Portnikovs dreifache Niederlage |Vitaly Portnikov @bestradioisrael. 08.01.24.

Korrespondent. In einem der letzten Streams mit Michail Feigin sind Sie zu dem Schluss gekommen, dass Israel für Putin derzeit wie ein rotes Tuch ist. Putin gefällt die Vorstellung, dass Israel auf der Weltkarte nicht mehr existiert und stattdessen der Arabische Osten entsteht. Lassen Sie uns über dieses Thema sprechen. 

Portnikov. Zunächst möchte ich sagen, dass Israel nicht von der politischen Landkarte der Welt verschwinden wird. Ich verspreche Ihnen das nicht nur, ich garantiere es. Zweitens wollen die Leute, die im Kreml sitzen, die Zerstörung des jüdischen Staates seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Ihr erinnert euch, was sie taten, um sicherzustellen, dass Israel nicht existierte. Sie selbst waren direkt an den Aktionen beteiligt, die zum Verschwinden des jüdischen Staates führen sollten. Erinnern Sie sich an die sogenannten sowjetischen Militärspezialisten in den arabischen Ländern, die direkt an den Angriffen auf israelisches Territorium beteiligt waren und direkt am Krieg teilgenommen haben. Drittens hat Russland tatsächlich die Vorstellung, die der ehemalige Botschafter der Vereinigten Staaten in Moskau, Herr Salevan, treffend formuliert hat: Die russischen Führungskräfte sind selbsternannte Feinde Amerikas. Sie haben beschlossen, dass Amerika der Hauptfeind ist und dass alle Verbündeten der USA ebenfalls ihre Feinde sind. Je schlechter es den Ländern geht, die Verbündete der Vereinigten Staaten sind, desto größer wird ihr Einfluss. Und Sie wissen, dass es damit nicht nur um Moskau geht.

Ich möchte Sie daran erinnern, dass als der US-Außenminister Antony Blinken zuletzt in Peking war, am gleichen Tag dort eine Delegation von Hamas empfangen wurde. Und, wie Sie wissen, sind die Chinesen sehr sensibel gegenüber verschiedenen protokollarischen Entscheidungen. Es kann hier keinen Zufall geben. Deshalb würde Putin sehr gerne überall verschiedene Spannungsherde schaffen, indem er die Taktik kleiner Provokationen anwendet, da er schlichtweg keine anderen Möglichkeiten hat, um den Einfluss der Vereinigten Staaten und des Kollektiven Westens zu schwächen.

Ich bin mir jedoch nicht sicher, inwieweit Russland heute in der Lage ist, tatsächlich überall solchen Schaden anzurichten. Wir sehen schließlich, dass sich derzeit fast alle russischen Streitkräfte auf die Ukraine konzentrieren.

Und das ist einer der Gründe für den Sturz von Bashars Regime. Natürlich gibt es einen weiteren wichtigen Grund, es ist der wichtigste Grund, bei dem ich dem Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zustimme. Es ist der Heldentum der israelischen Spezialkräfte und die Zerschlagung der politischen und militärischen Führung von Hezbollah, die so etwas wie das Rückgrat zur Unterstützung eines belagerten Regimes darstellte. Dies schwächt sowohl die Position des Iran in der Region als auch die Russlands. Wir erinnern uns an die grausamen Bombardierungen von Aleppo und anderen syrischen Städten. Derzeit hat Moskau nicht die Möglichkeiten dazu. 

Momentan hat sie nicht einmal die Möglichkeit, Stabilität an den Rändern der postsowjetischen Grenzen zu gewährleisten. Schauen Sie sich an, was im Transnistrien passiert. Es ist eine echte humanitäre Katastrophe. Und Russland versucht nicht einmal, die Situation zu verändern. Schauen Sie sich an, was in der Kursker Region geschieht. Es mangelt sogar an russischen Truppen für dieses Gebiet wegen dem Einmarsch der Russen in den Donbass. Und Russen haben nicht genug Mittel um auf den Gegenangriff der ukrainischen Truppen in diesem russischen Gebiet zu antworten. 

Korrespondent. Man kann noch Abchasien erwähnen. 

Portnikov. Scher, man kann auch Abchasien erwähnen. Und ch muss in diesem Zusammenhang auch sagen, dass ich seit Februar 2022 darüber spreche. Auf der einen Seite gibt es diesen allgemeinen Konflikt zwischen Demokratie und Diktatur. Auf der anderen Seite würde ich sagen, dass die Ukraine derzeit alle russischen Anstrengungen auf sich gezogen hat, und Russland hat aktuell viel weniger Möglichkeiten zur Destabilisierung der Situation im Nahen Osten. Erinnern Sie sich an die letzten Jahre, als israelische Politiker, Diplomaten und Journalisten sagten, dass Russland nun Nachbar von Israel ist? Es hat sich bequem im syrischen Gebiet und im syrischen Luftraum etabliert. Es könnte Israel schaden, wenn sich die Beziehungen zu ihm verschlechtern. Im Moment ist die große Frage, ob die russischen Militärbasen auf syrischem Territorium bleiben werden. Und wird Russland in jedem Fall den gleichen Einfluss im syrischen Luftraum haben, den es bis zum Sturz des Asad-Regimes hatte?

Korrespondent. Ja, dieser Einfluss nimmt glücklicherweise ab. Aber wissen Sie, ich habe dazu eine Frage. Wir sehen eine besondere Anziehung zwischen der Ukraine und Israel. Ich meine in Bezug auf Israelis und Ukrainer auf Menschenebene. Es besteht eine große gegenseitige Sympathie und ein tiefes Verständnis sowie Unterstützung. Jeder zieht klare Parallelen zwischen unseren Ländern.

Portnikov. Wir werden mit Waffen gleicher Herkunft beschossen.

Korrespondent. Waffen aus einheitlicher Produktion. 

Portnikov. Es kann sich um Raketen und Drohnen dieselben Typus handeln. 

Korrespondent. Die Ukraine erklärt, dass sie sich in ein neues Israel verwandeln sollte und unter feindlicher Belagerung leben muss, ähnlich wie Israel. Aber warum sehen wir auf politischer und internationaler Ebene immer noch keine Annäherung zwischen unseren Ländern, obwohl sie eigentlich enge Verbündete werden sollten? Warum ist das so? Das scheint an den Persönlichkeiten von Bibi oder Selenskyj zu liegen, vielleicht auch an veralteten sowjetischen Traditionen oder an der Angst vor Russland. Haben Sie irgendwelche Erklärungen dazu? 

Portnikov. Ich denke, es gibt hier viele unterschiedliche Aspekte, aber das hat sicherlich nichts ausschließlich mit den beteiligten Personen zu tun. Premierminister  Netanyahu ist ein erfahrener Politiker. Präsident Zelensky ist jemand, der seit mehreren Jahren ein Land führt, das sich im Krieg befindet. Ich denke, dass jeder von ihnen Prioritäten hat, die ich beispielsweise nicht als entscheidend betrachte, um festzulegen, wie Israel und die Ukraine sich in der internationalen Gemeinschaft verhalten sollten. Es ist notwendig, die Fehler beider Staaten zu kommentieren, um klare Punkte zu setzen. 

Aus Sicht Israels, über das ich seit Februar 2022 spreche, ist es wichtig, zu verstehen, dass der Krieg gegen die Ukraine kein lokaler Konflikt im postsowjetischen Raum ist. Es ist nicht nur Ausdruck spezifischer Ambitionen Moskaus, in die Grenzen der Sowjetunion zurückzukehren, sondern auch ein Konflikt um den Einflussbereich der Sowjetunion, unter anderem im Nahen Osten. Dieser Konflikt war übrigens in vielerlei Hinsicht vorbestimmt durch die Tatsache, dass Russland in Syrien Fuß fassen konnte und die Vereinigten Staaten während der Präsidentschaft von Barack Obama keinen angemessenen Widerstand leisten konnten, als es das Regime von Asad unterstützte. Deshalb habe ich von Anfang an geglaubt, dass Israel eine klare Position zum russisch-ukrainischen Krieg einnehmen sollte, so agieren sollte wie die Vereinigten Staaten und die Länder der Europäischen Union sowie Großbritannien, und zeigen sollte, dass es ein natürlicher Teil des Westens ist, damit im Falle einer Ausbreitung dieser Situation auf Israel niemand Zweifel daran hat, auf welcher Seite die Wahrheit liegt. In Israel wurde die Gefahr unterschätzt. Erinnern Sie sich noch daran? 

Korrespondent. Ja. 

Portnikov. Ich habe gesagt, dass bestimmte Orte wie Kirya Tshmene und Mitula konkret bedroht sind, und das nur wenige Wochen nach dem Beginn des russisch-ukrainischen Krieges, als bereits Charkiw, Krywyj Rih, Kyiv und Mykolaji bombardiert wurden und die russischen Truppen sich überall in der Ukraine befanden. Auf diese Ansichten wurde sanft reagiert. Meine israelischen Kollegen sprechen mit starkem Vorurteil über das Thema, was mich sehr überrascht hat. 

Jetzt wenden wir uns der Ukraine zu. Mir scheint, dass die ukrainische Führung, insbesondere Präsident Zelensky, und unsere Diplomatie der Unterstützung durch die Länder des Globalen Südens eine übertriebene Bedeutung beimessen. Ich halte diese Unterstützung für nicht besonders wichtig, und ich habe schon mehrmals öffentlich darüber gesprochen, deshalb sage ich nichts Neues. Es hat damit keinen besonderen Wert. Erinnern Sie sich an den Friedensgipfel in der Schweiz, an dem zahlreiche Vertreter aus den Ländern des Globalen Südens teilgenommen haben? Die ukrainische Diplomatie hat sehr darum gekämpft, diese „mathematische Zahl“ zu erreichen. Erinnern Sie sich, wer Israel dort vertreten hat? 

Korrespondent. Nein, ich kann mich nicht daran erinnern. 

Portnikov. Juli Edelstein. 

Korrespondent. Ja, Juli Edelstein, genau.

Portnikov. Als ein Abgeordneter der Knesset. Es ist klar, dass Juli Edelstein ein bedeutender israelischer Politiker ist. Ich habe großen Respekt vor seinem Werdegang und seinem politischen Engagement, aber er hatte zu diesem Zeitpunkt während ihrer Teilnahme an diesem Forum keine ernsten Ämter inne. Das ist eine absichtliche Minimierung der Vertretung des Israels , die, nebenbei bemerkt, auch von westlichen Diplomaten angestrebt wurde, um ja nicht irgendwelche Vertreter aus dem globalen Süden zu echauffieren. Diese Vertreter sind gekommen, haben höflich alles angehört und weiterhin ihre engen wirtschaftlichen Beziehungen zu Moskau aufrechterhalten.

Deshalb sage ich immer, dass die Ukraine, wenn sie überhaupt überleben will, westliche Mittel und westliche Waffen benötigt. Sie braucht Unterstützung aus dem Westen, denn es wird sich nichts ändern, egal ob der Globale Süden dort für irgendwelche Resolutionen stimmt oder an Forum-Veranstaltungen teilnimmt. Man sollte nicht auf diejenigen setzen, die dir weder Freunde noch Feinde sind, sondern lediglich Zeugen deiner Tragödie. Das ist das eigentliche Problem. 

Und übrigens, nach dem 7. Oktober, wie Sie wissen, habe ich mehrfach betont, dass Präsident Zelensky unverzüglich nach Jerusalem reisen sollte, um Solidarität zu zeigen. Zunächst wurde dieser Besuch von israelischer Seite verzögert, um Moskau nicht zu verärgern und nicht unnötig zu reizen. Später wurde der Besuch dann auch von ukrainischer Seite nicht besonders offensiv verfolgt, um die Länder des globalen Südens nicht zu irritieren. Und ich kann Ihnen sagen, dass es hier eine Situation gab, in der sogar im ukrainischen Expertenkreis von Präsident Zelensky – und das ist kein Scherz – ihm vorgeworfen wurde, er wolle nach Israel reisen, weil er persönliche Gefühle hat, die mit seiner jüdischen Herkunft hier zusammenhängen. Verstehen Sie? Und ich war in großer Panik, weil ich sagte. „verstehen Sie nicht, dass dieser Besuch vor allem für die Ukraine nötig ist? Präsident Biden möchte ganz logisch, dass die Ukraine in die von bösen Mächten angegriffene Achse aufgenommen wird, um es leichter zu machen, die ukrainische Hilfe in Anbetracht der Tatsache, dass alle Blicke und Ressourcen nun auf Israel nach dem 7. Oktober gerichtet sind, bereitzustellen. Die amerikanische Gesellschaft versteht diese Situation besser, wenn man sie mit Israel vergleicht. Es ist bemerkenswert, dass der Präsident der Ukraine in diesem Moment jüdischer Herkunft ist.“ Das sollte eigentlich noch stärker dafür sprechen, dass wir auf derselben Seite stehen, sozusagen am gleichen Ufer. Das würde uns bei der Unterstützung durch die Vereinigten Staaten helfen. Aber leider fand dieser Besuch nicht statt. Und ehrlich gesagt fühlt es sich für mich an wie eine dreifache Niederlage, verstehen Sie? Das ich diesen Besuch nicht gesehen habe. Sowohl als Bürger der Ukraine, als auch als Juden, der die gesamte Bedeutung Israels für jeden Juden, einschließlich, entschuldigen Sie bitte, Volodymyr Zelensky, versteht, und aus der Sicht eines politischen Analysten. Denn es handelt sich um eine einfache Aufgabe, für die es keine andere Lösung gibt und nie gegeben hat. Jede andere Lösung ist falsch. Sowohl in Kyiv als auch in Jerusalem wurde diese Aufgabe falsch angegangen. Es macht mich sehr traurig. 

Korrespondent. Präsident Zelensky gab ein Interview dem amerikanischen Journalisten Lex Friedman, in dem er unter anderem erwähnte, dass er vor möglichen Verhandlungen mit Putin zuerst mit Trump und europäischen Führern sprechen möchte, um zu Beginn über Sicherheitsgarantien für die Ukraine von den Vereinigten Staaten und europäischen Mächten zu verhandeln. Dabei sprach Präsident Zelensky nicht viel über die wesentlichen Themen der Verhandlungen mit Putin gesagt. Was wird die Ukraine, glauben Sie, in diesem Fall besprechen, sollten die Verhandlungen tatsächlich stattfinden?

Portnikov. Ich denke, dass in den nächsten Monaten und vielleicht sogar Jahren keine Verhandlungen mit Russland oder Putin zu erwarten sind. Die russische Seite ist an keinen Verhandlungen interessiert. Der Präsident Russlands, seine Umgebung und die russische Bevölkerung sind an einem Krieg zur Erschöpfung der Ukraine interessiert. Wenn Präsident Zelensky und andere Führer also überhaupt über Verhandlungen mit Putin sprechen, ist das wahrscheinlich eher ein Versuch, um in der Agenda des neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, und seiner Berater zu bleiben. Schon nach dem 20. Januar 2025, wie es in den Märchen über politische Aschenputtel öfter passiert, wird die Kutsche von Donald Trumps Absichten zum Kürbis werden. Und dann, wenn es wirklich ein Kürbis ist, können wir über das Menü diskutieren und herausfinden, welche Gerichte der neue amerikanische Präsident aus diesem Kürbis zubereiten möchte. Genau das wird er machen müssen. 

Korrespondent. Ja, aber dieser Lex Friedman ist wie eine Art Tucker Carlson Nummer 2. Er ist ein Trump-Anhänger. Warum hat sich Zelensky darauf eingelassen? 

Portnikov. Er ist kein Trumpist; er ein Podcaster. Er ist ziemlich angesehen unter den Leuten, die Donald Trump unterstützen.

Korrespondent. Ich habe das Gefühl, dass das für Zelensky eine sehr unangenehme Situation ist. 

Portnikov. Nein, ich denke, er fühlt sich wohl dabei. Haben Sie dieses Interview gesehen? 

Korrespondent. Ja. 

Portnikov. Es sind zwei Personen aus demselben sozialen Umfeld. Die Eltern von Lex, oder Alexei Fedorov, wie er, soweit ich weiß, früher genannt wurde, er hat nach seinem Umzug in die Vereinigten Staaten den Nachnamen seines Vaters angenommen, sie entschieden sich für die Vereinigten Staaten für ihr Kind. Die Eltern von Wladimir Selenski entschieden sich, dass er in der Ukraine bleiben sollte. Sie wussten, dass er plante, in Israel zu studieren? Hätten Friedmans Eltern entschieden, dass er in Russland bleibt oder wären sie in die Ukraine, nach Charkiw, zu der Heimat seiner Mutter gezogen, und die  Eltern von Zelensky hätten ihn vielleicht in die Vereinigten Staaten oder nach Israel geschickt. In diesem Fall könnte Volodymyr Zelensky ein Podcaster gewesen sein und Alexei Fedorov der Präsident der Ukraine. Und das wäre ein und dasselbe Gespräch gewesen. Sie würden einfach die Plätze tauschen. Wenn Sie sie intuitiv tauschen, werden Sie sehen, wie ähnlich sie in ihrem Denken sind. Es sind moderne junge Leute. Einer interessiert sich für technische Errungenschaften, der andere für das Fernsehen und hat damit Erfolg gehabt. Menschen ohne politischer Überzeugungen sind oft fasziniert von starken Persönlichkeiten und Entscheidungen. Ich denke, dass die Atmosphäre in der Zeit der Interview recht angenehm war. Allerdings möchte ich betonen, dass Volodymyr Zelensky in den Jahren des Krieges eine Entwicklung durchlaufen hat, die Friedman nicht erlebt hat. Friedman ist, wie eine Fliege im Bernstein, in der sowjetischen Vergangenheit seiner Familie stecken geblieben. Aus diesem Grund spricht er mit einer gewissen Huld über die russische Sprache, und er hat den Übergriff Russlands auf die Ukraine nicht verurteilt. Er erwähnte, dass alle Politiker schuld sind, aber die Völker verurteilt er nicht , weshalb er auch Zelensky dazu aufrief, Russisch zu sprechen. Sie erinnern sich an all das, oder? 

Korrespondent. Ja. 

Portnikov. Zelensky hat in 2019 versprochen, sich das Gesetz über die ukrainische Sprache anzusehen, sprach die Probleme, die es geben sollte. In diesen Jahren hat aber Zelensky, als Präsident der Ukraine, eine Evolution durchgemacht, so wie es fast bei jedem Präsidenten der Ukraine der Fall war, außer dem Verbrecher Viktor Janukowitsch. Er hat eine Entwicklung zu einem ukrainischen Staatsmann durchgemacht. Ich bin überzeugt, dass Alexei Fedorov-Friedman, wenn er Präsident geworden wäre, ebenfalls aufgrund der drei Jahre Krieg diese Entwicklung durchlaufen hätte. Da er jedoch in den Vereinigten Staaten lebt und in einer isolierten und sehr utopischen Blase von Donald-Trump-Anhängern kommuniziert, kann er sich einfach nicht weiterentwickeln.

Korrespondent. Ja, aber er geht davon aus, dass Putin ein legitimer Führer, ein Patriot ist, der sein Land und sein Volk liebt, während er bereits Millionen Menschen getötet hat. 

Portnikov. Ja, das sind alle sowjetische Ansichten. Putin ist kein legitimer Führer. In all den Jahren hat er nie eine Debatte mit einem einzigen Konkurrenten für das Präsidentenamt geführt. Er hat die Menschen physisch beseitigt, die seine Rivalen hätten sein können, denken wir an Boris Nemzow oder Alexei Nawalny, und letztes Jahr hat er politische Kräfte zerstört, die eine Alternative zu der korrupten Elite gewesen wären, die er an die Macht gebracht hat. Was Putins Liebe zu seinem Volk betrifft, so haben wir bereits im Jahr 2000 gesehen, wie er sich zu den unglücklichen Witwen der umgekommen U-Boot-Fahrern der U-Boot Kursk verhalten hat. Wie es ihn zum Weißglut gebracht hat, dass er überhaupt mit diesen Frauen sprechen sollte, die ihre Ehemänner verloren haben. 

Korrespondent. Übrigens, wir hatten in der letzten Stunde eine Anfrage von einem unserer Zuschauer. Ich habe es so verstanden, dass das Projekt „Minute nach Minute“ produziert einen Film, der ich noch nicht gesehen habe. Der Film dauert über zwei Stunden und behandelt den vor 30 Jahren stattgefundenen Sturm von Grozny. Wir werden Sie bitten, dazu einen Kommentar abzugeben. Wir empfinden Sie zurückblickend und aus der Sicht unseres heutigen Wissens und unserer Erfahrungen damaligen Krieg und der Persönlichkeit von Dschochar Dudajew. Denn ich höre von vielen russischen Oppositionsvertretern auf YouTube, dass er ein außergewöhnlicher und bewundernswerter Mensch, besonders im Vergleich zu Ramzan Kadyrow. 

Portnikov. Dschochar Dudajew war eine komplexe Persönlichkeit, ohne Zweifel. Er schuf eine personalistische Regime. Er lernte Staatsbildung, was oft bei Menschen passiert, die gerade in die Politik eintreten. Ich denke, die Tragödie Tschetscheniens und die Tragödie Tschetschenischen  Krieges ist nicht ausschließlich mit der Person Dschochar Dudajew verbunden. Sie sind vielmehr damit verbunden, dass der Föderale Sicherheitsdienst Russlands absichtlich Konflikte und Kriege geschaffen hat, um in Russland an die Macht zu kommen und die eigene Machtstruktur zu festigen. Für mich ist die Tragödie in gewisser Weise persönlich, ich glaube, ich habe das bereits erzählt; ich werde es Ihnen noch einmal schildern. Die Situation, als man Russen auf diesen Krieg vorbereitet hat. Ich war bei einem Treffen der Journalisten dabei, in der Fernsehsendung namens ‚Pressklub‘, die in jenen Jahren sehr beliebt im russischen Fernsehen war. Damals erschienen die ersten Fernsehreports über die sogenannten russischen Sklaven von Tschetschenen, erinnern Sie sich? 

Korrespondent. Ja, natürlich. 

Portnikov. Ich war damals die Meinung, das so etwas bereitet russische Bevölkerung auf den Krieg vor. Denn solche Dinge, wenn Menschen entführt und zur Arbeit gezwungen wurden, passierten nicht nur im Kaukasus, dem wurde aber ganz bewusst einen nationalen Charakter gegeben, verstehen Sie? Die gefürchteten Tschetschenen nutzen die Russen aus. Und als ich zu den Mikrofonen trat, erinnerte ich mich in diesem Moment an einen Bericht des Israelischen Rundfunks, den ich als Kind gehört hatte, angesichts der tragischen Ereignisse in den Lagern Sabra und Schatila. Mir ist eine kindliche Erinnerung geblieben, als der Journalist des Israelischen Rundfunks, entsetzt berichtete, was dort geschehen war, als die Milizeinheiten der Christen dort Kinder töteten. Das war eine weitere Lektion für Israel als Vertreter Westens im Nahost, nicht den blutigen Haken des Orients zu berühren. Ich habe gesagt, dass Sie hier in Russland, wenn Sie die russische Demokratie erhalten wollen, und wenn Sie nicht erneut in die Katastrophe geraten wollen, in der Sie viele Jahrzehnte gelebt haben, auf jeden Fall den blutigen Haken des Kaukasus vermeiden sollten, den Sie ständig anpacken. Und was hat mir die Moderatorin geantwortet? Eine bekannte russische Journalistin. Sie sagte: ‚Schüchtern Sie uns nicht ein, Vitaly.‘ Als ich das hörte, aus irgendwelchen Grund blieb mir dieser Satz besonders im Gedächtnis, war es für mich so, als wäre die Decke in diesem Studio über mir zusammengebrochen. Ich habe erkannt, dass die Zeit großer Kriege gekommen ist. In vielerlei Hinsicht ist der Tschetschenienkrieg eine Strategie. Beachten Sie, dass Putin derzeit über die Illegitimität von Zelensky spricht. Zudem erklärt er, dass er bereit ist, Vereinbarungen mit dem Vorsitzenden der Werchowna Rada der Ukraine zu unterzeichnen. Mit wem wurde der Khasavyurt-Vertrag unterschrieben? Erinnern Sie sich? Es war Maschadow, der Vertreter des amtierenden Präsidenten der Tschetschenischen Republik, Zelimkhan Yandarbiyev. Die Generäle Maschadow und Lebed haben die entsprechenden Vereinbarungen unterzeichnet. Warum Yandarbiyev? Weil Dudajew zu diesem Zeitpunkt bereits ermordet worden war. Russland war es sehr wichtig, die Macht in Tschetschenien zu delegitimieren, denn mit einer solchen Macht war es einfacher, Vereinbarungen über Entscheidungen zu vereinbaren, die später ohnehin gebrochen wurden. Und jetzt sehen wir das Gleiche. In der Ukraine gibt es einen vom Volk gewählten Präsidenten. Ähnlich wie der gewählte Präsident der Tschetschenischen Republik, der beseitigt wurde, um den Dialog mit Menschen zu erleichtern, die nicht über ein solches allgemeines Mandat verfügen. Putin macht nichts Neues. Er nutzt lediglich dieselben Techniken, die seine Vorgänger im FSB in den 90er Jahren verwendet haben. Viele von diesen Leute sind im Grunde genommen nie von der politischen Bühne verschwunden.

Der neue Krieg der USA | Vitaly Portnikov. 12.12.24.

Der designierte Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, hat die Möglichkeit eines militärischen Konflikts mit dem Iran in Aussicht gestellt. Man könne nichts ausschließen, antwortete er auf die Frage, ob es zu einem solchen Krieg kommen könnte. 

Bekanntlich war Donald Trump während seiner Zeit im Weißen Haus recht hart gegenüber dem Ayatollah-Regime und lehnte das sogenannte Atomabkommen ab, das nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des US-Präsidenten nie wieder aufgegriffen wurde. Donald Trump könnte nun weitaus mehr Druck auf den Iran ausüben, denn die Islamische Republik hat sich in den letzten Jahren zum weltweit größten Zentrum der Destabilisierung entwickelt und die so genannte Achse des Widerstands geschaffen. 

Doch in den letzten Jahren und sogar Monaten hat diese Achse des Widerstands tatsächlich ernsthafte Herausforderungen erfahren. Israel hat die Terrororganisation Hizbullah schwer angeschlagen, ihren Anführer Hassan Nasarala und andere Vertreter der militärischen und politischen Führung der nach Teheran ausgerichteten Organisation zu Ajatollah Khomeini geschickt und damit zur völligen Degradierung der libanesischen Staatlichkeit beigetragen. 

Das diktatorische Regime von Baschar al-Assad wurde gestürzt, das sich in erster Linie an Teheran orientierte, aber natürlich auch an Moskau, das in Syrien wichtige Positionen innehatte, die mit dem Einfluss der ehemaligen Sowjetunion und später des Putinschen Russlands im Mittelmeerraum verbunden waren. 

Die Terrorgruppe Hamas im Gazastreifen, die vom Iran benutzt wurde, um die Lage in Israel zu destabilisieren und am 7. Oktober 2023 einen verbrecherischen Angriff auf den jüdischen Staat zu starten, erlitt einen ziemlich schweren Schaden. Bekanntlich wurde der Führer dieser Organisation, Yahya Sinwar, kurz nach der Ermordung des Chefs des Hamas-Politbüros, Ismail Haniyeh, in Teheran, eliminiert. Die beiden führenden Köpfe der Terrororganisation gesellten sich zu anderen Mitgliedern des Hamas-Politbüros, die den aktuellen Konflikt zwischen Israel und den Terroristen nicht überlebt haben. 

Schließlich blieb die Frage offen, wie effektiv die auf Teheran ausgerichteten irakischen Terroristen und die jemenitischen Houthis, ein weiterer wichtiger Faktor, der auch zur Destabilisierung des Roten Meeres beiträgt, in Zukunft operieren können. Viele sagen jetzt, dass sich die nächsten Bemühungen, die sogenannte Achse des Widerstands endgültig zu zerstören, gegen die Houthis richten könnten. 

Bleibt noch die Frage nach dem Iran, der in den letzten Jahren zum ersten Mal in seiner Geschichte direkte Raketenangriffe auf Israel durchgeführt hat. Die Ereignisse in Syrien erleichtern die Möglichkeit weiterer Schläge gegen den Iran selbst. Das syrische Luftabwehrsystem, das für die israelische Luftwaffe eine wichtige Barriere auf dem Weg nach Teheran darstellte, wurde nun innerhalb weniger Tage durch die Bemühungen der israelischen Streitkräfte praktisch zerstört, ebenso wie andere strategische militärische Einrichtungen der Armee von Bashar Assad. Und es ist klar, dass in Syrien in den kommenden Jahren über keine Luftabwehr mehr verfügen wird. Und das ist nicht so sehr für Syrien selbst von Bedeutung, das sich in den kommenden Monaten in ein brodelndes Konglomerat rivalisierender Fraktionen verwandeln könnte, sondern für den Iran und seine Atomanlagen. 

Jerusalem könnte die Zerstörung dieser Atomanlagen in Erwägung ziehen, um dem iranischen Atomprogramm ein für alle Mal ein Ende zu setzen und Israel vor möglichen neuen Angriffen der Islamischen Republik zu schützen. Aber es ist klar, dass dies nur möglich ist, wenn der neue amerikanische Präsident dies unterstützt. Donald Trump hat damit deutlich gemacht, dass er einer solchen Eskalation der Situation nicht abgeneigt ist und dass die Vereinigten Staaten selbst in einen weiteren Krieg im Nahen Osten mit unvorhersehbaren Folgen verwickelt werden könnten, denn es ist ganz klar, dass sowohl für die Volksrepublik China als auch für die Russische Föderation, deren Führer darüber nachdenken, wie sie den Einfluss der Vereinigten Staaten während der neuen Präsidentschaft von Donald Trump schwächen können, ein Krieg mit dem Iran eine gute Gelegenheit sein könnte, Washington in einen globalen Konflikt hineinzuziehen und die Unfähigkeit der Vereinigten Staaten zu demonstrieren, gegen Verbündete Moskaus und Pekings vorzugehen. 

Hier bleibt, wie man so schön sagt, abzuwarten, wer von diesem Konflikt profitieren wird. Es ist gut möglich, dass Trumps USA bei ihrem Angriff auf das Regime der Islamischen Republik sehr viel erfolgreicher sein werden, und das Regime selbst wird den Angriff möglicherweise nicht überleben, weil auch es eine Macht ist, die sich auf Bajonette verlässt und nicht auf die Begeisterung der eigenen Bevölkerung, wie es in den ersten Jahren nach der berüchtigten Islamischen Revolution von 1979 möglich war. 

Sowohl für China als auch für Russland könnte die Unterstützung des Irans zu einem ernsthaften Problem für ihr eigenes wirtschaftliches Überleben werden, zu einer ernsthaften Verschlechterung der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten führen und eine Zersplitterung der Ereignisse bewirken, die unter der Präsidentschaft von Donald Trump tatsächlich zu einem Dritten Weltkrieg führen würde. Aber natürlich kein Krieg, der auf dem Territorium der USA selbst, Russlands und Chinas ausgetragen wird, sondern auf dem Territorium der Länder, die von Putin, Trump und Xi Jingping für eine solche tragische Konfrontation zwischen den drei wichtigsten Mächten der modernen Welt ausgewählt werden, um ihre eigenen Fähigkeiten zu behaupten und die Unfähigkeit ihrer Gegner zu beweisen, die eigene Situation zu destabilisieren. 

Es ist sicher, dass Donald Trump mit seiner Aussage, was Iran betrifft, es sei alles möglich, zeigt, dass er bereit ist, die Herausforderung von Wladimir Putin und Xi Jin Pin anzunehmen und die Vereinigten Staaten in einen neuen großen Krieg um die Neuverteilung der Chancen in der modernen Welt zu führen. 

Ja, es kann gut sein, dass dies nicht die Art von Krieg sein wird, auf die man sich nach Putins Angriff auf die Ukraine vielleicht vorbereitet hat. Es wird kein Krieg um Werte sein, sondern ein Krieg um Einflusssphären, von der die russischen und chinesischen Führer träumen. Das Ausmaß dieses Krieges, die Zahl seiner Opfer und die Höhe der wirtschaftlichen Verluste könnten sich jedoch als nicht weniger beeindruckend erweisen und in der Tat die Welt der Demokratie oder die Welt der Diktaturen vorgeben, die unseren Planeten beherrschen wird, nachdem Donald Trump das Weiße Haus verlassen wird. 

Die Frage ist nur, wie hoch die Zahl der Opfer in den kommenden Jahren dieser unerbittlichen Konfrontation sein wird und inwieweit sich der gewählte Präsident der Vereinigten Staaten selbst der Art des historischen Prozesses bewusst ist, den er in Gang setzen könnte, weil er nicht mit den Interessen der iranischen Extremisten rechnen will und versucht der Existenz eines der abscheulichsten Terrorregime der modernen Welt ein Ende zu setzen, ohne sich bewusst zu sein, dass eine solche Entscheidung eine Falle für Moskau und Peking wäre. 

Vitaly Portnikov bei Rashkin: Der Präsident der Welt und die nukleare Bedrohung. 25.11.24.

Rashkin. Nun, sehen Sie, wir leben in etwas außergewöhnlichen Zeiten. Nach dem Ende des Kalten Krieges, alles ist es vorbei. Wir befinden uns wieder in einer wunderbaren neuen Welt. Und hier möchte ich ansetzen. Ich bin bereits von einer Reihe von Leuten kontaktiert worden, die in Diskussionen über Politik gesagt haben, dass die einzige Hoffnung, all das zu verhindern, was mit Donald Trump und der nächsten Regierung kommt, darin besteht, dass Joe Biden sofort zurücktritt, Kamala Harris zur Präsidentin der Vereinigten Staaten macht und Kamala Harris dann das Kriegsrecht im Land ausruft, um so diese Veränderungen im Gesundheitswesen, unserem Militär, unserer Intelligenz, der Bildung, all die Dinge zu verhindern, mit denen uns die 47. Präsidenten droht. Was würden Sie solchen Leuten gerne sagen?

Portnikov. Dass es keinen Grund gibt, sich auf Verschwörungstheorien einzulassen. Es wird eine legitime Machtübergabe geben, wie sie in Amerika üblich ist. Donald Trump wird versuchen, die Veränderungen umzusetzen, die er seinen Wählern versprochen hat. Wie erfolgreich das sein wird, können wir nicht wissen, so wie wir es verstehen, und ich denke, es lohnt sich nicht, das jetzt zu beurteilen. Ab Januar 2025 wird es zwei Jahre lang diese Veränderungen geben, die sehr ernst sind. Die Demokratische Partei wird an ihren Fehlern arbeiten müssen, und wenn es ihr gelingt, sollte sie im Jahr 2027, wenn es Nachwahlen zum Kongress gibt, versuchen, eine Mehrheit in einem der Häuser des Kongresses zu erlangen und so versuchen, der amerikanischen Gesellschaft danach ihre Agenda anzubieten. Es kann auch gut möglich sein, das nicht gelingen wird. Wenn ich diese Art von Gerede höre, sehe ich, dass die Leute keine Konsequenzen ziehen. Was wollen sie durch das Kriegsrecht retten? Sind das Ihre russischsprachigen Gesprächspartner?

Rashkin. Nein, Amerikaner.

Portnikov. Nun, dann kennen sie die post-sowjetische historische Erfahrung sicher nicht. Wir hatten das alles schon im postsowjetischen Raum, wir hatten das alles schon 1993, als Präsident Boris Jelzin, wie Sie sich erinnern, auf den russischen Parlament in dem Machtkampf zwischen den beiden Zweigen der Macht schoss. Nachdem er selbst gegen die Verfassung verstoßen hatte, die zwar postsowjetisch oder sogar sowjetisch war, was Jelzin und den Demokraten nicht gefallen haben mag, aber es war eine gültige Verfassung, das Grundgesetz des Staates, das sie selbst proklamiert hatten. Und sie glaubten, wenn sie nicht tun, was sie tun, wenn sie diesen Parlament nicht auflösen und dann beschießen, dann würde die Macht in die Hände der Kommunisten, der Revanchisten fallen. Es gab eine Menge schrecklicher Leute in diesem russischen Parlament, auch ein Teil der kommunistischen Fraktion. 

Rashkin. Und wie toll endete das Ganze. 

Portnikov. Na ja, es ging langsam zu ende. Die Partei von Wladimir Schirinowski gewann die Wahlen zur Staatsduma. Es ist nicht so, dass das irgendwo in den 2000er Jahren passiert ist. Dann gewann 1996 der Kommunist Gennadi Sjuganow fast die Präsidentschaftswahlen. Viele glauben übrigens immer noch, dass er gewonnen hat, so dass dieser Sieg wiederum aus den besten Gründen gestohlen wurde, weil es keine andere Möglichkeit gab, dieses Problem zu lösen, als Jelzins Sieg zu sichern. Und selbst wenn wir uns Garaus einigen, dass es ein ehrliches Ergebnis war, obwohl ich immer noch Zweifel habe, dass das Verfassungsreferendum in Russland sauber war und die Wahlen von ’96 sauber waren, aber es wurde so gezählt, wie es gezählt wurde. Aber trotzdem war es eine Allianz von Oligarchen um Jelzin, er hat nur dank der Unterstützung des Großkapitals gesiegt. Alles um Demokratie Willen. Und wie Sie richtig sagten, endete das Ganze wunderbar. Alles endete mit Putins tschekistischer Revanche, der extremen Reaktion. Jetzt erscheinen all die Leute, vor denen die Russen 1993/1996 und später weglaufen wollten: Rutskoi, Chasbulatow, Sjuganow. Primakow, wie Lämmer im Vergleich zu Putin, Sie wissen schon, Lämmer. Man muss also eines ganz klar verstehen: Es gibt einen politischen Prozess, es gibt einen Prozess der Veränderung in der Gesellschaft. Die Republikanische Partei ist nicht von sich aus steil nach rechts gerückt, sie ist steil nach rechts gerückt, weil sich die amerikanische Gesellschaft in diese Richtung bewegt hat. Wenn die Republikanische Partei nicht so stark nach rechts gerückt wäre, wenn Donald Trump nicht aufgetaucht wäre, und ich gehe übrigens davon aus, dass sonst ein anderer Kandidat mit solchen Ansichten aufgetaucht wäre, dann ist dies Teil der Spaltung der Gesellschaft. Entweder werden die Amerikaner lernen, mit dieser Spaltung zu leben, oder die amerikanische Demokratie wird sterben, aber nicht durch Kriegsrecht, sondern durch die Tatsache, dass der Teil der Gesellschaft, der den Ideen und Idealen der Demokratischen Partei zugeneigt ist, nicht in der Lage sein wird, mit dem Teil der Gesellschaft zusammenzuleben, der den Ideen und Idealen dieser neuen Republikanischen Partei, der Partei des Trumpismus, zugeneigt ist. Es wird eine Spaltung des Staates geben, der Zusammenbruch des Staates. Auch das ist durchaus möglich. Das passiert in der Geschichte. Wenn zwei Teile der Gesellschaft keine gemeinsame Sprache finden, hört der Staat auf zu existieren. Es ist auf jeden Fall möglich. Bislang sehe ich aber keine Anzeichen dafür, dass es dazu kommen wird, und ich glaube, dass die amerikanische Demokratie Bestand haben wird. Dass dieses Zweiparteiensystem funktionieren wird. Dass es in der Republikanischen Partei selbst, neben den Anhängern des, wie ich sagen würde, reinen Trumpismus, viele Menschen mit einfach konservativen Ansichten gibt, die Menschen, die das moderne Amerika eigentlich geprägt haben, denn das moderne Amerika ist natürlich ein Land der Republikaner, nicht der Demokraten. Im Amerika der Nachkriegszeit hatten überwiegend Republikaner das Präsidentenamt inne, wenn Sie sich erinnern. Ich spreche von epochalen Perioden des Wandels. Reagan, Bush der Ältere, Bush der Jüngere. 

Rashkin. Kennedy wurde ermordet. Danach wurde Lyndon Johnson wiedergewählt.

Portnikov. Auf Reagan wurde geschossen und er wurde wie durch ein Wunder nicht getötet. Es könnte also auch noch ein republikanischer Präsident getötet werden. Ungefähr so beliebt wie JFK, nebenbei bemerkt. 

Rashkin. Was ich hier zu verstehen versuche, ist die Frage, wie tolerant eine Gesellschaft sein kann, um zu überleben. Das ist wahrscheinlich die Hauptfrage, die die Amerikaner auch für sich selbst zu lösen versuchen, indem sie so reden und sagen, dass diese Toleranz nicht funktioniert hat. Wir waren so tolerant, und jetzt brauchen wir nicht mehr Toleranz. 

