicht hören, weil die Granaten so laut waren? Und wenn wir jetzt fragen, werden er uns vielleicht hören?

***

Ich frage mich, ob ich der Einzige bin, für den der 24. Februar ein Trigger ist?


Небо ставало близьким. Воно опускалось на землю, як ліфт на перший поверх.

Лягало прямо на будинки і завмирало. Намагалося закрити Маріуполь собою.

Нам здавалося, що Бог повинен чути нашу відчайдушну молитву.

Хтось вимовляв ці слова приречено: напівпошепки, напівстоном.

Хтось із надією. Піднявши очі до сірих підвальних труб.

Моя семирічна племінниця Варя молилася скоромовкою. Смішно змінюючи літери та звуки.

Раніше ми з мамою сміялися над її вимовою. Тепер слухали мовчки та вірили. Саме вона дошепчеться до Бога.

Він зрозуміє її. Почує смішні шиплячі і припинить війну.

Блакитноока, світловолоса, худенька дівчинка, яка впевнена в Боженькє, обов’язково переживе це пекло.

Бог не залишить її у чорному місті під рашистськими бомбами.

Весь Маріуполь просив Його подивитися, що творять на землі нелюди.

Щоразу, коли летіли російські літаки, била наземна артилерія чи корабельні гармати, танки направляли дула у під’їзди та вікна – місто відповідало молитвою.

Вона мчала вгору:
з тремтячих квартир,
крижаних підвалів,
рознесених вщент вулиць, кривавих операційних,
рідкісних машин, що рухаються між мінами, палаючих, як величезні свічки, будівель.

Моє місто в ці дні було місцем нескінченної молитви.

Молилися навіть ті, хто раніше говорив: „Не вірю. Немає сенсу“

Ми турбували всевишнього кожну хвилину. І вдень і вночі.

Рашистські літаки перетворювали місто спочатку на руїни, потім на уламки, потім на сміття.

Ми звали Бога на допомогу.

Ми розповідали про себе, скаржилися на вбивць, чекали на реакцію.

Снаряди вибивали поверхи у будинках. Розривали людей на частини. Вигризали дірки у землі.

Вибухова хвиля душила, кидала на стіни, відкидала та тріпала все, що було на її шляху.

Бог не реагував.

Я ображалася на нього.

Не розуміла: чому не покарає одразу?

Чому не працює закон бумерангу?

А вчора я дивилася у небо Вільгемсхафена.

Воно було таким самим, як у Маріуполі, до війни.
Тихе зоряне небо.

Я подумала: може, в Маріуполі нас було не чути через гуркіт снарядів? І якщо попросити зараз, можливо, нас почують?


Цікаво, мене одну тригерить перед 24 лютого?

Willkommen in den Dreißigern. Vitaly Portnikov. 18.02.24.

https://zbruc.eu/node/117733

Wladimir Putins jüngstes Interview mit dem amerikanischen Kommentator Tucker Carslon hat mich wieder an Adolf Hitler erinnert – nicht um eine weitere beleidigende Parallele für Putin zu ziehen, sondern einfach als Tatsache. Auch Hitler überraschte ausländische Gäste – selbst solche, die ihm freundlich gesinnt waren – mit langen historischen Argumenten. Viele dachten, das sei nur eine Taktik, mit der Hitler seine aggressiven Schritte rechtfertigen wollte, aber er war tatsächlich von seinem Recht überzeugt. Und Putin ist es auch.

Das passiert oft bei Menschen, die so leer sind wie ein Fass. Sie füllen sich mit dem Schulgeschichtslehrplan, mit Vorurteilen und Stereotypen, und wenn sich die Gelegenheit ergibt, beginnen sie diese umzusetzen. Hitler war am Anfang ein Versager, das ist wahr. Aber er schaffte es ein Teil und später der Führer einer Bewegung zu werden, deren Ideologie mit den Gedanken des deutschen Volkes übereinstimmte, das durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg gekränkt war. Es gelang ihm, diesen Groll, die Schwäche der politischen Elite und ihre – durchaus verständliche – Angst vor den Kommunisten auszunutzen, die Hitler als das kleinere Übel erscheinen ließen. Natürlich wollten die Deutschen nicht wirklich einen neuen großen Krieg, aber sie waren der Rache nicht abgeneigt, wenn sie schnell und sicher war.

Auch Putin war anfangs ein Versager, das ist wahr. Im Gegensatz zu Hitler stand er nicht an der Spitze einer Bewegung, sondern wurde einfach dazu auserkoren, die Sicherheit des Geldes der bürokratisch-oligarchischen Camarilla zu garantieren, die in den 1990er Jahren die Kontrolle über Russland übernommen hatte und ihr Geld im Falle eines plötzlichen Todes von Jelzin nicht verlieren wollte. Doch im Präsidialamt, zeigte sich, dass seine recht bürgerlichen „sowjetischen“ Ansichten dem Weltbild entsprachen, das sich in den Köpfen der russischen Bevölkerung entwickelt hatte, die durch die Niederlage im Kalten Krieg und den Verlust der Sowjetunion verwundet worden war. Putin hat es verstanden, diesen Groll, die Schwäche der russischen Elite und ihre – wenn auch verständliche – Angst vor Kommunisten und anderen Gespenstern der Vergangenheit in der Politik auszunutzen, was Putin irgendwie als das kleinere Übel erscheinen ließ. Natürlich wollten die Russen nicht wirklich einen großen Krieg, aber wenn sie die Sowjetunion und die Rolle einer „Weltmacht“ relativ schmerzlos zurückgewinnen konnten, warum nicht?

So wurde Putin zu Hitler, vielleicht nicht einmal unabsichtlich – die Tschekisten haben den Nationalsozialismus und seine Praktiken immer viel mehr bewundert als den Kommunismus, aber sie haben den sowjetischen Parteiapparatschiks nichts davon gesagt. Aber es geht nicht nur um Putin, oder?

