Du, Jesus, wirst Du heute auferstehen? Yevhenia Komarova. Autorenübersetzung.

Du, Jesus, wirst Du heute auferstehen?

Ist nicht Dein Grabe heute zugeschüttet

von Leichen und den Trümmern der Städten

der Ukraine? Dort die Hölle wütet,

Der Satan dort lacht Deine Liebe aus –

won wegen Liebe, sie sei ganz unfähig,

sie liegt am Boden, sie erliegt dem Graus,

die Güte gegen Bosheit sei ohnmächtig.

Was sehe ich? Der Heiland ballt die Fäuste?

Gewähre uns, der Gottessohn, Dein Segen

zum Letzten Kampf, wo wird besiegt das Böse,

und Deinе Liebe wird durch uns bestehen.


Ісусе, чи воскреснеш ти сьогодні?

Чи вхід до склепу завалили трупи

й уламки з Україні? Там безодня

розверзлася…Диявол скалить зуби,

сміється він над слабкістю Любові,

над Добротою та її безсиллям…

Спасителю, Ісусе – що з Тобою?

Ти кулаки стискаєш, Божий Сине?

Даруй, що не співаємо осанни,

бо наш Армагеддон іще триває…

Благослови на смертний бій останній

тих, хто Тебе собою прикриває!

Sag mir, meine Liebste. Yevhenia Komarova. Autorenübersetzung.

Sag mir, meine Liebste: ist Februar düster

zu Ende? Es ist mir so kalt in dem Flüsse,

Ich hab‘ keinen Kreuz, keinen Grab, keine Ruhe…

Sad mir, meine Liebste: kommt Frühling, wie früher?

Sagt, bitte, ihr Leute – ist Februar heute?

Ich liege im Matsch, bin zerquetscht von dem Panzer.

Wer wird sich erinnern? Wer wird mich erkennen?

Vergißt mich nicht, Leute! Ich liebte das Leben!

Sagt mir, meine Freunde, sagt mir, die Nachbarn.

wie lange wird noch dieser Februar dauern?

Ich liege in Trümmern, ganz unten im Keller…

Sagt mir: ist da oben schon wärmer und heller?

Sagt, Mama und Papa, darf ich ohne Mütze

Schon draußen spielen und toben in Pfützen?

Hab meine verloren, als fremde Soldaten

mich hatten erschossen in unserem Garten.

Sag, Herrgott, Du siehst es? Du hörst diese Stimmen?

Herr sitzt neben mir, Er weint und wimmelt.

Steh auf, schaff wieder die Sonne und Sterne,

Dein Licht werde siegen, der Februar – sterben.


Скажи мені, люба – скінчився вже лютий?

Лежу я під кригою, холодом скутий.

Нема ні хреста, ні самої могили…

Скажи мені, мила – шпаки прилетіли?

Скажіть мені, люди, чи лютий розтанув?

Лежу у багнюці, розчавлена танком.

Ніхто не ховає, та й що там ховати…

Згадай мене, сестро! Згадай мене, брате!

Скажіть мені, друзі, скажіть-но , сусіди –

чи там, нагорі, зарясніли вже квіти?

Лежу під завалом, накрита стіною…

Скажіть мені, друзі – вже пахне весною?

Скажи мені, мамо, скажи мені, тато –

Вже можна без шапки надворі гуляти?

Бо шапку згубив я, коли мені в спину

поцілив солдат із чужої країни.

Скажи мені, Боже – Ти чуєш? Ти бачиш?

Ти поряд сидиш і у розпачі плачеш.

Давай мені руку, скажи: «паляниця»!

Ми сонце запалим, і лютий скінчиться.

Der Gott hat raue Hände. Yevhenia Komarova

Der Gott hat raue Hände mit gebrochenen Fingernägeln,

Sie sind verschrammt und zerfressen vor Schmutz und Schießpulver,

Frost und Hitze haben sie verbrannt,

Sie haben sowohl das Maschinengewehr als auch das Skalpell fest im Griff,

Sie liegen am Steuer und packen unzählige Kartons,

Sie weben Netze im Dunkeln, spielen Geige im Dunkeln,

Sie wickeln Babys und führen Drohnen ans Ziel….

Der Gott hat UNSERE Hände – andere hat er nicht.


У Бога пошерхлі руки з обламаними нігтями,

в них в‘їлись грязюка й порох, їх палять мороз і спека,

вони утримують міцно і автомат, і скальпель,

лежать на кермі, пакують незчисленні коробки,

сітки плетуть в темряві, в темряві грають на скрипці,

немовля сповивають, прицільно наводять дрони…

У Бога є НАШІ руки – інших немає в нього.

Meine Lippen… Yevhenia Komarova

meine Lippen sind

im Keller von Mariupol

vor Durst gerissen,

mein Mund ist

mit Erde verstopft

In Butscha,

in meiner Kehle

gurgelt totes Wasser

aus Nowa Kachowka

meine Lungen

sind voller Ruß und Rauch

vom Gostomel,

mein Brust

wurde zerquetscht

unter den Ruinen

in Kramatorsk,

mein Herz

durchschoßen aus Maschinengewehr

in der Nähe von Bachmut,

und man fragt mich noch,

warum ich keine Gedichte mehr schreiben kann.


мої губи

розтріскалися від спраги

в маріупольському підвалі

мій рот

забитий землею

в Бучі

в моїм горлі

клекоче мертва вода

в Новій Каховці

мої легені

повні кіптявою й димом

у Гостомелі

мої груди

розчавлені

під руїнами

в Краматорську

моє серце

розірване автоматною чергою

під Бахмутом

а хтось питає чому я більше

не можу писати вірші

Einfach nicht denken. Yevhenia Komarova.

Einfach nicht denken, einfach nicht denken

Das Gehirn ausschalten, wie einen Fernseher, eine Lampe oder ein Bügeleisen …

Nur um keine Frau im gleichen Alter und in der gleichen Größe wie du zu sehen

in der Nähe des Grabes ihrer gemeinsam begrabenen Tochter und Enkelin.

Zusammen begraben, weil es nicht möglich war, sie zu lösen

Hände in der letzten kraftlosen Umarmung gebunden …

Einfach nicht hören, nicht sehen… einfach nicht leben…

Oder zu lernen im Nebel der Hoffnungslosigkeit zu leben.

Durch Liebe leben – mit offenen Augen für den Tod.

Mit Liebe für diejenigen leben, die stärker sind als sie.

Mit Liebe leben – ohne Haut am zerrissenen Körper.

Mit Liebe leben um anderen die Hoffnung zu geben.


Просто не думати, просто не думати, просто

вимкнути мозок, як телевізор, лампу чи праску…

Просто не бачити жінку одного з тобою віку та зросту

біля могили доньки та онуки, похованих разом.

Разом похованих, бо не вдалось розчепити

руки, закляклі в останніх безсилих обіймах…

Просто не чути, не бачити… просто не жити…

Або навчитися жити в імлі безнадійній.

Жити любов‘ю – з очима, відкритими смерті.

Жити любов‘ю до тих, хто за неї сильнішій.

Жити любов‘ю – без шкіри, у тілі роздертім.

Жити любов‘ю – щоб іншим надію залишить.

Mein Ukrainisches, mein jüdisches. Yevhenia Komarova

Mein Ukrainisches wächst ins Himmel aus der Erde, die schwarz, warm und weich, wie frisches Brot ist. Die Wurzeln umschlingen sich und trinken sich voll mit dem

himmlischem und irdischem Wasser, aber noch mehr mit dem menschlichen Unglück.

Es ist knorrig und rau, wie die Hände der Menschen,

Die auf diesem Land Bäume, Häuser und Kinder wachsen lassen.

Ein weißer und ein schwarzer Vogel kämpfen im blutigen Himmel,

Auf Gräbern und Kirchen ragen Kreuze aus dem Boden.

Glaube, Hoffnung, Liebe sprießen aus der Erde –

Egal wie oft sie getötet werden, sie sprießen wieder,

denn in der Erde sind ihre Wurzeln unzerstörbar, wie die Erde selbst,

wie der Himmel über ihr, in dem Sterne Körner sind und die Nacht Ackerland ist.

Mein Jüdisches umarmt die Erde aus der Höhe von Himmlischem Jerusalem, wo der Sand der Zeit

von Ewigkeit zu Ewigkeit fließt, und unser Schicksal gleicht diesem fließenden Sand …

Und jeder deiner Vorfahren stützt dich

damit du nicht müde wirst, nicht aufgibst, nicht umkehrst –

Von der Wüste der Freiheit zum Ort der Sklaverei. Adonai echad!

Blut ist nicht das, was durch die Adern fließt, sondern das, was aus den Adern fließt.

Alle, die nicht auf der Erde überlebten, leben im himmlischen Jerusalem.

Seine Mauern umarmen die ganze Erde, wie eine Mutter ein Kind,

Sie sind unzerstörbar und unbesiegbar, wie die Erinnerung und wie das Leben,

wie Glaube, Liebe und Hoffnung, die aus der Erde sprießen,

und den Himmel erreichen wo sie Gott im himmlischen Jerusalem finden.


Моє українське в небо росте із землі,

чорної, теплої і м‘якої, як свіжий хліб.

Коріння сплелося і досхочу напилося води

небесної і земної, але більше – людської біди.

Воно вузлувате й пошерхле, як руки людей,

що ростять на землі цій дерева, домівки, дітей.

В небі кривавім б‘ються білий та чорний птах,

із землі проростають хрести на могилах і на церквах.

Із землі проростають віра, надія, любов –

скільки їх не вбивають, вони проростають знов,

бо в землі їх коріння, незнищéнне, як і сама земля,

як небо над нею, де зірки – то зерна, а ніч – рілля.

Єврейське моє обіймає землю с висот

Небесного Єрусалиму, де перетікає пісок

із Вічності в Вічність, і долі наші – як той пісок, що тече…

Але кожний твій предок тобі підставляє плече,

щоб ти не втомився, не зрікся, не повернув назад –

з пустелі свободи в оселі рабства. Адонаї ехад!

Кров – не те, що тече по жилах, а те, що тече із жил.

В Небесному Єрусалимі живуть всі ті, хто на землі не дожив.

Стіни його обіймають всю землю, як матір дитя,

Вони непорушні і незнищéнні, як пам‘ять, і як життя,

як віра, любов і надія, що проросли із землі,

і сягнули неба, і в Небесному Єрусалимі Бога знайшли.

Seit mehr als zweihundert Jahren/ Вже більше літ двісті.

Seit mehr als zweihundert Jahren

Ist ein Kosak in Gefangenschaft.

Er geht an Dnjepr

Und beschwört sein Schicksal:

– Oh, komm raus aus dem Wasser,

Befreie mich mein Liebes vor diesem Unglück.

Befreie mich mein Liebes vor diesem Unglück.

– Ich werde nicht rausgehen, Kosake,

Ich gehe nicht raus, mein Falke.

Ich hätte es mit Freude gemacht,

kann aber nicht

Denn ich selbst in Gefangenschaft bin.

Oh, in Gefangenschaft, unter dem Joch,

Hinter der Moskauer Wache im Gefängnis.

Hinter der Moskauer Wache im Gefängnis.

Im Gefängnis, in Ketten

Seit Zeiten vom Bohdan. (Hetman Bogdan Chmelnitsky)

Der aus eigenem Antrieb

Mich in Gefangenschaft verkauft hat

Mich in Gefangenschaft verkauft hat.

Oh, du Bohdan, unser ruhmreicher Hetman,

Du hast die Ukraine und mich verkauft.

Mich, junges Kosakenschicksal,

In den Not verkauft,

In die Moskauer Gefangenschaft.

Oh, ich will nicht in Ketten sein

Unvernünftiger, dummer Hetman Bohdan,

Unvernünftiger, dummer Hetman Bohdan!

Du bist gestorben und hast es gut

So zu liegen, wo du liegst.

Steh auf und schau

Was ist mit Mutter Ukraine los?

Wo sind unsere Pferde – Falken,

Wo sind die Kosaken wie Adler

Wo sind die Kosaken wie Adler!

Auf dem Feld für den Herren,

In schweren Unterdrückung,

Anstelle Glücklichseins.

Um mich herum stehen Feinde

Wie schwarzen Wolken

Wie schwarzen Wolken!

Gemeine Feinde

Und schlimmes Trübsal.

Wie der Wind weht

Von der großen Wiese,

Lass den Pflug fallen, Kosake, nimm das Messer

Wenn du einen Feind erwischst, töte ihn

Wenn du einen Feind erwischst, töte ihn!

Mach aus der Sichel einen Speer

Und aus der Sense einen Säbel

Erstick den Feind wo du ihn findest.

Erstick ihn, Seelenbruder, schneide ihm die Kehle durch, steche ihn.

Damit er die Ukraine nicht verunreinigt, zünde ihn an

Damit er die Ukraine nicht verunreinigt, zünde ihn an!

Dann alle Heiligen,

Und heiliger Gott selbst vom Himmel,

Werden dir ein neues Schicksal schenken.

Dich aus der Gefangenschaft befreien.

Du, Salisnjak, hartnäckiger Hund,

Sag dem Volk mindestens etwas,

Sag dem Volk mindestens etwas!

Erzählt wie Kämpfe begannen haben

Wie Kinder in Ketten geboren werden.

Oh, sieht es, hört es,

Oh, wie Moskau die Ukraine beherrscht,

Oh, wie Moskau die Ukraine beherrscht!

Und aus den Kosakensäbeln

Wurden Sicheln geschmiedet,

Und scharfe Klingen,

Wurden zu Sensen geändert,

Und unsere Kinder werden bald zu Rekruten

Und unsere Kinder werden bald zu Rekruten!

Unsere Kinder schauen sich die Welt

Mit weit offenen Augen an.

Kehrt zurück zu euren Familie

Wenn nicht um zu leben, dann mindestens zum sterben.

Ach, komm aus dem Ausland,

Komm zurück, um die Ukraine zu verteidigen,

Komm zurück, um die Ukraine zu verteidigen!

Der gütiger Wind weht

Von Wäldern und Reben,

Um gute Leute, auf gute Gedanken zu bringen.

Oh, der Wind bläst und sagt:

Kosake, verlass dich nicht auf Fremde,

Kosake, verlass dich nicht auf Fremde!

Verlässt euch nicht auf Fürsten,

Ihr Menschenkinder.

Denn die haben dem Schicksal in Gefangenschaft,

Nicht ins Augen gesehen

Oh Gott, übertrage diese Worte von Generation zu Generation,

Es gibt keine stärkeren Seelen als die des Volkes,

Es gibt keine stärkeren Seelen als die des Volkes!


Вже більше літ двісті,

Як козак в неволі.

Понад Дніпром ходе,

Викликає долю:

– Ой, вийди, вийди, із води,

Визволь мене, серденько, із біди.

Визволь мене, серденько, із біди.

– Не вийду, козаче,

Не вийду, соколю.

Хоть рада, неможу,

Бо й сама в неволі.

Ой, у неволі, у ярмі,

За московським караулом у тюрмі.

За московським караулом у тюрмі.

У тюрмі, в кайданах

Од часів Богдана.

Од нього самого,

В неволю віддана.

Ой, ти Богдане, гетьмане,

Запродав ти Україну і мене,

Запродав ти Україну і мене.

Мене молодую,

козацькую долю,

Запродав в тяжкую,

Московську неволю.

Ой у не волю в кайдани

Нерозумний гетьмане Богдане!

Нерозумний гетьмане Богдане!

Ти вмер, так добре

Лежать де лежати.

А встань подивися,

Де вкраїна мати,

Де наші коні – соколи,

Та де козаченьки як орли!

Та де козаченьки як орли!

На панщині в кузні,

В великій неволі,

Замість того щастя,

Замість тої долі,

Ой обступили навкруги,

Як ті чорні хмари вороги!

Як ті чорні хмари вороги!

Тяжчії вороженьки,

Ще й тяжчая туга.

Як вітер повіє,

З великого луга,

Кинь плуг козаче, бери ніж

Тай де злапав вороженька там заріж!

Тай де злапав вороженька там заріж!

Зроби з серпа спис,

А з коси шаблюку,

Души вороженька,

Де здрімав, гадюку,

Ой души брате, ріж, коли,

Щоб не смердів на вкраїні, запали!

Щоб не смердів на вкраїні, запали!

Тоді всі святії,

І сам Бог святий із неба,

Пошлють тобі долю,

З неволі до тебе,

Ой Залізняче впертий пес,

Промов хоч словечка до людей!

Промов хоч словечка до людей!

Промов як за тебе,

Бої посвятились,

Як половяцькі

по кайдані вродились

Ой хто не баче, не чує,

Ой як Москва в Україні панує!

Ой як Москва в Україні панує!

І з ратиш козацьких,

Серпи покували,

А гострії шаблюки,

На коси зміняли,

А дітей наших, всіх на гурт,

У рекрути незабаром заберуть!

У рекрути незабаром заберуть!

Йдуть наші діти,

У світ очі дерти,

Вертайтесь до роду,

Не жить хоч умерти,

Ой із чужої сторони,

Ізходітесь Україну боронить!

Ізходітесь Україну боронить!

Повій буйний вітре,

З лісів та на лози,

Навій добрим людям,

Навій добрий розум,

Ой повій вітре та скажи,

Козаченьку не сподівайсь на чужих!

Козаченьку не сподівайсь на чужих!

Ненадійсь на князів,

сини чоловічі,

Бо долі в неволі,

Не бачили у вічі,

Ой Боже словов з рода в род,

Нема душ сильніших за народ!

Нема душ сильніших за народ!

