Mindych wurde ein Verdachtsschreiben zugestellt | Vitaly Portnikov. 11.11.2025.

Das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine hat gegen den Geschäftsmann, einen der Eigentümer des Studios „Kvartal 95“, Mindych, Anklage erhoben; in dessen Büros fanden Durchsuchungen im Zusammenhang mit einem großen Korruptionsskandal statt, dessen Aufdeckung vom Nationalen Antikorruptionsbüro und der Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft betrieben wird.

In der Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft spricht man überhaupt von der Existenz einer organisierten kriminellen Vereinigung, an deren Spitze, wie man verstehen kann, Mindych stand und an deren Beteiligung zahlreiche, sowohl ehemalige als auch amtierende, Funktionäre im Energiebereich beteiligt waren, die die gesamte Konstruktion der staatlichen Gesellschaft „Energoat“ zur Gewinnmaximierung ausnutzten. 

Und natürlich wirken diese Vorgänge — wenn wir über diese kriminelle Gruppierung sprechen, die im Energiebereich operierte, vor dem Hintergrund des Bestrebens der Russischen Föderation, die ukrainische Energiebranche zu zerstören und die Ukrainer durch die Zerstörung der Energieinfrastruktur zu frieren und damit zur Kapitulation zu zwingen — nicht bloß wie die uns vertraute hochrangige Korruption, mit der der ukrainische Staat praktisch während seiner gesamten Existenz zu kämpfen hat, sondern auch wie eine reale Unterstützung der Pläne des Feindes, der gelernt hat, die ukrainische hochrangige Korruption zu seinen Zwecken zu nutzen.

Ein gewisser Beleg für diese Tatsache ist, dass die Organisation in einem Büro untergebracht war, das dem ehemaligen Abgeordneten der Werchowna Rada der Ukraine und jetzt Mitglied des Föderationsrats der Bundesversammlung Russlands, Andrij Derkach, gehörte. Ich denke, kaum jemand wird bezweifeln, dass die Tätigkeit von Herrn Derkach mit den Interessen des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation verbunden war. 

Und der Höhepunkt dieser Tätigkeit war die schmutzige Propagandakampagne des ehemaligen ukrainischen Abgeordneten gegen den damaligen ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Denn wir erinnern uns, dass genau damals im Kreml die Entscheidung getroffen wurde, die Post -Maidan Regierung um jeden Preis zu vernichten, in der Hoffnung, nach den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019 die Ukraine zu einer Kapitulation nach eigenen Bedingungen zwingen zu können.

Wie wir uns erinnern, lag Präsident Putin mit dieser Rechnung falsch, und das wurde das Tor zum großen russisch-ukrainischen Krieg. Interessiertheit russischer Agenten an der Destabilisierung der Ukraine und die Tatsache, dass sie weiterhin daran interessiert sind — selbst nachdem ihr Plan von 2019 gescheitert ist —, bleibt freilich bestehen.

Jetzt werden viele über die Untersuchung dieses spektakulären Falls sprechen, aber mir scheint, dass man aus jedem solchen Fall realistische Schlussfolgerungen ziehen muss, die mit dem Funktionieren des ukrainischen Staatsorganismus selbst und unserem Verständnis zusammenhängen, dass das Hauptziel Russlands die Vernichtung dieses Organismus ist. Wenn der ukrainische Staat ineffektiv ist, verbessert das die Möglichkeiten des Feindes, der hofft, in den nächsten Jahren seine Ziele zu erreichen und die Gebiete des ukrainischen Staates an die Russische Föderation anzuschließen — zuvor aber versuchen wird, das Leben auf dem Territorium der Ukraine für die überwiegende Mehrheit ihrer Bevölkerung unmöglich zu machen.

Was ein effektiver Staat ist, steht, so scheint es mir, in der Verfassung. Wir haben eine parlamentarisch-präsidiale Republik. Das heißt: Die Macht ist verteilt, delegiert; es gibt keinen einzigen Entscheidungszentrum, das ohne Rücksprache mit verschiedenen politischen Kreisen Entscheidungen trifft.

Als Antwort auf meine gestrige Erinnerung an die Notwendigkeit, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden, begann die Opposition wieder über den Rücktritt der derzeitigen Regierung zu sprechen. Aber die Frage ist nicht, ob diese Regierung zurücktritt. Die Frage ist, nach welcher Formel eine neue gebildet wird: Wird der Premierminister der Ukraine, wie schwarz auf weiß in der ukrainischen Verfassung steht, eine Person sein, die für die Entwicklung der ukrainischen Wirtschaft und unter anderem der Energiewirtschaft verantwortlich ist, sodass der Präsident der Ukraine die Möglichkeit hat, sich auf seine direkten Funktionen — Verteidigung und Außenpolitik — zu konzentrieren und der ukrainischen Regierung, hoffentlich einer Koalitions- und Fachregierung, erlaubt wird, ihre Aufgaben zu erfüllen?

Wie ich bereits sagte: Ohne eine Injektion von Professionalität ist keine normale Funktion des ukrainischen Staates in den kommenden schweren Jahren des russisch-ukrainischen Krieges zu erwarten. Wenn also im Krieg der Kampf gegen korruptionsbedingte Herausforderungen stattfindet — und der Krieg bleibt zweifellos die Hauptaufgabe, denn wenn es keinen ukrainischen Staat gibt, gibt es keinen Ort, an dem gegen Korruption gekämpft werden kann —, dann muss man in erster Linie an Professionalität denken: nicht nur an die Professionalität der Antikorruptionskräfte, sondern auch an die Professionalität der Beamten, die arbeiten müssen, ohne sich auf persönliche Interessen zu stützen und ohne jene Machtvertikale zu nutzen, die infolge der bekannten Ereignisse von 2019 entstanden ist, als Instrument der persönlichen Bereicherung, weil sie ihre Verantwortung nicht fühlen.

Natürlich ist es wichtig, dass sowohl der Präsident der Ukraine als auch der Premierminister der Ukraine die Notwendigkeit einer ernsthaften Untersuchung dieses Antikorruptionsfalls betonen. Ich bin überzeugt, dass es künftig noch weitere, nicht weniger laute und resonante Fälle geben wird. Wichtig ist, dass solche Untersuchungen nicht das Ansehen der Ukraine bei unseren westlichen Verbündeten untergraben und keine Möglichkeiten für jene schaffen, die hoffen, die Unterstützung für die Ukraine aufzugeben, indem sie diesen Rückzug mit der totalen Korruption der gegenwärtigen ukrainischen Regierung und des Staates begründen.

Und wichtig ist auch, dass diese Untersuchungen uns die Möglichkeit geben, zu einer effektiven Leitung des ukrainischen Staates überzugehen. Und wie ich bereits sagte: Der erste Schritt zu einer solchen effektiven Führung ist es, den Präsidenten der Ukraine zu entlasten und der ukrainischen Regierung die Gelegenheit zu geben, das zu tun, was ihre Zuständigkeit ist und was seit 2019 nicht mehr zu ihrem Verantwortungsspektrum gehört.

Wenn der ukrainische Staat aus wirtschaftlich-wirtschaftlicher Sicht vom Regierungschef geführt wird, den das Parlament (die Abgeordneten der Werchowna Rada) gemäß Verfassung wählen und dem der Präsident der Ukraine zustimmt — wenn ein solcher Premierminister sich auf die Unterstützung aller, einschließlich staatsstiftender Fraktionen der Werchowna Rada, stützen kann, was die wichtigste Bedingung für das Überleben der Ukraine ist (denn all die Jahrzehnte haben wir gesehen, dass ohne staatsstiftende Fraktionen die Ukraine in den Abgrund rollt) —, dann können wir auf eine gut abgestimmte Zusammenarbeit zwischen Präsident und Premier, dem Präsidentenbüro und der Regierung mit dem Parlament der Ukraine hoffen. Und wir können hoffen, dass die korruptionsbedingten Risiken verringert werden, die dem russischen Staat helfen würden, diesen Krieg zu gewinnen und einen Schlussstrich unter die Existenz des ukrainischen Staates zu setzen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Міндічу оголосили підозру | Віталій Портников. 11.11.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.11.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Den Russen wird das Internet abgeschaltet | Vitaly Portnikov. 11.11.2025.

Nach Berichten russischer Journalisten haben die Behörden der ersten russischen Stadt beschlossen, dauerhaft auf mobiles Internet zu verzichten. Und ironischerweise wurde diese erste Stadt Uljanowsk – die Geburtsstadt von Wladimir Lenin. Man kann sagen: Dort, wo Russlands Weg zum totalitären Staat der bolschewistischen Zeit begann, dort beginnt nun auch der Weg Russlands zur endgültigen Ablehnung unkontrollierter Information.

Offiziell erklären die Stadtbehörden, es sei notwendig, Sicherheitszonen auszuweiten. Damit wird indirekt die Wirksamkeit der Angriffe auf Infrastrukturobjekte der Russischen Föderation anerkannt, die für den Krieg arbeiten. Möglicherweise gibt es die Befürchtung, dass der russische militärisch-industrielle Komplex sowie die für den Krieg arbeitende Energie- und Ölinfrastruktur bald mit noch ernsthafteren Angriffen konfrontiert werden – mit Langstreckenraketen, die die ukrainischen Streitkräfte von westlichen Verbündeten erhalten könnten. Somit wird die Ausschaltung von Systemen, die der angreifenden Seite die Navigation erleichtern könnten, zu einer Aufgabe der örtlichen Behörden.

Aber andererseits: Warum geschieht das punktuell? Warum wird eine solche Entscheidung nicht im gesamten Russland – oder zumindest im europäischen Teil des Landes – getroffen? Weil, wie es in der Geschichte des Totalitarismus oft geschieht, die Dunkelheit sich langsam verdichtet, damit die Bewohner des totalitären Staates nicht rechtzeitig zu sich kommen und die Risiken der neuen Entscheidungen der Machthaber nicht sofort erkennen.

Der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, hat den russisch-ukrainischen Krieg bereits genutzt, um sein Regime von einem autoritären in ein totalitäres zu verwandeln – für die totale Kontrolle über alles, was im Land geschieht, und zur Säuberung all jener oppositionellen Aktivisten, die in Russland noch existierten, als die sogenannte „Spezialoperation“ auf ukrainischem Boden begann. Und zur Vernichtung jener, die sich noch erlauben, eine von der Meinung des Kremls abweichende Sicht zu äußern. Doch das ist nur der Beginn des Totalitarismus. Denn die wichtigste Aufgabe jedes totalitären Regimes besteht darin, die Bevölkerung von jeglicher Information abzuschneiden, die von der Macht nicht kontrolliert wird.

Es ist kein Geheimnis, dass man in Moskau schon mit Neid auf die chinesische Firewall blickte, als vielen Bürgern der Russischen Föderation ihr Land noch – wenn nicht als demokratisch, so doch – als offen für den Informationszugang erschien. Und solange man Informationen empfing, ohne etwas gegen die Macht zu unternehmen, war dieser Informationsdurst für den Kreml kein Problem.

Doch das funktioniert nur, solange die soziale Lage im Land einigermaßen normal bleibt – solange nicht Hunderttausende Menschen an der russisch-ukrainischen Front wie Fliegen sterben. Solange keine Fragen entstehen wie: Warum findet dieser Krieg überhaupt statt, und was sind Wladimir Putins wirkliche Ziele – fast vier Jahre nachdem dieser Krieg in seine große, erbitterte Phase eingetreten ist?

In einem solchen Fall – erst recht, wenn die Regierung sich auf eine totale Mobilisierung an der russisch-ukrainischen Front oder auf einen langwierigen Krieg nicht nur mit der Ukraine, sondern auch mit anderen europäischen Staaten vorbereitet – ist es für die Bürger der Russischen Föderation natürlich besser, nichts zu wissen und fröhlich in die Kasernen zu marschieren.

Daher kann man sagen, dass Uljanowsk zu einer Art Testgelände für die Abschaltung des Internets in der Russischen Föderation wird. Die russische Regierung wird – wie schon oft in der jüngeren Geschichte des Landes – beobachten, wie die Einwohner der Stadt auf die Abschaltung reagieren, wie sie über diese Entscheidung sprechen.

Die Uljanowsker Abteilung des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB) wird Berichte nach oben schicken, so wie das schon in der sowjetischen und postsowjetischen Zeit üblich war. Und auf Grundlage dessen, was in Uljanowsk geschieht, wird dann mit der Abschaltung des Internets in anderen russischen Städten begonnen.

Wenn die öffentliche Meinung in Russland auf das Geschehen ohne besondere Empörung reagiert, wird man früher oder später – angeblich zur „Sicherung der Sicherheit der Bürger der Russischen Föderation“ – beschließen, das mobile Internet im ganzen Land abzuschalten.

Denn was braucht man schon wirklich? Mobilfunkinternet – oder Strom und Benzin. Natürlich sind Strom und Benzin wichtiger, und um ihretwillen kann man es auch ohne Informationen aushalten – oder nur jene Informationen empfangen, die man über die Fernsehsender erhält. Die ganze Wahrheit darüber, was in der Welt passiert, wird euch Wladimir Solowjow erzählen. Ein sehr einfacher, natürlicher Ansatz für jedes autoritäre Regime – da braucht es nicht einmal eine chinesische Firewall.

Man wird mir vielleicht sagen, dass das mobile Internet ja noch nicht das gesamte Internet sei, das in der Russischen Föderation existiert. Es gibt ja WLAN, das weiter funktionieren wird, niemandem im Weg steht – aber gerade dort können effektivere Kontrollmechanismen greifen. Und wer weiß – niemand hat gesagt, dass man nicht in einem halben Jahr oder später in russischen Städten erklären wird, auch WLAN helfe dem Feind, Energieanlagen und Ölraffinerien zu zerstören, und dass man sich deshalb auch vom WLAN verabschieden müsse.

So kann die Russische Föderation leicht zum ersten Land der Welt werden – nun ja, zum zweiten nach Nordkorea – ohne Internet. Und ich glaube nicht, dass das für die Mehrheit der Bürger der Russischen Föderation von besonderer Bedeutung sein wird.

Zumal ich vollkommen sicher bin, dass es in Moskau weiterhin Internet geben wird – sowohl mobiles als auch Breitband, jede Art davon. Und auch das wird damit erklärt werden, dass die russische Hauptstadt durch das Luftabwehrsystem so zuverlässig vor Drohnen und Raketen geschützt sei, dass kein mobiles Internet die Vernichtung feindlicher Technik behindern könne.

Damit wird jene Situation wiederhergestellt, in der die Einwohner Russlands schon viele Jahrzehnte lebten. Früher fuhren sie nach Moskau, um Wurst und andere Lebensmittel zu kaufen, und die sogenannten „Wurstzüge“ aus bestimmten Städten der Russischen Föderation wurden zu einem eigenen Meme – Sinnbild jener wirtschaftlichen Lage, die sich in den letzten Jahren der Existenz dieses abscheulichen Staates, der Sowjetunion, herausgebildet hatte.

Und jetzt, vielleicht, werden die Bewohner bestimmter russischer Städte – sofern sie überhaupt nach Moskau gelassen werden, sofern dort kein Passierschein-Regime wie in Pjöngjang eingeführt wird – in die Hauptstadt reisen, um dort das Internet zu nutzen, um Informationen zu bekommen, um zu erfahren, was in der Welt wirklich geschieht und was man den Einwohnern von Uljanowsk, Tula oder Jaroslawl nicht erzählen will.

Und die Moskauer wiederum werden nach Uljanowsk, Tula oder Jaroslawl fahren, um sich von all diesen Informationen zu erholen, die nur schlecht auf die Psyche wirken. Schließlich ist es angenehmer, das Gedenkmuseum der Familie Uljanow zu besuchen und sich an jene Zeiten zu erinnern, als in dem ehemaligen Simbirsk Wladimir Lenin geboren wurde – als ständig die neuesten Nachrichten zu erfahren und zu begreifen, dass sich in einem Jahrhundert in Russland nichts geändert hat und seine Bewohner nach wie vor Sklaven einer verantwortungslosen und verbrecherischen Macht bleiben, die für sie entscheidet, was sie lesen, was sie sehen und was sie benutzen dürfen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Россиянам отключают интернет | Виталий Портников. 11.11.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.11.2025.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Krieg in der Ukraine: Wie man in einem dauerhaften Konflikt überlebt. Vitaly Portnikov @reopenzakarpattia8203. 11.11.2025.

Ich danke euch von Herzen für die Einladung, liebe Freunde. Danke für die Möglichkeit, heute hier mit euch zusammen zu sein. Vor allem deshalb, weil ich immer an die ukrainische Vielfalt geglaubt habe – an die Vielfalt der ukrainischen Menschen, der ukrainischen Familien, der ukrainischen Regionen. Jedes zivilisierte Land, jedes europäische Land ist gerade durch diese Vielfalt stark. Und es geht dabei nicht einmal nur um Unterschiede in den Traditionen oder gar in der Sprache. Es geht um die Fähigkeit, unterschiedlich zu denken. Denn wenn Menschen unterschiedlich denken, unterschiedlich an die Lösung schwieriger Aufgaben herangehen, unterschiedlich auf die Fragen reagieren, die auf ihrem Lebensweg und auf dem Weg ihres Staates entstehen – dann finden sie am Ende jene richtige Antwort, die es ihnen ermöglicht, selbst aus den schwierigsten Situationen, die im Leben ihres Landes und in ihrem eigenen Leben auftreten, einen Ausweg zu finden.

