Was auf den Fahnen geschrieben uns steht – Gesang aus unsagbaren Sphären. Vom göttlichen Glanz die Himmel erfüllt, Heute und immer soll’s währen. Tief in uns lebt es, wirkt in uns fort, Trotz allem, über das All. Atmet in uns, reift in uns, hebt uns empor Zu würdiger Größe ohne Fall. Diese verborgene Kraft wird Gebet: Gott, o vernimm, erhör’ mich! Mit Herz und Lippen, mit Seele und Werken Will ich mein Heimatland segnen.
Refrain: Führt mich hinauf, ja führt mich hinauf Auf Savur-Mohyla! Dass ich noch schaue, schaue Auf meine Ukraine!
Was keiner wählt und keiner verkauft, Was Geld dir niemals gewinnt. Heilige Erde, Mutter geliebte, Die unterm Helm du uns birgst. Rufen wir etwa den heiligsten Namen Vergebens, wenn wir ins Feld zieh’n? Mag diese Schlacht nun die letzte mir sein – Reich mir die blanke Klinge hin! Rufe der Steppe durchfurchen die Weite, Feurige Pfeile sie schießen. Schulter an Schulter, unbrechbare Mauer, Rot wie die Herzen die Schilde. Gott, in dein Erbarmen flieh ich, Darin zu leben, darin zu sterben. Meine freie Ritterwürde dir weih ich – Segne dein Urteil an mir.
Refrain.
Schlag über Schlag von wildem Don, Ein Hagel brennender Pfeile. Donner und Stöße der feindlichen Scharen, Gelächter und Schreie daneben. Blutige Nächte, blutige Morgen, Blutige Dämmerungszeit. Und unsre Rotten, Hundert’ und Scharen – Heere des Landes voll Macht. Mit ihren Flügeln schlägt Mutter, schlägt Ehre, Trägt ihre Söhne, die besten, Aus dem höllischen Strudel mit lichten Klingen In Paradiesesfeste. Letzter Gedanke, letztes Gebet: Gott, du erfülle es mir! Stumm nun die Lippen, mit Blut aus der Wunde Segne ich die Ukraine.
Refrain.
Blutübergossen die Panzerhemden, Zerschlagen die glänzenden Helme. Zerhauen sind wir, durchschossen und brennend, Vom feindlichen Feuer verzehrt. Und nach vollbrachter ritterlicher Wacht Steht keine Seele mehr da. Unser Gefolge, o Bruder, das Heer – Fiel unter feindlicher Schar. Lippen verbrannt von glühendem Durst Ringe ich um meinen Atem. Leise im letzten, im sanften Seufzer Segn’ ich die heilige Heimat.
Refrain.
Und über der Ukraine, im weiten Tal, Kreist ein grauer Adler. Dort steht das Heer, das herrliche, Das ukrainische – sonnengestrahlt. Was auf den Fahnen geschrieben steht – Etwas, das niemals verkauft wird!
Те, що написано в нас на прапорах – Спів невимовних сфер. Сяйвом залиті небесні простори Нині і прісно й тепер. Це безумовно живе в нас і діє, І попри все, і понад все, Нас надихає, в нас дихає і зріє І у величне веде... Силу цю скритну виллю в молитву: Боже, послухай, послухай, молю! Серцем, устами, душею й ділами Край свій благословлю!
Приспів: Ой, та ви ведіте та і виведіте Мене на Савур-могилу, Нехай я гляну, гляну-подивлюся Та й на свою Вкраїну!
Те, чого справді не обирають, І те, чого не продаси. Рідная Нене, Земле Святая! За шелом'янем єси. Боже Іменнє не всує вспом'янем? В битву за Тебе йдучи. Може і бій сей для мене останній?.. Зброю ясную вручи? Криком поля вгородили погані, Мечуть огненні гроти. Рам'ям до рам'я, муром незламним! В серці черлені щити. Боже, під милість Твою прибігаю, Жити в ній, вмерти молю, Волю лицарську Тобі обручаю, Присуд Твій благословлю.
Приспів.
Удар за ударом од дикого Дону, Стріли огненних дощів, Градів із пащ людожерного змія, Сміхи і крик упирів. Криваві ранки, криваві світанки, Криваві ночі жалкі, І наші чоти, сотні, паланки, Сотні небесних полків. Б'є крилами Мати, б'є крилами Слава, Й найкращі її сини З пекельного виру, з ясними мечами У вирій Раю ввійшли. Остатньою мислю, молитву остатню, Нехай її, Боже, сповню! Устами німими, кров'ю із рани Вкраїну благословлю.
Приспів.
Кров'ю залиті сорочки броньчасті, Розбито шоломи ясні, Порубані ми і постріляні бардзо, І спалені в дикім огні. А по потребі лицарській на варті Ані душі, хоч кричи. Військо положене наше, мій брате, През зловорожі мечі. І тими устами, засмаглими з спраги, Подих заледве ловлю. Тихим зітханням, останнім, прощальним, Землю прославлю свою.
Приспів.
А на Україні, в широкій долині Сизий орел літає. Гей, стоїть військо, славне, Українське, та все в золоті сяє. Те, що написано в нас на прапорах, І те, чого не продаси!
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Art der Quelle:Lied Titel des Originals:Дума про Савур могилу Autoren:Тарас Компаніченко, Хорея Козацька
Veröffentlichung / Entstehung:2018 Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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In der Ukraine herrscht eine echte politische Krise vor dem Hintergrund des größten Korruptionsskandals der letzten Jahre, in den Vertreter der Regierung verwickelt sind, sowie eines Krieges, der weiterhin andauert.
Der Werchowna Rada der Ukraine ist es heute nicht gelungen, den Justizminister Herman Haluschtschenko und die Energieministerin Switlana Hrynschuk ihres Amtes zu entheben. Abgeordnete der Fraktion Europäische Solidarität blockierten das Parlamentspult und forderten den Rücktritt der gesamten Regierung.
Und es gibt ziemlich offensichtliche Gründe anzunehmen, dass dies nicht nur die Stimmung dieser Abgeordneten ist – dass es nämlich in der Werchowna Rada keine Mehrheit gibt, die damit einverstanden wäre, dass die aktuelle, groß angelegte Korruptionskrise allein durch kosmetische Umbesetzungen in der amtierenden Regierung gelöst werden kann. Vielmehr braucht es viel ernstere und verantwortungsvollere Entscheidungen, die nicht nur das Vertrauen der Gesellschaft in die Regierung nach diesem massiven Korruptionsskandal wiederherstellen, nicht nur das Vertrauen der Verbündeten, sondern auch die tatsächliche und effektive Arbeit der Institutionen – vor allem der Legislative und der Exekutive –, deren Tätigkeit seit den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019 in der Ukraine praktisch blockiert ist.
Und seltsamerweise haben wir seit Februar 2022, also gerade in der Zeit, in der die effektive Arbeit dieser Institutionen das Überleben der Ukraine im Krieg hätte sichern sollen, eine noch stärkere Monopolisierung der Macht erlebt. Diese wurde nun zur Arena einer gewaltigen Korruptionskrise, die erst beginnt – denn wir wissen nicht, welche weiteren Materialien den Antikorruptionsbehörden vorliegen und was wir in den kommenden Wochen und Monaten noch über Missbräuche seitens der Machthaber erfahren werden.
Vor diesem Hintergrund plant der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky ein Treffen mit dem Sondergesandten des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Steve Witkoff, in der Türkei. Offiziell geht es um die Wiederaufnahme der russisch-ukrainischen Verhandlungen, aber ich erinnere daran, dass es für die Wiederaufnahme solcher Verhandlungen bei Weitem nicht ausreicht, sich lediglich mit dem Vertreter des US-Präsidenten zu treffen. Dafür wäre der Wille des Kremls nötig, der keinerlei Notwendigkeit sieht, mit der Ukraine zu verhandeln – erst recht nicht in einer Situation, in der man den US-Präsidenten Donald Trump nicht davon abhalten kann, neue Sanktionen gegen Russland und neue Militärhilfe für die Ukraine zu verhängen. Denn alle Verhandlungen waren für die Russen ausschließlich ein Mittel, Zeit zu gewinnen und Trump von entschlossenen Schritten abzuhalten.
Doch es gibt einen wichtigen Punkt: Dieses Treffen mit Witkoff findet in einem äußerst ungünstigen Moment für den ukrainischen Präsidenten statt, da der Sondergesandte des US-Präsidenten – wie viele Politiker und Experten feststellen – die Natur des russisch-ukrainischen Krieges nicht versteht und überzeugt ist, dass Putin bereit sei, ihm zuzuhören und den Krieg zu beenden, wenn die Ukraine erhebliche Zugeständnisse macht. Und er wird genau diese Zugeständnisse von Zelensky verlangen – vor dem Hintergrund der politischen Turbulenzen und des Korruptionsskandals –, in der Hoffnung, dass der ukrainische Präsident geschwächt ist und im Austausch für die Unterstützung aus dem Weißen Haus amerikanischen Vorschlägen zustimmt.
Doch daraus wird ohnehin nichts Konkretes entstehen. Welche Zugeständnisse die Ukraine auch machen mag, Russland wird keinem einzigen zustimmen – aus einem einfachen Grund: Das Ziel des Präsidenten der Russischen Föderation ist die Zerstörung der ukrainischen Staatlichkeit, nicht das Zusammenleben mit ihr auf der politischen Landkarte der Welt.
Solange der russische Präsident die Möglichkeit sieht, weiter Handlungen zu setzen, die seiner Meinung nach zur Liquidierung der Ukraine führen sollen, wird er dies auch tun. Weder der Präsident der Russischen Föderation noch die russische Führung noch das russische Volk brauchen eine starke oder schwache Ukraine – sie brauchen die ehemaligen ukrainischen Gebiete innerhalb der Russischen Föderation. Warum ist das im Kontext der aktuellen Krise wichtig? Weil jegliche Zugeständnisse seitens der ukrainischen Regierung vom Kreml dazu genutzt werden, die politische Situation in der Ukraine weiter zu destabilisieren, die Gesellschaft wie auch die Armee zu schwächen, um die Besetzung eines Großteils der ukrainischen Gebiete zu erleichtern und jene Gebiete, die noch nicht erobert werden konnten, in unbewohnbares Territorium zu verwandeln.
Und dabei rechnet der Kreml mit der Unterstützung der US-Präsidialadministration, deren Vertreter schlicht nicht verstehen, welche realen politischen Ziele der Präsident der Russischen Föderation, die russische Armee und das russische Volk verfolgen.
Warum ist es in dieser Situation wichtig, dass die ukrainische Regierung stark und effektiv ist und dass die ukrainische Gesellschaft ihr vertraut? Weil jede andere Situation zur Auslöschung der Ukraine von der politischen Weltkarte und des ukrainischen Volkes als ethnografisches Phänomen führt.
Die Russen haben aus dem Zusammenleben mit den Ukrainern in den letzten drei Jahrhunderten alle Schlussfolgerungen gezogen – und sie werden ein solches Zusammenleben nie wieder zulassen. Und das muss jeder wissen, der in der Ukraine lebt und glaubt, der Krieg könne mit irgendeiner neuen Form eines Zusammenlebens enden. Nein. Und noch 150 Mal nein. Solange die Ukrainer das russische Volk nicht verstehen, wird die Gefahr über ihnen wie eine Guillotine ständig präsent sein.
Genau deshalb müssen der Präsident der Ukraine, die Werchowna Rada und die ukrainische Regierung aus dieser massiven Korruptionskrise und ihren politischen Folgen echte Schlussfolgerungen ziehen.
Erstens: personelle Konsequenzen.
Die Regierung muss von jenen gereinigt werden, die im Verdacht stehen, an korrupten Handlungen beteiligt zu sein.
Zweitens: institutionelle Konsequenzen.
Die Tätigkeit der Werchowna Rada als wichtigstes Machiorgan in einer parlamentarisch-präsidentiellen Republik muss wiederhergestellt werden.
Drittens: Schritte zur Einheit.
Eine Regierung der nationalen Einheit. Eine Injektion von Professionalität und staatsbildendem Denken ist notwendig, um Vertrauen und die normale Funktionsfähigkeit des Staates wiederherzustellen.
Populistische Experimente müssen beendet werden, denn wenn sie nicht beendet werden, wird die Ukraine selbst enden. Und das muss jeder verstehen – sowohl derjenige, der 2019 diesem unglaublichen Experiment in unserer Geschichte zugestimmt hat, als auch derjenige, der ein entschiedener Gegner dieses erstaunlichen Experiments war.
Nur die Vereinigung dieser beiden Lager – dieser gesellschaftlichen Gruppen, dieser Wählergruppen – kann der Ukraine eine gewisse Chance geben, in den kommenden schwierigen Jahren des russisch-ukrainischen Krieges und des weiteren, langwierigen, erschöpfenden Widerstands zu überleben. Selbst inmitten der Ruinen muss man lernen, würdig zu leben.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Україна у політичній кризі: що далі | Віталій Портников. 18.11.2025. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:18.11.2025 Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Der groß angelegte Korruptionsskandal, der nach den Durchsuchungen des NABU bei Regierungsbeamten und ehemaligen Geschäftspartnern von Präsident Volodymyr Zelensky begonnen hat, hat bereits zu den ersten personellen Konsequenzen geführt. Der ukrainische Justizminister Herman Haluschtschenko, der viele Jahre lang das Energieministerium geleitet hatte, sowie die neu ernannte Energieministerin Switlana Hrynschuk erklärten ihren Rücktritt. Die Regierung setzte die Tätigkeit des Aufsichtsrats des Unternehmens „Energoatom“ aus und versprach eine Prüfung aller anderen staatlichen Unternehmen.
Doch das ist erst der Beginn der Krise – zumal es ihrem Hauptakteur, dem Geschäftsmann und Miteigentümer des Studios „Quartal 95“, Tymor Mindych, gelungen ist, buchstäblich wenige Stunden vor den Durchsuchungen und der Bekanntgabe des Verdachts die Ukraine mit einem Elitetaxi zu verlassen. Und sein ehemaliger Partner in diesem Studio, Präsident Volodymyr Zelensky, verhängte in aller Eile Sanktionen gegen ihn.
Viele vergleichen diesen Skandal mit früheren Korruptionsgeschichten in der Ukraine, aber meiner Meinung nach zeigt dies, dass völlig verkannt wird, wie sich die Situation in den Jahren des großen Krieges verändert hat. Wenn Korruption in Vorkriegszeiten als Diebstahl aus der Tasche der Steuerzahler betrachtet werden konnte, so ist das, was heute geschieht, bereits Plünderung. Denn wenn der Feind täglich versucht, die ukrainische Energieinfrastruktur zu zerstören, und ein Korruptionsakteur gleichzeitig am Schutz dieser Infrastruktur verdient – wie soll man das sonst nennen? Ein solcher Dieb nimmt seinen Mitbürgern faktisch die Möglichkeit zu überleben in einem brutalen Krieg.
Und natürlich untergräbt dies das Vertrauen – sowohl der Bürger der Ukraine als auch unserer internationalen Verbündeten. Der Bürger sieht, wie Präsident Volodymyr Zelensky, der mit Parolen des Kampfes gegen Korruption und mit Vorwürfen gegen seine Vorgänger, sie hätten sich am Krieg bereichert, an die Macht kam, nun im Zentrum eines Skandals steht, der sein engstes Umfeld betrifft. Der Hauptverdächtige ist eine Person, in deren Wohnung der Präsident seinen Geburtstag gefeiert hat. Und dass Personen ohne Amt und Befugnisse Ministern Anweisungen gaben und auf Personalentscheidungen der Regierung Einfluss nahmen, ist überhaupt eine Schande für das ganze Land.
Für Politiker in den Ländern, die die Ukraine unterstützen, wird es nun ebenfalls deutlich schwieriger, ihren Wählern zu erklären, wofür deren Steuergelder verwendet werden, die zur Hilfe für die Ukraine bestimmt sind. Denn Leute wie Minditsch bestehlen auch diese Menschen – und zerstören den Glauben ihrer Gesellschaften an die Richtigkeit der Sache der Ukraine und an ihre Fähigkeit, standzuhalten. Dies nutzen sofort jene aus, die seit Jahren den Westen dazu aufrufen, die Unterstützung einzustellen, und die behaupteten, der Krieg dauere nur an, weil die ukrainische Führung daran interessiert sei, westliche Gelder zu veruntreuen. Der ungarische Premierminister Viktor Orbán ließ mit entsprechenden Äußerungen nicht lange auf sich warten …
Gleichzeitig ist nicht nur wichtig, dass Missbräuche stattfanden, sondern auch, dass sie aufgedeckt wurden. Das beweist: Das nach der Revolution der Würde 2013–2014 geschaffene Antikorruptionssystem funktioniert. Und das ist ein Verdienst der postmaidanischen Regierung und unserer westlichen Partner. Damit jedoch diese offensichtlichen Errungenschaften nicht von ihren Nachfolgern zerstört werden, waren die jüngsten Proteste der Ukrainer nötig, die sich gegen die Versuche richteten, NABU und SAP der Präsidentenvertikale zu unterstellen. Ebenso war eine klare Position der westlichen Verbündeten erforderlich. Die Anzeichen einer Reifung der Gesellschaft und ihrer Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, sind offensichtlich.
Die ukrainische Regierung sollte ernsthafte Schlussfolgerungen aus dieser schmutzigen Geschichte ziehen und verstehen: Die totale Monopolisierung der Macht, die nach den Wahlen 2019 begann, schafft lediglich Bedingungen für das Entstehen eines Staates, der von anonymen Betrügern korrumpiert wird.
Als Volodymyr Zelensky Präsident wurde, erklärte er, dass er niemandem außer seinen engen Freunden vertrauen könne. Das ist völlig logisch für jemanden, der sich nie für reale Politik und Staatsführung interessiert hatte und sich nicht vorstellen konnte, wie man Menschen mit Erfahrung vertrauen sollte, die Prozesse tiefer einschätzen können – denn jeder von ihnen hätte den Neuling leicht täuschen und ihn zum Mitbeteiligten eines korrupten Geschäfts machen können.
Doch selbst die engen Freunde haben den Präsidenten im Stich gelassen und ihn in einen Skandal hineingezogen, der gerade erst beginnt und dessen Folgen verheerend sein können. Nun steht Volodymyr Zelensky vor einer äußerst schwierigen Wahl: Entweder lernt er, Fachleuten mit einwandfreiem Ruf zu vertrauen und ihnen Befugnisse zu delegieren, oder er geht den Weg der Diktatur und verengt den Kreis der Vertrauten weiter.
Nur – um eine bekannte Aussage von General Valery Zaluzhny umzuschreiben – wird eine kleine postsowjetische Diktatur kaum in der Lage sein, einen großen Krieg zu gewinnen. Für den Sieg brauchen die Ukrainer Einheit, Offenheit und Effektivität.
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Art der Quelle:Essay Titel des Originals:Заколот мародерів. Віталій Портников. 17.11.2025. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:17.11.2025 Originalsprache:uk Plattform / Quelle:Zeitung Link zum Originaltext:
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Iryna Podoljak. Unsere erste Begegnung heute – entweder von Vitaly Portnikov mit Ihnen oder von Ihnen mit Vitaly Portnikov. Vitaly Portnikov kennt Sie nicht, aber was wir gemeinsam wissen, ist, dass er ein brillanter Publizist ist. Und ich habe einmal versucht, allgemeine Informationen zu finden, ungefähr wie viele Kolumnen oder Artikel er in seiner ganzen schöpferischen Laufbahn veröffentlicht hat. Und das sind übrigens irgendetwas zwischen drei- und fünftausend.
Portnikov. So wenig. Im Ernst?
Iryna Podoljak. Das ist nicht wenig. Das ist das, was geschrieben wurde. Nicht das, was gesagt wurde. Letztlich hat mir „KI“ geholfen. Entschuldigen Sie, aus irgendeinem Grund sieht es nicht alles. Und eigentlich interessiert uns die Meinung der Gäste, die wir einladen, zu all dem, was rund um uns herum geschieht. Und wir möchten, dass diese Gäste, die zu uns kommen, ihre Überlegungen mit Ihnen teilen und dass Sie die Möglichkeit haben, ihnen genau jene Fragen zu stellen, von denen Sie glauben, dass sie Ihnen darauf antworten können und dass ihre Meinung für Sie von irgendeiner Bedeutung ist und für Sie ein Anstoß sein wird zu irgendwelchen Reflexionen, eigenen Überlegungen und eigenen Entscheidungen, eigenen Schlussfolgerungen. Genau dafür machen wir solche Begegnungen.
Daher werde ich wahrscheinlich anfangen, aber ich möchte Sie bitten, dass Sie über Fragen nachdenken, aktiv sind und diese Fragen stellen. Wir werden Ihnen ein Mikrofon geben, Sie werden sagen, wie Sie heißen, wer Sie sind, und Sie werden Ihre Frage stellen oder eine kurze eigene Reflexion äußern können.
Ich habe die erste Frage. Es wäre seltsam, wenn wir heute mit etwas anderem anfangen würden als mit dem, was gerade im Staat geschieht. Und ich verstehe, dass du gesagt hast, dass das schon langweilig ist, weil du vielleicht denkst, dass inzwischen ohnehin alle im Detail wissen, was geschieht. Aber die Frage besteht darin: All diese Ereignisse und dieser tatsächlich gigantische Korruptionsskandal, der sich jetzt im Staat entwickelt – wie gefährlich ist er dafür, dass die Ukraine ihre Souveränität bewahren kann?
Portnikov. Nun, das ist, ich würde sagen, eine sehr gute Frage. Zuerst möchte ich mich von Herzen bei Iryna Podoljak und Oleh Onysko für die Möglichkeit bedanken, Ihnen hier zu begegnen, für die Möglichkeit, so zu sprechen. Oleh gibt mir überhaupt schon seit 35 Jahren in Folge diese Möglichkeit. Man muss sagen – wir müssen Sie darüber einfach informieren – ich war nämlich Moskauer Korrespondent der Zeitung „Postup“ (Fortschritt), als Oleh die entsprechenden Teile davon leitete. Und damals wie heute hielten wir uns an eine einfache, ich würde sagen, solche Sache: Politik – sowohl sowjetische als auch postsowjetische – das sind nicht Emotionen, keine Erwartungen, keine Hoffnungen, sondern Formeln. Sehr einfache Formeln.
Man könnte im Grunde genommen sagen: „Die Augen wussten, was sie gekauft haben“, und damit wäre das ganze Gespräch beendet. Das ukrainische Volk weiß immer, sozusagen, wie man den Prozess charakterisiert. Aber ich würde es anders ausdrücken. Wenn im Jahr 2019 die überwiegende Mehrheit der Menschen bei der Präsidentschaftswahl für einen Menschen stimmt, der sich nie mit echter Politik befasst hat – und da geht es nicht einmal um die Frage, wie dieser Mensch ist: gut, schlecht, ideal, nicht ideal, mit Flügeln, mit Schwanz – es geht darum, dass er überhaupt keinen einzigen Politiker kennt. Er hat sie nur auf Firmenfeiern gesehen, wenn sie dort irgendwo waren, sonst nie und nirgends. Er kennt keinen einzigen großen Geschäftsmann – außer einem. Es gibt keine Kriterien für Professionalität. Und er befindet sich in einer ganz einfachen Situation: Wenn er irgendeinem professionellen Menschen irgendein Amt anbietet, das mit Geld verbunden ist – und alle Ämter in der Staatsmacht sind mit Geld verbunden – wird dieser Mensch ihn leicht betrügen, weil er überhaupt nicht versteht, womit sich dieser Mensch beschäftigen wird.
Folglich kann man nur den Eigenen vertrauen, denen, die man seit vielen Jahren kennt. Und das sind Leute nicht aus der Industrie, nicht aus der Politik, das sind Leute aus dem Studio „Quartal 95“. Nun, wenn ein Mensch sein ganzes Leben dort gearbeitet hat, würde jeder von uns, so seltsam es klingt, wenn er sich in einer solchen Situation wiederfände und auf ein Feld wechseln müsste, das mit ihm überhaupt nicht verbunden ist, mit genau derselben Logik handeln. Wenn man jeden von Ihnen – sagen wir einmal – zum Chefarzt eines großen Krankenhauses ernennen würde, und Sie sich bis dahin mit Fußball beschäftigt hätten – wie würden Sie verstehen, wer ein guter Chirurg ist und wer ein schlechter, um aus all diesen Leuten den Chefchirurgen auszuwählen? Sie würden den Klassenkameraden nehmen, weil Sie denken würden, dass irgendein anderer Chirurg Sie einfach im Stich lassen könnte. So funktioniert das. Anders funktioniert es nirgends und niemals.
Dann die nächste Etappe, wenn wir auch sagen: „Wissen Sie, vielleicht denken Sie bei den Parlamentswahlen nach – es braucht ein Machtgleichgewicht, das ist eine parlamentarisch-präsidiale Republik. Wenn Sie einer Person ein solches Vertrauen geschenkt haben, die weder politische Erfahrung noch eine politische Partei hinter sich hatte, aber Sie kennen diese Person seit vielen Jahren, weil Sie sie im Fernsehen gesehen haben und davon träumen, dass in Ihrem Leben alles wie in der Serie sein möge. Dann sollten Sie vielleicht wenigstens nicht für die Anonymen stimmen, die diese Person Ihnen als Volksabgeordnete vorschlagen wird. Denn Sie wissen ja nicht einmal, wer das ist. Sie kennen keinen einzigen von ihnen.“
Das ist nicht so wie 2014, als das Parlament mit Menschen erneuert wurde, die durch den Maidan gegangen waren. Und unter ihnen waren klügere, weniger kluge, kompetentere, weniger kompetente Leute, aber sie hatten ihre politische Wahl getroffen. Und hier hat niemand irgendetwas getan. Das ist eine Lotterie. Es kann ein kompetenter Mensch sein, es kann ein inkompetenter Mensch sein, es kann ein ehrlicher Mensch sein, es kann ein unehrlicher Mensch sein. Das Hauptkriterium für die zwei neuen politischen Parteien, die in der Werchowna Rada auftauchen, war, dass dieser Mensch niemals in der Rada gewesen sein durfte und sich nie mit Politik beschäftigt haben durfte.
Wunderbar. Wir haben also einen Staatschef, der gezwungen ist, ausschließlich unter seinen Jugendfreunden auszuwählen, und anonyme Abgeordnete, unter denen jemand ein professioneller Wirtschaftler sein kann und jemand bei den ersten Anzeichen einer Krise schreiben wird: „Hier muss man weg“, wie wir es gesehen haben. Und dann wundern wir uns: „Da stellt sich heraus, es gibt Korruption dort.“ Ein solches System ist zur Korruption verurteilt. Ein System, das keine Gegengewichte hat, das sich auf eine einzige Person stützt, die nur dem engen Umfeld vertrauen kann – das ist ein korruptiver Sud.
Gut. In diesem korruptiven Sud haben wir bis zum Jahr 2022 gelebt. Als es nur ein bedingtes Risiko gab. Prinzipiell befand sich der Staat in einem Zustand militärischen Konflikts, aber seiner Existenz drohte nichts. Im Jahr 2022 war ich unter denen, die sagten: „Hört zu, jetzt, wo es sich die Frage stellt, ob die Ukraine in den nächsten Jahren erhalten bleibt oder von der politischen Weltkarte verschwindet, als hätte es sie nie gegeben – jetzt kann man nicht mehr mit Unprofessionalität und Populismus experimentieren, es braucht eine Injektion von Professionalität und es muss eine Regierung des Volksvertrauens und der nationalen Einheit geben.“
Als Präsident Zelensky im Februar 2022 auf den ehemaligen Präsidenten Poroschenko zuging und sagte: „Wir müssen alles vergessen und gemeinsam den Staat retten“, waren das für mich nicht nur Worte, sondern der Weg zu einer Regierung der nationalen Einheit, deren Spitze eben dieser Poroschenko hätte sein müssen, wenn wir überhaupt etwas retten wollten. Wenn nicht Poroschenko, dann irgendein anderer Politiker, der seinen Teil der Regierung kontrollieren könnte und auf diese Weise das Korruptionsrisiko verringern würde.
Glauben Sie etwa, dass im Rest der Welt nur dumme Menschen Regierungskoalitionen bilden, und wir sind die einzigen Klugen? Eine Regierungskoalition bedeutet, dass wenn es 15 Minister-Politiker aus unterschiedlichen politischen Parteien gibt – und wir erinnern uns daran auch aus der Erfahrung der Koalition, die 2014 gebildet wurde – dann ist jeder dieser Minister erstens daran interessiert, bei den nächsten Wahlen wieder ins Parlament gewählt zu werden und zweitens daran interessiert, dass sein Kollege nicht wieder ins Parlament gewählt wird. Und er beobachtet aufmerksam, ob sein Kollege nicht zum Korruptionär wird.
