Wladimir Putin auf dem Familienfoto des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Bischkek ist eine gute Illustration dafür, wie unterschiedlich man im Westen und im Globalen Süden auf die Welt blicken kann.
Putin traf in Bischkek ausgerechnet in jenen Tagen ein, als die strahlgetriebenen Shahed-Drohnen der russischen Armee Jagd auf friedliche Ukrainer machten und den ukrainischen Schulkindern faktisch den ersten Schultag verdarben. Doch in Bischkek dachte niemand auch nur daran, den russischen Präsidenten dafür zu verurteilen. Lediglich der indische Ministerpräsident Narendra Modi erklärte, der russisch-ukrainische Krieg müsse beendet werden.
Allerdings hatte der Chef der indischen Regierung eine ähnliche Erklärung bereits 2022 auf dem Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Samarkand abgegeben. Putin schenkte seinen Worten keine besondere Beachtung. Und das ist nicht verwunderlich, denn für den Präsidenten der Russischen Föderation ist es weitaus wichtiger, dass Indien russisches Öl kauft, als das, was Ministerpräsident Narendra Modi ihm über den Krieg sagt.
Ein weiterer ziemlich offensichtlicher Faktor, der zeigt, wie weit der Westen und der Globale Süden auseinanderliegen, ist die Tatsache, dass neben Putin auch der iranische Präsident Massud Peseschkian am Gipfel in Bischkek teilnahm. Und das in einer Situation des Krieges der Vereinigten Staaten gegen den Iran. Und das in einer Situation, in der der Iran noch vor Kurzem die benachbarten Staaten am Persischen Golf beschossen hat, von denen viele gute Freunde der Teilnehmer des Gipfels in Bischkek und sogar deren wirtschaftliche Sponsoren sind. Und das, obwohl der Iran weiterhin Schritte unternimmt, um die Straße von Hormus weiter zu blockieren und damit eine Energiekrise in der Welt herbeizuführen, die sich auf jedes der Länder auswirken könnte, deren Staats- und Regierungschefs in Kirgisistan vertreten waren.
Doch wie wir sehen, ist politische Solidarität hier weitaus wichtiger als irgendwelche wirtschaftlichen Probleme. Und wir konnten beobachten, wie freundschaftlich die Teilnehmer dieses Gipfels mit dem iranischen Präsidenten umgingen – ebenso übrigens wie mit dem Präsidenten der Russischen Föderation. Putin traf sich auf diesem Gipfel sowohl mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan als auch mit dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi, mit dem Staatspräsidenten der Volksrepublik China Xi Jinping und sogar mit dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev – trotz der offensichtlichen Spannungen in den Beziehungen zwischen Baku und Moskau.
Was der Gipfel in Bischkek also definitiv bewiesen hat, ist, dass weder Russland noch der Iran im Globalen Süden isoliert sind und dass weder Kriege noch das Streben nach Atomwaffen noch Drohungen mit Atomwaffen Anlass für eine Isolation sind – ja nicht einmal für ernsthafte Äußerungen oder Schritte, die eine Verurteilung eines solchen Vorgehens erkennen ließen. Nein. Die anderen Gipfelteilnehmer gingen mit Wladimir Putin und Massud Peseschkian so um, als gäbe es im Grunde überhaupt keine Kriege und als wäre all dies kein Problem für die Zukunft.
Die Teilnehmer des Gipfels in Bischkek weigerten sich also hartnäckig, den sprichwörtlichen Elefanten im Raum zu bemerken, dessen Anwesenheit das Schicksal jedes einzelnen dieser Staats- und Regierungschefs und jedes ihrer Landsleute beeinflussen kann, und beschränkten sich bei den schwierigsten Fragen der heutigen Welt eher auf deklarative Erklärungen.
Wie sonst sollte man die Worte des Staatspräsidenten der Volksrepublik China Xi Jinping über die Notwendigkeit politischer Koordinierung zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges nennen? Politische Koordinierung mit wem, zwischen wem? Mit Russland? Mit der Ukraine? Mit dem Westen? Wie möchte China überhaupt Einfluss auf die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges oder beispielsweise auf die Beendigung der Krise im Nahen Osten nehmen, wenn es der wichtigste Käufer sowohl russischen als auch amerikanischen Öls war und bleibt und damit beiden Regimen die Möglichkeit gibt zu glauben, sie könnten ihren Kampf gegen den Westen einfach deshalb fortsetzen, weil sie über Geld verfügen? Und wie lassen sich die Worte über politische Koordinierung mit der Erklärung Pekings vereinbaren, dass es jederzeit bereit sei, auf jegliche amerikanischen Sanktionen gegen chinesische Unternehmen zu reagieren, die im Energiesektor mit Moskau und Teheran zusammenarbeiten?
