Portnikov: Europa muss die Ukraine schützen, sonst wird der Druck Russlands bis in den Südkaukasus reichen. 15.12.2025.

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Der Verhandlungsprozess zur Beilegung der ukrainischen Krise ist in vollem Gange. Die Parteien erörtern sensible Punkte und suchen nach Wegen zu Kompromissen. Über den Prozess insgesamt, die Erklärungen der Seiten, mögliche Sicherheitsgarantien sowie Wahlen in der Ukraine unter Kriegsbedingungen sprach der ukrainische Publizist und Journalist Vitaly Portnikov in einem Interview mit Minval Politika.

— Der Präsident der Ukraine Volodymyr Zelensky erklärte, dass „der Frieden nicht allen gefallen wird“. Gleichzeitig spricht Zelensky vor dem Hintergrund der Aussagen des Sondergesandten des US-Präsidenten Steve Witkoff über erhebliche Fortschritte in den Verhandlungen von der Unzulässigkeit eines Abzugs der ukrainischen Streitkräfte aus dem Donbas. Wie bewerten Sie insgesamt den Verlauf der Verhandlungen? Welche Erwartungen haben Sie?

— Für mich ist das Wichtigste an den Verhandlungen, die wir heute beobachten, nicht die Abstimmung der Positionen zwischen den USA und der Ukraine, sondern die Abstimmung der Positionen mit Russland selbst. Bislang haben wir jedoch nicht das geringste Anzeichen dafür gesehen, dass die Russische Föderation überhaupt bereit ist, irgendwelche Bedingungen zur Aufrechterhaltung des Verhandlungsprozesses zu akzeptieren oder einem Frieden zuzustimmen. Für mich wäre der klarste Indikator die Zustimmung Putins zu einem Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front, zur Beendigung der Angriffe auf zivile ukrainische Gebiete – und erst danach könnte man über Friedensbedingungen verhandeln. Nichts dergleichen beobachten wir.

Stattdessen sehen wir, dass der russische Präsident nicht mehr nur von der sogenannten „Befreiung des Donbas“ spricht, sondern auch von der „Befreiung“ von „Noworossija“ – einer Region, die seiner Ansicht nach ein riesiges Gebiet am linken Ufer des Dnipro umfasst. Deshalb ist es natürlich wichtig, die Gespräche Zelenskys mit Europäern und Amerikanern zu verfolgen, doch bislang wirkt das wie ein Schauspiel für einen Zuschauer, Donald Trump.

Erst wenn wir sehen, dass Russland zu einer echten Versöhnung bereit ist, können wir über irgendwelche Bedingungen sprechen, die mit Frieden und Waffenstillstand verbunden sind.

— Es gibt Forderungen, Wahlen in der Ukraine durchzuführen. Dafür müssten Gesetze geändert, freie finanzielle Mittel gefunden und die Sicherheit der Wähler und Beobachter gewährleistet werden. Außerdem müsste das Wahlrecht der Bürger geregelt werden, die in den besetzten Gebieten verblieben sind. Wie realistisch erscheinen Ihnen die Gespräche über Wahlen – zumal Zelensky dazu bereit zu sein scheint?

— Mir scheint, dass der Präsident der Ukraine, als er über gewisse Möglichkeiten sprach, Wahlen unter Kriegsrecht durchzuführen, damit auf die Aussage Donald Trumps reagierte, der darauf hingewiesen hatte, dass in der Ukraine seit langer Zeit keine Wahlen stattgefunden haben.

Ich halte diese Aussagen für Druck auf unser Land, der mit dem Versuch Trumps und seines engsten Umfelds zusammenhängt, nicht ukrainische, sondern russische Interessen zu schützen, weil er im Bann des russischen propagandistischen Narrativs von der Illegitimität der ukrainischen Macht steht. Übrigens wurde ein ähnliches Narrativ von Russland in den 1990er-Jahren genutzt, um die Lage in Aserbaidschan zu destabilisieren und so den Druck auf das Land zu erleichtern.

Die Vorstellung, dass eine legitime russische Macht gegen irgendwelche Verschwörer kämpft, ist nicht neu. Selbst wenn wir uns eine Gesetzesänderung vorstellen, die es der Ukraine ermöglichen würde, Wahlen während eines Krieges abzuhalten, bleibt die Frage: Wie soll man die Sicherheit dieser Wahlen gewährleisten?

Zelensky wird sich an Trump wenden mit der Bitte, bei der Lösung dieses Problems zu helfen. Es ist offensichtlich, dass keinerlei Normen funktionieren werden, solange Raketenangriffe, Drohnenbeschuss und Kampfhandlungen an der Frontlinie andauern. Dann wird der überwiegende Teil der ukrainischen Bürger schlicht keine Möglichkeit haben zu wählen. Unter solchen Bedingungen kann von Fairness und Transparenz keine Rede sein.

Beachten Sie, dass Trump nach diesem Appell  praktisch aufgehört hat, über Wahlen zu sprechen, weil er Zelensky nichts entgegnen konnte. Er hat keinen realen Einfluss auf Putin, der den russischen Präsidenten zumindest für die Dauer eines Wahlkampfs zu einem Waffenstillstand zwingen könnte.

— Werden Bedingungen geschaffen, um alle bei den Verhandlungen erzielten Vereinbarungen einzuhalten? Wie soll beispielsweise ein Mechanismus im Bereich der Sicherheit der Ukraine entwickelt werden?

— Wenn wir über die Bedingungen sprechen, die derzeit bei den Verhandlungen erreicht werden, müssen wir verstehen, dass es sich nicht um echte Verhandlungen handelt, sondern um etwas, das wie eine Abstimmung der Bedingungen zwischen der Ukraine und den USA aussehen soll – nicht zwischen der Ukraine und Russland. Echte Verhandlungen wären nicht Zelensky und Kushner, sondern Zelensky und Putin über einen Waffenstillstand. Ohne Putins Zustimmung werden all diese Gespräche wie eine Inszenierung wirken.

Selbst wenn man sich vorstellt, dass es in Zukunft gelingt, irgendeine Form von Möglichkeiten in russisch-ukrainischen Verhandlungen zu erreichen, verstehen wir kaum, wie reale Sicherheitsgarantien für die Ukraine aussehen könnten – unter Bedingungen, in denen die USA sich nicht einmal sicher sind, ob sie bereit sind, ihre europäischen Verbündeten vor einer möglichen Destabilisierung oder gar einem Angriff Russlands zu schützen.

Meiner Ansicht nach wird die wichtigste Sicherheitsgarantie der Zusammenbruch der ultrarechten Kräfte sein, die an die Macht gekommen sind. Solange Ultrarechte an der Macht sind, die ideologische Verbündete des Kremls darstellen, kann von irgendeiner realen Sicherheit für Europa und die Ukraine keine Rede sein.

— Wie wird sich die EU weiter verhalten, die weiterhin unter Druck der USA steht?

— Ich denke, dass sie jetzt gerade ihre eigenen Möglichkeiten testen können. Die Europäer wurden über Jahrzehnte hinweg im Geist der euroatlantischen Solidarität erzogen. Man muss sagen, dass diese Erziehung nicht nur aus eigenem Antrieb erfolgte, sondern auch unter dem Druck der Amerikaner in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als man in Washington davon überzeugt war, dass nur die euroatlantische Solidarität Europa helfen würde, aus den Ruinen wieder aufzuerstehen, es zu sichern und seine gemeinsamen Werte zu bewahren.

Leider beobachten wir heute eine Situation, in der man in Washington von gemeinsamen Ideen und Werten abrückt, die den europäischen Kontinent jahrzehntelang geprägt haben, und dadurch in vieler Hinsicht die Vorstellungen der Europäer über ihre Verantwortung für die eigene Sicherheit verkümmert sind.

Jetzt beginnt genau eine solche Phase der Verantwortung. Wenn es den führenden Ländern der Europäischen Union, den führenden NATO-Staaten gelingt, dieser Herausforderung zu widerstehen, dann können wir von einer eigenständigen Rolle Europas sprechen, dann wird Europa seine Beziehungen zu den USA auf neuer Grundlage koordinieren können.

Damit dies geschieht, muss Europa die Ukraine verteidigen und die Ausbreitung russischen Einflusses und russischer Aggression in ihren verschiedenen Formen in den kommenden schwierigen Jahren verhindern.

Von dieser Reaktion der Europäer wird in hohem Maße auch die Stabilität im Südkaukasus abhängen, denn ich bin vollkommen überzeugt, dass wir unter Bedingungen, in denen die USA keine Sicherheitsgarantien für europäische Länder bieten können, im Südkaukasus eine Verstärkung des russischen Drucks erleben werden. Trotz aller Gespräche über eine zunehmende geopolitische Rolle der Türkei wird es für Aserbaidschan schwierig sein, neuen hybriden Angriffen aus Moskau zu widerstehen.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Портников: Европа должна защитить Украину, иначе давление России дойдёт до Южного Кавказа. 15.12.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 15.12.2025.

Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung vonViktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Alijew schließt sich Zentralasien an | Vitaly Portnikov. 16.11.2025

Das wichtigste Ereignis des Gipfels der Staats- und Regierungschefs der zentralasiatischen Länder in Taschkent war der Beitritt Aserbaidschans als vollwertiger Teilnehmer dieses Formats. Bis vor Kurzem nahm der Präsident Aserbaidschans, Ilham Alijew, lediglich als Ehrengast am zentralasiatischen Gipfel teil. Nun aber betont der aserbaidschanische Präsident, dass Aserbaidschan nicht nur ein vollwertiger Teilnehmer des Gipfels wird, sondern auch der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der zentralasiatischen Staaten.

