Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat die Ukraine als Feind Ungarns bezeichnet. Zumindest lassen sich die Worte des ungarischen Premiers so interpretieren, wonach ein Land, das sich gegen Lieferungen russischen Öls nach Ungarn ausspricht, kein Opponent, sondern ein Feind sei.
Meiner Ansicht nach ist die Ukraine hingegen gerade ein großer Freund Ungarns. Erstens deshalb, weil sie bis heute russisches Öl für dieses Land durch ihr eigenes Territorium leitet. Und das, obwohl man in Kyiv sehr wohl versteht, dass Wladimir Putin die Einnahmen aus diesem Öl für die Fortsetzung des Krieges gegen eben diese Ukraine nutzt.
Und Viktor Orbán müsste begreifen, dass er mit dem Kauf russischen Öls den Krieg gegen ein Nachbarland finanziert – die Tötung von Zivilisten, die Besetzung fremden Territoriums. Und all das nur, um an der Macht zu bleiben, indem er die Illusion erzeugt, gerade die Lieferungen russischen Öls würden Ungarn zu einem stabilen Staat in Europa machen. Während alle Nachbarländer, die sich längst von der russischen Energieabhängigkeit befreit haben, deutlich besser leben als Ungarn.
Und auch die Ukraine würde weitaus besser leben, wäre ihre Wirtschaft nicht durch russische Bombardierungen zerstört worden – Bombardierungen, die wiederum eine Folge des Bestrebens der Ukraine sind, ihren eigenen Souveränitätsschutz und ihr Recht auf freie Wahl zu verteidigen. Und diese Verteidigung der Souveränität ist zugleich nicht nur der Schutz der Ukraine, sondern auch der Schutz Ungarns selbst.
Würde man sich auch nur theoretisch vorstellen, dass der russische Präsident Wladimir Putin im Jahr 2022 sein Ziel erreicht und die Ukraine okkupiert hätte, dann stünden russische Truppen heute in unmittelbarer Nähe der ungarischen Grenzen. Und was geschieht, wenn russische Truppen in unmittelbare Nähe der ungarischen Grenzen gelangen, kann Viktor Orbán jeder ungarische Schüler erklären.
Dann verlieren die Ungarn ihre Freiheit für Jahrzehnte, für Jahrhunderte. Und genau mit der Feststellung dieses einfachen, jedem ungarischen Bürger bekannten Fakts begann Viktor Orbán einst seine politische Karriere, verbunden mit der Behauptung, dass nur jene Politiker würdig seien, Ungarn zu führen, die seine Unabhängigkeit und Freiheit verteidigen.
Doch wir wissen sehr genau, wie sehr sich Viktor Orbáns Haltung in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Und vermutlich ist er heute, da der ungarische Ministerpräsident der Macht so nahe wie nie an ihrem Verlust ist, der Ansicht, dass er das Bild eines Feindes in Gestalt der Ukraine ausnutzen müsse, um seine Macht zu sichern.
Dabei ist völlig offensichtlich, dass die ungarisch-ukrainische Zusammenarbeit und der Schutz, den die Ukraine den Nachbarstaaten bietet, indem sie Russland an ihren eigenen Grenzen aufhält, weitaus wichtiger sind als die Macht jedes einzelnen Präsidenten oder Premierministers.
Apropos Präsident. Offenkundig glaubt Orbán, solche Aussagen tätigen zu können, weil er sich durch die Unterstützung Donald Trumps ermutigt fühlt. Noch vor wenigen Wochen konnte man sagen, dass der ungarische Ministerpräsident seinen antiukrainischen Eifer etwas gedämpft hatte. Er trat nicht mehr mit Erklärungen auf, in denen er versprach, die Ukraine niemals in die Europäische Union zu lassen. Seine Rhetorik gegenüber Kyiv war deutlich vorsichtiger. Die neuen Aussagen Viktor Orbáns fielen zeitlich mit den Erklärungen Donald Trumps zusammen, der dem ungarischen Premier seine Unterstützung aussprach und erklärte, er hoffe auf Orbáns Erfolg bei den Parlamentswahlen im Land.
Offenkundig ist Orbán nun der Ansicht, er könne sagen, was immer er wolle. Ja, viele europäische Politiker werden seine Worte mit Abscheu aufnehmen, zugleich jedoch daran denken, dass Orbán ein Liebling Donald Trumps ist – und mit Trump will heute niemand Streit suchen. Und wir sehen, dass europäische Politiker, die Zweifel daran äußern, dass Donald Trump zumindest in diesem Jahr den Friedensnobelpreis erhalten sollte, einem regelrechten politischen Ostrakismus ausgesetzt sind – sowohl seitens amerikanischer Diplomaten als auch durch ihre eigenen Kollegen aus dem rechten und ultrarechten politischen Spektrum.
Genau deshalb fühlt sich Orbán womöglich auch dann sicher, wenn seine politischen Aussagen den Interessen der Vereinigten Staaten direkt widersprechen. Denn Donald Trump hat das Ende des russisch-ukrainischen Krieges wiederholt mit der europäischen Integration der Ukraine verknüpft: erstens in der Überzeugung, dass die Europäer selbst für die Sicherheit ihres Kontinents verantwortlich sein sollten, und zweitens in dem Glauben, dass die europäische Integration der Ukraine eine gewisse Sicherheitsgarantie für dieses Land darstellen könne, falls es gelinge, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden.
Orbán jedoch behauptet weiterhin, die Ukraine werde niemals Mitglied der NATO und der Europäischen Union werden, und er werde alles tun, um ihre Mitgliedschaft zu blockieren. Damit lässt sich klar sagen, dass der ungarische Ministerpräsident in seinen Vorstellungen von der Zukunft sogar weit vom amerikanischen Präsidenten entfernt ist, der ihn unterstützt.
Doch wie wir sehen, stört das Orbán kaum – schon allein deshalb, weil im Wahlkampf jedes Mittel recht ist, auch die Erklärung eines Nachbarlandes zum Feind allein aufgrund der Tatsache, dass dieses Land die Finanzierung des Krieges gegen sich selbst nicht zulassen will.
Man kann natürlich hoffen, dass der ungarische Ministerpräsident nach dem Ende des Wahlkampfes vorsichtiger in seinen Aussagen sein wird und nicht länger verlangen wird, dass die Ukraine all seinen politischen Zukunftsvorstellungen folgt – einschließlich seiner Vorstellungen über Beziehungen zu Moskau. Doch diese Hoffnung ist schwach. Schließlich hielt Viktor Orbán auch ohne Wahlkampf in Ungarn an einem recht harten Kurs fest, der mit seinen besonderen Beziehungen zu Wladimir Putin verbunden ist.
Und hier stellt sich noch eine weitere, recht einfache Frage: Braucht Orbán wirklich russisches Öl, um die Energiesicherheit Ungarns zu gewährleisten, wo doch jeder versteht, dass es Alternativen gibt – etwa den Bezug von Öl über eine Pipeline aus Kroatien? Auch preislich ist offensichtlich, dass russisches Öl nicht alternativlos ist.
Möglicherweise geht es also vielmehr darum, dass Orbán besondere Beziehungen nicht nur zu Donald Trump, sondern auch zu Wladimir Putin aufrechterhalten will. Und dass er überzeugt ist, dass gerade die Beziehungen zu Putin ebenfalls eine Garantie für sein politisches – und vielleicht nicht nur politisches – Überleben darstellen.
Wir wissen inzwischen so viel über die Integration Russlands in das politische und gesellschaftliche Leben westlicher Staaten und über die völlig unerwarteten Wendungen dieser Integration, dass wir durchaus sicher sein können: In den Sympathien des ungarischen Ministerpräsidenten für den russischen Präsidenten steckt keineswegs nur ein energiepolitischer Effekt, sondern auch ein offensichtliches Bestreben, gewisse privilegierte persönliche Beziehungen zu bewahren.
Letztlich bleibt Orbán der einzige Regierungschef der Europäischen Union, der es sich leisten kann, nach Moskau zu reisen und mit Putin wie mit einem guten Freund zu sprechen. Er bleibt der einzige Regierungschef eines EU-Staates – vielleicht mit Ausnahme von Robert Fico, dessen Tätigkeit von der russischen Führung positiv bewertet wird –, aufgrund dessen sich russische Politiker heute mit beleidigendem Spott über den Präsidenten Frankreichs, den Ministerpräsidenten Italiens oder den deutschen Bundeskanzler äußern können.
All das kann, wie wir sehen, jederzeit offen zutage treten. Und für den ungarischen Ministerpräsidenten macht man offenbar eine Ausnahme – vielleicht gerade deshalb, weil Putin weiterhin auf ihn setzt. Vor allem im Bestreben, die Einheit und Handlungsfähigkeit der Europäischen Union zu untergraben.
Und hier kann das russische Öl, wie so oft, seine gewohnte Rolle als trojanisches Pferd spielen. Doch sich mit einem trojanischen Pferd anzufreunden, ziemt sich für die Ukraine kaum – selbst wenn über ihr Territorium weiterhin russisches Öl für Viktor Orbán fließt.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Орбан назвал Украину врагом | Виталий
Портников. 08.02.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:08.02.2026. Originalsprache:ru Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
Original ansehen
Also, der Korruptionsskandal in der Ukraine – ich würde sagen, der größte Korruptionsskandal in der Zeit der Amtsführung von Volodymyr Zelensky und möglicherweise der größte Korruptionsskandal des letzten Jahrzehnts – entwickelt sich rasant weiter, rückt auf die Titelseiten der westlichen Medien, in Kommentare von Politikern und natürlich in die Gespräche der Menschen. Denn wir verstehen alle sehr gut, dass es sich hier um einen völlig besonderen Fall von Korruptionsmissbrauch handelt, um massiven Korruptionsmissbrauch vor dem Hintergrund des Krieges, wenn es nicht einfach um die Bereicherung einer bestimmten Gruppe von Personen aus dem Umfeld der Macht geht, sondern um eine Bereicherung, die vor allem damit verbunden ist, dass zu Gunsten lder Interessen ganz konkreter Menschen, darunter auch Beamter, Menschen, die der Macht aufgrund ihrer langjährigen Beziehungen nahestehen, faktisch auf den kriegsbedingten Prüfungen der Ukraine spekuliert wird.
Der Feind zerstört auf der einen Seite die Energieinfrastruktur, auf der anderen Seite bereichert sich jemand an der Energie. Der Feind versucht, unsere Armee zu zerstören. Jemand kann sich an der Rüstungsindustrie bereichern. Und gleichzeitig sammeln arme Leute im wahrsten Sinne des Wortes Hrywna für Hrywna, um die Probleme unserer Soldaten zu lösen. Und wir appellieren ständig in unseren Sendungen an die Menschen, genau das zu tun. Anstatt dass diese Beamten, Geschäftsleute einfach endlich aufhören zu stehlen.
Und nochmals: Kriegszeit. Man kann sagen, davon, was mit der Armee und was mit dem Vertrauen der Bevölkerung geschieht, hängt die Zukunft eben dieser Leute ab, ihr Überleben, das Überleben ihrer Familien. Ich rede ja noch gar nicht davon, dass sie vor dem Hintergrund einer beispiellosen Unterstützung der Ukraine durch westliche Staaten stehlen, in einer Situation, in der die Ukraine, man kann sagen, sich in einen echten Protektorat der zivilisierten Welt in ihrem Widerstand gegen Russland verwandelt hat. Und gerade von der westlichen Hilfe hängt das zukünftige Überleben der ukrainischen Staatlichkeit ab, denn ohne diese Hilfe wäre die Ukraine schon längst Teil des russischen korrupten Mechanismus geworden.
Nun, möglicherweise wäre es für einige dieser Leute sogar einfacher, so Geld zu verdienen. Und wieder kann man sagen, dass die Regierung versucht, sich davon eher mit PR-Schritten als mit realen Entscheidungen freizumachen. Wir haben die Meldung über die Verhängung von Sanktionen gegen Mindych und seinen Komplizen Zuckerman gesehen. Und dort erscheinen sie gewissermaßen als ausländische Staatsbürger. Obwohl Mindych noch vor ein paar Tagen aus der Ukraine als ukrainischer Staatsbürger geflohen ist. Und Zuckerman sagte im Gespräch mit Journalisten, dass er bald in die Ukraine zu kommen gedenke, weil das seine Heimat sei. Offensichtlich eine Heimat, deren Pass er in der Tasche trägt, denn für all diese Leute ist der israelische Pass so etwas wie ein Ausweichflugplatz. Ihnen ist Israel genauso egal wie die Ukraine. Sie sind weder Juden noch Ukrainer in moralischem Sinne, sie sind Raffgierige, Profiteure am fremden Leid.
Die Verhängung von Sanktionen gegen ukrainische Staatsbürger erschien mir von Anfang an ein ziemlich merkwürdiger Schritt. Schon damals, als man damit zum ersten Mal begann, noch nicht unter Zelensky. Wenn ein Bürger der Ukraine sich etwas zuschulden kommen lässt, dann muss nicht der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat Sanktionen gegen ihn verhängen, die der geltenden Gesetzgebung nicht entsprechen. Es muss ein ordentliches Gerichtsverfahren geben. Sanktionen braucht man gegen Ausländer, eigene Bürger muss man vor Gericht bringen, damit all diese Aktien, all diese Vermögenswerte auf dem Gerichtsweg konfisziert werden. Und wir ersetzen in Wirklichkeit durch Sanktionen ein tatsächliches Gerichtswesen. Und darüber hinaus schaffen wir bestimmte Probleme für unsere eigenen Auslieferungsersuchen bezüglich solcher Personen an die Ukraine, falls es solche Forderungen geben wird.
Gleichzeitig stellt sich für mich natürlich die Frage: Was ist dann der Sinn einer solchen Auslieferung? Inwieweit wird sie von den Staaten, an die wir ein solches Ersuchen richten, überhaupt angemessen aufgenommen werden? Und übrigens: Werden wir es überhaupt stellen? Denn wenn es stimmt, dass sich das amerikanische FBI für diesen Fall interessiert hat, dann können natürlich die Vereinigten Staaten an Israel, wo sich Mindych und Zuckerman derzeit verstecken, mit der Bitte um deren Auslieferung herantreten. Israel ist solchen Bitten schon mehrfach nachgekommen. Das israelische Recht kann grundsätzlich den Erwerb der israelischen Staatsbürgerschaft als Versuch betrachten, sich der Verantwortung von Kriminellen zu entziehen. Im Übrigen möchte ich informieren: Wenn eine Person strafrechtlich verfolgt wird und sich in diesem Moment „erinnert“, dass sie Jude ist, erhält sie, so merkwürdig es klingen mag, keinerlei israelische Staatsbürgerschaft und kein Rückkehrgesetz für Juden wird auf sie angewendet, weil alle verstehen, dass sie sich nur an ihre jüdische Herkunft erinnert hat, um nicht wegen Verbrechen ins Gefängnis zu kommen, die sie auf dem Territorium eines anderen Staates begangen hat. Es ist also noch völlig unklar, wie sich das alles dort weiter entwickeln wird.
Aber darum geht es nicht einmal. Es geht darum, dass wir versuchen, dieser Korruptionsexplosion irgendwie mit kosmetischen Mitteln entgegenzutreten. So treten jetzt zwei Minister zurück. Und bereits am 28. November könnten neue Leute in diese Ämter berufen werden. Und was, wenn in dieser Zeit das NABU (Nationales Antikorruptionsbüro der Ukraine) auf einige andere Ressorts stößt? Jetzt tauchen bereits Informationen auf, dass die Ermittler herausfinden könnten, was im Bereich der Rüstungsbeschaffung geschah. Werden wir dann versuchen, jeden Minister, den amtierenden oder den ehemaligen, auf irgendeine Weise zur Verantwortung zu ziehen? Wir verstehen doch, was in einer solchen Situation in der realen Politik passiert. In der realen Politik tritt vor dem Hintergrund eines solchen Korruptionsskandals die Regierung zurück. Die Regierungschefin – auch wenn sie damit selbst nichts zu tun hat – muss aus politischer Sicht, wenn sie überhaupt Politikerin ist, die persönliche Verantwortung für das Geschehene übernehmen. Eine solche Person kann später eine neue Regierung bilden, aber sicher nicht im korrupten Sumpf der alten bleiben. Niemand versucht auch nur, darüber nachzudenken – außer den Oppositionspolitikern. Obwohl es eigentlich eine Initiative der Regierung sein müsste.
Noch eine weitere Frage, die mir ziemlich wichtig erscheint. Die ganze Geschichte mit dieser kriminellen Organisation wirkt wie eine Situation, in der amtierende Minister und Beamte faktisch die Anweisungen eines Menschen ausführten, der keinerlei Staatsamt innehatte, nicht einmal Berater von irgendwem war – nicht einmal ein Arestowytsch war er –, sondern nur einer der Miteigentümer der Produktionsfirma „Quartal 95“, Tymur Mindych. Der Präsident sagt, dass er Mindych seit Beginn dieser Antikorruptionsermittlungen nicht gesehen habe. Das sagte er in einem Interview mit der Agentur Bloomberg. Aber dann stellt sich die Frage: Aus welchen Gründen haben all diese Leute, die Ämter bekleideten, über staatliche Ressourcen verfügten, Zugang zu Staatsgeheimnissen hatten, de facto den Anweisungen einer Person gehorcht, die niemand ist und keinen offiziellen Status hat? Nur weil er ein guter Freund des Staatspräsidenten und früher sein Geschäftspartner war. Selbst wenn man annimmt, um niemanden pauschal zu beschuldigen, dass dieser Mensch keinen direkten Zugang zum Präsidenten hatte, mit dem er all seine Handlungen abgestimmt hätte: Wie sieht dann diese vertikale Struktur aus, in der Minister einem ganz gewöhnlichen kleinen Geschäftsmännchen gehorchen – allein auf Grundlage dessen, dass er Eigentümer einer Comedy-Produktionsfirma ist, in der der Präsident der Ukraine vor seiner Wahl tätig war? Und wie kann, würde ich sagen, ein Staat überhaupt überleben, in dem alles so aufgebaut ist?
Wir wissen doch nur von der Geschichte Mindychs, aber er ist nicht der einzige Geschäftsmann aus diesem Kreis, der selbst kein Amt bekleidet, aber informellen Einfluss auf Regierungsmitglieder ausüben kann – nur weil er noch vor sechs Jahren mit Zelensky oder mit anderen Leuten aus dem Präsidialamt im selben Geschäft war, weit entfernt von der Politik, im Showbusiness. Das ist sehr gefährlich für unser aller Überleben in einem Krieg, der, wie Sie sehen, gar nicht zu Ende zu gehen scheint. Das ist falsch. Diese Konstruktion ist eine russische Konstruktion – eine Konstruktion, die die Russen in absehbarer und unabsehbarer Perspektive nicht zu beenden gedenken. Und wir müssen deshalb in diesem Krieg durchhalten, in diesem Jahr, im nächsten Jahr und, möglicherweise, durch alle 20er Jahre des 21. Jahrhunderts hindurch. Wir werden einen langen Kampf mit den Russen durchstehen müssen, die Kräfte sammeln für einen echten Langstreckenlauf mit der Zielsetzung, die Ukraine zu vernichten. Ohne einen effektiven Staat werden wir nicht nebenher laufen können. Und auch das muss man sich bewusst machen. Das sind also die Fragen, die sofort entstehen.