Portnikov. Das sind auch alles sehr bedingte Dinge. Im Großen und Ganzen gibt es Gesetze, sie werden von allen Zweigen der Regierung durchgesetzt. Noch einmal: Wir wollen die Vereinigten Staaten nicht mit der Sowjetunion oder Putins Russland verwechseln.

Rashkin. Amerika ist nicht Russland. 

Portnikov. Ja, und das ist auch eine Frage, was Toleranz ist, wie sie sich entwickeln wird. Noch einmal: Sie und ich leben in einer Welt, die noch völlig unberechenbar ist. MIch bitte Sie, den Machtwechsel in den Vereinigten Staaten abzuwarten. Sie verstehen sehr gut, dass Biden nicht zurücktreten wird, niemand wird das Kriegsrecht einführen. Außerdem denke ich, dass Joseph Biden Donald Trump einen bequemen Machtwechsel ermöglichen wird. Er ist daran interessiert, weil seine eigenen Parteifreunde ihn verraten haben, sie haben ihn aus dem Wahlkampf geworfen und verloren. Er hat keinen Grund, Mitgefühl für sie zu haben. Er hat ihnen gesagt, er sei der Einzige, der Trump schlagen könne. Sie haben ihm nicht geglaubt. Jetzt sollen sie die Konsequenzen daraus ziehen.

Rashkin. Aber er ist kein Egoist. 

Portnikov. Jeder Politiker geht von seinen eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit aus. 

Rashkin. Ich bin sicher, dass Sie Recht haben, denn es scheint, dass er noch kein Gespräch mit Nancy Pelosi geführt hat. Aber ihm ist klar, was mit dem ganzen Land, der ganzen Welt passieren wird. 

Portnikov. Wovon reden wir eigentlich?  Sie fordern den Präsidenten der Vereinigten Staaten auf, aus unbekannten Gründen auf diese Weise zu handeln.

Rashkin. Ich fordere ihn nicht auf. Ich sage nur, dass keine Gründe sehr, warum Biden die Macht gerne an Trump abgeben soll.

Portnikov. Das tut er ja auch. Wir sehen das. 

Rashkin. Er tut, was sein Amt von ihm verlangt.

Portnikov. Natürlich, aber ich möchte Sie daran erinnern, dass es 2020 anders war, jeder tadelte Donald Trump, weil er es nicht tat. Und jetzt tadeln dieselben Leute, die Donald Trump dafür getadelt haben, dass er nicht für einen reibungslosen Machtwechsel sorgt, Joseph Biden dafür, dass er nicht wie Donald Trump handelt. Ihnen ist doch klar, dass das ein Unsinn ist, oder? 

Raskin. Das ist es, was ich damit meine, es ist eine Krise der Demokratie.

Portnikov. Im Moment gibt es überall auf der Welt eine Krise der Demokratie. Eine besondere Krise der Demokratie kann ich hier noch nicht erkennen. In den Vereinigten Staaten hat der republikanische Kandidat auf legale und legitime Weise gewonnen, er hat praktisch alle Swing States für sich entschieden, so wie es schon viele Male zuvor geschehen ist. Die Republikaner haben völlig legitim eine Mehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus gewonnen. Dies ist keine Krise der Demokratie. Eine Krise der Demokratie liegt vor, wenn die siegreiche Partei die Demokratie umschreibt, verstehen Sie? Das ist eine sehr offensichtliche Sache, die in der Geschichte passiert.  Wenn sie die Demokratie in dem Land, in dem sie gewonnen hat, auf legitime Art und Weise abbaut. Das ist möglich. Aber im Großen und Ganzen ist so etwas in Amerika bisher nicht passiert, ich sehe keinen Grund zu glauben, dass so etwas passieren sollte, zumal die Rede von einem Mann handelt, der bereits eine gesamten Amtszeit Präsident war und nichts Tragisches für die amerikanische Demokratie passiert ist. 

Rashkin. Sehen Sie, Politiker werden auf der Grundlage von Versprechen gewählt, die sie machen, dann werden sie gewählt, und dann haben die Menschen bis zur nächsten Wahl Zeit, um zu verstehen, ob diese Versprechen erfüllt werden oder nicht, ob sie sich daran erinnern, ob es ihnen in vier Jahren wichtig ist. Zum jetzigen Zeitpunkt hat Donald Trump gesagt, dass er diesen Krieg innerhalb von 24 Stunden beenden wird. 

Portnikov. Es spielt überhaupt keine Rolle, was Donald Trump auf Wahlkampfveranstaltungen gesagt hat, zumal wir mit Ihnen genau verstehen, dass nur ein Mann, der den Amtseid als Präsident der Vereinigten Staaten ablegt, den Krieg beenden kann, nicht ein Mann, der zum Präsidenten gewählt wird. 

Rashkin. Ich dachte, es wäre Wladimir Putin, nur Wladimir Putin kann den Krieg beenden. 

Portnikov. Nein, ich verstehe, aber als Trump davon sprach, dass er sich überhaupt an dem Prozess beteiligen wird, bezog er sich wohl auf den Zeitpunkt, an dem er in den er zum Präsidenten vereidigt wird. Das amerikanische Recht verbietet es jedem, der kein offizielles Amt innehat, sich in den offiziellen Prozess einzumischen. Das ist Logan’s Gesetz, jeder kennt es, sogar Donald Trump weiß es, glauben Sie mir. 

Wir sind uns also nicht im Klaren darüber, worüber wir überhaupt reden. Es wird eine Amtseinführung geben, wir werden sehen, wie der Ablauf ist. Zumal Trump schon jetzt nichts dergleichen sagt. Er sagt, dass es harte Arbeit sein wird, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden, er verwendet bereits eine ganz andere Rhetorik. Wahlkampfrhetorik ist eine Rhetorik. Die Rhetorik nach der Wahl ist eine andere Rhetorik. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Donald Trump versuchen wird, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden, aber wie Sie richtig sagen, ist die Person, die diesen Krieg wirklich beenden kann, nicht Donald Trump, sondern Wladimir Putin. Was sind Donald Trumps Mechanismen, um Druck auf Wladimir Putin auszuüben? Ich habe dazu große Fragen, denn ich sehe keinen Unterschied zwischen den Mechanismen, die Sie haben, und denen, die zum Beispiel Joseph Biden hat, denn wir sprechen hier nicht von einem Einflussmechanismus, einer bestimmten Person, sondern von einem Einflussmechanismus einer Institution. Wirtschaftssanktionen, Militärhilfe für die Ukraine usw. sind allesamt institutionelle Einflüsse. Donald Trump hat im Moment weniger Einfluss auf Putin als Biden. Ich kann erklären, warum. Weil der neue US-Haushalt überhaupt keine Militärhilfe für die Ukraine vorsieht. Sie ist nicht in diesem Haushalt enthalten, der demnächst verabschiedet werden soll. Es gibt auch kein gesondertes Gesetz über Militärhilfe für die Ukraine, es gibt kein Lend-Lease-Gesetz. Ja, Donald Trump könnte das theoretisch in die Wege leiten, aber es wird noch mindestens Monate dauern, bis das geschieht. Damit die von den Vereinigten Staaten versprochene Militärhilfe für die Ukraine wieder in irgendeiner Form fließen kann, muss er also vom Moment seines Amtsantritts an wirklich damit beginnen. Und ich gehe davon aus, dass er das nicht tun wird, sondern versuchen wird, mit Putin zu verhandeln. Erfolglos, oder vielleicht auch erfolgreich. Wir wissen nicht, wovon er sich leiten lassen wird und was er ihm sagen wird. Aber das ist ein wichtiger Punkt, ein wichtiges Einflussinstrument, das Biden immer in der Tasche hatte, diese Militärhilfe, die für die Ukraine sehr wichtig ist, um der russischen Aggression zu widerstehen. Jetzt hat Amerika nicht die finanziellen und budgetären Mittel, um neue Hilfen zu gewähren. Es wird wahrscheinlich bis zum Sommer dauern. Aber niemand weiß, was ab dem Sommer passieren wird, und noch einmal, wenn Sie und ich es wissen, weiß es auch Putin, oder? Nochmals, warum hätte er es so eilig? Vielleicht sollte er die Sommermonate abwarten und sehen, wie sich die ganze Sache ohne diese Hilfe überhaupt entwickelt? Als Trump also sagte, er werde Putin und Zelensky einen Deal anbieten, und wenn Putin ablehne, werde er die Ukraine mit neuer Militärhilfe überschwemmen, stellt sich die Frage, wann er feststellen wird, dass Putin abgelehnt hat, im Januar oder im Juni? Denn wenn er im Juni feststellt, dass Putin abgelehnt hat, dann wird die Ukraine erst im Dezember neue Hilfe bekommen, verstehen Sie? Und es ist nicht bekannt, an welchen territorialen Grenzen sie sich dann befinden wird, das ist alles. 

Raschkin. Ich habe ein paar Fragen zu dieser Logik. Meine erste Frage lautet: Wann wird die Ukraine erkennen, dass es keine weiteren Hilfen geben wird, und was sollte die Ukraine tun, wenn es keine weiteren Hilfen geben wird? 

Portnikov. Ich denke, dass die Ukraine das alles sehr gut versteht. Die ukrainische Führung weiß auch, wie man den amerikanischen Haushalt liest. Und die ukrainische Führung wird natürlich versuchen, mit der neuen Regierung über die Instrumente für die Zuteilung dieser Hilfe zu verhandeln. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie es in der Realität aussehen wird, weil ich nicht weiß, wie die Stimmung der neuen Regierung sein wird. Noch einmal: Ich bitte Sie dringend, bis Januar zu warten. 

Rashkin. Es sind diese verschiedenen Dinge, denn ich habe auch Kommentatoren, die schreiben: „Warum kritisierst du Trump? Warte, lass ihn etwas tun.“ Das bestreite ich nicht. Ja, man sollte ihn die Möglichkeit geben, etwas zu tun. Was ich damit sagen will, ist, dass jetzt die Zeit ist, die übrig ist, um sich auf das vorzubereiten, was passieren wird, wenn er Präsident ist.

Portnikov. Es ist unmöglich, sich darauf vorzubereiten. Erfinden Sie bitte keine Dinge. Nur die Vereinigten Staaten verfügen über die wichtigsten Arsenale der militärischen Unterstützung, niemand sonst. Man kann sich nicht auf das vorbereiten, worauf man sich nicht vorbereiten kann. Die europäischen Länder können der Ukraine finanzielle Unterstützung gewähren. Sie können der Ukraine eine gewisse Menge an militärischen Waffen zur Verfügung stellen, aber nicht die entscheidenden. Die europäischen Länder zusammen haben nicht das Waffenarsenal, das die Vereinigten Staaten haben, physisch haben sie es nicht. Es wird nicht in sechs Monaten erscheinen, selbst wenn sie ihren militärisch-industriellen Komplex einsetzen. Es sind ein paar Jahre notwendig, damit diese Unterstützung funktioniert, das ist die Realität. Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Auch hier wird es möglich sein, mit der neuen Regierung, nachdem sie ihre Arbeit aufgenommen hat, die Parameter, die Bedingungen für die militärische Unterstützung zu erörtern, falls Russland die Friedensgespräche ablehnt. Ich denke, dass Russland die Friedensgespräche nicht ablehnen wird, sondern sie ergebnislos führen wird, um sicherzustellen, dass es keine militärische Unterstützung geben wird. 

Wie die Regierung des neu gewählten Präsidenten darauf reagieren wird, weiß ich nicht. Ich weiß es nicht, nicht weil Trump unberechenbar ist, das ist nur ein Klischee, sondern weil ich nicht glaube, dass er die wirklichen Ziele und Absichten des russischen Präsidenten gut kennt. Das war’s dann auch schon. Ich glaube generell, dass es Trump sehr schwer fallen wird, eine Reihe seiner außenpolitischen Programme umzusetzen, die wichtig sind, um ihn entschlossener und schlagkräftiger als Biden erscheinen zu lassen. Es geht nicht nur um die Ukraine, es geht um den Nahen Osten. Ich glaube voll und ganz, dass der Iran in den kommenden Monaten ein Atomstaat werden wird. Und dass niemand ihn daran hindern wird. Und dann wird Präsident Trump vor der Frage stehen, ob er einen echten Krieg mit dem Iran beginnt, ob er, nicht Israel, iranische Atomanlagen bombardiert. Und Peking und Moskau könnten für den Iran einspringen, jeder auf seine Art und Weise. Moskau durch eine Eskalation in der Ukraine, Peking durch eine Eskalation im asiatisch-pazifischen Raum. Oder die Tatsache zu schlucken, dass der Iran eine weitere Atommacht geworden ist, was natürlich nie Teil seiner Politik war, weil politisches Ziel dieser Macht die Eliminierung des jüdischen Staates ist, der ebenfalls eine Atommacht ist. Das ist eine wunderbare Geschichte. Als Donald Trump das erste Mal Präsident der Vereinigten Staaten war, ist er den Weg der abrahamitischen Pakte gegangen. Ich halte das übrigens für eine bemerkenswerte außenpolitische Leistung, und wir erinnern uns, dass auch die Regierung Biden versucht hat, den gleichen Weg zu gehen, eine Verständigung zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn zu finden. Donald Trump hat, wie ich bereits sagte, mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und einer Reihe führender arabischer Länder etwas Herausragendes erreicht. Allein die diplomatischen Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten sind es wert, und es gab auch Marokko, zum Beispiel. Aber es hat sich herausgestellt, dass der Schlüssel zur Sicherheit im Nahen Osten gar nicht darin liegt, sondern in den Stellvertreterkräften des Iran, in der Hisbollah, in der Hamas, in den jemenitischen Houthis. Und das ist viel schwieriger, denn wenn man mit Staaten in einer zivilisierten Sprache reden kann, kann man mit terroristischen Gruppen nicht in einer zivilisierten Sprache reden. Und diese Gruppen benutzen, wie Sie wissen, sehr gerne Zivilisten als menschliche Schutzschilde. Und was sie nach dem 7. Oktober 2023 erreicht haben, ist meiner Meinung nach auch ein völlig unerwartetes Ergebnis für Israel und seine amerikanischen Freunde, wenn durch den gerechten Kampf Israels für seine Sicherheit nicht nur das Ansehen der Banditenorganisationen und ihrer Anhänger leidet, die im Grunde genommen den Rest der Zivilbevölkerung als Geisel nimmt. Ich spreche jetzt nicht von den Palästinensern in Gaza, aus dem einfachen Grund, weil sie für sich selbst verantwortlich sind, aber im Libanon nehmen die Schiiten eigentlich die gesamte übrige Bevölkerung dieses Staates als Geisel, Sunniten, Christen, Armenier, Drusen, alle, die deshalb unter Beschuss und Bombardierungen leiden müssen, weil die Hisbollah dem Iran in die Hände spielt. Aber es ist Israels Ruf, der leidet, nicht dessen. Und die jüngste Geschichte mit dem Haftbefehl des internationalen Strafgerichtshofs gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und den ehemaligen Verteidigungsminister Galant, die absolut schändlich ist, zeigt einmal mehr, wie sich die Welt verändert hat, dass die Vereinigten Staaten Maßnahmen ergreifen müssen, um den internationalen Strafgerichtshof zu sanktionieren und zu diskreditieren. Und das ist verständlich. Aber hätte man sich das vor zwei Jahren überhaupt vorstellen können? Vor anderthalb Jahren haben wir alle gejubelt, dass derselbe internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen Wladimir Putin erlassen hat. Erinnern Sie sich übrigens, wegen welcher Sünden gegen Wladimir Putin ein Haftbefehl des internationalen Strafgerichtshofs vorliegt? 

Rashkin. Entführung von Kindern.

Portnikov. Entführung von Kindern. Also all der Dinge, derer Benjamin Netanjahu beschuldigt wird, wird Wladimir Putin nicht beschuldigt. Die russische Armee bombardiert jeden Tag friedliche ukrainische Städte mit gelenkten Bomben aus der Luft, zerstört Charkiw, zerstört Sumy. Sie zerstört Stadtviertel in Kyiv, Odesa, Dnipro und anderen Groß- und Kleinstädten der Ukraine mit Drohnen. Es gab Gräueltaten der russischen Armee in Bucha, Borodjanka, Izyum und anderen bewohnten Gebieten der Ukraine, dokumentierte Massaker an Zivilisten, keine Luftangriffe, bei denen man nicht weiß, was dabei herauskommt, wenn man auf das nächste Hamas-Hauptquartier schießt, ob Zivilisten getötet werden oder nicht, sondern gezieltes Töten von Zivilisten ohne jedes Hauptquartier. Und das wirft der Internationale Strafgerichtshof Wladimir Putin nicht vor. Er beschuldigt ihn lediglich der Entführung von Kindern. Und die Ankläger des internationalen Strafgerichtshofs, wenn sie gefragt werden, warum ist das so, sagen, dass es keine Beweise für eine Beteiligung von Wladimir Putin an den Verbrechen der russischen Streitkräfte gibt und dass es überhaupt keine Beweise für diese Verbrechen gibt. Aber gegen der israelische Armee hat man diese Beweise, verstehen Sie? Was Netanjahu und Galant vorgeworfen wird, hätten sie also schon vor langer Zeit, vor zwei Jahren, Putin vorwerfen sollen, wenn wir nicht mit zweierlei Maß messen, sie hätten es Putin vorwerfen sollen, sie hätten es Schoigu vorwerfen sollen, sie hätten es den russischen Generälen vorwerfen sollen, mit dem Unterschied, dass Israel ein Land ist, das sich gegen eine Aggression verteidigt, und die israelischen Verteidigungsstreitkräfte sind eigentlich eine Armee, die das Richtige verteidigt. Und die russische Armee ist die Armee des Aggressors. 

Israel hat den Gaza-Streifen nicht angegriffen. Ich möchte Sie daran erinnern, dass die israelische Armee zu der Zeit, als Ariel Scharon Premierminister von Israel war, alle Truppen aus dem Gazastreifen abgezogen hat, alle Truppen. Die israelischen Siedlungen im Gazastreifen wurden aufgelöst. Daran erinnere ich mich sehr gut. Ich war damals in Israel, ich glaube, ein paar Monate davor. Und ich kaufte eine neue Ausgabe, die Idiot Ahranot, glaube ich, und auf der Titelseite waren die Porträts der Jungs von der Galani-Brigade, die damals im Gazastreifen stationiert war, die bei einer Razzia gegen die Hamas getötet worden waren.  Und alle sagten damals: „Warum sind die überhaupt dort? Es gibt dort praktisch keine jüdischen Siedlungen, lasst die Araber in Gaza alleine leben, wenn sie die jüdische Präsenz nicht mögen, und ihre eigene Selbstverwaltung aufbauen, sich selbst regieren, wir haben damit nichts zu tun.“ Das ist es, was Ariel Sharon glaubte. Das war es, was der Großteil der israelischen Gesellschaft dachte. Übrigens möchte ich Sie daran erinnern, dass Benjamin Netanjahu damals, ich glaube, es war 2005, wenn ich mich nicht irre, aus dem Likud austrat, der damals von Ariel Scharon geführt wurde, um gegen diese Politik zu protestieren, weil er sagte, dass sie zu tragischen Konsequenzen führen würde. Zu dieser Zeit gab es auch keine Raketenangriffe in Israel. Israel zeigte guten Willen, aber anstatt den Gazastreifen angesichts der vielen Gelder, die die Araber Palästinas von internationalen Organisationen erhielten, in die Vereinigten Arabischen Emirate zu verwandeln, machten sie ihn zu einer Festung für die Zerstörung des jüdischen Staates. Das ist die ganze Geschichte dieses Krieges. 

Und mit dem russisch-ukrainischen Krieg verhält es sich ganz anders. Die Ukraine hat Russland nie angegriffen, es war Russland, das seine Truppen auf ihr Territorium gebracht hat. Ich spreche deshalb so viel darüber, weil dies genau die Geschichte ist, mit der Donald Trump konfrontiert sein wird, wenn er im Januar 2025 als Präsident der Vereinigten Staaten in sein Amt eingeführt wird. Er hatte einen Ansatz für den Krieg im Nahen Osten, und jetzt muss er in einer anderen Situation einen völlig anderen Ansatz verfolgen. Ich glaube, er weiß nicht so recht, welche? Denn man sagt: er wird Israel die Hände losbinden. Sind Israels Hände im Moment wirklich gebunden? Oder: er wird einen Deal mit Putin machen. Und wie wird er einen Deal mit ihm machen? Das sind alles nur Euphemismen, hinter denen leider nichts steckt. Donald Trump glaubt an seinen Stern. Er hat diese menschliche Qualität, er glaubt an seinen Stern. Dass er einfach zum Telefonhörer greift und die Dinge anders werden. Irgendein göttlicher Glanz kommt von diesem Telefon auf den Diener Gottes, Wladimir Wladimirowitsch, herab. Aber dies ist kein Diener Gottes, niemandes Strahlen kommt auf ihn herab, und wir sehen, dass dieser Mann absolut nicht für ein Ende der Feindseligkeiten bereit ist. Und diese Geschichte mit der sogenannten Interkontinentalrakete, vielleicht eine Mittelstreckenrakete, die sogenannte Hasel, die zeigt auch noch einmal, dass er auf extreme Eskalation aus ist. Das sind alles absolute Zwischenaufgaben. Sein Ziel ist die ideologische Kapitulation Amerikas. Ich habe eine einfache Frage: Ist Donald Trump bereit, vor Wladimir Putin zu kapitulieren und vor der Welt wie ein Weichei und ein Verlierer dazustehen? Ich denke nicht, da ich seine menschlichen Qualitäten kenne. 

Das heißt, er wird einen Kompromiss suchen, aber mir scheint, dass zum jetzigen Zeitpunkt ein Kompromiss mit Putin zu, wie soll ich sagen, zu anmaßend ist. 

Raschkin. Ich glaube, es ist einfacher für mich, die Reaktion von Trump vorherzusagen als die des amerikanischen Volkes, wenn das passiert, denn Trump hat sehr gute Beziehungen zu Wladimir Putin, er schätzt sie. Das wissen wir. Aber ich werde mir ein paar Kommentare von unseren wunderbaren Zuschauern ansehen. 

Frage. Die Ukrainer greifen nach Strohhalmen, wenn es um Trumps Unberechenbarkeit geht. Er mag in anderen Fragen unberechenbar sein, aber seine Haltung gegenüber der Ukraine ist in den letzten Jahren durchweg negativ geblieben. Maga ist gegen Ukraine. 

Portnikov. Ich mache mir keine Hoffnungen auf Unberechenbarkeit, und ich habe übrigens, im Gegensatz zu vielen anderen ukrainischen und nicht-ukrainischen Kommentatoren, nie etwas über Trumps Unberechenbarkeit gesagt. Ich glaube generell, dass Trumps Unberechenbarkeit eine Fiktion ist. Trump ist absolut berechenbar, weil er ein klares System von politischen Ansichten hat. Es ist nur so, dass wir diese Ansichten vielleicht nicht mögen, aber er hat sie. Wegen dieser Ansichten würde man ihn in Europa als rechtsextremen Politiker bezeichnen. Er hat die Präsidentschaftswahlen gewonnen. Ich zweifle nicht daran, dass viele von Donald Trumps Anhängern eine negative Einstellung zur Ukraine haben. Ich habe meine Zweifel an der anderen Sache, die Donald Trump der Welt antun möchte: wie ein Mann aussehen, der sich als schwächer erwiesen hat als der Präsident Russlands. Ich weiß nicht, wie ihre Beziehung wirklich ist, denn auch wir verstehen sie nicht wirklich bis zum Ende. Wir haben einige ihrer Treffen gesehen, wir haben gesehen, dass er dort versucht hat, sich dem Wladimir Putin zu imponieren. Aber ist es möglich, über eine Beziehung zu sprechen? Das ist sehr schwer zu sagen. 

Rashkin. Es sind nur Worte, die Trump sagt, dass er immer darauf besteht, dass er eine sehr gute Beziehung hat.

Portnikov. Gute Beziehungen zu Putin und Zelensky. Das ist eine Redewendung, denn ich sehe auch nicht, dass er gute Beziehungen zu Zelensky hat. Wie man so schön sagt: Ich weiß nicht, ob Donald Trump überhaupt ein gutes Verhältnis zu jemand anderem als Donald Trump hat. Und ich habe den Eindruck, dass Donald Trump, und zwar nicht der Junior, der beste Freund von Donald Trump ist, und das sollte auch berücksichtigt werden. Wenn ich Trumps Aktivitäten analysiere, gehe ich überhaupt nicht von den nationalen Interessen der Vereinigten Staaten aus. 

Rashkin. Ich auch nicht.

Portnikov. Weil ich von der Tatsache ausgehe, dass Donald Trump von seinen eigenen Interessen ausgeht. Das ist die Art von Persönlichkeit, die er ist. Und all die Leute, die für Donald Trump gestimmt haben, wissen das sehr genau, dass wir keinen überraschen, wenn wir es sagen. Ich denke also, dass es in Donald Trumps persönlichem Interesse liegt, kein Verlierer zu sein. Trump kann getrost glauben, dass er, wenn er den Konflikt entlang der Demarkationslinie zwischen den russischen und ukrainischen Truppen einfriert, den Krieg stoppen wird, den Verlust von Menschenleben stoppen wird. Das wäre ein großer Verdienst für ihn. Die Ukrainer sollten ihm dafür dankbar sein, auch wenn sie die Kontrolle über die besetzten Gebiete nicht wiedererlangen können, und zwar aus dem einfachen Grund, dass sie im Moment nicht die physische Möglichkeit haben, diese Kontrolle wiederzuerlangen, und nicht wissen, ob sie sie in naher Zukunft haben werden. Das ist eine objektive Realität. Wenn Sie sich erinnern, haben wir zu Beginn des Krieges darüber gesprochen, und ich habe Ihnen immer die Frage gestellt, ob man sagen kann, dass die ukrainischen Streitkräfte physisch in der Lage sind, die territoriale Integrität des Landes vollständig wiederherzustellen. Und selbst wenn sie es schaffen, wird die Wiederherstellung der territorialen Integrität der Ukraine das Ende des Krieges bedeuten? Wird nicht am Tag, nachdem die ukrainischen Truppen die Grenzen von 1991 erreicht haben, ein massiver Raketenbeschuss der Ukraine mit der Zerstörung eines großen Teils des Territoriums, das befreit wird, einsetzen, wie es übrigens mit der unglücklichen Stadt Cherson geschieht, die die Russen seit 2022 bombardieren, womit sie können. Auf meinem Handy kommen alle halbe Stunde Nachrichten über den Alarm in Cherson und über die Aufhebung des Alarms in Cherson. Es ist einfach furchtbar. Ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn Donezk, Luhansk, Simferopol, Sewastopol, Jalta und so weiter befreit würden, diese Städte das Schicksal von Cherson teilen würden. Putin wäre bestrebt gewesen, sie in Ruinen zu verwandeln. Die Wiederherstellung der territorialen Integrität und die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges sind also zwei Kategorien, die nichts miteinander zu tun haben. Und Trump mag denken, dass seine Aufgabe nicht darin besteht, die territoriale Integrität wiederherzustellen, sondern den Krieg zu beenden, ihn einzufrieren. Ich kann sogar eine andere Möglichkeit während dieser Verhandlungen vorstellen,  dass Wladimir Putin mit der Hilfe von Donald Trump darauf bestehen könnte, und die Trump-Administration könnte in der Zukunft darüber nachdenken, dass die ukrainischen Truppen das Gebiet von Saporischschja, Donezk, Lugansk und Cherson Behörden, die sie kontrollieren, verlassen, und Moskau kann darüber nachdenken und davon träumen und so etwas vorschlagen. Aber ich habe eine andere Frage. Wer sagt, dass Putin dem zustimmen wird? Ich meine, wir kommen immer wieder auf diese eine Frage zurück. Wenn Donald Trump glaubt, dass er den Krieg einfrieren kann, wo haben wir dann die Hebel, die wir ziehen können, um Putin dazu zu bringen, diesem Einfrieren des Konflikts zuzustimmen? Und niemand hat eine Antwort auf diese Frage. Wir werden bis Januar 2025 keine Antwort erhalten. Ich habe eine klare Formel. Wenn Putin glaubt, dass die Wirtschaft der Russischen Föderation ein paar Jahre Krieg nicht mehr aushält, wird er die Amtseinführung von Donald Trump nutzen, um den Konflikt einzufrieren, um neue Kräfte zu sammeln, damit er nach dem Ende von Trumps politischer Karriere einen neuen Angriff auf die Ukraine starten kann. Das ist durchaus eine mögliche Option. Aber wenn Putin glaubt, dass Russlands Wirtschaft die nächsten vier Jahre überstehen kann, wird er weiterkämpfen, kein Trump wird etwas dagegen tun können. Und selbst wenn: hier sagen wir alle, dass Trump die Ölpreise senken wird. Selbst wenn die Vereinigten Staaten die Ölpreise senken können, sollten diese Ölpreise nicht nur gesenkt werden, sie sollten für zwei, zweieinhalb Jahre, vielleicht eineinhalb Jahre, in diesem Zustand der Senkung gehalten werden, damit die russische Wirtschaft wirklich dysfunktional wird. Man könnte einen ernsthaften Handelskrieg mit China beginnen. Ich bin für einen solchen Krieg, hohe Zölle gegen chinesische Produkte und so weiter, dann wird China keine Zeit für Russland haben, aber das ist auch keine Sache von einem Jahr. Das wird nicht von Januar bis Mai passieren, also reden wir über ein Telefongespräch: Wladimir, wir müssen den Krieg beenden. Das Wichtigste wird passieren, wenn wir sehen, dass Donald Trump nichts aus Wladimir Putin herausholen kann. Übrigens glaube ich, dass Donald Trump selbst dazu viel eher bereit ist als Sie und ich. Warum hat er seine Rhetorik wieder geändert? Er spricht von harter Arbeit, was bedeutet, dass es durchaus möglich ist, dass die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges eine Frage seiner Kadenz sein wird. In seiner neuen Regierung wird ständig davon gesprochen, einen Beauftragten für die russisch-ukrainischen Verhandlungen zu benennen, und ich schlage vor, eine andere Entwicklung vorzustellen. Eine klassischere. Der russisch-ukrainische Krieg im Jahr 2022, als dieser Teil davon begann, in dem wir jetzt leben, war gleichzeitig mit Verhandlungen verbunden, es gab mehrere Verhandlungsrunden in Minsk und Istanbul, und dann wurde nach Bucha beschlossen, jegliche Verhandlungen mit der Russischen Föderation abzulehnen. Präsident Zelensky hat sogar ein entsprechendes Dekret unterschrieben, das ihm verbietet, mit Putin zu verhandeln, und Putin hat schon mehrfach daran erinnert, dass Zelensky das Dekret hätte zurücknehmen müssen, um irgendeinen legitimen Verhandlungsprozess zu beginnen. Daran erinnere ich mich auch noch gut. Aber nicht alle Kriege laufen so ab, dass jemand ein Dekret erlässt, das die Verhandlungen abbricht. Sehr oft geht der Krieg gleichzeitig mit dem Verhandlungsprozess weiter. Das anschaulichste Beispiel ist der israelisch-palästinensische Konflikt. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine dauert nun schon seit über 1000 Tagen an. Und der Krieg der Hamas gegen Israel dauert schon seit fast fünfhundert Tagen an. Es geht um fünfhundert Tage, das sind fast vergleichbare Werte, aber fast alle diese 500 Tage gibt es Verhandlungsprozesse zwischen Hamas und Israel, jetzt zwischen Hisbollah und Israel. Einige Vermittler kommen ständig, Bidens Vertreter war kürzlich in Beirut, dann kam er nach Jerusalem, Hamas- und israelische Delegationen trafen sich ständig mit Vermittlern, dann in Katar, dann in Ägypten. Erst kürzlich hat sich Katar aus dem Verhandlungsprozess zurückgezogen. All diese 500 Tage der Verhandlungen und des Krieges. Ich schlage vor, diese Situation so zu betrachten. Trump könnte durchaus einen Verhandlungsprozess zur Beendigung des Krieges ankündigen, aber er könnte den Verhandlungsprozess seinem Nachfolger als Präsident der Vereinigten Staaten überlassen. Der Krieg wird also so alltäglich werden, wie er es bereits ist. Könnte ja sein, dass es 3 Jahre Krieg ohne Verhandlungen gab, genau in Februar 2025 wird es 3 Jahre Krieg und das Kommen von Trump, und die nächsten 3 Jahre Krieg mit Verhandlungen. Krieg und Verhandlung parallel. Die Verhandlungen müssen nicht mit eine Ergebnis enden, die Parteien können sich auf einige kleinere Fragen einigen, der Schifffahrt zum Beispiel, wie es bereits mit dem Getreide-Deal passierte. 

Rashkin. Verhandlungen können ein Grund sein, die Militärhilfe einzustellen, der Beginn von Verhandlungen. 

Portnikov. Aber das ist nicht das, was Trump in seinem Wahlkampf gesagt hat. Er sagte, dass er die Ukraine bewaffnen würde, wenn es eine Ablehnung des Friedens gäbe. Die Verhandlungen sind also nicht zwangsläufig eine Ablehnung der Militärhilfe. Aber ich erinnere Sie noch einmal daran, dass das Problem mit der Militärhilfe darin besteht, dass sie jetzt institutionell nicht mehr existiert, man muss sie nicht aufgeben. Sie sollte nur nicht erneuert werden, damit sie nicht mehr existiert. Ich stimme zu, dass Verhandlungen ein Vorwand sein können, um keine Militärhilfe zu leisten. Aber wenn russische Truppen während der Verhandlungen neues ukrainisches Territorium erobern und sich in den Verhandlungen nicht konstruktiv zeigen, wird Amerika die Militärhilfe wiederaufnehmen müssen, um seine Verhandlungsposition zu stärken. Denn in jedem Fall werden diese Verhandlungen von der Regierung vermittelt, und es wird für sie nicht so einfach sein, ihre Hände in Unschuld zu waschen, wie wir denken. Ich denke, das wäre der grundsätzliche Wunsch, aber leider wird es so nicht funktionieren. Zum Leidwesen von Trump wird es so nicht funktionieren. Er wird sich einmischen müssen. Und es wird viel davon abhängen, wie sich die Parteien verhalten. Ich bin mir nicht sicher, ob der jetzige Putin der Putin von 2016 ist, verstehen Sie? Der Putin von 2016, was auch immer er ist, war der Putin vor dem großen Krieg mit der Ukraine vor Bucha. Man könnte ihn noch in die gute Gesellschaft einzuladen, was auch immer das heißen mag. Ja, er wurde 2014 aus der Gruppe der Sieben ausgeschlossen. Aber Trump wollte ihn trotzdem zu diesem Gipfel einladen. Und er hat es nur wegen des Widerstands von Trumps westlichen Kollegen nicht dorthin geschafft. Aber gleichzeitig erinnere ich mich sehr gut daran, dass Präsident Macron vor dem Treffen in Biarritz Putin nach Frankreich einlud und seine Gespräche im Chateau Briganson führte. Und das war völlig normal. Erinnern Sie sich: Bis 2022 reisten die europäischen Staats- und Regierungschefs ständig zu Gesprächen mit Putin. Olaf Scholz traf sich mit ihm einige Wochen vor Kriegsbeginn, Emmanuel Macron ein paar Tage davor. Kontakte zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem Präsidenten Russlands, sie trafen sich, sowohl in der Präsidentschaft von Trump wie in der Präsidentschaft von Biden, Biden hatte mehrere Treffen mit Putin, das war normal. Und Putin hatte eine ganz andere Haltung, sogar gegenüber westlichen Staatsoberhäuptern. Er war dabei, Nord Stream Zwei fertig zu stellen. Die westlichen Staats- und Regierungschefs selbst, allen voran Angela Merkel, kämpften gegen die Sanktionen gegen diese Pipeline. Übrigens war es Donald Trump, der davor gewarnt hat, zu welch katastrophalen Folgen dieser Bau führen würde. Es waren die Europäer, die über seine Warnung gelacht haben, und er hatte in diesem Fall absolut Recht, als er sagte, dass die Energieabhängigkeit Europas von Russland eine echte Katastrophe ist. Wir können immer noch feststellen, dass die europäischen Politiker ihr Handeln nicht verarbeitet haben, aber das ist ein anderes Thema. Und der jetzige Putin ist ein Mann, der sich eindeutig für eine Ostorientierung entschieden hat. Er hat sich dafür entschieden, ein Verbündeter Chinas, Irans und Nordkoreas zu sein. Es ist eine zivilisatorische Entscheidung, nicht nur eine politische. Russland selbst hat sich im Laufe der Jahre verändert, es ist nicht mehr nur kein europäischer, sondern auch kein eurasischer Staat. Es ist ein asiatischer Staat geworden, Teil des globalen Südens. Lula Ignacio da Silva und Cyril Ramaphosa kommunizieren gernn mit Putin. Übrigens, Ramaphosa, Südafrika war bereit, Putin in Johannesburg auf dem BRICS-Treffen zu empfangen. Als der sudanesische Präsident Bashar al Rashid, gegen den ein Haftbefehl des internationalen Strafgerichtshofs wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorliegt, nach Südafrika kam, wurde er dort nicht verhaftet. Und jetzt begrüßt Südafrika einen Haftbefehl gegen Netanjahu. Das ist nur nebenbei erwähnt. Hier ist also Seril Ramofosa, Xi Jinping, der Ayatollah von Homeni, Narendra Modi, das sind jetzt alles seine Partner. Der Bruch Russlands mit dem Westen ist vollzogen, und Putin bewertet den russisch-amerikanischen Dialog auf jeden Fall unter dem Gesichtspunkt des bereits vollzogenen Bruchs. In Donald Trumps Vorstellung ist das vielleicht nicht der Fall. In Wirklichkeit ist es aber so, und deshalb haben sich die amerikanischen politischen Eliten – das gilt übrigens für Biden und Trump – geirrt, als sie dachten, Putin habe erkannt, dass sein nationales Interesse darin besteht, sich von China zu distanzieren. Russlands nationales Interesse liegt nicht darin, sich von China zu distanzieren, sondern darin, seine Interessen mit China zu verbinden. Es handelt sich um zwei totalitäre Regime, von denen das eine über die zweitstärkste Wirtschaft der Welt und das andere über die größten nuklearen Fähigkeiten verfügt. Ja, Russland hat keine Wirtschaft, aber es hat Atomwaffen. Ja, China hat keine große Atommacht, aber es hat eine Wirtschaft. Und ihr gemeinsames Ziel ist es, den Einfluss der Vereinigten Staaten zu zerschlagen. Das hat der ehemalige US-Botschafter in Russland, Sullivan, der von Präsident Trump ernannt wurde, kürzlich geschrieben, ich habe die Passagen in seinem Buch, die ich lesen konnte, sorgfältig gelesen, dass er sich in Russland mit Amerikas selbsternannten Feinden getroffen hat. So ist es. 

Rashkin. Und das Problem ist, dass dieser Herr Sullivan jetzt Teil der Opposition ist, und er ist laut an jeder Ecke, in jedem Interview, ich habe gerade ein sehr interessantes neues Interview gesehen, wo er sagt, dass wir jetzt in einem Kriegszustand mit Russland sind, sie verstehen es, und wir in Amerika verstehen es noch nicht. Der Diplomat ist sehr unglücklich, aber er sagt jetzt: Ich bin jetzt nur ein Rentner, der ein Interview gibt. 

Portnikov. Ja, ich bestreite es nicht. Alle werden sich selbst daran überzeugen müssen. Die Leute, die nicht überzeugt werden wollen, werden sich überzeugen müssen. Übrigens, Bundeskanzler Scholz hat Putin angerufen und sich vergewissert. Wenn man so einen Anruf macht, dann erwartet man, dass derjenige, mit dem man spricht, konstruktive Ansätze im Kopf hat, dass er aus der Situation herauskommen will. Der Westen hat sich ausgedacht, dass Putin in einer Falle steckt und sein Gesicht wahren möchte, aber Putin hat keine Falle. Er fühlt sich sehr wohl in seiner Haut. Seine Bedingungen für die Beendigung des Krieges mit der Ukraine haben sich seit 2022 kein bisschen geändert, sie sind sogar noch härter geworden. Hat sich die russische Wirtschaft wirklich so sehr verschlechtert, dass Putin aus der Situation herauskommen möchte? Ich weiß es nicht, aber die Frage bezieht sich nicht wirklich auf die Verschlechterung der russischen Wirtschaft, ich habe von der Verschlechterung der russischen Wirtschaft gesprochen, aber man muss es anders formulieren. Das Die Frage ist, wie Putin die russische Wirtschaft sieht. Ja, er kann die Wirtschaft zum völligen Zusammenbruch bringen. Aber das wird er vielleicht erst merken, wenn der Zusammenbruch eintritt, und wir wissen nicht, wann das sein wird. Es wäre also gut zu glauben, dass Putin ein seriöser, verantwortungsbewusster, kaltblütiger Mann ist, der sich die wirtschaftlichen Indikatoren ansieht und sagt: „Jetzt müssen wir aufhören. Jetzt stehen wir am Rande des wirtschaftlichen Abgrunds, jetzt kann Elvira Nabiulina nichts mehr tun. Das ist der Punkt. Wir haben diesen Punkt erreicht, und jetzt einigen wir uns mit Donald Trump und trennen uns von den Truppen.“ Aber das ist ein erfundener Putin, das ist der Putin aus der rosa Ponywelt. Das ist der Putin, der nicht im Kreml lebt, sondern in Donald Trumps Kopf, und dieser Putin kann Kriege nicht aufhalten, es ist nicht der Putin aus dem Kopfe, es ist der Putin aus dem Leben, der das kann. Und genau das ist das Problem. 