Und in vieler Hinsicht zeigt dies die neue Lage nicht nur in Zentralasien, sondern auch im Südkaukasus. Mithilfe des Transportkorridors, der nach der Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern Aserbaidschan und Armenien Aserbaidschan über armenisches Territorium mit Nachitschewan verbinden soll, rechnet Ilham Alijew damit, sein Land in eine Art Drehscheibe für den Handel der zentralasiatischen Länder mit der Türkei zu verwandeln. 

Dies könnte auch zu einer sichtbaren Demonstration der wirtschaftlichen Einheit zwischen den zentralasiatischen Staaten und der Türkei werden und eine Art Plattform der turksprachigen Welt schaffen – nicht nur in Erklärungen, sondern auch in den wirtschaftlichen Beziehungen. Daran könnten sogar Länder wie Tadschikistan oder Armenien teilnehmen, die formal natürlich nicht zur turksprachigen Welt gehören.

Doch zusätzlich zu den neuen Transportwegen entstehen auch neue geopolitische Bündnisse. Die Führer der zentralasiatischen Länder treffen sich zum ersten Mal, nachdem sie alle in Washington gewesen waren, um sich mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, zu treffen. Auch dies war ein beispielloses Ereignis für die gesamte Region. Viele Führer der ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien hatten Washington jahrzehntelang nicht besucht.

Dass der Präsident der Vereinigten Staaten der Situation in der zentralasiatischen Region heute weit mehr Aufmerksamkeit widmet als seine Vorgänger, spiegelt die geschwächte Position Russlands auf dem gesamten postsowjetischen Raum aufgrund des russisch-ukrainischen Krieges wider – und zeigt, dass die an Russland angrenzenden Länder die ehemaligen Sowjetrepubliken immer weniger als natürliche Einflusszone des Kreml betrachten. Vielleicht wird dieser Zerfall des imperialen Raums tatsächlich das wichtigste Ergebnis des Angriffskrieges sein, den Wladimir Putin begonnen hat – und endgültig einen Schlussstrich unter die imperialen Ambitionen Russlands ziehen.

Die Führer der zentralasiatischen Staaten scheinen dies sehr gut zu verstehen und manövrieren verzweifelt zwischen Washington, Peking und Moskau. Die Volksrepublik China wird für alle Länder der Region ein wesentlich wichtigerer wirtschaftlicher und politischer Partner als die Russische Föderation. Dennoch muss man Russland weiterhin Aufmerksamkeit schenken – zumindest deshalb, weil alle jene Aggressivität bemerken, die die russische politische Führung im letzten Jahr gezeigt hat, und versuchen, Putin zu beruhigen, damit der russische Präsident nicht versucht, in Zentralasien dieselben Verbrechen zu wiederholen, die er bereits in der Ukraine begangen hat.

Das deutlichste Beispiel ist der jüngste Besuch des kasachischen Präsidenten Kassym-Schomart Tokajew in der russischen Hauptstadt. Der kasachische Staatschef, der seinen Jubiläumsgeburtstag im Beisein des Vorsitzenden der Volksrepublik China, Xi Jinping, feierte und bei dem Treffen mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, den Hausherrn des Oval Office als einen „von Gott gegebenen Führer“ bezeichnete, sparte auch in der russischen Hauptstadt nicht mit Lob und nannte Russland einen „von Gott gegebenen Nachbarn“.

Das ist natürlich nicht derselbe Grad an Komplimenten, wie Tokajew ihn gegenüber dem Präsidenten der Vereinigten Staaten äußerte. Hier geht es, wie wir sehen, nicht um Wladimir Putin persönlich, sondern lediglich um den Staat, den Putin anführt. Doch vielleicht hat man in Astana entschieden, dass sich der russische Präsident zumindest mit diesem Kompliment zufriedengeben würde – angesichts des offensichtlichen Ärgers, den in Moskau das Treffen der zentralasiatischen Staatschefs mit Präsident Trump ausgelöst hat sowie angesichts der besonderen Aufmerksamkeit, die die Vereinigten Staaten wie auch die Volksrepublik China gegenüber Kasachstan zeigen.

In jedem Fall ist klar, dass die zentralasiatischen Länder sich früher oder später entscheiden müssen. Man kann nicht auf drei Stühlen gleichzeitig sitzen. Und das ist sogar solchen ständigen Balancierern wie Kassym-Schomart Tokajew und Schawkat Mirsijojew bewusst – und erst recht den Führern kleinerer Länder, für die es besonders wichtig wird, die richtige Seite zu wählen, um ihre Positionen und wirtschaftliche Zusammenarbeit zu sichern.

Natürlich wird man in Kirgisistan, Tadschikistan und sogar Turkmenistan genau darauf achten, welche Seite schließlich Kasachstan und Usbekistan wählen. Und wie erfolgreich es Kassym-Schomart Tokajew und Schawkat Mirsijojew gelingt, sich vom Zorn Wladimir Putins zu distanzieren.

Die Entscheidung für eine Seite hängt allerdings nicht allein von den zentralasiatischen Führern ab. Sie wird auch davon abhängen, wie schnell Russland eine geopolitische Niederlage im Wettbewerb mit den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China erleidet. Dafür wiederum ist notwendig, dass die amerikanischen Sanktionen gegen Russland effektiv wirken und zum Zusammenbruch der russischen Energieindustrie führen. Genau darauf setzt offenbar nun die Trump-Administration, die versucht, die russischen Ölunternehmen zu vernichten und Russland vom globalen Energiemarkt zu verdrängen.

Und natürlich wird es wichtig sein, welchen Preis die Volksrepublik China von der russischen Führung für die Unterstützung verlangt, die Peking Moskau im Krieg gegen die Ukraine gewährt – und wie schnell die Russische Föderation sich endgültig in die provinziellen Hinterhöfe Chinas verwandelt. 

In diesem Moment wird Moskau für Astana, Taschkent und die anderen zentralasiatischen Hauptstädte keinerlei Bedeutung mehr haben. Und wir werden über eine weit stabilere und sicherere Entwicklung der Region sprechen können als in der Zeit, in der Russland noch seinen destruktiven Einfluss auf die ehemaligen Sowjetrepubliken ausübte.

Und dieser Moment rückt näher, denn der erste Gipfel der zentralasiatischen Staatschefs nach ihrem Besuch im Oval Office erinnert erneut daran, wie schnell dieser russische Einfluss auf die ehemaligen Sowjetrepubliken schwindet. Und wie wichtig es ist, dass diese Länder selbst zur Verringerung dieses Einflusses beitragen – selbstverständlich, indem sie mit Wladimir Putin Spiele spielen, die die Wachsamkeit des aggressiven Kreml-Tiers einschläfern sollen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Алиев присоединился к Центральной Азии | Виталий Портников. 16.11.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 16.11.2025
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Putin bombardierte die Botschaft Aserbaidschans | Vitaly Portnikov. 15.11.2025.

Der Angriff Russlands auf die aserbaidschanische Botschaft in Kyiv, der zu erheblichen Zerstörungen in der diplomatischen Vertretung führte, hat verständlicherweise den aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew verärgert. Alijew sprach mit dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky und sagte seinem Kollegen, dass der Angriff auf die Botschaft Aserbaidschans grundlegende Normen des Völkerrechts verletze.

Zelensky zitiert die Worte Alijews, der daran erinnerte, dass dies nicht der erste Angriff auf aserbaidschanische Objekte in der Ukraine sei. Dies wird auch in der Erklärung des aserbaidschanischen Außenministeriums erwähnt, dessen Vertreter den Verdacht äußern, dass solche Angriffe absichtlich erfolgen könnten.

Und tatsächlich: Wenn die ständigen Einschläge russischer Raketen und Drohnen auf das Gelände der aserbaidschanischen Botschaft in der Ukraine noch irgendwie damit erklärt werden könnten, dass sich die diplomatische Vertretung in der Nähe eines Rüstungsbetriebs befindet, so lassen sich die Angriffe auf die Infrastruktur der aserbaidschanischen Firma SOCAR in der Ukraine durch nichts anderes als eine geplante Provokation erklären. Vermutlich genau darüber sprach das aserbaidschanische Außenministerium mit dem russischen Botschafter Michail Jewdokimow, dem eine entsprechende Protestnote überreicht wurde.

Das, was mit der aserbaidschanischen Botschaft in der ukrainischen Hauptstadt geschehen ist, hat erneut gezeigt, dass bei dem letzten Treffen zwischen dem Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin und dem Präsidenten Aserbaidschans Ilham Alijew keinerlei echte Annäherung stattgefunden hat. Selbst wenn der russische Präsident gewisse Halbdementis oder Halbwiedergutmachungen bezüglich der Zerstörung eines aserbaidschanischen Passagierflugzeugs durch das russische Luftverteidigungssystem geäußert hat.

Dies geschah aus dem einfachen Grund nicht, dass sich die grundsätzliche Haltung Russlands gegenüber Aserbaidschan nicht verändert hat. Das aserbaidschanische Außenministerium erinnert daran, dass die Koordinaten der aserbaidschanischen diplomatischen Vertretung in der ukrainischen Hauptstadt bereits im Februar 2022 an die russischen Behörden übermittelt wurden. Und wie wir sehen, interessiert diese Warnung aus Baku in Moskau niemanden. Allein deshalb, weil aus russischer Sicht die Existenz einer aserbaidschanischen Botschaft in der Ukraine nicht als ein Fakt wahrgenommen wird, der auch nur irgendeine Relevanz für das tatsächliche Völkerrecht besitzt.

