Das letzte Treffen | Vitaly Portnikov. 18.10.2026.

Остання зустріч. Віталій Портников. 18.10.2026.

19. November 1999, Istanbul. Der Präsident der Vereinigten Staaten, Bill Clinton, trifft sich zum letzten Mal mit dem russischen Präsidenten Boris Jelzin. Die beiden Politiker pflegen seit Jahren ausgezeichnete persönliche Beziehungen – man könnte sagen, sie sind miteinander befreundet. Clinton wird Jelzin in seinen Memoiren als einen Menschen bezeichnen, der „die Demokratie im Herzen trägt“. Noch weiß er nicht, dass er ihn nie wieder als russischen Präsidenten sehen wird, denn Jelzin wird sein Amt wenige Wochen später, am 31. Dezember 1999, vorzeitig niederlegen. Doch schon bei diesem Treffen spricht Jelzin gegenüber Clinton voller Überzeugung über Putin als seinen Nachfolger. „Er ist hart“, sagt Jelzin zu Clinton. „Er hat einen starken inneren Kern. Er ist innerlich hart, und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit er gewinnt – auf legalem Wege natürlich. Und er wird gewinnen. Er wird Jelzins Kurs in Demokratie und Wirtschaft fortsetzen …“

Wer heute diese Worte des ersten russischen Präsidenten liest, kann sich nur wieder einmal darüber wundern, wie wenig Menschenkenntnis Jelzin besaß und wie schlecht er andere einzuschätzen vermochte – sonst hätte er niemals einen Mann zu seinem Nachfolger bestimmt, der sein politisches Erbe zerstört hat. Doch in seiner Charakterisierung Putins als Persönlichkeit erweist sich Jelzin als erstaunlich treffsicher: Er schätzt seinen Nachfolger gerade wegen seiner Härte und nicht wegen irgendeiner anderen Eigenschaft. Und sind wir wirklich sicher, dass ein Mann, der es im sowjetischen System bis zum Kandidaten des Politbüros und zum Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU gebracht und später im Machtkampf sogar den Generalsekretär besiegt hatte, so wenig verstand, als er Putin als Fortsetzer seiner eigenen Politik betrachtete?

Das letzte Treffen zwischen Jelzin und Clinton wird abgebrochen, als der amerikanische Präsident versucht, mit seinem russischen Amtskollegen über das Grauen zu sprechen, das sich in Tschetschenien abspielt. Jelzin steht einfach auf und erklärt, dass er und Clinton bereits länger miteinander gesprochen hätten als vorgesehen. Seine Einschätzung Putins gibt Jelzin erst beim Verlassen des Verhandlungsraums ab, als Antwort auf Clintons Frage, wer die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in Russland gewinnen werde.

Doch gerade während dieser Verhandlungen schlägt Jelzin Clinton allen Ernstes vor, „Europa Russland zu überlassen“. Die Präsidenten sprechen über die Stationierung von Komponenten des amerikanischen Raketenabwehrsystems auf dem europäischen Kontinent, und Jelzin ist überzeugt, dass dies den amerikanischen Einfluss stärken werde, den es in Europa seiner Ansicht nach überhaupt nicht geben sollte. „Du kannst alle anderen Länder übernehmen und für ihre Sicherheit sorgen. Ich übernehme Europa und gewährleiste seine Sicherheit. Ich meine es ernst: Überlass Europa Russland!“

Clinton reagiert auf diese Worte mit Ironie – schließlich ist er Clinton. Außerdem hört er solche Forderungen von Jelzin nicht zum ersten Mal. Im März 1997 schlägt Jelzin Clinton während des Gipfeltreffens in Helsinki vor, ein Abkommen zu unterzeichnen, in dem ausdrücklich festgehalten werden soll, dass die NATO keine ehemaligen Sowjetrepubliken in ihre Reihen aufnehmen werde – und, wohlgemerkt, vor allem nicht die Ukraine. „Wir sehen, wie Sie und die Ukrainer Ihre Beziehungen ausbauen. Das hilft uns nicht dabei, die russisch-ukrainischen Probleme zu lösen“, sagt er dem amerikanischen Präsidenten.