Und ich bin ebenso fest davon überzeugt, dass hier, in Transkarpatien, gerade ein Modell entsteht, das die ukrainische Wirtschaft unter den schwierigsten Bedingungen unseres Überlebens in dieser langen und harten Kriegszeit unterstützt. Gerade hier versuchen wir, eine Antwort auf die Frage zu finden: Kann es überhaupt eine Wirtschaft, eine Initiative, eine Entwicklungsfähigkeit in einem Teil des Landes geben, wenn der andere Teil buchstäblich vom Okkupanten und Aggressor zerstört, lahmgelegt, in eine Wüste verwandelt wird? Wenn wir die richtige Antwort auf diese Frage finden, wenn wir ein Gleichgewicht zwischen Widerstand und Entwicklung herstellen können, dann werden wir in diesem Krieg standhalten können – ganz gleich, wie viele Jahre er noch andauert und wie viele Jahrzehnte der unausweichliche russisch-ukrainische Konflikt fortgesetzt wird.

Ihr müsst verstehen: In solchen Kriegen wie dem russisch-ukrainischen, in denen zwei Völker Anspruch auf dasselbe Territorium erheben, gibt es keine Enden. Erwartet kein Ende von etwas, das in eurem Leben niemals enden wird. Sucht nach Wegen, in diesem endlosen Konflikt – für euch, eure Kinder und Enkel – zu überleben. Sucht Wege, den Konflikt in Überleben und Sieg zu verwandeln – und nicht in ein Dasein in Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung.

Und hier entsteht die Frage: Wie kann man das erreichen? Auch das ist eine Frage, die immer eine ehrliche Antwort verlangt. Man kann den Krieg als eine Tragödie betrachten, aus der man nie herauskommt. Man kann den Krieg als eine Prüfung sehen, die manche bestehen, andere nicht. Oder man kann den Krieg als eine Chance begreifen – schließlich als eine Chance, ein guter Mensch zu sein.

Denn gerade solche Krisen geben einem Menschen die Möglichkeit zu zeigen, wer er ist, wie er seine Zukunft und seine Pflicht begreift. Wie er selbst sich in die Augen schaut – nicht einmal unbedingt seinen Nächsten. Wir sagen gern: „Wie werden wir unseren Kindern in die Augen schauen?“

Die Kinder werden alles verstehen und verzeihen. Kinder kann man schließlich auch täuschen. Aber in Wirklichkeit schaut man sich selbst in die Augen, wenn man in den Spiegel blickt. Und dort findet man die wichtigste Antwort auf die Frage, was im eigenen Leben wirklich geschehen ist.

Ich habe gerade das Wort „Redlichkeit“ (ukr. доб­ро­чесність) gehört – als ein wichtiges Thema unseres heutigen Gesprächs. Da erinnerte ich mich daran, wie ich als junger Mann einmal mit Oles Terentjowytsch Hontschar an der Küste des Finnischen Meerbusens spazieren ging.

Und er sagte zu mir: „Vitaly, bitte finde mir in ein paar Minuten das ukrainische Äquivalent des russischen Wortes нравственность (Moralität).“

Ich dachte nach, aber mir fiel nichts ein.

Und Oles Terentjowytsch sagte: „Nun, es gibt doch доб­ро­чесність (Redlichkeit, Tugend). Verstehst du, Vitaly, Redlichkeit ist viel wichtiger als Moralität, denn sie verlangt eine Antwort von einem konkreten Menschen, nicht von allen. Ein Mensch kann redlich sein – eine Gesellschaft kann moralisch sein.“

Im Russischen, seltsamerweise, gibt es gar kein echtes Wort für Redlichkeit.

Versuchen wir also zu begreifen, was das bedeutet. Vor einigen Tagen ist im Alter von 100 Jahren eine Ukrainerin gestorben – Lidiya Sawtschuk –, über die in unserem Land nur wenige etwas wissen. Sie war eine der letzten „Gerechten unter den Völkern“. Sie stammte aus einer Familie, die während des Zweiten Weltkriegs Juden rettete. Solche Menschen gibt es nur noch sehr wenige, alles sind sehr alte Menschen. Ich muss euch sagen: Jeden Monat sammeln wir Geld, damit sie ihre letzten Lebensjahre überhaupt überstehen können. Niemand hat ihnen je wirklich etwas für ihr Risiko vergolten.

Lidiya Sawtschuk hatte, kann man sagen, ein glücklicheres Leben als viele andere, weil sie nach dem Krieg den jungen Mann heiratete, den ihre Familie während des Krieges gerettet hatte. Dieser Mann wurde später Volkskünstler der Ukraine – Isaak Tartakowskyj –, der Begründer einer ganzen Künstlerdynastie, die in der ukrainischen Malerei bekannt ist. Aber die Frage ist nicht, wer was wurde. Die Frage ist, wer wen rettete – und wie. Denn es war vollkommen klar: Wenn man jemanden fand, den du im Keller versteckt hattest, würde man dich, deine Frau und deine Kinder erschießen.

Dann hätte niemand mehr irgendjemanden heiraten können.

In der Ukraine spricht man oft von „Familienwerten“ als dem Fundament der Redlichkeit. Aber wenn die Menschen nur an die Familienwerte ihres eigenen Volkes gedacht hätten, würde mein Volk heute gar nicht mehr existieren. Man muss an das Gewissen denken, an die innere Stimme:

Bist du bereit, einem Menschen zu helfen, der in tödlicher Gefahr ist – auch wenn du selbst dadurch in Gefahr gerätst?

Ich sage euch ehrlich: Ich weiß nicht, wie ich selbst in so einem Moment handeln würde, wenn ich wüsste, dass die Folge meines Handelns der Tod meiner Angehörigen wäre. Niemand von uns kann auf so eine Frage antworten, bis er wirklich vor ihr steht.

Aber in einem solchen Moment – wie auch in vielen anderen Momenten – entscheidet sich, ob ein Mensch redlich ist oder nicht, und worauf die Zukunft seiner Familie und seines Landes überhaupt gegründet ist.

Und was bedeutet es, zu überleben? Zu überleben um jeden Preis – auf Kosten eines anderen? Oder gemeinsam mit dem anderen zu überleben, selbst wenn dieser einem fremd ist? Das sind schwierige Fragen, auf die wir uns in nicht-kritischen Momenten unseres Lebens nie Antworten geben.

Unser Problem ist, dass wir in einem kritischen Moment leben. Und immer wieder tauchen solche Fragen auf, auf die wir antworten müssen. Und jedes Mal denken wir darüber nach, wie wir die richtige Entwicklungsrichtung wählen, um keinen Fehler zu machen, um das Land, die Familie und uns selbst zu bewahren. Ich habe diese Prioritäten übrigens immer genau in dieser Reihenfolge gesetzt – und nicht umgekehrt. Denn wenn es das Land nicht gibt, wird es zumindest für die Ukrainer auch keine Familien hier geben. Und sie selbst werden höchstwahrscheinlich entweder vernichtet oder vertrieben werden. Wenn man also sich selbst, dann die Familie und erst danach das Land stellt, ist das höchstwahrscheinlich der Weg zur eigenen Vernichtung – und zum Verschwinden aus dem Ort, an dem man jahrhundertelang gelebt hat.

Auch das, würde ich sagen, ist ein existenzieller Moment dieses Krieges – ein Moment, über den viele nicht nachdenken wollen und an den viele nicht glauben. Sie glauben nicht daran, weil die ukrainische Geschichte viele Seiten kennt, auf denen die Ukrainer verloren – und dennoch blieben. Deshalb glauben viele, dass, selbst wenn dieser Staat verloren ginge, alles so bliebe wie bisher – nur unter anderen Fahnen und in einer anderen Sprache, in der man ja ohnehin spricht. 

Niemand will glauben, dass die Welt sich weiterentwickelt.Und so wie sich das ukrainische Volk entwickelt – das längst erkannt hat, dass es nur als Volk eines unabhängigen, souveränen Staates existieren kann –, so entwickelt sich auch das russische Volk. Es hat verstanden, dass es ohne die Vernichtung des ukrainischen Volkes seine imperiale Existenz nicht wiederherstellen, behaupten oder entwickeln kann.

Darin liegt das Wesen dieses Konflikts. Beide Völker sind letztlich zu ihren jeweiligen, für sich richtigen Antworten gekommen: 

  • Das ukrainische Volk hat erkannt, dass es seine Souveränität verteidigen muss.
  • Das russische Volk hat erkannt, dass seine imperiale Macht neben einem ukrainischen Volk nicht existieren und stark sein kann.

Andere Antworten gibt es nicht. Und, ich würde sagen, auch keine anderen Fragen in diesem Krieg. Die Ukrainer werden sich entweder behaupten – oder sie werden verschwinden, werden zu einer Seite in ethnografischen Lehrbüchern. Und daran ist, wisst ihr, nichts „nicht-historisch“.

Ich selbst gehöre zu einem Volk, das beinahe selbst zu einer Seite in ethnografischen Lehrbüchern geworden wäre. Oft, wenn ich in archäologische Museen gehe, sehe ich dort Spuren von Völkern, neben denen wir einst lebten – und die heute nur noch Exponate für Touristen sind. Mir ist wichtig, dass das ukrainische Volk kein Museumsstück wird, sondern ein lebendiger Organismus bleibt. Ich glaube, dass die Ukrainer das verdient haben – durch ihre ganze Geschichte, durch ihre Bereitschaft zu kämpfen, letztlich durch ihre Redlichkeit.

Ich sehe hier viele Menschen – bekannte und unbekannte –, die während dieses Krieges die richtigen Antworten gefunden haben. Unterschiedliche Antworten. Ich sehe Menschen in Uniform. Ich sehe Menschen, die Freiwillige geworden sind und der ukrainischen Armee helfen. Ich sehe Menschen, die durch Diplomatie und gesellschaftliches Engagement versuchen, die Aufmerksamkeit der Welt auf die ukrainische Tragödie zu lenken. Ich sehe Menschen, die versuchen, in hoffnungslosen Bedingungen Wirtschaft zu entwickeln und zu investieren. Denn ich glaube, in einem Land, in dem jedes Objekt jederzeit zerstört werden kann, ist jede Investition bereits eine Tat.

Doch zugleich weiß ich genau, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der viele Menschen das Gegenteil tun. Ich bin schließlich Journalist. Ich bin es gewohnt, meiner Zuhörerschaft die Wahrheit zu sagen – aber ich arbeite in einer beruflichen Gemeinschaft, in der viele glauben, dass Lüge der Weg zum Erfolg sei. Ich arbeite seit Jahrzehnten mit diesen Menschen zusammen und kann sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Ganz zu schweigen von meinen russischen Kollegen, mit denen ich seit Jahrzehnten arbeite – und bei denen ich überhaupt nicht sicher bin, ob ich sie jemals von irgendetwas überzeugen könnte.

Aber auch in der Ukraine ist die Lage in dieser Hinsicht, wie ihr alle wisst, nicht einfach. Es reicht, den Fernseher einzuschalten. Doch die Frage ist nicht, wie sich jene Menschen verhalten, die glauben, man könne lügen, man könne auf Kosten anderer überleben, man könne so tun, als gäbe es diesen Krieg gar nicht, man müsse nur warten, bis eine andere Fahne weht – und dann werde der Frieden kommen. Wichtig ist, dass diese Menschen das nicht für normal halten.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob ein Mensch zu einer Tat fähig ist oder nicht.

Wichtig ist, dass in unserer Gesellschaft das Böse nicht zur Norm geworden ist – so wie es übrigens bei unseren Nachbarn geschehen ist. Denn die ganze russische Aggression gegen die Ukraine, der ganze Wunsch, uns zu vernichten – all das geschah, als für die russische Gesellschaft das Böse zur Norm wurde.

Ich erinnere mich sehr gut an den Moment in meinem Leben, als ich das begriff. Ich war in einer Fernsehsendung, noch vor dem ersten Tschetschenienkrieg. Meine Kollegen traten einer nach dem anderen auf und forderten im Grunde die russische Regierung auf, Krieg gegen die Tschetschenen zu führen. Als ich aufstand und sagte, ich würde nicht raten, diesen blutigen Haken des Kaukasus erneut anzufassen – durch den Russland schon einmal gegangen war –, weil man sonst Demokratie, Entwicklung und ein normales gesellschaftliches Leben verlieren könnte, sagte die Moderatorin der Sendung, eine populäre russische Journalistin, die „Stimme der Perestroika“, zu mir einen Satz, den ich nie vergessen habe: „Machen Sie uns keine Angst“, sagte sie. Und ich verstand: Es ist vorbei. Die Chance auf menschliche Veränderung war zerstört. Denn sie begannen, mit dem Bösen und der Unmoral zu leben.

Die Menschen, die tagtäglich für uns ihr Leben und ihre Gesundheit opfern – seit vier Jahren, und viele schon seit elf Jahren –, denkt darüber nach! Diese Menschen, die zu Hause von ihren Frauen, Männern, Kindern, Verwandten erwartet werden, die unter unerträglichen Bedingungen weiterkämpfen – sie beweisen uns, dass Redlichkeit existiert. Dass die Fähigkeit, sich selbst für das Land zu opfern, existiert.

Und das bedeutet, dass wir in unserem moralischen Verhalten zumindest dieser Tat, diesem Opfer, dieser Fähigkeit, sich über die Herausforderungen der Geschichte zu erheben, würdig sein müssen. Und das ist, nebenbei gesagt, Redlichkeit. Und Redlichkeit – in unserer Situation – ist die Ukraine selbst.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Rede
Titel des Originals: Війна в Україні: Як вижити в постійному конфлікті | Віталій Портников ‪@reopenzakarpattia8203‬. 11.11.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.11.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Russland demütigt die Kirgisen. Vitaly Portnikov. 10.11.2025.

Pro-russische Telegram-Kanäle in Kirgisistan verbreiten aktiv die Information, dass drei Abgeordneten des Landesparlaments, die derzeit um ihre Wiederwahl in das neue Gesetzgebungsorgan kämpfen, die Einreise in die Russische Föderation wegen ihrer Beteiligung an der Verabschiedung eines Gesetzes, das angeblich Basmaschi* und Kollaborateure rehabilitiert, verboten worden sei. Diese Abgeordneten sind Zhanar Akaev, Mirlan Samojkascho und Chalpon Sultanbekov.

Dabei wurde das Gesetz zur Rehabilitierung der Opfer politischer Repressionen im ersten Lesung vom Parlament Kirgisistans einstimmig angenommen. Die Angriffe auf diese Gesetzgebung sind in diesem Fall ein Signal an alle Kandidaten für das neue Parlament Kirgisistans, ihren Eifer zu mäßigen und nicht einmal daran zu denken, sowjetliche Klischees in ihrem historischen Ansatz zu überdenken.

Denn wir wissen sehr wohl, welche Ziele die russische Propaganda verfolgt. Der Kampf gegen die Rote Armee, gegen diese Bande von Mördern, die alle vernichtete, die sich gegen die bolschewistische Ideologie und den großrussischen Chauvinismus stellten, soll weiterhin als Verbrechen gelten. Die stalinistischen Repressionen, nachdem Kirgisistan zusammen mit anderen zentralasiatischen Ländern erneut von den Bolschewiken besetzt worden war und nachdem der Kampf gegen die nationale Intelligenzija und gegen alle, die an nationale Würde dachten, begonnen hatte, müssen als Kampf gegen Kollaborateure und Verräter betrachtet werden.

Und wenn Zhonard Akaev das Thema der Rehabilitierung der Opfer politischer Repressionen zu einem Teil seines Hintergrunds als Parlamentarier macht, muss das in den Augen der kirgisischen Gesellschaft und derjenigen, die im neuen Parlament Kirgisistans sitzen werden, als schwarzes Mal erscheinen — ein Makel, den die prorussische Propaganda erhob, weil er vorgeschlagen hatte, im höchsten Gesetzgebungsorgan Kirgisistans auf Kirgisisch aufzutreten und die Priorität der kirgisischen Sprache in Kirgisistan (nicht in Russland) in Betracht zu ziehen.

Und natürlich sind derartige Vorwürfe Teil einer allgemeinen Kampagne, alle Politiker einzuschüchtern, die über die Priorität der kirgisischen Sprache, der Geschichte und der nationalen Tradition nachdenken. Solche Vorwürfe richteten die prorussischen Propagandisten auch gegen Chalpon Sultanbekowa.

Das heißt: Diese drei Abgeordneten des kirgisischen Parlaments wurden nicht zufällig zum Angriffsziel gewählt. Praktisch immer, wenn sich ein Politiker im postsowjetischen Raum Gedanken über die Bewahrung der eigenen Sprache und historischen Tradition macht oder sich an der Schaffung von Möglichkeiten zur Rehabilitierung des Andenkens derjenigen beteiligt, die für die Interessen ihres eigenen Volkes kämpften und nicht für die Interessen der Bolschewiken und des russischen Chauvinismus, taucht umgehend irgendeine offizielle Reaktion aus Moskau auf.