Rashkin. Außerdem glaube ich, dass diese Leute gar nicht merken, wenn etwas passiert, weil sie sich in einem gewissen Realitätsverlust befinden. 

Portnikov. Das war auch bei der sowjetischen Führung so, die hat erst gemerkt, was passiert ist, als die Wirtschaft völlig aus dem Gleichgewicht war und alle gesagt haben, dass die Wirtschaft am Ende ist. Michail Sergejewitsch, Nikolai Iwanowitsch, und so weiter. Und sie ergriffen Maßnahmen, die die Wirtschaft tatsächlich zerstörten. Sie wussten überhaupt nicht, was sie tun sollten. 

Rashkin. Hoffen wir, dass dieses Erwachen schnell genug kommt. Ich möchte Ihnen noch ein paar Fragen zu verschiedenen Themen stellen. Unser regelmäßiger Zuschauer schreibt: Was ist, wenn Putin etwas gegen Trump in der Hand hat? Sehen Sie, ich beantworte das so: Es funktioniert nicht, denn Trump hat bereits alles, was er braucht, dieser Goldfisch hat den Obersten Gerichtshof, den Senat, den Kongress, Amerika, alles. Welche Art von Kompromat kann Putin über eine solche Person haben? Aber ich denke, es gibt eine Art gemeinsames Interesse. Und was meinen Sie, was könnte Putin Trump anbieten? Was würde Trump nicht ablehnen wollen oder können?

Portnikov. Ich denke, es ist eine typische Verschwörungstheorie. Ich verstehe überhaupt nicht, was Putin Trump anbieten kann. Trump ist der Präsident der Vereinigten Staaten. Was kann der Präsident Russlands dem Präsidenten der Vereinigten Staaten bieten? Was bringt Kompromat gegen einen Mann, der bereits zweimal zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde und wahrscheinlich nicht zum dritten Mal gewählt wird? Man hätte ihn schon früher mit diesem Kompromat erpressen sollen, jetzt hat es keinen Sinn mehr. 

Rashkin. Woher kommt dann dieses Verhalten? 

Portnikov. Ich kann bisher kein Verhalten erkennen. Während der Amtszeit von Donald Trump als US-Präsident ist in den russisch-amerikanischen Beziehungen nichts Katastrophales passiert. Was wird jetzt passieren? Wir werden uns die Fakten ansehen. Die Tatsache, dass Donald Trump autoritär geprägte Menschen mag und daran interessiert ist, mit ihnen zu kommunizieren, und glaubt, dass er mit ihnen leicht verhandeln kann, ist eine absolut bekannte Tatsache. Aber er hat noch nie mit ihnen erfolgreich verhandelt. Hat er einen Deal mit Kim Jong-un gemacht? Mit wem von diesen Leuten hat er erfolgreich verhandelt? Ich sehe also keinen Grund dafür, dass er sich diese Dinge ausdenkt. Ja, Donald Trump mag von Glücksrittern umgeben sein, die ihre eigenen Interessen in Russland und in China haben. Was soll’s, diese Glücksritter werden normalerweise  immer durch Russland und China benutzt. Sie bringen auch nichts zustande. Wir haben das schon oft gesehen. Was hat Putin Donald Trump zu bieten, was er hat? 

Rashkin. Wir haben früher über den Turm in Moskau gesprochen, aber das ist eine alte Geschichte. Vielleicht ist es ein Platz in Ilon Musks Raumschiff zum Mars.

Portnikov. Ilon Musk selbst wird Donald Trump einen Platz in seinem Raumschiff besorgen, wenn es ein Raumschiff gibt, und ich bin mir nicht sicher, ob Donald Trump mit seinen 80 Jahren überhaupt noch irgendwo hin will. Tut mir leid, er ist ein älterer Mann, das soll man sich nicht ausdenken.

Rashkin. Nun, dann sind die Plätze für seine Kinder.

Portnikov. Was hat Putin damit zu tun? Was ist das für ein Glück, ein Platz auf einem Raumschiff, wenn die Amerikaner ihn selbst bauen? Tja, auch so etwas erfindet man, das ist alles nur die Vorstellung eines Spießbürgers von Leuten, die an der Spitze der Macht stehen. „Ich habe keine Anrichte. Wenn man mir eine Antichte anbieten würde, würde ich wahrscheinlich gerne tun, was man von mir verlangt. Trump möchte wahrscheinlich eine Anrichte mit Tassen und Löffeln haben“. Und Trump hat eine Anrichte, viele Anrichten in jedem Turm. In jedem dieser Hotelzimmer gibt es eine, erfindet das um Himmels willen nicht, das ist eine ganz andere Art der Beziehungen. 

Rashkin. Nun, nehmen wir mal an, dass es nur Anrichten sind, die Löffel sind, dann erklären Sie mir, warum Leute wie Latynina so glücklich über die Wahl von Trump sind? 

Portnikov. Ich werde nicht darüber nachdenken, worüber sich Latynina freut, sie ist eine Person, die den Bezug zur Realität verloren hat, wie viele Menschen mit rechtskonservativer Überzeugung, die nicht an Putins Hof willkommen sind. Hier lese ich von Latynina, dass Trump Zelensky zur Versöhnung zwingen wird, als ob Zelensky Putin angegriffen hätte und nicht umgekehrt, und Putin sich nun wirklich versöhnen wolle, und Zelensky: nein, wir werden kämpfen. Warum sollte ich das alles nach einem solchen Wahnsinn ernst nehmen? Sehen Sie, Latynina hält den ATACMS-Schlag für eine Provokation. Ich möchte mit Ihnen nicht über die Streiks diskutieren, aber was soll die Ukraine tun? Darauf warten, dass die Russen es zu Ende bringen?

Rashkin. Das ist es, was ich zu verstehen versuche: Was soll die Ukraine tun, wenn es kaum noch Hoffnung auf Trump gibt?

Portnikov. Die Frage ist nicht, ob es wenig Hoffnung auf Trump gibt. Die Frage ist, was passiert, wenn Putin Nein zu Trump sagt. Wenn Putin nicht nein zu Trump sagt, wird der Konflikt eingefroren. So dass man nicht den geringsten Zweifel hat.

Rashkin. Aber das wird wahrscheinlich ein weiterer Vertrag sein, den Putin schnell brechen wird. 

Portnikov. Das ist eine andere Frage, aber in der Welt eines Vertrages, den Putin brechen wird, leben wir schon in einer anderen Welt. 

Rashkin. Ja, diesen Moment werden wir noch erleben. 

Portnikov. Ja, diesen Moment werden wir noch erleben. Und wenn Putin nicht zustimmt, den Konflikt einzufrieren, dann wird es einen Krieg geben und der Westen, einschließlich der Vereinigten Staaten, wird der Ukraine helfen müssen, niemand wird von diesem Schiff herunterkommen. Das können Sie mir glauben.

Rashkin. Sehr gut. Dann lassen Sie uns kurz einen Blick auf Israel werfen. Sie haben die Situation bereits erörtert, und ich schaue sie mir jetzt an, weil ich versuche, die Prioritäten unserer Politik zu verstehen, und was ich sehe, sind nicht nur Oligarchen, sondern auch Leute mit einer – zumindest bei einigen von ihnen – eher apokalyptischen Weltsicht, in der Israel eine sehr wichtige Rolle spielt, wenn es um den Antichristen und das Ende der Welt geht. 

Portnikov. Es gibt Menschen mit solchen religiösen Überzeugungen. Aber das beeinflusst die Politik in keiner Weise. Ich sage es noch einmal: Israels Sicherheit kann nur gewährleistet werden, wenn das Problem der iranischen Stellvertreterarmeen gelöst wird, was bedeutet, dass der Iran geschwächt werden muss. Eine Schwächung des Iran ist nicht möglich, ohne China zu schwächen oder ohne dass die Vereinigten Staaten den Iran selbst direkt unter Druck setzen. Das war’s. Darin sehe ich kein Problem. Wenn die Vereinigten Staaten bereit sind, selbst gegen den Iran vorzugehen, dann kann ich Donald Trump nur applaudieren. Auch ich bin der Meinung, dass die Sicherheit Israels gewährleistet werden kann, indem man den Iran angreift und die islamische Republik zwingt, die Idee der Vernichtung des jüdischen Staates aufzugeben. Ich stimme jedem zu, der auf diese Weise handelt, aber gleichzeitig müssen wir verstehen, wie wir mit dem Problem der palästinensischen Gebiete umgehen, in denen Millionen von Menschen leben, die davon träumen, jeden Juden, den sie sehen, zu vernichten. Und auch das ist eine Realität, mit der wir leben und arbeiten müssen. 

Rashkin. Man erinnert mich gerne daran, dass ich Trump kritisiere. Im Moment geht es nicht um Trump, es geht um die Ukraine, und ich bin dafür, der Ukraine zu helfen. Wenn Trump sagt: Ich werde die Hilfe für die Ukraine unterstützen, werde ich Trump in dieser Frage zu 100 % unterstützen. Vielleicht müssen wir Trump beeinflussen, ihm etwas erklären, ihn irgendwie überzeugen. 

Portnikov. Ich denke, dass Trump in diesem Sinne alles sehr gut versteht, er rechnet damit, dass er Putin dazu bringen kann, sich mit der Ukraine zu versöhnen, dass er Putin und Zelensky dazu bringen wird, sich zu einigen. Das ist alles nicht wichtig. Wichtig ist nur, was er tun wird, wenn er sich davon überzeugt, dass seine Versuche erfolglos sind. Nun, es gibt eine einfache arithmetische Lösung für das Problem, das habe ich Ihnen gesagt. Entweder stimmt Putin mit Trump überein und der Konflikt wird an der Kontaktlinie zwischen den Truppen eingefroren, oder der Krieg geht weiter und Trump wird sehen, dass Russland sich einen Dreck um ihn schert. Und das ist das Interessanteste: Was wird Trump tun, wenn er überzeugt ist, dass das alles nicht funktionieren wird? Wird er seine Hände in Unschuld waschen oder wird er entschlossen handeln, um zu beweisen, dass er eine Kraft ist, mit der man rechnen muss. Ich kenne die Antwort darauf nicht, ich nehme an, dass Trump seine Hände in Unschuld waschen wird, aber noch einmal, was bedeutet es, dass er seine Hände in Unschuld waschen wird, dass er sich weigern wird, zu helfen, dass er sagen wird: Da Putin mich abgelehnt hat, soll die Ukraine sterben. Ich glaube nicht, dass das aus politischer Sicht passieren wird. Es wird für die etablierten Republikaner, nicht nur für die Demokraten, und für die amerikanische Gesellschaft seltsam sein. Wenn Trump einen Waffenstillstand aushandelt und die Ukraine sagt, nein, wir wollen weiterkämpfen. Ja, dann wird es eine Überraschung sein, aber so wird es auch nicht kommen. Wir verstehen das sehr gut.  Die ganze Frage dreht sich also um den Einfluss von Trump auf Putin und die Reaktion, die erfolgen wird, wenn sich herausstellt, dass Putin Trump absolut keine Beachtung schenkt. Ja, das ist durchaus möglich. Darauf müssen wir uns vorbereiten, auf den Januar 2025. 

Trump und die neue Eskalation | Vitaly Portnikov @pryamiy. 25.11.24

Korrespondent. Nun haben die USA der Ukraine endlich die Erlaubnis erteilt, mit US-Waffen auf dem Gebiet der Russischen Föderation zuzuschlagen. Was war Ihrer Meinung nach der Auslöser? War es die Beteiligung nordkoreanischer Truppen am Krieg, oder war es einfach der Lauf der Dinge? 

Portnikov. Nun, wir werden es nie mit Sicherheit wissen, und zwar aus dem einfachen Grund, dass die Verhandlungen über die Möglichkeit des Einsatzes westlicher Raketenwaffen durch ukrainische Truppen auf russischem Territorium schon mehrere Monate andauerten. Es war nicht nur die Ukraine, die dies gefordert hat, sondern auch das Vereinigte Königreich. Wie Sie wissen, wurde dies auch von Frankreich gefordert. Und es ist kein Zufall, dass der britische Premierminister Starmer und der französische Präsident Emmanuel Macron dieser Entscheidung zugestimmt haben, und davor wollten sie gezielt mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Joseph Biden, sprechen, um ihn von der Zweckmäßigkeit einer solchen Entscheidung zu überzeugen. Natürlich können wir davon ausgehen, dass es einige Auslöser gab und dass die Vereinigten Staaten, nachdem die Truppen der DVRK begonnen hatten, sich an den Kämpfen zu beteiligen, beschlossen, dass nichts sie aufhalten würde, dass Russland eine weitere rote Linie überschritten hatte und die Vereinigten Staaten im Gegenzug ihre eigene überschreiten könnten, aber gleichzeitig werden die Motive, die Joseph Biden letztlich leiteten, wohl für seine Memoiren bleiben. Das Einzige, was wir besprochen haben, war, dass Biden vor den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten keine wichtigen Entscheidungen treffen würde. Die Wahl fand statt, und Biden hatte die Möglichkeit, diese Art von Entscheidung zu treffen oder nicht zu treffen. Er hat sich für die erste Möglichkeit entschieden. 

Korrespondent. Es ist auch interessant, dass Bloomberg darüber schreibt, dass Biden mit dieser Entscheidung seinem Nachfolger, Donald Trump, einen großen psychologischen Gefallen getan hat. Ich bin sicher, Sie haben die Meinung gehört, dass dies Trump helfen wird, Putin zu zwingen, wirklich zu verhandeln und nicht nur zum Schein. Mit anderen Worten: Er hat die Verhandlungsposition der USA gestärkt. Stimmen Sie dem zu, oder sehen Sie irgendwelche Risiken für Trump selbst, wenn diese Entscheidung nach Trumps Amtsantritt rückgängig gemacht wird? 

Portnikov. Wissen Sie, ich denke nicht, dass Trump diese Entscheidung unbedingt rückgängig machen sollte, aber ich weiß auch nicht, inwieweit diese Entscheidung seine Verhandlungsposition stärken wird, denn ich weiß immer noch nicht, ob es irgendwelche Verhandlungen geben wird. Inwieweit ist Wladimir Putin an Verhandlungen zur Beendigung des Krieges interessiert? Ich war nämlich immer der Meinung, dass die Bedingungen, die Wladimir Putin für die Ukraine stellt, nicht mit der Notwendigkeit zusammenhängen, den Krieg zu beenden, sondern mit der Notwendigkeit, ihn fortzusetzen. Und ich glaube, wenn man sich wirklich vorstellt, dass die Vereinigten Staaten einigen russischen Bedingungen zustimmen werden, sogar demütigenden Bedingungen für die Ukraine, die zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges führen sollen, wird Putin sofort neue Bedingungen stellen, die noch demütigender und noch schwieriger sind. Denn Putin ist an der Eroberung des ukrainischen Staates interessiert, nicht an seinen vier Regionen und der Krim. Und ich sehe keinen Grund für den russischen Präsidenten, von dieser Idee abzurücken. Das Einzige ist, dass, wie ich schon oft gesagt habe, wenn die wirtschaftliche Lage Russlands in den nächsten Jahren vielleicht nicht so ist, wie wir uns das vorstellen können, was die Belastbarkeit angeht. Und dann wird Putin zweifellos die Gelegenheit des Machtwechsels in den Vereinigten Staaten nutzen, um einen Deal mit Trump zu machen und die Kontrolle über die vier ukrainischen Regionen und die autonome Republik Krim zu behalten. Wenn er glaubt, dass seine Wirtschaft stark genug ist, um in den kommenden Jahren die Ukraine zu erobern und den Westen zu destabilisieren, wird er für Trumps Vorschläge absolut keine Zeit haben. 

Korrespondent. Übrigens, kurz vor dieser Entscheidung hat Bundeskanzler Olaf Scholz zum ersten Mal seit langem mit Putin telefoniert. Meinen Sie, wir sollten nach einem Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen suchen? 

Portnikov. Ich glaube, dass Scholz verschiedene Motive für das Gespräch mit Präsident Putin gehabt haben könnte. Das erste Motiv ist, dass die Europäer im Allgemeinen verstehen möchten, wie der russische Präsident vor den wahrscheinlichen Gesprächen mit Präsident Trump positioniert ist. Ich glaube, sie haben erkannt, dass Putin die Bedingungen, die er der Ukraine und dem Westen im Februar 2022 gestellt hat, nicht aufgegeben hat, sondern in einigen Punkten sogar verschärft und präzisiert hat. Und vielleicht ist den europäischen Politikern deshalb bewusst, dass der Verhandlungsprozess mit Russland, der ein Ende des Krieges in absehbarer Zeit versprechen würde, nicht sehr einfach sein wird. Der zweite Punkt könnte mit den innenpolitischen Überlegungen von Scholz zusammenhängen, da in Deutschland in wenigen Monaten Wahlen anstehen. Natürlich wird Scholz sein Amt als Bundeskanzler nicht behalten können, aber er wird ein Kandidat der Sozialdemokraten für dieses Amt sein. Das ist eine Selbstverständlichkeit, und er will die politische Position seiner Partei halten. Vielleicht nicht als erste, aber als zweite Partei in der Regierungskoalition, denn Sie und ich können uns nicht vorstellen, wie die deutsche Regierung zusammengesetzt sein wird und ob es ohne die Sozialdemokratie gehen wird. In dieser Situation muss Scholz die Idee, dass man mit Putin verhandeln kann, seinen Konkurrenten aus der Hand schlagen, und das ist keineswegs die Christlich Demokratische Union, sondern die Linksparteien, insbesondere das Bündnis Sarah Wagenknecht. Sarah Wagenknecht, aber auch die Vorsitzenden der für ihre Russland-Sympathien bekannten Partei Alternative für Deutschland, besuchen regelmäßig die russische Botschaft. In Berlin sagen sie, dass mit Putin geredet werden muss, und dass die fehlende Kommunikation  an der Fortsetzung des Krieges schuld ist. Und was sehen wir? Scholz hat mit Putin gesprochen und sich vergewissert, dass der russische Staatschef selbst kein Interesse an konstruktiven Verhandlungen hat. Und das hat nicht Scholz selbst gesagt, sondern der Pressedienst des Kremls, der die Bedingungen, die Putin für die Aufnahme der Verhandlungen stellt, klar kommuniziert hat. Und diese Bedingungen kann kaum ein verantwortlicher westlicher Politiker akzeptieren. Im Großen und Ganzen erscheint Scholz nun in den Augen der, sagen wir mal, linken Wählerschaft als jemand, der der Ukraine hilft und der bereit ist, Diplomatie zu betreiben und sogar mit Putin zu reden. Aber leider sind diese Gespräche nicht von Erfolg gekrönt, und das ist nicht die Schuld von Herrn Scholz. 

Korrespondent. Interessant ist Putins vielsagende Antwort auf all dies. Die berüchtigte Oreshnik, eine ballistische Interkontinentalrakete gegen eine zivile Stadt. Gegen ein ziviles Objekt in der Stadt Dnipro. Wie ernst ist das Ihrer Meinung nach, wie wird es die Entschlossenheit des Westens beeinflussen? Die Frage ist also, ob die Ukraine weiterhin Langstrecken-Atakams einsetzen wird, wenn Kyiv bedroht ist und die Rada sogar evakuiert werden muss? 

Portnikov. Verstehen Sie, worum es hier geht? Mir scheint, dass jeder, der auf einen langen Krieg mit der Russischen Föderation vorbereitet sein will, eine einfache Sache begreifen sollte. Putin arbeitet grundsätzlich mit der Erhöhung des Einsatzes. Das ist absolut logisch für den Führer einer Atommacht, der weiß, dass sein Land nicht vernichtet werden kann, weil es über eine nukleare Kapazität verfügt, die die Menschheit auslöschen kann, und daher experimentieren kann. Putin erhöht die Einsätze immer dann, wenn er zeigen muss, dass er völlig unabhängig von jeglichem Druck auf ihn ist, und das ist auch eine bekannte Tatsache seiner politischen Biografie. Wir beobachten diese Tatsache seit dem Jahr 2000. Sobald Putin unter Druck gerät, erhöht er sofort den Einsatz. Das war schon immer so, und das wird auch im russisch-ukrainischen Krieg so sein, und darauf müssen wir uns vorbereiten. Mir scheint, dass jeder, der der Ukraine die Erlaubnis erteilt hat, westliche Waffen einzusetzen, um die Russische Föderation anzugreifen, und derjenige, der den Befehl zum Einsatz dieser Waffen gegeben hat, ich meine Präsident Biden, ich meine Präsident Zelensky, sich des Risikos bewusst sein musste, den Einsatz zu erhöhen. Und wenn sie das getan haben, dann sind sie sich dessen bewusst. Wenn wir uns vorstellen, dass sie es getan haben, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass Putin die Einsätze erhöhen würde, dann ist das eine unverantwortliche Entscheidung. Ich glaube, dass solche Entscheidungen nur verantwortungsvoll sein können. Und übrigens, wissen Sie, es gab Gerüchte im Vereinigten Königreich, dass die britische Regierung das Risiko des Einsatzes von Storm Shadow-Raketen für einen Angriff auf das Territorium der Russischen Föderation für das Vereinigte Königreich kalkuliert hat. Es ist also eine wichtige Frage, wie sich die Situation weiter entwickeln wird. Aber wenn der Einsatz westlicher Raketen aufhört, zeigt das natürlich, dass der Westen sich der Risiken solcher Aktionen auf russischem Territorium bewusst ist und sich aufgrund von Putins Beethoven-Aktionen zurückziehen wird, und Putin wird vorrücken. Ich bin überzeugt, dass Putin keine Gelegenheit verpassen wird, seine Position zu stärken, weil der Westen Angst vor diesem oder jenem Ultimatum hat. Und ich glaube nicht, dass Putin auf diese Weise aufgehalten werden kann. Ich glaube, dass der russische Präsident, wenn wir ihn überhaupt in seinen aggressiven Plänen stoppen wollen, nur durch Erschöpfung gestoppt werden kann. Es gibt einfach keine anderen Möglichkeiten, den Krieg mit der Russischen Föderation in absehbarer Zeit zu beenden, auch wenn wir über die Zukunft, die nächsten Jahre sprechen. Wenn wir über die Eskalation und die Reaktion Russlands sprechen, sehen wir, dass es nicht versucht, dem Westen direkt zu antworten. Aber heute gibt es einen großen Artikel über die Tatsache, dass die Sabotagekampagne gegen westliche Militärunternehmen zunimmt und vermutlich sogar auf die Vereinigten Staaten übergegriffen hat. Es hat bereits zwei Brände gegeben, von denen nicht klar ist, ob sie zufällig waren oder nicht, aber Putin handelt asymmetrisch. Und natürlich wird die Ukraine diese direkten Antworten erhalten, leider. Nun, noch einmal, wir wissen, dass Putin wiederholt im Westen agiert hat, und das ist auch eine absolut akzeptable Handlungsweise für ihn, wir wissen, dass seine Agenten ein Militärlager in der Tschechischen Republik in Brand gesetzt haben. Sie haben versucht, einen der größten Waffenhändler in Bulgarien zu töten. Warum sollte es uns überraschen, dass Putin seinen Krieg mit der Ukraine auf den Westen ausdehnen würde? Herr Sullivan, der ehemalige US-Botschafter in Russland, der vor kurzem ein Buch mit seinen Memoiren veröffentlicht hat, macht deutlich, dass Putin und seine Verbündeten sich, wie er sagt, als die selbst ernannten Hauptfeinde der Vereinigten Staaten betrachten. Ihre politische Existenz hängt davon ab, wie gut es ihnen gelingt, die Vereinigten Staaten zu destabilisieren, dort Chaos zu stiften und die Vereinigten Staaten ihrer Rolle als führende Macht in der demokratischen Welt zu berauben. Zweifelsohne wird Russland dies auch weiterhin tun und die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzen. Es kann kein wirtschaftlicher Konkurrent der Staaten sein, aber um einen demokratischen Staat von seinem Sockel zu stoßen, muss man nicht wirtschaftlich stark genug sein, man muss destabilisierend wirken, man muss  seine Unfähigkeit demonstrieren, auf externe Vektoren zu reagieren, man muss ihn mit Hilfe der Agenten und Geheimdienste auf dem internen Vektor destabilisieren, und das ist eine bekannte Technik. Wie Sie wissen, wird er diese Technik in der Amtszeit von Präsident Trump anwenden und alles dafür tun, dass die Vereinigten Staaten die Rolle verlieren, die sie in der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg gespielt haben und immer noch spielen. 

Korrespondent. Hier ist, was ein Kolumnist der New York Times über diese Situation schrieb: Einige Analysten sehen einen weiteren Grund, warum Putin jetzt bereit sein könnte, mehr Risiken einzugehen. Trumps mögliche Rückkehr ins Weiße Haus“. „Schließlich“, so zitiere ich, „spiegeln Putins Drohungen mit einem globalen Krieg Trumps Rhetorik wider, der Biden beschuldigt, den Dritten Weltkrieg zu riskieren.“ Putin, der Trump nach seinem Wahlsieg schnell lobte, könnte also glauben, dass ein aggressiveres Vorgehen ihm helfen wird, einen günstigen Deal zu erzielen, wenn Trump wieder Präsident wird, was die Logik ist. Jede Art von Kapitulation kann mit der beschämenden Flucht der amerikanischen Truppen aus Afghanistan verglichen werden, die Trump ständig Biden vorwirft, aber es kann wie die gleiche Flucht aus der Ukraine aussehen, aber Trump wird sagen: „Nun, ich habe den dritten Weltkrieg gestoppt, den meine Vorgänger, die kriminellen Demokraten, zu entfesseln versuchten. Und ich glaube, dass sich ein dritter Weltkrieg um der Ukraine willen nicht lohnt“. Alle werden ihm stehende Ovationen geben.

Portnikov. Ich glaube nicht, dass alle applaudieren werden. Ich denke, Trump ist sich sehr wohl bewusst, dass ein solches Ende des russisch-ukrainischen Krieges ihn als Schwächling und Verlierer dastehen lassen würde, und das ist definitiv nicht die Rolle, die er spielen möchte, zumindest zu Beginn seiner Präsidentschaft. Seine Aufgabe ist es, ein Friedensnobelpreis-würdiger Friedensstifter zu sein. Wenn er die Ukraine einfach Wladimir Putin überlässt und in ein paar Monaten ist das Gebiet dieses Landes von Russland besetzt, wird Teil Russlands, und ich glaube nicht, dass irgendjemand sagen wird, dass Donald Trump den Krieg beendet hat, denn jeder wird wissen, dass dieser Krieg im Februar 2022 hätte beendet werden können. Ich denke, dass Donald Trump den Krieg beenden muss, damit die Ukraine weiter existiert und ihm für den Frieden dankbar ist. Damit jemand dankbar sein kann, muss jemand weiter existieren, denn die Ukrainer, die von Russland besetzt werden, werden definitiv niemandem dankbar sein. Und das Wichtigste ist, dass die politische Rolle Amerikas in Europa einfach verschwinden wird, und das muss man auch verstehen, denn die Europäer werden einfach mit ängstlichen Augen nach Moskau schauen und nicht mit hoffnungsvollen Augen nach Washington, und es scheint mir, dass die persönlichen Ambitionen von Donald Trump die Möglichkeit einer solchen Entwicklung ausschließen. Daher denke ich, dass die realistischste Alternative, wenn Trump keine Einigung mit Putin erzielt, eine langfristige Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges mit unvorhersehbaren Ergebnissen für beide kriegführende Länder sein wird. 

Korrespondent. Lassen Sie uns über den G29-Gipfel sprechen, der diese Woche in Rio de Janeiro, Brasilien, stattgefunden hat. Es ist das dritte Gipfeltreffen seit Beginn der groß angelegten Invasion, und die Erklärungen zu diesem Thema werden mit jedem Gipfel leiser und leiser. Diesmal wird die Unzulässigkeit des Einsatzes von Atomwaffen mit keinem Wort erwähnt. Warum ist das so? Warum haben die Partner der Ukraine das zu weiche Kommuniqué nicht blockiert? 

Portnikov. Wir wissen warum, denn es wurde sogar vom brasilianischen Präsidenten Lula de Silva herausgegeben, bevor es blockiert werden konnte, und dann mussten sich die westlichen Staats- und Regierungschefs die Schuld dafür geben, dass sie den Prozess nicht stoppen konnten. Wir können sehen, dass die Unterstützung für Russland im globalen Süden wächst, weil die Führer des globalen Südens sehen, dass der Westen es nicht geschafft hat, Putin von seinen Ambitionen abzuhalten, und dass der globale Süden sich nicht von Werten, sondern von Macht leiten lässt. Der Präsident der Russischen Föderation hat bewiesen, dass er in der Lage ist, den Westen zu bekämpfen, und dass er die Hilflosigkeit des Westens demonstrieren kann. Und die Tatsache, dass die Leute, die Putin herausgefordert haben, von der amerikanischen Gesellschaft selbst abgelehnt wurden, gibt dem globalen Süden zusätzliche Trümpfe in die Hand, um sich auf Russland und seinen Präsidenten zu konzentrieren und den Westen weiter zu destabilisieren. Und je weiter wir gehen, desto mehr wird sich diese Spaltung zwischen der Welt der Demokratie und der Welt der Diktaturen vertiefen und zu wirtschaftlichen, militärischen und politischen Konflikten führen. Die einzige Frage, die sich hier stellt, ist, in welcher Art von Welt die Vereinigten Staaten leben werden. Werden sie weiterhin die führende Rolle in der Welt der Demokratie spielen oder werden sie zu einem der Länder in der Welt der Diktaturen werden? Auch das ist eine Frage der nächsten Jahre und Jahrzehnte. 

Korrespondent. Um noch einmal auf die Kolumnisten der New York Times zurückzukommen: Ich höre bereits die Meinung, und sie wird von vielen Journalisten dieser Publikation aufgegriffen, dass die Demokraten einfach „Kiss Goodbye“ sagen sollten, wie man in Amerika sagt, sich einfach von der Idee der liberalen amerikanischen Demokratie verabschieden sollten. Heißt das, dass dies kein Postulat und kein verbindliches Modell für politisches Verhalten in der westlichen Welt sein wird? Das ist natürlich sehr gefährlich. Und in dieser Hinsicht leben wir im Übrigen auch in einer solchen Welt. Sie haben ja die Entscheidung des internationalen Gerichtshofs gesehen. Der Haftbefehl gegen Netanjahu, den israelischen Premierminister und seinen Verteidigungsminister. Jetzt gehören also sowohl Wladimir Putin als auch Benjamin Netanjahu zu den möglichen Angeklagten dieser Institution. Ich verstehe überhaupt nicht, wie kann man diese seltsame Welt, die da kommt, verstehen? 

Portnikov. Ich denke, dass der Internationale Strafgerichtshof Putin ein großes Geschenk gemacht hat, weil er den Führer eines Landes, das eine Aggression gegen ein anderes Land begangen hat, mit dem Führer eines Landes gleichgesetzt hat, das versucht, sich gegen terroristische Banden zu wehren, die in sein Territorium eingedrungen sind. Wir erinnern uns sehr gut daran, dass es am 7. Oktober 2023 nicht Israel war, das in den Gazastreifen eindrang. Die israelischen Truppen haben sich stets bemüht, nicht in diesem Gebiet präsent zu sein. Israel hat das Gebiet des Gazastreifens freiwillig verlassen und alle seine Siedlungen im Gazastreifen bereits zu Zeiten von Premierminister Sharon aufgelöst. Das darf nicht vergessen werden. Und die Invasion erfolgte durch die Terroristen aus dem Gazastreifen, die Terroristen, die den Gazastreifen regieren, und sie wurde von der Bevölkerung des Streifens vehement unterstützt. Wir haben gesehen, dass die meisten Menschen, die in Gaza-Stadt auf die Straße gegangen sind, die Misshandlung der Geiseln inbrünstig begrüßt haben. Und natürlich muss jeder Staat, der an die Sicherheit seiner Bürger denkt, eine harte, realistische Antwort auf das Geschehene geben, um diese Aggression abzuwehren. Natürlich führt ein Krieg wie dieser, insbesondere wenn Terroristen ihre Landsleute als menschliche Schutzschilde benutzen und diese Menschen bereit sind, sich benutzen zu lassen, weil sie die Hamas unterstützen, zu großen Opfern und Tragödien. Natürlich brauchen wir einen Friedensprozess, den die Hamas übrigens immer wieder stört, aber Putin und Netanjahu gleichzusetzen, heißt, Aggressor und Opfer der Aggression gleichzusetzen. Und im Prinzip denke ich, dass der internationale Strafgerichtshof in dieser Phase eine ziemlich schlechte Situation geschaffen hat, denn jetzt wird es Sanktionen gegen diese Organisation selbst geben, und die Vereinigten Staaten werden sich jetzt bemühen – und ich denke, sie werden kaum erfolglos sein -, die Rolle dieses Gerichtshofs zu verwässern. Das Ergebnis wird eine weitere Lücke im internationalen Recht sein und eine weitere Gelegenheit nicht für Israel, sondern für Russland, für den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, den Haftbefehl mit Füßen zu treten. 

Korrespondent. Wir, die Ukrainer, waren so glücklich, als dies Wladimir Putin passierte, dass dies ein Triumph des internationalen Rechts und der Gerechtigkeit war. Putin wies auf diese Entscheidung hin, um die Illegitimität der Institution zu beweisen, und jetzt wird Trump das Gleiche tun. Auch Amerika hat die Konvention nicht unterzeichnet.

Portnikov. Natürlich, Biden tut dies bereits. Er spricht bereits über sein Bedauern über diese Entscheidung und verurteilt sie. Man braucht nicht einmal Trump, Biden reicht aus. 

Vitaly Portnikov: Der Krieg der Ultra-Rechten mit der Ultra-Linken steht in Europa bevor. Interview mit israelischen Korrespondenten. 12.11.24.

Korrespondent. Lassen Sie uns mit Trump beginnen. Israel ist sehr glücklich über seinen Sieg, die Ukraine ist weniger glücklich, aber dennoch hat sich in letzter Zeit die apokalyptische Stimmung unter ukrainischen Analysten gelegt, und wir hören mehr und mehr, dass es möglich ist, mit Trump zu arbeiten. Wie sehen Sie diese Situation für Israel und die Ukraine?

Portnikov. Ich denke, das größte Problem im Zusammenhang mit der Präsidentschaft von Donald Trump ist die Frage nach der Realisierbarkeit seiner Wahlkampfversprechen, denn wir haben viel darüber gesprochen, was Trump für die Ukraine für Israel tun kann, aber das Wichtigste ist nicht, was er tun kann. Das Wichtigste ist, was er versprechen könnte und was er umsetzen kann. Und hier sehe ich einfach keine wirklichen Möglichkeiten für den neuen amerikanischen Präsidenten, denn ich denke, wenn es solche Möglichkeiten überhaupt gäbe, dann wären sie von der vorherigen Regierung genutzt worden. Joseph Biden, der von Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten abgelöst wird, ist eher ein Politiker der alten internationalistischen Schule amerikanischer Führer, die im Allgemeinen überparteilich ist. Solche Politiker waren z. B. der Republikaner Ronald Reagan oder der Demokrat Bill Clinton. Donald Trump ist ein Politiker der isolationistischen Schule, und auch dies ist eine überparteiliche Schule, die gleiche Art von Politiker war zum Beispiel der Demokrat Barack Obama. Ich denke also, wenn wir über das Potenzial von Trump sprechen, den Druck auf die Länder zu erhöhen, die jetzt Teil der Achse des Bösen sind, dann muss man die Antwort in einem sehr wichtigen Paradigma suchen. Wie bereit ist Donald Trump Entscheidungen zu treffen, die die Vereinigten Staaten in einen direkten Konflikt mit irgendjemandem hineinziehen, wenn er von Joseph Biden ein Land erhält, das nicht in einen einzigen echten militärischen Konflikt verwickelt ist? Ich denke, wir alle kennen die Antwort auf diese Frage. Donald Trump wird alles tun, was er kann, um sicherzustellen, dass sich die Vereinigten Staaten mit niemandem im Krieg befinden, denn das ist genau das, was seine Wählerschaft erwartet. Das ist genau das, woran er selbst denkt, wenn er über seine zukünftige Präsidentschaft spricht. Deshalb sind nicht nur seine Möglichkeiten begrenzt, sondern auch die Länder, die jetzt versuchen, eine neue Weltordnung zu errichten und Amerika zu demütigen, indem sie einen Großteil des weltweiten Einflusses beseitigen, wissen, dass seine Möglichkeiten begrenzt sind, und sie werden daher in diesem politischen Paradigma agieren. Das haben sie in der Tat schon früher getan. Wir erinnern uns, dass Wladimirs wichtigster Trumpf die nukleare Erpressung war. Wie bereit ist Donald Trump für die Polemik mit Putin, die zu einem nuklearen Schlagabtausch zwischen der Russischen Föderation und den Vereinigten Staaten führen würde? Wir wissen, dass die Antwort auf diese Frage lautet: er ist dazu nicht bereit. Und vielleicht sogar noch weniger als Joseph Biden. Wir haben von diesem mythischen Gespräch zwischen Donald Trump und Wladimir Putin gehört, in dem Trump laut Washington Post Putin an die US-Militärbasen in Europa erinnert hat. Aber ich glaube nicht, dass Putin an diese Stützpunkte erinnert werden muss, denn allein die Existenz dieser Stützpunkte macht sie zu einem Ziel für russische Atomwaffen. Sie liegen näher an der Russischen Föderation als die US-Basen. Das heißt, dass nicht strategische, sondern taktische Atomwaffen eingesetzt werden müssen, um sie zu zerstören. Das sage ich, wenn wir die Logik des Denkens derer verstehen, die im Kreml sitzen. Nun, dasselbe gilt für jede andere Seite: Iran, Nordkorea. 

Korrespondent: Aber gleichzeitig hat Biden der ganzen Welt offiziell erklärt, dass Amerika unter keinen Umständen Atomwaffen einsetzen wird, selbst wenn Putin es tut, wird Amerika mit konventionellen Waffen antworten, d.h. er hat Amerika aus dem Klub der Atommächte herausgenommen. Aber Trump hat im Gegenteil das gesagt, wofür er sofort kritisiert wurde: er hat nachgefragt, wenn wir Atomwaffen haben, warum  sollen wir sie nicht einsetzen, wir werden sie einsetzen müssen.