Aus Putins Sicht, aus der Sicht eines jeden russischen Militärs, sind weder die Ukraine ein Staat noch Aserbaidschan ein Staat. Warum also sollten russische Militärs berücksichtigen, dass Aserbaidschan seine Botschaft in der Ukraine eröffnet hat? Dieses Vorgehen Aserbaidschans kann in Moskau nichts anderes als Verwunderung oder, ich würde sogar sagen, Spott hervorrufen. Ebenso wenig kann in Moskau irgendeine andere Reaktion erwarten werden auf Aserbaidschans Entscheidung, Russland darüber zu informieren, wo sich seine Botschaft in der Ukraine befindet, um russische Angriffe auf das Gelände der diplomatischen Vertretung zu verhindern.

Und das ist das Hauptproblem in den russisch-aserbaidschanischen Beziehungen — die Verachtung, mit der der Kreml der aserbaidschanischen Staatlichkeit und dem aserbaidschanischen Volk begegnet, genauso wie jedem anderen Staat, der nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums entstanden ist, genauso wie jedem Volk, das in Russland als Teil des imperialen Erbes wahrgenommen wird und dessen Vertreter strammstehen sollen, sobald aus Moskau ein Befehl ertönt.

Über gleichberechtigten Beziehungen zu den ehemaligen Sowjetrepubliken denkt das Putin-Regime nicht einmal. Diese Länder werden als Staaten mit eingeschränkter Souveränität betrachtet, die früher oder später entweder unter den Schlägen russischer Waffen oder unter politischem Druck aus Moskau verschwinden werden. Und es spielt überhaupt keine Rolle, dass Putin und seine Mitbürger de facto keinerlei wirkliche Ressourcen besitzen, um diese ehrgeizige imperialistische Aufgabe zu erfüllen. Wichtig ist, dass genau diese Haltung in der russischen Außenpolitik und in der russischen öffentlichen Meinung überwiegt.

Deshalb gab es auch diesmal aus Moskau keinerlei Entschuldigungen für die Angriffe auf das Gelände der aserbaidschanischen diplomatischen Vertretung. In der Staatsduma hieß es lediglich, dass all dies das Werk des ukrainischen Luftverteidigungssystems sei und dass Russland selbstverständlich auf keinen Fall das Gelände der Botschaft Aserbaidschans hätte angreifen können. Wie könne man überhaupt so etwas denken?

Aber dann hätte Russland auch keine Objekte der aserbaidschanischen Firma SOCAR angreifen können. Russland hätte dann auch keinen Kindergarten in Charkiw oder ein Kinderkrankenhaus in Kyiv angreifen können. Die russischen Streitkräfte hätten dann auch nicht zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Butscha und anderen ukrainischen Städten und Dörfern begehen können — Orte, die zu Schauplätzen von Gräueltaten wurden, die an die schlimmsten Episoden des Zweiten Weltkriegs erinnern. Man hat den Eindruck, dass das Streben, dem Nazismus nachzuahmen, die Essenz jener Ideologie ist, die in Russland heute vorherrscht und zur eigentlichen Ideologie des russischen Volkes geworden ist, das endlich die Möglichkeit erhalten hat, das Wesen seiner Streitkräfte zu demonstrieren. Dann hätte all dies nicht geschehen können. Aber es geschieht — direkt vor unseren Augen.

Und die Art und Weise, wie Russland die diplomatischen Vertretungen Aserbaidschans behandelt, ist lediglich eine Fortsetzung der Repressionen gegen Bürger Aserbaidschans und ethnische Aserbaidschaner mit russischen Pässen, die in Russland lange vor dem jüngsten Konflikt zwischen Moskau und Baku stattfanden. Es ist dieselbe verächtliche Haltung gegenüber Azeris, Armeniern, Georgiern und den Vertretern aller Völker des Kaukasus, die sowohl in der russischen Hauptstadt als auch in jeder anderen russischen Stadt seit jeher verbreitet ist und sich häufig in Pogromen oder spöttischen offiziellen Erklärungen im Anschluss an solche Pogrome äußerte.

Das Wesen dessen, was wir in diesen Jahren sehen, ist genau das, was wir schon jahrzehntelang und jahrhundertelang gesehen haben: Geringschätzung, Verachtung, Niedertracht, die Bereitschaft, diejenigen zu bombardieren und zu töten, die man nicht als Menschen betrachtet. Wie kann man da von Respekt für staatliche Souveränität sprechen?

Und Ilham Alijew versteht das — seinem Gespräch mit Volodymyr Zelensky nach zu urteilen — sehr gut und hat offensichtlich nicht vor, nicht auf die neuen Schritte des Kremls zu reagieren, die diese offenkundige Missachtung der aserbaidschanischen staatlichen Souveränität demonstrieren. Im Grunde hat der Präsident Aserbaidschans auch gar keine andere Wahl, denn jedes Bestreben, über eine solche Haltung hinwegzusehen, würde sowohl den Autorität Ilham Alijews selbst als auch die Machtkonstruktion beschädigen, die Vater und Sohn Alijew in den vergangenen Jahrzehnten in Aserbaidschan aufgebaut haben.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Путин разбомбил посольство Азербайджана | Виталий Портников. 15.11.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 15.11.2025
Originalsprache: ru
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Alijew hat Moskau in Wut versetzt | Vitaly Portnikov. 28.08.2025.

Russische Propagandisten sind außer sich vor Wut über das letzte Interview des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew mit dem Fernsehsender Al-Arabi.

Dabei verursacht den Ärger nicht einmal in erster Linie, was der aserbaidschanische Präsident über den armenisch-aserbaidschanischen Friedensprozess und die sogenannte Trump-Route sagt. Es ist vielmehr die Erinnerung daran, dass nicht mehr Russland die Hauptrolle bei der Gewährleistung der Sicherheit in der Region und bei der Öffnung neuer Verkehrswege nach Jahrzehnten spielen wird.

Wut löst nicht einmal in erster Linie aus, dass der aserbaidschanische Präsident erneut an die Missachtung erinnerte, die Moskau gegenüber Baku nach dem Angriff auf ein Flugzeug der aserbaidschanischen Fluggesellschaft gezeigt hatte.

Auch nicht, dass Alijew sich erstmals öffentlich über Repressionen gegen Vertreter der aserbaidschanischen Diaspora auf dem Territorium der Russischen Föderation äußerte.

Und erstaunlicherweise auch nicht, dass der Präsident Aserbaidschans an die Existenz einer russischen Militärbasis in Armenien erinnerte und die Hoffnung äußerte, Russland werde nicht zu Gewalt greifen, um den armenisch-aserbaidschanischen Friedensprozess zu torpedieren.

Ebenso wenig sorgt es für Aufregung, dass der Präsident Aserbaidschans in diesem Interview nicht nur die territoriale Integrität der Ukraine respektiert, deren Teil weiter von Moskau besetzt ist, sondern sogar den Begriff „russische Invasion in die Ukraine“ benutzt.

Das Hauptärgernis in Moskau ist vielmehr – und das ist bezeichnend – die Geschichte selbst, die Erinnerung daran, dass Aserbaidschan ein unabhängiger Staat war, der von den Bolschewiki besetzt wurde.

Dass dies eine unumstößliche historische Tatsache ist, die man nicht einfach übersehen kann, löst in Moskau selbstverständlich kein Verständnis aus, weil die russische Geschichtsinterpretation den Umstand leugnet, dass Sowjetrussland Nachbarstaaten besetzt hat: Aserbaidschan, Armenien, Georgien, zuvor die Ukraine und Belarus, später Lettland, Litauen und Estland.

Erinnern wir uns auch an die Taten der Roten Armee in Zentralasien, die nicht nur einen Angriff auf die Souveränität, sondern auch einen Völkermord bedeuteten. Erinnern wir uns daran, was nicht nur im Südkaukasus, sondern auch im Nordkaukasus geschah. 

Solcher Beispiele gibt es zahllose, aber im heutigen Russland will man davon nichts wissen. Man setzt vielmehr darauf, dass die wichtigste Messlatte der Loyalität gegenüber dem Kreml das Nicht-Erinnern der Völker und Staaten an ihre eigene Geschichte sei.

Denn auf diese Weise ist es viel bequemer, jeden Staat, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden ist, als künstliches Gebilde zu bezeichnen. Damit wird das Existenzrecht dieses Staates selbst infrage gestellt und mit dieser angeblichen Künstlichkeit die Bereitschaft erklärt, bei passender Gelegenheit die Souveränität jedes Nachbarlandes zu zerstören.

Ja, das ist ein völlig durchschaubarer Ansatz, der seit Jahrzehnten angewendet wird. Und jedes Mal, wenn sich die Beziehungen irgendeiner ehemaligen Sowjetrepublik zu Moskau verschlechtern, erinnert auch deren Führung plötzlich an das, woran zuvor nur Vertreter der Intelligenz oder oppositioneller Kräfte erinnerten: dass die Unabhängigkeit geraubt wurde, dass jene, die für Souveränität eintraten, getötet, vertrieben, eingekerkert und verfolgt wurden.

Doch das Gesetz der Geschichte besteht gerade darin, dass selbst diejenigen, die unter einem solchen grausamen Regime überlebten und ein Teil davon wurden, früher oder später nicht nur an die erlangte, sondern an die geraubte Freiheit erinnern.