Es ist offensichtlich, dass diese Machtkonstruktion – unabhängig von der Beteiligung oder Nichtbeteiligung der ersten Person an dieser nicht nur Image-, sondern vor allem organisatorischen Katastrophe – einfach eines Umbaus bedarf. Ein wunderbares Wort. Andernfalls wird diese vertikale Struktur früher oder später endgültig einstürzen und den gesamten ukrainischen Staat unter sich begraben. Und der Feind reibt sich schon die Hände in der Hoffnung, dass die Ukraine als reife Frucht dem Anführer der Weltkorruption, Putin, in die Hände fällt. Dort, nebenbei, gibt es sehr ähnliche Geschichten: Menschen aus Putins innerem Kreis, Verwandte – Putin hat seinen Verwandten mehr Posten verschafft als jeder andere russische oder sowjetische Führer in der Geschichte –, irgendwelche Freunde aus der Datschen-Genossenschaft „Osero“, mit denen er einst zusammen Ferienhäuser kaufte, üben ebenfalls völlig informellen Einfluss aus. Wir wollen diesen Weg doch nicht gehen. Und wir gehen ihn auch nicht, weil wir Antikorruptionsermittlungen haben und die Hoffnung, dass all diese Leute früher oder später entweder gezwungen sein werden, aus dem Land zu fliehen, oder für immer einen Platz im Gefängnis finden werden.
Und wichtig ist auch, dass diese Leute miteinander kämpfen, denn, wie man verstehen kann, konnten ein großer Teil der Informationen, die die Antikorruptionsbehörden über die Handlungen von Mindych und seinen Komplizen erhielten, dank zweier Oligarchen eingeholt werden, die Volodymyr Zelensky zunächst geholfen haben, in die Politik zu kommen, und später zu seinen Todfeinden wurden. Das sind Ihor Kolomojskyj, der sich derzeit in der Untersuchungshaft in der Ukraine befindet, und Hennadij Boholjubow, der aus der Ukraine geflohen ist. Und wiederum, wie einige Informationsquellen sagen, mit Hilfe der Antikorruptionsbehörden, deren Informant er geworden sein soll. Auch eine recht interessante Geschichte.
Nun zur wichtigsten, wie ich sagen würde, Frage, über die ständig gesprochen wird. Was ist mit der Hilfe für die Ukraine? Ich sage gleich, was ich denke: Mit der Hilfe für die Ukraine wird nichts Besonderes passieren. Denn diejenigen in Europa, die verstehen, dass die Ukraine der Schild Europas ist und dass sie, indem sie die Ukraine unterstützen, einfach Sicherheit für ihre eigenen Länder schaffen, die müssen der Ukraine helfen, dem russischen Angriff so viele Jahre zu widerstehen, wie nötig sein wird. Selbst wenn dieser Krieg die 20er und vielleicht einen Teil der 30er Jahre des 21. Jahrhunderts in Anspruch nimmt, aber nicht auf Europa übergreift, weil Russland durch den Krieg mit der Ukraine geschwächt sein wird. Sie werden der Ukraine helfen, damit wir durchhalten, damit sie nicht selbst zu Kriegsparteien werden, damit dieser Krieg nicht auf ihr Territorium kommt und auf ukrainischem Boden bleibt und die Ukraine es früher oder später schafft, durch harte Prüfungen und Opfer diesen Krieg von unserem Land zu vertreiben. Das ist möglich.
Und diese Leute achten auf das, worauf man im Prinzip auch achten sollte, worüber ich die ganze Zeit spreche: die Antikorruptionsermittlungen. Das ist keine Demonstration der Krankheit, sondern eine Demonstration der Gesundheit. Korruption existiert in allen zivilisierten Ländern der Welt, in denen es eine Wirtschaft gibt. Das Problem der Gesundheit einer Gesellschaft besteht nicht darin, ob Korruption existiert, sondern darin, ob es Ermittlungen gibt, die helfen, Korrupten künftig ihrer Ämter zu berauben und ihre staatsfeindlichen Handlungen zu beenden. Und dass es den Antikorruptionsbehörden gelingt, Vertreter eben dieser ukrainischen Macht ans Licht zu ziehen, spricht dafür, dass sich die Ukraine zivilisierten Staaten annähert.
Wie dachten Sie sich das denn? Wenn in Frankreich – wenn auch nur für kurze Zeit – der Präsident der Republik, Nicolas Sarkozy, selbst, beinahe ein Halbgott, ins Gefängnis kommt, dann ist das gerade der Beweis für die Gesundheit der französischen Gesellschaft, dass niemand über dem Gesetz stehen kann. Und in den Vereinigten Staaten, erinnern Sie sich, ist Donald Trump in der Zeit zwischen seinen Präsidentschaften ständig vor Gericht erschienen. Und obwohl er sich darüber furchtbar aufregt, denke ich, dass er auch nach dem Ende seiner Amtszeit noch mehrfach dort erscheinen muss. Glauben Sie mir, glauben Sie nicht Trump. Und bei uns beginnt dasselbe, nicht erst seit gestern.
Natürlich werden wir sagen, dass unsere Antikorruptionsverfahren nicht immer mit einem realen Ergebnis enden. Irgendjemand hilft Verbrechern bei der Flucht, irgendjemand lässt Leute gegen Kaution frei – aus irgendwelchen dubiosen Firmen und Organisationen, die in die Geldwäsche verwickelt sind. Genau das ist buchstäblich heute geschehen. Aber so oder so funktioniert dieser Mechanismus und wird immer effektiver. Und das ist übrigens auch unser, Ihr und mein Verdienst, denn ohne die ukrainische Gesellschaft mit ihrem Gerechtigkeitsanspruch, ohne die Proteste, die es der Macht nicht erlaubt haben, das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine und die spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft in eine vertikale Struktur einzubauen, die vollständig auf die erste Person zuläuft, hätte es mit großer Wahrscheinlichkeit überhaupt keine derartigen Ermittlungen gegeben.
Und daher sagen jene europäischen und allgemein westlichen Politiker, die das verstehen: Es finden Ermittlungen statt, das zeugt von der Reife der ukrainischen Gesellschaft. Und jene, die uns ohnehin nicht helfen wollten, sagen das Gegenteil. Wir haben heute Einschätzungen der Korruptheit der Ukraine vom ungarischen Premierminister Viktor Orbán und seinem Außenminister Péter Szijjártó gesehen. Aber entschuldigen Sie, hatte Orbán denn früher eine andere Position? Sie waren auch ohne diese Antikorruptionsermittlung überzeugt davon, dass der Ukraine nicht geholfen werden müsse, weil dies ein Land sei, das ohnehin keinen Krieg gegen Russland gewinnen könne, dass man mit der Russischen Föderation Vereinbarungen treffen müsse, damit der Krieg nicht auf ihr Territorium kommt. Sie haben auch vorher betont, dass die Ukraine niemals Mitglied der Europäischen Union sein werde, weil Ungarn niemals erlauben werde, überhaupt Beitrittsverhandlungen zu beginnen.
Wie wir sehen, blockiert die ungarische Regierung diese Verhandlungen erfolgreich. Es finden keinerlei Beitrittsverhandlungen der Ukraine und der Republik Moldau zur Europäischen Union statt, ganz gleich, was wir uns da ausmalen. Der europäische Integrationsprozess der Ukraine ist heute blockiert. Wir hoffen, dass es gelingt, ihn entweder nach den Parlamentswahlen in Ungarn oder durch unsere Konsultationen mit Ungarn zu entblockieren. Aber bisher sieht die Situation ganz eindeutig so aus, dass die Ukraine nicht einmal auf den Beginn realer Verhandlungen hoffen kann, solange Viktor Orbán an der Macht ist und seine Wahlkampagne fortsetzt. Und ist es so, dass er früher ein großer Enthusiast der europäischen Integration der Ukraine gewesen wäre und jetzt plötzlich von der Antikorruptionsermittlung erfahren hat und – ich sage es einmal so – sich als Muster an Tugend erweist und seine Meinung geändert hat?
Also, helfen werden sie natürlich weiter. Das Einzige ist, dass eine solche Geschichte die Europäer erneut dazu bringt, über die Kontrolle ihres Geldes nachzudenken. Aber auch das ist keineswegs neu, wie Sie wissen. Schon unter Präsident Biden haben die Vereinigten Staaten das Amt eines Generalinspektors und eine Kontrollinstanz geschaffen, die sich mit der Prüfung des Verbleibs der amerikanischen Gelder beschäftigte. Die Republikaner forderten übrigens eine klare Kontrolle der Gelder, die die USA der Ukraine zur Verfügung stellten. Das war einer der Gründe, das Gesetz über die Militärhilfe für die Ukraine und andere Länder, das so wichtig für unser Land war, hinauszuzögern. Dieses Zögern seitens der Republikaner hat schließlich leider zum Verlust von Awdijiwka geführt. Aber genau das wurde unter demselben Vorwand getan.
Es ist also nicht so, dass diese Ermittlungen irgendetwas an ihrer Politik verändern würden. Nein, ich glaube, an der Politik der Unterstützung der Ukraine werden sie buchstäblich nichts ändern. Auch wenn es für unsere westlichen Freunde natürlich eine unangenehme Nachricht ist, dass die ukrainische Regierung in einem so schwierigen Moment das Vertrauen der Gesellschaft einbüßt. Und viele werden in Konsultationen mit der ukrainischen Führung nach Antworten darauf suchen, wie man diese Situation, wenn Sie so wollen, bewältigen könnte. Das ist einer der wichtigsten Punkte, die mit der Zukunft nicht einmal so sehr der Beziehungen der Ukraine zu ihren westlichen Partnern, sondern, wie ich sagen würde, der Stabilität der Beziehungen zwischen der ukrainischen Regierung und der ukrainischen Gesellschaft verbunden sind. Das ist in Wahrheit ein gewaltiges Risiko, über das wir sprechen müssen.
Denn aus politischer Sicht und wenn man auf diese Ereignisse schaut, die sich heute abspielen, ist dies eine echte Sackgasse. Die Regierung verliert einerseits tatsächlich viel in Bezug auf ihre Beziehungen zur Gesellschaft und das Vertrauen. Gleichzeitig können aber keine wirksamen Schritte unternommen werden, um dieses Vertrauen wiederherzustellen. Und in dieser Situation kann man natürlich sagen, dass man keine realen Fortschritte mit dieser Richtung erwarten sollte. Man muss diese Situation einfach als gegeben hinnehmen: Dass das Vertrauen in die Regierung unter solchen Umständen mit jeder neuen Ermittlung abnehmen wird, aber andererseits das Vertrauen in den Staat wachsen kann.
Die Menschen müssen sich klar sagen, dass sie nicht einen bestimmten Politiker verteidigen, wenn sie über die Zukunft der Ukraine nachdenken, sondern die Ukraine selbst. Und dass die einzige reale Möglichkeit, die Regierung zu ändern oder ihre Bewertung bezüglich ihres Handelns und der Handlungen einzelner Vertreter abzugeben, darin besteht, gemeinsam dafür zu kämpfen, dass der Krieg früher oder später endet, zur Wahlen zu gehen und dann die Möglichkeit zu haben, seine Stimme abzugeben.
Wie ich bereits gesagt habe, bin ich sicher, dass der Rücktritt der Regierung und die Bildung einer neuen ein wirksamer Mechanismus wäre, um zu zeigen, dass die Regierung die Gesellschaft gehört hat. Wiederum stellt sich die Frage, wie die neue Regierung gebildet würde. Wenn es wieder eine Regierung wäre, deren Namen im Präsidialamt geschrieben werden, würde das nichts ändern. Ich habe bereits gesagt, dass zwei Arten von Regierungen das Vertrauen der Gesellschaft zurückgewinnen könnten: eine technokratische Regierung, unabhängig von politischen Kräften, oder eine Regierung des nationalen Vertrauens, in der Vertreter verschiedener demokratischer, pro-ukrainischer politischer Kräfte vereint sind.
Aber in beiden Fällen muss der Präsident des Landes akzeptieren, dass er die Zuständigkeiten an den Premierminister als Regierungschef delegiert. Ich meine damit den Chef des wirtschaftlichen Sektors des Staates. Das heißt, dass er dem Premierminister die verfassungsmäßigen Befugnisse des Leiters der Exekutive zurückgibt, dass der neue Premierminister dieser Regierung ein realer Politiker wird, der internationale Verhandlungen führt, über wirtschaftliche Probleme spricht, Befugnisse im Land und im Ausland hat und mit seiner Autorität das Vertrauen in die Regierung wiederherstellt. Und wir verstehen sehr gut, dass der Präsident sich niemals im Leben darauf einlassen wird. Und deshalb ist dies heute, leider, eine Sackgasse, ob es uns gefällt oder nicht.
Wir werden jetzt Ihre Fragen beantworten, die während dieser Sendung bereits kamen.
Frage. Wenn niemand strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wird, wird dann das Vertrauen der EU und ihre Hilfe für uns sinken?
Portnikov. Ich wiederhole noch einmal: Die Europäische Union hilft sich selbst, nicht uns. Es geht um europäische Sicherheit. Die Erhaltung des ukrainischen Staates und die Bereitschaft der Ukrainer, für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen, ist Teil der europäischen Sicherheit. Solange die Ukrainer bereit sein werden zu kämpfen und nicht zu kapitulieren vor Russland und sich nicht mit einem Anschluss ihres Staates an die Russische Föderation abfinden, werden die Europäer uns helfen. Daran müssen Sie nicht zweifeln, was auch immer hier geschieht. Aber natürlich, wenn sich herausstellt, dass die ukrainische Justiz versagt, wird das ein ernstes Problem sein. Allerdings verstehen Sie, dass das keine Sache von einem Monat ist und vielleicht nicht einmal von einem Jahr, und da wird noch vieles geschehen. Auch das ist für mich völlig klar.
Frage. Welche Hauptwege sehen Sie, um der Verbreitung populistischer ultrarechter Ideen in der westlichen Welt entgegenzuwirken?
Portnikov. Um das Bild vollständig zu machen, muss man sagen, dass sich in der westlichen Welt heute nicht nur populistische ultrarechte, sondern auch populistische ultralinke Ideen verbreiten. Und man kann sagen, dass die Ultralinken im Gleichschritt mit den Ultrarechten marschieren. Und wir geraten mit Ihnen in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Glauben Sie mir: Die 30er Jahre des 21. Jahrhunderts werden an die 30er Jahre des 20. erinnern – möglicherweise mit einem Übergang zu einem Weltkrieg in naher Zukunft.
Wie man dem begegnen kann, kann ich Ihnen nicht sagen, denn das ist eine Folge der Verbreitung neuer Informationstechnologien. Sie können nicht gegen den Fortschritt kämpfen. Fortschritt nimmt sehr oft schreckliche Formen an. Als Gutenbergs Druckerpresse auftauchte, erschien sie als großes Gut. Aber letztlich führten das Aufkommen dieser Presse, die Verbreitung gedruckter Bücher, das Auftauchen von Menschen mit ihren Ansichten und Idealen des Kampfes für Gerechtigkeit, zur Großen Französischen Revolution, zur Guillotine und zur Stärkung radikaler Stimmungen in der Gesellschaft – nicht nur in der französischen. Und später begann ein großer Krieg in Europa, der ebenfalls Millionen Menschen in Massengräbern zurückließ. Damals war das angesichts der Bevölkerungszahl eine absolute Katastrophe.
Jetzt kann es etwas Ähnliches geben, aber wir können uns dem nicht widersetzen. Unsere Aufgabe ist es, in dieser Situation zu überleben, die Vernunft zu bewahren, zu versuchen, unsere Ideen, unsere Ansichten zu verteidigen, darüber nachzudenken, wie man den Gebrauch der neuen Informationstechnologien regulieren kann. Der Kampf darum ist ja bereits im Gange. Wenn wir darüber sprechen, dass es keine anonymen Nachrichten geben darf und dass Menschen für ihre Worte verantwortlich sein müssen, dann sind das ebenfalls Schritte eines solchen Kampfes.
Aber, wie Sie verstehen, ist das kein einfacher Kampf. Ich möchte nicht, dass Sie Illusionen haben – weder über diesen Kampf noch darüber, dass die Vernunft zwangsläufig zum Sieg verurteilt ist. Nein, sie ist nicht dazu verurteilt. Wir werden sehen, wie das weiter aussehen wird. Vielleicht muss die Menschheit eine schmerzhafte Prüfung durchlaufen, um den wirklichen Sinn bestimmter Ideologien zu begreifen, den wirklichen Nutzen oder die Gefahr von Ideologien überhaupt und der neuen Informationswelt an sich. Die Menschheit ist generell so organisiert, dass Menschen sich nicht ändern, ohne der tödlichen Gefahr ins Auge zu sehen. Das ist ein Gesetz der Zivilisation.
Frage. Beunruhigt Sie nicht, dass Europa zu sehr auf die Vereinigten Staaten schaut und ohne Signale aus Washington praktisch nichts Wesentliches unternimmt?
Portnikov. Das kann mich beunruhigen, aber das gesamte europäische Sicherheitsmodell war jahrzehntelang auf die Vereinigten Staaten ausgerichtet. Und in Europa glauben viele, dass die europäische Sicherheit – wenn man die aggressiven Ambitionen Russlands berücksichtigt – ohne Unterstützung und Hilfe der USA stark in Frage steht.
Deshalb werden die Europäer natürlich alles Mögliche und Unmögliche tun, um die euroatlantische Solidarität zu erhalten. Große Besorgnis löst das bei mir nicht aus, weil ich der Meinung bin, dass die europäische Position hier absolut logisch ist. Die euroatlantische Solidarität ist ein riesiger Gewinn der Nachkriegszeit. Es wäre schade, das zu verlieren, wie Sie verstehen.
Frage. Gibt es irgendeinen Mechanismus, alle Minister zu entlassen und eine Regierung mit wenigen Menschen zu bilden, die die Wirtschaft und das Militär führen? Und warum sind Sie nicht unter den Beratern des Präsidenten?