Portnikov. Sie und ich gehen in Richtung Wahlversprechen, nur Worte, und ich beurteile Politiker immer nach Taten. Donald Trump ist, wie jeder Populist, ein Politiker der Worte. Wäre Donald Trump auf diese Art von Zwang vorbereitet gewesen, hätte er während seiner Präsidentschaft viel erreichen können. Er hätte Russlands Krieg gegen die Ukraine stoppen können. Er dauerte seine ganze Präsidentschaft an, und er hat keine Schritte unternommen, um Wladimir Putin zur Aufgabe der besetzten Gebiete zu zwingen. Er hätte zumindest das nordkoreanische Atomprogramm stoppen können, doch nichts davon geschah. Nach dem Treffen mit Kim Jong-un hat Donald Trump einfach das Interesse an diesem Thema verloren, weil es ihm auch in dieser Situation keinen Imagegewinn versprach. Er beschloss einfach zu vergessen, dass diese Gefahr bestand. Und jetzt haben wir alle, Israel in geringerem Maße, die Ukraine in größerem Maße, unter Donald Trumps Gleichgültigkeit gegenüber Themen zu leiden, die ihm keinen schnellen Erfolg bringen. Ich werde nicht über das iranische Atomprogramm sprechen. Ja, Trump ist aus dem Atomabkommen ausgestiegen, aber das bedeutet nicht, dass er die Bemühungen Teherans um den Bau einer Atombombe gestoppt hat. In dieser Zeit ist der Iran nur stärker und selbstbewusster geworden. Auch das muss man verstehen. Wenn wir sagen, dass Trump eine Einigung mit Putin erzielen wird, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass dies eine absolute politische Illusion ist. Man kann nur dann einen Deal mit Putin machen, wenn Putin keine wirkliche wirtschaftliche Kapazität hat, den Krieg fortzusetzen. Aber das ist genau das, was auch jeder andere amerikanische Präsident mit Putin machen kann, der Russland in einer schwachen Position sieht. Dazu muss man nicht Trump sein und auch nicht Biden. Man muss nur der Präsident der Vereinigten Staaten sein, der anwesend ist, wenn Russland schwächelt. Wenn Russland wirtschaftlich nicht geschwächt wird, schert sich Putin einen Dreck um Biden oder Trump. Das Gleiche gilt für den Nahen Osten. Wir sagen immer wieder, dass Trump Israel entfesseln wird, und verstehen nicht wirklich, was dahinter steckt, was im Falle dieser Entfesselung geschehen soll. Weitere Maßnahmen zur Zerstörung der Hamas in Gaza? Aber mir scheint, dass die derzeitige amerikanische Regierung auch nicht wirklich in der Lage war, Israels Aktionen im Gazastreifen zu begrenzen. Das Hauptproblem ist nicht die freie Hand, das Hauptproblem ist, dass die Hamas eine ausreichend große Bevölkerungsbasis hat. Wir alle wissen das sehr gut, und aus irgendeinem Grund wollen wir nicht einsehen, dass dieses Problem unlösbar ist, dass es keine politische Lösung gibt, und dass es nicht an der Hamas liegt, sondern an der Bevölkerung des Streifens und an der arabischen Unwilligkeit, diese Bevölkerung aus dem Streifen herauszulassen, um wenigstens dem Krieg zu entgehen. Und der zweite Punkt ist natürlich der Iran. Wenn Sie glauben, dass Donald Trump sich entschließen wird, seinen eigenen Krieg mit dem Iran zu führen, noch einmal, wir treten in eine Reihe von Versprechungen ein, wir werden sehen, wie es tatsächlich abläuft. Aber ohne echte Beteiligung an diesem Krieg werden die Amerikaner nur iranische Raketen abfangen können, die in Richtung Israel fliegen, und der Iran wird mit Russland und China über eine aktivere Zusammenarbeit verhandeln müssen. Auch dies ist ein weiterer Knotenpunkt, den wir immer im Auge behalten müssen. Eine freie Hand für Israel bedeutet eine Schwächung des Irans, eine Schwächung des Irans bedeutet ein hartes Vorgehen gegen Russland, das ein Verbündeter des Irans ist. Und wenn Donald Trump mit Wladimir Putin verhandelt, eröffnet er dem Iran neue Möglichkeiten, denn dann kann die Islamische Republik nicht nur auf die wirtschaftliche Unterstützung Chinas zählen, um iranisches Öl zu kaufen, sondern auch auf die wirtschaftliche Unterstützung Russlands, das in der Lage sein wird, seine Ressourcen, die es jetzt im Krieg mit der Ukraine einsetzt, freizumachen und einige dieser Ressourcen, zumindest militärische, für den Bedarf Teherans einzusetzen. Das alles ist eine Realität, der wir uns auch stellen müssen.

Korrespondent. Erinnern wir uns daran, dass in Trumps letzter Amtszeit tatsächlich Qassam Suleimani eliminiert wurde. Das ist in erster Linie ein Verdienst von Donald Trump und auch jetzt während seiner Kampagne. ES wurde zweimal einen Attentat auf ihn verübt, und es wurde herausgefunden, dass der Iran dafür verantwortlich war. Ich habe den Eindruck, dass er jetzt eine sehr harte Politik gegenüber dem Iran verfolgen wird.

Portnikov.  Die Iraner werden sich für den Tod von Kassam Suleimani rächen wollen, sowohl wenn er Präsident der Vereinigten Staaten ist als auch wenn er nicht mehr Präsident der Vereinigten Staaten ist. Ich denke, dass sein Leben in diesem Sinne immer in Gefahr sein wird, und früher oder später wird ihn eine Kugel einholen, so wie das Messer Salman Rushdie einholte. Erinnern Sie sich an diese Geschichte, als Salman Rushdie sich bereits beruhigt hatte und die Sicherheitsmaßnahmen um ihn herum gelockert worden waren. Es schien, dass die Fatwa von Ayatollah Khomeini nicht für diesen herausragenden Schriftsteller galt. Irgendein Verrückter, ich glaube, es war kein Verrückter, ich glaube, es war ein Agent des iranischen Geheimdienstes, hatte der Salman Rushdie beinah getötet. Und Trump befindet sich in der gleichen Situation. Wir könnten vor der Beseitigung von Trump stehen. Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass die Beseitigung von Kassam Suleimani, wie auch die Beseitigung von Ismail Haniyeh, wie auch die Beseitigung von Yahi Sinwar, wie auch die Beseitigung von Hasan Nasrallah nur eine Vergeltung und keine Lösung des Problems ist. Ich erwarte von den Politikern, dass sie das Problem lösen. Wir erinnern uns daran, dass es unter der Regierung Barack Obama eine absolut bemerkenswerte Aktion gab, nämlich die Tötung von Osama Bin Laden. Al Kaida starb, aber nicht ganz, der Islamische Staat nahm ihren Platz ein. 

Korrespondent. In diesem Moment ertönt im Norden unseres Landes der Luftangriffsalarm. 

Portnikov. Sehen Sie, wir sprechen gerade mit Ihnen nach der Aufhebung des Luftalarms in Kyiv. Gleichzeitig bereitet man sich in der Ukraine auf einen Großangriff der Russischen Föderation auf die Ukraine vor, dessen Ziel es ist, die ukrainische Infrastruktur zu zerstören. Und die Tatsache, dass Russland nach der Wahl Trumps ziemlich zuversichtlich ist, das gesamte Spektrum der militärischen Aktionen fortzusetzen, zeigt wiederum, wie besorgt Moskau über einen Machtwechsel in den Vereinigten Staaten ist. Nicht sehr viel.

Korrespondent. Nun, es ist eine Sache, ihn zu wählen, aber eine andere, wenn er an die Macht kommt. Das wird im Januar sein. Warum sollten sie jetzt Angst haben?

Portnikov. Natürlich, aber ich denke, sie werden auch im Januar keine Angst haben, weil sie genau wissen, dass seine Möglichkeiten begrenzt sind. Lassen Sie uns realistisch sein. Sie und ich leben jetzt in einer völlig anderen Welt. Trump ist jetzt Präsident in einer völlig anderen Welt. In der Welt, in der er vor nicht allzu langer Zeit Präsident war, gab es die Illusion, dass verstärkte westliche Wirtschaftssanktionen gegen Drittländer diese Länder zwingen würden, ihre Politik zu ändern.

Korrespondent. Gerade jetzt schrillen die Alarme in … 

Portnikov. Wir sprechen darüber, was mit der Wirtschaft passieren kann. Ich habe bereits erwähnt, dass sowohl Obama als auch Trump Präsidenten der Zeit der Illusionen waren. Während des Krieges wurden wir von einer wichtigen Sache überzeugt. Es gibt eine alternative Wirtschaft. Vor allem die Wirtschaft Chinas, und in geringerem Maße die Wirtschaft Indiens, die Schurkenstaaten dabei helfen, nicht nur am Leben zu bleiben, sondern auch ein wichtiger militärischer Faktor zu sein. Erinnern Sie sich daran, wie viele Jahre der Iran und Nordkorea unter westlichen Sanktionen gestanden haben? Gleichzeitig stellen sie Raketen und Drohnen her, die auf unsere Köpfe zu fliegen. Iranische Raketen fliegen auf Ihre Köpfe zu, iranische Drohnen fliegen auf unsere Köpfe zu, oder sagen wir Drohnen, die unter iranischer Lizenz von der Russischen Föderation hergestellt werden, nordkoreanische Raketen fliegen seit Jahren auf unsere Köpfe zu. Länder, die seit 20 oder 30 Jahren unter westlichen Sanktionen stehen, und nichts hilft, nichts kann der Westen ihnen antun, weil China sie füttert. Und jetzt ist Russland in dieser Situation. Deshalb sage ich immer wieder: Solange sich die Vereinigten Staaten nicht zu einer ernsthaften Konfrontation mit China entschließen, wird kein Donald Trump irgendwelche Probleme lösen, solange die Gegenseite nicht ernsthaft wirtschaftlich geschwächt ist.  Und noch einmal, ich werde Donald Trump dafür absolut nicht tadeln. Ich kann Donald Trump dafür tadeln, dass er so machthungrig ist, dass er unerfüllbare Versprechungen machen kann. 

Korrespondent. Aber es war Trump, der mit seiner Kadenz einen sehr ernsten Handelskrieg mit China begonnen hat.

Portnikov. Nun, wenn es einen Handelskrieg mit China gibt, wenn er erfolgreich ist, wenn er zum Niedergang der chinesischen Wirtschaft führt, und wenn der Westen auch in eine Situation des wirtschaftlichen Niedergangs kommt, verstehen Sie, dass der Krieg mit China auch ein Schlag gegen die Interessen der Menschen des Westens, Nordamerikas und Europas ist, dann kann es in drei oder vier Jahren Bedingungen für die Länder der so genannten Achse des Bösen geben, darüber nachzudenken, welche Art von Beziehungen sie mit dem Westen haben werden und anfangen, amerikanischen Präsidenten mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Aber das ist das Timing. Ich glaube, dass, wenn Donald Trump dies in seiner Kadenz beginnt, sein Nachfolger als Präsident im Jahr 2029 es schaffen kann. Das ist nicht in einem Monat erledigt. 

Korrespondent. Ja, Sie und ich befinden uns in einem langfristigen Prozess. Amsterdamer Judenpogrom, israelisches Pogrom, Angriff auf Israelis in Amsterdam, wie nehmen Sie dieses Ereignis wahr? Bevor Sie zu antworten beginnen, der Luftalarm geht weiter …..

Portnikov. Ich muss sagen, wenn ich über das Pogrom in Amsterdam spreche, wende ich mich in erster Linie an meine ukrainischen Zuschauer und Leser mit den Worten, dass Sie jetzt vielleicht verstehen, wozu die Ukraine da ist und warum es so wichtig ist, sich gegen Russland zu wehren und diesen Staat zu erhalten, denn wenn etwas Drastisches passiert und Sie keinen eigenen Staat haben, dann haben Sie totale Panik, weil es niemanden gibt, der Sie beschützt. Das ist für mich die Bedeutung dessen, was hier passiert. Versteht ihr das? Stellen Sie sich dieses Pogrom vor 1948 vor. Das ist der wichtige Punkt. Jetzt gibt es Israel, und wenn Sie sich in Europa nicht sicher fühlen, können Sie Ihren Koffer packen und in ein Land gehen, in dem Sie ein vollwertiger Einwohner und Bürger sind.

Korrespondent. Sie haben das Recht, ein vollwertiger Bürger zu werden.

Portnikov. Sie haben das Recht, eine Person zu werden, die von Ihrem Staat geschützt wird. Ja, auch Sie werden Ihren Staat verteidigen. 

Als ich in der Schule war, habe ich immer gedacht: Warum haben die Juden einen Staat, der sie schützen kann, und die Ukrainer haben keinen solchen Staat. Jetzt haben die Ukrainer diesen Staat, und die Russen wollen ihn ihnen wegnehmen. Das ist übrigens der Grund, warum der Krieg Russlands mit der Ukraine so existenziell wichtig ist, damit jeder Ukrainer, wo auch immer er ist, immer eine Zuflucht hat, falls sich die Haltung ihm gegenüber in die eine oder andere Richtung ändert. Wir wissen aus unserer langjährigen, vieltausendjährigen Erfahrung, dass sich Haltungen ändern können. Wir haben es in Spanien im Mittelalter gesehen, wir haben es im Russischen Reich nach der Teilung Polens gesehen, wir haben es in Europa gesehen. 

Korrespondent. Juden sehen das aus irgendeinem Grund am häufigsten. Die Ukrainer haben keine so reiche Geschichte in diesem Sinne.

Portnikov. Die Juden haben nicht auf ihrem Land gelebt, aber auch die Ukrainer haben es gesehen. Denn als die Ukrainer den Krieg um die Ukrainische Volksrepublik gegen die russischen Bolschewiken verloren und sich in der Sowjetunion wiederfanden, was hat die sowjetische Regierung da für die Ukrainer organisiert? Die Ukrainer haben es auch gesehen. Sie haben es vielleicht nicht immer so wahrgenommen, gerade weil es in ihren Häusern passierte. Wir haben es in den jüdischen Vierteln von Amsterdam gesehen, wo Anne Frank starb, es ist symbolisch. Und die Ukrainer waren sich dessen vielleicht weniger bewusst, weil sie keinen Staat hatten, sie waren tatsächlich Geiseln fremder Regierungen auf ihrem Land. Und sie könnten denken, dass es so sein sollte. Aber so sollte es nicht sein, und deshalb ist der ukrainische Staat ebenso wie der israelische Staat für das ukrainische und jüdische Volk als Zufluchtsort von Bedeutung. Ich sage immer wieder, dass jede Nation einen Zufluchtsort haben sollte, an dem sie sich vor den Pogromen einer anderen Nation verstecken kann, wenn es zu solchen Pogromen kommt. Und natürlich erkennen wir eine weitere sehr wichtige Sache. Wie sich die europäische Landschaft verändert. Wir sprachen über die Nichtintegration von Menschen aus europäischen Ländern, die aus dem Nahen Osten dorthin kamen, zuerst war es eine innenpolitische Nichtintegration, aber jetzt können sich diese Menschen in Banden zusammenschließen und Einwohner oder Touristen aus nationalen oder Staatsangehörigkeitsgründen verfolgen. 

Korrespondent. Was sollte Ihrer Meinung nach jetzt in den Niederlanden, zum Beispiel in Amsterdam, getan werden? Was sollte getan werden, um zu verhindern, dass sich solche Dinge wiederholen?

Portnikov. Ich denke, es wird sehr schwierig sein, etwas zu tun, um zu verhindern, dass so etwas noch einmal passiert, denn unter den Menschen, die dort sind oder kommen, können gleichermaßen Bürger der Niederlande und Bürger anderer europäischer Länder sein. Aber ich sage Ihnen was. Wissen Sie, was passieren wird? Es wird ein Erstarken der rechtsextremen Kräfte in Europa geben. In den Niederlanden ist dies bereits nach dem 7. Oktober geschehen, als die Partei von Geert Werders gewonnen hat. Und das wird einen ziemlich merkwürdigen Effekt haben. Wir werden uns auf ein Europa der dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts zubewegen, in dem die rechtsextremen Kräfte regieren werden, ja, vielleicht werden diese rechtsextremen Kräfte nicht antisemitisch sein. Sie werden Menschen aus anderen Ländern bekämpfen, aber das Wesen dieser Regime wird sehr ähnlich sein. Es kann sich um rechtsextreme Regime handeln, die ziemlich radikal und autoritär sind. Und die europäische Demokratie wird in diesen Pogromen einfach sterben.

Korrespondent. Jetzt stellt sich heraus, dass es einen Zusammenstoß der europäischen Zivilisation in Europa gegen nicht assimilierte muslimische Araber gibt, und es wird ein direkter Krieg sein, sieht es so aus?

Portnikov. Nein, in Europa gibt es einen Zusammenprall von Ultra-Rechts und Ultra-Links, in Europa gibt es einen Zusammenprall von Adolf Hitler und Ernst Telman in einer neuen Interpretation. Das ist es, was in Europa kommen wird. Die Pogrombanden werden nur ein Werkzeug der politischen Geschichte sein. Wer wird gewinnen? Ich weiß es nicht. Wussten wir in den 1930er Jahren, wer gewinnen würde? Wir konnten diesem schrecklichen Spiel nur zusehen. Was ist also zu tun? Wir müssen die europäische Demokratie stärken, wir müssen die Sicherheit und den Schutz der Menschen garantieren, wir müssen extremistische Gruppen identifizieren. Wir müssen wirksame Maßnahmen ergreifen, um die Gewalt auf Europas Straßen zu stoppen.

Korrespondent. Und wie? Migranten abschieben? Was ist ein wirksames Mittel? 

Portnikov. Ich denke, es ist nicht nur eine Frage der Abschiebung. Es ist eine Frage der Verhinderung extremistischer Aktivitäten. Es geht darum, die Aktivitäten derjenigen zu verhindern, die diesen Aufruhr säen. Wir wissen, dass es dort echte Aktivisten gibt. Die europäische Gesetzgebung, die national motivierte Ausschreitungen und Fremdenfeindlichkeit verhindert, sollte speziell einbezogen werden. Alle diese Artikel gibt es in Europa, man muss sie nur wirksam anwenden. Wir müssen nur verstehen, dass wir antisemitische Demonstrationen, an denen übrigens nicht nur Einwanderer aus dem Nahen Osten, sondern auch Vertreter der ultralinken Kräfte des gesamten Kontinents teilnehmen, nicht einfach nur mit verwunderten Augen betrachten oder tolerant behandeln können. Wenn wir diese Demonstrationen einerseits mit Toleranz betrachten, und auf der anderen Seite tolerant auf die Anti-Migranten-Demonstrationen der rechtsextremen Kräfte blicken, werden diese Demonstrationen früher oder später aufeinander prallen, und all die Menschen, die gemäßigte Ansichten vertreten und über die Zukunft des europäischen Kontinents nachdenken, werden beim Zusammenprall dieser beiden Kräfte sterben. Und diese beiden Kräfte werden klar kommen. Wie Sie sich erinnern, wurden viele deutsche Kommunisten in den dreißiger Jahren leicht zu Nationalsozialisten und erinnerten sich nicht einmal mehr an ihr Parteibuch. Nun, sie erinnerten sich später in Ostdeutschland nach 45 daran.

Korrespondent. Sie malen ein Bild wie in den Romanen von Remarque, die alte Welt geht unter, der Tod der Zivilisation. 

Portnikov. Sie leben nicht in den Romanen von Remarque. Sie haben eine ultrarechte Regierung, die es in dieser Form noch nie gegeben hat, und nichts, es ist alles in Ordnung.

Korrespondent. Eine Sekunde. Entschuldigung, ein Drohnensignal auf ….

Donald Trump Junior, der Sohn von Donald Trump, setzt die Gasleitung der Ukrainer auf Instagram fort, indem er alle möglichen Posts veröffentlicht, zum Beispiel, dass es noch 38 Tage übrig sind und Zelensky ohne Taschengeld dastehen wird, ganz widerlich. Ich erinnere mich daran, dass unser Premierminister auch einen Sohn hat, der ebenfalls alle möglichen grausamen Dinge in sozialen Netzwerken gepostet hat, wofür er vor Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt wurde und ihm schließlich strikt untersagt wurde, diese Tätigkeit einzustellen. Wie ist das zu verstehen? Macht Donald Trump Junior es nach eigenem Ermessen und man kann eine Analogie zu Yair Netanjahu ziehen, oder macht er es nach Trumps Willen und es spiegelt wider, was Donald Trump denkt?

Portnikov. Das können wir nicht wissen. Wir kennen ihre wahre familiäre Beziehung nicht. Zweitens können wir nicht wissen, was Donald Trump denkt, denn Donald Trumps Gedanken neigen dazu, je nach Situation zu streuen. Drittens. Wir können vernünftigerweise annehmen, dass ein Mann wie Donald Trump von einer Familienherrschaft in den Vereinigten Staaten träumt, dass er die Präsidentschaft nach seiner zweiten Amtszeit an seinen Sohn übergeben würde. Wir sprechen oft von JD Vance als Trumps Erben, aber vielleicht sieht Donald Trump Donald Trump Junior als seinen Erben an. Vielleicht hält er dies für die beste Garantie für einen friedlichen Lebensabend und Sicherheit. Wer weiß schon, was in Donald Trumps Kopf vorgeht? Ich glaube nicht, dass Donald Trump selbst es vollständig versteht, daher kann ich mich dazu nicht äußern. Es ist ein Zwielicht, in das ein Mensch, der versucht, die Realität mathematisch zu analysieren, nur sehr schwer vordringen kann. Es ist ein Zwielicht, in dem wir bis 2029 leben müssen. Ich hoffe, dass die Geheimdienste der Vereinigten Staaten ihren Präsidenten zuverlässig vor iranischen Verschwörern schützen werden.

Korrespondent. Aber wir hatten diesen Präzedenzfall bereits in der Geschichte, es gab Bush Senior, es gab Bush Junior. Vater und Sohn waren Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Portnikov. Ja, das ist richtig. Und es gab einen Senior Adams und einen Junior Adams, keine Neuigkeit für die Vereinigten Staaten, dass es Familiendynastien gibt, oder? Aber dennoch muss man berücksichtigen, dass eine Dynastie nicht wie eine andere Dynastie ist. Joseph Kennedy Sr. zum Beispiel hat seine Dynastie gepflegt, er träumte von einem Präsidentensohn, von Senatorenkindern. Es ist ihm gelungen. Und George Bush Sr. war, soweit ich mich erinnere, nicht sehr daran interessiert, dass George Bush Jr. Präsident der Vereinigten Staaten wird. George Bush Jr. hat, wie Sie wissen, sein eigenes Ding gemacht.

Korrespondent. Nach dem, was in Amsterdam passiert ist. Erwarten Sie eine Wiederholung in anderen Städten Europas, denn wir haben oft gesehen, dass sich solche Terroranschläge wiederholen, sie kopieren sich gegenseitig.

Portnikov. Daran habe ich keinen Zweifel. Wir werden in dieser Realität leben. Mich interessiert etwas anderes: Wie wird es aussehen, wenn sich die Ereignisse entfalten. Werden sich diese Gewaltakte ausschließlich gegen israelische Touristen richten, die in dieses oder jenes Land kommen? Ich meine, wir haben das vor ein paar Monaten in Ägypten gesehen, wo es einen Terroranschlag gegen eine israelische Gruppe gab. Dort gab es israelische Touristen, und zwar auf eine ganz bestimmte Weise. Ähnlich hier, israelische Fans. Und wann und ob die Zeit kommt wenn es die jüdischen Gemeinden in europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten betrifft. Dass es nicht nur ein Bombenanschlag in einer Synagoge gibt, sondern dass die unzuverlässige, aus der Sicht dieser Pogrommachern, Menschen identifiziert werden. Wenn man weiß, in welchen Hotels Israelis übernachten, kann man auch wissen, in welchen Häusern und in welchen Vierteln Juden leben. Und das jüdische Viertel von Amsterdam ist keine Sensation. Jeder weiß genau, wo es ist. Wann sie dort ankommen, und was passieren wird, wenn sie dort ankommen, in jüdischen Vierteln, in jüdischen Wohnungen. Das ist der interessanteste Punkt in unserer Zukunft, verstehen Sie?

Korrespondent. Es ist nicht interessant, es ist der schrecklichste Moment.

Portnikov. Der schrecklichste Moment für Journalisten ist auch der interessanteste.  Vor allem, wenn man Jude ist.  Dieser Moment ist für uns interessant und beängstigend zugleich. Unsere Großväter und Großmütter haben diese schrecklichen und interessanten Momente miterlebt. Und es ist wichtig für uns, diese Entwicklung der Ereignisse zu verhindern, denn unsere Verwandten haben das alles schon erlebt, nicht wahr?

Die Ukraine und die europäische Sicherheit | Vitaly Portnikov @YatsenyukOrgUaofficial. 01.10.24

Portnikov. Bei unserem heutigen Treffen wird es vor allem um Sicherheit gehen, um Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Wie die Ukraine ihren Platz in Europa finden kann, wie unsere Verbündeten diesen Platz sehen. Wir haben die Situation genutzt, dass Arsenij Jazenjuk am Warschauer Sicherheitsforum teilnimmt, um über diese neue Vision zu sprechen, die sich im Laufe des großen Krieges herauskristallisiert. Beginnen wir also mit dem Warschauer Sicherheitsforum selbst. In der Regel hat es sich immer auf die Beziehung zwischen bestimmten Ereignissen und der Sicherheit Europas und der Welt konzentriert. Können wir sagen, dass die Ukraine immer noch im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Europäer und der westlichen Welt im Allgemeinen steht, oder haben Sie eine gewisse Ermüdung durch diesen Konflikt verspürt? 

Jazenjuk. Wenn Sie sich die westlichen Medien ansehen, werden Sie die Ukraine nicht auf den Titelseiten finden. Denn es ist der Nahe Osten. Da ist der Libanon, da ist die Operation… 

Portnikov. Natürlich ist es logisch, dass dies gerade jetzt geschieht, wo wir über einen so großen iranischen Raketenangriff auf Israel sprechen. 

Jazenjuk. Aber es geschah gestern und vorgestern auch. Aber hier, auf dem Warschauer Sicherheitsforum war ich eigentlich angenehm überrascht, ich möchte darauf hinweisen, dass wir mit der Ukraine begonnen und geendet haben. Der polnische Präsident sprach zu uns und widmete tatsächlich die Hälfte seiner Rede der Sicherheit der Ukraine. Und er hat ganz klar die Sicherheit der Ukraine mit der Sicherheit Polens und der Europäischen Union und der NATO im Allgemeinen verknüpft, und er hat klar dargelegt, was in dem Fall passieren wird, wenn die Ukraine, Gott bewahre, nicht gewinnt. Daher meine erste Schlussfolgerung: Die Ukraine ist nicht aus der europäischen Tagesordnung verschwunden, das ist der erste Punkt. Zweitens war die Ukraine bei allen Sitzungen allgegenwärtig, denn der norwegische Verteidigungsminister war da, der stellvertretende Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten Saleste Volender war da, der Verteidigungsminister des Vereinigten Königreichs war da, und sie begannen und endeten mit der Ukraine. Das Einzige, was ich Ihnen sagen möchte, ist, dass ich überrascht war, dass die Ukraine auf diesem ersten Panel nicht vertreten war, aber im Allgemeinen stellt sich die Situation wie folgt dar. Die Polen unterstützen die Ukraine bedingungslos, weil Polen wie kein anderes Land, weiß, wie die sowjetische und russische Besatzung war. Unsere westlichen Verbündeten unterstützen die Ukraine weiterhin mit Worten und Taten. Jeder ist sich der Gefahr eines Sieges des russischen Imperialismus bewusst. Es bleibt nur, diese Gefahr nicht nur zu begreifen, sondern auch entscheidende Schritte zu unternehmen. Und das ist die wichtigste Botschaft, wegen der ich hierher gekommen bin, denn Verständnis ist sehr gut, aber es reicht nicht aus, denn neben dem Verständnis sind auch sehr harte, wirksame und entschlossene Schritte erforderlich. Und da darf es keinen Aufschub geben, auch nicht in Sicherheitsfragen. Ich habe auf einer Podiumsdiskussion über die europäische Integration gesprochen und darüber, wie viel bereits getan wurde und wie viel noch getan werden muss, um die europäische Integration voranzubringen. Bei allem Respekt für die europäische Integration, sie ist wenig wert, wenn wir keine Integration im Nordatlantischen Bündnis haben. Wenn wir keine Sicherheit für die Ukraine haben, dann können wir über wunderbare Reformen reden, wir können über die Bewahrung der Demokratie reden, über die Reform der Institutionen, über Rechtsstaatlichkeit, über die Bekämpfung der Korruption. Und über all das müssen wir reden, aber wir können erst darüber reden, wenn die Ukraine als Staat erhalten ist. 

Portnikov. Ehrlich gesagt bin ich immer wieder erstaunt, dass sogar unsere westlichen Verbündeten versuchen, durch diese Gespräche über Reformen und darüber, wie großartig alles sein wird, wenn sie umgesetzt werden, die Tatsache zu vernebeln, dass man einem Staat, der in die Europäische Union eingeladen wird, keine Sicherheit, keine grundlegende Sicherheit bieten kann. 

Jazenjuk. Und wir sind hier auf der gleichen Seite. Ich diskutiere auch gerne über den Wiederaufbau der Ukraine, über Milliarden von Dollar Investitionen in die Ukraine, über eine unglaublich rosige, schöne Zukunft. Aber diese Zukunft muss durch den Sieg der Ukraine erreicht werden, durch den Erhalt der Ukraine als Staat. Und ich sehe keine andere Möglichkeit, die Ukraine als Staat zu erhalten, als die Mitgliedschaft der Ukraine in der NATO. Ich habe gute Nachrichten, lassen Sie mich sie mit Ihnen teilen. 

Portnikov. Sind wir in die NATO aufgenommen worden? 

Jazenjuk. Ach, wenn es so wäre. Aber zumindest gab es etwas, was ich im letzten Monat zum ersten Mal gesehen habe. Und für mich war das Warschauer Forum eine weitere Bestätigung. Im Laufe des letzten Monats hab es viele Treffen, vor allem mit unseren amerikanischen Verbündeten, viele Delegationen sind eingetroffen. Ich kann sie leider nicht alle nennen, aber sie kamen mit einer Mission, die sich Fact Finding Mission nennt. Ihr Ziel war es, herauszufinden, was wirklich in der Ukraine passiert und wie die Ukraine auf bestimmte Ereignisse reagieren wird. Sie kamen mit einer ganz klaren Frage: Was glauben Sie, wie die Ukraine reagieren wird, wenn ihr die NATO-Mitgliedschaft angeboten wird? Natürlich in den Gebieten, die der ukrainische Staat Stand heute kontrolliert, und morgen wird morgen sein. Sie sprechen von dem Szenario Deutschlands, über das wir schon einmal gesprochen haben. Ich glaube, dieses Szenario hat im Jahr 55 stattgefunden. Man kann es nicht komplett vergleichen, das sind etwas andere historische Parallelen, aber als Präzedenzfall, wenn die NATO die entsprechende Entscheidung getroffen hat, kann es natürlich herangezogen werden. Und ich habe den Eindruck, dass wir noch vor der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten positive Nachrichten über eine mögliche Mitgliedschaft der Ukraine in der NATO erhalten können.  Leider ist das, was ich erwarte und was ich mir wünsche, eine direkte Mitgliedschaft, vor dem Ende der Amtszeit des jetzigen Präsidenten, sage ich es gleich vorweg, nicht passieren wird. Aber die Einladung der Ukraine in die NATO, ein erster, sehr ernsthafter Schritt ist, in erster Linie ein psychologischer Schritt und ein Schritt des politischen Willens unserer Verbündeten, dass kann passieren. 

Portnikov. Wie kann das formell geschehen? Ich würde gerne diese Erklärung hören, denn ich habe es schon oft gesagt, dass dies geschehen kann, dass es Signale aus dem Weißen Haus gibt. Wie kann dies ohne einen NATO-Gipfel geschehen? 

Jazenjuk. Es bedeutet, dass es einen außerordentlichen NATO-Gipfel geben wird. 

Portnikov. Das heißt, es wird einen außerordentlichen NATO-Gipfel geben. Im Oktober könnte es also nicht nur den Ramstein-Gipfel, nicht nur die Vierergruppe, sondern auch ein anderes Treffen geben, unerwartet?

Jazenjuk. Ich bin offen, ich habe nicht nach der technischen Umsetzung dieses Beschlusses gefragt. 

Portnikov.  Aber wir sehen, dass es viele Länder gibt, wie Ungarn, wie die Türkei, die sagen, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist. Werden sie sich überreden lassen? 

Jazenjuk. Ich weiß, dass, wenn der politische Wille vorhanden ist, und wenn dieser politische Wille von dem Hauptträger der NATO, von denjenigen, auf deren Schultern die Sicherheit des Bündnisses ruht, zum Ausdruck gebracht wird, dann kann diese Entscheidung verwirklicht werden. Das weiß ich ganz genau. Und wenn man nach einer Ausrede sucht, nach einem Weg sucht, diese Frage nicht zu lösen, nun, dann wird es eine Million Gründe geben, wie es schon viele Male zuvor geschehen ist. Meine Botschaft lautet also: So etwas hat es noch nie gegeben, aber jetzt wird ganz ernsthaft über die Möglichkeit einer Einladung an die Ukraine gesprochen. Diese Gespräche haben früher noch nie in diesem Format stattgefunden. 

Portnikov. Wir erhalten also eine Einladung in die NATO, aber nach der Einladung in die NATO sollte es nach unseren jüngsten historischen Erfahrungen Sicherheitsgarantien geben. Zumindest die Art von Garantien, die Schweden und Finnland erhielten, als sie zum NATO-Beitritt eingeladen wurden. Und wie wird die NATO der Ukraine Sicherheitsgarantien während der Zeit aktiver Feindseligkeiten geben, wie sollte das aussehen? 

Jazenjuk. Zunächst möchte ich sagen, dass ich recherchiert habe, ob Schweden und Finnland rechtsverbindliche Sicherheitsgarantien erhalten haben. Wenn Sie sich alle NATO-Dokumente vor ihrer Vollmitgliedschaft genau ansehen, werden Sie keine rechtsverbindlichen Sicherheitsgarantien für Schweden und Finnland finden, bevor sie Vollmitglieder der NATO wurden. 

Portnikov. Auch nicht von den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich? Was haben sie denn mit Biden und Johnson unterschrieben? 

Jazenjuk. Das heißt, es gab kein juristisches Dokument, das besagt, dass die NATO-Länder für diese Länder eintreten würden, bevor sie Vollmitglieder werden. Zumindest habe ich es nicht gesehen. Vielleicht  war es geheim, aber ich habe es nicht gesehen. Was die Garantie für die Sicherheit der Ukraine betrifft. Es gibt einfach keine anderen Garantien als die Lieferung der notwendigen Waffen durch Ramstein und durch die Mechanismen, die die NATO bereits auf dem letzten Gipfel eingeführt hat. Und dafür brauchen wir das nötige Geld, die industrielle Produktion der Munition, die die ukrainische Armee braucht, und den politischen Willen. Es gibt also im Prinzip keine andere Möglichkeit, als der Ukraine zu helfen. Es gibt etwas andere Diskussionen und Debatten, insbesondere nach den Ereignissen in Deutschland, in Österreich nach den letzten Wahlen und in den Vereinigten Staaten. In den Vereinigten Staaten herrscht große Ungewissheit darüber, wer Präsident sein wird und wie die Politik einer nachfolgenden US-Regierung aussehen wird. In Europa gibt es bereits die Gewissheit, dass die rechtsradikalen Kräfte in vielen europäischen Ländern, wenn nicht ein Mandat zur Machtübernahme, so doch ein großes Mandat von den Wählern erhalten. In Österreich haben 30 % für die Freiheitliche Partei gestimmt. Die Deutschen sollten in gleicher Weise gezählt werden. Man kann nicht mehr nur die AfD zählen, sondern auch Sarah Wagenknecht.

Portnikov. Ja, sie wird von einer großen Zahl von Menschen unterstützt. Aber das ist in Ostdeutschland, in dem Land, das 1955 nicht in die NATO aufgenommen wurde. 

Jazenjuk. Aber sie müssen zusammengebracht werden. Das sind also im Prinzip die Kräfte, die sich gegen die Unterstützung der Ukraine stellen werden. Es gibt eine ganze Reihe solcher Kräfte. Und hier auf dem Warschauer Sicherheitsforum wurde darüber diskutiert, dass es im Prinzip einen Preis für die Demokratie gibt. Dieser Preis besteht darin, dass die Menschen für verschiedene politische Kräfte stimmen. Und ja, in einer gewählten Demokratie kann dies unter anderem die Unterstützung für die Ukraine ernsthaft untergraben. Nun, wir leben in der Realität, in der wir leben, wir haben keine andere Realität, also müssen wir damit zurechtkommen. 

Portnikov. Sagen Sie mir, was ist mit der ukrainischen Gesellschaft? Wenn man uns sagt, dass wir eingeladen sind, der NATO innerhalb der von der rechtmäßigen ukrainischen Regierung kontrollierten Grenzen beizutreten, bedeutet das im Grunde, dass wir die Gebiete, die derzeit unter der Kontrolle der russischen Besatzer stehen, aufgeben müssen. Oder mit Russland zu kämpfen, sozusagen auf eigenes Risiko, wohl wissend, dass uns in dieser Situation niemand helfen wird, dass man uns nur helfen wird, wenn Moskau diese offensichtliche rote Linie, die Kontaktlinie, überschreitet. Inwieweit ist dies eine akzeptable Option für die Ukraine, so dass die Regierung dies der Gesellschaft erklären kann. Ich meine, ich habe heute eine Erklärung des ukrainischen Außenministeriums gesehen, in der ein Artikel der Financial Times widerlegt wurde, in dem es hieß, dass der neue ukrainische Außenminister Adey Sibiga in New York mit westlichen Verbündeten darüber gesprochen habe, ob die Ukraine im Gegenzug für echte Sicherheitsgarantien bereit wäre, die Kontrolle über die besetzten Gebiete vorübergehend aufzugeben. Der Standpunkt der Ukraine bleibt unverändert. Der Krieg wird nur an den Grenzen von 1991 enden. 

Jazenjuk. Ich kann die Existenz dieser Gespräche weder bestätigen noch dementieren, aber ich werde Ihnen meine Logik dieses Prozesses mitteilen. Die Mitgliedschaft der Ukraine in der NATO kann nicht innerhalb der Grenzen erfolgen, die derzeit von den ukrainischen Behörden kontrolliert werden. Die Vollmitgliedschaft der Ukraine in der NATO kann nur innerhalb der international anerkannten Grenzen der Ukraine erfolgen. 

Portnikov. Die Ukraine wird also nur innerhalb dieser Grenzen in die NATO aufgenommen, richtig? 

Jazenjuk. Absolut richtig. Das bedeutet zunächst einmal, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass eine ukrainische Regierung ukrainische Gebiete aufgibt, weder politisch noch rechtlich. Jetzt der zweite Teil. Nach der Entscheidung, Mitglied zu werden, möchte ich noch einmal betonen, dass dies bedeutet, dass die Ukraine als Staat innerhalb der territorial anerkannten internationalen Grenzen von 1991 Mitglied der NATO wurde. Lassen Sie uns nun zum zweiten Teil übergehen. Der zweite Teil ist Artikel fünf des Washingtoner Vertrags. Der fünfte Artikel des Washingtoner Vertrages soll die Sicherheit der NATO-Mitgliedstaaten gewährleisten. In diesem Fall bedeutet dies, dass Artikel 5 des Washingtoner Vertrages, der die Sicherheit des ukrainischen Territoriums vorsieht, vorübergehend auf das Gebiet Anwendung findet, das derzeit von den ukrainischen Behörden kontrolliert wird. Das bedeutet, dass Russland nicht in der Lage sein wird, weiteres Land mit militärischen Mitteln zu erobern. Und zweitens bedeutet es, dass die Ukraine ihre Gebiete in Grenzen von 1991 mit diplomatischen und militärischen Mitteln wiedererlangen wird, die Zukunft wird zeigen, in welche Zeit. So wie es mit West- und Ostdeutschland geschah, als die Berliner Mauer fiel. West- und Ostdeutschland vereinigten sich. Ja, es hat Jahrzehnte gedauert. Aber der Prozess der Integration und der Prozess der Vereinigung der beiden deutschen Staaten hat stattgefunden. Das kann man nicht mit der Ukraine vergleichen, denn wir haben keine zwei Ukrainische Staaten. Wir haben vorübergehend besetztes ukrainisches Territorium. Das sind ganz andere Tatsachen. Aber aus historischer Sicht wird der Prozess der Befreiung der ukrainischen Gebiete von der russischen Besatzung genauso ablaufen. Ich gebe Ihnen nur meine Logik wieder, wie ich diesen Prozess sehe. 

Portnikov. Die Logik ist für mich klar. 

Jazenjuk. Abgesehen von der Tatsache, dass wir in Deutschland einen Präzedenzfall haben, möchte ich Sie auch an den Präzedenzfall in Norwegen erinnern. Als Norwegen 1949 Mitglied der NATO wurde, gab es eine Ausnahme: Norwegen wurde zwar Mitglied der NATO, aber es durften keine Truppen der NATO-Mitgliedsstaaten auf dem norwegischen Territorium stationiert werden, und es durften keine militärischen Waffen oder Atomwaffen eingesetzt werden. Mit anderen Worten: Gibt es Präzedenzfälle der Ausnahmen? Ja, die gibt es. Und wir haben bereits zwei historische Präzedenzfälle, Deutschland und Norwegen. 

Portnikov. Ich kenne noch einen dritten. Als Finnland der NATO beitrat, blieben seine Verpflichtungen in Bezug auf die entmilitarisierte Zone der Alan-Inseln in Kraft, und die Alan-Inseln sind nach wie vor ein entmilitarisiertes Gebiet, und das Generalkonsulat der Russischen Föderation in Marie Hamni wacht ausdrücklich darüber, dass diese Vereinbarung nicht verletzt wird. Aber mich interessiert eine andere Logik. Sie sagen, dass Russland keinen weiteren Zentimeter ukrainischen Bodens besetzen kann. Was ist, wenn es das doch versucht? Nehmen wir an, die Ukraine hat diese Einladung erhalten, hat den Artikel fünf erhalten. Und am nächsten Tag, sagen wir mal, schlägt eine russische Rakete in Charkiw oder Kyiv ein, oder ein russisches Regiment versucht, in Sumy einzudringen. Was macht die NATO in so einer Situation? Kämpft sie gegen Russland? 