In den Vereinigten Staaten macht sich langsam eine isolationistische Haltung breit. Donald Trump ist ein Symbol für diese Einstellung – aber ist das etwas Neues? In den 1930er Jahren mussten amerikanische Politiker buchstäblich schwören, dass sie die Ansichten von Präsident Woodrow Wilson über die Rolle der Vereinigten Staaten in Europa nicht teilten. Wilson war der erste, der erkannte, dass die Welt ohne diese stabilisierende Rolle schnell in den Zweiten Weltkrieg geraten würde – aber er scheiterte nicht einmal politisch, sondern historisch. Übrigens war Franklin Roosevelt, den wir heute als den Architekten der neuen Rolle Amerikas wahrnehmen, nicht Wilsons Erbe, sondern sein Gegner – sonst wäre er einfach nie zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden. Und wer weiß, wie sich das Schicksal Amerikas und der Welt verändert hätte, wenn Pearl Harbor nicht gewesen wäre…

Und heute sind die Rollen in diesem neuen Schreckensszenario verteilt. Die Besiegten des Zweiten Weltkriegs schlossen sich mit den siegreichen Demokraten zusammen, um Frieden, Stabilität und Ordnung zu bewahren. Und die siegreichen Autokraten versuchen, Frieden und Stabilität zu untergraben und das Völkerrecht durch das Recht der Gewalt zu ersetzen. Dies ist der schreckliche Preis für den Sieg im Zweiten Weltkrieg. Wenn man sich mit dem Bösen verbündet, um ein anderes Böses zu besiegen – und sei es aus Verzweiflung -, welche Garantien gibt es dann, dass das Böse nicht mit der Zeit zurückkehren wird? In der Geschichte gibt es keine solchen Garantien.

Noch weiß man nicht, ob ein neues Stück beginnen wird – die Atomwaffe hängt noch immer an der Wand unseres Todestheaters, und niemand will sie einsetzen, obwohl die ersten zaghaften Schritte in diese Richtung bereits unternommen wurden.

Das Wichtigste ist, dass wir verstehen müssen, dass der Angriff Russlands auf die Ukraine nicht der Krieg selbst ist, sondern der Prolog dazu. Es ist eine Art deutscher Druck auf die Tschechoslowakei, nur dass der Westen dieses Mal „nein“ gesagt hat, aber wieder ohne eigene Beteiligung. Und der eigentliche Krieg, der große Krieg, den wir noch erleben und an dem wir teilnehmen können, wird beginnen, wenn die Großmächte aufeinandertreffen.

Natürlich hätte ich die Geschichte des Zweiten Weltkriegs heranziehen können, in der Russland in der Rolle von Hitler-Deutschland versucht Europa zu destabilisieren, und China in der Rolle von Kaiser Hirohitos Japan schließlich die Interessen Amerikas verletzt und es zwingt direkt in den Konflikt einzugreifen. Aber zum Glück habe ich nicht an einer Militärakademie studiert, deren Absolventen sich immer auf Kriege der Vergangenheit vorbereiten. Ich weiß, dass der Dritte Weltkrieg, sollte er tatsächlich stattfinden (das hängt davon ab, wie unser Prolog endet), völlig anders sein wird als die ersten beiden.

Ich beneide die Historiker der Zukunft, wenn sie überleben und in der Lage sein werden, dieses letzte Drama der Menschheitsgeschichte zu beschreiben.

Willkommen in den Dreißigern. Vitaly Portnikov. 18.02.24.

https://zbruc.eu/node/117733

Wladimir Putins jüngstes Interview mit dem amerikanischen Kommentator Tucker Carslon hat mich wieder an Adolf Hitler erinnert – nicht um eine weitere beleidigende Parallele für Putin zu ziehen, sondern einfach als Tatsache. Auch Hitler überraschte ausländische Gäste – selbst solche, die ihm freundlich gesinnt waren – mit langen historischen Argumenten. Viele dachten, das sei nur eine Taktik, mit der Hitler seine aggressiven Schritte rechtfertigen wollte, aber er war tatsächlich von seinem Recht überzeugt. Und Putin ist es auch.

Das passiert oft bei Menschen, die so leer sind wie ein Fass. Sie füllen sich mit dem Schulgeschichtslehrplan, mit Vorurteilen und Stereotypen, und wenn sich die Gelegenheit ergibt, beginnen sie diese umzusetzen. Hitler war am Anfang ein Versager, das ist wahr. Aber er schaffte es ein Teil und später der Führer einer Bewegung zu werden, deren Ideologie mit den Gedanken des deutschen Volkes übereinstimmte, das durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg gekränkt war. Es gelang ihm, diesen Groll, die Schwäche der politischen Elite und ihre – durchaus verständliche – Angst vor den Kommunisten auszunutzen, die Hitler als das kleinere Übel erscheinen ließen. Natürlich wollten die Deutschen nicht wirklich einen neuen großen Krieg, aber sie waren der Rache nicht abgeneigt, wenn sie schnell und sicher war.

Auch Putin war anfangs ein Versager, das ist wahr. Im Gegensatz zu Hitler stand er nicht an der Spitze einer Bewegung, sondern wurde einfach dazu auserkoren, die Sicherheit des Geldes der bürokratisch-oligarchischen Camarilla zu garantieren, die in den 1990er Jahren die Kontrolle über Russland übernommen hatte und ihr Geld im Falle eines plötzlichen Todes von Jelzin nicht verlieren wollte. Doch im Präsidialamt, zeigte sich, dass seine recht bürgerlichen „sowjetischen“ Ansichten dem Weltbild entsprachen, das sich in den Köpfen der russischen Bevölkerung entwickelt hatte, die durch die Niederlage im Kalten Krieg und den Verlust der Sowjetunion verwundet worden war. Putin hat es verstanden, diesen Groll, die Schwäche der russischen Elite und ihre – wenn auch verständliche – Angst vor Kommunisten und anderen Gespenstern der Vergangenheit in der Politik auszunutzen, was Putin irgendwie als das kleinere Übel erscheinen ließ. Natürlich wollten die Russen nicht wirklich einen großen Krieg, aber wenn sie die Sowjetunion und die Rolle einer „Weltmacht“ relativ schmerzlos zurückgewinnen konnten, warum nicht?

So wurde Putin zu Hitler, vielleicht nicht einmal unabsichtlich – die Tschekisten haben den Nationalsozialismus und seine Praktiken immer viel mehr bewundert als den Kommunismus, aber sie haben den sowjetischen Parteiapparatschiks nichts davon gesagt. Aber es geht nicht nur um Putin, oder?

In den Vereinigten Staaten macht sich langsam eine isolationistische Haltung breit. Donald Trump ist ein Symbol für diese Einstellung – aber ist das etwas Neues? In den 1930er Jahren mussten amerikanische Politiker buchstäblich schwören, dass sie die Ansichten von Präsident Woodrow Wilson über die Rolle der Vereinigten Staaten in Europa nicht teilten. Wilson war der erste, der erkannte, dass die Welt ohne diese stabilisierende Rolle schnell in den Zweiten Weltkrieg geraten würde – aber er scheiterte nicht einmal politisch, sondern historisch. Übrigens war Franklin Roosevelt, den wir heute als den Architekten der neuen Rolle Amerikas wahrnehmen, nicht Wilsons Erbe, sondern sein Gegner – sonst wäre er einfach nie zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden. Und wer weiß, wie sich das Schicksal Amerikas und der Welt verändert hätte, wenn Pearl Harbor nicht gewesen wäre…

Und heute sind die Rollen in diesem neuen Schreckensszenario verteilt. Die Besiegten des Zweiten Weltkriegs schlossen sich mit den siegreichen Demokraten zusammen, um Frieden, Stabilität und Ordnung zu bewahren. Und die siegreichen Autokraten versuchen, Frieden und Stabilität zu untergraben und das Völkerrecht durch das Recht der Gewalt zu ersetzen. Dies ist der schreckliche Preis für den Sieg im Zweiten Weltkrieg. Wenn man sich mit dem Bösen verbündet, um ein anderes Böses zu besiegen – und sei es aus Verzweiflung -, welche Garantien gibt es dann, dass das Böse nicht mit der Zeit zurückkehren wird? In der Geschichte gibt es keine solchen Garantien.