Doch all das sind rhetorische Fragen. Wie wir verstehen, sind die Menschen, die sich in Bischkek versammelt haben – zumindest wenn wir von den wichtigsten Akteuren sprechen –, derzeit an keiner Beendigung der Kriege interessiert, weil sie der Auffassung sind, dass sich sowohl die Vereinigten Staaten als auch der kollektive Westen als solcher in diesen Kriegen aufreiben. Und das kann sowohl Peking als auch, so paradox es klingen mag, Neu-Delhi durchaus gelegen kommen. Obwohl man meinen sollte, Indien müsste daran interessiert sein, dass die Vereinigten Staaten ihre Position als alternative Macht gegenüber China bewahren.
Doch wenn es um gemeinsame Vorstellungen und Möglichkeiten geht, steht Narendra Modi Xi Jinping und Wladimir Putin wesentlich näher als beispielsweise Donald Trump. Obwohl ich nicht ausschließe, dass Donald Trump selbst gerne eine Einladung in einen solchen Klub erhalten würde.
Man kann auch über die Widersprüche sprechen, und auch das ist ein wichtiges Thema, denn auf dem Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit sehen wir sowohl den aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev als auch den armenischen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan, die noch vor Kurzem in Trumps Amtszimmer eine Vereinbarung über die Öffnung der Handelswege unterzeichnet haben und sich nun auf dem Forum in Bischkek erneut, wenn auch nur kurz, miteinander treffen. Wir sehen die Staats- und Regierungschefs der zentralasiatischen Länder, die noch vor Kurzem zum Gipfel USA–Zentralasien nach Washington gereist waren.
Und all dies müsste eigentlich auf einen offensichtlichen Rückgang des russischen Einflusses im postsowjetischen Raum hindeuten. Aber machen wir uns nichts vor: Alle diese Länder sind auch an besonderen Beziehungen zur Volksrepublik China interessiert. Und sie verstehen sehr gut, dass eine wichtige Voraussetzung für derartige Beziehungen in gewissem Sinne darin besteht, zumindest keine feindseligen Beziehungen zur Russischen Föderation aufzubauen.
Das beste Modell für China – und dieses Modell war übrigens ebenfalls auf dem Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit vertreten, wobei unklar ist, in welcher regionalen Eigenschaft – ist Belarus, ist Alexander Lukaschenko, der auf dem Familienfoto dieses Forums ebenfalls zu den formellen Ausgestoßenen des Westens gehörte. Man kann also im Westen ein Ausgestoßener sein und im Globalen Süden dennoch zu den Eigenen gehören. Das ist wohl der zentrale Punkt der politischen Philosophie, zu der sich die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit bekennt.
Man muss nicht einmal Mitglied dieser Organisation sein. Man kann Gast des Gipfels sein, auf dem gemeinsamen Foto erscheinen, seine Verbundenheit mit anderen Mächtigen dieser Welt demonstrieren und auf diese Weise keine Angst vor dem Abbau demokratischer Institutionen haben, die es in vielen Ländern, deren Staats- und Regierungschefs auf diesem Gipfel vertreten waren, in der einen oder anderen Form gibt, die aber zweitrangig werden, sobald es um die Beziehungen zu Autokratien geht.
Autokratien, die Demokratien selbst im Globalen Süden ihr Modell des Zusammenlebens aufzwingen, schaffen Voraussetzungen dafür, dass auch der Sinn demokratischer Willensbekundung irgendwo gegenüber der Konfrontation mit der zivilisierten Welt verloren geht. Und hier haben wir ein gutes Beispiel dafür, wie Staats- und Regierungschefs von Ländern, die ein Mandat ihrer Völker besitzen – etwa Indien, Pakistan oder Armenien –, neben jenen stehen, die ihr Mandat von Zentralkomitees oder einfach von sich selbst haben, die Scheinwahlen abhalten und sich gerade deshalb zu beliebigen militärischen Aktionen und beliebigen Verbrechen entschließen und beliebige Fehler begehen können, weil sie keine Konsequenzen fürchten müssen.
Genau darin liegt der Unterschied zwischen jener Koalition, die wir in Bischkek sehen, auch wenn sie bislang noch informell ist, und den Treffen, die auf der westlichen Seite organisiert werden und die vor dem Hintergrund der offensichtlichen Weigerung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, sein Land als Beschützer und untrennbaren Bestandteil der zivilisierten Welt zu betrachten, immer hilfloser wirken.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Саммит в Бишкеке: главное | Виталий Портников. 01.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 01.09.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.