Wir wissen noch nicht, ob das Einreiseverbot in die Russische Föderation tatsächlich verhängt wurde oder ob es sich lediglich um ein propagandistisches Signal handelt bzw. ob verschiedene Ressourcen der russischen und prorussischen Propaganda eingesetzt werden, um mit einer Hetzjagd gegen Menschen zu beginnen, die nationalen und national-demokratischen Positionen anhängen. In der politischen Geschichte der Ukraine geschah dies ständig, und auch jetzt, während des großen russisch-ukrainischen Krieges, geschieht es.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass derjenige, der für die Staatlichkeit der eigenen Sprache eintritt, als Nationalist gilt, während derjenige, der verlangt, dass Menschen, die in ihrer Muttersprache sprechen, diese nicht bewahren können sollen, keineswegs ein russischer Chauvinist ist, sondern ein Internationalist und Anhänger der richtigen politischen und historischen Wahl.

Wir wissen, was mit den Völkern passiert, die diese Ideologie des russischen Chauvinismus nicht für richtig halten: Sie werden bombardiert, Truppen werden auf ihr Territorium eingeführt, Zivilisten werden beschossen. Und, wie wir sehen, betrifft ein derartiges ideologisches Programm keineswegs nur die Ukraine.

Überall dort, wo man anfängt, über reale Möglichkeiten eigener Staatlichkeit nachzudenken, beginnt man, die Menschen mit allen möglichen Methoden und Mitteln einzuschüchtern. Und es geht am Ende nicht darum, welcher Abgeordnete des kirgisischen Parlaments nach Russland einreisen kann und welcher nicht, sondern darum, dass die Parameter dessen, wer für die Russische Föderation und für die von ihr unterstützte Propaganda als verlässlich gilt, klar abgesteckt werden.

Das sind Leute, die bereit sind, auf ihre eigene nationale Würde und auf die staatsbürgerlichen Interessen ihres Landes zu verzichten. Der Kreml braucht genau solche Staatsoberhäupter. Deshalb tut Russland stets alles, um in den ehemaligen sowjetischen Republiken seine Marionetten an die Macht zu bringen oder diejenigen, die bereits an der Macht sind, zu Marionetten zu machen.

Der Kreml braucht nicht einfach Einwohner dieses oder jenes Landes, sondern Völker, die ein Gefühl der Minderwertigkeit, der Zweitrangigkeit gegenüber dem russischen Volk empfinden. Der Kreml will nicht Nachbarstaaten, mit denen gleichberechtigte, gute nachbarschaftliche Beziehungen aufgebaut werden können, sondern Territorien für Militärbasen.

Hätte Moskau die Möglichkeit, würde es ganz Zentralasien in ein großes Semipalatinsk verwandeln. Und wenn jemand sagt, man müsse derjenigen gedenken, die die Interessen des kirgisischen Volkes verteidigt haben, dass man kirgisisch sprechen und die Geschichte Kirgisistans studieren solle, erregt das sofort Hass, Ärger und das Versprechen zu verbieten und unterbinden. 


* Die Basmaschi waren Mitglieder einer bewaffneten antikommunistischen Widerstandsbewegung in Zentralasien, die nach der bolschewistischen Revolution (1917–1930er Jahre) gegen die sowjetische Herrschaft kämpfte. Sie setzten sich vor allem aus lokalen Bauern, Stammesführern und ehemaligen Militärs zusammen und wollten die russisch-bolschewistische Besatzung beenden und die Unabhängigkeit bzw. islamisch geprägte Selbstbestimmung der zentralasiatischen Völker (u. a. in Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan und Turkmenistan) wiederherstellen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Россия унижает кыргызов | Виталий Портников. 10.11.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 10.11.2025.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Das NABU durchsucht Minditsch und Haluschtschenko. Vitaly Portnikov. 10.11.2025.

Das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) berichtet über eine groß angelegte Operation, die mit systematischer Korruption im Energiesektor in Verbindung steht. Journalistischen Quellen zufolge werden Durchsuchungen beim bekannten Geschäftsmann und Miteigentümer der Firma Kvartal 95, Tymur Minditsch, durchgeführt. Offensichtlich hat er das Territorium der Ukraine kurz vor diesen Durchsuchungen verlassen. Durchsucht wird auch das Eigentum des ukrainischen Justizministers und ehemaligen Energieministers Herman Haluschtschenko.

Diese Operation findet vor dem Hintergrund russischer Versuche statt, die ukrainische Energieversorgung zu zerstören, sowie im Zusammenhang mit der Affäre um den ehemaligen Leiter des staatlichen Energiekonzerns Ukrenergo, Kudryzkyj, den Präsident Volodymyr Zelensky persönlich der mangelnden Vorbereitung des Energiesektors auf russische Angriffe beschuldigte. Nun wird klar, warum die Regierung mit solcher Hartnäckigkeit versucht hat, das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft von der Generalstaatsanwaltschaft abhängig zu machen und diese unabhängigen Institutionen in die Machtvertikale einzubauen.

Bekanntlich verhinderten nur der energische Protest der westlichen Partner der Ukraine – sowie die Proteste in Kyiv selbst dieses Vorhaben. Es waren die ersten Massenproteste seit Beginn des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine.

Offensichtlich war vielen in der Regierung das Ausmaß dieses Falles bewusst, dessen Zeugen wir jetzt werden und der sich zu einem regelrechten politischen Erdbeben entwickelt. Für viele Ukrainer könnte sich dieses Erdbeben in den kommenden Wintermonaten zudem als ein energiepolitisches erweisen.

An dieser Stelle möchte ich nicht auf die Details dieses Falls eingehen. Ich denke, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten noch viel darüber erfahren werden. Ich möchte stattdessen auf meine eigene Haltung aufmerksam machen, die ich über viele schwierige Jahre für den ukrainischen Staat und das ukrainische Volk hinweg stets verteidigt habe.

Der erste Punkt betrifft die Bedeutung von Professionalität. Man kann sich ein unprofessionelles Staatsmanagement nur dann leisten, wenn das Land weder durch Krieg noch durch eine Verschärfung der Beziehungen zu Nachbarn bedroht ist – insbesondere zu solchen Nachbarn, deren Ziel es ist, unsere Staatlichkeit auf jede erdenkliche Weise zu zerstören, sei es militärisch, wirtschaftlich oder politisch.

Und als viele Menschen nach 2014 und natürlich auch nach 2019 die Bedeutung von Professionalität ignorierten oder meinten, man könne diesem oder jenem Präsidentschaftskandidaten oder Bürger, der ein Abgeordnetenmandat anstrebt, die Chance geben, das Regieren erst zu erlernen, versuchte ich zu warnen: Während jemand versucht, Politik zu lernen – was man im Übrigen gar nicht lernen kann –, könnte es sein, dass ihr den nächsten Tag gar nicht mehr erlebt.

Genau deshalb habe ich im Jahr 2022, als der große Krieg Russlands gegen die Ukraine begann, auf der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit bestanden. Ich betonte, dass die damalige Regierung, die sich vor allem auf die Sympathien der Menschen und auf das Unverständnis der Mehrheit unserer Mitbürger stützte, dass unprofessionelle Staatsführung zwangsläufig in eine Krise und eine Sackgasse führt, dringend eine Injektion von Professionalität benötigte – schlichtweg, um das physische Überleben unserer Mitbürger, unser aller Überleben, in diesem großen Krieg zu sichern.

Und der dritte Punkt, den ich immer wieder betone: Es ist sinnlos, sich auf Wahlen vorzubereiten, solange es keine realistischen Aussichten auf ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges gibt – und damit auch keine Perspektive für irgendeine Wahl in absehbarer Zeit. Denn der russische Machthaber ist entschlossen, sein finsteres Werk bis zum Ende zu führen – bis zum Ende der Ukraine, bis zum Ende des ukrainischen Volkes.

Dem kann man nur mit professioneller Staatsführung entgegentreten. Nicht mit Emotionen, nicht mit Vertrauen in enge Vertraute, nicht mit der Hoffnung, dass sich alles irgendwie von selbst löst, nicht durch den Heroismus der Menschen – der früher oder später nachlässt oder erschöpft ist –, sondern durch Professionalität und durch das Verständnis, wie man einen demokratischen Staat unter den Bedingungen eines anhaltenden Krieges und ständiger gesellschaftlicher Belastungen führt.

Bedeutet das, dass die Ukraine ohne solch professionelles Management – und damit mit wachsenden Korruptionsrisiken – keine Chance hat, auf der politischen Weltkarte zu bleiben, und dass das ukrainische Volk keine Chance hat, auf der ethnografischen Landkarte zu überleben? Nein. Zu unserem großen Glück ist die Ukraine Teil der zivilisierten Welt. Teil des Westens. Und die Sichtweise dieser westlichen Welt hat nach wie vor entscheidende Bedeutung für das Funktionieren des ukrainischen Staates.

Ohne die Hilfe der Vereinigten Staaten und der europäischen Länder gäbe es den ukrainischen Staat schon seit Jahren nicht mehr auf der politischen Landkarte. Denn wir sind ein Land mit 20 bis 30 Millionen Einwohnern, das gegen eine 140-Millionen-Atommacht kämpft. Und das muss man begreifen, um keine Illusionen zu haben. 

Die Tatsache, dass wir Teil des Westens sind, hilft uns, ein gewisses Gleichgewicht in diesem ungleichen Krieg zu bewahren. Daher bestehen in diesem Krieg nach wie vor Chancen, zumindest zu überleben, die Staatlichkeit zu erhalten und einen großen Teil der Bevölkerung in den traditionellen ukrainischen Siedlungsgebieten zu bewahren.

Doch wenn die Kampfhandlungen eines Tages enden – und das wird, ob in den 2020er oder 2030er Jahren, unweigerlich geschehen –, wird die Frage der professionellen Staatsführung, der nationalen Einheit und der Injektion von Professionalität in die populistischen Ansätze für die Zukunft des ukrainischen Staates erneut aufkommen. Denn weitere Experimente mit der ukrainischen Staatlichkeit, an denen Bürger teilnehmen, die die Komplexität und Schwierigkeit staatlicher Führung nicht verstehen, könnte die ukrainische Staatlichkeit womöglich nicht noch einmal überleben.

Mit jedem neuen Jahr wird das Niveau der Herausforderungen immer höher und schwieriger – sowohl für diejenigen, die dieses Land führen, als auch für alle, die in diesem Land leben.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: НАБУ обшукує Міндіча і Галущенка | Віталій Портников. 10.11.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 10.11.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Der Leitstern. Vitaly Portnikov. 09.11.2025.

https://zbruc.eu/node/122850?fbclid=IwRlRTSAN-mNJleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEeORN9sxgw6Zv-Yso1VtF71aujs8PETBayVTrW7uD1Sx-wKQd8kvKWdgG59EU_aem_oYz0JIef8EnPyYC3mFqEoQ

Der Sieg von Zohran Mamdani bei der Bürgermeisterwahl in New York lässt sich kaum als große politische Sensation bezeichnen. New York ist eine jener amerikanischen Städte, in denen traditionell die Demokraten gewählt werden. Daher war der Gewinner der demokratischen Vorwahlen praktisch zum Erfolg verurteilt – interessant an Mamdani ist vielmehr die Tatsache, dass der von Donald Trump unterstützte Demokrat Andrew Cuomo, der ehemalige Gouverneur des Bundesstaates New York, „fast die Hälfte“ der Stimmen erhielt. Ein solcher Erfolg ist für Cuomo zweifellos beachtlich, denn er verlor gegen Mamdani nicht nur die eigentliche Wahl, sondern zuvor auch schon die Vorwahlen.

Und genau das war die Sensation – dass der gemäßigte „traditionelle Politiker“ in den Vorwahlen einem „nichttraditionellen Kandidaten“ ohne jegliche politische Erfahrung unterlag, der zudem mit offenkundig populistischen Versprechen auftrat. Dass die Menschen, die einen solchen Kandidaten in den Vorwahlen gewählt hatten, ihn schließlich auch zum Bürgermeister machen würden, war dann nur noch eine technische Frage.

Mit anderen Worten: Es war offensichtlich, dass die Wählerinnen und Wähler bei dieser Wahl keinen professionellen, starken Politiker auf dem Posten des Bürgermeisters von New York sehen wollten, sondern ausdrücklich einen Anti-Trump. Und Zohran Mamdani nutzt dieses Bedürfnis nur zu gern – bereits nach seiner Wahl erinnerte er an seinen Sieg als den eines „Kämpfers gegen den Tyrannen“. Für Mamdani – und für seine Anhänger – war es also wichtig, nicht den Bürgermeister einer Großstadt mit zahlreichen Problemen zu wählen, sondern den „Kämpfer gegen den Tyrannen“, einen Revolutionär, der zum Widerstand aufrufen würde, falls Trump die Nationalgarde auf die Straßen New Yorks schicken sollte.

Man kann also sagen, dass die Demokraten mit gewisser Verspätung das erkannt haben, was die Republikaner schon 2016 begriffen: dass sie niemals eine Präsidentschaftswahl gewinnen werden, wenn sie sich ausschließlich auf ihr traditionelles Wählerklientel stützen. Sie brauchen einen Populisten, der das Unerfüllbare verspricht – oder überhaupt nichts verspricht, sondern einfach die Gegner beleidigt und auf Kundgebungen tanzt. Und dieser Populist mobilisiert die Stimmen derjenigen, die noch nie Republikaner gewählt haben – weil sie viel radikalere Ansichten vertreten oder bisher völlig außerhalb der Politik standen.

Im Jahr 2020 entriss Joe Biden Trump den Sieg mit den letzten Resten seines Ansehens als „einer von uns“ für die amerikanische Arbeiterschicht – doch mehr „eigene Leute“ gibt es im Establishment der Demokratischen Partei schlicht nicht mehr. Um die neue Republikanische Partei zu besiegen, brauchen die Demokraten eine neue Wählerschaft, ebenfalls radikal, nur eben links. Sie brauchen jene Menschen, die bei der Präsidentschaftswahl 2024 zu Hause geblieben sind. Wären diese Menschen zur Wahl gegangen, wäre heute Kamala Harris Präsidentin der Vereinigten Staaten, und Donald Trump würde sein Geld für Anwälte ausgeben.

Man muss verstehen, dass es in den Vereinigten Staaten potenziell mehr Anhänger des linken radikalen Populismus gibt – zusammen mit den traditionellen Wählern der Demokratischen Partei – als Anhänger der Republikaner, selbst wenn man die Ultrarechten dazuzählt. Wenn es den Demokraten gelingt, all diese Menschen zu vereinen – und auf ihrer Seite stehen nicht nur das Gesetz des „politischen Pendels“, dem zufolge nach einem scharfen Rechtsruck unvermeidlich ein scharfer Linksschwenk folgt, sondern auch die demografischen Tendenzen – dann werden sie die Republikaner für immer marginalisieren und die Welt der Konservativen zerstören, nicht nur in Amerika, sondern in der gesamten sogenannten zivilisierten westlichen Welt.

Was kann Trump dem entgegensetzen? Nur Hardcore. Nur eine Diktatur, die auf Einschüchterung der Menschen, auf totaler Kontrolle über die Medien und über den Wahlprozess selbst beruht. Doch ein solcher Kurs birgt die Gefahr eines neuen Bürgerkriegs. Außerdem ist unklar, ob der amtierende amerikanische Präsident überhaupt bereit ist, den demokratischen Institutionen offen die Herausforderung zu stellen, wo er doch derzeit nicht einmal mit dem „Shutdown“ fertig wird, der Tag für Tag zunehmend das Funktionieren der Bundesregierung bedroht. Ein Diktator darf keine Angst vor Verantwortung und Gefängnis haben. Trump jedoch ist tief traumatisiert durch seine Angst vor Verantwortung aus den Jahren seines „Zwischenpräsidententums“.

Heißt das also, die Demokraten werden ihren eigenen Mamdani auf nationaler Ebene finden – und die Demokratie wird siegen? Nein, siegen werden die Demokraten, nicht die Demokratie. Denn ein linker populistischer Politiker, selbst wenn er auf dem Ticket der Demokratischen Partei gewählt wurde, wird den demokratischen Institutionen mit noch größerer Verachtung begegnen als Trump selbst. Und er wird diese Institutionen ausschließlich dazu nutzen, an der Macht zu bleiben und die Interessen seiner zahlreichen Wählerschaft, der „einfachen Leute“, zu befriedigen, die von den Oligarchen getäuscht wurden. Und ja, es wird ein junger Mensch sein, der zwei Amtszeiten regiert und die Macht dann an seinen eigenen Protegé übergibt. Der republikanische Kandidat bei den Wahlen wird dann eher eine Zierfigur sein – ein Symbol zur Erinnerung daran, wie stark die amerikanische Demokratie einst war. Nur wird es diese amerikanische Demokratie – als Gesellschaftsmodell – nicht mehr geben. Das Pendel wird nach links ausschlagen – und dort erstarren. Erstarren für lange Zeit. Und selbst wenn infolge eines politischen Wunders die Rechte irgendwann wieder an die Macht käme, würde sie doch nur innerhalb dieses neuen Modells regieren.