Musk will die Demütigung der Ukraine Vitaly Portnikov 24.10.23

Der amerikanische Milliardär Elon Musk forderte erneut eine Verständigung mit Russland auf Kosten der ukrainischen Interessen. Musk fordert die amerikanische Regierung auf, den Krieg in der Ukraine so schnell wie möglich zu beenden und die besetzten ukrainischen Gebiete an Russland abzugeben. Nach Angaben des Milliardärs gebe es in den derzeit von der Russischen Föderation besetzten Gebieten keine antirussische Rebellenbewegung. Die Menschen dort würden nicht in der Ukraine leben wollen. Und so wäre die Beendigung des Krieges und die Anerkennung der russischen Kontrolle über diese Gebiete eine Chance, den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Denn wenn die Konfrontation zwischen den USA und der Russischen Föderation andauere, so Musk, werde dies zu einer weiteren Annäherung zwischen China, Russland und Iran führen. Und ein solches Bündnis hätte die Chance, den Westen in einem globalen Konflikt zu besiegen. Der Milliardär hält den Krieg der Ukraine gegen Russland für völlig aussichtslos. Und deshalb rät er, einen Weg zum schnellstmöglichen Frieden und zur Wiederherstellung normaler Beziehungen mit der Russischen Föderation zu finden. Natürlich sind die Worte von Elon Musk nicht nur seine eigene Aussage. Solche Ansichten werden heute von Vertretern des rechtskonservativen Lagers in den Vereinigten Staaten geteilt. Man kann sich vorstellen, dass dies die Hauptthesen des Wahlkampfs des ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, sind, wenn er die Nominierung für die Präsidentschaftskandidatur der Republikanischen Partei der USA gewinnt, was durchaus zu erwarten ist. Und deshalb sind Musks Thesen so gefährlich, nicht nur im Hinblick darauf, was in den nächsten Monaten und Jahren im russisch-ukrainischen Konflikt passieren wird, sondern auch im Hinblick darauf, was mit der globalen Sicherheit als solcher passieren wird. Schließlich sind die Ansichten von Elon Musk und denen, die ihn unterstützen, ein direkter Weg zum Dritten Weltkrieg und zum Verschwinden der Menschheit in den Weiten Nordamerikas und Europas. Auch wenn Musk oder Trump glauben, dass sie eine praktisch dem Untergang geweihte Menschheit retten. Schauen wir uns die Realität an. Wir verstehen sehr gut, dass die Russische Föderation mehr als ein paar Gebiete der Ukraine beansprucht, die bereits von Russland besetzt und annektiert sind. Putins Russland hat ganz andere Pläne und Ambitionen. Der russische Präsident glaubt fest an die Möglichkeit der Wiederherstellung der territorialen Integrität der ehemaligen Sowjetunion und hofft, dass sich die Russische Föderation von Uschworod bis Aschgabat in eine solche neue Sowjetunion verwandeln kann. Der Untergang des ukrainischen Staates, der das Ziel des Zermürbungskrieges ist, den Wladimir Putin derzeit gegen die Ukraine führt, ist nur der erste Schritt in den politischen Plänen des Kremls. Als nächstes müssen wie Dominosteine auch andere ehemalige Sowjetrepubliken ihren Staatsstatus verlieren. Irgendwo wird dies friedlich geschehen, irgendwo durch Einschüchterung und irgendwo durch neue Kriege. Wir verstehen jedoch vollkommen, dass uns im Falle einer Niederlage der Ukraine im Krieg mit der Russischen Föderation neue Kriege im postsowjetischen Raum, Millionen von Flüchtlingen, zerstörte Städte und das Leid von Zehntausenden oder sogar Hunderttausenden Menschen garantiert sind. All dies wird die Realität der ehemaligen Sowjetrepubliken sein. Die Menschheit wird in einem Krieg, der sogar global werden wird, buchstäblich ersticken, denn Sie und ich verstehen sehr gut, dass der im postsowjetischen Raum Kriege führt, an ihrer Globalisierung interessiert ist. Deshalb gibt es im Nahen Osten einen Konflikt, der jederzeit ein Teil einer neuen Konfrontation werden kann, nicht nur in dieser Region, sondern auch in anderen Regionen, in denen China, Russland und Iran der zivilisierten Welt gegenüberstehen. Und so stellt sich eine ziemlich einfache Frage. Stellen wir uns vor, dass Elon Musks Ideen zu Realität werden. Dass der neue amerikanische Präsident, zum Beispiel Donald Trump, versucht, mit dem Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, übereinzustimmen, dass er bereit ist, die Souveränität Russlands über die Krim und die Ostukraine anzuerkennen. Dass er bereit sei, die Militärhilfe für die Ukraine einzustellen, im Austausch dafür, dass die Russische Föderation bereit sei, den Krieg gegen den Nachbarstaat zu beenden. Und was wird der amerikanische President als Antwort hören? Er wird hören, dass Russland nicht nur die besetzten ukrainischen Gebiete braucht, sondern auch die Ukraine komplett. Dass die Vereinigten Staaten garantieren müssen, dass keine der ehemaligen Sowjetrepubliken ein Mitglied der NATO wird. Dass einige bereits annektierte Gebiete Teil des Territoriums Russlands sein sollten, sowie der gesamte Osten und der gesamte Süden des Nachbarstaates. Nun, wenn Sie sich vorstellen, dass die amerikanische Regierung dem zustimmt und die Ukraine von der politischen Landkarte der Welt verschwindet, dann wird buchstäblich in ein paar Monaten ein neuer Krieg in andere ehemalige Sowjetrepubliken beginnen. Und auf die eine oder andere Weise wird die amerikanische Regierung auf diese Aktionen der Russischen Föderation reagieren müssen. Hilfe für andere potenzielle Opfer, was zu einer Eskalation des Konflikts führen wird, aus der es in diesem Fall einfach keinen Ausweg mehr gibt. Und gleichzeitig wird die Russische Föderation zur Globalisierung dieses Konflikts beitragen, um die Aufmerksamkeit der Welt von ihrem Wunsch abzulenken, die Grenzen der ehemaligen Sowjetunion wiederherzustellen. Stellen wir uns vor, dass die Befürworter von Musks Ansichten auch hier der Meinung sind, dass Russland das Recht dazu hat. Und vor unseren Augen wird die Sowjetunion wieder auferstehen. Nun, ich bin davon überzeugt, dass diese Sowjetunion mit den NATO-Mitgliedsstaaten in einer völlig anderen Sprache sprechen wird als bisher. In Mitteleuropa wird es bereits zu Gefahren kommen. Hybride Kriege, Drohungen, Forderungen, die neuesten westlichen Waffen aus dem Territorium dieser Länder zu entfernen, die wir vom Außenministerium der Russischen Föderation bereits vor dem russischen Angriff auf die Ukraine gehört haben. Und es ist völlig offensichtlich, dass früher oder später einer der Präsidenten, sei es ein russischer oder ein amerikanischer, inmitten dieser Konfrontation einfach gezwungen sein wird, den roten Knopf zu drücken, und der Dritte Weltkrieg mit dem Einsatz einer nuklearen Komponente beginnen. Eine der Raketen wird das Hauptquartier von Elon Musk treffen. Und die Biografie des Milliardärs wird beendet sein, ebenso wie die Biografie von Hunderttausenden, wenn nicht Millionen Menschen, die zusammen mit Musk Opfer seiner politischen Dummheit werden. Der Milliardär selbst wird dies jedoch nicht sehen, denn er wird nicht einmal in einem Grab liegen, sondern auf einer der Straßen amerikanischer Städte inmitten Tausender unbekannter Opfer. So wird die berüchtigte politische Biografie von Elon Musk enden. Und das ist der realistischste Ausweg aus der Situation, die entstehen kann, wenn die Welt nicht auf den gesunden Menschenverstand, sondern auf politische Schizophrene hört und sie an die Macht wählt.

Wie man einen langen Krieg überstehen kann | Vitaly Portnikov @PALATA_INTERVIEW 13.10.23

Tichonyuk. Ich beschloss, mit dem anzufangen, was mich wirklich beunruhigt. Es hängt mit den jüngsten Ereignissen zusammen, und diese Ereignisse sind nicht ganz positiv. Kürzlich ist zum Beispiel bekannt geworden, dass eine Partei in der Slowakei die Wahl gewonnen hat, die, um es milde auszudrücken, nicht mit der Ukraine sympathisiert, und kürzlich konnten wir den Getreidekonflikt beobachten, der sich mit Polen ereignete, und kürzlich konnten wir sehen, dass die USA einen vorübergehenden Budget verabschiedeten, die Hilfe für die Ukraine war darin nicht enthalten. Und wir konnten zum Beispiel sehen, wie sich Elon Musk über unseren Präsidenten lustig machte, er hat einen wirklich großen Einfluss auf das westliche Publikum und nicht nur auf das gewöhnliche westliche Publikum, sondern auf sehr reiche Leute. All diese Faktoren zusammen erwecken den Eindruck, dass die Unterstützung der Ukraine in der Welt abnimmt. Das bereitet uns Sorgen, denn wir wissen, wie sehr wir auf die Unterstützung von Partnern, besonders westlichen, angewiesen sind. Sagen Sie mir, wie erklären Sie sich diese jüngsten Ereignisse? Ist das wirklich ein Zeichen dafür, dass die Unterstützung für die Ukraine in der Welt tendenziell abnimmt?

Portnikov. Es sollte klar sein, dass nur unvorhersehbare Ereignisse Angst auslösen können. Und vorhergesagte Ereignisse werden immer als selbstverständlich angesehen. Bereits im ersten Monat des russisch-ukrainischen Krieges sagten Menschen, die die Trends in der Entwicklung solcher Konflikte verstanden, dass, wenn der Krieg lange dauern wird, verringert sich natürlich auch das Interesse in anderen Ländern an dem, was an der russisch-ukrainischen Front geschieht. Man kann es sehen, wenn man eine Nachrichtensendung beliebigen westlichen Fernsehsender einschaltet. Wenn dies in den ersten Tagen, in den ersten Wochen, in den ersten Monaten des Krieges die Hauptnachrichten waren, die den größten Teil des Fernsehraums einnahmen und auf den Titelseiten aller Zeitungen standen, werden Sie jetzt sehen, dass es nur eine ist Chronik der Ereignisse ist. In dieser Situation kann nur dann wieder zum Aufleben der Aufmerksamkeit kommen, wenn etwas wirklich Fatales oder Unvorhergesehenes passiert. Zum Beispiel dem Dammbruch des Wasserkraftwerks Kakhovka. Aber eigentlich ist es nicht schlecht, es ist gut. Denn es stellt sich eine ziemlich einfache Frage: Welchen Namen trägt die Unterstützung der Ukraine in der Welt? Warum waren so viele Menschen daran interessiert, uns zu helfen? Dieser Name hat eine absolut klare Kontamination, das ist Bucha, das ist die Vernichtung einer großen Zahl von Zivilisten durch die Eindringlinge. Dies geschah in Borodjanka, Irpin, Isjum und Mariupol. Und wenn es unseren Truppen gelingt , dies zu stoppen, und jetzt nichts dergleichen passiert, dann werden wir kaum sagen: Es wäre besser, unsere Landsleute würden jeden Tag in großen Zahl getötet werden, und dann wären wir auf den Titelseiten der New York Times oder der Frankfurter Allgemeine, und dann würden alle nur noch darüber reden, wie man uns helfen kann. Je stärker wir die russische Armee zurückschlagen, je erfolgreicher wir vorrücken, desto weniger wird sich die Welt für das, was geschieht, interessieren. Die Welt reagiert in der Regel auf Katastrophen, die Informationswelt und das menschliche Gehirn sind so aufgebaut. Wenn ein Mensch erfährt, dass Hunderte von Menschen in Massengräbern begraben sind, schenkt er dem seine Aufmerksamkeit. Wenn Menschen erfahren, dass in Berg-Karabach 100.000 Menschen ihre Häuser verlassen haben, erregt das weltweite Aufmerksamkeit. Und wie Sie sehen, ist dies nicht nur eine Frage des Völkerrechts. Denn in der Ukraine hat Russland als Aggressor gegen das Völkerrecht verstoßen, und im Fall Karabach hat Aserbaidschan seine Kontrolle über international anerkannte Grenzen wiederhergestellt. Allerdings reagieren Menschen auf menschliche Katastrophen, auf menschliche Schicksale, auf Frauen und Kinder, die unter dem freien Himmel bleiben, und nicht nur auf Verstöße gegen das Völkerrecht. Menschen reagieren auf Raketenbeschuss, der auf eine Wohngebäude trifft, auf Menschen, die in ihren Wohnungen frieren. Wenn es Russland in diesem Winter gelingt, unser Leben noch schlimmer zu machen, wird man sich wieder an uns erinnern. Und wenn sich herausstellt, dass wir für den Winter bereit sind und ihn normal überstehen, werden wir auch aus Sicht der öffentlichen Meinung für niemanden von Interesse sein. Und deshalb ist es notwendig, damit zu arbeiten. Wir haben geglaubt, dass dies eine automatische Sache ist. Und dass die ganze Welt die Ukraine einfach beschützt, weil die Ukraine die Grundsätze des Völkerrechts, ihre territoriale Integrität usw. verteidigt. Und so ist es wirklich. Aber das ist eine Frage des Aufmerksamkeitsgrades. Und dann fängt natürlich jedes Land an, sich mit eigenen Problemen zu beschäftigen. Wir haben es mit den Demokratien zu tun, die uns unterstützen, mit den gewählten Politikern. Für Russland ist es einfacher. Sie wird von Ländern unterstützt, deren Führer nicht an Wahlen denken müssen. Daher weiß Wladimir Putin mit Sicherheit, dass sie sich keine Gedanken über die öffentliche Meinung in ihren Ländern machen müssen, wenn er mit Xi Jinping und Kim Jong Un einer Meinung ist. Wenn sie eine Entscheidung getroffen haben, bleiben sie dabei. Und wir haben eine Situation, in der jeder Politiker eines westlichen Landes, der uns hilft, darüber nachdenken muss, wie er die Gesellschaft vertritt. Wie gut er es macht. Inwieweit wird er erklären können, wie die Unterstützung der Ukraine den nationalen Interessen und den Interessen seiner Landsleute entspricht? Und natürlich, wenn ein Populist auftritt, der wie der wahrscheinliche Chef der slowakischen Regierung, Robert Fico, von dem wir noch nicht wissen, ob er einer werden wird, aber eine Chance hat, sagt, dass die Slowaken mehr Probleme haben als die Ukrainer. Bei Menschen, in der Slowakei die möglicherweise echte soziale Schwierigkeiten haben, findet möglicherweise einen Zuspruch. Dies sollte von uns klar verstanden werden. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es eine Welt, in der die Ukraine im Mittelpunkt steht, grundsätzlich nicht gibt. Und dass eine solch ukrainisch geprägte Welt nur dann entsteht, wenn das ukrainische Volk eine schreckliche Katastrophe erlebt. Wissen Sie, ich gehöre ethnisch zu einem Volk, das schon immer wusste, dass es für eine große Anzahl von Völkern der Welt nicht immer aus positiver Sicht interessant ist. Allerdings sahen Juden nur aufgrund von Tragödien, dem Holocaust, Kriegen im Nahen Osten usw. eine jüdisch-zentrierte Welt. Und für mich war die Frage immer: brauchen wir eine jüdisch-zentrierte Welt? Nein, brauchen wir nicht. Für Juden ist es notwendig, in einem normalen Staat im Nahen Osten zu leben, dessen Existenz nicht bedroht ist, oder als gleichberechtigte Bürger in den Ländern zu leben, in denen sie leben. Das ist alles, was man für ein normales Leben braucht. Das gleiche gilt für die Ukraine. Sie befindet sich da, wo die ist. Heute liegt die am Rande der zivilisierten Welt, am Rande Europas. Und wenn sich Russland in den kommenden Jahrzehnten nicht ändert, wird die Ukraine weiterhin an dieser Grenze zwischen Europa und Eurasien stehen. Und wenn Russland sich weiterhin zu seinen eigenen, gelinde gesagt, menschenfeindlichen Werten bekennt, wird sie an diesem Rand auch weiter stehen. Wenn Sie sich am Rande befinden, können Sie nur dann ins Zentrum gelangen, wenn Sie vernichtet werden, es gibt keine anderen Möglichkeiten. Ich möchte nicht wirklich, dass die Ukrainer umgebracht werden. Ich denke, wir müssen einfach weiter an unserer Unterstützung arbeiten, aber wir müssen realistisch sein, was die Entwicklung dieser Unterstützung angeht.

Tichonyuk. Es ist so ein zweischneidiges Schwert, das heißt, wir wollen im Aufmerksamkeitsfeld bleiben, aber der Preis für diese Aufmerksamkeit ist sehr hoch und blutig. Aber man muss sich an uns erinnern, denn vor einem Monat haben Sie beispielsweise in der BBC Interview gesagt, dass die Geschwindigkeit, mit der der Krieg enden wird, einzig und allein vom politischen Willen der zivilisierten Welt abhängt. Das ist schließlich der Wille, der uns letztendlich mit Waffen versorgen wird, den Waffen, die wir brauchen. Es stellt sich die Frage, was die ukrainische Regierung und Gesellschaft tun können, um diesen politischen Willen so schnell wie möglich radikal in unsere Richtung zu lenken. In eine solche Richtung, die es tatsächlich ermöglicht, F-16 und alles andere, was wir brauchen zu erhalten.

