Massive Angriffe auf die Energieinfrastruktur | Vitaly Portnikov. 30.09.2026.

In der Ukraine, insbesondere in der Hauptstadt, hat es erstmals seit längerer Zeit wieder Stromabschaltungen gegeben. Ministerpräsident Serhij Korezkyj räumt ein, dass Russland mit massiven Angriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur begonnen hat.

Natürlich gab es auch zuvor bei jedem Drohnenangriff oder jedem Angriff mit ballistischen Raketen Schläge gegen ukrainische Energieanlagen. Doch jetzt können wir von einem systematischen massiven Angriff Russlands auf die ukrainische Energieinfrastruktur sprechen, mit dem auch die Stromabschaltungen zusammenhängen.

An dieser Grausamkeit dürfte kaum etwas überraschend sein. Viele gingen davon aus, dass die Russen versuchen würden, die ukrainische Energieinfrastruktur auszuschalten, sobald der erste Frost einsetzt. Genau das geschieht jetzt.

Praktisch schon die ersten nächtlichen Minusgrade haben den Aggressor zum Handeln veranlasst. Und nun wird vieles nicht nur von den Möglichkeiten abhängen, russische Drohnen und Raketen zu zerstören, die auf die ukrainische Energieinfrastruktur zielen, sondern auch davon, wie gut die ukrainischen Städte auf diese neuen Prüfungen vorbereitet sind.

Es wird deutlich, wie sehr sich der Charakter des Krieges verändert hat. Dass die militärischen Operationen an der Front längst in einer Sackgasse stecken und es weder der russischen noch der ukrainischen Armee gelingt, größere vom Gegner kontrollierte Gebiete einzunehmen, muss man meines Erachtens gar nicht mehr beweisen.

Die russische Armee hat an der Front praktisch keine nennenswerten Erfolge. Mehr noch: Derzeit haben die ukrainischen Truppen im Rahmen der Operation „Vivaldi“ die Möglichkeit, zumindest einen kleinen Teil des Territoriums vom Feind zu befreien, das sich unter seiner Kontrolle befand.

Und die ukrainische Führung schenkt dieser Operation besondere Aufmerksamkeit. Der Präsident trifft sich mit den Soldaten, die derzeit versuchen, einen Teil des ukrainischen Landes zu befreien. Die Kommandeure berichten über die Erfolge der ukrainischen Armee.

Putin kann seine besondere Aufmerksamkeit jedoch nicht auf diese Erfolge richten und auch nicht einmal auf die Tatsache, dass es unmöglich ist, den größten Teil des Donbas zu erobern. Wir können nicht davon ausgehen, dass er sich damit einfach bereits abgefunden hat, aber wir können erkennen, dass er den Schwerpunkt seiner Aggression vollständig ins Hinterland verlagert hat. Auch das ist eine logische Folge der Tatsache, dass es den Streitkräften der Russischen Föderation unter den gegebenen Umständen schlicht unmöglich ist, die Aufgaben zu erfüllen, die Putin ihnen bereits 2022 gestellt hatte.

Aber erinnern wir uns daran, welche Aufgaben das waren. Es war der Befehl, das gesamte Gebiet der Oblast Donezk innerhalb ihrer Verwaltungsgrenzen einzunehmen – und natürlich auch das der Oblast Luhansk. Doch wozu braucht Putin die gesamten Gebiete der Oblaste Donezk und Luhansk? Um diese ukrainischen Gebiete in Aufmarschgebiete für weitere Angriffe auf unser Land mit dem Ziel seiner vollständigen Eroberung zu verwandeln.

Eine vollständige Eroberung kann jedoch nicht nur durch Besatzung erfolgen, sondern auch durch die Erschöpfung des Territoriums, das nicht von der feindlichen Armee kontrolliert wird. Und genau das versucht Putin jetzt zu erreichen.