Noch weiß man nicht, ob ein neues Stück beginnen wird – die Atomwaffe hängt noch immer an der Wand unseres Todestheaters, und niemand will sie einsetzen, obwohl die ersten zaghaften Schritte in diese Richtung bereits unternommen wurden.

Das Wichtigste ist, dass wir verstehen müssen, dass der Angriff Russlands auf die Ukraine nicht der Krieg selbst ist, sondern der Prolog dazu. Es ist eine Art deutscher Druck auf die Tschechoslowakei, nur dass der Westen dieses Mal „nein“ gesagt hat, aber wieder ohne eigene Beteiligung. Und der eigentliche Krieg, der große Krieg, den wir noch erleben und an dem wir teilnehmen können, wird beginnen, wenn die Großmächte aufeinandertreffen.

Natürlich hätte ich die Geschichte des Zweiten Weltkriegs heranziehen können, in der Russland in der Rolle von Hitler-Deutschland versucht Europa zu destabilisieren, und China in der Rolle von Kaiser Hirohitos Japan schließlich die Interessen Amerikas verletzt und es zwingt direkt in den Konflikt einzugreifen. Aber zum Glück habe ich nicht an einer Militärakademie studiert, deren Absolventen sich immer auf Kriege der Vergangenheit vorbereiten. Ich weiß, dass der Dritte Weltkrieg, sollte er tatsächlich stattfinden (das hängt davon ab, wie unser Prolog endet), völlig anders sein wird als die ersten beiden.

Ich beneide die Historiker der Zukunft, wenn sie überleben und in der Lage sein werden, dieses letzte Drama der Menschheitsgeschichte zu beschreiben.

Putin und Carlson: Der russische Präsident zeigte sich in der Tat solidarisch mit Hitler. Vitaly Portnikov. 10.02.24

Ein Plakat mit dem Bild des russischen Präsidenten Wladimir Putin während einer Demonstration vor der russischen Botschaft in Lettland gegen den Einmarsch Russlands in der Ukraine. Riga, 17. März 2022

https://www.radiosvoboda.org/a/putin-karlson-hitler/32813441.html

Das Interview des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit dem amerikanischen Kommentator Tucker Carlson galt schon vor seiner Veröffentlichung als politische Sensation.

Viele glaubten, dass Wladimir Putin mit diesem Gespräch – dem ersten Interview mit westlichen Journalisten seit dem Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 und dem ersten Interview mit amerikanischen Journalisten seit 2021 – einige wichtige politische Signale senden würde, wenn nicht an den gesamten „kollektiven Westen“, so doch zumindest an diejenigen im politischen Establishment, die das Ende des Krieges in Verhandlungen mit dem Kreml sehen.

Auf Journalisten, die vermuteten, dass das Interview wahrscheinlich keine wirklichen Neuigkeiten enthalten wird, wollte man nicht hören. Schließlich wurden wir alle Zeugen eines weiteren langen Vortrags über die Geschichte der Ukraine, den Putin für Carlson hielt. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um dieselbe Vorlesung – nur in einer kürzeren Version -, die Putin dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und anderen westlichen Staatsoberhäuptern hielt, die Moskau unmittelbar vor dem „großen Angriff“ besuchten und den Kreml davon zu überzeugen versuchten, keinen fatalen Fehler zu begehen.

Putins inkompetente Interpretation der historischen Ereignisse.

Man kann über die Thesen dieses Vortrags streiten. Aber meiner Meinung nach ist die Analyse von Putins Geschichtsaufsatz eine sinnlose Übung. Und zwar nicht, weil es schwierig ist zu beweisen, dass Putins Interpretation historischer Ereignisse unzutreffend ist – das ist nicht schwierig. Sondern weil in der modernen Welt das Völkerrecht zählt und nicht die Berufung auf die Geschichte. Das ist genau die Schlussfolgerung, die die Menschheit aus den Erfahrungen der beiden Weltkriege gezogen hat. Deshalb wurden die Unverletzlichkeit der Grenzen und die Einhaltung der Grundsätze des Völkerrechts zu einem unantastbaren Wert, dessen Verteidigung auf der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa 1975 vereinbart wurde.

Russland hat diese Werte bereits 2014, nach der Besetzung der Krim, mit Füßen getreten. Deshalb sieht Wladimir Putin lächerlich aus, wenn er zu einem Gespräch mit Tucker Carlson mit Kopien von Bohdan Chmelnyzkys Briefen kommt. Denn fast alle europäischen Staaten haben seit der Zeit von Bohdan Chmelnyzky ihre Grenzen und sogar ihre ethnische Zusammensetzung geändert. Ja, das war meist auf militärische Konflikte zurückzuführen. Und deshalb hat Europa nach dem Zweiten Weltkrieg gesagt: „Genug ist genug“.

Aber Putin sagt das nicht. Und er behauptet, dass er sogar der NATO helfen wird, „das Gesicht zu wahren“, indem diese Organisation die russisch besetzte ukrainischen Gebiete als ein Teil Russlands anerkennt. Gleichzeitig glauben viele westliche Politiker, dass es Wladimir Putin selbst ist, der sein Gesicht wahren will. Dabei verspürt er offensichtlich kein Unbehagen vor der zivilisierten Welt isoliert zu sein. Und er versteht wahrscheinlich auch nicht, warum er dem Westen Signale zur Beendigung des Krieges geben sollte.

Putins Solidarität mit Hitler

Aber doch, es gab ein Signal von Putin, und zwar die Aufforderung, den russischen Status der besetzten ukrainischen Gebiete anzuerkennen – andernfalls könnte sich Putin „gegen Polen verteidigen“, falls dieses Land Russland angreift. Und da Putin im Falle der Ukraine auch immer von einem angeblichen ukrainischen Angriff auf Russland spricht, würde ich diese Aussage, dass Russland Polen nicht angreifen, sondern nur auf eine Aggression reagieren wird, nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Vor allem vor dem Hintergrund, dass sich der russische Präsident tatsächlich mit Adolf Hitler solidarisiert hat, um zu erklären, warum der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist und warum Deutschland gezwungen war, auf Polen zu „antworten“. Und diese unerwartete Solidarität ist der Zynismus der politischen Rolle Putins, dem es gelingt, die Ukraine gleichzeitig des Nazismus zu bezichtigen und die ideologischen Praktiken eben dieses Nazismus zu nutzen.