Portnikov. Nun, um Berater des Präsidenten zu sein, muss man wahrscheinlich das Vertrauen des Präsidenten genießen, oder? Wir verstehen ja, wie der Vertrauensmechanismus aussieht. Ich habe darüber schon mehrfach gesprochen. Und außerdem: Um jemandem etwas zu raten, müssen die Menschen, denen man rät, verstehen, was man sagt. Ich denke, dass wir mit dem Präsidententeam in völlig verschiedenen Welten leben. Deshalb hätte ich niemals Berater des Präsidenten sein wollen. Welchen Sinn hätte das? Meine Aufgabe ist, in einer gemeinsamen Wertessprache mit denen zu sprechen, die mir zuhören – und nicht mit denen, die mir nicht zuhören, die in einer völlig anderen Welt leben.
Ich habe keine Illusionen, dass man die Wertorientierungen eines Menschen ändern kann. Daran glaube ich nicht. Niemandem in der Geschichte der Menschheit ist das je gelungen. Und die Imitation von Wertorientierungen ist nichts für mich.
Was den Mechanismus angeht: Man kann die Regierung entlassen. Ich wiederhole es noch einmal: Lesen Sie die ukrainische Verfassung. Das kann das Parlament absolut problemlos tun. Die Koalition bildet die Regierung, nicht der Präsident. Der Präsident hat zwei Möglichkeiten, dem Parlament Minister vorzuschlagen – den Verteidigungs- und den Außenminister – und das Parlament muss über sie abstimmen. Oder er kann kommissarische Leiter dieser Ressorts ernennen, wenn das Parlament sie nicht bestätigt. Das ist alles, was der Präsident im Verhältnis zur Regierung tun kann.
Und das Parlament schlägt dem Präsidenten die Kandidatur des Premierministers vor, den dieser dem Parlament zur Abstimmung vorlegt. Dieser Premierminister bildet die Regierung. Natürlich gibt es dabei Konsultationen mit dem Präsidenten. Er mag bestimmte Kandidaturen nicht vorlegen wollen, aber das ist eine andere Geschichte. In jedem Fall ist das Sache des Parlaments, nicht des Präsidenten. Sache der Koalition.
Es gibt also tausend Mechanismen. Die Frage ist, inwieweit sich die Abgeordneten der Werchowna Rada der Ukraine selbst als Subjekt der Macht wahrnehmen und nicht als Menschen, die Anweisungen aus völlig anderen Institutionen erhalten, die mit der ukrainischen Demokratie und dem Parlamentarismus verfassungsrechtlich nichts zu tun haben.
Frage. Auf meine Frage nach den Gründen für die Unterstützung des Westens für uns sagten Sie, dass dies gerade aus Gründen der Achtung des Rechts geschieht. Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund, dass Unterstützung für die Ukraine und für Palästina oft „im Paket“ beschlossen wird?
Portnikov. Warum? Oft wird im Paket auch die Unterstützung für die Ukraine und für Israel – beispielsweise in den USA – beschlossen. Das hängt davon ab, wie in diesem oder jenem Land der Begriff des Völkerrechts formuliert wird und so weiter.
Gerade weil im Nahen Osten nach 1948 die UN-Resolution über die Teilung des britischen Mandatsgebietes Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat nicht umgesetzt wurde. Stattdessen griffen die arabischen Staaten den neugegründeten Staat Israel an. Und ein arabischer Staat wurde am Ende gar nicht gegründet.
Genau deshalb entstand eine Situation, in der nun jeder die Parameter des Völkerrechts im Nahen Osten so auslegen kann, wie es ihm beliebt. Deshalb würde ich das nicht in einen Topf werfen. Warum „Ukraine und Palästina“, warum „Ukraine und Israel“?
Weil manche glauben, dass die Handlungen Israels dem Völkerrecht entsprechen, Israel sich gegen terroristische Angriffe verteidigt. Und andere glauben, dass Palästina endlich als Staat entstehen müsse und dass die Handlungen Israels verhindern, dass Palästina real auf der politischen Weltkarte erscheint. Das ist jeweils eine Position.
Im Fall der Ukraine gibt es keine „Position“ in dem Sinne, denn die Ukraine ist ein Staat, dessen Grenzen von allen anerkannt sind – übrigens auch von der Russischen Föderation. Ich möchte daran erinnern, dass keine Verfassung der Russischen Föderation die Unterschriften der Präsidenten Russlands und der Ukraine unter der Alma-Ata-Erklärung von 1991 aufhebt, in der alle ehemaligen Sowjetrepubliken die territoriale Integrität der jeweils anderen anerkannten.
Frage. Sie sprechen ständig von einer Regierung der nationalen Einheit, aber es ist klar, dass Zelensky das nicht einfach so akzeptieren wird. Welche Umstände könnten ihn dann dazu bringen? Wieder russische Truppen vor Kyiv?
Portnikov. Ich kann Ihre Frage nicht beantworten. Ich glaube ebenfalls, dass der Präsident sich darauf nicht einlassen wird, aber ich finde nicht, dass man deshalb nicht über richtige Rezepte für einen Ausweg aus der Situation sprechen sollte. Ja, auch ich habe keine Illusionen. Denken Sie nicht, dass ich ein kleines Kind bin, das nicht versteht, wozu jemand bereit ist oder nicht. Ich bin mir absolut sicher bei dem, was Sie gesagt haben.
Es ist vollkommen offensichtlich, was die Zukunft der ukrainischen Regierung als solcher betrifft. Im Präsidialamt mag man glauben, dass eine Regierung der nationalen Einheit die Macht des Präsidenten beschneidet. Aber ich meine, dass eine Begrenzung der Macht in Kriegszeiten und angesichts der Notwendigkeit, das Vertrauen in den Staatschef zu erhalten – ich meine die wirtschaftliche, energetische Macht – notwendig ist.
Denn es braucht ja nicht einfach nur Fachleute. Ich wiederhole: Jeder Fachmann kann einen Dilettanten täuschen. Genau deshalb konnte der Präsident davor zurückschrecken, ihm unbekannte Fachleute in hohe Ämter zu berufen. Es braucht ehrliche Fachleute, die nicht mit denjenigen verbunden sind, die in den Machtkabinetten sitzen.
Frage. Sind die anderen Ministerien und Minister genauso korrupt?
Portnikov. Wir können einen Menschen doch nicht a priori als korrupt bezeichnen, nur weil er Minister ist. Aber ich habe Ihnen schon mehrfach erläutert, auch in diesen Sendungen, wie der Nährboden für Korruption entsteht. Er entsteht genau dann, wenn es keine realen Möglichkeiten gibt, die Korruptionsgefahr zu vermeiden. Denn eine Korruptionsgefahr existiert immer.
Aber wenn es keine gegenseitige Kontrolle gibt und wenn es eine Monopolisierung der Macht gibt, dann steigt die Korruptionsgefahr um ein Vielfaches. Sagen wir es also so: Nein, es ist keineswegs zwingend, überhaupt nicht zwingend, dass alle Ministerien und alle Minister korrupt sind. Aber es ist völlig offensichtlich, dass es noch eine ganze Menge spektakulärer Korruptionsermittlungen der verschiedensten Art geben kann.
Und das ist ebenfalls eine völlig reale Sache, die mit unserem Überleben in der Zukunft zusammenhängt. Denn mir scheint, dass unser Überleben angesichts dieser Korruptionsrisiken eine ziemlich ernste Frage ist. Je geringer die Korruptionsrisiken sind, desto größer werden unsere Chancen sein, in diesem endlosen Krieg zu überleben. Das muss man klar begreifen.
Deshalb hoffe ich, dass früher oder später in der Ukraine die Vernunft siegen wird. Schließlich ist gerade die Vernunft in einer solchen Situation der Ausweg. Es ist nur notwendig, dass sich die Gesellschaft an diese Vernunft hält. Und es ist notwendig, dass sich auch die Macht an diese Vernunft hält. Es muss eine Art Synergie der Vernunft geben.
Wir wissen sehr genau, dass ohne diese keinerlei reale Veränderungen möglich sind. Und ich erinnere ständig daran, dass jede solche Geschichte jetzt von unseren Gegnern in irgendeiner Weise genutzt werden kann.
Wir stehen ja gerade vor einer neuen entscheidenden Etappe im Zusammenhang mit dem sogenannten Reparationenkredit, dessen Grundlage russische Vermögenswerte bilden sollen. Das ist eine wichtige Sache, wie Sie wissen. Aber damit das zustande kommt, muss man den Gegnern dieser Idee dieses Argument aus der Hand nehmen. Sie werden es garantiert vorbringen: „Wir geben ihnen russisches Geld, und sie werden es dort einfach stehlen.“
Aber ich wiederhole: Grundlage ist nicht, dass wir keine Korruption als solche hätten. Grundlage ist, dass wir eine effektive Korruptionsbekämpfung haben. Deshalb müssen wir uns nicht die Asche aufs Haupt streuen. Dass es der Ukraine in den letzten Jahren gelungen ist, selbst die Korruption der hochrangige Beamten ans Licht zu bringen, unterscheidet uns von jener Welt, aus der wir hervorgegangen sind – von der postsowjetischen Welt.
Stellen Sie sich einmal vor, einer der engsten Freunde Putins geriete in eine Situation, in der das russische Ermittlungskomitee einen seiner Freunde aus dem Kooperativ „Osero“ verhaften würde. Oder das Ermittlungskomitee von Belarus würde einen engen Freund Lukaschenkos verhaften. Dort werden diejenigen verhaftet, auf die der verhasste Diktator mit dem Finger zeigt. Und solange du unter seinem Schutz stehst, kannst du tun, was du willst.
Und es ist gut, dass wir diese schreckliche Welt hinter uns gelassen haben. Die Russen konnten aus dieser Welt nicht herauskommen, weil sie es nicht wollten. Und die Belarussen konnten sie nicht verlassen, weil ihr Aufstand von 2020 durch dieselben korrupten Sicherheitskräfte faktisch zerschlagen wurde.
Glauben Sie mir, es ist besser, in einem Land zu leben, in dem es Korruption gibt, aber zugleich einen Kampf gegen die Korruption, als in einem Land, in dem es scheinbar keine Korruption gibt, aber in Wirklichkeit alle einfach stehlen. Man berichtet nur niemandem darüber. Und jeder, der darüber nachdenkt oder darüber einen Beitrag in sozialen Netzwerken schreibt, landet im Gefängnis.
Und genau das müssen wir unseren westlichen Partnern klar erklären: Dass dies nicht nur ein Zeugnis der Korruptionskrankheit ist, sondern auch ein Zeugnis eines antikorruptiven Gesundheitszustandes.
Wir werden auf diese Themen ganz sicher noch zurückkommen. Ich denke, dass sie eine Weiterentwicklung haben werden.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Міндічгейт: розвиток і наслідки | Віталій Портников. 13.11.2025. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:13.11.2025 Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
Original ansehen
Während der heutigen Gespräche mit seinem Lieblingsschützling, dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, sagte der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, dass das Treffen mit Putin in Budapest gerade deshalb abgesagt worden sei, weil der russische Präsident nicht vorhabe, seinen Krieg gegen die Ukraine zu beenden. Für Donald Trump ist das, man könnte sagen, eine echte politische Entdeckung. Denn sowohl während seines Wahlkampfs als auch in den ersten Wochen seiner Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten war Donald Trump gerade davon überzeugt, dass das Aufhören im Krieg ein wichtiges Anliegen des russischen Präsidenten sei und seine Hauptaufgabe darin bestehe, Putin so wunderbare Bedingungen anzubieten, unter denen der russische Führer diesen Krieg beenden könnte.
Trump behauptet weiterhin, dies sei Bidens Krieg, obwohl dieser Krieg nie Bidens Krieg war. Mehr noch: Der vorherige Präsident der Vereinigten Staaten versuchte gerade, sich mit Putin so zu einigen, dass der russische Präsident seinen Angriff auf die Ukraine gar nicht erst beginne. Und zwar fanden die Versuche, Wege der Verständigung zwischen den Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation auf Präsidentenebene zu finden, sogar dann statt, als die amerikanischen Geheimdienste genaue Informationen über Russlands Absicht hatten, die gesamte Ukraine anzugreifen und die Regierung unseres Landes durch eine Marionettenverwaltung unter der Führung der Verräter Wiktor Janukowytsch und Wiktor Medwedtschuk zu ersetzen.
Trump redete sich jedoch weiter selbst und anderen ein, dass Biden mit seiner Weigerung, mit Putin zu sprechen, die Sache bis zu einem großen Krieg getrieben habe, dass Biden mit Putin auch nach dem tragischen Angriff Russlands auf die Ukraine hätte weiterreden müssen, dass gerade das Fehlen von Bedingungen, unter denen Putin den Krieg beenden sollte, zu seiner Verschleppung auf fast vier Jahre ununterbrochener Kampfhandlungen an der russisch-ukrainischen Front geführt habe. Wir erinnern uns, dass Trump Putin aus Sicht des amerikanischen Präsidenten prestigeträchtige Bedingungen für die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges vorgeschlagen hat. Dazu gehörten die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland, die Rückgabe der in westlichen Banken eingefrorenen russischen Vermögenswerte und die Zustimmung dazu, dass Russland die Kontrolle über jene Gebiete behält, die es seit 2014 besetzt hat. Mehr noch: Der Präsident der Vereinigten Staaten war faktisch damit einverstanden, zusammen mit dem Präsidenten der Russischen Föderation an der Zerstörung der Weltordnung mitzuwirken, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Denn wir verstehen: Hätten die Vereinigten Staaten den russischen Status der Krim anerkannt, könnte man einen Punkt hinter die Nachkriegsgeschichte der Menschheit setzen und wir hätten uns im Eiltempo auf den Dritten Weltkrieg zubewegt. Obwohl vielleicht Trump selbst sowie sein inkompetentes Umfeld und allerlei professionelle Anpasser, die glauben, dass man für die Macht nicht einmal die Prinzipien – wobei ich gar nicht denke, dass Anpasser überhaupt Prinzipien haben – sondern den gesunden Menschenverstand verraten kann, das anders sehen mögen.
Zu Trumps Erstaunen jedoch ging Putin auf diese Bedingungen nicht ein – schlicht deshalb, weil es ihn überhaupt nicht interessiert, den Krieg auf irgendwelchen Territorien zu beenden, auf denen sich seine Banditenarmee befindet und die er (diese Territorien) bereits in marginale Regionen verwandelt hat, die ihm weder wirtschaftlichen noch politischen Nutzen bringen werden. Der russische Präsident braucht die ganze Ukraine. Und nur unter der Bedingung der vollständigen Übertragung der Kontrolle über alle ukrainischen Territorien auf ihn ist er bereit, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden. Mir scheint, dass dies eine offensichtliche Wahrheit ist, die jeder begreifen muss, der es mit dem russisch-ukrainischen Krieg zu tun hat. Das ist kein Krieg um Pokrowsk, Slowjansk, Kramatorsk – das ist ein Krieg um Uschhorod, Lwiw, Kowyl, andere Grenzstädte. Genau dort soll die russische Armee stehen. Genau dort sollen die russischen Trikoloren wehen. Genau dort sollen russische Raketen auf Europa gerichtet sein. Das ist es, was in Putins Vorstellung das wahre Finale des Krieges ist – eines, das des russischen Soldaten würdig ist, des russischen Präsidenten würdig, des russischen Volkes würdig.
Und eben das war der Präsident der Vereinigten Staaten nicht imstande zu verstehen, als er dem russischen Präsidenten aus Putins Sicht demütigende Bedingungen für die Beendigung des Krieges anbot. „Nimm dir Donezk mit Luhansk und beruhige dich.“ Putin verstand allerdings sehr gut, dass Trump nicht vorhatte, ihn zu demütigen. Er stimmte den Vorschlägen nicht zu, die vom völligen Unverständnis des Präsidenten der Vereinigten Staaten für die Welt zeugten, in der er sich nach seiner Rückkehr ins Oval Office wiederfand. Zugleich jedoch machte Putin bei jedem Telefongespräch mit Trump mit der Meisterschaft eines Tscheka-Verhörers, der weiß, mit was für einem Kunden er es diesmal zu tun hat, und mit der Gewandtheit eines Hütchenspielers, der einem misstrauischen Passanten neue Spielmöglichkeiten zu verkaufen vermag, Trump Komplimente, erzählte, welch wichtige Dinge der amerikanische Präsident-Friedensstifter tue, und wie gerührt Putin von den Briefen seiner Frau sei – kurz, er tat alles, um den Präsidenten der Vereinigten Staaten zumindest von neuen Sanktionen gegen die Russische Föderation und von neuer Militärhilfe für die Ukraine abzuhalten. Dass es Putin gelang, Trump zehn Monate lang von neuen Sanktionen abzuhalten, kann man als glänzenden diplomatischen Sieg des russischen Präsidenten über den amerikanischen ansehen. Doch das konnte am Ende auch nicht ewig so weitergehen. Dass die Vereinigten Staaten der Ukraine bis heute mit Waffen mithilfe europäischen Geldes zu helfen gedenken und nicht mit eigener Beteiligung, ist eine Fortsetzung von Putins glänzenden diplomatischen Siegen über Trump. Ja, er nutzt, kann man sagen, Trumps Geiz und seine absolut hundertprozentige Inkompetenz in der Politik aus. Aber deswegen hört Putins Sieg nicht auf, ein Sieg zu sein.
Gleichzeitig aber können wir nicht übersehen, dass Trump beginnt, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Zehn Monate sind vergangen, und er erkennt, dass Putin den Krieg nicht deshalb nicht beendet, weil man ihm irgendwelche falschen Bedingungen angeboten hat, sondern weil der russische Präsident einfach nicht aufhören will. Und damit – wenn Trump als Friedensstifter erscheinen will, und das ist für ihn dringend nötig, denn das Bild des Friedensstifters ist erstens mit der Selbsteinschätzung des amerikanischen Präsidenten verbunden, der weiter von einem Friedensnobelpreis träumt, und zweitens mit dem Wunsch, die Nachwahlen zum amerikanischen Kongress zu gewinnen. Dabei verstehen wir, dass sich die Lage der Vereinigten Staaten mit jedem Tag des Tauziehens zwischen Demokraten und Republikanern, mit jedem Tag des Shutdowns, mit jedem Tag der absolut inkompetenten Zölle dieser Administration wirtschaftlichen Problemen nähert. Somit wird Trump seine Reputation zumindest mit einem außenpolitischen Sieg untermauern müssen.