Eines lateinamerikanischen, nicht amerikanischen. Von der amerikanischen Demokratie, rate ich, sollte man sich rechtzeitig verabschieden – und dem Schicksal und der Geschichte dankbar sein, dass es sie überhaupt gab und dass wir sie noch erleben durften.

Auch wenn sie in Vergessenheit gerät, bleibt sie für uns, ihre Zeugen, dennoch der Leitstern – wie die Freiheitsstatue im Hafen von New York, der Stadt, die sich Zohran Mamdani zu ihrem Bürgermeister gewählt hat.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Провідна зоря. Віталій Портников. 09.11.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.11.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Der Molfar*/ Мольфар

Der Molfar zog übers Schlachtfeld hin,  
Streute Tränen wie Salz im Wind,
Auf dem Feld – Gefallene, Asche, schwarze Glut…
Nahm die Erde in die rauen Hände,
Flüsterte leise: „Ich muss, o Erde…“
Blies die dunkle Asche tief in seine Seele…
Mütterchen, Mütterchen, Erde mein,
gib dem Molfar's Opfer Kraft hinein.
Sag, wozu dir tote Helden noch?...
Doch stumm bleibt Erde in der Hand,
verkrustet von dem Tränensand,
Und der Molfar stöhnt im Feld vor Not…
Zwischen Schilf die Krieger frieren still,
Jeder ruft ihn leise zu sich hin.
Er kniet nieder, blickt zum Himmel hoch:
„Straf mich nicht, o Herr, ich flehe,
Das sind deine Kinder, die dahingehn,
Ich bin nicht du – alles, was ich kann, ist Ruhe nach dem Todesbann…“

Refrain
Weint der Molfar wie der Wind so wild,
In der Schenke zecht der Totengräber,
Das ist Krieg!
Traure nicht, du Kosak-Molfar,
Wir sind gestiegen über Wolken weit,
Gerade eben!
(×2)

Die Erde deckt im Feld die Krieger zu,
Und der Molfar, ausgedörrt von der Glut,
Wandelt schwarze Waffen in Störche um…
Schlägt verzweifelt ans Himmelsdach:
„Herr, erbarme dich, ich flehe dich an!
Lass sie frei – so wie ich die Vögel freigelassen hab!“
Alles, was du willst, was immer es sei,
Gib ich hin für ihre Flügel frei!
Doch am Himmel – keine Störche mehr… fort, vorbei…

Refrain
Weint der Molfar wie der Wind so wild,
In der Schenke zecht der Totengräber,
Das ist Krieg!
Traure nicht, du Kosak-Molfar,
Wir sind gestiegen über Wolken weit,
Gerade eben!
(×2)

Der Molfar zog übers Schlachtfeld hin,
Streute Tränen wie Salz im Wind,
Auf dem Feld – Gefallene, Asche, schwarze Glut…

* Molfar / мольфар ist ein traditioneller Hutsul-Magier, Heiler und Seher aus den ukrainischen Karpaten – eine mythologisch-kulturelle Figur mit angeblich übernatürlichen Kräften.


Йшов мольфар по полю бою,
Сипав сльозами, як сіллю,
А на полі вбиті вої та вугілля...
Брав мольфар в долоні землю,
Шепотів землі: Я мушу...
Видував попіл темний в свою душу...
Нене, нене, земле моя,
Сил додам мольфара жертві,
Ну на що тобі герої мертві?..
Та мовчить земля в долонях,
Вкрита сльозами, як сіллю,
І мольфар у полі стогне від безсилля...
В очереті вої стигнуть,
Кожний мов зове до себе,
Став між ним на коліна, очі в небо:
Не карай мольфара, Боже,
Це твої полеглі діти,
Я - ж не ти і все, що можу - хоронити...

Приспів:
Плаче, наче вітер, мольфар, |
В шинку гуляє трунар, |
Це война! |
Не сумуй, козаче мольфар, |
Ми піднялись вище хмар |
Щойно! | (2)

Вкрила в полі земля воїв,
А мольфар, сухий від спеки,
Обертає чорну зброю на лелеки...
Б'юсь об небо, наче в дах, я:
Боже, поможи, благаю!
Відпусти їм все, як птах я відпускаю!..
Все, що скажеш, все, що треба
Я віддам за їхні крила!
А лелек нема у небі - полетіли...

Приспів.

Йшов мольфар по полю бою,
Сипав сльозами, як сіллю,
А на полі вбиті вої та вугілля...


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Lied
Titel des Originals: Мольфар
Autor: Glib Babich, Kozak System
Veröffentlichung / Entstehung: 2022
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Die Amerikaner halten Waffen zurück | Vitaly Portnikov. 09.11.2025.

Die Vereinigten Staaten haben laut der Publikation Axios die Lieferung von Waffen an ihre europäischen Verbündeten – insbesondere an Kroatien, Dänemark und Polen – im Wert von rund 5 Milliarden Dollar ausgesetzt. Ein Teil dieser Waffen hätte an die russisch-ukrainische Front geschickt werden können, im Rahmen einer neuen Initiative, die vorsieht, dass die europäischen Verbündeten amerikanische Waffen bezahlen, um die ukrainischen Verteidigungskräfte zu unterstützen.

Doch die technische Durchführung – also die Genehmigung jeder einzelnen Waffenlieferung durch die Beamten des US-Außenministeriums – kann derzeit aufgrund des Shutdowns nicht stattfinden. Die Zahl der Mitarbeiter des Außenministeriums, die an der Entscheidung über solche Lieferungen mitwirken können, hat sich stark verringert, da ein großer Teil der Beamten – sowohl in diesem als auch in anderen US-Ministerien – in den unbezahlten Urlaub geschickt wurde und ihre Dienstpflichten nicht erfüllen kann.

Dies ist die allgemeine Lage in den gesamten Vereinigten Staaten, aber sie macht sich gerade jetzt besonders bei den Waffenlieferungen an die Europäer und – offenkundig – an die ukrainische Armee bemerkbar. Sie ist eine weitere negative Folge des längsten Shutdowns in der modernen amerikanischen Geschichte.

Dabei gibt es praktisch keine Aussichten, dass diese Krisensituation schnell überwunden werden könnte. Die amerikanischen Demokraten suchen nach einem Einvernehmen mit den Republikanern, wollen jedoch nicht auf ihre Forderungen verzichten – umso weniger angesichts der jüngsten Erfolge der Demokratischen Partei bei den Kommunalwahlen in New York und mehreren anderen US-Bundesstaaten, wo gerade die Kandidaten der Demokraten siegten. Und wenn die Demokraten nun einfach ihre sozialen Forderungen vergessen würden, könnte sich das offensichtlich negativ auf ihre Ergebnisse bei den Zwischenwahlen zum US-Kongress auswirken, die bereits 2026 stattfinden werden.

Doch auch Donald Trump will kaum Zugeständnisse machen. Erstens, weil er die politische Situation in den Vereinigten Staaten offenbar nicht als eine ansieht, in der er etwas nachgeben möchte oder muss. Und zweitens könnte der amerikanische Präsident ein rein utilitaristisches Ziel verfolgen: Unter dem Deckmantel der Probleme, die der Shutdown verursacht, könnte er den Löwenanteil der Staatsbeamten entlassen, die er ohnehin loswerden wollte.

Zur Erinnerung: In den ersten Monaten von Donald Trumps Präsidentschaft versuchte der Milliardär Elon Musk, diese Aufgabe zu übernehmen – doch er scheiterte praktisch vollständig, und seine Mission endete mit einem fast öffentlichen Streit mit seinem früheren Idol. Nun aber, während des Shutdowns, kann Trump auf Musks Dienste verzichten, denn schon das Fehlen von Haushaltsmitteln wird viele Personen, die derzeit im Staatsdienst beschäftigt sind, dazu bewegen, ihre Karriere nicht fortzusetzen. Ihre Stellen könnten in Zukunft – falls die Krise gelöst wird – einfach gestrichen werden, im Rahmen weiterer Bemühungen zur Reorganisation des Staatsapparates.

So können Republikaner und Demokraten keine Einigung finden: Die Demokraten versuchen, ihre Wahlversprechen zu erfüllen, während die Republikaner gar kein Einvernehmen anstreben.

In der Zwischenzeit werden jedoch keine Waffen geliefert. Und das ist, wie wir verstehen, ein ziemlich ernstes Problem – gerade für den Verlauf des russisch-ukrainischen Krieges. Erinnern wir uns: Der Verlust von Awdijiwka ereignete sich genau in jener Zeit, als die Republikaner monatelang den Gesetzesentwurf von Präsident Joseph Biden blockierten, der militärische Hilfe für die Ukraine, Israel und die Länder des asiatisch-pazifischen Raumes vorsah. Genau damals fehlte den ukrainischen Verteidigungskräften schlicht die nötige Bewaffnung, um dem russischen Aggressor an der zu jener Zeit wichtigsten Front standzuhalten.

Auch jetzt beobachten wir eine Verringerung der amerikanischen Lieferungen. Dies hängt noch nicht direkt mit dem Shutdown zusammen, sondern damit, dass der Fonds, den der US-Kongress noch unter Präsident Joseph Biden bereitgestellt hatte, aufgebraucht ist. Und die Ukraine erhält Waffen sowohl von ihren europäischen Verbündeten als auch über jene Initiative, die ich bereits erwähnt habe – die Initiative, nach der die Europäer amerikanische Waffen kaufen und sie an die ukrainischen Verteidigungskräfte weitergeben.

Doch diese Menge an Waffen lässt sich kaum mit dem Umfang vergleichen, den die Ukraine der vorherigen US-Regierung verdankt – einer Administration, die verstanden hatte, dass man mit Präsident Putin über einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front nur dann verhandeln könnte, wenn seine Truppen im Rückzug wären, nicht im Vormarsch.

Wie wir jedoch sehen, könnte diese Waffenmenge nicht ausreichen, weil die politischen Prozesse in den Vereinigten Staaten selbst – die Schritte Donald Trumps zur Konsolidierung seiner Macht, das offenkundige Unverständnis vieler Beamter seiner Regierung sowie des Präsidenten selbst für die strategischen Folgen des Shutdowns – sich nun unmittelbar auf den russisch-ukrainischen Krieg auswirken. Und ebenso auf viele andere Fragen der amerikanischen Außen- und Innenpolitik, wobei sie faktisch sowohl die staatlichen Institutionen der Vereinigten Staaten als auch deren außenpolitische Rolle zerstören.

Doch wir sprechen natürlich in erster Linie über den russisch-ukrainischen Krieg. Man kann politische Entscheidungen in der Ukraine kritisieren, man kann die Beschlüsse des militärischen Kommandos kritisieren – und diese Kritik kann völlig logisch und gerechtfertigt sein. Aber Krieg bedeutet vor allem Eisen. Es geht um technische Fähigkeiten. Gerade die Hilfe des Westens ermöglicht es der Ukraine – die weder in militärisch-technischem noch in demographischem Potenzial mit der Russischen Föderation vergleichbar ist –, das Gleichgewicht an der Front während dieser vier langen Jahre eines zermürbenden Krieges gegen eine Atommacht zu halten, der es – wie wir sehen – nicht gelungen ist, jene ehrgeizigen Ziele zu erreichen, die Putin seinen Militärs noch im Februar 2022 gestellt hatte, als er plante, die ukrainische Staatlichkeit in wenigen Wochen zu vernichten und zumindest den größten Teil des ukrainischen Territoriums an Russland anzugliedern.

Doch wenn diese Lieferungen ausbleiben, wenn dieser paritätische Zustand nicht mehr existiert, kann man die mutigsten und dringendsten Entscheidungen treffen – sie werden jedoch von der Realität der russischen militärisch-demografischen Überlegenheit zunichtegemacht.

Genau das geschah mit Awdijiwka. Damals erinnerte sich jeder an den Namen des ehemaligen – und wie wir jetzt wissen, künftigen – Präsidenten Donald Trump, der den Republikanern faktisch untersagte für den Gesetzentwurf zu stimmen, der eine Ausweitung der Hilfe für die Ukraine ermöglichen sollte. Jetzt sprechen wir über Pokrowsk, im Zusammenhang mit der Erschöpfung des amerikanischen Militärpakets.

Und wenn der Shutdown weiter andauert, wird man natürlich auch über weitere Verluste der ukrainischen Armee sprechen müssen – denn der Shutdown ist nicht nur Ausdruck von Trumps Streben nach größerer Macht und nach einer Verringerung der Zahl der Staatsbeamten, und nicht nur der Wunsch der Demokraten, ihre Verpflichtungen gegenüber ihren Wählern zu erfüllen. Er ist leider auch ein Faktor der ukrainischen Kriegsrealität – und der ukrainischen Geographie.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Американці затримують зброю | Віталій Портников. 09.11.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.11.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Lawrow stellt Bedingungen für Rubio | Vitaly Portnikov. 09.11.2025.

Der Leiter des russischen Außenministeriums, Sergej Lawrow, betonte, dass er sowohl zu Telefongesprächen als auch zu einem persönlichen Treffen mit dem Außenminister der Vereinigten Staaten, Marco Rubio, bereit sei. Die Vereinigten Staaten müssten jedoch die russische Sichtweise dessen berücksichtigen, wie der von Russland gegen unseren Staat begonnene Krieg beendet werden solle.

Lawrow macht für das faktische Scheitern eines möglichen Treffens zwischen den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation in Budapest nicht sich selbst verantwortlich – also nicht den Mann, der während des Telefongesprächs mit Marco Rubio erneut die bekannten maximalistischen Forderungen des Kremls wiederholte –, sondern den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky und die Europäer.

Die Amerikaner, so Lawrow, hätten während des Gipfels in Alaska garantiert, dass Zelensky dem Friedensprozess nicht im Wege stehen werde. Doch auf diesem Gebiet seien offenbar gewisse Schwierigkeiten aufgetreten. Auch die Europäer, so Lawrow, versuchten, auf die Amerikaner „negativ einzuwirken“. Auf diese Weise könne Russland mit den Vereinigten Staaten in grundlegenden Fragen keine Einigung erzielen.

Damit kann man sagen, dass der Außenminister der Russischen Föderation eine Taktik beibehält, die in Moskau beschlossen wurde, nachdem Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten geworden war: Den amerikanischen Präsidenten und sein Umfeld nicht zu kritisieren, die Konstruktivität von Trumps Ansatz hervorzuheben, keiner der von den USA vorgeschlagenen Bedingungen für einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front zuzustimmen. Man müsse diese Forderungen und Vorschläge vielmehr ignorieren, als existierten sie gar nicht, und für das Scheitern des Friedensprozesses nicht Trump und seine Administration verantwortlich machen, sondern den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky und die europäischen Führer.

Aus Sicht der russischen Führung, wie man sieht, ist das ein recht ertragreicher Ansatz, da er im Verlauf von zehn Monaten half, mit Hilfe eben jenes Donald Trump jede neuen Sanktionen gegen die Russische Föderation zu blockieren und auch Entscheidungen im Zusammenhang mit intensiver militärischer Unterstützung für die Ukraine auszusetzen.

Übrigens sehen wir auch jetzt keinen Hinweis darauf, dass Donald Trump bereit wäre, seine Haltung zu überdenken, wonach die Vereinigten Staaten unserem Land eigenständig helfen müssten. Der „Shutdown“ in Amerika behindere zudem die Waffenlieferungen an europäische Länder, die diese amerikanischen Waffen an die ukrainischen Verteidigungskräfte weitergeben könnten.

Gleichzeitig scheint man im Kreml nicht zu bemerken, dass die Zeit vorbei ist, in der Putin und sein Umfeld Donald Trump und die amerikanische Administration von entschlossenen Handlungen abhalten konnten. Lawrow hätte sich davon während seines letzten Telefongesprächs mit Rubio überzeugen können. Der Außenminister der Vereinigten Staaten habe dieses Gespräch offenbar als eines eingeschätzt, das keinerlei Perspektiven für Fortschritte bei der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges eröffnet – und somit auch keine Grundlage für ein Treffen zwischen den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation schafft. Selbst wenn Donald Trump und Putin in ihrem letzten Telefongespräch ein solches Treffen vereinbart hätten.

Gerade nachdem Rubio mit Lawrow gesprochen und sich überzeugt hatte, dass der russische Außenminister die altbekannten Forderungen des Kremls wiederholte, wurde beschlossen, nicht nur das Treffen zwischen den Präsidenten der Vereinigten Staaten und Russlands abzusagen, sondern auch neue Sanktionen gegen Russland zu verhängen – insbesondere gegen die russischen Ölriesen Rosneft und Lukoil. Es ist offensichtlich, dass, falls Putin diese Sanktionen ignoriert und die militärischen Operationen an der russisch-ukrainischen Front fortsetzt, die Vereinigten Staaten immer neue Sanktionen gegen die russische Wirtschaft verhängen könnten – was weder im Interesse Putins noch seines engsten Umfelds noch der russischen Oligarchen liegt, die den russisch-ukrainischen Krieg bereitwillig finanzieren und längst Teil des russischen militaristischen Systems geworden sind.