Jazenjuk. Unter solchen Umständen hat die NATO keine andere Möglichkeit, als die Ukraine zu verteidigen. Ich kann hier nur den Satz von US-Präsident Joseph Biden wiederholen, und dann den aller Offiziellen der NATO-Mitgliedsstaaten, dass wir jeden Zentimeter des NATO-Gebietes verteidigen werden. Wenn die NATO dies nicht tut, bedeutet dies, dass die NATO den Test ihrer Fähigkeit, ihre Schlüsselfunktion zu erfüllen, nicht bestanden hat. Und ihre Kernfunktion, die unserer Verbündeten, besteht darin, die Sicherheit der NATO-Mitgliedstaaten zu gewährleisten. So verrückt es auch klingen mag, es gibt für die NATO keine andere Möglichkeit, als ein neu aufgenommenes Mitglied zu verteidigen, so wie sie auch Finnland und Schweden verteidigen wird, und so wie sie auch die Ukraine verteidigen wird. 

Portnikov. Nun, das ist die interessanteste Frage, nicht wahr? Denn sie müssen selbst sagen, dass wir das Risiko eingehen werden, weil wir Sicherheitsgarantien geben werden, aber wir können nicht garantieren, dass die Russen den Krieg nicht fortsetzen. Ich gehe davon aus, dass Putin es nicht wagen würde, das durch die NATO-Garantie geschützte Gebiet anzugreifen. Aber wir brauchen westliche Politiker, die dieser Logik zustimmen. 

Jazenjuk. Er wird es nicht wagen, NATO-Territorium anzugreifen, vor allem dann nicht, wenn beschlossen wird, der Ukraine nicht nur die notwendigen Waffen zu liefern, sondern wenn beschlossen wird, Militärbasen auf dem Territorium der Ukraine zu errichten, wenn beschlossen wird, Militärkontingente der NATO-Mitgliedstaaten auf ukrainischem Territorium zu stationieren. Denn wir brauchen nicht nur Worte, sondern auch Taten. Und ich betone noch einmal, dass dies ein Test für die Fähigkeiten der NATO im Allgemeinen ist. Die NATO hat jetzt den Test ihrer Erweiterungsfähigkeit bestanden. Im Jahr 2022 hat die NATO den Test bestanden, ob sie in der Lage ist, einem Nicht-NATO-Land zu helfen. Die NATO hat den Test ihrer Aufrüstung zu bestehen, nachdem sie aufgewacht ist, sie hat ihn noch nicht bestanden.  Und leider unterscheiden sich die Raten der Industrieproduktion, der militärischen Industrieproduktion der NATO-Mitglieder und Russlands und sogar Nordkoreas und Irans, die Sanktionen unterliegen, um Größenordnungen. Und sie werden diesen Test bestehen, weil sie keine andere Wahl haben. Die NATO hat den Test ihrer Mobilisierung noch nicht bestanden. Wenn ich die Zahlen lese, dass es 35.000 kampfbereite Truppen geben wird, was eine großartige Zahl ist, dann denke ich, dass sie irgendwie die russische Armee, die an der ukrainischen Grenze steht, von ihren 35.000 pro Million abziehen müssen. Und auch die NATO wird keine andere Wahl haben, als den Test zu bestehen, der wichtigste Garant für Sicherheit in der Welt zu sein. Und das Bestehen dieser Prüfung ist heute merkwürdigerweise nur mit einem einzigen Fall verbunden, nämlich dem ukrainischen. 

Portnikov. Die Geschichte des möglichen Kontakts von Olaf Scholz zu Wladimir Putin sticht in dieser Logik heraus. Können Sie sich generell erklären, warum die Beziehungen zweieinhalb Jahre nach ihrer Abwesenheit wieder auf einem so hohen Niveau hergestellt werden?

Jazenjuk Ich habe eine Erklärung. Diese Erklärung heißt Innenpolitik. Diese Erklärung heißt übrigens, darauf zurückzukommen, wer die Kommunalwahlen in bestimmten deutschen Bundesländern gewinnt. Das ist die Erklärung, dass die Sozialdemokraten die Unterstützung verlieren und dass dieser Verlust an Unterstützung, denke ich, laut dem Bundeskanzler und seiner Partei mit wirtschaftlicher Problemen, der Schließung des Volkswagenwerks zum Beispiel zusammenhängt, einschließlich des Krieges in der Ukraine, und der Tatsache, dass Deutschland viel teurere und daher nicht wettbewerbsfähige Energieressourcen bekommt, und dass, wenn all diese Fragen gelöst werden, wenn wir zur Tagesordnung zurückkehren, die Unterstützung der Regierungspartei und der Regierungskoalition entsprechend zurückkehren wird. Ich habe keine andere Erklärung. Das ist der falsche Weg, denn ich weiß, dass die Regierungskoalition so auf jeden Fall verlieren wird, Putin auf jeden Fall gewinnen wird und Deutschland auf jeden Fall verlieren wird. Das ist die gleiche Diskussion, die ich mit Bundeskanzlerin Merkel über Nord Stream geführt habe. Wir waren uns in einem entscheidenden Punkt uneinig, nämlich der Zweckmäßigkeit des Nord-Stream-Projekts. Die Bundeskanzlerin sagte mir, dass es sich um ein wirtschaftliches Projekt handele, und ich sagte ihr, dass es ein geopolitisches Projekt sei, das Europa, Deutschland und die Ukraine schwächen würde, und dass dieses geopolitische Projekt zu einer russischen Expansion nicht nur im Energiebereich, sondern auch in militärischer Hinsicht führen würde. Leider ist das, was passiert ist, nicht das ist, was die Kanzlerin damals dachte. 

Portnikov. Andererseits ist jetzt völlig klar, dass kein noch so gutes Gespräch mit den Putins zu einem realistischen Ergebnis führen wird, wenn es nicht einen konkreten Vorschlag für Putin gibt. Scholz kann mit Putin reden, aber was kann er ihm anbieten? Zumal Sie sagen, es ist die Rede davon, die Ukraine in die NATO einzuladen. Eine solche Einladung kann es ohne den Willen Deutschlands nicht geben. Wir wissen, dass Deutschland einer der Hauptakteure in diesem Bereich ist. Die Vereinigten Staaten, Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich. Das sind die vier Hauptakteure. Übrigens waren die Vereinigten Staaten und Deutschland im Gegensatz zu Großbritannien und Frankreich die ganze Zeit nicht bereit, eine solche Entscheidung zu treffen. 

Jazenjuk. Nun, das ist die Geschichte von 2008. Ich habe den Brief über die Mitgliedschaft der Ukraine in der NATO unterzeichnet. Der Präsident, der Premierminister und ich, der damals Vorsitzender des Parlaments war, haben das Schreiben unterzeichnet. Im Jahr 2008 wurde unser Weg in die NATO von zwei Ländern blockiert. Das waren Deutschland und Frankreich. Heute bin ich erstens der Meinung, dass es für Deutschland unmöglich ist, sich mit Putin auf etwas zu einigen. Außerdem weiß ich nicht, ob die Information, dass sie Gespräche führen, wahr ist oder nicht. Verstehen Sie, warum ich das sage? Ich spreche darüber, weil ich von unseren amerikanischen Verbündeten Zusicherungen erhalten habe. Und das, wissen Sie, ist nicht von jemandem auf der Straße in der Nähe eines Cafés, sondern von äußerst seriösen Leuten. Es gab folgenden Satz, der mir zweimal wiederholt wurde. Auf der Ebene des US-Außenministeriums. Auf der Ebene des Sicherheitsrates der Vereinigten Staaten. Wir verhandeln nicht mit Russland über die Ukraine. Punkt. Dies wurde zweimal in verschiedenen Variationen wiederholt, damit es keine unterschiedlichen Meinungen und unterschiedliche Lesarten ihrer Botschaft gab. Das heißt, es wurde ganz klar gesagt. Trotz der Tatsache, dass die Medien oft einfach falsche und nicht überprüfbare Informationen darüber veröffentlichen, das hinter unserem Rücken über uns verhandelt wird. Führen die Amerikaner irgendwelche Verhandlungen? Sie führen einige Verhandlungen. Zum Beispiel über den Austausch von illegal inhaftierten Geiseln, die von Russland auf russischem Gebiet festgehalten werden. Ja, auf der Ebene der Geheimdienste, auf der Ebene der CIA und anderer Geheimdienste, führen sie diese Verhandlungen. Aber was die Ukraine betrifft, so war das sehr deutlich. Die Vereinigten Staaten führen keine Verhandlungen über die Ukraine ohne die Ukraine. Ich bezweifle also die Glaubwürdigkeit der Information, dass Deutschland hinter dem Rücken der Europäischen Union, der Vereinigten Staaten von Amerika, unserer wichtigsten Verbündeten, mit dem Kriegsverbrecher Putin verhandeln wird. Es gibt keine Geheimverhandlungen. Selbst Ribentrops Molotow-Pakt könnte nicht geheim gehalten werden. 

Portnikov. Nun, auf jeden Fall haben sie sich ganz legal getroffen. Molotow und Ribintrop selbst, und Ribintrop traf sich mit Stalin. Es gab Fotos in den Zeitungen, niemand hat diese Gespräche verheimlicht. 

Jazenjuk. Ja, aber dann hat die sowjetische Geschichtsschreibung alles umgeschrieben, woran Sie sich gut erinnern. 

Portnikov. Nun, man kann später alles umschreiben, aber zum Zeitpunkt dieses Treffens gab es natürlich kein Geheimnis. Es gibt eine Klarstellung, dass Scholz wirklich mit Putin sprechen will, das wurde schon in Bild veröffentlicht, aber er hat ihm noch keine Anfrage für ein solches Gespräch geschickt. Vielleicht ist das nur ein Sondieren der öffentlichen Meinung? 

Jazenjuk. Daran glaube ich eher. Aber viele haben bereits Erfahrung in der Kommunikation mit Putin. Sie und ich erinnern sich an die Kommunikation mit Macron, die Kommunikation mit Scholz. Ich habe vergessen, wer ihn vor dem Krieg besucht hat: Macron und Scholz, glaube ich. Es gab auf jeden Fall Telefongespräche. Dann haben die Österreicher auch telefoniert. Also, im Prinzip hat jeder Erfahrung. Und diese Erfahrung hat folgendes gezeigt. Alle Verhandlungen mit Putin enden unter anderem mit dem Zusammenbruch der eigenen politischen Karriere. 

Portnikov. Das ist eine gute Überlegung. Nun, zunächst einmal glaube ich nicht wirklich, dass die deutsche Bundeskanzlerin beschließen kann, die Kontakte mit dem russischen Präsidenten wieder aufzunehmen, ohne sich mit den Verbündeten und insbesondere mit den Vereinigten Staaten entsprechend abzustimmen. 

Jazenjuk. Wir haben gerade darüber gesprochen, dass ich nicht glaube, dass es eine weitere Münchner Verschwörung geben wird. Und das ist nicht nur eine Frage des Glaubens. Wenn wir uns nur auf den Glauben ohne Rationalität verlassen, werden wir definitiv verlieren. Das ist ein rationaler Ansatz. Mal ganz abgesehen davon, was passiert, wenn diese Informationen vor allem den politischen Gegnern von Scholz zur Verfügung stehen? Was würden CDU und CSU tun, wie sähe die politische Situation in Deutschland aus? Dann finden die Wahlen in Deutschland nicht im nächsten Jahr statt. Die Wahlen in Deutschland werden in diesem Jahr stattfinden. 

Portnikov. Haben Sie eine Ahnung, was diese Geschichte über die Änderung der russischen Nukleardoktrin bei westlichen Politikern noch auslösen könnte? Dass dies vielleicht genau das Thema ist, über das sie mit Putin sprechen wollen? Inwieweit beunruhigt sie das überhaupt, haben Sie das gespürt? Oder ist das für sie nur neues Gerede? 

Jazenjuk. Bei einer privaten Veranstaltung in der vergangenen Woche hörte ich, wie in der US-Regierung über die nukleare Bedrohung Russlands im Jahr 2022 diskutiert wurde. Sie glaubten wirklich, dass Russland im Jahr 2022 nach den erfolgreichen Operationen in Charkiw und Cherson taktische Atomwaffen einsetzen könnte. Aber Stand heute hat selbst die so genannte Änderung der russischen Militärdoktrin über den Einsatz von Atomwaffen unsere westlichen Verbündeten nicht erschreckt. Das heißt, sie verstehen, dass es sich um ein Klappern mit der Waffen handelt. Besteht also die Möglichkeit, dass Putin Atomwaffen einsetzen wird? Nun, weil er sie hat, besteht natürlich fiese Chance. Aber ist diese Chance in den roten Bereich der Gefahr? Nein, das ist sie nicht. Und diese Information stammt aus der letzten Woche, dass das wichtigste NATO-Land mit den größten Nuklearkapazitäten, die Vereinigten Staaten, im Prinzip keine übermäßigen Bedenken gegen den Einsatz von Atomwaffen durch Russland haben. Aber es gibt auch eine Kehrseite. Wenn keine übermäßige Besorgnis besteht, warum erlauben sie dann nicht den Einsatz von Langstreckenwaffen? Angriffe über 300 Kilometer. Und es gibt zwei Erklärungen. Nun, die erste ist die Erklärung, die in der New York Times stand. Ich habe gehört, dass sogar geleugnet wurde, dass es überhaupt amerikanische Geheimdienstdaten gäbe, die darauf hindeuten, dass der Einsatz von Langstrecken-Atomwaffen mehr Nachteile als Vorteile haben könnte. Dies wurde von der amerikanischen Regierung widerlegt. Ich weiß es nicht, denn ich habe die Daten nicht gelesen. Das ist der erste Teil. Der zweite Teil, der mir völlig klar war, als die Diskussion über die Erteilung der Genehmigung begann. Es gibt einen Wahlprozess in den Anschlussstaaten. Und dieser Wahlprozess hängt mit der Tatsache zusammen, dass die Erteilung der Genehmigung einen gewissen Einfluss auf die Innenpolitik dieser Staaten haben könnte. Wenn also diese Genehmigung erteilt wird, und ich hoffe, dass sie erteilt wird, dann wird sie höchstwahrscheinlich nach dem fünften November erteilt werden, erst nach dem fünften November. Das ist der erste und zweite Punkt. Ich bin nicht davon überzeugt, dass sie überhaupt öffentlich erteilt werden kann. Und der dritte Punkt, der mich in Bezug auf die Mentalität oder die Herangehensweise unserer Verbündeten überrascht, ist die Frage, warum Sie den Einsatz der Waffen, die Sie der Ukraine gegeben haben, überhaupt einschränken mussten. Was ist der Grund dafür? 

Portnikov. Vom ersten Tag an, richtig? 

Jazenjuk. Ganz genau. Man hat sich also selbst in die russische Diskussion hineingezogen. Denn wenn man sagt, die Ukraine darf dort schießen und dort nicht, heißt das, dass man bereits Partei in dem Prozess geworden ist. Das heißt, man hat sich selbst beschränkt und dem Kriegsverbrecher Putin und dieser kränklichen Sacharowa erlaubt, sich zur Beteiligung der Vereinigten Staaten und der NATO-Mitgliedstaaten an einem Krieg zu äußern, an dem die NATO nicht beteiligt ist, die NATO befindet sich nicht im Krieg mit Russland. Daher wäre es absolut objektiv, die einzig richtige Entscheidung auf NATO-Ebene zu treffen. Alle Waffen, die an die Ukraine geliefert wurden, werden ausschließlich von den ukrainischen Streitkräften verwendet. Auf Anweisung des Obersten Befehlshabers und des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine. Westliche Verbündete sind nicht damit beschäftigt, bestimmte militärische, legitime Ziele auf dem Territorium Russlands zu bestimmen. Die Ukraine muss diese Waffen im Einklang mit dem Völkerrecht einsetzen. Und genau das tut sie jetzt. Das war’s, die ganze Botschaft. 

Portnikov. Nun, es ist interessant, wie Ziele ohne westliche Satelliten identifiziert werden können. Wir sind definitiv kein Land mit einem großen Raumfahrtprogramm, leider. 

Jazenjuk. Auf diese Fragen würde ich auf keinen Fall eingehen wollen. Sie haben die richtige Frage gestellt. Ich werde dann weiter gehen. Im Prinzip wäre dann der vierte Schritt unserer westlichen Verbündeten, dass die Ukraine selbst Langstreckenwaffen herstellt. Der Iran produziert es, obwohl er ist mit Sanktionen belegt ist. Nordkorea stellt sie her. Und die New York Times hat veröffentlicht, ich habe vergessen, wie diese nordkoreanische Rakete heißt. Vier Raketen, die von Russland auf ukrainischem Gebiet abgeschossen wurden. Die Reichweite dieser Raketen beträgt 700 Kilometer. Das heißt, die Ukraine verfügt über eigene Kapazitäten zur Herstellung von Langstreckenwaffen. Damit die Ukraine diese Waffen herstellen kann, muss sie vielleicht einige Lizenzen erwerben. Vielleicht braucht die Ukraine auch eine bilaterale Zusammenarbeit. Aber es werden ukrainische Waffen sein. Und mit ukrainischen Waffen kann die Ukraine sicherlich in ganz Russland zuschlagen. Und ich möchte Sie daran erinnern, dass im Prinzip 80 % der legitimen russischen Ziele bis zu 3.000 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt sind.  Und Mittelstreckenraketen wirken bis zur Entfernung von 3.000 Kilometer.  

Portnikov. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch aus dem Warschauer Sicherheitsforum. Ich hoffe, dass sich Ihre Vorhersagen bewahrheiten und wir in den nächsten Wochen oder Monaten tatsächlich zu diesen Entscheidungen kommen werden. Es ist ganz klar, dass dieses Gespräch, diese gute Nachricht, mit einer echten Erklärung enden wird, dass die Ukraine eingeladen wird, der NATO beizutreten, und dass sie, wenn auch nur stillschweigend, die Erlaubnis erhält, westliche Waffen einzusetzen, um das Territorium der Russischen Föderation anzugreifen, was den Verlauf des Krieges verändern kann. Hoffen wir darauf, betrachten wir dies als eine optimistische Prognose an dem Tag des Verteidigers der Ukraine. 

Jazenjuk. Sie haben völlig Recht, dass wir eine symmetrische Antwort brauchen. In der Tat müssen wir den Verlauf des Krieges ändern, denn wenn wir nach dem von Wladimir Putin gezeichneten Szenario spielen, haben wir kaum eine Chance, diesen Krieg zu gewinnen. Deshalb müssen wir unser eigenes Szenario entwerfen. Nur dann werden wir gewinnen. 

Portnikov. Jetzt möchte ich die Fragen beantworten, die in dieser Sendung gestellt wurden. 

Jemand hat geschrieben, dass Präsident Biden beschlossen hat, dass die Amerikaner die iranischen Raketen abschießen sollen, die jetzt auf Israel zusteuern. 

Nun, ja, dieser Angriff findet vor unseren Augen statt. Und die Anzahl der Raketen kann variieren. Einige Medien sprechen von etwa 150 ballistischen Raketen, die auf Israel gerichtet sind, andere sagen, es seien viel mehr. Dies ist wirklich ein beispielloser Angriff. Ich muss sagen, dass der Iran sich auf einen solchen Angriff vorbereitet hat. Wenn Sie sich daran erinnern, dass während des letzten iranischen Angriffs auf Israel nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern alle Verbündeten Israels und sogar die Länder, die zwischen Israel und dem Iran liegen, die arabischen Länder, iranische Raketen und Drohnen in ihrem Luftraum zerstört haben. Und dann erreichte fast nichts mehr Israel. Und das war ein großes Fiasko für den Iran. Und dann war da noch die wichtige Frage, wie viele Raketen der Iran noch in seinem Arsenal hat, um schnell einen neuen Angriff auf Israel vorzubereiten. Wie wir sehen können, hat der Iran dieses Arsenal. Wir können uns nicht einmal vorstellen, wie viele Raketen diese Länder jetzt haben: Russland, Iran und Nordkorea, welche Arsenale sie für diese entscheidende Schlacht mit der zivilisierten Welt angehäuft haben. Ich möchte Sie daran erinnern, dass wir neben den Berichten über einen Angriff auf Israel mit diesen iranischen Raketen auch von Berichten wissen, dass der Iran seine ballistischen Raketen der Russischen Föderation für die Lüftschläge auf dem Gebiet der Ukraine zur Verfügung gestellt hat. Und das wirft natürlich eine gute Frage auf. Wenn der Iran Israel angreift, helfen seine Verbündeten Israel, iranische Raketen zu zerstören. Und wenn dieselben Raketen auf das Territorium der Ukraine zufliegen, muss die Ukraine sie allein und ausschließlich mit den Waffen abschießen, die uns von unseren Verbündeten zur Verfügung stehen. Und wir verhandeln seit langem mit unseren Verbündeten im Westen, mit Polen und Rumänien, damit auch sie russische Raketen zerstören, nicht nur in ihrem Luftraum, sondern auch im ukrainischen Luftraum. Denn es ist nicht Russland, auf das diese Raketen fliegen, sondern die Ukraine. Und Russland hat kein legitimes Recht, auf unser Territorium zu schießen. Wenn Polen russische Raketen zerstört, dann ist das kein Angriff auf Russland, sondern eine Verteidigung der Ukraine. Und bis jetzt glaube ich, dass auf NATO-Ebene eine solche Entscheidung getroffen werden muss. Man sollte nicht nur darüber nachdenken, wie und auf welche Weise man die Ukraine in die NATO einladen kann, sondern auch eine Entscheidung treffen, der Ukraine in diesem Krieg tatsächlich zu helfen, indem man zumindest das ukrainische Luftverteidigungssystem weniger belastet. Denn wenn wir in eine Situation kommen, in der ein Teil des ukrainischen Territoriums von der Luftabwehr Polens, Rumäniens und möglicherweise der Slowakei abgedeckt wird, dann können die Batterien, die sich in den westlichen Regionen der Ukraine befinden, in die zentralen Regionen verlegt werden und die zentralen und östlichen Regionen der Ukraine gründlicher vor russischen Angriffen schützen. Auch darüber müssen wir nachdenken. Auch das sollte Teil unserer gemeinsamen Strategie sein. 

Der nächste Punkt, den wir hier erörtern müssen, ist die Frage, inwieweit die NATO prinzipiell bereit wäre, solche Maßnahmen zu ergreifen, wenn wir tatsächlich eine Einladung zum Beitritt zum Bündnis erhalten. Das könnte natürlich den Verlauf des gesamten Krieges wirklich verändern.

Man sagt, dass einige der iranischen Raketen den Israel erreicht haben, nach den Videos zu urteilen, die jetzt auftauchen. Da es sich um ballistische Raketen handelt, fliegen sie natürlich viel schneller, und das wissen wir sehr gut, als die anderen Raketen, die beim letzten Mal geflogen sind, und es gibt viel mehr von ihnen als beim letzten Mal. Das ist natürlich eine ganz wichtige Geschichte, die viel diskutiert wurde. Und natürlich schreibt man jetzt, dass die Iraner ganz schnell 150 Raketen eingesammelt haben. Das bedeutet, dass sie es schon hatten. Die Strategie bestand also darin, einen Teil des Arsenals zu nutzen, um zu sehen, ob es Bereiche gibt, die in der israelischen Luftabwehr umgangen werden können, und um sich gründlicher auf den zweiten Angriff vorzubereiten. Und wenn dieses Problem jetzt nicht gelöst wird, könnte es einen dritten Angriff nach dem zweiten geben. Aber um einen dritten Angriff zu vermeiden, muss der zweite Angriff andere Konsequenzen haben. Denn nach dem ersten Angriff haben alle gesagt, dass Israel keinen massiven Angriff auf den Iran starten sollte.  Der Iran hat das verhindert, und Israel hat diesen Angriff in Abstimmung mit seinen Verbündeten nicht durchgeführt. Und jetzt habe ich gerade gelesen, dass Vertreter der israelischen Verteidigungsstreitkräfte betont haben, dass dieser massive Schlag Irans nicht ohne Folgen bleiben wird. Denn im Prinzip besteht die Möglichkeit eines massiven Schlags gegen den Iran mit der Zerstörung iranischer Einrichtungen, einschließlich der Kernenergieanlagen. Dies würde den Traum der Iraner, eine Atommacht zu werden, ein für alle Mal beenden. Die Zerstörung einer großen Anzahl von Arsenalen der iranischen Armee, einschließlich der Arsenale, die nun für einen Angriff auf die Ukraine genutzt werden können. Vergessen Sie nicht, dass alles, was sich in den Arsenalen der Islamischen Republik Iran befindet, jederzeit auch in den Arsenalen der Russischen Föderation sein kann. Als wir vor kurzem über den Schlag gegen russische Waffendepots sprachen, wussten wir noch nicht, welche Folgen er haben würde, denn es gibt verschiedene widersprüchliche Berichte über die Zusammensetzung der Waffen in der Wolgarad-Region der Russischen Föderation, und wie Sie sich erinnern, hieß es, dass sich dort iranische Ballistische Raketen befänden. Je verheerender also der israelische Schlag gegen den Iran, die Zerstörung der iranischen Waffen, desto mehr Sicherheit werden wir haben. Das ist es, was ich die ganze Zeit gesagt habe, dass dies ein gemeinsamer Krieg ist, dass es keine unterschiedlichen Kriege gibt, dass dies ein gemeinsamer Krieg zwischen Demokratien und Diktaturen ist, der sich zu unvorstellbaren Formen ausweiten wird, bis hin zum Dritten Weltkrieg, wenn der Westen nicht bestimmte harte Entscheidungen trifft und Russland, China, Iran, Nordkorea und allen, die mit ihnen verhandeln wollen, nicht zeigt, dass es keine Grauzonen geben wird, dass sie einen Schlag auf die Finger bekommen, so dass Tausende von Menschen es spüren. Nach jedem Versuch einer Aggression. Ich bin der Meinung, dass die Bevölkerung des Landes, das sich in der Angriffsmodus befindet, die Folgen des Krieges am eigenen Leib zu spüren bekommen sollte. Es kann nicht sein, dass die Bürger des Angreiferlandes friedlich leben, während die Bürger des Opferlandes unter Beschuss genommen werden. Nein, der Krieg sollte für jeden Bürger der Russischen Föderation, jeden Bürger des Iran, jeden Bürger Nordkoreas ein normaler Teil des Lebens sein. Er sollte sich in ihren Häusern einnisten, zum Alltag ihrer Zivilbevölkerung werden und ihnen jahrzehntelang keine Hoffnung lassen, dass sie ein normales Leben führen werden können. Es sind nur Jahrzehnte der Verzweiflung, die diese Menschen verändern können. Das wissen wir aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Deutschland und Japan wurden gerade deshalb zu vorbildlichen Technologieführern und Demokratien, weil ihre Bevölkerung verstand, wie gefährlich diese Aktionen waren, bei denen sie ihre Regierung unterstützte und welche Katastrophe diese Aktionen verursacht hatten. Ohne Impfung gegen den Krieg ändert sich in aggressiven Ländern nie etwas, neue Kriege beginnen und Millionen sterben. So wird es auch dieses Mal sein. Glauben Sie mir einfach. 

Frage. Angesichts der russischen Manipulationen und der Diskreditierung der ukrainischen Politiker, in die Millionen investiert wurden, sollte ein vernünftiger Mensch darüber nachdenken, aber Sie haben keine Reflexion.

Nun, ich verstehe, dass hier allgemein davon die Rede ist, dass Russland jahrzehntelang ukrainische Politiker des nationaldemokratischen Lagers diskreditiert und vernichtet hat. Es hat Probleme zwischen ihnen geschaffen, Probleme zwischen ihren Anhängern geschaffen. Ich sage seit langem, dass das Problem darin besteht, dass selbst wenn die Anhänger der ukrainischen nationaldemokratischen Politiker in der Mehrheit sind, sie sich nicht zusammenschließen und entweder die prorussischen Politiker im Jahr 2010 oder die Populisten im Jahr 2019 an die Macht kommen lassen. Im Jahr 2010 waren die Anhänger der ukrainischen nationaldemokratischen Politiker in der Überzahl gegenüber den Anhängern der prorussischen Kräfte. Aber viele Menschen mochten Julia Timoschenko nicht. Viele Menschen beschwerten sich über sie, und das zu Recht. Infolge dieser berechtigten Beschwerden wurde Viktor Janukowitsch Präsident der Ukraine, und es begann eine Katastrophe, die bis heute andauert und deren Ende nicht abzusehen ist. Volodymyr Zelensky hatte 2019 weniger Anhänger als die Freiheitliche Partei Österreichs, die nun die österreichischen Parlamentswahlen gewonnen hat. Wissen Sie, was passieren wird? In Österreich werden sich die demokratischen Kräfte zusammenschließen, um zu verhindern, dass die Freiheitliche Partei Österreichs an die Macht kommt. Und in der Ukraine hatten die Anhänger anderer nationaldemokratischer Kandidaten, einschließlich Timoschenko und vielen anderen Beschwerden gegen den damaligen Präsidenten Petro Poroschenko. Begründete Beschwerden. Nur dank dieser berechtigten Beschwerden konnte sich die von einer Minderheit der Bürger geteilte Idee durchsetzen. Über die Möglichkeit einer Einigung mit Wladimir Putin. Über die Möglichkeit eines Truppenabzugs. Über den Krieg, den jemand in seinem Kopf beendet hat. Das Ergebnis war ein großer Krieg zwischen Russland und der Ukraine, aus dem die Ukraine nicht so hervorgehen wird, wie sie vor diesem großen Krieg war. Und die Menschen, die in der Ukraine leben, werden nie wieder zu dem zurückkehren, was sie vor 2022 hatten, niemals. Und es war ihre Wahl. Nicht nur die Menschen, die im ersten Wahlgang für Volodymyr Zelensky gestimmt haben. An diese Menschen habe ich überhaupt keine Fragen, denn sie haben ihr Schicksal zweimal gewählt und sind im Prinzip für alles verantwortlich, was ihnen und ihren Angehörigen in den kommenden schwierigen Jahren widerfahren wird. Aber die Menschen, die im zweiten Wahlgang gegen Poroschenko und nicht für Zelensky gestimmt haben, sind einfach Kandidaten für den Darwin-Preis geworden. Ich habe eine Frage an sie. Ich habe keine Fragen an die Wähler von Poroschenko im ersten Wahlgang, oder an die Wähler von Zelensky im ersten Wahlgang, oder an die Wähler von Poroschenko im zweiten Wahlgang. Diese Menschen hatten eine Vision. Unterschiedliche Visionen, aber Visionen, aber den Menschen, die im zweiten Wahlgang für Zelensky gestimmt haben, um nicht für Poroschenko zu stimmen, kann ich nur wünschen, dass sie viel Spaß mit der Situation haben, in der sie sich befinden. Ich habe keine politische Beschwerde gegen sie, ich denke nur: Was habt ihr euch dabei gedacht? Und so geht es mit allem. Das geht buchstäblich seit dem ersten Maidan so weiter. Anstatt zu begreifen, dass es in diesem Land nicht viele Menschen mit ukrainischer politischer Orientierung gibt und dass sie nur gewinnen können, wenn sie sich zusammenschließen, sonst überlassen sie dieses Land Leuten, denen die Ukraine egal ist. Dieses Land, wie die Ukrainische SSR, wurde speziell auf die gemünzt, denen die Ukraine egal ist. Ich weiß nicht, wie ich es sonst erklären soll. Und das ist im Prinzip nicht das Thema unseres heutigen Gesprächs, wie Sie verstehen. Aber wir werden auf jeden Fall in der Zukunft auf all diese Gespräche zurückkommen.

Israel hat den UN-Generalsekretär zur Persona non grata erklärt. Was soll die Ukraine tun? Vitaly Portnikov. 05.10.24.


UN-Generalsekretär António Guterres bei einem Besuch in Borodyanka, Region Kyiv, wo eine Reihe von Kriegsverbrechen des russischen Militärs dokumentiert wurden. Borodjanka, 28. April 2022

Nach der Erklärung des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres zum iranischen Raketenangriff auf Israel – der erfahrene Diplomat erwähnte den Iran in keiner Weise und verurteilte auch nicht dessen Vorgehen – erklärte der israelische Außenminister Yisrael Katz den UN-Chef zu einer unerwünschten Person im jüdischen Staat.

Der israelische Außenminister Yisrael Katz betonte außerdem, dass António Guterres der „Generalsekretär ist, der das Massaker und die sexuellen Gräueltaten, die von den Hamas-Killern am 7. Oktober begangen wurden, nicht verurteilt hat, und keine Anstrengungen unternommen hat, Hamas zu einer terroristischen Organisation zu erklären“. 

Natürlich könnte dieser beispiellose Umstand durch die besonderen Spannungen zwischen Israel und der UN-Führung im vergangenen Jahr erklärt werden. Aber ich möchte Sie an einen anderen Konflikt erinnern – den großen Krieg in der Ukraine. Der UN-Generalsekretär weigerte sich, am Friedensgipfel in der Schweiz teilzunehmen. Und diese Entscheidung hat mich schon damals etwas überrascht.

Natürlich waren von dem Treffen in den Schweizer Bergen keine praktischen Entscheidungen zu erwarten. Aber ist ein UN-Generalsekretär, der sich weigert, an einem in den letzten Jahren beispiellosen Treffen mit Dutzenden von Präsidenten, Premierministern und Außenministern der meisten UN-Mitgliedstaaten teilzunehmen, nicht seltsam? Und ist es nicht seltsam, dass nach dieser Weigerung, in die Schweiz zu kommen, Informationen vorliegen, wonach der UN-Generalsekretär möglicherweise nach Russland reist, um am BRICS-Gipfel teilzunehmen, der demnächst in Kasan stattfinden wird? Obwohl die Repräsentation bei diesem Treffen offensichtlich geringer ist als beim Friedensgipfel.

Und wenn der UNO-Generalsekretär zu diesem von Wladimir Putin organisierten Gipfeltreffen kommt, ist das eine klare Antwort auf die Frage, ob er in der Lage ist, das Gleichgewicht in den Beziehungen zwischen den UNO-Mitgliedsstaaten zu wahren. Und diese Fähigkeit, ein Gleichgewicht zu finden, ist die größte Herausforderung für den UN-Generalsekretär. 

In der Ukraine wird nach dem Ausbruch des großen Krieges mit Russland oft von der Ineffektivität der UNO gesprochen. Dieser Vorwurf wird jedoch schon seit Jahrzehnten gegen die Organisation erhoben. Um eine Position der Werte und der Achtung des Völkerrechts zu demonstrieren, ist es wichtig, dass der UN-Generalsekretär ein erfahrener Diplomat ist, der in der Lage ist, sich an Prinzipien und Regeln zu halten.

Es hätte den Anschein haben können, dass António Guterres mit seiner langjährigen diplomatischen und staatlichen Erfahrung die richtige Person ist, um die Bedeutung dieser Worte zu verstehen. Es stellte sich jedoch heraus, dass seine eigenen politischen Ansichten für den UN-Generalsekretär wichtiger sind als der Inhalt seiner Position. Die Geschichte der Erklärung zur Persona non grata in Israel ist in der Tat der Höhepunkt einer Situation, in der der UN-Generalsekretär diejenigen, die am 7. Oktober 2023 Zivilisten in dem jüdischen Staat angegriffen haben, nicht eindeutig verurteilt hat.

Die Süddeutsche Zeitung bemerkte damals: „Wenn jemand, der das Amt des Chefdiplomaten der Welt innehat, die Gräueltaten der Hamas nicht von vornherein und in aller Deutlichkeit verurteilt, dann hat er schlicht den Bezug zur Realität verloren. Natürlich hat sich Guterres in seiner Rede gegen die von den Terroristen begangene Gewalt ausgesprochen, aber das ändert nichts an seiner Relativierung des Anschlags.“

Und der Krieg in der Ukraine ist, wie wir sehen können, eine ähnliche Geschichte. Einerseits die Verurteilung der russischen Aggression. Auf der anderen Seite die Abwesenheit vom Friedensgipfel, der politisch wichtig für die Unterstützung der Ukraine war. Das ist eine Neutralität, die an Gleichgültigkeit grenzt. Und diese Gleichgültigkeit kann sich sogar auf bestimmte Ereignisse des russisch-ukrainischen Krieges beziehen. 

Ich möchte Sie an die bekannte Geschichte erinnern, als der UN-Generalsekretär im August 2022 eine Mission zur Untersuchung des Todes ukrainischer Kriegsgefangener in Olenivka einrichtete. Und die unerwartete Entscheidung, sie nur wenige Monate später aufzulösen, angeblich wegen mangelnder Arbeitsbedingungen. Damals war der ukrainische Ombudsmann Dmytro Lubinets zu Recht überrascht: „Die Ukraine hat öffentlich gesagt, dass wir bereit sind, zu helfen, alle Bedingungen zu schaffen, damit die Untersuchung stattfindet. Aber wieder einmal haben wir meiner Meinung nach eine neutrale Position der UN als Vermittler gesehen. Kein einziges Wort der Verurteilung der russischen Seite, die alles getan hat, um diese internationale Mission zu verhindern.“

Vergleicht man diese Aussage mit den Äußerungen des israelischen Außenministers, so zeigt sich ein gewisser gemeinsamer Ansatz – der Ansatz von Vertretern von Ländern, die vom UN-Generalsekretär erwarten, dass er die Angreifer verurteilt und nicht die Augen vor Verbrechen und unkooperativem Verhalten verschließt. Meiner Meinung nach wird Antonio Guterres von dieser Kritik jedoch kaum beeindruckt sein.

Aber sein Nachfolger wird sich Gedanken darüber machen müssen, wie er die Glaubwürdigkeit eines der wichtigsten Ämter in der modernen Welt wiederherstellen und beweisen kann, dass die Grundsätze und Regeln immer noch funktionieren.

Das Warten auf einen neuen Krieg | Vitaliy Portnikov @RashkinReport. 05.08.24.

Rashkin. Unsere Welt steht in Flammen. Aber noch nicht vollständig. Zum Beispiel, was in der Region des Nahen Ostens geschieht. Ich betrachte die Situation aus der Ferne und versuche zu verstehen, was der Iran zu erreichen versucht, denn so ein sauber vorhersehbarer Angriff, der beim letzten Mal fast vollständig abgewehrt wurde, ist etwas, was man tut, wenn man seine Meinung äußern will, aber irgendwie sehr vorsichtig. Wie sehen Sie das Vorgehen des Irans, was erwarten Sie und was wollen sie?

Portnikov. Nun, zunächst einmal denke ich, dass der Iran keine andere Wahl hat, als zu versuchen, auf Israel zu reagieren. Die Tatsache, dass Israel Ismail Haniyeh, einen Vertreter des politischen Büros der Hamas, direkt in Teheran ermordet hat, nachdem er sich mit Ayatollah Khomeni getroffen hatte, nach der Amtseinführungszeremonie des neuen iranischen Präsidenten, und zwar als Gast in einer schwer bewachten Villa für die höchsten Gäste des Staates, die vom Korps der Islamischen Revolutionsgarden kontrolliert wurde, ist ein schwerer Schlag für das Sicherheitssystem des Irans selbst. Und dies ist übrigens auch ein israelisches Signal. Wenn Israel Ismail Khaniya auf diese Weise vernichten kann, kann es jeden hochrangigen iranischen Beamten, einschließlich des Obersten Führers, auf dieselbe Weise vernichten. Auch hier kann der Iran noch nicht einmal sagen, wie es dazu gekommen ist. Sie haben ihre Geschichte mehrmals geändert. Sie sagen, es war ein Raketenangriff oder ein Projektil mit geringer Leistung. Von wo aus wurde dieses schwache Geschoss abgefeuert, und wie ist es überhaupt in dieses Haus gelangt? Wie konnte es passieren, dass nur zwei Menschen durch einen Raketeneinschlag starben? Es ist ein so erstaunliches Projektil. So etwas kommt natürlich vor, aber man braucht ein besonderes Filigran an Präzision, um sicherzustellen, dass das Projektil genau dieses Fenster trifft. Ich gehe also fest davon aus, dass es sich tatsächlich um eine Zeitbombe handelte, die, wie amerikanische Quellen sagten, platziert und ferngezündet wurde, während sich Ismail Haniyeh und sein Leibwächter in der Wohnung aufhielten, denn der Chef des Islamischen Dschihad in der Nähe wurde nur leicht erschreckt, nicht einmal verletzt. Es war also eine gezielte Explosion. Auch hier gilt: Um eine solche Zeitbombe für eine lange Zeit zu platzieren, braucht man eine mächtige Agentur innerhalb der Islamischen Revolutionsgarde. Dies ist natürlich ein sehr schwerer Schlag für die Sicherheit des Irans selbst. Übrigens möchte ich an die Geschichte des versuchten Attentats auf den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky erinnern, die, wie in der Ukraine üblich, von vielen mit Unglauben aufgenommen wurde, aber es war genau die gleiche Geschichte, die aber von den ukrainischen Sonderdiensten aufgedeckt wurde, ein Versuch, Agenten unter ehemaligen und derzeitigen Mitarbeitern der Hauptdirektion für die Sicherheit des Präsidenten anzuwerben. Israel verfolgte den gleichen Weg. Nur war es, anders als Russland, erfolgreich. Und in dieser Situation kann der Iran nicht so tun, als sei alles normal. Er muss etwas tun. Die Frage ist nun, was er tun kann, aber auch hier wissen wir es nicht. Dies wird vom Iran selbst aktiv diskutiert. Heute besucht Sergej Schoigu Teheran, auch das ist kein zufälliger Besuch, denn es könnte sich um eine Art gemeinsame Aktion von Iran und der Russischen Föderation handeln. Denn Drohnen, die der Iran an Russland geliefert hat, müssen jetzt mit militärischer Unterstützung bezahlt werden. 