Portnikov. Ich bin kein Fan der Idee, dass dieser Krieg einfach dadurch gelöst werden kann, dass man mehr Waffen hat. Denn keine Waffe ist in diesem Krieg ein Allheilmittel. Wir versuchen einfach ständig, und das zu Recht, das Niveau unserer eigenen Waffen zu erhöhen. Wir verstehen, dass wir auf diese Weise die Gebiete, die derzeit unter russischer Besatzung stehen, effektiver befreien können. Dies ist jedoch ein sogenannter seltsamer Krieg, denn alle sind sich einig, und das ist auch der Konsens sowohl des Westens als auch der Ukraine, dass dieser Krieg nicht auf dem Territorium der Russischen Föderation stattfindet. Als nächstes kommen unsere eigenen Wünsche. Das ist keine realistische Analyse, das sind Träume. Wenn wir also unsere Gebiete befreien, wird das russische Regime zusammenbrechen und Russland wünscht sich vielleicht Frieden. Ich denke, dass die Befreiung unserer Gebiete einfach der Übergang dieses Krieges zu einer neuen Ebene der Konfrontation auf neuen Linien ist. Denn ein echter Krieg endet, wenn eines der Länder das andere zur Kapitulation zwingt. Zur Kapitulation, wenn man ihre Hauptstadt , ihr Zentrum, ihre Kontrolle, ihr Leben selbst bedroht. Genauso wie Russland die Ukraine zur Kapitulation zwingen wollte. Dies gelang ihr nicht. Aber auch die Ukraine kann Russland nicht zur Kapitulation zwingen. Das Einzige, was Russland befürchten kann, ist, dass wir es zwingen werden, unsere Gebiete, die es heute besetzt, zu verlassen. Darüber hinaus ist nicht bekannt, was wir tun können, um zu verhindern, dass diese Gebiete nach ihrer Befreiung in eine Wüste verwandelt werden. Es ist jetzt ziemlich schwierig, in Cherson zu leben. Und dieses Schicksal erwartet jede befreite ukrainische Stadt. Eine große Zahl von Menschen, die sich unsicher fühlen, einfach weil sie jahrelang unter Besatzung gelebt haben, werden dieses Gebiet in Richtung Russland verlassen. Ein Teil der Bevölkerung wird dieses Gebiet in Richtung Ukraine verlassen, und Russland wird beharrlich alles zerstören, was es nicht nehmen kann. Und die Konfrontation mit Russland wird sich an unsere Staatsgrenze verlagern. Und das wird nicht das Ende des Krieges sein, es wird lediglich eine Fortsetzung des Krieges auf neuen Linien sein, von der wir heute noch nicht sagen können, wann sie enden wird. Wie viele Jahre dauert es, einen solchen Krieg zu beenden? Wie viele Jahre wird der hochintensive Krieg noch andauern, der eine große Zahl von Todesopfern, sowohl Militärs als auch Zivilisten, fordern wird? Und wann wird es zu einem Krieg geringer Intensität? Ich schließe nicht aus, dass Sie Ihr gesamtes bewusstes Leben im Krieg verbringen werden. Und es hängt nicht von der Ukraine und ihrem Volk ab, denn die Ukraine und ihr Volk haben kein Rezept, wie sie diesen Krieg beenden können, denn es ist ein existenzieller Konflikt. Und die Ukraine ist in diesem Krieg nur ein kleines Fragment eines klaren russischen politischen Plans zur Wiederherstellung des sogenannten historischen Russlands innerhalb der Grenzen der Sowjetunion im Jahr 1991. Wir stehen am Anfang, dann werden weitere ehemalige Sowjetrepubliken folgen. Dies ist der Beginn blutiger Kriege in diesem Gebiet. Ich denke, dass im Grunde noch nichts passiert ist. Dies ist nur ein Vorspiel, ich würde sagen ein Vorwort zu den wahren Ereignissen. Ist es möglich, den Prolog zum Finale zu machen? Ja. Das ist jedoch das, was ich die ganze Zeit sage. Der politische Wille des Westens. Die Lokalisierung des Konflikts. Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Die Einladung der Ukraine zur NATO. Dies ist ein echter Ausweg aus dem langen Krieg. Wenn all dies nicht geschieht, und es wird auch nicht in naher Zukunft geschehen, dann müssen Sie und ich uns darauf einstellen, wie wir unter den Bedingungen eines langen, endlosen Krieges mit unbekanntem Ende überleben können. Und das sollte auch klar zum Ausdruck gebracht werden. Denn Krieg ist kein Ereignis, bei dem der Sieger zu Beginn der Ereignisse ermittelt wird. Nein, der Sieger des Krieges steht erst fest, wenn der Vorhang fällt. Wir sind uns unserer Siege sicher, aber glauben Sie mir, der Feind ist sich nicht weniger sicher. Es ist nur so, dass er sich von einem Blitzkrieg zu einem langen, blutigen, schwarzen Zermürbungskrieg gewandelt hat. Und wir müssen unseren Verbündeten nicht das ständig sagen, was wir sagen: „Denken wir darüber nach, was nach unserem Sieg passieren wird. Wie werden Sie die Ukraine wiederherstellen, wie werden wir die Ukraine aufbauen, wie werden Sie uns helfen, wie viel Geld werden Sie geben.“ Das ist alles schönes Gerede, aber die Frage muss ganz anders sein. „Was wird nach unserer Niederlage passieren, meine Freunde? Was werden die Konsequenzen unserer Niederlage sein?“ Das ist viel interessanter als die Konsequenzen unseres Sieges. Denn im Falle einer ukrainischen Niederlage, wenn andere ehemalige Sowjetrepubliken wie Dominosteine fallen, wird Russland beginnen, die gesamte Ebene von Uschhorod bis Aschgabat mit seinen Militärstützpunkten zu kontrollieren, mit einer neuen Zahl von Menschen, die für die Streitkräfte mobilisiert werden können, Das sind Millionen von Menschen in der Ukraine, in Weißrussland und in Kasachstan, wo immer Sie wollen. China kann getrost damit beginnen, das Taiwan-Problem mit militärischen Mitteln zu lösen, was zu einem offenen Konflikt mit der Volksrepublik China und möglicherweise zu einem Atomkonflikt führen kann. Russland wird Europa seine Spielregeln diktieren. Und wir sehen, dass sie solche Ambitionen hat, wir haben es an den Förderungen gesehen, die Russland vor dem Angriff auf Ukraine stellte, in denen es hieß, es sei notwendig, die neuesten Waffen von dem Territorium der Länder Mitteleuropas zu entfernen. Die Länder, die sich jetzt unter dem amerikanischen Nuklearschirm sicher fühlen, könnten dieses Sicherheitsgefühl plötzlich verlieren. Denn in diesem Moment könnte es in den Vereinigten Staaten einen solchen Präsidenten geben, der denken wird: „Muss ich amerikanische Leben im Falle eines Atomkonflikts mit Russland zugunsten Polens und Ungarns opfern, die ich nicht einmal in Stande bin auf einer geografischen Karte zu finden, zumal Russland so stark ist und seine Macht wiedererlangt hat?“ Das heißt, eine Niederlage hat Konsequenzen, wissen Sie? Denn die Folgen des ukrainischen Sieges sind elementar. Die Ukraine hat gewonnen, sie tritt der Europäischen Union bei, der russische Einfluss im postsowjetischen Raum ist begrenzt, andere ehemalige Sowjetrepubliken suchen nach neuen Einflusssphären. All dies kann in einem kurzen optimistischen Artikel beschrieben werden. Aber wenn Russland die Ukraine im Krieg besiegt, ist dies kein kurzer optimistischer Artikel, es ist ein Nekrolog auf die zivilisierte Welt. Und darüber müssen wir reden. Wenn wir deutlich zu denen sprechen, die uns zuhören wollen, nicht in den Kategorien der Folgen eines Sieges, sondern auch in den Kategorien der Folgen einer Niederlage, wird die zivilisierte Welt vielleicht in der Lage sein, die Frage der Gewährleistung der Sicherheit unseres Landes früher zu lösen. Vielleicht kann sich die zivilisierte Welt bald sagen: „Ja, wir müssen Risiken eingehen. Wenn wir es nicht riskieren, werden wir uns vielleicht in 10-15 Jahren alle im Dritten Weltkrieg selbst verbrennen“. Warum brauchen wir es? Der Schlüssel zur europäischen Sicherheit liegt derzeit in den Händen unserer Verbündeten, die der Ukraine zum Überleben verhelfen. Und je schneller sie politische Entscheidungen treffen, desto besser wird es für sie und für uns sein.

Tichonyuk. Ein düsteres Szenario, das es zu bedenken gilt und das tatsächlich sehr produktiv genutzt werden kann. Ich denke, es lohnt sich, es zu nutzen. Aber Sie haben erwähnt, dass es sich um einen solchen Krieg handelt, dass wir das feindliche Land nicht zur Kapitulation bringen können. Und Yeroslav Hrytsak erwähnt dies auch oft. Er sagt, das ist kein Krieg, in dem Paraden geben wird. Denn dieser Krieg ist langwierig und ähnelt dem Ersten Weltkrieg. Aber er sagt auch, dass die Lösung für diesen Krieg, sein Ende, tatsächlich dann sein wird, wenn eine der Parteien den Punkt des Zusammenbruchs erreicht. Glauben Sie an ein solches Szenario, dass eine Seite wirklich einfach zusammenbricht und dieser Krieg aufhört?

Portnikov. Ich habe bisher in keinem der Länder die Voraussetzungen für einen solchen Zusammenbruch gesehen. Die Ukraine hat keine großen Chancen auf einen Zusammenbruch, weil die zivilisierte Welt uns unterstützt. Und für die zivilisierte Welt wird die Niederlage und der Zusammenbruch der Ukraine zu einem ziemlich ernstem Problem. Stellen Sie sich vor, dass die Ukraine in einem Krieg mit Russland besiegt wird. Stellen Sie sich vor, die Ukraine verwandelt sich in ein riesiges Karabach. 100.000 Menschen verließen Karabach und zogen in das kleine Armenien. Und aus der Ukraine werden Dutzende Millionen Menschen vor der vorrückenden russischen Armee fliehen. Das heißt, sie wissen bereits bescheid, um was es geht. Als unsere ersten Flüchtlinge gingen, verließen sie das Land einfach wegen des Krieges, wegen der Raketenangriffe. Und jetzt werden die Menschen vor möglicher Mord, Vergewaltigung und Raub fliehen. Wie sie vor einer Horde fliehen würden. Und all diese Menschen – 10-20 Millionen Menschen – landen irgendwo in Polen oder Deutschland. Können Sie sich diese humanitäre Katastrophe für Europa vorstellen? Es wird größer sein als alles, was wir bisher gesehen haben. Deshalb glaube ich nicht, dass in einer solchen Situation die zivilisierte Welt den Zusammenbruch der Ukraine zulässt. Und es wird keinen Zusammenbruch der Ukraine geben. Aber auch der Zusammenbruch Russlands sieht nicht so realistisch aus. Unter der Bedingung eines Bündnisses mit den Ländern des globalen Südens gelingt es Russland, die Folgen westlicher Sanktionen zu vermeiden. Es verkauft weiterhin Öl und Gas. Ja, die Russen leben nicht mehr so wie vor diesem Krieg. Allerdings ist dies auch eine Frage der Lebensweise der Russen. In der Provinz gibt es zurzeit viel mehr Geld, denn es sind die Menschen der Provinz, die kämpfen, sterben und für ihren Krieg und ihre Verbrechen so viel Geld erhalten, wie sie noch nie in ihrem Leben gesehen haben. In der Hauptstadt, in Moskau, St. Petersburg bleibt die Stabilität erhalten, und auch dort hat sich unter dem Gesichtspunkt der sozialen Stabilität nicht viel geändert. Der Reservefonds in Russland existiert noch, oder könnte er irgendwann zusammenbrechen? Vielleicht, aber wann? In 5 Jahren, in 10? Ich sehe also einfach nicht die Voraussetzungen dafür, dass dieser Krieg durch den Zusammenbruch einer der Kriegsparteien endet. Ganz einfach, weil es für keins der Länder, die derzeit an diesem Krieg beteiligt sind, die Voraussetzungen für einen solchen Zusammenbruch gibt. Ich kann eine einfache Sache vorhersehen: die Erschöpfung der Ressourcen für den Krieg. Technische und personelle Ressourcen. Jeder militärisch-industrielle Komplex kann mit einer bestimmten Intensität arbeiten. Russland, als es uns im Jahr 2022 angriff, bereitete in seinen Lagerhäusern Waffen für diesen Angriff vor. Diese Waffen waren einfach da. Und während der sowjetischen und postsowjetischen Jahrzehnte hat es mit niemandem gekämpft. Wie viel Kriegsmaterial wurde für den Krieg in Tschetschenien und Georgien benötigt? Es ist nicht nennenswert. Dieses gesamte Arsenal wurde in den letzten 20 Monaten genutzt. Deshalb fragt Putin nach Munition von Kim Jong Un. Irgendwann werden die Vorräte aufgebraucht sein und Russland wird auf Kosten dessen existieren, was sein militärisch-industrieller Komplex produzieren wird. Kann es eine große Anzahl von Munition produzieren? Ja. Können wir viel Munition von der Unterstützer bekommen? Wir können. Aber es ist immer noch das, was produziert wird. Nicht die Milch, die jahrzehntelang trocken in irgendwelchen Lagerhäusern lag, sondern das, was man von einer Kuh gemolken hat. Das ist immer weniger als Milchpulver. Um es bildlich auszudrücken. Somit kann jeder Militärexperte, ich bin einfach kein Militärexperte, dieses Gespräch soll man nicht mit mir führen, mathematisch ausrechnen können, denn Krieg ist nur Mathematik, wie viel Eisen gibt es für einen Krieg von hoher Intensität? Wie lange kann ein Krieg hoher Intensität dauern? Ich denke, jeder professionelle Experte wird es Ihnen sagen. Ich glaube nicht, dass es sehr lange dauern kann. Auf beiden Seiten. Anderthalb oder zwei Jahre, zwanzig Monate sind schon vergangen, weitere zwanzig könnten vergehen, ich weiß nicht, ich möchte auch hier keine Zahlen nennen. Wie lange kann ein Krieg geringer Intensität dauern? Es kommt auf den Willen an, wie ich bereits sagte. Das ist wahr. Und das werden Sie in naher Zukunft sehen. Und dann wird es möglich sein, es ganz anders zu berechnen. Wie profitabel ist ein Krieg geringer Intensität für Russland? Wenn es die Ukraine nicht zerstört, sondern einfach zulässt, dass der irgendwo an irgendwelchen Konfliktlinien stattfindet, auch wenn es sich um unsere Staatsgrenze handeln sollte. Wenn sich herausstellt, dass dies keine Ergebnisse bringt, Russland in keiner Weise politisch stärkt und nicht zulässt, dass es mit der Eroberung anderer ehemaliger Sowjetrepubliken fortfahren kann, dann denke ich, dass Russland nach Möglichkeiten für ein Ende dieser Geschichte suchen wird. Vielleicht sogar früher als wir denken. Ich habe kürzlich in einem Interview mit dem Direktor eines völlig staatsabhängigen russischen Soziologiezentrums gesehen, dass mittlerweile nicht mehr als 25 Prozent der russischen Bevölkerung den Krieg befürworten. Wie sich herausstellt, unterstützen alle anderen ihn nicht, sie wollen friedlich leben. Und das sind die Signale, die sie an sich selbst senden. Sie sehen, es ist möglich, eine Art Waffenstillstand zu schließen. Vielleicht ist es sinnvoll, nicht eine kleine Menge Munition zu verschießen, wenn man eine große Menge benötigt, vielleicht hat es Sinn diese Granaten für die Zukunft aufzusparen. Hier wird es also viele Optionen geben, aber um realistischer darüber sprechen zu können, müssen wir das Ende der ukrainischen Offensive abwarten. So wie wir auf den Moment des Endes der russischen Invasion gewartet haben und gesehen haben, dass sie mit nichts endete, werden wir jetzt die Wirksamkeit dieser ukrainischen Offensive sehen, die noch einige Zeit andauern wird. Dann können wir militärische Ergebnisse beurteilen und mit der Beurteilung der politischen Ergebnissen beginnen. Für diesen Moment, im Jahr 2023, nicht für das Ende des Krieges.

Tichonyuk. Um auf die Unterstützung der Verbündeten zurückzukommen, die von entscheidender Bedeutung ist, möchte ich noch über die Reformen sprechen. Denn jetzt ist eine Zeit, in der der Präsident tatsächlich alle drei Regierungszweige in seinen Händen hat, und auch die vierte, die Medien genannt wird, Marathon. Die Dezentralisierung bricht zusammen, und tatsächlich scheint es, dass es zurzeit am einfachsten ist, Reformen durchzuführen. Die Frage ist, ob die Reformen tatsächlich dazu beitragen können, diesen politischen Willen zu beugen. Und warum werden sie Ihrer Meinung nach jetzt nicht durchgeführt?