Lawrows Aussagen widerlegen auch die Verschwörungstheorie, wonach Putin ihn für das Nichtzustandekommen des Treffens zwischen den Präsidenten der Vereinigten Staaten und Russlands verantwortlich gemacht habe. Bekanntlich war der russische Außenminister bei der letzten Sitzung des Sicherheitsrates der Russischen Föderation, bei der Maßnahmen im Zusammenhang mit einer möglichen Reaktion auf die Äußerungen des US-Präsidenten zu möglichen Atomtests besprochen wurden, nicht anwesend.

Lawrow selbst betont jedoch, dass man im Kreml keinerlei Erläuterungen zu den Aussagen des amerikanischen Präsidenten erhalten habe. Somit kann man davon ausgehen, dass der russische Außenminister, selbst trotz seiner Abwesenheit bei der Sitzung des Sicherheitsrates, weiterhin ein Beamter bleibt, der sich mit nuklearen Fragen befasst und Putin in den Beziehungen zu Donald Trump berät. Ganz zu schweigen davon, dass wir alle verstehen, dass kein russischer Beamter eigene Positionen oder Meinungen vertreten kann, sondern ausschließlich die Direktiven ausführt, die direkt von Putin oder seinen Verwaltungsvertretern kommen.

Daher kann man sagen, dass – trotz der Sanktionen, trotz der Tatsache, dass es Putin mit seinen Schmeicheleien nicht mehr gelingt, Trump von Sanktionen gegen die Russische Föderation abzuhalten – im Kreml niemand beabsichtigt, seinen Ansatz zu ändern.

  • Fortsetzung der Kriegshandlungen gegen die Ukraine – in der Hoffnung, dass der Nachbarstaat vor der Russischen Föderation kapitulieren wird.
  • Fortsetzung der Schmeicheleien gegenüber Donald Trump – in der Hoffnung, dass der amerikanische Präsident weiterhin auf scharfe Schritte gegen Russland verzichtet.
  • Anschuldigungen gegenüber den europäischen Ländern – damit sie als Schuldige dafür erscheinen, dass der Krieg in Europa kein Ende findet.
  •  Vorbereitung auf eine Ausweitung des russisch-ukrainischen Krieges, falls die Aktionen ausschließlich an der russisch-ukrainischen Front Moskau nicht ermöglichen, das Ziel zu erreichen, das Putin seiner Armee bereits 2022 gesetzt hatte – das Ziel, die Ukraine zu besetzen und ihre Staatlichkeit zu vernichten.

Doch wir verstehen sehr gut, dass der Kreml dafür keine realen Kräfte besitzt. Und was tatsächlich geschehen müsste, wäre die Suche Russlands nach günstigeren Bedingungen, um das Feuer an der russisch-ukrainischen Front zu beenden – so, wie es Donald Trump von Putin fordert.

Doch die Kremlführung, wie man sieht, folgt keiner Logik. Und Putin scheint bereit zu sein, den Krieg gegen die Ukraine noch viele Jahre fortzusetzen – nur um jene Ziele zu erreichen, die er in elf Jahren des russisch-ukrainischen Konflikts nicht verwirklichen konnte. Denn gerade die Erreichung dieser Ziele, so sieht es der russische Präsident, würde ihm die Möglichkeit geben, sein Imperium wiederherzustellen.





🔗 Originalquelle



Art der Quelle: Artikel

Titel des Originals: Лавров виставляє умови Рубіо | Віталій Портников. 09.11.2025.

Autor: Vitaly Portnikov

Veröffentlichung / Entstehung: 09.11.2025.

Originalsprache: uk

Plattform / Quelle: YouTube

Link zum Originaltext:

Original ansehen



Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.



Pokrowsk hält um den Preis von Menschenleben | Putin wirft Kanonenfutter in die Schlacht. Vitaly Portnikov. 07.11.2025.

Marija Hurska. Das ist die Sendung „Zentrum Europa“ mit Marija Hurska und Vitaly Portnikov. Eine Sendung, in der wir über Nachrichten sprechen, die für die europäische Zukunft der Ukraine und für die Sicherheit ganz Europas wichtig sind. Vitaly Portnikov ist bereits aus Kyiv zugeschaltet. Ich arbeite derweil in Warschau. 

Pokrowsk stand diese Woche auf den Titelseiten der Weltmedien. In die Stadt sind in dieser Woche Spezialeinheiten des HUR unter persönlichem Kommando von General Budanow eingerückt, und Präsident Volodymyr Zelensky hat die Verteidiger an der Achse Pokrowsk mit den höchsten Auszeichnungen geehrt und dies, Medienberichten zufolge, in unmittelbarer Nähe zur Frontlinie und zu Pokrowsk getan. Welche strategische Bedeutung hat Pokrowsk heute für uns, und ist es so wichtig, dass die höchste militärische Führung des Landes dorthin fährt?

Portnikov. Ich denke, dass für die ukrainische politische und militärische Führung die Verteidigung jeder Stadt symbolische Bedeutung hat. Und das ist praktisch gängige Praxis bei jedem solchen Ereignis im russisch-ukrainischen Krieg. Wir erinnern uns an Bachmut, wir erinnern uns an Awdijiwka. Und jetzt entwickelt sich die Situation um Pokrowsk nach einem ähnlichen Szenario. Aber wenn man sich diese Situation aus politischer Sicht ansieht, nicht aus militärisch-technischer, ich wiederhole, sondern aus politischer, dann werden wir verstehen, dass der Verlust der Ruinen irgendeiner ukrainischen Stadt im Donbas aus Sicht des Krieges praktisch nichts verändert, sondern lediglich – wenn Sie so wollen – die Hilflosigkeit der russischen Armee unterstreicht. Sie werden sagen: „Wieso Hilflosigkeit der russischen Armee, wenn die ukrainische Armee gezwungen ist, die eine ukrainische Stadt nach der anderen aufzugeben?“ Aber sehen wir uns erstens an, in welchen Abständen diese Städte aufgegeben werden. Wie viel Zeit ist seit dem Fall von Awdijiwka bis zu dieser entscheidenden Schlacht um Pokrowsk vergangen? Selbst wenn sie damit enden sollte, dass die russischen Truppen alle Ruinen dieser ukrainischen Stadt unter ihre Kontrolle bringen. Wie viel Aufwand betreibt dann die russische Armee für die Einnahme jeder weiteren ukrainischen Stadt – sowohl militärisch-technisch als auch an Menschenopfern? Und wie viele Russen und wie viel Militärtechnik werden dann nötig sein, sagen wir, um das gesamte Gebiet Donezk der Ukraine zu besetzen? Und wenn man noch ein paar Gebiete hinzufügt und sie mit der Zahl der Opfer multipliziert, stellt sich die Frage: Hat Russland überhaupt so viel Bevölkerung, um dieses gesamte Gebiet zu besetzen? Von der ganzen Ukraine ganz zu schweigen. Das ist übrigens genau das, was der Präsident der Vereinigten Staaten jetzt die ganze Zeit dem Präsidenten der Russischen Föderation sagt: „Du wolltest das in vier Wochen erledigen. In vier Jahren kannst du nicht einmal das Gebiet Donezk vollständig besetzen. Was willst du in diesem Krieg überhaupt erreichen? Womit beschäftigst du dich? Vielleicht wäre es an der Zeit, aufzuhören?“ Und das ist die logischste Frage, die sich vor allem aus der Schlacht um Pokrowsk ergibt. Wenn die Schlacht um die Ruinen einer weiteren ukrainischen Stadt, deren Eroberung an der Lage der russischen Armee nichts real ändert und nicht einmal die kleinste Ziffer zur Erfüllung der Hauptaufgabe beiträgt – der Eroberung des gesamten Territoriums der Ukraine und der Liquidierung der ukrainischen Staatlichkeit –, wozu dann das alles?

Wir können verstehen, wofür die ukrainischen Soldaten kämpfen. Sie verteidigen ihr Land. Sie versuchen, dem Feind keine einzige ukrainische Stadt zu überlassen. Sie versuchen, Stellungen zu halten. Doch wofür sterben die Bürger der Russischen Föderation? Ich sage das sogar zynisch: Wenn es um die Eroberung der Ukraine ginge, wenn es darum ginge, dass ein großer Teil eines europäischen Staates unter russische Kontrolle käme, dass Russland an die Grenzen der Sowjetunion von 1991 zurückkehrte – dann verstehe ich, wofür all diese Opfer sind. Ja, dafür kann man eine Division nach der anderen, eine Armee nach der anderen in die Schlacht werfen und am Ende jenes von Putin und der Mehrheit seiner Landsleute erträumte Sowjetimperium bekommen. Dann ist jedes Opfer nicht vergebens. Aber wenn all diese Opfer für Pokrowsk gebracht werden, das die Russen übrigens bis heute Krasnoarmeisk nennen und von dessen Existenz sie vorher gar nicht kannten – ich möchte Sie überzeugen, dass nicht nur der gewöhnliche Russe aus irgendeinem Archangelsk oder Nowosibirsk, sondern auch der Präsident der Russischen Föderation, Putin selbst, nie wusste, dass es einen Krasnoarmeisk gibt –, und jetzt entflammen sich um diesen sogenannten Krasnoarmeisk solche Leidenschaften, als ob das der russisch-ukrainischen Kriegsführung irgendetwas hinzufügte – das wundert mich ehrlich gesagt.

Marija Hurska. Über diese enormen menschlichen Verluste, insbesondere auf russischer Seite, sprach im Programm von Slava TV der Pressesprecher der 47. Brigade „Rubisch“ der Nationalgarde der Ukraine, die Pokrowsk verteidigt, Andrij Otschenasch. Hören wir uns das Zitat an.

Andrij Otschenasch. Sie können sich diese Todesfelder nicht einmal vorstellen, auf denen buchstäblich russische Soldaten herumliegen. Ihnen sind die Verwundeten egal, ihnen sind die Leichen egal. Hauptsache ist für sie: vorwärts, vorwärts und vorwärts. Egal, welche Verluste. Wir können uns das natürlich nicht leisten, denn für uns steht an erster Stelle das Leben der Kräfte zur Verteidigung der Ukraine, das Leben der Kämpfer unserer Brigaden.

Marija Hurska. Aber wissen Sie, auch für die Ukraine sind das offensichtlich gewaltige Verluste. In diesem Sommer kam der Film von Mstyslaw Tschernow „2000 m bis Andrijiwka“ in die Kinos. Ich habe diesen Film mit blankem Entsetzen gesehen, denn im Grunde besteht sein Hauptteil aus zusammengeschnittenen Videos der Soldaten von Bodycams, die eine aktive Operation zur Rückeroberung einer ukrainischen Stadt durchführen. Und es ist ein sehr kleines Stück Land, das sie verteidigen müssen, von dem sie den Feind verdrängen müssen. Und immer wieder werden neue Wellen von Kämpfern dorthin geschickt. Wir sehen das quasi aus der subjektiven Kamera. Wir verfolgen diese Ereignisse. Es entsteht der Eindruck, als sähen wir live durch die Augen eines neuen, immer wieder neuen Soldaten, mit dem wir uns identifizieren, von dem wir teilweise seine Geschichte erfahren. Es gibt da auch detailliertere Interviews mit diesen Menschen. Sie erzählen, dass sie eigentlich keine Berufssoldaten sind, sondern zum Beispiel Studenten des Kyiver Polytechnikums oder anderer Hochschulen, dass sie davon träumten, IT-Spezialisten oder Ingenieure oder sonst wer zu werden. Und dann sterben diese Menschen einfach vor unseren Augen. Sie sterben, und hinter ihnen gehen die nächsten jungen Menschen, kluge Menschen, die Zukunft des Landes, unsere Stütze, unsere Hoffnung. Und sie sterben ebenfalls jedes Mal einfach vor unseren Augen. Und das ist das Schrecklichste: Es ist heute überhaupt schwer zu glauben, dass in unserer Zeit, im Zeitalter der künstlichen Intelligenz, der Tesla, der Starlinks, der Weltraumforschung, Menschen weiterhin so barbarisch sterben. Und infolge dieser russischen Aggression wird der Wert des Lebens einfach nivelliert. Wie kann das sein? Es ist einfach unmöglich zu glauben, dass wir zu einem solchen Preis diese nächsten Fetzen ukrainischen Bodens verteidigen müssen, auf die der Feind solche riesigen Wellen von für Putin wertlosen Leben seiner Bürger wirft.

Portnikov. Ich denke gerade, dass die Entstehung künstlicher Intelligenz, der wissenschaftlich-technische Fortschritt im Gegenteil die Vernichtung von Menschen erleichtern wird, weitaus größere Möglichkeiten schafft, bei einer einzigen Schlacht eine große Anzahl von Soldaten zu vernichten. Insofern bin ich kein großer Anhänger der Idee, dass der wissenschaftlich-technische Fortschritt Kriege abschafft. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt macht den Tod des Menschen einfach leichter und massenhafter.

Marija Hurska. Nein, darum geht es ja nicht. Es geht darum, dass im Zeitalter der entwickelten Demokratie diese Instrumente den Menschen dienen sollen, damit sie sich komfortabler fühlen, freier sind, mehr Möglichkeiten zur Erholung, zur Erkenntnis haben, reisen und neue Entdeckungen machen können, die Welt verbessern und sie lebenswerter machen, nicht lebensfeindlicher.

Portnikov. Natürlich, aber das Zeitalter der entwickelten Demokratie gibt es nur auf einem sehr kleinen Teil des Erdballs, und man kann sagen, es endet vor unseren Augen sogar dort. Deshalb müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass das Zeitalter der entwickelten Demokratie dort, wo es war, zu Ende geht und dort, wo es sie nicht gab, nicht beginnt. Und der wissenschaftlich-technische Fortschritt kann nicht den Interessen der entwickelten Demokratie dienen, sondern den Interessen der Tyrannei und Autokratie, wie wir sehen. Der Mensch, der jetzt der erste Billionär in der Geschichte der Menschheit werden wird, Elon Musk, wirkt ganz und gar nicht wie ein Anhänger der entwickelten Demokratie, erscheint jedoch gleichzeitig als erfolgreicher Manager, Erfinder vieler wichtiger Dinge und jemand, der erfolgreich eben jene Unternehmen aufgebaut hat, die Sie sogar erwähnt haben – die Firma Tesla. Aber wie wir sehen, versucht der Mann, der für den Erfolg der Firma Tesla riesige Summen verdient, mit all dieser Tätigkeit zugleich dazu beizutragen, dass es keine entwickelte Demokratie gibt und dass der Informationsraum von einem Oligarchentum kontrolliert wird, das Algorithmen für eine Bevölkerung schafft, die nicht in der Lage ist, aus der neuen Informationsära eigene Schlüsse zu ziehen. Insofern bin ich hier, würde ich sagen, sehr pessimistisch gestimmt. Und noch einmal: Ich glaube nicht daran, dass die entwickelte Demokratie den Erfolg des wissenschaftlich-technischen Fortschritts zu nutzen wissen wird. Ich meine, dass intensiver wissenschaftlich-technischer Fortschritt zum Untergang der Demokratie führen kann. 

Aber das ist eine theoretische Diskussion. Praktisch befinden wir uns, wenn wir über ukrainische Verluste sprechen, dennoch in einer Situation des Verteidigungskriegs. Ja, es gab gewisse Momente des ukrainischen Vormarsches, aber sie nutzten eher erstens den Überraschungseffekt, wie etwa bei der Befreiung des Gebiets Charkiw. Zweitens ungünstige Stellungen der russischen Besatzer nach ihrem missglückten Blitzkrieg, wie etwa bei der Befreiung des Gebiets Cherson. Drittens wieder den Effekt, dass die Russen politisch nicht mit der Möglichkeit eines ukrainischen Angriffs rechneten, wie etwa bei der Operation im Gebiet Kursk. Die ganze übrige Zeit führte und wird die Ukraine einen Verteidigungskrieg führen. Denn wir kämpfen gegen einen Staat mit viel größerer Bevölkerung, der eine Nuklearsupermacht der heutigen Welt ist und bereit, beliebige Summen in die intensive Arbeit des militärisch-industriellen Komplexes zu stecken, ohne über menschliche und materielle Verluste nachzudenken. Und die Ukraine kann gewinnen – und ein Sieg der Ukraine ist die Bewahrung der ukrainischen Staatlichkeit zumindest auf dem Territorium der ehemaligen ukrainischen SSR, das wir halten können – nur, wenn dieser Krieg heute in erster Linie ein Verteidigungskrieg ist. Offensive kann dieser Krieg erst werden, nachdem die Russische Föderation erschöpft ist. Wann das eintreten wird, in ein paar Jahren oder vielleicht Jahrzehnten, weiß heute niemand. Deshalb ist es im Grunde, wenn wir über ukrainische Opfer sprechen, sehr wichtig, dass diese Opfer um ein Vielfaches geringer sind als die russischen. Nur in dieser Konstellation hat das ukrainische Volk die Chance, in der Realität zu bleiben und nicht in den Lehrbüchern der ethnografischen Geschichte der Vergangenheit zu landen. Mir scheint, dass wir versuchen, dieser Aufgabe gerecht zu werden. 