Putin hat sich selbst widersprochen

Die wichtigste Schlussfolgerung aus diesem langen und kontroversen Interview ist ganz einfach: Putin ist nicht in der Lage, seine eigene Agenda zu ändern, selbst wenn dies in seinem eigenen politischen Interesse liegt.

Aus unserer Sicht hätte Putin den Befürwortern von Friedensgesprächen mit realistischen, frischen Ideen und der Bereitschaft, Kompromisse zu suchen, wirklich „helfen“ müssen, aber stattdessen sahen wir einen „klassischen“ russischen Präsidenten mit den üblichen Anschuldigungen gegen die Ukraine und den Westen, mit der Bereitschaft, den Krieg fortzusetzen, mit der Bereitschaft, sich selbst zu widersprechen, als der russische Präsident zwei Stunden lang der Tatsache zustimmte, dass die Ukraine und die Ukrainer existierten, und gleichzeitig behauptete, dass es überhaupt keine Ukraine und keine Ukrainer gäbe und dass es sich um ein „Projekt des Österreichungarischen Generalstabs“ handele.

Denn Putins Interesse bestand nicht darin, Signale zu setzen, sondern in der Selbstdarstellung gegenüber seinen eigenen Landsleuten, um zu zeigen, dass Putin und sein Regime nicht isoliert sind und nicht isoliert sein können und dass es selbst aus den Vereinigten Staaten „korrekte“ Journalisten kommen, die Russland als Zentrum der modernen Zivilisation anerkennen können.

Deshalb sahen die russischen Propagandisten Carlson schon vor der Veröffentlichung des Gesprächs mit Putin als einen wahren Helden des politischen Lebens und der weltlichen Chronik an. Das erinnerte mich an die übermäßige Aufmerksamkeit, die westliche Persönlichkeiten aus Kultur und Journalismus in der Sowjetunion seit den Tagen Wladimir Lenins stets genossen. Der berühmte britische Schriftsteller H.G. Wells schrieb nach seiner Begegnung mit Lenin im Jahr 1920 ein Buch mit dem Titel „Russland in der Dunkelheit“, in dem eine vorsichtige Haltung gegenüber dem bolschewistischen Experiment mit der Bewunderung für die Persönlichkeit des „Kreml-Träumers“ einhergeht.

Natürlich ist Carlson kein Wells und Putin ist kein Lenin. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die Teilnehmer an diesem neuen Interview mit dem imperialen Träumer in einer Wells’schen „Zeitmaschine“ in eine ferne Vergangenheit gereist sind.

Maliuk traff sich mit G7-Botschaftern | Vitaly Portnikov. 07.02.24.

Der Leiter des Sicherheitsdienstes der Ukraine, Vasyl Maliuk, traf sich mit den Botschaftern der G7, Vertreter jener Länder, deren Unterstützung für den Kampf der Ukraine gegen die russische Aggression und die weitere europäische und euro-atlantische Integration unseres Landes von entscheidender Bedeutung ist.

Ein solches Treffen mit dem Leiter des ukrainischen Sicherheitsdienstes, das öffentlich angekündigt wurde, hat es noch nie gegeben. Es ist auch beispiellos, dass der Leiter des Sicherheitsdienstes der Ukraine mit den Botschaftern nicht nur die dringenden Aktivitäten seiner Behörde im Zusammenhang mit dem Kampf gegen die russische Aggression erörterte, sondern auch die Situation der Meinungsfreiheit im Land und die Überwachung investigativer Journalisten.

Dies ist natürlich eine sehr wichtige und aufschlussreiche Tatsache. Außerdem fand das Treffen der Botschafter G7 mit Wassyl Malyuk nach dem Treffen der Leiter der diplomatischen Vertretungen entwickelter Demokratien mit führenden ukrainischen Journalisten, die sie über die aktuelle Situation der Medien in der Ukraine informierten, statt. Und wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass allein die Tatsache, dass solche Treffen stattgefunden haben, sowie die öffentliche Ankündigung, dass sie stattgefunden haben, ein Signal für die ernsthafte Besorgnis der demokratischen Welt über den Zustand der Demokratie und der Redefreiheit in der Ukraine ist.

Wir müssen uns einer sehr einfachen Tatsache bewusst werden. Diejenigen, die es immer noch nicht verstanden haben. Bis 2014, vielleicht mit Ausnahme der Zeit nach der Orangenen Revolution, hatte die Ukraine die Möglichkeit zwischen den Standards des Westens und denen der Russischen Föderation zu schwanken. In den Tagen von Leonid Kutschma nannte man das die sogenannte multivektorale Außenpolitik, aber in Wirklichkeit war es ein Weg zur sogenannten multivektoralen Entwicklung der ukrainischen Gesellschaft selbst. Aus diesem Grund blieb die Ukraine bis zum Maidan 2013-2014 de facto eine umbenannte Sowjetrepublik, und der größte Einfluss auf die gesellschaftlichen Prozesse in der Ukraine wurde offensichtlich nicht nur von der Russischen Föderation, sondern von der russischen Zivilisation als solcher ausgeübt, mit all ihren unsinnigen Normen, ihrer Unterentwicklung, ihrer Intoleranz und ihrer Missachtung der Freiheit in der Gesellschaft und der Pressefreiheit.

Natürlich haben die ukrainischen Führer, in dem Moment als sie so zu tun versuchten, als wollten sie mit dem Westen zusammenarbeiten, einige der Normen aufgegeben, die sie so sehr mochten. Das war sowohl unter Leonid Kutschma als auch unter Viktor Janukowitsch der Fall. Zwar hatte zu Janukowitschs Zeiten der Aufbau eines echten postsowjetischen Staates vom Typ Putin-Lukaschenko bereits begonnen. Dass so einer Staat jedoch nicht gebaut wurde, zumindest was die Machtvertikale betrifft, die das autoritäre Regime wirksam schützen würde, ist gerade auf die Versuche der Ukraine zurückzuführen, zwischen der zivilisierten Welt und der Welt der Dekadenz und Aggression, der Welt Russlands, zu manövrieren.

Nach 2014 endeten die Möglichkeiten für solche Manöver für immer, ganz gleich welche Illusionen man in den darauffolgenden Jahren gehabt haben mag. Die Russische Föderation hat eine eindeutige Erklärung abgegeben, die übrigens kürzlich vom ehemaligen Präsidenten Russlands, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Sicherheitsrates der Russischen Föderation und einem der engsten Vertrauten Wladimir Putins, Dmitri Medwedew, in Erinnerung gerufen wurde.