Selbstverständlich ist es ein wichtiger Bestandteil der russischen Propaganda, dass Ilham Alijew selbst Absolvent des Moskauer Instituts für internationale Beziehungen ist und dass sein Vater überhaupt Mitglied des Politbüros des ZK der KPdSU und erster Stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates der UdSSR war – also einer der höchsten Funktionäre der Sowjetunion.

Doch auch in den baltischen Staaten gab es viele Menschen, die hohe Ämter in der sowjetischen Nomenklatura innehatten und später Teil des Prozesses der Wiederherstellung der Unabhängigkeit ihrer geschändeten Staaten wurden.

Denn die Logik des Lebens in der Okkupation ist genau damit verbunden: Die einen kämpfen, die anderen versuchen zu überleben und unter den gegebenen Bedingungen Karriere zu machen – oft indem sie das Wenige verteidigen, was vom von Moskau geschändeten Souveränitätsanspruch übrig bleibt. 

Aber sobald die Möglichkeit entsteht, das koloniale Joch und den Druck abzuschütteln, diese Respektlosigkeit, von der Ilham Alijew spricht, loszuwerden, entsteht sofort auch bei denen, die in anderen Umständen nicht für die Freiheit gekämpft hätten, das natürliche Streben nach Freiheit.

Dies ist ein Gesetz, das kein Kreml widerlegen kann. Es ist auch das, was den Völkern Russlands selbst helfen wird, sich bei der nächsten Krise in diesem Land von all diesem Albtraum zu befreien. Das ist es, was den Belarussen im Jahr 2020 erlaubte, sich wieder an ihre eigene Flagge zu erinnern und sie auf den Barrikaden des Protests anstelle der Farbkombination zu zeigen, die der Marionettendiktator Lukaschenko zur Rechtfertigung seiner Existenz an der Spitze von Belarus erfunden hatte.

Und in Aserbaidschan erinnert man sich schon lange an die Ursprünge der eigenen Staatlichkeit. Offensichtlich hat die Aserbaidschanische Demokratische Republik als Staat in Aserbaidschan nie Fragen aufgeworfen.

Bemerkenswert ist vielmehr, dass diese Fragen in Moskau aufkommen – weil gerade ein solcher Ansatz es erlaubt, von der Künstlichkeit der ehemaligen Sowjetrepubliken zu sprechen und den Aserbaidschanern ständig einzureden, sie lebten in einem unechten, künstlichen Staat.

Und diejenigen, die man nicht der Künstlichkeit bezichtigen kann, werden ständig daran erinnert, Russland sei ihre Retterin, ohne die es sie überhaupt nicht gäbe. Doch was nach dieser sogenannten Rettung geschah – die zerstörte Kultur, die getöteten Menschen, die zu Tode gequälten Tausenden, Millionen von Menschen, die ständige Erniedrigung des nationalen und menschlichen Würdegefühls –, das versucht die russische Propaganda totzuschweigen.

Und selbst wenn der Präsident Aserbaidschans völlig berechtigte Bemerkungen im Lichte der historischen Wahrheit über das Schicksal der Staatlichkeit seines Landes macht, kann dies in Moskau natürlich nichts anderes hervorrufen als Wut. Denn bis heute glaubt man in Russland nicht daran, dass man Beziehungen zu Staaten und Völkern auf Augenhöhe gestalten kann.

Aserbaidschan könnte die Ukraine bewaffnen | Vitaly Portnikov. 19.08.2025.

Der aserbaidschanische Parlamentsabgeordnete Rasim Musabekow hat Baku dazu aufgerufen, die Ukraine zu bewaffnen – vor dem Hintergrund des andauernden Energiekriegs Russlands gegen Aserbaidschan. Der Abgeordnete wies darauf hin, dass die aserbaidschanische Armee immer noch über genügend sowjetische Technik verfügt, die derzeit durch neue, in der Türkei produzierte Ausrüstung ersetzt wird. In diesem Zusammenhang könnte Aserbaidschan die für seine Streitkräfte nicht mehr benötigte sowjetische Technik an die Ukraine übergeben, die weiterhin gegen die russische Aggression kämpft.

Rasim Musabekow ist der Ansicht, dass es nicht notwendig sei, öffentliche Erklärungen über Waffenlieferungen abzugeben. Russland, so ist bekannt, versteht nicht die Sprache öffentlicher Stellungnahmen, sondern die Sprache der Taten. Und genau deshalb könne man sagen, dass Aserbaidschan auf die Kampagne, die Russland derzeit gegen seine Energieanlagen auf ukrainischem Boden führt, nicht mit Erklärungen und Protesten, sondern mit realer Hilfe für die Ukraine reagieren sollte.

Diese Erklärung des aserbaidschanischen Parlamentariers zeugt von wachsendem Unmut in Baku über die Taktik, die der Kreml in den Beziehungen zu Aserbaidschan eingeschlagen hat.

Wahrscheinlich erwartete man in Baku nach der Katastrophe des aserbaidschanischen Passagierflugzeugs – als Präsident Ilham Alijew die russische Seite aufforderte, sich für die Tragödie zu entschuldigen, die durch den Abschuss eines russischen Luftabwehrsystems provoziert wurde – eine weitaus angemessenere Reaktion. Stattdessen fiel die Reaktion völlig anders aus.

Wie sich zeigt, betrachtet man in Russland das Bestreben Aserbaidschans, seine Souveränität zu verteidigen, nahezu als Beleidigung. Und tatsächlich beschränkt man sich nicht auf Erklärungen, sondern unternimmt konkrete Schritte, die die Entschlossenheit zeigen sollen, keinerlei Zugeständnisse zu machen.

Der Energiekrieg Russlands gegen Aserbaidschan ist das deutlichste Beispiel dafür, wie Russland in Zukunft die Beziehungen zu den ehemaligen Sowjetrepubliken gestalten will und welche Schlüsse es aus dem langjährigen russisch-ukrainischen Krieg gezogen hat.

Die Schlussfolgerung ist meiner Meinung nach klar und für jeden verständlich: Gewalt soll die Nachbarn Russlands lehren, wie sie ihre Beziehungen zu Moskau gestalten müssen.

Zu den Angriffen auf die aserbaidschanischen Öllager auf ukrainischem Territorium – Lager der Firma Sakar – kam in der vergangenen Nacht noch die Situation mit der Kremenchuker Raffinerie hinzu. Wie bekannt, verarbeitete auch diese, von russischen Schaheds angegriffene Raffinerie, aserbaidschanisches Öl. Deshalb lässt sich der Schlag gegen die Raffinerie in Kremenchuk durchaus in eine Linie mit den jüngsten Angriffen auf die Öllager in der Region Odessa stellen.

Gleichzeitig setzt Russland seine Angriffe gegen in der Russischen Föderation lebende Aserbaidschaner oder gegen russische Staatsbürger aserbaidschanischer Herkunft fort. Parallel zu den Angriffen auf die aserbaidschanische Energieinfrastruktur in der Ukraine wurde zudem bekannt, dass einem der führenden Vertreter der aserbaidschanischen Diaspora in Russland die russische Staatsbürgerschaft entzogen wurde. Ein völlig beispielloser Akt, der einmal mehr daran erinnert, dass ein russischer Pass keinerlei Schutz vor Verfolgung bedeutet. Mehr noch: Er kann entzogen werden, sobald sich die Beziehungen zwischen zwei Staaten verschlechtern.

Und es ist klar, dass dies nur die erste Welle der Repressionen gegen Unternehmen ist, die unter Kontrolle von Bürgern Aserbaidschans in der Russischen Föderation oder russischen Bürgern aserbaidschanischer Herkunft stehen.

Wladimir Putin sieht keine Veranlassung, Erklärungen abzugeben, die seine Haltung zur gegenwärtigen Politik Bakus erkennen lassen würden. In Moskau reagierte man gelassen auf den jüngsten Besuch des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew und des armenischen Premierministers Nikol Paschinjan in Washington sowie auf deren Vereinbarung über einen Transportkorridor, der Aserbaidschan mit Nachitschewan und weiter mit der Türkei verbinden soll. Gelassen – zumindest in Bezug auf offizielle Stellungnahmen. Was jedoch die tatsächlichen Absichten betrifft, so kann man auch hier von einem Aktionsprogramm mit Gewaltcharakter sprechen.

Daher hat der aserbaidschanische Parlamentarier vermutlich recht, wenn er sagt, dass Aserbaidschan auf die russischen Handlungen mit entsprechenden Schritten reagieren müsse.

Letztlich müsse Aserbaidschan an einem Schutz seiner eigenen Energieanlagen auf ukrainischem Territorium, an der Sicherung seiner eigenen Wirtschaftsinteressen und an der Demonstration der Fähigkeit zur Wahrung seiner Souveränität interessiert sein.

Natürlich wird dies die russische Politik nicht ändern. Aber andererseits könnte es Präsident Wladimir Putin davon abhalten, neue gewaltsame Schritte gegenüber Baku zu unternehmen. Wir haben bereits gesehen, dass man im Kreml die Sprache der Verhandlungen und Diplomatie vor allem als Beweis von Schwäche und dem Willen versteht, Kompromisse zu russischen Bedingungen zu suchen. Wir haben auch gesehen, dass die russische Führung jeden Verhandlungsprozess nutzt, um Druck auszuüben und politische wie auch wirtschaftliche Vorteile zu erzielen.