Portnikov. Ich denke, wenn man die ganze Macht in seinen Händen hat, ist es absolut nicht nötig, die Macht mit jemandem zu teilen, wenn man irgendwo im Zentrum dieses Machtkreises steht. Weil man glauben könnte, dass man der Einzige ist, der es wirklich versteht, mit dieser ganzen Geschichte umzugehen. Gleichzeitig bin ich sicher, dass das Gegenteil der Fall ist, dass nur die Delegation von Befugnissen einen wirksamen Staat schafft. Und ich bin absolut sicher, dass bestimmte institutionelle Reformen während des Krieges durchgeführt werden können. Wie sehr sich dies jedoch auf den Krieg selbst auswirkt, ist eine andere Frage. Weil es parallel ist. Man kann einen perfekten Staat nach allen Regeln schaffen und den Krieg an eine Diktatur verlieren, weil die Diktatur schneller reagiert. Es ist möglich, dass ein Staat nicht sehr effizient, aber militärisch stark genug ist und einen Krieg gegen ein anderes Land gewinnt. Natürlich erleichtert die Korruption die Aufgabe den Krieg zu gewinnen nicht. Allerdings erkläre ich immer, dass die Korruption in Kriegszeiten exponentiell zunimmt, ob es uns gefällt oder nicht. Denn was ist Korruption? Das Treffen der falschen Entscheidungen. Der Preis einer Entscheidung in Kriegszeiten ist viel höher als der Preis einer Entscheidung in Friedenszeiten. Denn in Friedenszeiten hängt Ihr Interesse vom Beamten ab, und in Kriegszeiten hängt Ihr Leben vom Beamten ab. Daher ist die Risikogebühr höher und Ihr Interesse ist höher. Und der Beamte kann sich mehr erlauben. Es ist sehr schlecht. Der wirksamste Weg, Korruption in Kriegszeiten zu bekämpfen, besteht jedoch darin, den Krieg selbst zu beenden. Es ist viel einfacher, Korruption in Friedenszeiten zu überwinden als in Kriegszeiten. Das bedeutet nicht, dass man nicht dagegen kämpfen müss, aber man muss darüber im Bilde sein, was passiert. Tatsächlich bedeutet die Abwesenheit von Korruption transparente Institutionen. Medienfreiheit, ehrliche Gerichte und echte Machtdelegation vom Zentrum an die Peripherie. Und die Schaffung von Kontrollfunktionen für die Opposition. Wie gibt es in Länder vor, in denen es keine Korruption gibt? In der Regel gibt es Schattenregierungen der Opposition, die Zugang zu echten Regierungsinformationen haben, die ihre alternativen Ziele darlegen. Wie in Großbritannien: es gibt einen Minister der Siegerpartei und einen potenziellen Minister der Oppositionspartei. In der Gesellschaft herrscht Respekt sowohl vor der Regierung als auch vor der Opposition. Die Regierung hat kein Verständnis, dass die Opposition der Feind ist, sie ist sich bewusst, dass die Opposition eine Kraft ist, die im nächsten Wahlperiode an die Macht kommen kann. Und auf diese Weise kann jeder ungerechtfertigte Kampf gegen die Opposition dazu führen, dass man selbst wegen eines solchen Kampfes im Gefängnis landet, wo auch ein richtiger Platz für eine Person ist, die mit ungesetzlichen Mitteln gegen die Opposition kämpft. Und es scheint mir, dass das absolut logische Dinge sind. Und deshalb gibt es in diesem Land Koexistenz, Delegation von Befugnissen, freie Medien, fehlendes Monopol – das sind nicht korrupte Länder. Insgesamt ist klar, dass es auch in diesen Ländern bestimmte korrupte Beamte gibt. Es ist möglich, Bestechungsgelder zu geben. Es besteht auch die Möglichkeit, das Problem auf Clan-Art zu lösen, insbesondere in den Ländern Südeuropas, irgendwo in Italien. Man kann darüber Romane schreiben, Romane über die italienische Mafia. Allerdings stellt sich die Frage nach dem Ausmaß der Korruption. Die Frage ist, wie gut Länder mit solchen Korruptionsgefahren umgehen. Vor nicht allzu langer Zeit war Rumänien ein Symbol europäischer Korruption. Nun hat sie sich der Überwachung ihrer Lage in diesem Bereich durch die Europäische Union bereits entledigt. Mit den richtigen Institutionen kann das Ausmaß der Korruption in 10 bis 15 Jahren gesenkt werden. Nun, es ist nicht das größtes Problem. Zum Unglück für diejenigen, die glauben, dass das Ausmaß der Korruption sofort zu Gerechtigkeit in der Gesellschaft führen wird, ist dies nicht der Fall. In einem armen Land wird die soziale Schichtung zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen immer noch groß genug sein. Bis wir ein reiches Land aufbauen. Und hier hilft kein Kampf gegen die Korruption so schnell, denn ein reiches Land bedeutet nicht nur die Abwesenheit von Korruption, sondern auch das Verständnis dafür, welchen Platz wir in der Weltwirtschaft einnehmen, wie wettbewerbsfähig wir sind und wie viel realen, nicht fiktiven Bildung in der Bevölkerung wir haben, denn auch die Zahl unserer Universitäten und die Zahl Ihrer Kommilitonen, die eine Hochschulabschluß machen wollen, um später in Restaurants in allen europäischen Ländern als Kellnern zu arbeiten, sind bekannt. Hochschulbildung ist daher kein Diplom, sondern eine Qualifikation. Arbeitseffizienz ist kein Wort, sondern die tatsächliche Arbeitsbereitschaft der Menschen, denn alle asiatischen Länder bauten ihren Wohlstand auf der Tatsache auf, dass die Menschen 48 Stunden pro Tag ohne freie Tage und Urlaub arbeiteten. Die Ukrainer wollten nie ein solches Leben. Ich glaube übrigens nicht, dass das ein schönes Leben ist. Wenn ich in Japan bin, erzählen mir meine japanischen Freunde, wissen Sie, unsere Eltern hatten kein Wochenende, das ist es, das Rezept für das japanische Wirtschaftswunder, kein Wochenende. Wenn Sie jedoch ein Wochenende haben möchten, dauert die Entwicklung länger. Auch das ist normal. Aber Sie werden ein Leben mit Urlaub führen.

Tichonjuk. Die Machtkonsolidierung rund um den Präsidenten habe ich bereits erwähnt. Es ähnelt sich einer bestimmten Form des Totalitarismus. Und kürzlich gab es eine interessante Aussage, die wirklich alarmierend ist. Oleksandr Kordnienko, erster stellvertretender Vorsitzender der Werchowna Rada, sagte auf dem Forum Folgendes: „Wir testen derzeit das Modell des Übergangs von einem parlamentarisch-präsidialen Staat zu einem präsidialen Staat mit einem starken Präsidenten.“ Generell gibt es viele Fragen dazu, wie dies ohne Änderung der Verfassung bewerkstelligt werden kann. Glauben Sie, dass dies der Fall ist? Solche Äußerungen und andere Zeichen deuten auf die Entstehung des Totalitarismus. Können wir überhaupt Demokratie schaffen?

Portnikov. Ich denke, dass das eine Übertreibung ist. Denn um den Totalitarismus zu schaffen, braucht es eine Gesellschaft, die den Totalitarismus will und bereit ist, ihn nicht zu ertragen, bereit ist, ihn zu akzeptieren. Selbst in Russland konnte das totalitäre Regime erst nach Beginn des russisch-ukrainischen Krieges Gestalt annehmen. Davor herrschte Autoritarismus. Und das unterscheidet sich auch sehr stark vom Totalitarismus. Ich bin eine Person, die sich von Ihnen dadurch unterscheidet, und dies ist Ihr Glück und mein Unglück, dass im Totalitarismus, im Autoritarismus und in der Demokratie gelebt habe, ich weiß, wann das eine endet und das andere beginnt.

Totalitarismus ist das völlige Fehlen alternativen Denkens als solches und die Bestrafung dieses alternativen Denkens. Wenn also Menschen nur wegen Beiträgen in sozialen Netzwerken für 25 bis 30 Jahre ins Gefängnis gesteckt werden, dann passiert in Russland Totalitarismus. Wenn sie nicht einmal die Schaffung dekorativer Massenmedien zulassen, die alternative Positionen zum Ausdruck bringen können, wie es in Russland bis Februar 2022 der Fall war. Das ist Totalitarismus. Wenn Sie Ihre politischen Gegner fast offen töten oder Geld sammeln, um sie zu töten, wie es jetzt in Russland vorgeschlagen wird, das ist Totalitarismus. Und Autoritarismus ist, wenn es eine kleine Opposition gibt, wenn man seinen Standpunkt in kontrollierten, aber existierenden Medien äußern darf, wenn man keine Angst davor hat, die Regierung zu kritisieren, aber gleichzeitig keinen Einfluss auf deren Veränderung haben kann. Das ist Autoritarismus. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Ukraine noch sehr weit vom Autoritarismus entfernt. Ich rede nicht von dem, worüber Sie und ich während des Krieges reden. Und selbst die Versuche von Viktor Janukowitsch, hier ein autoritäres Regime zu errichten, stießen auf ernsthaften öffentlichen Widerstand. Ich stimme voll und ganz mit Ihnen überein, dass keine Präsidialrepublik ohne Änderung der Verfassung gegründet werden kann. Aber ich glaube nicht, dass dies ein Diskussionsthema ist. Wir haben bereits eine 100-prozentige Präsidialrepublik. Denn nach den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019 erhielt der Präsident des Landes Befugnisse. Nicht die Befugnisse, das stimmt nicht, die Fähigkeit, die Regierung zu bilden, die eigentlich vom Parlament gebildet werden sollte. Und er hatte auch die Möglichkeit diese Chancen nicht zu nutzen. Aber leider, und ich rede schon seit 2019 darüber, hat er diese Möglichkeiten genutzt. Und Sie wissen, dass unsere Regierungen schon zweimal gebildet wurden indem die Abgeordneten einfach die entsprechenden Vorgaben vom Büro des Präsidenten der Ukraine erhielten, was falsch ist, denn es sind die Abgeordneten, die Ministerpräsidenten und Minister vorschlagen sollen, und der Präsident hat seine verfassungsmäßigen Befugnisse, die es ihm wiederum ermöglichen würden, den Stellvertretern Verteidigungs- und Außenminister vorzuschlagen. Denn das ist seine Hauptaufgabe: nationale Sicherheit und Außenpolitik. Und ich glaube generell, dass die Tatsache, dass die Tatsache, dass der Präsident und sein Amt in Regierungsangelegenheiten eingebunden sind, es dem Präsidenten nicht erlaubt, sich auf die wesentlichen Themen zu konzentrieren. Denn sowohl der Präsident als auch seine Mitarbeiter sind gezwungen, sich mit einer Million Nebenthemen zu befassen. Dabei musste sich der Präsident heute nur mit einer Sache befassen: Krieg und Frieden, Krieg und Diplomatie und nichts anderes. Alles Weitere sollte der von den Parlamentariern ernannte Premierminister regeln, und die Parlamentarier sollten für sein Handeln verantwortlich sein. Tatsächlich hat aber unser Parlament keine Verantwortung für die Regierung, die er nicht gewählt, sondern einfach nur ernannt hat. Und das ist ein wichtiger Punkt. Aber diese Frage betrifft immer die Gesellschaft. Wenn wir eine echte Gewaltenteilung zwischen der Präsidialinstitution, dem Parlament und der Regierung wollen, sollte das Volk entsprechend abstimmen. Sie sollten ein Parlament haben, in dem es eine Koalitionsregierung geben wird. Mit einer Koalitionsregierung ist das ein ganz anderes Spiel, wie wir es in zivilisierten Ländern sehen. Auch wenn es keine Koalition gibt, sind die Abgeordneten in jedem Fall für die Regierungsbeamten verantwortlich. Das ist ein völlig normaler Ablauf, in den meisten europäischen Ländern ist das so. Und auf der anderen Seite sehen wir Frankreich, wo der Präsident trotz der Tatsache, dass er nicht über die Mehrheit der Parameter verfügt, effektiv Macht ausüben kann, weil er über solche Möglichkeiten verfügt. Und das macht Frankreich auch nicht zu einem undemokratischen Staat. Hier kann es also verschiedene Dinge geben. Sie fragen sich sicher, was die Gegengewichte zum Präsidenten in Frankreich sind? Kann das Parlament seine grundsätzlichen Entscheidungen grundsätzlich nicht beeinflussen? Freie Medien, freies Gericht, öffentliche Auftritte. Sie sehen, wie in Frankreich die Proteste regelrecht explodieren. Und ich versichere Ihnen, wenn der Präsident nicht solche überparlamentarischen Befugnisse hätte, würde all dies durch Kompromisse mit dem Präsidenten und dem Parlament gelöst werden. Und wenn es ein solches System gibt, in dem das Parlament keinen Einfluss hat, dann nehmen die Menschen direkt auf der Straße Einfluss. Und das ist normal, das ist Demokratie. Daher sehe ich hier keine großen Probleme. Selbst bei einer Präsidialrepublik habe ich keine Bedenken, wenn es ein Gegengewicht in Form von Volkswiderstand, ehrlichen Gerichten und unabhängigen Medien gibt.

Tichonyuk. Im Kontext der Unterstützung des Westens und im Kontext der Entstehung des Autoritarismus, den wir Gott sei Dank nicht haben, von dem wir weit entfernt sind. Ich möchte den Druck der Verbündeten hinsichtlich der Durchführung von Wahlen erwähnen. Und ich möchte fragen, warum es denen so wichtig ist. Es ist die Meinung der ukrainischen Gesellschaft, dass uns das jetzt während des Krieges sehr schaden wird, dass das jetzt ein inakzeptabler Schritt wäre. Wie sehr kann es uns wirklich schaden, wenn wir Wahlen abhalten, oder kann es uns tatsächlich nützen?

Portnikov. Ich glaube nicht, dass es Druck vom Westen gibt, ich glaube, es gibt Aussagen einzelner westlicher Politiker. Ich bezweifelte, dass es während des Krieges Wahlen geben kann. Und das ist nicht nur ein finanzielles Problem. Bei Wahlen geht es nicht darum, Stimmzettel in die Wahlurne zu werfen. In der Russischen Föderation werden Stimmzettel in die Wahlurne geworfen. Sie kommen dorthin und werfen den Stimmzettel in die Wahlurne. Darüber hinaus ist es interessant, dass Sie, egal wen Sie dort stimmen, für die Kommunisten, für geeintes Russland, für gerechtes Russland, für die LDPR, immer noch für Putin stimmen. „Unser Irrhaus wählt Putin“. Und das ist keine Demokratie. Dies ist eine Nachahmung einer demokratischen Entscheidung. Die demokratische Wahlen bedeuten fairen Wettbewerb. Und das ist ein echter Machtkampf. Jetzt sagen wir oft, dass wir keine Wahlen unter Militärangehörigen an der Front abhalten können, und die Wahrheit ist, dass wir das nicht können. Wir können Wahlen oder die Rechte unserer Flüchtlinge im Ausland nicht sichern. Und die Wahrheit ist, wir können es nicht in einer solchen Menge, wie Menschen sich derzeit im Ausland außerhalb der Ukraine aufhalten. Aber hier gibt es noch ein weiteres, absolut wichtiges Thema. Können wir einen fairen Wettbewerb gewährleisten, wenn wir einen Fernsehsender haben, der eigentlich ein oligarchisches Sammelsurium ist, plus öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Können wir uns im Krieg Wahlmöglichkeiten oder Rechte sichern? Und deshalb schrecken die Menschen davor zurück, die Regierung zu kritisieren, weil sie keine unnötigen Gründe für Meinungsverschiedenheiten und Trennungen nennen wollen. Was wählen wir also? Wir verstehen, dass, wenn die Wahl ein Kampf um die Macht ist, die Wahlkampf seitens der Opposition eine vernichtende Kritik an der Regierung darstellt. Und die wichtigste Errungenschaft der Ukrainer in dieser Zeit ist die nationale Einheit im Widerstand gegen den Feind. Faire Wahlen werden das Land auseinanderreißen. Und wenn wir unfaire Wahlen brauchen, dann ist es eine Volksabstimmung zur Unterstützung der aktuellen Regierung. Das hat nichts mit den Wahlen zu tun, genauso wie die Wahlen Putins, Lukaschenkas, der Staatsduma oder der Nationalversammlung der Republik Belarus nichts mit den Wahlen zu tun haben. Es ist keine Wahl. Wenn wir demokratische Wahlen wollen, müssen wir den Krieg beenden. Schluss mit dem Kriegsrecht. Brechen Sie den Spendenmarathon ab. Stellen Sie sicher, dass alle Teilnehmer des Wahlkampfs gleichberechtigten Zugang zu Informationsressourcen haben. Und danach entscheiden Sie, wie die Wahlen in den nicht besetzten Gebieten abgehalten werden. Und danach werden Wahlen zur Werchowna Rada der Ukraine und zum Präsidenten der Ukraine abgehalten. Ohne diese Voraussetzungen wird selbst das Verfahren namens Wahlen nicht stattfinden.

Tichonyuk. Erinnern wir uns an Polen im globalen Kontext. Kürzlich äußerte der ehemalige polnische Arbeitsminister Kuhl zwei interessante Thesen. Erstens fließen etwa 50 % des EU-Haushalts in Subventionen für Landwirte. Seine andere These ist, dass ukrainisches Getreide den gesamten Bedarf der EU decken kann. Jetzt sehen wir, welchen Widerstand die ukrainische Getreide in Polen verursacht hat. Wie schmerzhaft wird dieses Problem im Zuge der europäischen Integration der Ukraine sein und wie kann es gelöst werden?