Wir haben immer gesagt, dass es einen Endtermin gibt, bis zu dem Trump wenigstens das Feuer an der russisch-ukrainischen Front beenden möchte – das ist der November 2026, die Nachwahlen zum Kongress. Gelingt es den Demokraten, die Kontrolle über beide Kongresskammern zu übernehmen, dann ist das erste, was sie tun werden: ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump vorbereiten, in der Hoffnung, ihn nach seiner Entlassung aus dem Präsidentenamt ins Gefängnis zu schicken. In Amerika tobt jetzt ein Kampf auf Leben und Tod. Man versteht dort sehr wohl, dass er, wenn er die Kontrolle über den Kongress verliert und danach der demokratische Kandidat die Präsidentschaftswahl gewinnt, seine Tage nicht in Mar-a-Lago, sondern in einer schmutzigen Gefängniszelle beenden wird. Und das ist keine Übertreibung. Das ist das, was wir im Falle seiner Niederlage sehen werden. Daher muss Trump gewinnen – oder eine Diktatur errichten, die der amerikanischen Demokratie ein für alle Mal ein Ende setzt. Aber gewinnen ist einfacher, als eine Diktatur zu errichten.
Es gibt noch einen Termin, den Januar 2026. Was ist das für ein Datum, werden Sie fragen? Das ist die Zeit, in der die sogenannte Shortlist der Kandidaten für den Nobelpreis in allen Disziplinen erstellt wird, auch die Shortlist der Kandidaten für den Friedensnobelpreis. Wenn man nicht auf diese Shortlist kommt, kann man den Nobelpreis im Oktober 2026 nicht erhalten. Deshalb hat es mich so gewundert, als es die Rede davon war, dass Trump im Oktober 2025 den Nobelpreis bekommen könne. Warum um Himmels willen? Um den Friedensnobelpreis im Oktober 2025 zu erhalten, hätte Donald Trump im Januar 2025 – also im Monat seiner Amtseinführung als Präsident der Vereinigten Staaten – auf die Shortlist der Aspiranten für den Nobelpreis kommen müssen. Können Sie sich das vorstellen? Sie fragen vielleicht, warum Donald Trump überhaupt hoffte, dort zu landen, wenn er genau wusste, dass er im Januar 2025 keinerlei Chancen hatte, auf eine solche Liste zu kommen? Er hatte ja überhaupt noch nichts geschafft. Nicht einmal diese seine „acht Kriege“, mit denen er bei jeder Gelegenheit prahlt, hatte er beenden können, einfach weil er noch nicht Präsident der Vereinigten Staaten war. Ich kann Ihnen diese Frage beantworten. Barack Obama kam seinerzeit im Januar – dem Monat seiner Amtseinführung in die erste Amtszeit als US-Präsident – irgendwie auf diese Shortlist und erhielt im Oktober den Preis. Und Trump hat in dem, ich würde sagen, kognitiven Zustand, in dem er sich befindet, nur eine Frage: „Wenn Obama den Preis bekommen hat, als er faktisch noch gar nicht Präsident war, warum kann ich ihn dann nicht bekommen?“ Die Antwort ist einfach. Erstens ist Trump nicht Obama, er hat keinerlei Popularität in den akademischen Kreisen Norwegens, die den Laureaten des Nobelpreises bestimmen, und die meisten Mitglieder des Nobelkomitees stehen dem amtierenden amerikanischen Präsidenten mit unverhohlener Abneigung gegenüber. Zweitens hat das Nobelkomitee im Unterschied zu Obama, der damals seine Tätigkeit als Präsident der Vereinigten Staaten erst begann, bei Trump, dem für eine zweite Amtszeit gewählten Präsidenten, ein klares Verständnis seiner Friedensbemühungen und Möglichkeiten aus seiner vorigen Zeit im Weißen Haus. Und wenn man ihm bereits nicht den Preis für sein offensichtliches Verdienst in Form der Abraham-Abkommen und der Normalisierung der Beziehungen Israels mit einer Reihe arabischer Länder – wichtigen arabischen Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, wie Marokko – verliehen hat, dann hätte natürlich niemand Trump auf die Shortlist der Nobelpreiskandidaten gesetzt, als er gerade seine zweite Amtszeit antrat. Aber gut, das ist so ein Punkt, der erklären kann, warum Trump es eilig hatte, warum er dieses Treffen in Budapest so nötig hatte und warum er hoffte, dass Putin schließlich verstehen würde, warum er da eilt.
Warum bleiben wir überhaupt bei diesen Worten Donald Trumps stehen, dass er begriffen habe, Putin wolle den Krieg nicht beenden? Weil nun der Ansatz zum Krieg seitens des amerikanischen Präsidenten ein anderer sein wird als bisher. Und das sahen wir übrigens an den ersten Sanktionen Trumps, die nach zehn Monaten schändlichen Zauderns gegen die Russische Föderation verhängt wurden. Es sind Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil. Das sind ernsthafte Sanktionen. Dass heute im Weißen Haus Viktor Orbán aufgetaucht ist, um Trump zu überreden, dem amerikanischen Präsidenten in bester Tradition des ungarischen Ministerpräsidenten ganz verlogen zu erklären, dass Ungarn Öl auf keine andere Weise beziehen könne – das ist eine Lüge. Es kann, vielleicht nicht über die Druschba-Pipeline, aber über die Adria-Pipeline. Doch warum, werden Sie fragen, interessierten Orbán Sanktionen gegen andere russische Unternehmen wie Surgutneftegas und Gazpromneft nicht, während ihn die Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil so sehr interessierten, dass er begann, Trump zu bitten, die Beschränkungen für Ungarn aufzuheben? Ich kann Ihnen sagen, warum. Weil jene die letzten Sanktionen Bidens waren und dies die ersten Sanktionen Trumps sind. Und Orbán, als erfahrener, starker Politiker, versteht sehr gut, dass es Trump völlig gleichgültig war, wie die Sanktionen Bidens umgesetzt werden. Und er konnte Sanktionen Bidens insgesamt als Problem für seine eigenen Absprachen mit Putin betrachten und es vorziehen, wenn Russland sie umgeht. So tobt Putin nicht gegen ihn und ist bereit, seine prestigeträchtigen Friedensbedingungen anzunehmen. Was jedoch die eigenen Sanktionen betrifft, kann Trump natürlich darauf achten, wie sie umgesetzt werden. Und wenn Ungarn die Sanktionen Trumps demonstrativ – selbst mithilfe verdeckter Mechanismen – umgehen wird, könnte das Orbán die Gunst des amerikanischen Präsidenten kosten. Und die Gunst des amerikanischen Präsidenten braucht der ungarische Ministerpräsident, der alle Chancen hat, bei den Parlamentswahlen 2026 die Macht zu verlieren. Und ich sage Ihnen klipp und klar: Wenn Orbán die Macht in Ungarn verliert, erwartet ihn dasselbe Schicksal, das Trump erwartet, wenn er die Macht in Amerika verliert: Antikorruptionsprozesse, Gefängnis. Orbán wird seine Tage nicht als Oppositionsführer beschließen – ich meine politische Tage –, er wird sie in einer Gefängniszelle beenden. Dorthin will Orbán nicht. Orbán will Ungarn so lange regieren, bis er sicher ist, dass ihm nichts Schlimmes passiert. Und genau deshalb ist er zu Trump gekommen, damit der Präsident der Vereinigten Staaten offiziell diese Sanktionen aufhebt, die für die wirtschaftliche Lage in Ungarn durchaus schwerwiegend sein könnten. Vor allem deshalb, weil die Umstellung auf die kroatische Pipeline die Umstellung auf teureres Öl als das russische bedeutet – mit entsprechenden wirtschaftlichen Folgen vor den Wahlen. Orbán könnte den bescheidenen Wunsch haben, dass Trump ihm eine Übergangszeit einräumt, damit er nach den Parlamentswahlen ruhig auf russisches Öl verzichten und den Ungarn, die für ihn stimmen, die lange Nase drehen kann. Ich weiß nicht, was Trump entscheiden wird, aber ich erzähle von diesem Besuch Orbáns ausschließlich unter dem Gesichtspunkt, dass die Furcht vor diesen Sanktionen weitaus größer ist als vor den vorherigen.
Obwohl auch diese Sanktionen Bidens als recht ernst für die Zukunft der russischen Wirtschaft galten. Doch wie Sie sehen, hat Russland alle Möglichkeiten und Ressourcen gefunden – sowohl mithilfe einer Schattenflotte als auch mit Hilfe von Zwischenfirmen –, Öl so weiter zu liefern, wie es nötig war. Bereits nach einem Monat oder zwei waren all diese Probleme gelöst. Die Sanktionen Bidens haben sich weder ernsthaft auf den russischen Haushalt noch auf Putins Wunsch ausgewirkt, den Krieg bis zur vollständigen Liquidierung der Ukraine und der Ukrainer fortzusetzen. Mit diesen Sanktionen könnte es anders sein. Trump sagt weiterhin, er hoffe, dass Putin den Wunsch haben werde, anzuhalten, doch dem amerikanischen Präsidenten ist bereits klar, dass dieser Wunsch nur infolge von Druck entstehen kann. Druck nicht auf die Ukraine, Druck auf Russland. Und in dieser Situation scheint mir völlig offensichtlich, dass der Präsident der Vereinigten Staaten seinen Sanktionsdruck auf Moskau, auf den Präsidenten der Russischen Föderation, fortsetzen wird. Erstens werden eben diese Sanktionen im November verhängt, wenn Putin keine neuen Ideen anbietet. Zweitens habe ich keinen Zweifel daran, dass neue Sanktionen folgen werden, wenn es keinerlei Fortschritt gibt. Drittens wird Trump tatsächlich versuchen, Putin bis Januar zu einem Waffenstillstand zu zwingen – um auf die Shortlist zu kommen. Und wenn das bis Januar nicht geschieht, könnte der Druck nach Januar noch stärker werden, weil es dann nicht mehr um ein Spielzeug, sondern um Machterhalt, das heißt um Freiheit, geht. Verstehen Sie den Unterschied zwischen einem Spielzeug und der Freiheit? Und das könnte für den Präsidenten der Vereinigten Staaten eine ziemlich ernsthafte Motivation sein.
Allerdings sage ich gleich, dass ich grundsätzlich nicht weiß, inwieweit der Präsident der Vereinigten Staaten überhaupt über ein wirtschaftliches Instrument verfügt, das den Präsidenten der Russischen Föderation zwingen könnte, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden. Und möglicherweise ist sich Trump dessen bewusst. Und möglicherweise stellt er sich ebenfalls die Frage: „Was wird sein, wenn der ganze Welt klar wird, dass keine amerikanischen Sanktionen den politischen Willen des russischen Präsidenten und die russische Wirtschaft beeinflussen können? Dass bereits alle Sanktionen, die die Vereinigten Staaten verhängen konnten, verhängt sind, und Putin Trump und die Vereinigten Staaten ignoriert, weil er weiterhin wirtschaftliche Unterstützung von der Volksrepublik China erhält und die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den Ländern des globalen Südens fortsetzt?“ Wenn das so weitergeht… Ich sage es noch einmal, denn ich gestehe zu, dass auch chinesische und indische Unternehmen – ungeachtet des Wunsches ihrer eigenen Regierungen, die Zusammenarbeit mit Russland fortzusetzen – einfach Angst haben werden, auf die Sanktionsliste zu geraten. Und damit könnte die wirtschaftliche Zusammenarbeit Chinas und Indiens mit Russland nicht deshalb enden, weil es der politische Wille des Vorsitzenden der Volksrepublik China, Xi Jinping (ich denke, nicht), und des indischen Premierministers Narendra Modi (ich denke, ebenfalls nicht), wäre, sondern weil die Gesetze des Marktes zu wirken beginnen. Ich habe wiederholt gesagt, dass der jetzige politische Moment überhaupt damit zusammenhängt, dass Marktdiktaturen gegen Marktdemokratien kämpfen.
Und auf der einen Seite haben Marktdemokratien ziemlich ernsthafte Instrumente, auf Marktdiktaturen einzuwirken – einfach, weil diese ganze Wirtschaft integriert ist und an den Dollar gebunden. Auf der anderen Seite sehe ich keinerlei Chance, den Konflikt zwischen Marktdemokratien und Marktdiktaturen zu lösen, zumal für Marktdiktaturen die Demokratie als solche eine Gefahr ist, und die gegenseitige Abhängigkeit viel größer ist als zwischen Marktdemokratien und Plan-Diktaturen. Ich sehe also keine andere Möglichkeit, diese Widersprüche zu lösen, außer durch Krieg. Es gibt hier nichts zu verhandeln. Das bloße Dasein von Marktdiktaturen hängt damit zusammen, dass sie von Marktdemokratien bedroht sind, die eine Alternative schaffen: Es kann einen Markt geben, und zugleich können die Menschen über ihren Willen und ihr Schicksal selbst verfügen. Deshalb brauchen Marktdiktaturen, dass Marktdemokratien entweder selbst zu autoritären Regimen werden – alle Voraussetzungen dafür gibt es derzeit in der Welt, wie Sie sehen – oder dass sie diese Marktdemokratien auf dem Schlachtfeldern besiegen und ihnen ein diktatorisches Regime aufzwingen. Daher war es im Grunde, als das autoritäre Russland die demokratische Ukraine überfiel, um deren Regierung durch eine Marionettenregierung zu ersetzen – also autoritär, also Moskau unterstellt, also nicht mit Wahlen und dem Willen des ukrainischen Volkes verbunden –, nur die erste Schwalbe jener todbringenden Rotte, die bald versuchen wird, die Demokratie als solche überall zu vernichten, wo man sie vernichten kann. Und dort, wo man sie nicht mit militärischen Mitteln vernichten kann, eben politisch – mithilfe unfähiger populistischer Politiker, die der unbeholfenen Bevölkerung so gefallen.
Warum ist die Bevölkerung unbeholfen? Weil sie auf TikTok sitzt. Weil sie mit ihren schwachen Gehirnen mit dem Informationsschwall, der aus allen sozialen Netzwerken, die von dümmlichen Milliardären kontrolliert werden, auf sie niedergeht, nicht fertig wird. Nun, manchmal von dümmlichen Milliardären, manchmal von der Kommunistischen Partei Chinas. Wen ich nicht „dümmlich“ nennen würde, das ist die Kommunistische Partei Chinas. Diese Leute wissen ganz genau, was sie kontrollieren, welche Algorithmen sie aushecken. Und die Milliardäre sind dümmlich, weil sie mit solchen Algorithmen sich selbst den Strick drehen, an dem man sie alle bald aufhängen wird – wie es ihnen Genosse Lenin versprochen hat. Aber das ist eine alte Geschichte, die sich wiederholen wird. Und wir alle werden Zeugen sein, wie sie angenommen wurden diesem Strick zappeln werden.
Und dennoch gibt es Hoffnung. Hoffnung darauf, dass Trump jetzt anders auf Putins Absichten blickt. Dass er bereits verstanden hat, dass Putin nicht aufhört, weil er weiter Krieg führen will, und nicht, weil Biden ihm keine guten Bedingungen angeboten habe; dass all das nun artikuliert wird und sich folglich im Kopf Trumps gewisse ernsthafte Veränderungen hinsichtlich des Verständnisses dessen vollziehen, was künftig zu erwarten ist. Und es ist klar, dass kein Viktor Orbán, der mit Ideen zu ihm gekommen ist, wie das alles aussehen werde, seine wirklichen Pläne und Absichten ändern kann – aus dem einfachen Grund, dass Orbán nichts anzubieten hat in Bezug auf die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges. Er will einfach, dass Trump zu ihm nach Budapest kommt. Und er versteht, dass Trump kaum „einfach so“ nach Budapest fahren wird, wenn es keinen Anlass gibt. Zumal Orbán, kann man sagen, als er Trump offenbar ein Treffen in Budapest vorschlug, für sich selbst eine echte Falle stellte. Verstehen Sie? Nun, wenn Trump jetzt ohne Putin nach Budapest fährt, um Orbán im Wahlkampf zu unterstützen, und er ist dort allein. Dann erinnert er alle noch einmal daran, dass er im Grunde hier Putin hätte treffen sollen, Putin aber nicht gekommen ist. Und so wandelt Trump allein durch Budapest und sucht unter jedem Baum nach Putin – und Putin ist nicht da. Dann wird Trump in Budapest einfach wie ein gewöhnlicher hochrangiger Agitator Orbáns aussehen. Für einen Präsidenten der Vereinigten Staaten ist es unangemessen, für irgendeinen ungarischen Politiker Wahlkampf zu machen, selbst für einen so geliebten und für ihn so wichtigen wie Viktor Orbán. Und mir scheint, das ist ebenfalls eine völlig verständliche Sache, die man nicht erklären muss.
Im Grunde denke ich also, wenn Trump sagt, dass ein Treffen mit Putin noch stattfinden könne, dann meint er ausschließlich, dass Putin Zugeständnisse machen werde. Ich sehe keinerlei hoffnungsvolle Anzeichen dafür, dass Putin in nächster Zeit Zugeständnisse machen wird. Im Gegenteil, ich sehe alle Anzeichen dafür, dass Putin den Krieg so lange fortzusetzen gedenkt, wie seine Kräfte reichen. Folglich muss man dafür sorgen, dass er diese Kräfte nicht hat. Und übrigens – noch eine heutige Meldung, die ebenfalls ein wichtiges Thema unseres Gesprächs hätte sein können – die Vereinigten Staaten haben nichts gegen eine europäische Konfiskation russischer Vermögenswerte einzuwenden. Das zeigt ebenfalls, dass die Seiten bereit sind, immer weiter rote Linien zu überschreiten. Und dass die Vereinigten Staaten, die früher nicht einmal in Richtung Konfiskation russischer Vermögenswerte dachten, jetzt beginnen, darüber nachzudenken. Und das ist ein ziemlich wichtiger Punkt dessen, wie das alles aussieht.
Nun, das sind sozusagen die heutigen Nachrichten, die jetzt mit dem Geschehen um das Treffen von Trump und Putin und Trumps Sicht darauf zusammenhängen, was überhaupt aus seinen Kontakten mit Putin werden kann.
Wir beantworten die Fragen, die während dieser Sendung bereits gestellt wurden.
Frage. Ist Ihnen aufgefallen, dass der Westen – diejenigen, die uns unterstützen – dies aufgrund ihrer persönlichen Weltvorstellungen tun und nicht aufgrund des Völkerrechts? Und viele haben nicht einmal eine Ahnung, was das ist.