Doch wenn sich herausstellt, dass ein Land nicht nur zu Erklärungen und Verhandlungen bereit ist, sondern auch in der Lage ist, Russland in dessen eigener politischer Sprache zu antworten, könnte sich die Haltung gegenüber diesem Staat ändern.

Schließlich konnte der russische Präsident seinen langjährigen politischen Partner, den Präsidenten der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, weder davon überzeugen, keine Waffen an die Ukraine zu liefern, noch davon, die territoriale Integrität der Ukraine und den ukrainischen Status der besetzten und annektierten Krim nicht klar anzuerkennen.

Daraus ergibt sich eine recht einfache Frage: Warum sollten wir glauben, dass eine Entscheidung einer der ehemaligen Sowjetrepubliken – zum Beispiel Aserbaidschans –, Waffen an die Ukraine zu liefern, eine neue Reaktion seitens der Russischen Föderation hervorrufen würde?

Denn es ist klar: Wenn Moskau eine Militäroperation gegen Aserbaidschan durchführen wollte, würden keine Waffenlieferungen das verhindern. Aserbaidschan ist in erster Linie durch seine Beziehungen zu Ankara geschützt – und übrigens auch durch die neuen Beziehungen zu Washington, durch die Vereinbarung, die der Präsident Aserbaidschans und der Premierminister Armeniens getroffen haben.

Ja, bislang sendet Baku eher Signale nach Moskau, als dass es konkrete Entscheidungen trifft. Doch klar ist: Wenn Russland nicht innehält und seinen Energiekrieg gegen Aserbaidschan fortsetzt, werden aserbaidschanische Waffen früher oder später im Arsenal der ukrainischen Armee landen.

Putin überlässt Trump den Kaukasus | Vitaly Portnikov. 15.08.2025.

Der russische Vizepremier Alexei Overtschuk erklärte, dass Moskau den „Trump-Korridor“ unterstütze, wenn dieser Sicherheitsgarantien bringe, wolle aber die Details noch mit der armenischen und aserbaidschanischen Seite klären.

Dieser versöhnliche Ton in der Erklärung des stellvertretenden Regierungschefs, der für die wirtschaftlichen Beziehungen zu Jerewan und Baku zuständig ist, zeigt, dass der Kreml derzeit keine Konfrontation mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten wegen des Zangezur-Korridors anstrebt.

Man könnte erwarten, dass Moskaus Reaktion viel härter ausfällt. Denn ursprünglich – man erinnere sich an die gemeinsame Erklärung der Präsidenten Wladimir Putin und Ilham Alijew sowie des armenischen Premierministers Nikola Paschinjan – sollte der Zangezur-Korridor nicht nur unter russischer Beteiligung, sondern unter russischer Kontrolle entstehen. Genauer gesagt: unter der Kontrolle des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB) der Russischen Föderation.

Jetzt aber hat Trump die russischen Geheimdienstler schamlos aus dem Südkaukasus hinausgeworfen und erklärt, dass die Vereinigten Staaten die Garanten für die Sicherheit in der Region sein würden. Sogar der Korridor, der Aserbaidschan mit Nachitschewan und weiter mit der Türkei verbinden soll, wird „Trump-Route“ heißen. Und der russische Vizepremier scheint gegen diese Bezeichnung nichts einzuwenden zu haben.

Das bedeutet, dass Russland heute keine besonderen Kräfte mehr hat, um amerikanischen Projekten entgegenzutreten. Übrigens gilt das nicht nur für Russland. Der iranische Außenminister Abbas Araghchi erklärte, dass Gespräche mit Vertretern der armenischen Regierung auch die iranischen Bedenken gegen den Bau des Zangezur-Korridors ausgeräumt hätten. Jerewan habe den iranischen Führungskräften erklärt, dass der Korridor zwar von US-Unternehmen gebaut werde, es sich aber um ein privates Unternehmen handele, ohne staatliche amerikanische Kontrolle über die Sicherheit – diese solle Armenien selbst gewährleisten. So habe Teheran also nichts zu befürchten.

Wir verstehen natürlich, dass dies die Realität in der Region nicht widerspiegelt. Für den Iran war es vorteilhaft, wenn Aserbaidschan den Zugang nach Nachitschewan über iranisches Territorium erhielt – so hätte Teheran stets ein Instrument wirtschaftlichen und politischen Drucks auf Baku in der Hand gehabt. Wenn der Korridor aber über armenisches Gebiet verläuft, und das auch noch unter amerikanischer Mitwirkung, verliert Teheran dieses Druckmittel.

Der Ton der Erklärung des iranischen Außenministers unterscheidet sich deutlich von den Äußerungen, die in Teheran unmittelbar nach dem Besuch von Ilham Alijew und Nikola Paschinjan in Washington gemacht wurden. Damals verglich die Revolutionsgarde die Entscheidung des aserbaidschanischen Präsidenten und des armenischen Premiers, eine Verkehrsverbindung unter US-Vermittlung zu schaffen, mit der Haltung des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky – und warnte Jerewan und Baku vor militärischen Konsequenzen. Jetzt stellt sich plötzlich heraus, dass es überhaupt keine Probleme gibt – man sei einfach falsch über die Absichten der Nachbarn informiert gewesen.

Dasselbe gilt für die russische Position. Wir wissen genau: Wenn der Korridor, der Aserbaidschan mit Nachitschewan und weiter mit der Türkei verbinden soll, über armenisches Territorium unter russischer Kontrolle verlaufen würde, hätte Russland weiterhin Einfluss- und Druckmittel sowohl auf Baku als auch auf Jerewan. Der Korridor könnte jederzeit aus irgendwelchen Gründen geschlossen werden, und der Kreml könnte abwechselnd Aserbaidschan und Armenien erpressen:

Aserbaidschan könnte man drohen, den für seine wirtschaftliche Entwicklung so wichtigen Verkehrsweg zu blockieren, falls Baku politisch „falsch“ handele. Armenien könnte man seine souveränen Rechte entziehen, falls es Moskaus Positionen im Südkaukasus nicht so unterstütze, wie der Kreml es wünsche.

Die Möglichkeiten wären also zahlreich – man muss nicht einmal spekulieren, sondern nur daran erinnern, in welcher Falle sich sowohl Aserbaidschan als auch Armenien Anfang der 1990er-Jahre befanden, als Moskau mit sichtbarem Vergnügen die Karabach-Frage nutzte, um beide Staaten zu spalten und sie immer wieder dazu zu bringen, Verständnis in Moskau zu suchen.

Jetzt ist das für immer vorbei. Es hat sich herausgestellt, dass der Präsident Aserbaidschans und der Premierminister Armeniens leichter eine gemeinsame Sprache in Washington finden als in Moskau.

Klar ist, dass das im Kreml niemandem gefallen kann – ebenso wenig wie der scharfe Ton, den der aserbaidschanische Präsident anschlägt, wenn er über die Katastrophe eines aserbaidschanischen Passagierflugzeugs oder über die Verfolgung von Mitgliedern der aserbaidschanischen Diaspora in Russland spricht. Wenn Ilham Alijew nach solchen scharfen Aussagen in der US-Hauptstadt gesehen wird, löst das in Moskau natürlich keinen Enthusiasmus aus – genauso wenig wie die Anwesenheit des armenischen Premiers, dessen Land immer noch Mitglied der Eurasischen Wirtschaftsunion ist und der demnächst Moskau besuchen will, um das Gleichgewicht in den Beziehungen zum Kreml zu wahren.

Trotzdem muss Moskau sich, wie wir sehen, mit der Realität abfinden: Der Zangezur-Korridor wird nicht von der Russischen Föderation kontrolliert, sondern von den Vereinigten Staaten – egal, ob eine private oder nicht-private Firma den Weg baut.

Welche Rolle der amerikanische Staat spielen wird, hängt natürlich davon ab, wie sich die Lage im Südkaukasus und in der Welt in den kommenden Tagen, Monaten und Jahren entwickelt. Schon ein einziges Treffen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin in Alaska könnte die internationale Situation abrupt verändern – ganz zu schweigen von den anhaltenden Konflikten und Kriegen.

Aber allein die Tatsache, dass russischen Beamten der Mut fehlt, gegen eine amerikanische Transporttrasse auf dem Gebiet des Südkaukasus zu protestieren, und dass sie nicht einmal versuchen, ihre Partner in Baku und Jerewan daran zu erinnern, dass es einst ein „hervorragendes“ russisches Projekt gab, das sie persönlich mit Putin vereinbart hatten – das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass Moskaus Einfluss im postsowjetischen Raum nicht nur schrumpft, sondern sich in Luft auflöst.

Und dass sich dieser unbestreitbare Fakt bis hin zu hochrangigen russischen Beamten – und damit auch bis zu Wladimir Putin – herumgesprochen hat. Denn ohne seine Zustimmung wären solche versöhnlichen Töne kaum möglich gewesen. Adressiert sind sie in erster Linie natürlich an Donald Trump – und erst in zweiter Linie an Ilham Alijew und Nikola Paschinjan.

Iran droht Aserbaidschan und Armenien | Vitaly Portnikov. 10.08.2025.

Der Oberste Führer des Iran, Ajatollah Chamenei, erklärt, Teheran werde niemals zulassen, dass seine Grenze zu Armenien geschlossen wird. Das russische Außenministerium wiederum betont, dass die Schaffung eines Verkehrskorridors, der über armenisches Territorium Aserbaidschan mit der autonomen Region Nachitschewan und weiter mit der Türkei verbinden soll, die Interessen Russlands berücksichtigen müsse.