Portnikov. Das Thema Agrarsektor ist generell eines der komplexesten Themen der EU. Und das gilt nicht nur für die Ukraine. Wenn ein Staat mit einem entwickelten Agrarsektor, also einer unterentwickelten modernen Wirtschaft, der EU beitritt, ist das immer ein großes Problem. Wenn wir daher stolz sagen, dass wir die Kornkammer der Länder der Dritten Welt, des sogenannten globalen Südens, sind, sollten wir uns immer daran erinnern, warum das geschieht. Nicht weil die Länder Europas kein Getreide anbauen können, das sie an die Länder des globalen Südens liefern könnten, sondern weil es für sie unrentabel ist, dieses Getreide an die Länder des globalen Südens zu liefern. Da es für sie viel profitabler ist, ihre Maschinen, Aggregate, Hochtechnologien einander zu liefern. Unter Bedingungen, dass es in Europa genügend landwirtschaftliche Produkte gibt, hungert Afrika oft, nicht weil es keine Produkte gibt, sondern weil es kein Geld gibt . Und das ist die Realität. Wenn wir mit der Europäischen Union sprechen, denke ich natürlich, dass die Frage, ob wir den gesamten Bedarf der EU-Länder decken können, eine sehr bedingte Frage ist, denn in der Europäischen Union werden den Landwirten seit langem Subventionen nicht dafür gezahlt, dass sie Produkte anbauen, sondern dafür, dass sie keine Produkte anbauen. Und wir können auch eine solche Situation bekommen. Die Menge der Produkte, die wir liefern könnten werden in den europäischen Länder einfach nicht benötigt, oder sie werden die Preise in der Europäischen Union senken, die für die Agrarsektoren anderer Länder komfortabel waren. Es wird viele Probleme geben, aber niemand hat gesagt, dass wir unser Getreide nicht weiterhin auf den Märkten von Drittländern verkaufen können. Niemand hat gesagt, dass es keine Übergangsfrist geben kann. Erinnern Sie sich, warum die Krise in Polen und anderen mitteleuropäischen Ländern überhaupt entstanden ist? Es handelt sich um die Lieferung von ukrainischem Getreide in europäische Länder gemäß den Bestimmungen des Abkommens über die Verknüpfung der eingeführten Quoten. Wir können eine bestimmte Menge unserer Produkte in die Europäische Union liefern. Als der Krieg begann, setzten sich Polen und unsere anderen Nachbarn für eine Entscheidung ein, alle Quoten für die Ukraine aufzuheben. Und jetzt lebt die Ukraine im Regime eines gewöhnlichen Landes der Europäischen Union. Und deshalb sind wir in einer Situation, in der wir jedes Recht haben, alles zu liefern, weil alle Beschränkungen aufgehoben sind, aber unsere Freunde, die ihr Bestes gegeben haben, um die Beschränkungen für uns aufzuheben, befanden sich plötzlich als Erste in der Risikozone, nachdem die Beschränkungen aufgehoben wurden . Das ist die Situation, wenn völlige Dilettanten sich mit Wirtschaftsproblemen befassen, wenn Wirtschaftsprobleme von Politikern gelöst werden. Aber wenn wir der Europäischen Union beitreten und zu diesem Bereich der Landwirtschaft kommen, wird es ein ganzer Bereich sein, über den verhandelt wird, daher denke ich, dass dort alle Normen und Quoten für bestimmte Jahre niedergeschrieben werden. Nehmen wir an, im ersten Jahr nach dem Beitritt zur Europäischen Union gibt es so viele Produkte und solche Subventionen. Im zweiten Jahr kann es sein, dass die Produktionsmenge zunimmt und die Subventionsmenge sinkt. Dies kann 10 bis 15 Jahre lang der Fall sein. Darüber hinaus hat Polen zwei Jahre lang nur über diesen Abschnitt verhandelt. Und sie wollte der Europäischen Union nicht beitreten, sie trat mehrere Jahre später bei, als sie konnte, weil sie damals nicht beitreten wollte, bis ein Kompromiss im Agrarsektor gefunden wurde. Denn die damaligen polnischen Staats- und Regierungschefs, die die Entscheidung über die europäische Integration Polens gebilligt hatten, erkannten, dass ein Beitritt zur Europäischen Union ohne Subventionen für ihre Landwirte, aber mit einigen Produktionsbeschränkungen, zu einer echten sozialen Explosion führen könnte. Und ich gebe absolut zu, dass wir möglicherweise das gleiche Problem haben, über das wir noch lange diskutieren werden: Wir und die Europäische Union, wir und unsere Nachbarn werden separate Protokolle unterzeichnen und so weiter. Das ist die Integration in die Europäische Union, das ist ein langfristiger Prozess. Jetzt sagt der Vorsitzende des Europäischen Rates, wenn wir unsere Hausaufgaben machen, sowohl die Ukraine als auch die EU-Länder, können wir bis 2030 der Europäischen Union beitreten. Unter uns, es sind noch sieben Jahre, und das ist eine optimistische Prognose. Und es gibt eine realistische Prognose von 15 oder eine pessimistische Prognose von 20-25 Jahren. Ich glaube, dass Sie als ein junger Mensch die Ukraine in der Europäischen Union sehen werden. Es ist jedoch nicht ungewiss, unter welchen Bedingungen. Es wird sehr stark von unserer Diplomatie abhängen, von unserer Bereitschaft zu verhandeln und abzuwarten, denn ich wiederhole, es kann solche Kapitel geben, es gibt 10 oder 12 Kapitel, die geschlossen werden müssen. Und solange wir sie nicht auf eine Weise schließen, die unsere Wirtschaft nicht zerstört, wenn wir der Europäischen Union beitreten, werden wir nirgendwohin hingehen. Auch das ist eine einfache Antwort. Auf diesem Weg wird es noch viele verschiedene Hindernisse geben, die wir gemeinsam überwinden müssen. Und denken Sie daran, dass ihre Bürger Polens, Rumäniens und Bulgariens zur Europäischen Union kein Recht hatten, in den Ländern der Europäischen Union zu arbeiten. Ich erinnere mich, wie Polen der Europäischen Union beitrat und die wichtigsten Slogans in Frankreich waren, dass morgen ein polnischer Klempner kommen würde. Wir brauchen keine Polen in der Europäischen Union, denn wir werden Opfer sein, es hieß polnische Hydraulik, alle polnischen Medien machten sich darüber lustig. Die polnische Hydraulik ist das Hauptproblem der Franzosen. Aber es war wirklich eine Angst, denn das Gehalt polnischer und französischer Klempner unterschied sich um ein Vielfaches. Wie Sie wissen, ist das Gehalt eines ukrainischen und eines deutschen Schweißers um ein Vielfaches unterschiedlich. Und wenn tatsächlich jeder ukrainische Schweißer die Möglichkeit bekommt, frei auf dem deutschen Markt zu arbeiten, dann wird das ein Problem sein. Nicht so wie jetzt, wenn er als ausländischer Arbeiter dorthin geht, aber wenn er dort gleichberechtigt mit einem Deutschen sein wird, was wird dann mit den deutschen Schweißern passieren, möchte ich Sie fragen. Hier haben Sie polnischen Hydraulik und das ist alles, was Sie erleben und verhandeln müssen.

Tichonyuk. Das wird ein Problem sein. Aber jetzt reden wir noch ein wenig über etwas anderes, gehen wir zurück in die USA. Wie wir wissen, läuft derzeit eine Betrugsklage gegen Trump. Und es scheint uns, dass es unmöglich ist, für einen Präsidenten zu stimmen, gegen den ein Gerichtsverfahren anhängig ist, wir sagen jetzt nichts über Janukowitsch. Aber wie kann man für einen Präsidenten stimmen, gegen den ein Betrugsverfahren eröffnet wurde? Aber viele Expats sagen, dass die amerikanische Mentalität tatsächlich so funktioniert, dass sie Trump als Opfer einiger politischer Anordnungen und eines gegen ihn eröffneten politischen Gerichtsverfahrens sehen, und das wirkt sich nur zu Gunsten von Trump aus.

Portnikov. Und ich habe eine Frage an Sie: Warum wird Janukowitsch nicht erwähnt? Die Hälfte der Bevölkerung der Ukraine stimmte zweimal hintereinander für den Rezidivsten. Und jeder wusste, wie lange diese Person im Gefängnis saß, dass sie ein Wiederholungstäter war. Trump hat keine Pelzmützen geklaut, sondern als Geschäftsmann zum Triks gegriffen hat. Aber jeder kann Trump Tower sehen, es ist nicht das selbe wie einem Mann die Pelzmütze zu stehlen. Dies sind typische Business-Tricks. Und für viele Menschen kann es sogar ein Erfolgsmodell sein. Und wenn das Erfolgsmodell unserer Bürger das Modell des Diebes war, warum sollten wir dann nicht unsere Erfahrungen auf die Erfahrungen der Amerikaner übertragen? Viele, die Trump mögen, mögen dieses Erfolgsmodell haben. Ein Mensch, der wie ein Rammbock vorgeht, der als Individualist gegen den Staat kämpft, ist Teil des amerikanischen Mythos. Und Trump nutzt es erfolgreich. Vergessen Sie noch eine Sache nicht. Trump ist nicht nur ein Geschäftsmann, sondern auch ein Showman. Ich möchte Sie daran erinnern, dass 73 % der Ukrainer im Jahr 2019 ebenfalls für den berühmten Schauspieler gestimmt haben. Welche Fragen können wir zu den Amerikaner haben? Wir müssen die Amerikaner so gut wie kein anderer verstehen. Wir haben für eine Person gestimmt, die unter Gerichtsverfahren stand, und für eine ehrliche Person, die ein Schauspieler war. Wenn man so will, ist Trump also Janukowitsch und Selenskyj in einer Flasche. Eine solche Sympathie, die ein solcher Mensch bei seinen Anhängern hervorruft, ist überhaupt nicht zu überwinden. Darüber hinaus ist er ein Populist, ein Mensch, der es versteht, mit einer großen Menschenmenge zu reden.

Tichonyuk. Wissen Sie, seit Beginn des Krieges haben wir eine sehr starke Unterstützung von Seiten Großbritanniens erfahren, und diese Frage ging mir schon immer durch den Kopf. Warum? Ich weiß nicht, warum Großbritannien unsere Angelegenheiten so zu Herzen nahm und anfing, uns zu helfen, als wären wir sein eigenes Kind. Und diese Unterstützung bleibt bestehen und lässt wirklich nicht nach. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Portnikov. Ich erkläre dies mit mehreren Umständen, die widersprüchlich erscheinen mögen. Die erste Frage ist, dass in Großbritannien grundsätzlich Respekt vor der Freiheit herrscht. Im Großen und Ganzen hassen die Russen den Respekt vor der Freiheit, der die sogenannte angelsächsische Welt geschaffen hat, am meisten. Ich meine individuelle Freiheit. Und tatsächlich war Großbritannien in seiner gesamten Geschichte immer stolz auf die Große Charta der Freiheiten. Und die Vereinigten Staaten wurden von Menschen gegründet, die die Freiheit respektierten und deshalb Großbritannien und andere britische Kolonien verließen, weil sie als freie Menschen ohne jegliche Unterdrückung in der Religion leben wollten. Und deshalb entstand die amerikanische Verfassung. Das alles ist das Ergebnis dieses unbesiegbares angelsächsischen Geistes. Und eine so scharfe Reaktion auf die Ungerechtigkeit, die im politischen Establishment und in der britischen Gesellschaft herrscht. Der zweite Moment. Es fiel auch mit der Suche Großbritanniens nach seiner politischen Rolle zusammen. Weil Großbritannien die Europäische Union verlassen hat. Viele ihrer Führer sagten, dass der Austritt aus der Europäischen Union es Großbritannien ermöglichen würde, seine eigene politische Rolle zu spielen. Das ist gewissermaßen Mythologie. Wie das gesamte Brexit-Cover. Eine Mythologie, die wahrscheinlich nicht wahr wird. Aber der russisch-ukrainische Krieg gab Großbritannien die Gelegenheit, seine eigenständige politische Rolle in der Welt zu demonstrieren. Die Rolle eines Landes, das bereit ist, Ungerechtigkeit zu bekämpfen, das bereit ist, Diktaturen in der Union mit den Vereinigten Staaten entgegenzutreten, das bereit ist, schärfer und härter auf Herausforderungen zu reagieren als die Länder der Europäischen Union. Und das sind, wenn Sie so wollen, die nationalen Interessen Großbritanniens. Denn wenn sich Großbritannien nicht so verhält, haben alle seine Bürger eine Frage: „wir sind aus der Europäischen Union ausgetreten und was? Wie unterscheidet sich unsere Außenpolitik von der Politik der Europäischen Union? Vielleicht könnten wir uns besser verwirklichen, wenn wir in der Europäischen Union wären?“ Und Leute, die den Brexit unterstützen, wir erinnern uns an den ehemaligen Premierminister Boris Johnson, er war der Ideologe dieser Bewegung, er sagt: „Sehen Sie, wir sind jetzt ein großartiger Staat“. Dieses Freiheitsgefühl und der Wunsch, an diesem mythologischen Bild festzuhalten, konzentrierten sich genau auf dem Höhepunkt der russisch-ukrainischen Krieges.

Tichonyuk. Viele Experten sagen, dass dieser Krieg offensichtlich und vorhersehbar war. Tatsächlich konnte man das vor dem Krieg nicht vorhersagen, alle sagten, dass es definitiv nicht passieren würde, und irgendwie lässt es sich vermieden, aber jetzt reden alle darüber, dass es offensichtlich und vorhersehbar war. Und was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Anzeichen in der Geschichte, die wirklich darauf hinwiesen, dass eine Invasion unvermeidlich sein würde?

Portnikov. Nun, Sie sprechen mit einem Mann, der im Gegensatz zu vielen anderen gesagt hat, dass Krieg unvermeidlich ist.

Tichonyuk. Ja, deshalb stelle ich Ihnen diese Fragen.

Portnikov. Ich kann Ihnen diese Marker anschaulich erklären. Marker Nummer eins. Seit 1991 glaubte die Russische Föderation, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion ein vorübergehendes Phänomen sei. Und dass früher oder später alle ehemaligen Sowjetrepubliken von Russland in einem einheitlichen Staat vereint werden. Dies ist eine Tatsache, die die Ukrainer nicht wahrnehmen wollten, die jedoch objektiv war. Die Tatsache, dass Russland eine Gemeinschaft unabhängiger Staaten schaffen wollte, hatte nur ein Ziel. Ukraine in diese Konstruktion einzubeziehen. Andere ehemalige Sowjetrepubliken, viele von ihnen, wollten eine erneuerte Union aufbauen. Aber Russland wollte mit ihnen keine erneuerte Union aufbauen, gerade weil es einen Konstrukt unter der Beteiligung der Ukraine wollte. Das war ihre Antwort auf unsere Unabhängigkeit. Dies ist der erste Punkt. Zweiter Marker. Im Jahr 2000 kamen in Russland Kräfte an die Macht, die glaubten, dass die Vereinigung der Territorien, auch mit Gewalt, für sie Priorität habe. Sie ersetzten jene politischen Kräfte in Russland, die glaubten, dass sie mit politischen Mitteln, durch Energieausrüstung, durch Korruption lokaler Eliten Erfolg haben würden, aber nicht nach Wegen für einen Krieg im postsowjetischen Raum suchten. Ich würde sagen, dass die Manager, ehemalige Parteifunktionäre, durch den Tschekisten ersetzt wurden. So vollzog sich der Machtwechsel. Dies ist der zweite Moment, der im Jahr 2000 war. Der dritte Moment. Im Jahr 2004 verstieß die Ukraine gegen die ungeschriebenen Verhaltensregeln im postsowjetischen Raum, als ihr Volk die Macht selbst in die Hand nahm und einen Machtwechsel durch Fälschung und die Ernennung eines Nachfolgers nicht zuließ. Sie können sehen, was Russland jetzt mit Armenien macht. Für den Kreml ist das ein eklatanter Regelverstoß. Weil die Bevölkerung nicht entscheiden kann, wer sie regiert. Es war der dritte Moment, der ziemlich ernst war. Der vierte. Eine wichtige Regel für jedes postsowjetische Land aus russischer Sicht bestand darin, keinen Integrationsbündnissen beizutreten, die die Mitglieder dieser Bündnisse zum Beistand verpflichten würden. Das heißt, alle Sowjetrepubliken müssen wie Würstchen im Kühlschrank liegen, oder wie Knödel, das ist definitiv ein Bild für Russland, bis der Besitzer sie essen will. Doch wenn sie aus diesem Gefrierschrank entkommen wollen, müssen sie in kochendes Wasser geworfen werden. Die Ukraine begann, einen offensichtlichen Wunsch nach europäischer Integration zu zeigen. Der Assoziierungsabkommen, das Russland bremsen wollte und nicht bremste, weil es in Jahren 13-14 den Maidan gab. Der nächste Schritt in diese Situation war die Umwandlung der Ukraine in einen verkrüppelten Staat. Das heißt, man besetzt einen Teil seines Territoriums und behindert definitiv seine Integration. Der nächste Schritt waren die klaren Zusagen des Westens, dass der Westen für die Integration der Ukraine in die NATO bereit sei, darüber sprach Präsident Biden. Wenn die Ukraine die NATO-Standards erfüllt, wird die Besetzung des Territoriums durch Russland die euroatlantische Integration der Ukraine nicht beeinträchtigen, hieß es. Und schließlich ist ein weiterer wichtiger Punkt, dass in Russland die Ergebnisse der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019 fälschlicherweise als Bereitschaft der Ukrainer zur Kapitulation interpretiert wurden. Und deshalb haben sie beschlossen, dass der Moment gekommen ist, in dem es eine schwache Regierung und ein Land gibt, das nicht auf einen Krieg vorbereitet ist, und es nicht nur leicht sein wird, es in drei Tagen zu besetzen, sondern auch die Regierung dort zu wechseln und eine neue Regierung zu schaffen, Marionettenregierung. Ich habe darüber gesprochen, dass dies passieren könnte, gerade weil ich gesehen habe, dass wir in Russland eine solche Illusion erzeugen. Die Illusion der Schwäche, die Illusion unserer Verhandlungsbereitschaft, die Illusion, dass wir eine leichte Beute sind. Und für mich war der Satz des Präsidenten ganz wichtig, dass wir unsere Militärausgaben verdoppeln könnten, aber dann wären wir nicht in der Lage, die Infrastruktur aufzubauen. Das Problem bin nicht ich, sondern das Problem ist, dass nicht nur ich diese Worte höre, sondern auch Putin. Und Putin hat diesen Ansatz gesehen. Und ich denke, wenn wir uns weiterhin intensiv auf den Krieg vorbereiten und unsere Armee, die Streitkräfte, weiter stärken würden, wenn wir nicht immer auf einen Dialog drängen würden, würden wir den Russen zeigen, dass wir nicht leicht zu haben sind. Unter diesen Voraussetzungen könnten wir diesen Krieg hinauszögern. Ich sage nicht stoppen, ich weiß es nicht, es ist eine Frage der Zeit. Aber ich glaube, dass es keineswegs unvermeidlich war. Ich glaube, dass Krieg das Ergebnis unseres Missverständnisses ist. Ich sage es nicht einmal über die Regierung, sondern über die Gesellschaft. Missverständnis des Gefahrenniveaus. Die Gesellschaft wollte eine Vereinbarungen mit Russland. Im 14. Jahr glaubten die Menschen, wir würden einen legitimen Präsidenten, Petro Poroschenko, wählen und mit Russland eine Einigung erzielen. Wenn dieser Präsident es nicht geschafft hat, werden wir einen anderen wählen, der eher dazu im Stande ist eine Einigung zu erzielen. Das ist es, was normale Menschen wollten. Ich würde sagen, der derzeitige Präsident spiegelte diese Sicht auf das Leben eines durchschnittlichen Ukrainers wider. Doch am 24. August 1991 zeichnete sich Kriegsgefahr ab. Dass wir nicht wussten, wie wir mit dieser Gefahr umgehen sollten, ist nicht nur Russlands Problem, sondern auch unser Problem.

Tichonyuk. Und was ist zum Beispiel mit Tuzla, war sie eines der Signale?