Der Grund für die Militäraktionen der Russischen Föderation auf ukrainischem Boden liegt in der Existenz der Ukraine selbst. Die russische Führung und das russische Volk wollen weder eine autoritäre Ukraine noch ein autoritäres Belarus.

Was die russische Führung braucht, ist die Schaffung eines gemeinsamen Staates, der alle Grenzen der ehemaligen Sowjetunion kontrollieren würde. Und wenn ein Teil der Bevölkerung mit diesem schizophrenen Projekt nicht einverstanden ist, wird diese Bevölkerung entweder vertrieben oder vernichtet.

Es gibt keine anderen Alternativen. Entweder gelingt es der Ukraine, sich gegen Russland zu wehren, oder ihre Staatlichkeit gehört der Vergangenheit an, wie etwa die Staatlichkeit der Ukrainischen Volksrepublik. Und die ukrainische Staatlichkeit kann nur mit Hilfe der zivilisierten Welt erhalten werden. Zumindest, weil die Welt des globalen Südens, an der sich auch einige unserer Politiker zu orientieren versuchen, am Triumph der Russischen Föderation interessiert ist und kein Problem darin sieht die Ukraine entweder in einen Satellitenstaat Russlands oder in einen Staat zu verwandeln, dessen Territorium in die Russische Föderation eingegliedert wird. Für Länder wie die Volksrepublik China ist dies sogar von Vorteil, während es für Länder wie Indien oder Südafrika schlichtweg gleichgültig ist. Wir können also auf die Unterstützung der Vereinigten Staaten von Amerika, des Vereinigten Königreichs, der Europäischen Union und einiger anderer Länder, zum Beispiel von Japan und Kanada hoffen, aber das wars es im Prinzip auch schon.

Aber alle diese Länder halten demokratische Standards ein. In all diesen Ländern wird die Redefreiheit hoch gehalten. In all diesen Ländern wird der Begriff der autoritären Herrschaft, der Clan-Herrschaft und des Einsatzes von Sonderdiensten zur Unterstützung von Clan-Interessen abgelehnt. Und natürlich gibt es in all diesen Ländern viele Menschen, die sagen, dass der Ukraine nicht geholfen werden sollte. Diese Menschen sympathisieren mit Russland, aber sie erklären ihre Ablehnung der Hilfen für die Ukraine mit der Tatsache, dass sie eigentlich beobachten, wie ein großer autoritärer Staat einen anderen kleinen autoritären Staat bekämpft. Und warum soll man dafür Geld ausgeben? Diese autoritären Staaten können auch zu einer Einheit verschmelzen.

Das bedeutet, dass wir beweisen müssen, dass wir sowohl für die Souveränität als auch für die Werte kämpfen, denn wenn es keine Werte gibt, wird es leider auch keine Souveränität geben. Und auf der politischen Landkarte der Ukraine wird in großen, großen Buchstaben RUSSLAND mit 2S zu lesen sein (im ukrainischen schreibt man Rusland mit einem S). Denn hier wird es keine ukrainische Sprache geben.

Und deshalb ist jede Abweichung von diesem Standard aus Sicht der nationalen Interessen der Ukraine gefährlich. Und die Leute, die diese Abweichungen zulassen, sind eigentlich nicht einmal Feinde des ukrainischen Staates, sondern des ukrainischen Volkes als solches, denn wenn es keinen ukrainischen Staat gibt, dann werden die Russen diesmal nicht den Fehler von 1920 machen. Das ukrainische Volk wird nicht mehr da sein, weder politisch noch physisch. Jeder, der versucht, mit bestimmten Mitteln eine angenehme Atmosphäre im Lande für die staatlichen Institutionen zu schaffen, sollte also mit dem Kopf denken. Denn wenn man nicht mit dem Kopf denkt, werden viele Menschen, die es noch nicht begriffen haben, diesen Kopf bald nicht mehr haben.

Alexander Stubb und die Unterschätzung der russischen Bedrohung. Vitaly Portnikov. 31.01.24.

https://ru.krymr.com/a/vitaliy-portnikov-aleksandr-stubb-finlyandiya-nedootsenka-rossiyskoy-ugrozy/32799237.html

Soziologische Umfragen, die in Finnland nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen durchgeführt wurden, zeigen einen klaren Vorsprung des ehemaligen Ministerpräsidenten, eines der beliebtesten finnischen Politiker Alexander Stubb. Würde der zweite Wahlgang heute stattfinden, würde Stubb 57 % der Stimmen erhalten, während sein Gegner, der ehemalige finnische Außenminister Pekka Haavisto, nur 43 % der Stimmen erhalten würde. Dies entspricht im Großen und Ganzen dem Kräfteverhältnis zwischen den Anhängern der rechten und der linken Kandidaten im ersten Wahlgang.

Beide Kandidaten haben eine sehr harte Haltung gegenüber dem benachbarten Russland, was nicht verwunderlich ist: Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine wurden die Kontakte Finnlands mit Russland und das finnische Sicherheitskonzept grundlegend überarbeitet, das Land ist der NATO beigetreten, was vor der russischen Aggression undenkbar war.

„Die Hauptaufgabe der finnischen Präsidenten, die nicht in der Verfassung verankert ist, bestand schon immer darin, Russland auf der anderen Seite der Grenze zu halten“, stellte die führende finnische Publikation Helsingin Sanomat nach dem ersten Wahlgang fest.

Und es muss gesagt werden, dass Alexander Stubb in seiner Haltung gegenüber Russland viel radikaler ist als Pekka Haavisto. Als die finnischen Präsidentschaftskandidaten gefragt wurden, ob sie im Falle eines Wahlsiegs einen Anruf des russischen Präsidenten Wladimir Putin entgegennehmen würden, sagte Stubb, er würde den Hörer nicht abnehmen, während Haavisto sagte, er würde den Anruf entgegennehmen und die Glückwünsche annehmen.

Aber Alexander Stubb war nicht immer so radikal. Wenn wir uns an den Angriff Russlands auf Georgien erinnern, sprechen wir gewöhnlich von Sarkozys „Friedensplan“. Aber der damalige französische Präsident war nicht der einzige Autor dieses Plans, der eine Bestrafung Russlands loo ausschloss. Zwei weitere Autoren des Plans waren der französische und der finnische Außenminister Bernard Kouchner und… ja, richtig, Alexander Stubb.

Gleichzeitig war der damalige Leiter des finnischen Außenministeriums strikt gegen die Verhängung von Sanktionen gegen Russland. Stubbs Ansichten änderten sich erst nach der Annexion der Krim durch Russland, als er noch Ministerpräsident von Finnland war. Aber auch damals sprach Stubb von einer „Soft-Power“-Politik gegenüber Russland.