Rashkin. Welche Art von militärischer Unterstützung kann Russland Ihrer Meinung nach dem Iran in diesem Fall bieten?

Portnikov.  Die Stationierung von Iskander, das wurde bereits erwähnt. Davon könnte es eine ganze Menge geben. Vielleicht gibt es auch andere Präzisionswaffen, die der Iran nicht hat. Es könnte sich übrigens auch um Unterstützung bei der Geheimdienstarbeit handeln. Wahrscheinlich haben die russischen Spezialdienste in Israel viel mehr Möglichkeiten als die iranischen, und wir müssen uns auch daran erinnern und verstehen, wie das alles passiert ist. Denn eine große Alija ist ein Reservoir für Geheimdienste. Deshalb habe ich immer geglaubt, und ich habe meinen Freunden immer gesagt, dass man gar nicht weiß, von wie vielen russischen Agenten man umgeben ist. Etwa ab ’89 wurde die Möglichkeit, in die Vereinigten Staaten zu einzuwandern, für die sovietische Juden gestrichen. 2,5 Millionen Menschen kamen nach Israel. Es ist absolut unmöglich, so viele Menschen auf einmal zu kontrollieren. Es wurde ein spezielles Büro für die Angelegenheiten der Juden aus Sowjetunion, die Nativ-Organisation, eingerichtet, das Einwanderungsvisa für Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken ausstellte und immer noch ausstellt. Sie ist nur auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion tätig. In allen anderen Ländern gibt es Sochnut. Und die Aufgabe von Nativ war es, alle Rückkehrer sorgfältig zu überprüfen. Aber stellen Sie sich einmal vor, Sie haben Millionen von Menschen. Und stellen Sie sich weiter vor, dass der damalige Leiter von Nativ, der Mann, der für diese große Einwanderung sorgte, indem er mit den Amerikanern vereinbarte, dass sie keine sowjetischen Juden mehr aufnehmen würden, Yaakov Kedmi. Das ist jetzt der Kommentator von Vladimir Solovyov. Das ist der Mann, der in den frühen neunziger Jahren für die Überprüfung all dieser sowjetischen Juden verantwortlich war. Und jetzt ist er ein Kommentator für Wladimir Solowjow, die Hauptfigur der russischen Fernsehpropaganda. Was hätte Ihrer Meinung nach geschehen müssen? 

Rashkin. Ich denke, dass dies in gewisser Weise eine Widerlegung des Mythos ist, dass es den Juden nur um Israel geht.  

Portnikov. Juden sind unterschiedlich. Es gibt Juden, die Israel an erste Stelle setzen, und die andere setzen das Geld an erste Stelle. Das ist auch ein antisemitischer Mythos, aber er existiert trotzdem in den Köpfen von Leuten wie Kedmi, oder sie haben früher einfach mit all diesen Strukturen zusammengearbeitet. Das ist jetzt schwer zu sagen, weil es keine Beweise gibt. 

Rashkin. Welche Art von Hilfe können die Sonderdienste in dieser Situation leisten, wenn es sich um einen so konkreten Anschlag handelt? Irgendwelche Ziele auszukundschaften?

Portnikow. Ja, natürlich. Zu verstehen, wo die Schwachstellen sind und so weiter, interne Agenten. Schoigu ist da, nicht der Verteidigungsminister, aber der Sekretär des Sicherheitsrates.

Raschkin. Was ist hier der Unterschied aus Ihrer Sicht?

Portnikov. Weil der Sekretär des Sicherheitsrates unter anderem die Nachrichtendienste und deren Kommunikation kontrolliert, während der Verteidigungsminister ausschließlich für die militärische Komponente der Kommunikation zuständig ist. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Wie kann die Aktion ablaufen? Es könnte zu neuen Raketenangriffen aus dem Iran kommen, vielleicht mit größerer Wirkung, denn vielleicht hat der Iran ein größeres Arsenal als wir denken. Es könnte einen intensiven Raketenangriff aus dem Libanon geben, von der Hisbollah. Es könnte zu gleichzeitigen Angriffen aus dem Jemen kommen. Es könnte Angriffe aus dem Gazastreifen geben, aus dem zentralen Teil, wo die Positionen der Hamas noch recht stark sind. Dies sind die vier Hauptsektoren. Es könnte Versuche geben, vom Irak aus zuzuschlagen, von schiitischen Milizen, die mit dem Iran verbunden sind, wenn sie alles einsetzen. Und das könnte ein großer globaler Angriff sein. Werden all diese Raketen abgefangen werden? Die meisten von ihnen, denke ich, ja. Haben diese Raketen die Fähigkeit, das Ziel zu treffen? Im Prinzip ja, es gibt eine solche Möglichkeit. Ich will gleich sagen, dass wir nicht wissen, wie die israelischen und amerikanischen Luftabwehrsysteme funktionieren werden, weil wir das Potenzial des Feindes nicht kennen. Das ist alles, und dann stellt sich die Frage. Was kommt als Nächstes? Das ist das Wichtigste. 

Rashkin. Das ist genau meine Frage, denn wenn wir uns die möglichen Optionen ansehen, können sie auch von der anderen Seite her gelesen werden, was die Reaktion sein wird. Wenn der Angriff so verläuft, dass alle Raketen und Drohnen abgewehrt wurden und niemand verletzt wurde, dann gibt es eine Antwort. Und wenn es Opfer gibt, wenn es Schäden gibt, dann kann es eine sehr, sehr unterschiedliche Antwort geben. 

Portnikov. Natürlich, dann wird es einen großen regionalen Krieg geben. Das ist es, was ich befürchte.

Rashkin. Davon, wie erfolgreich Israel und seine Verbündeten diesen Angriff abwehren können, hängt die Wahrscheinlichkeit eines regionalen Krieges ab. 

Portnikov. Natürlich hängt es davon ab. Denn wenn es einen ernsthaften Angriff auf Israel gibt, wird Israel nicht umhin können, dem Iran zu antworten. Es wird darauf reagieren. Und es kann ernster antworten, als der Iran Israel angreifen wird.

Rashkin Ich glaube nicht, dass es im Interesse des Irans ist, hier zu gut und zu ernst zu reagieren.

Portnikov. Natürlich ist es das. Aber wenn man einen Knopf drückt, ist man nicht vor Fehlern gefeit. Es kann sein, dass man nicht will, dass es gelingt und es gelingt trotzdem. Genau das ist das Problem. Denn die Iraner sind sich bewusst, dass sie keine ernsthafte erfolgreiche Operation wollen, das ist eine Tatsache, aber ich weiß nicht, wie es ausgehen wird. 

Rashkin. Macht es Sinn, zu sagen, dass dies die Aufmerksamkeit von der Ukraine ablenkt?

Portnikov. Natürlich kann ein großer regionaler Krieg die Aufmerksamkeit von der Ukraine ablenken, denn wir kennen noch nicht einmal das Ausmaß der Krise, die sich aus diesem großen regionalen Krieg ergeben wird. Wie werden die verschiedenen Akteure reagieren? Werden die arabischen Länder in der Lage sein, sich rauszuhalten? Was wird mit den Ölpreisen geschehen? Das ist nicht klar. 

Rashkin.Hat irgendeiner dieser Akteure ein Interesse an dem Frieden ?

Portnikov. An dem Frieden? Ja, die  Vereinigten Staaten von Amerika.

Rashkin. Sonst niemand?

Portnikov. Israel hat natürlich auch ein Interesse am Frieden, aber an einem Frieden, der garantiert, dass die Hamas nicht in israelisches Gebiet eindringt, Frauen und Kinder tötet und sie als Geiseln nimmt.

Rashkin. Die Rhetorik, die wir bisher von Netanjahu im Kongress gehört haben, ist, dass dies ein Krieg bis zum bitteren Ende ist. 

Portnikov. Das siegreiche Ende ist die Vernichtung der Hamas.

Rashkin.  Das ist doch eine Ideologie, oder? 

Portnikow. Nein, es geht um Sicherheit. Wenn es eine politische Organisation gibt, die dich tötet, die deine Bürger tötet, dann kannst du dich nicht sicher fühlen, solange diese Organisation existiert. Es ist doch keine Ideologie. Es ist eine einfache Regel der Sicherheit. Und nebenbei bemerkt, wenn Ismail Haniyeh und Mohamed Deila vernichtet wurden, wird es vielleicht möglich sein Yahya Sinar zu vernichten, wenn das gesamte Politbüro der Hamas vernichtet wird, wird die Organisation auf die eine oder andere Weise in Bezug auf die Führung gelähmt sein. Es ist klar, dass die soziale Basis erhalten bleibt. Aber mit dieser sozialen Basis kann man arbeiten. Relativ gesehen, blieb nach 1945 die soziale Basis der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands erhalten. Die Deutschen waren ihre Anhänger, aber es gab keinen Hitler, Göring, Goebbels, Kaltenbrunner, die ganze Truppe gab es nicht mehr. Einige starben, andere wurden gehängt, und die Arbeit zur Umgestaltung der deutschen Gesellschaft begann. Es muss ernsthaft daran gearbeitet werden, die palästinensische Gesellschaft umzugestalten, aber dafür müssen die Hamas-Führer vernichtet und die Kämpfer aus ihren Verstecken vertrieben und entweder vernichtet oder inhaftiert werden. Das ist die ganze Geschichte. Und dann können wir über die Umgestaltung der palästinensischen Gesellschaft sprechen, über die Schaffung der Voraussetzungen dafür, dass die palästinensische Gesellschaft in Frieden und nicht im Krieg leben will, dass sie das Gebiet, auf dem sie lebt, nicht zu einem Sprungbrett für Angriffe auf Israel machen will, sondern will, dass diese Gebiete zum Keim eines möglichen künftigen palästinensischen Staates, seiner Existenz werden. Dies erfordert jedoch eine Umgestaltung der Gesellschaft, und es erfordert, dass palästinensische Kinder in den Schulen nicht mit einer hasserfüllten Ideologie konfrontiert werden. Golda Meir hat immer gesagt, dass ein Frieden mit diesen Menschen nur möglich ist, wenn ihre Liebe zu ihren Kindern größer ist als ihr Wunsch, jüdische Kinder zu töten. Bislang ist der Wunsch, jüdische Kinder zu töten, viel größer als die Liebe zu den eigenen Kindern. Sehen Sie sich an, wie viel Ismail Haniyeh verloren hat, seine Verwandten, seine Kinder, und wie glücklich er am 7. Oktober war, als er auf den Straßen von Gaza sah, wie israelische Geiseln unter dem Jubel der Menge die Straße hinuntergeschleift wurden. Es war eine Freude für sie, sie haben fast getanzt, von Haniyeh bis zu denen, die an Haniyeh glauben. Und in diesem Sinne glaube ich nicht, dass es sich um irgendeine Art von Ideologie handelt. Ich bin mir absolut sicher, dass Israel am Frieden interessiert ist, aber an einem sicheren Frieden. 

Rashkin. Alles, was Sie beschrieben haben, klingt nicht nach einer Situation, die prinzipiell schnell gelöst werden kann. 

Portnikov. Deshalb sprechen wir ja auch von einem Waffenstillstand. Ein Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas ist im Austausch gegen Geiseln möglich, aber ich muss Ihnen sagen, dass der verstorbene Ismail Haniyeh das Waffenstillstandsabkommen ständig verhindert hat, weil er als Mann, der in Katar lebte und ein Vermögen von vier Milliarden Dollar hatte, absolut bereit war, bis zur letzten Geisel und zum letzten Palästinenser zu kämpfen. Das war ihm egal. Vielleicht werden die Leute, die Haniyeh in der Hamas ablösen werden, jetzt wenigstens über einen realistischeren Ausweg nachdenken. Das ist übrigens auch der Grund, warum der Iran nicht zulässt, dass Khaled Mashal als Vertreter in das politische Büro der Hamas gewählt wird. Khaled Mashal könnte geneigt sein, einem Waffenstillstand zuzustimmen. 

Rashkin. Und genau so Netanjahu, niemand ist an Frieden interessiert. Netanjahu will kämpfen, der Iran will kämpfen.

Portnikov. Warum ist Netanjahu nicht an einem Frieden interessiert?

Rashkin. Er könnte im Gefängnis landen, er hat eine Menge schlechter Konsequenzen, wenn er aufhört, denke ich.

Portnikov. Sehen Sie. Netanjahu ist in erster Linie der Premierminister Israels und dann eine Person, die im Gefängnis landen könnte. Er ist der Premierminister Israels, dessen Bürger von Terroristen entführt wurden, dessen Bürger von Terroristen getötet, vergewaltigt und umgebracht wurden.

Rashkin. Er will offensichtlich nicht, und die letzten Informationen besagen, dass es Netanjahu ist, der neue Forderungen stellt. Und dann wurde der Chefunterhändler getötet. Was für eine Art von Frieden?

Portnikov. Der Chefunterhändler, der diesen Waffenstillstand ständig abgelehnt hat, weil er sie nicht brauchte. Aus irgendeinem Grund glauben Sie also, dass Ismail Haniyeh einen größeren Friedenswillen hatte als Benjamin Netanjahu. Warum sollte es so sein? Ismail Haniyeh ist ein Mann, der im Laufe seines Lebens eine große Anzahl von Terroranschlägen organisiert hat, der Urheber dieser ganzen Ideologie der Zerstörung Israels ist. Und der als Premierminister der Palästinensischen Autonomiebehörde alle Koexistenzabkommen mit Israel, die vor ihm geschlossen wurden, abgelehnt hat. Seine Partei hat die Parlamentswahlen gewonnen und erklärt, dass sie diese Abkommen nicht einhalten werde. Was hat das mit Benjamin Netanjahu zu tun, das verstehe ich nicht.

Raschkin. Weil es hier um zwei verschiedene Themen geht, denn niemand hat etwas dagegen, dass ein schrecklicher Mensch vernichtet wurde. Das ist gut. Das ist Gerechtigkeit. Es wurde entschieden. Aber die Frage ist, dass die Politik des Staates Israel in der englischsprachigen Welt dazu führt, dass wir jetzt einen Vizepräsidenten haben können, der Kamala Harris helfen kann, George Shapiro. Aber weil er Jude ist, deshalb, das ist kein Antisemitismus, das ist politisches Kalkül, kann Kamala Harris die Unterstützung in Michigan verlieren, und das stellt seine Kandidatur in Frage. Unser Land verliert also, weil es keinen Waffenstillstand gibt. 

Portnikov. Moment mal, ich verstehe die Logik nicht ganz. Für die Israelis ist es wichtig, dass sie in Frieden und Sicherheit leben, und in diesem Sinne treten die Interessen des Harris-Teams oder von Donald Trump oder Joseph Biden in den Hintergrund. Die Sicherheit des Staates Israel ist wichtiger als die Frage, wer die Wahl in den Vereinigten Staaten gewinnt. Denn es handelt sich um zwei Länder mit zwei unterschiedlichen Sicherheitsstrukturen. Und in dieser Hinsicht ist es klar, dass Israel seine Politik nicht davon abhängig machen sollte, wem es bei den US-Präsidentschaftswahlen helfen wird oder nicht. Israel muss diesen Krieg so beenden, dass es in einer Woche oder einem Monat keinen neuen Angriff auf seine Bürger gibt. Keine einzige Stimme, die bei den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten abgegeben wird, ist auch nur ein Haar auf dem Kopf eines jüdischen Kindes wert, kein einziges Haar. Kein politisches Kalkül von Joseph Biden, Kamala Harris und Donald Trump und Jade Vance zusammen ist auch nur einen einzigen Schrei einer israelischen Frau wert. Der israelische Premierminister sollte darüber nachdenken. Es ist seine Aufgabe, die Sicherheit Israels zu gewährleisten, indem er die Hamas-Terrororganisation, ihre Anführer, Kämpfer und ihre Infrastruktur zerstört, Punkt. Wenn er das nicht tut, ist er ein gescheiterter Politiker. Er muss die Geiseln befreien. Das ist natürlich eine Selbstverständlichkeit. Aber er kann die Geiseln nicht im Tausch gegen den Fortbestand der Hamas befreien, denn morgen wird es weitere Geiseln geben. Es könnten noch mehr werden. Schließlich bietet Israel der Hamas einen recht bequemen Deal an, die Geiseln im Gegenzug für die Freilassung palästinensischer Terroristen aus israelischen Gefängnissen freizulassen, deren Zahl zehnmal so hoch ist wie die der Geiseln. Die Hamas akzeptiert diese Bedingungen nicht. Was die Hamas will, ist, dass Israel sich einfach aus dem Gazastreifen zurückzieht und ihr erlaubt, ihre Infrastruktur wieder aufzubauen. Und dann wird es immer so weitergehen. Ich möchte Sie noch einmal daran erinnern. Bis zum 7. Oktober letzten Jahres ist nichts dergleichen passiert. Israel und Gaza koexistierten. Es war die Regierung von Benjamin Netanjahu, obwohl ich kein Fan dieses Mannes bin, die eine Politik des wirtschaftlichen Interesses im Gazastreifen verfolgte, die die Zahl der Arbeitserlaubnisse für Bewohner des Gazastreifens mehrmals erhöhte, um das wirtschaftliche Niveau der Bevölkerung des Streifens anzuheben und die Bevölkerung aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von der Hamas und dem Iran zu befreien, und dass viele der Menschen, die diese Arbeitserlaubnisse nutzten, Teilnehmer des Angriffs vom 7. Oktober waren, die Israelis töteten, nicht als Hamas-Kämpfer, sondern als normale Menschen. Hätte es diese Invasion nicht gegeben, wäre diese Koexistenz fortgesetzt worden. Und dann möchte ich Sie daran erinnern, dass Israel den Gazastreifen nicht bombardiert hat, keine Raketen dorthin geschickt hat, Ismail Haniyeh oder Khaled Mashal nicht getötet hat. Es war der Gazastreifen, auch vor dem 7. Oktober, der das Gebiet war, von dem aus Raketen nach Israel geschickt wurden. Wenn Sie in Sderot gelebt hätten, würden Sie nicht diese seltsamen Geschichten erzählen. Leben Sie einfach in Sderot bis zum 7. Oktober 2023, als es ständig unter Beschuss aus dem Gazastreifen stand. Spielplätze, Sportanlagen, Schulen. Ich war zur Zeit des Beschusses in Sderot, keine angenehme Erfahrung. Das war lange vor dem russisch-ukrainischen Krieg. Auch jetzt ist es ein sehr unangenehmes Gefühl, aber ich versichere Ihnen, dass Sderot nicht besser ist als Charkiw. Dies ist also ein sehr seltsames Gespräch. Und Netanjahu will nicht keinen Frieden, er will nicht, dass Israel vor der Hamas kapituliert. 

Rashkin. Warum ist es eine Kapitulation, wenn die Geiseln zurückgegeben werden, wenn es einen Waffenstillstand gibt? 

Portnikov. Kapitulation, wenn die Geiseln zurückgegeben werden und es einen Waffenstillstand gibt, bedeutet, dass, wenn Israel der Hamas erlaubt, den Gazastreifen weiterhin zu kontrollieren, diese Millionen von Menschen, die dort leben, unter ihrer Herrschaft bleiben, dann werden diese armen, benachteiligten, ideologisch verarbeiteten Menschen als neue Kämpfer, neue Mörder, neue Vergewaltiger rekrutiert werden, und unsere Aufgabe als zivilisierte Welt ist es, die Bevölkerung von der Macht terroristischer Organisationen zu befreien. In diesem Sinne sind die Menschen im Gaza-Streifen auch Geiseln, sie sind Geiseln der Hamas. Die Hamas bearbeitet sie und schickt sie dann, um sich in israelischen Städten und Dörfern in die Luft zu sprengen. 

Rashkin. Ich schaue mir nur die Politik des Staates an und betrachte sie aus der englischsprachigen Welt. Ich betrachte sie nicht aus dem russischsprachigen Raum oder aus dem israelzentrierten Raum, den ich gerade von den Vereinigten Staaten aus beobachte. Ich sehe einen Politiker, der den Staat absichtlich zerstört. Ich sage nicht, dass es nichts bringt. Vielleicht ist das letzte, was getan wird, die vollständige Zerstörung der Hamas ist. 

Portnikov. Sie reduzieren also diese ganze Geschichte auf die Persönlichkeit von Benjamin Netanjahu. 

Rashkin. Ich habe den Eindruck, dass der Antizionismus und der Antisemitismus in der Welt zurückgehen werden, wenn Israel seine Politik ändert.

Portnikov. Was meinen Sie damit? Was sollte Israel tun, um die Zahl der Antizionisten und Antisemiten zu verringern? 

Rashkin. Erstens: ein Waffenstillstand.

Portnikov. Wenn Israel das Feuer einstellt, muss es das Feuer unter Bedingungen einstellen, die seine Sicherheit gewährleisten, denn wenn Antisemiten und Antizionisten tote Juden lieben wollen, werden sie umsonst darauf warten. Aus diesem Grund wurde 1948 der Staat Israel gegründet. Antisemiten und Antizionisten hatten jahrhundertelang freie Hand, Juden in Europa, Asien und anderen Ländern zu misshandeln, zu demütigen und zu töten. Und sie hätten ihren Antisemitismus und Antizionismus auch auf ganz andere Weise zum Ausdruck bringen können. In Pogromen, Morden und Gewalt direkt auf den Straßen ihrer Städte, in den Vierteln aller Städte der Welt. Sie gingen überall hin, töteten, raubten und vergewaltigten. Keine europäische Nation kann sagen, dass sie das nicht getan hat, dass sie sich nicht schuldig gemacht hat. Jeder hat das an seinen Händen. Der Staat Israel ist im Prinzip eine Möglichkeit, sich auf seinem Territorium zu verteidigen. Das ist alles. Es ist absolut unmöglich, dass Menschen in Israel so leben, wie sie einst in Chisinau oder Lodz während der Hitler-Besatzung gelebt haben, oder irgendwo anders. Wozu ist Israel dann da?

Rashkin. Das heißt, die heutige Politik, die Politik Israels und Netanjahus, ist ein Ausdruck von Hunderten, wenn nicht Tausenden von Jahren Antisemitismus und Terror gegen unser Volk.

Portnikov. Das derzeitige Ziel ist sehr einfach: den Gazastreifen von Terroristen zu befreien. Alles, was Israel tut, ist die Zerstörung von Hamas-Einheiten im Gazastreifen, denn die Hamas hat den Streifen während ihrer Herrschaft zu einem Sprungbrett für terroristische Aktivitäten gemacht und das gesamte Gebiet in einen terroristischen Staat verwandelt. Israel tut im Gazastreifen genau das, was die Vereinigten Staaten vielen Jahren in Afghanistan getan haben, nämlich Terroristen bekämpfen, Al-Qaida bekämpfen, das Gleiche, was die Vereinigten Staaten und andere Länder in Syrien getan haben, nämlich den Islamischen Staat bekämpfen. Wo ist da der Unterschied, entschuldigen Sie bitte? Oder glauben Sie, dass die Zivilbevölkerung unter diesen Angriffen der amerikanischen Truppen in Afghanistan oder in Syrien nicht gelitten hat? Das hat sie. Das passiert, wenn Terroristen Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzen. Aber da die amerikanische Armee zum Glück nicht nur aus Juden besteht, war die Zahl der Menschen, die sich empörten, geringer. Obwohl es auch viele Menschen gab, die empört waren. 

Rashkin. Ich habe einfach das Gefühl, dass dies auf einen Krieg zusteuert, einen größeren regionalen Krieg, denn niemand den Krieg satt hat.

Portnikov. Was soll das heißen, niemand hat den Krieg satt? Wenn sie dich zerstören wollen, musst du darauf reagieren.

Raschkin. Bis man das Gefühl hat, dass man nicht vernichtet wird, und dieses Gefühl habe ich nicht. 

Portnikov. Noch einmal: Wenn die Hauptideologie des Irans, der Hisbollah und der Hamas die Zerstörung Israels ist, dann wird Israel, wenn es diesen Ansatz nicht bekämpft, verschwinden. Die iranische Führung macht keinen Hehl daraus und erinnert uns immer wieder daran.

Rashkin. Es gibt also nichts in der Mitte.

Portnikov. Es gibt nichts in der Mitte. Sie machen jetzt den gleichen Fehler wie viele, die glauben, dass Russland eine Einigung mit der Ukraine erzielen kann. In der Mitte gibt es nichts. Für Russland gibt es die Ukraine nicht, und für den Iran gibt es Israel nicht. Die iranische Führung bezeichnet Israel als zionistisches Gebilde, und es ist nicht auf den im Iran hergestellten Weltkarten verzeichnet. Es gibt einen palästinensischen Staat auf dem Gebiet des gesamten Mandatsgebiets Palästina. Auf den Karten des Gazastreifens gibt es kein Israel. Den Schulkindern dort wird beigebracht, dass ihr Gebiet von zionistischen Besatzern besetzt ist, die vertrieben werden müssen. Was kann es in der Mitte geben? Wie sollte der Kompromiss aussehen? Bitte sagen Sie es uns. Wenn man Ihnen sagt, dass Sie nicht existieren sollten. 

Rashkin. Dieser Hass ist nicht neu, aber er hat sich nach dem 7. Oktober in offene Aggression verwandelt. Und jetzt haben wir den Krieg, den wir haben.

Portnikov. Aber wer hat diese Aggression am 7. Oktober begangen?

Rashkin. Die Hamas.

Portnikov. Wenn die Hamas die Aggression begangen hat, dann muss man den Aggressor vernichten, sonst geht es nicht. Wenn man mit dem Aggressor das Feuer einstellen will, dann zumindest so, dass er einen nicht weiter angreifen kann. Aber das gilt übrigens auch für den russisch-ukrainischen Krieg. Wenn Sie einen Waffenstillstand mit Russland aushandeln wollen, dann so, dass Russland Sie nicht angreifen kann, denn in einem Monat wird es Sie wieder angreifen und zerstören.

Raschkin. Ich denke an diese Scheinwelt von Blinkin, wenn Sie über die Situation in Israel sprechen, und da gibt es durchaus Parallelen.

Portnikov. Ein Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas ist möglich. Diese Fragen sind schon mehrfach diskutiert worden. Zu sagen, dass Benjamin Netanjahu als Premierminister eines demokratischen Staates ein Waffenstillstandsabkommen allein blockieren kann, während jeden Tag Angehörige von Geiseln zu seiner Residenz kommen, ist auch eine Übertreibung. Natürlich würde er keinen Waffenstillstand wollen, der einerseits die Freilassung von Geiseln ermöglicht und andererseits der Hamas die Möglichkeit gibt, neue Geiseln zu nehmen. Denn das ist das Hauptproblem. Sie haben die Geiseln freigelassen. Einen Monat später haben Sie neue Geiseln, und was dann? Ohne die Zerstörung der Macht der Hamas in Gaza wird dieser Krieg wahrscheinlich nicht enden. Eine andere Frage ist, wie man diese Zerstörung erreichen kann. Darauf habe ich keine Antwort.

Rashkin. Ich habe eine Frage dazu, wie ein Krieg zwischen dem Iran und Israel aussehen würde.

Portnikov. Der Krieg zwischen dem Iran und Israel wird wie ein Austausch von Raketenangriffen aussehen. Und wie ich schon sagte, hängt die Zukunft dieses Krieges von der Stärke des Beschusses und seiner Wirksamkeit auf beiden Seiten ab. Wenn beide Seiten bei diesem Schlagabtausch sichtbare Fehler vermeiden können, wird er in wenigen Tagen vorbei sein. Wenn es zu Fehlern kommt, wird es zu einem monatelangen regionalen Krieg mit unvorhersehbaren Folgen kommen. Dann interessiert es uns vielleicht nicht mehr so sehr, wer die US-Wahlen gewinnt.

Rashkin. Das heißt, kein Bodenkrieg, sondern ein Austausch von Raketenschüssen.

Portnikov. Was für einen Bodenkrieg kann es denn geben? Wie sollten sie in Israel einmarschieren? Der Iran grenzt nicht an Israel. Das ist reine Geographie.

Rashkin. Aber anscheinend wird auch niemand in den Iran einmarschieren. 

Portnikov. Dazu gibt es keine Möglichkeit. 

Rashkin. Ich bin sicher, Israel hätte sich etwas einfallen lassen.

Portnikov. Nein. Das ist unmöglich, der Iran grenzt nicht an Israel. Und außerdem will Israel, anders als der Iran, den Iran nicht zerstören. 

Rashkin. Experten dachten, dass der Krieg zwischen der Ukraine und Russland kurz sein würde. Aber wir haben bereits zweieinhalb Jahre hinter uns.

Portnikov. Was glauben Sie, wie lange der Krieg im Nahen Osten schon andauert? 300 Tage oder mehr. Alle dachten auch, er würde kurz sein.

Raschkin. Aber es zu einem regionalen Krieg eskalieren. Wir hatten den Sechstagekrieg. Wie lange kann der Krieg zwischen Israel und dem Iran dauern? Kann es ein langwieriger Konflikt sein oder rechnen Sie mit ein paar Tagen und das war’s?

Portnikov. Noch einmal: Wenn keine offensichtlichen Fehler gemacht werden, wird es ein paar Tage dauern, und das war’s dann. Wenn Fehler gemacht werden, wird es ein Konflikt sein, der so lange dauert wie der derzeitige Krieg im Gazastreifen. Es wird einfach eine Fortsetzung des Krieges im Gaza-Streifen sein. Es wird keinen Waffenstillstand geben, der libanesische Kriegsschauplatz wird dazukommen, die Situation der Destabilisierung durch Terroranschläge in Europa und Nordamerika wird dazukommen, und es wird einen großen mehrtägigen Krieg geben, der alles und jeden destabilisiert. Und er wird lange andauern. Heutzutage gibt es keine kurzen Kriege mehr. Wir sollten das vergessen, die Zeit der kurzen Kriege ist vorbei.

Raschkin. Dann widersprechen Sie sich selbst.

Portnikov. Ich sage nur, dass diese Phase vielleicht nur ein paar Tage dauert, aber der Krieg im Gazastreifen dauert schon seit 300 Tagen an, und was wir hier sehen, ist eine Fortsetzung des Krieges im Gazastreifen, es ist kein eigenständiger Konflikt. Der Iran führt diesen Angriff durch, weil Ismail Khaniya in Teheran getötet wurde. Ismail Khania wurde vor allem wegen des 7. Oktober getötet. Er wurde nicht vorher getötet. Er lebte in Katar. Israel war zufrieden, dass er den Gazastreifen verlassen hat. Es handelt sich also um eine Fortsetzung des Krieges, der seit über 300 Tagen andauert. Nur wenige Menschen hätten sich vorstellen können, dass der Krieg im Nahen Osten mehr als dreihundert Tage dauern würde. Dies ist nur eine Etappe, die ihn globalisiert. Das Gleiche kann jederzeit mit dem russisch-ukrainischen Krieg geschehen. Er kann globalisiert werden.

Rashkin. Die Frage des Ukraine-Krieges. Bisher sehen wir, dass die NATO die Möglichkeiten Putins einschränkt, zumindest im Moment. Was begrenzt einen regionalen Krieg im Nahen Osten? 

Portnikov. Nun, wir wissen nicht, welche Überlegungen die Iraner selbst anstellen, wie sie sich generell den weiteren Verlauf der Ereignisse vorstellen, ihre Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, wie bereit sie für eine so große globale Konfrontation sind. Ich kann diese Frage nicht beantworten. Zum Glück lebe ich nicht im Kopf von Ayatollah Khomeini und auch nicht im Kopf von Masoud Pidashpian, der übrigens unter dem Motto der Wiederherstellung der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten Präsident des Irans wurde. Aber auch er hat im Wahlkampf gesagt: Wir sind zu guten Beziehungen mit allen Ländern bereit, nur nicht mit dem zionistischen Gebilde. Wir werden mit ihm kämpfen, aber wir müssen eine Art von Dialog mit Amerika wiederherstellen. Aber auch hier sind sie sich bewusst, dass sie keinen Dialog mit Amerika wiederherstellen werden, wenn sie sich im Krieg mit Israel befinden. Vor allem, wenn Trump Präsident wird, müssen auch sie auf Nummer sicher gehen.

Rashkin. Okay, dann werden wir sehen, was in der Region passiert. Auch hier können die Leute zuschauen, Sie haben regelmäßige Videos, die Sie mit unglaublicher Pünktlichkeit herausbringen. Sobald ein Ereignis eintritt, wird gefühlt in ein paar Minuten später ein Video auf Ihrem Kanal veröffentlicht. Wie entscheiden Sie, in welcher Sprache Sie ein bestimmtes Video auf welchen Kanal stellen? Wo ist das Publikum, für wen, wenn es nur um die Ukraine geht, dann auf Ukrainisch oder was?

Portnikov. Ich spreche sowohl auf Russisch als auch auf Englisch über die Ukraine, wenn ich der Meinung bin, dass ein Thema für ein breiteres Publikum zugänglich sein sollte. Als zum Beispiel Wladimir Kara-Murza, Ilja Jaschin und Andrej Piwowarow über die Notwendigkeit der Aufhebung der Sanktionen gegen Russland sprachen, habe ich sowohl auf Russisch als auch auf Englisch darüber gesprochen, weil ich denke, dass es auf Ukrainisch nichts zu besprechen gibt und wir alle die Situation sehr gut verstehen. Was die russischsprachigen Zuhörer betrifft, so sollten sie unseren Ansatz zur Aufhebung der Sanktionen gegen den russischen Staat und unsere Meinung zu den Auswirkungen der Sanktionen auf die einfachen Russen genau verstehen, und es ist für mich sogar noch wichtiger, dass diejenigen, die Informationen auf Englisch lesen, dies verstehen. Dies ist eine reine Frage der Kommunikation mit dem Publikum. Es geht also nicht nur darum, dass ich über die Ukraine auf Ukrainisch spreche, sondern auch über andere Themen auf Russisch oder Englisch. Ich spreche bei vielen internationalen Themen Ukrainisch, wenn sie wirklich die Sicherheit des Landes betreffen, dessen Bürger ich bin. In diesem Sinne verhalte ich mich wie Benjamin Netanjahu. In dieser Hinsicht sind wir nicht verschieden. Ich denke über die Sicherheit der Ukraine nach und bin mir bewusst, dass es viele internationale Themen gibt, die irgendwie den russisch-ukrainischen Krieg und die nationale Sicherheit meines Landes betreffen. Und darüber spreche ich mit dem ukrainischen Publikum. Ich spreche Ukrainisch mit den ukrainischen Zuhörern. Mit den Menschen im postsowjetischen Raum und in der Welt, für die Russisch die Kommunikationssprache ist, spreche ich Russisch. Mit russischsprachigen Ukrainern spreche ich nicht Russisch, weil ich sicher bin, dass alle meine Landsleute Ukrainisch können und Ukrainisch verstehen. Und diejenigen, die es nicht so gut können, verlassen die ukrainischsprachige Welt. Dies ist ein wichtiger Moment der Selbstbestimmung für das ukrainische Volk und die Rückkehr zu seiner eigenen Identität. Ich bekenne mich zu dieser Logik, seit ich zwanzig Jahre alt bin. Ich habe in der Ukraine immer auf Ukrainisch geschrieben, mit Ausnahme der kurzen Zeit, in der die wichtigsten Printmedien auf Russisch waren, und ich war sehr wütend darüber. Ich habe meinen Kollegen davon erzählt, dass es eine schreckliche Sache war, die da passiert ist. Aber es dauerte nicht lange, zum Glück. Es war eine Periode, die nicht länger als ein Jahrzehnt dauerte. In dieser Zeit habe ich auf Russisch über die Ukraine geschrieben und im Fernsehen Ukrainisch gesprochen. Und mit der Öffentlichkeit außerhalb der Ukraine habe ich natürlich immer versucht, Russisch zu sprechen, aber nicht in der Ukraine. Ich glaube, wenn ein Leser oder Zuschauer die Ukraine respektiert, wird er Informationen auf Ukrainisch akzeptieren. Wenn ich über die Situation in Armenien oder Kasachstan spreche, möchte ich natürlich, dass die Armenier oder Kasachen mich hören. Ich spreche weder armenisch noch kasachisch. Ich werde Russisch sprechen, aber ich würde gerne so viele kasachischsprachige Blogger wie möglich in Kasachstan sehen, die in ihrer Muttersprache über ihr Land sprechen. Ich erhebe keinen Anspruch auf diese Rolle, sondern auf die Rolle eines Beobachters von Außen. 

Rashkin. Ich hoffe, dass das Einzige, was Sie mit Bibi Netanjahu gemeinsam haben werden, die Möglichkeit ist, vor unserem Kongress zu sprechen. Das wäre sehr interessant. 

Portnikov. Das wäre zu viel Ehre. Präsident Volodymyr Zelensky hat vor dem Kongress gesprochen, also denke ich, dass derjenige, der vor dem Kongress sprechen muss, dies auch tut. Im Übrigen müssen Sie zustimmen, dass Premierminister Netanjahu eine brillante Rede gehalten hat, und ich muss ihm Anerkennung zollen.

Rashkin. Sie haben die Tweets nicht gesehen, die an mich geschickt wurden. 

Portnikov. Vielleicht, aber ich habe die Rede gesehen.

Rashkin. Nun, ja, aber das ist die Welt, in der wir leben. Denn wer würde sich die ganze Rede von Netanjahu ansehen, wenn nicht ein Profi? 

Portnikov. Aber die Abgeordneten haben es angehört. Nicht alle, das ist wahr, Nancy Pelosi war nicht da, aber viele Kongressabgeordnete waren da, und Camala Harris war nicht da, und Judy Vance war nicht da. Und viele Leute waren nicht da, aber viele waren da. Und die Rede war natürlich stark.  Und ich denke, der Premierminister hat alles erklärt. 

Rashkin. Ich denke, dass mehr Demokraten zu Ihrer Rede gekommen wären. 

Portnikov. Ich würde mir wünschen, dass Vertreter verschiedener politischer Lager zu der Rede des israelischen Premierministers kommen. Denn so oder so müssen die amerikanischen Juden, die die Demokraten unterstützen, verstehen, dass, wenn Israel etwas zustößt, niemand einen Penny für die Sicherheit der Vereinigten Staaten geben wird.

Rashkin. Ich glaube nicht, dass die amerikanischen Juden glauben, dass Israel etwas zustoßen wird, außer dass Netanjahu geschädigt werden wird. 

Portnikow. Israel kann eine Menge passieren. 

Rashkin. Die Tatsache, dass Präsident Biden jetzt mehr Truppen und so weiter ins Land holt, um Israels Sicherheit zu gewährleisten, ist hier offensichtlich.

Portnikov. Natürlich, aber Präsident Biden ist der letzte Politiker dieser Art. Er ist ein Politiker des 20. Jahrhunderts. Wir wissen nicht, was im 21. Jahrhundert passieren wird, die Situation ändert sich. Hätte Präsident Obama so viele Zerstörer geschickt? Ich weiß es nicht.

Rashkin. Ich glaube nicht. Nun, was soll ich sagen, die Demokraten haben entschieden, dass Kamala Harris besser ist als Joe Biden, was soll ich sagen, also muss Kamala Harris jetzt Donald Trump schlagen.

Portnikov. Kamala Harris ist eine starke Politikerin, das sieht man, sie ist ausgebildet, ich denke, sie wird ihren Platz in der Außenpolitik ganz leicht finden können, wenn sie Präsidentin wird. 