Portnikov. Sie fangen bereits an mit russische Signalkategorien zu sprechen. Es handelte sich um eine Sonderoperation Moskaus gegen die damaligen ukrainischen Presidenten. Russland hat in den Beziehungen zu Präsident Lanid Kutschma stets die rote Linie hervorgehoben, die es überschreiten muss. Und ich möchte Sie übrigens daran erinnern, dass Leonid Kutschma diesen Prozess in Tuzla tatsächlich stoppen konnte. Es gelang ihm nicht, einen anderen Prozess zu stoppen, der für mich viel wichtiger war. Der Prozess der Unterzeichnung eines Abkommens über einen einheitlichen Wirtschaftsraum mit Russland, Weißrussland und Kasachstan. Jeder vergisst, dass seine Präsidentschaft mit der Unterzeichnung dieses Abkommens endete. Das heißt, man steckte die Ukraine praktisch in Putins Tasche. Doch vorausgegangen war eine ganze Reihe von Sonderoperationen des Kremls gegen Kutschma. Und Kolchugi und Tuzla und Kutschmas Kompromentierung in der Augen der Welt. Ich sage nicht, dass Kutschma durch die Art und Weise, wie er auf Melnitschenkos Tonaufnahmen zum Fall Gongadza reagierte, nicht sich selbst geschadet hat. Im 2004 Jahr sollte alles enden. Es gab aber einen Faktor, den Russland nie berücksichtigte, nämlich das ukrainische Volk. Aber wenn Sie Putin sagen, dass dies das ukrainische Volk ist, wird er Ihnen sagen, dass dies das US-Außenministerium ist. Und es ist der Punkt in dem unser Verständnisse der Realität spalten. Wir sagen: „wissen Sie, Präsident Putin, Sie haben aus der Sicht eines professionellen Tschekisten alles ganz gut geplant, aber Sie haben nicht berücksichtigt, dass es ein Volk gibt, eine solche Komponente müssen Sie immer berücksichtigen“. Er wird uns sagen, „was für ein Volk? Das sind Tricks der amerikanischen Regierung“. Und hier liegt das Problem der Wahrnehmung der Realität, das zum Krieg führte. Denn in diesem Krieg sollte es aus Putins Sicht einen Faktor nicht geben, den ukrainischen Volk.

Ein neuer Krieg des Russlands und Irans | Vitaly Portnikov @RashkinReport 09.10.23

Raschkin. Unsere heutige Konstellation ist : ein ukrainischer Journalist und ein amerikanischer Journalist, die beide ethnische Juden. Ist Ihre Reaktion irgendwie anders, weil es um Israel handelt, oder weil dies eine weitere Gräueltat des Kreml-Regime ist?

Portnikov. Meine Reaktion ist natürlich anders, denn das ist Israel, das ist verständlich. Ebenso unterscheidet sich meine Reaktion auf den Krieg in der Ukraine von der Reaktion auf den Krieg, wenn der Krieg in einem anderen europäischen Land oder einer ehemaligen Sowjetrepublik stattgefunden hätte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich auf den Krieg in Jugoslawien reagiert habe. Ich hatte aufrichtiges Mitgefühl mit den Menschen, die unter den Kugeln starben, mit der Zivilbevölkerung, die von Schlägern zerstört wurde, aber ich war trotzdem Zeuge dieses Krieges, Sie wissen schon, ein Zeuge. Und hier verstehe ich vollkommen, dass es beim Krieg in der Ukraine um das Überleben meines Landes, das Überleben meiner Landsleute geht. Das Gleiche kann ich über Israel sagen. Hier geht es um das Überleben meines Volkes. Egal wie sehr ich mich bemühe, diese Ereignisse unvoreingenommen zu betrachten, ich verstehe genau, worum es geht. Sie und ich gehören zu den Menschen, die bereits in der Zeit entstanden sind, als der jüdische Staat existierte. Wir leben möglicherweise nicht darin, wir besuchen es möglicherweise nicht, wir glauben möglicherweise, dass wir staatsbürgerliche Verpflichtungen gegenüber den Ländern haben, in denen wir geboren wurden oder die wir als unsere Heimat gewählt haben, wie es im Fall der Vereinigten Staaten oft der Fall ist. Aber wir können uns das jüdische Bewusstsein vor Israel durchaus vorstellen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde klar, dass sich die Situation so ändern könnte, dass es niemanden mehr geben würde, der uns im wahrsten Sinne des Wortes beschützen würde. Es wird keiner da sein. Natürlich wird es Regierungen von Ländern geben, deren Pässe wir in der Tasche tragen, aber es stellt sich womöglich heraus, dass diese Regierungen in einer so kritischen Situation sein werden, dass jeder gerettet werden muss und wir die Letzten sind, die gerettet werden. Dies war bei vielen europäischen Juden der Fall. Leider wurde dies zu einem der Auslöser des Holocaust. Die Erkenntnis des Juden, dass er im Falle, wenn er plötzlich dort als Fremder betrachtet wird, wohin er sich zugehörig fühlt, immer ein Land hat, das ihn beschützen kann, hat unsere Psychologie verändert. Darüber hinaus sind Sie und ich im Menschen, die nach 1967 ins Leben kamen. Ich wurde 1967 geboren, dem Jahr, in dem Israel die arabischen Länder im Sechstagekrieg besiegte. Und es war immer ein Gefühl des Stolzes, dass wir such unter schweren Umständen unsere Interessen verteidigen können, dass es einen starken Staat, starke Geheimdienste und nationale Solidarität gibt. Auch wenn Juden sich in anderen Ländern als Teil einer politischen Nation fühlen, liegt das größtenteils daran, dass Israel existiert und ihnen das Recht gibt zu wählen, das Recht, frei zu atmen. Entfernen Sie Israel aus dieser Konstellation, und Sie werden eine völlig andere Person erleben. Ich sage das mit äußerster Zuversicht über mich selbst, ich wusste es immer. Ganz zu schweigen von meiner gesamten Einstellung. Ich habe immer geglaubt, dass, wenn das jüdische Volk Tausende von Jahren nach der Zerstörung unseres Staates, die trotz allen großen Aufständen gegen das Römische Reich nicht vermieden werden könnte, und es gab in der Geschichte der Menschheit fast keine solchen Aufstände wie die der Juden gegen Rom , geschafft hat den Staat dort wiederherzustellen, wo er von diesem Schurken, Kaiser Hadrian, zerstört wurde, der das Wort Palästina erfand, um das Wort Judäa von der geografischen Karte zu löschen. Warum sollten dann die Ukrainer, die niemand auf diese Weise vertrieben hat, auf eigenen Staat verzichten? Man hat nicht geschafft denen ihre Identität, ihre Sprache und alles andere wegzunehmen. Warum sollten sie ein staatenloses Volk sein? Für mich war dies auch immer ein sehr wichtiger Teil meines Verständnisses, wie sich die Situation in der Ukraine entwickeln sollte. Ich bin sicher, dass die Ukrainer, wie jedes andere Volk, das Recht auf einen Staat und den Schutz dieses Staates haben. Und wenn meine Landsleute jetzt die russischen Besatzer vernichten, erinnert mich das in vielerlei Hinsicht an den Bar-Kochba-Aufstand, nur hoffe ich auf einen erfolgreichen Ergebnis, auf den Abzug der Römer.

Raschkin. Ich erinnere mich, dass Juden in der Sowjetunion diskriminiert wurden und ihnen viele Chancen verwehrt blieben; soweit ich weiß, wurden sie auch nicht in den KGB aufgenommen. Weil sie einem anderen Land gegenüber loyal zu sein schienen. Sie waren hier, aber sie dachten immer an Israel. Ist das eine Schwäche oder eine Stärke oder ist das eine Dualität?

Portnikov. Die Sowjetunion war ein antisemitischer Staat. Und Sie waren Jude und wussten, dass das Land, in dem Sie leben, Ihre nationale Heimat zerstören will. Wie könnte es um die Loyalität gegenüber einem solchen Staat stehen? Die Vereinigten Staaten von Amerika wollen den Staat Israel nicht zerstören, und Juden in den Vereinigten Staaten haben kein Problem mit doppelter Loyalität. Sie wissen, dass sie Bürger der Vereinigten Staaten sind, dass sie dort am jüdischen Leben teilnehmen und dass die Vereinigten Staaten und Israel freundschaftliche Beziehungen pflegen. Und niemand in den Vereinigten Staaten muss Juden der Illoyalität verdächtigen. Und wenn Sie in einem Terrorstaat leben, dessen Ziel es ist, ein bestimmtes Land zu zerstören, dann werden Menschen, die kulturell und zivilisatorisch mit diesem Land verbunden sind, möglicherweise als illoyal wahrgenommen, selbst wenn sie ungeheuer loyal sind. In der Sowjetunion gab es ein sogenanntes antizionistisches Komitee, dem Menschen jüdischer Nationalität angehörten und die damit beauftragt wurde, zu behaupten, dass Israel eine schreckliche terroristische Bildung sei, die vom Erdboden ausgelöscht werden müsse, was sie auch tatsächlich sagten. Ich habe ein klassisches Beispiel für Verrat und ein sehr schönes Beispiel. Dies ist die berühmte sowjetische Schauspielerin Ilina Bystritskaya, eine Kultschauspielerin des sowjetischen Kinos, eine echte Schönheit. So wurde sie bereits im Erwachsenenalter Mitglied des antizionistischen Komitees der sowjetischen Öffentlichkeit und verriet ihr Volk. Aber sie kam aus Kiew und verbrachte ihre ganze Kindheit und Jugend in Kiew. Das Schicksal war ihr gut besonnen, sie führte ein langes, glückliches Leben, und sie bekam die Chance, auch ihr Heimatland zu verraten, das Land, in dem sie geboren wurde, in dem ihre Eltern geboren wurden, das hat sie auch verraten. Die Ukraine, nicht nur Israel. Sie unterstützte Putins Aggression gegen die Ukraine und unterzeichnete alle Briefe. Nun, so lebt ein Sowjetmensch: Alles, was er verraten kann, verrät er. In diesem Sinne haben Menschen, die zum Verrat neigen, reichlich Möglichkeiten. Es stimmt, dass es in einem solchen Land nicht viele Möglichkeiten für anständige Menschen gibt.

Raschkin. Das heißt, wenn es keinen moralischen Kern gibt, dann ist die Sichtweise anders und dann lässt es sich auch in der Sowjetunion leben, ja.

Portnikov. Und vergessen Sie so etwas wie den staatlichen Antisemitismus nicht. Dieser staatliche Antisemitismus wurde von Moskau aus etabliert, aber viele Menschen, die Opfer dieses staatlichen Antisemitismus waren, machen die von Russland versklavten Völker für diesen staatlichen Antisemitismus verantwortlich.

Raschkin. Selbstverständlich ist das russische Volk unschuldig, es kann nicht seine Schuld sein, es hat sogar den russischen Antisemitismus von jemand anderem bekommen?

Portnikov. Von den Ukrainern, von den Polen, von den Litauern, von den Letten, von jedem, das sind echte antisemitische Völker. Wenn Sie mit einem Juden sprechen, der in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus der Ukraine in die Vereinigten Staaten eingewandert ist, wird er Ihnen sagen, welch schrecklichen Antisemitismus es dort gab. Kürzlich habe ich einen großen, langen Brief zu diesem Thema erhalten, mit Beispielen: Können Sie sich vorstellen, ich war 1953 in Kiew, schreibt mir ein Respondent, und meine Schwester beklagte sich über Antisemitismus, einen schrecklichen Antisemitismus. Ja, natürlich war es schrecklich. Alle diese Befehle und Normen wurden vom Zentralkomitee der KPdSU auf das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Ukraine übertragen, all das ging bis zur unteren Ebene, die Menschen verstanden, dass ihre berufliche Karriere und ihre Chancen davon abhingen, wie erfolgreich sie diese Juden unterdrückten. Wenn jemand wirklich ein Antisemit war, dann fühlte er sich großartig, er gehörte zum Mainstream. Nach 1967 verschärfte sich dies noch mehr, das System rächte sich an uns dafür, dass Israel den Sechstagekrieg gewonnen hatte. Die Zahl der Menschen, die den Vornamen Israel auf den Vornamen Elia änderten, beläuft sich auf Hunderte. Es war gruselig. Aber sehen Sie, was nach 1991 in genau dieser Ukraine geschah, wo der Antisemitismus der Kommunistischen Partei der Ukraine und des gesamten Staatssystems als fast die höchste Errungenschaft dieser Unionsrepublik gepflegt wurde. „Hier sind wir, wir lassen sie nirgendwo hin, nicht einmal in Moskau schafft man es so gut.“ Er verschwand irgendwie vor unseren Augen.

Raschkin. Vielleicht war dies in dem Moment notwendig, um in den Westen zu gefallen, Verhaltensänderung wurde nötig. Sie waren nicht wirklich antisemitisch, aber es gab eine solche Politik, die Politik hat sich geändert …

Portnikov. In den neunziger und zweitausenden Jahren haben wir im Großen und Ganzen gar nicht versucht uns ins Westen zu integrieren, wir hatten eine sogenannte Multi-Vektoren-Außenpolitik. Der Großteil unserer Gesellschaft wollte nicht nach Westen. Die Mehrheit unseres Volkes hat gegen den NATO-Beitritt gestimmt. Nein, es stellte sich nur heraus, dass dieser Antisemitismus staatlich gefördert wurde. Es ist klar, dass es in jedem europäischen Land und nicht nur in europäischen Ländern Erscheinungsformen alltäglichen Antisemitismus gibt. Für den Antisemitismus braucht man einfach Juden. Jede amerikanische Antideformationsliga wird Ihnen über bestimmten Erscheinungsformen berichten, die in Amerika gibt. Dies ist wie jede andere Manifestation von Fremdenfeindlichkeit. Vielleicht spielt der Antisemitismus aufgrund seiner historischen Bedeutung für viele Menschen hier eine wichtigere Rolle. Aber wenn Präsident Putin ernsthaft sagt, dass die Ukrainer einen Juden zu ihrem Präsidenten gewählt haben, um ihr Nazi-Wesen zu vertuschen … Und davor war der Premierminister ein Jude, und davor war noch jemand da, der ein Jude war. Verstehen Sie die Reaktion, die so etwas in der Ukraine hervorruft? Schließlich erinnert sich in der Ukraine niemand wirklich an die Nationalität des Präsidenten, die meisten Menschen interessieren sich dafür nicht. Die Frage des Präsidenten ist eine Frage seiner Kompetenz oder Inkompetenz, seiner Popularität und Unbeliebtheit, seiner Effektivität und Ineffektivität und nicht seiner Herkunft. Und in Russland sprechen die Russen immer noch über die ethnische Zugehörigkeit jedes Menschen und betrachten sie als eine Art wichtigen Indikator für die Persönlichkeit. Ja, wir können sagen, dass jemand jüdischer Herkunft ist, einer ist ein Jude, andere ist ein Armenier. Aber die Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen Gruppe hat keinen Einfluss auf die Beurteilung. Und in Russland beeinflusst es die Wahrnehmung massiv. Ich habe kürzlich einen meiner russischen Kollegen gesehen, als er die Verleihung des Nobelpreises an den norwegischen Schriftsteller Jun Fase, der in neunorwegischer Sprache schreibt, kommentierte: „Oh, das ist unseren Dichtern aus den nationalen Republiken sehr ähnlich, die wurden berühmt, weil sie ins Russische übersetzten wurden.“ Stellen Sie sich einen solchen Satz in einem amerikanischen kulturellen oder zivilisatorischen Kontext vor, Sie würden wegen der Beleidigung einer Person vor Gericht gestellt worden.

Raschkin. Wenn Sie in einer Sprache schreiben, die nur wenige Menschen sprechen, warum soll man dann nicht sagen, dass Ihre Popularität auf der Tatsache beruht, dass Sie ins Englische übersetzt wurden?

Portnikov. Nun ja, vielleicht nicht darauf, aber eher darauf, dass du bei Ihrer Leserschaft gefragt bist. Bist du in erster Linie ein kalmückischer oder awarischer Dichter? Wenn du ein guter kalmückischer oder awarischer Dichter bist, wirst du ins Englische übersetzt. Und wenn du nicht gut bist, dann hilft dir keine Übersetzung, niemand wird von deiner Existenz erfahren. Deine Leute stellen dich als einen guten Dichter dar, nicht ein russischer oder englischer Übersetzer. Und hier ist die Idee, dass alles auf dieser Welt durch die russische Kultur verläuft, wenn du nicht in der russischen Kultur bist, existierst du nicht.

Raschkin. Es ist interessant, wie sich herausstellt, dass Faschismus, Nationalsozialismus und Antisemitismus irgendwie verschiedene Dinge sind, die nicht unbedingt miteinander verbunden sind.

Portnikov. Warum sollten sie verbunden sein? Die Sowjetunion kämpfte gegen den Faschismus in der Zeit des Ärzteprozessen und der Aufdeckung jüdischer Pseudonyme und als bereits die Entscheidung getroffen wurde, alle Juden nach Fernost zu deportieren, was aufgrund des Todes Stalins nicht umgesetzt wurde. Aber auf jeden Fall gibt es diesen Hass. Ist Ihnen aufgefallen, dass sowohl Medwedew als auch Sacharowa zu Beginn dieser Hamas-Operation gegen Israel Schwierigkeiten hatten, ihre Freude zu verbergen? Es scheint, dass es seit langem relativ normale Beziehungen zwischen der Sowjetunion, also zwischen Russland und Israel, gibt. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ging mit Putin zum unsterblichen Regiment-Marsch, trug das St.-Georgs-Band. Aber kein Band hilft, wenn es um Judenhass geht.