Und diese Entwicklung der Ansichten von Stubb – zweifellos einen klugen und talentierten Politiker – zeigt meiner Meinung nach das Hauptmerkmal der westlichen Haltung gegenüber den russischen Ambitionen – die Unzeitgemäßheit und Unterschätzung der Bedrohung. Erst lehnen Sie Sanktionen gegen Russland ab, dann wollen Sie den Kreml mit Soft Power und Sanktionen umstimmen, und schließlich unterstützen Sie die Aufgabe der Neutralität durch Ihr Land und versprechen, Putins Anruf nicht mit zu beantworten. Eine bezeichnende Entwicklung, wenn es um den möglichen künftigen Führer von Russlands Nachbarland geht.

Aber auf dem Territorium eines anderen Landes, das an Russland angrenzt, herrscht bereits Krieg, und Finnland selbst wird einer Provokation nach der anderen ausgesetzt.

Wären glaubwürdige Politiker wie Alexander Stubb im Jahr 2008 umsichtiger gewesen, hätte ein Großteil dieser Liste unglücklicher Ereignisse vermieden werden können.

Der Krim-Fehler des polnischen Präsidenten Duda. Vitaly Portnikov. 07.02.24

https://ru.krymr.com/a/krym-oshibka-prezidenta-dudy/32808657.html

Die Äußerung des polnischen Präsidenten Andrzej Duda, die Ukraine könne die Kontrolle über den Donbass zurückgewinnen, aber es sei unwahrscheinlich, dass sie die Kontrolle über die Krim zurückgewinnen könne, weil die annektierte Halbinsel ein „besonderer Ort“ sei, wurde zu einer der meistgehörten Äußerungen der letzten Zeit. Sowohl der ukrainische Botschafter in Polen, Vasyl Zvarych, als auch der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski reagierten sofort auf diese Aussagen. Duda selbst musste daraufhin seinen Standpunkt in den sozialen Medien klarstellen und daran erinnern, dass er für die Wiederherstellung der territorialen Integrität der Ukraine ohne jegliche Ausnahmen ist.

Genau das hatte der polnische Präsident bereits im August letzten Jahres auf der Plenarsitzung der Krim-Plattform gesagt. Damals sagte Andrzej Duda, dass sich die Weltordnung selbst verändern würde, wenn Russland die Kontrolle über die Krim behalten könnte.

„Die Räumung der Krim und die vollständige Wiederherstellung der territorialen Integrität der Ukraine sind eine notwendige Voraussetzung nicht nur für die Sicherheit im Schwarzmeer-Azow-Becken, sondern auch für die Stabilität der globalen Sicherheitsarchitektur“, betonte der polnische Präsident damals.

Es war eine Rede im August 2023, die von Redenschreibern geschrieben und als offizielle Rede des Staatsoberhauptes vorgetragen wurde. Und nun haben wir die Worte von Präsident Duda in einem Interview gehört: Der polnische Präsident sprach in der ersten Person. Und genau dieser Umstand erlaubt es uns, von einem ganz gewöhnlichen „Krim-Fehler“ zu sprechen, der es dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht nur ermöglichte, die Krim zu annektieren, sondern auch auf eine eher zurückhaltende Reaktion der zivilisierten Welt zu treffen. Putin hat in der Tat die Weltordnung zerstört, aber der Westen hatte es nicht eilig, dies anzuerkennen, da er sich mit dem Gedanken beruhigen wollte, dass es sich um einen „besonderen Ort handelt, auch aus historischen Gründen“, wie es Andrzej Duda ausdrückte.

Aber Putin hat die Krim annektiert nicht weil es um einen „besonderen Ort“ ging, wie viele im Westen damals dachten, sondern weil er es einfach konnte.

Nun wurde ein ähnliches Annexionsverfahren bereits auf die ukrainischen Regionen Donezk, Lugansk, Cherson und Saporoschje angewandt. In Russland spricht niemand mehr von „Heiligkeit“. Die Regionen Cherson und Saporoschje wurden nicht „annektiert“, weil man „die Bewohner des Donbass retten“ wollte, sondern weil man es konnte. Das scheint der Kern dessen zu sein, was gerade passiert. Und wenn wir anfangen, die eine Annexion mit „historischen Umständen“ und die andere „einfach“ mit den Ergebnissen einer Aggression zu erklären, bin ich sicher, dass wir in eine weitere Putin-Falle tappen werden.

In Wirklichkeit ist die Situation ganz einfach. Russland hat das Völkerrecht gebrochen, als sein Präsident beschloss, dass es das Gebiet eines anderen Staates annektieren kann. Ich bin sicher, dass es keinen Unterschied zwischen der Krim und anderen Regionen der Ukraine gibt und geben kann.

Es gibt keine politische Lösung für das Problem der besetzten Gebiete, da der Kreml die Ergebnisse der Annexion keineswegs aufgeben wird. Außerdem bezeichnet er Cherson oder Saporischschja nicht als regionale Zentren innerhalb der Ukraine, sondern als Städte, die „vom ukrainischen Regime kontrolliert“ werden, d.h. er zieht den ukrainischen Status der Gebiete, die nicht besetzt werden konnten, nicht einmal formell in Betracht.

Wenn es der ukrainischen Armee gelingt, in absehbarer Zeit nur einen Teil des von Russland besetzten Gebietes zu befreien, oder wenn der Krieg für lange Zeit an der jetzigen Grenzlinie eingefroren wird, bedeutet das nicht, dass die Ansprüche Russlands auf das Land eines anderen Staates anerkannt werden. Die Weltgemeinschaft muss, da bin ich mir sicher, das Verfahren der Annexion an sich ablehnen – sonst wird sich die Bereitschaft, fremde Gebiete zu besetzen und zu annektieren, wie ein Krebsgeschwür ausbreiten.

Und was in diesem Fall sicherlich keine Rolle spielt, sind die „historischen Umstände“. Schließlich gehörte zum Russischen Reich nicht nur die Krim, sondern auch fast das gesamte Gebiet der heutigen Ukraine und der größte Teil des heutigen Polens. Und übrigens auch Alaska – warum nicht diesen amerikanischen Staat zum „heiligen Territorium“ erklären, wie es russische Chauvinisten unermüdlich tun?

Wenn es also um Grenzen geht, sollten wir an das Völkerrecht und an verletzte Verpflichtungen denken, und nicht an „historische Umstände“. Denn das Reden über „Umstände“ ist der erste Schritt zur Rechtfertigung von Aggression und Annexion.