Ich kommentiere jetzt nicht die Logik militärischer Operationen. Ich bin kein Militärexperte. Ich kann davon ausgehen, dass das Militär sowohl richtige Entscheidungen über das Vorgehen an der Front trifft, als auch – was beim Militär auch vorkommt – Fehler macht und falsche Entscheidungen trifft. Das lässt sich jedoch erst beurteilen, wenn der Krieg endgültig beendet ist, denn man kann einen Krieg nicht, bildlich gesprochen, aus dem Blickwinkel des heutigen Tages, eines einzelnen Grabens oder eines einzelnen Büros betrachten. Was während des Krieges geschah, wird man erst verstehen, wenn der letzte Schuss dieses Krieges verhallt ist. Und dann werden wir all diese Operationen – russische, ukrainische – analysieren und sagen: „Hier haben die Generäle Zaluzhny und Syrsky absolut genau und richtig gehandelt. Und hier war ein Fehler. Und hier war ein Fehler, der vom Unverständnis der politischen Führung der Lage diktiert war. Und hier war eine brillante Entscheidung von General Gerassimow oder General Surowikin. Und hier irrten sie sich und erreichten deshalb ihre Ziele nicht.“ Aber dafür müssen wir die vollständige Geschichte des abgeschlossenen russisch-ukrainischen Krieges vor Augen haben. Bis dahin ist es noch sehr, sehr weit.

Marija Hurska. Nun können wir vorerst sagen, so paradox es auch ist: Indem wir unsere Städte zu diesem Preis, mit einer riesigen Zahl unserer Kämpfer, halten, verteidigen wir nicht nur diese konkreten Punkte auf der Landkarte, wir verteidigen die Idee selbst, dass das Menschenleben unbezahlbar ist. Und gerade deshalb ist die Ukraine heute nicht nur die Festung der weltweiten Demokratie, sondern auch das Herz Europas. Und trotz der Tatsache, dass Sabotage- und Aufklärungsgruppen des Feindes so tief von Norden und Osten her nach Pokrowsk eingedrungen sind, gelingt es, wie Experten sagen, bisher nicht, die Stadt wie von Putin bis Mitte November geplant einzunehmen. Hören wir die Worte des Präsidenten der Ukraine Volodymyr Zelensky.

Volodymyr Zelensky. Die russische Armee war schon mehrfach gezwungen, die von ihr ausgedachten Fristen für die Einnahme unseres Pokrowsk, unseres Dobropillja zu verschieben. Und jeder russische Verlust genau in diesen Richtungen, in der Region Donezk, an der Grenze zu unserer Dnipropetrowschtschyna und auch in Kupjansk, jeder einzelne russische Verlust ist ein Beitrag zu unserer Fähigkeit, den Staat zu verteidigen, unser Volk, unsere Unabhängigkeit zu schützen.

Marija Hurska. Nun, die Washington Post schreibt, Russland strebe die Eroberung von Pokrowsk an, um die Moral der Besatzer zu stärken und zusätzliche Hebel bei Verhandlungen mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, zu bekommen, indem man ihn von der Unvermeidlichkeit eines russischen Sieges und der Sinnlosigkeit von Hilfe für die Ukraine überzeugt. Was halten Sie von diesem Blick aus Übersee, und erscheint er Ihnen nicht etwas verkürzt?

Portnikov. Doch, denn ich verstehe die Logik dieser Geschichte nicht recht. Da kommt Putin zu Trump und sagt ihm: „Donald, du musst aufhören, der Ukraine zu helfen, weil wir eben Pokrowsk eingenommen haben.“ – „Welches Pokrowsk? Wozu Pokrowsk? Nun gut, ihr habt Pokrowsk eingenommen. Sag mir bitte: Wie lange habt ihr Pokrowsk eingenommen, und wie viele Menschenleben hast du aufgewendet, um dieses Pokrowsk einzunehmen? Und vor allem, Putin, was gibt es in diesem Pokrowsk, dass du es eingenommen hast? Was hast du weiter vor? Also, du hast Pokrowsk eingenommen. Bist du vielleicht bereit, das Feuer einzustellen?“ Und dann muss Putin sagen: „Na gut, ich habe Pokrowsk eingenommen, jetzt nehme ich noch Kupjansk ein und stelle das Feuer ein.“ Oder er sagt, was viel logischer ist: „Nein, ich habe nicht vor, das Feuer einzustellen, ich habe vor, die ganze Ukraine zu erobern. Und du musst verstehen, Donald, dass das unvermeidlich ist. Du musst aufhören, diesem Land zu helfen, damit ich es in den nächsten Jahren in Ruhe erobern kann.“ Und dann fragt Trump: „Warum glaubst du, dass du es so schnell eroberst, wenn du zwei Jahre für Pokrowsk gebraucht hast? Wenn du seit vier Jahren nicht das Gebiet Donezk erobern kannst, sag, was hat sich in deinem Leben in Verbindung mit der Einnahme von Pokrowsk geändert?“ Daher halte ich das ganze Gerede über die Stärkung der Verhandlungspositionen für fragwürdig. Erstens denke ich, dass Putin nicht im Geringsten beabsichtigt, irgendeine Verhandlung mit Trump zu führen. Ich bleibe bei dieser Position. Ich denke, Putin hat vor, Krieg zu führen und diesen Krieg an dem Tag zu beenden, an dem seine Truppen in der Stadt Uschhorod stehen – oder an dem Tag, an dem ihm die Kraft fehlt, den Krieg so fortzusetzen, dass seine Truppen in Uschhorod stehen. Trump interessiert Putin als Verhandlungspartner nicht besonders. Er interessiert ihn als jemand, der keine neuen Sanktionen gegen die Russische Föderation verhängen und keine neue Militärhilfe an die Ukraine geben soll. Das ist alles, worüber er mit ihm verhandeln will. Andere Interessen an Trump hatte, hat und wird Putin nicht haben. Aber wenn Trump in derselben Situation von Putin die Einstellung des Feuers an der russisch-ukrainischen Front fordert, heißt das, dass der Präsident der Vereinigten Staaten und der Präsident der Russischen Föderation nichts miteinander zu besprechen haben. Und die Einnahme von Pokrowsk oder irgendeiner anderen ukrainischen Stadt wird an der Situation des ununterbrochenen Krieges nichts ändern, solange der Präsident der Russischen Föderation an dieser Konzeption festhält. Das Einzige, was sich ändern kann, ist, dass Putin auf Trumps Atomtests mit eigenen Atomtests antworten wird, oder damit, dass er versucht, den Krieg zu eskalieren, oder damit, dass am Ende eine russische Rakete, wenn Putin bereits versteht, dass er Trump nicht von weiterer Hilfe an die Ukraine abhalten kann, ins Weiße Haus einschlägt, um endgültig zu garantieren, dass es keine neue Hilfe für die Ukraine geben wird. Aber ich glaube, dass Letzteres nicht passieren wird, weil ich nicht denke, dass Putin für eine schnellere Herbeiführung seines Sieges über die Ukraine das Risiko eines großen Atomkriegs eingehen wird – eines Sieges, von dem er, davon möchte ich Sie überzeugen, zu 100 % überzeugt ist. Ich glaube nicht, dass es in Putins politischer Biografie auch nur eine Minute gab, in der er wenigstens einen Tag daran zweifelte, dass er die Ukraine besiegen und ihr gesamtes Territorium erobern wird. Daher braucht er nicht gegen die Vereinigten Staaten Krieg zu führen. Er ist überzeugt, dass seine wichtigste Verbündete die Zeit ist. Etwas anderes ist, dass er sich irren kann – aber darüber werden wir ihm ja nicht erzählen.

Marija Hurska. Unser Kollege, der Chefredakteur von TVP World, Adam Jasser, hat den polnischen Außenminister Radosław Sikorski interviewt. Und in großem Maße betraf dieses Interview auch die Ukraine. Hören wir einen Ausschnitt dieses Gesprächs und kehren dann zurück zu unserer Studio-Diskussion.

Radosław Sikorski. Unsere Hilfe für die Ukraine ist viel größer als unsere Hilfe für Afghanistan in den 1980er Jahren. Die Ukraine plant, den Widerstand drei Jahre lang fortzusetzen. Unsere Aufgabe ist es, sie mit Ressourcen auszustatten, damit sie fortfahren kann. Ich denke, der Prozess des Niedergangs der russischen Wirtschaft hat bereits begonnen. Und dieser Krieg könnte enden wie der Erste Weltkrieg endete. Eine Seite verlor die Fähigkeit, weiterzumachen – also die Implosion Russlands oder die Einsicht der russischen Führung, dass ein Sieg unmöglich ist und deshalb ernsthafte Friedensverhandlungen nötig sind. Putin wird anerkennen müssen, dass er einen schrecklichen Fehler begangen hat, eine kriminelle Entscheidung über die Invasion getroffen hat, die nicht drei Tage dauerte, sondern mehr als drei Jahre. Und dass vielleicht weitere drei Jahre einer solchen Realität die Möglichkeiten Russlands übersteigen.

Marija Hurska. Minister Sikorski spricht von einem möglichen Sturz Russlands infolge einer solchen inneren Implosion – oder, wenn man es übersetzt, einer inneren Explosion –, die im Land stattfinden könnte. Ihrer Meinung nach: Können ausschließlich wirtschaftliche Faktoren dazu führen, oder können auch diese Todesfelder mit russischen Leichen, die wir heute bei Pokrowsk und im Allgemeinen während des gesamten Krieges an verschiedenen Punkten der ukrainischen Landkarte haben, zu dieser Implosion führen? Wir sehen, wie Russland die Ukrainer einfach mit seinem Kanonenfutter überhäuft. Und der Punkt auf der Landkarte, an dem das derzeit geschieht, ist Pokrowsk.

Portnikov. Ich möchte Sie daran erinnern, worin der Unterschied zwischen der Armee des Ersten Weltkriegs und der heutigen russischen Armee besteht. Die Armee des Ersten Weltkriegs – wie übrigens auch die Armee des Zweiten Weltkriegs – war eine mobilisierte Armee. Viele gingen in die Armee in der festen Überzeugung, die Heimat zu verteidigen – sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg. Es gab einen patriotischen Aufschwung in der Gesellschaft, sowohl der russischen als auch der sowjetischen. Heute hingegen ist es eine Söldnerarmee. Wie Sie verstehen, fragte niemand, der im Ersten Weltkrieg in die Armee ging oder in der Armee war, oder sogar niemand, der im Zweiten Weltkrieg in die sowjetische Armee ging – dort gab es eine Menge Freiwilliger, wie Sie wissen, bereits Kinder dieses neuen Staates – sie fragten nicht: „Und wie viel wird man uns bezahlen? Sagen Sie bitte, wir werden an der Schlacht um Moskau teilnehmen. Wie viel wird man uns bezahlen?“ Es gab Menschen, die mobilisiert wurden. Vielleicht wollten sie nicht sehr kämpfen, aber sie wussten, dass das eine Mobilisierung in ihrem Land ist. Es gab Menschen, die Freiwillige waren, und sie erst recht wollten keine Bezahlung für ihre Pflicht, wie sie es betrachteten. Das ist ungefähr das, was in der ukrainischen Armee geschieht. Übrigens erinnert die Armee der Sowjetunion im Juni 1941 an die ukrainische Armee im Februar 2022. Die russische Armee hingegen ist – da haben Sie völlig recht – eine Söldnerarmee. Und zu sagen, dass die russische Gesellschaft im Zusammenhang mit dem Tod eines Söldners aufstehen müsse, ist dasselbe, als würde man sagen, dass die russische Gesellschaft aufstehen muss, weil, sagen wir, ein Mitarbeiter des russischen Katastrophenschutzes bei der Beseitigung der Folgen irgendeiner Naturkatastrophe ums Leben gekommen ist. Dieser Mensch ist zur Arbeit oder zum Dienst in den Katastrophenschutz gegangen und wusste genau, dass das eine riskante Arbeit ist. Leider ist er gestorben. Man muss eine Untersuchung durchführen, herausfinden, ob man hätte so handeln können, dass die Zahl der Opfer geringer wäre. Aber dieser Mensch wusste, wofür er geht und welches Risiko er eingeht. Und dasselbe gilt für die russische Armee. Menschen, die jetzt von Verlusten unter russischen Söldnern lesen, wissen genau, dass diese für Geld in den Dienst gegangen sind und dass das ihre eigene Entscheidung war. Übrigens ist das vielleicht genau der Grund, warum der Präsident der Russischen Föderation eine echte Mobilisierung so scheut – sagen wir es so –, weil er die Erfahrung des Ersten Weltkriegs kennt, daran denkt, wie die Leute in Russland selbst flohen, als man versuchte, sie zwangsweise zu mobilisieren, und er will diese soziale Wiederholung nicht. Aber was den wirtschaftlichen Kollaps Russlands betrifft, hat Außenminister Sikorski recht, denn jedes Land, selbst eines so groß nach Territorium, nach Waffenarsenal und nach Bevölkerungszahl wie die Russische Föderation, erschöpft sich in einem langen Krieg. Natürlich, wenn der Westen der Ukraine nicht helfen würde, gäbe es eine solche Gefahr für die Russische Föderation nicht. Sie könnte einfach über viele Jahre einen langsamen Krieg führen, den Feind auf kleiner Flamme schmoren, um dann das Ergebnis zu nutzen. Aber da Russland praktisch gegen das Finanzsystem und den militärisch-industriellen Komplex der zivilisierten Welt Krieg führt, kann es in einem bestimmten Moment – wir wissen nicht, wann dieser Moment eintreten wird – an Kraft fehlen, den Krieg weiterzuführen. Erstens. Und damit die soziale Sphäre Russlands zugunsten dieser Macht funktioniert. Zweitens. Und es kann zu einem Kollaps kommen. Das stimmt. Übrigens vergleichen wir diese Situation mit dem Russischen Reich zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, aber ich würde eine genauere Analogie finden. Mir scheint, die genauere Analogie ist Deutschland. Deutschland kapitulierte überhaupt vor den Mächten der Entente zu einem Zeitpunkt, als sich auf seinem Territorium kein einziger ausländischer Soldat befand. Kein einziger Soldat. Mehr noch, damals befanden sich deutsche Soldaten in vielen Ländern der Welt, vor allem Europas.

Marija Hurska. Aber deutsche Städte wurden von den Bomben der Alliierten zerstört?

Portnikov. Im Ersten Weltkrieg?

Marija Hurska. Ich meine den Zweiten. Und Sie den Ersten?

Portnikov. Ich meine den Ersten. Zum Zweiten kommen wir noch. Im Zweiten Weltkrieg waren die Alliierten schließlich in Berlin. Aber im Ersten Weltkrieg war jemand weder in Berlin, noch in irgendeiner anderen deutschen Stadt. Die Führung Deutschlands und der deutschen Armee verstand einfach, dass, wenn es so weiterginge, das Land einfach kollabieren würde und die Truppen der Alliierten ruhig in Berlin einmarschieren würden. Sie beschlossen, besser vorzeitig zu kapitulieren, als die Situation bis zum vollständigen Zusammenbruch der Staatlichkeit zu treiben. Ich denke, so könnte es auch in Russland sein, denn irgendwann wird man zu dem Schluss kommen, dass, wenn man so weiterkämpft, Russland vor einer Dilemma stehen wird: Entweder Kernwaffen einsetzen – und zwar nicht eine Bombe, sondern den Feind einfach mit Nukleargeschossen überhäufen – oder sich mit der Notwendigkeit einverstanden erklären, den Krieg zu beenden. Ich weiß nicht, was Russland wählen wird. Wir vergessen immer, dass wir es im Unterschied zum Ersten und Zweiten Weltkrieg mit einer Atommacht zu tun haben. Aber im Prinzip wird diese Wahl anstehen: entweder, sagen wir, einen ernsthaften Krieg mit Einsatz von Kernwaffen gegen die Streitkräfte des Feindes zu beginnen – und sogar auf jenen Territorien, wo dem Feind geholfen wird –, oder den Krieg zu beenden. Zu einem solchen Dilemma werden wir früher oder später kommen.

Marija Hurska. Im selben Interview für TVP World bemerkte der polnische Außenminister Sikorski, dass selbst der Fall einer wichtigen ukrainischen Stadt keinen Anlass für eine Kapitulation der Ukraine gebe und dass der Feind sich ebenfalls in einer Sackgasse befindet. Gleichzeitig ist offensichtlich, dass die Ukraine eine Art Superlösung braucht, um standzuhalten. Versuchen wir also zu verstehen, welche Superlösung jetzt nötig und in der Lage ist, den Feind daran zu hindern, die ganze Ukraine zu erobern, und den Fall Russlands zu beschleunigen. Die britische Regierung hat die ukrainischen Bestände an Marschflugkörpern des Typs Storm Shadow aufgefüllt, die Schläge tief ins russische Territorium ermöglichen. London befürchtet den Beginn erneuter Winterangriffe gegen die ukrainische Zivilbevölkerung, insbesondere auch auf die Energieinfrastruktur. Und die Agentur behauptet, dass diese Entscheidung getroffen wurde, nachdem Donald Trump beschlossen hatte, die Lieferung der Tomahawk-Raketen an die Ukraine zu verschieben. Darüber sprechen wir gleich ebenfalls. Werden Storm Shadow helfen, die Ukraine vor dem Energieterror Russlands zu schützen und auch dazu beitragen, dass die ukrainischen Festungsstädte, insbesondere im Gebiet Donezk, standhalten?