Es wird nicht so sein, dass der Energieminister einer Partei zum Justizminister einer anderen Partei kommt und sagt: „Unterschreibe mir bitte dieses Papierchen.“ Oder dieser Justizminister denkt: „Hör mal, ich werde jetzt die Sonderdienste auf diesen Minister hetzen, damit seine Partei vor den nächsten Wahlen überhaupt verschwindet, denn ich brauche die Mehrheit. Wozu brauche ich ihn mit seinen Korruptionsverbrechen, und dann muss ich dafür auch noch geradestehen?“ So funktioniert das in der zivilisierten Welt.
In der unzivilisierten Welt funktioniert es so wie bei uns: dass dann alle nach ein paar Jahren die Augen weit aufreißen und sagen: „Es stellt sich heraus, dass wir so eine Situation haben – man bereichert sich an der Energie und an der Verteidigung.“ Als ob Sie das nicht gewusst hätten. Sie brauchen immer Audioaufnahmen. Wie – entschuldigen Sie – damals mit Kutschma. Wussten Sie nicht, was in seinem Büro geschah? Brauchten Sie dafür wirklich die Aufnahmen? Nein, die Frage ist nicht, dass Sie nichts wussten. Die Frage ist, dass man Ihnen jetzt nicht mehr die Möglichkeit lässt, so zu tun, als hätten Sie nichts gewusst. Und das ist Ihnen unangenehm, und Sie sind wütend. So wie die sowjetischen Menschen 1956 nach dem Bericht von Nikita Sergejewitsch Chruschtschow auf dem XX. Parteitag wütend waren, weil sie nun nicht mehr sagen konnten, sie hätten nichts gewusst.
Es stellte sich heraus, dass von einem Haus mit zehn Wohnungen noch zwei übriggeblieben waren. „Und wir wussten nicht, wohin sie verschwunden sind. Wohin sind sie verschwunden? Wir wussten es nicht.“ Jetzt steht da: „Der Genosse Erste Sekretär des ZK hat gesagt, wohin sie verschwunden sind.“ Und das war vielen unangenehm. Sie versuchen bis heute, so zu tun, als sei das ihr großes Problem gewesen. Worin bestand überhaupt die Ablehnung der Entstalinisierung durch einen großen Teil der sowjetischen Gesellschaft? Darin, dass man ihnen faktisch keine Möglichkeit mehr ließ, so zu tun, als wüssten sie nicht, in welcher verbrecherischen Welt sie leben, welcher verbrecherische Regime sie regiert.
Dasselbe geschieht jetzt mit der Korruption. Alle haben das Korruptionsrisiko sehr gut verstanden. Jetzt gibt es natürlich noch die Möglichkeit, sich einstweilen in ein Häuschen zu verstecken und zu sagen, „es ist nur der Präsident hintergangen worden, das Vertrauen des Präsidenten. Die besten Freunde des Präsidenten haben den Präsidenten betrogen, der nun unglücklich, als unser Beschützer, in seinem Büro sitzt und weint“. Aber das ist erst der Anfang. Wir wissen nicht, was weiter sein wird. Man kann diesen Leuten ihre letzte Möglichkeit wegnehmen. Und ich weiß genau, welche Schlussfolgerung sie ziehen werden: Sie werden für einen neuen Menschen stimmen, der genauso unprofessionell ist, genauso weit weg von der Politik, aber „gut“.
Nun, das ist, falls wir das Glück haben zu überleben. Das heißt, wenn wir nicht die elementaren Schlussfolgerungen ziehen, dass man mit Politik keine Experimente macht, dass man auf Weltanschauungen und Professionalität setzen muss, dass man nicht für eine Person, sondern für einen Kurs stimmen muss.
Man könnte mir sagen, dass man 2019 in Wirklichkeit für einen Kurs gestimmt hat – den Kurs einer Einigung mit Putin. Das ist ebenfalls wahr. Aber in diesen Jahren hätte man doch die Schlussfolgerung ziehen können, dass dieser Kurs nicht realisierbar ist. Und dann werden wir in Zukunft vielleicht erwachsener werden – aber um erwachsen zu werden, müssen wir überleben. Und diese Korruptionsherausforderungen erlauben uns nicht zu überleben. Denn wenn auf der einen Seite Russland unsere Energiestruktur zerstört – und glauben Sie mir, es wird das beharrlich tun – und sich auf der anderen Seite an der Energie „bereichern“, sagen wir einmal, „liebe Freunde“; wenn auf der einen Seite Russland die Waffenproduktion organisiert, seinen militärisch-industriellen Komplex ausbaut, Waffen aus Nordkorea und dem Iran kauft – dort funktioniert ein sowjetischer Verwaltungsmechanismus. Nicht besonders gut, nicht sehr effektiv, aber das ist ein Mechanismus, der faktisch aus der Sowjetunion stammt, und er funktioniert.
Und bei uns ist es so, dass uns die Amerikaner auf der einen Seite keine Waffenpakete mehr geben, und auf der anderen Seite stellt sich heraus, dass man sich auch bei uns an der Bewaffnung bereichern kann. Nun, das ist schrecklich. Daraus muss man Schlussfolgerungen ziehen, wenn wir überleben wollen. Das scheint mir jedem offensichtlich.
Und das ist der allgemeine Hintergrund, denn konkret über einen konkreten Korruptionsfall zu sprechen, hat überhaupt keinen Sinn. Es können noch 150 weitere Fälle existieren, die einfach nicht beim NABU gelandet sind. Oder sie sind dort, wurden aber bisher nicht öffentlich gemacht. Das ist alles. Und nun zum Souveränitätsaspekt, dem Wichtigsten.
Iryna Podoljak. Du hast das Bild gezeichnet, sozusagen die Diagnose gestellt und gesagt, dass unsere Behandlungsstrategie so aussieht. Aber wahr ist auch, dass die Menschen sich jetzt nicht auf lange Sicht planen und Strategien für einen Wahlzyklus entwickeln. Die Leute denken und planen jetzt – grob gesagt – für eine oder zwei Wochen. Und diese Krise, dieser Skandal, der passiert ist – in Wirklichkeit können wir seine Folgen nicht in irgendeinem Wahlzyklus spüren, den wir nicht kennen. Niemand weiß es, und ich werde auch nicht fragen, weil wir nicht wissen, wann Wahlen sein werden. Wahlen werden dann sein, wenn der Krieg zu Ende ist.
Aber Waffen wird man uns, wie man sie geliefert hat, auch weiter liefern, weil es in ihrem Interesse ist. Geld wird man uns, wie man es gegeben hat, weiter geben, weil es in ihrem Interesse ist, dass wir nicht verschwinden. Aber diese angestaute Aggression, Enttäuschung und Wut, die in der Gesellschaft gärt, durchmischt mit diesem Korruptionsskandal – wie können wir uns da zusammenhalten, wie können wir uns nach dem, was buchstäblich in den letzten Tagen passiert ist, nicht gegenseitig auffressen?
Portnikov. Zunächst möchte ich etwas zur Souveränität sagen. Es wäre eine enorme Gefahr, wenn wir sagen wir eine Perspektive auf ein Kriegsende und irgendwelche Verhandlungen hätten. Und wir würden verstehen, dass ein Politiker, der in irgendeiner Weise in Skandale im eigenen Umfeld verwickelt sein kann, anfälliger für Druck ist als ein Politiker, der sauber ist und keine Skandale hat. Aber da sich überhaupt keine Perspektive von Verhandlungen und Kriegsende in absehbarer Zeit abzeichnet, ist das im Prinzip keine Gefahr.
Auch die Gesellschaft hat keine große Wahl. Die Gesellschaft wird entweder den Staat bewahren, oder sie wird nicht nur von der politischen, sondern auch von der ethnographischen Weltkarte verschwinden. Das Einzige ist, dass man natürlich von der Macht in einer solchen Situation eine adäquate Reaktion erwarten würde – aber wir können dieser Macht keine Reaktion diktieren, denn sie lebt in ihrer eigenen Welt, wir in unserer, und sie lebt schon lange nicht mehr in unserer Welt. Mir scheint überhaupt, dass sie nie in ihr gelebt hat.
Also tut die Macht so, als ginge sie das nichts an, als „solle die Untersuchung laufen, wir werden sie nicht behindern“. In Wirklichkeit, wie ich schon sagte, halte ich die einzige richtige Schlussfolgerung aus dieser Situation für die Konsolidierung der Kräfte.
Und dank der Tatsache, dass ich noch als Student der Universität Dnipropetrowsk nach Jūrmala zur journalistischen Praxis gefahren bin, habe ich dort Oles Hontschar kennengelernt. Es war noch Sowjetzeit, es gab Distanz, aber dort gab es keine Distanz, weil es ein Kurort war. Und wir sind dort viel am Meer spazieren gegangen, haben über verschiedene Dinge gesprochen. Und ich sagte damals zu Oles Terentijowytsch: „Man hat mir erzählt, Sie seien ein Bonaparte und wollten mit niemandem reden.“ Und er sagte zu mir: „Natürlich, wenn alle eine Wohnung oder ein Auto von dir wollen, wird man zum Bonaparte.“ Das habe ich mir auch gemerkt, denn ich brauchte nichts. Ich war einfach glücklich, mit einem Menschen sprechen zu können, der wirklich in die Ukraine verliebt war. Und ich bin in diesem Milieu aufgewachsen – in Kyiv. Ich fühlte mich zu diesem Milieu hingezogen.
Iryna Podoljak. Und in diesem Kontext hast du ja schon begonnen, von einer Regierung der nationalen Rettung zu sprechen.
Portnikov. Es kann eine Regierung der nationalen Rettung geben, es kann eine Regierung von Technokraten geben. Zuerst muss man die Verfassung wiederherstellen. Das Parlament muss die Regierung wählen. Das Parlament, nicht das Präsidialamt.
Iryna Podoljak. Ich wollte dich einfach in eine Polemik hineinziehen, denn wer Vitaly verfolgt, weiß genau, dass er in den letzten Jahren sehr aktiv diese Idee propagiert – die Idee einer Regierung der nationalen Einheit oder einer Regierung der nationalen Rettung. Aber ehrlich gesagt erinnere ich mich nicht an viele erfolgreiche Regierungen der nationalen Einheit oder Regierungen der nationalen Rettung.
Portnikov. Ich erinnere mich – an die Regierung Großbritanniens während des Zweiten Weltkriegs.
Iryna Podoljak. Ja, die britische Regierung im Zweiten Weltkrieg. Das ist ein gutes Beispiel. Genauso wie die Regierung, die in Polen gebildet wurde, unter Jerzy Buzek und Mazowiecki. Ja. Aber es sind buchstäblich ein paar Beispiele, und entschuldige, das ist bereits Vergangenheit.
Portnikov. Aber kritische Situationen gibt es auch nur ein paar.
Iryna Podoljak. Wir haben andere Umstände. Ich kann mich an eine Regierung der nationalen Einheit erinnern, die jetzt in Israel unter Netanjahu nach den Bombardierungen gebildet wurde. Denn die meisten Regierungen der nationalen Einheit enden nicht erfolgreich.
Portnikov. Was bedeutet „nicht erfolgreich“?
Iryna Podoljak. Nicht erfolgreich. Sie zerbrechen, sie gehen auseinander und hinterlassen das Land nicht in einem besseren Zustand, als sie es übernommen haben. Warum denkst du, dass die Idee einer Regierung der nationalen Einheit oder nationalen Rettung jetzt in der Ukraine Erfolg haben könnte? Diese Beispiele mit dem gegenseitigen Kontrollieren – selbst die zwei Regierungen der Jahre 2014–2019, die Koalitionsregierungen – sind im Endeffekt damit geendet, dass die Koalition de facto nicht existierte. De jure existierte sie, de facto nicht.
Portnikov. Ja. Das liegt daran, dass die Politiker einer Reihe von Maidan-Parteien keine Verantwortung übernehmen wollten. Und ich habe ihnen das damals gesagt.
Iryna Podoljak. Und warum soll es jetzt anders sein?
Portnikov. Die Politiker werden entweder Verantwortung übernehmen oder sie werden wieder keine übernehmen. Ich wende mich ja an sie. Ich habe mich damals an sie gewandt. Ich habe auch nach 2014 absolute Selbstverständlichkeiten gesagt: Wenn man zum Beispiel die Partei „Samopomitsch“ ( Selbsthilfe) gegründet hat und diese Partei so viele Stimmen bekommen hat, dann hätte Andrij Sadowyj seinen Posten als Bürgermeister von Lwiw aufgeben und in die Regierung der nationalen Einheit, in die Regierung der Maidan-Parteien, als Vizepremier gehen müssen. Denn sonst ist das eine Untergrabung des Vertrauens der Bürger, faktisch die Zerstörung der Idee dieser Partei, weil die Leute für Sadowyj als erfolgreichen Verwalter gestimmt haben. Das ist nicht geschehen. Wo ist die Partei „Samopomitsch“? Es gibt sie nicht mehr.
Dasselbe gilt für die Partei „Batkiwschtschyna“ (Vaterland). Ich war der Meinung, dass, selbst wenn es den Konflikt bei der Präsidentschaftswahl gab, aber die Partei „Batkiwschtschyna“ Stimmen im Parlament erhalten hat, Julia Tymoschenko, der ein großes Wählersegment vertraut, nicht einfach nur einen Minister in die Regierung schicken konnte, der dann ihr Vertrauen dadurch verlor, dass er – wie du dich erinnerst – überhaupt in diese Regierung ging. Und eben dadurch, dass sich drei Maidan-Parteien – „Samopomitsch“, „Batkiwschtschyna“ und die Radikale Partei – vor der Verantwortung für die Zukunft des Landes gedrückt haben, haben sie sich erstens selbst zerstört und zweitens die Erfolgsperspektive der nationaldemokratischen Kräfte zerstört. Denn sie haben die Koalition brüchig gemacht, wo es nur die „Volksfront“ und den Block Petro Poroschenko gab, denen fast die Stimmen für normale Abstimmungen fehlten. Und dabei waren all diese Parteien nationaldemokratische Plattformen.
Die Anführer dieser Parteien, die faktisch diese Parteiprojekte zerstört haben – Oleh Ljaschko, Andrij Sadowyj und Julia Tymoschenko – tragen dafür die Verantwortung, zusammen natürlich mit den Anführern der „Volksfront“ und des BPP, die sie nicht in der Koalition halten konnten. Aber das ist die Antwort auf die Frage.
In Lettland, meine Liebe, haben sich die lettischen Parteien jahrzehntelang von den Sozialdemokraten bis zu den Ultrarechten in einer Koalition zusammengeschlossen, nur damit die russische Partei, die nicht einmal die Interessen der russischsprachigen Bevölkerung, sondern Moskaus verkörperte und lange Zeit die größte Partei des Landes war, nicht an die Macht kam. Natürlich ist es für Linke und Rechte sehr schwer, in einer Koalition zu sein. Aber wenn wir verstehen, dass wir Letten sind, dass wir hier Lettland haben, und die dort kein Lettland haben, dann schließen wir uns zusammen. Und übrigens funktionieren die lettischen Regierungen auch heute noch nach diesem Modell.
Bei uns ist das Problem der Identitäten exakt dasselbe. Die Partei der Regionen war keine ukrainische Partei. Folglich hätten sich die ukrainischen Parteien gegen eine nicht-ukrainische Partei zusammenschließen müssen. Auch wenn eine solche Partei von der Hälfte der Menschen gewählt würde. Wir hätten immer verstehen müssen, dass die Partei der Regionen, die Kommunistische Partei der Ukraine, die Sozialistische Partei der Ukraine ein völlig anderes ukrainisches Programm präsentieren. Dass wir von Moskau weg wollen und sie nach Moskau hin. Das ist die Scheidelinie.
Das heißt, nach 2013, als sich das Schicksal des Staates entschied, hätten sich die nationaldemokratischen Kräfte, ja, sogar einfach die nationalen Kräfte – ich würde das Wort Demokratie hier sogar weglassen – zusammenschließen müssen. Letztendlich hatte ja die vereinte Kraft des Blocks „Batkiwschtschyna“, „Swoboda“ und „UDAR“, dieser sehr unterschiedlichen Parteien, während des Maidan ihre Ergebnisse. Stellen Sie sich vor, sie hätten sich damals getrennt. Wir forderten von Arsenij Jazenjuk, Vitalij Klitschko und Oleh Tjahnybok, dass sie zusammen blieben, selbst wenn sie keinen gemeinsamen Nenner fanden. Das ist ukrainische Einheit.
Dasselbe gilt für 2014. Und das ist schlicht politischer Analphabetismus, für den all diese Leute Verantwortung tragen. Die Abgeordneten und ihre Wähler. Und ich bin der Meinung, dass das auch heute auf einer ukrainischen Plattform möglich ist. Wenn es eine ukrainisch orientierte Gruppe von Abgeordneten in der Fraktion der „Diener des Volkes“ gibt, dann hätte sie sich mit „Europäische Solidarität“, „Batkiwschtschyna“, „Holos“ (Stimme) zusammenschließen sollen, um eine Koalition zu bilden, die dem Präsidenten einen ukrainischen Premierminister, ukrainische Minister vorgeschlagen und sich selbst kontrolliert hätte.
Das heißt, wenn wir die Ukraine verteidigen. Wenn wir einfach dieses Territorium verteidigen, um es danach in ein weiteres Russland zu verwandeln, na gut, dann wird uns das gelingen.
Iryna Podoljak. Danke für deine Überlegungen. Aber ich würde gern von diesem langweiligen Thema zu einem anderen springen.
Portnikov. Zu einem noch langweiligeren?
Iryna Podoljak. Vielleicht, ich weiß es nicht. Sag bitte: Warum darf Vitaly Portnikov mit Russen sprechen? Jaroslaw Hrytsak darf auch mit Russen sprechen. Andruchowytsch darf mit Russen sprechen. Aber jemand anderer nicht. Du verstehst den Kontext.
Portnikov. Ich verstehe, aber ich finde überhaupt nicht, dass manche dürfen und andere nicht. Man darf, wenn man ein Qualitätskriterium hat.
Iryna Podoljak. Verstehst du den Kontext?
Portnikov. Ich existiere in diesem Kontext nicht. Ich teile Menschen nicht nach Pässen ein, weil ich weiß, dass ich Millionen Mitbürger mit ukrainischen Pässen habe, die Feinde dieses Staates sind.
Iryna Podoljak. Mit denen du nicht reden wirst?
Portnikov. Wenn sie mir begegnen, werden sie mich aus dem Maschinengewehr erschießen. Das sind die Leute, die in den Volkskorps der „DNR“ und „LNR“ sind. Welche Staatsbürger sind die? Warum muss ich mit ihnen reden? Es sind unsere Staatsbürger. Wessen Staatsbürger ist Janukowytsch? Ein ukrainischer Staatsbürger. Wessen Bürger war Sachartschenko – sowohl der in der „DNR“ als auch der, der Innenminister der Ukraine war? Wessen Bürger waren all unsere Führungskräfte, die 2014 nach Moskau abgehauen sind – entschuldigen Sie den Ausdruck. Welche Staatsbürgerschaft hatten sie? Wir sind ein Land, in dem es viele Verräter gibt.
Ich spreche, im Regelfall zu 90 Prozent, mit Menschen, die klar ihre Verantwortung und die Verantwortung Russlands für den Krieg in der Ukraine anerkennen und verstehen. Es gab einen Moment, in dem ich einer Diskussion mit Yulia Latynina zustimmte, einfach weil sie im ukrainischen Segment eine respektierte Person war. Und ich fand, wenn sie jemand ist, den die Ukrainer schauen, dann spreche ich mit ihr, damit klar wird, wie ihre tatsächliche politische Position aussieht. Das war ihr Fehler, nicht meiner. Ich habe versucht, sie von dieser Diskussion abzuhalten, aber ich glaubte, dass ich ein Recht auf so ein Gespräch habe. Danach haben sich Leute aus diesem russischen politischen Segment nie wieder an mich gewandt. Sie haben ihre Schlussfolgerungen gezogen – falls sie in dieser Hinsicht kluge Leute sind.
Und ich rede mit denen, mit denen ich eine gemeinsame Sprache finde. Erstens. Zweitens will ich den russischsprachigen Informationsraum nicht Solowjow, Simonjan, Latynina und Arestowytsch überlassen. Ich möchte, dass Menschen, die kein Ukrainisch können, auch außerhalb der Ukraine – denn ich betone ständig, dass ich in erster Linie nicht auf Russisch mit Ukrainern rede, sondern mit Menschen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, mit deren Politik ich mich seit 40 Jahren beschäftige – dass diese Menschen mich weiter sehen und hören. Diese Menschen haben begonnen, mich in den 90er Jahren zu lesen, als ich mit der „Nesawisimaja gaseta“ zusammenarbeitete. Ich war für sie derjenige, der oft über die Ukraine und Aserbaidschan schrieb, über Armenien und Georgien, über Tadschikistan und Turkmenistan, über Usbekistan und Kasachstan. Ich will, dass sie mich weiter hören, denn ich bin nicht russische Propaganda.
Ich rede gar nicht erst von Moldau – du weißt, ich war der erste ukrainische Journalist, der nach Moldau gefahren ist, als es seine Souveränität erklärte. Und für mich ist es wichtig, diesen Kontakt zu behalten. Das ist logisch.
Und noch ein Punkt: Wenn du viele Leute aufzählst, dann tun sie das im Bereich der Kunst. Ich tue es im Bereich des Journalismus, weil ich glaube, dass ich der einzige ukrainische Journalist bin, dem man außerhalb der Ukraine vertraut. Denn meine berufliche Laufbahn war immer mit grenzüberschreitender Arbeit verbunden. Ich habe für belarussische Zeitungen geschrieben, für baltische Zeitungen, für israelische Zeitungen. Und das war seit Anfang der 90er Jahre so. Kein einziger meiner Kollegen hat sich damit beschäftigt und darum gekümmert. Kein einziger meiner Kollegen in Moskau hat sich mit der Politik der russischen Republiken beschäftigt. Ich schon.
Wenn ich jetzt höre: „Russland wird zerfallen, wird nicht zerfallen“, und das sagen Leute, die Kasan nicht von Rjasan unterscheiden können. Während ich nach Kasan und nach Kysyl, nach Ufa und in die kaukasischen Republiken gefahren bin. Ich schätze dieses Publikum, weil ich mit diesen Menschen zusammen war, als der Tschetschenienkrieg gab. Das war riskant. Ich habe immer noch Narben davon. Das war in den Zeiten der tschetschenischen Kriege, weil ich Informationen lieferte, die für die russische Führung nicht angenehm waren. Ich spreche darüber normalerweise nicht gerne, aber es sind Tatsachen.
Daher finde ich, das ist die persönliche Position eines jeden. Jemand will grundsätzlich nicht mit Russen sprechen. Das ist sein absolutes Recht. Jemand will die russische Sprache nicht benutzen. Das ist ebenfalls ein absolutes Recht. Ich bin nicht der Meinung, dass man den Russen irgendeine Plattform überlassen sollte. Wenn wir sagen: „Wir sind zu dieser Konferenz gekommen, wir werden nicht teilnehmen, weil Russen da sind“, bedeutet das, dass sie sprechen werden und wir nicht. Und die Russen haben in jedem Fall einen anderen Blickwinkel und eine andere Sicht als wir. Wir müssen immer daran denken, dass unsere Sicht vertreten sein muss.
Daher sah ich nichts Schlechtes an der Diskussion Andruchowytschs mit Schischkin. Obwohl Schischkin, trotz seiner antikriegspolitischen Position, auch bestimmte, ich würde sagen, Wahrnehmungsaberrationen hat, die Andruchowytsch korrigieren kann. Sollen sie es öffentlich tun, statt dass Schischkin auftritt und als einzige Person wahrgenommen wird, die die Wahrheit über Krieg und Frieden kennt. Dasselbe gilt für jede Person mit einer solchen Position. Man muss die Menschen nicht in Landsleute und Bürger anderer Länder einteilen, sondern in Gleichgesinnte und Gegner.
In erster Linie gibt es in unserer „ukrainischen“, in Anführungszeichen, Gemeinschaft in Bezug auf Identität viele Menschen anderer ethnischer Herkunft. Ich gehöre dazu. Und ich möchte Sie daran erinnern, dass es früher nicht so war. Unser großer Erfolg in diesen Jahrzehnten war es, das Ukrainertum von einem ethnischen Projekt in ein politisches zu verwandeln. Wiederum ist das kein Vorwurf an jemanden. Die Ukrainer hätten sich nicht anders erhalten können, wenn sie kein ethnisches Projekt gewesen wären, denn man tat alles, damit sie verschwinden und zu Russen werden. Und die Ukrainer haben sich durch dieses oft sehr archaische Ethnische vor dem Verschwinden geschützt.
Aber schon in den 20er–30er Jahren des 20. Jahrhunderts erschien eine große Zahl von Menschen unterschiedlicher Herkunft, die in der ukrainischen Kultur, in der ukrainischen Politik arbeiteten. Agathangel Krymskyj, Leonid Perwomajskyj – das alles waren keine ethnischen Ukrainer. Und Naum Tychyj, der dieses „Gebet für die Ukraine“ in einer, ich würde sagen, fast synagogalen Sprache geschrieben hat. Aber diese Menschen sind Teil des Ukrainertums.
Und übrigens – meine Freunde, mit denen wir Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre in Moskau ukrainische Organisationen gründeten, die in den Jahren 2022–23 aus Russland fliehen mussten, nur weil sie nicht einmal Politiker waren, sondern Aktivisten ukrainischer Organisationen. Sie flohen aus Russland, weil die Abrechnung mit ukrainischen Aktivisten begann, und diese Menschen sind 70, 80 Jahre alt. Und sie flohen nicht in die Ukraine – verstehen Sie – weil sie russische Pässe haben, sondern zum Beispiel nach Armenien. Es gibt die Geschichte von Vasyl Symonenko, einem älteren Mann, der in Moskau eine ukrainische Sonntagsschule gegründet hat, der an der Schaffung einer ukrainischen Bibliothek gearbeitet hat. All das ist zerstört worden. Und er sitzt in Armenien.
Ich kann das bis heute nicht ganz verstehen. Ich stelle mir vor, irgendein Jude aus dem Iran wollte jetzt aus dem Iran fliehen, und Israel würde ihm sagen: „Entschuldige, du hast einen iranischen Pass, bleib bitte in Kanada“, wenn er nach Israel wollte. Das könnte es in Israel nicht geben. Und mir ist bis heute unklar, warum wir kein Gesetz haben, das jedem Ukrainer oder jedem Menschen, der seine Verbindung zum Ukrainertum deklariert – das lässt sich ja formulieren –, aber für einen Ukrainer sollte das im jeden Fall geben – das ist für mich absolut selbstverständlich – einem Ukrainer die Möglichkeit verschafft, in der Ukraine zu sein. Wozu braucht man die Ukraine, wenn es in ihr keinen Platz für Ukrainer gibt? Möchte ich Sie fragen.
Ich weiß genau, dass wenn ich nach Israel fahren will, man mich dort nicht fragen wird, wer ich bin, was und warum. Man wird nicht einmal meinen „Mindych“ abweisen, leider. Aber darin liegt etwas. Und hier fangen die Fragen an, weil dieser Staat sich bis heute nicht vollständig als ukrainischer Staat begreifen kann.
Es reicht nicht, ein Bandera-Denkmal aufzustellen und darum herum zu laufen. Man muss eine Ukraine schaffen, die diejenigen ehrt, die Ukrainer sein wollen. Ich sage gar nicht erst, dass sie diejenigen ehren sollte, die bereits Ukrainer sind. Vielleicht muss das nicht ausschließlich eine Frage der Herkunft sein, aber es muss eine Frage der Identität sein. Wenn ein Mensch in einem anderen Land lebt, sogar in Russland, wenn er ukrainischsprachig ist, wenn er gegen den Krieg auftritt und wenn er auf ukrainischem Feld arbeitet, dann hat er das Recht auf den Schutz unseres Staates. So sehe ich das. Ich weiß nicht, vielleicht sehen Sie das anders, aber für mich ist das offensichtlich.
Und genau so verhalte ich mich gegenüber jenen Bürgern Russlands, die keine Ukrainer sind, aber diesen Krieg verurteilen und glauben, dass Russland in diesem Krieg eine Niederlage erleiden muss. Sie sind meine Gleichgesinnten. Ich muss Ihnen sagen, dass ich einmal, als ich noch ein junger Mensch war – nun, nicht sehr jung, vielleicht war ich 30 oder 35 – nach Nizza gekommen bin. Das Erste, was ich tat, war nicht schwimmen zu gehen. Nein, ich ging auf den Friedhof, auf dem Alexander Iwanowitsch Herzen begraben ist. Ich kaufte Blumen und legte sie auf sein Grab, weil ich der Meinung bin, dass er die Ehre dieses Staates verteidigt hat, in dem damals sogar meine Vorfahren lebten. Ja, wir wurden in diesem Staat verfolgt. Ja, es gab das Ansiedlungsrayon. Aber dieser niederträchtige Staat versuchte, die polnische, ukrainische, belarussische Freiheit zu zerstören. Und Herzen war der einzige russische Intellektuelle, der eine Niederlage Russlands im polnischen Aufstand wollte. Ich schätze das sehr. Ich finde, so soll es sein. Solche Menschen verdienen unsere Zuwendung.