Portnikov. Nein, es ist mir nicht aufgefallen. Mir ist vielmehr aufgefallen, dass diejenigen, die uns unterstützen, Vorstellungen vom Völkerrecht haben. Ich glaube, dass diejenigen, die uns nicht unterstützen – oder die uns nur unterstützen, weil es keinen anderen Ausweg gibt – keinerlei Vorstellung vom Völkerrecht haben. Sagen wir, Donald Trump denkt tatsächlich überhaupt nichts über das Völkerrecht. Er will einfach den Krieg stoppen, damit die Menschen aufhören zu sterben. Übrigens hat er das wiederholt gesagt. Ich denke, das sind Dinge, die man Menschen glauben sollte, wenn sie so etwas sagen. Denn wenn Trump an das Völkerrecht dächte, würde er nicht irgendetwas über den Anschluss Kanadas als neuen US-Bundesstaat faseln, darüber, dass die Vereinigten Staaten ein Recht auf Grönland hätten. Ja, in letzter Zeit spricht er darüber überhaupt nicht, weil man ihm offenbar rechtzeitig erklärt hat, dass das alles zu nichts Gutem führen kann und dass er, wenn er Kanada und Grönland wirklich haben will, Krieg führen muss – und zwar in der NATO, mit NATO-Verbündeten. Aber er hat es schon gesagt, und genau das zeigt, dass das Völkerrecht für ihn keinerlei Bedeutung hat. Bedeutung hat, dass der starke Putin, der – wie er sagte – die Ukraine in vier Wochen hätte besiegen sollen, dies seit vier Jahren nicht schafft; also sei es an der Zeit, aufzuhören. Die westlichen Führer jedoch, die Vorstellungen von Völkerrecht und Gesetz haben, haben die ganze Zeit genau darüber gesprochen. Deshalb unterstützt die Welt übrigens weder die Annexion der Krim noch ihren russischen Status. Und Trump war bereit, das anzuerkennen. Deshalb unterstützt die Welt nicht die Annexion der Gebiete Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja. Ich glaube vielmehr, dass die Sache gerade darin liegt, dass alle verstehen: Wenn ein Land Gebiete eines anderen annektiert und ihm das durchgeht, kann es eine ähnliche Reaktion in ganz Europa geben.
Frage. Derzeit gibt es nur wenige Anzeichen dafür, dass die Ukraine nach dem Einfrieren des Krieges ein liberal-demokratisches Land sein wird. Wie kann sich das auf die Beziehungen zum Westen auswirken, auf dessen Hilfe beim Wiederaufbau, wenn der Druck des Krieges wegfällt?
Portnikov. Erstens verstehe ich nicht, warum Sie glauben, es gebe wenige Anzeichen dafür, dass die Ukraine nach einem Einfrieren des Krieges liberal-demokratisch sein werde. Zurzeit gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass es in naher Zeit zu einem Einfrieren kommt. Vielleicht werden in den kommenden Jahren Bedingungen für ein Einfrieren des Krieges entstehen. Dazu bedarf es einer erheblichen Schwächung des Potenzials des russischen Staates und der russischen Armee. Hoffen wir, dass dies nicht in den 30er-, sondern in den 20er-Jahren des 21. Jahrhunderts geschieht. Darauf kann man hoffen – auch wenn es dafür keine objektiven Voraussetzungen gibt, hoffen kann man. Wie die Welt dann aussehen wird und ob die Ukraine liberal-demokratisch sein wird oder nicht, weiß ich nicht. Ich möchte Sie daran erinnern, dass in einer solchen Ukraine die Wahlen wiederaufgenommen werden. Und wir wissen nicht, wie die ukrainische Gesellschaft dann aussehen wird. Wir wissen überhaupt nicht, wie das Territorium des Staates aussehen wird, das am Ende erhalten bleibt, und wie groß die Zahl der Bevölkerung sein wird, die bereit ist, auf dem Gebiet dieses Staates zu leben. Ich erinnere Sie daran, dass dann die Zeit des vorübergehenden Schutzes für diejenigen Bürger der Ukraine abläuft, die das Land im Zusammenhang mit dem Beginn intensiver Kriegshandlungen verlassen haben. Zu uns werden Menschen zurückkehren, die für sich im Westen keinen Platz und keine Arbeit finden. Dort werden die Initiativenreichen bleiben, zu denen sich andere Initiativenreiche gesellen können, die ihren Platz in der Nachkriegsukraine nicht finden. Es kann vieles passieren. Wir wissen weder Territorium noch Qualität der Bevölkerung. Wir wissen nichts. Wir können nur hoffen, dass der ukrainische Staat nicht von der politischen Weltkarte verschwindet, als hätte es ihn nie gegeben.
Übrigens möchte ich Sie warnen, dass das die letzte Chance sein wird. Warum die letzte Chance? Weil während die Ukrainer bereits zu dem Schluss gekommen sind, dass die Russen kein „brüderliches“ Volk für sie sind, sondern einfach Mörder, die sie vernichten wollen, kamen die Russen gleichermaßen zu dem logischen Schluss, dass die Existenz der Ukrainer auf den ukrainischen ethnischen Gebieten die Existenz des Russischen Imperiums unmöglich macht. Jedes Volk wird versuchen, die Präsenz des anderen loszuwerden. Wenn die Russen siegen, wird es hier keine Ukrainer mehr geben. Das garantiere ich Ihnen zu 100 %. Rechnen Sie nicht damit, am Leben zu bleiben. Wenn Sie Ukrainer bleiben wollen, werden Sie getötet, vertreiben, enteignet. Eigentum wird auch denen weggenommen, die sogar bereit sind Russen zu werden. Das verspreche ich Ihnen ebenfalls. Es wird also alles schlecht sein, aber ich hoffe, dass es nicht so weit kommt.
Nun zu den Beziehungen zum Westen. Niemand weiß, wie der Westen zu diesem Zeitpunkt sein wird. Wiederum wissen wir nicht, in welchem Jahrzehnt das enden wird – in diesem oder im nächsten. Was ich Ihnen genau versprechen kann: Bis zu meinem 70. Geburtstag wird es enden. Wie die Welt in dieser Situation aussehen wird, weiß ich nicht. Sie kann selbst aufhören, liberal-demokratisch zu sein. Alle Voraussetzungen für den Sieg ultrarechter und ultralinker Parteien in den Ländern Europas sind gegeben. Vielleicht erlebt die liberale Demokratie in Nordamerika und auf dem europäischen Kontinent ihre letzten Jahre und verschwindet noch vor dem Ende des russisch-ukrainischen Krieges. Verstehen Sie? Vielleicht ist bis dahin das europäische Projekt Vergangenheit. Alles ist möglich. Wir leben jetzt in einer sehr fragilen Welt.
Wenn Sie fragen, wie es wird, falls der Westen so bleibt, wie er ist – was wird dann aus der Ukraine? Die Ukraine wird, einfach weil sie sich wirtschaftlich mindestens 15–20 Jahre nicht erholen wird, von westlichem Geld abhängig sein und gezwungen sein, liberal-demokratisch zu sein, denn die Alternative wäre der Tod durch Hunger und Kälte. Es wird keine Investitionen geben, kein Geld für eine solche Ukraine. Oder eine andere Alternative wäre die Vereinigung mit Russland zu einem Staat, denn Russland wird keinerlei liberale Demokratie verlangen und bereit sein, mit uns gemeinsam die Energieversorgung wiederherzustellen. Nun, falls die Ukrainer sich nach der Niederlage Russlands im Krieg mit Russland vereinigen wollten. Verstehen Sie – Russland verliert den Krieg, die Ukraine bleibt auf der Karte, und wir sagen: „Wissen Sie, uns ist ein diktatorisches, autoritäres Regime lieber, also lasst uns mit euch vereinigen. Europa interessiert uns nicht.“ Sie verstehen doch, dass das nicht passieren wird. Also werden die Ukrainer trotz ihres Unwillens tun, was der Westen ihnen sagt. Die Nachkriegsukraine wird ein solcher Protektorat des Westens sein, wie die Kriegsukraine militärisch ein Protektorat ist. Das ist doch offensichtlich. Ich verstehe nicht, woher Ihre Illusionen kommen, es könne anders sein. Umsonst gibt es nichts. Es wird also keinen Kriegsdruck geben, sondern Friedensdruck.
Frage. Sie sagten, Russland befinde sich bereits im Zerfall als Imperium. Gibt es ein Szenario, in dem es nicht zerfällt und noch viele Jahre ein Imperium bleibt?
Portnikov. Natürlich gibt es das. Wenn die Ukraine diesen Krieg verliert und Russland in diesem Krieg siegt, wird höchstwahrscheinlich der russische imperiale Raum wiederhergestellt. Die Unionsrepubliken – ich meine die ehemaligen Sowjetrepubliken – werden verängstigt sein. Die GUS wird sich nur verstärken. Die Führer der ehemaligen Sowjetrepubliken, die jetzt nach Washington fahren – heute gab es ja gerade das Treffen Amerika–Zentralasien; Trump traf sich mit allen zentralasiatischen Präsidenten, eine sehr wichtige Sache,– die werden viel mehr Angst vor Putin haben als jetzt. Dasselbe wird im Südkaukasus passieren. Und das kann sich durchaus ernsthaft verstetigen, das Gewicht der Eurasischen Union wird zunehmen, die Russifizierung der Völker Russlands wird verstärkt. Das hängt davon ab, wer den russisch-ukrainischen Krieg gewinnt: Moskau oder Kyiv? Sieg Kyivs – Zusammenbruch des Imperiums; Sieg Moskaus – Triumph des Imperiums. Alles sehr einfach. Und das kann ein langer Prozess sein, denn kontinentale Imperien geben nicht einfach so auf. Sie sind keine Übersee-Imperien, sie suchen ohnehin nach traditionellen Einflusszonen. Selbst die Erinnerung an kontinentale Imperien zwingt ihre ehemaligen Territorien, in einem zivilisatorischen Vektor zusammenzubleiben. Ungarn, die Slowakei, jetzt vielleicht die Tschechen und Österreich, wo die Ultranationalen die größte Popularität seit jeher haben – das ist das ehemalige Österreich-Ungarn. Die Türkei, die versucht, die Kontrolle über die ehemaligen Gebiete des Osmanischen Reiches zu erringen, zumindest Einfluss auf sie. Russland ist da keine Ausnahme. Es handelt völlig nach historischen Standards.
Frage. Man hört oft, Trump habe vor diesem Angst, Putin vor jenem, die europäischen Führer noch vor etwas anderem. Ist es überhaupt sinnvoll anzunehmen, dass Menschen in solchen Ämtern vor irgendetwas Angst haben?
Portnikov. Natürlich ist es sinnvoll, besonders wenn es um Menschen in Wahl-Demokratien geht. Das Erste, wovor Menschen in Wahl-Demokratien Angst haben, ist, Wahlen zu verlieren. Das Zweite, wovor Menschen in Wahl-Demokratien Angst haben, ist die Verantwortung für den Tod ihrer Mitbürger, wenn ihre verfehlte Politik zu einem großen Krieg führt. Das Dritte, wovor Menschen in Wahl-Demokratien Angst haben, ist, kein Vermächtnis zu hinterlassen. Wie Sie hören, ist ständig vom politischen Vermächtnis die Rede. Das ist immer eine Katastrophe, wenn du lange an der Macht bist und kein echtes politisches Vermächtnis hast. Schauen Sie auf Angela Merkel, was da passiert. Menschen wie Putin oder Xi Jinping haben ebenfalls vor vielem Angst. Erstens davor, die Macht durch einen Putsch zu verlieren, damit man nicht entscheidet, dass sie schwache Führer sind. Denn schwache Führer können totalitäre Staaten nicht regieren. Man kann sie einfach töten oder durch einen Putsch stürzen, wie es mehrmals in der Sowjetunion war – und auch in der Volksrepublik China. Zweitens haben diese Menschen Angst, einen Krieg zu verlieren, wenn er beginnt, denn das ist ebenfalls ein Weg zum Putsch. Drittens haben diese Menschen Angst – vor demselben, wovor die Führer demokratischer Länder Angst haben: das politische Vermächtnis; sie denken, seltsamerweise, auch daran. Nur anders als die Führer der Demokratien. Glauben Sie mir also: Diese Menschen leben, so würde ich sagen, in der Furcht vor Verantwortung, vor dem Urteil der Geschichte und vor einer Kriegsniederlage. Nur unterscheiden sich die Motive: Für demokratische Politiker bedeutet eine Kriegsniederlage Tod von Menschen, Zerstörungen, solche Katastrophen. Für autoritäre Politiker bedeutet eine Kriegsniederlage ihre persönliche Verantwortung und die Dauer ihrer Herrschaft. Verschiedene Motive, aber dieselbe Angst.
Frage. Bei dem tiefen Volk Russlands herrschen sehr knechtische Lebensbedingungen. Und Sie sagten, ihr Imperialismus sei eine Kompensation dafür; deshalb zieht sie die Demokratie nicht an, die dieses knechtische Problem schrittweise lösen würde.
Portnikov. Weil Demokratie Verantwortung bedeutet. Und Verantwortung ist eine schwere Last. Wie Sie sehen, will die Mehrheit unserer Landsleute, selbst wenn sie wählen, keine Verantwortung für die Folgen ihres Willensausdrucks tragen. Das ist ebenfalls ein sowjetisches Relikt. Und alle sagen: „Na ja, wir haben gewählt, na ja, wir haben uns geirrt, was hab ich damit zu tun? Ich gehe jetzt irgendwohin. Oh, er entpuppte sich als derselbe wie alle.“ Unterscheidet sich das von der russischen Logik? Die Russen wählen einfach nicht, damit sie darüber nicht nachdenken müssen. Ich denke also, wenn eine Gesellschaft jahrzehntelang in Bedingungen ohne Verantwortung erzogen wird – wozu braucht sie dann Demokratie? Fragen Sie überhaupt einmal: Wann gab es in Russland jemals Demokratie? Der erste echte russische Diktator ist noch der Wladimir-Susdal-Fürst Andrei Bogoljubski. Dann kam die mongolische Invasion, und alle nachfolgenden Fürsten herrschten bereits wie echte Diktatoren, die vom Khan die Jarlyk-Urkunde erhielten, den man als allmächtigen Zaren in diesem Gebiet wahrnahm. Dann kamen die Romanows, eine nicht-konstitutionelle Monarchie, dann ein paar Monate Versuche des Übergangs zu irgendeiner Verfassung und der bolschewistische Umsturz, Terror, Bürgerkrieg, Repressionen, Hunger, Kälte. Die ersten bedingt freien Wahlen in Russland fanden 1990 oder 1991 statt, als der Präsident der Russischen Föderation gewählt wurde – konkurrenzfähig, real. Und ich meine, das waren die letzten solchen Wahlen, denn die nächsten Wahlen zum Präsidenten der Russischen Föderation fanden faktisch bereits unter Nutzung administrativer Ressourcen statt, unter dem Vorwand der Angst vor einer Rückkehr der Kommunisten an die Macht. Real konnten die Kommunisten zurückkehren. Das sagt ebenfalls etwas über die russische Verantwortung. Und das war’s. Selbst wenn wir annehmen, es habe zwischen 1991 und 2000 mehr oder weniger ehrliche Wahlen gegeben – was ist ein Jahrzehnt im Vergleich zu Jahrhunderten völligen Fehlens eines elektoralen Bedarfs? Sie werden sagen, bei den Ukrainern sei es ähnlich. Bis zu einem gewissen Grad ja. Aber das ist nicht wahr. Die Ukrainer hatten die Kyiver Rus mit Volksversammlung-Traditionen und einer Rolle der Bevölkerung. Das gab es – und diese Tradition blieb sowohl in den Kyiver Landen erhalten als auch ging sie über in die Tradition der galizischen Lande des Großfürstentums Litauen und der Adelsrepublik Polen-Litauen mit ihren Sejms, Sejmiks, Abstimmungen des Adels, dem Magdeburger Stadtrecht. Das müssen Sie auch begreifen. Das ist eine lange historische Entwicklung. Auf unserem Gebiet gab es zahlreiche freie Städte. Auf dem Gebiet des russischen Staates gab es nie eine einzige. Wie entwickelte sich Europa? Warum gibt es überhaupt Demokratie in Europa? Weil es in Europa freie Städte gab – und Dörfer, die von Feudalherren abhängig waren. Aber wenn du in die Stadt kamst, wurdest du zu einen freien Menschen. In Russland gab es so etwas nicht. Die Stadt war genauso leibeigen und abhängig wie das Dorf. Das heißt, die Zivilisation entwickelte sich in dieser Hinsicht einfach nicht. Nein, die Russen haben das Phänomen der „leibeigenen Stadt“ erfunden, obwohl Städte, wenn Sie sich erinnern, seit den Zeiten Athens frei waren. Nun, die Russen sind ein großer Erfinder in Europa – wenn das überhaupt Europa ist, denn das ist eigentlich ein asiatisches Modell. In Asien gab es auch keine freien Städte. Nun, da haben Sie die Antwort. Deshalb haben die Ukrainer eine tief verwurzelte Erinnerung daran, dass sie frei sein können. Die Kosakenrepublik – die gab es doch. Und die Russen haben die tief verwurzelte Erinnerung daran, dass sie nie etwas entschieden haben. Ach, Väterchen, Väterchen, Väterchen Zar. Deshalb pfeifen sie auf die Demokratie. Und das ist ihnen recht. Väterchen hat gesagt, dass man den benachbarten Stamm ausplündern darf. Sie haben ihn ausgeraubt, Kloschüsseln herausgetragen. So ein Leben.
Frage. Bei uns wünschen viele, dass Trump in einem Jahr den Kongress verliert. Wird es in diesem Fall für uns nicht noch schlimmer als jetzt, wenn Amerika in politische Fehde versinkt?
Portnikov. Erstens geht es nicht darum, wer was wünscht, verstehen Sie? Wir legen ja keine Karten und wünschen, oder wünschen nicht. Trump ist keine Voodoo-Puppe, in die wir irgendwelche Nadeln stecken. Wir sagen einfach, dass es eine solche Möglichkeit gibt. Wir erklären Trumps Motive. Sie können wünschen oder nicht wünschen. Merken Sie sich: Von Ihren Wünschen hängt nichts ab, sondern von historischen Tendenzen. Wenn Sie nicht wünschen, dass Trump den Kongress verliert, heißt das nicht, dass er gewinnt. Wir sagen einfach: „Eine solche Wahrscheinlichkeit besteht.“ Ja, Amerika wird noch tiefer in politische Feindschaft versinken. Bedeutet das, dass es für uns schlimmer wird? Da bin ich mir nicht sicher. Der Kongress könnte mehr Hilfe für die Ukraine verlangen. Trump könnte zeigen, dass er der Ukraine mehr hilft als der Kongress, um seinem Nachfolger die Möglichkeit zu geben, nicht als jemand dazustehen, dem man vorwirft, sie hätten der Ukraine nicht geholfen und sie habe deshalb den Krieg verloren. Zumal, wenn dieser Nachfolger Vizepräsident J. D. Vance sein sollte. Das wäre eine direkte Verantwortung der amtierenden Administration. Unklar, wie es sein wird. Es kann so kommen, es kann so kommen, aber die Niederlage der Republikaner im Kongress hängt nicht von unseren Wünschen ab.