Raschkin. Das heißt, der alte sowjetische Antisemitismus kommt wieder zurück. Der Lenin erhebt sich aus dem Mausoleum. Hurra. Wir kehren zum Schlimmsten zurück …

Portnikov. Ich weiß mit Sicherheit, dass es in Russland schon vor Lenin Antisemitismus gab. Lenin ist nicht der größte Antisemit in der russischen Geschichte; es gab Kaiserin Elisabeth, Nikoläuse und Alexandern, das waren Beispiele für Antisemitismus für ganz Europa. Warum brauchen wir Lenin? Lenin hat viele ganz andere erstaunliche Dinge für das russische Volk und für alle anderen Völker getan, aber historisch gesehen war mit dem Antisemitismus in Russland schon immer alles in „Ordnung“. Das ist interessant, wenn man bedenkt, dass die Russen immer behauptet haben, sie seien ein Volk mit den Ukrainern und Weißrussen. Wie Sie sich sicher erinnern, existierte diese Idee auch im Russischen Reich, sie existiert jetzt im Kopf von Wladimir Putin, der all diese Texte schreibt und sie sogar ins Ukrainische übersetzt, damit diejenigen, die kein Russisch verstehen, es auch lesen und verstehen können, dass die Ukrainer die sind die gleichen, die gleichen Leute wie die Russen. Aber im Russischen Reich gab es, wie Sie wissen, ein jüdischer Siedlungsgebiet, das genau entlang der Grenze der ethnischen Grenzen des russischen Volkes verlief. Ein Volk, der als Teil des russischen Volkes galt, aber nicht so wertig wie die Russen war ( Ukrainern und Belorusen), konnte mit den Juden im selben zivilisatorischen Raum zusammenleben, das war erlaubt. Aber echte Russen wären besser dran, sie sollten nicht mit diesen schrecklichen Menschen in Kontakt zu kommen. Und deshalb haben sie sich nicht berührt, weil der Teil des Russischen Reiches, der ethnisch russisch war, nicht in das Siedlungsgebiet aufgenommen wurde. Wenn Sie sehen möchten, wo der russische „Geist“ nicht gab, es ist nicht da, wo ein ukrainischer oder weißrussischer „Geist“ gab, sondern da, wo es jüdischer „Geist“ gab, denn der jüdische „Geist“ kann nicht da geben, wo der russische „Geist“ zuhause ist. Das bedeutet die Haltung gegenüber Ukrainern und Weißrussen als Menschen zweiter Klasse und gegenüber Juden als Menschen dritter Klasse. Es sind natürlich Russen, aber die Art von Russen, die mit diesen Ungläubigen leben können, es ist abscheulich. Man kann entgegnen, dass die Russen bereit waren, mit Muslimen zusammenzuleben. Warum werfen man ihnen die Fremdenfeindlichkeit vor? Nein, die muslimische Bevölkerung durfte nach der Einnahme Kasans nicht in Städten leben, also lebten die Russen nicht mit ihnen zusammen. Wir erzählen einige Geschichten über Hitler, und über seine Rassentheorien, aber schaut, was für ein wundervolles Land Iwan dem Schrecklichen und seine Nachfolgern geschaffen haben. Juden lebten nach der Annexion des Fürstentums Litauen und des Königreichs Polen hinter der Sicherheitsbarriere, Muslime in den Dörfern. Aber derjenige, der ein wahrer orthodoxer Großrusse war, der konnte in diesem Gangsterimperium alles tun. Herrlich, was für ein schöner Zustand! Und es gibt immer noch Leute, die sagen, dass die Ukraine natürlich keine Kolonie Russlands war, sondern einfach ein wichtiges Territorium für das Russische Reich.

Raschkin. Das ist auch deshalb interessant, weil ich es aus der Sicht der amerikanischen Erfahrung betrachte. Wenn Sie beispielsweise einen Weißen fragen, ob es im Land Rassismus gibt, erhalten Sie eine zweideutige Antwort. Und wenn Sie einen Schwarzen fragen, erhalten Sie eine eindeutige Antwort. Und ich erkläre meinen Schülern, dass in Amerika die Hautfarbe sehr wichtig ist, in Russland jedoch eine Abstufung nach Abstammungen. Wow, wie interessant. Die russische Gesellschaft sortiert alle nach ethnischen Herkunft. Manchmal erinnert man sich, dass ich ein Jude bin, aber gleichzeitig glaubt man, dass ich deswegen religiös sein sollte. In Amerika kann jeder ein Jude sein, aber in Russland, Gott bewahre? Das ist eine völlig andere Weltanschauung.

Portnikov. Selbst Menschen, die zum Christentum konvertierten, wurden vom System immer noch als Menschen zweiter Klasse wahrgenommen, denn welchen Unterschied macht es denn, ob man getauft wird, man ist trotzdem ein Jude. Und das ist auch alles bekannt. Ich erinnere mich noch gut daran, dass Menschen in einem solchen Staat auch gewisse Komplexe erlebten, weil sie scheinbar sich im Nirgendwo befanden. Einerseits waren sie aufrichtig gläubige Christen, anderseits hat das System sie sozusagen weiterhin als Juden betrachtet. Sie selbst haben sich nicht mehr als Juden wahrgenommen, sie schwebten in einer Art Zwischenraum. Und das war auch sehr seltsam, denn es war nur eine Verhöhnung aller, die aus verschiedenen Gründen verspottet werden können. Wenn wir auf das Thema Israel zurückkommen, dann sagt mir diese Schadenfreude viel. Sie erinnern sich bestimmt, dass die Russische Föderation die erste Regierung war, die Gespräche mit Hamas-Führern aufnahm, nachdem die Hamas die Kontrolle über den Gazastreifen erlangt hatte. Sie kamen in den Kreml, sie trafen sich mit Michail Bogdanow, dem Sonderbeauftragten des russischen Präsidenten für den Nahen Osten, sie trafen sich mit Sergej Lawrow, irgendwann war sogar von einem Treffen mit Wladimir Putin die Rede. Ich glaube, dass sie sich mit Putin getroffen haben, es wurde nur nie öffentlich bekannt gegeben, aber ich habe keinen Grund zu bezweifeln, dass ein solcher Kontakt stattgefunden hat.

Raschkin. Betrachten Sie das, was in Israel geschieht, als einen Krieg oder einen Angriff, oder welches Wort verwenden Sie dafür? Und ist es möglich, dass dies zu Klarheit und Verständnis führt? Nicht nur eine Erinnerung: Antisemitismus gab es in Russland schon immer. Oder muss Israel vielleicht seine Außenpolitik neu ausrichten?

Portnikov. Wie sollte er die Politik ändern? Israel war schon immer ein Verbündeter des Westens, aber das Problem bestand darin, dass nach dem Einzug Russlands in Syrien die Idee aufkam, dass die Koexistenz mit Russland aus Sicht der israelischen Sicherheit wichtig sei. Ich denke, niemand zweifelt daran, dass Hamas und Hisbollah Stellvertreterarmeen des Iran sind. Es stellt sich die Frage, inwieweit Russland den Iran beeinflusst, in diesem Fall inwieweit diese Terrororganisationen auch Russlands Stellvertreterarmeen sind. Dies muss auch verstanden werden, denn politischer Kontakt bedeutet nicht immer militärische Unterstützung. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Russland diese Art von Hilfe leistet, weil Russland einfach daran interessiert ist, den Nahen Osten zu destabilisieren. Doch wie aussagekräftig ist das und über welche Informationen verfügen die israelischen Geheimdienste? Bis vorgestern hätte ich Ihnen gesagt, dass sie alle Informationen hätten, aber jetzt habe ich große Zweifel. Ich habe von Anfang an gesagt, ich glaube, wir haben einmal darüber gesprochen, dass ich die israelische Taktik in Bezug auf Russlands Krieg gegen die Ukraine überhaupt nicht für richtig halte, als man in Israel sagte: Natürlich verstehen wir alles und sympathisieren mit der Ukraine, aber dies ist ein Krieg auf einem anderen Kontinent, und wir müssen an unsere Sicherheit denken. Natürlich haben die aktuellen Ereignisse gezeigt, dass Israel über seine Sicherheit nachdenken muss, aber etwas anderes ist auch klar: Das gegenseitige Verständnis mit Russland führt zu nichts, Russland kann oder will den Iran nicht beeinflussen, der Iran hat definitiv einen Einfluss auf Hamas und Hisbollah und kann sein Willen durchsetzen. Und Russland kann nur sich entweder an den Aktionen des Iran seiner Stellvertreterarmee gegen Israel beteiligen oder nicht beteiligen, aber es kann diese Aktionen nicht verhindern. Das heißt, es macht keinen Sinn, sich auf Russland als ein Land zu konzentrieren, das Sicherheit fördern kann. Wir werden jetzt beobachten, was in Syrien passieren wird. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Dort gibt es auch radikale Gruppen, die sich ebenfalls an solchen Aktionen beteiligen können. Wir sehen jetzt, dass die israelische Regierung über die Möglichkeit einer Evakuierung von Kiryat Shmona spricht oder diese zumindest empfiehlt. Waren Sie schon einmal in Kirjat Schmona? Das ist eine ziemlich große Stadt im Norden Israels, dann kommt Metula, das ist eine kleinere Stadt, das ist schon ziemlich die Grenze zum Libanon. Und ich kann mir nur schwer vorstellen, wie einfach und effektiv es wäre, Kiryat Shmona zu evakuieren. Aber auf jeden Fall ist dies die Grenze zum Libanon, und dort gibt es viele Orte, die ziemlich groß sind. Und das hängt wirklich weitgehend davon ab, ob die Hisbollah im Falle einer unvermeidlichen israelischen Bodenoperation im Gazastreifen versuchen wird, in dieses Gebiet einzudringen. Aber es gibt Regionen, die mit der Grenze zu Syrien verbunden sind. Das sind Regionen auf den Golanhöhen, und wiederum gibt es kleine drusische Dörfer direkt an der Grenze, direkt an der Grenze zu Syrien. Katzrin, eine ziemlich große Siedlung, liegt möglicherweise in ziemlich geringer Entfernung zu möglichen Angriffen, Beschüssen oder Überfällen, und auf jeden Fall verstehen wir, dass es eine Katastrophe ist, wenn eine Gruppe versucht, auf das Plateau zu gelangen, denn von dort aus, aus den Golan-Plateauhöhen kann man im gesamten Norden Israels Schläge ausführen, es liegt einfach im Blickfeld. Man sieht es wie aus einem Flugzeug, nur aus einer viel geringeren Höhe. Daher ist dies eine gefährliche Situation, und wenn Russland an den Aktionen des Iran beteiligt ist, kann es einige radikale Gruppen in Syrien irgendwie nicht daran hindern, zu versuchen, Razzien durchzuführen. Ich weiß nicht, wie möglich das heute im militärischen Sinne des Wortes ist, aber wie sich herausstellt, wissen wir nicht viel. Schließlich ist die von der Hamas vorbereitete Aktion keine Aktion einer Terrororganisation, sondern eine Armeeaktion. Deshalb habe ich am 11. September etwas ganz Einfaches gesagt: Eine Terrororganisation nicht im luftleeren Raum operieren. Damit eine Terrororganisation groß angelegte Terroranschläge verüben kann, sind drei Bedingungen notwendig: Territorium, Geld und ein Arsenal. Im Fall der Hamas hat das alles funktioniert, sie verfügt über ein ziemlich großes Territorium für die Ausbildung, außerdem kann sie Lager im Iran für die Ausbildung nutzen, es gibt Geld aus dem Iran und Katar und es gibt eine ausreichende Menge an Militärarsenal, wie sich herausstellte wird sie viel größer sein, als man es sich hätte vorstellen können. Es gibt auch eine sehr wichtige Frage. Wie kam dieses gesamte Arsenal in den Gassektor? Inwieweit kontrollieren die ägyptischen Polizei- und Geheimdienste all diese Tunnel von Ägypten bis zum Gazastreifen, das heißt, inwieweit ist es den Israelis gelungen, all diese Tunnel loszuwerden? Dies ist ein ernstes Problem, da sich herausstellte, dass dies alles eine Skalierung war, und es stellt sich erneut die Frage. Warum gab es praktisch keine Informationen darüber? Die Israelis haben ihre eigene Meinung, die mir zwar nicht erschöpfend, aber interessant erscheint. Diese Ansicht besagt, dass es sich in den letzten Jahren eher um ein politisches als um ein militärisches Problem handelt. In den letzten Jahren der Herrschaft von Benjamin Netanjahu konzentrierten sich die Aktivitäten der israelischen Geheimdienste zunächst auf die Gewährleistung der Sicherheit im Westjordanland, insbesondere auf die Sicherheit der Siedlungen, da viele Minister dort Wählerschaften und Unterstützung haben, auf die viele Parteien gezielt zählen. Das sind Siedler und Anhänger der Siedlungsbewegung in Israel. Dies ist eine rechte Regierung, einschließlich der Partei von Benjamin Netanjahu. Es ist klar, dass Siedlungen zumindest in einem relativ sicheren Zustand sein müssen, denn jeder Schlag für die Sicherheit einer Siedlung ist ein Schlag für die Wahlinteressen der aktuellen israelischen Politiker. Und es ist klar, dass die Geheimdienste ein Teil des Staates sind und nicht im luftleeren Raum agieren. Wenn Israels Minister für Staatssicherheit Ben Gir sich auf die Sicherheit der Siedler konzentriert und er selbst Siedler ist, dann ist klar, dass enorme Ressourcen aufgewendet werden, die nicht grenzenlos sind. Um zu verstehen, was im Westjordanland passiert. Westjordanland ist ein riesiges Territorium mit einer großen Bevölkerungszahl und einer großen Zahl politischer Gruppen unterschiedlicher Art. All dies muss kontrolliert werden, und gleichzeitig ist es notwendig, Verbindungen zum Sicherheitssystem der Palästinensischen Autonomiebehörde aufrechtzuerhalten. Das ist eine ernste und zeitaufwändige Arbeit, und wenn man angesichts politischen Gründen dadurch in einem großen Ausmaß abgelenkt wird, kann man übersehen, was in Gaza passiert. Man reduziert mit Gaza verbundenen Kosten l. Dies ist der Moment, den wir als einen der Gründe für das Scheitern betrachten müssen. Und darüber muss in Zukunft nachgedacht werden. Noch nie wurden politische Interessen so klar über Sicherheitsinteressen gestellt.

Raschkin. Ich erinnere mich an den 11. September, denn danach gab es in den Vereinigten Staaten einen Untersuchungsausschuss, es brauchte Zeit, es waren Anhörungen, die vor Kameras stattfanden. Dies geschah nach einiger Zeit, nach einem oder zwei Jahren. Auf wie lange schätzen Sie den Militäreinsatz ein? Was wollen die Israelis jetzt, was werden sie unterstützen?

Portnikov. Die Israelis wollen wahrscheinlich Frieden. Aber auch hier stellt sich die Frage, wie dieser Frieden gewährleistet werden kann. Der Bodeneinsatz hatte noch nicht einmal begonnen. Wenn ich mit meinen israelischen Kollegen spreche, höre ich sie sagen, dass sie die Hamas gerne eliminieren würden, denn es ist klar, dass der aktuelle Hamas-Angriff beispiellos ist, nicht einmal im Vergleich zu 1973. Das ist seit 1948 beispiellos; noch nie in der Geschichte des jüdischen Staates hat es einen feindlichen Durchbruch in ein besiedeltes Gebiet gegeben. Nach 1948 kam es zu einem Krieg der Armeen, wie es normalerweise in Armeen souveräner Staaten der Fall ist, wobei man sich auf das Verhalten einer Armee verlassen konnte, die in der Regel nicht gegen Zivilisten kämpft. Natürlich können Zivilisten Kollateralopfer des Krieges sein, aber das ist nicht das Ziel. Und hier erlebten wir einen Krieg gerade gegen die Zivilbevölkerung in den besiedelten Gebieten, in die wir vordringen konnten. Ich bin mir nicht sicher, ob dies überhaupt das Ende ist. Jetzt wird es eine Operation zur Räumung des Territoriums Israels selbst geben, weil es klar geworden ist, dass der Sicherheitszaun, der zwischen dem souveränen Territorium Israels und dem Territorium des Gazastreifens bestand, kein Sicherheitszaun im eigentlichen Sinne ist. Ich habe mitbekommen, dass Israel 30 Orte von der Grenze zum Sektor evakuiert hat. Ich war in vielen dieser Orte , in Sderot. Es war dort nicht einfach, aber dennoch war es möglich, dort zu leben. Es war eine Stadt, nun stellt sich die Frage, wie man die Bevölkerung dorthin zurückbringen kann. Schließlich haben sich alle diese Städte und Gemeinden dank dieses Sicherheitssystems intensiv entwickelt. Was sagt man jetzt: kommt zurück, aber wir wissen nicht, ob vielleicht in einer Woche zu einem neuen Angriff kommt. Das ist eine völlig neue Geschichte. Was wäre, wenn es einen weiteren Überfall aus dem Norden aus dem Libanon oder Syrien gäbe? Ich sage Ihnen noch einmal, die Städte, die im Norden liegen, sind eine ganz andere Geschichte als Kiryat Shmona, das ist eine der großen Städte, das ist eine Agglomeration. Ich verstehe es nicht. Daher stellt sich hier die Frage der Zerstörung der Hamas. Aber wenn wir den Gazastreifen als städtischen Ballungsraum betrachten. Waren Sie schon in arabischen Ländern? Stellen Sie sich es vor?

Raschkin. Ich war nirgendwo. Ich war mindestens einmal in der Ukraine, aber ich bin nie nach Israel gekommen. Aber das war, als ich als Kind in der Sowjetunion war und auf der Krim landete.