Ich erzähle Ihnen noch eine Geschichte aus meiner Jugend, auf die ich stolz bin. Eines Tages trat auf dem Kongress der Volksdeputierten der Sowjetunion ein Abgeordneter der ukrainischen Delegation, ein Afghanistan-Veteran, ans Rednerpult und begann, den Akademiker Andrej Sacharow zu verfluchen – den einzigen auf diesem Kongress, der dem ukrainischen Banner stehend applaudierte und Rostyslaw Bortun verteidigte, als man versuchte, ihn auf diesem Kongress wegen der ukrainischen Fahne zu schikanieren, wegen der Verteidigung der ukrainischen Fahne. Er begann also, den Akademiker Sacharow zu schikanieren, weil Sacharow über die Verbrechen der sowjetischen Armee in Afghanistan gesprochen hatte. Und der ganze Kongress begann von der Vorlage dieses ukrainischen Abgeordneten aus, den Akademiker Sacharow zu mobben.
Iryna Podoljak. Erinnerst du dich an den Namen dieses Abgeordneten?
Portnikov. Natürlich erinnere ich mich, es war Serhij Tscherwonopyskyj. Ich möchte diesen Nachnamen nur aus einem einfachen Grund nicht ständig erwähnen: Serhij war ein junger Mann, ein invalider Offizier, und das Partei- und Komsomol-Establishment hat ihn einfach benutzt. Ich habe ihm persönlich nie irgendwelche Vorwürfe gemacht. Welche Positionen er vor oder nachher auch immer hatte – ich sehe einfach, dass das ein junger Mensch war, den man benutzt hat, indem man darauf spielte, dass Sacharow die Ehre seiner Kameraden verletzen würde. Er war Offizier. Deshalb hatte ich nie einen Groll gegen Tscherwonopyskyj, aber ich hatte einen gegen die ukrainische Parteiführung, die diese Provokation organisiert hatte, um sich vor dem Kreml – natürlich unter Führung von Schtscherbyzkyj – anzubiedern.
Und ich wandte mich an Oles Hontschar mit der Bitte, mir ein Interview zu geben, um den Akademiker Sacharow zu verteidigen – einfach indem ich die freundliche Haltung von Oles Hontschar mir gegenüber nutzte. Und wir überlegten lange mit seiner Frau – die glücklicherweise noch lebt und sich an alles erinnert – wie wir es machen sollten, denn Hontschar hatte einen Schlaganfall gehabt und ich hatte Angst, dass man ihn wieder schikanieren würde. Ich wollte nicht derjenige sein, der mit dem neuer Mobbingkompanie verbunden sein wird. Aber andererseits verstand ich, dass ich die Ehre hatte, das ukrainische Ansehen zu retten, damit es nicht so aussieht, als würden russische Konservative Sacharow mit unseren Händen schikanieren. Und Oles Terentijowytsch gab mir dieses Interview, und es wurde in der „Literaturna Ukrajina“ nachgedruckt. So haben wir es gemacht. Zuerst erschien es in der „Molod Ukrajiny“. Und danach hassten mich alle ukrainischen Parteikader dafür. Aber dank Oles Hontschar verteidigten wir den russischen Politiker Sacharow. Er war ein russischer Politiker, aber er war unser Gleichgesinnter, denn er wollte Demokratie und verteidigte das ukrainische Recht auf Souveränität. Er war ein ehrlicher Mensch. Das heißt, das begann bereits damals.
Ich erinnere mich bis heute daran, wie schwer es mir fiel, diesen Schritt zu gehen – Hontschar zu bitten, Andrej Sacharow zu verteidigen, weil ich selbst das nicht konnte. Sie verstehen, ich war Student. Was hätte es gebracht, was ich gesagt hätte? Ich hätte irgendeinen demokratischen Abgeordneten im Kongress interviewen können. Ein demokratischer Abgeordneter – ja, klar, die verstehen die Parteilinie nicht. Aber Hontschar war Mitglied des ZK der KPdSU, Held der sozialistischen Arbeit, Träger des Leninpreises. Und alle in der Ukraine, die sein Interview gelesen haben, sahen diese Sache mit ganz anderen Augen, weil er moralische Autorität für alle Ukrainer war – für die sowjetischen und die nicht-sowjetischen – dank seiner Biografie.
Das fiel mir gerade ein. Auch das war ein Moment unseres ideologischen Kriegs. Denn ich erinnere mich, dass auf demselben Kongress – weshalb ich an Bortun und Sacharow dachte – der Abgeordnete Kuzzenko die Frage aufwarf, dass er mit einem blau-gelben Abzeichen in die Sitzung des Obersten Sowjets gekommen war und Valentyna Schewtschenko, die Vorsitzende des Präsidiums der Obersten Rada, ihn von dort hinauswarf, obwohl sie nicht das Recht hatte, einen Volksdeputierten hinauszuwerfen. Sie schrie wie eine Furie, das sei ein Banderabzeichen. Und als Abgeordneter Bortun ans Rednerpult ging, um die Fahne zu verteidigen und zu sagen, dass das unsere Nationalflagge ist, stand im ganzen Saal nur eine einzige Person auf und begann ihm zu applaudieren: Sacharow.
Und das spielte übrigens eine Rolle: Kurz davor als man Sacharow nach einiger Zeit zu Tode schikanierte und er starb, führte ich letztes Interview im seinen Leben. Und dieses Interview druckten alle Weltmedien nach, außer dass ich nicht wusste, wie ich es in Kyiv veröffentlichen sollte. Also ging ich zu Valentyna Schewtschenko und sagte: „Sie schulden mir etwas dafür. Sie geben mir ein Interview, ich baue Ihr Interview in einen Block mit dem letzten Interview Sacharows ein und niemand wird den Text redigieren können, in dem Ihr Interview steht. Und wir erweisen gemeinsam Andrej Sacharow Ehre. Und Sie werden mir nicht nein sagen.“ Und Valentyna Schewtschenko sagte nicht nein, weil sie dennoch gewisse Dinge verstand und in gewissem Maße – seltsamerweise – Ukrainerin war, obwohl sie das damals sorgfältig verbarg. Das war’s. Insgesamt ist das eine lange Antwort auf die Frage.
Iryna Podoljak. Weißt du, was mich sehr interessiert? Wir sind gleich alt, und mich interessiert …
Portnikov. Nein, du bist viel jünger.
Iryna Podoljak. Nein, wir sind gleich alt.
Portnikov. Du erinnerst dich an vieles nicht.
Iryna Podoljak. Aber wie konnte ein junger Mensch Anfang der 90er Jahre einen so breiten Zugang zu Prominenten haben – zu bekannten Politikern, bekannten Schriftstellern, zu Abgeordneten, Regierungsmitgliedern, Dissidenten, zu diesem weiten Kreis? Journalisten gab es viele. Ist das Talent, sag mir – oder was ist das?
Portnikov. Nein, ich wollte es einfach. Ich wollte.
Iryna Podoljak. Hat dir vielleicht jemand geholfen?
Portnikov. Nein, es gibt verschiedene Komponenten.
Iryna Podoljak. Erzähl.
Portnikov. Die erste Komponente war damit verbunden, dass damals das System zusammenbrach und die Distanz zwischen Macht und Presse verschwand. Wie geschah das? Ganz einfach. Es gab Parteitage und Sitzungen des Obersten Sowjets. Dorthin wurden spezielle Journalisten akkreditiert, die kamen und das Mikrofon hinhielten: „Genosse Delegierter, sagen Sie, was halten Sie vom Kurs unserer Partei und was, glauben Sie, hat Sie in der genialen Rede Leonid Iljitsch Breschnews am meisten erwärmt?“ In der Gorbatschow-Zeit waren die Parteitage im Prinzip dieselben – sowohl die Abgeordnetenkongresse als auch die Parteitage – aber man akkreditierte alle, denn es gab ja Glasnost. Ich akkreditierte mich für „Molod Ukrajiny“ und man ließ mich dorthin, wo alle hinkamen.
Ich erinnere mich, wie ich einmal zur Akkreditierung der Delegierten des letzten Parteitages der KPdSU kam. Und ein Kollege von der „Prawda“, etwa 60 Jahre alt, sprach mich an: „Ach, du Milchbubi, ich habe mein ganzes Leben darauf verwendet, hierher zu kommen, und du bist mit 20 schon hier.“ Ich sagte: „Na, ein merkwürdiges Leben haben Sie, wenn Ihre einzige Lebenssehnsucht darin besteht, die Delegierten eines Parteitages zu sehen.“ Ich verstand das Problem nicht. Für mich war das ein alltägliches Ereignis. Ich wusste ja nicht, dass das der letzte Parteitag der Partei sein würde. Vielleicht wäre ich sehr glücklich gewesen, wenn ich es gewusst hätte.
Jedenfalls verschwand die Distanz. Und selbst auf dem Kongress der Volksdeputierten der UdSSR waren die einzigen, die in einem Sonderbereich standen, die Mitglieder des Politbüros. Aber selbst dort konnte man sich auf einen Stuhl setzen und auf jemanden von ihnen warten. Ich habe Schtscherbyzkyj kein einziges Mal gesehen, aber alle anderen habe ich gesehen und mit ihnen gesprochen – einschließlich Gorbatschow, Ryschkow, der Vorsitzender des Ministerrats der UdSSR war. Einmal wartete ich auf Kryuchkow, den KGB-Chef der UdSSR. Das war eine wunderbare Geschichte.
Warum wartete ich auf ihn? Zu mir war der letzte Chef des KGB der Ukrainischen SSR, General Haluschko, gekommen und hatte gesagt: „Vitaly, ich möchte dich warnen, deine Kollegen denunzieren dich.“ Nichts Besonderes, wie Sie verstehen. „Du musst vorsichtig sein“, sagte General Haluschko. Ich war noch ein Kind und sagte: „Wozu soll ich vorsichtig sein, wenn Sie doch der Chef des KGB der Ukrainischen SSR sind?“ Er schaute mich verwundert an – ich hatte das Signal nicht verstanden – und sagte: „Aber es gibt ja noch den KGB der UdSSR.“ Ich sagte: „Verstanden.“
Ich setzte mich also auf einen Stuhl neben das Zimmer der Politbüromitglieder, wartete auf Kryuchkow, ging zu ihm und sagte: „Wissen Sie, der Chef des KGB der UkrSSR sagt, dass meine Kollegen mich denunzieren und er Angst hat, dass das zu Ihnen durchdringen könnte. Was soll ich in so einer Situation tun?“ Kryuchkow schaute mich äußerst verwundert an. Ich verstehe ihn – ich glaube, seit den 20er Jahren hat niemand so etwas gemacht. Ich hatte auch die Wachleute geholt, meine Altersgenossen, die die Türen des Kremls bewachten, weil ich ein bisschen Angst hatte – sie sollten hinter mir stehen. Und er stand mit seinen Leibwächtern, ich mit meinen, und wir standen uns so gegenüber. Und er sagte zu mir: „Befolgen Sie die Anweisungen des Vorsitzenden Ihres republikanischen KGB, Genosse.“
Ich ging zu General Haluschko und sagte: „Ich habe den Vorsitzenden des KGB der UdSSR getroffen. Er hat mir gesagt, dass Ihre Instruktionen ausreichen.“ Das ist übrigens die Antwort an diejenigen, die sagen, der KGB habe mich angeworben.
Und wir kehrten nie mehr zu diesem Thema zurück. Bis zu jenem Tag, als die Ukraine im August 1991 ihre Unabhängigkeit erklärte. Ich kam nach Moskau, und später kam auch Iwan Stepanowytsch Pljuschtsch nach Moskau, damals Erster Stellvertretender Vorsitzender der Obersten Rada. Er traf sich mit den Volksdeputierten der UdSSR aus der Ukraine. Ich ging neben Haluschko, der zu mir sagte: „Sag Iwan Stepanowytsch, dass ich immer ein Anhänger der ukrainischen Unabhängigkeit war.“ Ich war sehr erstaunt. Was, ich soll sein Anwalt sein nach all diesen Signalen?
Also – die Distanz war kurz. Warum kenne ich all diese Menschen? Ich habe einfach mit ihnen zusammen Mittag gegessen, bin in die Kremlbuffets gegangen. Daher kenne ich eigentlich alle, weil ich dort einfach gearbeitet habe und es keine Distanz gab. Das war so verwöhnend, dass ich schon nach ein paar Jahren, als ich zu einer Pressekonferenz Jelzins mit dem moldauischen Präsidenten Petru Lucinschi kam, den ich gut kannte, ihm etwas sagen, eine Begegnung vereinbaren wollte. Und die Sicherheitsleute ließen mich nicht zu ihnen – was normal ist. Sie verstehen, dass man bei einer Pressekonferenz nicht einfach zu Präsidenten hinlaufen kann. Ich war so erstaunt: Wie, ich kann nicht hin? Ich habe ein Anliegen. Wer sind Sie überhaupt? Sie waren noch mehr erstaunt und sagten: „Verstehen Sie nicht? Das ist Sicherheitsregime von zwei Staatspräsidenten.“ Da begriff ich, dass die Distanz zurückgekehrt war. Das war der erste Moment.
Der zweite Moment war, dass ich bereit war, Risiken einzugehen. Ich traf mich wirklich mit Tschornowil und Horen auf der Wohnung von Horbal in Kyiv nach Tschornowils Entlassung aus dem Gefängnis. Horbal war Dissident in Kyiv, wenn ich mich nicht irre. Kurz nach Tschornowils Entlassung hatte ich in Moskau mit der Agentur Interfax vereinbart, dass ich dieses Interview für ausländische Journalisten verbreite. Ich traf ihn, machte das Interview, und niemand sonst wollte das tun, weil es damals noch riskant war. Und ich erinnere mich, dass Tschornowil bei unserem Kennenlernen sagte: „Es ist so seltsam, Vitaly, wissen Sie, wir saßen in der Strafkolonie, und wir hatten ‚Molod Ukrajiny‘ abonniert, weil es eben die Komsomol-Zeitung war. Und in dieser ‚Molod Ukrajiny‘ steht ihr Interview mit Akademiker Sacharow. Und wir saßen da und konnten diesen Surrealismus nicht begreifen.“
Es gab auch so einen Moment: Ich ging als erster ukrainischer Journalist zur Zentrale der OUN(b) in München. Kein ukrainischer Journalist war vorher dort. Aber ich wollte. Sie waren sich nicht einmal sicher, ob sie wollten – es waren die ersten Monate, glaube ich, nach der Unabhängigkeit. Sie verstanden nicht, was mit dieser Kyiver ukrainischen Presse geschah. Ich kam, traf Slawa Stetsko. Ich erinnere mich an diesen Moment. Ich machte das erste Interview mit dem Direktor der ukrainischen Redaktion von Radio Liberty, Bohdan Nahajlo, in Sowjetzeiten. Er rief mich von München aus an. Das war wohl auch riskant, nehme ich an. Ich weiß es nicht.
Nun – eigentlich weiß ich es. Denn kurz vor August 1991 wurden einige Moskauer Journalisten, die mit der „Nesawisimaja gaseta“ zusammenarbeiteten, zu einer Exkursion in den KGB der UdSSR eingeladen. Man sagte, es gebe eine Exkursion, und dafür müssten wir unsere Passdaten und die tatsächliche Wohnadresse angeben. Und da wir sowjetische Menschen waren, habe ich die tatsächliche Wohnadresse natürlich angegeben. Später erfuhr ich, dass ich auf einer Liste von Menschen stand, die während Putsch interniert werden sollten – an dieser tatsächlichen Adresse. Sie kamen dahin, um zu überprüfen, ob ich dort sei. Aber ich war in Kyiv, weil ich am 18. August nach Kyiv gefahren war, und die Meldeadresse hatte ich ihnen nicht gegeben. Sie baten nicht darum, sie wollten die tatsächliche Adresse. Ich verstand damals nicht, was los war.
Wir kamen, der Leiter des Öffentlichkeitszentrums des KGB empfing uns, sagte: „Guten Tag, lassen Sie uns gehen.“ „Das ist das Büro von Juri Wladimirowitsch Andropow. So, auf Wiedersehen.“ Ich dachte, was für eine komische Exkursion. Sie bereiteten schlicht Listen vor, wie sie es immer gemacht haben.
Also – schon 1991 war klar: Wenn sie gewinnen, verlieren wir. Zum Glück haben sie damals nicht gewonnen. Alles endete mit unserer Unabhängigkeit. Das war der zweite Moment.
Der dritte Moment hängt damit zusammen, dass ich meine journalistische Arbeit begann, als ich noch Schüler war – aber nicht in der Ukraine, sondern in Lettland, in Jūrmala. Und dort durfte man alles Mögliche drucken. Das war eine wunderbare Geschichte: Ich ging in die Zeitung „Jūrmala“, so ein dünner jüdischer Junge, zum Kulturredakteur oder Stellvertreter. Ich sagte auf Russisch: „Guten Tag, ich habe die achte Klasse beendet, ich bin aus Kyiv, ich möchte bei Ihnen veröffentlicht werden, vielleicht kann ich ein Interview machen.“ Und dieser Redakteur antwortete mir auf Ukrainisch: „Du bist aus Kyiv? Sprichst du Ukrainisch?“ Ich sagte: „Natürlich spreche ich Ukrainsch.“ Er war erstaunt, weil ein Junge aus Kyiv, der nicht wie ein Ukrainer aussieht, Ukrainisch spricht. Das war der ukrainische Dichter Mychajlo Hryhorjew, ein bekannter Dichter der Kyiver Schule, der damals in Lettland arbeitete, weil man ihn dorthin geschickt hatte, um literarische Übersetzungen zu machen.
Er gab mir die Möglichkeit, den ersten Text zu schreiben. Ich begann dort zu veröffentlichen. Und seit diesem Moment haben wir uns nie wieder gesehen. Ich habe immer gesagt, dass er derjenige war, der mir, dem Jungen, die Möglichkeit gab, in Lettland zu veröffentlichen, nicht-sowjetische Texte zu schreiben, sich mit irgendwelchen Kulturleuten zu treffen. Und er rief mich vor einigen Jahren an und fragte, ob das wahr sei, denn ich erwähnte seinen Namen, er könne sich aber nicht erinnern. Ich sagte: „Natürlich – Sie waren ein junger, gutaussehender Mann, alle Frauen in der Redaktion lagen Ihnen zu Füßen. Warum sollten Sie sich an irgendeinen Jungen erinnern, der auftauchte und ein paar Texte veröffentlichte? Natürlich erinnern Sie sich nicht. Aber ich bin Ihnen bis heute dankbar.“ Er starb wenige Tage nach unserem Gespräch. Es war ein Abschiedsgespräch. So ist es manchmal: Menschen ziehen am Lebensende Bilanz. Ich bin ihm bis heute dankbar.
Wir haben einmal hier in Lwiw mit Oksana Sabuschko zu Abend gegessen. Und sie sagte zu mir: „Wusstest du, was es für ein interessantes jüdisches Milieu in Kyiv gab?“ Ich wusste nicht viel, nein – ich kannte das jüdische Milieu in Kyiv praktisch nicht. Und ich sagte ihr: „Wusstest du, was für ein wunderbares ukrainisches Milieu es gab, mit dem ich kommuniziert habe?“ Da erinnerte ich mich, mit wem ich gesprochen hatte, mit wem ich spazieren gegangen war – mit Mychajlo Son, mit dem ich spazieren ging, mit Platon Voronko auf der Welyka-Wasyliwska. Ich verstehe nicht einmal, warum ich mit ihm spazieren ging. Ich vergesse das alles fast schon. Ich ging zu Abram Katznelson, der übrigens „Marusja Tschuraj“ von Lina Kostenko bei sich versteckte, als Lina verfolgt wurde. Es gab viele solche Momente.
Sie sagte: „Warum bist du überhaupt zu diesen Ukrainern gegangen?“ Und ich sagte: „Vielleicht haben wir beide das gesucht, was uns im familiären Umfeld fehlte. Du hast eine Welt gesehen, ich eine andere.“ So war das.
Es ist einfach eine Frage des Wollens, denke ich. Und es kam früh. Ich war Sieger der Republikanischen literarischen TV-Olympiade. Man führte uns Jungs, die aus verschiedenen ukrainischen Städten kamen, zum Schriftstellerverband. Einer dieser Jungen wurde später ein bekannter israelischer Diplomat, ich bin mit ihm bis heute befreundet. Und wir sahen all diese Dichter und Schriftsteller: Dmytro Pawlytschko, Borys Oliinyk. Wir kennen uns mit Borys Oliinyk übrigens seit dieser Zeit. Unsere Beziehung war nicht einfach, aber wir haben uns kennengelernt, als ich Schüler war. Deshalb bin ich, als er Abgeordneter war und ich Journalist, immer auf ihn zugegangen – er wusste, dass ich das Kind war, das etwas erwachsen geworden war.
Ich denke also, ich habe einfach die Gelegenheit genutzt. Es gab diese Möglichkeit in den 90ern. Aber ich wollte es sehr, ich wollte mit Menschen kommunizieren, die irgendwie zu meiner Entwicklung beitrugen. Und ja, das war vielleicht auch eine Art journalistische Frechheit. Aber als ich in der Sowjetzeit dachte, ich würde ein Interview machen, dann nicht, weil ich Journalist sein wollte. Ich verstand nicht, wie man sowjetischer Journalist sein und lügen sollte. Ich dachte, ich würde mich einfach mit Menschen unterhalten, die mir erklären könnten, wie man in diesem Umfeld überlebt.
Ich wollte in der Sowjetzeit eigentlich die jiddische Literatur erforschen, weil ich fand, dass sie ausstirbt und jemand sie unterstützen muss. Ich schrieb Briefe an verschiedene Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, korrespondierte viele Jahre mit ihnen, schrieb Beiträge auf Jiddisch für „Birobidzhaner Shtern“. Ich kenne all diese Leute, die Veteranen der jüdischen Literatur waren.
Übrigens: Warum ich den Ukrainern immer sage, dass sie ihre Sprache bewahren müssen. Ich erinnere mich, wie ich bei dem bekannten jüdischen Schriftsteller Hryhorij Poljanker zu Gast war, der auf Jiddisch schrieb und im Schriftstellerhaus in Kyiv lebte. Und er sprach fast kein Jiddisch mehr, weil er mit seiner Frau wahrscheinlich schon Russisch sprach – sie war Juristin – und mit den Nachbarn natürlich Ukrainisch, denn es waren alles ukrainische Schriftsteller. Mit wem hätte er Jiddisch gesprochen? Wir saßen da und sprachen – ich weiß nicht mehr, Ukrainisch oder Russisch – über jüdische Literatur, weil ich kein Jiddisch spreche. Da klingelte es an der Tür, ein Junge in meinem Alter kam herein und sprach ihn an: „Poljanker, mayn liber shrayber“, und sagte, er sei aus Bershad, wo man damals noch Jiddisch sprach.
Selbst die Ukrainer aus Bershad sprachen mit einem besonderen Akzent, wie Anatolij Matwijenko, der bekannte ukrainische Politiker. Sie hatten diese eigenartige ukrainische Aussprache. Und der Junge sagte: „Wir lesen Sie alle in Bershad, in unserer Bibliothek stehen Ihre Bücher.“ Und Poljanker wusste gar nicht recht, wie er mit ihm reden sollte, weil ihm die Praxis fehlte. Er sprach, aber langsam. Der Junge hingegen sprach seine Muttersprache, mit der er ständig mit seinen Eltern kommunizierte. Und Poljanker sagte: „Wir werden Russisch sprechen, denn Vitaly versteht kein Jiddisch.“ Ich sagte mit meiner typischen Höflichkeit: „Ich verstehe alles. Bitte.“
Und Hryhorij Isakowytsch sagte: „Vitaly, geh und zeig dem Jungen Kyiv. Sitzt nicht bei einem alten Mann, ich unterschreibe jetzt ein Buch.“ Ein Buch konnte er natürlich unterschreiben. Er signierte irgendein Buch auf Jiddisch. Der Junge war gerührt, kurz vor den Tränen, sehr glücklich. Ich führte diesen Jungen, er war Traktorist aus Bershad, durch Kyiv. Er war nach dem Militärdienst. Ich fragte ihn, ob er im Militär mit Antisemitismus konfrontiert worden sei. Er schaute mich unverständlich an, denn er war ein kräftiger Traktorist, nur eben jüdisch. Ich begriff, dass niemand so einem Jungen nahekommen würde. Ich war dumm mit meinen Klammern, mit meinen kindlichen Komplexen.
Ich hatte einen der letzten „Mohikaner“ meiner Muttersprache gesehen, denn meine Großmütter sprachen Jiddisch, meine Tanten sprachen Jiddisch, meine Mutter verstand Jiddisch, aber ich sprach es nicht. Und hier sah ich einen Jungen in meinem Alter, der all das bewahrt hatte. Deshalb wünsche ich mir so sehr, dass junge Menschen ihre Sprache bewahren, weil ich weiß, was es heißt, ohne sie zu sein.
Iryna Podoljak. Ich möchte einfach zusammenfassen: Um eine solche Karriere zu machen, ein solches Leben gelebt zu haben und solchen Menschen zu begegnen, muss man es einfach wollen.
Portnikov. Ich habe mein Leben noch nicht gelebt, wir haben unser Leben noch nicht gelebt.
Iryna Podoljak. Bitte, wer hat Fragen?
Zuschauerin. Ich bin Anwältin. Ich bin aus Odesa. Ich habe eine etwas umfangreichere Frage, die aus zwei Teilen besteht und das zusammenfasst, was Sie gesagt haben. Erstens interessiert mich sehr Ihre Haltung zu den personellen Veränderungen in Odesa, denn wenn wir über Staatsbürgerschaft und Pass sprechen, möchte ich an zwei Sentenzen erinnern. Die erste: „Freunden alles, Feinden das Gesetz“, und die zweite: „Wenn man dich schlägt, schlägt man dir ins Gesicht, nicht auf den Pass.“ Also habe ich zwei Fragen: zu den Personalveränderungen in Odesa – warum diese in Verletzung des Gesetzes vorgenommen wurden, denn mir als Anwältin ist bekannt, wie das eigentlich laufen müsste. Und zweitens: die Frage der Sprache, die Sie sagten, man müsse bewahren. Warum spricht jetzt jeder davon, wie wichtig es sei, authentische Dialekte zu bewahren – den Huzulen-Dialekt. Ich möchte fragen: Wie stehen Sie zur Bewahrung gerade der „odesitischen Sprache“, denn sie nimmt auch Jiddisch, Bulgarisch, Griechisch und vieles andere in sich auf. Danke.
Portnikov. Zunächst zu der Geschichte mit Truchanow. Ich bin absolut überzeugt, dass in unserem Land schon längst der Aufbau einer gewissen Vertikale im Gang ist. Das hängt genau mit dem zusammen, worüber wir am Anfang gesprochen haben. Das ist ebenfalls in gewisser Weise der Versuch, die lokale Macht unter Kontrolle zu bringen. Das ist jedem klar, der die politischen Prozesse in der Ukraine verfolgt. Eine andere Frage ist: Warum stimmen die Einwohner von Odesa für Truchanow und die Einwohner von Charkiw für Kernes – sogar als er schon im Sarg lag? Entspricht das nicht dem Bild der lokalen Gemeinschaft? Was kann man tun, damit die lokale Gemeinschaft diese Art des Wählens endlich beendet? Denn solche Wahlen rücken unsere großen Millionenstädte aus dem Rahmen der ukrainischen Idee heraus. Das sage ich auch ganz klar.
Wir verstehen die Ideologie von Truchanow sehr gut. Wir kannten die Ideologie von Kernes, der das Gedenktafel von Scheweljow zerschlagen ließ. Wir kannten die Ideologie von Truchanow, der am russischen Mythos von Odesa festhielt wie an einem künstlichen Zahn des Imperiums auf dem Land Bessarabiens. Das ist alles völlig offensichtlich.
Zur „odesitischen Sprache“ wollte ich ein Zitat finden, das nicht von mir, sondern vom großen Odesiten, dem bedeutenden Schriftsteller und Theoretiker des Zionismus Wladimir Schabotinski stammt und das sich genau auf Odesa in einer ukrainischsprachigen Welt ringsum bezieht. Es ist genau dieselbe Geschichte, die es bis heute gibt: Odesa ist, wie Charkiw auch, eine russischsprachige Millionenstadt, die von einem ukrainischen Meer umgeben ist. Russischsprachig ist sie nicht von sich aus geworden, sondern durch planmäßige Russifizierung in den Zeiten des Russischen Imperiums und der Sowjetunion und durch die Zuweisung kultureller und zivilisatorischer Traditionen, die ihr völlig fremd sind.
Die Aufgabe des ukrainischen Staates – jetzt spreche ich, ich zitiere Schabotinski nicht – die Aufgabe des ukrainischen Staates ist es, den ethnischen Ukrainern, die die Bevölkerungsmehrheit ausmachen, in Odesa und Charkiw – so wie wir es auch mit den ethnischen Ukrainern in Donezk hätten tun sollen – ihre wahren zivilisatorischen Orientierungspunkte zurückzugeben. Das ist völlig klar. Und ich glaube, wir sollten alles tun, um das zu fördern – uns keine „odesitische“ und „charkiwer“ Sprache ausdenken, sondern daran arbeiten, dass Odesa eine ukrainischsprachige Stadt wird, dass Charkiw eine ukrainischsprachige Stadt wird. Damit man auf den Straßen von Odesa, Charkiw und Kyiv Ukrainisch spricht. Wenn wir die richtige Staatspolitik betreiben, wird das schließlich geschehen.