Frage. Wie weit müssen die Russen kommen, damit die Vereinigten Staaten und andere unserer Verbündeten mit der vollen Unterstützung der Ukraine überhaupt und ihrer Armee im Besonderen beginnen?
Portnikov. Es spielt keine Rolle, wie weit sie kommen müssen. Diese Frage der „vollen Unterstützung“ – ich verstehe nicht recht, was unter voller Unterstützung gemeint ist. Präsident Trump hat ein klares Konzept: Er will den russisch-ukrainischen Krieg nicht bezahlen. Ich bin nicht sicher, dass sich dieses Konzept ändert, selbst wenn die Russen in Lwiw stünden. Verzeihen Sie. Was die Verbündeten betrifft: Sie tun ohnehin sehr viel. Das ist bereits eine enorme Unterstützung. Ohne diese Unterstützung wäre der ukrainische Staat seit vier Jahren Geschichte und nicht Geografie. Verstehen Sie? Natürlich möchte man, dass diese Unterstützung intensiver wäre. Natürlich möchte man, dass man uns ermöglicht, mehr Langstreckenraketen zu haben und Ziele auf dem Gebiet der Russischen Föderation zu treffen. Aber die nukleare Option ist nicht abgeschafft. Und mit jedem Tag des russisch-ukrainischen Krieges rückt sie näher und näher. Das ist die Logik des Krieges. Je länger ein solcher aussichtsloser Krieg dauert, desto größer die Möglichkeit seiner Eskalation und des Einsatzes anderer Waffenarten für einen schnellen Sieg. Umso mehr, als dieser Aggressor der Staat mit der größten nuklearen Schlagkraft in der modernen Welt ist. Die Vereinigten Staaten haben einen ungefähr gleichen Bestand, aber es sind nicht die Vereinigten Staaten, die mit uns Krieg führen, und auch nicht die Vereinigten Staaten, die mit Europa Krieg führen werden. Deshalb denke ich, dass die Frage der Unterstützung der Ukraine nicht damit zusammenhängt, wie weit die russischen Truppen vorstoßen. Die Frage der Unterstützung der Ukraine hängt in erster Linie mit der Unwilligkeit Europas und der Vereinigten Staaten zusammen, in einen Krieg hineingezogen zu werden, der zur nuklearen Eskalation führt. Das ist die Formel. Und übrigens, wenn wir die Situationen immer mit dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg vergleichen und sagen, dies könne nach diesem oder jenem Szenario sein, berücksichtigen wir stets nicht die einfache Tatsache, dass es im Ersten und Zweiten Weltkrieg keine Atomwaffen gab. Übrigens führte ihr einmaliger Einsatz zu einer schnellen Kapitulation. Das erinnert man sich ebenfalls. Und das ist ein Gewehr, das an der Wand hängt. Und die Wand steht im Kreml, und der Kreml in Moskau, und Moskau in Russland. Und Russland hat die Ukraine überfallen. Ukrainer, die sich bereits im Krieg befinden und die Risiken des eigenen Todes wie den der Familienmitglieder verstehen, denn der Aufenthalt eines Menschen auf dem Gebiet der Ukraine – im Hinterland oder an der Front – bedeutet die Bereitschaft, den Tod zu akzeptieren. Ein Mensch in einem Kriegsland ist psychologisch bereit, den Tod sofort zu akzeptieren. Verstehen Sie? Selbst wenn Sie nicht daran denken – der Tod ist der Nachbar eines jeden Menschen, der in einem Kriegsland lebt. Daher wirkt Putins nukleare Erpressung auf uns psychologisch möglicherweise nicht so, wie sie auf diejenigen wirkt, die nicht wollen, dass der Tod ihr ewiger Nachbar wird. Darin liegt das Problem. Und Putin versteht das als erfahrener Tschekist bestens. Er exploitiert diese Angst. Übrigens: Dass die Atomwaffe in den letzten vier Jahren endgültig von einer Abschreckungswaffe zu einer Waffe der Erpressung des Gegners geworden ist – was es nie gab, zumindest nicht seit Stalins Tod, also seit 70 Jahren –, das ist bereits eine Tatsache unseres Lebens. Und diese Erpressung wird mittlerweile nicht nur von Putin betrieben, wie wir sehen; auch Trump hat begonnen, sie zu betreiben. Das heißt, der Westen hat diese Spielregeln mit der Atomwaffe akzeptiert: dass es nicht ein Gewehr ist, das einfach existiert, damit alle sich der Kriegsgefahr erinnern, sondern ein Gewehr an der Wand, das in einem bestimmten Moment losgehen kann, wenn die Umstände so liegen. Und das ist die Antwort auf die Frage, warum die Hilfe so gering ist. Biden versuchte im Übrigen, diese russische „Kröte“ so langsam wie möglich im Kessel des russisch-ukrainischen Krieges zu kochen, weil er gerade den möglichen Einsatz von Atomwaffen zumindest gegen die Ukraine befürchtete. Ich erinnere Sie an eine einfache Sache: Niemand weiß, was als Nächstes passieren wird. Denn die Ukrainer können weitere 155 Illusionen haben – „sie werden uns mit Atomwaffen treffen, und dann bekommen sie so eins auf die Mütze“. Und stellen Sie sich ein realeres Szenario vor: Russland setzt Atomwaffen gegen die Ukraine ein – und am nächsten Tag passiert nichts? Nun, man verurteilt, gibt Erklärungen ab. Nun, Trump würde eine Erklärung abgeben, sagen, dass „Putin dafür zur Verantwortung gezogen wird, wir werden die Sanktionen noch weiter verschärfen. Menschen dürfen nicht sterben. Das muss aufhören.“ Macron und Merz werden Erklärungen abgeben, sie werden verängstigter sein als Trump. Verstehen Sie? Denn Macron sagt die ganze Zeit, er sei auch der Führer einer Atommacht. Das ist Fakt. Aber fragen Sie den Führer einer Atommacht, wo er seinen Testgelände für Atomwaffen hat. Er hat keins. Frankreich hat alle seine Testgelände zerstört. Deshalb sieht das alles hübsch aus – bis zu dem Moment, in dem es passiert. Und ich sage Ihnen gleich: Das Szenario, dass nach dem Einsatz von Atomwaffen durch Russland – zumindest in der Zeit der Präsidentschaft Trumps – nichts passiert, ist ebenfalls völlig real. Es wird eingesetzt, und die Ukraine kapituliert in dieser Situation nicht, der Krieg geht weiter. Nun, irgendwann gibt es noch einen Atomschlag, vielleicht nicht mehr gegen die Ukraine – und wieder passiert nichts, verstehen Sie? Und das wird bereits eine völlig andere Kriegsnorm sein. Oder das schlimmste Szenario: Nach dem Einsatz von Atomwaffen endet der Krieg zu russischen Bedingungen, den realen russischen Bedingungen, die Dmitri Medwedew formuliert hat: Anschluss der Ukraine an die Russische Föderation. Es ist doch besser, Teil der Russischen Föderation zu sein, als ein Gebiet, auf das man Atombomben abwirft? Nein, nicht besser? Nun, man wird uns nicht fragen. Warum gehe ich so detailliert darauf ein? Damit Sie die Stimmung der Europäer und Amerikaner und ihre reale Angst verstehen. Und damit Sie noch etwas verstehen, das Sie als Menschen, die in der Sowjetunion gelebt haben, vielleicht nicht verstehen: Der Westen hatte ständig Angst, dass die Sowjetunion Atomwaffen einsetzen würde. Generationen von Menschen im Westen wuchsen in der Angst auf, dass daneben die furchtbare Sowjetunion steht, die jederzeit Atomwaffen einsetzen könnte. Und diese Angst begann erst – grob gesagt – 1991 zu verschwinden. Deshalb war der Wunsch so groß, Russland irgendwie einzubinden. Und 2022 – nicht früher, sondern als die Ukraine vollumfänglich angegriffen wurde – kehrte diese Angst zurück. Sie wurde zur Neuigkeit für junge Menschen. Und sie kehrte zu denen zurück, die ihr ganzes Leben mit dieser Angst gelebt haben und heute 50, 60, 70 Jahre alt sind. Und diese Menschen bilden den Kern jeder politischen Elite und jedes politischen Apparates sowie der Vollzugsbeamten auf hoher Verwaltungsebene. Verstehen Sie? Und ich wiederhole: Putin weiß das auch. Wenn ich das weiß, weiß es auch Putin. Dafür muss man kein großer Analytiker sein, um solche einfachen Dinge zu verstehen. Und ich erzähle das so detailliert, damit wir, wenn wir über die Hilfe für die Ukraine sprechen, verstehen, dass da ein Gewehr an der Wand hängt – und Putin ständig so tut, als wollte er jeden Moment den Knopf drücken. Und die Menschen haben Angst. Angst, zu der alten Angst zurückzukehren. Und gerade deshalb sind politische Instrumente der Zusammenarbeit mit dem Westen so wichtig: Angesichts dieser Angst zu versuchen, sie gemeinsam mit den westlichen Partnern zu überwinden, denn im Krieg ist die Angst, wie wir wissen, ein schlechter Verbündeter.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Трамп: Путін не бажає зупинятися | Віталій Портников. 07.11.2025. Autor / Verfasser / Kanal:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:07.11.2025. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
Original ansehen
Kurz vor der Reise des ungarischen Premierministers Viktor Orbán in die Vereinigten Staaten und seinem Treffen mit US-Präsident Donald Trump erklärte das einzige ungarische Erdölverarbeitungsunternehmen MOL, dass es bereit sei, auf 80 % der russischen Öllieferungen über die Pipeline Druschba zu verzichten. Es teilte außerdem mit, dass die Lieferungen über die kroatische Adria-Pipeline – trotz aller logistischen Schwierigkeiten und Risiken dieser für Ungarn neuen Route – die Mengen an russischem Öl ausgleichen könnten, auf die das ungarische Unternehmen verzichten wolle. Diese Entscheidung betrifft übrigens nicht nur Ungarn, sondern auch das benachbarte Slowakei, die von denselben Lieferungen abhängt.
Bislang hatten Vertreter des Unternehmens die Position Viktor Orbáns vertreten, der entgegen den tatsächlichen Fakten erklärte, Ungarn könne die Öllieferungen über die „Druschba“ nicht stoppen, da dies die einzige mögliche Route sei und das Land sonst ohne Erdölprodukte dastünde.
Was ist also geschehen? Warum verkündet das ungarische Erdölunternehmen unmittelbar vor Orbáns Treffen mit Donald Trump eine völlig andere Haltung?
Möglicherweise liegt das vor allem daran, dass die Interessen des privaten Unternehmens und die des Premierministers nach der drohenden Einführung amerikanischer Sanktionen gegen die russischen Firmen Rosneft und Lukoil – gelinde gesagt – auseinandergehen.
Was sind die Ziele des ungarischen Ölkonzerns? Das Geschäft fortsetzen, nicht unter US-Sanktionen fallen, keine gesperrten Konten riskieren. Und was sind die Ziele des Premierministers Viktor Orbán? Die kommenden Parlamentswahlen gewinnen, an der Macht bleiben, nicht Ziel von Korruptionsermittlungen werden – was praktisch unvermeidlich wäre, sollte seine Partei Fidesz im ungarischen Parlament die Mehrheit verlieren.
Viktor Orbán weiß, dass die Lieferungen über die Adria-Pipeline teurer sein werden als über die Druschba-Pipeline. Dadurch würden steigende Preise und ein sinkender Lebensstandard der Ungarn kurz vor den Wahlen den Rückhalt für die Opposition deutlich stärken. Und keine Erklärungen Orbáns, dass es lediglich um den Ersatz russischen Öls durch Öl anderer Herkunft gehe, würden helfen. Zumal es für Orbán schwer sein wird, solche Erklärungen zu geben – denn sie kämen Faktisch einem Vorwurf an Donald Trump gleich.
So will also die eine Seite ihr Geschäft retten, die andere ihre Macht. Und wie oft in Staaten, in denen eine politische Kraft seit Jahren monopolartig herrscht, decken sich die Interessen der Wirtschaft und der Machtelite nicht.
Es stellt sich zudem die Frage: Was will Viktor Orbán in Washington eigentlich erreichen? Wie will er Donald Trump überzeugen, eine Ausnahme für Ungarn zu machen, damit sein Land weiterhin russisches Öl kaufen kann, wenn selbst das ungarische Ölunternehmen bereit ist, diese Lieferungen durch Importe über Kroatien zu ersetzen? Orbán wird es zweifellos schwer haben – zumal Trump nach seinen jüngsten Äußerungen jede Umgehung seiner Sanktionen gegen den russischen Ölsektor als persönliche Beleidigung wahrnimmt.
Doch Orbán braucht Trump, weil der Premierminister versteht, dass ein Besuch des US-Präsidenten in Budapest kurz vor den Parlamentswahlen seine persönlichen Beziehungen zu Trump betonen und die Bedeutung der Fidesz-Partei als Garant dieser guten Beziehungen – und damit möglicher amerikanischer Investitionen in die ungarische Wirtschaft – unterstreichen würde.
Derzeit führt der einzige direkte Weg, der Trump nach Budapest bringen könnte, über dessen fast abgesagtes Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Orbán hofft weiter auf dieses Treffen – weil er es braucht. Doch hier entsteht ein neues Problem: Orbán muss nicht so sehr Trump, der immer zu Gesprächen bereit ist, überzeugen, sondern seinen alten Bekannten Wladimir Putin, der kein Interesse an einem Ende des Krieges hat.
Und es ist völlig unklar, wie der ungarische Premierminister den russischen Präsidenten dazu überreden könnte, den Krieg zu beenden – einen Krieg, der für Putin zur Lebensaufgabe und zur Frage seines politischen Überlebens als Chef eines kriminellen Geheimdienstclans geworden ist.
Viktor Orbán ist also in einer sehr misslichen Lage. Selbst wenn es ihm gelingen sollte, von Trump vorübergehende Ausnahmen für russische Öllieferungen zu erhalten, wird sein eigenes Wirtschaftsestablishment alles daransetzen, sich von diesen Lieferungen zu lösen und sich von der Abhängigkeit von russischen Ölkonzernen zu befreien.
Zumal viele Manager in diesem Sektor bereits mit einer möglichen Wahlniederlage Orbáns rechnen und daher verstehen, dass sie im Falle eines Machtwechsels ohnehin schnell auf russisches Öl verzichten müssten – denn jeder oppositionelle Premierminister nach Orbán könnte auf gute Beziehungen zu Trump hoffen, aber wohl kaum auf gute Beziehungen zu Wladimir Putin.
Man kann sagen, dass gerade die widernatürlichen Beziehungen zum Kreml, auf die Viktor Orbán und sein mit dem russischen „Orden der Freundschaft“ ausgezeichneter Außenminister Péter Szijjártó so stolz sind, eine persönliche politische Entscheidung Orbáns darstellen – eine Entscheidung, die den Verzicht auf politische Werte und sogar auf das nationale Gedächtnis des ungarischen Volkes bedeutete.
All das wurde dem Machterhalt Orbáns und seines inneren Zirkels geopfert. Und es ist klar, dass niemand außer Orbán selbst zu solch demütigenden Opfern für den ungarischen Staat und das ungarische Volk fähig wäre.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle:Artikel / Kommentar Titel des Originals:Die Ungarn lassen Rosneft fallen Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlicht:2025-11-08 Originalsprache:ru Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext / Video:
Original ansehen
Der Berater des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, Balázs Orbán, betonte die Pläne seines Chefs, eine Art „Anti-Visegrád-Gruppe“ zu schaffen, deren Mitglieder versuchen werden, zentrale gesamteuropäische Initiativen zu blockieren – darunter auch die europäische Integration der Ukraine. Orbán strebt danach, seine Kräfte mit seinem langjährigen Verbündeten in der Region, dem slowakischen Premierminister Robert Fico, sowie mit dem tschechischen Politiker und Unternehmer Andrej Babiš zu vereinen, der nach dem Sieg seiner Partei bei den Parlamentswahlen in Tschechien auf das Amt des Regierungschefs Anspruch erhebt.
Die Logik Orbáns, zumindest die wahlkampftaktische, ist leicht zu verstehen. Im Vorfeld der nächsten Parlamentswahlen in Ungarn nutzt der langjährige Premierminister aktiv das Feindbild. Und der geeignetste Kandidat für diese Rolle ist gerade die Ukraine – ein Land, das für seine Wählerschaft sowohl wegen der möglichen Ausweitung des Krieges als auch wegen wirtschaftlicher Konkurrenzchancen bedrohlich erscheinen kann. Dabei ist es für Orbán wichtig, nicht wie ein einsamer Außenseiter, sondern wie ein respektabler Führer zu wirken, dessen Ansichten internationale, oder zumindest regionale Unterstützung genießen. Deshalb ist für ihn das Bündnis mit den Regierungschefs der Slowakei und Tschechiens so bedeutsam.
Wenn ein solches Bündnis tatsächlich zustande kommt, eröffnet es Raum für mehrere historische Parallelen. Die erste betrifft den imperialen Charakter einer möglichen Vereinigung, die sich gegen die Ukraine richtet. Denn es handelt sich um den Versuch eines der ehemaligen Zentren der österreichisch-ungarischen Monarchie, Teile der einstigen Metropole um sich zu scharen. Erinnert man sich zudem daran, dass in Wien die Führer der rechtsextremen Freiheitlichen Partei Österreichs ähnliche Ansichten vertreten, sie aber mangels Unterstützung anderer politischer Kräfte nicht umsetzen können, zeigt sich ein vertrautes Szenario: Die Ukraine befindet sich erneut, wie vor hundert Jahren, an der Schnittstelle der Interessen alter Imperien.
Es gibt jedoch noch eine weitere Parallele – nicht mehr zur österreichisch-ungarischen, sondern zur sowjetischen Vergangenheit. Sie lebt im Bewusstsein jener, die Teil des alten Systems waren oder auf der Nostalgie nach den Zeiten spekulieren, als Moskau die maßgebliche Macht in Mitteleuropa war. Die Ukrainer kämpfen nun schon das vierte Jahr gegen die russische Aggression, haben Tausende Besatzer vernichtet und fügen der russischen Militärinfrastruktur auf russischem Territorium Schläge zu.
Die Ungarn hingegen im Jahr 1956 sowie die Tschechen und Slowaken 1968 konnten keinen solchen Widerstand leisten – sie wurden gezwungen, unter der Kontrolle von Marionettenregierungen zu überleben. Allein die Tatsache, dass die Ukraine heute Russland Widerstand leistet, ist ein stummer Vorwurf an jene, die sich einst gefügt haben. Genau deshalb ist es für Orbán wichtig, dass die Ukraine eine Niederlage erleidet.