Ja, wir können über einzigartige Technologien sprechen, die der Feind derzeit einsetzt, um das ukrainische Hinterland zu erschöpfen und die Ukrainer zu einer vollständigen und bedingungslosen Kapitulation vor dem Kreml zu zwingen. Aber wir können nicht von einer einzigartigen Situation sprechen. So etwas hat es in der Geschichte der Menschheit schon mehrfach gegeben. Und ich denke, es wird auch künftig noch mehrfach geschehen.

Erinnern wir uns. Der Erste Weltkrieg. Deutschland kapituliert, obwohl sich auf seinem Territorium kein einziger ausländischer Soldat befindet. Die innere Situation im Land ist schlicht so, dass eine Fortsetzung der Kampfhandlungen nicht mehr möglich ist. Die Gesellschaft will das nicht. Auch in der Armee gibt es keine Bereitschaft mehr, den Krieg fortzusetzen.

Doch zuvor organisiert eben jenes Deutschland, das wenige Monate später kapitulieren wird, organisieren jene Menschen, die ihre Macht verlieren und gezwungen sein werden, sie anderen politischen Kräften zu überlassen, den Austritt Russlands aus dem Krieg. Auf dem Territorium des Russischen Reiches befinden sich Truppen, doch die Gesellschaft, die zu Beginn des Ersten Weltkriegs patriotisch eingestellt war, empfindet jeden weiteren Tag des Krieges als eine regelrechte Tragödie. Sie hält ihre militärische Führung und sogar das Staatsoberhaupt, den Kaiser, für inkompetent. Infolgedessen kommt es zur Februarrevolution.

Aber auch das ist noch nicht alles, denn diejenigen, die infolge dieser Revolution in Petrograd an die Macht kommen, haben keineswegs vor, den Krieg zu beenden, sondern wollen ihn effektiver führen. Und nun treten die russischen Bolschewiki auf den Plan, die enge Beziehungen zum deutschen Generalstab unterhalten und darüber hinaus von dem Wunsch erfüllt sind, um jeden Preis die Macht zu ergreifen. Und sie stellen Parolen auf, die für jeden verständlich sind, der mehrere Jahre Krieg durchlebt hat, für jeden, der sein Zuhause verlassen musste, für jeden, der einen Angehörigen an der Front verloren hat. Das erste Dekret, das Lenins bolschewistische Regierung verabschiedet, ist das Dekret über den Frieden.

Russland scheidet aus dem Krieg aus, und eine der größten Tragödien seiner Geschichte beginnt, die sich über viele Jahrzehnte hinzieht. Und gemeinsam mit Russland durchlebt diese Tragödie zunächst die unabhängige und später von den Bolschewiki besetzte Ukraine. So kann es kommen. Und das sind nur die jüngsten, uns sehr gut bekannten Beispiele aus unserer eigenen Geschichte, die wir niemals vergessen dürfen.

Putin kennt diese Geschichten natürlich ebenfalls. Was jetzt geschieht, ist eine Aufgabe, die vor allem auf die Demoralisierung der ukrainischen Gesellschaft, auf die Vorbereitung einer ganzen Reihe politischer, wirtschaftlicher und sozialer Krisen und auf die Erschöpfung der Ukraine abzielt.

Gleichzeitig wird man im Westen darauf hinwirken, dass die Unterstützung für die Ukraine eingestellt wird – durch die triumphalen Auftritte ultrarechter, Putin nahestehender politischer Kräfte in Europa und durch die Destabilisierung der Ukraine , die es diesen Kräften ermöglichen soll, zu behaupten, man müsse einem korrupten Staat, der darüber hinaus faktisch seine gesamte Infrastruktur verliert, nicht helfen. Übrigens haben wir das bereits gehört, als Donald Trump um das Präsidentenamt in den Vereinigten Staaten kämpfte – sowohl von ihm selbst als auch von seinem Sohn Donald Trump Jr., der sich als guter Freund oligarchisch-krimineller Kreise erwiesen hat, die Putin nahestehen.