Krieg und die Welt. Vitaliy Portnikov. 04.02.24

https://zbruc.eu/node/117622

Als 2014 nach der Besetzung und Annexion der Krim in der Ukraine gesagt wurde, dass der Ausgang der russisch-ukrainischen Konfrontation die Form der Zukunft bestimmen würde, waren viele im Westen natürlich skeptisch. Der Krieg Russlands mit der Ukraine schien ein Konflikt an der Peripherie der freien Welt zu sein, in Russlands traditioneller Einflusszone im postsowjetischen Raum. Und wie konnte das Schicksal der Welt davon abhängen, wessen Flagge über Luhansk oder Kramatorsk wehte – selbst die Namen dieser Städte waren im Westen nur wenigen bekannt!

Die Wahrheit ist, dass selbst Russlands großer Einmarsch in der Ukraine in der Welt als ein groß angelegter, aber immer noch peripherer Konflikt behandelt wurde, nicht nur im Westen, sondern auch in Peking. Vor allem wurde nicht erwartet, dass dieser Konflikt das Gleichgewicht der Kräfte verändern würde. Der Westen glaubte, dass, wenn es der Ukraine gelänge, die ersten Angriffe abzuwehren, die „Sanktionen aus der Hölle“ den Kreml zwingen würden, schnell über Frieden nachzudenken – während Moskau und Peking davon überzeugt waren, dass ein Blitzkrieg unvermeidlich sei und die Ukraine zu einem Satelliten Russlands, einer Art aufgeblasenem Weißrussland, werden würde.

Jetzt, fast zwei Jahre nach dem Ausbruch des großen Krieges, rufen europäische Politiker und Militärs dazu auf, sich auf einen möglichen Konflikt mit Russland vorzubereiten, Moskau spricht von der Unvermeidbarkeit einer Konfrontation mit dem Westen, und Xi Jinping diskutiert mit Biden nicht nur über Taiwan, sondern auch über die Ukraine und den Nahen Osten. Warum? Weil die Entwicklung vorhersehbar ist – davor hat die Ukraine zu Beginn des Krieges gewarnt: Wenn der Konflikt nicht schnell beendet und Russland nicht gestoppt wird, wird dieser Tumor definitiv metastasieren. Und dann noch mehr. Und noch mehr!

Der Ukraine ist es gelungen, die ersten russischen Angriffe abzuwehren und einen Teil ihres Territoriums von den Besatzern zu befreien. Die russische Wirtschaft hat den Sanktionen standgehalten, und Moskau hat erkannt, dass es für sein Überleben und seine Stabilität den Westen vollständig verlassen und sich dem Osten zuwenden muss – etwas, was sich nicht einmal die Sowjetunion leisten konnte, weil es damals ein „solches“ China noch nicht gab. Genau wie Indien. Der Kreml schürt Konflikte, wo immer er kann, und der Nahe Osten ist erst der Anfang. Die Situation verschlechtert sich direkt vor unseren Augen. Der Iran setzt zunehmend seine Stellvertreterarmeen ein und riskiert auch sein eigenes Eintreten in Konflikte. Nordkorea hat sich offiziell von der Idee der Wiedervereinigung mit Südkorea verabschiedet, und Kim Jong-un hat sogar die Zerstörung des Bogens der Drei Prinzipien der Vereinigung des Mutterlandes angeordnet, der die Ideen seines Großvaters prägte. Damit ist der Weg für einen echten Krieg auf der koreanischen Halbinsel frei geworden. Das alles ist also erst der Anfang. Wie wird es enden?

Wenn es den Vereinigten Staaten gelingt, die offensichtliche interne Wertekrise zu überwinden, den Triumph des Populismus und der Selbstisolierung zu verhindern und den Erfolg der Ukraine und die Wiederherstellung der Grundsätze des Völkerrechts zu fördern, werden wir unsere Perspektive bewahren können – auch wenn dies große Konflikte und Hunderttausende von Opfern bedeutet. Die Welt wird eine Monopolwelt bleiben, in der Diktaturen gezwungen sein werden, mit Demokratien zu rechnen. Die Vereinigten Staaten sind und bleiben die Führer der freien Welt. Die Ukraine wird ein Teil von ihr werden. Der Hass auf Russland wird in Gleichgültigkeit umschlagen.

Wenn die Vereinigten Staaten versuchen, so zu handeln, dass der Konflikt im postsowjetischen Raum eingegrenzt wird, und einen Weg finden, mit Putin einen Waffenstillstand auszuhandeln, selbst wenn sie den wirtschaftlichen Druck auf das Land aufrechterhalten, wird der Hauptnutznießer des Krieges China sein, von dem Russland abhängig sein wird. Die Welt wird faktisch bipolar werden, aufgeteilt zwischen den Vereinigten Staaten und China, wobei die Grenze der freien Welt in Europa genau entlang der Grenzen der Ukraine verlaufen wird – oder entlang der Kontaktlinie zwischen russischen und ukrainischen Truppen auf unserem Territorium. In den kommenden Jahren werden praktisch alle Länder entscheiden müssen, an welchen globalen Hegemon ihre Entwicklungspläne gebunden sind und wessen Regeln für sie am besten geeignet sind. Amerikanische und chinesische Militärbündnisse werden in allen Regionen der Welt entstehen; es wird ein „amerikanisches“ und ein „chinesisches“ Afrika, Asien, den Pazifik und sogar Lateinamerika geben. Es werden alle Voraussetzungen für den Dritten Weltkrieg geschaffen, der nur durch die Präsenz von Atomwaffen gestoppt werden kann. In dieser Konfrontation ist die Ukraine der Außenbezirk und die Festung der freien Welt. Russland ist der Außenbezirk und die Festung Chinas an der Grenze zu Europa. Zwischen den beiden einst engen Nachbarn klafft eine zivilisatorische Lücke, ähnlich wie zwischen Nord- und Südkorea. Der Hass wird auf beiden Seiten nur wachsen.

Gelingt es Russland, den Krieg zu gewinnen und Putins Schimäre von der Wiederherstellung des Imperiums – zumindest teilweise – zu verwirklichen, und gibt es den Euroskeptikern und Populisten Auftrieb, die versuchen werden, die „Freundschaft“ mit Moskau wiederherzustellen, hat die Welt die Chance, multipolar zu werden, wovon der russische Diktator träumt. Dies wird umso mehr möglich sein, wenn China in wirtschaftliche Probleme und die Taiwan-Krise verwickelt wird und die Vereinigten Staaten und der gesamte Westen nach dem Scheitern und der Demütigung in der Ukraine (und darüber hinaus) deprimiert sein. In dieser Welt wird es mehrere wichtige Einflusspole geben – die USA und die EU, Russland, China und später Indien und andere Akteure. Die Demokratie in einer solchen Welt wird wie eine Variante der Norm aussehen, und einige formal demokratische Länder werden in Wirklichkeit populistische Diktaturen oder Anarchien sein. Zu diesen Ländern wird auch eine frustrierte Ukraine gehören – natürlich das, was von uns übrig bleiben wird. Die ukrainische Regierung wird zwischen verschiedenen Polen manövrieren und nicht einmal davor zurückschrecken, den wirtschaftlichen und politischen Einfluss des ehemals „verhassten“ Russlands wiederherzustellen – wie man am Beispiel des modernen Georgiens sehen kann. Und natürlich werden regelmäßig heiße Konflikte zwischen den verschiedenen Polen dieser seltsamen Welt ausbrechen, und Wirtschaftskriege werden an der Tagesordnung sein.