Doch diese Pläne umzusetzen, ist nicht so einfach, wie es scheint. Selbst Robert Fico ist in seiner Außenpolitik weit vorsichtiger als sein ungarischer Kollege und pflegt ständige direkte Kontakte zur ukrainischen Führung. Noch zurückhaltender dürfte Andrej Babiš sein – das haben die Jahre seiner früheren Amtszeit als tschechischer Premierminister gezeigt. Schwer vorstellbar ist auch, dass sich Polen einem derartigen antiukrainischen Bündnis anschließt, selbst angesichts des wachsenden Einflusses der ultrarechten Kräfte im eigenen Land.
In Warschau ist man sich klar darüber: Unabhängig von der politischen Orientierung der Regierung bleibt Moskau die Hauptbedrohung für die polnische Souveränität. Und eine Niederlage der Ukraine könnte eine reale militärische Gefahr für Polen darstellen. Daher mag selbst der neue polnische Präsident Karol Nawrocki zu Kyiv Distanz halten, sich aber nicht an antiukrainischen Schritten innerhalb der Europäischen Union beteiligen. Zumal solche Schritte heute im Weißen Haus kaum auf Verständnis stoßen würden.
Denn falls es Donald Trump nicht gelingt, mit Putin einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front auszuhandeln, werden sich die Beziehungen zwischen den USA und Russland nur weiter verschlechtern. Orbán wird dann nicht gleichzeitig – oder besser gesagt: nicht auf drei Stühlen zugleich – sitzen können: dem amerikanischen, dem chinesischen und dem russischen. Die US-Regierung wird so handeln, dass eine Zusammenarbeit zwischen Orbán und Putin unmöglich wird.
Es ist daher kein Wunder, dass der ungarische Premierminister beabsichtigt, nach Washington zu reisen, um Trump davon zu überzeugen, dass neue Sanktionen gegen russische Ölkonzerne den ungarischen Interessen zuwiderlaufen. Und ebenso wenig verwundert es, dass selbst amerikanische Beamte bereits bemerkt haben, dass Orbán Trump schlicht belügt, wenn er behauptet, die russische Energielieferroute sei die einzig mögliche. In Wahrheit kann Ungarn Öl über Kroatien beziehen. Ja, das würde die Preise erhöhen und zusätzliche Risiken für Orbáns Wahlniederlage schaffen, aber kaum wird Trump Orbáns lokale Interessen über sein eigenes politisches Spiel mit Putin stellen.
Und sollte Orbán zudem beginnen, Bündnisse zu schmieden, deren Ziel es ist, gemeinsame Initiativen von Trump und den Europäern zu untergraben, wird dies für ihn ein ernstes Problem darstellen und könnte ein Ende der „schönen Freundschaft“ bedeuten.
Bis zu den ungarischen Wahlen wird Orbán also weiter versuchen, das Feindbild auszuschlachten. Doch wenn seine Interessen gleichzeitig denen der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union widersprechen, wird er gezwungen sein, einen Weg zu finden, um sich von seiner Obstruktion zu distanzieren – aber auf „Orbán-Art“, mit stolz erhobenem Haupt. Und dabei könnten ihm tatsächlich Robert Fico und Andrej Babiš behilflich sein.
Der langjährige Freund Donald Trumps, Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán, hat sich dem Kreis der Politiker angeschlossen, die alle Wünsche und Vorschläge des US-Präsidenten schlicht ignorieren. Oder vielleicht hat Trump Orbán in Wahrheit gar nicht um etwas Ernsthaftes gebeten.
Das zeigte sich, nachdem Ungarns Außenminister Péter Szijjártó bei einem Treffen mit EU-Kollegen erklärte, Ungarn werde nicht auf sein Veto gegen die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine und der Republik Moldau verzichten.
Szijjártó betonte, dies sei eine prinzipielle Position Budapests: Die Ukraine dürfe nicht in die EU gelassen werden, weil dies die nationalen Interessen Ungarns – politisch wie wirtschaftlich – ernsthaft gefährden würde.
Noch vor wenigen Tagen hieß es in den Medien, dass Donald Trump bei einem Treffen mit europäischen Staats- und Regierungschefs und dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky Viktor Orbán angerufen habe. Dabei soll er sich erkundigt haben, warum der ungarische Premier den Start der Beitrittsverhandlungen blockiere. Doch was tatsächlich in diesem Gespräch gesagt wurde, wissen wir nicht. Hat Trump Orbán wirklich geraten, seine Haltung zur europäischen Integration der Ukraine zu ändern? Oder hat er – überzeugt von den Argumenten seines langjährigen Freundes, dem er mehr vertraut als allen EU-Regierungschefs zusammen – schlicht akzeptiert, dass Orbán in dieser Frage kompetenter sei, und ihm keinerlei Ratschläge gegeben, die Orbán zum Einlenken bewegen könnten?
Ehrlich gesagt neige ich zur zweiten Version. Orbán misst seiner Beziehung zum Präsidenten der Vereinigten Staaten zu großen Wert bei – sie ist ein wichtiges politisches Kapital, auch im Hinblick auf die kommenden Parlamentswahlen in Ungarn –, als dass er ein direktes Anliegen Trumps so einfach ignorieren würde.
Doch tatsächlich weigert sich Budapest, seine Position zu ändern. Mehr noch: Außenminister Szijjártó erinnerte erneut an die Angriffe auf die Infrastruktur der „Druschba“-Pipeline, die Ungarn zeitweise von russischem Öl abgeschnitten hatten, und warf der EU-Kommission vor, auf Ungarns Beschwerden nicht reagiert zu haben.
Ein interessanter Punkt: Trump hat 50 % Zoll auf indische Waren verhängt und damit seinen nun wohl verlorenen Freund, Premierminister Narendra Modi, beschuldigt, den russisch-ukrainischen Krieg zu finanzieren. Und zwar keineswegs grundlos.
Viktor Orbán hingegen, der mit seinen Käufen von russischem Öl ebenfalls den Krieg finanziert, wurde von Trump nie kritisiert – ebenso wenig wie der slowakische Premier Robert Fico, dessen Land weiterhin russisches Öl kauft.
Im Gegenteil: Wir alle haben den handgeschriebenen Zettel Trumps gesehen, in dem er sich über die Angriffe auf die „Druschba“-Pipeline empört und schreibt, er sei „sehr wütend“. Selbst in der Frage der Finanzierung des Krieges durch den Kauf russischer Energie zeigt Trump also offenkundig doppelte Standards.
Ich halte es ohnehin für wahrscheinlich, dass die Strafzölle gegen Indien weniger mit russischem Öl zusammenhängen als vielmehr mit dem persönlichen Konflikt zwischen Trump und Modi. Dieser begann, als Modi sich weigerte, Trumps angebliche Verdienste bei der „Beilegung“ eines neuen Kaschmir-Konflikts mit Pakistan anzuerkennen – Verdienste, die schlicht nicht existieren. Trump jedoch behauptet bis heute, er habe beinahe einen Atomkrieg verhindert, und fordert auf dieser selbst erfundenen Grundlage für die nächsten Monate den Friedensnobelpreis.
Trump wäre besser beraten, Orbán und Fico aufzufordern, erstens den Kauf von russischem Öl einzustellen – denn er selbst hat oft erklärt, die Abhängigkeit Europas von russischen Energieträgern sei gefährlich – und zweitens, das ungarische Veto gegen Beitrittsgespräche mit der Ukraine und Moldau zurückzunehmen.
Denn Brüssel steht nun vor einer schwierigen Wahl:
• Entweder das ungarische Veto akzeptieren und so die Ergebnisse der kommenden Parlamentswahlen in Moldau gefährden. Ein Szenario, das wir schon in Nordmazedonien gesehen haben, wo blockierte EU-Verhandlungen Kräfte an die Macht brachten, die an einem Fortschritt nicht interessiert waren.
• Oder die Ukraine und Moldau voneinander trennen und Gespräche nur mit Moldau aufnehmen – was signalisieren würde, dass die Ukraine kein realer EU-Beitrittskandidat ist. Ein faktischer Sieg Putins und der Nachweis, dass es in der EU eine „fünfte Kolonne“ gibt, die Moskaus Interessen verteidigt.
• Oder die Verhandlungen mit beiden Ländern technisch starten, das ungarische Veto formal ignorieren und hoffen, Budapest später umstimmen zu können – oder auf einen Regierungswechsel in Ungarn zu setzen. Doch dies hängt nicht von EU-Funktionären, sondern von ungarischen Wählern ab.
Jede Option ist problematisch:
– Die Trennung von Ukraine und Moldau liegt nicht im Interesse der EU.
– Die Blockade Moldaus würde dessen Integration und zugleich die Sicherheit der Ukraine gefährden, an deren Grenze dann ein prorussisches Regime entstehen könnte.
– „Technische Verhandlungen“ aber unterminieren die Grundprinzipien des EU-Konsenses.
So bringt Orbán mit seinem Veto seine europäischen Kollegen in eine, gelinde gesagt, sehr unbequeme Lage.
Und Donald Trump? Der spielt wieder einmal Golf. Man sollte ihn dabei nicht stören – er ist schließlich mit „wirklich wichtigen Dingen“ beschäftigt.
Die Zeitung Politico berichtet, dass Donald Trump Viktor Orbán überzeugen konnte, den weiteren Boykott des Verhandlungsprozesses mit der Ukraine über einen Beitritt zur Europäischen Union aufzugeben. Wie bekannt ist, blockiert derzeit gerade das ungarische Veto den Beginn eines solchen Prozesses.
Die Europäische Union befand sich dadurch in einer sehr schwierigen Lage. Das betrifft nicht nur die Ukraine, sondern auch die Republik Moldau. Wie bekannt ist, gehen beide Länder gemeinsam in den Verhandlungsprozess. Wenn man jetzt keine Beitrittsgespräche mit der Ukraine und Moldau aufnimmt, könnte dies die Chancen der Partei der moldauischen Präsidentin Maia Sandu bei den kommenden Parlamentswahlen in ihrem Land beeinträchtigen.
Wenn man jedoch die Verhandlungen ohne die Ukraine beginnt und damit Kyiv und Chișinău im Integrationsprozess auseinanderreißt, bedeutet das, anzuerkennen, dass die Ukraine gegenüber der Republik Moldau erheblich zurückliegt und unter die sogenannten wenig aussichtsreichen EU-Beitrittskandidaten fällt. Und das, obwohl in Brüssel noch vor Kurzem sogar über einen sogenannten beschleunigten Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union diskutiert wurde.
Viktor Orbán blockierte den Beginn der Verhandlungen vor allem aus politischen Gründen. Man muss verstehen: Verhandlungen bedeuten noch lange nicht die Mitgliedschaft, sondern sind ein sehr langwieriger Konsultationsprozess darüber, wie die Ukraine und die Europäische Union ihre Gesetzgebung harmonisieren und wie die Interessen der EU und der Ukraine auf den Zeitpunkt abgestimmt werden, an dem die Ukraine Mitglied wird. Für viele europäische Staaten, die der Union in den letzten Jahrzehnten beigetreten sind, nahm dieser Prozess eine lange Zeit in Anspruch – insbesondere, wenn es um nationale wirtschaftliche Interessen und Befürchtungen ging, der EU-Beitritt könne ganze Wirtschaftssektoren gefährden.
So war es zum Beispiel bei Polen, das über lange Zeit die Interessen seiner eigenen Landwirte verteidigte, was den EU-Beitritt erheblich verzögerte – am Ende jedoch tatsächlich ermöglichte, dass die polnische Landwirtschaft wettbewerbsfähig blieb.
Übrigens liegt gerade in dieser Wettbewerbsfähigkeit der polnischen Landwirtschaft – durch die Unterstützung der EU – das Geheimnis, warum polnische Bauern so verärgert reagieren, wenn ukrainische Konkurrenten auf dem europäischen Markt auftreten. Seit Beginn des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine konnten sie dort nämlich faktisch wie gleichberechtigte Vertreter eines EU-Landes handeln – obwohl die Ukraine bisher noch gar nicht Mitglied ist.
Daher kann man nicht behaupten, dass der Verzicht Viktor Orbáns auf sein Veto gegen Beitrittsgespräche automatisch die Aufnahme der Ukraine in die Europäische Union bedeutet. Das weiß auch Orbán ganz genau. Der Kern seines Vetos liegt vielmehr in seinen innenpolitischen Interessen. Orbán baut den Wahlkampf seiner Partei – die nach vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, erstmals Gefahr läuft, die Parlamentsmehrheit zu verlieren – auf anti-ukrainischer Rhetorik auf. Er erinnert die Wähler daran, dass er ein „Friedenspremier“ sei, während seine Gegner Ungarn in den Krieg führen könnten.
In diesem Kontext passen auch seine Worte, dass die Aufnahme der Ukraine in die EU einen Krieg europäischer Länder – einschließlich Ungarns – mit der Russischen Föderation bedeuten würde, perfekt ins Wahlkampfnarrativ. Obwohl man in Moskau offiziell, wie wir wissen, die europäische Integration der Ukraine nie als Bedrohung der nationalen Sicherheit Russlands darstellte. An erster Stelle steht für den Kreml die NATO. Man sollte sich erinnern: Auch das Assoziierungsabkommen der Ukraine mit der EU im Jahr 2013 rief in Moskau Verärgerung hervor, jedoch ohne militärische Drohungen. Diese entstanden erst nach dem Sturz des Marionettenregimes von Wiktor Janukowytsch.
Die Europäische Union hat jedoch, wie wir sehen, jetzt nicht die Möglichkeit, darauf zu warten, bis Orbán seine Wahlkampagne beendet. Und wie gesagt betrifft dies nicht nur die Ukraine, sondern auch die Republik Moldau – und den Wunsch, die beiden Länder im Integrationsprozess nicht auseinanderzureißen.
Es bleibt nur die Frage: Was ist für Viktor Orbán im Moment wichtiger – ein Wahlkampf mit anti-ukrainischem Beigeschmack oder eine Verschlechterung seiner Beziehungen zu Donald Trump? Denn der amerikanische Präsident betrachtet die europäische Integration der Ukraine als Teil seiner Bemühungen, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden – gewissermaßen als Teil eines Systems von „Sicherheitsgarantien“, bei dem jedoch niemand tatsächlich etwas garantiert.
Wir verstehen ja sehr gut: Ein EU-Beitritt der Ukraine, wenn er nicht mit einer euro-atlantischen Integration des Landes und verlässlichen militärischen Sicherheitsgarantien – vor allem seitens der Vereinigten Staaten und anderer Nuklearstaaten – verbunden ist, bietet keineswegs die Gewissheit, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine nicht erneut ausbricht.
Und hier könnte Orbán übrigens recht haben: Denn es wäre der erste große Krieg Russlands auf dem Gebiet eines EU-Mitgliedsstaates – und die übrigen EU-Mitglieder könnten dann nur hilflos die Hände heben und daran erinnern, dass sie ihrem Partner zwar gern helfen würden, die Ukraine aber nun einmal nicht in der NATO ist. Und die EU hat leider keine vergleichbaren Sicherheitsverpflichtungen.
Es ist also klar: Damit der russisch-ukrainische Krieg wirklich beendet wird und nicht die Gefahr besteht, dass erneut Kämpfe ausbrechen – womöglich sogar auf dem Gebiet der Europäischen Union, falls die Ukraine ihr beitritt – braucht es eine umfassende Lösung und vor allem echten Druck auf Russland, nicht bloß verbale Drohungen, die man im Kreml ohnehin völlig ignoriert.
Aber Worte der Drohung können tatsächlich jemanden beeinflussen – nämlich Viktor Orbán, insbesondere wenn sie vom Präsidenten der Vereinigten Staaten ausgesprochen werden. Daher dürfen wir hoffen, dass der ungarische Premierminister tatsächlich in den kommenden Wochen auf sein Veto gegen den Beginn von Beitrittsgesprächen der Ukraine und Moldau mit der Europäischen Union verzichtet. Dann könnte dieser Prozess reale Formen annehmen und beiden Ländern in den kommenden Jahren oder Jahrzehnten eine echte Perspektive auf die Zugehörigkeit zu Europa eröffnen.
Nach dem ukrainischen Angriff auf die Infrastruktur der Pipeline Druschba („Freundschaft“), über die weiterhin russisches Erdöl nach Ungarn und in die Slowakei geliefert wird, treten die Regierungschefs dieser beiden Länder weiterhin mit scharfen Anschuldigungen gegen die Ukraine auf und drohen der ukrainischen Führung sogar mit Konsequenzen, falls die Infrastruktur der „Freundschaft“ nicht mehr in der Lage sei, die Energieprobleme Budapests und Bratislavas zu lösen.
Wie Ungarn die Ukraine erpressen kann, wissen wir gut aus den Ereignissen der letzten Monate. Der Ministerpräsident des Landes, Viktor Orbán, erklärte, dass sein Land nicht mit der Aufnahme von Verhandlungen zwischen der Ukraine und der Europäischen Union über einen Beitritt einverstanden sei.
Ein Veto Orbáns, sollte es im September erneut ausgesprochen werden, kann weitreichende Folgen haben. Dazu gehört die Verlangsamung der europäischen Integration nicht nur der Ukraine, sondern auch Moldau. Das wiederum könnte zum Erfolg prorussischer Parteien bei den Parlamentswahlen in Moldau führen und eine Trennung zwischen der Ukraine und Moldau im Beitrittsprozess zur EU herbeiführen. Damit würde die Ukraine auf lange Zeit in die Kategorie wenig aussichtsreicher Kandidaten für einen Beitritt zurückgestuft. Zugleich würde das die fehlende wirkliche Einheit der EU-Staaten in grundlegenden Fragen ihrer Entwicklung demonstrieren.
Doch Viktor Orbán und sein Außenminister Péter Szijjártó machen daraus kein Geheimnis. Sie betonen, dass die Aufnahme der Ukraine in die EU Europa in einen Konflikt mit der Russischen Föderation führen könne. Deshalb solle die Ukraine ein sogenannter Pufferstaat bleiben, der keinem westlichen Bündnis beitrete – weder der EU noch der NATO.
Dass Orbán und Szijjártó damit der Ukraine letztlich den direkten Weg in die Eurasische Wirtschaftsunion Wladimir Putins ebnen – wenn nicht heute, dann morgen –, scheint die ungarischen Politiker kaum zu kümmern. Die Slowakei blockiert bisher zwar die Beitrittsgespräche der Ukraine mit der EU nicht, doch ihr Außenminister Juraj Blanár erklärte bereits seinem ukrainischen Kollegen Andrij Sybiha, dass die Lage um die Pipeline Druschba auch die Energieexporte der Slowakei in die Ukraine beeinträchtigen könne.