Zur Erinnerung: In Moskau war man zuvor davon ausgegangen, dass Angehörige des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB diesen Transportweg kontrollieren würden. Einer der Generäle der Iranischen Revolutionsgarde, Saad Dschaani, äußerte sich sogar noch offener zu den Folgen der Vereinbarung, die Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew und Armeniens Premierminister Nikola Paschinjan in Anwesenheit des US-Präsidenten Donald Trump getroffen hatten. Er behauptete, die Führungen von Aserbaidschan und Armenien hätten denselben Fehler gemacht wie Zelensky – und die Folgen für sie würden ähnlich ausfallen.

Versuchen wir zunächst zu entschlüsseln, was mit dem „Fehler Zelensky“ gemeint ist. Offensichtlich bezieht sich dieser Fehler – der nicht nur den amtierenden ukrainischen Präsidenten, sondern auch seine Vorgänger betrifft – darauf, dass sich die Ukraine, mit Ausnahme der Amtszeit von Wiktor Janukowytsch, nicht bereitfand, im russischen Fahrwasser zu schwimmen und auf Souveränität zugunsten Moskaus und seiner Verbündeten zu verzichten. Genau diese Weigerung, sich in einen russischen Satelliten zu verwandeln, führte tatsächlich zu dem langjährigen, blutigen Krieg Russlands gegen die Ukraine. Der iranische General benannte damit schlicht die eigentliche Ursache dieses Krieges – auch wenn man sie in Moskau zu verschleiern versucht.

Dass Aserbaidschan und Armenien nun mit Unterstützung der Vereinigten Staaten einen Verkehrskorridor schaffen wollen, spricht ebenfalls für eine Stärkung der Souveränität beider Nachbarländer. Jahrzehntelang steckten sowohl Baku als auch Jerewan in einer echten Moskauer Falle, in der der Kreml beide Völker gegeneinander ausspielte, um eigenen Einfluss und Vorteile auf fremdem Boden zu sichern, die wirtschaftliche Entwicklung sowohl Armeniens als auch Aserbaidschans zu bremsen und dafür zu sorgen, dass der Kaukasus eine Sackgassenregion blieb.

Auch für den Iran brachte diese Lage Vorteile, da er einer der wenigen offenen wirtschaftlichen Korridore für Armenien blieb. Zugleich bemühte man sich in Teheran, die eigenen – wenn auch schwierigen – Beziehungen zu Aserbaidschan aufrechtzuerhalten.

Nun aber – mit dem geplanten Verkehrskorridor – werden weder Aserbaidschan noch Armenien, noch übrigens die Türkei, und künftig hoffentlich auch Georgien, russische oder iranische „Dienstleistungen“ in dieser Hinsicht benötigen. Für Moskau und Teheran ist das Anlass, darüber nachzudenken, ob die Konsequenzen für Alijew und Paschinjan nicht ähnlich ausfallen sollten wie für Kyiv nach dem Maidan: dass nämlich einzig Gewalt und Krieg als Beweis eigener Möglichkeiten in der Region dienen – und nicht etwa wirtschaftliche oder politische Zusammenarbeit.

Zwar ist es derzeit schwer vorstellbar, dass Russland etwa Aserbaidschan angreifen oder der Iran Aserbaidschan und Armenien militärisch treffen würde. Beide Staaten sind in andere Konflikte verstrickt: Russland hat nahezu alle Ressourcen auf den jahrelangen, blutigen Krieg gegen die Ukraine konzentriert, in dem es Putin seit 2022 nicht gelingt, seine Ziele zu erreichen. 

Die Vorstellung, dass Teile der russischen Armee statt im Kampf gegen die ukrainischen Streitkräfte plötzlich eine Aggression gegen Aserbaidschan beginnen, ist politisch kaum denkbar – zumal Putin wohl kaum seine besonderen Beziehungen zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan aufs Spiel setzen würde, erst recht nicht, wenn Erdoğan damit theoretisch die Möglichkeit einer direkten Landverbindung mit Aserbaidschan erhält.

Auch der Iran ist durch die jüngste zwölftägige Kriegsrunde mit Israel und die US-Militärschläge schwer angeschlagen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Chamenei oder die Revolutionsgarden Donald Trump jetzt einen Vorwand für weitere Angriffe auf den Iran liefern würden. Denn ein Krieg gegen Aserbaidschan und Armenien, um den von den USA kontrollierten Sangesur-Korridor zu verhindern, wäre nicht nur ein Schlag gegen israelische, sondern direkt gegen amerikanische Interessen – und würde echte Gründe für ein Eingreifen der USA schaffen.

Das gilt allerdings nur für den heutigen Tag. Wir wissen, dass die autoritären Regime in Moskau und Teheran auf lange Sicht planen. Wladimir Putin hat nicht vor, abzutreten. Ajatollah Chamenei wird den Iran bis zu seinem Lebensende führen. Und ihre Nachfolger werden höchstwahrscheinlich den aggressiven außenpolitischen Kurs fortsetzen, den Russland und der Iran in den letzten Jahrzehnten eingeschlagen haben – ein Kurs, der auf realer Konfrontation mit den USA und anderen westlichen Staaten beruht und darauf abzielt, deren wirtschaftlichen Einfluss zu schmälern, indem man Staaten angreift und destabilisiert, die sich vom russischen und iranischen Einfluss befreien und für westliche Länder gegenseitig vorteilhafte Handelsmöglichkeiten schaffen wollen – in Regionen wie Mitteleuropa oder dem Kaukasus.

Das ruft, wie wir sehen, jedes Mal Drohungen und Wut hervor. Und dort, wo Drohungen und Wut herrschen, beginnt oft die Vorbereitung auf einen echten Krieg. Deshalb darf man sich hinsichtlich der Absichten Russlands und Irans keineswegs in Sicherheit wiegen. Was heute unmöglich erscheint, kann morgen schon ein realer großer Krieg im Kaukasus sein.

Zumindest müssen wir verstehen, dass Moskau und Teheran mögliche Pläne für einen solchen Krieg oder gemeinsame Schritte zur politischen Destabilisierung der Region besprechen werden – insbesondere zur Destabilisierung Armeniens im Vorfeld der dort 2026 anstehenden Parlamentswahlen. Der Versuch, in Jerewan eine pro-russische und pro-iranische Regierung zu etablieren, könnte Moskaus erster Schritt sein, damit Armenien von den mit den USA und Aserbaidschan getroffenen Vereinbarungen abrückt.

Wir kennen dieses Vorgehen bereits aus dem ukrainischen Beispiel und wissen, dass Moskau und Teheran im Falle Armeniens dieselben gefährlichen Methoden zur Beeinflussung der Wählerschaft anwenden könnten – nicht zum Schutz des armenischen Volkes, sondern allein zur Durchsetzung eigener Vorteile.

Baku droht Moskau mit Waffen | Vitaly Portnikov, 11.08.2025.

Nach einem Telefonat zwischen dem Präsidenten der Ukraine, Volodymyr Zelensky, und dem Präsidenten Aserbaidschans, Ilham Alijew, erschien in den aserbaidschanischen Medien die Meldung, dass Baku im Falle weiterer unfreundlicher Handlungen seitens Moskaus – gemeint sind Angriffe auf aserbaidschanische Energieinfrastruktur auf ukrainischem Territorium – erwägen könnte, das Embargo für Waffenlieferungen aus Aserbaidschan an die Ukraine aufzuheben.

Das ist wohl das ernsteste Signal Aserbaidschans an Russland seit der Verschlechterung der bilateralen Beziehungen in den vergangenen Monaten. Und auch wenn es bislang keine offiziellen Erklärungen aserbaidschanischer Regierungsvertreter dazu gibt, zeigt allein die Veröffentlichung solcher Informationen, dass das Präsidialamt in Baku nach Instrumenten sucht, um seinen Unmut über die systematischen Angriffe der Russischen Föderation auf aserbaidschanische Infrastruktur in der Ukraine zum Ausdruck zu bringen.

Niemand dürfte daran zweifeln, dass es sich hierbei um gezielte Angriffe handelt, die im Zusammenhang mit der fortschreitenden Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und Aserbaidschan stehen. Dieses Zerwürfnis begann praktisch unmittelbar, nachdem Russland sich faktisch weigerte, sich für den Abschuss einer aserbaidschanischen Passagiermaschine im Luftraum der Russischen Föderation über dem Nordkaukasus zu entschuldigen.

Der russische Präsident Wladimir Putin sprach dem Präsidenten Aserbaidschans, Ilham Alijew, sein Beileid aus, verlor jedoch kein Wort darüber, dass der Abschuss auf einen Fehler des russischen Militärs zurückzuführen war, sondern schob die Verantwortung – wie gewohnt – vollständig der Ukraine zu. Weder die Forderungen Alijews an seinen russischen Amtskollegen und andere Moskauer Offizielle, die Ergebnisse der Untersuchung offenzulegen, sich bei den Familien der Opfer zu entschuldigen noch die Verantwortlichen zu bestrafen, hatten irgendeinen Einfluss auf Moskau.

Schon dieser Vorfall allein hätte ausgereicht, um das Verhältnis der beiden Nachbarländer abkühlen zu lassen. Doch Russland ging weiter und startete eine regelrechte Razzia gegen Bürger Aserbaidschans und russischen Bürger aserbaidschanischer Herkunft – selbstverständlich unter dem Vorwand der Bekämpfung ethnischer krimineller Gruppen. Solche Gruppen können in Russland aserbaidschanisch, georgisch, armenisch, tschetschenisch oder sonst etwas sein – nur nicht russisch. Wie bekannt, gibt es „ethnische russische“ Banden in der offiziellen Darstellung schlicht nicht.