Zivilisation besteht immer daraus, in welcher Sprache man in den großen Städten spricht. Es ist das große Glück des ukrainischen Volkes, dass es gelungen ist, die ukrainische Sprache in den Dörfern zu bewahren und dass das ein Agrarland war, in dem bis 1917 achtzig Prozent der Bevölkerung aus Bauern bestanden, unter denen die überwältigende Mehrheit Ukrainer waren. Sie sprachen überall Ukrainisch. In Bessarabien sprachen sie verschiedene Sprachen: manche Ukrainisch, manche Rumänisch, manche in kleinen Städten Jiddisch. Aber nicht Russisch. Russisch sprach die zugezogene Elite. Das war nicht die Sprache Odesas.
Daher denke ich, dass man nicht die Sprache Odesas bewahren sollte, sondern dass Odesa Ukrainisch sprechen sollte. Man sollte sich nicht etwas ausdenken, was es nie gab. Ich habe einmal einen Artikel über Odesa geschrieben mit dem Titel „Restaurant ohne Großmutter“. Ich schrieb, dass wenn ich in jüdische Restaurants in Odesa oder Krakau gehe, in denen es jüdische Gerichte gibt, aber nicht meine Großmutter, weil diese jüdischen Gerichte von Ukrainern oder Polen zubereitet werden, ich genau verstehe, dass das nur die Dekoration unserer Küche und unserer nationalen Traditionen ist.
In Odesa gibt es keine Juden und keine jüdischen Traditionen mehr, es gibt den Versuch, auf Russisch mit jüdischem Akzent zu sprechen – und das auch noch schlecht – und statt normaler russischer Ausdrücke Wendungen zu benutzen, die aus dem Deutschen ins Russische übersetzt wurden, weil Jiddisch sprechende Juden ihre eigenen Wendungen aus dem Deutschen ins Russische übertrugen, als sie Russisch sprachen. Aber warum reden Sie so? Aus welcher Sprache übersetzen Sie sich, wenn Sie kein Jiddisch kennen?
Diese ganze „odesitische Sprechweise“ ist nur eine Übersetzung aus dem Jiddisch. Und Bulgarisch? Natürlich. Als Sprache der interethnischen Kommunikation in Odessa wird Ukrainisch dienen, so wie früher Russisch. Und das war’s. Die „odesitische Sprechweise“ wird sich ändern, denn die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung Odesas sind heute Ukrainer. Früher war es anders: Odesa war eine Hafenstadt mit einer Vielfalt von Völkern, Sprachen und Traditionen. Dann kam der Holocaust, die nahezu vollständige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, das Verschwinden der Rumänen und Bulgaren aus bekannten Gründen. Odesa wurde eine ukrainische Stadt, deren Einwohner so tun, als seien sie die Einwohner des Vorkriegs-Odesas.
Wozu? Diese Frage gehört an die russische Sowjetmacht, die das zu erhalten versuchte. Ich habe immer gesagt, man soll das nicht erhalten. Man muss Odesa das Bild zurückgeben, das mit Bessarabien verbunden ist – mit der ukrainischen, natürlich auch bulgarischen und rumänischen Bessarabien. So wie in Uschhorod, wo Ukrainer, Ungarn und Slowaken miteinander Ukrainisch sprechen, nicht Russisch. Inwiefern ist Odesa schlechter? Ich finde, in nichts.
Wenn wir in Odesa anfangen zu sagen „Das war eine Bastion der russischen Kultur, wie können wir darauf verzichten?“, erinnere ich immer daran, dass alle „russischen Kulturschaffenden“, die in Odesa geboren wurden, letztlich nicht dort lebten. Wenn jemand verstand, dass er ein russischer Kulturschaffender ist, ging er nach Russland. Utjosow, Schwanetzki, Kirsanow, Silwinski, Bagritski. Sogar Karzew. Alle gingen nach Moskau und Petersburg. Niemand blieb dort, weil Odesa kein Zentrum der russischen Kultur ist. Es gab keine russische Kultur dort. Wenn man sich mit russischer Kultur beschäftigen wollte, ging man nach Moskau oder Petersburg.
Wenn man sich mit ukrainischer Kultur beschäftigen wollte, konnte man in Odesa bleiben oder nach Kyiv gehen. So war es. Dasselbe gilt für alle. Wir kämpfen immer noch um Mychail Bulgakow, der eines Tages verstand, dass er eine Größe der russischen Kultur geworden war, und nach Moskau ging. Jeder normale Mensch, der begreift, dass er Teil einer Kultur ist, zieht in dieses Land. Entweder gibt es diese Kultur in einem Land oder es gibt sie nicht. Jaroslaw Iwaschkewitsch ging aus Kyiv nach Polen, Mychail Bulgakow ging nach Russland. Und wir versuchen immer noch, diese Menschen festzuhalten – „Das sind unsere Kulturschaffenden“. Nein – sie wollten nicht einmal vierzig Minuten mit uns an einem Tisch sitzen, weil sie ihr eigenes Publikum, ihre eigenen Leser und Zuschauer hatten. Sie konnten natürlich zu Tourneen kommen.
Zuschauer. Zuerst zwei kurze Reflexionen zu dem, was Sie gesagt haben. Sie haben die Entscheidung von Sadowyj erwähnt, nicht nach Kyiv zu gehen und nicht in die Regierung, in die Koalition einzutreten – und Sie haben da so eine Brücke geschlagen: dass es deshalb die Partei „Samopomitsch“ nicht mehr gibt. Ich habe mir gedacht: Und wo ist die Partei von Jazenjuk, Turtschinow und Awakow, die ja schließlich in der Koalition waren?
Portnikov. Und die Partei von Jazenjuk, Turtschinow und Awakow hat den Preis dafür gezahlt, dass andere national-demokratische Parteien nicht bereit waren, die Verantwortung zu übernehmen – und so haben sie die ganze Verantwortung für die Reformen allein geschultert. Wir wissen, wo diese Partei ist: Diese Partei hat die Ukraine verändert.
Zuschauer. Meine Frage betrifft so eine Art Vergleich der Infantilisierung. Bei Ihnen klingt oft dieser belehrende Ton, dass wir eben eine infantile Gesellschaft im politischen Sinn seien und nun die Folgen ernten. Und ich würde Sie bitten, das Niveau der politischen Infantilisierung zu vergleichen – erstens regional: Wir erinnern uns ja, dass 2019 in der Oblast Lwiw für Petro Poroschenko und nicht für Zelensky gestimmt wurde.
Portnikov. Ich glaube, nicht die Oblast Lwiw, sondern die Stadt Lwiw.
Zuschauer. Die Oblast Lwiw auch. Lwiw vielleicht stärker, aber ich habe die Daten nicht zur Hand. Das war die Region, in der Poroschenko gewonnen hat. Das ist das Erste. Bedeutet das, dass die Lwiw politisch reifer sind als der Rest der Ukrainer? Das mag provokativ klingen, aber genau diese Frage habe ich. Und das Zweite nach Ihrer Antwort.
Portnikov. Vielleicht sind die Bewohner Lwiws national – sagen wir – bewusster als der Rest der Ukrainer, aber das nimmt ihnen die Infantilität nicht ab. Wenn wir uns die Ergebnisse aller Wahlen in der Region ansehen, die Bürgermeisterwahlen und so weiter, sollten wir den Lwiwer kein allzu großes Kompliment machen.
Zuschauer. Und die zweite Frage ist der Vergleich zwischen der politischen Infantilisierung unserer Gesellschaft und der der amerikanischen. Dort hat man ja auch einen Präsidenten gewählt, der die Institutionen zerstört, der ein absoluter Populist ist und der vor seiner ersten Amtszeit nie in der Politik war. Aber wir kennen ja die Geschichte der Entstehung der Demokratie und der Institutionen in den USA. Wer ist in diesem Sinn infantiler – die heutigen Amerikaner oder die Ukrainer?
Portnikov. Ich glaube, wir verstehen zunächst einmal, dass das Jahr 2019 der Nachhall des Trumpismus war. Das bestreitet ja niemand. Es ist genau dieselbe Technologie: Jemand kommt „von der Straße“, um den Washingtoner Sumpf – oder eben den Kyiver Sumpf – „auszutrocknen“. Offensichtlich haben die neuen Informationstechnologien ein bestimmtes Maß an Infantilisierung für viele Völker der Welt erzeugt. Natürlich sind die Amerikaner infantil. Und was ist mit den Briten, die für den Austritt aus der EU gestimmt haben? Das ist doch auch ein Idiotismus, der sich ziemlich ernsthaft auf ihre weitere Entwicklung und ihren Einfluss ausgewirkt hat. Und dort gab es ebenfalls ihre eigenen Abenteurerer vom Typ Boris Johnson.
Der Unterschied liegt, wissen Sie, worin? Dass die Staatlichkeit der Vereinigten Staaten durch nichts bedroht ist. Und Großbritannien ist geblieben, was es war – nicht einmal das arme Schottland kommt aus diesem Staat heraus. Auch wenn wir ihnen das von Herzen wünschen, wenn die Schotten denn reif werden und für ihre eigene Freiheit stimmen – denn ich hoffe, die Ukrainer sind ein Volk, das die Freiheit anderer Völker unterstützt. Aber darum geht es nicht, sondern darum, dass wir mit der Frage konfrontiert sind, ob der Staat überhaupt weiter existiert oder nicht. Und sie experimentieren. Damit zu experimentieren, ob man in der EU ist oder nicht, ist etwas ganz anderes, als ob unsere Region in der Russischen Föderation oder in der Ukraine sein wird. Das ist ein anderes Risikoniveau.
Deshalb kann die ukrainische Infantilität mit dem Verschwinden des ukrainischen Staates enden, während die amerikanische Infantilität höchstens, würde ich sagen, mit Problemen beim Lebensstandard der Wähler Trumps enden kann – viele von ihnen werden etwas verlieren, und auch die Nicht-Wähler Trumps. Na gut, dann leben sie halt ärmer, es wird ihnen schon nichts passieren – wissen Sie: „Wir haben nie im Luxus gelebt, also müssen wir auch nicht damit anfangen.“ Das heißt, das Maß der Infantilisierung mag ähnlich sein, vielleicht ist es in der amerikanischen Gesellschaft sogar größer, aber das Risikoniveau ist bei uns höher.
Ich habe immer über die Risiken gesprochen, wenn ich vom Niveau der Infantilität sprach. Darum habe ich auch diesen Mentorenton – denn im Unterschied zu amerikanischen Journalisten lache ich nicht hinterher über meine Mitbürger, sondern ich begrabe sie. Verstehen Sie den Unterschied? Ich begrabe sie. Für den amerikanischen Wähler führt der Weg im schlimmsten Fall zum Arbeitsamt. Na gut, er findet sich irgendeine andere Arbeit. Für den ukrainischen Wähler, der sich irrt, führt der Weg auf den Friedhof – sowohl während der Pandemie als auch jetzt, während dieses Konflikts, der in einen Krieg übergegangen ist. Das ist der Weg auf den Friedhof – und dieser Weg setzt sich fort. Verstehen Sie? Wir wissen noch gar nicht, welche Dimensionen dieser Weg noch annehmen wird.
Warum sollte ich dann nicht belehrend auftreten, wenn ich Bürger eines Landes bin, in dem ich seit vielen Jahren meine eigenen Mitbürger begrabe und keinen Ausweg aus dieser Situation sehe? Und mich letztlich an die Menschen mit Warnungen über das, was passieren wird, wende, noch bevor es tatsächlich geschieht. Es ist ja nicht so, dass ich nachträglich sage: „Oh, wie schrecklich!“ Nein – ich spreche über die Folgen, bevor sie eintreten. Warum sollte ich dann nicht überzeugt sein, dass ich recht habe? Selbst wenn ich einen Größenwahn hätte – er wird doch von den Fakten bestätigt.
Iryna Podoljak. Ich würde nur gern meine Meinung sagen – falls ich hier das Recht habe, meine Meinung zu äußern. Mir scheint doch, dass im nächsten Wahlzyklus, falls…
Portnikov. Wenn er denn stattfindet.
Iryna Podoljak. Wenn er stattfindet – hoffen wir, dass es „wenn“ sein wird und nicht „falls“. Dann werden die Politiker, über die wir heute gesprochen haben, doch bereits der Vergangenheit angehören?
Portnikov. Keiner weiß das. Es kann sich alles so drehen, dass die Politiker aus der Vergangenheit zur ukrainischen Zukunft werden.
Iryna Podoljak. Muttergottes, das will ich nicht.
Zuschauerin. Eine Fortsetzung der vorherigen Fragen: Ihr Rezept für das Erwachsenwerden der Ukrainer?
Portnikov. Das Rezept für das Erwachsenwerden der Ukrainer. Hören Sie, die Ukrainer werden ohnehin erwachsen, weil wir uns früher oder später von Menschen mit sowjetischem, postsowjetischem Gedächtnis verabschieden. Das ist keine „sowjetische“ Wahl. Wie der Kollege richtig gesagt hat: Für Zelensky wurde genau so abgestimmt, wie in Amerika gewählt wurde. Das ist gerade ein Zeichen einer gesunden Gesellschaft, verstehen Sie? Einer gesunden. Wenn eine Gesellschaft eine Person mit populistischen Ansichten wählt, kann das in den USA passieren, in Großbritannien, wo auch immer. Wir sind einfach dem Weg der heutigen europäischen oder westlichen Tendenz gefolgt. Zelensky ist keine Ausnahme von dieser Tendenz, sondern ihre Bestätigung.
Ich finde also, dass eine Gesellschaft, die sich in einer Art Anabiose befindet, einen Putin hat, den sie nicht loswird. Selbst die Belarussen wollten, wie Sie sich erinnern, Lukaschenko loswerden. Und sie haben für Tichanowskaja gestimmt, die sie gerade erst zum ersten Mal sahen – nur damit Lukaschenko nicht mehr da ist. Das ist dasselbe wie das Wählen Zelenskys. Nur hat man sie nicht gelassen, denn sie leben in einem repressiven Land, in dem die Menschen ihre Meinung bei Wahlen nicht wirklich äußern und verteidigen können.
Deshalb sehe ich die Jugend, die für Zelensky gestimmt hat, nicht als postsowjetische Jugend. Ja, es ist in gewisser Weise eine infantile Gesellschaft, aber keine sowjetische. Das sind unterschiedliche Dinge. Die sowjetische Gesellschaft unterscheidet sich nicht durch Infantilität, sondern durch den Unwillen, irgendeine Rolle bei Veränderungen im Land zu übernehmen. Eine infantile Gesellschaft dagegen kann sich irren, aber die Menschen wollen teilhaben. Und dann ist die Frage, welche Schlussfolgerungen diese Menschen ziehen werden. Die Amerikaner haben ihre Schlüsse anscheinend nicht gezogen. Wir werden sehen, was noch wird. Das ist eine Frage für die Nachkriegszeit: wie der Krieg enden wird, was weiter geschieht.
Aber noch einmal: Ich habe den Leuten, die für Zelensky gestimmt haben, nie vorgeworfen, dass sie sowjetische oder postsowjetische Menschen seien. Nein, ich war einfach der Meinung, dass wir es hier mit einem neuen Niveau politischer Kultur zu tun haben, auf das wir im Rahmen der neuen Informationstechnologien gestoßen sind – wenn man so will: dem TikTok-Niveau. Aber TikTok ist nicht die Zeitung Prawda. Und die Träger dieser politischen Kultur, die wir in Russland sehen – dieses „wir sind kleine Leute, Putin weiß es besser“ –, die haben wir so nicht. Selbst die Menschen, die für Zelensky gestimmt haben, glauben nicht, dass „er es schon besser weiß“. Deswegen sind sie ja schockiert von den Korruptionsskandalen. Sie hoffen, dass er Maßnahmen ergreift. Sie sehen ihn als Person, für die sie gestimmt haben.
Die Russen sehen Putin als jemanden, der ihnen von Gott gegeben wurde. Na gut, nicht von Gott – er ist einfach da. Er ist halt Putin. Das sind verschiedene Dinge. Solche Leute haben wir sehr wenige. Es gab sie noch zur Zeit Janukowytschs, aber es sind sehr wenige.
Ihr wollt, dass wir ein europäisches Land sind – sagen wir so – wie Deutschland in den 1980er-Jahren. Solche Länder gibt es nicht mehr. Und dieses Deutschland gibt es auch nicht mehr. Das ist vorbei. Wir leben in einer völlig anderen Welt. Und wir müssen ein Teil dieser anderen Welt sein. Denn die Wahl ist zwischen – grob gesagt – der europäischen, westlichen Welt, in der es viel Populismus, viel Infantilismus gibt, aber auch viel Verantwortung, und der sowjetischen Welt, in der es keine Verantwortung gibt. Und das ist Russland, wo eine einzige Person entscheiden kann, dass es Krieg geben wird – und alle anderen sagen: „Na gut, wenn es so ist, dann ist es so. Was geht uns das an? Hauptsache, die Drohne fliegt uns nicht ins Fenster.“
Zuschauer. Ich habe eine Frage zur Kultur. Wenn der Krieg – oder zumindest die aktive Phase – vorbei ist: Wird es der ukrainischen Kultur überhaupt gelingen, die russische aus allen Lebensbereichen zu verdrängen? Welche konkreten Schritte muss man dafür schon jetzt unternehmen?
Portnikov. Sie kennen doch meine Geschichte über Ida Markiwna, die ich in solchen Fällen immer erzähle. Oder kennen Sie sie nicht? Ja? Das ist meine Lieblingsanekdote über Markiwna.
Ich schwamm einmal in einem italienischen Schwimmbad mit Ida Markiwna. Sie hörte, wie ich am Telefon auf Ukrainisch antwortete, und fragte mich, ob ich aus Russland sei. Sie selbst war aus Israel. Und sie sagte, sie sei ebenfalls aus Russland nach Israel repatriiert – aus Tscherniwzi. Ich sage: „Oh, wie interessant, und wo waren Sie in Russland?“ Sie sagt: „Ach, ich war überall in Russland – in Lwiw war ich, in Ternopil war ich, in Iwano-Frankiwsk.“ – „Und woher aus Russland sind Sie?“ frage ich. „Ich bin aus Kyiv“, sage ich. – „Auch eine wunderbare Stadt in Russland“, sagt sie. Ich denke mir: „Na gut …“
„Und was gefällt Ihnen denn nicht an der russischen Kultur – Kobson, Kirkorow?“ Ich bin einfach sprachlos. Ich frage: „Vielleicht kennen Sie die ukrainische Sprache nicht?“ – „Wie, ich kenne sie nicht? Ich kenne Ukrainisch, ich kenne Rumänisch, ich bin doch aus Tscherniwzi. Und Jiddisch. Aber ich bin eben in Russland sozialisiert. Darum liebe ich Kobson und Kirkorow.“
Ich frage: „Und Ihre Kinder?“ – „Oh, Nelli hier – ein Mensch aus Russland –, Nelli liebt ebenfalls Kobson und Kirkorow sehr.“
Ich frage: „Und Sie haben doch sicher Enkelkinder, Ida Markiwna – die Kinder von Nelli?“ – „Na klar habe ich welche. Nur sind die irgendwie nicht normal – sie mögen Kobson und Kirkorow nicht, sie hören irgendwelche dummen Lieder auf Hebräisch.“
Das heißt: Die Epoche ist vorbei. Israel hat Ida Markiwna besiegt. Nicht sofort, aber es ist gelungen.
Und so ist es auch bei uns: Wenn wir kein russischsprachiges Bildungswesen mehr haben – oder es nur noch für jene gibt, die sich als ethnische Russen begreifen. Solche Menschen kann es nach dem Krieg geben. Ich finde, sie haben jedes Recht, Russisch zu lernen und so weiter – aber ausschließlich im Rahmen des ukrainischen, nicht des russischen Schulprogramms, nicht mit russischen Schulbüchern, damit in ihren Büchern eher Herzen steht als Putin, sozusagen.
Aber das sind ohnehin sehr wenige Menschen, angesichts der letzten Volkszählungen und Umfragen. Bei uns betrachtet sich heute überhaupt kaum noch jemand als ethnischer Russe – die sind irgendwie verschwunden. Andererseits, wenn es diese Menschen gibt, dann gibt es sie auch in Lwiw, das wissen Sie genau. Nur will ein Mensch jetzt nicht einmal mehr daran denken, dass er Russe ist, aber das kann sich wieder ändern, und diese Menschen werden da sein. Vielleicht nicht sehr wenige, aber nicht sehr viele – einfach eine nationale Minderheit.
Schulbildung auf Ukrainisch, Hochschulbildung auf Ukrainisch, Staatsdienst auf Ukrainisch, Dienstleistungen auf Ukrainisch. In den Kindergärten spricht man Ukrainisch. Wo bleibt da Platz für eine andere Sprache? Ethnische Ungarn werden natürlich in ihren Schulen Ungarisch sprechen, Rumänen Rumänisch, aber wenn sie im Straßenleben in Transkarpatien oder der Bukowina unterwegs sind, werden sie Ukrainisch sprechen, weil sie früher oder später eine ukrainischsprachige Hochschule oder Fachhochschule absolvieren werden oder mit Bekannten sprechen, die keine Ungarn und keine Rumänen sind – und das tun sie auf Ukrainisch.
Wie glauben Sie, ist es im Stadtteil Awtlabari in Tbilisi, in diesen berühmten armenischen Vierteln – leben dort Menschen, die Armenisch sprechen. Meinen Sie, sie sprechen kein Georgisch? In welcher Sprache reden sie mit ihren Nachbarn? Russisch etwa? Sie beherrschen Georgisch genauso wie Armenisch, aber untereinander, in ihrem Viertel, sprechen sie Armenisch – natürlich.
Das ist also der Weg. Die Sprache verschwindet einfach – nur nicht in zehn Jahren, das sage ich ganz ehrlich. Aber wenn der Staat eine richtige Politik betreibt… Natürlich werden manche weiterhin irgendwelche russischsprachigen Clips auf TikTok schauen. Natürlich wird jemand auch irgendeine Musik auf Russisch hören, aber das spielt keine große Rolle, solange die Sprache des Alltags, der Bildung und der Karriere Ukrainisch ist. Das hängt vom Staat ab, natürlich auch von den Familien.
Mir gefällt es auch nicht, wenn Menschen anstatt ihren Kindern die Sprache ihrer Großeltern und Urgroßeltern zurückzugeben, mit ihnen Russisch sprechen. Aber das Kind geht trotzdem in die Schule und wird dort Ukrainisch sprechen. Vielleicht spricht es in den Pausen Russisch, aber es lernt auf Ukrainisch.
Schauen Sie: Ich bin auf eine russische Schule gegangen und bin nicht sicher, ob ich alle mathematischen oder chemischen Fachbegriffe auf Ukrainisch kenne – das ist so. Aber Menschen, die ihre Schulbildung auf Ukrainisch erhalten haben, kennen die russischen Begriffe nicht. Sie kennen gar keine, glauben Sie? Die russischen kennen sie jedenfalls nicht.
Und ich erzähle Ihnen, nebenbei bemerkt, eine sehr einfache Familiengeschichte, aus den 1930er-Jahren in der Ukraine. Ich habe ein Tagebuch meiner Tante aus Kriegszeiten. Sie waren in Kasachstan evakuiert. Meine Mutter ist dort 1941 geboren, unterwegs nach Kasachstan, irgendwo an einem Bahnhof. Dieses Tagebuch ist auf Russisch geschrieben. Und all diese Dialoge darin klingen irgendwie deutschähnlich, weil sie ihre Gespräche mit den Schwestern aus dem Jiddischen übersetzte.
Aber es gibt Passagen von Gesprächen, die sie in Kamjanez in der Oblast Tscherkasy mit ihrer jüngeren Schwester führte, die im Holocaust zusammen mit ihren Eltern, also meinem Urgroßvater und meiner Urgroßmutter, umgekommen ist. Und diese Passagen sind, merkwürdigerweise, alle auf Ukrainisch, weil die jüngere Schwester von der ersten Klasse an auf eine ukrainische Schule ging. Die anderen gingen zuerst auf eine jüdische und wechselten dann zur ukrainischen Schule. Diese jüngere Schwester jedoch war von Anfang an in der ukrainischen Schule – und sie sprach mit den älteren auf Ukrainisch. Das war bereits 1941, verstehen Sie? Das heißt, alles war bereits in Gang gesetzt – und wurde dann nur zerstört.
Und das war kein ukrainisches, sondern ein jüdisches Mädchen in einem jüdischen Städtchen, in dem die Hälfte der Bevölkerung Juden waren – und dennoch war das schon Realität. Für mich war das immer eine unerwartete Entdeckung.
Als ich einmal Schüler war – das gehört auch dazu –, bin ich mit meiner Großmutter und ihren Schwestern nach Myrhorod zur Erholung gefahren. Meine Großmutter und ihre Schwestern sprachen untereinander Jiddisch, vor allem, wenn sie nicht wollten, dass ich etwas verstehe. Mit mir sprachen sie Russisch.
Wir fahren also nach Myrhorod, und sie sagen: „Wir werden bei einer Frau wohnen, die Lehrerin für Ukrainisch ist.“ Und ich dachte ein bisschen spöttisch: „Ich spreche ja Ukrainisch – und was werden sie tun? Werden sie etwa mit einer Ukrainischlehrerin auf Russisch sprechen? Da werde ich lachen. Hi-hi-hi.“
Sie klingeln, die Hauswirtin öffnet die Tür und sagt zu meiner Großmutter: „Oh, willkommen, Wetja.“ Und meine Großmutter sagt in reinem Ukrainisch: „Ach, Warwara!“ Und da begreife ich, dass das im Grunde ihre eigentliche Muttersprache ist, dass sie auf Ukrainisch besser sprechen als auf Russisch. Sie waren einfach nach Kyiv gekommen und, wie das passiert, auf die Sprache Kyivs umgestiegen, aber ursprünglich stammten sie aus einem zweisprachigen Städtchen – ukrainisch- und jiddischsprachig. Russisch gab es dort gar nicht.
Und so stellte sich heraus, dass der Staat sie ihr ganzes Leben gezwungen hatte, in einer dritten Sprache zu sprechen. Stellen Sie sich das vor – in einer dritten! Hätte es damals einen ukrainischen Staat gegeben, wären sie mit Ukrainisch aufgewachsen und hätten es weiter gesprochen. Die Sprache war ja da. Ich war einfach verblüfft, welche tscherkassy-ukrainische Sprache meine Verwandten hatten – eine Volksmundart, die ich selbst damals gar nicht richtig sprechen konnte, mit den typischen Lautungen und all den eigenwilligen Nuancen. Sehr eigenartig. Und ich habe das nie in Kyiv gehört. Um das zu begreifen, musste ich nach Poltawa fahren.
Übrigens wurde ich damals dort, in der Oblast Poltawa, zum ersten Mal gedruckt: Meine ersten Gedichte auf Ukrainisch erschienen in der Zeitung „Komsomolez Poltawschtschyny“.
Zuschauer. Es gibt so eine Untersuchung des ukrainischen YouTube, was Popularität, Aufrufzahlen und so weiter angeht. Und unter den Top 10 nach Zuschauerzahlen bei ukrainischen Analysten, die aus der Ukraine geschaut werden – in diesen Top 10 sind nur Sie jemand mit eindeutig positivem Ruf.
Portnikov. Und Sternenko?
Zuschauer. Nein, der war nicht dabei.
Portnikov. Vielleicht habe ich in den Augen anderer auch keinen eindeutig positiven Ruf. Fragen Sie doch Frau Podoljak, sie wird Ihnen sagen, dass ich keinen eindeutig positiven Ruf habe. Habe ich nicht, nein.
Zuschauer. Sie sind in diesen Top 10 irgendwo zwischen Arestowytsch und Gordon. Ich entschuldige mich dafür, dass ich die beiden Namen hier so direkt nenne. Warum, glauben Sie, ist das so, dass neun von zehn – oder anders herum, einer von zehn – in den Top Ten der meistgesehenen Analysten sind?
Portnikov. Ich antworte Ihnen pathetisch. Als ich in der Schule war, sah ich, wie meine Mitschüler, die aus irgendwelchen Städtchen der Kyiver Umgebung kamen oder vielleicht selbst Kyiver waren und in der sechsten Klasse noch Ukrainisch sprachen – wie ich dann in der achten Klasse schon ihre Aufsätze in Ukrainisch korrigierte, weil sie ihre Muttersprache einfach vergaßen. Verstehen Sie? Sie wollten so sehr russischsprachig sein, sie wollten so sehr Kyiver sein.