Man könnte meinen, die Regierungen in Budapest und Bratislava verteidigten lediglich ihre nationalen Interessen, indem sie versuchen, ihre Verbraucher mit Öl zu versorgen. Doch in Wahrheit ist die Übergangsfrist, die den EU-Staaten für den Ausstieg aus russischen Energieträgern eingeräumt wurde, längst abgelaufen. Die EU hat Ungarn und der Slowakei immer wieder Ausnahmen gewährt, damit diese Staaten den Übergang fortsetzen und schließlich ganz auf russisches Öl verzichten können.
Aber weder Viktor Orbán noch sein slowakischer Amtskollege Robert Fico scheinen überhaupt die Absicht zu haben, dies zu tun. Statt die Energiebeziehungen mit Russland abzubrechen, verlangen sie von Europa, die Verhandlungen mit der Ukraine über deren mögliche EU-Mitgliedschaft abzubrechen.
Es bedarf keiner weiteren Erklärung, dass eine solche Politik vollkommen den politischen Bestrebungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin entspricht. Er ist seit vielen Jahren der Ansicht, dass die ehemaligen Sowjetrepubliken – und natürlich auch die Ukraine – im sogenannten „Kühlschrank“ verbleiben sollen: keinem Bündnis beitreten, um Russland die Möglichkeit zu erleichtern, ihre Staatlichkeit in naher Zukunft zu demontieren.
Und wenn eine solche Darstellung der russischen Absichten früher wie eine Utopie erschien, so zweifelt während des russisch-ukrainischen Krieges heute wohl niemand mehr daran, dass Putins Hauptziel die Zerstörung des ukrainischen Staates ist.
Viele russische Politiker und Propagandisten haben dies in den letzten Jahren wiederholt ganz offen erklärt. Erinnern wir uns nur an die Thesen des ehemaligen Präsidenten Russlands und heutigen stellvertretenden Vorsitzenden des Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew. Und er ist keineswegs der Einzige mit der Vorstellung, dass der Krieg zwischen Russland und der Ukraine erst dann enden werde, wenn das ukrainische Parlament den eigenen Staat abschafft.
Doch dann stellt sich die Frage: Worin liegt das eigentliche Interesse von Viktor Orbán oder Robert Fico? Wollen sie wirklich, dass die Russische Föderation an ihren Grenzen erscheint?
Vielleicht glauben sie selbst nicht daran und gehen davon aus, dass eine Puffer-Ukraine mit einer Marionettenregierung, aber formalem „Souveränitätsschein“ in Europa dieselbe Rolle spielen könne wie das Belarus unter Lukaschenko. Und dass Ungarn und die Slowakei, mit ihren warmen Beziehungen zu Moskau, dann keine Angriffe auf ihre eigene Souveränität fürchten müssten.
Das ist natürlich ebenfalls eine Utopie – aber wer will populistische Politiker eines Besseren belehren, für die die Machterhaltung im Heute das Wichtigste ist? Was morgen sein wird, weiß ohnehin niemand.
Wir verstehen natürlich, wer Orbán und Fico noch umstimmen könnte: der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump. Noch vor kurzem empörte er sich darüber, dass Indien den russisch-ukrainischen Krieg finanziere, und begründete damit neue Zölle, die er gegen Indien verhängte.
Doch auch Ungarn und die Slowakei finanzieren mit ihren Käufen russischen Öls den russisch-ukrainischen Krieg. Und Donald Trump müsste dies unmissverständlich sowohl dem ungarischen als auch dem slowakischen Premierminister sagen – und von ihnen nicht nur verlangen, die Blockade der EU-Beitrittsgespräche mit der Ukraine und Moldawien aufzugeben, sondern auch, auf russisches Öl zu verzichten.
Paradoxerweise tut Donald Trump dies bislang nicht. Im Gegenteil: Auf einen Brief, den der ungarische Premier im Zusammenhang mit den Problemen der Pipeline Druschba an ihn richtete, schrieb er, er sei darüber sehr verärgert, und bat, seine Botschaft auch nach Bratislava weiterzuleiten.
Es ist klar, dass die Regierungschefs Ungarns und der Slowakei, ermutigt durch eine solche Reaktion des US-Präsidenten, ihre Linie weiterverfolgen und die Ukraine erpressen.
Dabei bleibt nur zu hoffen, dass die EU Einfluss auf Budapest und Bratislava nehmen kann – und zugleich Donald Trump überzeugt, dass die Lieferungen russischen Öls nicht den nationalen und energiepolitischen Interessen der Vereinigten Staaten entsprechen. Dann könnte die Frage der Lieferungen über die „Druschba“ vielleicht bald nur noch ein Faktum der europäischen Energiegeschichte sein – und nicht mehr ihrer Gegenwart.
Wenn ein Krieg an der Front tobt – mit Schützengräben, Panzern, Drohnen und Raketen – dann ist er sichtbar. Aber viel gefährlicher ist der Krieg, der dort geführt wird, wo ihn niemand bemerkt. In Verhandlungen, Memoranden, in der Betonung ethnischer Fragen und kultureller Ansprüche. Und genau diesen Krieg führt Russland seit Jahrzehnten. Der 24. Februar 2022 war lediglich ein Moment, in dem dieser Krieg seine Form änderte.
Der russische Außenminister Sergei Lawrow erklärte kürzlich in einem Interview mit ungarischen Journalisten, dass Russland und Ungarn ein „gemeinsames Problem“ hätten: die angebliche Verfolgung nationaler Minderheiten in der Ukraine. Lawrow äußerte sich im Tonfall der schlimmsten kolonialen Imperien – so, als gäbe es keine ukrainische Staatlichkeit, sondern lediglich ein Gebiet, auf dem man „Russen, Ungarn, Rumänen, Polen“ – also wen auch immer – „schützen“ müsse, um damit eine Besatzung zu rechtfertigen.
Nach derselben Logik hatte der Kreml bereits die Annexion der Krim gerechtfertigt und den Krieg im Donbas entfacht. Noch vor Kurzem erklärte Walentina Matwijenko, die Vorsitzende des russischen Föderationsrats, auf einem Forum der Interparlamentarischen Union in Genf, die Aggression Russlands gegen die Ukraine sei erfolgt, um „das Töten im Donbas zu stoppen“. 2014, zur Zeit der Krim-Annexion, als es im Donbas noch keinen Krieg gab, erklärten russische Funktionäre, man müsse die Krim-Bewohner:innen vor einem mythischen „Zug der Nationalisten“ schützen. Ein Vorwand für den Krieg findet sich immer.
Und genau diese Logik ist das Rückgrat von Russlands hybrider Strategie – einer Strategie zur Zerstörung der europäischen Einheit, zur Diskreditierung der EU, zur Vernichtung der Idee europäischer Integration. Nicht durch Waffengewalt, sondern durch Unterstützung von Randgruppen, Bündnisse mit „nützlichen Idioten“ und das Schüren historischer Wunden.
Angefangen hat alles auf dem Balkan: Kriege, ethnische Konflikte auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, die Unterstützung des Diktators Slobodan Milošević mit seiner Parole „Alle Serben sollen in einem Staat leben“, Auszeichnungen für Radovan Karadžić und Ratko Mladić, die Führer der bosnischen Serben… Letztlich bereitete Srebrenica den Weg für Butscha. Doch selbst nach Ende der Kriege in der Region gab Moskau keine Ruhe.
Ein besonders markantes Beispiel ist Nordmazedonien. Russland unterstützte mit allen Mitteln den damaligen Premierminister Nikola Gruevski – einen kleinen Autokraten mit korrupter Vergangenheit –, der das Land ins Chaos stürzen wollte, um den NATO-Beitritt zu blockieren. Als das scheiterte, floh er – wohin? Nach Ungarn. Dort nahm ihn Viktor Orbán auf, nach Milošević der nächste Liebling des Kremls, ebenfalls ein Nationalist. Heute blockiert Orbán Hilfe für die Ukraine, kritisiert die NATO, feilscht um Rabatte für russisches Gas und fordert „Rechte“ für die ungarische Minderheit in der Ukraine – in Formulierungen, die Putins Rhetorik auffallend ähneln.
Der Kreml agiert klar und konsequent: Er nutzt jeden bilateralen Konflikt, um Misstrauen gegenüber dem europäischen Projekt zu säen. Er unterstützt Nationalisten, wenn sie sich gegen Brüssel wenden. Er spricht von „Minderheiten“, wenn es hilft, Nachbarn gegeneinander aufzuhetzen. Und er findet in jedem Land „nützliche Idioten“, die sich als loyale Verbündete gerieren, aber nicht bemerken (oder nicht bemerken wollen), dass sie bloße Werkzeuge eines größeren Spiels sind.
Dabei muss man verstehen: Diese hybriden Angriffe sind nicht weniger gefährlich als Raketen. Sie unterminieren die Grundlagen der demokratischen Welt von innen heraus. Sie zeichnen ein Bild der EU als ineffektives Gebilde, das seine Verbündeten nicht schützen kann. Sie schaffen die Illusion, Moskau sei gar nicht so gefährlich, und Zusammenarbeit mit Russland lohne sich mehr als Konfrontation.
In diesem Zusammenhang ist die Haltung des ungarischen Oppositionspolitikers Péter Magyar bezeichnend – Vorsitzender der Partei „Tisza“, die bei den kommenden Wahlen gute Chancen auf einen Sieg hat. Schon jetzt spricht er sich gegen den beschleunigten EU-Beitritt der Ukraine und gegen den neuen EU-Haushalt aus. Das ist zwar nicht mehr Orbán, doch die Logik bleibt dieselbe – Magyar will keine Wählerstimmen von Orbán-Anhängern verlieren. Das zeigt: Selbst bei einem Machtwechsel könnte Ungarn ein Problem für Europa bleiben, wenn auch nicht mehr in dem Ausmaß wie heute.
Können wir dem etwas entgegensetzen? Ja. Aber nur, wenn wir die Bedrohung nicht unterschätzen. Wenn wir erkennen: Putin kämpft nicht nur an der ukrainischen Front. Sein Ziel ist die Zersetzung Europas, die Diskreditierung des europäischen Projekts, die Schwächung des kollektiven Westens.
Resilienz gegen diesen hybriden Krieg beginnt mit Aufklärung. Mit der Fähigkeit, Manipulationen zu erkennen. Mit einer klaren europäischen Haltung in Fragen des Minderheitenschutzes – ohne Doppelstandards. Und vor allem mit dem Verständnis: Die Einheit Europas wird heute nicht nur in den Schützengräben des Donbas verteidigt. Sie wird in jeder Stadt, in jedem Parlament, in jedem Interview verteidigt.
Die Geschichte hat gezeigt: Die Beschwichtigung von Aggressoren funktioniert nicht. Heute müssen wir erkennen: Auch die Beschwichtigung der „nützlichen Idioten“ des Aggressors führt zu Chaos und Niederlage.
Viktor Orbán hat zwölf Bedingungen für die Europäische Union aufgestellt, die den Ansatz seiner Regierung in der Außenpolitik des Landes und die Entwicklung der vereinten Europa widerspiegeln.
Zu diesen Punkten gehören Forderungen Europas nach Gleichheit vor dem Gesetz für alle Mitgliedstaaten, Rückgabe der den Mitgliedstaaten der Europäischen Union entzogenen Befugnisse, nationaler Souveränität und starkem Vetorecht für nationale Regierungen. All dies sind Forderungen, die mit der bereits bekannten Position rechtsextremer Kräfte auf dem europäischen Kontinent verbunden sind,
die die sogenannte Brüsseler Bürokratie kritisieren und für von rechtsextremen Politikern geführte Regierungen die tatsächliche Möglichkeit fordern, die Normen des europäischen Rechts und die gemeinsamen Werte zu umgehen, um die eigenen Befugnisse zu stärken.
Orbán fordert im besten verschwörungstheoretischen Sinne den Ausschluss der sogenannten Soros-Agenten aus der Europäischen Kommission und korrupter Lobbyisten aus dem Europäischen Parlament. Das ist auch eine rhetorische Figur. Wer ein Soros-Agent ist und wer nicht, sollte nach seinem Verständnis Viktor Orbán selbst bestimmen, der zu Beginn seiner politischen Karriere aktiv an der Arbeit der ungarischen Niederlassung der Soros-Stiftung beteiligt war. Und was korrupte Lobbyisten betrifft, so verstehen wir, dass auch nicht Orbán entscheiden sollte, wen er aus dem Europäischen Parlament ausschließen sollte, wenn es um Menschen geht, die Mandate von den Bürgern der Mitgliedstaaten der Europäischen Union erhalten haben.
Die Zukunft unserer Enkelkinder sollte nicht verschuldet werden. Ein weiterer populistischer Slogan, der damit zusammenhängt, dass die Europäische Union keine Kredite für ihre weitere wirtschaftliche Entwicklung aufnehmen sollte, selbst wenn Ungarn durch einen solchen Mechanismus Gelder für seine eigene Entwicklung erhält.
Orbán fordert, die ungarische Nationalgarde nicht daran zu hindern, die ungarischen Grenzen zu schützen, keine Migranten aufzunehmen und illegale Bewohner aus Ungarn auszuweisen. Im Wesentlichen ist dies eine weitere Forderung, die versucht, die Normen des Schengener Abkommens zu umgehen und für Ungarn Sonderbedingungen in der Europäischen Union zu schaffen. Während das Land selbst offene Grenzen genießen kann, soll es seine Grenzen für alle anderen schließen können.
Korrupte Dollars und Euros dürfen nicht in die Länder der Europäischen Union gelangen. Dies ist eine durchaus logische Forderung zur Bekämpfung der Korruption, die sich jedoch an dem hohen Korruptionsniveau der ungarischen Führung selbst festmacht, die für ihre informellen Beziehungen zur Führung der Russischen Föderation und ihre besondere Abhängigkeit von Energieträgern aus Moskau bekannt ist. Und das kann man auch zumindest als politische Korruption bezeichnen.
Die unnatürliche Umerziehung unserer Kinder verbieten . Ein weiterer rechtsextremer Slogan, der sich in diesem Fall an die Sympathie der in den Vereinigten Staaten von Amerika an die Macht gekommenen Politiker, vor allem Donald Trump, richtet.
Der Schutz des christlichen Erbes Europas – eine weitere Idee, die sich gegen liberale Parolen und die Verteidigung der sogenannten Werte richten soll, die mit dem Erbe der Vergangenheit verbunden sind, einem Erbe, das für den europäischen Kontinent durchaus natürlich ist, aber häufig nicht nur von Politikern wie Viktor Orbán, sondern auch von Politikern wie Wladimir Putin für Spekulationen genutzt wird. „Wir fordern Frieden in Europa“, sagt Orbán, der sich ständig gegen die Unterstützung der Ukraine ausspricht und der Meinung ist, dass Frieden durch die Kapitulation europäischer Länder vor der russischen Aggression erreicht werden muss.
Und zum Abschluss all dieser Punkte, besagt der dreizehnte Punkt. Die Notwendigkeit des Bestehens der Europäischen Union ohne die Ukraine, obwohl Ungarn bekanntlich eines der Länder war, die der Ukraine den Status eines Beitrittskandidaten zur Europäischen Union und den Beginn von Verhandlungen mit diesem Land über seinen Beitritt zur Europäischen Union genehmigt haben.
Eine solche Änderung der Position des ungarischen Premierministers könnte damit zusammenhängen, dass er mit einer Stärkung der Positionen der Russischen Föderation aufgrund des Wahlsiegs von Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten rechnet und dass die Aufgabe der Ukraine nicht nur von der NATO, sondern auch von der europäischen Integration eine wichtige Voraussetzung für die Beendigung der militärischen Auseinandersetzungen an der russisch-ukrainischen Front sein könnte. Zumindest wenn Orbán den Slogan eines Bundes ohne die Ukraine teilt, rechnet er offensichtlich damit, dass sein Vorschlag sowohl im Weißen Haus als auch im Kreml unterstützt wird.
Und um ehrlich zu sein, genau für diesen dreizehnten Punkt wurden die Forderungen von Viktor Orbán an die Europäische Union gestellt, denn alle anderen Punkte sind bekannt und wurden vom ungarischen Premierminister wiederholt sowohl bei Treffen der Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten der Europäischen Union als auch bei seinen zahlreichen Kundgebungen und Pressekonferenzen bekannt gegeben. Es gibt keine besondere Sensation.
Aber die Idee, dass das ungarische Volk einen Bund ohne die Beteiligung der Ukraine fordert, beruht weitgehend auf der Hoffnung Orbáns auf eine neue Machtverteilung in Europa, in deren Folge die Russische Föderation ein Vetorecht nicht nur gegen die Erweiterung der NATO, sondern auch gegen die Erweiterung der Europäischen Union haben wird. Und Orbán selbst sieht sich bereits als Einflussagent sowohl von Donald Trump als auch von Wladimir Putin gleichzeitig.
Aber offensichtlich, dass Orbán die Tendenzen, die sich derzeit in Europa abspielen, und das Verständnis vieler europäischer Staats- und Regierungschefs für die Tatsache, dass das Sicherheitsmodell auf dem europäischen Kontinent wahrscheinlich ohne die Beteiligung der Vereinigten Staaten geschaffen werden muss, deutlich unterschätzt.
Auf diese Weise könnte Washington kein blockierendes Paket für die Europäische Union haben. Und dieses Sicherheitsmodell sollte gegen mögliche russische Aggressionen gegen die Länder der Europäischen Union und der NATO gerichtet sein, worüber viele europäische Politiker bereits mehrfach gesprochen haben. Zumindest deshalb wird auch Wladimir Putin kein blockierendes Paket für Entscheidungen europäischer Staats- und Regierungschefs haben.
Und Viktor Orbán wird sich mit all seinen zwölf Bedingungen und vor allem mit der letzten dreizehnten Bedingung, einem europäischen Bund ohne die Ukraine, früher oder später entscheiden müssen. Entweder er stimmt dem zu, dass das Sicherheitsmodell eines großen Europas die Beteiligung der Ukraine an einem solchen Modell erfordert, ebenso wie die Beteiligung von Ländern wie der Türkei, oder er stimmt dem zu, dass Ungarn außerhalb eines solchen Modells landen könnte, was bedeutet, außerhalb der Europäischen Union, möglicherweise in der NATO, aber es stellt sich die Frage, wie wichtig der nordatlantische Bund ohne die Beteiligung der Vereinigten Staaten überhaupt für die Sicherheit des europäischen Kontinents sein wird.
Und Viktor Orbán selbst muss sich auch selbst die Antwort auf eine recht einfache Frage geben: Wohin soll sich Ungarn dann unter seiner Führung wenden? Soll es sich etwa der Eurasischen Wirtschaftsunion oder der OVKS anschließen? Ein Schritt, der Wladimir Putin vielleicht gefallen wird, aber kaum große Begeisterung bei einem anderen alten Freund von Viktor Orbán, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, hervorrufen wird