Schnell wurde klar, dass diese Angriffe auf die aserbaidschanische Diaspora dem Abschuss des Flugzeugs ähnelten: völlige Respektlosigkeit gegenüber einem Nachbarstaat und die Bereitschaft, unter dem Deckmantel falscher Anschuldigungen fremdes Geschäft zu übernehmen. Dabei tut der russische Staat so, als ginge ihn das nichts an, und übernimmt keinerlei Verantwortung für die kriminellen Handlungen seiner eigenen Sicherheitsorgane.

Offensichtlich konnten weder der Präsident Aserbaidschans noch andere Regierungsvertreter zu diesem Vorgehen schweigen. Denn die politische Logik Aserbaidschans nach den Karabach-Kriegen – die Logik eines Staates, der seine Interessen zu verteidigen weiß und will – schließt das postsowjetische Schweigen aus, wenn man wie ein Staat dritter Klasse behandelt wird, der sich bei jedem Ausdruck russischer Unzufriedenheit oder bei jeder Grobheit gegenüber seinen Bürgern gefälligst ducken soll.

Der Konflikt zwischen Russland und Aserbaidschan war daher allein schon dadurch vorprogrammiert, dass Aserbaidschan sich – aus Moskauer Sicht erstaunlich schnell – von einer ehemaligen Sowjetrepublik zu einem souveränen Staat entwickelt. Souveräne Staaten will Russland im postsowjetischen Raum nicht sehen – und es ist bereit, gegen sie vorzugehen.

Das deutlichste Beispiel für diese Bereitschaft ist der russisch-ukrainische Krieg. Im Kern begann die militärische Aggression gegen die Ukraine in dem Moment, als das ukrainische Volk sein Recht auf eine eigene geopolitische Ausrichtung und die freie Wahl seiner Regierung einforderte. Zuvor gab es bereits die Idee, die „aufsässigen Bürger“ Georgiens zu bestrafen, danach folgte Armenien – und nun ist offenbar Aserbaidschan an der Reihe.

Als der Kreml erkannte, dass weder der Präsident Aserbaidschans noch die Medien noch die Bürger des Landes gewillt sind, diese russische Missachtung ihrer Würde tatenlos hinzunehmen, ging man zur nächsten Stufe des „Erziehungsprozesses“ über.

Ja, es handelt sich bisher nicht um eine direkte Aggression gegen Aserbaidschan, wohl aber um die Bereitschaft, die wirtschaftlichen Interessen Aserbaidschans dort zu treffen, wo Russland ohne weiteres eigene Waffen einsetzen kann. So gerieten Objekte der aserbaidschanischen Energieinfrastruktur auf ukrainischem Gebiet ins Visier. Und ich versichere Ihnen: Das ist erst der Anfang aggressiver Handlungen des Kremls.

Ich bin überzeugt, dass derzeit zahlreiche Beamte des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, des Auslandsgeheimdienstes SWR und der Energiebehörden des Landes für Präsident Putin neue Pläne zur Aggression und Destabilisierung Aserbaidschans und des gesamten Südkaukasus ausarbeiten. Der Kampf gegen die Souveränität ehemaliger Sowjetrepubliken ist keine Aufgabe, die Putin „für später“ aufschieben würde – selbst wenn er im Krieg gegen die Ukraine feststeckt.

Es steht außer Zweifel, dass die Lage im Nordkaukasus schon jetzt weitaus komplizierter wäre, wenn Putin nicht so stark in der Ukraine gebunden wäre. Darum sucht Aserbaidschan nach einer wirksamen Antwort, um Moskau zu zeigen, dass es sich nicht lohnt, vorschnell ein weiteres sinnloses „Strafmanöver“ gegen ein fremdes Volk und einen anderen Staat zu starten.

Und Waffenlieferungen an die Ukraine – damit diese noch effektiver gegen die russischen Invasoren vorgehen kann und damit deren Möglichkeiten für künftige Angriffe auf Aserbaidschan schwinden – wären wohl die beste, wirksamste und präziseste Antwort auf die beginnende russische Aggression gegen Aserbaidschan und seine wirtschaftlichen Interessen.

Eine Aggression, die sich nur noch verstärken wird, nachdem der Präsident Aserbaidschans und der Premierminister Armeniens gemeinsam mit dem US-Präsidenten die Einrichtung eines Transportkorridors vereinbart haben, der Aserbaidschan mit Nachitschewan und der Türkei verbinden und unter US-Kontrolle stehen wird.

Alijew und Paschinjan bei Trump: Ergebnisse | Vitaly Portnikov. 09.08.2025.

Das historische Treffen des Präsidenten Aserbaidschans, Ilham Alijew, und des Premierministers Armeniens, Nikola Buh Paschinjan, im Weißen Haus in Anwesenheit des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, ist zweifellos ein völlig neues Kapitel in der Geschichte des gesamten Südkaukasus – ein Kapitel, das Gegenwart und Zukunft der Region verändern kann.

Ja, natürlich ist dies noch nicht jenes Friedensabkommen, über dessen Unterzeichnung wir in den letzten Monaten gesprochen haben und das weiterhin auf dem Tisch liegt, weil der Präsident Aserbaidschans, Ilham Alijew, immer noch nicht auf eine wichtige Forderung an Eriwan verzichtet hat: die Änderung der armenischen Verfassung selbst. Dennoch handelt es sich zweifellos um recht belastbare Garantien für den Frieden in einer Region, die jahrzehntelang ein Schauplatz von Kriegen, Zusammenstößen, ethnischen Konflikten und Hass gewesen ist.

Der wichtigste Punkt bei dem Treffen Alijews und Paschinjans in Washington ist, dass nun nicht mehr Russland, sondern die Vereinigten Staaten Garant für die Sicherheit und die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Aserbaidschan und Armenien sein werden. Man kann sagen, dass die amerikanische Administration die Gelegenheit gut genutzt hat, dass Russland seinen Einfluss im postsowjetischen Raum geschwächt und praktisch alle Ressourcen auf den schändlichen Krieg gegen die Ukraine konzentriert hat, um das Sicherheits- und Präsenzdefizit zu füllen, das durch Russlands faktischen Verzicht auf eine Rolle bei der Vermittlung zum Missfallen sowohl Bakus als auch Eriwans entstanden ist.

Ja, eigentlich – warum hätte Russland Aserbaidschan und Armenien überhaupt bei einem Waffenstillstand oder einer Versöhnung helfen sollen, wo doch die Hauptaufgabe Russlands immer darin bestand, beide Völker in einer Falle des Hasses zu halten, diese Feindschaft nach Belieben zu verstärken und je nach Stimmung im Kreml mal die eine, mal die andere ehemalige Sowjetrepublik zu bestrafen? Genau dieser Logik folgten auch alle Karabach-Kriege – es ging darum, wen der Kreml diesmal bestrafen wollte.

Heute ist das alles Vergangenheit. Die Tatsache, dass jener Verkehrskorridor, der noch vor Kurzem gemäß der Logik einer gemeinsamen Erklärung des Präsidenten Aserbaidschans und des Premierministers Armeniens von Mitarbeitern des russischen Geheimdienstes FSB kontrolliert werden sollte, nun von den Amerikanern kontrolliert wird, ist – ich würde sagen – die wichtigste geopolitische Veränderung der gesamten Lage im Südkaukasus und eine ernsthafte Schwächung der Positionen sowohl Moskaus als auch seiner Verbündeten in Teheran.

Der Iran hat alles getan, um eine echte Versöhnung zwischen Aserbaidschan und Armenien zu verhindern – aus denselben Überlegungen wie Russland. Wenn Aserbaidschan und Armenien nicht zueinanderfinden, bleibt der Iran der einzige mögliche Handelskorridor für Aserbaidschan und der einzige mögliche Wirtschaftspartner für Armenien. Die Öffnung der Grenzen zwischen Aserbaidschan, Armenien und der Türkei beraubt den Iran selbstverständlich dieser wichtigen Rolle.

Dass die Vereinigten Staaten nun nicht nur die Sicherheit der Transportverbindungen, sondern auch die Sicherheit Aserbaidschans und Armeniens selbst garantieren werden, während Russland die Möglichkeit verliert, Intrigen und Machenschaften sowohl gegen Baku als auch gegen Eriwan zu spinnen, schwächt Russlands Positionen natürlich erheblich.

Mit anderen Worten: Zwei Schlüsselfiguren, die stets an Instabilität in der Region interessiert waren, weichen nun einer Großmacht, die an wirtschaftlicher Stabilität interessiert ist und zudem einen beträchtlichen Einfluss auf die Türkei ausüben kann – den führenden Akteur im Südkaukasus.

Es ist daher kein Zufall, dass der Präsident der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, das Treffen der aserbaidschanischen und armenischen Führer in Washington begrüßte – angesichts der besonderen Beziehungen zwischen Trump und Erdoğan, jener offensichtlichen Sympathie, die der US-Präsident dem türkischen Präsidenten entgegenbringt und die er nicht einmal vor dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu verborgen hat. Das ist ebenfalls ein wichtiger Umstand, der einen optimistischen Blick in die Zukunft erlaubt.