Und ich schwor mir damals: Ich war übrigens damals noch nie in Lwiw. Ich glaube, ich bin das erste Mal als Erwachsener nach Lwiw gekommen. Es war also kein Einfluss irgendeiner galizischen Tradition. Es war einfach mein Sinn für Gerechtigkeit. Ich sagte mir: Ich werde die Ukrainer verteidigen, weil ich Jude bin. Ich weiß, was es heißt, keinen Staat zu haben – wir hatten keinen Staat bis 1948. Ich weiß, was es heißt, keine Sprache zu haben. Ich weiß, was es heißt, für minderwertig gehalten zu werden. Und wenn ich nun hier bin, werde ich die Ukrainer verteidigen.
Selbst wenn sie nicht die Mehrheit sind, unter denen, die sich in diesem Land als Ukrainer betrachten. Ich bin nicht verpflichtet, für die Mehrheit zu arbeiten. Wenn ich für eine Mehrheit hätte arbeiten wollen, hätte ich in Moskau für die Russen arbeiten können – was für eine Mehrheit! Boah, ist das eine Mehrheit! Wahnsinn, ehrlich.
Und deswegen denke ich, dass diese anderen Leute in dieser Liste darüber einfach nicht nachgedacht haben. Sie haben darüber nachgedacht, wie sie der Mehrheit gefallen können. Ich habe über Gerechtigkeit nachgedacht. Wir verteidigen hier die Ukrainer – und wir werden das tun, bis die Ukrainer zur Mehrheit werden und wir unser Ziel erreicht haben.
Zuschauer. Ich habe eine kurze Frage zu Lwiw, und ich möchte eine gründliche Antwort von Herrn Vitaly hören. Ich habe heute in den sozialen Netzwerken gelesen, dass in Lwiw im Kreis bestimmter Persönlichkeiten eine Initiative aufgetaucht ist, die Volodymyr-Vynnychenko-Straße – dort, wo das Gebäude der staatlichen Gebietsverwaltung, jetzt der Militärverwaltung, steht – in Andrij-Parubij-Straße umzubenennen. Und einer der Befürworter dieser Idee ist der Leiter der Gebietsverwaltung. Ich möchte nicht nach Parubij fragen, sondern nach Vynnychenko. Soll es in Lwiw eine Vynnychenko-Straße geben, angesichts der ganzen Kontroversität dieser historischen Person?
Portnikov. Ich bin überzeugt, dass es in Lwiw eine Andrij-Parubij-Straße geben muss. Er hat sich das in Lwiw ganz sicher verdient – und nicht nur in Lwiw. Immerhin war er Parlamentspräsident, während dessen Amtszeit das Gesetz über die ukrainische Sprache verabschiedet wurde. Ganz zu schweigen von all seinen anderen politischen Verdiensten vor dem Staat und seinem praktisch martyrerhaften Tod.
Ich denke, unsere Aufgabe ist es, nicht über „Kontroversität“, sondern über „Ukrainizität“ nachzudenken. Denn jemand wird sagen, eine kontroverse Figur sei Iryna Farion. Wozu brauchen wir eine Iryna-Farion-Straße – sie ist kontrovers und hat viele beleidigt. Ein anderer wird sagen, eine kontroverse Persönlichkeit sei Stepan Bandera. Eine sehr kontroverse Persönlichkeit. Und eine noch kontroversere Gestalt ist Andrij Melnyk – in den Augen vieler eine unglaublich umstrittene Figur. Sollen wir dann alle Straßennamen in Lwiw ändern?
Wenn wir anfangen, die Lemberger Straßennamen nach der „Kontroversität“ der jeweiligen Politiker zu prüfen, bleibt uns am Ende nur die Andrij-Scheptyzkyj-Straße übrig, würde ich sagen. Und dann wird jemand kommen und sagen: „Aber er hat doch Josef Slipyj den Auftrag gegeben, die SS-Division Galizien zu segnen – wie könnt ihr in einer europäischen Stadt eine Straße nach ihm benennen?“ Dann soll meinetwegen nur der Prospekt der Roten Kalina bleiben – aber das ist ein Lied mit nicht ganz eindeutiger Reputation.
Volodymyr Vynnychenko hat ohne Zweifel eine komplizierte historische Reputation, aber er war de facto einer der ersten Regierungschefs der Ukrainischen Volksrepublik und ein großer ukrainischer Schriftsteller. Verdient so jemand eine Straße in Lwiw? Das müssen die Lwiwer entscheiden, aber diesen Fakt aus der Biografie Vynnychenkos können Sie auch nicht einfach streichen.
Wenn man sagt, Vynnychenko sei in die Sowjetukraine gekommen, weil er sich mit den Bolschewiki arrangieren wollte und man deshalb keine Vynnychenko-Straße haben dürfe, während wir gleichzeitig Denkmäler für Mychajlo Hruschewskyj aufgestellt haben, der dann ganz in der Sowjetukraine lebte – in eben jener Zeit, als Vynnychenko dort war und wieder wegfuhr –, dann wäre auch Mychajlo Hruschewskyj eine kontroverse Figur.
Ukrainische Akteure unterscheiden sich von Figuren mit „unkontroverser“ Reputation in anderen Ländern gerade dadurch, dass sie in Verhältnissen überlebt und gehandelt haben, in denen man ihr Volk auslöschen wollte. Deswegen können andere Völker ihnen sehr ernsthafte Fragen stellen.
Während des Zweiten Weltkriegs haben sowjetische Soldaten jüdischer Herkunft mehrfach den Orden Bohdan Chmelnyzkyj abgelehnt. Denn für Juden ist er, entschuldigen Sie, nicht einmal eine „kontroverse“ Figur. Ich selbst würde wohl auch nicht wollen, dass man mir den Orden Bohdan Chmelnyzkyj verleiht. Aber ich bin sehr stolz darauf, dass ich den Schewtschenko-Preis habe. Denn Schewtschenko war für mich immer ein Vorbild darin, wie man mit seinem eigenen Volk umzugehen hat und ein Muster moralischer Tugend überhaupt.
Und übrigens habe ich eigenhändig ein Dokument gesehen – Schewtschenkos Unterschrift unter einem Protest der ukrainischen Klassiker gegen den Antisemitismus im Zarenreich, der von allen Klassikern der ukrainischen Literatur unterzeichnet wurde. Das hat man in Sowjetzeiten konsequent verschwiegen, um die ukrainischen Schriftsteller zu Antisemiten zu stempeln. Man hat immer nur gezeigt, wie russische Schriftsteller edel gegen Antisemitismus auftreten – und die ukrainischen Schriftsteller seien angeblich Schriftsteller der Pogrome, die so etwas nicht tun. Dabei gibt es diesen Brief – ich habe ihn damals selbst publiziert, damit alle ihn sehen konnten.
Für manche mag Schewtschenko eine kontroverse Figur sein – ich kenne solche Menschen, Vertreter anderer Völker. Na und? Ich nehme mir nicht heraus, für irgendjemanden zu entscheiden. Ich würde die Vynnychenko-Straße lassen, so wie ich in Kyiv den Bażan-Prospekt lassen würde. Was, Bażan wäre keine kontroverse Figur?
Natürlich, wenn wir über Leute sprechen, die direkte Informanten des KGB waren wie Amwrosij Butschma oder Jurij Smolytsch, dann brauchen wir vielleicht keine Straßen, die nach ihnen benannt sind. Aber wir brauchen ihre Bücher, ihre Werke – denn aus all dem setzt sich die Ukraine zusammen.
Und wieder: Wir haben Situationen wie mit Butschma und Smolytsch, aber wir sind alle stolz auf den Beitrag Skrypnyks zur Ukrainisierung. Dabei war Skrypnyk der Chef der Tscheka. Können Sie sich vorstellen, wie viel Blut an den Händen eines Menschen klebt, der die Tscheka leitet? Aber Skrypnyk hat in der ukrainischen Geschichte eine Rolle gespielt. So sieht die ukrainische Geschichte nun einmal aus.
Ich finde, man sollte sehr einfach unterscheiden: Es gibt ukrainische Akteure und nicht-ukrainische. Es gibt Menschen, die in den ukrainischen Kontext eingebettet sind, weil sie Teil der ukrainischen Welt sind.
Ich freue mich zum Beispiel immer, dass es in Lwiw eine Scholem-Alejchem-Straße gibt. Obwohl ich mir wünschen würde, dass es in Lwiw Straßen nach jenen jüdischen Schriftstellern gäbe, die mit Galizien verbunden sind, und nicht nur – wie nach einer Art Quote –, um zu demonstrieren, dass wir eine gute Einstellung zu den Juden haben: „Lasst uns überall Scholem-Alejchem-Straßen machen.“ In Lwiw hat Scholem Alejchem immerhin wirklich gelebt und gearbeitet – aber es gibt Städte, zu denen er überhaupt keinen Bezug hat.
Und wenn in Lwiw ein Mickiewicz-Denkmal steht, ist das absolut normal. Aber als es in Lwiw eine ganze Reihe von Straßen gab, die nach russischen Kulturschaffenden benannt waren, die nie hier waren – ich war ja 2022 in Lwiw, als es dort noch die Rylejew-Straße gab, die jetzt Wakarczuk-Straße heißt – und dachte mir: Warum sollte es in Lwiw überhaupt eine Rylejew-Straße geben? Das ist die Frage.
Andererseits: Was hat Rylejew dem ukrainischen Volk angetan? Nichts. Er hat nur nichts mit uns zu tun, genauso wenig wie Puschkin. Puschkin ist ein großer russischer Dichter. In jeder russischen Stadt kann es seine Denkmäler und Straßen geben. Aber wir haben unsere eigene Kultur, unsere eigene Zivilisation und Menschen, die mit der Ukraine verbunden sind.
Wenn wir irgendwo – sagen wir in Schytomyr – eine Straße nach Conrad benennen würden, der aus der Oblast Schytomyr stammt, ein großer britischer Schriftsteller, geboren in Berdytschiw – das wäre Teil unserer gemeinsamen, mit den Polen geteilten kulturellen Welt. Oder wenn es in Kyiv eine Iwaschkiewicz-Straße gäbe – er war Kyiver und hat Kyiv immer wieder erwähnt, ich habe das selbst erlebt.
Wissen Sie, ich bin einmal nach Sandomierz gekommen und in ein kleines Haus eingezogen. Der Hausherr sagte: „Wissen Sie, Sie wohnen in dem Zimmer, in dem Iwaszkiewicz gewohnt hat. Er kam jeden Herbst hierher, solange er lebte – es gab damals keine Hotels –, und wohnte hier. Warum? Weil er sagte, Sandomierz erinnere ihn an Kyiv.“ Ich war sehr überrascht. Dann bin ich an den Stadtrand hinausgegangen, habe mir die Hügel angesehen – und tatsächlich: Sandomierz sieht aus wie das Kyiv meiner Kindheit. So ein Kyiv sehen Sie heute nicht mehr – diese Hügel gibt es nur noch in Sandomierz, wie sie einst in Kyiv waren, als Iwaszkiewicz dort lebte; er wollte sie sein Leben lang wiedersehen.
Diese Sehnsucht erlaubt es uns, ihn als Teil unserer – sagen wir – benachbarten kulturellen Welt zu sehen.
Ich bin überzeugt: Wir sollten keine Straßen nach bolschewistischen Politikern haben. Aber wenn wir auf die Hetmanenzeit oder die Fürstenzeit schauen – das alles ist ukrainisches Erbe. Und auch dort gab es sehr ambivalente Persönlichkeiten, wie Sie verstehen, jede mit ihrer komplizierten Biografie. Aber diese Menschen haben die Ukraine geschaffen.
Und Vynnychenko – so, wie er sie verstanden hat, mit seinen Illusionen und Träumen von einem Land, das keine Armee braucht. Wir haben heute einen ganzen Präsidentenberater, der in den 1990er-Jahren schrieb, dass die Ukraine keine Armee brauche – und er arbeitet immer noch.
Man muss den positiven und den negativen Beitrag abwägen. Das kann nur die Gemeinschaft entscheiden. Aber demonstrativ die Vynnychenko-Straße in eine Parubij-Straße umzubenennen, finde ich seltsam. Einen Platz für eine Parubij-Straße allerdings sollte man finden – und zwar einen guten.
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Art der Quelle:Interview Titel des Originals:Україна між корупцією і ідентичністю |
Віталій Портников. 16.11.2025. Kanal:NGL.media Veröffentlichung / Entstehung:16.11.2025 Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Refrain Vater unser – Bandera, Ukraine – die Mutter, für die freie Ukraine kämpfen wir stets weiter. | (2)
Oh, im Wald, im Walde, unter grüner Eiche Schatten liegt ein Widerstandskämpfer, schwer verwundet, kaum zu atmen. | (2)
Dort er liegt, ja liegt er, leidet Qualen bitter schwer, ohne linkes Bein nun, rechte Hand hat er auch nicht mehr. | (2)
Als zu ihm gekommen seine liebe Mutter eben, weint sie und beklagt ihn, trauert um sein junges Leben. | (2)
„Oh mein Sohn, mein Lieber, hast dich wahrlich totgekämpft — ohne deine Hand nun, ohne Bein bist du entstellt.“ | (2)
„Mütter uns’re, Mütter, weint nicht länger über uns, weint nicht bittere Tränen — fasst euch still in eurem Kummer.“ | (2)
Refrain Vater unser – Bandera, Ukraine – die Mutter, für die freie Ukraine kämpfen wir stets weiter. | (2)
Mit den Moskalen haben wir nie Eintracht je gekannt, und am Fest des Petrus zogen wir entschlossen in den Kampf. | (2)
Moskowiten flohen, sie verlieren selbst die Schuhe, uns’re Männer schossen hinter ihnen ohne Ruhe. | (2)
Refrain Vater unser – Bandera, Ukraine – die Mutter, für die freie Ukraine kämpfen wir stets weiter. | (2)
Als die Mutter später ihren Sohn zur Ruh’ getragen, hat sie auf sein junges Grab geschrieben, was sie trug im Herzen: | (2)
„Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden allen!“ | (2)
Батько наш - Бандера, Україна - мати, Ми за Україну будем воювати! | (2)
Ой, у лісі, лісі, під дубом зеленим, Там лежить повстанець тяженько ранений. | (2)
Ой, лежить він, лежить, терпить тяжкі муки, Без лівої ноги, без правої руки. | (2)
Як прийшла до нього рідна мати його, Плаче і ридає, жалує його. | (2)
Ой, сину ж мій, сину, вже навоювався, Без правої ручки, без ніжки зостався. | (2)
Мами ж наші, мами, не плачте за нами, Не плачте за нами гіркими сльозами. | (2)
Батько наш - Бандера, Україна - мати, Ми за Україну будем воювати! | (2)
А ми з москалями та й не в згоді жили, На самого Петра у бій ми вступили. | (2)
Москалі тікали, аж лапті губили, А наші за ними постріли били. | (2)
Батько наш - Бандера, Україна - мати, Ми за Україну будем воювати! | (2)
Ой, як мати сина свого поховала На його могилі слова написала. | (2)
На його могилі слова написала: Слава Україні! Всім героям слава! | (2)
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Art der Quelle:Lied Titel des Originals:Батько наш – Бандера, Україна – мати. Entstehung:Zweiter Weltkrieg Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, sprach über mögliche Sanktionen gegen Länder, die weiterhin Geschäfte mit der Russischen Föderation machen.
Solche Sanktionen – Trump erinnert an einen Gesetzentwurf, der von den Republikanern eingebracht und entsprechend vom amerikanischen Kongress verabschiedet werden könnte – könnten jedes Land betreffen, das weiterhin Geschäfte mit der Russischen Föderation macht.
Donald Trump erwähnt dabei insbesondere Iran, das auch ohne zusätzliche Maßnahmen erheblichem Sanktionsdruck sowohl der Vereinigten Staaten als auch anderer westlicher Staaten ausgesetzt ist. Doch offensichtlich gibt es außer Iran noch eine ganze Reihe von Staaten des Globalen Südens, die weiterhin eine fruchtbare wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Russischen Föderation pflegen und damit Möglichkeiten zur Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges schaffen.
Schon die Androhung von Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil hat eine ganze Reihe von Erdöl verarbeitenden Unternehmen in Ländern wie Indien, der Türkei und sogar der Volksrepublik China dazu veranlasst, auf neue Käufe von russischem Öl zu verzichten, was natürlich ernste Probleme für die Erdölindustrie der Russischen Föderation schaffen und die Einnahmen des russischen Haushaltes infrage stellen kann.
Und wenn deutlich wird, dass die Sanktionsbeschränkungen auch auf andere mit der Russischen Föderation verbundene Geschäftsbereiche ausgeweitet werden können, dann werden auch andere Länder des Globalen Südens – insbesondere um sowohl Sanktionen als auch hohe US-Zölle zu vermeiden – gezwungen sein, ihren Handel mit der Russischen Föderation einzustellen und damit diesen verbrecherischen Staat vor die Notwendigkeit zu stellen, zwischen der Fortsetzung des Krieges und dem Überleben zu wählen.
Es musste bereits mehrfach erklärt werden, dass westliche Sanktionen gegen die Russische Föderation in Wirklichkeit wesentlich wirksamer wären, wenn dieselben Sanktionen – das heißt dieselben Werte – auch von den Staaten des sogenannten Globalen Südens eingehalten würden. Wenn das Bewusstsein vorhanden wäre, dass die Verletzung internationalen Rechts und die Tötung unschuldiger Menschen zu einer Verringerung des Handels mit dem verbrecherischen Staat und zur Schaffung der Voraussetzungen für dessen wirtschaftlichen Niedergang führen müssen, hätte die Russische Föderation unter Führung Putins den Krieg gegen die Ukraine längst beendet und würde sich auf jegliche Bedingungen der zivilisierten Welt einlassen – bis hin zur Veränderung ihres tschekistischen Regimes.
Denn die Verwandlung eines aggressiven Staates in ein wirtschaftliches Protektorat des Westens ist der beste Weg, ihm jene Bedingungen zu diktieren, unter denen er in den kommenden Jahrzehnten existieren wird. Und genau auf die Verwandlung Russlands in ein solches Protektorat müssen die Anstrengungen gerichtet sein, um die aggressiven Ambitionen der russischen politischen Führung und des russischen Volkes zu begrenzen.
Damit die Russen sich damit abfinden, dass die Bedingungen der zivilisierten Welt richtig sind, muss man ihnen nicht erklären, worin sich Gut und Böse unterscheiden – denn die Bürger der Russischen Föderation werden niemals mit der biblischen Auslegung einverstanden sein. Man muss die Bewohner des verbrecherischen Staates – wie ich bereits sagte – vor die Wahl zwischen Krieg und Überleben stellen und später vor die Wahl zwischen der Bereitschaft, dem Bösen und einer menschenfeindlichen Politik zu dienen, und der Bereitschaft, nach Regeln in der zivilisierten Welt zu leben.
In dieser Situation sind Sanktionen gegen jene Länder, die weiterhin Geschäfte mit Russland machen, also ein absolut richtiger und rationaler Weg aus dem Krieg.
Natürlich wird dies das russische politische Führungspersonal nicht sofort dazu bringen, auch nur darüber nachzudenken, Gespräche über wenigstens eine Feuerpause an der russisch-ukrainischen Front aufzunehmen. Doch es wird Voraussetzungen dafür schaffen, dass der Präsident der Russischen Föderation, die russische politische Führung und die russische Militärführung verstehen, dass es ihnen nicht gelingen wird, die Ukraine zu erobern und dass es ihnen nicht gelingen wird, zur von den Tschekisten erträumten Existenzweise des russischen Staatswesens und Einflussbereichs in den Grenzen der Sowjetunion von 1991 zurückzukehren.
Wenn wir also der Meinung sind, dass der erste Schritt zum Druck auf Putin neue Ölsanktionen sein werden und eine genaue Überwachung, wie diese Sanktionen von den Ländern des Globalen Südens umgesetzt werden, und wenn später auch Sanktionen gegen eben diese Länder beginnen, damit sie den Handel mit der Russischen Föderation einstellen – dann sind dies zwei einfachste Wege, um den russischen Haushalt, die soziale Stabilität Russlands, die Position der russischen Regierung und ihre Möglichkeiten zur Fortsetzung des Angriffskriegs zu zerstören. Und genau dies ist es, was theoretisch den Präsidenten der Russischen Föderation dazu bringen sollte, in den kommenden Jahren an den Verhandlungstisch zu kommen.
Das gilt jedoch selbstverständlich nur unter der Voraussetzung, dass erstens der Westen Entschlossenheit bei seinem Druck auf die Russische Föderation zeigt und bereit ist, den russischen Öl- und Ölverarbeitungssektor zu zerstören – auch mithilfe ukrainischer Fernschläge auf Öl- und Raffinerieanlagen der terroristischen Föderation.
Zweitens, dass sorgfältig überwacht wird, wie die Sanktionen umgesetzt werden, und dass Erdölverarbeitungsbetriebe in Ländern des Globalen Südens vor die Drohung ihrer Schließung gestellt werden, falls sie weiterhin Öl von der Russischen Föderation kaufen.
Drittens, dass tatsächlich wirksame Sanktionen gegen jene Länder eingeführt werden, die weiterhin Geschäfte mit der Russischen Föderation machen, ohne irgendwelche ernsthaften Ausnahmen. Einschränkungen sind nur für den Zeitraum möglich, der notwendig ist, um sich von russischen Produkten auf Produkte anderer Länder umzustellen – wie dies derzeit etwa in Bulgariens Ölindustrie und auch bei den Raffinerien Ungarns geschieht.
Viertens, dass man erkennt, dass es keinerlei Kompromisse mit der russischen politischen Führung geben kann. Die einzig realistische Position muss die sein, die auf den Abbau des russischen politischen Regimes abzielt und darauf, die Unfähigkeit der Führungsriege dieses Regimes zu demonstrieren, eigene Entscheidungen zu treffen, wenn diese dem internationalen Recht und dem Verhalten in der zivilisierten Welt widersprechen. Das heißt: die Regeln eines Protektorats. Sollen sie doch Trump-Hähnchenschenkel kaufen, die ihnen dann die Bush-Hähnchenschenkel ersetzen.
Und fünftens die Erkenntnis, dass die Vermögenswerte der Russischen Föderation, die heute im Westen eingefroren sind, das Geld sein müssen, das für den Wiederaufbau der ukrainischen Infrastruktur und für die Unterstützung der Ukraine im Krieg verwendet wird – und dass die Bürger der Russischen Föderation als Teilnehmer an dem Angriffskrieg ihres verbrecherischen Staates gegen die Ukraine dieses Geld niemals sehen werden, selbst wenn man sich vorstellt, dass sie dem Ende des Krieges und dem Abbau des verbrecherischen tschekistischen Regimes zustimmen würden, das in ihrem chauvinistischen Namen handelt.
Nur all diese Bestandteile zusammen können es ermöglichen, davon zu sprechen, dass wir in den kommenden Jahren mit Gesprächen über ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges beginnen können. Und je schneller, natürlich, desto besser – sowohl für uns als auch für den Westen, der vor der Gefahr einer Ausweitung dieses Krieges und eines großen Konflikts mit Russland steht, bei dem solche Staaten bereit wären, Atomwaffen einzusetzen.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Трамп хоче санкції проти друзів Росії | Віталій Портников. 17.11.2025. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:17.11.2025 Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Das wichtigste Ereignis des Gipfels der Staats- und Regierungschefs der zentralasiatischen Länder in Taschkent war der Beitritt Aserbaidschans als vollwertiger Teilnehmer dieses Formats. Bis vor Kurzem nahm der Präsident Aserbaidschans, Ilham Alijew, lediglich als Ehrengast am zentralasiatischen Gipfel teil. Nun aber betont der aserbaidschanische Präsident, dass Aserbaidschan nicht nur ein vollwertiger Teilnehmer des Gipfels wird, sondern auch der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der zentralasiatischen Staaten.
Und in vieler Hinsicht zeigt dies die neue Lage nicht nur in Zentralasien, sondern auch im Südkaukasus. Mithilfe des Transportkorridors, der nach der Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern Aserbaidschan und Armenien Aserbaidschan über armenisches Territorium mit Nachitschewan verbinden soll, rechnet Ilham Alijew damit, sein Land in eine Art Drehscheibe für den Handel der zentralasiatischen Länder mit der Türkei zu verwandeln.
Dies könnte auch zu einer sichtbaren Demonstration der wirtschaftlichen Einheit zwischen den zentralasiatischen Staaten und der Türkei werden und eine Art Plattform der turksprachigen Welt schaffen – nicht nur in Erklärungen, sondern auch in den wirtschaftlichen Beziehungen. Daran könnten sogar Länder wie Tadschikistan oder Armenien teilnehmen, die formal natürlich nicht zur turksprachigen Welt gehören.
Doch zusätzlich zu den neuen Transportwegen entstehen auch neue geopolitische Bündnisse. Die Führer der zentralasiatischen Länder treffen sich zum ersten Mal, nachdem sie alle in Washington gewesen waren, um sich mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, zu treffen. Auch dies war ein beispielloses Ereignis für die gesamte Region. Viele Führer der ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien hatten Washington jahrzehntelang nicht besucht.
Dass der Präsident der Vereinigten Staaten der Situation in der zentralasiatischen Region heute weit mehr Aufmerksamkeit widmet als seine Vorgänger, spiegelt die geschwächte Position Russlands auf dem gesamten postsowjetischen Raum aufgrund des russisch-ukrainischen Krieges wider – und zeigt, dass die an Russland angrenzenden Länder die ehemaligen Sowjetrepubliken immer weniger als natürliche Einflusszone des Kreml betrachten. Vielleicht wird dieser Zerfall des imperialen Raums tatsächlich das wichtigste Ergebnis des Angriffskrieges sein, den Wladimir Putin begonnen hat – und endgültig einen Schlussstrich unter die imperialen Ambitionen Russlands ziehen.
Die Führer der zentralasiatischen Staaten scheinen dies sehr gut zu verstehen und manövrieren verzweifelt zwischen Washington, Peking und Moskau. Die Volksrepublik China wird für alle Länder der Region ein wesentlich wichtigerer wirtschaftlicher und politischer Partner als die Russische Föderation. Dennoch muss man Russland weiterhin Aufmerksamkeit schenken – zumindest deshalb, weil alle jene Aggressivität bemerken, die die russische politische Führung im letzten Jahr gezeigt hat, und versuchen, Putin zu beruhigen, damit der russische Präsident nicht versucht, in Zentralasien dieselben Verbrechen zu wiederholen, die er bereits in der Ukraine begangen hat.
Das deutlichste Beispiel ist der jüngste Besuch des kasachischen Präsidenten Kassym-Schomart Tokajew in der russischen Hauptstadt. Der kasachische Staatschef, der seinen Jubiläumsgeburtstag im Beisein des Vorsitzenden der Volksrepublik China, Xi Jinping, feierte und bei dem Treffen mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, den Hausherrn des Oval Office als einen „von Gott gegebenen Führer“ bezeichnete, sparte auch in der russischen Hauptstadt nicht mit Lob und nannte Russland einen „von Gott gegebenen Nachbarn“.
Das ist natürlich nicht derselbe Grad an Komplimenten, wie Tokajew ihn gegenüber dem Präsidenten der Vereinigten Staaten äußerte. Hier geht es, wie wir sehen, nicht um Wladimir Putin persönlich, sondern lediglich um den Staat, den Putin anführt. Doch vielleicht hat man in Astana entschieden, dass sich der russische Präsident zumindest mit diesem Kompliment zufriedengeben würde – angesichts des offensichtlichen Ärgers, den in Moskau das Treffen der zentralasiatischen Staatschefs mit Präsident Trump ausgelöst hat sowie angesichts der besonderen Aufmerksamkeit, die die Vereinigten Staaten wie auch die Volksrepublik China gegenüber Kasachstan zeigen.
In jedem Fall ist klar, dass die zentralasiatischen Länder sich früher oder später entscheiden müssen. Man kann nicht auf drei Stühlen gleichzeitig sitzen. Und das ist sogar solchen ständigen Balancierern wie Kassym-Schomart Tokajew und Schawkat Mirsijojew bewusst – und erst recht den Führern kleinerer Länder, für die es besonders wichtig wird, die richtige Seite zu wählen, um ihre Positionen und wirtschaftliche Zusammenarbeit zu sichern.
Natürlich wird man in Kirgisistan, Tadschikistan und sogar Turkmenistan genau darauf achten, welche Seite schließlich Kasachstan und Usbekistan wählen. Und wie erfolgreich es Kassym-Schomart Tokajew und Schawkat Mirsijojew gelingt, sich vom Zorn Wladimir Putins zu distanzieren.
Die Entscheidung für eine Seite hängt allerdings nicht allein von den zentralasiatischen Führern ab. Sie wird auch davon abhängen, wie schnell Russland eine geopolitische Niederlage im Wettbewerb mit den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China erleidet. Dafür wiederum ist notwendig, dass die amerikanischen Sanktionen gegen Russland effektiv wirken und zum Zusammenbruch der russischen Energieindustrie führen. Genau darauf setzt offenbar nun die Trump-Administration, die versucht, die russischen Ölunternehmen zu vernichten und Russland vom globalen Energiemarkt zu verdrängen.