Es ist nicht nötig zu erklären, welche Option die Rettung für all jene sein wird, die in einer besseren Welt aufwachen möchten. Wir können jedoch in diese Welt des Westens eintreten und uns ihr anschließen, wenn wir eine kleine Bedingung erfüllen.

Wir müssen die Ukraine schützen und retten.

Krieg auf der koreanischen Halbinsel: Russland rettet und provoziert Kim. Vitaly Portnikov. 03.02.24.

https://www.radiosvoboda.org/a/rosiya-i-pivnichna-koreya/32804048.html?fbclid=IwAR0WQEedKApBF8lyOgInuResvPmFy7PP0Gn_eb9c0ihiYWwiSYW-1-kHvUs_aem_AUkx5JBEW-7QjnO930EGNOQ3xMoOKHontwLIQdil8hsZ98ZVZece5oCglRO0eFb1tSs

Westliche Wirtschaftsexperten sagen, dass die nordkoreanische Unterstützung Russlands im Krieg gegen der Ukraine die Wirtschaft Nordkoreas tatsächlich stabilisiert hat. Konnte man bis vor kurzem noch von einer katastrophalen Situation sprechen, so ist nun die Rüstungsindustrie zum Motor dieser Wirtschaft geworden.

Vor kurzem konnte man vor dem Hintergrund der Abwehr der vom Coronavirus ausgehenden Gefahr über den Niedergang der bereits geschwächten nordkoreanischen Wirtschaft und ihren raschen Verfall sprechen. Doch jetzt ist alles anders. Das Abkommen mit Russland wird Nordkorea helfen, nach einem Rückgang in diesem Jahr wieder ein positives Wachstum zu erreichen.

In einem Sonderbericht argumentiert das britische Royal United Services Institute , dass die Entscheidung Pjöngjangs, Russland mit Munition zu helfen, „eine ernsthafte Bedrohung für die internationale Sicherheit durch Nordkorea darstellt“. Das Dokument unterstreicht, dass das Geschäft „tiefgreifende Auswirkungen auf den Krieg in der Ukraine und die Sicherheitsdynamik in Ostasien“ haben wird.

Vor diesem Hintergrund beweist der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un eine Zuversicht und Kühnheit, die selbst seine Vorgänger nicht hatten. In einer kürzlich gehaltenen Rede auf der Plenartagung des Zentralkomitees der Arbeiterpartei Koreas und später auf einer Sitzung der Obersten Volksversammlung forderte Kim die Aufgabe der verfassungsmäßigen Idee einer möglichen Wiedervereinigung mit Südkorea, die Streichung der Begriffe „Vereinigung“, „Versöhnung“ und „vereinigte Nation“ aus der nationalen Geschichte und die Zerstörung eines der berühmtesten Denkmäler in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang, des Bogens der drei Prinzipien der Vereinigung des Vaterlandes.

Der Bogen symbolisierte die Ideen von Kim Jong-uns Großvater und dem Gründer der DVRK, Kim Il-sung, der den Süden Koreas nicht besetzen konnte und die Wiedervereinigung des Landes zum wichtigsten Grundsatz seiner Ideologie machte, über den er buchstäblich in jeder Rede auf einem Parteitag oder einer Sitzung der Nationalversammlung sprach. Der Vater von Kim Jong-un, Kim Jong-il, war zwar nicht so begeistert von der Wiedervereinigung, hielt aber ebenfalls an den ideologischen Grundsätzen seines Vaters, des „ewigen Präsidenten der DVRK“, fest.

Ein revolutionärer Wandel

Die Tatsache, dass Kim Jong-un, der sogar in seinem Äußeren seinem Großvater gleicht, bereit ist, die Grundfesten der Existenz eines kommunistischen Staates aufzugeben, der den Süden der koreanischen Halbinsel immer als Teil seines Landes beansprucht hat, ist ein Beweis für eine echte politische Revolution.

Und diese Revolution könnte das Tor zu einer schwierigen Zukunft öffnen, denn bisher haben die nordkoreanischen Kommunisten die Teilung Koreas als Ergebnis eines Bürgerkriegs betrachtet. Für sie waren die Koreaner im Süden die gleichen Koreaner, nur „von Imperialisten besetzt“.

In dem neuen Konzept leben die „Anderen“ im Süden der koreanischen Halbinsel, weshalb in den letzten Jahren Bewohner der Demokratischen Volksrepublik Korea verfolgt wurden, weil sie südkoreanische Fernsehsendungen sahen und sogar Wörter benutzten, die von den Figuren in diesen Filmen verwendet wurden und die in der koreanischen Sprache im Norden nicht verwendet werden. Das bedeutet, dass der Krieg mit Südkorea in den Augen der Nordkoreaner nun wie ein Krieg mit einem feindlichen und fremden Land aussehen muss.

Es ist überraschend, dass das nordkoreanische Fernsehen an dem Tag, an dem Kim Jong-un seine Rede hielt, zum ersten Mal seit seiner Gründung seine Wettervorhersagekarte änderte. Zuvor war auf dem Bildschirm eine Karte der gesamten koreanischen Halbinsel zu sehen, nun wurde sie durch eine Karte der DVRK ersetzt.

Russlands Interessen

Natürlich ist dies noch keine Kriegsvorbereitung, aber es ist bereits eine Skizze, die Kim Jong-un helfen wird, seinen Landsleuten zu erklären, dass sein Staat nun nicht mehr mit seinen Brüdern, sondern mit seinen Feinden kämpfen wird.

Provokation des nordkoreanischen Regimes wird fortgesetzt

Und das scheint genau das zu sein, was der russische Präsident Wladimir Putin von Kim braucht. Nicht nur Granaten und andere Waffen für Russlands Krieg mit der Ukraine, sondern auch Instabilität auf der koreanischen Halbinsel.

Nicht umsonst wird der russische Staatschef selbst bald nach Pjöngjang reisen – und das, nachdem der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Außenminister Sergej Lawrow Nordkorea besucht haben und Kim selbst mit Putin auf dem Kosmodrom von Wostotschny zusammengetroffen ist.

Die Provokation des nordkoreanischen Regimes wird fortgesetzt.