Raschkin. Ich denke, dass sie als Staatsanwältin, als Person des Systems, dafür sein sollte, Trump in Gefängnis zu bringen, Putin in Gefängnis zu bringen und sicherzustellen, dass internationale Abkommen eingehalten werden. Ich denke, dass sie als Vertreterin von Recht und Ordnung genau die Art von Person sein sollte, die wir in den Vereinigten Staaten brauchen. Das ist es, wofür Biden auf der Weltbühne kämpft, Recht und Ordnung, diese Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich habe den Eindruck, dass Kamala Harris diese Weltordnung sehr gut unterstützen kann. Und die Tatsache, dass ihr Mann Jude ist, dass sie vielleicht einen jüdischen Vizepräsidenten hat, dass es drei Juden von vier im Weißen Haus gibt. Langsam glaube ich, ich erzähle Ihnen eine Verschwörung: Juden regieren die Welt.

Portnikov. Ivanka Trump ist durch die Heirat mit Kushner zum Judentum konvertiert.

Rashkin. Aber das hat ihren Vater nicht davon abgehalten, mit Nazis und Faschisten zu speisen.

Portnikov. Und doch war Donald Trump der erste amerikanische Präsident, der Jerusalem als Hauptstadt Israels und die Golanhöhen als Teil Israels anerkannte. Auch das kann man auf die Handlungen von Verschwörern zurückführen. Wenn Sie eine Verschwörung finden wollen, werden Sie sie finden. 

Rashkin. Danke, ich tue immer mein Bestes. Immer, wenn ich Russisch spreche, denke ich, dass es hier irgendwo eine Verschwörung gibt. Zum Beispiel die Tatsache, dass Biden gegangen ist, als die Falle zugeschnappt war, und jetzt streiten sich Trump und J.D. Vance, sie verlieren, bei verschiedenen Themen auf unterschiedliche Weise. Und gleichzeitig macht Joe Biden diesen Schwenk und plötzlich kommt Kamala Harris heraus, und die Leute heulen vor Freude, weil sie Bidens Politik besser vertritt als Biden selbst. 

Portnikov. Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass Kamala Harris, sollte sie Präsidentin werden, Bidens Politik weiterführen wird. Ich denke, sie wird einen anderen Kurs einschlagen. Noch nie in der Geschichte der Vereinigten Staaten hat ein Präsident den Kurs seines Vorgängers fortgesetzt. Die einzige Ausnahme ist George W. Bush, der eine Politik wie Ronald Reagan verfolgte. Das ist richtig, aber nicht ganz. John F. Kennedy und Lyndon Johnson waren zwei verschiedene Administrationen. 

Rashkin. Sehen Sie, George W. Bush war noch der Direktor der CIA. Das ist nicht die Republikanische Partei, die wir heute sehen. Ich stimme Ihnen absolut zu, denn nicht nur die Politik von Kamala Harris wird sich von der von Biden unterscheiden. Und ja, sie ist eine Politikerin des 21. Jahrhunderts, und Biden ist die Vergangenheit, aber sie gehen immer noch in die gleiche Richtung. Sie sind immer noch Verbündete der Ukraine, im Gegensatz zu Trump, der bestenfalls Chaos stiften wird. Und wenn ich mir Biden anschaue, denke ich, das war noch sehr gut. Denn ihr nationaler Sicherheitsberater, Philip Gordon, wird wahrscheinlich konservativer und vorsichtiger sein als Jake Sullivan. Und gleichzeitig könnte er besser sein als Donald Trump. Denn Donald Trump will die Ukraine einfach an Russland, an Putin ausliefern. Ich verstehe, dass Sie eine andere Meinung haben, aber das ist meine Meinung. 

Portnikov. Ich weiß einfach nicht, was Donald Trump will, weil Donald Trump nicht weiß, was er will. Das ist das Problem. Wenn wir sagen: Donald Trump will, dann ist das eine sehr kühne Behauptung, die die Eigenschaften der Persönlichkeit von Donald Trump nicht berücksichtigt. Aber ich muss sagen, dass sowohl Joseph Biden als auch Donald Trump einige persönliche Interessen haben, wenn es um die Ukraine geht. Das ist übrigens auch der Grund, warum Donald Trump nach der Nominierung von J.D. Vance für die US-Vizepräsidentschaft mit Zelenskyy gesprochen hat. Er spricht nicht mit vielen Führern souveräner Länder, aber er hat mit Zelensky gesprochen. 

Rashkin. Sie halten es also für einen Sieg, dass Trump einen Anruf von Zelensky angenommen hat? 

Portnikov. Ich glaube nicht, dass es ein Sieg ist, sondern in erster Linie ein Interesse an dem Thema. Aber ich glaube nicht, dass Kamala Harris ein persönliches Interesse an diesem Thema hat. Sowohl Biden als auch Trump haben viel mit der Ukraine zu tun. Biden war sogar Obamas Berater für die Ukraine-Politik, und gegen Trump wurde ein Amtsenthebungsverfahren wegen der Ukraine eingeleitet, ein ganzes Amtsenthebungsverfahren. Kamala Harris hat nichts von alledem, für sie geht es beim Thema Ukraine einfach um den politischen Prozess, die Justiz, die Legalität, aber es gibt keine persönliche Komponente. Und das ist eine ganz andere Geschichte. Die Lobbyisten der Ukraine werden damit arbeiten müssen, um das zu berücksichtigen. Denn Biden und auch Blinkin, der seine Wurzeln in der Ukraine hat, sind alles Menschen mit persönlichen Interessen. Trump mag anders sein, aber er ist ein persönlich interessierter Mensch. Pompei ist ein Mensch, der ein persönliches Interesse hat. Das sind alles Menschen mit einem persönlichen Interesse. Kamala Harris ist es nicht.

Rashkin. Ich habe den Eindruck, dass Trump ein persönliches Interesse daran hat, geleckt zu werden. Als Nikki Haley und  Ron DeSantis auf dem Parteitag der Republikaner sprachen und Trump die Treue schworen, sollte er eigentlich nicht anwesend sein, aber in letzter Minute tauchte er auf und hörte ihnen zu. Wenn also Leute auftauchen, die ihm etwas Nettes sagen wollen, und soweit ich mich erinnere, erfolgte der Anruf nach dem versuchten Attentat auf Trump, was in gewisser Weise gerechtfertigt ist, man wollte seine Besorgnis zum Ausdruck bringen, denke ich. Aber aus Trumps Sicht ist das nur eine Manifestation der Schwäche der anderen Seite. Und er ist froh, wenn Schwäche gezeigt wird. 

Portnikov. Ich glaube nicht, dass es für Zelensky ein Zeichen von Schwäche ist, ich glaube, es ist ein Versuch, den Kontakt zu beiden Seiten wiederherzustellen, und wir sprechen immer von einer parteiübergreifenden Unterstützung für die Ukraine. Denn ohne parteiübergreifende Unterstützung können wir einfach nichts tun. Die Republikaner wollten nicht für die Hilfe für die Ukraine stimmen, also gab es keine Hilfe. Ohne einen Dialog mit den Republikanern wird es kein Geld für die Ukraine geben. Solange wir Michael Johnson und Donald Trump nicht für ein Hilfsprojekt für die Ukraine gewinnen konnten, haben wir kein Geld erhalten. Und in dieser objektiven Realität muss der Präsident, wenn er kann, mit dem derzeitigen US-Präsidenten und der Person, die möglicherweise Präsident wird, mit der Regierung und mit der Opposition in Kontakt bleiben, wie es in der demokratischen Welt allgemein üblich ist. In diesem Gespräch zwingen Sie mich, die Handlungen von Politikern zu entschlüsseln, deren Anhänger ich überhaupt nicht bin. Ich bin kein Anhänger von Benjamin Netanjahu. Ich habe Benjamin Netanjahu nie unterstützt, es gab keinen einzigen Tag in meinem Leben, an dem ich ihn unterstützt habe. Und ich bin auch kein Unterstützer von Volodymyr Zelensky. Ich versuche, die Motive und Aktivitäten von Menschen, die ein Land in einer Krise führen, objektiv zu beurteilen. Allerdings weiß ich, dass viele Israelis Netanjahus Absichten als rein persönlich ansehen, und die Ukrainer sehen bereits die gleichen Motive in Volodymyr Zelenskys Handeln. Ich erinnere mich mit Bitterkeit an das Jahr 2019, als Zelensky selbst sagte, er glaube, dass Präsident Poroschenko daran interessiert sei, den Krieg in der Ukraine fortzusetzen, und es daher notwendig sei, einen anderen Präsidenten zu wählen, der mit Putin verhandeln und den Krieg beenden würde. Übrigens erinnere ich mich mit Bitterkeit an die Jahre 1994-1995, als Benjamin Netanjahu Yitzhak Rabin die gleichen Vorwürfe des persönlichen Interesses und des Verrats an den Interessen Israels machte und damit die Atmosphäre der Intoleranz und Spaltung der Gesellschaft schuf, die schließlich zum Tod des Premierministers führte. Daran erinnere ich mich auch. Ich erinnere mich an 1995 genauso gut und deutlich wie an 2019. Und ich denke, dass diese Leute, als sie diese Art von Äußerungen machten, gedacht haben müssen, dass sie selbst an die Macht kommen könnten, und dass die Waffen, die sie gegen ihre Gegner, die an der Macht sind, einsetzen würden, auf die gleiche Weise und ungerechterweise gegen sie eingesetzt werden könnten. Das Wichtigste ist, den Gegner nicht auf unfaire Weise zu bekämpfen, denn jemand anderes wird dich auf unfaire Weise bekämpfen.

Rashkin. Apropos Unfairness. Ich würde gerne ein paar Minuten unserer Sendezeit nutzen, um über Pavel Kushnir zu sprechen, den Pianisten, der in Russland im Gefängnis gestorben ist. Er befand sich im Hungerstreik. Ein Mann, der Musiker war und gestorben ist, das ruft eine gewisse starke Resonanz hervor. Und ich denke, wenn es einerseits mehr Menschen in Russland gäbe, die ein Gewissen haben, die sich schämen, dann wäre das Land vielleicht anders, aber andererseits, wenn es keinen Mut gibt, wenn es keine Tapferkeit gibt, ist alles andere irgendwie nicht so wichtig. Was denken Sie über das, was wir gerade über den Tod dieses Mannes in Birobidschan erfahren haben? 

Portnikov. Ich denke, dass Pawel von Tambow oder Moskau nach Tel Aviv hätte reisen müssen, nicht nach Birobidschan, und er wäre noch am Leben. Das ist das Problem der Identität, wenn ein jüdischer Junge sich so untrennbar mit der Kultur eines anderen Volkes verbunden fühlt, dass er, selbst wenn er merkt, dass der Staat dieses anderen Volkes sich in ein Monster verwandelt hat, in diesem Staat bleiben will. Schließlich hätte Kushnir, anders als viele seiner Landsleute, Russland leicht verlassen, sich einen israelischen Pass besorgen und irgendwo in Tel Aviv oder Haifa weiter klassische Musik spielen können. Aber er entschied sich für den politischen Widerstand, um die Ehre eines Volkes zu retten, das es eigentlich nicht nötig hat, eines anderen Volkes, nicht des jüdischen, sondern des russischen Volkes. Denn wenn man sich entscheidet, die Interessen eines anderen Volkes zu verteidigen, muss man immer noch daran denken, wie sehr dieses Volk möchte, dass man es bevormundet und schützt. 

Rashkin. Und was wäre, wenn er es für sich selbst tun würde, damit er ein reines Gewissen hat, nicht für das Volk, sondern für sich selbst.

Portnikov.  Aber er hat auch politische Erklärungen abgegeben, Proklamationen. Das ist ein Teufelskreis, verstehen Sie? Leider. Das ist es, worüber ich in erster Linie nachdenke. Ich arbeite seit vielen Jahrzehnten im ukrainischen Journalismus, aber ich weiß mit Sicherheit, dass die Menschen, die mit mir kommunizieren, die ich lese, die mich auf der Straße ansprechen, die mich im Fernsehen sehen, ethnische Ukrainer sind, aber ich weiß, dass sie das, was ich sage, auch wahrnehmen, wissen Sie. Als ich mit dieser Tätigkeit begann, dachte ich übrigens nicht einmal, dass die Menschen, die das, was ich in der Ukraine über die ukrainische Identität usw. sage, wahrnehmen, in der Mehrheit sind, ich dachte, ich arbeite für eine Minderheit. Ich hätte für die jüdische Minderheit arbeiten können, aber ich arbeitete für die ukrainische Minderheit in der Ukraine, und ich habe immer bedauert, dass es wenig von ihnen gibt. Die ethnischen Ukrainer sind die überwältigende Mehrheit, und die Ukrainer aufgrund ihrer Identität sind die überwältigende Minderheit. Aber auch hier gilt: Weil viele Menschen, wie ich, dies seit Jahrzehnten tun, gibt es immer mehr Ukrainer nach ihrer Identität, nicht nach ihrem Blut. Das ist es, was ich sagen kann, warum ich es tue, weil es fair ist, weil es richtig ist, dass ein Mensch sich als er selbst fühlt. Und Paul tut mir einfach leid. Übrigens tun mir viele Juden in Russland leid, die dort nicht erwünscht sind und die auf diese Weise sterben. Das habe ich immer gesagt, und das sage ich auch jetzt. Ich denke, sie gehören nach Israel, weil sie dort anders wahrgenommen werden. Ja, ich kann die Beweggründe eines Menschen verstehen, der sich rechtfertigen will, der es für sich selbst tun will. Aber wenn wir uns politisch engagieren, dann tun wir das in der Regel für die Gesellschaft, und es tut mir sehr leid, dass dies ein Tod ist, der für uns wichtig ist, aber von der großen Mehrheit der Menschen, die Herrn Kushnirs Landsleute sind, nicht wahrgenommen wird. Und noch etwas überrascht mich: Ich beschäftige mich seit vielen Jahrzehnten mit dem Jüdischen Autonomen Gebiet und habe viele Artikel darüber geschrieben. Das ist ein erstaunliches, absolut verrücktes Experiment, als die Bolschewiken beschlossen, die Juden nach Sibirien umzusiedeln, eine Region, die übrigens von Ukrainern bewohnt war. Das war eine Region, die von Ukrainern bewohnt war, bevor es eine jüdische autonome Region gab, denn die Ukrainer erschlossen diese Region, gingen selbst dorthin, in den Fernen Osten. Und so begann dort diese jüdische Entwicklung, die nie zu etwas Ernsthaftem führte, denn der ganze Enthusiasmus der Menschen, die dorthin kamen, um dieses rote Zion aufzubauen, endete 1937 mit der Erschießung vieler Menschen, die dorthin kamen, auch aus anderen Ländern, es gab zum Beispiel eine große Gemeinde argentinischer Juden und so weiter. All diese Menschen wurden als amerikanische, argentinische, japanische und andere Spione erschossen. Das heißt, Menschen wurden in der Jüdischen Autonomen Region erschossen, weil sie Juden waren, und dann wurden sie auch in dieser Jüdischen Autonomen Region verfolgt, weil sie Juden waren, die in der Jüdischen Autonomen Region Juden sein wollten. Und es gab nie eine höhere Bildungseinrichtung in dieser Region, nie, während der gesamten Zeit der Sowjetherrschaft. Es gab dort nicht eine einzige Fachhochschule.  Nicht einmal eine Universität oder eine Fachhochschule. Es war unmöglich, in der jüdischen autonomen Oblast eine Hochschulbildung zu erhalten. Es war ein Hohn, verstehen Sie? Hier hast du eine jüdische autonome Oblast, aber deine Aufgabe ist es, in einer Kolchose zu arbeiten, und das war’s. Das war das Maximum. Oder irgendwo in einer Kugellagerfabrik. Anfang der 90er Jahre gab es dort, fast in Chabarowsk, eine Zweigstelle für Grundschullehrer, die Jiddisch, das Alphabet, in der Grundschule unterrichten sollten. Es gab dort eine Zeitung, den Birobidzhaner Stern, die in jiddischer Sprache erschien und die nach dem Krieg niemand mehr lesen konnte. Es gab auch einen Kampf gegen die Kosmopoliten nach 1948, als die gesamte Redaktion inhaftiert, erschossen usw. wurde. Es gab eine Tageszeitung auf Jiddisch, die in Birobidschan niemand lesen konnte. Und so würde ich sagen, dass dies für mich eine Art Schlussakkord dieses Albtraums ist. Übrigens sind die Juden, die dort geblieben sind, während der Großen Alija nach Israel eingewandert. Es gibt dort eine Gemeinde von Juden aus Birobidzhan. Sie leben, glaube ich, hauptsächlich in Maalot. Nun, das ist eine andere Geschichte. Dass all diese Juden aus dem Jüdischen Autonomen Gebiet nach Israel gegangen sind. Der Schlussakkord. Da gibt es diesen Ort, Birobidzhan, wo der Name auf Jiddisch auf dem Bahnhof Birobidzhan steht, wo es ein Denkmal für Sholem Aleichem gibt, wo den russischen Kindern, die dort leben, beigebracht wird, wie man den Freilech tanzt, nur um eine Art Nachahmung einer jüdischen Region zu schaffen, wo es keine Juden gibt, und dann kommt ein jüdischer Pianist, ein lebender Jude, ein Pianist, der am Moskauer Konservatorium ausgebildet wurde, weil es in Birobidzhan kein Konservatorium gibt, an diesen seltsamen Ort und sie töten ihn dort, verstehen Sie? Es ist wie eine rituelle Opferung. Als ein Jude in das Jüdische Autonome Gebiet kam. Da gibt es der Gouverneur, Goldstein, in die Region sollte es ein Gouverneur mit einem jüdischen Nachnamen sein. Natürlich ist er nicht aus Birobidschan, er hat einen Universitätsabschluss, er ist nicht aus Birobidschan, er wurde einfach dorthin geschickt, um das Jüdische Autonome Gebiet zu leiten. Warum, glauben Sie, ist das so? Weil er Goldstein ist. Er ist ein Jude, er kann dorthin geschickt werden, um das Jüdische Autonome Gebiet zu leiten. Und er war vorher nie dort, denn er kommt aus Sachalin, und zum Glück wurde die Jüdische Autonome Region dort noch nicht gegründet. Es ist ein bisschen verrückt. Und dieser Goldstein opfert diesen armen Jungen. Das ist einfach eine Art Drama. Oder man könnte einen surrealistischen Roman schreiben. Es ist Kafka, Kafka könnte einen Roman über Goldstein und diesen Kushnir schreiben, und ich habe nicht einmal daran gedacht, so lange darüber zu sprechen, aber für mich ist es einfach kompletter Surrealismus. Deshalb kann ich den russischen Juden noch einmal dringend raten, nicht in einem antisemitischen Land zu bleiben, dessen Führer heute in Teheran über die Möglichkeit der Vernichtung des jüdischen Staates diskutieren. Koffer, Bahnhof, Tel Aviv.

Rashkin. Aber es ist gefährlich.

Portnikov. Was ist gefährlich?

Raschkin. Es ist gefährlich, Klavier zu spielen und nach Birobidschan zu fahren, aber es ist auch gefährlich, nach Israel zu fahren, wenn ein regionaler Krieg ausbrechen könnte, was nach dem, was Sie gesagt haben, nur eine Frage der Zeit ist.

Portnikov. Unter Antisemiten zu leben ist viel gefährlicher, als unter iranischen Drohnen zu leben. 

Rashkin. Nun, ich empfehle jedem, dort zu leben, wo er möchte.

Portnikov. Sie sollten den Menschen empfehlen, dort zu leben, wo sie als Menschen behandelt werden.

Rashkin. Vielen Menschen gefällt es in Russland nicht, in Russland wollen sie einander lieber wie im Dschungel behandeln.

Portnikov. Deshalb habe ich am 24. August 1991 in der Sendung „Echo von Moskau“ die in Moskau lebenden Ukrainer, die sich dauerhaft in Russland aufhalten, aufgefordert, in die Ukraine zurückzukehren, ihren eigenen Staat aufzubauen und nicht mehr in Russland zu leben. Ich habe mich auf Ukrainisch an sie gewandt und ihnen gesagt: Genug ist genug. Ihr habt jetzt euer eigenes freies Land, geht zurück nach Hause, in Russland gibt es nichts zu tun. Das Gleiche kann ich den Juden sagen, mit dem gleichen Recht. Ihr habt in Russland nichts zu tun. Geht nach Israel, bitte, dort habt ihr ein Zuhause, wo man euch nicht fressen und für die Dummheit des russischen imperialen Denkens opfern will.

Rashkin. Es stellt sich heraus, dass der Eiserne Vorhang wieder gefallen ist, weil wir über die Menschen Bescheid wissen… 

Portnikov. Er ist gefallen. Ja. Sie und ich sind nur auf der anderen Seite, glücklicherweise

 können wir auf der anderen Seite sein. Aber Sie sind auf der anderen Seite, weil Sie gegangen sind, und ich bin auf der anderen Seite, weil ich dafür gekämpft habe, dass das Land, in dem ich lebe, auf der anderen Seite ist. Das sind unterschiedliche Dinge. Das ist kein Vorwurf. Gott bewahre. Es ist nur eine Feststellung. 

Rashkin. Jeder von uns hat, wie man so schön sagt, seinen eigenen Bereich an der Front. Ich bin Ihnen dankbar für Ihre Zeit und Ihre Gedanken. Ich weiß, dass unsere Zuschauer und Zuhörer Ihnen sehr dankbar sind. Ich denke, Sie leisten eine sehr wichtige Arbeit bei der Schaffung der ukrainischen Identität und der ukrainischen Weltsicht. 

Portnikov. Die ukrainische Identität gab es vor mir, und sie wird es auch nach mir geben.

Raschkin. Sie artikulieren sie. Ich glaube, Sie tun das jetzt auf eine Weise, wie es sonst niemand tut. Ich denke, das ist sehr notwendig.

 Portnikov. Viele Leute tun es. Es ist nur so, dass es nicht jeder auf Russisch wiederholt.

Feuer auf Krankenhäusern | Vitaly Portnikov @FeyginLive. 12.07.24.

Feigin. Natürlich werden wir über den Angriff auf das Kinderkrankenhaus von Okhmatdit sprechen, bei dem Menschen getötet wurden. Dies war nicht der einzige Schlag, alles wurde bereits ausführlich besprochen, aber die wichtigste Schlussfolgerung ist, dass dieser Schlag von einer russischen Kh-101-Rakete ausgeführt wurde. Es war ein gezielter Schlag. Wir können das mit Sicherheit beurteilen, denn Russen selbst sprechen von hochpräzisen Waffen und einer Abweichung von bis 10 Metern. Bei solchen Fähigkeiten ist es schwer vorstellbar, dass diese Rakete auf ein anderes Objekt abgefeuert wurde, aber direkt auf das Kinderkrankenhaus fiel. Auch wenn die Experten all dies natürlich bereits im Detail analysiert haben, wäre es für uns interessant, die Folgen dieser Eskalation zu verstehen, die den Charakter des Krieges und die völkerrechtlichen Folgen für die Beteiligten sowie die psychologischen und ethischen Aspekte definitiv verändern wird. Deshalb möchte ich heute mit Ihnen über die tieferen Fragen der gravierenden, tiefgreifenden Veränderungen sprechen. Natürlich gibt es all diese Themen schon seit zweieinhalb Jahren. Und wir haben ähnliche Schläge schon früher erlebt, das ist keine exklusive Geschichte, die erst jetzt passiert. Diese Gespräche, dass die Völker nach einiger Zeit eine Gelegenheit zur Interaktion, zum gegenseitigen Austausch finden werden, dass es vergessen sein wird, dass eine neue Generation von Politikern kommen wird, und so weiter und so fort. Aber wie viele solcher Fälle werden noch kommen? Wie viele davon werden wir noch erleben? Meiner Meinung nach schließt sich die Gelegenheit unwiderruflich und für immer. Das möchte ich heute diskutieren. Was meinen Sie dazu? Was werden die langfristigen und kurzfristigen Folgen sein?

Portnikov. Ich werde einen Text von der Website des Fernsehsenders Zargrad zitieren, den Sie kennen. Der Text wurde von Alexey Perlov geschrieben: „Das Kinderkrankenhaus in Kyiv ist kein Unfall. Es ist an der Zeit, dies zu erkennen und keine Hemmungen mehr zu haben. Der Angriff auf das Kinderkrankenhaus in Kyiv hat eine Diskussion über Humanismus ausgelöst. Dieses Gerede kommt dem Feind zugute. Diejenigen, die heute Mitleid mit den Kindern des Feindes haben, haben kein Mitleid mit ihren eigenen Kindern. Humanismus heißt, den Krieg zu beenden, und den Krieg kann man nur mit einem Sieg beenden.“ Sie sehen also, es gibt Leute, zu denen auch Herr Perlov gehört, die keineswegs so tun werden, als sei das Krankenhaus von einer ukrainischen Flugabwehrrakete getroffen worden oder zumindest von einem Fragment einer abgeschossenen russischen Rakete, die in Richtung einer militärischen Einrichtung flog. Ich halte es für sehr wichtig, dass es in Moskau solche Leute gibt. Für sie ist es sehr wichtig, dass jeder erkennt, dass es sich tatsächlich um einen Angriff auf ein Kinderkrankenhaus handelt.

Es stellt sich die nächste Frage. Warum ist das so? Auch hier ist es wichtig, das zu verstehen. Warum führt man einen Schlag auf Kinderkrankenhaus aus, wenn man den Krieg gewinnen will? Die Antwort ist sehr einfach. Weil man die Bevölkerung eines feindlichen Landes demoralisieren will. Ich möchte Sie daran erinnern, dass dieser Krieg im Februar 2022 mit der so genannten Befreiungsrhetorik begann, als Wladimir Putin in der Nacht vom 23. zum 24. Februar 2022 zu den Russen sprach. Dort sprach er von der Befreiung der Ukraine von den Nazis. Danach stellte sich heraus, dass die Bevölkerung der Ukraine diese Rhetorik nicht teilte, dass die große Mehrheit der Menschen in den Regionen, die von der russischen Armee besetzt waren, diese Regionen weiterhin als ukrainisch ansieht. Ich erinnere an die pro-ukrainischen Demonstrationen in Cherson in den ersten Tagen nach der Besetzung dieser Stadt. Es gibt noch viele andere Fakten, die zeigen, dass eine große Zahl von Menschen die russischen Soldaten keineswegs als Befreier betrachtet. Dies hat zu einer Änderung der Rhetorik geführt. Wie Sie sich erinnern, hat Wladimir Solowjow vor nicht allzu langer Zeit gesagt, dass jeder, der in der Ukraine bleibt, ein Feind ist, jeder, der dieses Gebiet nicht verlassen will, jeder, der dort lebt, ein Nazi ist und so weiter. Das ist in der Tat die russische Propaganda, die damit ihre eigenen Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung rechtfertigen wollte. Ich glaube, dass die derzeitige Situation aus zwei wichtigen Vektoren besteht.

Der erste Vektor ist die so genannte Friedenserzwingung. Es scheint mir, dass Wladimir Putin jetzt dringend einen Waffenstillstand, eine Pause im Krieg braucht. Er spricht tatsächlich darüber, er macht keinen Hehl daraus. Er möchte nur, dass er zu russischen Bedingungen stattfindet, so dass die ukrainische Armee selbst bei einer Unterbrechung des Krieges die von unseren Truppen kontrollierten Gebiete Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja verlässt und die Ukraine einer Entmilitarisierung und einer Abkehr vom Kurs der europäischen Integration zustimmt. Dies wird tatsächlich geäußert. Putin hat dies wiederholt in der Kommunikation mit seinen eigenen Beamten geäußert, er hat es offensichtlich dem ungarischen Premierminister Viktor Orban gesagt, der zu Besuch in Moskau war. Aber es ist auch klar, dass die meisten Beobachter feststellen, dass die ukrainische Gesellschaft mit diesen Bedingungen nicht einverstanden ist, sie hält sie nicht für akzeptabel, sie glaubt, dass es sich um Kapitulationsbedingungen handelt, die zum Tod des ukrainischen Staates führen werden. Diese Gesellschaft soll also zum Frieden gezwungen werden. Und wie? Durch solche repressiven Schläge gegen die Zivilbevölkerung, so dass die Zivilbevölkerung selbst ihre eigenen Behörden zur Unterzeichnung einer Kapitulation zwingen soll, um physisch zu überleben. Und das ist absolut vergleichbar mit der berühmten Botschaft, die Wladimir Putin den ukrainischen Behörden über Naftali Bennett übermittelte, als der damalige israelische Premierminister Moskau in einer Vermittlungsmission besuchte. Er sagte damals: Sagt ihnen, dass ich sie alle vernichten werde. Das ist es, was er tatsächlich tut. Ein Punkt ist sehr wichtig. Er terrorisiert die Bevölkerung, um die Behörden zu einem schändlichen Frieden zu zwingen.

Ein weiterer Punkt ergibt sich direkt aus den Schlussfolgerungen des Kremls, dass sich die ukrainische Bevölkerung als illoyal gegenüber den russischen Behörden erwiesen hat. Es geht um die Säuberung des Territoriums von der illoyalen Bevölkerung. Dies entspricht voll und ganz dem Paradigma der gesamten russischen Geschichte. Ich habe dieses Beispiel schon eine Million Mal genannt und ich werde es wiederholen. Als das Moskauer Fürstentum das erste Territorium in seiner Geschichte, das Großfürstentum Rjasan, annektierte, wurden die Rjasaner bald nach dieser Annexion von ihrem Land vertrieben, laut Chroniken wurden sie auf Moskauer Boden umgesiedelt, aber Sie und ich verstehen, dass sie höchstwahrscheinlich umgebracht wurden, und Moskauer wurden auf ihren Boden umgesiedelt. Dies ist eine übliche Annexionstaktik. Wenn die Bevölkerung des eroberten Gebiets illoyal ist, vertreibt man sie entweder, tötet sie oder siedelt sie um, und die loyalen Einwohner sollen sich auf ihrem Gebiet niederlassen. Und in der Geschichte der Ukraine war das nicht nur einmal oder zweimal der Fall. Nach der Perjaslawskaja Rada wurde das Gebiet der großen ukrainischen Städte systematisch von Siedlern aus den Moskauer Gebieten besiedelt. In den besten Traditionen des Kolonialismus änderte man die ethnische, nationale und kulturelle Zusammensetzung der Bevölkerung. Die ukrainischen Städte zur Zeit Bohdan Chmelnyzkys waren ukrainisch-polnisch-jüdische Städte und Ortschaften. Bis 1917 war Poltawa die einzige Stadt in der Ukraine mit einer überwiegend ukrainischen Bevölkerung. In allen anderen Städten bildeten Großrussen die Mehrheit, ethnische Russen. Woher kamen sie? Sie wurden umgesiedelt, um das Gebiet zu russifizieren. Die Situation in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, Holodomor, hatte genau die gleichen Auswirkungen, als die Bewohner der Grenzgebiete der Russischen Föderation in das ukrainische Land zogen, das praktisch von der einheimischen Bevölkerung gesäubert wurde. Viele ethnische Russen, aber auch ethnische Ukrainer, die in den Regionen der Russischen Föderation lebten. Wir diskutieren sehr oft mit Ihnen über die Frage, warum es zum Beispiel in den Regionen Donezk und Lugansk viel einfacher war, Sabotage und anschließende Besetzungen durchzuführen als in der Region Charkiw oder Odessa. Weil diese Regionen am stärksten vom Holodomor betroffen waren und dort ein Industriekonglomerat aus Neuankömmlingen entstand. Und da diese Gebiete in der Nachkriegszeit ihre ethnische Färbung weitgehend verloren hatten, war es dort viel einfacher, die Machtstrukturen zu bestechen. Es war viel einfacher, mit den lokalen Beamten zu verhandeln, die oft auch nicht aus der Ukraine stammten. Viktor Janukowitsch selbst stammt nicht aus der Ukraine und ist kein ethnischer Ukrainer. Dies ist ein sehr einfaches Beispiel dafür, wie es gemacht wurde. So wurde es auch auf der Krim gemacht, als nach der endgültigen Vertreibung der Krimtataren von der Krim in der letzten Periode des Zweiten Weltkriegs und davor, als 80 Prozent der Krimtataren nach der Annexion durch Katharina die Große die Krim verließen, auch Menschen aus den Regionen der Russischen Föderation dort angesiedelt wurden. Wenn wir sagen: Wisst ihr, auf der Krim leben ethnische Russen, und die Ukraine respektiert ihre Rechte nicht. Wie sind sie denn überhaupt dorthin gekommen, technisch gesehen? Vielleicht sind sie da aus dem Boden gewachsen? Nein, sie sind gekommen und haben die Häuser anderer Leute übernommen. Es handelt sich um Siedlungsmigranten, die einfach in die Wohnungen der Krimtataren eingelassen wurden, so wie einige Leute während des Holocausts in jüdische Wohnungen eingelassen wurden, entschuldigen Sie bitte. Das ist nicht anders. Die Leute leben einfach in fremden Häusern, aus denen die Bewohner vertrieben wurden, und halten das für ihre Heimat, essen fremden Zucker mit fremden Löffeln, entschuldigen Sie die Details, oder fremden Honig aus fremden Bienenstöcken. Dies ist kein Aufruf, jemanden zu vertreiben, es ist nur eine historische Reminiszenz. Ich glaube, dass das Gleiche jetzt passiert. Die russische Führung ist zuversichtlich, dass es möglich sein wird, den größten Teil des ukrainischen Territoriums zu besetzen, und es ist sehr wichtig, dass es in dem Moment, in dem diese Besetzung schließlich vollzogen wird, keine ukrainische Bevölkerung hier gibt, so dass die Menschen in aller Ruhe hierher gebracht werden können, sagen wir aus dem Fernen Osten, aus irgendeiner Region Iwanowo oder Kurgan, d.h. der Region der Nicht-Schwarzen Erde. Der Traum eines Pferdediebs, von der Nicht-Schwarzen Erde zur Schwarzen Erde. Deshalb ist es nicht nur ein Bombardement. Noch einmal, es ist genau die Politik Hitlers, denn es ist das Reich.

Kostja Bogomolow, der auf dem Stuhl von Salomon Mikhoels sitzt, auf den er kam, weil das ethische Russland das letzte jüdische Theater in Moskau zerstörte und Salomon Mikhoels und andere jüdische Schauspieler tötete. Kostja Bogomolow, der Ehemann von Ksenia Sobtschak, nannte Europa ein ethisches Reich und zerstörte unmittelbar danach in Moskau das Theater von Roman Viktyuk, einem ethnischen Ukrainer und einem der wenigen Vertreter des Moskauer Theaterlebens, der sich seiner ukrainischen Herkunft nie schämte, ja sogar stolz auf diese Herkunft war und den Kontakt zu seiner Heimat nie verlor. Das ist die Politik des Reiches, sie betrifft alles, von der Zerstörung des Moskauer Theaters von Roman Viktyuk bis hin zu den Versuchen, die Ukrainer auf so ungeheuerliche Weise aus dem ukrainischen Land zu vertreiben, also glaube ich nicht, dass dies nur ein Einzelfall ist, und ich glaube nicht, dass es sich nur um Einschüchterung handelt. Es ist Einschüchterung und Vertreibung zugleich. Deshalb sage ich immer zu meinen Landsleuten: „Glaubt nicht, dass die russische Armee, wenn sie hierher kommt, einfach die Flagge austauscht und ihr hier leben und zum Stadtrat von Kyiv und zum Regionalrat der Region Kyiv der Russischen Föderation gehen werdet. Das wird nicht geschehen. Entweder werden Sie zusammen mit Ihrer Familie getötet oder Sie werden hinausgeworfen, und man wird Ihnen nicht einmal erlauben, Ihre Kopfkissen mitzunehmen. Es wird gesagt, dass dies beschlagnahmtes Eigentum eines Feindes der Russischen Föderation ist. Entweder du nimmst einen russischen Pass und schwörst einen Eid, und sie werden dich filtern, sich alles ansehen, was du in deinem ganzen Leben in sozialen Netzwerken geschrieben hast, zu welchen Organisationen du gegangen bist? Welche Sprache hast du gesprochen? Und wenn sie dir hier zu bleiben erlauben, wirst die Straßen fegen, mit deinem Diplom in technischen Wissenschaften, und den neuen russischen Herren dienen. Das wird dein Leben sein. Deshalb kämpft ihr nicht für die Fahne, sondern für euer eigenes Leben. Ob eure Kinder Putzfrauen sein werden oder an Universitäten und Instituten in der Ukraine oder in Europa studieren werden, und wo eure Eltern sterben werden, in ihren Betten oder irgendwo in der Nähe der Kanalisation, das ist alles.“ Das ist eine ganz einfache, elementare Geschichte. Es ist ein existenzieller Konflikt. Wenn jemand daran zweifelt, sollte er zu den Ruinen von Okhmatdet gehen und es sich ansehen. Ich bin ein Patient des Okhmatdet, wie die meisten Menschen in Kyiv, ich war als Kind in diesem Krankenhaus, ich hatte eine Lungenentzündung, glaube ich. Dieses Krankenhaus ist für komplizierte Fälle bestimmt. Ich habe dort einige Zeit meines Lebens verbracht. Jetzt denke ich an die armen kranken Kinder, die dort keine Behandlung bekommen konnten. Es ist einfach unbegreiflich, verstehen Sie?

Feigin. Sehen Sie, Sie haben einen Hofpolitologen zitiert. In Wirklichkeit, er eine sehr unwichtige Figur. Aber hier hat Medwedew auch sein Zeichen gesetzt. Wir wissen, dass Medwedew ein Narr ist. Aber dennoch hat Medwedew die Position der Behörden klar und präzise umrissen. Man kann nicht mehr sagen, dass die Behörden andere Ziele haben. „All diese Verträge, die Verhandlungen mit der Ukraine, die von wem auch immer vermittelt werden, sind nur ein Manöver. Aber in Wirklichkeit wollen wir die ukrainische Staatlichkeit zerstören, wir wollen die ukrainische Nation vernichten, das ist das Hauptziel“. Und das ist immer noch eine Botschaft nach innen, an Russland, nur für den internen Gebrauch, für den Fall, dass eine Art von Waffenstillstandsprozess beginnt, damit jeder versteht, dass es nur für eine Weile ist, dass es eine Täuschung ist, dass es ein Manöver ist, um das zu reparieren, was gerade beschäftigt wurde, um die Positionen zu fixieren und später militärisch weiterzumachen. Und das Endziel ist ja, dass die Ukraine verschwindet. An diesem Verständnis mangelt es oft, denn es gibt Vorwände, dass die Menschen vom Krieg erschöpft sind, und es ist klar, wer in der ukrainischen Politik bereits begonnen hat, dies zu fördern. Lassen Sie uns seinen Namen nicht nennen.

Portnikov. Es gibt andere Leute, es gibt Volksabgeordnete der Ukraine, die als Vertreter der Partei „Diener des Volkes“ gewählt wurden, zwei Abgeordnete. Diese Abgeordneten haben jetzt offiziell mit der Regierungspartei gebrochen, aber sie sind Abgeordnete. Einer dieser Abgeordneten ist ein Lobbyist der russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine.

Feigin. Deshalb sage ich, dass es notwendig ist, dass es keine Illusionen gibt, wenn die öffentliche Meinung in der Ukraine aus objektiven Gründen sich ändert, es wird einen harten Winter geben, weil Russland absichtlich kritische Infrastrukturen zerstört, dass, wenn es kalt sein wird und es Probleme geben wird, dass es keine Illusionen darüber geben sollte, was nach dem Waffenstillstand, der Waffenruhe, den Verhandlungen und dann einem neuen Krieg passieren wird. Damit die Endziele klar sind. Die Frage ist eine andere. Wo liegt die Grenze der Kräfte des offiziellen Kyivs? Wir verstehen, dass Trump in Amerika auftaucht, wir verstehen, dass die Gesamtsituation am Ende eines zweijährigen Krieges steht, und das verursacht Spannungen. Eine gigantische Spannung. Ein liegt diese Grenze?

Portnikov. Mir scheint, dass die Grenze der Kraft des offiziellen Kyivs sehr soziologisch ist, denn wir wissen, dass die Führung der Ukraine nicht politisch, sondern soziologisch orientiert ist. Und solange die Gesellschaft selbst dazu neigt zu glauben, dass der Krieg weitergehen sollte, bis die territoriale Integrität des Landes wiederhergestellt ist, ist der ukrainische Präsident der Träger dieser soziologischen Erkenntnis. Damit sich seine Position ändert, muss sich die Soziologie ändern. Wenn sich die Soziologie ändert, muss auch der ukrainische Präsident selbst schließlich seine Zielsetzung ändern. Er beginnt übrigens bereits, dies nach und nach zu tun.

Feigin. Bis jetzt sieht das alles ein bisschen gestellt aus. Er wird gefragt und sagt: Okay, okay, ich werde jetzt darüber reden.