Und natürlich wird es wichtig sein, welchen Preis die Volksrepublik China von der russischen Führung für die Unterstützung verlangt, die Peking Moskau im Krieg gegen die Ukraine gewährt – und wie schnell die Russische Föderation sich endgültig in die provinziellen Hinterhöfe Chinas verwandelt.
In diesem Moment wird Moskau für Astana, Taschkent und die anderen zentralasiatischen Hauptstädte keinerlei Bedeutung mehr haben. Und wir werden über eine weit stabilere und sicherere Entwicklung der Region sprechen können als in der Zeit, in der Russland noch seinen destruktiven Einfluss auf die ehemaligen Sowjetrepubliken ausübte.
Und dieser Moment rückt näher, denn der erste Gipfel der zentralasiatischen Staatschefs nach ihrem Besuch im Oval Office erinnert erneut daran, wie schnell dieser russische Einfluss auf die ehemaligen Sowjetrepubliken schwindet. Und wie wichtig es ist, dass diese Länder selbst zur Verringerung dieses Einflusses beitragen – selbstverständlich, indem sie mit Wladimir Putin Spiele spielen, die die Wachsamkeit des aggressiven Kreml-Tiers einschläfern sollen.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Алиев присоединился к Центральной Азии | Виталий Портников. 16.11.2025. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:16.11.2025 Originalsprache:ru Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Vor dem Hintergrund des wohl lautesten Korruptionsskandals der jüngeren ukrainischen Geschichte ist im Informationsraum erneut der Name des russischen „Senators“ und ehemaligen Abgeordneten der ukrainischen Werchowna Rada Andrij Derkatsch aufgetaucht. Für mich persönlich war dies die größte Offenbarung. Ein großer Korruptionsskandal war meiner Meinung nach bereits seit den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019 unvermeidlich. Denn dort, wo die Monopolisierung der Macht mit Unerfahrenheit und totalem Misstrauen gegenüber unverständlichen „Fremden“ einhergeht und man stattdessen auf vollkommen „eigene Leute“ setzt, kann Korruption nur total sein.
Doch dass es Derkatsch selbst nach seiner Flucht nach Russland gelingt, eine einflussreiche Person in dem Land zu bleiben, das Russland zu zerstören versucht, macht ihn zu einem Agenten der Extraklasse – eine Art James Bond. Wir verstehen doch, dass Derkatsch kein Verräter ist, sondern ein hochrangiger russischer Geheimdienstoffizier, der jahrelang die Aufträge des Zentrums ausgeführt hat, oder? Verräter – solche wie Janukowytsch oder Asarow – werden von der russischen Propaganda nur gelegentlich eingesetzt, um die nächsten Putin-Narrative zu verbreiten. Und Derkatsch wurde einfach „versetzt“ – vom ukrainischen Parlament in das russische. Und wie wir sehen, stimmt auch mit seinen Finanzströmen alles.
In Wirklichkeit aber ist Andrij Derkatsch keineswegs ein James Bond. Er erinnert eher an Stirlitz aus dem alten sowjetischen Witz über einen Geheimagenten, der in einer „Rotarmistenmütze“ durch die deutsche Reichskanzlei spaziert und nicht verstehen kann, warum ihn alle für einen fremden Agenten halten.
Derkatsch hatte gleich eine ganze Schrankwand voller solcher „Mützen“ – die FSB-Akademie, die Vereinigung „Für die Ukraine, Belarus und Russland“, das Lobbying für die Interessen der russischen Kirche, die Arbeit für Janukowytsch… Aber die meisten ukrainischen Politiker, selbst aus dem national-demokratischen Lager, hielten Derkatsch hartnäckig für einen Vernünftigen und beinahe für einen der ihren, da sie sich an die Rolle des TV- und Radiosenders „Era“ während der ersten Maidan-Revolution erinnerten. Doch Derkatsch trug den orangenen Schal nur, weil er den Auftrag dazu hatte – und weil er zu dieser Zeit bereits Mitglied der Fraktion der Sozialistischen Partei war, genau jener Fraktion, die später die anderen Maidan-Parteien zugunsten einer wackeligen Koalition mit Janukowytsch verraten sollte. Übrigens lief in einem ebenso orangenen Schal damals auch der russische „Senator“ aus der besetzten Region Saporischschja, Dima Rogosin, über den Maidan – auch er hatte vom „Dienst“ den Befehl erhalten, die Rolle eines Oppositionellen zu spielen, nur nicht eines ukrainischen wie im Fall von Derkatsch, sondern eines russischen.
Ein weiteres wichtiges Argument dafür, dass man Derkatsch unbewusst für „einen der unseren“ hielt, war sein Vater, der ehemalige Leiter des SBU. Diese Verwandtschaft verlieh dem jüngeren Derkatsch etwas Aristokratisches, eine Art blutsmäßiges Interesse an der Bewahrung der Ukraine – und sein Studium in Moskau erschien vielen einfach als Fortsetzung der Familientradition. Dass der SBU zu Zeiten seines Vaters – und noch lange danach – ein Dienst blieb, in dessen Führungsetagen viele russische Sicherheitsbeamte als „Verwandte“ betrachtet wurden, wollte niemand wahrhaben. Wir lebten weiter in einer Art verzauberter Welt, in der man uns beinahe offen sagte, dass man uns bald vernichten werde – und wir hielten dies für einen Scherz und glaubten, die Russen und ihre zahlreichen Agenten in der ukrainischen Elite wollten lediglich Kapital schlagen, und zwar nicht einmal politisches. Selbst der amtierenden ukrainischen Regierung, die demonstrativ jede Zusammenarbeit mit den „alten“ Politikern ablehnte, kam es nie in den Sinn, dass die Verleumdungskampagne gegen Petro Poroschenko und Joe Biden nicht im Auftrag des FBI, sondern mit Unterstützung des FSB organisiert worden sein könnte – vom inoffiziellen „Herrn des Gebiets Sumy“ höchstpersönlich.
Damit allen schließlich alles klar wurde – also so klar, dass man nicht mehr so tun konnte, als wäre nichts geschehen – musste Derkatsch in Russland auftauchen und Mitglied des Föderationsrates werden. Und das geschah keineswegs, weil die ukrainischen Geheimdienste endlich verstanden hätten, mit wem sie es zu tun haben. Sondern weil sich nach dem Skandal um die „Derkatsch-Tonbänder“ die US-Geheimdienste ernsthaft für den ukrainischen Abgeordneten interessierten – und alles schnell herausfanden, weil es eigentlich gar nichts herauszufinden gab: Alles lag auf der Hand.
Wäre es nicht zu diesen Tonbändern gekommen, wäre Derkatsch weiterhin nicht ein russischer, sondern ein ukrainischer Abgeordneter geblieben, hätte gewissenhaft die Aufträge des Zentrums erfüllt, das Gebiet Sumy betreut und die inoffizielle Leitung des staatlichen Energieunternehmens Energoatom ausgeübt – jenes Unternehmens, das er bereits im Jahr 2006 erstmals geleitet hatte. Und ich schließe keineswegs aus, dass er im neuen Korruptionsskandal gar nicht aufgetaucht wäre – im Gegensatz zu dessen übrigen Beteiligten ist Derkatsch ein echter Profi und wäre kaum in die Tonbandarchive des NABU geraten. Und wir hätten weiterhin den Offizier des FSB-Dienstgrads – möglicherweise sogar bereits General (zumindest entspricht seine Position im Föderationsrat einem solchen Rang) – als ukrainischen Politiker mit widersprüchlicher Biografie wahrgenommen und nostalgisch den orangenen Schal unserer Jugend an seinem Hals in Erinnerung behalten.
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Art der Quelle:Essay Titel des Originals:Шалик Деркача Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:16.11.2025 Originalsprache:uk Plattform / Quelle:Zeitung Link zum Originaltext:
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Andrij Smolij. Erstes Thema. Operation „Midas“, wie das engste Umfeld der Präsidialmacht sich de facto mit korrupten Dingen beschäftigte und die Daten darüber, die von der SAP und der NABU veröffentlicht wurden. Sie haben ja schon diese Aufnahmen der Festnahmen und dann der ersten Gerichtsverfahren gesehen, die Wahl der Haftmaßnahmen für die Teilnehmer eben dieses Deals, sozusagen. Und eben auch die Schattensteuerung von Energoatom, faktisch einem staatlichen Unternehmen, das die Stabilität des Energiesystems unseres Landes gewährleisten sollte – einschließlich der Flucht von Beteiligten. Zwei Beteiligte sind geflohen. Herr Vitaly, wenn man allgemein spricht, bevor wir in dieses Thema einsteigen: War für Sie eine solche Operation von NABU und SAP erwartbar? Und wahrscheinlich gibt es hier eine zweite Frage: Waren für Sie die Ergebnisse eben dieser Ermittlungen erwartbar, dieser Tonaufnahmen, die wir gehört haben – 1000 Stunden –, NABU und SAP haben das alles innerhalb weniger Tage veröffentlicht. Wir haben dort viel gehört, wir werden uns jetzt nicht mehr auf irgendwelche Einzelheiten konzentrieren. Also: Operation „Midas“ in dieser Woche. Wie bewerten Sie sie, und welche Folgen könnte das haben?
Portnikov. Ich würde es so sagen: Es war für jeden, der die ukrainische Politik verfolgt, offensichtlich, dass so etwas geschehen könnte, schon allein deshalb, weil es diesen Versuch gab, NABU und SAP ihrer Unabhängigkeit zu berauben. Und alle verstanden, dass das nicht einfach so geschah, sondern dass die Leute, die Befürworter dieser Entziehung der Unabhängigkeit von NABU und SAP waren, etwas Bestimmtes verstanden und versuchten, sie in jene, wie soll man sagen, Vertikale einzubauen, die Volodymyr Zelensky in diesen sechs Jahren aufgebaut hat, um jegliche Überraschungen zu verhindern. Denn es ist klar: Wenn die Machtstrukturen in einer bestimmten Disziplin stehen, ist es viel leichter, zumindest die Ergebnisse der einen oder anderen Maßnahmen zu zerstören.
Was mich persönlich betrifft, so habe ich seit 2019 mit etwas Ähnlichem gerechnet. Und nochmals: Ich habe nicht vor zu sagen, dass das irgendwie mit irgendwelchen persönlichen Eigenschaften zusammenhängt, denn alle glauben immer, wenn von 2019 die Rede ist, dass es persönlich um Volodymyr Zelensky geht. Ich spreche aber gerade nicht von ihm als Person, sondern vom Machtsystem, von der völligen Monopolisierung der Macht, wenn alle Entscheidungen im Grunde in einem Büro gefällt werden, wenn die Funktionen der Regierung auf die Funktionen von Sachbearbeitern reduziert sind, die im Grunde von Beamten aus dem Präsidialbüro ernannt werden.
Und wie wir jetzt aus diesen Mitschnitten wissen, nicht einmal von Beamten des Präsidialbüros, sondern von irgendwelchen unverständlichen Personen, die niemand kennt, die keinen Namen haben, die aber entscheiden können, wer welcher Minister wird. Eine völlige Nivellierung der Funktionen des Parlaments. Zunächst die Wahl von anonymen Abgeordneten durch die ukrainischen Bürger. Das heißt, die überwiegende Mehrheit der Wähler kannte die überwiegende Mehrheit der Abgeordneten nicht. Man hatte den Eindruck, sie spielten irgendeine Lotterie. Und dann kannte diese überwiegende Mehrheit der Abgeordneten die überwiegende Mehrheit der Minister nicht – auch eine Lotterie.
Das Parlament hat sich im Grunde seiner verfassungsmäßigen Funktionen entledigt, es kam zum Zusammenbruch der legislativen Arbeit in einer parlamentarisch-präsidentiellen Republik unter der festen Überzeugung der überwiegenden Mehrheit der ukrainischen Bürger, dass es so sein müsse. De facto haben wir nach 2019 ein postsowjetisches Führungsmodell erhalten, das seine Korruptionsanfälligkeit sowohl in der Russischen Föderation als auch in Belarus und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken demonstriert hat.
Das heißt, Monopolisierung der Macht und Entscheidungsfindung aus einem einzigen Büro – das ist immer ein Nährboden für große Korruption. Darüber muss man eigentlich gar nicht diskutieren. Warum hätte es bei uns anders sein sollen, wenn es überall so ist?
Dazu kommt der Krieg. Wir müssen sagen, dass der Krieg die Möglichkeiten zur Korruption ebenfalls verstärkt, weil er die Chance gibt, deutlich mehr zu verdienen – erstens, weil die öffentliche Kontrolle geringer ist, zweitens, weil der „Gewinn“ viel größer ist, drittens, weil viele nicht aus einer Perspektive heraus verdienen, verstehen Sie: das alles erinnert ja einfach an das Zersägen des Astes, auf dem man sitzt.
Aber wenn, sagen wir, die Teilnehmer an diesen Korruptionsdeals überzeugt sind, dass der ukrainische Staat in ein paar Jahren sowieso verschwinden wird und dass er lediglich eine Institution ist, die ohnehin nicht lange bestehen kann, dann muss man – das ist die genaue Formulierung – „klauen wie beim letzten Mal“. „Die Ukraine wird nicht mehr da sein, aber wir werden viel Geld haben. Was kümmert uns dann diese Ukraine?“
Und deshalb, nebenbei: Alle sagen: „Lasst uns diese Korruptionsskandale mit denen unter den früheren Präsidenten der Ukraine vergleichen.“ Nein, meine Lieben, wir werden gar nichts vergleichen. Man darf Korruption nicht mit Plünderung verwechseln. Das sind völlig unterschiedliche Begriffe. Denn natürlich war nichts Gutes daran, dass Beamte und den Machthabern nahestehende Personen in den Zeiten aller ukrainischen Präsidenten aus der Staatskasse stahlen. Das ist ganz sicher kein Grund zu sagen: „Diese waren besser als jene.“ Nein. Aber damals ging es einfach darum, dass irgendein gewiefter, der Macht nahestehender Mensch, vor allem der prorussischen, postsowjetischen Macht, sich bediente. Denn in den Perioden von 2004–2010 und 2013–2019 wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, um Korruption zu bekämpfen. Ich erinnere daran, dass gerade diese Antikorruptionsstrukturen, die wir jetzt für effektiv halten und die ihre Effektivität mit dieser Ermittlung gezeigt haben, nach dem Maidan 2013–2014 geschaffen wurden. Das ist das Verdienst der post-maidanischen Macht und unserer Verbündeten im Westen.
So, all diese Leute konnten in Ihre Tasche greifen, aber davon hing Ihr Überleben nicht unmittelbar ab. Ja, da gibt es einen Unterschied. Sie wurden ausgeraubt, Sie hatten weniger Geld, Ihre Steuern wurden dafür benutzt, sich eine Villa in Monaco zu bauen. Das ist schrecklich, und dafür muss es Strafe geben. Aber von den Taten der heutigen Plünderer hängt ab, dass Sie morgen einfach sterben können, weil es keine entsprechende Ausrüstung in den Kraftwerken geben wird, weil es kein Licht, kein Wasser, keine Wärme geben wird. Diebstahl im Krieg kann Ihnen und Ihren Angehörigen das physische Überleben nehmen. Ich rede gar nicht davon, wenn sich das alles noch auf den Bereich der Rüstungsbeschaffung ausweitet. Darüber muss man nachdenken. Darum ist die Antikorruptionskomponente in den Strafverfolgungsbehörden so wichtig.
Warum wollte ich immer, dass es nicht irgendwelche separaten Institutionen gibt, sondern dass das gesamte System der Strafverfolgung effektiv ist? Weil, wenn das System der Strafverfolgung der Macht dient und nicht der Rechtsprechung, dann dient es Ihrem Tod – insbesondere im großen Krieg. Das muss man verstehen. Und das sind keine Spielereien. Und wozu dieses ukrainische: „Ach, sie stehlen da oben, und wir stehlen hier unten. Sie stehlen im Großen, wir im Kleinen. Irgendwie leben wir ganz wunderbar, wir beklauen einfach gemeinsam diesen Staat.“ Wie Termiten. Und jetzt hängt davon nicht ab, ob wir diesen Staat gemeinsam beklauen oder nicht – sondern ob wir in diesem Staat gemeinsam überleben oder nicht.
Wenn es eine ineffektive Macht gibt, werden wir nicht überleben. Da soll man sich keine Illusionen machen. Darum, als wir Situationen sahen, wenn es um verschiedene Investigativjournalisten ging, die in die Streitkräfte der Ukraine eingezogen wurden, hieß es: „Na ja, natürlich, warum soll er nicht dienen, wenn alle dienen?“ Natürlich muss jeder Bürger seine Pflicht erfüllen, wenn er in die Armee eingezogen wird. Aber wenn die Aufgabe darin besteht, jemandem den Mund zu verbieten, muss man daran denken, dass die Mobilisierung eines konkreten Investigativjournalisten, der sich gerade mit Korruptionsdeals beschäftigt, das Leben einer ganzen Brigade kosten kann, die Sie einfach nicht sehen werden, wenn die Russen die Korruptionsverfehlungen in diesem oder jenem Bereich ausnutzen und sie einfach vernichten. So sieht die ungerechte Welt in Wirklichkeit aus.
Andrij Smolij. Welche Folgen kann diese Situation für die ukrainische Gesellschaft und für den Status des ukrainischen Staates auf der internationalen Bühne haben?
Portnikov. Für die ukrainische Gesellschaft müssen bestimmte Schlüsse gezogen werden – und nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Macht. Mir scheint, das Führungsmodell, das nach den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019 in der Ukraine geschaffen wurde, ist ineffektiv. Aber andere Beamte, andere Abgeordnete haben wir nicht. Das heißt, die Menschen, die 2019 ein Vertrauensmandat erhalten haben, müssen Schlussfolgerungen ziehen – falls sie dazu in der Lage sind –, damit der ukrainische Staat nicht zugrunde geht. Das ist alles sehr einfach, denn hier steht auf dem Spiel, ob der ukrainische Staat auf der politischen Weltkarte bleiben wird und ob diese Menschen überhaupt in Sicherheit bleiben werden. Ich spreche jetzt nicht von den ukrainischen Bürgern, ich appelliere einfach an die Menschen im Präsidialamt, an den Präsidenten selbst, an die Minister, Abgeordneten, damit sie sich fragen: „Was werden wir tun, wenn der ukrainische Staat aufhört zu existieren?“
Manche denken, dass diese Korrupten ihre Koffer nehmen und irgendwo ein komfortables Leben führen. Das wird es nicht geben. Wird es nicht. Selbst wenn jemand in das hypothetische Israel flieht, werden Ermittler des FBI zu ihm kommen und sich für ihr Geld interessieren. Und ihr – ich wende mich an die Korrupten, nicht an alle Abgeordneten und Beamten, wie Sie verstehen – ihr werdet 20 Jahre in amerikanischen Gefängnissen sitzen. Und das ist, scheint mir, kein gutes Schicksal. Das muss man sich einfach klar machen.
Und nach Russland werdet ihr auch nicht gehen, denn wenn ihr nach all diesen Jahren der Auseinandersetzung mit Russland dort euren Platz finden wollt, werden sie euch dort vergiften – ihr werdet dort nicht im Gefängnis sitzen. Für einige werden sie Schauprozesse inszenieren, natürlich, aber die Mehrheit wird in den ersten zwei, drei Jahren an irgendeiner rätselhaften Krankheit sterben. Die Russen verzeihen euch nichts von diesem Widerstand. Selbst wenn ihr sie überzeugen wollt, dass ihr nicht daran teilgenommen habt – sie verzeihen euch nichts. Das heißt, dort erwartet euch das Gefängnis, und dort der Friedhof. Vielleicht ist es also besser, ein effektives Staatsmanagement aufzubauen, wenn ihr einfach ganz elementar überleben wollt?
Wie man effektives Staatsmanagement aufbaut, ist für mich ebenfalls völlig offensichtlich.
Erstens: Man muss zur Verfassung der Ukraine zurückkehren. Die Regierung, die – wie wir sehen – mit Beteiligung unredlicher, nicht einmal Beamter, sondern irgendwelcher Gauner gebildet wurde, muss vom Parlament entlassen werden.
Ich bezweifle nicht, dass es in dieser Regierung professionelle Minister geben kann, und das Parlament muss entscheiden, wer professionell ist, wer integer ist, wer seine Position verteidigen kann, und schließlich eine Koalition bilden.
Es wäre besser, wenn es eine Koalition der nationalen Einheit wäre. Besser eine Injektion von Professionalität, die nach den für die ukrainische Staatlichkeit wichtigen Wendepunkten 2014–2019 verloren ging – Jahre, die, wie 2004–2010, in den Lehrbüchern der ukrainischen Geschichte als goldene Jahre der ukrainischen Staatlichkeit erscheinen werden. Das muss auch jeder verstehen, der heute in der Ukraine lebt. Und es spielt keine Rolle, wie die Wähler 2010 oder 2019 entscheiden haben – denn auch diese Wähler werden von der ukrainischen Geschichte beurteilt. Das wird eine unerbittliche, harte, ironische Bewertung sein. Und die Kinder dieser Wähler werden ihnen ebenfalls eine ironische, unerbittliche, harte Bewertung geben.
Und danach können wir ganz ruhig davon sprechen, dass eine Koalition demokratischer Kräfte möglich ist. Und diese Koalition kann eine Regierung bilden. Die Mehrheit kann auch selbst eine Regierung bilden – die Partei „Diener des Volkes“, sie hat alle Möglichkeiten dazu. Das Wichtigste ist, dass Koalition und Regierung von den Abgeordneten selbst gebildet werden, dass die Abgeordneten selbst die Person finden, der sie die Führung des Landes in den nächsten Jahren anvertrauen wollen, den Premierminister der Ukraine.
Dieser Premierminister muss ein Programm vorlegen. Letztendlich müssen die Abgeordneten es billigen. Der Premierminister muss gemeinsam mit den Abgeordneten Minister finden – professionelle und nicht mit dem Büro der ersten Person verbunden. Der Präsident muss die Kandidaturen der Außen- und Verteidigungsminister vorschlagen. Vielleicht ist er mit den Ministern, die derzeit diese Ämter innehaben, völlig zufrieden. Das ist sein Recht, erneut – sein verfassungsmäßiges Recht –, und es ist das verfassungsmäßige Recht des Parlaments, diesen Kandidaturen zuzustimmen oder nicht.
Und schließlich müssen wir zum Modell der parlamentarisch-präsidentiellen Republik zurückkehren. Das ist eins.
Dem Präsidenten der Ukraine die Möglichkeit geben, sich auf seine direkten Funktionen zu konzentrieren.
Denn wenn in einem Büro alle Entscheidungen getroffen werden, die es im Staat überhaupt gibt, ist das ineffektiv. Das kann man nicht alles kontrollieren. Das ist eine Steuerung „per Hand“. Es führt zu Lücken, die, ich würde sagen, zu völlig offensichtlichen Goldgruben für Korruptionshandlungen werden.
Dann ist es sehr wichtig, die Situation zu beseitigen, in der es eine parallele Staatsführung gibt.
Eine Schattenflotte, verstehen Sie? Aus diesen Mitschnitten sehen wir ja eine völlig unglaubliche Sache. Wer Timur Minditsch ist, versteht niemand. Nun, ein Mensch, dem irgendwelche 50 % der Anteile an irgendeiner Show-Truppe gehören. Ein Impresario, sozusagen. Ob in dieser Truppe irgendwann auch der heutige Präsident der Ukraine war, oder nicht – das spielt keine Rolle mehr. Seit sechs Jahren beschäftigt er sich nicht mehr mit Showbusiness, sondern mit der Führung des Staates.
Und dieser Mensch erteilt Kraft seines Bekanntseins mit dem Präsidenten oder anderen Beamten – und weil er immer noch Anteile an irgendeiner Fernseh- oder Konzertfirma besitzt – den Ministern Befehle. Wie soll man das überhaupt verstehen? Was ist das für ein demokratischer Staat? Er versucht völlig unverständlich, den Präsidenten des Landes zu ersetzen. Es ist noch die Frage, inwieweit der Präsident selbst das Ausmaß des Einflusses und der Macht verstand, den sein ehemaliger Geschäftspartner erhalten hat. Vielleicht versteht er es jetzt. So kann es nicht weitergehen. Dieser Schattenstaat, der die Ukraine plündert, während unser Land verblutet, muss in allen Wirtschaftsbereichen liquidiert werden. Das ist auch ein sehr guter Weg, wie ich sagen würde, zur Reinigung von diesem Plündern – jetzt und in Zukunft.
Was die Hilfe betrifft: Ich könnte sagen, dass alle uns weiterhin so helfen werden wie bisher, weil Europa gar keine andere Wahl hat. Aber wir haben ja gesehen, wie die Sitzung der deutschen Regierung endete. Man hat uns militärische Hilfe bewilligt, wie versprochen, aber die finanzielle Hilfe in Höhe von 2 Mrd. Euro, die man geben wollte, hat man nicht gegeben. Ich denke, das ist eine direkte Folge. Das heißt nicht, dass sie überhaupt nicht helfen werden, aber sie werden jetzt überlegen, wie man irgendeine Institution schafft, die kontrollieren kann, wofür dieses Geld überhaupt ausgegeben wird.
Sie verstehen, dass westliche Politiker wirklich erschrocken sind. Ja, einerseits können sie sagen: „Sehen Sie, in der Ukraine funktionieren die Antikorruptionsinstitutionen hervorragend. Wie gut, eine Gesundung des Landes.“ Und unsere Freunde im Westen sagen das auch so. Aber Sie müssen verstehen: Das Geld, das man uns gibt, ist das Geld der westlichen Steuerzahler. Sagen wir, ich bin Bürger Polens oder Deutschlands oder Großbritanniens. Und ich unterstütze die Ukraine und weiß, dass mein Staat aus meinen Steuern den Widerstand der Ukraine gegen die russische Aggression finanziert. Und gleichzeitig sagt die Regierung: „Dieses Sozialprogramm können wir nicht ausweiten, und dort können wir nichts bauen. Wir helfen der Ukraine. Aber Sie verstehen selbst, dass die Ukrainer ein größeres Problem haben als wir, weil sie einfach getötet werden.“ Ich bin ein zivilisierter Mensch, ich habe demokratische Überzeugungen. Ich finde es normal, wenn meine Steuern so verwendet werden.
Und plötzlich erfahre ich aus dem Fernsehen, dass meine Steuern nicht dazu verwendet werden, dass die Ukrainer gegen die russische Aggression kämpfen, ihre Kraftwerke schützen, sondern dass sich damit irgendein Mindych, mit Spitznamen Karlsson, mästet. Vielleicht, wenn ich Schwede bin und erfahre, dass Mindych „Karlsson“ heißt, habe ich wenigstens ein gewisses Gefühl der Verbundenheit dieses Mindych mit der schwedischen Kultur. Aber nicht alle sind Schweden. Sie verstehen, das sind Witze durch Tränen.
Und deshalb denkt der westliche Politiker: „Werden sie überhaupt noch für mich stimmen, wenn ich weiterhin Geld gebe? Wird mein Wähler überhaupt verstehen, warum wir Geld einem völlig korrupten Land geben, das nicht in der Lage ist zu kontrollieren, wie dieses Geld verwendet wird? Und wie sehr werden sie mir zuhören, wenn ich sage, dass die Ergebnisse der Korruptionsbekämpfung ein Zeichen von Gesundheit sind, dass wir auch Korruption haben und dass sie genau wie wir dagegen kämpfen?“
Das ist also in Wirklichkeit ein Problem, wenn man ernsthaft spricht. Und dieses Problem werden natürlich alle Feinde der Ukraine und alle Gegner der Ukraine nutzen. Sie haben ja gesehen: Für Viktor Orbán und Péter Szijjártó war das, so scheint mir, einfach der beste Tag des Jahres, als alles, was sie jahrelang den Europäern erzählt haben – „Hört auf, ihnen Geld zu geben, das sind Korruptionäre. Ihr finanziert ein korruptes Regime, das sich an diesem Krieg bereichert. Ihr versteht nicht, euer Geld wird nicht dafür verwendet, gegen Russland zu kämpfen, die ukrainische Macht bereichert sich bloß“ – nun bestätigt zu sein schien.