Portnikov. Ich denke, die Hauptaufgabe solcher Raketen besteht zumindest darin, das militärische Potenzial des Feindes und seine Infrastrukturobjekte zu zerstören. Und wir haben gesehen, dass ihr Einsatz in der Vergangenheit, als diese Raketen vor allem auf den besetzten Territorien verwendet wurden, zu ziemlich ernsthaften Ergebnissen führte. Eines dieser Ergebnisse – übrigens ein kombiniertes, natürlich nicht nur mit diesen Raketen verbunden – ist, dass die Schwarzmeerflotte der Russischen Föderation ihre operative Tätigkeit in Sewastopol praktisch eingestellt hat. Solcher Beispiele könnte man viele nennen. Daher denke ich, je mehr Raketen zur Luftverteidigung die Ukraine hat und je mehr Langstreckenraketen die Ukraine hat, desto schneller nähern wir uns jenem Moment, in dem die russische Führung gezwungen sein wird, eine Wahl zu treffen – entweder zwischen der Beendigung des Krieges oder einer spürbaren Eskalation. In jedem Fall halte ich für die Ukraine keine andere Option für vorhanden, als die russische politische Führung zur Notwendigkeit zu bringen, vor einem solchen Dilemma zu stehen.

Marija Hurska. Die Botschafterin der Ukraine in den USA, Olha Stefanischyna, erklärte, dass die Ukraine mit den USA positive – ich zitiere – Verhandlungen über den Erwerb von Tomahawk-Raketen und anderer Langstreckenwaffen führt. Wir hörten Donald Trump, der in dieser Woche erneut erklärte, dass er derzeit nicht plane, der Ukraine Tomahawk-Raketen zu liefern. Sollte man dennoch mit einer positiven Entscheidung rechnen? Was könnte sie beschleunigen und in welchem zeitlichen Horizont könnte das geschehen? Denn unser langjähriger Bekannter, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des polnischen Sejm, Paweł Kowal, sagt, dass dies seiner Prognose nach noch während der Präsidentschaft Donald Trumps unweigerlich geschehen werde, dass die Ukraine also Tomahawks von den USA erhalten werde.

Portnikov. Während der Präsidentschaft Trumps kann das passieren, bedenkt man, dass diese Präsidentschaft 2029 endet und wir jetzt 2025 haben. Aber ich denke, wenn man über die Zeitrahmen spricht, muss man Folgendes verstehen: In Washington hat man, so scheint es, die Erklärungen des Kremls ernst genommen, wonach der Einsatz von Tomahawk-Raketen gegen das souveräne Territorium der Russischen Föderation erstens als Einsatz dieser Raketen nicht durch die Ukrainer, sondern durch die Amerikaner gewertet werde, und zweitens als ein Einsatz, der potenziell eine nukleare Bedrohung von Seiten nicht der Ukraine – ich wiederhole –, sondern der Vereinigten Staaten von Amerika darstellt. Wenn wir also sagen, die Russen seien sehr zynisch, weil sie uns selbst mit Raketen beschießen, die potenzielle Träger von Kernwaffen sein könnten, ist das völlig richtig. Der Unterschied liegt ausschließlich in Folgendem: Dass die Russen Vertreter einer Atommacht sind, die mit solchen Raketen einen nichtnuklearen Staat beschießen. Im Fall der Tomahawks hingegen werden die Russen der Meinung sein, dass eine Atommacht Raketen, die potenzielle Träger von Kernwaffen sind, auf das Territorium ebenfalls einer Atommacht sendet. Und somit müsse diese Atommacht einen Gegenschlag erhalten. Ich halte das für absoluten Bluff, aber in Washington nimmt man den Moment des Beginns eines Atomkriegs zwischen den USA und Russland immer sehr ernst.

Was können die Amerikaner in einer solchen Situation tun? Sie können den Russen demonstrieren, dass sie am Start von Tomahawk-Raketen nicht beteiligt sind. Dafür benötigen sie zumindest Zeiträume, die zeigen, dass sie ukrainische Soldaten im Umgang mit den Tomahawk-Raketen ausbilden. Das heißt, zuerst muss es eine Entscheidung des US-Präsidenten über die Lieferung solcher Raketen geben, dann eine gewisse Zeit zur Ausbildung der ukrainischen Soldaten, und dann, wenn diese Ausbildung abgeschlossen ist, kann man davon ausgehen, dass die Vereinigten Staaten der Ukraine die Erlaubnis geben, Tomahawk-Raketen für Schläge gegen souveräne Objekte der Russischen Föderation auf souveränem Territorium der Russischen Föderation einzusetzen. Wie viel Zeit dafür nötig ist – ein Jahr oder zwei – weiß ich nicht. Aber ich denke, dass schon in einigen Monaten das Bild des russisch-ukrainischen Krieges anders aussehen wird als jetzt, denn wir gehen von einem technologischen Wendepunkt zum nächsten. Und wir wissen nicht, wie sehr der Bedarf der Ukraine an Tomahawk-Raketen in Zukunft überhaupt noch so akut sein wird wie heute, denn manche neuen technologischen Entwicklungen könnten die Wirksamkeit von Langstreckenraketen in Frage stellen. Auch das ist möglich.

Marija Hurska. NATO-Generalsekretär Mark Rutte sprach in dieser Woche in Bukarest auf dem Forum „NATO & Industrie“ und sprach über die Bedrohung durch Russland für ganz Europa. Hören wir die O-Töne.

Mark Rutte. In absehbarer Zukunft wird Russland eine destabilisierende Kraft in Europa und der Welt bleiben. Und Russland ist nicht allein in seinen Bemühungen, die globalen Regeln zu untergraben. Wie Sie wissen, arbeitet es mit China, Nordkorea, Iran und anderen zusammen. Sie erhöhen ihre Zusammenarbeit im wehrtechnischen Bereich auf beispielloses Niveau. Sie bereiten sich auf eine langfristige Konfrontation vor. Wir dürfen nicht naiv sein. Wir müssen bereit sein. Wir ändern bereits die Lage bei der Munition. Bis vor Kurzem produzierte Russland mehr Munition als alle NATO-Verbündeten zusammen. Aber nicht mehr. Im gesamten Bündnis eröffnen wir jetzt Dutzende neuer Produktionslinien und erweitern bestehende. Wir produzieren mehr als seit Jahrzehnten. Wir müssen diesen Fortschritt in anderen Bereichen ausbauen – von hochwertiger Luftverteidigung bis zu kostengünstigen Abfangdrohnen. Hier ist die Menge der Schlüsselfaktor.

Marija Hurska. Wie ist Ihrer Meinung nach die Lage Europas und der NATO heute, und kommen die Verbündeten beim Aufwuchs der Rüstungen mit dem Tempo Russlands und der Achse des Bösen und der Ausarbeitung von Plänen neuer Aggressionsakte hinterher?

Portnikov. Verstehen Sie, für mich ist es sehr wichtig, dass die zivilisierte Welt, sagen wir, Initiative zeigt. Aber jetzt sehen wir, dass die Vereinigten Staaten, die europäischen NATO-Länder im Grunde versuchen, die Russische Föderation, China und, so seltsam es ist, die Koreanische Volksdemokratische Republik einzuholen. Natürlich sind wir in einer Atmosphäre der Konsumgesellschaft aufgewachsen, in der es immer die Frage gab: „Wozu so viel Geld für Bomben, Granaten, Munition, Raketen ausgeben, wenn man es für Kleider, Fahrräder, Fernseher und Telefone ausgeben kann?“ Aber darauf kann man antworten: „Um am Leben zu bleiben.“ Sollen Sie weniger Telefone haben, weniger Kleider. Sollen Sie in Bedingungen leben, wie ich es nennen würde, einer ehrlichen Armut, der früher oder später die ganze zivilisierte Welt entgegensehen wird, statt getötet zu werden. Sie müssen entscheiden: Entweder reich sterben oder nicht sehr reich – vielleicht arm – leben. Gewiss ist es besser, reich und gesund zu sein als arm und krank, aber noch besser ist es, am Leben zu sein. Und das ist die Antwort auf alle existenziellen Fragen, die sich erhoben haben, seit der historische Konflikt begonnen hat, über den ich die ganze Zeit spreche. Das ist der Konflikt zwischen Marktdemokratien und Marktdiktaturen. Einen solchen Konflikt hat es nie gegeben. Nach dem Zweiten Weltkrieg koexistierten Marktdemokratien neben Planwirtschaftsdiktaturen – in der Sowjetunion unter Stalin, Chruschtschow und Breschnew und in der Volksrepublik China unter Mao Zedong. Es gab eine Planwirtschaft. Gerade deshalb konnten diese zwei Welten mehr oder minder friedlich – wenn auch in einer Situation des Kalten Krieges – nebeneinander bestehen, weil sie sich nicht überschnitten. Objektiv gesprochen ist die Marktdemokratie eine Bedrohung für Marktdiktaturen, weil die Welt transparent ist und die Bevölkerung dieser Diktaturen die ganze Zeit sieht, dass man nicht nur Konsum haben kann, sondern auch Freiheit. Und das ist weitaus wirksamer als die Marktdiktatur. In dieser Situation fühlen sich Diktatoren in Ländern wie Russland oder China nicht sicher.

  • Was ist der Ausweg, damit die Tschekisten in Russland oder die Kommunisten in China an die Macht kommen bzw. sie behalten? Die Zerstörung der Marktdemokratien. Nicht Koexistenz, sondern Zerstörung. Koexistenz ist nicht möglich.
  • Was ist der Ausweg für die Marktdemokratien, um in Bedingungen zu überleben, in denen die Marktdiktaturen nicht nur neben ihnen existieren, sondern wichtige Teile ihres eigenen Wirtschaftslebens sind? Dafür sorgen, dass Marktdiktaturen zu Marktdemokratien werden.
  • Kann dieser Konflikt anders gelöst werden als durch einen großen Krieg? Nein. Es gibt keine Voraussetzungen für eine friedliche Lösung dieses Konflikts.
  • Wie kann man einen großen Krieg verhindern, der höchstwahrscheinlich den Großteil der Bevölkerung sowohl in den Marktdemokratien als auch in den Marktdiktaturen vernichten würde? Nur wenn die Marktdiktaturen sich darüber im Klaren sind, dass sie Marktdemokratien nicht angreifen können, weil sie zusammen mit ihrem gesamten militärisch-industriellen Komplex und ihrer Bevölkerung vernichtet werden. Dafür braucht es Parität bei der Bewaffnung, denn heute kann es bei den Marktdiktaturen die Illusion geben, dass, wenn sie jetzt ihren Kampf beginnen, die Marktdemokratien in Diktaturen zu verwandeln, sie nicht viel verlieren werden und mit Gewalt handeln können.

Daher gilt natürlich: Wenn es heute eine Militarisierung Europas und der Vereinigten Staaten gibt, wenn die Rüstungsindustrie auf Volllast zu arbeiten beginnt, verzögert das, so paradox es klingt, den Krieg oder macht ihn überhaupt unrealistisch. Denn verstehen Sie, Marktdiktaturen werden nicht lange existieren. Das ist ein historisches Gesetz des Marktes. Wenn Sie bei sich den Markt einführen, stoßen Sie früher oder später auf den Umstand, dass die Menschen, die in diesem Markt arbeiten – die Bourgeoisie, um die leninsche oder marxistische Terminologie zu verwenden, oder einfach der Mittelstand der Unternehmer, wenn man von der Realität spricht –, ihre Rechte verteidigen wollen, das heißt, sie wollen Freiheit. Sie werden weder den Föderalen Sicherheitsdienst der Russischen Föderation noch die Kommunistische Partei Chinas brauchen. Und früher oder später werden Revolutionen stattfinden, teils blutig, bei denen die Führung des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation oder das Politbüro des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas ausgelöscht werden. Unsere Aufgabe ist es einfach, bis zur diesen Revolutionen zu überleben. Nicht in Frieden zu überleben, aber nicht im Krieg mit der Diktatur. Das ist alles.

Marija Hurska. Sie sprachen von dieser Wahl – was man kaufen soll: Kleider und Fahrräder oder Granaten und Drohnen –, dass Europa in diesem Fall gezwungen ist, sich für Option zwei zu orientieren, um einfach das Leben seiner Bürger zu schützen. Hören wir, was der polnische Außenminister Radosław Sikorski dazu sagt, denn ich glaube, dieses Zitat ergänzt unser Gespräch hervorragend.

Radosław Sikorski. Es gibt immer einen Kompromiss zwischen Waffen und Butter. Das ist es, was uns die Russische Föderation aufgezwungen hat. Leider gab es hier in Polen, in dieser Stadt, 100 Jahre lang russische Herrschaft. Wir wollen, dass sich das niemals wiederholt, und wir werden jeden Preis dafür zahlen.

Marija Hurska. Ich fasse diesen Teil unseres Gesprächs kurz zusammen, denn ich möchte, dass wir noch ein wenig zu den Vereinigten Staaten und dem zurückkehren, was dort geschehen ist. Es gibt in dieser Woche einige gute Nachrichten sowohl für die Europäer als auch für die Ukraine. Für die Ukraine vor allem, dass im norwegischen Bodø die Verteidigungsminister von zehn NATO-Ländern, die zur Joint Expeditionary Force, JEF, gehören, ein Partnerschaftsabkommen mit der Ukraine unterzeichnet haben. Verteidigungsminister Denys Schmyhal nannte dies einen historischen Schritt. Und General Zaluzhny sagte bereits zuvor, dass diese JEF eine Alternative zur NATO sei, die eine der Optionen für Sicherheitsgarantien für die Ukraine sein könne. So oder so ist das eine sehr gute Nachricht. Und wir stellen auch fest, dass in dieser Woche der EU-Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt Andris Kubilius in Brüssel darüber Bericht erstattete, wie die Umsetzung des Plans zur Verteidigung Europas 2030 vorankommt. Und Kubilius betont erneut, dass die Europäer eine Entscheidung über einen Reparationenkredit für die Ukraine treffen und diese Gelder sofort in Rüstung lenken müssen, die die Verteidigung der Ukraine und der europäischen Grenzen ermöglicht. Und Polen, ohne auf Entscheidungen aus Europa zu warten, hat den Bau einer eigenen „Drohnenmauer“ innerhalb der nächsten drei Jahre angekündigt. Ich schlage vor, dass wir zu den Ereignissen in den Vereinigten Staaten übergehen, zumal sich in dieser Woche der Jahrestag von Donald Trumps Sieg bei den Wahlen 24 jährt. Und hören wir zur Einführung einen Beitrag unserer Korrespondentin von Slava TV, Inna Bilak, die ein kurzes Material über dieses Jahr vorbereitet hat.

Inna Bilak. 24 Stunden würden ausreichen, um den Krieg Russlands gegen die Ukraine zu beenden. Das ist eine der Wahlkampfäußerungen Donald Trumps. „Noch bevor ich das Oval Office betrete, kurz nach dem Sieg bei der Präsidentschaftswahl, werde ich den katastrophalen Krieg zwischen Russland und der Ukraine regeln.“ Doch am 20. Januar widmete der neu gewählte 47. Präsident der USA der Ukraine in seiner Antrittsrede kein einziges Wort. Und bereits am 28. Februar empfing Donald Trump Volodymyr Zelensky in Washington. Der Besuch begann mit einer Bemerkung zur fehlenden Anzugskleidung Zelenskys und endete mit einem Skandal vor den Augen der Kameras. „Sie sollten dankbar sein. Sie haben keine Trümpfe. Sie sind dort begraben, Ihre Leute sterben. Ihnen gehen die Soldaten aus.“ Volodymyr Zelensky verließ das Weiße Haus vorzeitig und unterschrieb das Abkommen über Rohstoffe nicht. Und schon am 3. März stoppte Donald Trump die Militärhilfe für die Ukraine – sogar die, die bereits unterwegs war. Die 24 Stunden zur Beendigung des Krieges in der Ukraine im Januar letzten Jahres wurden zu 100 Tagen. Auch Trumps Rhetorik änderte sich, oft nach Gesprächen mit Putin. Im Februar drängte Trump nach einem solchen Gespräch auf Friedensverhandlungen. In Saudi-Arabien trafen sich Vertreter der USA mit ukrainischen und russischen Delegationen. Im August drohte Trump Putin mit ernsthaften Konsequenzen, wenn er das Feuer nicht innerhalb von zwei Wochen einstelle. Doch seine Handlungen und Entscheidungen holten den Diktator aus der politischen Isolation. Trump war der erste der Weltführer, der anrief und später Putin zu einem Treffen in Alaska einlud. Der US-Präsident versuchte, dem russischen Staatschef günstige Bedingungen vorzuschlagen, damit er das Feuer einstellte – insbesondere den Konflikt einfrieren, die Annexion der Krim anerkennen und die Sanktionen aufheben. Putin lehnte sämtliche Vorschläge ab. Genau deshalb, schreibt die Financial Times, sagte Donald Trump die Treffen mit Wladimir Putin in Budapest ab und verhängte gleichzeitig erstmals Sanktionen gegen die Ölriesen der RF, Rosneft und Lukoil. Doch schon eine Woche später änderte er seine Meinung erneut und beschloss, der Ukraine vorerst keine Tomahawk-Langstreckenraketen zu liefern. „Präsident Putin – ich habe vor zwei Wochen mit ihm gesprochen – sagte: Wir haben versucht, diesen Krieg zehn Jahre lang zu regeln, und konnten es nicht. Sie müssen das regeln.“ Kriege zu beenden ist Trump nicht fremd – zumindest klangen solche Erklärungen vom amerikanischen Präsidenten nicht selten. Während eines Interviews beim Sender CBZ News nahm Präsident Trump aus der Innentasche seines Sakkos einen ausgedruckten Post des Außenministeriums in den sozialen Medien heraus – mit einer Liste von Kriegen, die er beendet habe. 