Portnikov. Sie wurden einfach mitgeschleppt, das verstehe ich. Als Sie ein erwachsener unabhängiger Mensch wurden, haben Sie aufgehört, diese dummen Dinge zu tun und reisen. Das ist kein Vorwurf, ich versuche es Ihnen nur zu erklären. Nicht jeder war im Gazastreifen, es gibt nicht viele solcher Draufgänger, ich war nicht im Gazastreifen, aber ich war in vielen arabischen Städten, darunter im Westjordanland, ich war in Bethlehem, ich war in Hebron, in anderen Städten, in Jericho war, reiste durch das Westjordanland. Es gibt eine arabische Stadt mit typischen Gebäuden, kleinen Straßen, kleinen Räume, Häuser neben Häusern, die nur ein kleines Auto passieren kann. Alles aufeinander gebaut. Wie führt man dort eine Militäroperation durch? Ja, ich habe immer gedacht, wenn ich in solchen Gebäuden war, habe ich nicht darüber nachgedacht, wie ein Panzer hier durchkommt, aber wie ein Auto durchkommt und Dinge ablädt, war nicht klar. Sie müssen zum Beispiel ein Klavier mitbringen, das ist überhaupt nicht klar. Stellen Sie sich vor, dass ein gepanzerter Personentransporter in einen solchen Raum einbrechen würde. Das heißt, er wird durchkommen, aber Opfer bringen! Und deshalb sagen wir immer, wie es in allen israelischen Kriegen der Fall war, dass Israel ein gewisses Zeitfenster für Möglichkeiten hat. Heute haben Russland und die Volksrepublik China auf einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates die Hamas nicht verurteilt, aber sie stimmen auch nicht dagegen, und es kommt immer der Moment, in dem die Zahl der zivilen Opfer so groß ist, dass Russland und China bereits zuversichtlich sind dass sie das Veto nutzen müssen und dies ohne moralischen Verlust tun können. Aber auch Frankreich, wissen Sie, denn die arabische Bevölkerung in Frankreich beginnt bereits zu überkochen, und dies beginnt bereits das Gesicht des Sicherheitsrats zu verändern. Und die USA wollen einen solchen Siedepunkt in der internationalen Gemeinschaft niemals zulassen, und es stellt sich immer die Frage: Wo ist diese Temperatur, die Israels Friedensabkommen mit arabischen Ländern generell zunichte macht? Schließlich haben die Hamas-Leute dies mit Absicht getan. Es hätte ein Friedensabkommen mit Saudi-Arabien geben sollen. Ich sage nicht, dass es zusammengebrochen ist, aber es befindet sich in einer schwierigen Situation, es befindet sich im Stadium des Zusammenbruchs. In Saudi-Arabien befürworten 2 % der Bevölkerung eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel. Es ist klar, dass der König viel entscheiden kann, ohne diesen Faktor zu berücksichtigen. Kommt es jedoch zu einem Tod von Zivilisten, wird sich kein einziger Monarch dazu verpflichten, aus moralischer Sicht irgendetwas zu unternehmen. Und hier besteht eine Gefahr. Wir wissen nicht, welches Zeitfenster Israel nach Beginn der Bodenoperation hat, sowohl was die Verluste unter seinen eigenen Truppen als auch was die Verluste unter der Zivilbevölkerung im Gazastreifen betrifft. Niemand wird die Militanten zählen, aber Frauen und Kinder, wie Sie verstehen. Aber sie gehen nirgendwo hin. Denn verstehen Sie: Diese Frauen, diese Kinder, dieses Kind könnte der Sohn oder ein Bruders eines Terroristen sein. Diese Frau könnte eine Ehefrau und Schwester sein. Die Stärke der Hamas besteht darin, dass sie aus dem Gazastreifen heraus eine terroristische Agglomeration geschaffen hat, das ist das Grauen. Israelis, das war Netanjahus Idee und er hat sich völlig verschätzt, öffneten ihren Arbeitsmarkt für Menschen aus dem Gazastreifen, eine große Zahl von Menschen begann in Israel zu arbeiten und verdiente sehr viel Geld, und es schien, dass die Hamas daran interessiert war, aber tatsächlich hatte die Hamas wahrscheinlich Angst, dass die terroristische Agglomeration zerstören würde. Wenn immer mehr Menschen unabhängig von der Hamas Geld erhalten, warum sollten sie dann wollen, dass ihre Verwandten sich an Angriffen auf Israel, an der Zerstörung eines Gewächshauses, in dem sie arbeiten, an der Bombardierung eines Hauses, das sie bauen, beteiligen? Warum sollten sie das tun, wenn sie ihre Familien ernähren können? Und hier stellt sich heraus, dass man einerseits möchte, dass sich die Bevölkerung wirtschaftlich entwickelt. Denn wenn es sich wirtschaftlich zu entwickeln beginnt, ist man sich früher oder später in Sachen Sicherheit einig, man ist aneinander interessiert. Andererseits ist die Regierung, die diese Bevölkerung unterstützt, daran interessiert, sicherzustellen, dass diese Bevölkerung arm und marginalisiert ist und sich nur durch Mord ernähren kann. Und was soll man machen?

Raschkin. Ich denke, dass es in einer Zeit wie dieser schwierig ist, darüber zu sprechen, aber letztendlich kann eine militärische Lösung nicht die endgültige Lösung sein.

Portnikov. Keine militärische Entscheidung ist eine endgültige Lösung. Sie und ich haben im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine mehr als einmal darüber gesprochen, dass jede militärische Entscheidung von einer politischen begleitet werden muss. Doch die Suche nach einer politischen Lösung im Nahen Osten dauert seit vielen Jahrzehnten an. Ich weiß, dass dies eine politische Entscheidung ist. Diese politische Entscheidung besteht darin, dass, wenn Israel seine Beziehungen zu allen arabischen Ländern normalisiert, die Möglichkeit, den Terrorismus, auch aus dem Iran, finanziell anzuheizen, verschwindet und eine Lösung gefunden wird, die die Koexistenz des jüdischen und des arabischen Staates auf dem Territorium des ehemaligen Mandatsgebiets Provinz Palästina in anerkannten Grenzen ermöglicht. Die Parteien einigen sich auf Grenzen. Dies sind möglicherweise nicht die Grenzen von 1967, aber es kann eine Situation geben, in der ein Teil der arabischen Städte Israels Teil des arabischen Staates wird und die Araber Israels keine Angst davor haben, dieser Teil zu werden, und die von Israel geschaffenen Siedlungen im Westjordanland werden zumindest im größten Teil zu einem legitimen Teil des israelischen Territoriums, und beide Seiten erhalten international anerkannte Grenzen. Aber solange die Hauptidee der arabischen Seite die Zerstörung Israels ist und die Hauptidee der israelischen Seite darin besteht, diese Zerstörung durch die Errichtung von Außenposten auf dem Territorium des Feindes zu verhindern, der es zerstören will, sehe ich keine wirklichen Voraussetzungen für eine politische Lösung. Der Dialog ist leider fast eingefroren, wir haben den Erfolg dieses Dialogs in der Zeit nach dem Camp-David-Abkommen zwischen Israel und Ägypten erlebt, das hat ermöglicht, einige Vereinbarungen zwischen Israelis und Palästinensern zu treffen. Doch Jassir Arafat erkannte rechtzeitig, dass die Suche nach Vereinbarungen in nicht populärer macht. Aber der Aufstand tut es, wie es sich herausstellt.

Raschkin. Was wir am Ende regelmäßig erleben, ist, dass alle Versuche, Frieden zu finden, eine Art Einigung zu finden, konfrontiert werden. Und zumindest russischsprachige Menschen haben eine Gewissheit, dass der Kreml dahinter steckt.

Portnikov. Ich bin auch zuversichtlich, dass jetzt der Kreml dahinter steckt. Aus dem einfachen Grund, dass Moskau diese Taktik der ständigen Konflikte und kleinen Schnitten braucht, um sich in der Ukraine frei zu fühlen. Ich glaube, dass das Geschehen im Südkaukasus kein Zufall ist. Dass Putin einerseits Armenien in die Lage eines Staates mit vielen Flüchtlingen versetzen will und dort ein pro-russisches Regime erreichen und andererseits Aserbaidschan als einen Staat diskreditieren will, von dessen Territorium Tausende Menschen fliehen. Damit will er Zweifel an der Möglichkeit einer Energiekooperation zwischen dem Westen und Aserbaidschan aufkommen lassen. Und das ist eine weitere Karabach-Doppelfalle. Und jetzt gibt es noch eine weitere Falle im Nahen Osten.

Raschkin. Denken Sie, dass das, was in Israel passiert, auch bedeutet, dass es unsere Aufmerksamkeit von Armenien und Aserbaidschan und dem, was dort passiert, und der Ukraine ablenkt? Denn jetzt ist es eine Krise.

Portnikow. Schalten Sie einen amerikanischen Fernsehsender ein, schlagen Sie eine Zeitung auf, was werden Sie dort sehen? Israel natürlich. Wo ist die Ukraine? Es steht nicht im amerikanischen Budget, es steht nicht auf den Titelseiten der Zeitungen, und unser Krieg geht weiter. Heute haben sie Cherson getroffen, es gibt Opfer dieses Angriffs, nichts hat sich geändert. Russland hat nicht aufgehört zu kämpfen, es kämpft immer noch. Es ist klar, dass es für eine große Zahl von Amerikanern jetzt, da das israelische Thema für das amerikanische Publikum immer wichtig ist, von größter Bedeutung ist, wenn etwas im Nahen Osten passiert, es viel verständlicher ist als das, was in der Ukraine passiert. Und das spielt Putin wirklich in die Hände, daran habe ich keinen Zweifel. Ich denke, das ist ein großes Geschenk diesem Banditen zu seinem Geburtstag. Es war auch sein Geburtstag.

Raschkin. Aber dann ist das nicht der Iran.

Portnikow. Nun, warum nicht der Iran, der Iran ist ein Verbündeter Russlands. Der Iran versteht auch, welche Geschenke er Putin zu seinem Geburtstag machen soll. Sie und ich haben mehr als einmal über die Worte gesprochen, die Nancy Pelossi bei ihrer Ankunft in Taiwan sagte, dass wir über den Gegensatz zwischen Demokratie und Diktatur sprechen, es gebe eine Übereinstimmung der Interessen. Was für den Iran von Vorteil ist, kann für Russland einfach von Vorteil sein, auch wenn Russland nicht direkt an den Ereignissen beteiligt ist. Das sei einfach eine Interessengemeinschaft, sagte Putin in Sotschi bei einem Treffen des Diskussionsclubs Waldai. „Wir wollen eine Welt, in der unterschiedliche Zivilisationen und ihre Taten respektiert werden, das heißt eine Welt, in der Demokratien Diktaturen erlauben, zu tun und zu lassen, was sie wollen. Das ist die Art von Welt. Wir sind bereit, darüber zu verhandeln.“

Raschkin. Aber wenn das so offensichtlich ist, wenn es sich um eine Interessengemeinschaft handelt, die sogar Bush Jr. die Achse des Bösen nannte, und wir scheinen zu dieser Achse des Bösen zurückzukehren. Gibt es eine Chance, dass das, was in Israel passiert, die Menschen aufweckt, dass die Menschen die Zusammenhänge dieses ganzen Schreckens verstehen und verstehen, wie Diktatoren und Terroristen zusammenarbeiten, genau wie Demokratien? Mir kommt es so vor, als ob die Ukraine die Vereinigten Staaten, was Chinas betrifft, aufgeweckt hat. Vielleicht wird Israel hier auch alle anderen aufwecken, und alle werden verstehen, dass wir auf diese Weise dem Eintritt in den Dritten Weltkrieg näher kommen?

Portnikov. Moderne Menschen denken in Clips, nicht in Zusammenhängen, das ist es, was die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts von der Gesellschaft des 20. unterscheidet, was Sie sagen, ist eine typische schöne Verbindung, das Denken eines intelligenten Menschen im 20. Jahrhundert. Die Dekabristen, schrieb Wladimir Lenin, erweckten Herzen und Herzen löste eine revolutionäre Agitation aus. Das alles wurde in sowjetischen Schulen gelehrt; jetzt ist es völlig unmöglich, es zu erklären. Denn es gab die Dekabristen, es gab Herzen und es gab revolutionäre Agitation; warum das zusammenhängt, kann heute kein einziger Schüler in der Schule erklären. Denn das Wort Beziehung selbst ist aus dem menschlichen Bewusstsein verschwunden. Wir müssen einen Cartoon über die Dekabristen zeigen, einen Cartoon über Herzen und einen Cartoon über diese Agitatoren, die mit Zeitungen herumlaufen, und vielleicht versteht das Kind, dass das irgendwie zusammenhängt, aber ich bin mir nicht sicher, denn es gibt drei verschiedene Cartoons, drei verschiedene Jahreszeiten.

Raschkin. Das heißt, unsere Aufmerksamkeit ist nun auf die nächste Krise gerichtet und die Serie vom Weltuntergang ist in eine weitere Staffel übergegangen.

Portnikov. Und das ist sehr gefährlich, das haben wir auch wiederholt gesagt, dass im Zuge der Entwicklung des russisch-ukrainischen Krieges jede neue Krise die Entwicklung der Ereignisse hier in Mitteleuropa im Vergleich zu den folgenden Krisenphänomenen in den Hintergrund rücken könnte. Stellen Sie sich den Fernen Osten anstelle des Nahen Ostens vor, einen Raketenangriff auf Südkorea aus Nordkorea oder Taiwan. Stellen Sie sich das Ausmaß der Spannungen in diesem Fall in den Vereinigten Staaten vor. Übrigens ist es jetzt der 9. Oktober und wir gehen davon aus, dass Genosse Xi Jing Ping in etwa einem Monat in den Vereinigten Staaten eintreffen wird. Und dann müssen wir über all das reden, uns ansehen, wie viele Krisen es gibt, und darüber nachdenken, wie wir sie gemeinsam lösen können. Vielleicht ist also genau die Person, die von all dem zu 150 % profitiert, der Vorsitzende der Volksrepublik China und nicht der Präsident der Russischen Föderation ist, weil er mit Putin, Ayatollah Khamenei und Kim Jong reden und sie alle irgendwie auf Distanz halten kann. Vielleicht ist dies der Herr dieser Welt, sozusagen der zweiten Welt, sozusagen eines weiteren Reich des Bösen? Wie sie sagen, gibt es vielleicht keine Achse des Bösen, sondern ein Imperium des Bösen, wie Donald Trump sagte. Das ist die Volksrepublik China und sie kontrolliert all diese eigenen Schergen? Dies ist ein vereinfachtes Diagramm, aber wir können damit arbeiten.

Raschkin. Derjenigen, die versuchen, den Militärhaushalt zu durchzubringen, sagen bereits, dass China natürlich die größte Bedrohung darstellt und nicht Russland. Ja, China, China regiert die zweite Welt. Was haben wir für Hoffnungen? Für eine schnelle Lösung, damit die Situation in Israel schnell zu einer friedlichen Lösung kommt, als ob so etwas möglich wäre.

Portnikov. Es gibt noch keinen Grund, so zu denken, denn ich sage es noch einmal: Wir müssen auf das Ende der Operation innerhalb Israels, der Bodenoperation, warten. Ich sehe noch keine Wirksamkeit der Vermittlungsbemühungen. Hamas-Führer selbst sagen, sie wollen das Problem auf dem Schlachtfeld lösen. Sie sind wiederum bereit für etwas anderes, denken Sie nicht, dass sie spontan handeln, sie haben auch irgendeinen Plan.

Raschkin. Okay, dann erklären Sie mir aus der Sicht der Ukrainer, wie das, was in Israel passiert, gesehen wird. Es ist wie: Jetzt wurden sie angegriffen, oder sind wir zusammen, oder werden sie uns jetzt vergessen? Wir wissen, dass der Bürgermeister von Kiew überall in der Stadt israelische Flaggen aufgehängt hat. Es wird Solidarität zum Ausdruck gebracht, das ist wunderbar.

Portnikow. Viele Ukrainer verstehen mittlerweile sehr gut, was ein Angriff auf Frauen und Kinder ist. Interessierten sich früher nur wenige Menschen für die Krisen im Nahen Osten, haben die Menschen das alles aus eigener Lebenserfahrung gelernt und sympathisieren daher ganz natürlich mit Israel als Opfer dieses Terroranschlags. Viele befürchten sicherlich, dass diese Situation zu einem Rückgang der amerikanischen Unterstützung für die Ukraine führen könnte. Ich glaube nicht, denn wir wissen, dass Hilfe für Israel und Hilfe für die Ukraine im Allgemeinen unterschiedliche Haushaltsposten und sogar unterschiedliche Gesetze sind. Dabei handelt es sich keineswegs um voneinander abhängige Dinge, es kann aber durchaus zu einem Nachlassen der Aufmerksamkeit kommen. In diesem Sinne halte ich es für wichtig, dass wir darüber reden. Und es ist wichtig, dass wir mit den Israelis kommunizieren. Unser Präsident war einer der ersten Staats- und Regierungschefs, der mit dem israelischen Premierminister sprach. Als der Krieg begann, gehörte der israelische Ministerpräsident nicht zu den ersten Politikern, die mit dem Präsidenten der Ukraine sprachen. Ich denke, wir zeigen in diesem Fall staatliche Verantwortung.

Raschkin. Nun, es ist schön, es ist ermutigend, wenn man sieht, dass die Ukraine der Welt zeigen kann, wie man Diplomatie betreibt.

Portnikov. Die Erklärung des Präsidenten der Ukraine über die Unterstützung Israels steht auf den Titelseiten der Weltmedien, das hat es noch nie zuvor gegeben, was bedeutet, dass unsere Reaktion auf diese Ereignisse für die Welt wichtig ist, das ist auch ein wichtiger Punkt. Das bedeutet, dass unsere Reaktion auf solche Ereignisse in gewissem Maße auch die Haltung der öffentlichen Meinung dazu bestimmt.

Raschkin. Ja, und auch, wie die öffentliche Meinung mit der Ukraine umgehen wird. Denn wenn die öffentliche Meinung absolut für Israel ist und die Ukraine nicht für Israel, dann kommt es zu einer Spaltung in die andere Richtung.

Portnikov. Aus diesem Grund traf sich der Präsident der Ukraine in Granada mit dem Minister Armeniens und sprach zuvor mit dem Präsidenten Aserbaidschans. Auch hier versuchen wir, die Position eines Landes einzunehmen, das mit diesen beiden Staaten in der Krisensituation, in der sie sich befinden, kommunizieren kann. Das ist der richtige Ansatz.

Raschkin. In der Ukraine gibt es jetzt nur noch Autorität und Einfluss, nicht Stärke oder Macht, sondern Einfluss. Es scheint mir, weil die Vereinigten Staaten ein so enger Verbündeter der Ukraine sind. Daher scheint es mir, dass die Ukraine auf diese Weise nun zu einem wichtigeren Akteur wird, und es ist wunderbar, dass sie Führungsstärke zeigt.