Und alle hatten ihnen immer gesagt: „Hören Sie, ihr sagt das nur, weil ihr Putins Anhänger seid.“ Und jetzt können sie ihren europäischen Kollegen sagen: „Na, wer hatte recht? Wer seid ihr überhaupt? Was versteht ihr? Wir haben im sozialistischen System gelebt. Wir wissen, wie dort alles funktioniert. Deshalb haben wir es euch gesagt, weil wir es wussten – und ihr seid nur naive, dumme Franzosen, Deutsche und Briten. Ihr lebt in irgendwelchen idealistischen Bildern. Na und jetzt?“
Natürlich ist das schwer. Und wenn wir jetzt über die Position dieser Politiker sprechen, die den Eintritt der Ukraine in die Europäische Union blockieren: „In welche Europäische Union wollt ihr mit solcher Korruption? Wollt ihr, dass dieser Tumor sich auf ganz Europa ausbreitet? Man muss sie hinter einer Schranke halten, damit sie nicht einmal darüber springen können, denn sie werden uns ganz Europa zerstören.“
Und das wird Orbán sagen, der selbst, wie Sie wissen, Teil eines solchen Korruptionsmechanismus ist, über den man Spielfilme drehen könnte wie über Gangster. Aber wissen Sie, was Orbán von Mindych unterscheidet? Verzeihen Sie, Orbán ist ein Profi. Man kann ihm juristisch kaum etwas anhaben. Man versteht, dass es dort Schemen gibt, dass alles irgendwohin fließt und abfließt. Aber erstens: Er hält die Macht. Zweitens: Es ist so gemacht, dass man es nicht klar beweisen kann. Drittens: Es geschieht in ganz konkreten staatlichen Strukturen mit Dokumenten, Stempeln. Das ist organisierte staatliche Korruption. Wenn du Anhänger einer bestimmten politischen Kraft bist, wirst du sagen, das sei gar keine Korruption, sondern einfach „unser Premierminister, der uns Gutes tun will“.
Und hier liegt das Problem, noch darin, dass all das organisiert ist wie auf einem, verzeihen Sie, Markt in Odesa. Niemand versucht auch nur, diese Deals irgendwie so auszugestalten, dass sie wenigstens zivilisiert aussehen. Schauen Sie sich diese unglaubliche Geschichte mit Tschernyschow, genannt „Che Guevara“, an. Vizepremierminister der Ukraine, einer der Kandidaten für das Amt des Premierministers – er könnte jetzt, nebenbei bemerkt, unsere Regierung führen, wenn es all diese Skandale nicht gäbe. Gegen ihn erhebt NABU Verdacht. Er steht unter Verdacht. Man holt ihn mühsam aus dem Ausland zurück, wo er versucht, der Ermittlung zu entgehen. Aber weil er nicht Mindych ist, sondern Vizepremier geworden ist, muss er zurückkehren, weil er versteht, dass er im Ausland nicht lange durchhält. Nebenbei habe ich da eine Idee: Solche Leute sollten nach Budapest fahren, und Orbán wird sie mit Vergnügen aufnehmen, damit sie dort erzählen, wie schrecklich das Regime in der Ukraine sei und wie hier alles gestohlen wird. In Budapest werdet ihr euer Glück finden – aber nicht lange. Aber darum geht es nicht. Tschernyschow kehrt zurück, der ganze Deal läuft weiter. Sie wissen, dass es eine Ermittlung gibt. Und Tschernyschow schickt seine eigene Frau, damit sie für ihn seinen Gewinnanteil abholt. Können Sie sich das vorstellen?
Das ist nicht einmal ein schlechtes Kriminalstück, das ist irgendein Zeichentrickfilm. Und wenn in einem Zeichentrickfilm Krimis gedreht werden, kommt es vor, dass eine Person weiß, dass sie unter Verdacht steht, dass es überall Kameras gibt, dass alle aufgezeichnet werden können, dass alles beobachtet werden kann, weil sie offiziell unter Verdacht von NABU und SAP steht – und sie versteckt sich nicht, verzichtet nicht auf irgendwelche Kontakte, um neue Vorfälle, Episoden zu vermeiden. Sie kann auf diesen Anteil nicht verzichten. Sie meint, dass ihre Frau das Geld holen muss. Mindych wiederum weiß, dass gegen ihn ermittelt wird, dass man ihm einen Verdacht vorlegen kann, er befindet sich im Ausland, ist aber so sicher, dass ihm nichts passieren kann, dass man ihn auf jeden Fall schützen wird, dass er ein paar Tage vor Beginn der Operation in die Ukraine zurückkehrt.
Das heißt, sie kannten diese Situation tatsächlich mindestens seit Juli, aber waren sicher, dass man sich nicht trauen würde, „den ganz großen Jungs“, wie sie sagen würden, ans Leder zu gehen. Ich weiß nicht einmal, wie sie miteinander reden, aber wir haben die Aufnahmen gehört, also denke ich, ich liege nicht weit vom Original. Und er flieht aus der Ukraine mit dem Taxi. Auch das ist alles reine Animation, verstehen Sie?
Wenn ich Autor eines Krimis wäre, würde ich denken: „Mein Gott, wie soll ich einen Krimi schreiben, wenn sie selbst solche lächerliche Figuren sind?“ Auf der einen Seite ist es das absolute infernalische Böse, wenn Leute ihre eigenen Landsleute im Krieg ausrauben und dann versuchen, sich in einem Land zu retten, das selbst so einen Krieg erlebt hat und in dem man für geringere Dinge 15–20 Jahre bekommt. Ich bin mir nicht sicher, dass sie sich in Israel lange halten werden.
Andrij Smolij. Nebenbei, es sind ja schon gar nicht mehr ihre eigenen Landsleute, ihnen wurde ja die Staatsbürgerschaft entzogen, Mindych – soweit ich verstehe.
Portnikov. Ich bin mir nicht sicher, ob es einen Erlass über den Entzug der Staatsbürgerschaft gab. Haben Sie ihn gesehen?
Andrij Smolij. Wir werden ihn nicht zu sehen bekommen. Staatsbürgerschaftserlasse – vergessen wir das nicht – sind ja nicht öffentlich. Das schreiben zumindest die Medien seit gestern.
Portnikov. Nun gut, aber sie waren gestern doch noch Bürger, oder? Als Mindych die Dienste eines Elitetaxis nutzte. Für wie viel ist er gefahren – für 1500 Dollar oder 10 000 Dollar?
Andrij Smolij. „Timur Minditsch, verdächtigt der Korruption, verließ um 02:09 Uhr das Land mit einem Premium-Fahrdienst, berichteten die ‚Schemes‘. Das geschah einige Stunden vor den Durchsuchungen von NABU. Der Mercedes S350 gehört dem Lemberger Unternehmer Maksym Wowk, dem Leiter von Timelux. Mitgründer ist Eldar Assadulajew, ehemaliger Mitarbeiter der westlichen Regionalverwaltung des Grenzschutzdienstes übrigens“. Was die Kosten betrifft, das kläre ich noch.
Portnikov. Wie auch immer – wir werden nicht in Mindychs Tasche greifen, selbst nachdem er in unsere Taschen gegriffen hat. Aber allein die Tatsache ist natürlich sehr merkwürdig. Ich denke, dass Mindych sich irrt, wenn er glaubt, er werde dort ruhig sein Leben verbringen. Nein, wird er nicht. Das FBI werde nicht früher oder später nach Israel kommen. Ich sage Ihnen mehr: Ich bin sicher, dass dieser Mensch, falls er in Israel leben wird, auch dort etwas stehlen wird und man ihn dort einsperren wird. Diese Leute ziehen einfach keine Schlüsse, verstehen Sie – überhaupt keine, im wahrsten Sinne des Wortes. Daran habe ich keinerlei Zweifel.
Andrij Smolij. Übrigens, wir sprechen davon, dass Orbán irgendwie darauf reagiert hat, aber seien wir ehrlich: Es werden sich nicht nur Orbán und Co. dieses Thema zu eigen machen, sondern zum Beispiel auch die Rechtsextremen in Deutschland, die ständig kritisiert haben. Sie haben ja erwähnt, dass das deutsche Parlament der Ukraine das Paket von 2 Mrd. Euro nicht bewilligt hat. Ja?bUnd wir verstehen sehr gut, dass populistische politische Kräfte in Europa – um es noch einmal zu sagen, dieselbe AfD –, in Polen ebenso, dieses Thema sich zu nutzen machen werden.
Übrigens hat heute der polnische Premier Tusk eine sehr interessante Rede gehalten. Er hat im Grunde gesagt: „Ich habe Präsident Zelensky gesagt, er solle aufmerksam auf jede kleinste Erscheinung von Korruption in seinem Umfeld achten, denn das ist von entscheidender Bedeutung für seinen Ruf. Heute ist der pro-ukrainische Enthusiasmus, wie ihr gut wisst, in Polen und in der Welt deutlich geringer. Es wird immer schwerer werden, verschiedene Partner von der Solidarität mit der Ukraine zu überzeugen, wenn solche Fakten auftauchen.“ Das sagte der polnische Premierminister Donald Tusk zu dem Korruptionsskandal in der Ukraine rund um Energoatom.
Er hat viel gesagt, seine Rede war ziemlich lang, unter anderem, dass das, was geschehen ist, nicht mehr rückgängig zu machen ist und die Verluste sehr hoch sein werden. Das sagte Tusk. Er erklärte außerdem, dass einer der wichtigsten Narrative der russischen und prorussischen Parteien in Europa die Behauptung sei, die Ukraine sei kein unabhängiges Land und sie sei ein korruptes Land. Und dass das für die Russen immer ein sehr starkes Argument gewesen sei: „Was ist das für ein Staat? Nehmt sie nicht ernst. Das ist der korrupteste Staat.“ Und einige in Europa glaubten sogar, dass die Ukraine korrupter sei als Russland. Das sind wörtliche Aussagen des polnischen Premierministers.
Mir scheint, sie korrespondieren sehr mit dem, was jetzt in der Ukraine geschieht. Denn tatsächlich sagen heute populistische Kräfte in Polen dasselbe – dieselbe Partei „Razem“, auch AfD in Deutschland. In Frankreich, wir haben Frankreich erwähnt, wird Marine Le Pens Partei das sagen. In Tschechien wird es Andrej Babiš sagen, der Premierminister werden könnte.
Portnikov. Der Kern ist: „Warum sollen wir ihnen das Geld unserer Steuerzahler geben, wenn sie es stehlen?“
Andrij Smolij. Und sehr interessant ist, dass das alles vor dem Hintergrund geschieht, dass derzeit darüber diskutiert wird, wie man der Ukraine auf irgendeine Weise 140 Mrd. Euro aus eingefrorenen russischen Vermögenswerten zukommen lassen kann. Jetzt versuchen gewissermaßen Norwegen, Schweden, Finnland einen Weg zu finden, sich mit Belgien zu einigen, damit es grünes Licht für die Freigabe all dieser Mittel gibt.
Und als man sich scheinbar schon darauf verständigt hatte, dass einzelne skandinavische Länder gewissermaßen mit eigenen Mitteln bürgen, falls in Belgien etwas schiefgeht, haben wir jetzt diesen Skandal. Das ist, so scheint mir, sehr gefährlich für die Bereitstellung dieses Pakets und für diese Entscheidung. Das wird ein ernstes Argument, insbesondere von Ungarn und der Slowakei. In der Slowakei spricht man bereits darüber. In Tschechien, falls eine neue Regierung gebildet wird. Und nun auch für die populistischen Kräfte in Deutschland, Frankreich, Polen und anderen Ländern. Das ist ein Problem. Und hier hat Tusk völlig recht.
Portnikov. Ich widerspreche Ihnen überhaupt nicht, dass de facto alle Unterstützer der Ukraine im Westen einen schweren, aber zugleich erwartbaren Schock erlitten haben in Verbindung mit dieser Situation.
Und außerdem, noch ein Moment: Wenn Sie sagen, was Russland spricht – Russland sagt nicht nur, dass die Ukraine ein korruptes Land sei. Sie sagen, dass die Ukraine überhaupt kein Land sei. Dass die Leute sich einfach ein Stück Russland genommen haben und es ausplündern. Und wenn europäische, sagen wir, Bürger sehen, wie irgendwelche Leute auf Russisch darüber diskutieren, wie sie irgendwelche Gelder stehlen, fangen sie an zu denken: „Vielleicht haben sie sich wirklich einfach auf irgendwelche unklaren Grundlagen hin dieses Territorium genommen, es zu einem separaten Staat namens ‚Ukraine‘ erklärt und plündern es einfach. Und wir geben ihnen auch noch Geld, sie plündern auch unser Geld. Sie könnten doch einfach Bestandteil Russlands sein. Sollen sich die Russen darum kümmern. Warum sollen wir uns darum kümmern, wenn das gewöhnliche russische Korruptionsfiguren sind?“
Genau darauf wird Russland beharren. „Wir haben euch doch gesagt, dass das kein richtiger Staat, sondern ein Operettenstaat ist. Und ihr seht doch selbst, wie sie in reinem Russisch, wie unsere Jungs aus der Unterwelt, darüber diskutieren, wie sie euer Geld stehlen. Unsere Jungs aus der Unterwelt könnten genauso reden. Warum ihnen helfen? Was verteidigt ihr da überhaupt?“ Das ist alles. Sie werden das natürlich ausnutzen, wo immer sie können.
Andrij Smolij. Sie haben davon gesprochen, was man tun muss, um das Vertrauen der Gesellschaft zurückzugewinnen. Seien wir offen: Das Problem liegt ja nicht nur darin, was europäische Partner oder unsere Feinde in anderen Ländern denken werden, sondern es ist auch ein Problem für die Wahrnehmung durch die ukrainische Gesellschaft. Denn die ukrainische Gesellschaft ist vom Krieg müde. Seien wir ehrlich, wir werden hier nicht lügen, sondern sagen, wie es ist. Die ukrainische Gesellschaft ist zum Teil durch russische Propaganda in TikTok und Telegram aufgehetzt. Eine ukrainische Gesellschaft, die aufgehört hat, den ukrainischen Institutionen so zu vertrauen wie 2022, als es einen enormen Vertrauensschub selbst gegenüber Institutionen gab, denen man nie vertraut hatte. 2022 war es im Grunde das erste Mal in all den Jahren nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit, dass fast 80–90 % der Bürger unseres Landes sagten: „Ich vertraue sogar den Strafverfolgungsbehörden, den Gerichten, dem Parlament.“
Erinnern Sie sich, wie das Vertrauen in das Parlament gemäß den Umfragen gestiegen ist? Und jetzt – all das ist 2023, 2024, 2025 einfach eingebrochen. Das Vertrauen ist einfach zusammengebrochen. Es gibt kein Vertrauen in die Strafverfolgungsorgane, kein Vertrauen in die Gerichte, kein Vertrauen in Institutionen wie das Parlament, kein Vertrauen in die Regierung – es fehlt sogar das Verständnis, wer überhaupt welcher Minister ist. Wenn man auf die Straße geht und die Leute fragt, wer unser Premierminister ist, wird die Mehrheit, na gut, sagen wir die Hälfte – eine gute Hälfte – antworten: „Wir wissen es nicht.“ Na gut, Schmyhal war über fünf Jahre lang da, vielleicht erinnern sich einige.
Portnikov. Ich bin mir nicht sicher. Das ist mein Lieblingsspiel bei Gesprächen mit ukrainischen Journalisten, die sagen: „Warum sagen Sie, dass unsere Regierung nicht unabhängig ist und so weiter?“ – die zu fragen, wer der erste Premierminister von Volodymyr Zelensky war. Keiner erinnert sich. Ich habe den überhaupt nie gesehen, verstehen Sie? Und das, obwohl Olexij Hontscharuk so jung, energisch, progressiv war, alle aber verstanden, dass sein Beteiligungsgrad an der Entscheidungsfindung gleich Null war – wie bei allen anderen Premierministern auch. Wenn der Premierminister dem Präsidialamt Rechenschaft ablegt – was ist das für ein Premierminister, wenn wir ehrlich sind?
Andrij Smolij. Mit anderen Worten: Aus Sicht der Beziehungen zur ukrainischen Gesellschaft ist es jetzt eine Katastrophe. Denn wir befinden uns nicht in einem Wahlzyklus, nicht in Friedenszeiten – wir befinden uns in Kriegszeiten. Jetzt scheint dieses Vertrauen einer der wichtigsten Faktoren zu sein, warum die Menschen weiterhin durchhalten müssen – einfach durchhalten, weil die Herausforderungen sehr zahlreich sind und nur mehr werden.
Denn die Raschisten haben nicht vor, den Krieg zu beenden, und das verstehen wir sehr gut. Trotz aller Plus- und Minuspunkte – sie haben nicht vor aufzuhören. Und die Frage ist, wie man jetzt dieses Vertrauen in die Gesellschaft, diesen Dialog mit der Gesellschaft wiederherstellt, damit die Menschen vertrauen, damit sie verstehen, dass sie weiter durchhalten müssen, weil davon die Zukunft unseres Landes abhängt. Überhaupt: das Land, die Front, die Heimatfront, die Energieversorgung letztlich.
Und wir kommen zu dem, was Sie gesagt haben – welches Rezept es jetzt gibt. Wahlen haben wir nicht, und es wird sie vorerst nicht geben. Ich möchte das Thema grundsätzlich gar nicht diskutieren. Ich sage immer: Welche Wahlen können überhaupt stattfinden? Vielleicht wird es ein Jahr, zwei, drei, fünf keine geben. Wir wissen nicht, wie lange der Krieg dauern wird. Aber wir haben Auswege aus der Situation. Und Herr Vitaly hat das eben gesagt: Es könnte Varianten geben wie die Wiederherstellung des Parlamentarismus, eine Technokratenregierung, eine Regierung der nationalen Einheit – man kann sie verschieden nennen. Aber die Frage ist, Ihrer Meinung nach: Ist die Macht dazu bereit? Es gab im Juli dieses Jahres den Konflikt mit NABU und SAP. Nichts hat sich geändert. Danach änderte sich die Regierung.
Portnikov. Was heißt, es hat sich nichts geändert? Man hat jungen Männern die Ausreise ins Ausland bis 22 erlaubt. Das war die Reaktion.
Andrij Smolij. Gut. Okay. Und jetzt ist die Situation noch katastrophaler. Ist die Macht heute – der Präsident, das Parlament, die Abgeordneten – dazu bereit, wirklich aus Fehlern zu lernen, eine effektive Regierung zu bilden, zur parlamentarisch-präsidentiellen Republik zurückzukehren, zur Rolle des Parlaments zurückzukehren, zur Rolle der Ausschüsse der Werchowna Rada der Ukraine, die faktisch zu statistischen Einheiten degradiert wurden?
Zurückzukehren zu dem, dass jeder Abgeordnete wirklich eine gesetzgeberische Einheit ist, dass jeder direkt gewählte Abgeordnete, der von der ukrainischen Gesellschaft in seinem Wahlkreis gewählt wurde, eine entsprechende Subjekt-Einheit unseres Staates ist. Sind sie dazu bereit oder nicht? Und daraus ergibt sich die nächste Frage: Wenn sie nicht bereit sind – was dann? Was kann passieren, wenn wir weiterhin eine Situation haben wie jetzt, in der das Parlament keine Rolle spielt, in der de facto die Regierung keine Rolle in den staatlichen Prozessen während des Krieges spielt? Was dann? Was sollen wir mit all dem machen?
Portnikov. Das ist eine gute Frage. Ich glaube nicht, dass man Politik lernen kann, und ich glaube nicht, dass irgendjemand eine Wahl treffen kann. Verstehen Sie? Denn professionelle Politiker lernen in der Regel aus eigenen Fehlern. Und was tun Nicht-Profis? Schauen Sie: 2019 hat Volodymyr Zelensky völlig offen gesagt, dass er niemandem vertrauen könne außer den nahestehenden Menschen. Erinnern Sie sich an das Interview? „Niemandem in diesem Land kann man vertrauen. Deshalb muss ich jenen vertrauen, die mir nahe stehen, mit denen ich seit vielen Jahren zusammen bin.“
Das ist übrigens ein völlig logischer Ansatz für jemanden, der sich nie mit Politik beschäftigt hat, der nichts von Management versteht und einfach Angst hat, dass, wenn er irgendeine professionelle Person einlädt, die weiß, wie man einen Staat führt, sie ihn ausnutzt. Sowohl in Bezug auf die Vollmachten als auch hinsichtlich der Korruption. „Denn wenn diese Person etwas stehlen will und mir Dokumente zur Unterschrift bringt, werde ich nicht einmal verstehen, worum es geht. Ich unterschreibe und werde danach der Hauptkorruptionsverantwortliche der Ukraine sein. Man wird mich einsperren, selbst wenn ich Präsident bin. Man kann niemandem vertrauen. Wem also vertrauen? Jenen, die mit mir im Quartal 95 gearbeitet haben.“
Aber diese Leute hatten nie Zugang zu großen Ressourcen. Was konnte Mindych stehlen, als er irgendein Aktionär von Quartal-95 war? Nur das, was Kolomojskyj ihm erlaubte zu stehlen. Und hier eröffnen sich ganz andere Möglichkeiten – man kann dieses Vertrauen des Präsidenten und die Beziehungen zum Präsidenten ausnutzen, selbst wenn es diese Beziehung nicht mehr wirklich gibt. Allein die Tatsache: „Wer bin ich? Ich bin Eigentümer von Quartal-95.“ Alle Türen öffnen sich. Der Präsident muss sich nicht einmal einmischen, wenn er nicht will.
Und es stellt sich heraus, dass diese Wette auf nahestehende Menschen ein Weg zur Korruption ist – selbst wenn du das nicht willst, du dir dessen aber einfach nicht bewusst bist.
Welche Schlüsse kannst du als Zelensky aus dieser Situation ziehen? Dein Misstrauen gegenüber allen in der Politik war ohnehin unendlich groß. Und das ist wiederum natürlich, weil du nie in der Politik warst. Jetzt kannst du nur den Schluss ziehen, dass du auch deinen nahestehenden Menschen nicht vertrauen kannst. Man kann niemandem vertrauen. Ich denke, das ist die zentrale Schlussfolgerung, die gezogen werden wird.
Wie funktionieren überhaupt Regime solcher Ein-Mann-Herrschaft?
Erster Schritt: Du willst mit niemandem zu tun haben außer mit den Nahestehenden, weil du verstehst, dass alle, die dir nicht nahe stehen, dich hereinlegen, der Macht berauben, ausnutzen, dich für ihre Korruption benutzen.
Zweiter Schritt: Du verstehst, dass dich auch die Nahestehenden täuschen, hereinlegen können und deinen Ruf in Müll verwandeln. Also kannst du auch ihnen nicht vertrauen. Also musst du den Kreis der Menschen, denen du vertrauen kannst, verkleinern.
Und dann kommt die dritte Phase, in der du nur noch dir selbst vertraust und Entscheidungen ausschließlich auf Grundlage deiner Intuition triffst – falls du eine hast. Oder du kannst mit ein, zwei Menschen zu tun haben, denen du noch vertraust, und diese Favoriten von Zeit zu Zeit austauschen, nachdem du in einen neuen Skandal geraten bist, weil du inzwischen sicher weißt, dass du niemandem vertrauen kannst, aber allein nicht regieren kannst. Allein ist das unmöglich.
Und jetzt, wenn es Sie interessiert, befinden wir uns in der dritten Phase.
Andrij Smolij. Aber das ist doch im Grunde eine Sackgasse.
Portnikov. Nun, einerseits ja, andererseits – warum eine Sackgasse? Wie, glauben Sie, sind alle anderen Regime dieses Typs aus der Situation herausgekommen? Sie haben jahrzehntelang darin gelebt. Es geschieht durch die Stärkung der Rolle der Sicherheitsorgane. Durch totale Kontrolle der Sicherheitsleute über die Beamten und sogar über die Nahestehenden des Präsidenten. Überall Kameras, ständige Entlassungen, Prozesse, Einschüchterung der Staatsdienstleister, Überwachung – das heißt, eine Umwandlung des personalistischen Machtmodells in ein militärisch-polizeiliches.
Im Krieg ist das möglich – sogar noch mehr als im Frieden. Viele solcher Führer haben solche Modelle in Friedenszeiten geschaffen. Jetzt herrscht Krieg, und die Macht kann im Prinzip sagen: „Wegen der außergewöhnlichen Lage müsst ihr auf bestimmte Rechte und Freiheiten verzichten, besonders wenn ihr dem Staat dient.“ Und natürlich effektive Maßnahmen gegen jegliche Proteste in der Zukunft: „Solange der Krieg nicht beendet ist, keine Pappschilder, denn ihr unterminiert die Verteidigungsfähigkeit. Ihr geht mit euren Kartons raus und die Europäer geben uns kein Geld mehr. Wir verlieren weitere Ortschaften, ihr geht noch mal raus und wir verlieren Kyiv. Das werden wir euch nicht erlauben.“
Ja, es ist eine Sackgasse für die Gesellschaft, für die Ukraine – aber nicht für die Macht. Es konnte sich gar nicht anders entwickeln. Es gab zwei mögliche Wege. Ich meine ein solches Regime und ein solches Führungsmodell.
Entweder in Friedenszeiten Verlust der Popularität und Niederlage bei Wahlen – und 2022 haben wir schon gesehen, dass die Popularität des Präsidenten längst nicht mehr so war wie 2019.
Oder in Kriegszeiten die Schaffung eines personalistischen Regimes, das sich mit jedem neuen Skandal immer mehr in sich selbst einschließt, weil der Präsident nicht verstehen wird, wie er aus der Situation herauskommt – zumal er nicht will, dass man ihn als Teilnehmer all dieser Korruptionsdeals wahrnimmt.
Und er ist offensichtlich wütend darüber, dass die Menschen, die ihm nahe standen, seine langjährigen Bekannten und Partner, ihn einfach reingeritten haben – vor der ganzen Welt. Dass jetzt die ganze Welt über ihn nicht als tapferen Verteidiger der Ukraine schreibt, sondern als jemanden, der sich mit korrupten Managern umgeben hat, die nicht einmal irgendwelche Ämter bekleideten. Wer mag das schon? Und so wird er weiterhin Schlüsse ziehen – entsprechend seiner Vorstellung davon, wie man überlebt, nicht entsprechend politischer Logik. Denn um politische Logik zu haben, muss man, ich sage es noch einmal, Politiker sein.
Andrij Smolij. Und um sozusagen die Operation „Midas“ und alles, was damit verbunden ist, zusammenzufassen: Es ist klar, dass die Russische Föderation das aktiv nutzen wird. Und sie nutzt es bereits aktiv – über ihre Proxy-Blogger, über TikTok, über Telegram, über verschiedene Einwürfe, über europäische Politiker, die prorussisch sind. Natürlich wird das alles auch direkt frontal über Skabeeva, Solowjow und andere Figuren laufen. Aber klar ist, dass es auch versteckt passieren wird – durch verschiedene Videos, die bereits im Internet kursieren und die ich mir heute angesehen habe.
Und das Hauptziel all dessen wird sein, die Wirkung zu verstärken, die wir als Folge dieses großen Korruptionsskandals erhalten haben. Das Hauptziel wird sein, in zwei Richtungen zu wirken. Die erste Richtung ist die ukrainische Gesellschaft im Inneren, um das Vertrauen in den Staat und die Institutionen maximal zu untergraben. Und zweitens wird es natürlich auch einen Schlag gegen unsere Positionen auf der internationalen Bühne geben.
Wie stark erwarten Sie russische Propagandamaßnahmen, und wie gefährlich werden sie jetzt? Besonders in einem Moment, in dem – ich wiederhole – die Gesellschaft nicht mehr so aussieht wie 2022, 2023 und sogar 2024. Und was tun damit?
Portnikov. Das Wichtigste ist, dass die russische Propaganda auf Europa hier, glaube ich, nicht besonders stark wirken wird. Denn wenn russische Propagandisten anfangen, über Korruption zu sprechen, erinnern sich alle daran, dass man in Russland Menschen, die Korruption kritisiert haben, einfach ermordet hat. Das Schicksal von Alexej Nawalny ist dafür sehr bezeichnend. Das ist ein anschauliches Beispiel eines Menschen, der sich mit der Aufdeckung von Korruptionsvergehen in Russland beschäftigt hat – genau das, womit sich bei uns NABU beschäftigt, nur auf zivilgesellschaftlicher Basis. Und sie haben Nawalny ständig als Schreckgespenst für die eigenen Bürger benutzt, ihn aller Sünden und Verbrechen beschuldigt, versucht, ihn zu vergiften und dann haben sie ihn getötet. Haben Sie das Foto von Nawalnys Zelle gesehen, das die Antikorruptionsstiftung veröffentlicht hat? Das ist ein klarer Beweis, dass man einen Menschen durch Folter zu Tode gebracht hat. Man kann zu dieser Person unterschiedlich stehen, aber das ist ein sehr sprechender Fakt.
Und daneben ein Staat aus demselben postsowjetischen Raum, in dem unabhängige Antikorruptionsorgane arbeiten, die sich nicht einmal scheuen, Ermittlungen gegen Personen aus dem direkten Umfeld des Präsidenten zu führen – seiner einstigen Nahestehenden, obwohl es hier wohl nicht wirklich um „einst“ geht. Für Europäer ist das also kein Argument.
Was die ukrainische Gesellschaft betrifft: Gegen Zelensky kann jetzt dieselbe Waffe wirken, die er 2019 geschmiedet hat, als er alle davon überzeugte, dass die Geschichte mit Hladkowskyj (sie haben damals bewusst seinen früheren Nachnamen „Swynartschuk“, benutzt, um einen total negativen Effekt zu erzeugen) – dass das eben „die Swynartschuks“ seien. Das wird bis heute benutzt. Das heißt, selbst ukrainische Journalisten verstehen nicht, dass, wenn sie frühere Nachnamen von Menschen verwenden, die inzwischen einen anderen Namen führen wollen, das in etwa dasselbe ist wie in der Sowjetunion, wenn man die jüdischen Namen von Schriftstellern oder Politikern enthüllte, um der Gesellschaft zu sagen: „Seht ihr, wer sie sind? Das sind Juden. Was für ukrainische Kritiker oder sowjetische Parteifunktionäre – das sind einfach Juden. Schaut, wir werden sie nicht unter den Namen nennen, unter denen sie seit Jahrzehnten publizieren. Er ist kein Ilja Stebun, er ist der Kosmopolit Katznelson.“ Das war die Idee. Und wir sind im 21. Jahrhundert genau denselben Weg gegangen. Alle wussten, wie unangenehm der frühere Nachname von Hladkowskyj war.