Und all das zusammen soll Putin den von ihm erhofften totalen Sieg bringen, selbst unter Bedingungen, unter denen seine Armee keinen einzigen Kilometer mehr vorrückt. Und genau das ist die größte Gefahr der kommenden Jahre der erbitterten russisch-ukrainischen Konfrontation. Das Problem Nummer eins.

Dabei können die Soldaten den Eindruck haben, dass sie, solange sie die Front halten, dem Staat nicht einmal die geringste Möglichkeit geben, über eine Niederlage im Krieg nachzudenken – und am Ende werden sie keinen Ort mehr haben, an den sie zurückkehren können, wie es in der Geschichte bereits mehrfach geschehen ist. Die Menschen im Hinterland wiederum können der Illusion erliegen, dass dem Staat nichts droht, solange die Armee den Feind nicht durchlässt – und am Ende bricht im Hinterland alles zusammen.

Genau darauf setzt der Feind. Genau daran arbeitet er beharrlich. Das sind die Pläne, die routinemäßig bei Putins Treffen mit Vertretern des Auslandsgeheimdienstes der Russischen Föderation, des Föderalen Sicherheitsdienstes und der Hauptverwaltung des Generalstabs der russischen Streitkräfte besprochen werden. Sämtliche Befehle an das Militär werden gerade unter dem Gesichtspunkt erteilt, den Nachbarstaat durch Destabilisierung und Zerstörung seines Hinterlandes zu vernichten.

Deshalb muss man die Angriffe auf die Energieinfrastruktur sehr aufmerksam und ernst nehmen. Denn Putin nutzt das Zeitfenster, in dem wir nicht in der Lage sind, Angriffe mit ballistischen Raketen und strahlgetriebene Drohnen abzuwehren, um einen großen Teil der ukrainischen Infrastrukturanlagen zu zerstören.

Wir dürfen uns nicht von dem Gedanken täuschen lassen, dass die Zerstörung des wirtschaftlichen Potenzials Russlands Putin schnell dazu bringen wird, seine Pläne aufzugeben. Nein, das wird sie nicht. Aber ohne die Zerstörung dieses Potenzials – vor allem der Ölverarbeitungsindustrie der Russischen Föderation und ihres militärisch-industriellen Komplexes – sollte man auch nicht darauf hoffen, dass sich der russische Präsident in absehbarer Zukunft für die Möglichkeit interessieren wird, nicht etwa den Krieg zu beenden – davon kann überhaupt keine Rede sein –, sondern wenigstens die Kampfhandlungen auszusetzen, zumindest im Hinterland.

Gerade eine Energiewaffenruhe, gerade die Wiederherstellung der Seewege, gerade die Einstellung der Raketen- und Drohnenangriffe auf die ukrainische Infrastruktur werden zur wichtigsten Aufgabe für das Überleben in diesem Krieg in den kommenden schweren Jahren. Selbst wenn wir keine Möglichkeit haben, die Kampfhandlungen zwischen den Armeen einzustellen, und Russland dem wohl kaum zustimmen wird, müssen wir nach Möglichkeiten suchen, die Angriffe der Russischen Föderation auf die ukrainische Infrastruktur zu beenden. Nicht so sehr mithilfe der Diplomatie, sondern vielmehr durch die Zerstörung russischer Infrastrukturanlagen, die für Russland selbst von großer Bedeutung sind – bis der Preis der russischen Verluste schwerer wiegt als Putins Traum, die Ukraine durch die Zerschlagung ihres Hinterlandes zu besiegen. 

Das ist die realistischste und verständlichste Formel, die erklären soll, was gegen Russlands Angriffe auf die Energieinfrastruktur und gegen Putins Versuche zu tun ist, die ukrainische Zivilbevölkerung frieren zu lassen und sich auf diese Weise einen entscheidenden Vorteil im Krieg gegen die von ihm verhasste Ukraine zu verschaffen – gegen eine Ukraine, von der er träumt, sie nicht nur frieren zu lassen, sondern sie vor allem von der politischen Landkarte der modernen Welt zu tilgen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Масовані атаки по енергетиці | Віталій Портников. 30.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 30.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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