Clinton reagiert erneut mit einem Scherz – schließlich ist er Clinton –, stimmt aber keiner der Forderungen zu. Als Jelzin ihm vorschlägt, ein geheimes Abkommen zu schließen, das einen NATO-Beitritt ehemaliger Sowjetrepubliken ausschließen würde, erklärt er dem russischen Präsidenten ausführlich, zu welcher politischen Katastrophe dies führen könnte. Doch Jelzin lässt nicht locker …

Die vor einigen Jahren veröffentlichten Dokumente aus dem Nationalarchiv der Vereinigten Staaten – und genau aus diesen Dokumenten zitiere ich – beantworten die Frage, ob Putin Jelzins Politik fortgesetzt hat. Vorausgesetzt, wir betrachten diese Politik ohne die wohlklingenden Bezeichnungen Demokratie und Reformen, sondern als einen Kurs, der auf die Bewahrung der russischen Hegemonie ausgerichtet war. Und wir werden feststellen, dass er sie tatsächlich fortgesetzt hat – beinahe Wort für Wort.

Denn es gibt die Forderungen des russischen Außenministeriums, die 2021 an das amerikanische Außenministerium und die Außenministerien der NATO-Mitgliedstaaten übermittelt wurden. Darin wurde genau das verlangt: Die Vereinigten Staaten und die übrigen Mitglieder des Bündnisses sollten Russland garantieren, dass ehemalige Sowjetrepubliken – und vor allem die Ukraine – nicht in die NATO aufgenommen werden können. Und das wiederholt nicht nur den Verlauf des Gesprächs zwischen Jelzin und Clinton, sondern dessen genauen Inhalt. Dasselbe gilt für die Forderung des russischen Außenministeriums, moderne Waffensysteme aus den Ländern abzuziehen, die der NATO nach 1997 beigetreten sind. Was ist das anderes als die Rückkehr zur Vorstellung von Russland als Garanten der europäischen Sicherheit – weil die Amerikaner sich zurückziehen?

Daraus sollten wir einige Schlussfolgerungen ziehen. Die erste: Wir müssen uns von der Illusion verabschieden, dass das, was heute geschieht, lediglich eine Laune Putins sei. Nein, es ist die Umsetzung der russischen Politik als solcher. Jelzin hätte als bedeutender Politiker der alten sowjetischen Schule in der Situation, in der sich Putin befindet, möglicherweise innehalten können – nicht unbedingt vor dem Beginn eines Krieges selbst, denn in Tschetschenien hat er davor schließlich auch nicht zurückgeschreckt, sondern angesichts der Notwendigkeit, aus einem Konflikt auszusteigen, wenn dieser nicht nach Plan verläuft.

Doch Putin ist, wie Jelzin treffend bemerkte, hart – das heißt unflexibel und verbohrt. Und darüber hinaus bereit, alles in den Ofen seiner eigenen Begierden zu werfen. Doch so seltsam es auch klingen mag: Nicht Putin selbst ist das Problem, genauso wenig wie Jelzin das Problem war. Die russischen Präsidenten spiegeln lediglich den imperialistischen Kurs ihres Landes wider, der sich seit Jahrhunderten nicht verändert.

Das Problem ist, wer ihnen gegenübersitzt. Clinton verstand sehr genau, dass seine Aufgabe darin bestand, die imperialistischen Absichten seines Gesprächspartners einzuschränken und ihn in eine Realität zurückzuholen, in der auch andere Staaten souverän sind und das Recht haben, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Und dagegen konnte Jelzin nichts ausrichten.

Putin dagegen hat endlich einen Gesprächspartner gefunden, der die Souveränität kleinerer Staaten genauso betrachtet wie er selbst – einen Mann, der Kanada als amerikanischen Bundesstaat bezeichnen kann, verlangt, dass Grönland verkauft wird, und damit prahlt, Venezuela zu regieren. Und ja, vielleicht gefällt es Trump nicht, dass Putin seinen Krieg in der Ukraine fortsetzt. Doch für eine Einschränkung der ukrainischen Souveränität mit nichtmilitärischen Mitteln könnte er durchaus volles Verständnis aufbringen.

Ja, unser Problem und das Problem der ganzen Welt besteht nicht nur darin, dass Putin mit barbarischen Methoden die Politik Jelzins und seiner anderen Vorgänger fortsetzt.

Unser größtes Problem besteht darin, dass Trump die Politik seiner Vorgänger nicht fortsetzt.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Остання зустріч. Віталій Портников. 18.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 18.10.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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