Und was war die Schlussfolgerung in Zelenskys Interviews, seinen Äußerungen, Erklärungen? Dass Poroschenko die Swynartschuks ins Gefängnis stecken müsse, die versuchten, die Waffen für die ukrainischen Streitkräfte zu kaufen – nicht ohne eigenes Interesse, aber es waren eben Waffen für die Streitkräfte, die man nur durch Schmuggel bekommen konnte, angesichts der Tatsache, wie Russland uns Waffen verkaufen wollte, mit denen wir gegen es kämpfen sollten.
Und alle sagten: „Natürlich geht der Krieg weiter, weil Poroschenko den Krieg weiterführen will. Und wir wählen den Zelensky aus der Serie ‚Diener des Volkes‘. Und der wird sich mit Putin sofort einigen, weil Zelensky sich nicht am Krieg bereichern will. Das wollte Poroschenko.“ Niemand stellte sich die Frage – denn das ist ein Level von Idiotie gewesen, der kaum vorstellbar ist: „Und will Putin den Krieg wirklich beenden? Wie wollt ihr ihn überreden?“
Für uns war das Wichtigste, dass sich unsere Regierung am Krieg bereichert. Und jetzt wird das von der russischen Propaganda gegen Zelensky verwendet werden. „Wissen Sie, warum der Krieg nicht endet? Weil Zelensky ihn nicht beenden will. Schauen Sie, wie viel Geld Zelenskys Leute am Krieg verdienen. Wie können sie ihn beenden? Da geht es um Millionen Dollar. Je mehr ihr leidet, desto mehr werden sie verdienen.“
Die Frage, ob Putin den Krieg beenden will, verschwindet wieder, denn es sind dieselben Menschen – sie haben sich in diesen sechs Jahren um keinen Deut verändert. In ihrem Leben sind zwar Leiden und Entbehrungen hinzugekommen, aber das bedeutet nicht, dass Gehirn dazugekommen ist. Von Leid und Entbehrung entstehen keine Gehirne.
Und jetzt wird alles genau diesen Weg gehen. Ich verstehe das sehr gut. Und alle werden sagen: „Ach, würde er doch Putin diese paar armseligen Regionen überlassen – der Krieg wäre sofort vorbei. Aber er will nicht. Denn er will sich am Krieg bereichern.“ Und dass es um ukrainische Städte mit ukrainischen Bürgern geht, wird vielen egal sein: „Wenn ich nicht in Kramatorsk lebe, was schert mich das Schicksal dieser Bürger? Mir ist wichtig, dass der Krieg endet und Zelensky sich nicht am Krieg bereichert. Wenn Putin russische Sprache will – wir sprechen doch ohnehin Russisch. Was spielt das für eine Rolle, wenn Frieden ist und uns nicht beschießen?“ Aber wir wissen, was das bedeutet.
„Sie würden sich nicht mehr am Krieg bereichern.“ Das wird die Hauptidee der russischen Propaganda sein, die sie einhämmern werden: „Putin will den Krieg beenden, Zelensky will es nicht, weil er am Krieg verdient. Und die Europäer wollen ihn nicht beenden, weil sie Russland schwächen wollen.“ Das ist jetzt auch ein wichtiges Narrativ. Und Sie hören es von vielen unserer Mitbürger: „Europa ist daran interessiert, dass der Krieg weitergeht, damit Putin es nicht angreift.“
Und im Übrigen unterstützen wir dieses Narrativ auch aktiv, wenn wir den Europäern ständig sagen – und denken, das sei ein genialer Trick: „Wissen Sie, wenn wir den Krieg verlieren, wird Putin euch sofort angreifen.“ Wenn wir das den Europäern erzählen, glauben sie das nicht besonders, weil sie nicht verstehen, wie eine Armee, die nicht bis Pokrowsk kommt, bis Paris kommen soll.
Natürlich, wenn wir sagen: „Nein, euch werden Drohnen angreifen, ihr habt keine moderne Abwehr dagegen“, wirkt das vielleicht stärker. Aber das ist kein Thema der Bodentruppen, das ist ein Thema der Abwehr von Drohnenangriffen – und diese Angriffe können auch während eures „Friedens“ stattfinden. „Es ist überhaupt nicht nötig, euch zu besiegen, um uns Drohnen und Flugzeuge zu schicken. Ihr seid kein Schild Europas, weil diese Drohnen einfach über euch hinwegfliegen und ihr sie nicht stoppt.“
Aber das, womit wir die Europäer austricksen wollen, wirkt in Wirklichkeit auf unsere Bürger, die folgende Schlussfolgerung ziehen: „Europa ist daran interessiert, dass wir hier jahrelang sterben, damit es keinen Krieg in Europa gibt. Wenn der Krieg zehn Jahre dauert, werden vielleicht alle Ukrainer sterben, aber die Europäer werden wunderbar leben. Und unsere Flüchtlinge, die geflohen sind, auch. Und wir werden hier allein leiden.“ Und gleichzeitig sind die Europäer überhaupt nicht dagegen, dass der Krieg endet. Sie werden uns sagen: „Wenn ihr wollt, akzeptiert Putins Bedingungen und lebt mit ihm. Wenn ihr nicht wollt, wenn ihr für eure Souveränität kämpfen wollt, werden wir euch helfen. Ihr seid ein souveräner Staat.“
Aber diese Idee entsteht dennoch: „Zelensky will den Krieg nicht stoppen wegen des Geldes, und die Europäer wollen ihn nicht stoppen, weil die Ukraine ein Schild Europas ist. Sie brauchen, dass wir hier Russland aufhalten.“ Keines dieser Narrative hat etwas mit der Realität zu tun. Aus zwei Gründen. Erstens, weil das Ende des Krieges nicht von Zelensky abhängt – genauso wenig, wie es 2019 von Poroschenko abhing.
Und das ist etwas, was die Mehrheit der Ukrainer nicht begreifen kann: dass die Ukraine nicht Subjekt, sondern Objekt des Verhandlungsprozesses war, ist und bleibt. Denn für Russland hat es nie eine ukrainische Staatlichkeit gegeben, gibt es keine und – ich verrate Ihnen ein großes Geheimnis – wird es nie eine geben, solange der russische Staat in seiner imperialen Form existiert. Wenn wir uns gegen Russland verteidigen können, heißt das nicht, dass die Russen sofort beschließen, dass die Ukraine ein Staat ist. Sie werden beschließen, dass sie ein Gebiet nicht erobern konnten, das ihnen „rechtmäßig“ gehört, und dass man sich darauf vorbereiten muss, es in Zukunft zu erobern. Vielleicht wird es nie wieder einen Krieg geben, aber in Russland wird niemand diesen Operettenstaat auf russischem Boden ernst nehmen.
Und deshalb ist völlig klar, dass Putin keinerlei Bedingungen für ein Kriegsende stellt, weil er glaubt, dass Russland früher oder später die gesamte Ukraine von Uschhorod bis Charkiw nehmen kann. Ich möchte, dass niemand daran zweifelt. Das ist das Ziel, und dafür sind die Russen bereit, ihren Preis zu zahlen.
Und es ist nicht Zelensky, der entscheidet, wann der Krieg endet, sondern Putin. Zelensky hat Putin nicht angegriffen. Poroschenko hat Putin auch nicht angegriffen, die Ukraine hat Russland nicht angegriffen. Russland hat angegriffen – und zwar, muss man klar sagen, aus russischer Sicht nicht die Ukraine, sondern ein Teil des russischen Staates, der vom Westen besetzt ist.
Sie hören ja, wie sie ständig verkünden: „Wir haben diesen oder jenen Ort befreit“ – dort, wo sie annektiert haben, genauso wie dort, wo sie nicht annektiert haben. Ich wollte übrigens direkt darüber sprechen – im Kontext dessen, dass manche sagen: „Nun, Russland wird an den Grenzen seiner ‚verfassungsmäßigen Regionen‘ haltmachen.“ Ich möchte daran erinnern, dass Russland jetzt in der Oblast Dnipropetrowsk vorrückt und dort sagt, dass es diese Gebiete „befreit“. Und genau darauf wollte ich hinaus: dass Russland genauso in der Oblast Charkiw vorrückt und ebenfalls sagt, dass es den Rajon Kupjansk „befreit“. Das ist „Befreiung“. Heute habe ich gelesen, dass Russland erneut in den Gebieten Dnipropetrowsk, Saporischschja und Charkiw vorgerückt ist. Das heißt, es geht darum, dass zwei dieser Regionen nicht in ihre sogenannte „Verfassung“ aufgenommen wurden, sie aber trotzdem dort „befreien“. Und später werden sie mit diesem Tempo sagen: „Kyiv befreien wir, Tscherkassy befreien wir, Odesa befreien wir, Winnyzja befreien wir.“
Wir geraten in einen Teufelskreis. Von einer Seite heißt es: „Man muss den Krieg beenden.“ Ja, man muss ihn beenden – aber wie? Wie kann die Ukraine den Krieg selbst beenden? Durch die Liquidation ihrer Staatlichkeit, wie Medwedew es erklärt hat – die Werchowna Rada soll zusammentreten und erklären, dass es die Ukraine nicht mehr gibt. Ich garantiere Ihnen, am nächsten Tag wird der Krieg enden und hier werden schon die Truppen der Nationalgarde einziehen und die Ukrainer vertreiben. Und das war’s.
Wir befinden uns in einem Teufelskreis. Von einer Seite heißt es: „Der Krieg muss beendet werden“ – ja, muss er, aber wie? Von der anderen Seite arbeitet die russische Propaganda effektiv – seien wir ehrlich, das konnten sie schon immer gut. Und in jedem Fall sehen wir, dass die Idee, Putin habe eine einfache Bedingung – er wolle nur die Oblast Donezk, um den Krieg zu beenden –, dass diese Idee von Marco Rubio wiederholt wird.
Ich würde gerne den Tag sehen, an dem jemand sagt: „Gut, wir sind bereit, die russische Bedingung zu erfüllen.“ Und was wird Putin danach sagen? „Großartig, aber wir brauchen noch eine Pufferzone. Wir brauchen, dass die russische Sprache, wir brauchen, dass die russische Kirche… Wir müssen von der Ukraine Reparationen für die Zerstörungen erhalten, die sie auf dem Territorium des russischen Donbass angerichtet hat. Und natürlich werden wir den Krieg nicht beenden – wir können ihn einfrieren, denn ein Teil der Oblaste Cherson und Saporischschja wird noch von den ukrainischen Streitkräften kontrolliert. Und sie ziehen sich von dort nicht zurück – wir fordern das nicht, aber einen Friedensvertrag unterschreiben, solange die territoriale Integrität unseres wunderbaren Staates nicht wiederhergestellt ist, können wir nicht.“
Und in einem Jahr beginnt eine neue Spezialoperation. Oder in einem halben Jahr. Nur wird ein großer Teil der ukrainischen Soldaten dann nicht mehr daran teilnehmen, weil die Menschen einfach resignieren und nicht mehr verteidigen wollen, was sich nicht verteidigen lässt. Und dann wird er alles einnehmen. Das ist ein sehr einfacher Plan.
Andrij Smolij. Aber wie Sie sehen, beginnen einige Hitzköpfe auch in Europa, diesem Plan beizupflichten. Sie erinnern sich, wir haben diesen nebulösen „Europaplan“ diskutiert – mit russischer Sprache, russischer Kirche. Und bei uns tauchen irgendwelche unverständlichen Dinge auf, wenn eine Regierung irgendeinen Gesetzentwurf durch irgendein Ressort verbreitet, den niemand gesehen hat, der de facto die ukrainische Sprache nivellieren würde. Und diese Staatliche Kommission für Religionsfreiheit… Das heißt, all diese Dinge wirken sowohl in Europa als auch in der Ukraine – sogar auf einige Staatsmänner, die sich offenbar denken, man könne etwas nachgeben, damit Putin stoppt. Ich habe den Eindruck, dass manche, die solche Varianten früher abgelehnt haben, jetzt – irgendjemand, ich weiß nicht, wer –, irgendwo im Verborgenen, nicht offen, nicht so, dass sie sagen: „Wir bringen diesen Gesetzentwurf ein“, sondern sie testen im stillen Kämmerlein den Boden im Hinblick auf bestimmte Forderungen Putins, etwa zur russischen Sprache.
Portnikov. Weil sie denken, es sei ein Signal, und Putin werde das sehen und aufhören, Kyiv zu beschießen. Sie können eine einfache Sache nicht verstehen: Putin braucht nicht, dass hier russische Sprache ist, Putin braucht, dass hier keine ukrainische Sprache ist. Und ein solches Gesetz können sie nicht verabschieden.
Denn eine Bedrohung für Putin ist, dass die Ukrainer Ukrainisch sprechen. Dass sie kein Russisch sprechen, ist keine Bedrohung. Es ist offensichtlich, dass, wenn sie kein Ukrainisch sprechen werden, sie sofort Russisch sprechen werden – es gibt keine Alternativen. Darum braucht er ein Gesetz, das die ukrainische Sprache nivellieren würde.
Wir haben übrigens ein ausgezeichnetes Beispiel in der benachbarten Republik Belarus. Ich erinnere mich noch an die Zeit in den 90er Jahren, bevor dieser wahnsinnige Vampir Präsident von Belarus wurde – da lernten Kinder bereits Belarussisch in der Schule, schrieben Diplomarbeiten auf Belarussisch, dort begann derselbe Prozess wie bei uns in den 90er Jahren. Dann gelang es den Geheimdiensten, diesen Schurken und Mörder auf den Präsidentensessel zu hieven, und er vernichtete alles – mit einem Gesetz über zwei Staatssprachen. Zwei Staatssprachen – und 90%, wenn nicht 95% reden eine einzige, einschließlich des angeblichen Präsidenten dieses Landes.
Und die Opposition – haben Sie gehört, in welcher Sprache Sergej Tichanowski spricht, der aus der Haft entlassen wurde? Auf Russisch. Und er sagt, ihm falle Belarussisch schwer. Nun, das glaube ich sogar, wenn es überhaupt kein belarussisches Sprachleben gibt. Wie soll er sich die Sprache aneignen, wenn er in der Kindheit nicht Belarussisch gesprochen hat?
Andrij Smolij. Übrigens war die Situation Anfang der 90er Jahre noch nicht so katastrophal. Ich habe zu Zeiten vor dem großen Krieg untersucht, dass der Südwesten von Belarus, vor allem in der Provinz, in Dörfern, Anfang der 90er noch Belarussisch gesprochen hat. Das ist offizielle Statistik der Republik Belarus.
Portnikov. Aber in großen Städten gab es das nicht. Ich erinnere mich an meinen Kindheitseindruck: Ich war in Grodno, und da gingen zwei junge Leute, offensichtlich Studenten, und sprachen untereinander Belarussisch. Ich bin ihnen eine halbe Straße hinterhergelaufen, um überhaupt zu hören, wie Belarussisch in der Alltagssprache klingt, weil ich Belarussisch nur im Fernsehen gehört hatte.
Andrij Smolij. Und heute hört man sie nicht einmal mehr im Fernsehen. Höchstens gab es noch Belsat auf Belarussisch.
Portnikov. Na ja, das ist ja kein belarussischer Sender, das ist ein Sender in Polen.
Andrij Smolij. Und jetzt ist er auch nicht mehr vollständig belarussischsprachig, aber es gab Zeiten, in denen er komplett auf Belarussisch war. Und ich habe ihn eingeschaltet – damals hatten wir ja noch die Sat-Schüsseln, wir haben alle über Satellit ferngesehen. Das war so in den 2000er, frühen 2010er Jahren. Ich habe diesen Kanal bewusst eingeschaltet, um Belarussisch zu hören. Denn im belarussischen Staatsfernsehen, das man sich damals im Prinzip auch über Satellit einstellen konnte, war Russisch. Es war Russisch, und Belarussisch gab es dort etwa eine Stunde am Tag, wieder auf dem Niveau dieser „Folklore-Nummern“, wie man es in der Sowjetzeit durchzudrücken versuchte. Alles wurde vernichtet.
Portnikov. Genau das ist es, was Putin von der Ukraine will – zumindest, wenn er sie nicht erobern kann. Auch das muss man verstehen. Und natürlich die Russische Kirche. Haben Sie übrigens bemerkt, dass jetzt unter den Metropoliten der UOK des Moskauer Patriarchats eine Diskussion begonnen hat? Einer dieser Metropoliten, der Rektor des Kyiver Priesterseminars, hat in Winnyzja in einem Podcast gesagt, dass die Ukrainische Orthodoxe Kirche keinerlei Verbindungen zu Russland haben könne, weil Russland ein Aggressor ist, weil Russland alles Ukrainische zerstört, weil Russland ukrainisches Land besetzt, weil Russland Diözesen der UOK wegnimmt.
Und diese Kirche hat auf einem Konzil ihre Unabhängigkeit vom Moskauer Patriarchat erklärt und erwähnt den Patriarchen Kirill im Gottesdienst nicht mehr. Und sofort kam ein anderer Metropolit und sagte, dass es von einer Unabhängigkeit der Ukrainischen Orthodoxen Kirche von der Russischen Kirche gar keine Rede sein könne, dass sie in kanonischer Einheit mit Russland stehe. So etwas hatten sie sich früher auch nicht erlaubt.
Es gibt dort unterschiedliche Meinungen. Aber es gibt eine Person mit offen prorussischer Position, die daran erinnert: „Nein, wir sind Teil der Russisch-Orthodoxen Kirche, und das Konzil, auf dem wir etwas anderes gesagt haben, stand unter Gewehrläufen.“ Erinnern Sie sich? Das berühmte Konzil in Feofania. Und diese Person sagt das laut – ein gewisser Metropolit Theodosij. Das bedeutet, es ist klar, dass nicht nur in Beamtenkreisen, sondern auch in diesen kirchlichen Kreisen viele bereits glauben, dass Putin morgen kommen wird, und ihre Loyalität zeigen wollen. Diese Person lebt ja in der Ukraine – man darf nicht meinen, dass sie von den Kanones so bewegt wäre. Sie sorgt sich um ihren Platz in der Hierarchie der Russisch-Orthodoxen Kirche, weil sie überzeugt ist, dass es hier Russland und die Russische Kirche geben wird.
Andrij Smolij. Heute glauben viele „Russki-Mir“-Anhänger in der Ukraine, dass es „nur noch ein bisschen ist, und dann drücken die Russen durch“. Wenn wir 2022 die Raschisten aus der Oblast Charkiw, aus der Oblast Kyiv, Sumy, Tschernihiw, aus Cherson vertrieben haben, versteckten sie sich alle und waren solche Patrioten. Und jetzt beginnen oft genau dieselben Leute, zur russischen Sprache und zu russischen Narrativen zurückzukehren, weil sie glauben, dass – insbesondere, wenn solche Gespräche in den öffentlichen Raum geworfen werden – die Waagschalen sich langsam wieder auf den Stand von 2021 zurückbewegen. Das sind sehr gefährliche Narrative.
Portnikov. Und deshalb hat es mich sehr gewundert, als alle sagten: „Hört mal, diese Leute werden die russischen Beschüsse sehen und alles verstehen.“ Im Zweiten Weltkrieg haben sowjetische Truppen sowjetische Städte beschossen, aber niemand, der sich die Rückkehr der Sowjetunion wünschte, betrachtete das als Tragödie, weil „das sind doch unsere, die vorstoßen, die Deutschen vertreiben. Was soll man machen? Wie soll man sie sonst aus unserer Stadt vertreiben, wenn nicht, indem man ihre Stellungen bombardiert?“
Niemand hat, wie Sie wissen, die sowjetischen Truppen – selbst von denen, die dem kommunistischen Regime nicht positiv gegenüberstanden – jemals dafür beschuldigt, dass sie ihre Städte bombardierten. Denn so ist das im Krieg. „Die Deutschen bombardieren uns – sie sind Feinde, und das sind unsere, die die Deutschen vertreiben.“
Und wenn diese Leute die Russen für „unsere“ halten, dann denken sie: „Sie bombardieren, um dieses Regime zu zerstören, das wir hier schon satt haben. Danach werden sie zurückkehren, kommen, und am Ende wird es weder russische noch ukrainische Sprache geben, keine Bandera-Anhänger, all dieses ukrainische Nationalwesen wird es nicht geben. Wir werden in unserer eigenen Sprache reden. Man muss nur durchhalten, und diese Bombenangriffe zerstören einfach ihre Widerstandsstruktur.“
2022 konnten sie sich nicht darüber aufregen, dass bombardiert wird, sondern darüber, dass schlecht bombardiert wird und dass die Ukraine trotzdem standhält. Das war das Problem. Und jetzt beginnt aus ihrer Sicht die Ukraine schon nachzugeben, und für diese Millionen Menschen in Russland und vielleicht einige hier – ist das möglicherweise der „richtige Lauf der Geschichte“. Insofern ist das alles verständlich.
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Art der Quelle:Interview Titel des Originals:Портников: Якщо влада не зміниться —
Україна просто не виживе. Суботній політклуб. 15.11.2025. Autor:Vitaly Portnikov, Andrij Smolij Veröffentlichung / Entstehung:15.11.2025. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Den ukrainischen Verteidigungskräften ist es gelungen, die Ölraffinerie von Rjasan zu treffen – eines der größten derartigen Unternehmen im europäischen Teil der Russischen Föderation. Es konnten Explosionen und Brände auf dem Gelände dieses großen Betriebs bestätigt werden. Und wir können nur hoffen, dass dieser Schlag zumindest für eine gewisse Zeit die Kapazitäten der Raffinerie einschränkt, die sowohl der Finanzierung des Haushalts der Russischen Föderation als auch den russischen Streitkräften dient, die weiterhin an der Front in der Ukraine kämpfen.
Man kann also sagen, dass die ukrainischen Angriffe auf die russische Raffinerieindustrie eine echte Ergänzung zu den neuen Energiesanktionen der Vereinigten Staaten gegen die Russische Föderation darstellen. Der amerikanische Präsident Donald Trump hat erneut betont, dass er genau auf diese Sanktionen seine Hoffnung setzt, dass Russland gezwungen sein wird, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden – einen Krieg, den der US-Präsident weiterhin als blutiges Schlachten bezeichnet. Doch wir verstehen, dass Präsident Putin ohne eine wirkliche Erschöpfung der Ressourcen der Russischen Föderation kaum in absehbarer Zeit Verhandlungen über einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front zustimmen wird.
Damit im Kreml die Notwendigkeit solcher Verhandlungen zumindest in absehbarer Zeit erkannt wird, muss Russland nicht nur unter westlichen Sanktionen leiden, sondern auch seine eigenen Energiekapazitäten verlieren. Man kann sagen, dass die ukrainischen Angriffe auf die russische Ölverarbeitung bereits spürbare Ergebnisse hervorgerufen haben. In vielen Regionen der Russischen Föderation herrscht Benzinknappheit. Die russischen Behörden versuchen – wie dies in der Geschichte zuerst der Sowjetunion und dann des heutigen putinschen Russlands immer der Fall war – vor allem, die Stabilität in Moskau aufrechtzuerhalten und die Hauptstadt ohne jegliche Einschränkungen oder Unterbrechungen mit Erdölprodukten zu versorgen.
Doch natürlich deutet die Tatsache, dass in der russischen Provinz solche Einschränkungen bereits eingeführt werden, auf eine nicht gerade günstige Lage in der Ölverarbeitung hin und zeigt, dass die Probleme in diesem Bereich weiter wachsen werden. Die eingeschränkten Möglichkeiten für die Arbeit der Ölraffinerien der Russischen Föderation zwingen Russland dazu, Ölprodukte in anderen Ländern zu kaufen – was, wie wir verstehen, die Möglichkeiten des russischen Haushalts erheblich belastet, denn es geht um Devisenkäufe, und die Devisenreserven der Russischen Föderation bleiben begrenzt.
Gleichzeitig wird eine enorme Menge Rohöl frei, das irgendjemand kaufen muss. Doch nach der Einführung neuer US-Sanktionen lehnen Raffinerien in Indien, der Türkei und sogar in der Volksrepublik China den Kauf russischen Öls ab, und so wird es für die Russen immer schwieriger, zusätzliche Mengen ihres Öls irgendwo unterzubringen. Das bedeutet, dass die größten Ölunternehmen der Russischen Föderation gezwungen sein werden, die Förderung zu reduzieren, weil es niemanden gibt, der das Öl kauft, und es keine Möglichkeit gibt, dieses Öl in den eigenen Raffinerien zu verarbeiten.
Dies ist eine Art Energie-Falle, die einerseits durch die Bemühungen der Administration Donald Trumps und andererseits durch die Schläge der ukrainischen Verteidigungskräfte gegen den Energiesektor der Terrorföderation geschaffen wird – eine Falle, die zur Degradierung der russischen Wirtschaft beitragen und Bedingungen für eine soziale Explosion in Russland schaffen soll, mit anschließenden Zerfallsprozessen in der Russischen Föderation in den kommenden, schwierigen Jahrzehnten.
Und natürlich erlaubt uns dies erneut, an die Situation mit der Lieferung von Langstreckenraketen für die Ukraine zu erinnern. Wenn unsere Partner zugestimmt hätten, dass solche Raketen den ukrainischen Verteidigungskräften zur Verfügung stehen und dass mit ihnen wichtige Infrastrukturobjekte auf dem Territorium der Russischen Föderation getroffen werden dürfen, dann hätte man die russische Ölverarbeitung und ihre Ölunternehmen in viel kürzerer Zeit ausschalten können, als es der Zeitraum erfordert, der für die Wirkung von Sanktionen gegen die Russische Föderation nötig ist.
Denn wir verstehen, dass Drohnenangriffe den Russen erlauben, die Reparaturarbeiten in ihren Ölverarbeitungsbetrieben fortzusetzen und ihnen nach einer gewissen Zeit zumindest einen Teil der Kapazitäten zurückzugeben, die durch die Angriffe zerstört wurden. Und das ist gewissermaßen eine Verfolgung eines Ziels, das sich ständig bewegt. Zum Beispiel beobachten wir die russischen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur: ein Schlag, eine Reparatur, wieder ein Schlag, und erneut eine Wiederherstellung der Kapazitäten. Eine solche Situation kann sich – wie wir sehen – sowohl im Fall der ukrainischen Energie als auch im Fall der russischen Ölverarbeitung nicht nur über Monate, sondern über Jahre hinziehen. Und all diese Zeit wird der russisch-ukrainische Krieg, wie wir verstehen, weitergehen.
Was muss also getan werden, damit dieser Krieg so schnell wie möglich endet? Erstens muss Russland ernsthafte Probleme mit seiner Ölverarbeitung und seiner Erdölindustrie bekommen — und dafür braucht es Schläge mit Langstreckenraketen auf die Ölindustrieanlagen der Russischen Föderation. Und dafür braucht es die Lieferung dieser Raketen an die Ukraine und die Erlaubnis, Ziele auf dem Territorium der Russischen Föderation anzugreifen. Es ist notwendig, dass die Vereinigten Staaten und die Länder der Europäischen Union viel sorgfältiger die Einhaltung der bereits verhängten Sanktionen gegen Russland überwachen. Dies ist ebenfalls ein sehr wichtiger Punkt, den man nicht vergessen darf, denn allein die Existenz der sogenannten Schattenflotte und der Verkauf russischen Öls über Zwischenfirmen schafft Möglichkeiten, dass Russland selbst unter den härtesten westlichen Sanktionen weiterhin Öl liefern und seinen Haushalt auffüllen kann – einen Haushalt, der nicht nur auf den Krieg gegen die Ukraine, sondern, wie wir sehen, auch auf die Vorbereitung eines möglichen hybriden Kriegs gegen NATO-Mitgliedstaaten ausgerichtet ist. Und nachdem russische Drohnen im Luftraum von NATO-Mitgliedstaaten aufgetaucht sind, ist dies keine Theorie mehr, sondern gelebte Praxis, derer sich – wie wir sehen – die Führer des russischen politischen Spektrums und die russische Militärführung bereitwillig bedienen.
Somit gibt es ein Rezept dafür, wie man das Ende des Krieges beschleunigen kann. Und die ukrainischen Verteidigungskräfte unterstreichen mit ihren Angriffen auf die russische Ölverarbeitung nur die Wirksamkeit dieses Rezepts, sofern eine Zustimmung zu seiner Umsetzung besteht und die Handlungen der ukrainischen Verteidigungskräfte und unserer westlichen Verbündeten synchron verlaufen.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Палає Рязанський НПЗ | Віталій Портников. 15.11.2025. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:15.11.2025 Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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