Man kann also noch einmal sagen: Russland, das versucht, sein eigenes Imperium mit Gewalt wiederherzustellen und all seine Kräfte darauf konzentriert, die Ukraine zu bestrafen und zu erobern, verliert gleichzeitig sämtliche möglichen Positionen im ehemaligen postsowjetischen Raum. „Ehemaliger“ postsowjetischer Raum ist hier schon die richtige Bezeichnung. Denn wenn wir den Zangezur-Korridor nun „Trump-Korridor“ nennen, ist klar, dass weder Aserbaidschan noch Armenien künftig irgendetwas mit dem postsowjetischen Raum zu tun haben werden.

Bemerkenswert ist dies auch deshalb, weil Aserbaidschan ein Abkommen über strategische Partnerschaft mit der Russischen Föderation hat, das Präsident Ilham Alijew im unheilvollen Februar 2022 mit Präsident Wladimir Putin unterzeichnete. Und Armenien ist immer noch Mitglied der Eurasischen Wirtschaftsunion und der OVKS. Doch angesichts der Dokumente, die in Washington in Anwesenheit des Präsidenten Aserbaidschans und des Premierministers Armeniens unterzeichnet wurden, denke ich, dass diese Mitgliedschaft Armeniens in prorussischen Projekten nur vorübergehend sein wird.

Natürlich ist das noch nicht das Ende der Geschichte. Russland wird versuchen, die Lage in Armenien zu destabilisieren und dort prorussische Kräfte an die Macht zu bringen. Allerdings ist klar, dass die heutige Unterzeichnungszeremonie die politischen Positionen Nikola Paschinjans und seine Chancen bei den Wahlen 2026 erheblich verbessert hat.

Russland wird selbstverständlich auch versuchen, die Lage in Aserbaidschan zu destabilisieren und die aserbaidschanische Wirtschaft zu treffen. Wie wir sehen, geschieht dies nicht nur in Russland selbst, sondern inzwischen auch in der Ukraine, wo Gaskompressorstationen, die aserbaidschanisches Gas weiterleiten, bombardiert werden. Doch aus Sicht der aserbaidschanischen Gesellschaft ist der Weg zur Entblockierung der Handelswege in der Region und die Möglichkeit, Aserbaidschan mit Nachitschewan – und über dieses mit der Türkei – zu verbinden, ein historisches Ereignis, das kaum durch irgendwelche russischen Destabilisierungsaktionen überschattet werden kann.

Dank der Vereinigten Staaten – und dank ihres eigenen gesunden Menschenverstands – befreien sich Aserbaidschan und Armenien nun endlich aus jener langjährigen russischen Falle, jenem Käfig, in dem sich die armenischen und aserbaidschanischen Völker seit Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre befanden.

Ja, es wird noch ein schwieriger Weg sein. Ja, er kann noch von vielen unangenehmen Zwischenfällen überschattet werden. Aber die Tendenz selbst erlaubt es, mit einem ausreichenden Maß an Optimismus in die Zukunft des Südkaukasus, Armeniens, Aserbaidschans – und folglich auch Georgiens – zu blicken.

Russischer Angriff auf aserbaidschanisches Gas | Vitaliy Portnikov. 06.08.2025.

Das Ministerium für Energie der Ukraine erklärte, dass Russland gezielte Angriffe auf Infrastruktur geführt habe, über die aserbaidschanisches Gas in die Ukraine gelangen könnte, das von europäischen Abnehmern gekauft wird. Konkret handelte es sich um einen Angriff russischer Drohnen auf die Gaskompressorstation „Orlovka“ in der Region Odessa.

Es ist offensichtlich, dass ein solcher Angriff – und noch dazu auf ein Objekt direkt an der Grenze zwischen der Ukraine und Rumänien, also an der Grenze zur Europäischen Union – kaum zufällig und ausschließlich Infrastruktur-bezogen sein dürfte. Dass der Angriff gerade jetzt auf die Kompressorstation Orlovka erfolgt ist, kann als unmissverständliches Signal von Russlands Präsident Wladimir Putin an seinen aserbaidschanischen Kollegen Ilham Alijew verstanden werden – vor dem Hintergrund der sich weiter verschärfenden Beziehungen zwischen Russland und Aserbaidschan.

Wie bekannt ist, spielt Energie eine zentrale Rolle in dieser Eskalation. Ilham Alijew hat nicht verheimlicht, dass Aserbaidschan – das sich nicht als aktiven Konkurrenten Russlands auf dem Energiemarkt sieht, sondern lediglich als Anbieter von Rohstoffen, deren Lieferung möglich wurde, weil Russland seinen Platz als Hauptgaslieferant Europas geräumt hat – seine Lieferungen in den europäischen Markt ausbauen wolle. Aus stabilitätspolitischer Sicht sind diese Lieferungen in der Tat von großer Bedeutung.

Daher ist klar, dass Russland Aserbaidschan, zumindest über ukrainisches Territorium, an der Lieferung von Gas hindern möchte – gerade dort, wo Moskau nicht direkt beschuldigt werden kann, Anschläge auf aserbaidschanische Interessen zu verüben. Anders gesagt: Russland greift, wie in seiner militärischen Diplomatie üblich, heimtückisch an – ohne sich der Verantwortung stellen zu müssen.

Dennoch wird die Frage, wie aserbaidschanisches Gas künftig über die ukrainische Gastransportinfrastruktur geliefert werden soll, nun sowohl für Aserbaidschan selbst als auch für seine europäischen Abnehmer zu einer schwierigen und schmerzhaften – Herausforderung.

Bemerkenswert ist, dass dieser Angriff nicht zufällig erfolgte, sondern genau zu dem Zeitpunkt, als Beobachter über mögliche Ergebnisse des Treffens zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump, dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew und dem armenischen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan sowie über eine mögliche trilaterale Verhandlung zwischen den USA, Aserbaidschan und Armenien sprechen.

Bislang ist unklar, ob ein solches Treffen zu einem realen Abkommen führen könnte – einem wichtigen Schritt hin zu einem tatsächlichen Friedensvertrag zwischen Jerewan und Baku. Doch die Tatsache, dass Donald Trump als Vermittler zwischen Alijew und Paschinjan auftreten will und dass sie angesichts der USA-Präsenz zumindest einen umfassenden Fahrplan für den Abschluss eines Friedensvertrages und einen dauerhaften Frieden im Kaukasus zustimmen könnten, dürfte für Moskau alles andere als erfreulich sein. Russland hat jahrzehntelang versucht, Aserbaidschan und Armenien in einer eigenen politischen Falle zu halten.

Nun schaffen es beide Staaten mit großer Anstrengung, aus dieser Falle herauszukommen. Und es ist klar, dass Ilham Alijew wissen muss, wie Putin das sieht: Aserbaidschan wird keine politischen oder energetischen Erfolge haben, falls es sich den Wünschen Russlands widersetzt.

Der Angriff auf Orlovka ist bisher die erste Warnung des Kremls an den aserbaidschanischen Präsidenten. Ich habe keinen Zweifel, dass in den russischen Diensten – dem FSB und dem Auslandsgeheimdienst – bereits weitere Maßnahmen zur Destabilisierung Aserbaidschans vorbereitet werden. Denn Aserbaidschan hat sich nach dem Abschuss eines aserbaidschanischen Passagierflugzeugs durch ein russisches Luftabwehrsystem im Himmel über Grosny nicht mit der russischen Reaktion abgefunden.

Zudem schließt Aserbaidschan das Russische Haus und verhaftet Agenten russischer Geheimdienste, die offenbar im Interesse Moskaus gearbeitet haben, um gezielt die Situation in der Region zu destabilisieren. Die Führung Aserbaidschans macht keinen Hehl daraus, dass sie nicht akzeptiert, als Satellitenstaat Russlands wahrgenommen zu werden, sondern als souveräner Staat. Das passt Putin nicht in sein Bild – er ist überzeugt, dass der blutige Krieg in der Ukraine nur ein Schritt zur Wiederherstellung der russischen Staatlichkeit in den Grenzen der ehemaligen Sowjetunion ist. Aserbaidschans einzige Rolle in Putins Fantasien wäre maximal eine autonome Region innerhalb eines neu formierten russischen Staates.

In diesem Kontext sind der Präsident Aserbaidschans, das Parlament und die Regierung nur Verwaltungsorgane dieser zukünftigen Autonomie – die ihre Rolle kennen sollten. Aber weil in Baku niemand seinen Platz akzeptieren will, ist klar, dass die Eskalation zwischen Russland und Aserbaidschan unausweichlich wird.

Man kann sich vorstellen, dass Russland jetzt, da alle militärischen Ressourcen auf der Ukraine konzentriert sind, keine Kapazitäten hat, neue Kriege im Kaukasus zu führen. Dennoch will es demonstrieren, dass man sich mit Moskau auseinandersetzen muss – und wenn keine anderen Hebel mehr funktionieren, bleiben nur noch die militärischen.

Statt direkte militärische Angriffe auszuführen, greift Russland Gas-Kompressorstationen an, um Aserbaidschan zu signalisierten: Der direkte Gasexport über die Ukraine ist nicht einfach. Das wird Aserbaidschan vielleicht zwingen, alternative Routen über Europa zu suchen – aber es zeigt auch, wie „leicht“ man sich mit der Ukraine solidarisieren kann, solange deren Luftraum nicht geschützt ist und Russland ständig neue Ziele zerstört und dabei auch die Interessen derjenigen trifft, die als nächstes auf der Angriffsliste stehen.

In diesem Sinne ist der Angriff auf Orlovka – dieses Signal Putins an den aserbaidschanischen Präsidenten – keine Überraschung, sondern eine konsequente Entwicklung, die durch Moskaus chauvinistischen Umgang mit seinen Nachbarn vorherbestimmt war.