
Donald Trump. Foto: Salwan Georges / The Washington Post/ Getty Images
Die Entscheidung Donald Trumps, das Treffen mit Wladimir Putin in Budapest abzusagen und zugleich umfassende Sanktionen gegen die russischen Ölgiganten zu verhängen, konnte diejenigen überraschen, die all die Zeit aufrichtig daran geglaubt hatten, dass Trump bewusst Putin in die Hände spiele oder gar ein Kreml-Agent sei. Und ebenso jene, die beharrlich von Trumps offensichtlicher Sympathie für autoritäre Führer gesprochen hatten. Ja, diese Sympathien gibt es tatsächlich – doch sie schließen Konfrontation keineswegs aus.
Diese Überraschung ist das Ergebnis unseres eigenen Verständnisses von Politik, das längst nicht mehr der Realität entspricht. Wir versuchen hartnäckig, das zu verkomplizieren, was in Wirklichkeit äußerst einfach geworden ist. Oder, genauer gesagt – was aufgehört hat, im klassischen Sinn Politik zu sein.
Heutige Führungspersönlichkeiten verbergen ihre Haltung zu den „alten Regeln“ nicht mehr. Im Gegenteil – sie prahlen damit, dass sie diese Regeln gebrochen haben. Sie verhalten sich nicht wie Politiker, sondern wie Teilnehmer einer Reality-Show, Geschäftsleute oder Makler. Die Ukrainer, die 2019 Volodymyr Zelensky gerade deshalb zum Präsidenten wählten, weil er die traditionellen politischen Ansätze demonstrativ verachtete, benötigen keine zusätzlichen Erklärungen für diese offensichtliche Tatsache.
Wir vergessen oft, dass Zelenskys unerwarteter Triumph bereits nach Trumps Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten stattfand – vor dem Hintergrund des allgemeinen Zusammenbruchs der politischen Spielregeln. Und es wäre naiv zu erwarten, dass Trump nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus plötzlich den Wunsch verspüren würde, zu diesen Regeln zurückzukehren. Zumal er bis heute stolz betont, dass ihn in der Politik nicht Kalkül, sondern Intuition leitet.
Ja, Trump konnte Putin durchaus sympathisch finden. Er konnte wirklich Perspektiven in der Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und den USA sehen – und zwar aus der Sicht eines Geschäftsmanns, der gewohnt ist, die Welt in Kategorien von Nutzen und Gewinn zu messen. Zugleich aber verstand Trump sehr wohl: Um ein solches Geschäft zu verwirklichen, müsste wenigstens das Feuer an der russisch-ukrainischen Front eingestellt werden. Nicht unbedingt der Krieg beendet – Trump war sich offenbar selbst bewusst, dass ein wirklicher Frieden in der Ukraine oder im Nahen Osten noch in weiter Ferne lag. Aber – eine Pause wäre nötig. Ein Anlass, wenigstens einen Teil der Sanktionen aufzuheben. Und dann könnte man über große gemeinsame Wirtschaftsprojekte sprechen. Genau darüber unterhielten sich lange Zeit Kirill Dmitrijew und Steve Witkoff – in einer Atmosphäre, die eher an die Präsentation eines Neubauprojekts erinnerte als an diplomatische Verhandlungen.
Das war Trumps ursprünglicher Plan: das Feuer stoppen, die Tür zu Verhandlungen öffnen, ein vorteilhaftes Geschäft abschließen. Doch Putin weigerte sich von Anfang an. Und Trump versuchte hartnäckig, ihn zu überzeugen – mit derselben Beharrlichkeit, mit der ein erfahrener Makler seinem Kunden zu erklären versucht, dass gerade diese Wohnung die perfekte ist. Selbst dann, wenn der Käufer sein eigenes Glück noch nicht erkennt, kann man es ihm erklären – etwa so: „In der Wohnung, in der du jetzt lebst, wirst du im Winter weder Heizung noch warmes Wasser haben.“
Genau das tat Trump, als er Putin mit der Lieferung von Langstreckenraketen an die Ukraine oder mit neuen Sanktionen drohte. Und wenn Putin nach solchen Worten anrief, nahm Trump das als Signal: Der Kunde ist bereit, das Geschäft abzuschließen. Ihm schien, die Drohung habe gewirkt. Doch auch das erwies sich als Illusion. Nun tritt das eigentliche Druckmittel in Kraft – Sanktionen, die nach der Logik eines Maklers in der „alten Wohnung“ alles abschalten sollen, was noch funktioniert.
Gleichzeitig betont Trump immer wieder: Sein Angebot liege weiterhin auf dem Tisch. Er sei bereit, Putin schon morgen zu treffen – man müsse sich nur auf einen Waffenstillstand entlang der Kontaktlinie einigen. Das werde der erste Schritt zu einem echten Frieden sein, zu einem neuen großen Geschäft.
Doch das Problem dieses Dialogs liegt woanders. Putin hat Trump nie als Makler wahrgenommen. Er sah in ihm keinen Geschäftsmann mit Intuition, sondern ein ungehorsames, aber lenkbares Kind. Eines, das man mit sanftem Ton, Versprechungen und einem weiteren „sehr interessanten Gespräch“ beruhigen kann. Putins Aufgabe bestand nicht darin, ein Geschäft abzuschließen, sondern neue Sanktionen zu vermeiden und die weitere militärische Unterstützung für die Ukraine zu unterbinden. Und jedes Mal, wenn der Druck zunahm – folgte ein Telefonat oder gar ein persönliches Treffen, wie einst in Alaska. Der alte Tschekisteninstinkt funktionierte weiterhin.
Denn wer, wenn nicht der KGB-Offizier, hat Putin einst gelernt zu sein? Trump ist für ihn ein Kunde, den man mit Worten „anwerben“ kann – ohne die geringste Absicht, diese Worte jemals einzuhalten. Seit wann erfüllen KGB-Offiziere ihre Versprechen?
Und so erleben wir nun das Ende dieses merkwürdigen Gesprächs zwischen einem Makler und einem Tschekisten, das so viele als Schachpartie zweier erfahrener Politiker missverstanden haben. Wie Trump selbst sagte – „Die Zeit ist gekommen.“ Er hat erkannt, dass Putin die Wohnung nicht kaufen wird. Also wird er jetzt handeln. Druck ausüben. Und Putin wird gezwungen sein, zu wählen – zwischen dem Schlechten und dem sehr Schlechten.
Denn um Trump in Schach zu halten, muss Putin nun entweder wirkliche Zugeständnisse machen – insbesondere das Feuer in der Ukraine einstellen – oder den Weg der Eskalation wählen. Und diese Eskalation könnte in einen großen europäischen Krieg übergehen. Jede dieser Varianten ist für den Kreml ungünstig. Doch gerade Putins Spiel mit Worten hat ihn in dieses Dilemma geführt.
Und es ist ganz und gar nicht sicher, dass er sich für den Waffenstillstand entscheiden wird.