Trumps Worte und Eskapaden werden oft zum Gegenstand von Memes. Von ihm kommen laute Aussagen. „Der Präsident Kolumbiens ist ein Drogenhändler.“ Er ignoriert Etikette – wie bei einem Treffen in Japan: Trump sollte neben der Premierministerin des Landes stehen und sich vor der Flagge verneigen, ging aber vorbei. Migranten beschuldigte er, sie würden Katzen und Hunde essen, und Impfstoffe, Autismus zu provozieren. Nicht selten sahen wir Trumps feurige Tänze. Der amerikanische Staatschef blieb auch den Trends in sozialen Netzwerken nicht hinterher. Das hier ist zum Beispiel seine Antwort auf großangelegte Kundgebungen unter dem Motto „No King“. Berühmt ist das Video Trumps im Hubschrauber über einer Demonstration. Donald Trump nannte Wladimir Putin seinen Freund, Zelensky einen Diktator ohne Wahlen, drängte auf Verzicht auf den Donbas und meinte später, die Ukraine könne die von Russland besetzten Gebiete zurückholen. Die kontroversen Aussagen des 47. Präsidenten der USA zwingen die Ukraine und die europäischen Verbündeten dazu, auf gute Signale aus Washington zu hoffen und sich derweil eine Rüstung zuzulegen. Gleichzeitig ist Donald Trumps Zustimmungswert unter den US-Bürgern rekordniedrig. Laut CNN unterstützen ihn nur 36 % der Amerikaner. Einen so niedrigen Wert hatte keiner der US-Präsidenten seit dem Zweiten Weltkrieg.

Marija Hurska. Wie bewerten Sie dieses politische Jahr, das wir gesehen haben? Kann man von einer gewissen Transformation Donald Trumps sprechen, und wie sieht sie für die Ukraine aus – was ist Ihrer Meinung nach weiter zu erwarten?

Portnikov. Wissen Sie, ich denke, in unserem Überblick, den wir gesehen haben, fehlt das zentrale Ereignis der Präsidentschaft Donald Trumps. Und das war der Sieg von Zohrani Mamdani bei der Bürgermeisterwahl in New York.

Marija Hurska. Das besprechen wir jetzt und hören sogar Mamdani.

Portnikov. Nun, ich denke, darüber muss man sprechen. Warum? Denn das ist die reale Folge. Alles, wovon wir gerade gehört haben, sind sehr interessante, wichtige Ereignisse. Wir kennen sie gut. Unsere Kollegin hat eine sehr wichtige Arbeit geleistet, indem sie uns daran erinnert hat. Aber das sind Elemente einer Show, die mit medizinischen Elementen verbunden sind. Nun, wir verstehen doch sehr gut, dass Donald Trump nicht deshalb an der japanischen Flagge vorbeiging, weil er das Protokoll ignoriert, sondern weil er in einem solchen physischen Zustand ist. Wozu also Spielchen? Ich gehöre noch zu einer Generation, Marija, die sich an die zweite Amtszeit von Präsident Reagan erinnert, als die ersten Anzeichen der Alzheimer-Krankheit begannen. Aber wir taten alle hartnäckig so, als bemerkten wir das nicht, weil der Präsident der Vereinigten Staaten nicht in einem solchen physischen Zustand sein könne. Sie haben den physischen Zustand von Präsident Biden in den letzten Jahren seiner Amtszeit gesehen, nicht wahr? Und auch das versuchten wir nicht zu bemerken, denn – nun ja – der Präsident der Vereinigten Staaten kann nicht in einem solchen Zustand sein. Wenn er irgendwo vorbeiging, dann hat er es wohl absichtlich getan. Nein, nicht absichtlich. Präsident Trump befindet sich in einem solchen physischen Zustand. Deshalb tanzt er. Deshalb geht er an Fahnen vorbei, weil er ein Problem mit der Kondition hat. Aber eine Diagnose ist nicht meine Sache, das ist Sache der Mediziner.

Marija Hurska. Wissen Sie, wie der Vorsitzende des Rates für die Zusammenarbeit mit der Ukraine, Paweł Kowal, dieses Phänomen in unserem letzten Interview nannte? Er nannte eine solche aktuelle amerikanische Politik die Politik der Methusalems – von Führern, die sich noch an den Zweiten Weltkrieg erinnern.

Portnikov. Das ist eine gute Bezeichnung. Schade, dass Paweł in Zeiten der sowjetischen Diktatur noch ein Junge war, denn er hätte so die sowjetische Gerontokratie charakterisieren können. Sie wussten nicht, dass sie Methusalems waren, aber sie befanden sich genau im selben Zustand.

Marija Hurska. Aber wir sehen, wie diese Zeit – das Zeitalter der Politik der Methusalems – zumindest in Amerika endet, zu Ende geht. Hören wir ein O-Ton-Element aus der Wahlrede des 34-jährigen demokratischen Kandidaten, der in New York gewonnen hat. Zohran Mamdani wendet sich an die Wähler, die für ihn gestimmt haben.

Zohran Mamdani. Letztlich, wenn jemand einer Nation, die von Trump verraten wurde, zeigen kann, wie man ihn besiegt, dann ist es die Stadt, die ihn hervorgebracht hat. Wenn es eine Möglichkeit gibt, den Despoten einzuschüchtern, dann dadurch, die Bedingungen zu zerstören, die es ihm erlaubt haben, Macht anzusammeln. Das ist nicht nur ein Weg, Trump aufzuhalten, das ist ein Weg, seinen Nachfolger aufzuhalten.

Marija Hurska. Was bedeuten diese Ereignisse in den Vereinigten Staaten für uns?

Portnikov. Zohran Momdani hat das Wichtigste gesagt. Er hat vor, gegen den jungen Nachfolger Donald Trumps zu kämpfen.

Marija Hurska. Und wer ist das?

Portnikov. Das spielt keine Rolle. Es kann J. D. Vance sein, es kann Marco Rubio sein. Das Problem ist, dass es in jedem Fall ein Mensch mit ultrarechten politischen Ansichten sein wird. Denn die Basis der Republikanischen Partei ist die Basis ultrarechter politischer Ansichten. Das ist ein Bündnis von Konservativen mit Ultrarechten. Und jetzt hat sich die Demokratische Partei vor unseren Augen in ein Bündnis von Liberalen mit Ultralinken verwandelt. Das ist nicht das erste solche Bündnis. Linke Demokraten versuchten sehr oft, ein Bündnis mit Ultralinken zu finden, um die Macht im Land zu erringen. Und Konservative wollten immer ein Bündnis mit Ultrarechten, um den Linken den Weg zur Macht zu versperren. Ich erinnere Sie an ein einfaches Beispiel: Das Italien der Nachkriegszeit. Die italienischen Sozialisten unter Pietro Nenni, einem herausragenden Politiker demokratischen Typs, schließen ein politisches Bündnis mit den Kommunisten von Palmiro Togliatti und den Stalinisten, um die Macht in Italien auf demokratischem Wege zu erlangen. Und die Christdemokraten, die Zentristen unter Alcide De Gasperi, vereinbaren faktisch mit der Mafia und der Kirche, dem Vatikan, die Linken nicht an die Macht zu lassen, um das künftige Votum zu beeinflussen. Infolgedessen verwandelt sich die nach dem Krieg geschaffene Republik De Gasperis nach einigen Jahrzehnten einfach in die korrupte Ruine. Denn, wie Sie verstehen, ist ein Bündnis mit der Mafia immer Korruption, und ein Bündnis mit dem Vatikan ist immer der Vorrang konservativer Werte, der es nicht erlaubt, diese Korruption zu überwinden, wenn sie mit Verflechtungen mit der Struktur der katholischen Kirche selbst verbunden ist. Das ist eine Katastrophe. Aber wenn die Linken gewonnen hätten, wäre es vielleicht eine noch größere Katastrophe gewesen. Vielleicht hätte es italienische Kolchosen, Sowchosen, jahrzehntelange Diktatur gegeben. Und jetzt stehen die Vereinigten Staaten von Amerika genau vor einer solchen Wahl. Und übrigens haben wir vor einem Jahr darüber gesprochen. Ich sagte Ihnen, dass das Problem nicht der Sieg Donald Trumps ist. Das Problem ist, dass eine schnelle, sehr scharfe Rechtswendung die Gesellschaft immer zu einer scharfen Linkswendung führt. Und ebenso werden die Ultrarechten immer diese Idee erzeugen, dass, wenn nicht wir, dann die Ultralinken – um an der Macht zu bleiben. Und die Bevölkerung wird sagen: „Na dann lieber die Ultralinken als ihr.“

Marija Hurska. Als ich noch an der Historischen Fakultät der Schewtschenko-Universität studierte, habe ich mich einmal mit meiner Professorin gestritten und sogar die Vorlesung verlassen – was ich bedaure –, aber meine Position habe ich übrigens nicht geändert: Ich behauptete in einer Vorlesung zur neueren Geschichte, dass Ultrarechte und Ultralinke meiner Meinung nach fast dasselbe sind und dass faschistische und kommunistische Regime Zwillingsregime sind. Und sie behauptete: „Nein, sie sind gegensätzlich.“ Und im Prinzip halte ich weiter daran fest.

Portnikov. Ich wäre auch rausgegangen. Das sind Zwillingsregime.

Marija Hurska. Denn beide Regime veranlassen Menschen dazu, statt Kleider und Fahrräder weiterhin Panzer und Granaten zu wählen, die sie selbst vernichten. Und das ist das Schrecklichste. Das heißt, in dem, was Sie sagen, gibt es für uns nicht sehr viele gute Nachrichten. Wie kann man dem vorbeugen? Ich meine einen allgemeinen ultralinken Umsturz in Europa und der Welt.

Portnikov. Wir müssen einfach überleben. Es gibt hier eine andere Frage. Wenn Sie wollen, eine existenzielle für die Ukraine, eine existenzielle für Polen. Werden wir die Staatlichkeit bewahren können? Die Frage ist, ob wir die Demokratie bewahren können. Und eine weitere Frage. Sie ist für Polen nicht existenziell, aber für die Ukraine ist sie existenziell. Das heißt – was meine ich: In Polen, wenn die Demokratie in Europa zusammenbricht, kann es eine rechte Diktatur geben, eine zentristische oder eine linke. Nun, die Diktatur Piłsudskis war keine rechte, aber die Diktatur seiner Nachfolger war bereits eine rechte Diktatur. Aber das waren alles autoritäre Regime. Doch sie waren polnisch, verstehen Sie, polnisch. Piłsudski war Pole, Dmowski war Pole, sozusagen, und Rola-Żymierski war Pole, und wer auch immer – es waren Leute, die daran dachten, Polen zu bewahren. In der Ukraine hingegen gibt es andere Varianten der Diktatur. Die Diktatur kann ukrainisch sein, oder sie kann antiukrainisch sein. Die Diktatur Wiktor Janukowytschs, die uns die Russen aufzwingen wollten, war ein autoritäres antiukrainisches Regime. Das heißt, man muss die Ukraine bewahren und Bedingungen schaffen, unter denen sogar, wenn für eine Zeit die demokratischen Institutionen nicht existieren, ein autoritäres Regime die ukrainische Zivilisation nicht vernichten kann. Denn die Ukraine kann im Prinzip auch einer solchen Gefahr ausgesetzt sein, wenn der Staat erhalten bleibt, der Diktator aber antiukrainisch ist. Übrigens ein hervorragendes Beispiel für einen antinationalen Diktator ist Lukaschenko in Belarus. Er steht seit vielen Jahren an der Spitze von Belarus. Es gibt dort keine Demokratie. Aber Lukaschenko selbst ist ein Feind des belarussischen Volkes. Er hat die belarussische Sprache zerstört, die belarussische Kultur zerstört, die belarussische Sicht auf die Geschichte zerstört. Er ist im Grunde ein russischer Söldner in Minsk. Ein Söldner, der nicht die Ukraine in den Schützengräben bei Pokrowsk zerstört, sondern Belarus direkt im Präsidentenpalast. Genau das gilt es zu verhindern. In der Ukraine darf es keinen eigenen Lukaschenko, keinen eigenen Janukowytsch geben. Selbst wenn infolge des russisch-ukrainischen Krieges die ukrainische Demokratie enden sollte – was im Falle eines Zusammenbruchs der Demokratie in Europa möglich ist –, brauchen wir, dass die Ukraine erhalten bleibt. Und das klingt natürlich für viele sehr seltsam, aber ich biete Ihnen einfach Varianten des Denkens an. Natürlich ist es besser, dass es sowohl die Ukraine als auch die Demokratie gibt. Besser, dass es sowohl Polen als auch die Demokratie gibt. Das ist, als würde man sagen: „Hören Sie, im Allgemeinen ist es besser, dass es Athen und Demokratie gibt.“ Verstehen Sie, aber letztlich entsteht das Römische Reich, und Athen ist Teil einer völlig anderen Zivilisation, in der die Demokratie nicht geachtet wird. Nicht alles hängt von Athen ab. Nicht alles hängt von Athen ab, aber die Athener können Athener bleiben.

Marija Hurska. Seitdem sind andere Bedrohungen hinzugekommen, denn man könnte sagen, dass alle Hoffnung auf kluge Menschen und helle Köpfe liegt, die immer die treibende Kraft für positive Verwandlungen, für den Schutz der Demokratie sind, aber da stellt sich die Ära der künstlichen Intelligenz in den Weg. Unser Kollege, der Redakteur Michał Broniatowski, erzählte mir gestern, wie er kürzlich vor Studenten aufgetreten ist und schockiert war, dass sie nicht wissen, was der Watergate-Skandal ist, weil ihnen alles die künstliche Intelligenz schreibt und man überhaupt keine Mühe mehr aufwenden muss, um zu lernen. Ich weiß also nicht einmal, worauf unsere Hoffnungen hier ruhen sollen.

Portnikov. Das stimmt, und es stimmt auch, dass all diese Milliardäre, Billionäre vom Schlage eines Musk und Zuckerberg die Demokratie und die Meinungsfreiheit als solche nicht schätzen – so seltsam das ist, obwohl sie sich um soziale Netzwerke kümmern. Aber erinnern Sie sich: Der große Marcus Tullius Cicero, auf dessen Werken wir sowohl das Verständnis von Geschichte als auch die Redekunst gelernt haben, war genau so ein Feind der Demokratie wie Elon Musk. Das kommt vor, weil sehr oft helle Köpfe nicht zugunsten der Demokratie arbeiten, sondern zugunsten der Diktatur, weil sie ihre eigenen Interessen in der Politik oder im Geschäft schützen. Das muss man ebenfalls verstehen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Völker demokratisch gesinnt sind. Verstehen Sie? Am Ende wird alles nicht von Musk abhängen, nicht von Zuckerberg und nicht einmal von Trump und Mamdani. Alles wird von den Völkern abhängen. Wollen sie an der Führung ihrer eigenen Staaten teilnehmen oder sind sie bereit, dies Sprücheklopfern und Scharlatanen zu überlassen, die die Dienste der künstlichen Intelligenz nutzen werden. Das ist alles.

Marija Hurska. Danke für diese Sendung. Und wir können nur eines sagen: Sorgen Sie dafür, dass Ihre Kinder gute Bücher lesen. Das ist wohl das, was wir jetzt sofort für den Schutz der Demokratie in der Zukunft tun können.

Portnikov. Und dass die künstliche Intelligenz gute Bücher liest – das ist ebenfalls wichtig.

Marija Hurska. Nun, ich weiß nicht, ob wir das beeinflussen können, aber wir werden es versuchen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Покровськ тримається ціною життів | Путін кидає у бій гарматне м’ясо. 07.11.2025.

Autor: Portnikov, Marija Hurska
Veröffentlichung / Entstehung: 07.11.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.