Portnikov. Ich glaube, das ist nicht der Punkt, der Punkt ist, dass wir selbst entscheiden müssen, was das Ziel des Krieges ist. Ob der Staat, die Bevölkerung oder die territoriale Integrität als erste Priorität gesetzt wird. Es ist notwendig, die richtigen Prioritäten zu setzen.

Feigin. Es gibt ja auch einen Wettbewerb der Prioritäten.

Portnikov. Das sollte es auf jeden Fall sein. Denn wenn wir mit der territorialen Integrität beginnen, müssen wir der Bevölkerung ehrlich sagen, dass der Krieg sehr lange dauern kann, dass er zu schweren Verlusten führen kann und dass die Ukraine nach diesem Krieg, selbst wenn die territoriale Integrität wiederhergestellt ist, demographisch nie wieder dieselbe sein wird wie vor dem Krieg. Dies ist eine solche Realität. Es gibt noch eine andere Möglichkeit, die ebenfalls ausgearbeitet werden muss. Es ist die Erhaltung des ukrainischen Staates und zumindest des Teils der 28-30 Millionen Menschen, die noch im Lande leben. Es ist klar, dass ihre Zahl weiter abnehmen wird. Ich denke, dass am vor diesem schwierigen Winter auch viele Menschen die Ukraine verlassen werden. Das kann auch passieren, das ist die Realität, und in dieser Realität sind wir uns einig, dass, wenn wir über eine politische Lösung der territorialen Frage sprechen, dann sollte die Ukraine zumindest für das Gebiet, das zum Zeitpunkt des Endes der Feindseligkeiten von der legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert wird, echte Sicherheitsgarantien erhalten. Nicht diese Vereinbarungen, die in letzter Zeit unterzeichnet wurden, sondern echte Sicherheitsgarantien, Garantien, dass die westlichen Länder bereit sind, im Falle eines weiteren Angriffs Moskaus, der Absicht dessen, wie Sie richtig sagen, von der russischen politischen Führung auch im Falle eines Waffenstillstands absolut nicht verheimlicht wird, gemeinsam mit der Ukraine für deren Zukunft zu kämpfen.

Es gibt zwei solche Wege. Entweder der Weg der Erhaltung in erster Linie des Staates, aber mit dem Verständnis, dass die territoriale Integrität nicht schnell wiederhergestellt werden kann, dass die militärischen Instrumente zur Wiederherstellung dieser territorialen Integrität vielleicht einfach nicht zur Verfügung stehen, zumindest nicht vollständig, oder das Verständnis, dass das ukrainische Volk Gerechtigkeit will und bereit ist, jeden Preis für Gerechtigkeit zu zahlen, dass Gerechtigkeit wichtiger ist als der Preis. Dies ist auch eine ganz normale legitime Meinung. Viele Nationen haben bis zum Schluss für Gerechtigkeit gekämpft. Viele Völker haben sich in diesem Kampf völlig verändert. Sie haben Gerechtigkeit erlangt, aber sie waren nie mehr dieselben wie vor dem Krieg, was die Qualität ihrer Bevölkerung angeht, ihre Fähigkeit, dieses oder jenes Gebiet zu entwickeln, sie haben sich unter anderen Völkern aufgelöst, die dann in die von ihnen besiedelten Gebiete kamen. Das kann in der Geschichte so passieren, das kann auch in der Geschichte des ukrainischen Volkes so sein. Aber es ist durch das Volk gewählt, nicht durch den Präsidenten, nicht durch Sie und mich. Die Ukrainer müssen über die Reihenfolge ihrer Prioritäten entscheiden: Volk, Staat, Territorium oder Territorium, Staat, Volk. Drei Prioritäten, die ganz unterschiedlich geordnet sein können. Die Ukrainer zeichnen sich seit jeher durch ein hohes Gerechtigkeitsempfinden aus, dadurch, dass sie bereit sind, der Gerechtigkeit zuliebe Perspektiven zu opfern. Aber es war diese Bereitschaft der Ukrainer, die Perspektive für die Gerechtigkeit zu opfern, selbst in dem Bewusstsein, dass es keine Perspektive mehr geben wird, die es den Ukrainern ermöglichte, ihre Staatlichkeit all diese drei Jahrzehnte zu verteidigen. Ohne diesen Sinn für Gerechtigkeit und die Bereitschaft, dafür etwas zu opfern, hätte es weder den ersten noch den zweiten Maidan gegeben. Janukowitsch wäre immer noch Präsident, und zwar nicht seit 2014, sondern seit 2004. Diese Tatsache in der nationalen Psychologie des ukrainischen Volkes, dass Gerechtigkeit über alles geht und wir nicht an die Konsequenzen denken, ist der wichtigste Faktor der Existenz des ukrainischen Volkes in den Zeiten, als es kein unabhängiger ukrainischen Staat gab. Das war schon immer so, und um es zu verstehen, genügt es, Schewtschenkos Gedichte zu lesen. Er beschrieb Gefühle dieses Volkes, das bereit war, um der Gerechtigkeit willen aufs Schafott zu gehen und aus der Geschichte zu verschwinden. Schewtschenko wurde für diese Sichtweise der Ukrainer gerügt. Sein berühmtes Gedicht „Gaidamaki“ handelt davon, aber dennoch verstand er die Psychologie seines eigenen Volkes absolut genau und klar. Er hat dieses Volk nicht erschaffen, er hat es nur gesehen. So ist dieses Volk wirklich. Wenn wir also verstehen wollen, wie die Ukrainer handeln werden, sollten wir dies lesen und uns fragen: Vielleicht ist es nicht rational? Ja, es ist nicht rational. Vielleicht führt es zu einer Situation, in der nichts mehr zu retten ist, in der ein Schiff in 1.000 Teile zerbrechen kann? Ja, das kann sein, aber die Ukrainer sind so. Das ist so eine europäische Nation, so wie sie ist. Das ist kein Vor- oder Nachteil, das ist eine Eigenschaft, aber letztendlich können wir genau das Gleiche über die jüdische Geschichte sagen. Als die Juden, um ihr religiöses Wesen zu bewahren, auf die Scheiterhaufen gingen, obwohl es gereicht hätte, sich zu bekreuzigen oder den Islam anzunehmen. Das wollten sie aber nicht. Viele Menschen starben, die Hälfte des Volkes, viele verschwanden am Ende im Nebel der Geschichte. Diejenigen, die blieben, blieben Juden. So ist es nun einmal. Aus der Sicht eines Außenstehenden ist es ein völlig merkwürdiges Verhalten: bekreuzige dich und geh weiter deine Waren verkaufen. Wer hält dich auf? Geh nach Petersburg. Warum sitzt du in diesem Landstrich, wo die Juden siedeln dürfen? Aber wie Sie verstehen, waren das für die jüdische Bevölkerung, für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung, immer völlig unverständliche, unnötige Fragen. Für den Juden ging es bei der Gerechtigkeit darum, seine Identität zu bewahren, selbst um den Preis des Verschwindens des Staates für 2.000 Jahre. Gerechtigkeit, das religiöse Wesen, die Bereitschaft, den eigenen Glauben zu verteidigen, war wichtiger als das Schicksal des Staates und wichtiger als das Schicksal der eigenen Familie, wenn es schon in der Verbannung geschah. Dies ist eine solche Geschichte, völlig verständlich. Als Mensch jüdischer Abstammung ist für mich die Ideologie eines Volkes, das sich für den Untergang entscheiden kann, um der Gerechtigkeit willen völlig verständlich. Aber gerade weil ein Volk in der Lage ist, den Tod für die Gerechtigkeit zu wählen, ist es in der Lage zu überleben. Denn wenn man das Opfer bringt, besiegt man am Ende jemanden, der nicht an seinen Sieg glaubt. Und das ist übrigens kein Pathos, das ist historische Analyse.

Feigin. Nun, der NATO-Gipfel hat stattgefunden, man hat sich viel davon versprochen, auch im Zusammenhang mit dem Beschuss von Achmadet, und offenbar wurde dort etwas beschlossen, aber es wurde nicht darüber gesprochen, es wurde nicht in dem Maße öffentlich artikuliert, wie es offenbar diskutiert wurde. Offenbar wurde über die Möglichkeit einer Antwort diskutiert. Die Ukraine wird in irgendeiner Form reagieren, es wird etwas zerstört werden. Ich denke, das ist wichtig, denn in einem Krieg ist es oft die Reaktion, die es unmöglich macht, die gleiche Eskalationstaktik fortzusetzen, damit nicht das nächste Kinderkrankenhaus zerstört wird. Man kann nicht an jedem Krankenhaus Patrioten aufstellen, man muss etwas tun, damit es weh tut, und dann wird es viel weniger Lust geben, wieder ein Krankenhaus oder eine Kindereinrichtung anzugreifen. Wenn der Westen die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellt. Das ist das Erste. Das Zweite ist eine wirklich gezielte Aufstockung der Hilfe für die Luftabwehr. Aber im Großen und Ganzen habe ich es vernommen als: Na ja, was soll man machen, es ist Krieg?

Portnikov. Das hat mich auch überrascht. Übrigens haben wir gestern mit Arsenij Jazenjuk gesprochen, er war in Washington, er kam zum öffentlichen Teil dieses Gipfels. Ich habe auch gesagt, dass es seltsam ist, dass im Prinzip, soweit ich weiß, der Gesetze des westlichen Journalismus nach, und er stimmte mir auch zu, weil er auch westliche Medien beobachtet, solche Nachrichten wie ein Angriff auf ein Kinderkrankenhaus immer die erste Nachricht sind. Das ist das Gesetz des Journalismus. Mark Twain sagte, dass die Nachrichten nicht dann kommen, wenn ein Hund einen Mann beißt, sondern wenn ein Mann einen Hund beißt. Wenn in einem Krieg ein Mann ein Kinderkrankenhaus überfällt, ist es genau die Nachricht, wenn ein Mann einen Hund beißt. Das ist aus dem Bereich des Wahnsinns heraus. Das ist es, was für jedes Publikum wichtig ist, nicht nur in Bezug auf die Menschlichkeit, sondern auch in Bezug auf die Aufmerksamkeit für die Nachrichten. Was machen die meisten Medien in der Welt? Sie lassen die Nachrichten irgendwo in der dritten, vierten oder fünften Reihe stehen. An erster Stelle stehen die Ergebnisse der Wahlen in Frankreich, an zweiter Stelle die Wahlkämpfe in den Vereinigten Staaten, aber ich habe noch nie erlebt, dass ein Angriff auf einen Krankenhaus einen geringeren Stellenwert hat als die Wahlen und die Bildung einer Regierung. So funktioniert das nicht. Ich erinnere Sie noch einmal an ein Beispiel dafür, was geschah, als die Nachricht von einem unbestätigten israelischen Angriff auf ein Krankenhaus in Gaza, nicht auf ein Kinderkrankenhaus, bekannt wurde.

Feigin. Ja, dann wurde bestätigt, dass es nicht Israel war, das zugeschlagen hat.

Portnikov. Es war nicht Israel, das zugeschlagen hat, es hätte gar keinen solchen Angriff gegeben, es hätte nicht so viele Opfer gegeben, nichts davon ist passiert, es gab keine echten Videoaufnahmen.

Feigin. Aber es stand überall.

Portnikov. Als die Hauptnachricht. Niemand hat zu dieser Zeit irgendwelche Wahlen irgendwo erwähnt.

Feigin. Erstaunlich, natürlich.

Portnikov. Ja. Und hier geht es um einen Raketenangriff.

Feigin. Der wurde gefilmt, fotografiert, die Amerikaner haben ihn mit einem Satelliten aufgezeichnet. Es war eine offensichtliche Sache, bestätigt.

Portnikov. Ja. Und das wirft die Frage auf. Was passiert dann mit der westlichen öffentlichen Meinung? Ich meine, man will insgeheim nicht als über eine zentrale Nachricht darüber sprechen, weil man dann sagen muss: Wir müssen diese unglücklichen Menschen irgendwie schützen, wir müssen reagieren. Es stellt sich heraus, dass Russland nur eine räuberische Terrororganisation ist, kein Staat. Ja, es hat Atomwaffen, aber das ist so, als hätte Osama Bin Laden Atomwaffen. Wenn Osama Bin Laden Atomwaffen hat, was bedeutet das dann? Dass wir mit ihm über ein friedliches Leben verhandeln und ihn fragen, welche anderen Zwillingstürme er gerne zerstören würde? Aber uns ist klar, dass wir Osama bin Laden in seinem Versteck vernichten müssen. Was ist der Unterschied zwischen Putin und Osama Bin Laden? Putin ist ein Kindermörder. Die Bürger der Russischen Föderation, die Putin unterstützen, sind in Wirklichkeit Unterstützer und Geiseln einer organisierten terroristischen Gruppe. Aber nein, das werden wir irgendwie nicht tun. Das ist die Logik von Kriegen wie diesem. Und erst als westliche Führer begannen, lautstark über die Unzulässigkeit solcher Aktionen zu sprechen, rückte diese Nachricht irgendwie an die Spitze der Liste, einen Tag später. Für mich als Journalist ist es unbegreiflich. Wenn ich kein Journalist wäre, würde ich mir etwas dabei denken. Vielleicht ist es nicht so interessant, vielleicht sitze ich hier in der Ukraine und mein Blick ist verschoben. Aber ich weiß ganz sicher, dass ich Journalist bin, ich weiß ganz sicher, dass ich die Nachrichten richtig angehe. Und das ist natürlich ein großes Rätsel für mich. Es ist übrigens ein größeres Rätsel als das, was auf dem NATO-Gipfel passiert ist. Es ist eine Abweichung der öffentlichen Meinung. Es ist keine Gewöhnung an Krieg. Etwas Ähnliches geschah in den ersten Tagen nach dem Massaker von Srebrenica. Die Nachricht war da, aber sie stand nicht auf den Titelseiten. Erst später wurde es symbolisch. Aber es kam nicht sofort auf die Titelseite.

Feigin. Es hatte damit zu tun, dass die niederländischen Blauhelme, die dort waren, einfach abgezogen sind. Es gab ein Motiv, es nicht besonders zu artikulieren. Es war ein Völkermord und ein Verbrechen, aber dennoch gab es Aspekte, die den Westen verletzten, und im Allgemeinen wurde ihm ein Teil der moralischen Verantwortung aufgebürdet.

Portnikov. Vielleicht fühlen sie sich also auch jetzt auch moralisch verantwortlich? Wenn sie zweieinhalb Jahre lang nicht wissen, was sie mit der Ukraine machen sollen. Wenn sie sagen: Die Ukraine wird der NATO beitreten, nachdem sie Russland besiegt hat.

Feigin. Wie will sie denn Russland besiegen?

Portnikov. Das ist ein Zitat von Biden. Und Russland schießt auf Kinderkrankenhäuser? Vielleicht fangen Sie an, über Ihre eigene Verantwortung nachzudenken? Oder Sie wollen nicht darüber nachdenken, dann konzentrieren Sie sich nicht darauf. Das nennt man eine Folge der Entmenschlichung. Vielleicht gibt es also Folgen der Entmenschlichung nicht nur für Russland, sondern auch für den Westen?

Feigin. Ich stimme mit Ihrer Version überein. Aber es gibt eine prosaischere Erklärung, die mit der Logik der vorsichtigen Beteiligung am Krieg übereinstimmt. Wir sehen dies auf Schritt und Tritt auf Seiten des Westens. Es ist sicher, Israel zu kritisieren. Es wird dafür keine Vergeltung üben. Es ist genau wie Westen? Es wird Ausreden erfinden, es wird die humansten Methoden wählen und so weiter. Es wird alle möglichen Untersuchungen einleiten, um etwas zu beweisen. Mit Moskau kann man so ein Gespräch nicht führen. So verhält er sich auch gegenüber Israel. Dort heißt es: ein Kinderfriedhof im Gaza-Streifen. Und hier sagen sie, man müsse verhandeln, und alles ist nicht ganz eindeutig. Sogar der Regierungschef Guterres vertritt diese Position, man sollte ihm zuhören. Wenn man vergleicht, was im Nahen Osten oder in der Ukraine passiert.

Portnikov. Ich möchte Sie an etwas anderes erinnern. An die Rakete, die am Strand von Sewastopol eingeschlagen ist. Übrigens war es offenbar eine Rakete der russischen Luftabwehr.

Feigin. Sie haben es selbst bestätigt, dass es ihre Raketenabwehr war, die diesen Strand getroffen hat.

Portnikov. Ja, aber es wurde viel mehr darauf geachtet. Russen wollten wirklich irgendein ihrer Schiffe vor Beschuss retten und beschlossen, dass sie dafür ein Dutzend Kinder opfern…. Erinnern Sie sich an dieses wunderbare Liedchen? „Putin ist ein Draufgänger, er hat vier Kinder verschlungen, und Chulpan Khamatova hat das fünfte, ganz zerknittert, gerettet“. Nun, in diesem Lied geht es um den Strand von Sewastopol. Nur gibt es keine Chulpan Khamatova, sie ist nach Riga geflohen.

Feigin. Die Logik könnte sein, dass dies keine Entmenschlichung ist, sondern reines Kalkül und Angst, denn Putin ist furchterregend. Israel ist nicht wirklich furchterregend. Aber Putin ist furchteinflößend in all seinen Erscheinungsformen, vom Vorhandensein von Atomwaffen bis hin zu Kompromat und Beamtenbestechung, die miteinander verbunden sein können. Das heißt, er ist furchteinflößend, es ist gefährlicher, ihn mit diesen Beschimpfungen zu reizen, und Putin ist sich dessen bewusst. Putin ist sich seiner Macht bewusst. Man kann nicht sagen, dass er sich dessen nicht bewusst sei, er ist sich dessen sehr wohl bewusst.

Portnikov. Ein normaler Erpresser. Das ist Erpressung.

Feigin. Aber wenn man einer Erpressung nachgibt, wird man nicht gewinnen, man wird seinen Willen nicht bekommen. Du wirst ein Opfer der Erpressung sein, weil du dich wie ein Opfer der Erpressung verhältst. Und das Objekt der Erpressung ist der ganze Westen, alle internationalen Institutionen, alle internationalen Rechtsnormen, alle diese Traditionen der Schaffung von Bedingungen für internationale Sicherheit, sie alle scheinen vor dieser Erpressung betroffen zu sein.

Portnikov. Lassen Sie uns über den UN-Generalsekretär sprechen. Der UN-Generalsekretär ist nicht zum Friedensgipfel in die Schweiz gekommen. Natürlich kann man sagen, dass der Friedensgipfel in der Schweiz eine deklarative Veranstaltung ist, die zu keinen wirklichen diplomatischen Ergebnissen führt, und der UNO-Generalsekretär kann es sich leisten, einen Stellvertreter zu entsenden, obwohl es eine solche Anzahl von Staats- und Regierungschefs von UNO-Mitgliedern gibt, wie bei keinem anderen Forum, aber aus mir unbekannten Gründen fährt der UNO-Generalsekretär, der den Friedensgipfel in der Schweiz nicht für ein bedeutendes internationales Ereignis hält, danach zum Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit. Warum eigentlich? Was hat er dort vergessen? Wenn man wirklich nirgendwo hingehen will, geht man auch nicht dorthin, wo Vertreter der anderen Seite sind. Er reist also, um sich mit Leuten zu treffen, von denen die meisten den Friedensgipfel in der Schweiz gemieden hatten. Es waren keine Vertreter der russischen Regierung oder der zentralasiatischen Länder dort. Trotzdem ist er hingefahren. Ich hatte den Eindruck, dass er, wenn er vorhatte, nach Astana zu fahren, auf jeden Fall nach Luzern hätte fahren müssen. Aber wahrscheinlich betrachtet er seine außenpolitischen Ziele auf eine ganz andere Weise.

Feigin. Wie ist das zu erklären, insbesondere in Bezug auf die UNO? Was ist die Erklärung? Ist es die Angst vor Putins tatsächlicher Macht und allem, was damit verbunden ist? Oder ist es ein Weg der Selbsterhaltung?

Portnikov. Selbsterhaltung, das Streben nach einem Gleichgewicht zwischen den ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates, in dem Bewusstsein, dass diese Weltordnung ohne China und Russland ohnehin unmöglich ist. Aber in Wirklichkeit sehen wir, dass diese beide Länder bereits aus dieser Weltordnung ausgeschieden sind. Sie wollen eine andere Weltordnung schaffen, ganz anders als die bisherige. Übrigens, dass die NATO auf dem letzten NATO-Gipfel zum ersten Mal in ihrer Geschichte so hart gegen China gesprochen hat, zeigt auch, dass die Eskalation zunimmt und nicht abnimmt. Wir selbst haben es schon oft gesagt: Wenn der Krieg zwischen Russland und der Ukraine weitergeht, ist es offensichtlich, dass eine wichtige Folge dieses Krieges eine Zunahme der Eskalation zwischen Demokratien und Diktaturen sein wird. Ich habe damals, im Jahr 2022, gerne diesen Satz aus der Kolumne von Nancy Pelosi in der Washington Post zitiert, die sie an dem Tag veröffentlichte, als sie nach Taiwan flog. Es war ein aufsehenerregender Besuch nach ihrer Reise nach Kyiv. Und Nancy Pelosi sagte, sie sei nach Taiwan geflogen, weil sie glaube, dass wir heute in einer Logik des Kampfes zwischen Demokratien und Diktaturen leben. Die Vereinigten Staaten sollten die Demokratien unterstützen. Sie sagte das, und dann flog sie übrigens nach Eriwan. Und viele Leute haben nicht verstanden, warum sie nach Eriwan geflogen ist. Es scheint, dass Armenien, ein Land der OVKS, der Eurasischen Union, nicht hinein passt. Aber jetzt sehen wir, dass es doch passt. Armenien kämpft nicht gegen Aserbaidschan und die Türkei, sondern gegen Russland. Daher war die Anwesenheit von Nancy Pelosi in diesem Zusammenhang durchaus angebracht. Viele Leute dachten, es sei eine Art romantische Erklärung. Es gibt Leute, die sagen, dass man den Krieg Russlands mit der Ukraine nicht auf eine Konfrontation zwischen Demokratie und Diktatur reduzieren kann. Nun, wie kann man das nicht, denn genau das ist es. Es ist das Recht einer Diktatur zu entscheiden, wo ihre Grenzen enden. Russland beharrt darauf, China beharrt darauf. „Wir definieren unsere eigenen Einflusssphären. Hier grenzen wir sie ab, und ihr haltet euch raus, und die Menschen, die dort leben, haben kein Recht, ihre eigene Meinung zu äußern. Sie sind unser Eigentum. Sie sind unsere Leibeigenen. Wir sagen ihnen, wie sie ihr Leben leben sollen. Wenn sie nicht einverstanden sind, beschießen wir sie mit einer Rakete.“ Nun, das ist der Grund, warum China auf seinem eigenen Territorium, in der autonomen Region Xinjiang Uygur oder in Tibet, so handelt. Russland hat auf seinem eigenen Territorium im Nordkaukasus so gehandelt. Und als Russland damit durchkam, ging es weiter, über die Staatsgrenzen anderer Länder hinweg. Ich versichere Ihnen, dass China auch so handeln wird, ich sage nicht unbedingt, dass es um Taiwan gehen wird, aber es muss irgendwo hingehen. Deshalb ist Narendra Modi zu Putin geeilt, weil er die Konsequenzen dessen, was geschieht, versteht. Er versteht es, aber der Westen versteht es nicht komplett.

Feigin. In diesem Zusammenhang ist Orbans so genannte Pendeldiplomatie, die im Auftrag des Kremls eine neue Verhandlungsplattform darstellen soll, eindeutig eine Alternative zur schweizerischen und ein offensichtlicher Auftrag des Kremls. Und er sagte nach seinem Besuch in Moskau, danach traf er sich mit Xi Jinping in Peking, jetzt traf er sich mit Trump und nutzte dafür sein Besuch beim siebzigsten Jahrestag des NATO-Gipfels in Washington, dass in den nächsten zwei oder drei Monaten, das war nach seinem Gespräch mit Putin, eine Eskalation zu erwarten sei, dass es ein sehr schwieriger Monat werden werde. Die Anweisung des Kremls ist es, darauf hinzuweisen, wie schwierig die Situation sein wird, und es liegt im Interesse des Kremls, sie noch beängstigender zu machen. Der Angriff auf das Krankenhaus ist Teil einer solchen Eskalation, die von Orbán angekündigt wird. Was ist die Perspektive dieser Initiative? Obwohl klar ist, dass dies das einzige Format ist, bei dem Russland involviert sein kann, denn Russland hat selbst aufgestellt.

Portnikov. Ich habe den Eindruck, dass dies kein russischer, sondern ein chinesischer Auftrag ist. Denn die erste Frage, die er Putin stellte, lautete nicht: wie Sie die Konfliktlösung sehen, Herr Putin, sondern wie Sie über den chinesischen Plan zur Konfliktlösung denken. Ich denke also, Russland kann durchaus an Orbans Mission interessiert sein. Und Orban ist mehr an der Gunst der Chinesen als an der Gunst der Russen interessiert. Xi Jinping besuchte Orban übrigens gleich nach Paris, er besuchte Ungarn. Und das war, nachdem sie ihren Friedensplan bekannt gegeben hatten. Das ist kein Zufall. Ich denke, China wird weitere diplomatische Anstrengungen in dieser Richtung unternehmen. Wir werden sie sogar früher sehen, als wir denken. Orban versucht also, Chinas Bemühungen zu unterstützen. Es ist gut möglich, dass diese Unterstützung der chinesischen Bemühungen im Interesse Russlands liegt, denn Moskau könnte glauben, dass die Unterstützung der chinesischen Bemühungen dazu führen wird, dass Kyiv einigen russischen Forderungen zustimmt. Und dass China dies erleichtern wird. Oder dass China benutzt wird, um Kyiv in eine bestimmte politische Falle zu locken. Erinnern Sie sich daran, wie Putin Zelensky mit Hilfe von Dmitry Kozak in eine Falle locken wollte, als er ihn nach dem Pariser Gipfel zum Chef der ukrainischen Richtung ernannte.

Feigin. Das war am 9. Dezember 2019.

Portnikov. Es ist also durchaus möglich, dass dies eine solche Taktik ist.

Feigin. Es sieht so aus, als ob sich diese Taktik bis nach Washington hinzieht. In Washington gibt es bereits eine neue Führung. Wir wissen, dass Trump eine feindselige Haltung gegenüber China zum Ausdruck bringt, eine offen antichinesische Position. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich das ändern könnte.

Portnikov. Ich finde es generell sehr schwierig, die Logik von Orban zu verstehen, der versucht, sich zwischen Trump und Xi Jinping zu stellen. Ich möchte verstehen, wo er seinen Platz zwischen Skylla und Charybdis finden wird.

Feigin. Nun, Chinas Interesse liegt bei den USA, ohne die USA wird das Problem nicht gelöst werden, es wird sich nirgendwo hinbewegen, zumal es die USA sind, von denen China den Dividenden haben will, weil der Hauptpreis Taiwan ist.

Portnikov. Es ist unwahrscheinlich, dass Trump bereit ist, Taiwan zu opfern.

Feigin. Ja unwahrscheinlich, also etwas Vergleichbares, oder eine Art Fahrplan oder so etwas, um Taiwan innerhalb von 10 Jahren zu integrieren. So war es ja auch mit Hongkong, das unter britischem Mandat stand.

Portnikov. Aber wie Sie wissen, haben Chinesen den Fahrplan in Hongkong gebrochen, und es ist unwahrscheinlich, dass ihnen beim nächsten Mal jemand glauben wird.

Feigin. Ja, sie haben im Grunde die Demokratie zerstört.

Portnikov. Ja, sie hätten sich rin bisschen gedulden können, nicht wahr? Wenn sie Taiwan haben wollten, konnten sie so tun, als wären sie Hongkong gegenüber liberal. Es gab nichts, was sie daran gehindert hätte. Aber nein. Kommunisten arbeiten nicht so, sie dulden es nicht lange.

Feigin. Nein, nein. Weil sie Angst hatten, dass diese Infektion auf das chinesische Festland übergreifen würde.

Portnikov. Wie sollte sie denn übergreifen, wenn selbst ein Bewohner des chinesischen Festlandes nicht ohne Visum nach Hongkong einreisen konnte und immer noch nicht kann?

Feigin. Ich war dort, in Hongkong, direkt nachdem es unter chinesische Kontrolle kam. Es gab auch Stadtratswahlen, Anti-Peking-Kundgebungen, ich habe alles mitbekommen. Ich war sehr beeindruckt von Hongkong, es wurde Englisch gesprochen. Ich sage nur, dass es wirklich seltsam ist, Orban zu benutzen, um Trump zu einer günstigeren Haltung gegenüber China zu bewegen. Ist das eine Art von Werkzeug?

Portnikov. Die Lösung der Russland-Ukraine-Krise als Instrument der Verständigung zwischen Trump und Xi Zen Ping. Maßnahmen des Vertrauens. Das ist die Art von Maßnahmen, die man Trump anbieten könnte. Ich glaube nur nicht, dass er darauf eingehen würde.

Feigin. Ich meine, das ist überhaupt nicht das, worüber er spricht. Warum sollte er China brauchen? Er sagt: Ich werde mich mit Putin treffen und mich über alles einigen. Warum er Peking braucht, verstehe ich nicht wirklich.

Portnikov. Ich verstehe es auch nicht. Ich denke, wenn er merkt, dass Orban ihm chinesische Interessen verkauft, könnte er beleidigt und verärgert sein. Ich verstehe das also auch nicht ganz. Aber wir sind nicht bei all diesen Gesprächen anwesend. Und dann halten wir diese Leute a priori für sehr klug, auch Orban. Orban ist sicherlich ein gerissener Mann, aber er ist vielleicht nicht der intelligenteste Mann, er kalkuliert vielleicht einige Risiken und Konsequenzen nicht mit ein. Möglicherweise manövriert er, während Trump nicht Präsident ist. Auch das ist ein wichtiger Punkt. Er kann dieses Spiel spielen, bis Trump gewählt ist, und nach seiner Wahl kann er sich neu ausrichten und sich nicht um China kümmern, falls er die Unterstützung der Amerikaner erhält. Es kommt darauf an, welche Prioritäten er setzen will. Es ist klar, dass er auf Trump setzt.

Feigin. Im Weißen Haus wird niemand zur Zeit mit ihm reden. Er ist dort persona non grata, sie werden ihn nicht einmal ansehen, niemand wird jemals mit ihm reden. Europa selbst hat auch gesagt, dass es ihm kein Mandat von der EU gegeben wurde.

Portnikov. Er hat einfach die Zeit der Präsidentschaft genutzt, um das alles so einzurichten. Das war so ein unverhohlener Zynismus. Aber Sie haben völlig Recht, dass Putin das braucht, denn Putin braucht einfach eine Art Waffenstillstand, sonst würde er sich nicht so anstrengen. Vielleicht will er einen Waffenstillstand, bevor die ukrainische Armee neue westliche Waffen hat, bis die F16 auftauchen. Um schwere Angriffe auf seine eigenen Stellungen zu vermeiden.

Feigin. Unvorhersehbare Folgen.

Portnikov. Vielleicht wird nichts passieren. Und wenn doch, ist es besser, es zu vermeiden, Kräfte zu sammeln und dann wieder zuzuschlagen, wie Dmitri Anatoljewitsch Medwedew lehrte.

Feigin. Und dabei sogar die Lieferung von schweren Waffen zu stoppen.

Portnikow. Denn wozu braucht man sie, wenn es einen Waffenstillstand gibt?

Feigin. Eine logische Konstruktion. Letzte Frage. Zurück zum Hauptthema der Sendung über die Folgen der Entmenschlichung. Wo und wie weit kann das totalitäre System in Russland gehen, um die Entmenschlichung weiter voranzutreiben, ich würde sagen, nicht die Zombifizierung, die Propaganda hat sich mit der Zombifizierung beschäftigt, es ist schon eine Art von besonderer Lobotomie.

Portnikov. Beliebig weit. Die Frage eines Atomschlags ist ausschließlich eine Frage der Beziehungen zwischen Russland, den Vereinigten Staaten und China. Warum kann Putin diese Waffen nicht einsetzen? Weil er weiß, dass dies unvorhersehbare Folgen für seine Beziehungen, einschließlich der militärischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, haben würde. Die Menschen sind aber absolut zu allem bereit. Das Volk selbst sagt sitzend auf den Bänken: Warum werfen wir nicht eine Atombombe auf sie ab, sie werden sich sofort ergeben, und wir werden gut leben, und unsere Jungs werden nicht sterben. Wir wissen das alles, was das Volk sagt. Aber das Volk war schon immer so, es gab schon immer eine große Anzahl von Menschen, die vom Stalinismus indoktriniert wurden. Ich habe immer gesagt, dass dies ein Land der Bürgerkriegsgewinner ist. Diejenigen, die tatsächlich eine gewisse humanistische Gesinnung hatten, die meisten dieser Menschen, wurden zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts getötet, vertrieben, eingeschüchtert. Es gab nicht viele von ihnen, aber was bedeutet es, dass es nicht viele von ihnen gab? Bei den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung haben bekanntlich nicht die Bolschewiki gewonnen, sondern die Rechtssozialisten. Die Menschen waren also bereit, für ganz vernünftige Politiker zu stimmen. Aber dann hat der Albtraum den Bürgerkrieg gewonnen, verstehen Sie? Das leibhaftige Böse hat gewonnen. Und die Menschen, die in Russland geblieben sind, erwiesen sich entweder als Unterstützer oder als Geiseln dieses Bösen, auch als moralische Geiseln. Deshalb werden Sie, sobald Sie diese Ebene ansprechen, sofort….

Feigin. Es gibt Überlegungen. Wir sprechen über die Tatsache, dass der Austritt aus der Sowjetunion in Russland überhaupt nicht gelungen ist. Aber Teile dieses Landes, und die Ukraine gehörte auch dazu, ich spreche nicht von den baltischen Staaten, das ist ein besonderes Gespräch, sie haben ihn doch überwunden?

Portnikov. Weil es da keinen Bürgerkrieg gegeben hatte, sondern eine Besatzung. Und unter der Besatzung konnte eine größere Anzahl gesunder Menschen überleben. Und diese Gesinnung wurde vererbt. In den baltischen Ländern mehr, in der Ukraine weniger. In der Ukraine gab es noch den westlichen Teil, der gar nicht zum Russischen Reich gehörte, sondern erst nach 1945 zur Sowjetunion kam. Das sind die Menschen, die nicht dieser Albtraum ausgesetzt waren. Erinnern Sie sich an das Gedicht über Vera Petrowna? Es gab dieses Gedicht von Dmitri Kolomensky.

Lernen Sie kennen: das ist Vera Petrowna – sie ist eine Menschenfresserin.

Und nicht so, dass Vera Petrowna Menschen zum Mittagessen kocht – nein!

Und nicht so, dass Vera Petrowna nachts heimlich schleicht,

Mit dem Messer spielt, mit dem Stock klopft, mit dem Zahn fletscht

– Wiederum nein! Es nämlich so, dass sie wie eine Blume wächst :

Wenn der Ostwind weht neigt sie sich nach West.

Wenn der Westwind weht – nach Osten,

Und, was am wichtigsten ist,

Dass in diesen Momenten Vera Petrowna noch keinen frisst.

Doch wenn der Chef – egal ob groß oder nicht –

Öffentlich über Frieden und Glück spricht und ein besonderes Signal gibt,

Ein Zeichen – dann versteht Vera Petrowna es sofort.

Und dann richten sich ihre Schulter auf, ihr Auge leuchtet rot,

Ein religiöses Gefühl wächst, Klassenhass, mädchenhafte Ehre –

Und sie beginnt zu suchen, wer zu verschlingen wäre.

Entdeckt sie einen feindseligen Blick, eine giftige Zunge, falsche Vibration,

Schreibt die einfältige Vera Petrowna eine Denunziation,

Die raffinierte Vera Petrowna schreibt eine Abhandlung oder einen Artikel

Mit dem vielversprechenden Titel:

„Die vollständigste Liste von Empfehlungen

………………………..zur Erkennung und Verhinderung der Aktivitäten ………………………..politisch schädlicher Elemente,

………………………..die Russland daran hindern, sich zu erheben und im Paradies zu leben.“

Und die allerklügste Vera Petrowna weiß, dass Menschenfleisch hat einen Preis,

Und sucht sich Arbeit bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft, dem Gericht –

Dort ist das Fleisch frischer, die Lieferungen zuverlässiger und alles vernünftig ist;

Und überhaupt, in der Gemeinschaft zu essen, ist gesünder als allein,

Wofür es viele Beispiele gibt – in jedem Land, zu jeder Zeit allgemein.

Und die Sauce, unter der Menschenfleisch am süßesten schmeckt,

Wird gemäß der Epoche immer von neu entdeckt,

Weil die Normen und Parameter für die Beschaffung von Menschenfleisch

Überarbeitet werden und bleiben nicht immer gleich.

Aber dann ändern sich die Zeiten,

Die Behörden geben das Signal zum Schluss.

Vera Petrowna lässt Schultern hängen,

ihr rotes Auge erblasst

Und wird blau oder braun, wie es ursprünglich war.

Die Gefühle, der Hass, die Ehre kühlen auf einmal ab.

Der Mensch sieht wieder so aus wie zuvor.

Und ich fahre mit Vera Petrowna im Bus, sie erzählt mir davon–

Dass die Radieschen dieses Jahr nichts taugen, aber die Kartoffeln gut sind,

Dass der Dezember schneefrei wird.

Und dann sehe ich, sie schaut irgendwie seltsam,

Als ob sie versucht, durch meinen Mantel zu schauen,

Welchen Teil von mir – für den Braten, welchen – für die Suppe taugt.

„Mit Fleisch ist es jetzt auch nicht einfach“, sagt sie, „man findet es kaum“.

Ich öffne den Mund. Was soll ich sagen –

Ich weiß es nicht,

wohin soll ich rennen, habe ich keine Ahnung.

Der Motor brummt, das Herz klopft, der Bus langsam kriecht,

Und in Vera Petrownas Auge brennt ein blutrotes Licht.

Feigin. Sehr schön, toller Abschluss des Themas.

Portnikow. Ein schönes Ende. Was kann man noch hinzufügen?

Drei Könige. Demian Fanshel.

Der Krieg lief 33 Jahre schon.

Dezember schimmerte verstohlen.

Drei Könige aus dem Süden Ukrainas

Sich machten auf den Weg zu Juden Palestinas.

Die Feuersäule führte an,

Die Drohne strahlend flog voran.

Die Gaben hielten sie bereit,

Die Gaben düsterer Kriegszeit.

Und brüllten wie gewöhnlich: „Ärger!“

Die Schafe im Gehege.

Im Stalle, von dem Feind versteckt,

Lag Baby mit dem Licht bedeckt.

Milchstraße gingen sie entlang

Dorthin, wo Mutter für ihr Baby sang.

Ein alter klapperiger Bus

Evakuierte das Kibbuz.

Ohne Papiere, ohne Gut,

Mit dem, was man am Leibe trug.

Monarchen gingen durch Beschuss

Vorbei am mächtigen Dnipro-Fluss,

Nach Süden durch die Stadt Cherson

Im grausigen Raketenstrom.

Der Weg war halbe Erde lang,

Sie wussten aber Gott sei Dank

Wohin gehörte Ihr Gepäck.

Wie „Vater Unser“ klar der Zweck.

Der Bote fragt dann nach dem Halt

Bei Mariam, wo Vater bleibt.

Der packt die Gaben an die Seite

Und raucht eine.

Mariam antwortet betrübt

Den müden Drei mit Staub gehüllt,

Das trübe Fensterlicht im Blick,

„Er ist im Krieg „.


Шёл 33-й год войны.

Мерцал декабрь из-за спины.

Волхвы с востока Украины

Брели к евреям Палестины.

Их вёл, столбом огня зажжён,

Сиявший дрон.

Они несли свои дары

Военной, сумрачной поры.

Ревели, как всегда – беда! –

В хлевах стада.

В хлеву, неведомом врагу,

Младенец светлый пел агу –

Куда их вёл Чумацкий шлях –

Лежал в яслях.

Один на всех случайный бус

Эвакуировал кибуц –

Без документов, кто в чём был.

Он не забыл.

Волхвы брели под артобстрел

Снарядов «град», пернатых стрел –

На юг, сквозь вязкий, жуткий сон,

Через Херсон.

Был путь длиною в пол-Земли,

Но знали пункт куда несли –

Куда доставлен был багаж –

Как Отче наш!

Где спросит наперво гонец

У Мириам: «А где Отец?»

В цигарку – отложив дары –

Набив махры.

Им отвечает Мириам,

Усталой троице мирян,

На тусклый глядя свет в окне:

«Он на войне».